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Die Kämpferin

Joshua Palmatier

DIE
KÄMPFERIN

Dolch

ROMAN

Übersetzung aus dem
Amerikanischen von
Michael Krug

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieser Roman ist

meiner Mutter

Beryle Palmatier gewidmet.

Sie hat mir und meinen

Brüdern die Kraft geschenkt,

alles zu erreichen, was wir uns

in den Kopf gesetzt haben, und

gab uns die Fähigkeit, große

Träume zu hegen.

Ich hoffe, sie ist stolz auf mich.

ERSTES KAPITEL

Ich stand in einem Weizenfeld. Die frische Brise, die darüber hinwegstrich, ließ die borstigen Ähren gegen meine ausgestreckten Hände schlagen, ließ mein Haar wehen und zerrte an meinem schweißfleckigen Hemd. In diesen letzten Augenblicken vor dem Sonnenaufgang herrschte erwartungsvolle Stille.

Dann erhellte weit hinter den Feldern – in der Nähe der Straße, die sich von Venitte die Hügel hinunterschlängelte – ein gleißendes Licht die Dunkelheit. Orangefarbenes Feuer wölbte sich gen Himmel. Ich verspürte einen Anflug von Kummer, einen wiederkehrenden Schmerz, der sich mit jedem Mal tiefer bohrte. Er wühlte in meiner Brust und brannte mir in den Augen, doch ich biss die Zähne zusammen, während ich zusah, wie das Feuer den höchsten Punkt am Himmel erreichte und dann seinen langen und langsamen Abstieg begann, tiefer und tiefer sank, bis es zwischen Olivenbäumen explodierte.

Als das Licht beim Einschlag aufloderte, sah ich eine Heerschar, die über das weite Feld heranmarschiert kam. Gleich darauf vernahm ich Schreie, gedämpft von der Entfernung.

Der Schmerz wühlte tiefer in meiner Brust.

Ich eilte los, noch ehe ich eine bewusste Entscheidung traf. Durch das Weizenmeer rannte ich zur Straße, dass die Halme mir gegen die Beine peitschten. Wieder loderte Feuer empor, und trotz meines Entsetzens merkte ich mir die Stelle, an der es gen Himmel schoss. Dann erreichte ich die Straße. Die Schreie meiner Mitbürger aus Venitte, die zwischen den Olivenbäumen zu vernehmen waren, wurden lauter. Mein Herz pochte wild, als ich meinen Geist entsandte, die Fäden um mich zusammenzog, sie verwob und mich vorbereitete. Weiter vorne schwollen die Schreie an, wurden lauter und hitziger und gingen über in ein donnerndes Gebrüll der Herausforderung, des Hasses und der Furcht, als die beiden Armeen aufeinanderprallten.

Sonnenlicht tauchte die Hügel und Felder in ein goldenes Leuchten, doch ich brauchte dieses Licht nicht: Durch die Fäden hindurch konnte ich alles erkennen. Die Venitter preschten brüllend und Feuer sprühend unter den niedrigen Ästen der Olivenbäume hinweg. Hinter ihren Reihen blieben verkohlte Leichen und brennende Bäume zurück.

Und im Gefolge des Lichts kamen sie …

Die Chorl, die meine Gemahlin und meine beiden Töchter getötet hatten.

Die gekrümmten Stahlschwerter erhoben, brüllten sie in einer rauen, kehligen Sprache. Ihre Haut war hellblau wie der Winterhimmel, und ihre Tätowierungen wirkten schwarz im fahlen Licht des Morgengrauens. Die Gesichter vor Hass verzerrt, griffen sie an.

Kalte Wut kroch kribbelnd über meine Haut und über die Fäden, die ich um mich gewickelt hatte. Ich verlangsamte meine Schritte, als ich mich von der Seite her den Kämpfenden näherte. Ich brauchte nicht zu rennen; es gab reichlich Chorl zu töten. Vor zwei Wochen waren sie an der Küste von Frigea gelandet und hatten Venitte überfallen. Ohne Vorwarnung waren sie vom westlichen Meer gekommen, hatten den Hafen angegriffen und einen großen Teil der Stadt überrannt, noch ehe jemand wusste, was geschah.

Doch die Chorl selbst waren nicht mein Ziel, sonst hätte ich sie gemeinsam mit der Armee von Venitte angegriffen. Nein, der Angriff diente zur Ablenkung, als Köder für das Heer, denn ich wollte die Adeptinnen: Sie waren es, die die Fäden beeinflussten und Feuer schleuderten. Ihre Macht hatte beim ersten Überfall auf die Stadt so vielen Einwohnern den Tod gebracht.

Und sie hatten Olivia, die fünfjährige Jaer und deren ältere Schwester Pallin getötet.

Vorsichtig schlich ich an den ersten Chorl vorbei. Ihr Geheul erhob sich schrill und gellend um mich her, als sie versuchten, zur vordersten Kampflinie vorzustoßen. Sie strömten zu beiden Seiten an mir vorbei, als wäre ich ein Felsblock in einem Fluss, ohne dass es ihnen bewusst gewesen wäre, denn die Fäden lenkten sie zu den Seiten ab und verbargen mich gleichzeitig vor ihren Blicken. Ich rückte in den hinteren Bereich ihrer Streitmacht vor und richtete die Aufmerksamkeit auf die Quelle der vernichtenden Feuer, die weiterhin aus ihren Reihen emporstiegen.

Die Reihen der Chorl lichteten sich immer mehr. Dann endete die Straße, und ich befand mich wieder inmitten eines Weizenfelds. Die Stängel waren von zahllosen Füßen in die Erde getrampelt worden. Weiter vorne verwob eine Chorl-Frau in schlammverschmiertem Kleid die Sicht zu einem geballten, gleißenden Feuerknäuel, das sie hoch in die Luft schleuderte. Ihre Züge waren verzerrt vor Anstrengung. Schweiß strömte ihr über die Wangen und die kaltblaue Haut ihres Halses, an dem Muskeln und Sehnen dick hervortraten. Die Frau war von zehn Chorl-Kriegern und zwei Priestern umgeben. Die Krieger trugen bunt leuchtende Kleidung über schmucklosen Lederrüstungen. Ihre Blicke waren auf das Schlachtgetümmel hinter mir geheftet, ihre Körper angespannt, und ihre Hände ruhten auf den Griffen ihrer Schwerter. Die Priester trugen schillernde, gelbe und rote Gewänder, dazu Muschelhalsketten. Einer hielt ein Zepter aus Schilf und Federn. Die Gesichter sämtlicher Männer waren über und über tätowiert, ebenso die Hälse und die Hände.

Die Frau, die das Feuer beschwor, trug fünf goldene Ringe in jedem Ohr; das Gold schimmerte zwischen den langen Strähnen ihres schwarzen Haares hindurch. Sie besaß keine erkennbaren Tätowierungen; ihre Haut war makellos.

Unbemerkt huschte ich durch den Ring der Krieger, bis ich vor der Frau stand und in ihre dunklen Augen blickte. Ich verspürte einen Anflug von Bedauern, dass nur eine Adeptin der Chorl an diesem Angriff beteiligt war. Aus der Nähe konnte ich ihren Schweiß riechen und hörte den leisen Sprechgesang der Priester links und rechts von ihr. Durch die Fäden rings um mich strömte Spannung. Es roch nach Furcht und Blut und zertrampeltem Weizen.

Finster starrte ich der Chorl ins Gesicht.

Kreaturen wie sie hatten auf den Chorl-Schiffen gestanden, die in Venittes Hafen eingedrungen waren und die Fischfang- und Handelsschiffe überfallartig angegriffen hatten.

Kreaturen wie sie hatten eine Feuerkugel nach der anderen auf Häuser am Hafen geschleudert und den Feuerball entfesselt, der Olivia, Jaer und Pallin getötet hatte.

Jaer. Ich hatte ihre verkohlte, staubtrockene Haut spüren können, die unter meiner Berührung abgeblättert war, als ich ihren zierlichen Körper an meine Brust drückte …

Sie war erst fünf Jahre alt gewesen.

Der Schmerz trieb mir Tränen in die Augen, und der Ansturm der Gefühle schnürte mir die Kehle zu. Ich riss die Arme hoch und zog weitere Fäden an mich, während Zorn in mir aufstieg, bitter wie Galle, meinen Mund flutete und meine Zunge belegte. Ich hätte sie alle mit einer einzigen Handbewegung töten können, hätte ihre Herzen zum Stillstand bringen können. Sie würden tot sein, ehe sie wüssten, wie ihnen geschah. Ich hätte ihnen glühende Nadeln aus grellem Schmerz ins Fleisch stechen können, hätte sie an Ort und Stelle häuten können. Ich hätte Blitze aus dem klaren Morgenhimmel herabbeschwören können, hätte die Erde unter ihnen aufbrechen und sie verschlingen lassen können. Ich konnte sie auf hunderterlei Weise töten, indem ich eines – oder alle – der fünf magischen Geschicke einsetzte.

Ich entschied mich für Feuer.

Einen Lidschlag bevor ich die Fäden entzündete, die ich um sie gewoben hatte – um die Priester, die Krieger, die Adeptin –, erstarrte die Chorl-Frau. Durch den Schleier aus Tränen, der mir die Sicht trübte, sah ich, wie sich ein wachsamer Ausdruck auf das Gesicht der Chorl legte. Vor ihr schwebte ein halb fertiger Feuerball. Doch nun spürte sie irgendetwas – ein Zittern der Fäden, eine Störung in der Luft. Oder sie hatte das Schluchzen gehört, das aus meiner Kehle aufgestiegen war.

Es spielte keine Rolle. Ich ließ ihr keine Gelegenheit zu reagieren.

Ich entfesselte das Feuer und schrie, als ich die Fäden entzündete, mit denen die zwölf Krieger der Chorl und die Adeptin aneinandergebunden waren. Es war der Aufschrei eines Schmerzes, der niemals enden würde – tierhaft, rau und kehlig. Mit geschlossenen Augen stand ich da, spürte das Erschrecken der Priester, der Krieger und der Frau in jener winzigen Zeitspanne, ehe das Feuer sie erfasste, sie mit seiner Gewalt zurückschleuderte, sich durch ihre Kleider, durch Fleisch und Knochen sengte wie jene Flammen, die Olivia, Jaer und Pallin die Haut verkohlt hatten. Ich legte all meine Wut in den Angriff, all meinen Schmerz, all die Gefühle der Nutzlosigkeit und der Verzweiflung, die ich in den vergangenen zwei Wochen empfunden hatte, als der Friede an der Küste Frigeas durch den Angriff der Chorl zerstört worden war.

Kurz darauf, als die dreizehn verkohlten Leichen meiner Gegner in einem schauerlichen Kreis um mich lagen, sank ich keuchend auf die Knie, mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten. Tränen strömten mir übers Gesicht.

Der Schmerz pulsierte immer noch im Rhythmus meines Herzschlags, brannte durch meine Adern, sengte auf meiner Haut.

Ich schluchzte. Ich hätte mit ihnen sterben sollen. Ich hätte sterben sollen, als ich Olivia beschützt hatte, indem mein Körper sie vor dem Feuer abschirmte – nicht umgekehrt.

Ich hob den Kopf und starrte auf die geschwärzten Leiber, spürte die Wut erneut in mir aufwallen, heiß wie Feuer und bitter wie Galle.

Dann richtete ich den Blick zum aufhellenden Himmel.

Es reichte nicht. Es würde niemals reichen.

Langsam stand ich auf. Vor meinem geistigen Auge sah ich Olivia und mich selbst auf der Veranda. Ich hielt sie in den Armen, roch den Duft ihres Haares, spürte die Weichheit ihrer Haut und hörte das Jauchzen Jaers und Pallins, die vergnügt miteinander spielten …

Eingehüllt in schmerzlich süße Erinnerungen drehte ich mich um, watete hinein in die Streitkräfte der Chorl und zog eine Schneise aus Feuer und Tod durch ihre Reihen.

Trenner

Ich erwachte keuchend und mit einem Schmerz in der Brust, der sich anfühlte, als würde eine unbarmherzige Hand langsam das Leben aus mir herauspressen. Als ich frische Tränen auf der Zunge schmeckte, erkannte ich, dass ich im Schlaf geweint hatte. Meine Muskeln waren steif vor Anspannung, mein Körper erschöpft vom Kampf gegen einen Kummer, der nicht zu besiegen war.

Doch es war nicht mein eigener Kummer, sondern der eines anderen – des Mannes aus dem Traum.

Ein Mann, den ich kannte.

Cerrin.

Ich tauchte in den Fluss. Hoffnung keimte in mir auf. Der dunkle Raum vor mir veränderte sich leicht, wurde grau und war nun mithilfe der Sicht schemenhaft erkennbar. Ich konnte die Umrisse des Bettes ausmachen, in dem ich schlief, und das Sofa, auf dem mich Marielle – eine wahre Dienerin, eine Begabte – in Schreiben und Rechnen unterwies. Ich konnte die Tische und Stühle sehen und die Schale, die Wasser enthielt, damit ich mir das Gesicht waschen konnte. Eine Brise, die nach Meer und Frühlingsnächten roch, wehte die Vorhänge von der Balkontür zurück. Von dem Balkon aus hatte man einen Blick über ganz Amenkor.

Mein Amenkor, denn ich war die Regentin dieser Stadt.

Wir hatten den Winter und einen Angriff der Chorl überlebt, wenn auch zu einem hohen Preis.

Ich schloss die Augen und entsandte mein Bewusstsein zum Geisterthron, dem Symbol der Macht Amenkors. Cerrin war ein Teil des Throns gewesen, eine der darin gefangenen Wesenheiten, einer der ursprünglichen sieben Adepten, die den Thron vor fast eintausendfünfhundert Jahren beim ersten Angriff der Chorl erschaffen hatten. Immer wenn ich von Cerrin geträumt und eine seiner Erinnerungen durchlebt hatte, dann …

Die Hoffnung, die mein Blut in Wallung versetzt hatte, erstarb.

Der Thron war nicht mehr da. Ich konnte ihn nicht berühren und fühlte deshalb nicht, wie er mich mit seiner Macht umhüllte.

Weil er tot war. Weil ich ihn einst zerstört hatte, um Amenkor vor den Chorl und vor deren Anführerin zu retten, der Ochea.

Ich öffnete die Augen, setzte mich auf und rutschte zur Bettkante vor. Der Schmerz in meiner Brust hatte ein wenig nachgelassen. Ich wusste, dass ich nicht mehr einschlafen würde; deshalb stand ich auf, ging durchs Zimmer zu den Vorhängen und trat hinaus auf den Balkon.

Wie in meinem Traum erhellte das erste Licht des neuen Morgens den Himmel. Hätte der Balkon nach Osten gelegen, hätte ich die Berge sehen können, die vom Morgenlicht mit goldenem Schimmer überzogen wurden.

Stattdessen blickte ich auf die traurigen Überreste dessen, was einst Amenkor gewesen war, und beobachtete, wie sich mit fortschreitendem Sonnenaufgang immer mehr Einzelheiten der von den Chorl angerichteten Schäden offenbarten. Die Wachtürme an den beiden lang gezogenen Landvorsprüngen, die das Hafenbecken wie zwei Arme zu umschlingen schienen, waren nur noch Geröllhaufen. Die Chorl hatten diese Türme als Erstes zerstört. Steine und Splitter waren hoch in die Dunkelheit geschleudert worden – eine erste Warnung, dass Amenkors Todfeinde erschienen waren. Ich schauderte bei der Erinnerung an die brutale Kraft, die entfesselt worden war, um die Türme zu vernichten – eine solch ungeheure Macht, dass davon tagelang Strudel in den Strömungen des Flusses zurückgeblieben waren.

Dann waren die schwarzen Schiffe der Chorl im Hafen erschienen, wo sie von unseren Handelsschiffen erwartet worden waren, und die eigentliche Schlacht hatte begonnen. Was nach dem Angriff noch an Schiffen übrig war, lag nun an den beschädigten Piers vor Anker – sowohl Frachtkähne Amenkors als auch Schiffe der Chorl, denn diese hatten bei ihrem überhasteten Rückzug, bedrängt von den Gardisten und der Bürgerwehr, einige ihrer Schiffe zurückgelassen. Der Kai selbst war völlig zerstört worden, als die Chorl bis in die Docks vorgedrungen waren.

Vom Kai zog sich ein sichtbarer Pfad der Verwüstung durch die untere Stadt über die gewundenen Straßen und die Marktplätze bis hin zu den Toren in der Palastmauer. Zahllose Gebäude waren von Feuer verschlungen worden, Steinmauern waren unter der Hitze eingestürzt. Hastig aus Stühlen, Tischen und Krabbenfallen errichtete Barrikaden waren durchbrochen worden. Die Chorl hatten auf ihrem Vormarsch alles zerstört und hätten in ihrem Feuereifer vielleicht die ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht, doch ihr oberstes Ziel war gewesen, den Palast zu erreichen, um die Herrschaft über den Geisterthron an sich zu reißen.

Beinahe wäre es ihnen gelungen. Die Tore der drei Mauern, die den Palast umschlossen, waren binnen einer Stunde überwunden worden. Die Ochea und die Begabten der Chorl – Adeptinnen wie ich, die den Fluss zu benutzen vermochten – hatten die Tore aufgesprengt. Nur Eryn, die einstige Regentin und meine Vorgängerin auf dem Thron, hatte den Vormarsch des Feindes verlangsamen können, und das auch nur mit meiner Hilfe.

Ich starrte auf die gezackten Löcher in den drei Mauern hinunter und spürte erneut Eryns verzweifeltes Bemühen, gegen die vereinte Macht der Ochea und ihrer Begabten zu bestehen. Die Begabten hatten ihre Kräfte auf irgendeine uns unbekannte Weise verknüpft, sodass die Macht der Ochea um die ihrer Dienerinnen verstärkt wurde.

Wir schienen hoffnungslos verloren zu sein, und doch hatten wir am Ende gesiegt.

Nachdem ich die Ochea getötet und dabei den Thron zerstört hatte, trieben Hauptmann Catrell, Keven und der Rest der Gardisten und Milizionäre die Chorl zurück zu ihren Schiffen und hinaus aufs Meer. Seither waren die Chorl nicht mehr gesichtet worden.

Auf dem Balkon, der mir einen trostlosen Blick auf die geschwärzten Gebäude und Straßen von Amenkor gewährte, straffte ich die Schultern und verspürte ein Ziehen in der Brust. Wir hatten den Winter überlebt. Die spätwinterliche Ernte konnte in ein paar Wochen eingebracht werden, und die erste Frühlingssaat war bereits gepflanzt. Die Getreidelieferung aus der im Norden gelegenen Stadt Merrell, die man uns zu Beginn des Winters versprochen hatte, war endlich über die tückische Nordstraße eingetroffen. Und der Siel, das Elendsviertel Amenkors, war von den Chorl ebenso verschont geblieben wie die östlichen Teile der Stadt.

Wir waren verwundet, aber wir lebten noch.

Ich wusste, dass die Chorl zurückkehren würden. Sie würden ihre Angriffe auf die Küste niemals einstellen: Es war ihnen schlichtweg nicht möglich, denn sie konnten nicht zurück in ihr Heimatland. Ich kannte den Grund dafür: Als die Ochea versucht hatte, die Herrschaft über den Thron an sich zu reißen, hatte ich durch ihre Augen gesehen, wie ihre Heimat zerstört worden war, woraufhin die Chorl sich auf die Boreaite-Inseln abseits der Küste Frigeas zurückgezogen hatten, um sich neu zu formieren und Pläne zu schmieden. Doch sie konnten nicht ewig auf den Inseln bleiben; dafür waren sie zu zahlreich.

Jetzt aber zählte erst einmal, dass wir den ersten Angriff überstanden hatten.

Ich warf einen letzten Blick auf die niedergebrannte, von Ruß und Flammen geschwärzte Stadt, während in meinem Verstand bereits erste Pläne reiften. Wir hatten zwei Wochen Zeit gehabt, um die Toten zu verbrennen, zu trauern, aufzuräumen und uns daranzumachen, die Bürger in Selbstverteidigung auszubilden für den Fall, dass die Chorl zurückkehrten. Nun war es an der Zeit, mit dem Wiederaufbau zu beginnen.

Trenner

»Nein, nein! Schafft die wiederverwendbaren Steine dort hinüber und stapelt den Rest in der Nebenstraße, damit wir sie später mit Karren transportieren können.« Eine Hand an der Hüfte, schüttelte Avrell den Kopf. Sein anderer Arm ruhte in einer Schlinge vor der Brust. Er hatte sich beim Angriff auf die Mauern an der Schulter verletzt. Als Oberhofmarschall der Regentin beaufsichtigte er die Verwaltung Amenkors, wozu auch der Wiederaufbau der Stadt gehörte.

Als er meine Eskorte herannahen hörte, drehte er sich um. Seine Haltung wurde steif und förmlich, und fragend zog er eine Augenbraue hoch. Hätte er es gekonnt, hätte er die Hände in den Ärmeln seiner dunkelblauen Gewänder ineinander verschränkt, doch die Schlinge ließ es nicht zu. »Wie kann ich Euch helfen, Regentin?«

»Eigentlich bin ich gekommen, um Euch zu helfen«, erwiderte ich, bückte mich und hob einen zerbrochenen Stein auf, der einst Teil der äußeren Palastmauer gewesen war. Wir standen an der Stelle, wo die Tore die Chorl aufgehalten hatten – ungefähr zehn Minuten lang. Mit dem Stein in einer Hand ließ ich den Blick über die gezackten Ränder der Mauer und über das Geröll schweifen, das sich fächerförmig bis in den äußeren Kreis erstreckte. Aus dem Steinmuster konnte ich herauslesen, welche verheerende Kraft hinter der Explosion gesteckt hatte. Ich konnte erkennen, wo der Steinbogen über den Toren eingestürzt war, nachdem der Feind die Mauer durchbrochen hatte. Gebäude zu beiden Seiten der breiten Straße, die hinauf zum Palast führte, waren von der Wucht der Detonation erfasst worden. Ihre Mauern hatten nachgegeben; Fenster und Türen waren nur noch klaffende, leere Löcher. Ein Haus war in sich zusammengesunken und stand kurz vor dem Einsturz. In der Luft hingen noch immer Staubschleier, und die Kanten der zerbrochenen Steine waren scharf. Am Siel hätte es anders ausgesehen: Alles hätte nach Fäulnis gestunken, wäre vom Alter glatt geschliffen und von Moos und Unkraut überwuchert gewesen.

Unmittelbar nach dem Angriff war ein schmaler Pfad durch das Geröll geräumt worden, um den Verkehr zwischen der Stadt und dem Palast zu ermöglichen. Alles andere aber lag noch in Trümmern.

Ich wandte mich wieder Avrell zu. »Ich habe Helfer mitgebracht.« Damit gab ich Keven, meinem Leibwächter, und den anderen Gardisten hinter mir ein Zeichen.

»Ihr habt die Regentin gehört«, sagte Keven im Befehlston. »Lasst uns die Trümmer beiseiteräumen. Arcus, du übernimmst die linke Seite, ich die rechte. Los!«

Ich lächelte, als Avrell verwundert die Brauen hob; dann bückte ich mich, hob weitere Steinbrocken auf und warf sie auf den Abfallhaufen. Rings um uns hielten die Männer und Frauen von Avrells Arbeitstrupp erstaunt inne; dann grinsten sie, als die Gardisten sich ihnen anschlossen. Seit dem Angriff hatten sie sich an deren Anwesenheit in der Stadt gewöhnt.

Avrell beobachtete das Geschehen, bis er sich überzeugt hatte, dass die beiden Gruppen reibungslos zusammenarbeiteten. Dann wandte er sich wieder mir zu. Dabei stellte er sich zwischen den Steinhaufen, den ich abtrug, und den, der aus der Stadt gekarrt werden sollte.

»Ihr solltet das nicht tun«, sagte er missbilligend.

»Warum nicht?« Ich keuchte, als ich einen für mich etwas zu schweren Brocken auf den Haufen der wiederverwendbaren Steine wuchtete.

»Weil Ihr die Regentin seid.«

Ich schnaubte. »Und?«

Avrell schürzte die Lippen, erwiderte aber nichts.

Ich deutete auf Avrells Arbeitstrupp. Er bestand aus nur fünfzehn Männern und Frauen, alle ausgezehrt vom harten Winter. Die meisten kamen aus der Unterstadt, der Gegend oberhalb des Kais. Ich wusste, dass ähnliche Gruppen über die ganze Stadt verteilt beschäftigt waren. Am Kai beaufsichtigte Catrell die Aufräumarbeiten. Nathem, der Hofmarschall, erledigte dieselbe Aufgabe am größtenteils unversehrten Siel und in der Unterstadt. Darryn befand sich auf dem Marktplatz und unterwies alle Bürger, die sich dort einfanden, in den Grundlagen der Schwertkunst und Selbstverteidigung.

»Ihr braucht Hilfe, Avrell, und wir haben nicht genug Leute, um jemanden untätig bleiben zu lassen.« Ich ließ meine Worte auf ihn einwirken, ehe ich fragte: »Wie schlimm ist es? Haben wir schon eine Schätzung?«

Er ließ den Blick über die Arbeitenden schweifen. »Noch nichts Genaues. Und ich glaube auch nicht, dass wir je etwas Genaues herausfinden werden. Jedenfalls haben wir bei dem Angriff fast die Hälfte der Bürgerwehr verloren, vorwiegend Männer vom Siel. Darryns Männer.«

Ich verzog das Gesicht. Darryn war ein mittelloser Söldner, der zum Leben am Siel verdammt worden war, nachdem das Weiße Feuer in der Stadt gewütet und die Handelsrouten in einen Todesstrudel gestürzt hatte. Ich hatte Darryn trotz der Vorbehalte Baills und Catrells die Verantwortung über die Bürgerwehr übertragen, nachdem er geholfen hatte, einen Aufstand zu verhindern, und bei einem anderen eingeschritten war. Darryn hatte sich wacker geschlagen. Er hatte die Bewohner des Siels nach besten Kräften am Leben erhalten und sowohl das Lager als auch die Küche beschützt, die wir dort errichtet hatten, um die Leute zu ernähren. Beim Angriff der Chorl hatte er den Siel bei einem Sturmangriff auf die Flanken der blauhäutigen Krieger angeführt und verhindert, dass die Chorl in die Elendsviertel vordringen konnten.

Seither nannte ihn das Volk von Amenkor den »Herrn des Siels«. Kein besonders erhebender Titel, aber durchaus passend. Dies war auch der Grund dafür, weshalb Darryn ausgewählt worden war, die Einwohner das Kämpfen zu lehren. Sie vertrauten ihm, und er konnte sich besser in sie hineinversetzen als Catrell.

»Was ist mit den Bürgern? Und mit den Gardisten?«, fragte ich.

»Unter den Bürgern gab es Verluste. Wie groß, ist schwer abzuschätzen, erst recht, wenn wir den Siel mit einbeziehen. Einige sind verhungert, andere sind an Krankheiten gestorben. Und dann kamen die Chorl …«

Ich hielt in der Arbeit inne und suchte Avrells Blick. »Wie viele Tote?«

»Drei- bis vierhundert. Vielleicht mehr.«

Ich zuckte zusammen, als hätte mir jemand in den Magen geschlagen. Es fühlte sich ähnlich an wie der Schmerz, den Cerrin nach dem Verlust seiner Gemahlin und seiner Töchter verspürt hatte. Ähnlich, aber nicht gleich: Dieser Schmerz ging nicht so tief.

»Und die Garde?«

»Ein Drittel der Soldaten ist bei dem Angriff gefallen, ungefähr achtzig Mann.«

Ich senkte den Kopf und schloss für einen Moment die Augen; dann machte ich mich wieder daran, Steine zu sammeln. Ich hatte gewusst, dass die Verluste schlimm gewesen waren, denn ich hatte die öligen, schwarzen Rauchsäulen gesehen, die von den Viehhöfen im Osten der Stadt aufgestiegen waren, wo man die Leichen verbrannt hatte, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Einige der Verbrannten waren Chorl gewesen.

Vier Tage lang hatte der fette Rauch den Himmel verpestet.

»Was gibt es sonst noch?«, erkundigte ich mich und verdrängte das schaurige Bild aus meinem Kopf.

»Wie von Euch befohlen, haben wir den Großteil der Straßen zwischen hier und dem Kai geräumt. Zurzeit lasse ich die Wachtürme inspizieren, um festzustellen, welche Instandsetzungsarbeiten notwendig sind. Die Baumeister beraten sich bereits, wie die drei Tore und die Mauern wiederaufgebaut werden sollen.«

»Gut«, sagte ich.

»Warum eigentlich?«

Ich hielt inne und wischte mir den Schweiß von der Stirn, der sich mit Steinstaub vermischt hatte. Das Hemd klebte mir am Rücken, das Haar hing mir in verschwitzten Strähnen ins Gesicht. »Was meint Ihr?«

»Warum bauen wir die Wachtürme und die Mauern wieder auf, obwohl wir wissen, wie mühelos die Chorl sie zerstören können?« Er deutete mit der heilen Hand auf das Geröll. Seine Miene wurde finster. Unruhig trat er von einem Bein aufs andere und konnte mir nicht mehr ins Gesicht schauen. »Warum die Mühe?«

Seine Verbitterung und die Furcht, die sich dahinter verbarg, verwirrten mich.

Dann fiel es mir wieder ein: Avrell hatte während des Gefechts auf einer der Mauern gestanden, den Vormarsch der Chorl beobachtet und hilflos zusehen müssen, wie die Mauer unter ihm eingestürzt war. Er hatte mit knapper Not fliehen können, ehe der geborstene Stein ihn unter sich begraben konnte.

»Weil …«, setzte ich an und zögerte. Avrell brauchte mehr als eine oberflächliche Antwort.

Ich trat auf ihn zu und blickte ihm mit ernster Miene in die Augen. »Weil die Chorl zurückkehren werden, Avrell. Und ihre Krieger können von den Mauern, Wachtürmen und Toren aufgehalten werden. Beim letzten Mal wurden die Mauern von der Ochea und ihren Begabten zerstört, aber die Ochea ist tot.«

»Es wird eine andere Ochea geben«, entgegnete Avrell heiser.

»Aber beim nächsten Mal werden wir besser auf sie und die Begabten der Chorl vorbereitet sein. Dank Darryns Ausbildung werden die Bürger sich besser gegen die Chorl-Krieger verteidigen können. Ich selbst habe in der Zwischenzeit einige Dinge über die Chorl und ihre Begabten erfahren. Und ich beabsichtige, noch mehr in Erfahrung zu bringen.«

Ihm entging nicht, dass ich besonderes Gewicht auf den letzten Satz legte. Zuerst schaute er verwirrt drein; dann nickte er, als ihm klar wurde, worauf ich hinauswollte.

Wir hatten in den Trümmern Amenkors nicht nur Tote gefunden, sondern auch Gefangene gemacht. Doch nur Keven, Eryn, Avrell, Catrell und Westen, der Hauptmann der Sucher, wussten davon – auch die Sucher und Begabten, die sie bewachten, und natürlich die Gardisten, die sie entdeckt hatten.

Avrell schaute mich an und nickte.

»Was ist mit dem Kai?«, fragte ich und klopfte mir den Staub aus der Kleidung.

»Die Baumeister und Zimmerleute sagen, im Unterschied zu den Gebäuden könne er rasch wiederaufgebaut werden.«

»Gut. Dann sollen sie damit anfangen, sobald sie bereit sind.«

»Und wohin geht Ihr?«, erkundigte er sich, als ich mich Keven zuwandte.

»Ich mache einen Besuch bei Erick«, erwiderte ich, ehe ich mit Hass in der Stimme hinzufügte: »Und anschließend bei unseren Gästen.«

Trenner

Vor der Tür zu den Gemächern, die ich von Avrell für Erick einrichten ließ, standen zwei Gardisten. Einer der beiden war ein Sucher namens Tomus. Er nickte, als ich mich näherte, und murmelte: »Regentin.«

»Tomus«, sagte ich. Ich kannte alle Sucher namentlich, zumal ich unter Westens Anleitung mit ihnen geübt hatte. »Wie geht es ihm?«

Tomus brauchte nicht zu antworten; ich sah es in seinen Augen und spürte, wie etwas mein Herz umfasste und zudrückte.

Ich senkte den Blick, um Tomus den Schmerz nicht erkennen zu lassen; dann straffte ich mühsam die Schultern und trat an den beiden Wachen vorbei zur Tür. Ich hörte, dass Keven mir folgte, und hätte ihm beinahe befohlen, draußen zu warten – aber Erick hatte Keven dazu auserkoren, seinen Platz als mein Leibwächter einzunehmen, nachdem ich ihn mit dem Handelsschiff losgeschickt hatte, das wir als Köder benutzt hatten, um die Chorl aus ihrem Versteck zu locken. Dabei war das Schiff in eine Falle geraten, und nur einer hatte überlebt.

Ich betrat ein Gemach, das von gleißendem Sonnenlicht erfüllt war, und schaute zu der Begabten und zu dem Heiler Isaiah, der mit Ericks Pflege beauftragt worden war. Es war derselbe Heiler, den Borund zu Hilfe gerufen hatte, als William von Carls Männern niedergestochen worden war. Isaiah begegnete meinem Blick, ohne zusammenzuzucken, und erhob sich hinter dem Schreibpult, an dem er gesessen hatte. Eine Hand hielt er als Lesezeichen in das Buch, in dem er las. Auch er war nach dem Winter dünn, doch in seinem Fall war dies natürlich und nicht allein durch das lange Hungern herbeigeführt worden. Schlanker Körperbau, ein schmales Gesicht, scharf geschnittene Züge. Langes braunes Haar mit grauen Strähnen fiel über die zierliche Brille, die er zum Lesen trug. Gekleidet war er wie ein Händlerlehrling: weißes Hemd, braune Hose, Schuhe statt Stiefeln. Nur war seine Hose, anders als bei einem Lehrling, an den Knien abgebunden, und darunter prangten von den Schuhen aufwärts …

Ich hielt inne. »Was ist das?«

Überrascht legte Isaiah die Stirn in Falten. »Was ist was, Regentin?«

»Das da«, sagte ich und deutete auf seine Beine.

Mit fragender Miene blickte er an sich hinunter. »Ach so, Ihr meint meine Strümpfe.«

»Strümpfe?«

»Ja«, bestätigte er ein wenig spöttisch. »Etwas, um die Beine zu bedecken, wenn ich Schuhe statt Stiefeln trage. Um die Beine warm zu halten.«

»Das wirkt …« Beinahe wäre mir »albern« herausgerutscht, doch ich hielt mich rechtzeitig zurück und suchte nach einem anderen Wort.

Isaiah zog wartend eine Augenbraue hoch.

Ich wurde von Erick gerettet, der tief seufzte und sich bewegte.

Isaiah und ich schauten zum Bett, wobei Isaiah einen kleinen, rechteckigen Stein in das Buch legte, um es offen zu halten. Dann traten wir an gegenüberliegende Seiten des Bettes. Isaiah beugte sich vor, um Ericks Gesicht zu begutachten. Gleichzeitig griff er nach dem Handgelenk des Kranken, um den Puls zu fühlen. Die zu Isaiahs Unterstützung abgestellte Begabte trat mit einem feuchten Tuch in der Hand neben ihn. Ich spürte, dass Keven sich hinter mich stellte.

Angespannt blickte ich in Ericks Gesicht.

Sein graubraunes Haar klebte verschwitzt an der Stirn, und seine Haut zeigte eine kränkliche Blässe, die ich am Siel Hunderte Male gesehen hatte. Wer so aussah, wurde selbst von den Bewohnern der Elendsviertel gemieden, zumal die Bedrohung durch Krankheiten in den Elendsvierteln ständig für Angst sorgte. Erick war mit Narben übersät – im Gesicht, auf der Brust, an Armen und Schultern. Die meisten Narben waren mir nach den vielen Tagen gemeinsamer Ausbildung schmerzlich vertraut. Einige jedoch waren neu. Sie stammten von der Ochea, von Haqtl – dem Oberhaupt der Chorl-Priesterschaft – und von den Priestern, die ihn gefoltert hatten, um etwas über das Feuer zu erfahren. Es war ein Feuer, das ich in Ericks Inneres gepflanzt hatte, damit ich sehen konnte, von wem das Schiff, das wir als Köder entsandt hatten, angegriffen wurde.

Im Zuge dieser Unternehmung hatten die Chorl vom Geisterthron erfahren, und das hatte sie letztlich nach Amenkor geführt.

Meine Hand zuckte, meine Finger öffneten sich und schlossen sich zu einer Faust. Ich wollte das Gewicht meines Dolchs in der Hand spüren, sehnte mich nach dem tröstlichen Gefühl des Griffs in meiner Faust. Ich wollte jagen und töten – ein Verlangen, das Erick damals am Siel in mir geweckt hatte. Doch ich kämpfte den Drang zurück, schmeckte dabei Verbitterung und Blut und schluckte schwer.

»Was fehlt ihm?«, erkundigte ich mich.

Isaiah schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Eigentlich hätte er schon vollständig genesen müssen, wenn schon nicht geistig, so doch zumindest körperlich. Er hätte erwachen müssen und sollte bei Bewusstsein sein. Seine Wunden sind verheilt, aber längst nicht so gut, wie zu erwarten gewesen wäre. Hinzu kommen Fieber und Krämpfe. Es ist, als ob irgendetwas von außerhalb ihn daran hindert, gesund zu werden.«

Die Begabte berührte Isaiah am Arm, und er nahm das ihm dargereichte Tuch entgegen und wischte Erick damit den Schweiß von der Stirn. Erick stöhnte. Es war ein lang gezogener, tiefer Laut. Isaiah verzog das Gesicht und suchte meinen Blick.

»Ich weiß nicht, ob ich noch etwas für ihn tun kann.«

Ich hörte die Verbitterung in seiner Stimme, sah die widerwillige Niederlage und die Verzweiflung in seinen Augen. Seit zwei Wochen kümmerte er sich nun schon um Erick, anfangs im Hinterzimmer einer Taverne am Kai, wohin Erick von Westen gebracht worden war, nachdem der Hauptmann der Sucher ihn aus der Gefangenschaft auf dem Chorl-Schiff befreit hatte. Später hatten wir Erick in den Palast gebracht. Zu Beginn war Isaiah guter Dinge gewesen und hatte erklärt, Erick werde binnen einer Woche erwachen und aufstehen. Dann aber, nachdem zehn Tage verstrichen waren …

Erick begann zu zittern. Schauder durchliefen seinen Körper. Seine leichenblassen, schlaffen Arme zuckten an seinen Seiten. Es tat weh, seine Qual mit anzusehen. Der Schmerz wurde schlimmer, als Isaiah und die Begabte die Arme ausstreckten, um Erick festzuhalten. Gequält verzog er das Gesicht. Tränen lösten sich aus seinen Augenwinkeln. Ich spürte eine unsichtbare Hand, die sich mir um die Kehle legte. Meine Lungen brannten, als Ericks Zittern stärker wurde und sein Stöhnen zu einem Schrei anschwoll …

Dann endete das Zittern. Sein Körper sank auf das Bett zurück, sein Schrei verstummte, und der Atem entrang sich ihm als langes, pfeifendes Seufzen.

Isaiah, dessen Hände auf Ericks Schultern ruhten und dessen Gewicht auf der Brust des Kranken drückte, zögerte kurz; dann ließ er von ihm ab. »Ich weiß nicht, was ich tun kann, außer abzuwarten.«

Eine Zeit lang standen wir schweigend da.

Schließlich sagte ich: »Keven, fang mich auf.«

Als ich in den Fluss tauchte, hörte ich Keven fragen: »Was ist?« Doch ich streckte mich bereits nach dem Feuer, das in Ericks Innerstem loderte. Seit der Zerstörung des Thrones hatte ich mich in niemanden mehr hineinversetzt. Es war nicht nötig gewesen. Nun aber wollte ich – musste ich – in Erfahrung bringen, ob Erick Schmerzen litt. Deshalb entsandte ich meinen Geist in ihn.

Doch ohne die Macht erwies es sich als ungeheuer schwer.

Scharf sog ich den Atem ein, als ich gegen eine Wand prallte. Es war, als versuchte etwas, mich zurückzuhalten, mich daran zu hindern, meinen Körper zu verlassen. Ich nahm all meine Wut zusammen, bündelte all den Schmerz, den es mir bereitete, Erick Tag für Tag in seinem kläglichen Zustand zu sehen, und mobilisierte alle Schuldgefühle, die mich plagten, weil ich ihn auf eine Mission geschickt hatte, bei der er hätte getötet werden können. All diese Empfindungen verschmolz ich zu einer hauchdünnen Klinge und durchschnitt damit die Wand, durchdrang sie mit jähem Schmerz. Dann legte ich in rasender Geschwindigkeit die kurze Entfernung zu Erick und zu dem Feuer zurück, das in seiner Seele loderte. Hinter mir hörte ich, wie Keven fluchte und meinen zusammensinkenden Körper auffing.

Und dann war ich in Erick, und der Schmerz …

Er brannte.

Ich krümmte mich, schürte das Feuer höher um mich, sperrte die Qualen aus, kapselte mich von Erick ab, bis ich keuchend innerhalb des Feuers kauerte. Die Schmerzen hatten mich überrascht, weil es keinen erkennbaren Grund dafür gab – weder eine Wunde noch sonst eine sichtbare Ursache dafür, dass Erick solche Pein verspürte.

Und doch war es so. Und vielleicht würde es mir von hier aus gelingen, herauszufinden, weshalb.

Als das Brennen nachließ, fasste ich mich wieder, streckte mich und berührte das Feuer. Ich zügelte die schützenden Flammen und ließ hereinsickern, was Erick empfand, damit auch ich es spüren konnte, wobei ich sehr behutsam vorging.

Ich schnappte nach Luft, als der Schmerz über meine Haut kroch wie tausend stechende Ameisen. Behutsam ließ ich den Schmerz fließen, stetig und gleichmäßig, bis er halbwegs erträglich war. Dann zügelte ich erneut das Feuer. Das Kribbeln wurde wieder stärker und drang tiefer vor; es fühlte sich an wie eine schwere, nasse Decke aus Nadeln, die sich mir heiß und stechend in die Haut bohrten.

Dann endlich verebbten die Qualen. Sie brannten zwar weiterhin auf Ericks Haut, wurden aber nicht mehr stärker.

Keuchend atmete ich ein und hielt für einen Augenblick die Luft an, ehe ich sie seufzend entließ. Ich spürte, wie Ericks Brust sich hob und in der Bewegung verharrte; dann hörte ich ihn durch seine Ohren ebenfalls seufzen. Sein Herz schlug kräftig und gleichmäßig. Hin und wieder verspürte ich durch die Nadeldecke leichte Schmerzen und konnte auf diese Weise jene Stellen ausmachen, an denen Erick bei der Folter verletzt worden war und wo sich die Wunden befanden, die nicht verheilen wollten. Doch die Verletzungen waren geringfügig. Stattdessen focht Ericks Körper einen Kampf gegen die glühenden Nadeln und versuchte, die Wunden zu heilen, die sie ihm – scheinbar – beibrachten. Das aber konnte unmöglich gelingen, denn es gab nichts, das sein Körper hätte heilen können, sodass Ericks Kraft in einem hoffnungslosen Gefecht vergeudet wurde.

Ich löste die Aufmerksamkeit von Ericks Körper und machte mich stattdessen auf die Suche nach Erick selbst.

Ich fand ihn in den tiefsten Winkeln seines Geistes, wo er zitternd kauerte. So hatte ich ihn auf dem Schiff der Chorl angetroffen. Die ihm zugefügten Qualen waren so groß gewesen, dass er sich in sich selbst zurückgezogen und von der Welt abgeschottet hatte.

Seine Lage hatte sich seither nicht verbessert. Wir hatten gehofft, er wäre dank unserer Bemühungen auf dem Weg der Besserung, und bis zu einem gewissen Grad stimmte das auch: Seine Muskeln fühlten sich nicht mehr so geschunden an, schmerzten nicht mehr von den Tritten und Schlägen, und seine Brust und die Kehle waren nicht mehr so rau vom vielen Schreien. Es ging ihm ein wenig besser. Aber noch längst nicht gut genug, weil die Schmerzen nicht enden wollten.

Ich zog einen Stuhl ans Bett und ließ mich darauf nieder, streckte die Hand aus und strich Erick über die Stirn – so, wie er selbst es wohl tausend Mal bei mir getan hatte, seit er mich damals am Siel fand, neben dem Leichnam des zweiten Mannes, der durch meine Hand gestorben war.

Sein Körper zuckte bei meiner Berührung. Ich beugte mich näher zu ihm.

Erick.

Ein neuerliches Zucken. Das Zittern hörte kurz auf, setzte dann wieder ein.

Erick, ich bin es, Varis.

Schluchzend schauderte er, und sein Körper bebte, als in seinem Inneren Gefühle aufwallten – Bedauern und Niedergeschlagenheit, Verletzlichkeit und Kummer. Und Enttäuschung. Aber nicht über mich, sondern über sich selbst.

Er glaubte, versagt zu haben.

Ich spürte, wie sich mein Herz zusammenkrampfte. Etwas Hartes, Heißes nistete sich in meiner Kehle ein. Ich streckte mich, wand mich um Erick und zog ihn an mich. Überall dort, wo unser beider Wesenheiten einander berührten, strahlte ich Trost, Erleichterung und Freude darüber aus, dass er noch lebte. Es war dieselbe Freude, die ich empfunden hatte, als ich ihn auf dem Schiff fand, nur wurde sie diesmal nicht von Wut begleitet. Die Wut war verpufft, als ich den Thron gespalten und seine Macht entfesselt hatte, um die Ochea zu vernichten.

Du hast nicht versagt, flüsterte ich und entsandte diese Botschaft über unsere Berührung in sein Inneres. Du hast mich noch nie im Stich gelassen … Vater.

Erick schluchzte, und irgendetwas in ihm löste sich. Ich hielt ihn weiterhin fest, ließ meine Gefühle in ihn fluten.

Ein Anflug von Schuldgefühlen erfasste mich und trieb mir Tränen in die Augen. Ich hätte früher herkommen und nach ihm sehen sollen. Ich hätte versuchen müssen, ihn hier durch das Feuer zu erreichen.

Nein.

Ich erstarrte für einen Moment. Dann löste ich mich von Ericks Wesenheit. Sein Körper blieb zusammengekrümmt, doch das Zittern hatte aufgehört, und das Schluchzen war leiser geworden. Zwar nahm ich noch Verletzlichkeit und Kummer bei ihm wahr, doch an die Stelle des Bedauerns, der Niedergeschlagenheit und der Enttäuschung war nun Erschöpfung getreten.

Er öffnete die Augen und richtete den Blick auf mich.

Nein. Du bist früh genug gekommen.

Schaudernd versuchte ich, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. Ich brachte kein Wort hervor.

Varis. Seine Stimme kippte vor Schmerz. Er schloss die Lider, zuckte zusammen und schlug die Augen wieder auf. Er wirkte hart und unerbittlich – die Essenz eines Suchers, eines Meuchlers. Sorge dafür, dass es aufhört, Varis. Tu, was du tun musst, aber lass es enden.

Wieder schloss er die Augen und zog sich in sich selbst zurück, in die Schutzhülle, in der er sich versteckte, seit das Handelsschiff namens Jungfer geentert worden war und Erick der Ochea und Haqtl in die Hände fiel.

Ich kehrte in das Feuer zurück, und das Gefühl stechender Nadeln ließ nach. Ich stieß mich empor und erhaschte einen flüchtigen Blick auf meinen Körper, der auf dem hastig an Ericks Bett geschobenen Stuhl saß. Dann sank ich zurück in mich selbst.

Ich sog scharf die Luft ein, spürte Krämpfe in den Armen und schmeckte das Salz meiner Tränen. »Bei den Göttern!«

»Regentin«, sagte Keven, trat vor und kniete sich an meine Seite. Ich wollte eine Hand ans Gesicht heben, um das letzte Empfinden brennender Haut wegzureiben, das ich von Erick mitgenommen hatte, und um mir die Tränen abzuwischen, doch mein Arm war zu schwer.

»Regentin, geht es Euch nicht gut?«

»Lass mir einen Augenblick Zeit«, gab ich zurück. Meinen Geist für so kurze Zeit und über eine so kurze Entfernung auszusenden, hatte mich noch nie so tief erschöpft.

Ich verzog das Gesicht. Es lag am Thron. In den vergangenen Monaten hatte ich zur Unterstützung mehr Kraft vom Thron bezogen, als ich gedacht hatte. Ich hatte mir angewöhnt, mich darauf zu verlassen. Künftig würde ich vorsichtig sein müssen. Wenn ich unüberlegt handelte und darauf baute, dass der Thron mir den Rücken stärkte, konnte ich mich leicht vor unlösbare Aufgaben stellen, zumal es den Thron nicht mehr gab.

»Hier.«

Ich schaute auf. Allein schon den Kopf zu heben fiel mir schwer.

Die Begabte hielt mir eine dampfende Tasse Tee hin, der berauschend duftete. Ich lächelte und trank einen Schluck, als sie mir die Tasse an die Lippen setzte. Der Tee wärmte und kräftigte meine Glieder. Das Zittern in meinen Armen legte sich.

Die Begabte nickte, als ich genug Kraft aufbrachte, um die Tasse von ihr entgegenzunehmen. Hinter ihr und Keven zappelte Isaiah, die schmalen Züge vor Sorge verkniffen.

»Was habt Ihr herausgefunden?«, fragte der Heiler knapp.

Keven bedachte ihn mit einem finsteren Blick, den Isaiah jedoch nicht zu bemerken schien.

»Er hat starke Schmerzen«, antwortete ich.

Isaiah runzelte die Stirn, schob sich an Keven vorbei und beugte sich über Erick. »Was für Schmerzen? Woher kommen sie? Ich konnte keine inneren Verletzungen feststellen, und auch keine Knochenbrüche, abgesehen von der Rippe, die ich bereits gerichtet habe. Ist es die Leber? Die Milz? Blutet er innerlich? Ist es …«

»Es ist nichts von alledem«, schnitt ich ihm das Wort ab. Mit einem Mal erinnerte ich mich an das Schiff der Chorl, auf dem ich Erick gefunden hatte. Sein Körper hatte auf dem Boden der Kabine gelegen, die von der Ochea bewohnt worden war, und unvorstellbare Qualen durchlitten. Die Kabine hatte im Rhythmus des Wellengangs geschaukelt. Ich erinnerte mich, wie ich mühsam eines seiner Augen geöffnet und die seidenen Wandbehänge sowie die auf dem Boden verstreuten Kissen erblickt hatte, die allesamt verschiedene Blau-, Grün- und Goldtöne aufwiesen.

Und ich erinnerte mich an den Chorl-Priester, der Erick bewacht hatte. Der Mann hatte ihn verhöhnt in dem Glauben, es wäre Erick, der ihn anschaute, nicht ich. Doch als der Priester in Ericks Augen plötzlich meine Wut auf ihn und sein Volk gesehen hatte, legte er hastig eine Decke aus brennenden Nadeln über Erick, die sich in geschmolzene Pein verwandelt hatte – eine so fürchterliche Qual, dass sie Erick beinahe getötet hätte.

Ja, der Priester hatte ihn an den Rand des Todes getrieben und sich dann zurückgezogen, indem er den Druck löste, den er auf den Fluss ausgeübt hatte, worauf die Schmerzen verflacht waren.

Mein Blick verdüsterte sich, und ich schaute Isaiah in die Augen. »Es ist der Fluss«, sagte ich. Isaiah runzelte verwirrt die Stirn. »Die Chorl haben irgendetwas mit dem Fluss angestellt, das Ericks Genesung verhindert. Sie haben ihn mit einer Art Bann belegt.«

»Könnt Ihr diesen Bann brechen?«, fragten Keven und Isaiah wie aus einem Munde.

Ich stand auf und fühlte, wie die anderen zurücktraten. Alle außer Keven, der sich neben mich stellte für den Fall, dass ich Unterstützung brauchte. Doch meine Schwäche hatte sich gelegt. Ich stellte die Teetasse ab, trat ans Bett und tauchte in den Fluss.

Vorsichtig suchte ich die Strömungen rings um Erick von seinem Kopf bis zu den Zehen ab. Ich spürte seine Essenz in den Wirbeln und atmete den schweren, süßen Duft von Orangen, den ich mit Erick in Verbindung brachte, mit Schutz und Geborgenheit.

Dann schüttelte ich den Kopf.

»Was immer es ist, ich kann es nicht wahrnehmen.«

»Und was bedeutet das?«, meldete sich Isaiah zu Wort.

Ich legte die Stirn in Falten. »Ich weiß es nicht.« Plötzlich fielen mir die Gäste ein, die sich im Kerker des Palasts befanden, insbesondere ein ganz bestimmter Gast. »Aber ich kenne jemanden, der es wissen könnte.«

Trenner

Ehe wir Ericks Gemächer verließen, ließ ich Keven wissen, wohin ich zu gehen beabsichtigte. Er setzte zwar eine missbilligende Miene auf, bedeutete aber wortlos einem der Gardisten meiner Eskorte, zusätzliche Soldaten zu holen, die uns begleiten sollten.

»Ihr solltet außerdem eine Begabte hinzurufen«, sagte er und suchte kurz meinen Blick. »Nur für alle Fälle.«

Ich schaute ihn finster an. »Ich komme schon zurecht.«

Er schüttelte den Kopf. »Als sie das erste Mal erwacht war, wäre sie beinahe entkommen. Bevor wir überhaupt bemerkt hatten, dass sie bei Bewusstsein war, hatte sie schon drei Wachen ausgeschaltet. Wenn Marielle nicht gewesen wäre …«

»Ich weiß«, unterbrach ich ihn und war dankbar, dass Marielle zur Stelle gewesen war. Ich wollte mich gerade Kevens Ratschlag fügen, als Eryn, die frühere Regentin, zwanzig Schritte entfernt um eine Ecke bog. Sie trug ein schlichtes weißes Kleid, an den Ärmelaufschlägen und am Kragen blau und golden bestickt. Rußflecken verunzierten das Kleid von den Knien abwärts und an den Ärmeln. Vorne zeichnete sich ein schwarzer Handabdruck ab, als hätte Eryn sich an die linke Seite gefasst. Als sie uns herannahen sah, blieb sie stehen und lächelte.

»Gut«, meinte sie und reihte sich neben mir ein. Sie roch nach Asche und Meersalz. »Nach dir habe ich gesucht. Ich war mit Catrell und seiner Gruppe unten am Kai und habe Neuigkeiten von den Arbeitern, die den Schaden begutachten.« Als Keven und ich nach rechts abbogen und in die tieferen Gefilde des Palasts hinunterstiegen, zögerte sie kurz und runzelte die Stirn. »Wohin gehen wir?«

»Zu unseren Gefangenen«, erklärte Keven, der sich nun, da Eryn sich uns angeschlossen hatte, ein wenig entspannte.

»Was ist mit dem Kai?«, fragte ich.

Bevor Eryn antworten konnte, erlitt sie einen so heftigen Hustenanfall, dass sie stehen bleiben und sich mit einer Hand an der Wand abstützen musste. Die andere Hand presste sie sich auf den Leib. Keven und ich wechselten einen Blick, doch ich wusste, dass Eryn uns nur davonwinken würde, sollten wir versuchen, ihr zu helfen. Seit dem Einsturz der innersten Mauer – jener Mauer, die Eryn mit meiner Hilfe und der des Thrones für kurze Zeit gegen die Ochea und deren Dienerinnen gehalten hatte – verspürte die einstige Königin Anfälle sengenden Schmerzes im Leib und erlitt immer wieder heftige Hustenanfälle. Die Heiler konnten nichts feststellen, doch ich wusste es besser: Ich hatte während des Gefechts in Eryns Innerstem gekauert – in dem Feuer, das ich wie bei Erick in sie gepflanzt hatte. Ich hatte gespürt, mit welcher Wucht die Ochea ihre Macht gegen den unsichtbaren Schild schleuderte, den Eryn zum Schutz der Mauer errichtet hatte. Ich hatte den stechenden Schmerz gefühlt und Galle und Blut in der Kehle geschmeckt. Und ich hatte von dem Staub gehustet, als Eryns Schild nachgab und die Mauer zu bröckeln begann.

Irgendetwas in Eryns Innerem war bei dem Angriff der Ochea zu Schaden gekommen. Etwas, das nicht zu heilen schien.

Wir ließen ihr einen Augenblick Zeit, sich zu sammeln, als der Hustenanfall geendet hatte. Betretene Stille breitete sich aus. Dann winkte Eryn uns mit ungeduldiger Geste weiter, als widerstrebte es ihr, dass sie den Husten nicht wirksam bekämpfen konnte.

»Die Baumeister sagen«, begann sie mit rauer Stimme, »dass der Kai in besserem Zustand ist, als es den Anschein hat. Die Schiffe der Chorl haben zwar die Docks gerammt, aber der Schaden beschränkt sich vorwiegend auf die Bohlen. Die Pfeiler und Stützen sind größtenteils unversehrt. In ein paar Wochen sollte es Catrell gelungen sein, die gesplitterten Bretter auszutauschen. Dann ist der Kai so gut wie neu.«

»Und was ist mit den Schiffen?« Mittlerweile waren wir ein weiteres Stockwerk hinuntergestiegen. Die Beschaffenheit der Gänge veränderte sich. Oben im eigentlichen Palast waren die Wände überwiegend weiß oder bräunlich wie Eierschalen, abgesehen vom inneren Heiligtum, wo sich die Gemächer der Regentin und der Thronsaal befanden. Dort bestanden die Wände aus jenem grauen Stein, der vor Tausenden von Jahren bei der Errichtung des ursprünglichen Palasts verwendet worden war. Das Bauwerk war zusammen mit Amenkor gewachsen, und die ursprünglichen Außenmauern waren im Zuge der Erweiterungen immer mehr nach innen gewandert.

Dann wichen die Eierschalenwände wieder grauem Stein. Wir befanden uns innerhalb der Grenzen des ursprünglichen Palasts, wenngleich tief darunter, tiefer, als ich je gewesen war, sogar tiefer noch, als der Raum lag, in den mich Westen, der Hauptmann der Sucher, geführt hatte, um mich auf die Probe zu stellen, und in dem er mich später ausgebildet hatte.

»Regin sagt …«

»Regin?«

Eryns Blick verdüsterte sich. »Ja, Regin.«

»Was ist mit Borund?«

Sie seufzte. »Borund hat sein Haus seit dem Angriff der Chorl nicht mehr verlassen.«

Ich wusste, weshalb. Am Kai hatte ich beobachtet, wie Borund geflüchtet war, als die Chorl die Docks überrannten. Aber wir brauchten jeden gesunden Mann, wenn wir uns schnell genug erholen wollten, um uns den Chorl erneut zu stellen und Aussicht auf den Sieg zu haben. »Ich kümmere mich um Borund. Was hat Regin gesagt?«

»Dass die Besatzungen der Schiffe arbeiten, so schnell sie können, um die Schäden zu beheben und die Verteidigungsanlagen zu verstärken. Außerdem begutachten sie die zurückgelassenen Schiffe der Chorl und suchen nach Schwächen, nach Möglichkeiten, sich gegen sie zu schützen, sollten sie erneut angreifen. Drei Handelsschiffe sind bereits wieder seetauglich. Regin geht davon aus, dass zwei weitere Schiffe nächste Woche so weit sind. Den Rest instand zu setzen wird allerdings länger dauern.«

Vor einer unscheinbaren Tür blieben wir stehen. Auffällig waren nur die beiden Wachen, die davorstanden – beides Sucher, die ich kannte. Sie nickten und traten beiseite. Die beiden strahlten eine ständige Bereitschaft aus, die ihre trügerisch entspannte Haltung Lügen strafte. Ohne dass es mir bewusst gewesen wäre, wanderte meine Hand zum Griff meines Dolches. Die Gardisten von Kevens Eskorte wirkten angespannt; die Kunde darüber, was die Gefangene angerichtet hatte, als sie erwacht war, hatte sich wie ein Lauffeuer unter ihnen verbreitet.

Damals waren die Gardisten überrascht worden. Sie hatten nicht die Absicht, dies ein zweites Mal geschehen zu lassen.

»Was ist mit den anderen Gefangenen? Mit den dreizehn Chorl-Kriegern, die wir überwältigen konnten, als sie sich zurückgezogen haben?«, fragte Eryn unvermittelt. »Möchtest du nach ihnen sehen?«

»Nein«, erwiderte ich. »Nicht jetzt.«

Eryn versteifte sich angesichts meines barschen Tonfalls und der Wut in meiner Stimme.

»Soll ich den Schutzbann lösen?«, fragte Eryn leise, während ich bereits in den Fluss tauchte und die Welt um mich herum grau wurde. Ich roch Angstschweiß, spürte Eryns Argwohn und wusste, dass sie bereits einen Schutzschild um sich errichtet hatte, den sie auf die Gardisten ausweiten konnte, sollte es erforderlich werden.

»Ich bin bereit.«

Ich sah, wie sich die Strömungen des Flusses kräuselten, als Eryn sich dem Schutzbann zuwandte, der den Raum verriegelte. Sie drehte die Wirbel und löste den Bann.

Von drinnen erfolgte augenblicklich eine Antwort. Die Tür schwang auf den Angeln nach innen. Holz krachte gegen Stein, und ein Klingenwirbel zuckte aus der Dunkelheit hervor, tödlich und schnell wie ein Blitz.

Doch er prallte gegen die Barriere, die ich vor der Tür errichtet hatte. Der Klingenwirbel wurde zur Seite abgelenkt.

Jemand in dem Raum vor uns kreischte wütend und versuchte, die Tür zuzuschlagen, doch ich hielt sie mühelos auf und trat hindurch. Eryn folgte mir dichtauf.

Mithilfe des Flusses konnte ich den rauen Stein der Wände im Raum, die Strohpritsche und den Nachttopf auf einer Seite sehen. Ein Holzteller, auf dem sich Essen befunden hatte – Brot, Käse und Wasser –, stand neben der Pritsche. Es lagen nicht einmal mehr Krümel auf dem Teller. Auch die Chorl hatten gehungert; im vergangenen Winter waren keinerlei Lebensmittel vergeudet worden. An der gegenüberliegenden Wand stand mit angespanntem Körper, einer ausgestreckten Hand und hochmütig erhobenem Kinn …

Eine Begabte der Chorl.

Der Hass, den ich mit einem Mal empfand, kam schlagartig und schmeckte bitter wie Galle. Er schnürte mir die Brust zu wie ein Eisenring, sodass ich kaum noch atmen konnte.

Hinter mir hörte ich, wie Keven befahl, Fackeln zu holen. Flackerndes Licht erhellte den Raum und ließ das lange schwarze Haar und das schmutzige grüne Kleid der Begabten der Chorl erkennen. Ihre Haltung veränderte sich nicht. Ihre Nasenflügel blähten sich, als ihr finsterer Blick durch den Raum zuckte und den Gardisten folgte, die sich hinter Eryn und mir aufstellten. Doch die Chorl versuchte nicht, den Fluss zu verwenden, der von Eryn als »die Sicht« bezeichnet wurde.

Ihre Angst erfüllte den Raum; es roch nach Ausscheidungen und verfaultem Fisch. Seit zwei Wochen war sie in diesem Verlies eingesperrt. Die Begabten des Palasts brachten ihr Essen, leerten den Nachttopf und wechselten das Stroh ihrer Pritsche.

Nach dem ersten Tag hatte niemand mehr versucht, mit ihr zu reden. Wir hatten uns um andere Dinge kümmern müssen.

Nun starrte ich die Chorl durch das kleine Verlies finster an und dachte an die Zerstörungen in der Stadt, an die vielen Männer und Frauen, die gestorben waren, und an Erick. Der Trotz in ihren Augen und die kalte Ausstrahlung ihrer blau getönten Haut erregten meinen Zorn und ließen das eiserne Band um meine Brust noch enger werden.

»Was habt ihr mit Erick gemacht?«, fragte ich mit harter Stimme.

Eryn strahlte verwirrtes Erschrecken aus, das ich im Fluss spürte. Die Gardisten rückten vor, als ihr Argwohn in Zorn überging.

Die Chorl nahm die Veränderung augenblicklich wahr. Ihre Blicke huschten zu den Gardisten, dann wieder zu mir. Sie hatte nicht verstanden, was ich gesagt hatte, da sie die Küstensprache nicht beherrschte, doch sie konnte die Wut aus meinen Worten heraushören.

Der Geruch ihrer Angst wurde stärker. Unsicher schlug sie mit dem Fluss nach mir. Ich wehrte den Wirbel ab, trat zwei rasche Schritte vor, schlang die Hand um ihre Kehle, stieß sie gegen die Steinmauer zurück und drückte zu. Ihre Haut fühlte sich glatt an, und ich spürte, wie ihr Blut unter meinen Fingern pulsierte. Sie schluckte und keuchte, als der Druck auf ihre Luftröhre ihr den Atem nahm. Ihre Hände krallten sich um mein Handgelenk, und sie würgte in ihrer Sprache etwas hervor, das sich wie ein Fluch anhörte. In ihren schwarzen Augen funkelte Hass. Doch abgesehen von den Händen, die an meinem Arm kratzten, wehrte sie sich nicht.

Ich hätte zudrücken können, bis sie die Besinnung verlor. Oder ich konnte mit der Handfläche zustoßen, ihr den Kehlkopf zerschmettern und sie töten.

»Was habt ihr mit Erick gemacht?«, wiederholte ich.

»Varis«, sagte Eryn hinter mir. Ihre Stimme klang ruhig; dennoch lag Missbilligung darin. »Varis, sie kann dir nicht antworten. Sie versteht nicht, was du sagst.«

Ich schenkte ihr keine Beachtung, richtete alle Aufmerksamkeit auf die Chorl-Begabte und ihre blaustichige Haut. Der bloße Anblick dieser Haut schürte meinen Zorn, zumal dabei Bilder vom Angriff auf die Stadt vor meinen Augen erschienen – Bilder von Feuer, von explodierenden Wachtürmen, brennenden Schiffen und Gebäuden, von einstürzenden Mauern. Und alles wegen dieser Kreaturen. Wegen ihr.

Ich biss die Zähne zusammen, drückte fester zu, schnürte ihr den Atem ab.

Ihre Augen weiteten sich jäh, und zum ersten Mal sah ich Furcht darin.

Und ich sah noch etwas.

Sie war jünger als ich. Um die vierzehn Jahre, vielleicht noch jünger.

So alt war ich gewesen, als Erick mich am Siel gefunden hatte.

Mein Hass verebbte, und ich stockte angesichts ihrer instinktiven Furcht.

Ich lockerte den Griff, und sie sog gierig die Luft ein. Die Hände, die sich um mein Gelenk geschlossen hatten, lösten sich. Ich wich zurück und ließ sie los.

Als ich mich umdrehte, sank sie gegen die Wand und bedachte mich mit einem hasserfüllten Blick, dem ich keine Beachtung schenkte.

»Indem du sie bedrohst, wirst du gar nichts aus ihr herausbekommen«, sagte Eryn leise, aber entschieden, als ich mich der Tür näherte.

»Eryn hat recht«, sagte Keven und scheuchte den Rest der Gardisten auf den Gang hinaus. »Was sollen wir mit ihr tun?«

Ich hielt inne und legte die Stirn in Falten, während ich mich umdrehte und beobachtete, wie die Sucher die Tür hinter uns schlossen. Durch die Öffnung erhaschte ich noch einen flüchtigen Blick auf die Chorl-Begabte. Mit herabhängenden Schultern kauerte sie immer noch an der gegenüberliegenden Wand und rieb sich mit der Hand die Kehle. Der Hochmut umhüllte sie wie ein Mantel, aber der Trotz …

Ich erkannte den Trotz.

Ich holte Luft, brachte den Schutzbann wieder an der Tür an und sagte: »Bringt sie in die Nähe meiner Gemächer.«

»Wozu?«, fragte Eryn.

Ich suchte ihren Blick. »Wir müssen sie unsere Sprache lehren. Ich will wissen, was sie mit Erick gemacht haben. Und ich will wissen, wie man es beenden kann.«

ZWEITES KAPITEL

Beim Hinterteil der Regentin!« Verärgert stieß Eryn den Atem aus und öffnete die Augen. Sofort fand ihr Blick den meinen. Schweiß schimmerte auf ihrer Stirn, an ihren Mundwinkeln zeichnete sich Anspannung ab, und ihre Lippen bildeten einen schmalen Strich. »Es tut mir leid, Varis. Ich finde überhaupt nichts. Ich kann zwar etwas spüren, aber …«

Ich seufzte, obwohl ich mit dieser Antwort gerechnet hatte. »Zeig es mir.«

Sie nickte, und wir tauchten beide in den Fluss. Die Welt verblasste zu eintönigem Grau. Die Hintergrundgeräusche wurden leiser und dumpfer und verschmolzen zu einem gedämpften Wind, bis sich nur noch Erick, der auf dem Bett lag, klar abzeichnete. Im Hintergrund fühlte ich Isaiah und seine Helferin – hellgraue Schemen in einer Welt aus Grautönen. Außerdem nahm ich die Gardisten wahr, die vor der offenen Tür standen. Doch ich verdrängte dies alles und richtete meine Aufmerksamkeit allein auf Eryns Präsenz. Der Fluss wirbelte unter ihren Berührungen. Ich rückte näher an sie und Erick heran.

»Was immer es ist«, sagte Eryn, deren Stimme sich rau und brüchig anhörte, zugleich aber deutlich und scharf, »hier kann ich es am besten spüren.«

Die Wirbel wiesen auf einen Bereich über Ericks Herz hin. Darunter befand sich eine kleine Stichwunde mit purpurroten Rändern. »Dort ist das Feuer, das ich in Erick eingepflanzt habe«, sagte ich. »Bist du sicher, dass du nicht die Flammen spürst?«

Eryn schürzte die Lippen. »Ich bin sicher. Ich kann auch das Feuer spüren, obwohl ich es nicht sehe. Es hat einen anderen Geschmack.« Sie hielt inne und blickte nachdenklich drein, ehe sie fortfuhr: »Aber es überrascht mich nicht, dass sich beides im selben Bereich befindet. Das Herz ist eine Quelle immenser Kraft. Es wäre sinnvoll, etwas, das so viel Macht besitzt wie das Feuer oder diese … diese Nadeldecke, mit einer Quelle wie dem Herzen zu verbinden.«

Ich legte die Stirn in Falten, bewegte mich im Fluss auf die Stelle zu, auf die Eryn gedeutet hatte, und versuchte zu spüren, was sie gespürt hatte. »Ich kann nichts fühlen.«

Eryn beugte sich über Ericks Körper. »Aber du bist im richtigen Bereich. Es ist, als würde ein Spinnwebfaden über deinen Handrücken streichen. Fühlst du es denn nicht?«

Ich schloss die Augen und ließ mich tief in den Fluss sinken. Die Strömungen umflossen mich sanft und beruhigend, pulsierten im Gleichklang mit Ericks Herzschlag und waren voller Wärme. Darunter spürte ich die hitzelose Flamme des Feuers, das ich in Ericks Inneres gepflanzt hatte. Ich roch die Lavendelseife, mit der die Bettlaken gewaschen worden waren, und nahm darunter den Geruch von Ericks Schweiß und den Duft von Orangen wahr. Für einen Moment ließ ich mich davon umfangen und trösten; dann öffnete ich mich dem Fluss, entspannte mich in seiner Strömung und suchte …

Ich nahm nur Erick und den Geruch von Eryns wachsender Besorgnis wahr. Keinen Spinnwebfaden, der über meine Haut strich. Kein Kribbeln, keinen Geschmack, gar nichts.

Mit einem Ruck stieg ich empor. »Ich kann nichts fühlen«, presste ich gereizt hervor.

Eryn streckte sich über Ericks Körper und berührte mich am Arm. Ich umklammerte mit beiden Händen fest meine Oberarme und merkte erst jetzt, wie angespannt meine Schultern waren.

»Wir finden einen Weg, den Bann zu brechen, Varis«, sagte Eryn.

Die Worte sollten mich beruhigen, doch Eryn hatte nicht Ericks Qualen gespürt. Sie hatte nicht gehört, wie er mich angefleht hatte, alles zu beenden. Ich hatte Isaiah eindringlich geraten, Erick nur anzufassen, wenn es nicht anders ging, weil jede längere Berührung die Schmerzen verschlimmerte. Doch er litt noch immer schrecklich, und Isaiah hatte keine Ahnung, wie lange er in diesem Zustand überleben würde. Zwar dachte er, es könnte helfen, wenn ich Erick besuchte und wie zuvor durch das Weiße Feuer mit ihm redete, aber …

Ich wusste nicht, wie ich mich angesichts der Berührung durch Eryn verhalten sollte; deshalb bewegte ich mich ein Stück von ihr weg und blickte auf Ericks Gesicht hinunter. »Was ist mit der Chorl-Begabten?«

Eryns Hand löste sich von meinem Arm. »Keven sagt, sie hat endlich damit aufgehört, ihre Unterkunft kurz und klein zu schlagen. Er hält es für ungefährlich, ihr einen Besuch abzustatten.«

Ich suchte Eryns Blick. »Dann lass uns gehen.«

Als wir Ericks Gemächer verließen, schickte ich eine der Dienerinnen zur Küche. Dann scharte ich meine Eskorte um mich, und wir schritten den Gang hinunter. Ich hatte einen ganzen Tag gebraucht, um herauszufinden, wie ich die Schutzbanne um die neuen Räumlichkeiten anbringen musste, damit es der Chorl-Begabten nicht gelingen konnte, den Fluss zu verwenden, um die Wachen zu überwältigen. Da die Chorl in der Lage waren, den Fluss zu benutzen, mussten die Banne so beschaffen sein, dass sie aus dem Inneren des Raumes nicht gebrochen werden konnten. Es war eine Abwandlung dessen, was Eryn am Siel verwendet hatte, um die Bürger der Elendsviertel von den Lebensmitteln fernzuhalten, die im dortigen Lagerhaus aufbewahrt waren. Allerdings waren die Räumlichkeiten hier im Palast wesentlich größer, sodass der Bann erweitert werden musste. Er fühlte sich schwächer an als der vorherige, hatte bislang aber gehalten. Vorsichtshalber ließen wir die Begabten des Palasts zusammen mit den Suchern in Schichtwechsel Wache halten.

Wäre der Thron unversehrt gewesen, hätte Cerrin – oder einer der anderen sieben Schöpfer des Thrones – mir zeigen können, wie man den Schutzzauber zu stärken vermochte. Cerrin hätte mich lehren können, wie man die Kraft der Begabten vereinte, so wie die Ochea es beim Angriff auf den Palast und bei der Zerstörung der Mauern getan hatte. Doch ich hatte den Thron zerstört.

Vor den Räumlichkeiten der Chorl-Begabten blieben wir stehen. Die Gardisten nickten den beiden Suchern zu, die dort Wache hielten, und schwärmten dann aus. Auch die dort anwesende Begabte – ein junges blondes Mädchen namens Trielle – entfernte sich.

»Wir müssen endlich anfangen, mit den Begabten zu arbeiten, um herauszufinden, wie die Chorl ihre Kraft mit der Macht der Ochea vereinen konnten, um die Tore zu durchbrechen«, sagte ich, während wir warteten. »Wir müssen es selbst erlernen und dann eine Möglichkeit finden, uns dagegen zu schützen.«

Eryn nickte. »Ich habe schon ein paar Ideen. Beim Unterricht in den Gärten könnten wir das ein oder andere ausprobieren. Und wenn du die Chorl zum Reden bringst …« Eryn nickte in Richtung der mit Schutzbannen versehenen Gemächer.

Bevor ich etwas erwidern konnte, tauchte die Dienerin mit zwei Orangen wieder auf. Ich nahm die beiden Früchte entgegen, wobei ich Eryns fragend hochgezogene Brauen bemerkte. »Ich will allein hineingehen«, sagte ich. »Bleib du mit Trielle hier, falls ich euch brauche. Bringt die Banne wieder an, sobald ich drinnen bin.«

»Wie du willst.«

Ich glitt in den Fluss, und der Duft der beiden Orangen wurde stärker. Eryn löste den Schutzbann, und ich trat durch die Tür, ehe der Bann hinter mir wieder erweckt wurde. Ich holte tief Luft, um mich zu wappnen und den Hass zu bändigen, der jedes Mal in mir aufstieg, wenn ich an die Chorl und an Erick dachte. Dann betrat ich den inneren Raum, wobei ich damit rechnete, jeden Augenblick ein Anzeichen der Macht der Chorl-Begabten zu entdecken – einen Angriff, einen Aufschrei, irgendetwas.

Stattdessen stand sie mit dem Rücken zur Wand am entfernten Ende des Raumes, immer noch in dem verschwitzten grünen Kleid, das sie während des Angriffs getragen hatte. Im Sonnenlicht zeichneten sich deutlich die Ruß-, Asche- und Staubflecken auf dem Stoff ab. Das Zimmer glich einem Schlachtfeld. Das Bett, von dem ein Bein abgebrochen war, neigte sich zur Seite; die Matratze war aufgerissen, und überall lag Stroh verstreut. Die beiden Stühle waren in Zunder verwandelt worden. Federn aus zerfetzten Kissen schwebten beim geringsten Luftzug durchs Zimmer. Die zerrissenen Vorhänge der beiden Fenster lagen als schmutzige Lumpen auf dem Boden.

Zorn stieg mir in die Kehle, jäh und säuerlich, doch ich schenkte ihm keine Beachtung und zeigte keine Regung.

Ich spürte, wie die selbstgefällige Zufriedenheit der Chorl-Begabten ins Wanken geriet. Sie straffte den Rücken mit demselben Hochmut, hinter dem sie sich zuvor schon versteckt hatte, und hob den Kopf. Ich konnte mich erinnern, dass die Ochea eine ähnliche Überheblichkeit an den Tag gelegt hatte, nur war sie bei ihr ein Teil ihrer Persönlichkeit gewesen. Die Chorl-Begabte hingegen trug ihren Hochmut wie einen Schild, um sich dahinter zu verbergen. Als ich sie im Würgegriff gehalten hatte, hatte ich einen kurzen Blick hinter diesen Schild werfen können und dabei erkannt, dass sie sich gar nicht so sehr von mir unterschied – genauer gesagt von dem, was ich am Siel gewesen war, bevor Erick mich gefunden hatte.

»Wie ich sehe, warst du fleißig«, sagte ich mit ruhiger Stimme, schloss die Tür hinter mir und spürte, wie die Chorl sich versteifte und den Fluss schützend um sich zog.

Ich ging zu einem der Fenster und blickte auf das nordöstliche Amenkor hinaus, über die drei Mauern zur Unterstadt, zum Fluss und zum Siel. Dabei kehrte ich der Chorl den Rücken zu. Ich spürte, wie sie zögerte. Die Wirbel rings um sie herum kräuselten sich verunsichert.

Von der Stelle aus, an der ich stand, war nur ein kleiner Teil des Hafens zu sehen, im nördlichen Bereich, wo das Gelände zu steil und felsig war, als dass man dort einen Kai hätte erbauen können. Ich aber wollte, dass sie jenen Bereich der Stadt sehen konnte, der von den Chorl kaum beschädigt worden war. Sie sollte sehen, dass ihr Volk uns nicht so hart getroffen hatte, wie sie vielleicht glaubte.

Ich legte eine der Orangen auf den Rand der Fensteröffnung; die andere behielt ich in der Hand. Dann drehte ich mich um.

»Mein Name ist Varis«, stellte ich mich vor und beobachtete die Chorl-Begabte eingehend. Ich erwartete nicht, dass sie mich verstand – was auch nicht der Fall war, denn sie runzelte verwirrt die Stirn. Vielleicht beunruhigte sie auch mein Tonfall. »Ich bin die Regentin von Amenkor.« Ich deutete auf das Fenster und die Stadt dahinter.

Die Chorl schnaubte verächtlich, doch in ihren Augen spiegelte sich Unsicherheit. Es waren dunkle Augen, fast so schwarz wie ihr Haar. Mir fiel ein, was ich vor langer Zeit am Siel gelernt hatte: Die Augen sind alles.

Der Blick der Chorl wanderte zu der Orange in meiner Hand.

»Varis«, wiederholte ich und hielt die Frucht in die Höhe. »Und das ist eine Orange.«

Sie starrte auf die ihr dargebotene Frucht und streckte das Kinn vor. Ihre Nasenflügel blähten sich. Ich sah, dass sie zitterte, und diesmal nicht vor Wut.

Mit einer flinken Bewegung bohrte ich den Daumen in die zähe Schale der Orange. Augenblicklich strömte ihr Geruch in den Fluss, während mir der klebrige Saft über die Finger rann. Geschickt schälte ich die Frucht. Der Duft wurde intensiver und ließ vor meinem geistigen Auge Bilder von Erick erscheinen – Bilder, die ich vergessen geglaubt hatte: Erick am Siel, wie er mir den ersten Sack mit Lebensmitteln reichte und mir mit sanfter Stimme sagte, dass ich mehr davon bekäme, wenn ich ihm half, in den Elendsvierteln Opfer aufzuspüren; Erick, wie er mich auf verwahrlosten Hinterhöfen im Kampf ausbildete und Befehle brüllte oder in Gelächter ausbrach, wenn ich etwas Unerwartetes tat und ihn damit überraschte. Am Siel waren Gerüche alles gewesen, und Erick hatte ich stets mit Orangen in Verbindung gebracht. Ein angenehmer Duft, süß und kräftig.

Die Orangenschalen fielen zu Boden. Als ich mit dem Schälen fertig war, drückte ich den Daumen in die Mitte der Frucht, zog sie auseinander, riss eine Spalte ab und aß sie. Die Kerne spuckte ich in meine Hand und legte sie auf den Fenstersims.

Dann schaute ich wieder zu der Chorl-Begabten. Sie beobachtete mich mit fragender Miene. Den Kopf hielt sie noch immer hoch erhoben, den geschundenen Hals vorgestreckt. Ihr Atem ging nun tiefer, und ihr Blick war auf die Frucht gerichtet. Zwei Wochen lang hatte sie nur Brot, Käse und ein paar Bissen Fleisch bekommen. Doch selbst wenn sie nicht wusste, was eine Orange war – der Geruch dieser Frucht war ihr mit Sicherheit vertraut.

Ich brach ein weiteres Stück aus der Orange. Der Mund der Chorl zuckte. Während ich aß, schritt ich vor den beiden Fenstern auf und ab – gemächlich und kein bisschen bedrohlich. »Ich weiß, weshalb die Chorl nach Amenkor gekommen sind«, sagte ich kauend, obwohl ich wusste, dass sie mich nicht verstehen konnte. Dabei versuchte ich, den Hass aus meiner Stimme zu verbannen, der immer noch heiß in mir aufwallte, wenn ich an den Angriff der Chorl auf Amenkor dachte. Leicht fiel es mir nicht. »Die Ochea wollte den Thron«, fuhr ich fort, »oder vielmehr das Feuer, das sie im Thron wähnte. Doch das Feuer kam nicht von dort. Es kam aus dem Westen.« Ich hielt inne und blickte durchs Fenster auf die Stadt. »Weißt du, woher genau das Feuer kam? Oder was es bewirken sollte?«

Ich drehte mich um, musterte das Gesicht der Chorl und seufzte. »Nein, sicher nicht. Wenn die Ochea es schon nicht wusste, wie sollst du es dann wissen? Aber es ist eine interessante Frage. Ich hatte noch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Am Siel war es mir egal. Da hatte ich keinen Grund, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Zu wissen, woher das Feuer stammte, konnte mir nicht beim Überleben helfen. Und nachdem ich Regentin geworden war, gab es dringlichere Angelegenheiten. Aber jetzt …«

Ich verstummte, biss erneut in eine Orangenspalte und zuckte mit den Schultern. »Es spielt keine Rolle.«

Ich schaute der Chorl-Begabten in die Augen und beobachtete, wie sie sich unter meinem Blick versteifte. Mittlerweile versuchte ich nicht mehr, meinen Zorn zu verhehlen. »Allerdings weißt du Dinge, die ich erfahren muss. Zum Beispiel, wie man die Kraft von Begabten vereint, sie verbindet. Und ich wette, du weißt auch etwas darüber, was Erick angetan wurde. Deshalb …« Ich löste eine weitere Spalte vom Rest der Frucht in meiner Hand und hielt sie der Chorl entgegen. Mühsam verbannte ich die Wut aus meiner Stimme. »Nimm ein Stück.«

Sie zögerte, machte schmale Augen. Doch der Duft der Orange erwies sich als zu verlockend. Langsam kam sie näher und hob vorsichtig eine Hand zu der Frucht.

Mit einer flinken Bewegung entriss sie mir die Spalte, wich zurück und schaute finster drein. Einen Augenblick dachte ich, sie würde nicht essen, denn sie starrte mich nur trotzig an.

Dann knurrte vernehmlich ihr Magen.

Sie ließ die Maskerade fallen und steckte sich die Orange in den Mund. Saft tropfte ihr übers Kinn.

Der Anblick rief einen seltsamen, verstörenden Schmerz in meiner Brust hervor. So wie die Chorl musste auch ich mich verhalten haben, als Erick mir zum ersten Mal Essen gebracht hatte. Ausgehungert, verzweifelt, regelrecht verwildert. Ich erinnerte mich noch, wie dankbar ich mich anfangs gefühlt hatte und wie beschämt ich später gewesen war, wenngleich es keinen Grund gegeben hatte, sich zu schämen.

Mein Zorn auf die Chorl, auf die Ochea und darauf, was sie Erick und der Stadt angetan hatten, geriet ins Wanken. Diese Frau war für die schrecklichen Ereignisse nicht verantwortlich. Sie war ebenso ein Opfer der Umstände geworden wie ich damals am Siel. Bis Erick mich fand.

Ich beobachtete, wie sie die Orangenspalte verschlang und sich zum Fenster bewegte, um sich die zweite Frucht zu holen, die ich dort hingelegt hatte. Als sie die Orange zu schälen begann, ging ich zur Tür. Kaum streckte ich die Hand aus, um sie zu öffnen, sagte sie:

»Ottul.«

Ich hielt inne, drehte mich zu ihr.

Die Chorl-Begabte stand aufrecht zwischen den beiden Fenstern und hielt die geschälte Orange in einer Hand. Kurz begegnete sie mit funkelnden Augen meinem Blick, dann wiederholte sie: »Ottul.«

Sie zauderte, senkte verunsichert den Kopf.

Ich öffnete die Tür, erspähte aus dem Augenwinkel Eryn, Trielle und die Gardisten und trat hinaus. Eryn entfernte den Schutzbann lange genug, um mich hindurchzulassen.

»Und?«, fragte Eryn.

Noch immer aufgewühlt und meinen eigenen Empfindungen nicht sicher, antwortete ich: »Ich glaube, sie heißt Ottul.«

Trenner

Gefolgt von Keven und meiner Eskorte aus Gardisten betrat ich die Halle der Händlergilde. Ich spürte, wie mich ein Schauder durchlief. Die Halle war verwaist. Mattes Sonnenlicht fiel durch die schmalen Fenster auf den Marmorboden. Vom Gebälk rieselte Staub. Das ganze Gebäude roch nach Alter, Trockenheit und Tod.

Der Händler Alendor hatte die Gilde zerstört, als er versucht hatte, mit seiner sogenannten Genossenschaft den Handel an sich zu reißen – ein Versuch, den zu vereiteln ich mitgeholfen hatte. Allerdings war uns dies erst gelungen, nachdem Alendor und seine Verbündeten bereits einen beträchtlichen Teil der Händlerriege gemeuchelt hatten. Einer der drei verbliebenen Händler war im vergangenen Winter des widergesetzlichen Hortens von Lebensmitteln überführt und auf dem Marktplatz von den Bewohnern Amenkors gesteinigt worden, nachdem ich ihn verurteilt hatte. Ein zweiter Händler, Regin, hatte sich widerwillig der Beschlagnahme sämtlicher Vorräte in Amenkor gebeugt – eine von mir befohlene Maßnahme, um die Bürger der Stadt vor dem Hungertod zu retten. Und der dritte Händler schließlich …

Ich ließ den Blick suchend durch das düstere Innere der einst vor Leben strotzenden Gildenhalle schweifen und entdeckte William an einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke. Mein Herz zog sich zusammen wie jedes Mal, wenn ich sein zerzaustes braunes Haar sah und sein weißes Lehrlingshemd, das in dem Licht schimmerte, das auch die Schriftstücke beleuchtete, an denen er arbeitete. Seit ich Zeugin geworden war, wie entschlossen William sich den angreifenden Chorl widersetzt hatte, hatte ich ihn fast täglich gesehen, entweder im Palast, wenn er mir von den Aufräumarbeiten in Amenkor oder vom Zustand der schwindenden Vorräte berichtete, oder in der Stadt an einer Baustelle, wo er die Aufräumarbeiten und die Beseitigung der Leichen von den Straßen beaufsichtigte.

Diesmal aber war ich nicht wegen eines Berichts hier.

William hörte nicht, wie wir uns näherten, bis ich vor dem Tisch stehen blieb. Erschrocken schaute er auf. Sogleich erhob er sich, wobei sein Stuhl rumpelnd nach hinten rutschte.

»Varis! Ich meine … Regentin«, sagte er, wobei sein Blick zu den Wachen huschte, die in einiger Entfernung Stellung bezogen hatten. »Ich wusste nicht, dass du kommst.«

»Ich habe mich ja auch nicht angekündigt.«

»Ich verstehe.« Verwirrt runzelte er die Stirn, als er zu ergründen versuchte, ob es sich um einen formellen Besuch oder einen Freundschaftsbesuch handelte. Er legte sich auf Ersteres fest, starrte mich an und fragte steif: »Was kann ich für Euch tun?«

Ich seufzte. »Ich bin hier, um mit dir über Borund zu reden.«

»Ah.« Seine Hände sanken auf den Tisch, und er blickte zu Boden.

»William.« Als er nicht aufschaute, ging ich um das behelfsmäßige Schreibpult herum, fasste ihn an den Schultern und zwang ihn, mich anzusehen. »William, ich muss wissen, was mit ihm geschieht.«

»Du weißt, was ihm widerfahren ist«, sagte William mit zorniger Stimme und befreite sich aus meinem Griff. »Jeder weiß es! Er ist am Kai davongerannt. Als die Schiffe der Chorl die Docks rammten und wir anderen gegen sie losstürmten, hat Borund uns den Rücken zugekehrt und ist geflüchtet. Er hat uns zum Sterben zurückgelassen. Er hat mich zum Sterben zurückgelassen!«

Die Verbitterung in Williams schroffen Worten hallte bis in den letzten Winkel des Raumes. Einen Herzschlag lang begegnete er meinem Blick, lange genug, dass ich den Schmerz in seinen Augen erkennen konnte – einen Schmerz, den er in den vergangenen Wochen verborgen hatte, sogar vor mir.

Dann wirbelte er herum, drehte mir den Rücken zu und ging zu einer Nische mit ein paar Stühlen und einem kleinen Tisch, auf dem eine Pflanze stand.

Ich zögerte und bemerkte Kevens fragenden Blick, schüttelte jedoch den Kopf und folgte William.

»Borund hatte nicht vor, davonzurennen«, sagte ich zu Williams Rücken und ließ meinen eigenen Zorn in diese Worte einfließen.

»Woher weißt du das? Du warst nicht dabei.«

»Doch, war ich.«

William spannte die Schultern. »Wie meinst du das?«

»Ich war dabei – in dem Weißen Feuer, das ich in Borunds Inneres gepflanzt habe. Ich habe durch seine Augen beobachtet, wie die Chorl-Schiffe gegen den Kai gefahren sind. Ich habe gesehen, wie er dich hinter die Barrikade geschleift hat, als der Aufprall erfolgte. Ich habe bezeugt, wie die Chorl aus den Schiffen strömten und über die Docks ausschwärmten. Ich habe gesehen, wie du in ihre Ränge gestürmt bist und wie Borund sich umdrehte und floh. Ich habe alles gesehen. Und ich konnte alles fühlen, was Borund gefühlt hat.«

Williams Augen weiteten sich. »Wirklich? Aber warum ist er dann nicht geblieben, um zu kämpfen? Warum hast du ihn nicht dazu gebracht, dass er bleibt und kämpft?«

»Weil …«, setzte ich an, verstummte dann aber. Ich hätte durch das Feuer tatsächlich die Herrschaft über seinen Körper übernehmen und ihn zwingen können, sich den Chorl zu stellen. Ich wollte es auch tun; das Gefühl des Verrats, als Borund die Flucht ergriff, hatte mir wehgetan. Aber ich konnte nicht bleiben. Ich wurde im Palast gebraucht, um gegen die Ochea zu kämpfen.

Doch William wollte keine vernünftige Begründung. Er wollte wissen, weshalb Borund ihn verraten und zurückgelassen hatte.

Ich seufzte tief und verdrängte die eigene Wut auf Borund.

»Er konnte nicht bleiben, William. Er konnte es einfach nicht. Seine Angst war zu groß. Er hat aufrichtig versucht, zu bleiben und zu kämpfen, aber die Furcht war stärker. Ich konnte es spüren.«

Eine Weile begegnete William meinem Blick. Als ich die Hand ausstreckte, um ihn am Arm zu berühren, wich er zurück.

Ich senkte die Hand, und die Geste ließ ihn zusammenzucken. »Es tut mir leid, Varis«, sagte er, »aber …« Er neigte den Kopf, löste mit sichtlicher Mühe die Anspannung in seinen Schultern und sah mich wieder an. »Wie geht es Erick?«

Ich erstarrte, und er musste mir die Antwort an den Augen abgelesen haben, denn diesmal griff er nach mir. Ich ließ zu, dass er mich an sich zog und mich festhielt. Ich atmete den sauberen Duft seines Hemds ein und roch im Fluss frisches Stroh.

»Sein Zustand bessert sich nicht«, sagte ich und war überrascht, wie belegt meine Stimme klang. »Weder Eryn noch ich können etwas für ihn tun.«

»Was ist mit Isaiah?«

Ich schüttelte den Kopf und lehnte ihn kurz an Varis’ Schulter; dann löste ich mich von ihm, obwohl seine Wärme tröstlich war. »Isaiah hat getan, was in seiner Macht steht, aber bei diesem Leiden kann er nicht helfen.«

William legte die Stirn in Falten. »Und auch du nicht?«

Ich lachte bitter auf. »Ich kann es nicht einmal erspüren.«

Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals öffnete sich eine Tür, und drei weitere Lehrlinge betraten den Raum. Ihre Stimmen hallten durch die staubige Stille. William wich einen Schritt von mir zurück, brachte Abstand zwischen uns. Das Gefühl gegenseitiger Nähe zerbrach.

Während die Lehrlinge weitergingen, fragte William: »Was wirst du unternehmen?«

»Ich weiß es nicht.« Ich dachte an Ottul, zögerte und überlegte, ob ich ihm von ihr erzählen sollte. Aber ich hatte sie in den oberen Palast verlegen lassen. Die Kunde würde sich schon bald verbreiten. »Wir konnten bei dem Angriff mehrere Chorl gefangen nehmen, darunter eine der Begabten. Ich hoffe, dass wir von ihr erfahren, wie Erick zu heilen ist.«

Williams Augen weiteten sich, doch bevor er mir Fragen über Ottul stellen konnte, erkundigte ich mich: »Wo ist Borund?«

Williams Zorn kehrte binnen eines Lidschlags zurück. »Er hat seit dem Angriff das Haus und sein Arbeitszimmer nicht mehr verlassen. Dabei arbeitet er gar nicht. Er tut überhaupt nichts, außer zu trinken. Ich habe ihn noch nie so erlebt.«

Ich schauderte, denn ich kannte dieses Verhalten. Dasselbe hatte Borund getan, nachdem William niedergestochen worden war und wir nicht wussten, ob er überleben würde. Damals hatte er sich in seinem Arbeitszimmer eingesperrt und bis zur Besinnungslosigkeit getrunken.

Bis ich den Vorschlag unterbreitet hatte, Carl für ihn zu töten.

Ich zuckte zusammen.

»Er braucht etwas zu tun«, meinte ich. »Er muss wieder das Gefühl bekommen, nützlich zu sein.«

»Und was soll er tun?«

Ich zuckte mit den Schultern und ließ erneut einen Teil meines Zorns durchschimmern. »Ich weiß es noch nicht, aber er könnte sich für die Gilde stark machen. Wir können es uns nicht leisten, dass die Gilde in die Knie geht, weil Borund in Selbstmitleid ertrinkt. Ich brauche ihn – Amenkor braucht ihn. Er ist einer der wenigen noch verbliebenen Menschen der Stadt, die Macht besitzen. Aber wenn er uns eine Hilfe sein soll, muss er sich den Leuten zeigen, und er muss gefestigt sein.«

William schaute zum Tisch und zu den Pergamenten, an denen er gearbeitet hatte. »Wie wäre es mit Schiffen?«

»Was meinst du damit?«

»Wir haben den Großteil unserer Handelsschiffe an die Chorl verloren, zuerst bei ihren Überfällen auf die Handelsrouten, dann beim Angriff auf die Stadt. Regin beschwert sich in letzter Zeit unablässig darüber, dass die Gilde kaum etwas unternehmen kann, wenn wir keine Schiffe haben, um Handel zu treiben. Auf die Straßen können wir uns nicht verlassen. Der Transport über den Landweg dauert zu lange. Warum lässt du Borund nicht neue Schiffe als Ersatz für jene bauen, die wir verloren haben? Er kann sogar bei der Beschaffung der Gelder helfen. Ich kenne seine Bücher und weiß, wie reich er ist. Wahrscheinlich kann er die Mittel für mindestens fünf Schiffe aufbringen, je nach Größe vielleicht sogar für mehr. Dann hätte er etwas anderes zu tun, als zu trinken. Es würde ihm die Gelegenheit verschaffen, Wiedergutmachung zu leisten.«

Ich starrte William an, beugte mich vor und küsste ihn. Es war ein flüchtiger Kuss, der mich ebenso sehr überraschte wie ihn.

Bevor einer von uns sich etwas anmerken lassen konnte, drehte ich mich um. »Komm mit.«

William folgte mir zu Keven. Die anderen Gardisten nahmen Haltung an, als ich mich näherte.

»Wohin gehen wir?«, fragte William.

»Zu Borunds Haus.«

Ich spürte, wie William stockte. Als ich mich umdrehte, strahlte er Kälte aus.

Unter meinem Blick trat er verlegen von einem Bein aufs andere. »Er ist weggerannt, Varis. Er hat mich zum Sterben zurückgelassen. Ich kann ihm nicht verzeihen. Noch nicht. Nicht so ohne Weiteres.«

Unwillkürlich kniff ich den Mund zusammen, nickte jedoch.

Dann drehte ich mich um und verließ die Händlergilde, gefolgt von Keven und meiner Eskorte.

Trenner

»Meister Borund ist bereit, Euch zu empfangen, Regentin.«

Gerrold, Borunds Hausdiener, sprach die Worte förmlich aus, doch in seinen Augen stand ein Leuchten. Keven und der Eskorte aus Gardisten, die mich umgab, schenkte er keine Beachtung. Er deutete auf den Hauptgang und führte uns durch einen Flur zu Borunds Arbeitszimmer.

Während ich Gerrold folgte, atmete ich die Gerüche von Borunds Haus ein – poliertes Holz, staubiges Pergament, backendes Brot. Lizbeth und Gart, die beiden anderen Bediensteten, die Borund im Haus beschäftigte, sah ich nicht, doch allein die Räume und Flure, an denen wir vorbeigingen, beschworen viele bittersüße Erinnerungen herauf. Ich hatte das Haus seit Monaten nicht mehr betreten; es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Allerdings hatte ich mithilfe des Thrones meinen Geist auf der Suche nach den gestohlenen Lebensmitteln hierhergesandt. Damals hatte ich eine Aufgabe gehabt und mir nicht gestattet, mich von Erinnerungen ablenken zu lassen.

Nun aber setzten sie ungebeten ein. Bilder von Lizbeth bestürmten mich, wie sie mich bei meinem ersten richtigen Bad unter Wasser tauchte. Bilder von William, der über etwas lachte, das Borund gesagt hatte. Bilder von Borund, der grinste und mir einen verstohlenen Blick zuwarf, um zu sehen, ob ich ebenfalls lachte.

Schließlich blieb Gerrold vor Borunds Arbeitszimmer stehen. Bevor er die Tür öffnete und mich hineinließ, sagte er: »Bitte, Regentin, tut etwas, um ihm zu helfen.«

Damit trat er beiseite, ging davon und gab mir keine Gelegenheit, etwas zu erwidern. Ebenso wenig kündigte er Borund meine Ankunft an.

Ich blickte durch die offene Tür, roch die geistigen Getränke und die stickige Luft im Zimmer und verzog das Gesicht. Der Gestank erinnerte mich an die Tiefen der Elendsviertel jenseits des Siels.

Ohne mich zu Keven umzudrehen, befahl ich: »Wartet hier.« Dann trat ich ein und zog die Tür hinter mir zu.

Die Fensterläden waren geschlossen. Um die Ränder zeichnete sich der goldene Schimmer des Sonnenlichts ab. In den Schatten erkannte ich das große Schreibpult, auf dessen einer Seite Bücher verstreut lagen. Vereinzelt lugten Pergamentbogen daraus hervor. Auf verschiedenen Regalen und Tischen befanden sich weitere Bücher, ein paar Pflanzen sowie Kunstgegenstände, die aus Orten entlang der Küste von Frigea stammten: eine aufwendig geschnitzte Pfeife von den südlichen Inseln, versteinerte Blätter und Muscheln, ein Kopfschmuck aus Federn und Perlen aus Kandish jenseits der östlichen Berge, ein Fläschchen mit blauem Wasser aus den im hohen Norden gelegenen Gefilden Taniecias. Ein großer Läufer bedeckte den Boden vor dem Kamin, und über dem Sims hing ein gewaltiges Schwert.

Zwischen den vielen Büchern und Kunstgegenständen stachen leere Weinflaschen hervor. Einige lagen umgekippt da, andere enthielten noch etwas Flüssigkeit, doch dem schalen Geruch im Zimmer nach zu urteilen, waren die Reste längst verdorben.

Borund saß hinter dem Schreibpult und umklammerte mit einer Hand den Stiel eines Glases. In Griffweite stand eine weitere, bereits halb leere Flasche. Mit gerunzelter Stirn und geröteten, zornigen Zügen starrte er mich über den Tisch hinweg an. Er hatte sich seit einiger Zeit nicht rasiert, und seine Augen waren blutunterlaufen und verquollen.

»Was willst du?«, fragte er mit heiserer Stimme.

Ich blickte aus zusammengekniffenen Augen in die Düsternis des Raumes und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Was willst du?«, stieß Borund erneut hervor, ließ die freie Hand mit lautem Krachen auf den Tisch niedersausen und stemmt sich ächzend hoch.

Ich rührte mich nicht. Stattdessen begegnete ich gelassen seinem zornigen Blick und erwiderte nur: »Du bist davongerannt.«

Er zuckte zurück und verzog das Gesicht, als hätte ich ihn geschlagen. Das Drahtgestell der Brille auf seiner Nase rutschte zur Seite. Seine bleiche Haut erschlaffte.

Ich durchquerte das Zimmer, legte die Hände flach auf den Tisch, wobei ich den klebrigen verschütteten Wein unter den Fingern spürte, und beugte mich zu Borund vor. Seine Augen weiteten sich; seine Wut war mit einem Mal verflogen. Sein Atem stank nach schalem Wein, und er roch nach säuerlichem Schweiß. Er wirkte zehn Jahre älter, als er war.

»Ich war dabei«, spie ich ihm entgegen und ließ all den Zorn, den ich damals verspürt hatte, in meiner Stimme mitschwingen. »Ich habe durch deine Augen beobachtet, wie die Schiffe der Chorl die Docks rammten. Ich habe gesehen, wie William in den Schlachtruf mit einstimmte und die Männer Amenkors über die Barrikade führte, um sich den Chorl-Kriegern entgegenzustemmen. Ich habe beobachtet, wie du dagestanden und vor dich hingestarrt hast, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Ich habe gespürt, wie dein Herz verzagte. Und ich habe mit angesehen, wie du weggerannt bist und William den Chorl überlassen hast.«

Erschrecken erschien auf Borunds Gesicht. Seine Augen weiteten sich noch mehr. Sein Mund öffnete und schloss sich. »Ich …«, setzte er an.

Ich konnte seinen Puls am Hals und in einer Ader auf der Stirn sehen. Eine dünne Schweißschicht schimmerte auf seiner Haut. Sein Blick zuckte zur Seite, huschte panisch durchs Zimmer und richtete sich dann wieder auf mich.

»Oh, ihr Götter«, flüsterte er und sank auf seinen Stuhl. Tränen strömten ihm übers Gesicht, und sein Körper zitterte vor lautlosen Schluchzern. »Ich konnte nicht anders«, stammelte er mit erstickter Stimme. »Wirklich, ich konnte nicht anders. Ich habe versucht, umzukehren, rannte aber weiter. Dabei wusste ich nicht einmal, wohin ich lief!« Er verzog das Gesicht. »Es tut mir leid, Varis, schrecklich leid.«

Ich stieß mich vom Schreibpult ab und wich zurück. Durch die Bewegung kullerte eine auf der Seite liegende Flasche umher. Ich starrte darauf und dachte an William und daran, was Borunds Feigheit ihm angetan hatte. Schließlich ließ ich den Blick über den Rest der im Zimmer liegenden Flaschen schweifen, ehe ich an eines der verdunkelten Fenster trat. Die Rollläden, die von hinten vom Sonnenlicht erhellt wurden, glühten tiefrot. »Dann unternimm etwas«, sagte ich.

Borunds Schluchzen verstummte. »Ich kann nicht«, stieß er hitzig hervor, voller Zorn auf sich selbst. Seine Stimme klang heiser und verschleimt. »Der Angriff ist vorbei. Ich kann es nicht mehr ändern.«

»Du kannst nicht ändern, was geschehen ist, das ist wahr«, pflichtete ich ihm bei und griff nach oben, um den Rollladen aufzuziehen. Grelles Sonnenlicht flutete ins Zimmer, und Borund kniff die rot geränderten Augen zusammen und sog zischend den Atem ein. Ich schenkte dem keine Beachtung und ging zu den anderen Fenstern, zog auch dort die Rollläden auf und öffnete die Fenster, um frische Luft hereinzulassen, die nach Frühling und Meersalz roch.

Dann drehte ich mich zu Borund um, die Hände in die Hüften gestemmt. »Aber du kannst versuchen, Wiedergutmachung zu leisten«, sagte ich. »Für mich. Für Amenkor, denn die Stadt braucht dich jetzt mehr als vor der Ankunft der Chorl. Aber vor allem für William.«

Schuldgefühle spiegelten sich auf Borunds Gesicht, und er sank tiefer in den Stuhl. »William …«, flüsterte er.

Ich trat einen Schritt vor und zögerte. Zwar verspürte ich nicht mehr die siedende Wut über seine Feigheit, trotzdem war ich noch immer zornig. Und es bedurfte mehr als ein paar Tränen und einiger Worte des Bedauerns, um daran etwas zu ändern. Genauso wie William würde es auch mir nicht leichtfallen, Borund zu verzeihen.

»Du hast ihn verloren, Borund.«

Der Händler starrte mich offenen Mundes an. Mit einer erhobenen Hand schirmte er die Augen vor dem grellen Sonnenlicht ab. »W-wie?«, stammelte er. »Wie kann ich Wiedergutmachung leisten? Es gibt nichts, was ich tun …«

»Du kannst Schiffe bauen«, schnitt ich ihm das Wort ab. »Viele Schiffe.«

Trenner

»Nun, da der Kai wieder aufgebaut ist, können wir uns voll und ganz den Instandsetzungsarbeiten an den verbliebenen Schiffen widmen«, meinte Regin.

Wir standen am Kai. Rings um uns wimmelte es von Arbeitern, die Taue und Holz zu den Schiffen karrten, die an den Docks verzurrt waren. Ich sah auch Fischer mit über die Rücken geschlungenen Krabbenfallen, tief gebräunter, ledriger Haut und von der Sonne ausgebleichtem Haar sowie Ladenbesitzer aus der Oberstadt, Bettler und Marktschreier und die dunkelhäutigen Zorelli, die den Großteil der Schiffsbesatzungen stellten, außerdem Angehörige verschiedener Völker aus fernen Landen. All diese Menschen hatten den Winter in Amenkor überlebt und versuchten nun, von vorne zu beginnen. Seeleute brüllten aus Takelagen herab, und Besatzungsmitglieder riefen einander über die Decks zu. Die Geräusche wurden vom Knarren der Bootsplanken und dem Klatschen der Wellen gegen die Pfeiler des Kais begleitet. Vögel kreisten in der Luft, Möwen, Seeschwalben und ein oder zwei Pelikane. Ihr Kreischen vermengte sich mit dem allgemeinen Lärm. Der Geruch von Fisch und Salzlauge lag in der Brise, die böig vom Meer herüberwehte. Mindestens sieben Schiffe waren zu den Docks gebracht worden; an den meisten gab es noch Schäden zu beheben.

»Wann wird das erste Schiff wieder in See stechen können?«

Regin schnaubte. »Ein paar Handelsschiffe könnten wir sofort losschicken, aber keines ist dafür ausgerüstet, sich gegen die Chorl zu verteidigen. Und ihre Kapitäne sind nicht gerade versessen darauf, den sicheren Hafen zu verlassen.«

»Nicht einmal, um Handel im Norden zu treiben?« Bislang hatte es keine Anzeichen dafür gegeben, dass die Chorl sich in Norden Amenkors herumtrieben. Alle Überfälle auf Handelsschiffe im vergangenen Sommer waren im Süden erfolgt, zwischen Amenkor und Venitte, und zwar entlang der Haupthandelsrouten zwischen den beiden Geschwisterstädten.

Regin schüttelte den Kopf. »Nicht einmal, um nordwärts nach Merrell zu segeln. Sie warten, bis wir ihre Schiffe aufrüsten oder die Instandsetzungsarbeiten an den Kriegsschiffen abschließen, die von den Chorl zurückgelassen wurden, damit sie eine Eskorte haben, die sie beschützen kann.«

Ich drehte mich und betrachtete drei der ebenfalls an den Docks liegenden Chorl-Schiffe. Auf den Decks wimmelte es von Zimmerleuten und Baumeistern. Regin schaute in dieselbe Richtung.

»Unsere Zimmermänner sind entzückt davon«, verriet er. »Ich habe bereits ein paar von ihnen damit beauftragt, sich die Einzelheiten anzuschauen. Sie scheinen der Ansicht zu sein, sie irgendwie ändern zu können. Muss mit der Bauweise zu tun haben.« Als ich ihn mit einem fragenden Blick bedachte, schüttelte er den Kopf. »Fragt mich nicht. Ich bin Händler, kein Schiffsbauer.«

Das galt auch für mich. Tatsächlich hatte ich noch nie ein Schiff betreten. Abschaum vom Siel kam in der Regel nicht an den Kai. Die meisten schafften es nie über den Fluss, der die Elendsviertel von der Unterstadt trennte. Doch das änderte sich zunehmend. Mittlerweile war die Kluft zwischen der Stadt und den Elendsvierteln nicht mehr so tief.

»Wie lange dauert es, bis wir den Handelsschiffen eine Eskorte mitgeben können?«, fragte ich.

»Bis zum Ende der Woche. Bis dahin sollten drei Chorl-Schiffe fertig sein. Wenn wir eines mit jedem Handelsschiff mitschicken, könnte ich zwei Schiffe entsenden und Borund eines.«

Als Borunds Name fiel, erstarrte ich und runzelte die Stirn. Obwohl ich vor zwei Wochen mit ihm gesprochen und ihm befohlen hatte, der Sauferei abzuschwören, verspürte ich immer noch unterschwellig brodelnden Zorn. Ich hatte ihn an den Docks gesehen und im Lagerhausviertel, wo er eine Bestandsaufnahme seiner Vorräte machte. Allerdings hatte ich William und Borund noch nicht wieder zusammen gesehen. Mit William hatte ich mich inzwischen des Öfteren getroffen. Dabei hatte ich Borund erwähnt, doch William wich stets sorgsam aus, wenn ich auf den Händler zu sprechen kam.

Noch hatte Borund sich nicht bewiesen. Und ich hatte ihm noch nicht vergeben.

»Er wurde zu einem Händler erzogen, nicht zu einem Krieger.«

Überrascht drehte ich mich um und blickte Regin in die Augen. Er musterte mich abwägend. Plötzlich fragte ich mich, wo er während des Angriffs gesteckt und was er getan hatte. Man hatte ihn einer der Barrikaden in der Unterstadt zugeteilt, doch während des Gefechts war ich zu beschäftigt gewesen, um jeden im Auge zu behalten.

Doch Regin hatte sich verändert. Vor dem Angriff der Chorl hatte er mich gehasst, weil ich die Lebensmittel und sonstigen Vorräte beschlagnahmen und Küchen und Lagerhäuser einrichten ließ. Damals hatte er mir nur widerwillig dabei geholfen, die Stadt zu ernähren.

»Borund hätte bleiben und an den Docks kämpfen müssen«, sagte ich mit ruhiger Stimme. »Er hätte bei William bleiben sollen.«

Regin ließ sich nicht beirren.

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