Logo weiterlesen.de
Die Kinder der Nibelungen

Inhalt

1 Der Nibelungenbrunnen

2 Die Rabenhöhle

3 Ymirs Brut

4 Licht und Schatten

5 Die Verborgene Königin

6 Der Speer des Schicksals

7 In den Verliesen der Erde

8 Der Hammer der Welt

9 Das Halsband der Göttin

10 Ragnarök

Epilog

Die altnordischen Runen

Yggdrasil

Namen und Begriffe

Abbildung

1
Der Nibelungenbrunnen

Aus der Tiefe des Brunnens blinkte es golden herauf.

»Da ist was!«

Die Stimme kam von einem blondschöpfigen Jungen, dessen Kopf, umrahmt von einem Kranz aus Licht, über den dunklen Kreis des Brunnenrands lugte.

Eine Sekunde später schoben sich zwei weitere Köpfe vor das strahlende Blau des Sommerhimmels, der eine blond, der andere dunkelhaarig.

»Ich kann nichts sehen«, sagte der Dunkelhaarige. Seine Stimme hatte einen kaum wahrnehmbaren Akzent, obwohl sein Deutsch einwandfrei war.

»Jetzt ist es wieder weg.«

»Du spinnst, Siggi.« Eine Mädchenstimme, die zu dem zweiten Blondschopf gehörte. Die Sprecherin schüttelte unwillig den Kopf. Ein langer Zopf wippte über ihre Schulter in die Tiefe. Dann zogen sich die Köpfe wie auf ein geheimes Zeichen alle gleichzeitig zurück, und die drei richteten sich auf und sahen sich an.

Sommerliche Hitze hing über der Lichtung. In den Schatten zwischen den Linden, wo sich Dorngestrüpp mit Brennnesseln stritt, war der Fingerhut bereits erblüht und stand in satten, rosa-purpurnen Dolden. Aus dem Dickicht erklang das Lied einer Amsel; es war so rein und süß, dass man die Augen schließen und nur noch träumen wollte, von alten Zeiten und fremden Ufern und einer fernen, schönen, besseren Welt.

Es war das Wochenende vor den Großen Ferien, doch da ihr Feriengast bereits gestern eingetroffen war, hatten sie kurz entschlossen ihre Räder gepackt und waren in den Wald hinaufgefahren. Doch diese Stelle konnte man nicht mit dem Rad erreichen. Bis hierher waren die Touristen, die den Odenwald um diese Jahreszeit zuerst in Tropfen, dann in immer größeren Bächen und Strömen heimzusuchen begannen, noch nicht vorgedrungen. Dies war ihr Geheimnis. Und sie hatten beschlossen, es mit ihrem neuen Freund zu teilen.

Der Brunnen war alt, aus Bruchsteinen aufgemauert und früher einmal mit einem Rieddach bedeckt gewesen, das aber längst von Wind und Regen abgetragen worden war. Die Seilwinde war jedoch noch da; das Seil hing in den Brunnenschacht hinab. Der Eimer fehlte ebenfalls. Ob er geklaut worden oder einfach in den Brunnen gefallen war, weil das alte Seil nachgegeben hatte, ließ sich nicht sagen.

»Was ist das für ein Brunnen?«, fragte der Dunkelhaarige. Er mochte etwas älter sein als die beiden Geschwister – denn dass es sich bei ihnen um Bruder und Schwester handelte, war ganz offensichtlich -, wenn er auch einen halben Kopf kleiner war, und er wirkte sichtlich irritiert.

Siggi, der Blondschopf, grinste, und seine Schwester grinste ebenfalls.

»Du musst genau hingucken«, sagte sie. »Da ist eine Inschrift.«

Der Ältere ging in die Hocke und suchte die Steine der Einfassung ab. Dort, wo das Licht der Mittagssonne von schräg oben die Mauer streifte, glaube er feine Kratzer zu erkennen, die sich, wenn man ein bisschen Fantasie besaß, in der Tat zu seltsam eckigen Buchstaben zusammenfügten.

Abbildung

Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine steile Falte.

»M-I-M-I-R …«, buchstabierte er.

»Was?«, entfuhr es Siggi entgeistert. »Das meine ich nicht. Wo steht das?«

Dann sah er es selbst. Es waren in der Tat nur Kratzer, die vermutlich nur bei diesem speziellen Licht Sinn ergaben. Aber er fühlte sich fast ein wenig gekränkt, weil dies ihm die sorgsam vorbereitete Pointe verdorben hatte. »Kannst du da auch was lesen, Gunni?«

Seine Schwester, die wusste, wie leicht ihr Bruder beleidigt war, versuchte, die Situation zu bereinigen. »Komm«, sagte sie. »Die Inschrift, die wir meinen, ist auf der anderen Seite.«

Sie gingen um den Brunnen herum. Dort war unmittelbar über dem Boden, früher von Gras lind Unkraut verdeckt, doch jetzt freigelegt und geputzt, eine Steinplatte in das Gemäuer eingelassen, aus der altertümliche Buchstaben herausgemeißelt waren.

Abbildung

»Ist aber schwer zu lesen.«

»Ich les’ sie dir vor«, bot sich Siggi an.

»Moment noch.« So leicht wollte sich ihr Gast nun doch nicht geschlagen geben. Er kniete nieder und ließ seine Finger über die erhabene Inschrift gleiten.

»›Hier an die … Quell’ hat Hagen …‹« Er sprach es wie ›Heygen‹ aus. »›Ernst …?‹«

»›Hier an diesem Quell hat Hagen / Einst den hürnern Siegfried ’schlagen!‹«, trompetete Siggi.

Seine Stimme klang unnatürlich laut in der Stille. Selbst das Lied des Vogels war plötzlich verstummt. Der metallene Himmel schien über ihnen zu lasten, als hielte die Natur den Atem an, um auf etwas zu warten.

»Merkste was?«, lauerte Siggi. »Das ist ein toller Zufall, nicht?«

Hagen sah ein paar Augenblicke drein, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Er schien immer noch Schwierigkeiten mit dem altertümlichen Deutsch zu haben, aber dann ging ihm ein Licht auf.

»Klar! Die Nibelungen! Siegfried, der Drachentöter, wurde von Hagen mit dem Speer getötet. Und du heißt Siggi, richtig eigentlich Siegfried, und ich Hagen. Was für ein komischer Zufall!«

Hagen lachte. Es war in der Tat ein Zufall, dass er über tausend Kilometer mit Schiff und Bahn hierhergefahren war, um seinen Namen auf einer alten Steinplatte zu finden.

Die beiden Geschwister stimmten in das Gelächter ein.

Als sie vor Jahren das erste Mal an diesen Brunnen gekommen war, hatten sie diese Schrift auch nicht lesen können. Doch dann hatte Gunhild, die so etwas in der Schule gelernt hatte, das Ganze mit einem Blatt Papier und einem Bleistift durchgerieben, und sie hatten es ihrem Vater gezeigt.

Aber auch als der Vater den Text laut gelesen hatte, konnten sie die verschrobene, altertümliche Sprache nicht sofort verstehen. Der Vater hatte es dann in verständliches Deutsch übersetzen müssen. Dann hatte er ihnen noch einiges erklärt, was mit diesem Brunnen zusammenhing. Und wenn Siggi sich recht erinnerte, hatte die Mutter ihnen am Abend zum ersten Mal die Geschichte von den Nibelungen erzählt: wie der heldenhafte Siegfried, der den Drachen erschlagen hatte, durch ein Bad im Drachenblut unverwundbar geworden war – ›hürnern‹, das heißt: wie aus Horn; bis eben auf diese winzige Stelle, wo ein Lindenblatt auf seine Haut gefallen war – und wie er beim Trinken an einer Quelle von Hagen mit dem Speer getötet wurde. Bis dahin hatte Siggi die Geschichte gefallen, aber als danach Kriemhild ihre blutige Rache vollzog, hatte er das Interesse verloren; denn der Held, der seinen Namen trug, war ja tot.

Siegfried war sehr stolz auf seinen richtigen Namen, und es hatte etwa einen Monat gedauert, bis man ihn wieder ›Siggi‹ nennen durften. Aber wenn man schon mal einen Drachentöter zum Namensvetter hat …

Seit diesem denkwürdigen ersten Mal waren Siggi und Gunhild immer wieder zu diesem Brunnen gegangen, wenn sie im Wald waren. Etwas hatte sie hierhergezogen; sie wussten selbst nicht genau, was es war.

Es gab schönere Stellen im Wald, aber hier wurde man beim Spielen nur selten von Wanderern und Touristen gestört.

Und jetzt, da ihr Sommergast aus dem fernen England gekommen war, war die Versuchung einfach zu groß gewesen.

»Deshalb haben wir dich hierher gebracht«, antwortete Gunhild.

»Und wie hieß noch mal die Frau in der Geschichte?«, fragte Hagen unvermittelt und sah dabei Gunhild an.

»Kriemhild«, sagten Siggi und Gunhild wie aus einem Mund.

»Oder auch Gudrun«, meinte Hagen.

Hagen ging wieder auf den Brunnen zu, als würde er magisch davon angezogen. Er berührte die Steinplatte, dann sah er zu den Bäumen auf.

»Linden gibt es hier auch«, stellte er fest. »Ist das die Stelle, wo …?«

»Ach, nee. Es gibt viele Siegfriedsquellen und -brunnen hier in der Umgebung«, begann Siggi. »Sieh dir die Inschrift an. Die ist aus dem letzten Jahrhundert, sagt Vati, und der ist Architekt, der versteht was davon. Damals hat man die Nibelungen und alles Germanische mit einem Heiligenschein belegt. Man wollte damit die Nation erhöhen, oder so was«, gab Siggi die Erklärungen seines Vaters wieder. »In diese Zeit fällt auch die große Oper von Richard Wagner. Ich hab’ mal versucht, mir Siegfried anzuhören; die Oper, mein’ ich. Hat mir aber nicht gefallen.«

Hagen nickte und sah wieder auf den Brunnen.

»Du wirst«, sagte Siggi mit einem Grinsen, »mich doch nicht gleich erschlagen?«

Hagen drehte sich um. Die Atmosphäre schien sich für einen Moment zu verdüstern. Irgendetwas geschah mit Hagen. In Siggis Augen schien er zu wachsen; sein Lächeln wirkte bedrohlich.

»Einmal ist keinmal«, kam es aus Hagens Mund, doch Siggi schien es, als spräche nicht der neue Freund, sondern jemand anderes. Selbst seine Stimme schien viel tiefer zu sein, als Siggi sie in Erinnerung hatte.

Hagen kam auf ihn zu, die Faust erhoben. In Siggi kroch die Angst hoch. Auch er ballte seine Fäuste, mehr aus Hilflosigkeit und Furcht als aus Zorn.

Gunhild war verwirrt; sie empfand nicht das Gleiche wie Siggi, aber sie fühlte, dass sich etwas verändert hatte. Sie sah Hagen, wie er auf Siggi zuging. Er wirkte irgendwie unheimlich, obwohl er lächelte. Siggi sah ängstlich aus, aber auch er machte den Eindruck, als wollte er gleich zuschlagen. Hier passierte etwas, das so nicht geschehen durfte.

Sie musste etwas hin, bevor die beiden sich in die Haare kriegten. Die Jungen waren nur noch zwei Schritte getrennt. Es würde zum Kampf kommen – und irgendwie schien es Gunhild, dass ihn beide nicht wollten, dass sie von einer fremden Macht in diese Auseinandersetzung getrieben wurden -, wenn sie sich nicht gleich etwas einfallen ließ.

»Kommt!«, rief Gunhild aus und packte die beiden an den Händen. Die Fäuste öffneten sich und griffen zu. Fast schien es, als seien Hagen und Siggi aus einem Traum erwacht. »Es heißt, wenn man dreimal um den Brunnen herum tanzt, kann man sich was wünschen.«

Der Bann, der beide Jungen eben fast in eine Keilerei getrieben hatte, schien gebrochen. Beide lachten, als Gunhild mit ihnen unter lautem Gesang um den Brunnen sprang.

»Wer einmal um den Brunnen geht, der darf sich etwas wünschen!«, sangen sie laut. Gunhilds langer Zopf wippte im Takt. Ihre Hände hielten die Jungen fest, die ausgelassen mittanzten, als wäre nichts passiert.

»Wer sich was wünschen will, muss noch mal um den Brunnen hin!«, sangen sie während der zweiten Runde. Dabei wurde ihr Gelächter immer ausgelassener, und alles war wieder so wie oben auf dem Berg, als sie mit einem Affenzahn und wild kreischend durch die Hohlwege geradelt waren, Gunhild vorneweg, Hagen dicht auf und Siggi, der immer ein bisschen ängstlicher war, mit gebührendem Abstand.

Die dritte Runde begann, und Gunhild gab den dritten Vers des alten Aberglaubens vor, und die Jungen fielen begeistert ein. »Wenn dir soll ein Wunsch geschehn, musst dreimal um den Brunnen gehn!«

Ausgelassen tanzten die drei Hand in Hand den Reigen. Noch vier, drei, zwei Schritte, dann war ihr Tanz zu Ende, und dem Aberglauben gemäß wurde ihnen ein Wunsch erfüllt.

Plötzlich, kaum dass sie die letzte Runde beendet hatten, gab es einen Donnerschlag, der den Himmel zerriss und die Erde erschütterte. Der Hall war betäubend. Die drei Kinder warfen sich am Brunnen in Deckung, und alle zitterten am ganzen Körper. Die beiden Jungen und das Mädchen hielten sich eng umschlungen und drückten sich aneinander. Jeder suchte sich selbst und zugleich die anderen zu schützen. Sie hatten sich fürchterlich erschreckt, wagten kaum zu atmen.

Doch kein Regen prasselte auf sie nieder, kein Blitz folgte, und als Gunhild den Kopf hob, konnte sie den Himmel über der Lichtung sehen. Er war blau. Kaum ein Wölkchen trübte die Sicht.

»Was … was war das?«, fragte Siggi zögernd.

»Vielleicht hat ein Flugzeug die Schallmauer durchbrochen …«, versuchte Hagen eine Erklärung.

»Vielleicht …«, entgegnete Gunhild zögernd. »Aber das müsste so nahe dran gewesen sein, dass wir es noch hören müssten.«

Die drei Kinder kauerten immer noch im Schatten des Brunnen und wagten es nicht, sich zu bewegen.

»Ob es etwas mit unserem Tanz zu tun hat. Ein Geist vielleicht -«, wagte Siggi zu sagen, wurde aber von seiner Schwester unterbrochen.

»Es gibt keine Geister und Gespenster, das solltest du wissen!« Doch Gunhilds Stimme klang alles andere als fest und überzeugt.

»Ich glaube, wir sollten lieber nach Hause gehn«, meinte Siggi. »Da können wir dann auch Vati fragen, was das für ein Donner war. Der weiß das bestimmt! Ansonsten wird er bestimmt sauer sein, wenn wir zu spät kommen.«

»Ich will noch einen letzten Blick in den Brunnen werfen, bevor wir gehen«, ließ Hagen sich vernehmen.

»Aber da war doch nichts«, wollte Siggi ihn von seinem Vorhaben abbringen, aber Hagen löste sich aus der Umarmung der Geschwister und stand auf.

»Ich will nur noch mal hineinsehen.«

Er blinzelte über den Brunnenrand und versuchte mit seinem Blick den Grund zu erreichen. Aber die Sonne war jetzt ein Stück weitergezogen, und Schatten hüllte den unteren Teil des Brunnenschachtes ein. Hagen bückte sich, nahm einen Kiesel auf und ließ ihn hineinfallen.

Er musste nicht lange warten, dann hörte er das Platschen von Wasser.

»Sehr tief ist er nicht«, sagte Hagen in nachdenklichen Ton. »Ich hatte eigentlich erwartet, dass das Wasser weiter unten ist.«

»Hast du jetzt genug gesehen?«, fragte Gunhild. »Es wird Zeit, dass wir aufbrechen.«

»Einen Moment noch«, entgegnete Hagen.

Halb über dem Felssims hängend, spähte er in die liefe. Er konnte nun den Wasserspiegel erkennen. Doch knapp oberhalb des Wasserspiegels meinte er, etwas blinken zu sehen. Er rutschte zurück, ging um den Schacht herum und kletterte wieder auf den Brunnenrand.

»Da ist was!«, rief er aufgeregt aus. »Da unten blinkt etwas!«

Siggi, der inzwischen auch aufgestanden war, beugte sich ebenfalls vorsichtig über den Rand. Er versuchte, Hagens ausgestrecktem Zeigefinger mit seinem Blick zu folgen, aber es gelang ihm nicht.

»Tut mir Leid«, sagte Siggi. »Ich seh nichts.«

»Du musst dich weiter vorbeugen«, sagte Hagen.

»Ich trau mich nicht«, gab Siggi kleinlaut zu.

»Und wenn ich dich festhalte?«, bot Hagen ihm freundlich an. »Dann kannst du nicht hinunterfallen.«

»Gut«, stimmte Siggi nach kurzem Zögern zu.

»Ich helfe dir, Hagen«, bot Gunhild an.

»Also gut, dann halten wir beide ihn fest«, meinte Hagen.

Siggi schob sich vorsichtig auf den Sims. Der Stein war rau und kantig unter seinen Beinen. Er starrte in die Tiefe. Angesichts der Schwärze, die sich unter ihm auftat, überkam ihn ein Schwindel, aber Gunhilds und Hagens Hände, die ihm an Schultern und Armen hielten, gaben ihm Sicherheit und Halt. Langsam beugte er sich vor.

»Ja, da unten ist was«, meldete er. »Ganz deutlich zu erkennen!«

Sie zogen Siggi zurück, der froh war, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, aber auch stolz, dass er es geschafft hatte, sich so weit über den Brunnen zu lehnen.

»Nun will ich auch mal!«, verkündete Gunhild. »Vielleicht kann ich erkennen, was es ist.«

Ohne fremde Hilfe schob sich das Mädchen langsam über den Rand. Sie veränderte ihre Lage mehrfach, um zu erkennen, was da unten blitzte. Ein paarmal rutschte sie noch auf dem Sims hin und her, aber das Ding entzog sich beharrlich ihren Blicken.

Da unten war etwas, aber es war einfach nicht rauszukriegen, was es war.

»Kann man nichts machen«, meinte Siggi entmutigt. »Kommt, lasst uns verschwinden.«

Er drehte sich um und wollte gehen, aber Hagen hatte sich schon wieder über den Brunnen gebeugt und äugte in die Tiefe des Schachtes. Das blitzende Ding in der Tiefe zog ihn wie magisch an.

»Nun komm schon!«

»Lass gut sein«, meinte auch Gunhild. »Es wird Zeit, nach Hause zu gehen. Morgen können wir ja wiederkommen.«

Irgendetwas machte ihr Angst, und es gelang ihr nicht völlig, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Irgendetwas stimmte heute nicht, aber sie wusste nicht was. Und das beunruhigte sie.

»Nein!«, sagte Hagen bestimmt. »Ich will wissen, was da unten ist. Jetzt!« Seine Stimme hatte wieder diesen harten Klang. Hagen wandte sich um, während er sprach. Weder Gunhild noch Siggi konnten seine Miene deuten. Es war fast schon eine Grimasse. Gleich darauf veränderten sich seine Gesichtszüge, wurden wieder freundlich.

»Ich bin so furchtbar neugierig, und es wird nicht lange dauern, herauszufinden, was da unten zu finden ist«, sagte er milde und fast bittend.

»Und wie willst du das anstellen?«, fragte Gunhild. »Wir haben doch alles probiert.«

»Genau«, pflichtete Siggi ihr bei.

Hagen grinste, der Triumph stand ihm im Gesicht geschrieben. Er schien eine Idee zu haben, um an das blitzende Ding zu gelangen, die den anderen bislang nicht gekommen war.

»Seht her!«, verkündete er stolz. »Alles, was wir brauchen, hängt direkt vor uns.«

Bei diesen Worten griff er das Seil, und mit einigen schnellen Bewegungen hatte er eine Schlinge geknüpft. Wie eine Trophäe hielt er sie in die Höhe.

»Ich stelle meinen Fuß in die Schlinge, und ihr lasst mich hinunter. Dann werden wir bald wissen, was da unten blinkt.«

»Nein«, sagte Siggi bestimmt. »Das ist zu gefährlich. Das Seil ist uralt. Was ist, wenn es reißt? Und wenn du abrutschst? Keiner von uns weiß, wie tief das Wasser da unten ist. Vati macht uns die Hölle heiß …«

»Er braucht es ja nicht zu erfahren«, meinte Hagen.

»Aber wenn wir dich nicht halten können oder du reinfällst …«, versuchte Siggi einen weiteren Einwand.

»Es könnte gehen«, sagte Gunhild da zu ihrer eigenen Überraschung. »Klar, es könnte gehen. Hält denn der Knoten?«

»Klar hält der Knoten. Das ist ein Seemannsknoten. Mein Vater ist bei der Royal Navy, er hat ihn mir gezeigt. Und das Seil ist stark genug, seht doch selbst.« Hagens Stimme war voller Überzeugung. »Und je länger wir warten, desto mehr Zeit verschwenden wir. Wenn ihr mich gleich runterlasst, dann können wir hier schon bald verschwinden.«

»Also gut«, sagte Gunhild. »So machen wir’s!«

Siggi kannte den Tonfall nur zu gut. Wenn seine Schwester so sprach, hatte er keine Möglichkeit mehr, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Alle Blicke richteten sich auf ihn, und er wollte nicht kneifen. Nein, er durfte nicht kneifen. Er musste mitmachen, egal, ob ihm die Sache gefiel oder nicht. Das hier war die Nagelprobe für ihre Freundschaft und wenn er da nicht mitmachte, war alles kaputt, was sich in den letzten Stunden zu entwickeln begonnen hatte.

»Also gut«, sagte auch er. »Probieren wir’s.«

Damit war die Sache abgemacht. Siggi und Gunhild gingen an die Winde und warteten darauf, dass Hagen auf den Sims kletterte. Die Geschwister sahen sich an. Gunhild grinste. Sie liebte das Spiel mit dem Risiko. Das Mädchen erkannte die Zweifel im Blick ihres Bruders; sie wusste genau, dass er normalerweise zu vorsichtig war, um bei solchen Mutproben mitzumachen.

Wahrscheinlich war das blitzende Ding irgendein wertloser Kram wie der Ring einer Cola-Dose oder was immer irgendwelche versprengten Touristen in den Brunnen geworfen hatten. Aber der Spaß an solchen Abenteuern lag Gunhild im Blut, und oft hatten ihre Eltern – halb im Scherz, halb im Ernst – sich gefragt, wer denn nun der Junge in der Familie war, Siggi oder Gunhild.

»Wird schon schief gehen«, sagte sie aufmunternd zu ihrem Bruder.

Hagen war sehr schnell auf dem Sims. Er lugte in die Hefe.

»So«, begann Hagen, »jetzt kommt der schwierige Teil. Haltet die Winde gut fest; stemmt euch richtig dagegen. Ich stelle mich in die Schlinge. Ihr müsst mich halten. Und dann ganz vorsichtig das Seil lockerlassen.«

»Gut«, sagte Gunhild. »Auf drei geht’s los!«

»A one«, zählte Hagen.

Gunhild und Siggi griffen nach der Winde. Das Holz war gut zu packen und überhaupt nicht rau. Sie würden sie bei der ganzen Aktion zumindest keine Splitter in die Hände reißen und Hagen gefährden, weil sie durch den Schmerz die Winde losließen.

Eine Gefahr weniger, schoss es Siggi durch den Kopf.

»… a two …«, sagte der Junge aus England völlig ruhig.

Die beiden Geschwister spannten die Muskeln an, stemmten ihre Fersen in der Erde und packten fester zu. Jetzt wurde es spannend. Hagen atmete noch mal tief durch; auch ihm schien die Sache nicht ganz geheuer zu sein, und für einen Moment überkam Siggi die wilde Hoffnung, ihr neuer Freund würde aufgeben. Aber er wurde enttäuscht.

»… a three«, zählte Hagen, und sein rechter Fuß trat in die Schlinge. Das Seil pendelte hin und her.

Gunhild und Siggi mussten sich mit aller Macht gegen die Winde stemmen, die den Gesetzen der Physik folgen und sich mit Macht drehen wollte, um das Gewicht am Ende des Seils in die Tiefe rauschen zu lassen.

»Wir haben dich«, presste Gunhild hervor. Hagen war, obwohl älter, einen halben Kopf kleiner als Siggi und wohl auch ein wenig leichter, aber irgendwie schien jedes Pfund, das er auf die Waage brachte, doppelt schwer zu wiegen. Siggi keuchte, aber er und seine Schwester hatten alles unter Kontrolle. Bis jetzt.

Das Seil war zur Ruhe gekommen und Hagen hing nun völlig ruhig über der Mitte des Schachts. Er sah in die Tiefe.

»Jetzt ganz langsam das Seil abrollen«, sagte er, den Blick immer noch nach unten gewandt. »Langsam, sehr langsam.«

Die Winde knirschte; sie war vielleicht mal gut geölt gewesen, aber durch das fehlende Dach war die Schmiere längst verdunstet oder vom Regen ausgewaschen worden. So hatten es die Geschwister beim Abrollen leichter, doch Hagens Gewicht zog arg an ihnen. Stück um Stück ließen sie das Seil nach, bis Hagen völlig im Brunnenschacht verschwunden war.

»Hier unten stinkt’s!«, hallte seine Stimme aus der Tiefe. »Weiter!«

Danach schwieg er, und Siggi und Gunhild kamen mächtig ins Schwitzen, aber sie ließen das Seil weiter gleichmäßig nach.

»Halt!«, brüllte Hagen plötzlich. Gunhild und Siggi stoppten die Winde und erhielten so einen ersten Vorgeschmack darauf, wie es sein würde, wenn sie ihren Freund wieder rausziehen mussten.

»Ich hab’s gefunden! Holt mich wieder rauf!«, kam die Anweisung von unten.

Siggi und Gunhild sahen sich an. Die Stimme klang so völlig anders als vorher. Musste der Hall sein.

Mit vereinten Kräften kurbelten sie das Seil Zentimeter für Zentimeter wieder nach oben. Siggi schmerzten die Muskeln im Oberarm. Auch Gunhild, die weit sportlicher war als er, spürte die Anstrengung. Ihr Atem ging stoßweise.

Irgendwann, Siggi glaubte, es seien Stunden vergangen, tauchte Hagens schwarzer Schopf wieder über dem Rand des Brunnens auf. Der Anblick des Freundes mobilisierte bei den beiden die letzten Kräfte. Sie zerrten an der Winde, als ginge es um ihr Leben.

Hagen kam ihnen zur Hilfe. Kaum war er bis zu den Schultern aus dem Schacht wieder aufgetaucht, griff er nach dem Brunnenrand und zog sich hinauf. Triumphierend fuhr seine Hand in die Tasche seiner Shorts.

Die Geschwister standen schnaufend da und sahen zu ihm auf. Siggi und Gunhild hing die Zunge aus dem Hals, die Muskeln in Annen, Beinen und Bauch flatterten ihnen, und der Schweiß floss in Strömen.

»Was … hast du da unten gefunden?«, keuchte Gunhild.

Hagen sprang vom Brunnenrand, kam federnd auf. Er streckte die zur Faust geballte Hand aus und drehte sie so, dass die Finger nach oben zeigten.

»Seht her!« Hagens Stimme hallte, als käme sie noch aus dem Brunnen. Es lag etwas Stolzes, ja, Abweisendes in diesem Klang und in seiner Haltung, als sei er als ein völlig anderer aus dem Brunnen wieder aufgetaucht; so erschien es zumindest.

Er öffnete die Hand. Gunhild und Siggi, wieder zu Atem gekommen, traten neugierig näher.

Auf der geöffneten Handfläche lag ein goldener Ring!

Sie besahen sich das Beutestück näher. Der Ring sah massiv und schwer aus. Er war golden, fast gelb, als wäre er aus reinem Gold, ohne jede Beimischung von anderen Metallen. Der Ring war von innen und außen glatt, ohne Inschrift oder Markierung.

»Ist der echt?«, fragte Gunhild.

»Weiß nicht …«, antwortete Hagen, der ebenso wie Siggi und seine Schwester den Blick nicht von den Ring nehmen konnte. »Wir werden es herausfinden.«

»Eigentlich habe ich ihn ja zuerst gesehen«, sagte Siggi, und diesmal hatte seine Stimme jenen seltsamen Klang, als würde ein anderer durch ihn sprechen.

Es war, als ginge ein Ruck durch Hagens Körper. Seine Haltung straffte sich, und er richtete sich auf. Er tat, als hätte Siggi gerade etwas gesagt, das ungehörig, ja, feindselig war.

Gunhild war es unheimlich zumute, als Hagen auf der einen und Siggi auf der anderen Seite sich so gegenüberstanden. Einen Moment sah es wieder so aus, als es gleich zu einer Schlägerei kommen.

»Kommt«, sagte sie. »Kein Grund, sich zu streiten.«

Siggi wich einen Schritt zurück. Hagen wollte auf ihn zutreten, überlegte es sich dann aber doch anders.

»Wahrscheinlich ist er sowieso nichts wert.« Mit diesen Worten schloss er die Faust und ließ den Ring wieder in der Tasche seiner Shorts verschwinden. Dann lachte er – ein Lachen, das befreiend wirkte, und in das Siggi und Gunhild einfielen.

Hagen nahm sein Taschentuch und wischte sich die Hände ab und stopfte es dann zu dem Ring in die Hosentasche.

Von einen Augenblick zum anderen hatte sich die Stimmung geändert. Alle wirkten gelöst und fröhlich, und es war, als wäre es nie anders gewesen …

»Wir müssen los«, sagte Siggi. »Wir sind ohnehin schon zu spät dran.«

»Aber nicht viel, kleiner Bruder«, lachte Gunhild. »Auf fünf Minuten kommt’s jetzt nicht mehr an.«

»Sind eure Eltern so streng? Das glaube ich nicht«, sagte Hagen.

»Sind sie auch nicht«, entgegnete Gunhild. »Aber wir haben eine Abmachung, und an Abmachungen muss man sich halten. Doch auf die Minute genau nehmen sie’s auch nicht. So schnell machen sie sich keine Sorgen.«

»Was ist das für eine Abmachung?«, erkundigte sich Hagen.

»Na ja, sie lassen uns machen, was wir wollen, wenn wir ungefähr zum angegebenen Zeitpunkt zu Hause sind. So haben wir beide viele Freiheiten, die unsere Klassenkameraden nicht haben. Kommen wir zu oft zu spät, gibt es … Einschränkungen«, erklärte Siggi.

»Aha«, entfuhr es Hagen. »Dann sollten wir uns beeilen, damit ihr keine Probleme kriegt.«

»Richtig«, stimmte Gunhild zu. »Noch anderthalb Jahre, und ich darf in die Disco. Da ist wichtig, solche Freiheiten zu haben.«

Seit Hagen den Ring wieder in die Tasche hatte verschwinden lassen, war alles wieder wie vorher. Nichts deutete darauf hin, dass die Kinder kurz davor gewesen waren, mit Fäusten aufeinander loszugehen. Auch Siggi, Gunhild und Hagen verschwendeten keinen Gedanken daran, und die Erinnerung an die bedrohlichen Sekunden schwand schneller als ein Berg Eiscreme auf einem Geburtstag.

»Gehst du noch nicht zum Tanzen?«, fragte Hagen.

»Doch schon, aber nur ins ›Zentrum‹«, womit Gunhild das örtliche Jugendzentrum meinte. »Da gibt es alle vier Wochen einen Tanzabend. Die Disco hier in Odenhausen ist nur was für Grufties ab dreißig, und um in eine richtige Disco zu kommen, muss ich bis in die Kreisstadt.«

»Und du solltest deinen Mofa-Führerschein im Auge haben«, sagte Siggi. »Dann kannst du dahin fahren.«

»Richtig«, bestätigte Gunhild. »Das alles gehört zu der Abmachung. Zeigen wir Verantwortung, gibt es Freiheiten.«

»Tolle Eltern habt ihr«, entfuhr es Hagen, und es klang ein bisschen eifersüchtig.

»Wie man’s nimmt«, sagte Gunhild, säuerlich lächelnd. »Verantwortung ist anstrengend. Manchmal wünschte ich mir, wir würden bestraft wie andere Kinder auch. Das wäre einfacher, aber Vater lässt da nicht mit sich handeln. Und was ist mit deinem Vater?«

Hagens Gesicht verdüsterte sich. »Mein Vater ist nur selten da«, sagte er. »Ich sehe ihn nicht sehr oft. Und meine Tante ist … okay.« Er hatte ihnen schon gestern erzählt, dass er bei einer Tante lebte, seit seine Mutter gestorben war; seine Mutter war eine Deutsche gewesen, hier aus der Gegend von Odenhausen – was der Grund war, weshalb er so fantastisch Deutsch konnte.

Gunhild, die verstehen konnte, was in ihm vorging, sah ihn mitleidig an.

»Jetzt kommt«, drängte Siggi. »Wir können auch auf dem Weg zu den Rädern noch quatschen!«

Das war das Kommando. Sie gingen los. Die Stimmung war unbeschwert, als sie den Brunnen verließen, und keiner schien noch an das Erlebte zu denken. Sie scherzten und lachten, als sie den farnbedeckten Hang wieder hinaufstiegen, den sie heruntergeklettert waren.

Die Luft hing wie Blei über dem Land. Ein fernes Grollen kündigte das Gewitter an, das an diesem Abend die Atmosphäre von der drückenden Schwüle reinigen würde, welche sich nun auch verstärkt im Wald bemerkbar machte.

»Das wird noch dauern, bis das Unwetter hier ist. Bis dahin hocken wir längst in der warmen Stube, wie Opa Hans immer sagt«, meinte Gunhild.

»Trotzdem sollten wir uns was beeilen«, meinte Siggi.

»Keine Panik«, sagte Gunhild. »Das Gewitter ist noch weit.«

Sie erreichten schließlich den Aufstieg zum Rastplatz, wo sie ihre Räder zurückgelassen hatten. Die drei wussten, das letzte Stück würde anstrengend werden, aber nach einer kurzen Verschnaufpause und dem letzten Schluck aus der Feldflasche ging es mit frischen Kräften den Hang hoch.

Das Donnergrollen rückte langsam näher. Die Sonne war von einer fahlen Helle und schien alle Kraft verloren zu haben, während die Luft aufgeladen zu sein schien, dass man fast schon ein Knistern zu spüren glaubte.

»Das Gewitter kommt aber schneller, als du glaubst«, maulte Siggi.

»Es wird uns schon nicht einholen«, versuchte Gunhild ihn zu beruhigen. »Sind wir erst mal bei den Rädern, ist der Rest ein Kinderspiel.«

»Aber wie ist das mit der Abfahrt?«, fragte Hagen vorsichtig an.

»Die Abfahrt ist nicht mehr steil«, antwortete Siggi, froh, dass Hagen es vermied, allzu offen auf seine Schwäche hinzuweisen. »Und dann sind wir bald auf der Straße.«

»Richtig«, stellte Gunhild fest. »Und darum kommen wir noch vor Blitz, Donner und Regen nach Hause. Also, bitte keine Hektik wegen der paar Wolken.«

Die drei kletterten den Hang hinauf. In der Windstille, die dem Gewitter vorausging, machte sich die Schwüle nur noch mehr bemerkbar. Schon auf der Hälfte der Strecke klebten die T-Shirts ihnen am Leib.

Der Weg nach oben kam ihnen ungleich länger vor als der Abstieg. Einmal hielten sie sogar kurz an, um Atem zu schöpfen. Die drückende Luft machte ihnen ernstlich zu schaffen, aber die Aussicht, die sie von diesem Punkt aus hatten, entschädigte sie für die Anstrengung. Durch eine Lücke in den Bäumen sah man in der Ferne, tief drunten zu ihren Füßen den Rhein.

Sie hatten den Fluss bereits auf dem Abstieg erspäht, doch da hatte der Anblick ihnen nicht viel gesagt. Jetzt aber zog das Bild sie wie magisch an.

»Er sieht aus wie glitzerndes Band …«, entfuhr es Gunhild.

»… eher wie eine graue Schlange, die sich durch die Landschaft ringelt …«, meinte Hagen.

»… für mich ist es ein Schwert, eine stählerne Schwertklinge«, gab Siggi zu verstehen.

Über dem Rhein, von Westen her, ballten sich die Wolken. Dunst lag über dem Fluss, zog sich durch die Niederungen ins Land und wurde zu Nebel. Wie graue Schleier krochen die Schwaden die Hänge hoch. Die feuchte, heiße Luft konnte man fast mit dem Messer schneiden. Der Himmel im Westen verdüsterte sich zusehends, und selbst Gunhild, die Optimistin, räumte ein, dass es ein knappes Rennen zwischen dem Unwetter und ihnen geben würde.

Das Grollen des Donners wurde immer lauter, und ein erster Blitz zuckte auf. Der Anblick der gezackten Lichtbahn, die quer über den Himmel raste, hatte etwas Erschreckendes und Faszinierendes zugleich.

In Siggis Ohren klang das Donnergrollen wie ein Hohn über ihre Verspätung und ihre Nachlässigkeit. Der Vater hatte doch gesagt, am Abend würde es gewittern. Gegen dieses Versäumnis standen die Abenteuer des Tages und das Gefühl, einen neuen Freund gewonnen zu haben. Siggi sagte sich, gewiss würde er seinen Vater davon überzeugen können, dass dies wichtiger war als ein Versprechen, vor dem Gewitter zu Hause zu sein.

Schnaufend wie drei alte Dampflokomotiven kletterten sie auch das letzte Stück des Hangs hinauf. Diesmal war ausnahmsweise Siggi der Erste, als sie den Rastplatz erreichten. Die anderen beiden folgten ihm auf dem Fuß – und blieben ebenfalls wie erstarrt stehen.

Ihre Fahrräder waren völlig demoliert. Die Reifen waren zerstochen, die Bleche verbeult, und in den Felgen waren Achten drin. Alles sah aus, als hätten Vandalen mit Äxten auf die Räder eingeschlagen: Die Rahmen waren total verbogen, der Lack war abgesplittert und alles kaputt. Die Picknickkörbe und ihr Inhalt waren wild auf dem Rastplatz verstreut.

»Scheiße!«, sagte Siggi.

Abbildung

2
Die Rabenhöhle

»Was waren das für Chaoten?«, tobte Gunhild. »Denen wünsche ich die Krätze an den Hals!«

Siggi, der käsebleich geworden war, als er auf die Trümmer ihrer Räder starrte, sagte zunächst gar nichts mehr.

»Wir werden laufen müssen«, stellte Hagen nach einer kleinen Weile fest. »Also, auf geht’s …«

»Ja, wir müssen«, sagte auch Siggi seufzend, »wenn wir noch eine möglichst große Strecke trocken schaffen wollen.«

»Wo entlang?«, fragte Hagen.

Siggi dachte kurz nach. »Was ist, Gunhild? Versuchen wir, nach Hause zu kommen, oder laufen wir zum Waldgasthof und rufen von da aus Vati an?«

Das blonde Mädchen überlegte, sah auf das herannahende Gewitter, dessen dunkle Wolkenfront durch die Lücken in den Baumkronen sichtbar war, und blickte sich um.

»Den Weg zum Gasthof kenn’ ich nicht so gut, aber es ist auf jeden Fall kürzer als bis nach Hause oder ins Dorf. Gehen wir zum Gasthof, das ist das Beste, und wir haben Chancen, nicht allzu nass zu werden«, entschied sie schließlich. »Das ist auch besser so. Da wir die Typen, die das …«, die Worte fehlten ihr, und so deutete sie nur auf die traurigen Reste ihrer Fahrräder. »Da uns diese Kerle nicht entgegengekommen sind, müssen die sich zwischen hier und dem Dorf rumtreiben. Ich glaube, es ist besser, denen aus dem Weg zu gehen. Wer Fahrräder so sinnlos zertrümmert, der schlägt auch kleine Kinder.«

»Gut«, meinte Siggi und sah auf die Schrotthaufen zu seinen Füßen. »Nehmen wir die Räder mit?«

Er bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben, was ihm auch fast gelang. Gleichzeitig versuchte sich aber aus den Augenwinkeln umzusehen, ob er irgendetwas Ungewöhnliches entdecken konnte. Angst überkam ihn. Wenn sich diese Kerle hier noch rumtrieben …?

»Wir lassen sie hier«, bestimmte Gunhild. »Wir können morgen mit Vati hierher fahren, um die Dinger zu holen – oder besser, was davon noch übrig ist. Die Reste mitzuschleppen, hält uns bloß auf.«

»Also, auf geht’s. Welche Richtung?«, fragte Hagen, der sich ein wenig unsicher umsah. Er fühlte sich beobachtet, konnte aber nicht sagen, von wo. Auch ihn beschlich Furcht, und er würde heilfroh sein, wenn sie hier wegkämen.

»Auf jeden Fall wieder runter und am Brunnen vorbei«, meinte Siggi. »Dann weiß ich es nicht so genau, aber es muss Hinweisschilder geben.«

»Worauf warten wir noch?«, fragte Gunhild, die nach außen hin unbeeindruckt wirkte; aber auch ihr war es unheimlich zumute. Sie verbarg es nur am besten.

So kletterten sie den Hang wieder hinunter. Die Gespräche waren verstummt. Jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach, und alle drei versuchten auch, so unauffällig wie möglich die Gegend im Auge zu behalten. Aber noch war Hagen der Einzige, der fühlte, dass sie beobachtet wurden. Jemand – oder etwas – schien auf sie zu lauern, schien sie im Auge zu behalten, dass sie nicht mehr entkommen konnten.

Hagen fröstelte, trotz der Gewitterschwüle. Ungewollt lief er schneller.

Sie alle waren so bemüht, die eigene Angst vor den anderen zu verbergen, dass sie die Furcht der Gefährten gar nicht bemerkten. So kamen alle drei schweigend auf dem Weg unten an. Die Unbeschwertheit, die anfangs auf ihrem Ausflug geherrscht hatte, war verflogen.

Das Gewitter rückte immer näher. Die Luft war schwer wie Blei, und der Nebel begann sich zu verdichten. Jedes der drei Kinder fürchtete die Minute, da die Nebelschwaden sich zu einer einzigen grauen Masse zusammenziehen und ihnen die Sicht nehmen könnten. In diesem grauen Wattedunst konnte sich alles verbergen, und das war es, was ihnen Angst machte: das Unbekannte, das Nichtgreifbare, das Unerklärliche.

Unbewusst beschleunigten sie ihre Schritte. Die dunklen Wolken sorgten dafür, dass nicht nur der Nebel aufzog, sondern auch die Sonne verborgen war, so dass es nun weit vor der Zeit zu dämmern begann. Zusätzlich wurde das Licht noch durch die mächtigen Baumkronen gedämpft, die den Weg überdachten. Das Zwielicht wuchs und damit auch die Angst.

Sie kamen an die Abzweigung, die zum Brunnen führte, aber gingen daran vorbei, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden. Sie schwiegen immer noch, weil jeder viel zu sehr damit beschäftigt war, die eigene aufkeimende Angst zu bekämpfen, zu verhindern, dass der Samen der Furcht aufging.

Schließlich war es Hagen, der das Schweigen brach. Er konnte seinen Verdacht nicht mehr für sich behalten. Stolz hin oder her, es war besser, darüber zu reden.

»Hört mal«, begann er vorsichtig. »Ich habe das Gefühl, dass uns jemand beobachtet.«

Siggi und Gunhild sahen Hagen an, ohne im Laufen einzuhalten. Dann blickten sie sich automatisch um, konnten aber nichts entdecken – was nichts heißen wollte, denn die Bäume verschwammen im Nebel, und dunkler wurde es auch. Das Zwielicht konnte den Augen leicht einen Streich spielen.

Irgendwo knackte ein Ast.

»Was – was war das?«, fragte Siggi, und er bemühte sich nicht einmal, seine Stimme furchtlos und unerschrocken klingen zu lassen. »Da war doch ein Geräusch.«

Ein Blitz leuchtete für einen Moment durch die Baumkronen und tauchte den Wald und das dichte Unterholz in ein unwirkliches Licht. Augenblicke später grollte der Donner, schon bedeutend näher als zuletzt.

»Ich glaube, da ist jemand, der uns verfolgt«, sagte Hagen noch mal. Auch seine Stimme hatte an Festigkeit verloren. »Ich spüre es schon die ganze Zeit, seit wir den Rastplatz verlassen haben. Da ist einer hinter uns.«

»Ach was«, sagte Gunhild. Wenigstens sie versuchte noch, sich nicht einschüchtern zu lassen. »Die Typen, die unsere Räder demoliert haben, würden uns doch nicht nachschleichen. So wie die sich aufgeführt haben, hätten wir es gleich mit denen zu tun gekriegt.«

»Aber das Geräusch …?«, wagte Siggi einzuwerfen.

»Das war bestimmt ein Tier«, entgegnete Gunhild, wobei sie keineswegs selbst überzeugt war von dem, was sie als Begründung anbot. Sie erinnerte sich plötzlich an den Donnerschlag am Brunnen; auch der war nicht zu erklären gewesen …

»Aber ich bin mir sicher«, sagte Hagen. »Da ist wer.«

»Solange er uns nur beobachtet, geht es noch. Außerdem sind wir zu dritt«, entgegnete Gunhild.

Das Mädchen entdeckte einen Stock am Wegrand und nahm ihn auf. Es war ein abgebrochener Ast einer Eiche.

»Sucht euch auch einen Knüppel«, sagte sie. »Den könnt ihr auch als Wanderstab benutzen.«

Die Jungen sahen sich um, und sie fanden auch jeweils einen massiven Stock, den sie als Waffe einsetzen konnten.

»Weiter jetzt«, kommandierte Gunhild. »Das Gewitter rückt näher.«

Als ob der Himmel ihre Worte bestätigen wollte, zuckte wieder ein Blitz über den Himmel, unmittelbar gefolgt von einem Donnerschlag.

Sie rannten weiter. Der Weg schien sich ewig lang hinzuziehen. Der immer dichter werdende Nebel, die einsetzende Dunkelheit und der düstere Wald schienen Hagen jede Orientierung unmöglich zu machen. Er sah sich immer wieder um; denn es war, als bohrten sich Blicke in seinen Nacken.

»Wisst ihr noch, wo es lang geht?«, fragte er besorgt.

»Na klar«, entgegnete Gunhild. »Wir müssen diesen Weg noch ein Stück folgen, dann kommt eine Abzweigung; auf der geht es dann weiter nach unten.«

Siggi war sich nicht so sicher. Der Waldgasthof war ein Ziel für Wanderer und Touristen. In diesen Teil des Waldes kamen Gunhild und er selten, und innerlich verfluchte er sich dafür, den Vorschlag mit dem Gasthof gemacht zu haben. Aber alles Gejammer half nun nicht mehr. Sie mussten sich auf Gunhilds Orientierungssinn verlassen.

Auch Gunhild war sich längst nicht mehr sicher, ob sie auf dem richtigen Weg waren. Alles war so verzerrt, und es wurde immer nebeliger und gespenstischer, und wenn nicht ein Blitz Licht spendete, war die ganze Welt in ein ungewisses Dämmerlicht gehüllt, das ihr mehr zu schaffen machte, als sie zugeben wollte.

»Weiter geht’s, Jungs«, munterte sie ihre beiden Gefährten auf. »Wir können noch trocken zum Gasthof kommen. Es scheint, das Gewitter bleibt an einem der Berge hängen.«

Gunhild hatte richtig beobachtet. Blitz und Donner kam nicht näher. Auch der Regen hatte noch nicht eingesetzt. Nur der Nebel wurde immer noch stärker.

Sie packten ihre Stöcke, die im Moment als Wanderstäbe dienten, fester und hasteten weiter den Weg entlang.

Dann stießen sie auf eine Abzweigung und blieben stehen. Nach rechts führte ein weniger gut ausgebauter, schmaler Weg. Das Unterholz und die Bäume reichten bis an die Ränder des Weges; die Baumkronen bildeten quasi ein Dach, so dass kaum Licht auf den Boden fiel. Siggi fiel gleich der Vergleich mit einem Tunnel ein.

Am Wegweiser hingen die leeren Haken. Kein Schild zeigte die Richtung an. Gunhild blieb stehen und versuchte, sich daran zu erinnern, ob der Weg sie zum Waldgasthof brachte oder in eine andere Richtung führte.

»Ist das der Weg, den wir gehen müssen?«, fragte Hagen.

»Sieht unheimlich aus. Ich glaub’ nicht, dass das der richtige ist«, mischte sich Siggi ein. »Ich glaube, wir müssen noch weiter und dann nach rechts.«

Gunhild antwortete nicht sofort. Sie versuchte, sich zu erinnern. Eine innere Stimme sagte ihr, dass dies der Weg war, dem sie folgen mussten. Aber sie war sich nicht sicher.

»Wohin also?«, fragte Hagen drängend.

Gunhild sah ihn an. Das Licht eines Blitzes erhellte sein Gesicht, und Gunhild erschrak. Sie meinte, in eine verzerrte Fratze zu blicken. Aber so schnell der Eindruck gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder. Es war wohl doch nur das Licht; denn als der Schein verblasst war, sah Hagens Gesicht so aus wie immer.

»Rechts. Ich bin mir sicher, Vati hat gesagt, das wäre eine Abkürzung«, sagte sie und versuchte dabei ihre Stimme bestimmt und klar klingen zu lassen. Doch Siggi kannte seine Schwester gut genug, um die Zweifel darin zu hören. Er sagte aber nichts, da er selbst nicht weiter wusste.

»Na dann, auf geht’s«, ließ sich Hagen vernehmen, der von Gunhilds Unsicherheit nichts bemerkt zu haben schien.

Die drei Kinder bogen in den schmalen Weg ein, auf dem Gräser wuchsen und der offensichtlich selten benutzt wurde. Immerhin war der Nebel auf diesen Pfad dünner; denn die Bäume hielten ihn zurück. Dafür war es hier dunkler, da die Baumkronen das spärliche Licht noch weiter dämpften. Es war fast wie in einer Vollmondnacht, wie Gunhild bei sich dachte. Das Licht war ungewiss, und die Schattenspiele von Ästen, Zweigen und Unterholz waren verwirrend; sie vermied den Begriff Angst.

Der Weg führte leicht bergab, stellte Siggi fest, und er wusste, dass der Waldgasthof weiter unten lag, also konnte der Pfad nicht völlig verkehrt sein. Und immerhin, er war von Menschen angelegt, und Hinweisschilder hatte es hier auch gegeben. Den Blick fest auf den Boden gerichtet, achtete Siggi nur darauf, wo er hinlief. So musste er sich nicht die Spiele des Zwielichts ansehen, und seine Augen konnten ihm keine Dinge vorgaukeln, die es in Wahrheit nicht gab, die einfach nur eine optische Täuschung waren, auf die er reinfiel. Langsam und schleichend kehrte die Furcht zurück; der Knüppel in seiner Hand gab ihm nur scheinbare Sicherheit.

Sie waren ein Stück weit gegangen, als sie eine Kreuzung erreichten. Ein noch schmalerer Pfad lief parallel zu dem oberen Weg, den sie soeben verlassen hatten.

»Da ist ein Hinweisschild«, sagte Hagen, und alle drei gingen darauf zu.

Es war ein altes verwittertes Schild, das kaum noch zu entziffern war. Offenbar gehörten diese Pfade gar nicht mehr zu Netz der offiziellen Wanderwege, sondern in das Projekt, den Wald wieder naturnäher zu gestalten.

»Was steht drauf?«, fragte Siggi.

»›Odenhausen 9 Kilometer«, begann Gunhild laut zu lesen. »›Waldgasthaus Lindenhof 4 Kilometer‹. Also müssen wir weiter nach unten. Dann sind wir bald da.«

Gunhild hatte wieder an Sicherheit gewonnen. Sie schritt geradeaus. Ihr Zweifel waren verflogen; nun hatte sie wenigstens einen Hinweis, wo es lang ging. Die Jungen folgten ihr nach.

Ein Blitz drang mit fahlem Leuchten durch das Blätterdach, und der darauf folgende Donner klang wieder ein Stück näher. Gunhild konnte das nicht mehr erschrecken. Sie mochten noch ein wenig nass werden, aber verlaufen würden sie sich nicht. Außerdem, sagte sich Gunhild, hatten sie eine prima Ausrede für ihre Verspätung. Die Trümmer der Räder oben am Rastplatz sprachen für sich.

Der Weg wurde immer schmaler. Das Gebüsch des Unterholzes rückte immer näher an den Wegrand. Es war, als würden sie durch einen enger werdenden Schlauch gehen. Immer öfter sahen sie im fahlen Licht der Dämmerung Brombeerbüsche an den Seiten, die einen undurchdringlichen stacheligen Verhau bildeten.

Siggi hatte das Gefühl, in eine Falle zu laufen. Er packte seinen Knüppel fester, nicht dass es viel geholfen hätte.

Ihre Gespräche hatten die drei inzwischen völlig eingestellt, und sie machten einfach nur erschöpft einen Schritt nach dem anderen. Es mussten noch mehr als drei Kilometer sein, bis sie ihr Ziel erreichen würden.

Die Furcht griff wieder mit klammen Fingern nach ihren Herzen. Sie kam mit dem Nebel, der nun auch diesen Hohlweg mit seinem grauen Tuch zudeckte. Er kroch ihnen vom Tal her entgegen, verdichtete sich, bis sie keine zwanzig Meter weit sehen konnten. Zur Rechten und Linken gab es ohnehin nur das dichte Unterholz des Waldes, die Dornenranken und die hohen Bäume. Vor ihnen und hinter ihnen war nur noch eine graue, wallende Masse.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Kinder der Nibelungen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen