Logo weiterlesen.de
Die Kälte jenseits der Träume

Jörg Martin Munsonius, Alfred Bekker

Die Kälte jenseits der Träume

Phantastische Erzählungen: Cassiopeiapress Spannung/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

DIE SCHUHE

von Hans Joachim Alpers

Als die dänische Polizei nicht weiterkam, hatte sich jemand an Hauke Brodersen erinnert.

„Was hältst du davon?“, fragte Kjeld Borg den Deutschen und deutete auf die Schuhe. Er sprach sehr gut Deutsch, wenn auch mit deutlichem Akzent.

Brodersen, der die dänische Aussprache deutscher Wörter liebte, ließ sich Zeit mit der Antwort. Langsam umrundete er den Fundort. Ein milchfarbener Eimer aus Kunststoff mit verrostetem Henkel. Strandgut, wie man es an jedem Nordseestrand finden kann. Jemand hatte ihn aufgelesen, zu den Dünen getragen, umgestülpt und mit drei dicken, ebenfalls am Strand gefundenen Steinen beschwert. Eine Landboje, eine Markierung, um den Ort wieder zu finden. Oder ihn von anderen finden zu lassen. Rund um den Eimer herum standen sieben Paar Sportschuhe, große und kleine, mehr oder weniger abgetragen, alle ordentlich ausgerichtet, die Spitzen zum Meer zeigend. Hinzu kam ein einzelner weißer Schuh, an den Seiten rot abgesetzt, mit ebenso roten Schnürsenkeln versehen und für einen eher zierlichen Fuß bestimmt. Er lag schräg im Sand, als hätte der Träger oder die Trägerin zu lange getrödelt und nicht mehr die Zeit gehabt, dem peniblen Beispiel der anderen zu folgen.

Brodersen deutete auf diesen Schuh. „Wo ist der zweite?“

Der junge Inspektor, der aus Ringkøbing gekommen war, zuckte die Achseln. „So haben wir das Ganze vorgefunden.“

„Vielleicht haben sich ein paar Leute einen Scherz erlaubt. Aus einer Bierlaune heraus.“ Er glaubte nicht wirklich daran. Einige der Schuhe waren fast neuwertig und trugen Markennamen wie Nike, Adidas oder Reebok. Wer kam schon auf die Idee, Schuhe im Wert von sechzig oder siebzig Euro pro Paar zu opfern, um anderen ein Rätsel aufzugeben?

„Aber acht deutsche Touristen sind spurlos verschwunden“, widersprach Borg.

Brodersen nickte. Er war vor seiner Pensionierung als Kommissar in Niebüll tätig gewesen und hatte sich nach dem Anruf der Dänen von den früheren Kollegen über den Fall informieren lassen. Vier miteinander befreundete Paare aus Dortmund und Essen, die in der Nähe von Nymindegab zwei Ferienhäuser gemietet hatten, galten als vermisst. Ihre Sachen befanden sich noch in den Ferienhäusern, und ihre Autos standen davor. Nur der totalen Nachrichtensperre der dänischen Polizei war es zu verdanken, dass sich die Medien noch nicht über den Fall hergemacht hatten. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis es zwischen Nymindegab und Hvide Sande von Journalisten und Fernsehteams nur so wimmeln würde.

Hauke Brodersen schaute zu den Dünen empor, dann den weißgelben Strand hinab zur Nordsee. Schaumgekrönte Wellen wurden vom Westwind herangepeitscht, brachen sich an unterseeischen Sandbänken und brandeten gegen das Land. Ihr stetiges Rauschen und das Geschrei von darüber kreisenden beutehungrigen Möwen waren die einzigen Geräusche. Der Strand lag fast ausgestorben da. Nur in der Ferne waren ein paar Wanderer in dicken Jacken unterwegs. Es war ein kalter Apriltag, an dem es nur die Liebhaber einer rauen Natur an die Nordseeküste trieb. Die nur gelegentlich aus den Wolken hervorlugende Sonne stand bereits tief im Westen.

„Wie seid ihr auf mich gekommen?“, fragte er beiläufig, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„Du giltst als...“ – der blonde Däne suchte nach einem Wort – „... Spezialist für ungewöhnliche Lösungen.“

Das war eine freundliche Umschreibung. Brodersen konnte sich an frühere Kollegen und Vorgesetzte erinnern, die ihn schlicht als Spinner bezeichnet hatten. „UFO-Hauke“ oder „Mister Lovecraft“ waren andere Bezeichnungen, die auf sein Interesse an Phänomenen abzielten, die mit dem vorherrschenden Weltbild nicht im Einklang standen. Aber er hatte einige Fälle gelöst, an denen Kommissariate in Kiel und Hamburg gescheitert waren, und sich damit Respekt verschafft. Unvoreingenommenheit und Phantasie hatten ihm dabei geholfen. Er hatte sich den Ruf erworben, manchmal Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben.

Borgs Handy meldete sich mit Abbas „Waterloo“. Brodersen unterdrückte ein Lächeln. Borg war eigentlich viel zu jung für Abba, und obendrein war Abba eine schwedische Gruppe gewesen. Aber vielleicht hatte der Inspektor Fernsehaufzeichnungen von der Gruppe gesehen und war dem erotischen Charme der damals noch jungen Agneta erlegen. Im Übrigen hielten die Skandinavier, ob jung oder alt, immer zusammen. Selbst bei Handy-Melodien.

Brodersen kroch tiefer in seine kittfarbene Windjacke und zog den Reißverschluss noch etwas höher. Ihm war kalt in dem frischen Nordseewind, aber gleichzeitig genoss er ihn. Mehrere Möwen stritten sich um eine Beute, die von den Wellen an den Strand getrieben worden war, und teilten nach allen Seiten Hiebe gegen Fresskonkurrenten aus.

Der Inspektor sprach in das Handy. Brodersen konnte genug Dänisch, um zu verstehen, dass der Inspektor ein Dienstgespräch führte, bei dem es um einen Einbruch in Ringkøbing ging.

„Es tut mir Leid“, sagte Borg, als er das Gespräch beendet hatte, „aber ich muss mich um einen anderen Fall kümmern. Du hast meine Nummer und kannst mich jederzeit anrufen, wenn du zu neuen Erkenntnissen gekommen bist oder Unterstützung benötigst. Wenn du es wünschst, kann ich dir auch einen Kollegen aus Hvide Sande zur Seite stellen.“

Brodersen winkte ab. „Freundlich gemeint, aber im Moment nicht nötig. Ich weiß nicht, was man sich alles über mich erzählt, aber ich bin kein Zauberer, nicht einmal ein Sherlock Holmes. Ein umgestülpter Eimer, siebeneinhalb Paar Schuhe, verschwundene Touristen – das ist für mich genauso merkwürdig wie für jeden anderen auch. Ich möchte mich ein bisschen in der Gegend umschauen. Wurde der Strand abgesucht?“

„Ja, von Soldaten aus der Kaserne von Nyminde gab. Wir haben das Ganze als Übung deklariert, um kein größeres Aufsehen zu erregen. Es wurde nichts gefunden, das mit dem Fall im Zusammenhang stehen könnte.“

„Keine Kleidungsstücke?“, hakte Brodersen nach. „Auch nicht in den Dünen?“ Ihm war in den Sinn gekommen, dass die Besitzer der Schuhe vielleicht andernorts den Rest der Kleidung abgelegt hatten, um im Meer zu baden, und dabei ertrunken waren. Angesichts der Temperaturen fröstelte ihn bei dem Gedanken, aber es gab schließlich Leute, die sogar Spaß daran fanden, in Eislöchern zu baden. Dass allerdings acht Menschen zur gleichen Zeit bei nicht sonderlich stürmischem Wetter ertranken, war wenig wahrscheinlich. Und da keine Leichen angetrieben worden waren, erschien das Ganze noch unwahrscheinlicher.

„Nichts dergleichen. Nicht am Strand, nicht in den Dünen und auch nicht im Hinterland.“

Als Brodersen keine weiteren Fragen stellte, verabschiedete sich der Inspektor und stiefelte die Dünen hinauf. Der kleine, etwas rundlich wirkende Däne hatte damit sichtlich einige Mühe und wurde zur Kuppe hin immer langsamer. Brodersen, vierzig Jahre älter und vorhin auf dem gleichen Weg gehörig ins Schnaufen geraten, stellte es mit einer gewissen Befriedigung fest.

Allein mit sich und seinem Fall, setzte sich Brodersen in den Sand und sah zur See. Die Möwen balgten sich immer noch kreischend um die angespülte Beute. Brodersen fühlte sich leicht und entspannt, wenn auch ein bisschen müde. An alldem mochte die Nordseeluft ihren Anteil haben. Aber er gestand sich ein, dass zumindest die Müdigkeit auch mit seinem Alter zu tun haben konnte. Nur mühsam gelang es ihm, sich zu konzentrieren.

In seiner Zeit als Polizist hatte er Material über alle unaufgeklärten Fälle in Norddeutschland gesammelt, die einen mysteriösen Hintergrund hatten, und er ließ sie Revue passieren.

1967 war eine vierköpfige Familie bei einem Badeurlaub auf Langeoog verschwunden. Zeugen hatte laute Hilfeschreie in der See gehört, aber das war auch schon alles. Die Leichen der Eltern und ihrer beiden Kinder wurden niemals gefunden.

1973 war ein Schwimmer bei dem Versuch, den Ärmelkanal in neuer Rekordzeit zu durchqueren, vom Kurs angekommen, plötzlich abgesackt und ertrunken. Es war der einzige Fall, zu dem es Filmmaterial gab, aufgenommen von einem Fernsehjournalisten an Bord eines Hubschraubers. Leider war die Sicht durch plötzlich aufkommenden Nebel beeinträchtigt gewesen. Man sah nur schemenhaft, dass der Schwimmer plötzlich erstarrte und im nächsten Moment verschwunden war. Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt erlitten. Oder etwas anderes. Die Leiche wurde nicht gefunden.

1987, 1988 und 1994 verschwanden Segelboote bei gutem Wetter mit ihren Besatzungen in der Nordsee, und es wurden nur Bootstrümmer angespült. Die Leichen wurden nicht gefunden.

Der seltsamste Fall ereignete sich 2001 auf einer vor Helgoland liegenden Hochseeyacht. Zwei Männer und eine Frau, die auf dem Schiff zu Gast waren und sich nur flüchtig kannten, hatten sich während des Essens plötzlich erhoben, sich wie in Trance nackt ausgezogen, waren gleichzeitig über Bord gesprungen und ins Meer hinausgeschwommen. Eine Suchaktion blieb erfolglos. Die Leichen wurden nicht gefunden. Man schob die Sache auf Drogenkonsum, obwohl es dafür keine konkreten Hinweise gab.

Brodersen hatte die kompletten Ermittlungsergebnisse zu all diesen Fällen gelesen, nicht nur die auf das vermeintlich Wesentliche konzentrierten Abschlussberichte. Dabei war ihm aufgefallen, dass es fast immer als nicht wichtig eingestufte Zeugenaussagen über Wetterphänomene gab: plötzlich auftretender Nebel, Gewitter, dunkle Wolkenfronten, Sturmböen. Dies alles war völlig unerklärlich inmitten gänzlich anderer Wetterlagen passiert und auf ein kleines Gebiet beschränkt geblieben.

Die angebliche Trance der Opfer vor Helgoland hatte ihn besonders interessiert, und er suchte in den anderen Berichten nach Ähnlichkeiten. Es gab sie: Der Schwimmer im Ärmelkanal hatte plötzlich die Richtung gewechselt und war in eine Nebelfront hinein geschwommen. Laut einer Zeugenaussage war die Familie, die vor Langeoog verschwunden war, auf eine von Gewitterwolken umsäumte Sandbank zu geschwommen – an einer Stelle, wo es keine Sandbank gab. Und mindestens eines der verschwundenen Segelboote hatte scheinbar absichtlich den Kurs gewechselt und war in eine Gewitterfront hineingelaufen.

Was brachte Menschen dazu, sich wider besseren Wissens in solche Gefahren zu begeben? War es Leichtsinn, der Wunsch, sich zu bewähren, Todessehnsucht? Oder etwas anderes?

Brodersen erhob sich, klopfte den Sand aus den Jeans und der Jacke. Er stapfte müßig zum Wasser. Der Wind zauste an seinen langen weißgrauen Haaren. Dunkle Wolken waren aufgezogen. Es sah nach Regen aus. So dunkel, wie die Wolken aussahen, wohl eher nach einem Wolkenbruch. Die Wanderer von vorhin waren nicht mehr zu sehen. Der Strand lag einsam da, so weit Brodersen schauen konnte.

Er näherte sich der Stelle, wo die Möwen auf nassem Sand kriegerisch kreischend miteinander zankten oder sich wieder ein Stück in die Luft erhoben, wenn eine besonders lange Woge heranrollte. Als Brodersen ihnen zu nahe kam, ließen sie von der Beute ab und stiegen hoch hinauf in den Himmel. Sie flogen ein Stück hinaus in die See und versammelten sich über einer Stelle, wo bereits andere Möwen kreisten. Brodersen wunderte sich, dass es so viele waren. Es mussten Hunderte sein. Was ihre Aufmerksamkeit erregte, war nicht zu erkennen. Ein größerer Kadaver? Ein verendeter Wal, der auf einer Sandbank lag?

Er wandte sich wieder dem Strand zu und ging zu der Stelle, die von den Möwen verlassen worden war. Ein Gegenstand lag vor ihm, auf nassem Sand, gelegentlich von Wellen umspült und ein Stück weiter den Strand hinaufgeschoben. Es war ein weißer Sportschuh, rot abgesetzt und mit roten Schnürsenkel.

Der fehlende Schuh aus dem Ensemble an den Dünen.

Der ehemalige Polizist bückte sich und nahm den Schuh auf. Er war ungewöhnlich schwer. Als er genau hinschaute, erkannte er den Grund. In dem Schuh steckte ein Fuß, sauber abgetrennt wie von einer Motorsäge und blutig.

Als Polizist hatte Brodersen schlimmere Sachen zu sehen bekommen, aber der blutige Stumpf bereitete ihm eine Gänsehaut. Er warf den Schuh von sich, hinauf auf den trockenen Sand.

Es sah auf. Die schwarzen Wolken standen jetzt genau über ihm und über dem Ort in der See, wo die Möwen kreisten. An den Dünen und am Horizont, am südlichen Strand und am nördlichen Strand war es sehr viel heller. Donner rollte, und ein Blitz zuckte aus den Wolken. Der Himmel öffnete die Schleusen. Im Nu war Brodersen bis auf die Haut durchnässt, und das Haar hing ihm in nassen Strähnen herab.

Er spürte einen lastenden Druck in seinem Kopf, von einem Moment auf den anderen. Er sah zu der Stelle im Meer, von der sich die Möwen inzwischen zurückgezogen hatten. Dort war etwas Buckliges, Unförmiges - und es war ganz bestimmt kein Wal.

Der Druck im Kopf wich einer Leichtigkeit und frohen Erwartung.

Brodersen zog die Schuhe aus. Er beeilte sich nicht damit. Er stellte sie am Strand ab, weit genug oben, damit die Wellen sie nicht erreichten, ordentlich, wie es sich gehörte. Dann ging er auf Socken zum Meer und warf sich in die Brandung.

ENDE

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Kälte jenseits der Träume" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen