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Die Kinder aus Theresienstadt

Meinem Vater Arthur Kacer,
einem stolzen, sanften Mann
voller Zuversicht, zum Gedenken.
Meinen Kindern Gabi und Jake –
mögen sie dazu beitragen,
ein bisschen mehr Liebe und Frieden
in die Welt zu bringen.

Vorwort

Im Jahre 1780 ließ Kaiser Joseph II. eine Festung erbauen, die er nach seiner Mutter Maria Theresia taufte. Sie lag in einer Stadt inmitten der Berge Böhmens (dieser Landstrich wurde später Tschechoslowakei genannt und heißt heute Tschechische Republik), nordwestlich von Prag. Die Tschechen nannten die Stadt »Terezín«. Die Festung war zu dem Zweck erbaut worden, Prag nach Norden hin vor Angreifern zu schützen. Doch 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, fielen deutsche Truppen im Westen der Tschechoslowakei ein; dieser Teil des Landes, einschließlich Terezín, war plötzlich von Deutschen besetztes Gebiet.

Im November 1941 wurde aus Terezín »Theresienstadt«, ein Konzentrationslager, das die Nazis ein »Getto« für Juden nannten. Es war als Durchgangslager gedacht, also um Juden vorübergehend aufzunehmen, bevor man sie nach Auschwitz oder in andere Vernichtungslager weitertransportierte. Terezín war vom Rest des Landes isoliert und leicht zu bewachen, was es zum idealen Gefängnis für Juden machte. Der Welt wurde vorgegaukelt, Theresienstadt sei ein »Geschenk« Hitlers an die Juden, ein Ort, an dem die Lebensbedingungen gut waren und an dem die Juden vor den Unbilden des Krieges in Sicherheit waren. Die Nazis stellten eine ausgearbeitete Propaganda-Kampagne auf die Beine, um die allgemeine Aufmerksamkeit von ihrem systematischen Völkermord an den Juden abzulenken. Und das Ablenkungsmanöver funktionierte.

Es gibt zwar widersprüchliche Angaben darüber, wie viele Menschen genau nach Terezín gebracht wurden, doch es wird geschätzt, dass über 97000 tschechische Juden in Theresienstadt gestorben sind oder von dort in andere Arbeits- oder Vernichtungslager deportiert wurden – darunter 15000 Kinder. Nur 132 Kinder haben nachweislich überlebt.

Die Bedingungen in Theresienstadt waren entsetzlich. Hunger, Krankheiten, extreme Überbelegung, schlimmste hygienische Verhältnisse und die permanente Angst vor einer Deportation in ein Todeslager setzten den Insassen zu. Regeln, die täglich neu festgesetzt wurden, machten ihnen das Leben zur Hölle. Männer und Frauen wurden separat untergebracht, Kinder von ihren Eltern getrennt. Kontakte zwischen Erwachsenen waren ebenso reglementiert wie jeglicher Briefverkehr. Wer eines der vielen Gesetze übertrat, konnte geschlagen, an den Galgen gebracht oder deportiert werden.

Das Getto wurde auf einer Von-einem-Tag-zum-anderen-Basis vom Ältestenrat der Juden verwaltet, einem von den Nazis ernannten Ausschuss. Der Ältestenrat verwaltete alles, was mit der Organisation der Zwangsarbeit zu tun hatte, mit den Lebensmittelvorräten, den sanitären Einrichtungen und den Unterkünften. Er hatte auch die entsetzliche Aufgabe, diejenigen Juden auszusuchen, die nach Osten deportiert werden sollten, damit Platz geschaffen wurde für die neuen Juden, die beinahe täglich im Getto eintrafen. Der Rat wurde von tschechischen Soldaten überwacht, die im Getto auf Patrouille gingen. Die oberste Gewalt über das Lager lag in den Händen des Nazi-Kommandanten und seiner Gefolgsleute. Obwohl die Nazis sich in Theresienstadt nur gelegentlich blicken ließen, wurden sie von allen sehr gefürchtet.

All diesen schrecklichen Umständen zum Trotz fanden in Theresienstadt einige absolut unglaubliche Ereignisse statt. Im Getto gab es Musik, Kunst, Theater und andere kulturelle Veranstaltungen – ins Leben gerufen von einer Vielzahl begabter Musiker, Künstler und anderer herausragender Persönlichkeiten, die hier inhaftiert waren. Die Deutschen duldeten diese kulturellen Aktivitäten unter anderem auch, weil sie eine Möglichkeit darstellten, die Juden von dem ihnen bevorstehenden Schicksal abzulenken. Die künstlerische Betätigung verlieh den Häftlingen die falsche Hoffnung, dass sie am Ende doch überleben könnten. Zudem genossen die Nazis selber die Veranstaltungen und fanden sich zahlreich ein, um ihnen beizuwohnen.

Theresienstadt ist der Ort, an dem ich meinen Roman angesiedelt habe. Ein Ort der Angst und der ständigen Ungewissheit für die jungen Menschen der damaligen Zeit. Doch die Tragödie war auch der Boden, aus dem Mut und Vertrauen erwuchsen. In der Geschichte von Clara und ihrer Familie vereinen sich der Horror und die Hoffnung, die zu gleichen Teilen die Wirklichkeit von Theresienstadt bildeten.

1
Abschied von zu Hause

Clara packte ihren Bruder beim Arm und zerrte ihn hinter sich her. Der Weg aus der Stadtmitte nach Hause konnte sehr gefährlich sein, das wusste sie.

»Komm schon, Peter. Du musst schneller laufen.« Ständig musste Clara sich um ihren kleinen Bruder kümmern. Meistens machte es ihr auch nichts aus. Aber manchmal, wenn Peter herumtrödelte, so wie jetzt, hasste sie es aus ganzer Seele. Schlimm genug, dass ihre Eltern sie gezwungen hatten, Peter mitzunehmen, als sie die neuen Lebensmittelmarken holen ging. Die Schlangen vor dem Regierungsgebäude in Prags Hauptstraße waren elend lang, und man musste flink sein, um nach vorne zu gelangen. Es bestand immer die Gefahr, dass Soldaten oder irgendwelche Schlägertrupps auftauchten und anfingen Ärger zu machen. Denen kamen Juden, die sich um Lebensmittelmarken anstellten, gerade recht.

»Es ist besser, wenn ihr zu zweit geht«, hatte Papa gesagt. »Dann könnt ihr aufeinander aufpassen.« Clara wusste, was das bedeutete: Sie musste auf Peter aufpassen.

Zum hundertsten Mal griff sie in ihre Tasche, um sich zu vergewissern, dass die Essensmarken noch da waren. Sie holte eine der Karten heraus und sah sie an. Die Marken waren die Versorgungsader ihrer Familie und in diesen Tagen wertvoller als alles andere. Die Karte trug den Stempel des heutigen Tages: 12. März 1943. Die Lebensmittel, die man dafür bekam, würden etwa zwei Wochen reichen, dann würde Clara wieder losgehen und sich in die Schlange stellen müssen. Vielleicht konnte sie es beim nächsten Mal schaffen, sich aus dem Haus zu schleichen, ohne dass ihr Peter aufs Auge gedrückt wurde.

»Peter, wenn du nicht schneller machst, lasse ich dich hier stehen und dann finden dich die Nazis und stecken dich ins Gefängnis.« Wem versuchte sie da etwas vorzumachen? Um nichts in der Welt hätte Clara ihren elfjährigen Bruder in den Straßen von Prag allein zurückgelassen.

Peter schlurfte mit hängendem Kopf weiter und Clara starrte ihn frustriert an. Er war klein für sein Alter, dünn und knochig, und er hatte große grüne Augen, die oft unsicher, ja unglücklich dreinblickten. Peter war schon immer ein stilles Kind gewesen, ganz anders als Clara, der es mit ihren dreizehn Jahren nie an Worten fehlte. Claras Eltern staunten immer darüber, wie unterschiedlich ihre Kinder geraten waren. Clara war so neugierig und unbeschwert, Peter dagegen ganz in sich gekehrt und ernst. Auch äußerlich ähnelten sie sich kein bisschen, ganz so, als stammten sie aus zwei verschiedenen Familien. Während Peter blass und blond war, hatte Clara braune Locken, die zu ihren dunklen, lebhaften Augen passten. Und dann war da noch die Sache mit Peters Temperament. Immer wieder brauste er auf, wenn keiner damit rechnete, und beruhigte sich dann genauso schnell wieder. Peter war »kompliziert«. So wurde er von seiner Familie beschrieben.

»Wenn man ein bisschen was von dir und ein bisschen was von Peter zusammenwürfeln könnte, was meinst du, was wir für ein perfektes Kind hätten«, witzelte Papa manchmal.

Clara machte sich nichts daraus. Sie fand sich gut, so wie sie war, so offen und geradlinig. Sie hätte auf keinen Fall ernst und still sein wollen. Das überlasse ich gern Peter, dachte sie, umklammerte seinen Arm fester und zog ihn weiter durch die Straßen.

Hunderte, nein tausende Male war Clara den Weg in die Stadtmitte und zurück schon gegangen. Sie kannte jedes Gebäude. Da war zum Beispiel die öffentliche Schule an der Ecke. Mehr als drei Jahre war es nun her, dass es Clara und den anderen jüdischen Kindern in Prag verboten worden war, öffentliche Schulen zu besuchen – seit drei Jahren durfte sie schon nicht mehr mit ihren christlichen Freunden zusammen sein. Und sie fragte sich, wie lange sie wohl noch mit ihren jüdischen Freunden zusammen sein durfte, an der jüdischen Schule. Wahrscheinlich hatten ihre alten Freunde aus der öffentlichen Schule jetzt gerade Matheunterricht, oder vielleicht Geschichte, überlegte Clara. Aus einem Fenster im zweiten Stock drang ein Durcheinander von Tönen – das Streichorchester stimmte sich ein, um für eine Schulaufführung oder etwas Ähnliches zu proben. Auf dem Sportplatz drehte eine Gruppe von Schülern ihre Laufrunden.

Nach der Schule kam die Synagoge, die jetzt verlassen dalag, aber einst das blühende Zentrum des religiösen Lebens von Claras Familie gewesen war. Nun war die Tür verrammelt und auf die Außenmauer hatte jemand mit Großbuchstaben JUDEN RAUS gepinselt. Hinter der Synagoge lag der Park. Wie oft hatte Clara am Samstagvormittag den Gottesdienst geschwänzt, um mit ihren Freundinnen im Park zu spielen? Mitten in der Grünanlage wuchs eine unglaublich hohe Eiche, deren Stamm unten gespalten war. Jedes Jahr hatten Claras Eltern sie und Peter auf diesem Baum fotografiert. Sie sagten, dieser Platz schreie geradezu danach, dass man hier Fotos machte. Die Bilderfolge im Familienalbum hielt fest, wie die Kinder im Laufe der Jahre gewachsen waren und sich verändert hatten. Jetzt war Juden der Zutritt zum Park untersagt.

Selbst die Läden, die ihr früher so vertraut und verlockend vorgekommen waren, machten Clara nur traurig, wenn sie jetzt an ihnen vorbeiging. Frau Kleins Bäckerei, wo Clara und ihre Freunde früher mindestens einmal wöchentlich mit Puderzucker bestäubte Krapfen gekauft hatten, war schon seit langem geschlossen. Die Metzgerei von Herrn Kaufmann auch, in der alle jüdischen Familien ihr koscheres, den jüdischen Speisegeboten entsprechendes Fleisch gekauft hatten. Die Nazi-Gesetze, die es Juden verboten, Geschäfte jeglicher Art zu betreiben, hatten dazu geführt, dass die Läden dichtmachten. Aber was hätte es auch gebracht, ein Geschäft weiterzuführen, in dem kaum jemand einkaufen wollte? Die anderen Geschäfte – der Blumenladen, der Süßwarenladen, die Tuchhandlung – hatten noch geöffnet, aber die Schilder an ihrer Tür waren unmissverständlich: FÜR JUDEN KEIN ZUTRITT!

Die Besuche im Süßwarenladen vermisste Clara ganz besonders. Frau Shebek hatte den Kindern oft etwas zu naschen geschenkt, wenn sie auf dem Weg zur Schule hereinschauten. »Was Süßes für meine Süßen«, hatte sie immer gesagt. Jetzt sah sie Clara nicht einmal mehr an, wenn sie am Laden vorbeiging.

Für Claras Familie und alle anderen Juden in Prag hatte sich das Leben dramatisch verändert, seit die deutsche Wehrmacht die Stadt am 15. März 1939 besetzt hatte. Früher war es ein Spaß gewesen, durch die Straßen zu spazieren, und ein Abenteuer, wenn man in die Stadt ging. Aber Clara kam es vor, als sei das schon Ewigkeiten her. Im September 1938 war das Münchner Abkommen unterzeichnet worden, das den westlichen Teil der Tschechoslowakei Deutschland und der regierenden nationalsozialistischen Partei unter der Führung von Adolf Hitler zusprach. Trotz des Abkommens war in Europa 1939 Krieg ausgebrochen, als Deutschland Polen überfallen hatte, nordöstlich der Tschechoslowakei. Hitler war ein rücksichtsloser, grausamer Anführer; er hasste Juden und machte sie für alles Schlimme verantwortlich, was dem deutschen Volk je widerfahren war. Gleichgültig ob das Geschäft eines Deutschen schlecht lief, ob jemand arm oder arbeitslos war – an allem waren angeblich die Juden schuld. Seit dem Überfall auf Polen waren die Gesetze und Verordnungen, die für Juden in allen von den Nazis besetzten Gebieten galten, mit beinahe jedem Tag mehr geworden.

Claras Vater, ein angesehener Arzt, hatte seine Stelle am städtischen Krankenhaus etwa zur gleichen Zeit verloren, als es Clara verboten worden war, die öffentliche Schule zu besuchen. Zum Glück durfte Papa jetzt an einer jüdischen Klinik arbeiten.

Wie alle anderen musste Clara auch einen gelben Davidsstern auf den Kleidern tragen, damit sie als Jüdin zu erkennen war. Sobald man den Stern trug, hörten christliche Nachbarn wie Frau Novak auf, mit einem zu reden. Sie hatten Angst um ihre eigene Sicherheit. Erst letzte Woche hatte Clara miterlebt, wie Herr Novak einem alten jüdischen Mann zu Hilfe geeilt war, der von mehreren jungen Schlägern in die Mangel genommen wurde. Sofort war die Polizei eingeschritten und hatte sowohl Herrn Novak als auch den alten Mann verhaftet. In regelmäßigen Abständen wurden führende jüdische Persönlichkeiten festgenommen und weggebracht und niemand wusste wohin. Jüdische Haushalte wurden aufgefordert, ihre Wertsachen den Behörden auszuhändigen: Pelze, Schmuck, Stoffe, Silberwaren. Jedes Mal, wenn wieder ein solches Gesetz erlassen wurde, atmete Clara tief durch und sagte sich, das wird bestimmt das letzte sein. Ihre Eltern versuchten sie immer mit den Worten zu beruhigen, schlimmer könne es unmöglich kommen. Aber dann wurde es doch immer noch schlimmer, ein ums andere Mal.

»Nur noch eine Straße weiter, dann sind wir zu Hause«, sagte Clara und legte ihrem Bruder instinktiv einen Arm um die Schultern. Er schüttelte sie ab und stürmte voraus. Jetzt rennt er auf einmal, dachte Clara und hastete ihm nach. Sie eilten um die Ecke, lieferten sich ein Rennen – wer würde als Erster das Haus erreichen, in dem sie wohnten? Peter ist vielleicht klein, dachte Clara, aber wenn er will, kann er ziemlich schnell sein!

Peter stieß das schwere Eisentor auf und stürzte die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Clara jagte ihm hinterher.

Kaum hatte sie die Wohnung betreten, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihre Eltern standen schweigend im Wohnzimmer neben der Tür und starrten ohne ein Wort auf das Blatt Papier, das Papa in der Hand hielt.

»Was ist los, Papa?«, fragte Clara ängstlich. »Ist was passiert?«

Mama sah sie voller Sorge an. Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber kein Laut kam ihr über die Lippen. Langsam senkte sie den Kopf, wich den Blicken der Kinder aus. Nun war es an ihrem Mann, die Neuigkeiten zu verkünden.

»Das ist ein Bescheid … eine neue Verordnung …«, stammelte Papa. »Wir müssen von hier weg.«

»Wir fahren weg?« Das war das erste Mal, dass Peter etwas dazu sagte. Die runden Augen weit aufgerissen, kaute er nervös auf seinem Hemdsärmel herum, wie er es als kleiner Junge oft getan hatte.

»Wenn du damit meinst, ob wir in Urlaub fahren, dann lautet die Antwort leider: nein.« Papa schluckte trocken und sah seine Kinder an. »Wir haben Befehl bekommen, unsere Wohnung zu räumen. Wir werden woandershin gebracht.«

Ein heiseres Keuchen entrang sich Peters Kehle, während Clara stumm zu verstehen versuchte, was sie da eben gehört hatte. Wie war das nur möglich?

»Wohin, Papa?«, fragte sie schließlich.

»Der Ort liegt sechzig Kilometer nordwestlich von Prag. Die Deutschen haben einen Ort für die Juden aus Prag und anderen Städten errichtet. Es ist ein kleine Stadt, mit einer Mauer drum herum, wo wir Juden abseits von allen anderen Leuten leben sollen. Sie nennen es ›Getto‹. In dem Bescheid steht, wir bekommen dort eine Unterkunft und können ein normales Leben führen. Die Stadt heißt Terezín.«

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Terezín. Clara ließ das Wort auf der Zunge hin und her rollen. Sie erinnerte sich dunkel, den Namen schon mal gehört zu haben, im Geschichtsunterricht. War das nicht die Stadt mit der Festung, die Kaiser Joseph II. von Österreich vor mehr als zweihundert Jahren erbaut hatte? Sie wusste noch, dass die Festung errichtet worden war, um Prag vor Eindringlingen zu schützen. Und jetzt wurde ihre Familie gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen, um in diese fremde Stadt zu ziehen.

»Wann müssen wir weg, Papa?«, fragte Peter so leise, dass Clara ihn kaum hörte.

»Am 14. März 1943. In zwei Tagen«, antwortete Mama, als hätte sich das Datum aus dem Bescheid in ihrem Kopf eingebrannt. Sie sah sich voller Verzweiflung in der Wohnung um. »Wo sollen wir bloß mit dem Packen anfangen?« Ihre Augen wanderten von den liebevoll gesammelten Gemälden an der Wand zum Kaminsims, auf dem eine Porzellanfigur thronte – ein Hochzeitsgeschenk. »Was können wir mitnehmen?«, stieß sie hervor, während sie den Blick auf dem großen Bücherregal im Flur ruhen ließ. Sie war früher Buchhändlerin gewesen, liebte Bücher und hatte im Laufe der Jahre eine beachtliche Sammlung kostbarer Exemplare zusammengetragen, an der sie mit ganzem Herzen hing.

»Ich fürchte, nicht viel«, erwiderte Papa. »Wir dürfen nur vier Gepäckstücke mitnehmen, insgesamt fünfzig Kilogramm.«

»Und was lassen wir dann alles zurück?« In Mamas Augen glitzerten Tränen.

Alles, dachte Clara. Unser Zuhause, Freunde, Verwandte, Nachbarn, Kleidung, persönliche Erinnerungsstücke. Alles, was sie je gekannt hatte. Alles, was ihr vertraut war und ihr Sicherheit verlieh. Clara wirbelte herum, als Peter plötzlich in sein Zimmer rannte und die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zuschlug. Gedämpft drang sein wütendes Schluchzen zu ihnen heraus.

»Na los, Mama, Clara«, sagte Papa und nahm seine Brille ab, um sich die Augen zu wischen. »Wir haben viel zu tun.«

2
Der Tag des Umzugs

»Clara, ich sag’s jetzt schon zum dritten Mal, steh auf! Es ist drei Uhr morgens, und wir müssen doch bald am Bahnhof sein.« Claras Mutter beugte sich wieder einmal über ihre Tochter, um sie wachzurütteln, und seufzte frustriert, weil Clara sich nicht rührte.

»Nur noch fünf Minuten«, stöhnte Clara unter der Bettdecke. »Ich stehe gleich auf, ehrlich, wenn du mich nur noch fünf Minuten schlafen lässt.«

Eingehüllt in die Wärme und Dunkelheit ihres Zimmers, hatte Clara einen wunderbaren Traum gehabt und sie wollte daraus nicht aufwachen. Wie ein Vogel war sie über ihr geliebtes Prag hinweggeflogen, über seine herrlichen Gebäude, Denkmäler und Parkanlagen. Unter ihr rauschte das Wasser der Moldau der Karlsbrücke entgegen. Zu hunderten spazierten die Menschen durch die Stadt, blieben ab und zu stehen, um zuzusehen, wie Straßenkünstler die Prager Burg malten, oder um den Straßenmusikern zuzuhören, die für ein paar Münzen ihr Können darboten. Blumen blühten am Ufer der Moldau. Clara flog durch sich windende, kopfsteingepflasterte Gassen, unter Torbogen hindurch und an der Statue des heiligen Wenzel vorbei, die in der Mitte des Wenzelsplatzes stand. Es war, als sähe sie zum ersten Mal, wie schön ihre Stadt wirklich war, und Clara fühlte sich schwerelos und frei. Doch dann wurde sie mit einem Schlag wieder aus dem Traum gerissen, zurück zur Erde, zurück in die Wirklichkeit.

»Clara, steh jetzt auf!«, rief ihre Mutter wieder. »Es ist höchste Zeit.«

Seufzend kämpfte sich Clara aus dem Bett, ihrem letzten Vormittag in ihrem Zuhause entgegen. Ihr Koffer war bereits fertig gepackt. Jetzt musste sie sich nur noch waschen, sich anziehen und etwas essen, bevor es losging.

Clara stapfte auf den Kleiderhaufen zu, der auf einem Stuhl aufragte. Dann begann sie sich anzuziehen: drei Lagen Unterwäsche, zwei Paar Kniestrümpfe, zwei Röcke, zwei Blusen, drei Pullover und ein Kleid. Das war Mamas Methode, mehr Sachen zu »packen« als die, die ihnen als Gepäck zugestanden wurden.

Als sie fertig war, musterte Clara sich im Spiegel und versuchte vergebens, sich die langen, widerspenstigen dunklen Locken glatt zu streichen. Sie hasste ihre Locken. Wieso konnte ihr Haar nicht so schön glatt sein wie das ihrer Mutter, oder wenigstens blond wie das von Peter? Ihre braunen Augen blitzten im Spiegel. Wem sie in Terezín wohl begegnen würde? Dass Juden den Befehl erhielten, Prag zu verlassen, war für Clara nichts Neues. Immer wieder hatte sie mit angesehen, wie Freunde und Verwandte ihre Häuser verlassen mussten, mit so einem Bescheid in der Hand, wie sie ihn nun auch erhalten hatten. Doch irgendwie hatte Clara trotzdem immer geglaubt, das könne ihrer Familie nie passieren. Dass ihr Vater Arzt war, hatte ihnen im Krieg eine gewisse Sonderstellung eingebracht. Ärzte wurden in Prag immer gebraucht, selbst solche, die nur Juden behandelten.

»Das ist doch lächerlich«, sagte Clara laut und sah an sich herunter. »Ich sehe aus, als hätte ich fünf Kilo zugenommen.«

»Es ist aber wichtig, dass wir alles anziehen«, sagte Mama, als Clara sich zu den anderen an den Tisch gesellt hatte. Die letzte gemeinsame Mahlzeit in ihrer eigenen Wohnung. »Wer weiß, wie lange wir dort bleiben müssen. Wir müssen so viel Kleidung mitnehmen wie möglich.« Sie drängte Clara, noch ein Käsebrötchen zu essen und ihren heißen Tee auszutrinken.

Mamas Stimme klang entschlossen, aber ihre Augen waren müde und traurig. Die letzten beiden Tage war sie wie benommen durch die Wohnung geirrt. Immer wieder ertappte Clara sie dabei, wie sie vor einem alten Familienfoto stand, versunken in Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Seit dem Tag ihrer Hochzeit wohnten Mama und Papa schon in dieser Wohnung, und sie zu verlieren war so, als würden sie ein Mitglied ihrer Familie verlieren.

»Peter«, sagte Papa, »hast du deine Sachen fertig gepackt?«

Peter nickte wortlos und starrte noch finsterer als sonst vor sich hin.

»Kann ich meinen Fußball mitnehmen, Papa?«, fragte er dann. Fußball war Peters Ein und Alles. Die einzige Betätigung, bei der er richtig auflebte. Dass er so verblüffend schnell sein konnte, hatte ihn für seine Schulmannschaft zur Geheimwaffe gemacht. Selbst als er und Clara der Schule verwiesen worden waren, hatte er nicht damit aufgehört – er trainierte weiter jeden Tag, im Hinterhof ihres Hauses. Immer wieder beschwerten sich die Nachbarn, weil der Ball ständig gegen die Hauswände knallte und nur knapp die Fenster verpasste.

»Nein, mein Sohn, ich fürchte, der Ball muss hier bleiben. Wir haben Wichtigeres unterzubringen«, erwiderte Papa. »Aber vielleicht kannst du ja in Terezín Fußball spielen«, fügte er hinzu.

Kurz vor halb vier morgens hasteten Clara, Peter und ihre Eltern dann noch einmal durch die Wohnung, griffen sich letzte Habseligkeiten und stopften sie ins Gepäck. Was durfte mit, was musste dableiben? Welche Erinnerungsstücke mussten trotz ihres ideellen Wertes aus praktischen Überlegungen zurückgelassen werden, damit etwas Nützlicheres mitkonnte? Als sie schließlich fertig waren, begann Mama die Wohnung aufzuräumen, als hätte sich Besuch angekündigt.

»Wozu die Mühe, Mama?«, fragte Clara. »Wir wissen doch gar nicht, was mit der Wohnung passiert, wenn wir weg sind.« Mama und ihr ewiges Putzen!

»Ich will unser Zuhause in einem perfekten Zustand verlassen. So will ich es in Erinnerung behalten, damit ich nie vergesse, wie wunderschön es ist«, antwortete Claras Mutter.

Ihr Mann hob die Koffer auf und trug sie in den Flur hinaus. Clara eilte noch einmal in ihr Zimmer, um einen letzten Blick darauf zu werfen. Sie ließ den Blick durch den Raum wandern, musterte jeden Gegenstand, versuchte sich alles unauslöschlich einzuprägen – das weiße Himmelbett, die dazu passende Kommode und den ebenfalls weißen Schreibtisch, das Puppenhaus in der Ecke, mit seinen winzigen, handgeschnitzten Möbeln, die geblümte Tapete, die Papa unter Claras aufmerksamen Blicken an ihrem achten Geburtstag angeklebt hatte. Clara atmete tief ein, um die vertrauten Gerüche einzusaugen, sie ihrem Gedächtnis einzuverleiben. Wer weiß, wann ich wieder zurückkomme, dachte sie. Ich will nichts von dem hier vergessen, nicht das kleinste bisschen. Dann schloss sie die Tür hinter sich und ging zu den anderen ins Wohnzimmer.

Ganz zuletzt legte Papa den Wohnungsschlüssel auf den Esstisch. Plötzlich war das, was ihnen gehörte hatte, nicht mehr ihres. Tränen glänzten in Mamas Augen. Papa legte ihr tröstend einen Arm um die Schultern. »Na komm, wir müssen gehen.«

Mama blieb vor dem Wandschränkchen neben der Eingangstür stehen, strich langsam über das Holz. »Nur eine Minute noch … Ich möchte nur noch eine Minute haben …«, flüsterte sie, und die Tränen flossen schließlich über und strömten ihr die Wangen hinab. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so kommen würde – so schnell, so schmerzhaft.« Mama wirkte klein, besiegt.

»Wir müssen jetzt nach vorne blicken, Helena.« Papa streckte stolz und entschlossen den Rücken durch.

Peter vergrub das Gesicht tief in seinem Mantel, während Clara Papas Hand fest umklammerte. Nicht zurückschauen, dachte sie und versuchte sich an Papas starken Worten festzuhalten. Nur nach vorne blicken.

Die zwei Kilometer zum Bahnhof gingen sie zu Fuß – an Claras früherer Schule, an der Synagoge und dem Park vorbei. Wie lange würde es dauern, bis sie das alles wiedersah?

Als sie am Bahnhof ankamen, war es noch so früh, dass der Himmel noch dunkel war und der Morgen aussah wie Nacht. Ein kalter Wind plusterte die Zweige der Bäume nach allen Richtungen auf – als würden sie zum Abschied winken. Auf Wiedersehen, Prag, dachte Clara.

Im Deportationsbescheid hatte gestanden, sie sollten sich um fünf Uhr morgens am Bahnhof einfinden. »Lieber noch früher«, hatte Papa, klug wie immer, gesagt. »Wer weiß, wie viele andere Leute auch so Bescheide bekommen haben? Wir müssen dafür sorgen, dass wir im Zug Sitzplätze haben, sonst wird es sehr unbequem.«

Ich finde es jetzt schon sehr unbequem, dachte Clara, die unter den dicken Kleiderschichten schwitzte.

Es war gerade vier Uhr, als sie am Bahnhof ankamen. Aber sie waren nicht die Einzigen, die sich schon früher eingefunden hatten. Zu hunderten säumten die Menschen die Bahnhofstraße, drängelten und schubsten, um so weit wie möglich nach vorne zu gelangen. Clara dagegen wäre am liebsten so weit hinten geblieben wie möglich. Vielleicht würden sie dann ja nicht wegmüssen.

»Glaubt ihr, im Zug ist Platz genug für alle?«

Sie bekam keine Antwort. Irgendwann während der vergangenen beiden Tage hatten ihre Eltern aufgehört, auf viele ihrer Fragen zu antworten.

»Wieso müssen wir weg?«, hatte sie immer wieder gefragt.

»Weil die Behörden das sagen«, lautete die Antwort.

»Aber warum?«

»Weil das das neue Gesetz ist.«

»Und wenn wir uns weigern?«

»Wir können uns nicht weigern.«

»Warum nicht?«

Keine Antwort.

Schließlich schaffte es Claras Familie ans Kopfende der Schlange. Ein mürrisch dreinblickender deutscher Beamter saß dort an einem kleinen Schreibtisch.

»Ausweise«, bellte er.

Papa reichte ihm rasch die kleinen gefalteten Papiere mit ihren Fotos und dem großen J, das sie als Juden abstempelte. Klar und deutlich prangten die Namen auf der Vorderseite: Simon und Helena Berg und ihre Kinder Clara und Peter Berg. Statt der Ausweise bekam Papa vier Karten ausgehändigt, auf denen jeweils eine Nummer stand und die sie sich um den Hals hängen sollten. Es war, als würde man ihnen jetzt auch noch den Namen wegnehmen, wie vorher das Zuhause. Sie würden jetzt keine Papiere mehr brauchen, um sich auszuweisen, hieß es. Was hatte das zu bedeuten?

Als ihre Nummern aufgerufen wurden, griffen sie sich hastig ihr Gepäck und eilten mit vielen anderen zum Bahnsteig. Deutsche Soldaten kläfften ihnen Befehle zu. Alle stürmten in den Zug und machten sich auf die Suche nach Sitzplätzen. Papa kämpfte sich nach vorne durch und schaffte es schließlich, vier Sitze in einer Ecke zu ergattern. Andere hatten nicht so viel Glück und mussten im Gang stehen bleiben, zusammengedrängt wie Claras Puppen zu Hause, wenn sie sie schnellschnell in den Schrank stopfte. Alle Menschen wirkten verloren, zu Tode geängstigt.

Ein kleines Mädchen weinte an der Schulter seiner Mutter. »Ich will nicht in den Zug, Mama. Ich will wieder nach Hause«, schluchzte es.

»Schsch. Schon gut, meine kleine Süße, alles wird gut. Leg den Kopf an meine Schulter und schlaf ein bisschen.« Zärtlich strich die Mutter ihr über den Kopf, wiegte sie im Arm und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Als sie ihre Tochter auf die Stirn küsste, kullerten ihr Tränen über die Wangen. Clara wandte sich ab. Sie hätte am liebsten auch geweint, aber sie wusste, in ihrem Alter musste sie tapfer sein.

Langsam rollte der Zug aus dem Bahnhof, Richtung Westen, auf die Stadt zu, die ihr neues Zuhause werden sollte. Ein Zug voller verängstigter Menschen, die sich fragten, was ihnen in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten wohl bevorstand. Papas Gesicht wirkte erstaunlich ruhig. Aber Papa wirkte immer ruhig und Clara bediente sich seiner unerschütterlichen Kräfte, um ihre eigenen zu stärken. In Mamas Gesicht dagegen spiegelte sich ihre Angst wieder. Peter döste wie viele andere ein, vom steten Rhythmus der Lokomotive in einen flachen Schlummer gewiegt.

Wohin werden wir gebracht?, schrie eine schwache Stimme in Claras Kopf. Was erwartet uns dort? Werden wir in Sicherheit sein? Kehren wir jemals wieder nach Hause zurück? Die Verordnungen und Gesetze, die bisher erlassen worden waren, hatten ihr Leben verändert. Aber dieser Räumungsbescheid riss ihr Leben mittendurch, in zwei Hälften. Clara schloss die Augen und versuchte den Traum wieder einzufangen, den sie in der Nacht gehabt hatte. Aber sie bekam ihn nicht zu fassen.

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