Logo weiterlesen.de
Die Katze und der Killer

Inhalt

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

Über dieses Buch

Jim Glew ist Privatdetektiv im Ruhestand. Mit der Liebe zu seinem Beruf hat er auch seinen elfjährigen Sohn Bruno angesteckt, der überall ein Verbrechen wittert. Bruno liebt nur eins mehr, als Detektiv zu spielen, und das ist seine Katze Mildred. Zu gern würde er ihre Streifzüge miterleben, daher bindet er ihr ein Halsband mit einer winzigen Kamera um. Eine Kamera, die plötzlich von größter Wichtigkeit ist: Als die Nachbarin brutal ermordet wird, findet die Polizei am Tatort blutige Pfotenabdrücke. Brunos Katze scheint den Täter gefilmt zu haben, ist aber seither spurlos verschwunden. Jim und Bruno stürzen sich in die Ermittlungen, fest entschlossen, Mildred – und den Täter – aufzuspüren …

Über den Autor

Sam Gasson lebt mit seiner Frau in Horsham, einer historischen Marktstadt in Südengland. Tagsüber unterrichtet er Englische Literatur in einer Sekundarschule, und seine Abende verbringt er am Schreibtisch und ersinnt eigene Geschichten. Die Katze und der Killer ist sein Debütroman.

In einer mondhellen Küche liegt eine Frau mit eingeschlagenem Schädel.

Sie ist nur dürftig mit einem gepunkteten Schlafanzug bekleidet, genau die Sorte, die man nicht wählen würde, wenn man wüsste, dass man bald im Mittelpunkt einer Mordermittlung stehen wird. Ihre Kopfhaut hat die Farbe zerdrückter Heidelbeeren. An ihrer linken Hand fehlt der Ring.

Blut strömt noch immer aus der Wunde, sickert in das ausgetretene Laminat.

Ihre Leiche wird erst am Morgen gefunden werden, wenn ihr Ehemann mit einem fürchterlichen Kater aufwacht. Jeder wird sagen, dass er es getan hat, immerhin ist er in der Nachbarschaft für seine Wutausbrüche bekannt.

Ihr Sohn, ein sensibler Junge, wird bald auch seinen Vater verlieren. Noch umklammert er einen Teddybären und träumt davon, am Wochenende einen goldglänzenden Fisch zu fangen.

Von der Blutlache aus, die sich an der zertrümmerten Schädeldecke der Frau gesammelt hat, zieht sich eine Spur roter Pfotenabdrücke über den Fußboden. Sie führen zu einem offenen Fenster.

MONTAG, 28. JULI

1

»Schau mich nicht so an«, sagte Jim, während er seine letzten Besitztümer aus der Schreibtischschublade räumte. Er warf seinen Locher, zwei Päckchen mit Aktenbindern und ein Portemonnaie mit gefälschten ID-Karten in eine schwarze Mülltüte. »Mein Sohn hat schon was dagegen, dass ich den Beruf wechsele. Wirf du mir das nicht auch noch vor.«

Jim zog den Füller aus dem Maul des grünen Seefroschs auf seinem Schreibtisch, dann die Tintenpatronen aus dessen kleinerem, giftigem Gefährten.

»Ich weiß, dass die besten Detektive ihr Privatleben dem Job unterordnen«, sagte Jim, ohne eine Erwiderung zu erwarten. »Aber meine Familie braucht mich. Mein Junge hat ein Recht auf seinen Vater. Ich habe versprochen, dass ich künftig mehr Zeit in meine Ehe investiere.«

Jim holte seine Kameras aus der untersten Schublade des Aktenschranks, umwickelte sie mit Luftpolsterfolie und legte sie in einen Karton. Bruno würde sich einige davon aussuchen, der Rest würde in einem Secondhand-Laden für wohltätige Zwecke landen. Mit schwarzem Marker schrieb er Aufbewahren in die Mitte des sternförmigen Aufklebers und pappte ihn auf die Box.

»Ich höre dir nicht mehr zu.« Jim wandte sich ab. »Du kannst mich nicht umstimmen. Wir wissen beide, dass ich zum alten Eisen gehöre. In meinem Ausweis steht 48, aber ich fühle mich viel älter. Das Detektivhandwerk hat sich verändert – der Job ist heute ganz anders. Meine Fähigkeiten braucht keiner mehr. Alles findet am Computer statt. Damit kenne ich mich nicht aus, und das wird sich auch nicht mehr ändern. Ich bin nicht für die digitale Welt gemacht.«

Er nahm alte Fallakten aus einer anderen Schublade. Die Unterlagen waren nach Datum sortiert, die älteste stammte vom 21. Januar 1986. Die Mappe war gelb, das Zeichen für gelöst. Jim blätterte durch die Bilder und Notizen seines ersten Falls. Es handelte sich dabei um einen Überwachungsauftrag für die Besitzer des West Piers. Sie hatten befürchtet, die Schäden durch eine Serie nächtlicher Einbrüche könnten den Verkauf des Piers an einen Investor behindern. Drei Nächte lang hatte Jim mit seiner neuen Canon A-1 im Anschlag auf einer Matratze campiert, während die Seebrücke im stürmischen Wind von Brighton knarzte und schwankte. In der letzten Nacht entdeckte er zu seiner Überraschung, um wen es sich bei den Eindringlingen handelte.

»Ich weiß noch genau, wie langweilig und ernüchternd das Ende dieses ersten Falls war«, sagte Jim, als er zu dem Foto kam, das ihm als Beweismittel seinen ersten Gehaltsscheck eingebracht hatte. »Die Arbeit eines Detektivs ist einsam. Du hast nicht gesagt, wie öde sie oft sein kann. Du hast die Einsamkeit verklärt.«

Jim schmunzelte. Es hatte sich herausgestellt, dass es sich bei den Vandalen um eine Gang hinterlistiger Füchse handelte, die eine Unterhöhlung des verrottenden Piers zu ihrem Bau auserkoren hatten. Auf dem Foto war ihr nächtliches Treiben zu sehen.

»Aber ich habe meinen Job geliebt. Und ohne dich hätte ich ihn nicht ergriffen.«

Als die Kisten im Büro fertiggepackt waren, rief Jim das Umzugsunternehmen an und wiederholte noch einmal, wie damit zu verfahren sei: die mit den roten Aufklebern in die Müllverbrennungsanlage, die mit den grünen in die St. Andrew’s Road Nummer 13. Dann rief er sich ein Taxi.

Er konnte sich kaum vorstellen, dass dies die letzten Minuten in seinem Büro sein sollten. Der muffige Geruch und die Ratten, die unter seinem altgedienten Schreibtisch über die Dielen huschten, würden ihm fehlen. Es war zu spät, um beim Verkauf einen Rückzieher zu machen, und außer der heftigen Wehmut, die ihn überfiel, gab es keinen Grund, die Räumlichkeiten zu behalten. Es wäre schön gewesen, wenn Bruno das Geschäft eines Tages übernommen hätte, aber er war erst elf, und es würde noch Jahre dauern, bis er ein Büro bräuchte. Das Gebäude war in einem so desolaten Zustand, dass man es nicht mehr vermieten konnte, und außerdem war eine Supermarktkette an dem Grundstück interessiert, um dort einen kleinen Express-Markt zu eröffnen. Es zu verkaufen war der einzig logische Weg.

»Ich höre gar nicht hin.« Jim warf einen Blick auf seine Armbanduhr – er war spät dran fürs Frühstück. »Ich weiß sowieso, was du sagen wirst, und du wickelst mich nicht ein. In genau einer Woche trete ich meinen neuen Job an. Das Leben als Bibliothekar wird meinem Herzen und meiner Familie besser bekommen. Und ich verspreche dir, dass ich für dich ein warmes Plätzchen finde.«

Jim erhob sich aus dem Stuhl, dessen Lehne seinem Rücken zwanzig Jahre lang freundliche Unterstützung geleistet hatte. Er blickte in den kleinen Spiegel neben der Toilettentür. Ein frühzeitig gealterter Mann starrte zurück. Nur Jims Brille war modern. Sie war für Männer entworfen worden, die halb so alt waren wie er: eine modische Hornbrille mit dickem braunem Rand, die wuchtig war und ihn gebildet ausschauen ließ. Für die übergroßen Gläser hatte Jim zugezahlt. Sie setzten seine Augen in Szene, ließen sie allsehend und etwas vergrößert erscheinen. Zu seinen besten Zeiten hatten Fremde ihn angestarrt. An der Kasse war er oft darauf angesprochen worden, wie hypnotisierend seine Augen durch die Brille wirkten. Verdächtige waren nervös geworden und hatten sich auf ihrem Sitz gewunden. Jim mochte seine Augen. Sie waren der Teil seines Körpers, dem er noch immer am meisten vertraute.

Seine Fahrgelegenheit hupte auf der Straße. Morgens waren Jim Taxis am liebsten.

Zum Abschluss nahm er den letzten roten Aufkleber und pappte ihn auf die Stirn von Philip Marlowe, dessen Filmplakat über dem Kamin hing. Marlowe rauchte eine Camel, er sah enttäuscht aus. Mit schwarzem Marker schrieb Jim Verbrennen auf den Sticker.

»Verzeih mir bitte«, bat Jim.

Philip Marlowes Gesicht war anzusehen, dass er das nicht tun würde.

2

Die Sommerferien waren erst einen Tag alt, und schon war das erste Verbrechen zu verzeichnen. Da er als Sohn eines ehemaligen Privatdetektivs gut gerüstet war, ging Bruno davon aus, dass der Fall in einer Woche unter Dach und Fach sein würde.

Während er sich am Frühstückstisch wie ein Wilder Cornflakes in den Mund schaufelte, erklärte Bruno, was ihn beschäftigte. »Jemand macht sich an ihr zu schaffen«, sagte er, ohne sich die Zeit zum Schlucken zu nehmen.

»Mal langsam«, sagte Jim. »Was meinst du damit, er macht sich zu schaffen

»Er macht sie sich gefügig«, erwiderte Bruno, hielt für einen Moment inne und ließ sich seine Wortwahl auf der Zunge zergehen. »Das hatten wir in der Schule. Sie benimmt sich ganz anders als sonst. Das ist unheimlich.«

»Noch etwas?«, fragte Helen, Brunos Mum, die als Lehrerin geübt war, jede Art von Übergriffen zu erkennen. »Iss langsamer, Bru. Ich bekomme Magenschmerzen, wenn ich dir nur zusehe.«

»Sie ist ganz verschlossen. Irgendetwas beunruhigt sie.«

»Als ich gestern Abend mit ihr gesprochen habe, ist mir nichts aufgefallen«, sagte Jim.

»Und sie hat zugenommen. Habt ihr das nicht gemerkt?«

»Schon, glaub ich«, sagte Helen. »Sollen wir jetzt die Polizei rufen?«

Bruno unterbrach die fließbandartige Zufuhr von Cornflakes. Er starrte den Löffel an und stieß einen verdrossenen Seufzer aus. Die Polizei kann so was sicher nicht lösen.

»Ich werde das untersuchen«, verkündete Bruno, bevor er sich wieder seinen Frühstücksflocken widmete. »Ich bringe euch beim Abendessen auf den neusten Stand.«

»Wo ist sie gerade?«, fragte Helen.

»Auf dem Sofa, sie schläft«, sagte Bruno. »Sie schnurrt heute in einem anderen Takt. Ihr Schnurren hört sich traurig an.«

Nach dem Frühstück putzte sich Bruno die Zähne und zog sich an. Jeder große Detektiv hatte eine Garderobe, an der man ihn erkennen konnte. Bruno hatte wochenlang gründlich darüber nachgedacht. Schließlich hatte er sich für Gestricktes mit Katzenmotiv entschieden. Auf dem heutigen Pulli war eine weiße Katze mit der Maske eines Einbrechers zu sehen.

Mildred lag noch immer im Wohnzimmer auf dem Sofa, eingehüllt in warmes Sonnenlicht. Ihr Schwanz war im Schlaf zu einem Fragezeichen geformt. Einen Moment lang stand Bruno da und betrachtete seine Katze, die mit drei weißen Pfoten und dem schwarzen Fleck über ihrem Mäulchen, der an einen Schnurrbart erinnerte, eine seltene Schönheit war.

»Wach auf«, sagte Bruno und stupste die träge Katze mit seinem Bleistift an.

Doch Mildred weigerte sich, auch nur eines ihrer roten Augenlider aufzuschlagen, und so versuchte Bruno, sie wach zu kraulen, indem er sich ihrem weißen Kinn und ihrem samtweichen Bauch zuwandte. Dies entlockte ihr lediglich ein Schnurren, ansonsten gab sich Mildred unbeeindruckt.

»Wach auf, Katze!«, rief er im Befehlston und überlegte, ob er bellen sollte. Bruno, der elf Jahre alt war und alle Tiere liebte, sogar die Weberknechte, die sich nachts von den Wänden seines Dachzimmers herabließen, entschloss sich zu einem übertriebenen Hustenanfall. Mildred döste weiter.

»Ich gebe dir eine Stunde«, sagte Bruno, »dann bringe ich dich ins Tierheim zurück und tausche dich gegen einen Hund.«

Mit der schnarchenden Mildred an seiner Seite schlug Bruno das Buch Geheimnisse der felinen Körpersprache auf und vertiefte sich in das Kapitel über die Deutung von Schwanzhaltungen. Er sah auf, als sein Vater eintrat.

»Eine gekrümmte Schwanzspitze deutet auf Unsicherheit hin«, sagte Bruno, indem er auf Mildreds pelziges Fragezeichen deutete. »Ich muss herausfinden, wo sie sich herumtreibt. Nicht mehr lange, und wir werden wissen, wer sich Mildred gefügig machen will.«

»Das hier könnte dir helfen«, sagte Jim mit geheimnisvoller Miene und drückte Bruno ein Päckchen in die Hand.

»Was ist das?«

»Mach es auf«, sagte Jim.

Bruno riss die Verpackung auf und sah sich die Schachtel genau an, die darunter zum Vorschein kam.

»Es ist ein Kamerahalsband«, sagte Jim. »Damit wirst du sehen, wo Mildred hinläuft.«

»Das ist perfekt«, sagte Bruno, und seine Fantasie schlug bei dem Gedanken Kapriolen, dass er auf einem der Schleichgänge seiner Katze durch die Nachbargärten dabei sein konnte.

»Ich würde dir ja anbieten, dass ich beim Zusammenbauen helfe, aber du kannst so was viel besser als ich.«

»Danke, Dad.«

Bruno las die Anleitung vollständig durch, so wie sein Vater es ihm beigebracht hatte, und hielt nur inne, um die Batterien der Kamera ins Aufladegerät zu stecken. In drei Stunden würden sie verwendbar sein.

Der Rasenmäher eines Nachbarn war es schließlich, der Mildred aus dem Schlaf auffahren ließ. Die Katze gähnte, streckte ihr Rückgrat zu ungeahnter Länge durch und lief los. Bruno folgte Mildred auf ihrer Reise durchs Haus in gebührendem Abstand, um ihre Route nicht zu beeinflussen. Auf leisen Sohlen und, wann immer nötig hinter einem Möbelstück verborgen, blieb der Junge inkognito – ein köstliches Wort, das er von seinem Vater gelernt hatte.

Zu seiner Enttäuschung ließen Mildreds Bewegungen wenige Rückschlüsse auf ihr geheimes Leben zu. Sie frühstückte am Napf in der Küche. Als Nächstes putzte sie sich, was Bruno langweilte. Dann jagte sie eine Motte über die Arbeitsplatte, unter der sich der Geschirrspüler befand, und Bruno amüsierte sich darüber, wie ihr Schwanz bebte, während sie das Insekt mit den Pfoten langsam zu Tode haschte. Der Tag schritt auf diese Weise voran, und Mildreds kläglich kurze Konzentrationsspanne erstickte jeden von Brunos Versuchen, ein klares Verhaltensmuster ausfindig zu machen, im Keim.

Am Nachmittag kam Dean ohne Ankündigung zum Spielen. Die Jungen besuchten dieselbe Grundschule, und Dean wohnte schräg gegenüber.

»Bruno?«, rief Dean von der Veranda aus, weil er seinen Freund nirgends entdecken konnte.

Bruno saß beim leeren Planschbecken, bereit, seiner Katze die aufgeladene Halsbandkamera umzubinden. Der Garten von Haus Nummer 13 war für ein Reihenhaus großzügig bemessen. Die weite Rasenfläche lud zu Ballspielen ein und war groß genug für einen Schuppen, einen prächtig gedeihenden Teich und eine Reihe üppiger Bäume und Sträucher, die Mildred und Bruno reichlich Platz zum Verstecken boten.

»Pssst«, flüsterte Bruno und winkte ihn zu sich herüber.

Dean setzte sich neben seinen Freund aufs weiche Gras.

»Was machst du?«

»Ich observiere meine Katze«, sagte Bruno und deutete auf Mildred, die einem Rotkehlchen am Futterhäuschen auflauerte.

»Katzen sind langweilig«, sagte Dean und zog eine Stöpselpistole aus seiner Socke, die er lud, indem er ihren Lauf in eine halbe Kartoffel pikste, die er aus seiner anderen Socke holte. »Die schlafen und fressen doch nur.«

»Nicht alle Katzen«, widersprach Bruno. »Mildred erkennt sich im Spiegel, wenn man sie davorhält. Das ist äußerst ungewöhnlich.«

Bruno raschelte mit einem Päckchen Katzenkäsecracker, um Mildreds Aufmerksamkeit zu erregen, aber vergebens.

»Möchtest du ein Sherbet Lemon?«, fragte Dean und kramte aus der Tasche seiner Trainingshose eine Tüte der Zitronenbonbons mit Brausepulverfüllung.

»Nicht so laut«, sagte Bruno und nahm sich eine der gelben Süßigkeiten, ohne die Augen von der lauernden Katze zu wenden.

»Hab ich geschenkt bekommen.« Dean erzählte, dass ihm ein Mann das Tütchen angeboten hatte, als er am Morgen zum Angeln im Park gewesen war.

»Warum sollte er dir eine Tüte Süßigkeiten schenken?«, forschte Bruno, plötzlich hellhörig geworden. Er wusste, dass das Verbrechen überall lauerte und dass man niemandem trauen durfte, am allerwenigsten Männern, die Sherbet Lemons an elfjährige Jungs verteilten. Bruno wusste aber auch, dass es in Brighton wahrscheinlich niemanden gab, der Dean im Flunkern etwas vormachte. Einmal hatte er Bruno erzählt, er hätte beim Angeln am Strand einen Buckelwal gefangen.

»Er hat gesagt, ich könnte die Süßigkeiten behalten, wenn ich ihm einen Gefallen tu«, sagte Dean, lutschte an seinem Bonbon und zielte mit der Stöpselpistole auf Mildreds Singvogel. Die Katze spannte die Hinterläufe an und machte sich zum Sprung bereit.

»Was für einen Gefallen?«, fragte Bruno.

»Weiß ich noch nicht. Er meinte, er sagt es mir, wenn wir uns das nächste Mal im Park treffen. Und er kauft mir noch mehr Süßes, Schokolade, wenn ich will. Wir haben abgemacht, bald mal nachmittags zusammen angeln zu gehen. Oder auch nachts, sagt er.«

»Ich dachte, du darfst nicht allein in den Park.«

»Darf ich auch nicht. Meine Eltern zoffen sich schon wieder. Die dachten, ich bin hier bei dir.«

Bruno blickte forschend in Deans Gesicht. Er war sich zu fünfundsechzig Prozent sicher, dass sein Freund log. Am Anfang des Schulhalbjahres hatte ihr Lehrer ihnen im Unterricht einen Zeichentrickfilm über die Begegnung mit gefährlichen Fremden gezeigt, der Vorsicht, Fremder! hieß. Deans Aussage erinnerte zu sehr an die Cartoongeschichte, um als unverdächtig gelten zu können.

»Du hast schon wieder ’ne Beule an der Stirn«, sagte Bruno.

»Fußball«, erwiderte Dean, ein wenig zu beiläufig. Er zog am Hahn der Stöpselpistole, obwohl dieser Hebel keine wirkliche Funktion hatte.

»Erzähl deiner Mum das mit den Sherbet Lemons«, sagte Bruno, der sich noch nicht ganz sicher war, ob sich hier bereits das zweite Verbrechen dieser Ferien abzeichnete. Deans Eltern waren knapp bei Kasse, wie Bruno aus einem Gespräch wusste, das er zufällig belauscht hatte. Wahrscheinlich hatte Dean die Süßigkeiten bei Mr Simner’s geklaut, weil ihm seine Eltern kein Taschengeld mehr geben konnten und es Dean zu peinlich war, das einzugestehen.

»Er sagte, ich hätte so eine süße Art«, fügte Dean hinzu, ein Satz, von dem Bruno annahm, dass er ihn aus dem Dialog von Vorsicht, Fremder! entwendet hatte.

Genau in diesem Moment beschloss Mildred anzugreifen und stürzte sich auf das Vogelhäuschen. Das Rotkehlchen war schneller als die Katze aus dem Hinterhalt und flatterte auf, bevor Mildreds ausgefahrene Krallen es erwischen konnten.

»Noch mal Glück gehabt«, sagte Dean, mit einer Stimme, die in Brunos Kopf Alarmglocken schrillen ließ, weil er nicht wusste, ob Dean über sich oder die Katze sprach.

Von dem Knistern der Crackertüte angelockt, trabte Mildred kurz darauf zu den Jungen hinüber. Sie schnupperte an Deans Trainingshose und ließ sich dann auf Brunos Schoß nieder, wo sie sich wie eine verwöhnte griechische Göttin ausstreckte. Ungerührt nahm Mildred hin, dass etwas an ihrem Halsband angebracht wurde, vielleicht, weil sie Brunos Fingern vertraute, vielleicht aber auch, weil er sie während des Eingriffs mit Käseleckerli fütterte. Die Kamera war so groß wie ihre Pfote. Sie wirkte klobig und altmodisch wie eins der Gadgets aus den Science-Fiction-Filmen, die vor Brunos Geburt gedreht worden waren.

»Die Batterie der Kamera reicht für 48 Stunden Video- und Audioaufnahmen«, zitierte Bruno die Anleitung. »Wenn Mildred sie trägt, kann ich ihre Bewegungen auf dem Computer meines Vaters verfolgen, weil die Kamera ein GPS-Signal sendet. Wenn man die Kamera an den Computer anschließt, kann man das Material sichten.«

»Du kannst es nicht live sehen?«, fragte Dean.

»Erst danach. Los, Mildred«, ermunterte Bruno sie, nun, da die Kamera befestigt war und aufnahm. »Zeig uns, wo die Katze langläuft.« Selbst als Bruno ihr einen sanften Stups in die Flanke verpasste, blieb Mildred mit geschlossenen Augen auf Brunos Schoß liegen. »Na los, Milly. Nicht so schüchtern.«

Bruno setzte Mildred ab. Die Katze knabberte einen Moment lang an einem Gänseblümchen, im nächsten schlummerte sie wieder ein.

»Lahme Katze.« Bruno tat so, als würde er Mildred mit einem Zweig piksen.

In diesem Moment feuerte Dean seine Stöpselpistole ab. Doch es war nicht das wenig eindrucksvolle Kartoffelplopp, das Mildred mit einem Satz in die Hecke flüchten ließ, sondern Deans grimmiger Tarzanschrei.

»Eine Frage noch«, sagte Bruno, weil ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoss. »Wie sah dieser Mann aus?« Er erwartete, dass Deans Beschreibung nur ein Abklatsch des unheimlichen Fremden aus Vorsicht Fremder! sein würde. In dem Trickfilm war der Süßigkeitenspender ein mittelalter Mann, dessen Gesicht im Schatten lag, der einen langen Mantel trug und auf dessen dürrer, nervös zuckender Nase eine runde Brille saß.

»Er war ziemlich jung. Sein Mund sah aus wie der von ’nem Karpfen«, sagte Dean.

Das Detail blieb in Brunos Gedächtnis haften. Es klang viel zu genau, um eine Lüge zu sein. Bruno ließ Dean den anstößigen Mund in sein Detektivnotizbuch zeichnen.

»An welche anderen Einzelheiten erinnerst du dich? Wie alt war er? Was hatte er an?«

Dean zuckte mit den Schultern; das Verhör schien ihn zu langweilen.

»Erzähl’s deiner Mum«, wiederholte Bruno, in dessen eifrigem Verstand sich bereits eine neue Ermittlung abzeichnete. Die Jungen spielten noch eine Weile im Garten. Dean jagte am Teich Frösche. Bruno machte sich derweil zur Aussage seines Freundes umfassende Notizen.

3

Deans Worte gingen Bruno nicht aus dem Kopf, und so betrat er am späteren Nachmittag Mr Simner’s, den Süßwarenladen am Ende der Straße.

Mr Simner’s war auf Süßigkeiten von anno dazumal spezialisiert. Die Reihen riesiger Bonbonnieren in den Regalen an den Wänden lockten mit zuckrigen Hits aus der guten alten Zeit, »als Süßes noch süßer war«. Das verkündete jedenfalls der Slogan auf der altmodischen Kasse, die eher aussah wie eine Schreibmaschine.

Neben den Verkaufsschlagern wie harten Fruchtgummis, türkischem Lokum und Brighton Rocks – den für Brighton typischen Zuckerstangen – bot Mr Simner’s ein Sortiment besonderer Karamellbonbons an, die von Herstellern aus der näheren Umgebung stammten. Das Toffee wurde in Form schimmernder Scheiben angeliefert. Diese Scheiben wurden mit einem Rollholz oder einem Toffee-Hämmerchen in veräußerliche Stückchen zerteilt. Die Ladeninhaberin war gerade am Werk, als Bruno das Geschäft betrat.

Seiner Mutter hatte Bruno erzählt, dass er eine Tüte Bullseyes erwerben wollte. Doch die schwarz-weiß-gestreiften Kugeln mit dem Minzgeschmack waren nicht der Grund für seinen Besuch. Da Bruno immer noch über Deans Geschichte nachgrübelte, betrat er Mr Simner’s im Zuge seiner neuen Ermittlung. Er suchte die Regale systematisch ab, ging eine Reihe nach der anderen durch. Als er alles gesehen hatte, begann er noch mal von vorn, um das Ergebnis zu überprüfen.

»Haben Sie Sherbet Lemons?«, fragte Bruno, als er sich sicher war.

Mr Simner’s wurde nicht mehr von Mr Simner geführt, seit dieser vor fünf Jahren an Leukämie gestorben war. Der Laden gehörte nun Mrs Simner, die ihn nicht nur leitete, sondern auch die Einzige war, die dort arbeitete. Bruno war zu dem Schluss gelangt, dass diese Frau Kinder entweder für Diebe oder für Bakterienschleudern hielt, meist jedoch für beides. Sie allein durfte die Schippe in die Gläser mit dem kostbaren Süßkram versenken. Mrs Simner hatte die Figur eines Sumoringers, obwohl sich Bruno dunkel an eine Zeit erinnern konnte, in der ihre Arme noch nicht fett und rot gewesen waren.

Wann immer Mrs Simner unbeaufsichtigte Kinder sah, murrte und maulte sie und ließ diese nicht aus den Augen. Waren hingegen die Eltern anwesend, erkundigte sie sich freundlich nach deren Urlaubsplänen, machte Bemerkungen übers Wetter und schlug auch nicht vor, dass Kinder sich die Nase putzten, bevor sie über die Türschwelle ihres Ladens traten.

Aus den Tiefen hinter ihrem Tresen hievte Mrs Simner ein Bonbonglas empor, das die Aufschrift Sherbet Lemons trug. Sie schüttelte es zu Demonstrationszwecken. Das Ausbleiben eines Klapperns beantwortete Brunos Frage.

»Wie lange ist das Glas schon leer?«

»Weiß ich nicht«, sagte Mrs Simner und starrte auf ihren schmutzigen Kunden herab. »Baden Kinder heutzutage eigentlich nie?«

Bruno nahm die Finger von den auf der Theke ausgestellten Notizbüchern, die mit einem Muster aus Karamellbonbons verziert waren. Der Umschlag hatte ihm schon immer gefallen, aber er konnte sich keines davon leisten. Bruno liebte Schreibwaren, wenn auch nicht so sehr wie Katzen oder Detektivgeschichten.

»Können Sie sich daran erinnern, wer zuletzt Sherbet Lemons gekauft hat?«, fragte Bruno. »War es ein Mann oder eine Frau? Wie alt war derjenige?«

Als Antwort auf Brunos Frage ließ Mrs Simner eine gereizte Tirade von Schnalzlauten hören, die klang, als hätte sie den Mund voll Knisterbrause.

»Soll ich das Material der Überwachungsanlage für Sie prüfen, Sherlock?«, blaffte sie, nahm ein Toffee-Hämmerchen und beklopfte damit einen Butterkaramellblock, der neben der Kasse auf einem mächtigen Schneidbrett lag. »Möchten Sie den Raum auf Fingerabdrücke untersuchen, während Sie warten?«

Bruno lachte höflich über Mrs Simners Scherz, obwohl er gar nicht witzig war. Er gab ihr seine Karte, für den Fall, dass sie sich an etwas erinnerte.

In abfälligem Ton las sie vor, was auf der Karte stand:

PRIVATDETEKTEI BRUNO GLEW –
WIR ERMITTELN FÜR SIE IN JEDEM FALL

Dann fragte die üppige Frau Bruno, ob er nicht etwas zu jung sei, um eine Visitenkarte bei sich zu tragen.

Bruno beschloss, seine Befragungstaktik zu ändern. »Könnte ich bitte ein Viertelpfund von den Bullseyes haben?«

Er sah zu, wie Mrs Simner hinter dem Tresen hervorgewatschelt kam. Sie bewegte sich, als wäre sie ein wandelnder Wunderball – eine von diesen riesigen Lutschkugeln mit Kaugummikern. Sie holte die Leiter hinter einer wackeligen Pyramide aus Schokoladenorangen hervor und lehnte sie an die Wand. Der Wunderball kletterte hinauf, klemmte sich das fragliche Glas zwischen Oberweite und Ellbogen und stieg herab.

Wie gebannt verfolgte Bruno die nun folgende Prozedur: wie der rote Verschluss aufgeschraubt und die Bullseyes auf die silberne Waagschale geschaufelt wurden und wie peinlich Mrs Simner darauf bedacht war, keine einzige Süßigkeit mehr als das gewünschte Gewicht aufzutun.

Als Bruno sich von seinen angewärmten Münzen trennte, wusste er eins: Das weiße Tütchen, in das Mrs Simner die Süßigkeiten schüttete, ähnelte in Farbe, Material und Größe dem Tütchen, das Deans Sherbet Lemons enthalten hatte. Dean hatte die Süßigkeiten nicht gestohlen.

Gerade als Bruno auf dem Weg nach draußen war, betrat Deans Mum den Süßwarenladen.

»Guten Tag, Mrs Rutter«, begrüßte Mrs Simner sie. »Eine Tüte Kirschbonbons, wie immer?«

Draußen vor Mr Simner’s notierte sich Bruno die Erkenntnisse, die er gewonnen hatte. Er begann Deans Geschichte Glauben zu schenken. Natürlich hätte er das seinen Eltern erzählen sollen, aber das hieße, die Kontrolle über die Ermittlungen abzugeben, und dazu war er einfach noch nicht bereit.

Wieder zu Hause, traf Bruno Dean dort, wo er ihn verlassen hatte, am Teich.

»Ich dachte, du machst uns Limo«, sagte Dean, erstaunt, dass Bruno mit leeren Händen zurückkam.

Bruno entschuldigte sich. Er schlug Dean vor, ins Arbeitszimmer seines Vaters zu gehen, um mit Mildreds Überwachung zu beginnen.

4

»Wo willst du hin?«, fragte Helen, während Jim sich die Schnürsenkel zuband.

»Ich schaue kurz bei den Rutters vorbei. Ich hoffe, Terry hilft mir dabei, ein paar Sachen aus dem Büro zu holen.«

»Sag ihnen, dass Dean bei uns ist und mit Bruno spielt.«

»Ich bin sicher, sie wissen, wo ihr Sohn ist«, sagte Jim, ohne auf den missbilligenden Blick seiner Frau einzugehen. Bevor Helen wie üblich damit anfangen konnte, Terry Rutter niederzumachen, verabschiedete er sich. Auf dieses Thema sprang sie immer wieder an wie auf kein zweites.

Die Rutters lebten auf der anderen Straßenseite in Hausnummer 12. Ihr aus der Victorianischen Zeit stammendes Reihenhaus mit den roten Ziegelsteinen war genauso alt und sah genauso aus wie das der Glews, abgesehen davon, dass diese den Speicher ausgebaut hatten und dass eine rostrote Efeuranke das Dach der Rutters wie eine Faust umschloss.

Jim hörte Geschrei, als er die Haustür der Rutters erreichte. Er sah hinauf. Terrys kehlig knurrende Stimme und die Flüche seiner Frau drangen über ihm aus dem Erkerfenster, das einen spaltbreit offen stand.

»Du verdammte Nutte!«, brüllte Terry Rutter, und der walisische Zungenschlag gab seiner dröhnenden Stimme etwas Brutales.

»Fass mich nicht an!«, zeterte Poppy. »Noch einen Schritt näher, und ich schneid dir deine verfickten Eier ab!«

»Ich habe das Recht, dir die Scheiße aus dem Leib zu prügeln. Du bist das Allerletzte!«

Poppy kreischte. Ein Klirren hallte zwischen den Häusermauern wider, das Geräusch von Glas, das gegen eine Schlafzimmerwand geschleudert wurde.

»Ich warne dich!«, schrie Poppy. »Das ist das Ende.«

Dass die Rutters sich stritten, war nicht ungewöhnlich. Sechs Monate zuvor hatte jemand die Polizei gerufen, weil sich das Familiendrama schließlich vom Haus auf die Straße verlagert hatte. Jim und Helen hatten von ihrem Schlafzimmerfenster aus beobachtet, wie Poppy und Terry im Schlafanzug gekämpft, sich geschlagen und an den Haaren gezogen hatten, bis zwei Polizisten das kriegerische Paar getrennt hatten. Dean hatte vom Schlafzimmerfenster seiner Eltern aus alles mit angesehen.

Jim drückte auf die Klingel. Das Schreien und Kreischen verstummte. Eine unheilvolle Stille machte sich im Haus breit. Als niemand zur Tür kam, schellte Jim ein zweites Mal.

Schließlich öffnete Terry die Tür. Sein hitzig verfärbtes Gesicht beunruhigte Jim. Sobald er sich in seine grüne Sanitäteruniform zwängte, sah Terry rundlich, aber beruhigend professionell aus. Wenn er aber, wie an diesem Nachmittag, einfach eine alte Hose und einen weißen Pulli mit V-Ausschnitt trug, bekamen seine feisten Wangen und das von alten Aknenarben zerfurchte Gesicht mit einem Mal einen wilden und unbeherrschten Zug.

»Was gibt’s?«, fragte Terry und versuchte mühsam seinen Ärger zu unterdrücken, indem er tief Luft holte.

»Entschuldige die Störung«, sagte Jim in unangebracht heiterem Tonfall. »Ich wollte dich um einen Gefallen bitten. Ich muss einen Aktenschrank aus meinem Büro holen und, nun ja, ich kann den allein nicht heben.«

»Gut«, sagte Terry, aber sein Ton drückte genau das Gegenteil aus. »Ich helfe immer gerne. Wann?«

»Donnerstag oder Freitag, was dir besser passt.«

»Dann am besten Freitag«, sagte Terry, dessen Hals vor Wut gerötet war. »Lass uns danach noch einen trinken gehen.«

Jim bedankte sich bei Terry, der daraufhin die Tür schließen wollte.

»Ich will ja nicht neugierig sein«, sagte Jim, bereit, den Fuß in die Tür zu stellen, falls nötig. »Aber ich habe laute Stimmen gehört. Ist alles in Ordnung?«

»Wird schon«, sagte Terry und sah ihm gerade in die Augen. »Meine Frau hat ihre Manieren vergessen. Die fallen ihr bald wieder ein.«

Jim schnitt eine Grimasse, um zu zeigen, dass es ihm schwerfallen würde, diese Antwort zu schlucken.

»Vielleicht solltest du ein wenig mit mir spazieren gehen«, schlug Jim vor. »Nur, um runterzukommen. Die Sonne und die Hitze machen einen ja ganz kirre.«

»Ich muss dich auch um einen Gefallen bitten«, wechselte Terry abrupt das Thema.

»Klar«, sagte Jim, der tief in der Schuld seines Nachbarn stand. Acht Monate zuvor war er während eines Väterwettrennens beim Sportfest an Brunos Schule gestürzt. Jim erinnerte sich an die Schmerzen in seiner Brust, die so heftig gewesen waren, als wäre ein Elefant auf seinem Herzen herumgetrampelt. Schlimmer noch, er wusste, woran sich Bruno erinnerte: An das Japsen seines Vaters und daran, dass er dachte, sein Dad wäre von der Startpistole erschossen worden. Terry hatte Jims Herz mit bloßen Händen wieder zum Schlagen gebracht. Von da an hätte er ihm jeden Gefallen getan. »Wie kann ich dir helfen?«

»Kann Dean heute bei euch schlafen? Poppy und ich brauchen ein bisschen Zeit für uns.«

»Klar«, sagte Jim, den Terrys sanftere Ausdrucksweise beruhigte. »Die Jungs sind eh gerade in meinem Arbeitszimmer mit irgendwas beschäftigt. Dean isst bei uns Abendbrot, und wir schauen uns nachher noch einen Film an.«

Jim wartete an der Haustür, während Terry hineinging, um Deans Zahnbürste und Schlafanzug zu holen. Etwas quietschte, und er sah auf. Jim blickte in Poppy Rutters verquollenes Gesicht. Sie hob müde die Hand zum Gruß.

»Ich hol ihn morgen früh wieder ab«, sagte Terry, dessen Hals nicht mehr ganz so stark gerötet war. Er streckte Jim Deans Rucksack entgegen. »Ich habe ein bisschen glutenfreies Brot und Nudeln eingepackt, nur für den Fall.«

»Gut zu wissen.«

»Die Saisonvorbereitung beginnt morgen«, sagte Terry mit weniger walisischem Einschlag in der Stimme. »Bruno kann jederzeit einsteigen. Ich mache aus ihm einen Außenverteidiger, der sich gewaschen hat.«

Jim musste bei der Vorstellung lachen.

»Bruno ist nicht so der Fußballtyp, aber danke für das Angebot. Bis morgen.«

»Nicht zu früh«, sagte Terry. »Ich komm zu euch rüber.«

»Recht so!«

Als Jim dem Haus der Rutters den Rücken kehrte, begann das Schreien und Kreischen von Neuem. Er beschloss, Terry und Poppy fünf Minuten zu gönnen, bevor er zurückkehrte, um einzuschreiten. Jim tat so, als würde er etwas im Kofferraum seines Wagens suchen, der in der Nähe geparkt war, sodass er alles mitanhören konnte. Nach einem letzten Schimpfkonzert kehrte Stille im Haus der Rutters ein.

Erleichtert und zufrieden ging Jim nach Hause.

5

»Das GPS-Signal ist nur bis auf 15 Meter genau«, sagte Bruno, der den Computerbildschirm vom Drehstuhl seines Vaters aus im Blick behielt.

Dean zuckte mit den Achseln.

Auf der virtuellen Karte beobachteten die Jungen, wie sich eine blinkende rote Katze durch die Hintergärten der St. Andrew’s Road bewegte, wobei eine rote Linie ihren Weg nachzeichnete.

»Mildred hat angehalten«, sagte Bruno.

Er trat ans Fenster des Arbeitszimmers, das zum Garten hinausging, und entdeckte seine rote Katze, die sich auf dem Dach des Schuppens von Haus Nummer 7 putzte. Die Karte im Computer seines Vaters zeigte Mildreds Position etwas weiter entfernt im Garten von Nummer 5 an.

»Die Geschworenen könnten aus solch ungenauen Angaben falsche Schlüsse ziehen«, sagte Bruno.

Die Katze ließ die Jungen warten, bevor sie sich wieder auf den Weg machte. Dean verlor zuerst das Interesse. Er ließ sich auf dem Fußboden nieder, um den Lauf seiner Stöpselpistole mit einem Pfeifenreiniger von einer Verstopfung zu befreien.

Bruno starrte weiter auf den Bildschirm und ärgerte sich über die Ungenauigkeit des Signals.

»Was ist eine Hure?«, fragte Dean, nachdem er die quersitzende Kartoffelpatrone herausgepult hatte.

»Ich schlag’s nach«, sagte Bruno. Er gab das Wort in die Suchmaschine ein. Die Kindersicherung blockierte das Ergebnis. Bruno holte sich das Wörterbuch seines Vaters.

»Keine Ahnung, was es bedeutet«, sagte er schließlich und stellte das Nachschlagewerk wieder ins Regal, bevor Dean hineinsehen konnte. »Mildred läuft wieder los!«

Die rote Katze auf dem Bildschirm kam in beeindruckendem Tempo voran.

»Da ist sie«, sagte Dean, der Mildred vom Fenster aus dabei beobachtete, wie sie geschmeidig einen Zaun überwand und von dort auf den Küchenanbau von Nummer 9 sprang.

»Sie nimmt wahrscheinlich den Weg übers Dach.« Stolz beobachtete Bruno den Weg der roten Katze auf dem Monitor. »Jetzt ist sie auf der Straßenseite. Ich glaube, sie hat vor Mr Simner’s angehalten. Vielleicht geht sie rein, um ein Viertelpfund von den Rhabarber-Vanille-Bonbons zu kaufen.«

Die rote Bildschirmkatze lief weiter und hielt wieder an. Bruno stoppte die Zeit, die Mildred an einem Platz verbrachte, mit seiner Armbanduhr. Zwei Minuten. Drei Minuten. Vier Minuten.

»Das ist öde«, sagte Dean. »Wann sehen wir uns an, was die Kamera gefilmt hat?«

»Wenn Mildred wieder da ist.«

»Und wie lange dauert das?«

»Sie kommt immer um halb fünf zum Abendessen. Dann können wir ihr die Kamera abnehmen.«

Mildred machte sich irgendwann wieder auf die Pfoten. Bruno verfolgte ihren Zickzacklauf durch die gesamte St. Andrew’s Road.

»Ich hab heute Morgen was Schlimmes angestellt«, sagte Dean und riss Bruno damit aus seiner Versunkenheit. Dieser schwenkte mit dem Stuhl zu Dean herum. »Ich habe die SIM-Karte meiner Mum aus ihrem Telefon genommen.«

»Warum?«, fragte Bruno.

»Damit sie sich nicht mehr auf der Toilette einsperrt, um Textnachrichten zu senden, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Denn sonst lassen sich meine Eltern garantiert scheiden.«

Dean zog die SIM-Karte aus der Tasche und reichte sie Bruno.

»Hebst du die für mich auf?«, fragte er. »Deine Taschen durchsuchen sie nicht.«

Bruno nahm das Diebesgut entgegen und steckte es hastig ein, für den Fall, dass sein Vater plötzlich hereinkam.

Das Klacken der Katzenklappe kündete von Mildreds Rückkehr. Wenig später war die Halsbandkamera abgeschnallt und an den Computer seines Vaters angeschlossen.

»Na, dann mal los«, sagte Bruno. »Schauen wir mal, wo die Katze langläuft.«

Es gab zwei Gründe, aus denen Bruno die Aufnahme enttäuschend fand.

Wenn Mildred sich rasch bewegte, über den Gehsteig lief oder über einen Zaun kletterte, war das Bild zu wacklig, um darauf irgendetwas genau zu erkennen. Die Folge war eine quirlige Mischung verwischter Eindrücke und Farben, die an eine Verfolgungsszene aus einem Horrorstreifen erinnerten. Gelegentlich konnte man bekannte Gebäude und Ecken erkennen, wenn Mildreds Bewegungen weniger ruckartig waren, oder wenn die Katze eine Pause einlegte, um sich zu putzen, auch wenn dies wiederum zu verschwommenen Nahaufnahmen ihres weißen Bäuchleins führte.

Noch schwerer war es, etwas herauszuhören. Das Gebimmel von Mildreds Glöckchen, das neben der Kamera am Halsband baumelte, ruinierte die Aufnahme. Miauen war zu hören. Genauso wie vorbeifahrende Autos und Mildreds hastiger Atem.

Es machte Bruno Spaß, den Weg der Katze übers Dach des Nachbarhauses zu verfolgen, gewährte dies doch einen Rundblick über die gesamte Stadt. Er war ganz aus dem Häuschen, als er sah, wie Mildred mit Boris, einem schwarzen Kater aus der Nachbarschaft, auf dem Dachfirst die Nasen zusammensteckte. Die Katzen küssten sich, dessen war er sich sicher, bis Boris Anstalten machte, Mildred zu beißen, und seine Fangzähne ihr dabei so nahe kamen, dass man ohne Weiteres eine zahnmedizinische Untersuchung hätte vornehmen können.

Mildred flüchtete sich vom Dach unter ein am Straßenrand geparktes Auto, und da wurde die Aufnahme auf einmal richtig spannend.

»Ist das meine Mum?«, fragte Dean und starrte plötzlich wie gebannt auf den Bildschirm.

Auf dem Bild war, teilweise von der Rundung eines Autoreifens verdeckt, eine Frau auf der Straße zu sehen. Sie stand zehn oder zwölf Meter von der Kamera entfernt und deutete wild auf eine Sache oder eine Person, die vom Reifen verdeckt war. Obwohl der Winkel, aus dem Mildred die Szene aufnahm, den Kopf der Frau abschnitt, war sich Dean sicher, dass seine Mutter am Morgen dieselbe gelbe Hose getragen hatte.

»Wann war das?«, fragte Dean.

»Ist Stunden her. Als wir im Garten gespielt haben.«

Das Geschehen fand außerhalb der Reichweite des Mikrofons statt. Keiner der beiden Jungen konnte hören, was Deans Mum sagte. Es klang, als drohte sie jemandem oder als bedrohte dieser Jemand sie.

Ein Schuh kam ins Bild. Der Besitzer war noch immer vom Reifen verdeckt. Der Schuh war braun und ramponiert, und Bruno war überzeugt, dass er keinem Kind, sondern einem Mann gehörte.

»Spricht sie mit deinem Dad?«, fragte Bruno, dem ein Geräusch auffiel, das nach einer männlichen Stimme klang.

»Nein«, sagte Dean. »Die Stimme meines Dads hört sich tiefer und walisischer an.«

»Klingt, als würden sie sich streiten.«

Bruno verglich die Zeitanzeige unten im Bild mit der Karte, auf der Mildreds Weg verzeichnet war. Diese zeigte, dass Mildred sich zu dieser Zeit am nördlichen Ende der Straße befunden hatte, etwa auf der Höhe von Mr Simner’s.

»Sie spricht bestimmt mit ihm«, sagte Dean widerwillig.

»Wem denn?«

»Dem Mann, dem sie immer auf der Toilette Nachrichten schreibt.«

In diesem Moment wechselte Mildred ihren Standort. Die Aufnahme ruckelte und verschwamm erneut zwischen den Bewegungen ihrer Vorderbeine. Die Katze stoppte, und die Kamera war auf eine umgekippte Milchflasche gerichtet, die Mildred zunächst beschnupperte, um dann die ausgelaufene Flüssigkeit aufzulecken. Über das Mikrofon war nur noch zu hören, wie es schnurrte, klirrte und schmatzte.

Als Mildred innehielt, um die Milch zu genießen, die ihr Mäulchen flutete, hörten die Jungen etwas, das Dean ganz sicher für die Stimme seiner Mutter hielt. Sie hörten es sich zwei- oder dreimal an, um den Tonspurfetzen zu verstehen. Ein vorbeifahrender Wagen, der die Aufnahme wie ein Erdbeben übertönte, machte es unmöglich, alles genau zu entschlüsseln.

Bruno schrieb jede Variante in sein Notizbuch, bevor er sich auf die wahrscheinlichste festlegte:

»Klaue wird dich nicht länger schützen (Autogeräusch) … stör dich (Autogeräusch)«

»Das ergibt doch keinen Sinn.« Dean war nicht überzeugt. »Es kann nicht stör heißen.«

Die Jungen hörten es sich noch einmal an.

»Streu dich …«, sagte Bruno, der das Ohr an den Lautsprecher des Computers gelegt hatte, triumphierend.

»So ein Käse. Das ist noch unsinniger als stör

Bruno spielte die Szene noch einmal ab.

»Stell«, sagte Dean, nachdem sie sich alles noch einmal angehört hatten. »Es heißt bestimmt stell dich nicht so an …«

Bruno stimmte zu und änderte den Wortlaut ein wenig verdrossen in seinem Block ab.

»Vielleicht hat er sich über irgendwas aufgeregt«, wagte Dean einen Vorstoß.

Bruno fand, dass dieser Schluss viel zu nahe lag. Sein Vater sagte immer, dass bei der Untersuchung der Beweismittel die einfachste Erklärung kaum je die gesamte Geschichte erzählte.

Bruno sann eine Weile nach. Dann fällte er sein Urteil mit den Worten, die schon tausend TV-Detektive vor ihm verwendet hatten:

»Erst hat mich dieses Rätsel verblüfft, aber wenn man es recht betrachtet, ist es eigentlich ganz einfach. Der Mann, den deine Mum geküsst hat, besitzt offenbar einen gefährlichen Hund. Du hast die Schuhe gesehen: Sie sahen zerfressen aus, so als hätte ein Hund darauf herumgekaut. Das würde auch das Wort Klaue erklären, denn so heißt bestimmt der Hund.«

»Warum würde meine Mum einen Mann mit einem gefährlichen Hund küssen? Klingt nicht so, als wäre der nett.«

»Frauen sind ein unlösbares Rätsel«, zitierte Bruno einen seiner Lieblingsdetektive, obwohl ihm nicht ganz klar war, was das bedeuten sollte.

»Hm, allerdings hört man auf der Aufnahme kein Bellen«, sagte Dean verwirrt. »Wo ist sein Hund?«

»Tot«, sagte Bruno im Brustton der Überzeugung. »Deshalb schützt ihn Klaue auch nicht länger.«

Dean war von diesen Ausführungen so baff, dass er sich auf den Fußboden setzte, um mit seiner Stöpselpistole herumzuhantieren. Er lud sie und feuerte gegen die Rückenlehne von Brunos Stuhl.

Bruno sah sich den Rest der Aufzeichnung an. Er hoffte, dass der Mann mit den vom Hund zerkauten Schuhen noch mal ins Bild kam und man mehr von ihm sah. Zu seiner Enttäuschung war alles, was er erblickte, eine geschmacklose Nahaufnahme von Mildreds Hinterteil, eine saukomische Sequenz, in der der Postbote in der Nase popelte, und ein kurzer Blick auf Mrs Simner, die die Blumenkübel vor ihrem Geschäft goss.

In der Zwischenzeit war Dean nach oben gelaufen, um eins von Brunos Heften mit Detektivgeschichten zu holen. Als er zurückkehrte, wirkte er verändert. Die Unbeschwertheit war aus seinen Zügen gewichen, ein viel düsterer Ausdruck war an ihre Stelle getreten. Bruno hatte dies zuvor einige Male bei ihm erlebt, am auffälligsten war es nach dem großen Krach seiner Eltern auf der Straße gewesen. In der Schule hatte Dean sich geweigert, den Kopf von der Tischplatte zu heben. Er hatte Schimpfwörter benutzt und nach dem Lehrer geschlagen, als dieser auf dem Flur seine Hand nehmen und mit ihm reden wollte.

»Alles okay?«, fragte Bruno.

»Nein«, fuhr Dean ihn an.

»Kann ich irgendwas tun?«

»Ich will nicht drüber reden. Lass mich in Ruhe.«

Dean malträtierte ab und an mit der Hacke das Parkett des Arbeitszimmers, und Bruno tat sein Bestes, ihn nicht zu beachten.

»Hast du dein Inhaliergerät?«, fragte er jedoch, als ihm das Pfeifen in der Brust seines Freundes auffiel.

Dean antwortete nicht.

Bruno lief ins Obergeschoss, um herauszufinden, was Dean so aufgeregt hatte. In seinem Schlafzimmer, wo sich Mildred an seinem Kopfkissen zusammengerollt hatte, war alles in bester Ordnung. Also trat Bruno ans Dachfenster, das ihm den Blick auf die Häuser gegenüber und auf ein Stück der Straße unter ihm eröffnete. Die Höhe und der Winkel gewährten ihm einen weiträumigen Blick über die St. Andrews Road. Von hier oben konnte Bruno beobachten, wie die Bewohner kamen und gingen. Er konnte in viele Fenster hineinspähen, sofern es die Gardinen zuließen, und Bruno liebte es, ungewöhnliche Vorkommnisse zu dokumentieren.

Er sah zuerst zu Deans Haus hinüber und lugte ins Schlafzimmer der Rutters. Vielleicht hatte Dean seine Eltern mitten in einem Riesenkrach beobachtet? Bruno hatte an seinem Dachfenster schon so manchen hässlichen Streit miterlebt. Diesmal jedoch war das Zimmer leer.

Ein Laut auf der Straße erregte seine Aufmerksamkeit. Bruno bemerkte, wie Deans Haustür geöffnet wurde. Zaghaft, so als würde die Sonne sie womöglich blenden, trat Deans Mum hinaus auf die Straße. Bruno erkannte sie trotz der Sonnenbrille. Sie trug die gleiche gelbe Hose wie in Mildreds Aufnahme. Deans Mum hastete über den Bürgersteig, und Bruno hatte den Eindruck, dass sie weinte.

»Die Sache wird langsam interessant«, sagte Bruno zu Mildred, aber eigentlich zu sich selbst.

Brunos erhöhter Posten erlaubte es ihm, den Weg von Deans Mum bis zum Ende der Straße zu verfolgen, wo sie auf den Beifahrersitz eines dort geparkten weißen Lieferwagens kletterte. Bruno notierte sich die Zeit. Der Lieferwagen fuhr nicht los. Etwas an der Szene ließ Bruno darauf schließen, dass sie schon bald wieder aussteigen würde.

Während er wartete, beobachtete Bruno zwei Ereignisse, die es wert waren, in sein Notizbuch aufgenommen zu werden. Das erste war das plötzliche Auftauchen von Deans Dad am Schlafzimmerfenster. Wie ein zorniger Schulleiter blickte er finster in die Richtung des weißen Lieferwagens.

Zur selben Zeit klingelte eine junge rothaarige Frau beim neugierigen Alan. Der neugierige Alan wohnte neben Dean in Hausnummer 10. Wie der Spitzname schon sagte, lauerte der Witwer ungewöhnlich gerne hinter seiner Gardine und verbreitete in der Straße Klatsch und Tratsch. Er und Bruno ertappten sich oft gegenseitig auf ihrem jeweiligen Beobachtungsposten, Bruno an seinem Dachfenster und der neugierige Alan auf dem vermeintlich geheimen Platz hinter der Schlafzimmergardine. Bruno hatte sich plötzlich in einem Zwiespalt befunden: Was war der Unterschied zwischen einem neugierigen Nachbarn und einem scharfsichtigen Detektiv? Nur einer von beiden strebte nach Gerechtigkeit und Moral, war die lässige Antwort seines Dads gewesen.

Diese Rothaarige war eine von vielen ähnlichen Besucherinnen, die Bruno in den letzten Monaten an der Tür von Nummer 10 aufgefallen waren. Es hatte sich langsam ein Muster abgezeichnet. Die Frauen waren alle zwischen zwanzig und vierzig (obwohl Bruno sich eingestehen musste, dass er in der Altersbestimmung unerfahren war). Sie kamen immer allein und blieben höchstens zwei Stunden. Obwohl die Schulpflicht Bruno bisweilen davon abhielt, seinen Ermittlungen nachzugehen, war er Zeuge von sieben verschiedenen Besucherinnen geworden, auf die dieses Profil passte.

Der neugierige Alan, dessen Gesicht so harmlos wirkte, dass es schon wieder verdächtig war, und der Bruno an eine der älteren männlichen Figuren auf den Karten des Ratespiels Wer ist es? erinnerte, öffnete die Haustür. Er küsste die Rothaarige auf beide Wangen und bat sie herein. Bruno sah, wie sie die Schuhe auszog und diese ordentlich auf Alans Teppich abstellte, dessen Farbe an das Erbrochene einer Katze erinnerte. Natürlich notierte sich Bruno alle diese Details. Die Schlussfolgerung lag auf der Hand: Der neugierige Alan war pensionierter Badezimmermonteur, und nun bot er Frauen aus ganz Sussex seine Dienste beim Rohrverlegen an. Oder er führte irgendeine Art von Sex-Etablissement. Bruno hatte den Verdacht, dass Klempnern und Sex gar nicht mal so unterschiedlich waren.

Nach etwas über fünf Minuten stieg Deans Mum aus dem weißen Lieferwagen. Jetzt weinte sie definitiv. Bruno verfolgte, wie sie unbeholfen durch die St. Andrew’s Road zurückhastete. Überraschenderweise lief sie an ihrer eigenen Haustür und zwei weiteren Häusern vorbei bis zu ihrem Auto. Bruno fiel auf, dass ihre Hände zitterten, als sie ihre Handtasche durchwühlte. Schließlich fand sie die Schlüssel und quetschte sich auf den Fahrersitz, wo sie einige Zeit sitzen blieb, die Stirn gegen das Lenkrad gelehnt.

Bruno sah nach Deans Dad, der immer noch am Erkerfenster stand und das Verhalten seiner Frau mit gekreuzten Armen überwachte. Er schien außer sich vor Wut zu sein.

Irgendwann hob Deans Mum den Kopf, ließ den Wagen an und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Bruno hielt diese Fakten in seinem Notizbuch fest und kehrte dann zu seinem Freund ins Arbeitszimmer seines Vaters zurück.

»Alles okay?«, fragte Bruno.

Dean schüttelte den Kopf, aber er antwortete nicht.

6

Und so begann ein Abend, der später genauso mühsam zu entwirren sein würde wie ein mit Blut und Schmutz verklebtes Katzenfell. Selbst der robusteste Katzenkamm würde es schwer haben, mit seinen Zinken durch ein solch wirres Knäuel von tragischen Ereignissen und furchtbaren Missverständnissen zu dringen.

Vielleicht fing alles in dem Moment an, als Mildred erbittert an der Esszimmertür kratzte, um eingelassen zu werden. Der Katze würde der Zutritt gewährt werden, jedoch erst, wenn die Menschen mit dem Essen fertig waren.

»Ich warte noch darauf, das Neuste darüber zu erfahren, wer unserer guten Mildred nachstellt«, sagte Helen und warf einen Blick auf Brunos Pommes frites, während sie sich eine zweite Kelle von der dickflüssigen Erbsensuppe auftat. »Konntest du das Verbrechen aufklären? Wird bald jemand verhaftet?«

»Katzenweibchen, die im Stadtgebiet leben, entfernen sich meist nicht allzu weit von ihrem Zuhause«, zitierte Bruno etwas, das er mal gelesen hatte. »Wer auch immer hinter Mildred her ist – er oder sie ist ganz in der Nähe.«

»Gibt es einen Hauptverdächtigen?«

»Wir stehen noch ganz am Anfang der Ermittlung.« Bruno durchbohrte sein Spiegelei mit einem Stück Pommes. »Es wäre Unsinn, zu diesem Zeitpunkt mehr dazu zu sagen.«

»Was denkst du, Dean?«, fragte Helen, um den bedrückten Jungen mit ins Gespräch einzubeziehen. »Siehst du Mildred jemals, wenn sie herumstreunt? Deine Mum sagt, die Katze kommt manchmal zu euch in den Garten.«

»Mildred ist mir egal«, sagte Dean missmutig. »Ich will nach Hause. Warum kann ich nicht nach Hause gehen?«

Helen, die wusste, was Jim zuvor belauscht hatte, erklärte Dean, dass seine Eltern gern ein wenig Zeit allein verbringen würden. Am nächsten Morgen würde er heimgehen können. Unzufrieden mit dieser Antwort, stocherte Dean mit dem Besteck in den Pommes herum. Unterdessen zerkratzte Mildred mit ihren Krallen weiter die Esszimmertür.

»Ihr könnt mich nicht hier festhalten, als wäre ich euer Gefangener«, murrte Dean und zermatschte sein Ei mit dem Messer.

»Vorletzte Nacht habe ich beobachtet, wie Mildred ins Dachfenster von Nummer 8 eingestiegen ist«, sagte Bruno, um die Anspannung zu lösen.

»Wer wohnt noch mal in Nummer 8?«, fragte Helen. »Ich verliere langsam den Überblick.«

»Die Pedwells«, sagte Jim. »Colin und Teresa und ihr Sohn Leon – der Typ mit dem Drachentattoo am Hals, der so gerne Punkmusik hört. Colin und Teresa sind übrigens zusammen in Urlaub gefahren. An die Algarve, glaub ich.«

»Dann muss Leon derjenige gewesen sein, der das Fenster offen gelassen hat.«

»Ja«, erwiderte Jim.

»Mildred blieb mindestens zwanzig Minuten in Nummer 8, und sie sah derangiert aus, als sie wieder hervorkam.«

»E

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Katze und der Killer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen