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Die Kampagne

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Kapitel 30
  38. Kapitel 31
  39. Kapitel 32
  40. Kapitel 33
  41. Kapitel 34
  42. Kapitel 35
  43. Kapitel 36
  44. Kapitel 37
  45. Kapitel 38
  46. Kapitel 39
  47. Kapitel 40
  48. Kapitel 41
  49. Kapitel 42
  50. Kapitel 43
  51. Kapitel 44
  52. Kapitel 45
  53. Kapitel 46
  54. Kapitel 47
  55. Kapitel 48
  56. Kapitel 49
  57. Kapitel 50
  58. Kapitel 51
  59. Kapitel 52
  60. Kapitel 53
  61. Kapitel 54
  62. Kapitel 55
  63. Kapitel 56
  64. Kapitel 57
  65. Kapitel 58
  66. Kapitel 59
  67. Kapitel 60
  68. Kapitel 61
  69. Kapitel 62
  70. Kapitel 63
  71. Kapitel 64
  72. Kapitel 65
  73. Kapitel 66
  74. Kapitel 67
  75. Kapitel 68
  76. Kapitel 69
  77. Kapitel 70
  78. Kapitel 71
  79. Kapitel 72
  80. Kapitel 73
  81. Kapitel 74
  82. Kapitel 75
  83. Kapitel 76
  84. Kapitel 77
  85. Kapitel 78
  86. Kapitel 79
  87. Kapitel 80
  88. Kapitel 81
  89. Kapitel 82
  90. Kapitel 83
  91. Kapitel 84
  92. Kapitel 85
  93. Kapitel 86
  94. Kapitel 87
  95. Kapitel 88
  96. Kapitel 89
  97. Kapitel 90
  98. Kapitel 91
  99. Kapitel 92
  100. Kapitel 93
  101. Kapitel 94
  102. Kapitel 95
  103. Kapitel 96
  104. Kapitel 97
  105. Kapitel 98
  106. Kapitel 99
  107. Kapitel 100
  108. Anmerkung des Autors
  109. Danksagungen

 

David Baldacci, geboren 1960, war Strafverteidiger und Wirtschaftsanwalt, ehe er 1996 mit DER PRÄSIDENT (verfilmt als ABSOLUTE POWER) seinen ersten Weltbestseller veröffentlichte. Mit jedem seiner Romane war er auf der Bestsellerliste der New York Times vertreten und international gleichermaßen erfolgreich. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und erschienen mit einer Gesamtauflage von über 50 Millionen

Exemplaren. Damit zählt er zu den Top-Autoren des Thriller-Genres. David Baldacci, der sich ebenso wie Ken Follett für die Leseförderung einsetzt, lebt mit seiner Familie in Virginia, nahe Washington, D. C.

David Baldacci

DIE
KAMPAGNE

Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von
Rainer Schumacher

Für Zoe und Luke

Warum Zeit damit verschwenden,

die Wahrheit zu ergründen,

wenn man sie ebenso gut erschaffen kann?

Die hier zitierte Person hat um Anonymität gebeten,

da sie nicht dazu berechtigt ist,

sich zu Fragen zum Thema Wahrheit zu äußern.

Prolog

»Dick, ich brauche einen Krieg.«

»Nun, da sind Sie wie immer zum richtigen Mann gekommen, Mr. Creel.«

»Es wird kein gewöhnlicher Konflikt sein.«

»Ich erwarte auch nichts Gewöhnliches von Ihnen.«

»Aber Sie müssen es verkaufen. Sie müssen dafür sorgen, dass sie glauben, Dick.«

»Ich kann sie alles glauben machen.«

Kapitel 1

Um genau null Uhr Weltzeit, um Mitternacht Greenwich Time, erschien das Bild eines gefolterten Mannes auf der beliebtesten Website der Welt.

Die ersten sechs Worte des Mannes sollten jedem, der sie hörte, für immer im Gedächtnis bleiben.

»Ich bin tot. Ich wurde ermordet.«

Er sprach Russisch, doch auf Tastendruck wurde seine tragische Geschichte in den verschiedensten Sprachen untertitelt. Die russische Geheimpolizei hatte das Geständnis des »Landesverrats« aus dem Mann und seiner Familie herausgeprügelt. Dann aber war ihm die Flucht gelungen, und er hatte dieses krude Video aufgenommen.

Wer immer die Kamera bedient hatte, war entweder zu Tode verängstigt oder betrunken oder beides gewesen, denn das körnige Bild zitterte alle paar Sekunden.

Wenn dieses Video veröffentlicht worden sei, erklärte der Mann weiter, sei er von den Häschern der Regierung längst gefasst worden und bereits tot.

Sein Verbrechen? Das Verlangen nach Freiheit.

»Es gibt Zehntausende wie mich«, verkündete er der Welt. »Ihre Knochen bleichen in der Tundra Sibiriens oder vermodern in den tiefen Wassern des Balchaschsees in Kasachstan. Bald schon werden Sie Beweise dafür sehen. Nun, da ich tot bin, werden andere den Kampf fortführen.«

Während die Welt sich viel zu lange auf Osama bin Laden konzentriert habe, führte der Mann weiter aus, sei das »alte Böse« zurückgekehrt, das eine um ein Vielfaches größere Zerstörungskraft besitze als sämtliche islamischen Renegaten zusammen, und es sei tödlicher denn je.

»Es ist an der Zeit, dass die Welt die ganze Wahrheit erfährt!«, rief er in die Kamera und brach in Tränen aus. »Mein Name ist Konstantin … war Konstantin«, verbesserte er sich. »Für mich und meine Familie ist es zu spät. Wir alle sind tot … meine Frau, meine drei Kinder … tot. Vergesst mich nicht, und vergesst auch nicht, warum ich gestorben bin. Sorgt dafür, dass unser Tod nicht umsonst war.«

Als Bild und Stimme ausgeblendet wurden, erschien ein Atompilz auf den Monitoren. Unter diesem schrecklichen Bild standen die düsteren Sätze: Erst das russische Volk, dann der Rest der Welt. Können wir uns erlauben zu warten?

Die Spezialeffekte waren amateurhaft, doch das kümmerte niemanden. Konstantin und seine Familie hatten ihr Opfer gebracht, damit der Rest der Welt die Chance auf ein Überleben hatte.

Der Erste, der dieses Video zu Gesicht bekam, ein Computerprogrammierer in Houston, war wie vor den Kopf geschlagen. Per E-Mail schickte er die Datei an zwanzig Personen auf seiner Friendslist. Eine Französin war die Nächste, die das Video zu sehen bekam, nur wenige Sekunden später. Unter Tränen schickte sie es an fünfzig Freunde weiter. Nummer drei war ein Südafrikaner; er war so aufgeregt, dass er zuerst die BBC anrief und die Datei dann an achthundert seiner »engsten« Freunde im Web verschickte. Nummer vier war ein norwegisches Mädchen, das sich das Video voller Entsetzen anschaute und es dann an jeden mailte, den es kannte. Die nächsten tausend Personen, die sich das Video anschauten, lebten in neunzehn verschiedenen Staaten und leiteten es an durchschnittlich dreißig Freunde weiter, die es wiederum mit Dutzenden weiterer Freunde teilten. Was als digitaler Regentropfen im Meer des Internets begonnen hatte, schwoll binnen kürzester Zeit zu einem Tsunami aus Pixeln und Bytes von der Größe eines Kontinents an.

Wie eine sich rasch verbreitende Katastrophenmeldung löste das Video weltweit einen Sturm aus, wanderte von Blog zu Blog, von Chatroom zu Chatroom, von E-Mail-Postfach zu E-Mail-Postfach, wobei die Geschichte wucherte und sich veränderte, je öfter sie neu erzählt wurde. Die Gefahr, von blutrünstigen Russen überrannt zu werden, war bald allgegenwärtig. Drei Tage nach Konstantins beängstigender Botschaft kannte die ganze Welt seinen Namen, darunter viele Menschen, die weder den Namen des amerikanischen Präsidenten noch den des Papstes wussten.

Aus den E-Mails, Blogs und Chatrooms gelangte die Geschichte zu den Zeitungen, von Revolverblättern bis hin zu namhaften Zeitungen vom Kaliber einer New York Times, eines Wall Street Journal und anderer führender Tageszeitungen in aller Welt. Fast gleichzeitig geriet die Story in den globalen Fernsehkreislauf, von der ARD in Deutschland bis hin zur BBC und den ABC News. Sogar das chinesische Staatsfernsehen verkündete den möglichen Beginn der Apokalypse. Der Ruf »Vergesst Konstantin nicht!« erklang auf sämtlichen Kontinenten. Binnen kurzer Zeit war die Geschichte fest im kollektiven Bewusstsein der Welt verankert.

Die russische Regierung jedoch bestritt sie vehement. Präsident Gorschkow trat vor die versammelte Weltpresse und erklärte, die Geschichte sei nichts als eine perfide Lüge. Er werde »schlagende Beweise« vorlegen, dass eine Person wie Konstantin nie existiert habe.

Natürlich gab es auch Skeptiker, die ernste Zweifel daran hegten, wer Konstantin wirklich war und wen er und sein Video eigentlich repräsentierten. Diese Leute hätten den Toten und seine Geschichte gerne unter die Lupe genommen, doch wie viele andere auch hatten sie im Grunde schon alles gehört, was sie hören mussten, um zu einem Schluss zu gelangen.

So sollte die Welt nie erfahren, dass Konstantin in Wahrheit ein angehender Schauspieler aus Litauen war. Seine Wunden und sein ausgezehrtes Äußeres waren das Ergebnis geschickten Make-ups und professioneller Beleuchtung. Nach dem Dreh hatte er die Kostümierung abgelegt und - ausgerechnet - im Russischen Teehaus in der Siebenundfünfzigsten Straße in New York zu Mittag gegessen. Bezahlt hatte er mit ein paar Scheinen von den 50 000 Dollar, die er für den Dreh bekommen hatte. Da er ein dunkelhäutiger, gut aussehender Bursche war und überdies Spanisch sprach, war sein nächstes Ziel, eine Rolle in einer lateinamerikanischen Seifenoper zu ergattern.

Gleichzeitig würde die Welt nie wieder dieselbe sein.

Kapitel 2

Nicolas Creel leerte in Ruhe sein Glas Bombay Sapphire mit Tonic und zog sein Jackett an, ehe er sich zum Helikopter fahren ließ. Als er während des kurzen Fluges über den Hudson nach Jersey aus dem Hubschrauberfenster blickte, erinnerten ihn die Wolkenkratzer daran, wie weit er es gebracht hatte. Creel war in West Texas geboren, in einem Gebiet, das so groß und so dünn besiedelt war, dass die Menschen, die diese schier endlose Weite ihre Heimat nannten, kaum einmal einen Gedanken daran verschwendeten, dass es noch andere Orte auf der Welt gab, an denen man existieren konnte.

Creel hatte genau ein Jahr seines Lebens im Lone Star State verbracht, ehe er mit seinem Vater, einem Army Sergeant, auf die Philippinen gezogen war. Von dort war es dann in rascher Folge in sieben andere Länder gegangen, bis Creel senior schließlich in Korea stationiert wurde, wo er kurz darauf bei einer Explosion um Leben kam - ein »tragischer Unglücksfall«, wie die Army es nannte.

Nicolas besuchte das College und machte einen Abschluss als Ingenieur. Anschließend kratzte er das Geld für einen MBA-Studiengang zusammen, gab jedoch nach sechs Monaten auf und beschloss stattdessen, sich seine Sporen im Berufsleben zu verdienen.

Die einzige wertvolle Lektion, die sein Vater, der Berufssoldat, ihn gelehrt hatte, lautete: Das Pentagon kauft mehr Waffen als jeder andere auf der Welt und zahlt viel zu viel dafür. Tatsächlich verfügten die USA über das größte Sparschwein der Welt. Und es war ein verdammt gutes Geschäft, wie Creel rasch herausfand. Man konnte dem US-Militär problemlos Toiletten für 12 000 und Hämmer für 9000 Dollar verkaufen und kam dank diverser juristischer Tricks sogar damit durch.

So hatte Nicolas Creel die nächsten Jahre damit verbracht, das aufzubauen, was inzwischen der größte Rüstungskonzern der Welt geworden war: die Ares Corporation. Laut Forbes stand Creel mit einem Privatvermögen von mehr als 20 Milliarden Dollar auf Platz 14 der reichsten Männer der Welt; er nannte unter anderem eine Jacht mit Namen Shiloh sein Eigen, benannt nach jenem Ort, an dem eine der blutigsten Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs getobt hatte.

Creels verstorbene Mutter war eine gebürtige Griechin gewesen, eine temperamentvolle und ehrgeizige Frau. Diese Eigenschaften - und ihr gutes Aussehen - hatte Creel von ihr geerbt. Nachdem sein Vater in Korea bei einem Unfall gestorben war, hatte Mrs. Creel einen Mann geheiratet, der ein gutes Stück höher auf der sozioökonomischen Leiter stand. Nicolas war von seinem Stiefvater in verschiedene Internate abgeschoben worden, wo er auf sich allein gestellt war. Während die Söhne anderer wohlhabender Väter verhätschelt wurden, musste er, der Außenseiter, um jeden Cent betteln und den Spott seiner Mitschüler über sich ergehen lassen. Diese bitteren Erfahrungen hatten ihm ein dickes Fell verschafft und seinen Ehrgeiz zusätzlich angestachelt.

Dass Creel sein Unternehmen nach dem griechischen Kriegsgott benannt hatte, war ein Tribut an seine Mutter, die er über alles geliebt hatte. Obwohl auf US-amerikanischem Boden geboren, hatte Creel sich nie als Amerikaner betrachtet. Zwar hatte die Ares Corporation ihren Sitz in den Vereinigten Staaten, doch Creel war Weltbürger; er hatte schon vor Langem auf seine amerikanische Staatsbürgerschaft verzichtet. Dennoch verbrachte er so viel Zeit in den USA, wie er wollte, verfügte er doch über eine Armee von Anwälten und Wirtschaftsfachleuten, die jedes Schlupfloch im linguistischen Morast der amerikanischen Steuergesetzgebung aufstöberten.

Creel hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass er seinen Wohlstand verteilen musste, um sein Geschäft zu schützen. So wurde jeder große Rüstungsauftrag, der an Ares ging, auf möglichst viele der fünfzig US-Bundesstaaten verteilt, was in den teuren Hochglanzwerbekampagnen der Ares Corporation besonders hervorgehoben wurde.

»Eintausend Zulieferer, verteilt auf ganz Amerika, sorgen für Ihre Sicherheit«, verkündete eine volltönende, angenehme Hollywoodstimme in den Ares-Spots. Es klang patriotisch, war es aber nicht: Sollte irgendein Bürokrat sich an Kürzungen versuchen, würden 533 Kongressmitglieder sich wie ein Mann gegen den Übeltäter erheben, der versuchte, ihren Wählern die Jobs wegzunehmen. Die gleiche Taktik wandte Creel erfolgreich in einem Dutzend anderer Länder an.

Von Ares gebaute Kampfjets donnerten über die Stadien der World Series, des Super Bowl und der Fußballweltmeisterschaft hinweg - eine Formation silberglänzender Himmelsjäger wie aus Star Wars, Stückpreis 150 Millionen Dollar. Jede dieser Maschinen besaß genügend Feuerkraft, um eine Kleinstadt auszuradieren - wahrlich beeindruckend in ihrer furchterregenden Majestät.

Ares' weltweites Marketingbudget betrug drei Milliarden Dollar jährlich. Dank dieser riesigen Summe gab es keinen größeren Staat auf Erden - sofern er über ein ausreichendes Verteidigungsbudget verfügte -, der die Botschaften der Ares Corporation nicht immer wieder hörte: Wir sind stark. Wir stehen an eurer Seite. Wir sorgen für eure Sicherheit. Wir bewahren eure Freiheit. Wir allein stehen zwischen euch und ihnen.

Die Bilder waren publikumswirksam: Barbecues und Paraden; wehende Flaggen und Menschen, die vorbeirollenden Panzern und über sie hinweg donnernden Jets zuwinkten; entschlossen dreinblickende Soldaten mit geschwärzten Gesichtern, die sich ihren Weg durch feindliches Territorium bahnten.

Es gab kein Land auf Erden, das dieser Art Werbung widerstehen konnte, hatte Creel herausgefunden … nun, die Deutschen vielleicht, aber sie waren auch die Einzigen.

So, wie die Werbung konzipiert war, erweckte sie den Eindruck, die Ares Corporation verschenke die Waffen aus patriotischer Begeisterung; dabei überschritt sie in Wahrheit ständig ihr Budget und hinkte hinter dem Terminplan zurück. Das Unternehmen überzeugte Verteidigungsministerien in aller Welt davon, teures Kriegsspielzeug zu kaufen und dafür auf den billigeren Kleinkram zu verzichten, zum Beispiel auf Körperpanzer und Nachtsichtgeräte, von denen oftmals das Leben der einfachen Soldaten abhing.

Doch die Dinge änderten sich. Wie es schien, wurden die Menschen der Kriege müde. Die Besucherzahlen der großen Messen, die Ares jährlich veranstaltete, hatten nun schon mehrere Jahre in Folge abgenommen. Inzwischen war Ares' Marketingbudget größer als der Unternehmensgewinn. Das ließ nur eine Schlussfolgerung zu: Die Menschen kauften nicht mehr, was Creel anzubieten hatte.

So saß er nun in einem schmucken Raum in einem Gebäude, das seinem Unternehmen gehörte. Der große Mann ihm gegenüber trug Jeans und Kampfstiefel; sein Gesicht war braun gebrannt und wettergegerbt mit einem Loch in der Wange, das entweder die Mutter aller Pockennarben oder eine alte Schusswunde war. Seine Schultern waren breit, seine Hände riesig und furchteinflößend.

Creel schüttelte dem Mann nicht die Hand.

»Es hat angefangen«, sagte er.

»Ich habe den Genossen Konstantin gesehen.« Der Mann konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Sie sollten ihm einen Oscar geben.«

»Sämtliche Nachrichtenmagazine, darunter Sixty Minutes, bringen dieses Wochenende Reportagen darüber. Gorschkow, der Trottel, macht es uns leicht.«

»Was ist mit dem Vorfall?«

»Sie sind der Vorfall«, erwiderte Creel.

»Es hat auch vorher schon funktioniert, ohne dass wir jemanden geschickt haben.«

»Ich bin nicht an Kriegen interessiert, die nach hundert Tagen aufhören oder sich in Bandenkämpfe verwandeln. Damit können wir nicht mal unsere Portokasse füllen, Caesar.«

»Geben Sie mir den Plan, und ich werde ihn ausführen, Mr. Creel - wie immer.«

»Halten Sie sich bereit.«

»Natürlich. Es ist Ihre Show.«

»Darauf können Sie wetten.«

Auf dem Hubschrauberflug zurück zum Ares Building ließ Creel den Blick über die Beton-, Glas- und Stahltempel der Stadt schweifen. Du bist nicht mehr in West Texas, Nick.

Natürlich ging es hier nicht nur ums Geld. Oder darum, sein Unternehmen zu retten. Creel besaß mehr als genug finanzielle Mittel; egal, was er tat oder nicht, die Ares Corporation würde in jedem Fall überleben. Nein, hier ging es darum, die Welt wieder in ihre normalen Bahnen zu lenken, nachdem sie lange genug aus dem Ruder gelaufen war. Creel wollte nicht mehr zusehen, wie die Schwachen und Wilden den Starken und Zivilisierten ihren Willen aufzwangen. Er würde alles wieder zurechtrücken. Mancher würde vielleicht behaupten, er spiele Gott. Nun, in gewisser Weise war er Gott. Doch selbst ein wohlwollender Gott setzte bisweilen Gewalt und Zerstörung ein, um seinem Willen Nachdruck zu verleihen. Creel war fest entschlossen, genau das zu tun.

Zuerst würde der Schmerz kommen.

Dann die Verluste.

So war es immer. Tatsächlich war sein eigener Vater ein Opfer des Bestrebens gewesen, die Weltordnung zu bewahren. Creel wusste also aus eigener Erfahrung, was so etwas einem abverlangte. Doch am Ende würde es die Sache wert sein.

Er lehnte sich im Sitz zurück.

Konstantins Schöpfer wusste ein wenig.

Caesar wusste ein wenig.

Nicolas Creel wusste alles.

Götter wussten immer alles.

Kapitel 3

Für was steht das ›A‹?«, fragte der Mann in fließendem Englisch mit leichtem niederländischen Akzent.

Shaw blickte den Gentleman an, der ihm an der Passkontrolle des Flughafens Schiphol gegenüberstand, gut fünfzehn Kilometer südwestlich von Amsterdam. Schiphol war einer der geschäftigsten Flughäfen der Welt, fünf Meter unter Meeresspiegel und somit ständig bedroht von Trillionen Litern Wasser. Shaw hatte diesen Flughafen stets als Höhepunkt ingenieurtechnischer Kühnheit betrachtet. Andererseits lag der größte Teil des Landes unterhalb des Meeresspiegels, sodass die Niederländer gar keine Wahl hatten, was die Frage betraf, wo sie ihre Flugzeuge abstellen sollten.

»Wie bitte?«, erwiderte Shaw, obwohl er sehr genau wusste, worauf der Mann sich bezog.

Der Beamte stieß mit dem Finger auf Shaws Passfoto.

»Unter ›Vorname‹ steht hier nur der Buchstabe ›A‹. Wofür, wenn ich fragen darf?«

Shaw schaute auf seinen Pass.

Wie es dem Volk mit der größten durchschnittlichen Körpergröße geziemte, war der Zollbeamte trotz seiner ein Meter achtundachtzig sechs Zentimeter größer als der Durchschnittsniederländer, aber immer noch sechs Zentimeter kleiner als Shaw mit seiner imposanten Statur.

»Das steht für gar nichts. Meine Mutter hat mir nie einen Vornamen gegeben. Also habe ich mich selbst nach dem benannt, was ich bin: a Shaw, ein Shaw. Und Shaw ist mein Nachname. Der meiner Mutter, um genau zu sein.«

»Ihr Vater hatte nichts dagegen, dass sein Sohn nicht seinen Namen angenommen hat?«

»Man braucht keinen Vater, um ein Kind zu bekommen, nur um eins zu machen.«

»Und das Krankenhaus hat Ihnen auch keinen Namen gegeben?«

»Werden alle Babys in Krankenhäusern geboren?«, gab Shaw mit einem Lächeln zurück.

»Shaw also, hm? Das ist Irisch, nicht wahr? Wie George Bernard Shaw?«

Die Niederländer waren überaus gebildete Leute; Shaw war immer schon dieser Meinung gewesen. Sie waren wissbegierig und liebten es zu debattieren. Doch bis jetzt hatte er es noch nie erlebt, dass jemand ihn nach George Bernard Shaw gefragt hatte.

»Möglich. Aber ich bin Schotte. Highlander. Oder wenigstens kamen meine Vorfahren von dort«, fügte er rasch hinzu, denn es war ein amerikanerischer Pass, der dem Zollbeamten vorlag; Shaw hatte ein Dutzend davon. »Ich bin in Connecticut geboren. Waren Sie schon mal dort?«

»Nein«, antwortete der Mann, »aber ich würde gerne mal nach Amerika reisen.«

Shaw hatte diesen sehnsuchtsvollen Blick schon oft gesehen. »Nun ja, die Straßen dort sind zwar nicht mit Gold gepflastert und die Frauen sehen nicht alle wie Filmstars aus, aber es ist tatsächlich noch immer ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.«

»Vielleicht, eines Tages, komme ich mal dorthin …«, seufzte der Zollbeamte und wandte sich wieder seiner Pflicht zu. »Sind Sie geschäftlich oder als Tourist hier?«

»Beides. Warum sollte ich so weit reisen und mich im Vorfeld für eins von beiden entscheiden?«

Der Mann lächelte. »Haben Sie etwas zu verzollen?«

»Ik heb niets aan te geven.«

»Sie sprechen Niederländisch?«, fragte der Beamte überrascht.

»Tut das nicht jeder?«

Der Mann lachte und versah Shaws Pass mit einem altmodischen Tintenstempel anstatt mit einer der Hightechsignaturen, wie sie heutzutage in vielen Ländern üblich waren. Es gab sogar Stempel, die eine digitale Signatur auf das Papier übertrugen. Shaw war Tinte immer schon lieber gewesen.

»Genießen Sie Ihren Aufenthalt«, sagte Shaws neuer niederländischer Freund, als er ihm den Pass zurückgab.

»Das habe ich vor.« Shaw ging zum Ausgang und zu dem Zug, der ihn in zwanzig Minuten zum Hauptbahnhof von Amsterdam bringen würde.

Von dort würde es dann immer aufregender werden. Aber zunächst hatte er eine Rolle zu spielen.

Er hatte nämlich Publikum.

Tatsächlich beobachteten seine Zuschauer ihn just in diesem Augenblick.

Kapitel 4

Vom Bahnhof aus nahm Shaw ein Taxi zum Amstel Intercontinental Hotel mit seinen 79 exklusiven Zimmern, viele mit beneidenswerter Aussicht auf die Amstel, obwohl Shaw nicht deswegen hier war.

Die Rolle, die er während der nächsten drei Tage spielen würde, war die eines Touristen. Es gab nur wenige Städte, die besser dafür geeignet waren als Amsterdam mit seinen 750 000 Einwohnern, von denen nur die Hälfte Niederländer waren. Shaw machte eine Bootsfahrt und schoss Fotos von der Stadt, die mehr Kanäle besaß als Venedig und fast 13 000 Brücken auf einer Fläche von nur knapp 200 Quadratkilometern, von denen obendrein ein Viertel Wasserfläche war.

Shaw fühlte sich besonders von den Hausbooten angezogen; fast 3000 waren entlang der Kanäle verankert. Sie gefielen ihm vor allem, weil sie etwas fest Verwurzeltes repräsentierten; zwar trieben sie auf dem Wasser, wurden aber nie bewegt. Und häufig wurden sie von einer Generation an die nächste weitervererbt.

Wie es wohl ist, sinnierte Shaw, so innig mit einem Ort verbunden zu sein?

Später zog er sich Shorts und Laufschuhe an und joggte durch den weitläufigen Oosterpark in der Nähe des Hotels. Shaw war im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben lang gerannt. Doch wenn alles nach Plan lief, würde es damit bald ein Ende haben - entweder das, oder er wäre tot. Dieses Risiko jedoch ging er mit Freuden ein. In gewisser Weise war er nämlich schon tot.

Shaw nippte an einem Kaffee im Bulldog, Amsterdams berühmtester Cafekette, und beobachtete die Menschen, wie sie ihren Geschäften nachgingen. Er behielt auch die Männer im Auge, die ihn so offenkundig beobachteten. Oh, es war erbärmlich, Amateuren zuschauen zu müssen - in diesem Fall Leuten, die nicht die leiseste Ahnung vom Observieren hatten.

Am nächsten Tag aß er zu Mittag in einem seiner Lieblingsrestaurants in der Stadt, das von einem alten Italiener geführt wurde. Die Gattin saß den ganzen Tag an einem Tisch und las Zeitung, während ihr Gemahl als Kellner, Küchenchef, Kassierer und Tellerwäscher zugleich fungierte. Es gab hier nur vier Barhocker und fünf Tische, das Reich der Frau abgezogen, und potenzielle Gäste mussten erst einmal am Eingang warten, wo der Mann sie in Augenschein nahm. Wenn er nickte, bekam man etwas zu essen. Drehte er sich wortlos um, musste man sich ein anderes Restaurant suchen.

Shaw war noch nie abgewiesen worden. Vielleicht lag es an seiner imposanten Statur oder den leuchtend blauen Augen, die jeden in ihren Bann zogen. Der wahrscheinlichste Grund jedoch war, dass er und der Wirt einst zusammengearbeitet hatten - und das nicht in der Gastronomie.

Am Abend warf Shaw sich in Schale und genoss im Musiektheater eine Oper. Natürlich hätte er nach Ende der Vorstellung zu seinem Hotel zurückgehen können; stattdessen beschloss er, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Wegen der heutigen Nacht war er überhaupt erst nach Holland gekommen. Jetzt war er kein Tourist mehr.

Als er sich dem Rotlichtbezirk näherte, bemerkte er eine Bewegung in einer dunklen, besonders schmalen Gasse. Ein kleiner Junge stand dort in den Schatten, neben ihm ein grob aussehender Kerl mit offener Hose, der eine seiner großen Pranken unter den Bund des Jungen geschoben hatte.

Sofort wechselte Shaw die Richtung. Er huschte durch die Schatten und versetzte dem Mann einen Schlag auf den Hinterkopf. Es war ein exakt bemessener Hieb, der betäuben, nicht töten sollte, obwohl Shaw ernsthaft versucht war, den Kerl ins Jenseits zu befördern. Als der Mann bewusstlos am Boden lag, drückte Shaw dem Jungen 100 Euro in die Hand und schickte ihn mit einer ernsten Warnung auf Niederländisch weg. Als die schnellen Schritte des Kindes verhallten, hatte Shaw wenigstens die Gewissheit, dass der Junge zumindest nicht in dieser Nacht verhungern oder sterben würde.

Als er sich wieder in Richtung seines ursprünglichen Ziels auf den Weg machte, bemerkte er zum ersten Mal, dass die alte Börse direkt gegenüber vom Rotlichtbezirk stand. Das kam ihm irgendwie seltsam vor, bis er genauer darüber nachdachte. Geld und Prostitution waren schon immer Bettgefährten gewesen. Er fragte sich, ob einige der Damen wohl auch Aktien statt Bares akzeptierten.

Doch noch seltsamer als seine Nähe zur Börse war die Tatsache, dass der Rotlichtbezirk von allen Seiten die Oude Kerk umgab, die Alte Kirche, das älteste und größte Gotteshaus der Stadt. 1306 als schlichte Holzkapelle errichtet, war sie im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte immer mehr erweitert und vergrößert worden. Irgendein Witzbold hatte sogar zwei Brüste in den Messinggehweg vor dem Portal eingearbeitet. Shaw war schon ein paarmal in dem Gotteshaus gewesen. Dabei waren ihm besonders die Schnitzereien im Chorgestühl aufgefallen, die Männer mit offenkundigen Verdauungsaktivitäten zeigten. In früheren Zeiten mussten die Messen wirklich lang gewesen sein.

Heilige und Sünder, Gott und Huren, sinnierte Shaw, als er das Zentrum der Lastermeile erreichte. Die Holländer nannten dieses Viertel Walletjes oder »Kleine Mauern«. Angeblich gelangte nichts, was hinter den Mauern von Walletjes geschah, je nach außen - und genau darauf würde Shaw sich in dieser Nacht verlassen müssen.

Der Rotlichtbezirk war nicht allzu groß, vielleicht zwei Kanäle lang; doch es gab eine Menge zu sehen. Nachts waren die bestaussehenden Prostituierten auf dem Strich, darunter viele atemberaubende Osteuropäerinnen, die man mit falschen Versprechungen hierher gelockt hatte. Nun waren sie »im Gewerbe« gefangen, wie man es beschönigend nannte. Ironischerweise waren die Nachtnutten mehr Show als sonst etwas, denn wer wollte schon durch die schreiend-wollüstig aufgemachten Eingänge gehen, wenn Tausende einen dabei beobachten konnten? Morgens und nachmittags war es hier wesentlich ruhiger; dann kamen auch ernsthaft interessierte Kunden zu den zwar nicht ganz so gut aussehenden, aber effizienten Damen der zweiten und dritten Schicht.

Die Zimmer der Nutten waren dank des grellroten Neonlichts kaum zu verfehlen. In den Zimmern selbst gab es fluoreszierendes Licht, sodass die kaum vorhandene Kleidung der Mädchen leuchtete wie in der hellen Sommersonne. Shaw ging an einem Fenster nach dem anderen vorbei, in dem die Frauen standen oder tanzten oder erotisch posierten. In Wahrheit kamen die meisten Leute nur hierher, um zu gaffen, nicht um zu bumsen; trotzdem wurde in den Betten hier ungefähr eine Milliarde Euro pro Jahr erwirtschaftet.

Shaw hielt den Kopf gesenkt. Seine Füße führten ihn auf direktem Weg zu einem ganz bestimmten Ziel. Er war fast da.

Kapitel 5

Die Dame im Fenster war jung und schön. Sie hatte rabenschwarzes Haar, das sich in Wellen um ihre nackten Schultern legte. An Kleidung trug sie einen winzigen, kaum noch als solchen zu bezeichnenden String-Tanga, Highheels und eine billige Halskette zwischen den großen Brüsten, deren Nippel mit Sonnenblumenblüten bedeckt waren.

Interessante Aufmachung, dachte Shaw.

Er hielt Blickkontakt mit ihr, während er sich einen Weg durch die Masse der Fußgänger bahnte. Die Frau empfing ihn an der Tür, wo er sein Interesse bestätigte. Trotz ihrer Highheels war sie gut einen Kopf kleiner als er. Im Fenster hatte sie größer ausgesehen; aber im Schaufenster sahen ja viele Dinge größer aus, als sie tatsächlich waren. Und besser. Wenn man die Ware dann mit nach Hause nahm, sah sie mit einem Mal gar nicht mehr so toll aus.

Die Frau schloss die Tür und zog die roten Vorhänge zu - die einzigen Zeichen, dass Zimmer und Frau belegt waren. Der Raum war klein. Er hatte ein Waschbecken, eine Toilette und natürlich ein Bett. Neben dem Waschbecken befand sich ein Knopf, den die Nutte im Notfall betätigen konnte, um die Polizei zu alarmieren, die jeden Kunden einkassierte, der auf der Suche nach Befriedigung zu weit gegangen war. Dieses Viertel gehörte zu den am besten bewachten der Stadt; man tat eben alles, um die Steuereinnahmen weiter fließen zu lassen.

Shaw sah eine weitere Tür in der hinteren Wand und drehte sich weg: Aus dem Nebenzimmer waren laut und vernehmlich die Geräusche eines anderen, offenbar sehr beschäftigten Kunden zu hören. Die Stundenzimmer befanden sich unmittelbar nebeneinander, getrennt durch eine Rigipswand, manchmal auch nur durch einen Vorhang. Für dieses Geschäft benötigte man nicht sonderlich viel Platz oder Aufwand.

»Du siehst sehr gut aus«, sagte die Frau auf Holländisch. »Und du bist groß«, fügte sie hinzu und schaute zu Shaw hinauf. »Bist du überall so üppig ausgestattet? Ich bin da unten nämlich nicht so groß.« Unverhohlen starrte sie auf seinen Schritt.

»Spreekt u Engels?«, fragte Shaw.

Sie nickte. »Ja, ich spreche Englisch. Zwanzig Minuten kosten dreißig Euro, aber ich mache auch eine Stunde für fünfundsiebzig. Ein Sonderangebot, extra für dich«, fügte sie hinzu. Sie reichte ihm eine Liste auf Niederländisch, doch unten stand der Text auch in anderen Sprachen, darunter Englisch, Französisch, Japanisch, Chinesisch und Arabisch. »Das sind die Dinge, die ich mache - oder auch nicht.«

Shaw gab ihr das Blatt zurück. »Ist dein Freund da?«, fragte er. »Ich warte schon seit Langem darauf, ihn endlich kennenzulernen.« Er schaute zur zweiten Tür.

Die Frau musterte ihn erneut, diesmal jedoch auf andere Weise. »Ja, er ist hier.«

Sie drehte sich um und führte Shaw zur Hintertür. Ihre nackten Pobacken waren fest, als sie mit übertriebenem Hüftschwung vor ihm herstolzierte. Shaw war nicht sicher, ob sie es aus Gewohnheit tat oder weil ihre Stilettos zu locker saßen.

Die Frau öffnete Shaw die Tür, winkte ihm hindurchzugehen und überließ ihn einem alten Mann, der an einem kleinen Tisch vor einer schlichten Mahlzeit saß: eine Käseecke, ein Stück Dorsch, eine Handvoll Brot und eine Flasche Wein.

Das Gesicht des Mannes war eine verwitterte Landschaft aus Rissen und Spalten; der weiße Bart war zottelig, der kleine Bauch weich und rund. Die Augen lugten unter schneeweißen Haarbüscheln hervor, die dringend gestutzt werden mussten.

Mit festem Blick schaute er Shaw an; dann deutete er auf den Tisch. »Hunger? Durst?«

Es gab einen zweiten Stuhl, doch Shaw beschloss, sich nicht zu setzen. Der Alte hätte ihn womöglich erschossen, hätte er versucht, es sich bequem zu machen, denn der Mann hielt eine Waffe in der linken Hand, genau auf Shaw gerichtet. Außerdem waren die im Vorfeld besprochenen Instruktionen eindeutig gewesen. Man setzte sich nicht. Und man aß und trank auch nichts, wenn man leben wollte.

Shaw hatte seinen Blick bereits durch den winzigen Raum schweifen lassen. Es gab nur eine Tür: die, durch die er gekommen war. Er hatte sich so positioniert, dass er sowohl die Tür als auch den Mann im Auge behalten konnte … und dessen Waffe.

Shaw schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich hab schon im De Groene Lanteerne gegessen.« Das war ein billiges Restaurant, wo man traditionelle holländische Küche in einem dreihundert Jahre alten Schankraum servierte, der auch so aussah.

Nachdem die dämliche Parole ausgetauscht war, stand der Mann auf, zog ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es Shaw.

Shaw schaute sich die Adresse und die anderen Informationen auf dem Zettel an, zerriss ihn und warf die Fetzen in die Toilette an der Wand; dann zog er ab. Wie auf ein Stichwort setzte der Mann einen alten, speckigen Hut auf, warf sich einen geflickten Mantel über und ging.

Shaw konnte noch nicht gehen. Sexuelle Begegnungen dauerten ein wenig länger, selbst bei Teenagern. Und man wusste nie, wer einen gerade beobachtete. Na ja, genau genommen wusste Shaw es. Es waren mehrere.

Shaw ging zurück in den Hauptraum, wo die Frau sich katzenhaft auf dem Bett räkelte. Die Vorhänge waren noch immer zugezogen, und ihr Taxameter lief.

»Willst du mich jetzt ficken?«, fragte die Frau gelangweilt und zog ihren Tanga hinunter. »Ist alles bezahlt«, fügte sie hinzu, als müsse sie Shaw erst noch verführen. »Eine ganze Stunde. Für weitere dreißig Euro halte ich mich auch nicht an die Liste.«

»Ne, bedankt«, sagte Shaw und lächelte höflich. Wenn man eine Dame in sexuellen Fragen abwies, tat man es am besten in ihrer Sprache.

»Warum denn nicht? Gibt es ein Problem?«, fragte sie offensichtlich beleidigt.

»Ich bin verheiratet«, sagte Shaw.

»Das sind die meisten Männer, die zu mir kommen.«

»Das glaube ich.«

»Wo ist dein Ehering?«, fragte sie misstrauisch.

»Den trage ich nie bei der Arbeit.«

»Bist du sicher, dass du mich nicht willst?« Ihr Tonfall war so ungläubig und verärgert wie ihr Gesichtsausdruck.

Shaw ließ sich seine Belustigung nicht anmerken. Die Frau musste wirklich neu in dem Geschäft sein, wenn ihre Eitelkeit noch intakt war. Die älteren Huren freuten sich über jede Gelegenheit, Geld zu machen, ohne dafür ins Bett hüpfen zu müssen.

»Ja, ich bin mir sicher«, sagte Shaw. Sie zog ihren Tanga hoch. »Schade.«

»Ja, schade«, sagte Shaw.

Bald würde er in Dublin sein, bei der einzigen Frau, die er je wirklich geliebt hatte. In zwei Tagen schon, wenn alles nach Plan lief.

Doch in seinem Job war das ein sehr großes »Wenn«.

Kapitel 6

Immer hat irgendein verdammter Tunesier, Marokkaner oder Ägypter etwas damit zu tun. Immer, ging es Shaw durch den Kopf. Machte man bei diesen Kerlen auch nur den geringsten Fehler, rissen sie einem die Eier ab und stopften sie einem ins Maul, und wenn man sie dann nach dem Grund fragte, sagten sie, Allah habe es ihnen befohlen … falls sie überhaupt etwas sagten. Ich sehe dich im Paradies, Ungläubiger. Dort kannst du mir bis in alle Ewigkeit dienen, du dreckiges Schwein. Shaw kannte die Reden auswendig.

Er packte den schweren Koffer fest mit der rechten Hand und hielt die Linke in die Höhe, während der drahtige Tunesier mit den roten Augen, dem grimmigen Gesicht und den gefletschten Zähnen ihn abtastete.

Neben Shaw standen weitere sechs Männer in dem kleinen Raum. Es war eine typische Wohnung an einem kleineren Kanal. Hoch oben, mit einem Eingang schmal wie ein Rattenloch und mit Tauen anstelle eines Treppengeländers, konnte man schon bei dem fast senkrechten Anstieg zur Wohnung außer Atem kommen - ein Umstand, der in den Häusern entlang der Kanäle von Amsterdam nicht ungewöhnlich war.

Der Grund dafür war in der Geschichte zu suchen, wie Shaw gelernt hatte. Vor Jahrhunderten hatten alle diese Häuser Kaufleuten gehört, und damals waren die einzigen Zimmerleute Schiffszimmerleute gewesen. Diese Männer waren logischerweise zu dem Schluss gekommen, dass das, was gut für ein Schiff war, auch gut für ein Haus sein müsse. So hatten sie dann auch die Treppen fast senkrecht angelegt wie auf einem Schiff, wo Platz knapp gewesen war. Das war auch der Grund dafür, weshalb bei den meisten Häusern ein Stahlträger aus dem obersten Stock ragte: Einst hatte man daran Waren nach oben gezogen; heutzutage nutzte man die Träger, um sperrige Gegenstände aller Art, die man unmöglich über die schmalen Treppen transportieren konnte, ins Haus zu befördern.

Am Abend zuvor hatte Shaw den Rotlichtbezirk verlassen, war in sein Hotel zurückgekehrt und hatte an der Rezeption Bescheid gesagt, dass er auschecken wolle. Der diensthabende Portier stand ohne Zweifel auf der Lohnliste von Personen, die über jede Bewegung Shaws informiert sein wollten; der Mann würde seine Auftraggeber nun auch davon in Kenntnis setzen, dass Shaw das Intercontinental verließ. Er musste also damit rechnen, dass man ihm folgte.

Da Shaw jedoch nicht auf Gesellschaft erpicht war, ließ er seine Tasche und die Kleidung zurück und verließ das Hotel durch den Keller. Das war auch der ursprüngliche Grund gewesen, überhaupt in dem riesigen Intercontinental mit seinen vielen Ausgängen abzusteigen: Er musste sich absetzen können, ohne gesehen zu werden. Shaw hielt sich an die Informationen, die er von dem alten Mann bei der Hure bekommen hatte, und ließ sich auf der Ladefläche eines alten Lasters zu einem Ziel außerhalb der Stadt kutschieren, wo das Land flach und grün war. Er hatte ein paar Anrufe gemacht und am nächsten Abend den Koffer an sich genommen, den der Tunesier ihm nun so eifrig zu entwinden versuchte.

Plötzlich riss der viel größere Shaw dem Mann den Griff des Koffers aus der Hand. Der Tunesier stürzte zu Boden und schlug mit dem Gesicht auf, war aber sofort wieder auf den Beinen. Blut tropfte ihm aus der Nase, und in seiner sehnigen, kräftigen Hand funkelte ein Messer.

Shaw drehte sich zu dem Anführer des Haufens um, einem Iraner auf einem Stuhl - sein Minithron, dachte Shaw -, der ihn mit festem Blick beäugte.

»Wollen Sie die Ware sehen?«, fragte Shaw. »Falls ja, rufen Sie Ihren Geier zurück.«

Der schlanke Perser, der eine gestärkte Bügelfaltenhose und ein loses, langärmeliges weißes Hemd trug, winkte mit der Hand, und das Messer des Tunesiers verschwand, nicht aber der Hass, der sich auf seinem Gesicht spiegelte.

»Gestern Abend ist es Ihnen gelungen, meine Männer abzuschütteln«, sagte der Perser mit britischem Akzent zu Shaw.

»Ich mag nun mal keine Gesellschaft.«

Shaw stellte den Koffer auf den Tisch, gab zwei digitale Codes ein und zog seinen Daumen über einen Scanner. Das Titanschloss sprang auf. Aufmerksam beobachtete Shaw die Reaktion des Mannes aus Teheran auf das kleine Geschenk im Koffer. Der Gesichtsausdruck des Iraners verriet alles: Für den Muslim aus dem Nahen Osten war in Holland Weihnachten und Ostern zugleich.

Shaw verkündete: »Offiziell ist das ein RDD, ein Gerät zur Freisetzung von radioaktivem Material, bisweilen auch schmutzige Bombe genannt.« Er sprach Farsi, was den Iraner erstaunt die Augenbrauen heben ließ.

Die Männer versammelten sich um Shaw. Vorsichtig berührte der Perser das Gerät mit den vielen Drähten, der Metallhülle, den Röhren aus rostfreiem Stahl und den LED-Anzeigen.

»Wie schmutzig?«, fragte der Iraner.

»Gammastrahlenkern und eine nette Dynamitladung.«

»Genug, um wie viele zu töten? Eine ganze Stadt?«

Shaw schüttelte den Kopf. »Das ist keine Massenvernichtungswaffe. In unserem Gewerbe nennen wir sie eine Massenzerrüttungswaffe. Sie wird die Menschen töten, die am Explosionsherd stehen, und die Strahlung wird noch ein paar mehr erledigen. Entfernt man sich jedoch vom Epizentrum, nimmt der Schaden rasch ab.«

Der Iraner blickte nicht sonderlich zufrieden drein. »Mir hat man den Eindruck vermittelt, dieses Gerät könne Tausende töten und ganze Gebäude einreißen.«

»Das Ding ist keine Atombombe. Wenn Sie so was wollen, sollten Sie sich die Pläne im Internet besorgen. Allerdings werden Sie nicht weit kommen, wenn es um die Beschaffung der notwendigen Materialien geht, zum Beispiel angereichertes Uran. Doch bei dem Ding hier wird sich ein ganzes Land vor Angst in die Hose scheißen. Die Wirtschaft wird zusammenbrechen, und die Menschen werden sich fürchten, ihre Häuser zu verlassen. In gewisser Hinsicht ist das Ding hier genauso wirkungsvoll wie eine Nuklearwaffe, nur dass es keine ganz so schlimme Sauerei hinterlässt. Außerdem ist es um einiges billiger für Sie.«

Das schien den Perser zufriedenzustellen. Nach einem letzten, liebevollen Tätscheln der Bombe wandte er sich wieder Shaw zu. »Und der Preis?«

Shaw hatte sich zu voller Größe aufgerichtet; er überragte alle anderen. »Es bleibt bei dem Voranschlag, den wir Ihnen geschickt haben.«

»Ich dachte, das sei Ihr Eröffnungsangebot gewesen, über das wir verhandeln können.«

»Da haben Sie falsch gedacht. Der Preis steht. Aber wenn Sie nicht wollen … Es gibt noch jede Menge anderer Kunden.«

Der Perser trat einen Schritt vor. Seine Männer taten es ihm nach. »Sie werden verhandeln.«

Shaw tippte auf den Kofferinhalt. »Das ist eine Gammabombe, kein Messerset und auch kein Brillant für die liebe Frau Gemahlin. Hier gibt es keine Sonderangebote.«

»Was sollte uns davon abhalten, sie uns hier und jetzt einfach zu nehmen? Kostenlos?«

Der Tunesier musste Gedanken lesen können, denn er hatte bereits wieder sein Messer gezückt, und seine Augen brannten. Ohne Zweifel malte er sich aus, wie er Shaw die Klinge in den Hals rammte.

»Was sollte uns davon abhalten, Sie abzustechen?«, legte der Perser unnötigerweise nach. Shaw hatte längst verstanden.

Er deutete auf einen Schlitz in der Seite der Bombe, der an einen DVD-Einschub erinnerte. »Sehen Sie das hier? Hier wird die zum Paket gehörende Software eingespielt - mitsamt der digitalen Zündschlüssel, die das Ding zur Explosion bringen und die Strahlung freisetzen. Sollten Sie es ohne versuchen, sind Sie und Ihre Freunde hier das Einzige, was draufgeht.«

»Und wo ist die Software?«

»Weit weg, da können Sie sicher sein.«

Der Iraner schlug auf den Koffer. »Dann ist das also nutzlos für mich!«

»Im Voranschlag stand ausdrücklich«, erklärte Shaw genervt, »dass Sie die Hardware für fünfzig Prozent des festgelegten Preises bekommen, die Software aber erst, sobald die anderen fünfzig Prozent auf dem angegebenen Konto sind.«

»Und ich soll Ihnen einfach so vertrauen?«, hakte der Perser mit bösartigem Unterton nach.

»Genau so, wie wir Ihnen vertrauen müssen. Wir machen das schon lange, und wir haben noch nie einen unserer Kunden enttäuscht. Das wissen Sie; sonst wären Sie nicht hier.«

Der Iraner zögerte.

Komm schon, du Made. Du kannst für dieses goldene Ei hier ruhig ein bisschen Gesicht vor deinen Männern verlieren. Du bist scharf auf das Ding, das weiß ich. Überleg doch nur, wie viele Amerikaner du mit dem kleinen Scheißer hier grillen kannst.

»Ich muss zuerst jemanden anrufen«, sagte der Perser.

Verärgert erwiderte Shaw: »Ich dachte, Sie hätten das Sagen hier.«

Der Perser schaute nervös zu seinen Männern; die Verlegenheit war ihm deutlich anzusehen. »Nur ein Anruf«, sagte er und zog sein Handy hervor.

Shaw hob die Hand. »Stopp! Dass Interpol plötzlich auf unserer kleinen Party auftaucht, passt nicht in meine Urlaubsplanung.«

»Das Gespräch wird nicht lange genug dauern, als dass jemand es zurückverfolgen könnte.«

»Sie haben zu viele Dirty-Harry-Filme gesehen. In unserem Geschäft ist so was nicht gesund.«

»Wovon reden Sie?«, fragte der Perser mit scharfer Stimme.

»Ich weiß ja, dass ihr Jungs eigentlich im neunten Jahrhundert lebt, aber wenn ihr nicht im Todestrakt landen wollt, müsst ihr ins einundzwanzigste Jahrhundert kommen. Es ist nicht mehr nötig, dass Sie zwei Tage lang im Festnetz herumtelefonieren, um Sie zu lokalisieren. Ein Satellit braucht nur drei Sekunden, um den elektronischen Fingerabdruck zurückzuverfolgen, den Standort mithilfe der Übertragungsmasten bis auf drei Meter genau zu bestimmen und ein Einsatzteam loszuschicken.« Natürlich war es größtenteils Unsinn, was Shaw da redete, aber es hörte sich toll an. »Was meinen Sie, warum bin Laden in einer Höhle lebt und seine Befehle auf Toilettenpapier schreibt?«

Der Perser starrte auf sein Handy, als hätte es ihn soeben gestochen. Ganz langsam griff Shaw in seine Tasche - er hatte den blutrünstigen Tunesier nicht vergessen - und holte sein eigenes Handy heraus, das er dem Terroristenführer zuwarf.

»Dieses Gerät hat die neuesten Abwehrtechniken, sogar einen Laserkodierer, dessen Codes nicht mal ein Quantencomputer knacken könnte … falls schon jemand einen erfunden hätte. Also, wohlan, mein Freund, wählen Sie. Die Gebühren gehen auf mich.«

Der Perser telefonierte mit dem Gesicht zur Wand, sodass Shaw ihn weder hören noch seine Lippen lesen konnte.

In der Zwischenzeit richtete Shaw seine Aufmerksamkeit auf den Tunesier. In einer Sprache, von der er sicher war, dass weder der Mann noch einer der anderen sie sprach, sagte er: »Du fickst gerne kleine Jungen, stimmt's?«

Der Tunesier starrte ihn verwirrt an. Den chinesischen Dialekt aus der äußersten südlichen Ecke des kommunistischen Riesenreiches verstand er in der Tat nicht. Shaw wiederum hatte ein Jahr seines Lebens in dieser Provinz verbracht, hätte dort zweimal fast ins Gras gebissen und war schließlich mithilfe eines Bauern und dessen uraltem, knatterndem Ford geflohen. Unter diesen Umständen war er rasch zu dem Schluss gekommen, dass es ganz nützlich sei, die Sprache zu lernen, obwohl er nie wieder dorthin zurückkehren würde - jedenfalls nicht freiwillig.

Der Iraner gab Shaw das Handy zurück, und Shaw steckte es in die Tasche.

»Abgemacht«, verkündete der Perser.

»Das freut mich zu hören«, erwiderte Shaw im selben Augenblick, da seine Faust dem Tunesier die Nase brach. Mit der gleichen Bewegung schwang er den schweren Koffer und traf zwei weitere Männer am Kopf. Sie brachen zusammen - tot oder verdammt nahe dran.

Einen Moment später wurde die Tür aufgebrochen, und ein halbes Dutzend Gestalten in Körperpanzern und mit Maschinenpistolen stürmten ins Zimmer. Sie schrien die Leute an, die Hände zu heben und die Waffen fallen zu lassen - nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge -, wenn sie nicht ein drittes Auge auf der Stirn haben wollten.

Dann tat der Perser das Unerwartete. Die Hände vors Gesicht geschlagen, sprang er durch das geschlossene Fenster.

Shaw stürmte vor. Er war sicher, den Mann zerschmettert unten auf dem Bürgersteig zu sehen.

»Scheiße!« Der Schwung hatte den Perser weit genug getragen, dass er mitten im Kanal gelandet war.

Shaw schaute zu zwei der Gepanzerten, die ihn verwirrt anstarrten. »Hat zufällig jemand eine Tetanusspritze dabei? Meine letzte Impfung ist schon verdammt lange her.«

Er warf einem der Männer sein Handy zu, schnappte sich das Messer des Tunesiers und fluchte leise vor sich hin. Dann kletterte er auf den Fenstersims, dachte kurz über den Wahnsinn nach, den er vorhatte, und sprang hinaus in die gute niederländische Luft.

Kapitel 7

Falls es außerhalb der ehemaligen Sowjetunion - oder vielleicht Venedigs - noch ein Gewässer geben sollte, in das man niemals springen sollte, waren es die Kanäle von Amsterdam. Sie waren zwar berühmt, aber nicht für ihre Sauberkeit.

Shaw schlug aufs Wasser auf und tauchte sauber ein. Trotzdem ging ihm der Aufschlag aus Höhe des vierten Stocks durch Mark und Bein. Er paddelte zurück an die Oberfläche und schaute sich nach seinem Mann um. Nichts!

Für jemanden, der aus der Wüste kam, schien der Perser ein verdammt schneller Schwimmer zu sein. Aber das galt auch für Shaw. Als er seine Beute schließlich entdeckte, pflügte er mit mächtigem Armschlag durch den Kanal, sodass er fast schon den Fuß des Mannes zu packen bekam, als dieser aus dem Wasser stieg. Der Perser trat aus und traf Shaw schmerzhaft am Kiefer, was Shaws Laune nicht gerade besserte.

Die beiden Männer standen sich am Fuß der Magere Brug gegenüber, deren fröhliche Lichter einen seltsamen Hintergrund für die beiden Sinnbilder des Zorns abgaben, die einander umbringen wollten.

»Du hast mich verraten!«, brüllte der Perser.

»Du kommst schon darüber hinweg.«

Der Perser nahm Kampfhaltung ein. »Ich bin zum Mujahid ausgebildet. Ich habe jahrelang im Irak und in Afghanistan gegen die Teufel gekämpft. Ich freue mich schon darauf, dich mit bloßen Händen umzubringen. Diene mir gut im Tod, du Stück Dreck.«

Ehe der Perser angreifen konnte, zog Shaw sein Wurfmesser und schleuderte es. Es traf den Mann im Fuß und durchschnitt Fleisch und Knochen, bis die Spitze ins Holz der Brücke drang.

Der Iraner schrie vor Schmerz und deckte Shaw mit Flüchen ein, während er versuchte, die Klinge herauszuziehen.

Shaw nutzte den Moment, den der Mann abgelenkt war, um ihn mit einer steifen Geraden k. o. zu schlagen. Der Fuß des Persers war noch immer auf der Brücke festgenagelt wie ein Schmetterling in einem Insektenkabinett.

»Du redest zu viel«, sagte Shaw zu dem Bewusstlosen.

Eine Stunde später saß er hinten in einem weißen Van, hatte eine Decke um seine breiten Schultern geschlungen und nippte an einem Becher heißen, holländischen Kaffee. Zwei Uniformierte sowie ein dritter Mann in einem Anzug von der Stange saßen ihm gegenüber.

»Aus einem Fenster springen? In den Kanal? In deinem Alter?«, sagte der Anzugträger und kratzte sich die gerötete Haut auf seinem kahlen Kopf.

»Habt ihr den Anruf zurückverfolgen können?«

Der Mann nickte. »Gute Idee, dem Burschen dein Handy zu geben. Wir haben Mazloomi und sein Team vor gut zehn Minuten in Helsinki verhaftet. Üble Burschen, richtig harte Jungs.« Der Mann schauderte in gespielter Angst und lachte auf.

Shaw zeigte nicht einmal ein Lächeln. »Brave Jungs versuchen nur selten, Unschuldige zu atomisieren. Dafür haben wir Regierungen.«

»Glaubst du das wirklich?«

»Ja, und du glaubst es auch, Frank. Du hast nur nicht den Mumm, es zuzugeben.«

Frank schaute zu den beiden Uniformierten und nickte in Richtung Tür. Die beiden Männer standen sofort auf und gingen. Frank rückte näher an Shaw heran.

»Was habe ich da gehört? Du willst deinen Job an den Nagel hängen?«

»Was hast du denn gedacht, wie lange ich diesen Scheiß noch mache?«

»Hast du das Kleingedruckte nicht gelesen? Bis zum Tod. Und heute Nacht wäre es ja beinahe so weit gewesen.«

»Heute Nacht? Das war ungefähr so gefährlich wie mit einer Nonne zu catchen.«

»Na ja, solltest du irgendwann doch den Löffel abgeben, dann achte bitte darauf, dass es nicht in meiner Schicht passiert. Mein Herz kann so viel Aufregung nicht mehr vertragen.«

»Danke für deine Fürsorge.«

»Und wohin jetzt?«

»Dublin.«

Neugierig fragte Frank: »Warum?«

»Urlaub. Obwohl du vielleicht der Meinung bist, ich hätte mir nach heute Nacht keinen verdient.«

»Oh, du kannst gehen, aber du wirst auch wieder zurückkommen«, erwiderte Frank überzeugt.

Shaw stand auf, ließ die Decke von seinen Schultern gleiten und reichte Frank den leeren Becher. Seine Haut juckte teuflisch, und er hatte das Gefühl, als würden ihm die Haare ausfallen.

»Sobald du mir ein Bild von dir schickst, wie du im Kanal schwimmst. Nackt, versteht sich.«

»Jaja. Bist du immer noch froh, dich auf unsere Seite geschlagen zu haben?«

»Ich hatte nicht wirklich die Wahl, oder?«

»Viel Spaß in Dublin, Shaw.«

»Das kannst du dir doch in Ruhe angucken. Ihr Jungs klebt mir doch überall am Arsch.«

Frank zündete sich eine niederländische Zigarre an und grinste durch einen Rauchschleier zu Shaw hinauf. »Du glaubst also, du bist wichtig genug für uns, dass wir dich über die ganze Welt jagen? Meine Güte, was für ein Ego.«

»Mögest du nie alt werden, Frank.«

Kapitel 8

Vergesst Konstantin nicht« hatte einen Höhepunkt erreicht. In fünfzig Ländern kam es zu antirussischen Demonstrationen, und die Vereinten Nationen hatten einen wütenden Präsident Gorschkow formell um eine ausführliche Stellungnahme ersucht. Und doch versuchten ruhigere und skeptischere Geister einen Wall gegen die Flut antirussischer Sentiments zu errichten.

Eine Vielzahl Politiker, Journalisten und Leute aus diversen Think-Tanks, die in der Vergangenheit rasch mit einem Urteil bei der Hand gewesen waren, mahnten nun zu Vorsicht und Zurückhaltung infolge der »Vergesst Konstantin nicht«-Welle. Immer mehr Fragen waren aufgetaucht, was die Authentizität von Mann und Video betraf, besonders angesichts der detaillierten Dementis der russischen Regierung, die zudem regierungsfernen Medien einen nie zuvor gekannten Zugang zu ihren Akten gewährt hatte. Kurz nach dieser Kooperationsmaßnahme seitens Moskaus war das weltweite Ressentiment, Russland sei das leibhaftige Böse, ein wenig abgeebbt, und überall auf der Welt atmeten Politiker wieder ein bisschen leichter.

Doch es war die Ruhe vor dem Sturm.

Zwei Tage später erlitt die Welt erneut einen kollektiven Schock, als - verteilt von Servern auf allen Kontinenten - die Namen Tausender Russen auftauchten, die angeblich von ihrer Regierung ermordet worden waren. Auf dieser Liste standen Männer, Frauen, Kinder, Junge, Alte, Schwangere und Behinderte. Und zu jedem Namen gab es ein Gesicht, Details aus dem Leben und Einzelheiten über den grausamen Tod. Doch schlimmer noch war, dass alle diese Daten Indizien aufwiesen, dass sie tatsächlich aus offiziellen russischen Akten stammten. Die Betreff-Zeile war schlicht und schrecklich zugleich: »Es ist nicht nur Konstantin, den ihr nicht vergessen sollt.«

Kurz darauf meldeten sich sogenannte Experten - ausgebürgerte Russen und Personen aus ehemaligen Ostblockstaaten - im Fernsehen, im Radio und im Web, um Russland für dessen vermeintlichen Rückfall in alte, schreckliche Zeiten des Weltherrschaftsstrebens zu geißeln.

Es war, als hätte das Bild des armen, gefolterten Konstantin, gestützt von Tausenden »neuen« Toten, den Menschen endlich den Mut verliehen, die Wahrheit zu sagen. Eine eher bizarre Nebenwirkung war, dass plötzlich Kaffeebecher und T-Shirts mit Konstantins geschundenem Gesicht den Weltmarkt überfluteten; er war offenbar der Che Guevara seiner Generation. Die Sechziger kehrten auch in anderer Hinsicht wieder zurück: mit Bildern von Atompilzen in jedermanns Kopf.

Leute, die behaupteten, mit Konstantin verwandt oder befreundet gewesen zu sein, erschienen an den verschiedensten Orten weltweit in den Nachrichten und erzählten die Leidensgeschichte eines Mannes, der nie existiert hatte. Trotzdem sponnen sie voller Leidenschaft ihr Garn; offenbar hatten sie sich selbst davon überzeugt, dass Konstantin real war und dass sie ihn gekannt hatten. Er war ein Märtyrer, berühmt und geliebt, und nun waren sie es auch. Ihre gequälte Erscheinung fesselte die Aufmerksamkeit und die Herzen von Menschen auf der ganzen Welt.

Die Talkshowmaster und Nachrichtensprecher stellten diesen Leuten viele tiefschürfende Fragen wie: »Das alles ist sehr beunruhigend, meinen Sie nicht?«, oder: »Wenn er noch leben würde, welche Botschaft würde der arme, ermordete Konstantin unseren Millionen Zuschauern wohl übermitteln wollen?«

Auf einem Kanal der BBC erklärte ein Mann weise: »In einer Welt mit wenig Energie und noch weniger Wasser, einer Welt, in der jeden Tag neue Feinde aus dem Boden sprießen, sind die Russen offenbar nicht bereit, nach Ländern wie China, Indien oder sogar den Vereinigten Staaten die zweite Geige zu spielen.« Der Mann fügte hinzu, die Russen hätten es mit der Demokratie versucht, sie jedoch abgelehnt. Der Russische Bär habe sich wieder erhoben, und die Welt dürfe da verdammt noch mal nicht wegschauen.

Und die Welt hatte nicht weggeschaut, denn der Sprecher dieser Worte war niemand anders als Sergej Petrow, die ehemalige Nummer zwei in der Nachfolgeorganisation des KGB, dem Föderalen Sicherheitsdienst, kurz FSB. Nur mit Mühe und Not hatte Petrow aus seinem Heimatland fliehen können. Er rechne jeden Tag damit, sagte er, für seine Kühnheit von einer Kugel, einer Bombe oder einem tödlichen Kaffee mit Polonium 210 niedergestreckt zu werden. Auch war er für seine Bemerkungen sehr gut bezahlt worden - von einer Quelle, die er nicht kannte. Die Menschen versuchten noch immer herauszufinden, ob das alles nun der Wahrheit entsprach oder nicht. Von Petrow jedoch bekamen sie dabei keine Hilfe; er hatte nichts mehr für sein Heimatland übrig.

Doch die wirkliche Frage, die jeden beschäftigte, lautete: Wer steckt hinter alledem, und warum tut er das? Obwohl man im Informationszeitalter lebte, vermochte niemand, eine definitive Antwort darauf zu finden - und dies aus einem ganz bestimmten Grund, den die meisten Leute übersahen: Im Informationszeitalter gibt es nicht Millionen Verstecke - es gibt Trillionen.

Die vielfältigen Krisen im Nahen Osten waren vergessen. Der verrückte Kim aus Nordkorea wurde auf die letzten Seiten verdrängt. Jedem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten für die bevorstehenden Wahlen stellte man dieselbe Frage: »Was beabsichtigen Sie wegen eines Landes zu unternehmen, das über fast genauso viele Nuklearwaffen verfügt wie die Vereinigten Staaten und das auf eine ganze Reihe ehemaliger politischer Führer zurückblicken kann, die nichts Geringeres angestrebt haben als die Weltherrschaft?«

Besonders die amerikanische Öffentlichkeit war außer sich. Hatten sie die ganze Zeit Geld und Leben im Nahen Osten verschwendet, während die Russen insgeheim daran gearbeitet hatten, die freie Welt zu zerschmettern? Russland hatte Tausende von Atomsprengköpfen, die es überall auf dem Erdball zum Einsatz bringen konnte. Dagegen sahen bin Laden und seine al-Kaida wie Taschendiebe aus. Wie hatten die vielen klugen Köpfe das übersehen können?

Und wenn die amerikanische Öffentlichkeit erst einmal außer sich war, ließ sie es Washington spüren: Der amtierende Präsident, der sich zur Wiederwahl stellte, sah sich in den Umfragen vom ersten auf den fünften Platz zurückfallen, als seine Konkurrenten ihm Nachgiebigkeit gegenüber Russland vorwarfen. Jede bedeutende Zeitschrift hatte Konstantins Bild auf dem Cover. Jede Politshow, von Hardball bis zu Face the Nation und Meet the Press, jeder Blog, jeder Chatroom und jedes Cybercafe kannte nur noch ein Thema: den Aufstieg Russlands, die mögliche Wiedergeburt des Kalten Krieges und sogar die Wiedererrichtung eines Eisernen Vorhangs, den unsensible Zeitgenossen schon in »Titansarg« umgetauft hatten.

Am lautesten schrien die politischen Talkshowmaster von ihren mit Milliarden Watt erleuchteten Bühnen; sie behaupteten, die potenziellen Gefahren schon seit Langem gesehen zu haben, während alle anderen wie gebannt auf den Nahen Osten gestarrt hatten. Kollektiv brüllten sie: »Ich spreche für den Mann von der Straße, wenn ich sage: Jagt die verdammten Roten in die Luft, ehe sie uns in die Luft jagen! Anders geht es nicht!«

Die großen Fernsehsender gruben körnige Schwarzweißbilder von Atombombentests aus. Mindestens zwei Generationen Amerikaner sahen zum ersten Mal Bilder von Schulkindern in den Sechzigern, die mit großen verängstigten Augen unter ihren Schultischen kauerten, als könnten Glas und Sperrholz sie vor einer thermonuklearen Explosion schützen. Dazu kamen Bilder von Kommunisten, die ihre militärische Macht vor dem Kreml zur Schau stellten. Jeder bekam mit einem Mal eine Höllenangst.

Wie es in einem Bericht geschmacklos hieß: »Wenn Moskau New York mit Nuklearwaffen trifft, stürzen nicht nur zwei Gebäude ein, sondern alle.«

Das US-Militär, das potenziell einzige Gegenmittel gegen Moskaus Armee außer vielleicht Chinas drei Millionen Mann starke Kriegsmaschine, lag am Boden; Moral und Maschinen waren im Irak und in Afghanistan förmlich versandet. Zwar traf es zu, dass die amerikanische Luftwaffe und Marine es problemlos mit allem hätte aufnehmen können, was die Russen ihnen entgegenzusetzen hatten; trotzdem hielten die Vereinigten Staaten und der Rest der Welt kollektiv den Atem an. Schließlich wusste niemand, was die verrückten Russen als Nächstes tun würden. Eines schien der Planet jedoch zu wissen:

Das Reich des Bösen war zurückgekehrt.

Nicolas Creel legte seine Zeitung hin und stellte den Kaffee beiseite. Zurzeit flog er 12 000 Meter über der Erde zu einem äußerst wichtigen Event. Man hatte ihn über die neuesten Entwicklungen informiert. Die Dinge liefen hervorragend. In der Sprache der Experten befand die Welt sich nun im Zustand des »Zupackens«, in dem die Mehrheit der Leute alles glaubte, was man ihnen sagte. Diesen Zustand zu erreichen war viel einfacher, als die meisten je zu glauben gewagt hätten. Menschen zu manipulieren war ein Kinderspiel; man hatte es schon immer getan mit dem Ergebnis, dass die Welt schon mehrmals nahe am Abgrund gestanden hatte.

Just in diesem Augenblick jagten die Digitalbilder durch die globalen Netzwerke: Die Gesichter Zehntausender, die angeblich von den Russen ermordet worden waren, schauten flehentlich zum Rest der Menschheit. Es war ein taktisches Manöver, das Creels Perzeptionsspezialist gerne einen »Vesuv« nannte - nach dem Vulkan, der die römischen Städte Pompeji und Herculaneum vernichtet hatte. Allein durch ihre ungeheure Masse ließen die digitalen Bilder jedes Leugnen seitens Moskau absurd erscheinen, auch wenn es die Wahrheit war. Es war Teil eines klassischen Vorgehens, das Creels Mann als »die drei Ms« bezeichnete - »mind manipulation maneuver« -, und in diesem Fall funktionierte es perfekt. Die Russen standen nicht nur als Lügner da, sondern als unfähige Lügner.

Creel schaute aus dem Fenster seiner Großraum-767, einer Weiterentwicklung des Jumbo Jets. Die Maschine war für mehr als 250 Menschen konzipiert, doch es war erstaunlich zu sehen, wie man aus dem Gewöhnlichen etwas Außergewöhnliches machen und sie nur für zwanzig Privilegierte umbauen konnte: private Schlafzimmer - jedes mit eigenem Bad -, ein Fitnessraum, Speisezimmer, Konferenzraum, sogar ein Kino. Und dreißig wohlproportionierte Stewardessen in engen Röcken und mit aufgesticktem »Ares«-Emblem auf den schicken Blusen standen Creel jederzeit zur Verfügung. Nicht dass Creel sie je bemerkt hätte … na ja, manchmal schon.

Creel war ein verheirateter Mann. Tatsächlich war er sogar schon vier Mal verheiratet gewesen, doch es standen weitere Ehen zu erwarten. Die derzeitige Kandidatin war eine Miss World Hottie oder etwas in der Art; Creel konnte sich nie an den Titel erinnern. Er würde sich ein wenig amüsieren, und sie würde nach der Scheidung genug bekommen, um den Rest ihres Lebens sorgenfrei verbringen zu können. Seine ersten beiden Frauen waren elegant und klug gewesen; sie hatten ihre eigene Meinung vertreten und Creel damit in den Wahnsinn getrieben. Nun zog er etwas fürs Auge vor, tauschte des Öfteren ein Model gegen das andere und sicherte sich bei Eheschließungen mit einem wasserdichten Ehevertrag ab, damit die Dame ihm nicht alles wegluchsen konnte.

Creel schaute aus dem Fenster. Dort unten lag China, ein Land mit mehr Potenzial und mehr Problemen als jedes andere auf Erden. Ja, es war ein komplexer Ort, vielleicht der komplizierteste von allen. Und was für ein wunderbarer Ort, um einen Krieg zu beginnen, dachte Creel. Doch so einfach war das nicht.

Andererseits war Nicolas Creel nie den leichten Weg gegangen. Er hatte immer das scheinbar Unmögliche im Auge gehabt.

Kapitel 9

Katie James stöhnte, als das Sonnenlicht in ihr Zimmer fiel. Offensichtlich hatten drei Weckanrufe sie nicht die Augen aufschlagen lassen, obwohl sie ausdrücklich um diese Anrufe gebeten hatte, wenn auch in dem vielleicht naiven Glauben, einer davon könne den Nebel in ihrem Hirn durchdringen. Sie war erschöpft von den Reisen, dem ständigen Zeitzonenwechsel und dem Schlafmangel. Außerdem: Wer stieg schon gerne aus einem gemütlichen Bett, um zu einer Beerdigung zu gehen? Leicht benommen setzte sie sich schließlich auf und zog das Laken hoch. Sie hustete, rieb sich den Hals und schaute auf die Uhr.

Verdammt, ich bin wirklich spät dran. Haltet die Leiche auf, ich komme!

Katie sprang auf und lief nackt ins Badezimmer. Nach nur zehn verschwommenen Minuten hatte sie geduscht und sich angezogen und schlug hinter sich die Hotelzimmertür zu, obwohl ihre Haare noch nass waren. Das Leben einer Journalistin, die ständig in der Weltgeschichte herumreiste, hatte sie zumindest gelehrt, schnell zu sein, wenn es darauf ankam. Und nun musste sie zu einer Beerdigung - fein. Dabei wollte sie viel lieber einen Mojito. Genau genommen wollte sie sogar drei davon, so zum Warmwerden. Dann würde der Bourbon seine Wirkung entfalten, gefolgt von ein paar Martinis und Gin Tonic. Was Drinks betraf, gab es bei Katie keine Diskriminierung. Sie liebte sie alle.

Alles hatte damit angefangen, dass sie zu viel Zeit in Bars verbracht hatte, um mit den Jungs Schritt zu halten, die die nächste große Story im Visier hatten. Doch erst als sie zum zweiten Mal den Pulitzerpreis gewonnen hatte und dabei fast draufgegangen wäre, hatte Katie die Kontrolle über die Sauferei verloren. Nach ihrem Beinahe-Tod-Erlebnis hatte sie auch allen Grund gehabt zu trinken, doch die genauen Gründe dafür behielt sie für sich.

Der Alkohol war auch kein Problem für ihre Karriere gewesen, bis ihrem Chefredakteur das Lallen aufgefallen war, die roten Augen am Nachmittag und die Vergesslichkeit. Katie hatte plötzlich nicht mehr gewusst, wo sie hinmusste, an welcher Story sie gerade arbeite oder wem sie in den Hintern zu kriechen hatte. Der Chefredakteur hatte daraufhin den Redaktionsleiter informiert, und rasch war die hässliche Wahrheit bis ganz nach oben gewandert. Sie waren alle Säufer, hatten sich erfolgreich mit Flüssignahrung ins 21. Jahrhundert gerettet, doch Katie hatte der Hammer getroffen, bis sie schließlich nur noch über Tote hatte schreiben dürfen. In Hollywood war eine Reha gut für die PR; als Journalist war man unten durch.

Wochenlang war Katies Sucht das Thema in den New Yorker Journalistenkreisen gewesen; dann kümmerte es niemanden mehr - niemanden außer Katie.

Und so war sie nun also hier, um über das Staatsbegräbnis eines beliebten schottischen Politikers zu berichten, der 104 Jahre alt geworden war, oder Gott weiß was für ein lächerliches Alter der Kerl erreicht hatte. Dabei reizte sie der Anblick eines verschrumpelten Tattergreises mit dem Gesicht eines Shar-Pei, der in einen Kilt gehüllt wie eine Puppe in einem viel zu großen Sarg lag, eher zum Lachen als zum Weinen.

Inzwischen hatte Katie sich den Anonymen Alkoholikern angeschlossen, doch nur, weil ihr Chef dies zur Bedingung für eine Weiterbeschäftigung gemacht hatte. Die zwei Pulitzerpreise, die sie dem verdammten Käseblatt eingebracht hatte, hatte der Blödmann offensichtlich genauso vergessen wie die Wunde an ihrem linken Arm, die nie wirklich verheilt war. Auch über die anderen großartigen Storys, die Katie im Laufe der Jahre in den entferntesten Winkeln der Erde und unter gefährlichsten Bedingungen recherchiert hatte, redete keiner mehr. Um all das zu erreichen, hatte sie einen verdammt hohen Preis gezahlt, was vor allem bedeutete, dass sie außerhalb ihres Berufs kein Leben mehr hatte. Sie war in 84 Ländern gewesen und hatte in der ganzen Zeit nur ein einziges Blind Date gehabt - und das mit einem Pakistani, der ihr gesagt hatte, sie erinnere ihn an seine Lieblingskuh. Der arme Kerl. Katie fragte sich, ob er sich inzwischen vom Zusammenstoß mit ihrer Faust erholt hatte.

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