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Die Jünger Jesu

I

Würzburg am Main, die Stadt des Weines und der Fische, der Kirchen, gotisch und barock, wo jedes zweite Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal war, wurde nach dreizehnhundertjährigem Bestehen in fünfundzwanzig Minuten durch Brandbomben zerstört. Den folgenden Morgen floß der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit.

Johanna ging den Fluß entlang. Hinter ihr waren nur noch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, vor ihr stand das junge Grün der Weidenbüsche in der Sonne, schimmernd und im Safte strotzend, als wäre nichts geschehen. Die Landschaft war nicht zerstört. Über dem ganzen Tal schien ein Seidenteppich zu liegen – grün in grün geknüpfte Rebhügel, Wald und Obstbaumfelder und das bogenreiche blaue Band, an dessen Ufer Würzburg gewesen war, das jetzt eine zerhackte Ruine ist, ein Denkmal der Naziherrschaft.

Johannas Mutter war schon lange tot. Ihr Vater, der Zeichenlehrer am städtischen Gymnasium und ein Nazi gewesen war, hatte sich aus Angst vor der unaufhaltsam vorrückenden amerikanischen Armee am Fensterkreuz des Zeichensaales rechtzeitig aufgehängt und einen Brief hinterlassen, in dem er seine unpatriotische Tochter zum letztenmal verfluchte. Johanna war einundzwanzig und allein.

Sie hatte braunes Haar, hellbraune Augen, von leuchtenden Sternchen besetzt um die Pupillen herum, und ein schmales weißes Gesicht, das auch in der brennenden Julisonne weiß blieb. Der Mund war wie von Albrecht Dürer genau und einfach gezeichnet. Sie sah aus, als wäre sie von der Natur dazu bestimmt, den nach Jahrmillionen und zahllosen Experimenten schließlich erreichten Grad körperlicher Anmut weiterzugeben an kommende Generationen.

Das letzte Jahr, seit dem Ende des Krieges, war sie wie alle armen Leute von früh bis abends damit beschäftigt gewesen, das nötige Stück Brot zu bekommen. Geld hatte sie nicht, und Arbeit für eine Sekretärin gab es nicht – es gab keine Schreibmaschinen mehr in einer Stadt, die es nicht mehr gab, und die amerikanische Militärbehörde hatte es abgelehnt, eine Sekretärin zu beschäftigen, deren Vater ein Nazi gewesen war.

Sie hätte den Verfluchungsbrief des Vaters vorlegen können. Alles würde dann vielleicht ein bißchen leichter gewesen sein. Sie hatte es unterlassen, aus Takt und Eigensinn des Herzens. So war sie.

Johanna hatte einen zerfallenen, seit Jahren unbenutzten Ziegenstall, drei Meter im Quadrat, der zwischen Weidenbüschen am Flußufer stand, gründlich gereinigt und mit den Resten ihrer Habe notdürftig eingerichtet. Sie setzte sich ein paar Meter vom Stall entfernt ans Flußufer und blickte über das Wasser hinweg in die Ferne, empor zum Tannenwald, über dem, im tiefen Blau, eine rosa Wolke schwamm. Die sinkende Sonne war schon rot.

Schon erklangen die Stimmen der Tiere vereinzelt in der Abendstille. Das Wasser roch stärker. Bewegungslos schwebte ein felsgrauer Fischreiher hoch über dem Fluß, jede Sekunde bereit, herabzustoßen. Es war sechs Uhr, die Stunde, da der Fisch an die Oberfläche steigt.

Johanna, die keine Gegenwart und keine Zukunft hatte, war in der Vergangenheit versunken. Bilder aus der Kindheit, innig verwoben mit den Gassen der Heimatstadt, kleine Freuden im milden Sommerabend, die kleinen Kümmernisse, die ihr groß erschienen waren, kehrten wieder, klar, wie soeben erst erlebt. Im Mundbezirk entstand der Anflug eines Lächelns. Der Mund, der das Lachen verlernt hatte, blieb genau geschlossen.

Sie stellte den Kopf schief und lauschte. Sie vernahm das Sechsuhrläuten der dreißig Kirchenglocken von Würzburg, das sie von Kindheit an gehört hatte, und es war ihr ein paar Sekunden nicht bewußt, daß sie Glocken läuten hörte von Kirchen, die nicht mehr standen.

Sie atmete tief aus und stieg, während sie aufstand, aus der Kindheit wieder herauf in die Stunde der Gegenwart. Sie blickte zurück, dorthin, wo Würzburg gewesen war. Sie sah das graue Trümmerfeld. Ihr Kopf sank langsam, und sie dachte: ‚Wie soll man sich denn loslösen können von der Stadt, in der man aufgewachsen ist. Sie ist ja in uns. Wir sind ja ein Teil von ihr.‘ Sie schob die Lippen vor gegen das Leben. ‚Jetzt sind nur noch wir Würzburg. Nur noch wir.‘

Sie ließ sich wieder nieder ins Gras und saß reglos, den Kopf in beiden Handschalen, die Ellbogen auf den Knien. Sie sah nichts und dachte an nichts. So sitzt irgendwo auf der Welt der Heimatlose, für den es aus tausend und einem Grund keinen Halt und keinen Weg mehr gibt.

Die Witwe Hohner wohnte im Keller des zerstörten Hauses, in dem sie fünfzig Jahre ein dunkles Parterrezimmer bewohnt hatte. Mit der gebogenen Nase und dem nach vorne geschweiften spitzen Kinn, an dem zwei Warzen waren, sah die zahnlose Alte aus wie die Hexe im Märchenbuch. Sie war eine der Ärmsten dieses Armenviertels, das jetzt in Trümmern lag. Sie hatte fast nur von Brot und Kaffee gelebt. Die Kaffeekanne hatte den ganzen Tag auf der warmen Herdplatte gestanden. Kaffee war der Trost ihres Lebens gewesen. Aber Kaffee gab es schon lange nicht mehr.

Eines Morgens – sie hatte das Kopftuch umgebunden und wollte schon durch die Tür, um in die Kirche zu gehen – bemerkte sie in der Dämmerung, daß neben der Tür auf dem gestampften Kellerboden eine Tüte lag. Sie spürte sofort, was in der Tüte war. Frau Hohner glaubte an Gottes Allmacht. Aber sie wagte nicht zu glauben, was sie spürte, bis sie die dunkelbraunen, fettglänzenden Bohnen sah und mit den gichtigen Fingern hineingegriffen hatte.

Obenauf lag ein Zettel, auf dem etwas geschrieben war, in Kinderschrift.

Sie setzte die stahlgefaßte rostige Brille auf und las laut: „Die Jünger Jesu.“

Sie bemerkte nicht, daß der Uhrmacher Krummbach eintrat, der im hintern Teil des Kellers wohnte. Seine Füße steckten in Sackleinwand, an die er Sohlen aus Pappdeckel genäht hatte. Er trug ein Paar gebrauchte Schuhe in der Hand und in der anderen einen Zettel. Der Uhrmacher, ein großer, aufgeschwemmter Mann, war siebenundsiebzig und schon fast blind. Er bat Frau Hohner, sie solle ihm vorlesen, was auf dem Zettel stehe. „Die Schuh mit dem Zettel“, sagte er verwundert, „standen heut früh vor meinem Bett.“

Sie las: „Die Jünger Jesu.“ Sie konnte vor Erregung nicht aufstehen. Kniend erzählte sie, was ihr geschehen war. Der Uhrmacher half ihr auf die Beine. Sie fragten einander, wer auf der Welt die Schuh und den Kaffee gebracht haben könnte. Niemand in Würzburg besitze diese kostbaren Sachen. Der Herr Magistratssekretär Hörnle gehe jeden Tag in seinen alten Pantoffeln ins Büro, und Kaffee habe nicht einmal der Bürgermeister. Nach langem Hin und Her, das zu keiner Aufklärung führte, flüsterte Frau Hohner: „Vielleicht haben wirklich die Jünger Jesu den Kaffee und die Schuh geschickt, weil wir so in Not dafür sind.“

Der Uhrmacher schüttelte ungläubig den Kopf. „In früheren Zeiten hat’s Wunder gegeben, das wissen wir. Aber heutzutag gibt’s keine Wunder mehr.“ Er zog die Schuhe gleich an. Während er sich besser hineintrat, sagte er: „Die Schuh halten, solang ich lebe, und passen tun sie mir wie angemessen.“

Auf dem Weg zur Messe in der Klosterkirche, erzählte er, den Abend vorher, habe ein Junge ihn auf der Straße nach seiner Schuhgröße gefragt. „42, sagte ich. Der Lausbub verschwand so plötzlich, wie er erschienen war.“

„Es kann ein Sendbote der Jünger Jesu gewesen sein“, sagte Frau Hohner und schlug erschauernd das Kreuz. Da schlug schließlich auch der Uhrmacher das Kreuz. Und da sie soeben vor der Kirche angelangt waren, verstand es sich für die anderen Gläubigen von selbst, daß die Bekreuzigung dem Jesusbildwerke gegolten hatte, das über dem Portale hing.

Der Glöckner der Klosterkirche konnte die Messe nicht mehr einläuten wie in vergangenen Zeiten. Eine Bombe hatte den Turm weggerissen. Seitdem war die Kirche stumm. Sie gingen hinein.

Als sie eine Stunde später vor dem dampfenden Kaffee saßen, tief unter dem vergitterten Kellerfenster, und den ersten Schluck versucht hatten, sagte der Uhrmacher: „Ich hab ein Paar Schuh an, und hier sitzen wir und trinken Kaffee. Aber zu verstehen ist es nicht.“

Frau Hohner sagte nichts. Sie schlug das Kreuz und dachte, während sie es tat: ‚Ein kleines bißchen zu dunkel gebrannt sind die Bohnen. Man schmeckt’s.‘

Gegen sechs Uhr abends schlüpfte der zwölfjährige Sohn des Kirchendieners, der den Uhrmacher Krummbach nach dessen Schuhgröße gefragt hatte, vorsichtig in den kleinen Friedhof hinter der Klosterkirche. Der Mönchsfriedhof, von der Außenwelt abgeschlossen durch eine hohe Mauer, die vollständig von Efeu bedeckt war, wurde seit hundert Jahren nicht mehr benutzt. Nur noch ein paar uralte Sandsteinplatten, brüchig und moosbewachsen, lehnten schief an der Efeuwand. Wetter und Zeit hatten die Inschriften verwischt. Meterlange dicke Grasbärte, von der Sonne gebleicht, polsterten die vergessenen Gräber. Hierher kam in Jahren kein Mensch.

Der Sohn des Kirchendieners schloß eine niedrige Tür auf, mit einem zwei Pfund schweren Schlüssel, den er wie ein Schwert seitwärts an seinem Gürtel trug. Ein paar Fledermäuse huschten an ihm vorbei ins Freie, während er die dreißig ausgetretenen Steinstufen hinabstieg in den Keller der Klosterkirche.

Die dicke Finsternis roch nach Mauer, Staub und Moder. Er zündete zwei Kerzen an, die er in der Wachskammer seines Vaters heimlich mitgenommen hatte. Mit dem Erstarken der Flamme wurden zwei Regale sichtbar, verhangen mit Bettüchern, und allerlei Gerümpel, darunter zerbrochene Betstühle, ein zentnerschwerer Tisch, der nur noch drei Beine hatte und vom Holzwurm zerfressen war, und Glieder und Köpfe von uralten Heiligenbildwerken. In der Ecke lehnte ein riesiger Christus aus Lindenholz. Die weiße Farbe war teilweise abgeblättert. Ein Arm, ein Bein und der Kopf fehlten und auch das Kreuz. Die Gebärde des Körpers – eine geschwungene Schmerzenslinie – offenbarte, wie er einstens am Kreuze gehangen hatte.

Ein Junge erschien in der Türöffnung. Er breitete schweigend beide Arme aus, schief nach oben wie der Gekreuzigte, und setzte sich vorsichtig in einen der wackeligen Betstühle. Kurz danach kamen zwei. Sie legten eine Wolldecke und eine alte Hose auf den dreibeinigen Tisch, breiteten schweigend die Arme aus und setzten sich. Punkt sechs Uhr saßen elf in Lumpen gekleidete Knaben in den Betstühlen im Halbkreis um den verstümmelten Christus herum, auf den das Licht der Kerzenflammen fiel. Die Jünger Jesu waren versammelt.

Der älteste, der Sohn eines Gastwirtes, war vierzehn, der jüngste zwölf. Es waren nur elf Jünger. Der Sohn des Untersuchungsrichters hatte sich geweigert, Judas Ischariot zu sein. Und da weder Petrus noch Johannes noch Bartholomäus und die anderen Jünger ihren Ehrennamen abgegeben hatten für den des biblischen Verräters, war der Sohn des Untersuchungsrichters während der Gründungsversammlung verbittert ausgeschieden. Er wolle nicht der Verräter sein. Er sei kein Verräter.

Von außen drang kein Laut in den tiefen Keller. Die schwach beleuchteten Knabengesichter hingen wie kleine verschleierte Monde in der Dunkelheit. Während der Minute, da die vorgeschriebene vollständige Stille herrschte, hatten die Jünger Jesu den Ausdruck spielender Kinder, die ihr Spiel ernst nehmen. Schließlich ertönte die feierliche Stimme Petrus’, des Vierzehnjährigen.

„Wir, die Jünger Jesu, Vollstrecker der Gerechtigkeit, nehmen von den Reichen, die alles haben, und geben es den Armen, die nichts haben.“

Petrus hatte einen wuchtig ausladenden Schädel, ein sehr schmales, langes Gesicht und feurig blaue, kleine Augen. Er lehnte sich zurück und sagte geschäftsmäßig: „Die Sitzung ist eröffnet. Ich bitte um den Bericht über die heutigen Neuerwerbungen und Auslieferungen.“

Der Jünger Johannes, ein weiches Bürschchen mit weißer Haut und dunkelbraunen Locken, streckte den Arm senkrecht empor und rief: „Eine schwarz und gelb getigerte Wolldecke vom Metzgermeister Stumpf! Ich hab’s euch ja gestern gesagt, daß er zwei hat, sich aber nur mit einer zudeckt. Auf der untern liegt er. So was! Hat er das nötig? Also, ich hab ungefähr eine Stunde auf der Lauer gelegen, nämlich so lang, bis er endlich aufstand von seinem Sofa und auf den Abort ging. Als er wieder zurückkam, war ich natürlich schon bei der Haustür mit der Decke. Sie war noch warm. Gesehen hat er mich nicht. Unsere Quittung hab ich auf sein Sofakissen gelegt, ordnungsgemäß. Aber ich kann euch versichern“, schloß er mit sanfter Kinderstimme, „daß es gar nicht so leicht war, die Decke unter dem Hintern dieser protzigen Sau wegzuziehen.“

Unter Gekicher und Beifallsgemurmel lehnte er sich zurück. Der Jünger Johannes stahl besonders geschickt und wurde dafür von allen bewundert. Der Ehrgeiz, nicht hinter ihm zurückzustehen, hatte die anderen schon mehrmals in die Gefahr gebracht, ertappt zu werden.

„Die blaue Mechanikerhose, die dort auf dem Tisch liegt, hab ich aus dem Gartenhäuschen des Optikers Scheibenkäs mitgenommen“, sagte der Jünger Andreas, den sie „Schlangenmensch“ nannten, weil er so dünn und schmiegsam war, daß er sich durch das kleinste Fensterloch durchwinden konnte. „Seit wann braucht ein Optiker eine Mechanikerhose? Und jetzt sag ich, die muß unbedingt der Fischer Kreuzhügel bekommen.“

Mehrere widersprachen. Jeder nannte jemand, der dringend eine Hose brauche. Der Jünger Jakobus rief: „Wir haben auf unserer Liste mehr als vierzig, ich glaub zweiundvierzig, die unbedingt eine haben müssen. Warum soll da ausgerechnet der Fischer Kreuzhügel die Hose bekommen?“

„Well“, sagte der Schlangenmensch, „weil ihm schon der Arsch raushängt. Meiner hängt übrigens auch schon raus. But I don’t care.“ Der Schlangenmensch hatte sich mit amerikanischen Soldaten angefreundet und benutzte sein Englisch, wann immer es möglich war.

Petrus schlichtete den Streit mit der Bemerkung, daß er später darüber abstimmen lasse, auf demokratische Art und Weise, wer die Hose bekommen solle. „Hat der ehrenwerte Jünger Andreas ordnungsgemäß unsere Quittung hinterlassen?“

„Donnerwetter, das hab ich vergessen.“

Petrus beugte sich vor und sagte mahnend zu allen: „Ich möchte noch einmal in allem Ernst auf diesen wichtigen Punkt hinweisen. Wir müssen die unfreiwilligen Spender in jedem einzelnen Fall davon in Kenntnis setzen, unmißverständlich, daß nicht Diebe am Werk waren, sondern die Vollstrecker der Gerechtigkeit. Der Optiker Scheibenkäs muß noch heut abend unsere Quittung bekommen, damit niemand verdächtigt werden kann, die Hose gestohlen zu haben.“

„Very well, Mister Scheibenkäs wird heut abend unsere Quittung plötzlich in die Hand kriegen, and I’ll manage, daß er mich dabei nicht erblickt.“

Der Vorschlag des Jüngers Philippus, daß die schwarz und gelb getigerte Wolldecke einem Mädchen namens Johanna gegeben werden solle, da sie in einem Ziegenstall schlafe und nichts zum Zudecken habe, wurde ohne Abstimmung widerspruchslos angenommen. Philippus’ Eltern, Samuel und Esther Freudenheim, waren von den Nazis erschlagen worden. Seine siebzehnjährige Schwester Ruth hatten sie nach Warschau verschickt in ein Bordell für deutsche Soldaten. Johanna, der die Wolldecke gegeben werden sollte, hatte in demselben Haus gewohnt wie die Freudenheims und war von Kindheit an mit Ruth befreundet gewesen.

Philippus, ein auffallend schöner Knabe, schien aus dem Bild der alten Bibel, wo der Knabe David mit einem Stein aus seiner Schleuder den Riesen Goliath tötet, herausgestiegen zu sein ins zwanzigste Jahrhundert. Die letzten Jahre, seit der Ermordung seiner Eltern, hatte er sich in einem Bauernhof versteckt gehalten, Er war erst nach der Besetzung Würzburgs wieder in der Stadt aufgetaucht. Seine Aufnahme in die Geheime Gesellschaft der Jünger Jesu war einstimmig beschlossen worden, nach einer Ansprache von Petrus, der zum Schluß pathetisch gerufen hatte: „Würde nicht sogar der Papst in Rom, wenn er wüßte, was unserem ehrenwerten Freund widerfahren ist, eine weiße Kugel abgeben?“

„So what“, hatte der Schlangenmensch gesagt. Er hielt nicht viel vom Papst. Sein Vater, der Mitglied der Internationalen Brigaden gewesen und im Kampf um das Madrider Universitätsgebäude gefallen war, hatte kurz vor seinem Tod an die Mutter geschrieben, der Papst unterstütze Franco.

Oben in der Kirche begann der Gottesdienst. Hier unten in der Tiefe war das Orgelspiel nicht vernehmbar. Aber die drei Meter dicken Grundmauern vibrierten, als setzten die brausenden Orgeltöne, die nicht durchdringen konnten, sich in Bewegung um. Die Jünger Jesu spürten die Töne, die sie nicht hörten, als dünnes Rieseln im Rücken.

Der Sohn des Kirchendieners, Jünger Bartholomäus, berichtete, daß er den Kaffee und die Schuhe für die Witwe Hohner und den Uhrmacher Krummbach diesen Morgen heimlich in den Keller geschmuggelt habe, ordnungsgemäß mit je einem Lieferschein. Der Schlüssel lag quer über seinen dünnen Schenkeln. Er legte die schmutzige Hand ans Herz und sagte sehnsüchtig: „Wenn ich mir vorstell, wie unheimlich die sich gefreut haben! Ich wär verdammt gern dabeigewesen.“

Einige Sekunden schwiegen alle. Jeder war, wenn er heimlich Gaben abgeliefert hatte, der liebenswerten menschlichen Schwäche unterlegen, zu wünschen, daß ihm die ungeschmälerte Freude des Gebenden zuteil werde. Der weiche Jünger Johannes seufzte und sagte, als spräche er für alle: „Das glauben wir dir gern. Aber es geht ja nicht. In diesem Punkt müssen wir fest bleiben, einfach charakterfest. Sonst fliegt unsere ganze Geheime Gesellschaft glatt in die Luft. Das ist klar.“

Schließlich drückte sich der Lagerverwalter, Jünger Matthäus, im Betstuhl hoch. Er hatte ein scharf modelliertes Gesicht mit vorspringender Stirn, vorspringender Nase und dünnen Lippen. Sein Kopf glich dem eines Knaben in einem berühmten Gruppenbildwerk des Holzschnitzers Tilman Riemenschneider, das durch eine Bombe zerstört worden war.

Er zog die Bettücher zurück, die wie Vorhänge mit Ringen und Zugschnüren versehen waren. In einem Regal lagen gebrauchte Hemden, Socken und Kleidungsstücke jeglicher Art, darunter auch ein uralter zerschlissener Frack, der in vergangenen Zeiten nur noch für eine Vogelscheuche hätte benutzt werden können. Im anderen Regal waren Mehl, Grieß, Reis und Zucker in Tüten. In jeder Tüte steckte schon ein Lieferschein der Jünger Jesu. Auf dem obersten Brett lagen drei harte Salamiwürste, ein ganzer geräucherter Schinken, zwei Pfund Kaffee, ein Bocksbeutel „Escherndorfer Lump“ und ein Paket amerikanischer Zigaretten.

Die Kostbarkeiten auf dem obersten Brett stammten aus dem Lagerkeller eines Schwarzmarkthändlers, den Petrus in die Küche eingesperrt hatte. Während die anderen im Keller bei der Arbeit gewesen waren, hatte er an die Küchentür ein großes Plakat geklebt. „Die Vollstrecker der Gerechtigkeit.“

Das Lebensmittelregal, eine Augenweide für jede Hausfrau, war mit Himbeeräpfeln geschmückt, die auf allen Brettern des Regals symmetrisch zwischen den Tüten lagen. Auf dem mittleren Brett, genau in der Mitte, hatte zwischen zwei Tüten eine Orange gelegen. Sie war verschwunden.

Der Lagerverwalter nahm seine vier Listen aus dem Regal. Auf einer standen die Namen der unfreiwilligen Spender und auf einer die Namen derjenigen, die als zukünftige Spender vorgesehen waren. Die Liste mit den Namen der schon Beschenkten legte er wieder zurück ins Regal. Obwohl die Jünger Jesu nur den Ärmsten der Armen zu helfen suchten, war die Liste der Bedürftigen, die noch nichts bekommen hatten, zwanzigmal so lang wie die anderen drei Listen zusammen.

„Der amerikanische Lagerverwalter hat sicher auch seine Sorgen. Aber ich tausch gern mit ihm“, sagte der Lagerverwalter mürrisch. „Was wir vor allem brauchen, sind Schuh. In meinem Lager ist kein einziges Paar mehr, und jeder zweite auf unserer Liste kann nicht aus dem Haus, wenn’s regnet, weil er keine Schuh hat.“

Auch die in Lumpen gekleideten Jünger Jesu, die im schwachen Kerzenscheine reglos um den verstümmelten Christus herumsaßen, hatten keine Schuhe. Alle waren barfuß. Die Füße waren dunkelbraun wie Erde.

Der Lagerverwalter suchte in der Liste der zukünftigen Spender und nannte schließlich zwei, die mehr Schuhe hatten, als sie seiner Ansicht nach brauchten. „Es ist nur gerecht, den Leuten ein Paar wegzunehmen. Die Schuh müssen geholt werden. Das ist nicht leicht. Schuh sind heutzutag kostbarer als, Diamanten und Perlen. Die werden gut versteckt und wahrscheinlich sogar in den Schrank eingesperrt. Deshalb frag ich: Wer meldet sich freiwillig?“

Da alle die Hand hochstreckten, beauftragte er zwei, die sich für diese gefährlichen Besuche besonders eigneten – den geschickten weichen Johannes, der sich so unauffällig zu verhalten verstand, daß seine Anwesenheit meistens nicht bemerkt wurde, und den Schlangenmenschen.

„Okay“, sagte der Schlangenmensch. „Aber die Mechanikerhose muß der Fischer Kreuzhügel bekommen, weil er nämlich auch nachts fischt und dabei manchmal tropfnaß wird. Das ist dann elend kalt, wenn einer hinten nichts hat. Außerdem fährt er Leute über, und da geniert er sich natürlich, weil ihm der Arsch raushängt.“

Als der Jünger Jakobus rief, das sei noch lange kein Grund, lächelte der Schlangenmensch. „Well, wenn aber Mädchen in seinem Schiff sind?“

„Oh, wenn die was dagegen haben, brauchen sie ja nicht mit ihm zu fahren.“

„Well, sie fahren aber mit ihm. Und um die Mädchen handelt sich’s auch gar nicht. Nur um ihn. Ihm hängt er ja raus.“

Petrus sagte ruhig: „Der ehrenwerte Jünger Jakobus kann später seinen Antrag stellen, wer die Hose bekommen soll, und seine Gründe dafür angeben. Auch der ehrenwerte Jünger Andreas kann vor der Abstimmung seinen Antrag noch einmal begründen.“

Der Schlangenmensch zog beide Knie hoch, legte die Wange darauf und sagte resigniert: „Allright, allright.“

Der Lagerverwalter setzte sich wieder in seinen Betstuhl, um Petrus’ Ansprache, wie es vorgeschrieben war, sitzend anzuhören. Petrus stellte sich in die Ecke neben den schmerzverzerrten Rumpf Christi, mit dem Blick in den Halbkreis der Jünger und zu den Regalen, die hinter den Betstühlen an der Rückmauer standen. Er wollte seine Rede schon beginnen und die Jünger zuerst wieder ermahnen, daß sie bei den Besuchen der unfreiwilligen Spender vorsichtig sein sollten, damit das Geheimnis der Jünger Jesu gewahrt bleibe, da bemerkte er, daß die Orange nicht mehr da war. Er blickte verwirrt die Lücke an, die zwischen den zwei Tüten gähnte, und senkte den Kopf, als der Verdacht in ihm entstand.

Petrus hatte sich schon oft gefragt, ob die Jünger von den Sachen, die sie bei den Reichen holten für die Armen, auch sich selbst etwas geben dürften. Arm und ausgehungert waren auch sie. Keiner hatte sich in den letzten Jahren einmal wirklich satt gegessen, und zerlumpter als sie war in Würzburg niemand. Das war richtig. Aber wenn die Jünger Jesu, die sich verschworen hatten, auszuziehen und als Vollstrecker der Gerechtigkeit im Sinne Jesu uneigennützig den Armen zu helfen, etwas für sich nahmen, wurde das Holen von den Reichen zum Diebstahl. Das war ebenfalls richtig. Es war für Petrus eine moralische Frage, auf die er die Antwort bisher nicht gefunden hatte. Die Antwort mußte irgendwo in der Mitte liegen.

Petrus nahm das Ereignis zum Anlaß, zusammen mit den Jüngern die Antwort zu suchen. Als er zu sprechen begann, hatte er das Gefühl eines Richters, der angesichts eines zweifelhaften Falles nicht weiß, ob er den Täter verurteilen oder freisprechen soll. Er fragte: „Hat einer der ehrenwerten Jünger die Orange genommen?“

Alle wandten sich um zum Lebensmittelregal. Nur Bartholomäus, der Sohn des Kirchendieners, der soeben den Sand zwischen seinen Zehen entfernte, mit einem unsäglichen Taschentuch, interessierte sich nicht. Er putzte hingegeben weiter, die Zungenspitze zwischen den Zähnen.

Das erschien verdächtig. ‚Und er hat den Schlüssel. Nur er kann jederzeit in den Keller‘, dachte Petrus, und richtete die Frage nach der Orange direkt an ihn. Bartholomäus schleuderte sein Taschentuch aus, seufzte befriedigt und fragte zurück: „Was hast du gesagt?“

„Wenn der ehrenwerte Jünger Bartholomäus die Orange genommen hat, muß er es sagen, damit kein anderer in Verdacht gerät.“

Erst jetzt wandte Bartholomäus sich um zum Regal und sagte erstaunt: „Als ich heut abend in den Keller kam, war sie noch da.“ Plötzlich, da alle ihn ansahen, standen Tränen in seinen Augen.

Da griff der Jünger Jakobus, der den Schlangenmenschen in der Hosenfrage bekämpft hatte, in die Tasche und zog die Orange heraus. Er sagte tonlos: „Ich hab sie meiner Schwester versprochen, und da hab ich sie halt genommen, weil sie noch nie eine gesehen hat.“

Jakobus war durch Unterernährung körperlich zurückgeblieben. Das größte in seinem winzigen Wachsgesicht waren die Augen. Er drückte die Orange nervös mit beiden Händen, als knete er einen Kartoffelkloß, und sagte: „Ich hab meiner Schwester so viel erzählt von der Orange, wie sie aussieht, so gelb wie der Mond und innen kolossal süß. Und da hat sie mich so gebettelt. Aber ich kann sie ja wieder zurücklegen.“

Petrus wußte nicht, warum er fragte: „Wie alt ist deine Schwester, Jünger Jakobus?“

„Fünf.“

In der Stille ertönte schließlich die Stimme des Schlangenmenschen, der offensichtlich allen aus dem Herzen sprach, da alle zustimmend nickten. „As far as I am concerned, kann er die Orange mit heim nehmen für seine kleine Rotznase. I don’t care. Ich hab mir übrigens schon oft gedacht – was heißt denn das eigentlich, daß hier die wunderbarsten Würste liegen und ein ganzer Schinken, und uns fallen die Augen raus vor Hunger. Das ist ganz einfach nicht richtig. To hell with it, hab ich mir gedacht. To hell with it!“

Als Petrus mit seiner Moralfrage herauskam, sagte der Schlangenmensch: „Ich versteh schon, was du meinst. Es wär natürlich besser, wenn wir’s nicht nötig hätten. Die Sache ist kitzlig. Aber schließlich sind wir ja keine Hungerkünstler, die sich für Geld sehen lassen in einem Käfig. Und ich denk, wenn wir auch für uns ein bißchen was nehmen, vielleicht eine Salamiwurst, damit uns der Magen nicht immer so saumäßig knurrt, dann können wir ja mehr beischaffen für die andern. Es sind einfach Geschäftsspesen, die wir für uns nehmen, und die rentieren sich, hab ich mir gedacht.“

Auch Petrus, der zu schnell wuchs, war beständig hungrig. Er schien schon halb überzeugt zu sein. „Aber wo ist die Grenze dafür, was wir uns geben dürfen?“ fragte er nachdenklich und mehr sich selbst.

Der Schlangenmensch stellte grübelnd den Kopf schief. „Wir könnten ja ein bißchen weniger für uns nehmen, als wir möchten, damit … damit …“ Er wußte nicht, wie er seinen Gedanken ausdrücken sollte.

Petrus hatte schon genickt. „Das ist das Richtige“, sagte er und seufzte befriedigt, als wäre soeben ein scheinbar unlösbares Rätsel gelöst worden.

Der Schlangenmensch rutschte im Betstuhl vor bis zur Kante. „Ich muß euch überhaupt einmal auf etwas aufmerksam machen. Wir haben keine Schuh. Allright, jetzt geht’s noch, und es ist ganz wurscht. Aber im Winter, wenn’s saukalt ist? Im Schnee können wir nicht barfuß in der ganzen Stadt rumrennen und Sachen beischaffen. Da frieren uns ja die Zehen weg. Also da bleibt uns ja gar nichts anders übrig, als zuerst für uns selber Schuh zu holen, wenn wir Schuh für andere holen wollen. Das ist doch arschklar. Und so ist es auch mit dem Schinken.“

Petrus schüttelte den Kopf.

„Allright, keinen Schinken!“

Der Jünger Jakobus hatte fiebrige Augen bekommen. Die Schamröte ging und kam. Die Orange hielt er noch mit beiden Händen.

Unter tiefster Stille und hungrigen Blicken schritt Petrus zum Regal und halbierte mit seinem Taschenmesser fünf Äpfel. Er gab jedem Jünger einen halben. Sie bissen sofort hinein. Dem Jünger Jakobus gab er einen ganzen. Und er wußte nicht, warum.

II

Den folgenden Tag fand der Fischer Nikodemus Kreuzhügel in seinem Boot eine blaue Mechanikerhose. Er hielt sie mit beiden Händen der Länge nach vor sich hin und griff dann unwillkürlich nach hinten, wo schon lange kein Hosenboden mehr war.

Gelassen setzte er sich aufs Querbrett und zog seine brüchige Hose aus. Dabei sah er den Lieferschein, der zwischen die Bootsrippen gefallen war. „Die Jünger Jesu …? Wer auf dieser weiten Gotteswelt soll das verstehen? Die Jünger Jesu sind seit zweitausend Jahren tot. Wenn mich jemand verulken will – mir soll’s recht sein.“ Er schlüpfte hinein und stand auf. Sie war ihm zu kurz. Er war hager wie eine Latte und einen Meter neunzig groß.

Nikodemus, der sein Leben auf dem Fluß verbracht hatte, und immer allein, war ein Schweiger. Er sprach nur mit sich selbst. Zu seinen Freunden am großen runden Stammtisch in der Weinstube „Zum gemütlichen Loch“ sagte er stundenlang nicht ein Wort. Erst wenn er wieder auf dem Wasser war, beantwortete er freimütig die Fragen, die sie den Abend vorher an ihn gerichtet hatten.

Ganz im Einvernehmen mit dem Fluß und seinem Boot griff er nach dem Fahrbaum – einer sechs Meter langen handglatten Stange, an der unten eine gezackte Eisenspitze war und oben ein Querholz. Er stemmte die Brust dagegen und stieß das Boot vom Ufer ab. Es glitt hinaus.

‚Nikodemus, wieviel kriegst du jetzt eigentlich für einen zweipfündigen Karpfen? Einen Haufen Geld, was?‘

Er ließ den Fahrbaum wieder ins Wasser gleiten und sagte laut: „Frag nicht so dumm. Ich krieg jetzt viel mehr als früher, und für den Haufen Geld krieg ich jetzt einen Dreck.“

Draußen legte er den Fahrbaum ins Boot. Das Netz, ein Riesenknäuel scheinbar nicht mehr zu entwirrender Stricke, war kreisrund und hatte außen einen doppelten Kranz aus Bleikugeln. Er stand in dem geschnäbelten Ende des Bootes, das schmal wie eine Schwalbe war, als er das Netz warf mit rhythmisch sicherem Schwung, von ganz links, um sich herum, nach ganz rechts. Eine Sekunde schwebte es über dem Fluß wie ein Fallschirm. Erst im Wasser zog der schwere Kranz der Bleikugeln, der schneller sank, das Netz zusammen und schloß es unten undurchdringlich um die Fische.

Johanna war stehengeblieben, von ihren Gedanken unversehens abgelenkt durch die Spannung, die jeden, der zufällig sieht, wie ein Fischer das Netz auswirft, unwiderstehlich ergreift, selbst wenn er von Sorgen bedrückt ist. Der Knabe David, der Johanna gefolgt war, blieb ebenfalls stehen, in großer Entfernung. Die zusammengerollte schwarz und gelb getigerte Wolldecke trug er unter dem Arm.

Als Nikodemus das Netz, in dem die Fische zappelten, ins Boot gezogen hatte, ging Johanna langsam weiter flußabwärts, wieder versunken in schwere Gedanken. Sie sah wieder die Schreckensbilder jener Stunde, da Würzburg durch Brandbomben zerstört worden war.

David schlüpfte in den Ziegenstall und verschwand eine Sekunde später zwischen den Weidenbüschen wie ein Wild.

Die zusammengerollte Decke lag auf dem Bett. Nachdem Johanna den Lieferschein der Jünger Jesu ein paarmal gelesen hatte, sagte sie lächelnd: „Das wär ja wie im Märchen. Aber es muß ein Irrtum sein.“ Sie trat vor den Stall und blickte suchend umher. Vielleicht war der Bote, der die Decke irrtümlich bei ihr abgegeben hat, noch in der Nähe. Aber sie sah und hörte kein anderes Lebewesen als einen Raben, der krächzend über das Weidenland flog.

David eilte schon zwischen den Schutthaufen durch, im Laufschritt, um die Sitzung der Jünger, die jeden Abend Punkt sechs begann, nicht zu versäumen.

Johanna prüfte die Decke sachkundig mit Zeigefinger und Daumen. „Reine Wolle“, sagte sie seufzend. „Nachts ist es ja manchmal recht kalt ohne Decke. Und erst im Winter! Im Winter wäre sie meine Rettung.“

Sie zog das Kleid aus und setzte sich ans Flußufer, in ihrem improvisierten Badeanzug – ein eng anliegender weißer Wollschlüpfer, der kaum zu unterscheiden war von der weißen Haut, und ein blauer Seidenschal, den sie um die Brust gebunden hatte. Sie hielt mit beiden Händen den Rand des Schales nach vorne, damit auch die Brüste, noch von keines Mannes Auge gesehen, ein wenig Sonne bekamen.

Als sie das Geräusch zurückschnellender Weidenruten vernahm, erhob sie sich und horchte gespannt. Sekunden später erschien ein amerikanischer Soldat zwischen den Weiden. Er sagte überrascht: „Oh, entschuldigen Sie.“

Aber er mußte sie ansehen. Ihm war, als müßte er mit dem Blick einem deutenden Zeigefinger folgen. Ihre anmutige Erscheinung verursachte eine Gefühlsschwingung, die sofort in Verwirrung unterging.

Johanna, deren Gesicht ein klarer Spiegel ihres Wesens war, bog unwillkürlich beide Schultern vor, in dem Impuls, ihre Nacktheit zu verdecken. Furcht hatte sie nicht vor ihm. Sie hatte die fünfundzwanzig Minuten des tausendfachen Todes und der Vernichtung miterlebt, da die Erde selbst zu explodieren und die zusammenkrachenden Häuser zu verschlingen schien und fliehende Kinder im heißen, sumpfweich gewordenen Asphalt der Straßen rettungslos steckengeblieben waren. Sie fürchtete sich nicht vor zwei blauen Augen aus Amerika.

Er sagte: „Ein schöner Abend heute.“ Und da sie nichts erwiderte, fragte er verlegen lächelnd: „Wollen Sie, daß ich fortgehe?“

Seine Verlegenheit bewegte sie, und sie wußte noch nicht, warum. Sie wußte nicht, warum sie entgegnete: „Warten Sie eine Minute.“ Sie eilte im Springschritt über das Gras und verschwand im Ziegenstall, der zwischen höheren Weidenbüschen stand.

Den Wollschlüpfer muß sie ja sowieso anbehalten. Sie hat nur diesen. Sie zog hastig ihr einziges Kleid an. Während sie den blauen Schal um den Hals legte und einen losen Knoten band, fragte sie sich, ob es nicht eine Intimität sei, den Schal, den er soeben an ihrer Brust gesehen hatte, in seiner Gegenwart jetzt am Halse zu tragen. Und warum hatte sie nicht entgegnet: ‚Ja, bitte, gehen Sie fort‘? Sie gab sich keine Antwort. Aber sie ließ den Schal am Halse.

Der Soldat setzte sich, blickte über den Fluß hinweg – und war auf der Farm in Pennsylvania, soeben aus dem Krieg zurückgekehrt. Michael, der Welshterrier, kommt angerast, als wollte er aus sich selbst herausspringen, bellt und wedelt und leckt und legt sich schließlich wie immer auf den Rücken, läßt sich den Bauch tätscheln und zeigt vor Wohlbehagen ein kleines bißchen die Zähne, als lache er. Der Vater sagt: ‚Da bist du ja.‘ Und die Mutter steht unter der Tür und kann keinen Schritt tun vor Freude.

‚Ja, den Apfelbaum wollte ich beschneiden. Aber dazu kam’s nicht mehr, ich mußte fort.‘

Eine zierliche Bachstelze, schwarz und weiß, hüpfte vor ihm kokett von Stein zu Stein, so dicht am Rande, daß die Schwanzspitze im Wippen das Wasser streifte – und Steve saß wieder in Europa am Ufer des Mains und fragte sich, ob Johanna wirklich zurückkommen werde.

Der Farmjunge aus Pennsylvania, lang, dünn und trocken, war einer von denen, deren Rockärmel, trotz aller Bedachtsamkeit bei der Auswahl des neuen Anzuges, immer zu kurz sind. Er hatte ein langes Gesicht – alles blond –, das vorläufig nur der Grundriß eines kraftvollen Mannsgesichtes war. Aus den hellblau blitzenden Augen, tief in den Höhlen, schienen seine Ahnen noch herauszublicken, Schweden und Deutsche, die vor zweihundert Jahren nach Amerika ausgewandert waren. Selbstverständlich tut er im Krieg, was von ihm verlangt wird, und auch mehr, falls Gelegenheit dazu ist. Es war mehrmals Gelegenheit dazu gewesen. Ein paar Dutzend deutscher Wörter waren ihm von Kindheit an geläufig gewesen, und während des Krieges hatte er im Umgang mit deutschen Gefangenen seinen Wortschatz genügend bereichert, um sich störungslos unterhalten zu können.

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