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Die Kehrseite des Himmels

 

Ljudmila Ulitzkaja

 

Die Kehrseite

des Himmels

 

Aus dem Russischen

von Ganna-Maria Braungardt

 

Carl Hanser Verlag

Inhalt

Heiliger Kram

Alte Fotos

Das Ende der Kindheit

Beim Lesen der Gabe von Vladimir Nabokov

Der Mensch und seine Verbindungen

Kindheit: Mädchen und Jungen

Mein engster Kreis

Die Kunst des Nichtstuns

Mandelstam-Bronze

Eine Sekunde vor dem Aufwachen

Schlaflosigkeit

Eine Apologie der Lüge

Sag nein

Dankeswort an eine Ratte

Wenn Gott eine Frau wäre

Lilith, Medea und etwas Neues

Zu zweit sein, allein sein

Kultur und Politik

In der Metro

Die sechs Enkel von Jelena Mitrofanowna

Eingeschnürt

Schießplatz Butowo

Dubrowka-Theater – Beslan

Schluss mit der Toleranz

Niemand mag die Oligarchen

Braucht Russland einen Pinochet?

Leb wohl, Europa!

Heiligkeit

Neuheidentum von innen

Bruder Tod

Brust. Bauch.

   Präludium

   Anamnese

   Status praesens

   Cito!

   Aus dem Tagebuch

   Ein Kerem

   Hadassah

Abschied von Cogoleto

Nicht dazugehören

 

Anmerkungen der Übersetzerin

Heiliger Kram

Meine große Anhänglichkeit an Dinge – an ihre Geschichte, ihre Herkunft, ihre Geburt und ihren Tod – ließ mich in einem Karton alles sammeln, wovon ich mich schwer trennen konnte: eine Porzellanteeschale mit Sprung, in der mein Urgroßvater Rädchen und Sprungfedern von Uhren aufbewahrte, Reste eines chinesischen Teeservices, das mein erster Mann versehentlich samt Regal mit der Schulter zu Boden geworfen hatte, Großmutters Glacéhandschuhe (für Bälle!), die so klein waren, dass sie rissen, als eine pummelige Zwölfjährige sie anprobieren wollte, Urgroßmutters halb zerfleddertes Körbchen unbekannter Bestimmung, das stolze Abzeichen des Kalugaer Mädchengymnasiums der Madame Salowa und ein Stück Wachstuch aus der Entbindungsklinik mit dem Namen meines Cousins, der zehn Jahre nach mir zur Welt kam. All diese Sachen wollte ich irgendwann mal reparieren, restaurieren, kleben, flicken oder ihnen einfach einen Platz zuweisen. Dreißig Jahre lang habe ich sie von Wohnung zu Wohnung mitgeschleppt, bis mich bei einem meiner letzten Umzüge der Wunsch packte, aufzuräumen, mich von jeglichem Kram zu befreien, und ich all diese unnützen Kostbarkeiten auf den Müll warf. Für einen Augenblick schien mir, als hätte ich mich damit meiner Vergangenheit entledigt, als hätte sie mich nun nicht mehr im Würgegriff. Aber weit gefehlt: Ich erinnere mich an alle diese weggeworfenen Kleinigkeiten – an jedes einzelne Stück!

Diese Scherben und Überbleibsel der Vergangenheit waren eng mit immateriellen Dingen verbunden. Sie symbolisierten die wunderbaren Prinzipien und positiven Grundsätze, die Ideen und Vorstellungen, die ich übernahm und aus denen ich mir im Laufe meines Lebens ein Gebäude konstruierte, von dem ich manchmal sogar glaubte, es stehe nun auf festem Grund, aus meinen jahrelangen Bemühungen sei ein geschlossenes Weltbild erwachsen. Dieses Gerüst erwies sich als starr und unbequem wie eine mittelalterliche Ritterrüstung … Von Zeit zu Zeit beunruhigte mich das sehr – Gott sei Dank lenkten mich die alltäglichen Sorgen von der lästigen Suche nach einem höheren Sinn ab. Ich kann nicht behaupten, zu einem irgendwie relevanten Ergebnis gekommen zu sein. Ich neige dazu, Laborprotokolle über misslungene oder nur halb gelungene Experimente wegzuwerfen. Mein Karton ist wohl eher ein Modell, womöglich eine Metapher für das allgemeine Anhäufen von Gütern und die anschließende Befreiung davon.

Ich kann offenbar nichts wegwerfen. Das Bewusstsein hält an dem Plunder aus Glas, Metall, Erfahrungen und Gedanken, Wissen und Ahnungen hartnäckig fest. Was dabei wichtig und bedeutend ist und was ein Nebenprodukt der menschlichen Existenz, weiß ich nicht. Zumal der »Misthaufen« mitunter wertvoller ist als die »Perle«.

Mein Urgroßvater, ein kleiner Uhrmacher und lebenslanger Leser eines einzigen Buches, der Thora, achtete materielle Dinge nicht geringer als geistige: Er warf nie etwas weg, sei es aus Pappe oder aus Eisen, und brachte von der Straße mal einen krummen Nagel mit, mal ein rostiges Scharnier. Das alles legte er in Schachteln und schrieb darauf: 1-Zoll-Nägel, Türscharnier, Garnspule. Auf einer Schachtel entzifferten wir nach seinem Tod die Aufschrift: Ein Stück Schnur, das zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Aber warum hatte er es aufbewahrt? Man möchte sich doch von allem Überflüssigen, Unnötigen befreien …

»Eines Tages verliere ich Arme, Beine, Kopf, Alter, Geburts- und Sterbedatum, Nationalität und Beruf, eines Tages verliere ich meinen Namen, und es wird gut sein.« Diesen Gedanken habe ich selbst einmal notiert.

Alte Fotos

Aus biologischer Sicht wäre es viel exakter, den Stammbaum von der mütterlichen Linie herzuleiten. Streng genommen macht der mütterliche Anteil etwas mehr als die Hälfte aus! (Warum mehr als die Hälfte? Wegen der Gene in den Mitochondrien – den Organellen im Zytoplasma der Eizelle.) Dennoch leiten die meisten Kulturen den Stammbaum traditionell von einem männlichen Vorfahren ab, wobei sie von der fragwürdigen Annahme ausgehen, dass Frauen ihrem Mann immer treu seien.

Die Genetik hat mit der Molekulargenealogie, einem neuen Wissenschaftszweig, einen großen Sprung nach vorn gemacht. Im Ekklesiastes, einer Sammlung öder Banalitäten (in der jüdischen Tradition bekannt als Buch Kohelet, das König Salomo zugeschrieben wird), heißt es: »Wer sein Wissen mehrt, der mehrt seinen Schmerz.« Dem kann ich nicht zustimmen. Wissen, das auf dem Gebiet der Anthropologie (speziell auf dem der Genetik) gemehrt wird, weckt in mir Bewunderung und Zuversicht, der Ekklesiastes hingegen nichts als Langeweile.

Dennoch habe ich nicht vor, die Dienste eines Labors in Anspruch zu nehmen, das dank seiner Kenntnisse über die Struktur der Gene verblüffende Informationen über meine Ahnenreihe herausfinden kann. Mir genügt vollkommen, was ich über meine Vorfahren weiß.

Hier ein Teil meiner Familiengeschichte väterlicherseits. In meinem Schlafzimmer hängen zwei Fotos. Eins hat mir meine Cousine dritten Grades Olga Bulgakowa zum sechzigsten Geburtstag geschenkt. Es ist ein Abzug von einer Fotoplatte, von denen sie eine ganze Sammlung besitzt. Es zeigt unseren gemeinsamen Urgroßvater, den Uhrmacher Galperin. Er thront in einem Sessel in seiner Kiewer Werkstatt, im Jahr 1903. Er sieht aus wie ein Professor oder ein Senator. Offenkundig ein kultivierter Mann. Auf dem zweiten Foto – dieselbe Werkstatt im Jahr 1905, nach dem Pogrom. Zertrümmerte Möbel, umgekippte Tische, zerrissene Bücher. Die Bücher gehörten Michail, dem ältesten Bruder meiner Großmutter. Er studierte damals an der philologischen Fakultät der Kiewer Universität. Als der Schriftsteller Korolenko erfuhr, dass die Bücher des jüdischen Studenten beim Pogrom vernichtet wurden, schenkte er ihm 200 Bücher aus seiner eigenen Bibliothek. Diese Bücher wurden zum Grundstock für Michails Büchersammlung. Die Bibliothek war so wertvoll, dass sie vor Jahren sogar einmal unter Denkmalschutz stand. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an die goldenen und ledernen Buchrücken in Michails Moskauer Wohnung in der Worotnikow-Gasse – dort wohnen noch heute seine Enkelin Olga Bulgakowa und ihr Mann Sascha Sitnikow, zusammen mit ihrer Tochter Natascha und ihrer Enkelin Alissa. Sie alle, bis auf die erst ein Jahr alte Alissa, sind Maler.

Meine Großmutter Maria Petrowna, die Tochter jenes Uhrmachers, heiratete meinen Großvater Jakow Ulitzki. Aus ihrer Verbindung ging 1916 mein Vater Jewgeni hervor. Über meinen Großvater Jakow wusste ich bis zum letzten Jahr nur sehr wenig: Großmutter hatte sich 1936 von ihm scheiden lassen, als er wieder einmal inhaftiert war. Mein Vater erwähnte seinen Namen fast nie. Vor einem Jahr dann entdeckte ich den Briefwechsel meiner Großeltern, der 1911 begann und 1954 endete, nach seiner Freilassung aus der letzten Haft. Dieser Briefwechsel spiegelt die traurige Geschichte einer Zeit, in der bei uns die einen saßen, die anderen sie bewachten und die Dritten in der verzweifelten und erniedrigenden Angst vor jedem Klingeln, Klopfen oder Klappen der Fahrstuhltür lebten – mit der ständigen Angst vor dem System, das Stalin, »das große Genie der Menschheit«, etabliert hatte. Dem Briefwechsel nach zu urteilen war Großvater klug, begabt und musikalisch und hat sein Schicksal mit Würde getragen.

 

 

Großmutter Maria Petrowna Galperina (später Ulitzkaja)

mit ihrem Bruder

 

Von Großvater Jakow gibt es zwei Fotos: Das erste, von 1911, zeigt einen jungen Mann als Freiwilligen in Uniform, das zweite den alten Mann, der 1954 aus der Verbannung zurückgekehrt ist. Da hatte er nur noch gut ein Jahr zu leben. Ich habe auch noch viele andere Familienfotos von meinem Vater geerbt: vorrevolutionäre Gesichter, ganz anders als die heutigen – bei einem Picknick, an einem Tisch mit einer tiefhängenden Lampe darüber; Geschwister und Freunde von Großmutter und Großvater: Rasnotschinzen1, Studenten mit revolutionären Ansichten und wilder Mähne, Idealisten und Romantiker. Ach, wie sehr hat sie das Leben anschließend gebeutelt! Ihre Namen sind nicht überliefert, nur wenige Fotos sind beschriftet. Die meisten wurden in Kiew aufgenommen. Dort sind fast alle diese Menschen auch für immer geblieben – in Babi Jar.

 

 

Großvater Jakow Ulitzki, 1913

 

 

Großvater Jakow Ulitzki, 1954

 

Die mütterliche Linie sind die Ginsburgs. Das älteste Familienfoto der Ginsburgs wurde Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen, als Fotos noch etwas Neues und Seltenes waren. Es zeigt einen alten Juden mit der traditionellen Jarmulke auf dem Kopf. Das ist unser Stammvater, Isaak Ginsburg, mein Ururgroßvater. Wer sein Vater war, ist nicht mehr bekannt. Von Isaak weiß ich, dass er zur russischen Armee eingezogen wurde und sich in fünfundzwanzig Jahren zum Unteroffizier hochgedient hat. Die Jarmulke bedeutet vermutlich, dass er, wie alle Fremdstämmigen, als Rekrut getauft wurde, nach dem Armeedienst aber zum Glauben der Väter zurückgekehrt ist. Es ist belegt, dass er an der Einnahme von Plewna durch die Armee Skobelews beteiligt war und dafür mit dem Georgskreuz ausgezeichnet wurde. Dieses Kreuz lag bei den Nadeln und Garnen in Großmutters Handarbeitskasten. Ich habe oft damit gespielt und es wohl beim Spiel auf dem Hof verbummelt. Nach seinem Armeedienst erhielt Ururgroßvater Isaak Privilegien: Er durfte außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes leben. Er ließ sich in Smolensk nieder. Dort heiratete er auch. Er zeugte unzählige Kinder, die meisten davon starben im Säuglingsalter. Die Kindersterblichkeit war damals in Russland sehr hoch. Einer der überlebenden Söhne wurde Uhrmacher. Mein Urgroßvater Chaim. Auch von ihm besitze ich ein Foto. Die Fotos meiner beiden Uhrmacher-Urgroßväter, Galperin und Ginsburg, hängen nun nebeneinander. Die Nachkommen des Kiewer Uhrmachers sind aus ihrem provinziellen Milieu ausgebrochen – Großmutter war in jungen Jahren Schauspielerin, ihr Bruder Literat. Ein Beruf, den es heute wohl nicht mehr gibt.

 

 

Urgroßvater Jefim Isaakowitsch Ginsburg

 

Großmutter Maria Petrowna blickte auf die Familie Ginsburg herab: geistlose Kleinbürger! Die ihrerseits betrachteten Maria Petrowna mit leiser Verwunderung, aber ebenfalls missbilligend: Boheme! Während des Krieges brachte mein Großvater Ginsburg (Uhrmachersohn und schon fast Jurist – wegen der Revolution konnte er nicht zu Ende studieren, er arbeitete als Geschäftsführer eines Artels oder einer kleinen Fabrik) seiner Schwiegermutter oft Hirse zur Erhaltung des Leibes. Die Hirse nahm sie, doch Achtung gewährte sie ihm nicht: Schacher-Macher2! Sie hatte schließlich geistige Interessen und er nicht. Auch gesessen hat er nicht aufgrund eines verhängnisvollen politischen Paragraphen, sondern wegen eines Wirtschaftsvergehens.

Großvater Ginsburg wurde Anfang 1941 entlassen, kehrte aus dem Fernen Osten zurück und fand Arbeit in einem Bauunternehmen in Moskau. Zufällig kam Großvater Ulitzki etwa zur selben Zeit frei, und für ihn wurden die folgenden sieben Jahre zu den fruchtbarsten seines Lebens: Er beschäftigte sich mit der Demographie Russlands, schrieb ein Buch und promovierte. 1948 wurde er erneut verhaftet, wegen angeblicher Verbindungen zum internationalen Zionismus in Gestalt von Solomon Michoels, für den er irgendwelche Referate geschrieben hatte. Übermäßig Gebildete wurden aus dem Verkehr gezogen, ebenso wie in den vorhergehenden Jahren Überschüsse an Getreide beschlagnahmt worden waren. Mit wem Großvater Ulitzki diese glücklichen sieben Jahre zwischen den Haftstrafen verlebte, habe ich erst vor kurzem erfahren.

Die Familie Ginsburg – bis auf Großvater, der in der Beschaffungsabteilung eines Moskauer Bauprojekts arbeitete – war ab Juli 1941 in der Evakuierung im Ural, in Baschkirien. Großvater schickte der Familie Pakete.

Aus den Vorkriegsbriefen von Großvater Ulitzki weiß ich, dass er seinerseits zumindest bis 1936, bis sich Großmutter von ihm scheiden ließ, aus der Verbannung im Altai Lebensmittelpakete an seine Frau und seinen Sohn schickte. Er hatte damals drei Arbeitsstellen: als Klavierspieler im Kino, als Fremdsprachenlehrer und als Buchhalter einer Butterfabrik in Bijsk.

Ich wurde in Baschkirien geboren, im Dorf Dawlekanowo. Meine Großmutter Jelena Ginsburg hatte eine Ziege angeschafft, die tatarische Nachbarin brachte ihr das Melken bei. Die Nachbarin melkte geschickt und mühelos, Großmutter aber fürchtete immer, der Ziege Schmerzen zuzufügen. Großmutter hatte ihre Nähmaschine mit in die Evakuierung genommen – die alte Singer-Maschine steht noch heute bei mir. Damals nähte Großmutter für das ganze Dorf und verdiente damit ein Zubrot. Sie lebten alle in einer Hütte: die Vermieterin, Großmutter, meine Mutter Marianna, Mutters jüngerer Bruder Viktor und Tante Sonja. Großmutter Jelena und Sonja liebten einander wie Schwestern, aber sie waren keine Schwestern, sondern Tante und Nichte. Allerdings war die Nichte zwei Jahre älter als ihre Tante. Das kommt in patriarchalischen Familien vor, wenn die Töchter mit dem Kinderkriegen anfangen, während ihre Mütter selber noch fruchtbar sind. Sie waren mit zwei Brüdern verheiratet, mit Boris und Juli Ginsburg. Als der Ältere saß, unterstützte der Jüngere dessen Familie, und als der Jüngere an die Front ging, kümmerte sich der Ältere um dessen Frau. Sonjas Sohn meldete sich in den ersten Kriegstagen als Freiwilliger, und ihr Mann, Großvaters Bruder Juli, war ebenfalls an der Front. Er war nicht mehr jung und diente als Sanitäter in einem Feldlazarett. In Dawlekanowo lebte außerdem noch mein Urgroßvater mit seiner Thora.

 

 

Großmutter Jelena Ginsburg und Großvater Boris Ginsburg

noch vor ihrer Hochzeit 1916

 

Die Familie kehrte Ende 1943 nach Moskau zurück. Seitdem lebe ich hier. Meine Ginsburgs liegen alle auf dem Deutschen Friedhof. Auch Ulitzkis gibt es keine weiteren mehr. Sie sind entweder gestorben oder haben andere Namen angenommen. Ich bin die Letzte in unserer Familie. Der innerfamiliäre ideologische Konflikt zwischen den kleinbürgerlichen Ameisen, die sich nur um ihr täglich Brot kümmern, und den Boheme-Libellen mit den höheren Interessen ist vorbei. Ich glaube, die Versöhnung habe ich bewirkt, als eher rationale Vertreterin der Boheme.