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Die Jüdin von Toledo

Über Lion Feuchtwanger

Lion Feuchtwanger, 1884-1958, war Romancier und Weltbürger. Seine Romane erreichten Millionenauflagen und sind in über 20 Sprachen erschienen. Als Lion Feuchtwanger mit 74 Jahren starb, galt er als einer der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Sprache. Die Lebensstationen von München über Berlin, seine ausgedehnten Reisen bis nach Afrika, das Exil im französischen Sanary-sur Mer und im kalifornischen Pacific Palisades haben den Schriftsteller, dessen unermüdliche Schaffenskraft selbst von seinem Nachbarn in Kalifornien, Thomas Mann, bestaunt wurde, zu einem ungewöhnlich breiten Wissen und kulturhistorischen Verständnis geführt. 15 Romane sowie Theaterstücke, Kurzgeschichten, Berichte, Skizzen, Kritiken und Rezensionen hatten den Freund und Mitarbeiter Bertold Brechts zum »Meister des historischen und des Zeitromans« (Wilhelm von Sternburg) reifen lassen. Mit seiner »Wartesaal-Trilogie« erwies sich der aufklärerische Humanist als hellsichtiger Chronist Nazi-Deutschlands.

Informationen zum Buch

Eine tragische Liebesgeschichte

La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König. "Liebesszenen von glühender Leidenschaft und der heißen Sinnlichkeit südlicher Temperamente." Marcel Reich-Ranicki

Lion Feuchtwanger

Die Jüdin von Toledo

Roman

Für Marta und Hilde

Erster Teil

Der König verliebte sich heftig in eine Jüdin, die den Namen Fermosa, die Schöne, trug, und er vergaß sein Weib.

Alfonso el Sabio, Crónica General

Um 1270

Nach Toledo ging Alfonso

Mit der Königin, der jungen,

Schönen. Aber Liebe blendet,

Und er täuschte sich durch Liebe

Und verschaute sich in eine

Jüdin, und sie hieß Fermosa.

Ja, Fermosa hieß, »die Schöne«

Hieß sie, und sie hieß zu Recht so.

Und mit ihr vergaß der König

Seine Königin.

Die Liebeshändel Alfonsos des Achten

mit der schönen Jüdin

Romanze des Lorenzo de Sepúlveda

1551

Erstes Kapitel

Achtzig Jahre nach dem Tod ihres Propheten Mohammed hatten die Moslems ein Weltreich aufgebaut, welches sich von der indischen Grenze ununterbrochen durch Asien und Afrika die südlichen Gestade des Mittelmeers entlang bis zur Küste des Atlantischen Ozeans dehnte. Im achtzigsten Jahr ihres Eroberungszuges setzten sie über die schmale westliche Enge des Mittelmeers hinüber in das »Andalús«, nach Spanien, zerstörten das Reich, welches dort die christlichen Westgoten drei Jahrhunderte vorher aufgerichtet hatten, und unterwarfen in gewaltigem Schwung die gesamte Halbinsel bis zu den Pyrenäen.

Die neuen Herren brachten mit sich eine überlegene Kultur und machten das Land zu dem schönsten, bestgeordneten, volkreichsten Europas. Von kundigen Architekten und einer weisen Baupolizei geplant, entstanden große, herrliche Städte, wie sie der Erdteil seit den Römern nicht mehr gekannt hatte. Córdova, die Residenz des westlichen Kalifen, galt als die Hauptstadt des gesamten Abendlands.

Die Moslems brachten die vernachlässigte Landwirtschaft wieder hoch und gewannen dem Boden durch kluge Bewässerung ungeahnte Fruchtbarkeit ab. Sie förderten den Bergbau durch eine neue, hochentwickelte Technik. Ihre Weber stellten kostbare Teppiche her und erlesene Tuche, ihre Zimmerleute und Bildhauer delikate Holzkunst, ihre Kürschner jede Art Pelzwerk. Ihre Schmiede schufen Gegenstände höchster Vollendung für friedliche wie für kriegerische Zwecke. Schwerter, Degen, Dolche wurden erzeugt, schärfer und schöner als die der nichtmoslemischen Völker, Rüstungen von großer Widerstandskraft, weittragende Geschütze, Geheimwaffen, von denen man in aller Christenheit mit Unbehagen sprach. Auch ein Anderes, Unheimliches, sehr Gefährliches wurde hergestellt, eine tödliche Explosivmischung, sogenanntes Flüssiges Feuer.

Die Schiffahrt der spanischen Moslems, geleitet von erprobten Mathematikern und Astronomen, war schnell und sicher, so daß sie ausgedehnten Handel treiben und ihre Märkte mit allen Erzeugnissen des islamischen Weltreichs versorgen konnten.

Künste und Wissenschaften blühten wie bisher niemals unter diesem Himmel. Erhabenes und Zierliches mischten sich, die Häuser auf besondere, bedeutende Art zu schmücken. Ein kunstvoll verästeltes Erziehungssystem erlaubte einem jeden, sich zu bilden. Die Stadt Córdova hatte dreitausend Schulen, jede größere Stadt hatte ihre Universität, es gab Bibliotheken wie niemals seit der Blüte des hellenischen Alexandria. Philosophen weiteten die Grenzen des Korans, übersetzten in ihre eigene Denkart das Werk der griechischen Weltweisheit, schufen es in ein Neues um. Eine bunte, blühende Fabulierkunst schloß der Phantasie bisher unbekannte Räume auf. Große Dichter verfeinerten das reiche, tönende Arabisch, bis es jegliche Regung des Gefühls wiedergab.

Den Unterworfenen zeigten die Moslems Milde. Für ihre Christen übertrugen sie das Evangelium ins Arabische. Den zahlreichen Juden, die von den christlichen Westgoten unter strenges Ausnahmerecht gestellt worden waren, räumten sie bürgerliche Gleichheit ein. Ja, es führten unter der Herrschaft des Islams die Juden in Spanien ein so glückhaft erfülltes Leben wie niemals vorher seit dem Untergange ihres eigenen Reiches. Sie stellten den Kalifen Minister und Leibärzte, gründeten Fabriken, ausgedehnte Handelsunternehmungen, sandten ihre Schiffe über die sieben Meere. Sie entwickelten, ohne ihr eigenes hebräisches Schrifttum zu vergessen, philosophische Systeme in arabischer Sprache, sie übersetzten den Aristoteles und verschmolzen seine Lehren mit denen ihres eigenen Großen Buches und den Doktrinen arabischer Weltweisheit. Sie schufen eine freie, kühne Bibelkritik. Sie erneuerten die hebräische Dichtkunst.

Länger als drei Jahrhunderte dauerte dieses Blühen. Dann kam ein großer Sturm und zerstörte es.

Es hatten sich nämlich, als die Moslems die Halbinsel eroberten, zersprengte Abteilungen christlicher Westgoten ins nördliche Bergland Spaniens geflüchtet, sie hatten in dem schwer zugänglichen Gebiet kleine, unabhängige Grafschaften gegründet und von dort aus, Geschlecht um Geschlecht, den Krieg gegen die Moslems weitergeführt, einen Bandenkrieg, eine Guerilla. Lange kämpften sie allein. Dann aber verkündete der Papst in Rom einen Kreuzzug, und große Prediger forderten in flammenden Worten auf, den Islam zu vertreiben aus den Ländern, die er den Christen entrissen hatte. Da stießen denn Kreuzfahrer von überallher auch zu den kriegerischen Nachfahren der früheren christlichen Herren Spaniens. Beinahe vier Jahrhunderte hatten diese letzten Westgoten warten müssen, nun drangen sie nach Süden vor. Die verweichlichten, verfeinerten Moslems konnten ihrer Wildheit nicht standhalten; in wenigen Jahrzehnten eroberten die Christen die ganze nördliche Hälfte der Halbinsel zurück bis hinunter zum Tajo.

Die Moslems, von den christlichen Armeen immer härter bedrängt, riefen ihre Vettern aus Afrika zu Hilfe, wilde, glaubenseifrige Krieger, viele aus der großen südlichen Wüste, der Sahara. Diese hielten den Vormarsch der Christen auf. Aber sie verjagten auch die kultivierten, freigeistigen moslemischen Fürsten, die bisher im Andalús geherrscht hatten, sie duldeten keine Laxheit mehr im Glauben; der afrikanische Kalif Jussuf ergriff die Herrschaft auch im Andalús. Um das Land von allem Unglauben zu säubern, berief er die Vertreter der Judenheit in sein Hauptquartier nach Lucena und sprach zu ihnen: »Im Namen des Allbarmherzigen Gottes. Der Prophet hat euern Vätern Duldung in den Ländern der Gläubigen gewährt, aber unter einer Bedingung, die aufgezeichnet ist in den alten Büchern. Wenn euer Messias nicht binnen eines halben Jahrtausends erscheint, dann werdet ihr – so haben eure Väter es zugesagt – ihn, Mohammed, als den Propheten der Propheten anerkennen, der eure Gottesmänner überschattet. Die fünfhundert Jahre sind um. Erfüllt also den Vertrag, bekennt euch zu dem Propheten, werdet Moslems! Oder verlaßt mein Andalús!«

Sehr viele Juden, obwohl sie nichts von ihrer Habe mitnehmen durften, wanderten aus. Die meisten ins nördliche Spanien; denn die Christen, die dort nun wieder herrschten, benötigten, um das kriegszerstörte Land neu aufzubauen, den überlegenen Wirtschaftsverstand, den Gewerbefleiß und die vielerlei andern Kenntnisse der Juden. Sie gewährten ihnen die bürgerliche Gleichheit, die ihre Väter ihnen versagt hatten, und darüber hinaus viele Privilegien.

Manche Juden aber blieben im moslemischen Spanien und bekannten sich zum Islam. Sie wollten auf diese Art ihr Vermögen retten und später, unter günstigeren Umständen, in die Fremde gehen und sich wieder zum alten Glauben bekennen. Allein die Heimat war süß, das Leben in dem holden Lande Andalús war süß, sie zögerten die Ausreise hinaus. Und als nach dem Tode des Kalifen Jussuf ein weniger strenger Fürst zur Herrschaft kam, zögerten sie weiter. Und schließlich dachten sie nicht mehr an Auswanderung. Zwar blieb allen Ungläubigen der Aufenthalt im Andalús verboten; aber es genügte als Glaubensbeweis, sich zuweilen in der Moschee zu zeigen und fünfmal täglich das Bekenntnis zu sprechen: Allah ist Gott und Mohammed sein Prophet. Heimlich konnten die früheren Juden ihre Bräuche weiter üben, und es gab in dem judenfreien Andalús versteckte jüdische Bethäuser.

Sie wußten indes, diese heimlichen Juden, daß ihre Heimlichkeit vielen bekannt war und daß ihre Ketzerei, brach ein neuer Krieg aus, ans Licht kommen mußte. Sie wußten, wenn ein neuer Heiliger Krieg ausbrach, waren sie verloren. Und wenn sie, wie ihr Gesetz es ihnen vorschrieb, alltäglich um die Erhaltung des Friedens beteten, taten sie es nicht nur mit den Lippen.

Als Ibrahim sich auf den Stufen der verfallenen Fontäne des innersten Hofes niederließ, spürte er seine Müdigkeit. Er war nun eine volle Stunde lang in diesem baufälligen Hause herumgegangen.

Und er hatte doch wahrhaftig keine Zeit zu verlieren. Volle zehn Tage war er jetzt in Toledo, die Räte des Königs drängten mit Recht auf Bescheid, ob er nun die Generalpacht der Steuern übernahm oder nicht.

Der Kaufmann Ibrahim aus dem moslemischen Königreich Sevilla hatte mehrmals mit christlichen Fürsten Spaniens Geschäfte getätigt, aber ein so ungeheures Unternehmen hatte er noch niemals angepackt. Es stand seit Jahren schlecht um die Finanzen des Königreichs Kastilien, und seitdem gar König Alfonso – das war nun fünfzehn Monate her – seinen leichtsinnigen Feldzug gegen Sevilla verloren hatte, war seine Wirtschaft vollends verfahren. Don Alfonso brauchte Geld, viel Geld, und sofort.

Der Kaufmann Ibrahim von Sevilla war reich. Er besaß Schiffe, Güter und Kredit in vielen Städten des Islams und in den Handelszentren Italiens und Flanderns. Aber wenn er sich auf dieses kastilische Geschäft einließ, mußte er sein ganzes Vermögen investieren, und auch der Klügste konnte nicht voraussehen, ob Kastilien den Wirrwarr überstehen werde, den die nächsten Jahre bringen mußten.

Andernteils war König Alfonso zu riesigen Gegenleistungen bereit. Man bot Ibrahim zum Pfand die Steuern und Zölle, auch die Einnahmen der Bergwerke, und er war überzeugt, er wird, wenn er nur das Geld schaffte, noch viel günstigere Bedingungen erzielen, man wird ihm die Kontrolle aller Einkünfte übertragen. Nun waren freilich, seitdem die Christen das Land den Moslems abgenommen hatten, Handel und Gewerbe heruntergekommen; aber Kastilien, das größte der spanischen Länder, war fruchtbar, es besaß Bodenschätze in Fülle, und Ibrahim traute sich die Kraft zu, das Land wieder hochzubringen.

Allein ein solches Unternehmen konnte man nicht aus der Ferne leiten: er müßte die Ausführung an Ort und Stelle überwachen, er müßte sein moslemisches Sevilla verlassen und hieher ins christliche Toledo übersiedeln.

Fünfundfünfzig Jahre war er jetzt alt. Er hatte erreicht, was immer er sich wünschte. Ein Mann in seinem Alter und mit seinen Erfolgen durfte ein so verfängliches Unternehmen nicht einmal in Erwägung ziehen.

Ibrahim saß auf den verfallenen Stufen der lang versiegten Fontäne, den Kopf in die Hand gestützt, und mit einemmal wurde er inne: auch wenn ihm das Abenteuerliche des Geschäftes von vornherein klar gewesen wäre, er wäre trotzdem nach Toledo gegangen, hierher in dieses Haus.

Es war dieses lächerliche, baufällige Haus, das ihn hierherzog.

Eine alte, seltsame Bindung bestand zwischen ihm und dem Haus. Er, Ibrahim, der große Finanzmann des stolzen Sevilla, der Freund und Ratgeber des Emirs, hatte sich zwar von Jugend an zu dem Propheten Mohammed bekannt, aber er war nicht als Moslem geboren, sondern als Jude, und dieses Gebäude hier, das Castillo de Castro, hatte seinen Vätern gehört, der Familie Ibn Esra, solange die Moslems in Toledo geherrscht hatten. Als aber vor nunmehr hundert Jahren der damalige Alfonso, der Sechste seines Namens, die Stadt den Moslems entriß, hatten sich die Barone de Castro des Hauses bemächtigt. Mehrere Male war Ibrahim in Toledo gewesen, jedesmal war er verlangend vor der finstern Außenmauer des Schlosses gestanden. Jetzt, da der König die Castros aus Toledo vertrieben und ihnen das Haus genommen hatte, konnte er endlich das Innere sehen und erwägen, ob er sich den alten Besitz der Väter nicht zurückholen sollte.

Nicht schnellen Schrittes, doch gierig prüfenden Auges war er über die vielen Treppen gegangen und durch die vielen Säle, Kammern, Korridore, Höfe. Es war ein ödes, häßliches Gebäu, mehr Festung als Palais. Von außen hatte es wohl auch damals nicht anders hergesehen, als Ibrahims Väter, die Ibn Esras, es bewohnten. Aber die hatten sicher das Innere mit bequemem arabischem Hausrat ausgestattet, und die Höfe waren stille Gärten gewesen. Es war verlockend, das Haus der Väter wieder aufzurichten und aus dem plumpen, verkommenen Castillo de Castro ein schönes, ziervolles Castillo Ibn Esra zu machen.

Was für unsinnige Pläne. In Sevilla war er der Fürst der Kaufleute und gerne gesehen am Hofe des Emirs unter den Dichtern, Künstlern, Gelehrten, die der Emir aus der ganzen arabischen Welt um sich versammelt hatte. Er fühlte sich dort von ganzer Seele wohl, und so taten seine lieben Kinder, das Mädchen Rechja und der Knabe Achmed. War es nicht Sünde und Tollheit, wenn er mit dem Gedanken auch nur spielte, sein edles, hohes Sevilla zu vertauschen mit dem barbarischen Toledo?

Es war keine Tollheit, und bestimmt nicht war es Sünde.

Das Geschlecht der Ibn Esras, das stolzeste unter den jüdischen Geschlechtern der Halbinsel, hatte in den letzten hundert Jahren viele Umschwünge erfahren. Das Unheil, welches die Afrikaner bei ihrem Einbruch ins Andalús über die Juden brachten, hatte Ibrahim selber miterlebt, als Knabe, er hieß damals noch Jehuda Ibn Esra. Gleich den übrigen Juden des Königreichs Sevilla waren damals auch die Ibn Esras ins nördliche, christliche Spanien geflohen. Ihm aber, dem Knaben, hatte die Familie auferlegt, zu bleiben und sich zum Islam zu bekennen; er war befreundet mit dem Fürstensohn Abdullah, und man hatte gehofft, auf solche Art einen Teil des Vermögens zu retten. Als Abdullah die Herrschaft antrat, hatte er denn auch Ibrahim seine Reichtümer wieder zugesprochen. Der Fürst wußte, daß sein Freund im Herzen dem alten Glauben weiter anhing, viele wußten es, doch ließ man es geschehen. Nun aber drohte ein neuer Krieg der Christen gegen die Gläubigen Mohammeds, und in einem solchen Heiligen Krieg wird der Emir Abdullah den Ketzer Ibrahim nicht mehr schützen können. Der wird fliehen müssen wie seine Väter, ins christliche Spanien, sein Vermögen hinter sich lassend, ein Bettler. War es da nicht klüger, jetzt nach Toledo zu gehen, freiwillig, in Reichtum und Glanz?

Denn wenn er’s nur will, dann wird er hier in Toledo kein geringeres Ansehen genießen als in Sevilla. Schon auf eine leise Andeutung hin hatte man ihm das Amt des Ibn Schoschan in Aussicht gestellt, des jüdischen Finanzministers, der vor drei Jahren gestorben war. Kein Zweifel, hier in Toledo könnte er, auch wenn er offen ins Judentum zurückkehrte, jede Bestallung erhalten, die er wünschte.

Durch einen Spalt in der Mauer lugte der Kastellan in den Hof. An die zwei Stunden war der Fremde jetzt da; was sah er an dem baufälligen Gemäuer? Da hockte er, der Ungläubige, als wäre er hier zu Hause, als wollte er für immer bleiben. Die Leute des Fremden, die im äußern Hof auf ihn warteten, hatten erzählt, er habe in seinem Haus in Sevilla fünfzehn edle Pferde und achtzig Diener, darunter dreißig Schwarze. Sie waren reich und üppig, die Ungläubigen. Aber wenn auch das letztemal der König Unser Herr eine Schlappe erlitten hat, eine Zeit wird kommen, da werden die Heilige Jungfrau und Santiago uns gnädig sein, und wir werden sie totschlagen, die Moslems, und ihnen ihre Schätze abnehmen.

Und der Fremde traf immer noch keine Anstalt, zu gehen.

Ja, der Kaufmann Ibrahim von Sevilla saß und träumte weiter. Nie in seinem Leben hatte er einen so verfänglichen Entschluß fassen müssen. Denn als damals die Afrikaner ins Andalús einbrachen und er zum Islam übertrat, da hatte er das dreizehnte Jahr noch nicht erreicht, er war vor Gott und Menschen nicht verantwortlich, die Familie hatte für ihn entschieden. Nun mußte er die Wahl selber treffen.

Herrlich in seiner Reife und Erfüllung strahlte Sevilla. Aber es war Überreife, sagte sein alter Freund Musa; die Sonne des westlichen Islams hatte die Höhe ihres Bogens überschritten, sie war im Niedergang. Hier, im christlichen Spanien, in diesem Kastilien, war Beginnen, war Aufstieg. Alles hier war primitiv. Sie hatten zerstört, was der Islam gebaut hatte, und es notdürftig zusammengeflickt. Die Landwirtschaft war ärmlich, altväterisch, alles Gewerbe verrottet. Das Reich war entvölkert, und die hier saßen, verstanden sich auf den Krieg, aber nicht auf die Werke des Friedens. Er, Ibrahim, wird Menschen hierherziehen, die gelernt haben, was hervorzubringen, die es verstehen, an den Tag zu fördern, was ungenützt in der Erde liegt.

Es wird mühevoll sein, dem heruntergewirtschafteten, verkommenen Kastilien Atem und Leben einzublasen. Aber gerade das war die Verlockung.

Zeit freilich brauchte er, lange, ungestörte Jahre des Friedens.

Und mit einemmal spürte er: es war göttlicher Ruf gewesen, den er gehört hatte schon damals vor fünfzehn Monaten, als Don Alfonso nach seiner Niederlage den Emir von Sevilla um Waffenstillstand bat. Der kriegerische Alfonso war zu mancherlei Konzessionen bereit gewesen, einer Gebietsabtretung, einer hohen Kriegsentschädigung, doch auf die Forderung des Emirs, daß der Waffenstillstand acht Jahre dauern sollte, darauf hatte er nicht eingehen wollen. Er aber, Ibrahim, hatte seinem Freunde, dem Emir, zugeredet und zugesetzt, darauf zu bestehen und sich dafür mit immer kleinerem Landgewinn und immer niedrigerer Entschädigung zu begnügen. Und zuletzt hatte er’s erreicht, und die guten, langen acht Jahre Waffenstillstand waren unterzeichnet und besiegelt worden. Ja, Gott selber hatte ihn damals getrieben und gemahnt: Streite für den Frieden! Laß nicht nach, streite für den Frieden!

Und der gleiche innere Ruf hatte ihn hierher nach Toledo getrieben. Wenn ein neuer Heiliger Krieg kommt – und er wird kommen –, dann ist der händelsüchtige Don Alfonso versucht, den Waffenstillstand mit Sevilla zu brechen. Aber dann wird er, Ibrahim, zur Stelle sein und dem König mit List, Drohung und Vernunft zureden, und wenn er nicht verhindern kann, daß Alfonso in den Krieg eingreift, so wird er’s doch verzögern.

Und für die Juden, für seine Juden, wird es ein Segen sein, wenn dann bei Ausbruch des Krieges er, Ibrahim, im Rate des Königs sitzt. Die Juden werden wie früher die ersten sein, über welche die Kreuzfahrer herfallen, er aber wird seine Hand über sie halten.

Denn er war ihr Bruder.

Der Kaufmann Ibrahim von Sevilla war kein Lügner, wenn er sich einen Islamiten nannte. Er verehrte Allah und den Propheten, er genoß arabische Dichtung und Gelehrsamkeit. Die Sitten der Moslems waren ihm liebe Gewohnheit; er nahm automatisch fünfmal des Tages die vorgeschriebenen Waschungen vor, warf sich fünfmal in der Richtung nach Mekka zur Erde, die Gebete zu sprechen, und wenn er vor einer großen Entscheidung stand oder vor einer wichtigen Handlung, dann rief er aus innerem Bedürfnis Allah an und sagte die erste Sure des Korans her. Aber wenn er sich mit den andern Juden Sevillas am Sabbat in den untern Räumen seines Hauses versammelte, in seinem versteckten Bethaus, um den Gott Israels zu verehren und in dem Großen Buche zu lesen, dann kam eine freudige Ruhe in sein Herz. Er wußte, dies war sein tiefstes Bekenntnis, und durch dieses Bekenntnis zur wahrsten Wahrheit reinigte er sich von den Halbwahrheiten der Woche.

Es war Adonai, der alte Gott seiner Väter, der ihm den bittern, seligen Wunsch ins Herz gebrannt hatte, zurückzukehren nach Toledo.

Schon einmal, damals, als das große Unheil über die Juden des Andalús hereinbrach, hatte ein Ibn Esra, sein Oheim Jehuda Ibn Esra, hier von Kastilien aus seinem Volke große Hilfe leisten können. Dieser Jehuda, General des damaligen Alfonso, des Siebenten, hatte die Grenzfestung Calatrava gegen die Moslems gehalten und Tausenden, Zehntausenden bedrängter Juden Flucht und Sicherheit ermöglicht. Jetzt wird er, der ehemalige Kaufmann Ibrahim, eine ähnliche Sendung haben.

Er wird heimkehren in dieses Haus.

Seine schnelle, starke Phantasie zeigte ihm das Haus, wie es sein wird. Schon sprang die Fontäne wieder, stilles, dunkles Blühen war im Hofe, leises, vielfältiges Leben in den menschenentwöhnten Räumen des Hauses, der Fuß trat dicke Teppiche statt des steinernen, unwirtlichen Bodens, um die Wände liefen Inschriften, hebräische und arabische, Verse des Großen Buches und der moslemischen Dichter, und überall rann kühlendes, sänftigendes Wasser und gab den Träumen und Gedanken seinen Fall und Rhythmus.

So wird das Haus sein, und er wird darin einziehen als der, der er ist, Jehuda Ibn Esra.

Ohne daß er sie hätte rufen müssen, kamen ihm Verse des Segens, die ihm das Haus schmücken sollten, Verse aus dem Großen Buch der Väter, das ihm von nun an den Koran ersetzen wird. »Denn es sollen Berge stürzen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und mein Friedensbund mit dir nicht hinfallen.«

Ein leeres, glückliches Lächeln war über seinem Gesicht. Mit seinem innern Aug sah er die stolzen Verse der göttlichen Versprechung, wie sie schwarz, blau, rot und golden den Fries entlangziehen, die Wand seines Schlafgemaches schmückend; sie werden sich ihm ins Herz prägen des Abends, bevor er einschläft, und ihn grüßen des Morgens, wenn er erwacht.

Er erhob sich, dehnte die Glieder. Er wird hier in Toledo leben im alten, neugerichteten Hause seiner Väter, er wird dem armen, kargen Kastilien neuen Hauch einblasen, er wird mithelfen, den Frieden zu erhalten und dem bedrängten Israel eine Zuflucht zu schaffen.



Manrique de Lara, der Erste Minister, erläuterte Don Alfonso die Verträge, die man mit dem Kaufmann Ibrahim von Sevilla vereinbart hatte und die nur mehr der Unterschrift bedurften. Die Königin wohnte dem Vortrag bei. Von jeher waren die Fürstinnen des christlichen Spaniens Mitträger der Gewalt, und es war ihr Privileg, an den Staatsgeschäften teilzunehmen.

Die drei Dokumente, in welchen in arabischer Sprache die Abmachungen aufgezeichnet waren, lagen auf dem Tisch. Es waren umständliche Verträge, und Don Manrique brauchte viel Zeit, die Einzelheiten auseinanderzusetzen.

Der König hörte nur mit halbem Ohr zu. Doña Leonor und sein Erster Minister hatten lange auf ihn einreden müssen, ehe er sich bewegen ließ, den Ungläubigen in seinen Dienst zu nehmen. Trug doch dieser die Hauptschuld an der Härte des Friedensvertrags, den er damals, vor fünfzehn Monaten, hatte unterzeichnen müssen.

Dieser Friedensvertrag! Seine Herren hatten ihm weisgemacht, daß er günstig sei. Don Alfonso mußte nicht, wie er gefürchtet hatte, die Festung Alarcos hergeben, die liebe Stadt, die er in seinem ersten Feldzug dem Feinde abgewonnen und seinem Reiche zugefügt hatte, und auch die Kriegsentschädigung war nicht übermäßig hoch angesetzt. Aber acht Jahre Waffenstillstand! Der junge, ungestüme König, Soldat durch und durch, sah nicht, wie er die Geduld aufbringen sollte, die Ungläubigen sich acht endlos lange Jahre ihres Sieges brüsten zu lassen. Und mit dem Manne, der ihm den schimpflichen Vertrag aufgenötigt hatte, sollte er jetzt ein zweites, folgenschweres Abkommen treffen! Sollte fortan den Menschen immer um sich haben und auf seine verdächtigen Vorschläge hören! Andernteils hatten ihm die Gründe eingeleuchtet, die seine kluge Königin und sein erprobter Freund Manrique ihm anführten: seitdem Ibn Schoschan gestorben war, sein guter, reicher Hebräer, war es immer schwerer geworden, von den großen Händlern und Bänkern der Welt Geld zu kriegen, und es blieb niemand als dieser Ibrahim von Sevilla, ihm aus seinen Finanznöten zu helfen.

Nachdenklich, während er lässig auf Manrique hörte, betrachtete er Doña Leonor.

Man sah sie nicht häufig in der Königsburg von Toledo. Sie war im Herzogtum Aquitanien geboren, im milden südlichen Frankreich, wo die Sitten höfisch und zierlich waren, und das Leben in Toledo schien ihr, obgleich die Stadt nun schon hundert Jahre in den Händen der Könige Kastiliens war, noch immer ungeschlacht wie in einem Feldlager. Wenn sie’s auch begriff, daß Don Alfonso die meiste Zeit in dieser seiner Hauptstadt verbrachte, nahe dem ewigen Feind, so zog sie selber es doch vor, im nördlichen Kastilien Hof zu halten, in Burgos, nahe der Heimat.

Alfonso, ohne daß er mit jemand darüber gesprochen hätte, wußte genau, warum Doña Leonor dieses Mal nach Toledo gekommen war. Sicher war es geschehen auf die Bitte Don Manriques. Dieser sein Minister und lieber Freund hatte wohl angenommen, er könne ohne ihre Hilfe ihn nicht dazu bewegen, den Ungläubigen zu seinem Kanzler zu machen. Dabei hatte er die Notwendigkeit sehr schnell begriffen und hätte es auch ohne Zureden Doña Leonors getan. Aber er war froh, daß er sich so lange gesträubt hatte; es war ihm lieb, Doña Leonor um sich zu haben.

Wie sorgfältig sie sich angezogen hatte. Und es ging doch nur um einen Vortrag des guten Manrique. Immer legte sie’s darauf an, reizvoll und gleichwohl fürstlich auszuschauen. Es lächerte ihn ein wenig, doch sah er’s mit Wohlgefallen. Sie war noch ein halbes Kind gewesen, als sie vor fünfzehn Jahren die Hofhaltung ihres Vaters, des engelländischen Heinrich, verließ, um ihm als Braut zugeführt zu werden; aber sie hatte alle die Jahre hindurch in seinem armen, strengen Kastilien, wo man infolge des ewigen Krieges wenig Zeit hatte für die Verästelungen der Courtoisie, den Sinn der Heimat fürs Höfisch-Zierliche gewahrt.

Immer noch kindlich trotz ihrer neunundzwanzig Jahre saß sie da in dem schweren, prächtigen Kleid. Wiewohl nicht groß, sah sie stattlich her mit dem Reif, welcher das dichte, blonde Haar hielt. Unter der hohen, edelgebauten Stirn schauten die großen, gescheiten, grünen Augen ein wenig zu kalt und prüfend vielleicht, doch machte ein leises, unbestimmtes Lächeln das ruhige Gesicht warm und freundlich.

Sie hatte leicht lächeln über ihn, seine liebe Doña Leonor. Gott hatte ihm Verstand gegeben, und er begriff so gut wie sie und ihr Vater, der engelländische König, daß heute die Wirtschaft seines Reiches nicht weniger wichtig war als das Heereswesen. Aber die schlauen Schleichwege, obwohl sie sicherer zum Ziele führen mochten als das Schwert, waren ihm nun einmal zu langsam und zu langweilig. Er war Soldat und nicht Rechner, Soldat und immer wieder Soldat. Und das war gut in einer Zeit, da Gott den Fürsten der Christenheit unermüdlichen Kampf gegen die Ungläubigen auferlegt hatte.

Auch Doña Leonor ließ ihre Gedanken wandern. Sie sah dem Gesicht ihres Alfonso das Widersprüchliche an, das in ihm vorging; wie er begriff und sich fügte, und wie er knirschte und aufbegehrte. Ein Staatsmann war er nicht; niemand wußte das besser als sie, die Tochter eines Königs und einer Königin, deren kühne, listige Politik die Welt nun seit Jahrzehnten in Atem hielt. Er war grundgescheit, wenn er nur wollte, doch sein wildes Gemüt rannte immer wieder die Mauer seiner Vernunft ein. Und gerade um dieser heftigen, lustigen Energie willen liebte sie ihn.

»Du siehst, Herr König, und du, Doña Leonor«, faßte nun Don Manrique zusammen, »er hat auf keine seiner Bedingungen verzichtet. Aber er gibt auch mehr, als irgendein anderer es könnte.«

Don Alfonso sagte böse: »Und das Castillo nimmt er sich auch noch! Als Alboroque!« Alboroque nannte man das übliche Höflichkeitsgeschenk, das den Abschluß eines Vertrags begleitete. »Nein, Herr König«, antwortete Don Manrique. »Verzeih, daß ich vergaß, dir das zu sagen. Er will sich das Castillo nicht schenken lassen. Er will es kaufen. Für tausend Goldmaravedí.«

Das war eine ungeheure Summe, viel mehr, als das alte Gerümpel wert war. Solche »Largesse«, solche Großzügigkeit stand einem großen Herrn an; aber wenn ein Kaufmann Ibrahim aus Sevilla sie übte, war es dann nicht eine Frechheit? Alfonso erhob sich, ging auf und ab.

Doña Leonor betrachtete ihn. Dieser Ibrahim wird seine Mühe haben, es ihrem Alfonso recht zu machen. Der war nun einmal ein Ritter, ein kastilischer Ritter. Wie gut er aussah, ein richtiger Mann und trotz seiner dreißig Jahre noch ein Knabe. Leonor hatte einen Teil ihrer Kindheit im Schlosse Domfront verbracht; dort stand in Holz geschnitzt ein großer, junger, dräuender heiliger Georg, der das Schloß machtvoll beschützte, und an sein Antlitz erinnerte sie immer wieder das kühne, entschiedene, etwas hagere Gesicht ihres Alfonso. Sie liebte alles an ihm, das rotblonde Haar, den kurzen Vollbart, der unmittelbar um die Lippen wegrasiert war, so daß der lange, schmale Mund deutlich hervortrat. Am meisten aber liebte sie seine grauen, heftigen Augen, von denen, wenn ihn etwas bewegte, ein heller, gewitteriger Schein ausging. Auch jetzt war es so.

»Er bittet nur um eine Vergünstigung«, fuhr Manrique fort. »Er bittet, vor deiner Majestät erscheinen zu dürfen und Dokumente und Unterschrift von dir selber zu erhalten. Sein Emir«, erläuterte Manrique, »hat ihn zum Ritter gemacht, und er hält auf Würde. Erinnere dich, Don Alfonso, daß in den Ländern der Ungläubigen der Kaufmann an Ansehen dem Krieger nicht nachsteht, da ihr Prophet selber ein Kaufmann war.«

Alfonso lachte, plötzlich gut gelaunt; wenn er lachte, sah er strahlend jungenhaft aus. »Aber hebräisch muß ich nicht mit ihm reden?« rief er.

»Sein Latein ist gut verständlich«, antwortete sachlich Manrique. »Auch Kastilisch spricht er zur Genüge.«

Don Alfonso, wieder ohne Übergang, wurde ernst. »Ich habe nichts gegen einen jüdischen Alfakim«, sagte er, »aber euern Juden zum Escrivano Mayor zu machen – daß mir das widerstrebt, müßt ihr doch begreifen.«

Don Manrique führte von neuem aus, was er dem König in den letzten Wochen mehrere Male dargelegt hatte: »Wir haben ein Jahrhundert hindurch Krieg führen und erobern müssen, wir haben keine Zeit gehabt, uns um die Wirtschaft zu kümmern. Die Moslems hatten Zeit. Wenn wir gegen sie aufkommen wollen, dann brauchen wir die Klugheit der Juden, ihre Sprachgewandtheit, ihre Geschäftsbeziehungen. Es war ein Glück für die christlichen Fürsten, daß die Moslems des Andalús ihre Juden vertrieben haben. Jetzt hat dein Onkel von Aragon seinen Don Joseph Ibn Esra und der König von Navarra seinen Ben Serach.« – »Auch mein Vater«, ergänzte Doña Leonor, »hat seinen Aaron aus Lincoln. Er sperrt ihn manchmal ein, aber er holt ihn immer wieder heraus und gibt ihm Land und Ehren.« Und Don Manrique schloß: »Es stünde besser um Kastilien, wenn uns unser Jude Ibn Schoschan nicht weggestorben wäre.«

Don Alfonso verdüsterte sich. Die Mahnung verdroß ihn. Er hatte den Feldzug gegen den Emir von Sevilla, der dann so übel ausging, schon vor vier Jahren unternehmen wollen, nur der alte Ibn Schoschan hatte ihn zurückgehalten. Jetzt sollte offenbar an dessen Stelle dieser Ibrahim von Sevilla treten – so erwarteten es Doña Leonor und Manrique – und ihn vor raschen Entschlüssen bewahren. Deshalb vielleicht mehr noch als aus Gründen der Wirtschaft hatten sie ihm so inständig zugeredet, den Juden zu bestallen. Sie hielten ihn, Alfonso, für zu ungestüm, zu kriegerisch, sie trauten ihm die schlaue, armselige Geduld nicht zu, die ein König in diesen krämerhaften Zeiten haben mußte.

»Und arabisch sind sie auch noch!« sagte er unmutig und schlug auf die Dokumente. »Ich kann nicht einmal recht lesen, was ich da unterschreiben soll.«

Don Manrique erriet ihn; er wollte die Unterzeichnung hinauszögern. »Da du’s befiehlst, Herr König«, antwortete er bereitwillig, »lasse ich die Verträge lateinisch ausfertigen.«

»Gut«, sagte Alfonso. »Und bestell mir also den Juden nicht vor dem Mittwoch.«

Die Audienz, in welcher die Unterschriften ausgetauscht werden sollten, fand in einem kleinen Raume der Burg statt. Doña Leonor hatte gewünscht, dem Empfang beizuwohnen; auch sie war neugierig auf den Juden.

Don Manrique war in Amtstracht; er trug, befestigt an goldener Halskette, das Zeichen des Familiars, des Geheimrats des Königs, die Brustplatte mit dem Wappen Kastiliens, den drei Türmen des »Burgenlandes«. Auch Doña Leonor war in Staat. Alfonso hingegen war häuslich angezogen, keineswegs so, wie es sich für einen Staatsakt ziemte; er trug eine Art Wams mit breiten, losen Ärmeln und bequeme Schuhe.

Alle hatten erwartet, daß sich Ibrahim, wie es üblich war, im Angesicht der Majestät auf ein Knie niederlassen würde. Allein noch war er nicht Untertan des Königs, vielmehr ein großer Herr des moslemischen Weltreichs. Er trug denn auch die Kleidung des islamischen Spaniens und darüber den blauen, gefütterten Mantel des Würdenträgers, der mit freiem Geleite an den Hof eines christlichen Königs reist. Er begnügte sich, Doña Leonor, Don Alfonso und Don Manrique mit tiefer Verbeugung zu grüßen.

Die Königin sprach als erste. »Friede sei mit dir, Ibrahim von Sevilla«, sagte sie arabisch. Die Gebildeten auch in den christlichen Königreichen der Halbinsel sprachen neben dem Lateinischen arabisch.

Die Höflichkeit für den Gast hätte verlangt, daß auch Alfonso ihn arabisch anredete, und so hatte er’s vorgehabt. Aber die Arroganz des Mannes, der nicht niederkniete, bewog ihn, lateinisch zu sprechen. »Salve, Domine Ibrahim«, grüßte er brummig.

Don Manrique legte in ein paar allgemeinen Sätzen dar, zu welchem Zwecke der Kaufmann Ibrahim kam. Doña Leonor mittlerweile, mit ruhigem, zeremoniösem Lächeln damenhaft vor sich hin schauend, musterte den Mann. Er war mittelgroß, doch ließen ihn die hohen Schuhe und die bei aller Lockerheit aufrechte Haltung groß erscheinen. Aus dem mattbräunlichen, von dem kurzen Vollbart umrahmten Gesicht schauten stille, mandelförmige Augen, wissend, etwas hochmütig. Lang und wohlgeschnitten fiel ihm von den Schultern der blaue Mantel des Geleites. Doña Leonor betrachtete neidisch den kostbaren Stoff; es war schwer, in der Christenheit solche Stoffe aufzutreiben. Aber wenn der Mann erst in ihren Diensten ist, wird er ihr vielleicht solchen Stoff beschaffen können, und auch gewisse, geradezu wundertätige Parfüms, von denen sie viel gehört hatte.

Der König hatte sich auf ein Spannbett gesetzt, eine Art Sofa; da saß er, halb liegend, in betont lockerer Haltung. »Ich hoffe nur«, sagte er, nachdem Don Manrique zu Ende war, »du wirst die zwanzigtausend Goldmaravedí, die anzuzahlen du dich verpflichtest, auch zur Zeit aufbringen.« – »Zwanzigtausend Goldmaravedí sind viel Geld«, antwortete Ibrahim, »und fünf Monate sind wenig Zeit. Aber das Geld wird in fünf Monaten zur Stelle sein, Herr König – vorausgesetzt, daß die Vollmachten, die der Vertrag mir einräumt, nicht Pergament bleiben.« – »Deine Zweifel sind verständlich, Ibrahim von Sevilla«, sagte der König. »Es sind geradezu unerhörte Vollmachten, die du dir ausbedungen hast. Meine Herren haben mir erklärt, du willst deine Hand auf alles legen, was die Gnade Gottes mir beschert hat, auf meine Steuern, meine Staatsgelder, meine Zölle, auf meine Eisen- und Salzbergwerke. Du scheinst ein unersättlicher Mann, Ibrahim von Sevilla.« Der Kaufmann antwortete ruhig: »Ich bin schwer zu sättigen, weil ich dich zu sättigen habe, Herr König. Wer ausgehungert ist, das bist du. Ich zahle zunächst die zwanzigtausend Goldmaravedí. Wieviel von den Geldern, aus denen eine kleine Kommission mir gehört, hereinzubekommen ist, bleibt fragwürdig. Deine Granden und Ricoshombres sind schwierige, gewalttätige Herren. Verzeih es dem Kaufmann, Dame«, wandte er sich mit tiefer Verneigung an Doña Leonor, und nun sprach er arabisch, »wenn er in deiner mondhaften Gegenwart von so nüchternen, langweiligen Dingen redet.«

Allein Don Alfonso bestand: »Ich hätte es angemessen gefunden, wenn du dich begnügt hättest, mein Alfakim zu sein, wie mein Jude Ibn Schoschan. Er war ein guter Jude, und ich bedaure seinen Hingang.« – »Es ehrt mich hoch, Herr König«, antwortete Ibrahim, »daß du mir die Nachfolge dieses klugen und erfolgreichen Mannes anvertraust. Allein wenn ich dir so dienen soll, wie es mein brennendes Verlangen ist, durfte ich mich mit den Vollmachten des edeln Ibn Schoschan – Allah bereite ihm alle Freuden des Paradieses – nicht begnügen.« Der König indes, als hätte der andere nichts gesagt, sprach weiter, und er glitt jetzt in die Landessprache, ins niedrige Latein, ins Kastilische: »Aber daß du verlangtest, mein Siegel zu führen, das fand ich, gelinde gesagt, ungebührlich.«

»Ich kann deine Steuern nicht eintreiben, Herr König«, erwiderte ruhig in langsamem, mühseligem Kastilisch der Kaufmann, »wenn ich nur dein Alfakim bin. Ich mußte verlangen, dein Escrivano zu sein. Denn wenn ich dein Siegel nicht führe, werden mir deine Granden nicht gehorchen.« – »Deine Stimme und die Wahl deiner Worte«, antwortete Don Alfonso, »ist bescheiden, wie es sich geziemt. Aber du täuschest mich nicht. Was du meinst, ist sehr stolz, ich möchte sagen« – und er gebrauchte ein starkes Wort des niedrigen Lateins –, »du bist unverschämt.« Manrique fiel rasch ein: »Der Herr König findet, du kennst deinen Wert.« – »Ja«, sagte mit ihrer hellen Stimme freundlich und in sehr gutem Latein Doña Leonor, »genau das meint der König.«

Wieder verneigte sich der Kaufmann tief, erst vor Leonor, dann vor Alfonso. »Ich kenne meinen Wert«, sagte er, »und ich kenne den Wert der königlichen Steuern. Wollet mich nicht mißverstehen«, fuhr er fort, »du nicht, Dame, du nicht, großer und stolzer König, und du nicht, edler Don Manrique. Gott hat dieses schöne Land Kastilien mit vielen Schätzen gesegnet und mit Möglichkeiten schier ohne Ende. Aber die Kriege, die deine Majestät und deine Vorfahren haben führen müssen, haben euch nicht die Zeit vergönnt, diesen Segen zu nutzen. Jetzt hast du beschlossen, Herr König, deinen Ländern acht Jahre Frieden zu wahren. Was alles kann in diesen acht Jahren an Reichtümern aus deinen Bergen und aus deinem fruchtbaren Boden und aus deinen Flüssen herausgeholt werden. Ich weiß Männer, die deine Knechte lehren können, ihre Äcker ertragreicher zu machen und ihr Vieh zu mehren. Und ich sehe das Eisen, das in deinen Bergen wächst, kostbares Eisen in unendlicher Menge. Ich sehe Kupfer, Lapislazuli, Quecksilber, Silber, und ich werde geschickte Hände herbeischaffen, die das alles herausholen und bereiten und mischen und mengen und schmieden. Ich werde aus den islamischen Ländern Leute herbeiholen, Herr König, die deine Waffenwerkstätten denen von Sevilla und von Córdova ebenbürtig machen. Und es gibt einen Stoff, von dem ihr in diesen Reichen des Nordens kaum noch gehört habt, einen Stoff – man nennt ihn Papier –, auf dem es sich leichter schreibt als auf Pergament, und der, kennt man erst das Geheimnis seiner Herstellung, fünfzehnmal billiger ist als Pergament, und an deinem Fluß Tajo ist alles da, was man benötigt, diesen Stoff herzustellen. Und dann wird das Wissen, Denken und Dichten reicher und tiefer werden in euern Ländern, Herr König und Frau Königin.«

Er sprach mit Schwung und Überzeugung, er richtete die glänzenden, sanft dringlichen Augen bald auf den König, bald auf Doña Leonor, und sie hörten interessiert, fast bewegt dem beredten Manne zu. Don Alfonso fand, was dieser Ibrahim vorbrachte, ein bißchen lächerlich, ja, anrüchig; man erwarb Güter nicht mit Mühe und Schweiß, man eroberte sie mit dem Schwert. Aber Alfonso hatte Phantasie, er sah die Schätze und das Blühen, welches der Mann ihm in Aussicht stellte. Ein großes, freudiges Lächeln ging über sein Gesicht, wieder war er ganz jung, und Doña Leonor fand ihn höchst liebenswert.

Und er tat den Mund auf und anerkannte: »Du sprichst gut, Ibrahim von Sevilla, und vielleicht wirst du einen Teil von dem tun können, was du versprichst. Du scheinst ein kluger, tatkundiger Mann.«

Aber als bereute er’s, daß er sich von dem Krämergerede zu solcher Anerkennung hatte verführen lassen, änderte er jäh seine Weise und sagte hänselnd höhnisch: »Ich höre, du hast einen teuern Preis gezahlt für mein Castillo, das frühere Castillo de Castro. Hast du eine zahlreiche Familie, daß du ein so großes Haus benötigst?« – »Ich habe einen Sohn und eine Tochter«, erwiderte der Kaufmann. »Aber ich habe gerne Freunde um mich, mit ihnen des Rates und des Gespräches zu pflegen. Auch gibt es viele, die meine Hilfe anrufen, und es ist wohlgefällig in den Augen Gottes, Schutzbedürftigen die Zuflucht nicht zu versagen.« – »Du läßt es dich was kosten«, sagte der König, »deinem Gotte zu dienen. Ich hätte es vorgezogen, dir das Castillo auf Lebenszeit umsonst zu überlassen, als Alboroque.« – »Das Haus«, antwortete der Kaufmann höflich, »hieß nicht immer Castillo de Castro. Früher hieß es Kasr Ibn Esra, und darum lag mir daran, es zu besitzen. Deine Räte, Herr König, haben dir wohl mitgeteilt, daß ich trotz meines arabischen Namens ein Mitglied der Familie Ibn Esra bin, und wir Ibn Esras wohnen nicht gerne in Häusern, die uns nicht gehören. Es war nicht Frechheit, Herr König«, fuhr er fort, und nun klang seine Stimme vertraulich, ehrerbietig und liebenswürdig, »was mich bewog, mir ein anderes Alboroque auszubitten.«

Doña Leonor, verwundert, fragte: »Ein anderes Alboroque?« – »Der Herr Escrivano Mayor«, gab Don Manrique Auskunft, »hat verlangt und von uns erhalten das Recht, daß ihm aus den Herden der königlichen Güter täglich für seine Küche ein Lamm geliefert werde.« – »Mir liegt an diesem Privileg«, erläuterte Ibrahim, sich an den König wendend, »weil ein ähnliches dein Großvater, der erlauchte Kaiser Alfonso, meinem Oheim zugestanden hatte. Ich werde nämlich, wenn ich nach Toledo übersiedle und in deine Dienste trete, vor aller Welt zu dem Glauben meiner Väter zurückkehren, den Namen Ibrahim ablegen und wieder Jehuda Ibn Esra heißen, wie jener mein Oheim, der deinem Großvater die Festung Calatrava gehalten hat. Möge mir ein töricht offenes Wort gestattet sein, Herr König und Frau Königin. Wenn ich das in Sevilla tun könnte, würde ich meine schöne Heimat nicht verlassen.«

»Wir freuen uns, daß du unsere Duldsamkeit schätzest«, sagte Doña Leonor. Alfonso aber fragte ohne Umschweife: »Und wirst du keine Schwierigkeiten haben, wenn du aus Sevilla fortgehst?« – »Wenn ich meine Geschäfte dort liquidiere«, entgegnete Jehuda, »werde ich Verluste haben. Andere Schwierigkeiten befürchte ich nicht. Gott hat mich begnadet und mir das Herz des Emirs zugewandt. Er ist ein Mann von hohem, freiem Verstande, und läge es an ihm, so dürfte ich mich auch in Sevilla offen zum Glauben meiner Väter bekennen. Er wird meine Gründe verstehen und mich nicht hindern.«

Alfonso beschaute den Mann, der in höflich ergebener Haltung dastand und so freimütig frech zu ihm redete. Der Mann schien ihm höllisch klug, doch nicht minder gefährlich. Wenn er seinen Freund, den Emir, verriet, wird er ihm, dem Fremden, dem Christen, Treue halten? Jehuda, als hätte er seine Gedanken erraten, sagte beinahe heiter: »Habe ich einmal Sevilla verlassen, dann kann ich natürlich nicht mehr zurückkehren. Du siehst, Herr König, wenn ich dir nicht gut diene, bin ich in deiner Hand.«

Don Alfonso, kurz, fast unwirsch, sagte: »Ich unterzeichne jetzt.« Früher pflegte er seinen Namen lateinisch zu schreiben: »Alfonsus Rex Castiliae« oder »Ego Rex«; in letzter Zeit signierte er immer häufiger in der Sprache des Volkes, in niedrigem Latein, romanisch, kastilisch. »Es genügt dir hoffentlich«, meinte er spöttisch, »wenn ich nur hinsetze: ›Yo el Rey‹?« Jehuda, scherzhaft, entgegnete: »Deine Rubrica, dein Schnörkel würde mir genügen, Herr König.«

Don Manrique reichte Alfonso die Feder. Der König unterzeichnete die drei Dokumente versperrten Gesichtes, schnell, trotzig, so wie man in ein unangenehmes, doch unvermeidbares Abenteuer hineingeht. Jehuda sah zu. Er war voll Genugtuung über das Erreichte, voll freudiger Spannung auf das Kommende. Er war dankbar dem Schicksal, seinem Gotte Allah, seinem Gotte Adonai. Er spürte, wie das islamische Wesen von ihm absank, und unversehens stieg in ihm auf der Segensspruch, den er als Kind hatte sprechen müssen, wenn er ein Neues erreicht hatte: »Gelobt seist du, Adonai, Unser Gott, der du mich hast erreichen und erlangen und erleben lassen diesen Tag.«

Dann unterzeichnete auch er die Schriftstücke und bot sie dem König dar, ehrerbietig, doch nicht ohne eine kleine, verschmitzte Erwartung. Alfonso war denn auch erstaunt, als er die Unterschrift sah, er zog die Brauen hoch und furchte die Stirn; es waren fremdartige Lettern. »Was soll das?« rief er. »Das ist doch nicht arabisch!« – »Ich habe mir erlaubt, Herr König«, erklärte höflich Jehuda, »hebräisch zu unterzeichnen.« Und er erläuterte ehrerbietig: »Mein Oheim, den die Gnade deines erlauchten Großvaters zum Fürsten erhob, hat immer nur hebräisch unterzeichnet: ›Jehuda Ibn Esra Ha-Nassi, der Fürst‹.«

Alfonso zuckte die Achseln und wandte sich Doña Leonor zu; sichtlich hielt er die Audienz für beendet.

Da indes sagte Jehuda: »Ich bitte um die Gnade des Handschuhs.« Es war aber der Handschuh das Symbol eines wichtigen Auftrags, den der Ritter dem Ritter gab; der Handschuh sollte nach glücklich vollbrachtem Auftrag zurückgegeben werden.

Alfonso fand, er habe in dieser Stunde genügend Frechheiten geschluckt, und schickte sich an, heftig zu erwidern; aber ein mahnender Blick Doña Leonors hielt ihn zurück. Er sagte: »Na schön.«

Und nun kniete Jehuda nieder. Und Alfonso gab ihm den Handschuh.

Dann indes, als schämte er sich des Geschehenen und wollte seine Bindung mit dem andern zurückführen auf das, was sie war, ein Geschäft, sagte er: »So, und jetzt schaff mir recht bald die zwanzigtausend Maravedí.« Doña Leonor aber, die großen, grünen Augen prüfend, ein wenig spitzbübisch auf Jehuda gerichtet, sagte mit ihrer hellen Stimme: »Wir freuen uns, dich kennengelernt zu haben, Herr Escrivano.«

Bevor Jehuda die Stadt Toledo verließ, um seine Geschäfte in Sevilla abzuwickeln, suchte er Don Ephraim Bar Abba auf, den Vorstand der jüdischen Gemeinde, der Aljama.

Don Ephraim war ein kleiner, magerer Herr von etwa sechzig Jahren, unscheinbar von Gestalt und Tracht; niemand hätte ihm angesehen, wieviel Macht ihm eignete. Denn der Vorstand der jüdischen Gemeinde von Toledo war einem Fürsten gleich. Die jüdische Gemeinde, die Aljama, hatte eigene Gerichtsbarkeit, keine Behörde hatte ihr einzureden, sie unterstand niemand, nur ihrem »Párnas« Don Ephraim und dem König.

Don Ephraim saß klein und fröstelnd in dem mit Hausrat und Büchern überstopften Raum. Trotz des bereits warmen Wetters war er in einen Pelz gehüllt und hatte ein Kohlenbecken vor sich. Er war über die Vorgänge in der Königsburg gut unterrichtet, und wiewohl die Bestallung des Kaufmanns Ibrahim erst bekanntgegeben werden sollte, wenn er endgültig nach Toledo übersiedelt war, wußte Don Ephraim, daß der Mann aus Sevilla die Generalsteuerpacht und die Nachfolge des Alfakims Ibn Schoschan übernommen hatte. Man hatte ihm selber Pacht und Amt angeboten, doch ihm war das Geschäft zu riskant und die Stellung des Alfakims gerade wegen ihres Glanzes zu gefährlich. Er war vertraut mit der Lebensgeschichte des Kaufmanns Ibrahim, er wußte, daß er heimlicher Jude war, und verstand die innern und äußern Gründe, die ihn zur Übersiedlung nach Kastilien bewegen mochten. Ephraim hatte mehrmals große Geschäfte gemeinsam mit ihm gemacht, mehrmals auch große Geschäfte gegen ihn, und es war ihm unangenehm, daß jetzt dieser zweideutige Sohn des Geschlechtes Ibn Esra den Hauptsitz seiner Unternehmungen nach seinem Toledo verlegte.

Don Ephraim saß da, die Fläche der einen Hand mit den Nägeln der andern reibend, und wartete, was ihm der Gast mitteilen werde. Don Jehuda führte die Unterhaltung hebräisch, in einem angelesenen, sehr gewählten Hebräisch. Er teilte Ephraim sogleich mit, er habe die Einkünfte des königlichen Schatzes von Toledo und von Kastilien gepachtet. »Du hast, wie ich höre, das Angebot der Generalpacht abgelehnt«, sagte er freundlich. »Ja«, antwortete Don Ephraim. »Ich habe gewogen und gezählt und abgelehnt. Ich habe auch die Nachfolge unseres Alfakims Ibn Schoschan – das Andenken des Gerechten zum Segen – abgelehnt. Dieses Amt schien mir zu glänzend für einen bescheidenen Mann.« – »Ich habe es angenommen«, sagte schlicht Don Jehuda. Don Ephraim stand auf und verneigte sich. »Dein Diener wünscht dir Glück, Herr Alfakim«, sagte er, und da Jehuda nur ein kleines, schweigendes Lächeln hatte, fuhr er fort: »Oder darf ich gar sagen, Herr Alfakim Mayor?« – »Des Königs Majestät«, sagte, seinen Triumph mühsam zügelnd, Don Jehuda, »hat geruht, mich zu einem seiner Familiares zu erheben. Ja, Don Ephraim, ich werde einer der vier Geheimräte sein, ich werde in der Curia sitzen. Ich werde die Geschäfte des Königs Unseres Herrn als sein Escrivano Mayor verwalten.«

Don Ephraim hörte das mit einem Gefühl, das aus Bewunderung und Abneigung, aus Freude und Unlust gemischt war. Er dachte: Was muß dieser Tollkühne und Spieler dafür bezahlt haben! Und: Wohin reißt diesen Toren sein Hochmut! Und: Verhüte der Allmächtige, daß Unheil von diesem Manne über Israel kommt!

Don Ephraim war außerordentlich wohlhabend. Das Gerücht wußte von dem ungeheuren Reichtum des Kaufmanns Ibrahim von Sevilla zu erzählen, doch glaubte Don Ephraim im stillen, er selber stehe diesem Abtrünnigen und Stolzen an Gut kaum nach. Er, Ephraim, versteckte seinen Reichtum und blieb unauffällig. Ibrahim von Sevilla hingegen, ein rechter Ibn Esra, war immer darauf ausgegangen, von sich und seinem Prunk reden zu machen, und was alles erst wird dieser begabte, zweideutige und gefährliche Mensch jetzt anrichten, wenn er sich, Gott herausfordernd, auf diesen frechen Gipfel in Toledo stellt.

Vorsichtig sagte Ephraim: »Die Aljama ist mit Ibn Schoschan immer sehr gut ausgekommen.« – »Hast du Furcht, Don Ephraim?« antwortete freundlich Don Jehuda. »Habe keine Furcht! Fern sei es von mir, der Gemeinde Toledo zu nahe zu treten oder gar sie zu bedrücken. Ich werde ja selber eines ihrer Glieder sein. Dir das zu sagen, bin ich hier. Du weißt, ich habe in meinem Herzen den Glauben der Söhne Hagars immer nur für einen halbechten Sproß unsres alten Glaubens gehalten. Sowie ich hier mein Amt antrete, werde ich in den Bund Abrahams zurückkehren und vor aller Welt den Namen führen, den meine Väter mir gegeben haben: Jehuda Ibn Esra.«

Don Ephraim mühte sich, freudig überrascht auszuschauen, aber seine Sorge wuchs. Wie er selber, sollte auch seine Aljama unauffällig bleiben. In diesen Zeiten, da ein neuer Kreuzzug drohte, der sicherlich neue Judenhetzen zur Folge haben wird, war weise Zurückhaltung doppelt notwendig. Und da lenkte dieser Ibrahim von Sevilla durch seinen Übertritt die Augen der ganzen Welt auf die Judenheit Toledos! Von jeher waren die Ibn Esras ruhmredig gewesen. Sie hatten geprahlt wie die Jahrmarktsgaukler. Bis jetzt waren sie wenigstens nur in Saragossa gesessen, in Logroño, in Toulouse, Ephraims Toledo war von ihnen frei geblieben. Und jetzt hatte er diesen auf dem Nacken, den üppigsten und gefährlichsten von allen!

Der fromme und sehr kluge Ephraim wollte nicht ungerecht sein. Die Ibn Esras mit ihrem Prunk und ihrer Großmannssucht waren seiner Seele fremd, aber sie waren, er gab es sich ohne weiteres zu, die Erste Familie des Sepharads, des spanischen Israels, und sie hatten Gelehrte, Dichter, Soldaten, Kaufherren, Diplomaten hervorgebracht, deren Namen ein Glanz Judas waren und Klang hatten auch im Islam und in der Christenheit. Vor allem aber hatten sie in diesem Jahrhundert der Bedrängnis den Juden großherzig geholfen, sie hatten Tausende aus der Sklaverei der Heiden losgekauft und Tausenden Zuflucht geschafft im Sepharad und in der Provence. Und auch der Ibn Esra, der hier vor ihm saß, war begnadet mit hohen Gaben, er war unter schwierigen Verhältnissen zum ersten Kaufmann Sevillas aufgestiegen. Aber bedeutete ein Mann von seiner Ruhmsucht und seinem verbrecherisch-spielerischen Übermut nicht trotzdem mehr Gefahr für Israel als Segen?

Dies alles bedachte Don Ephraim in den drei Sekunden, die der Ankündigung Don Jehudas folgten. In der vierten sagte er ehrerbietig: »Daß du zu uns kommst, Don Jehuda, ist uns hohe Ehre. Gott hat der Aljama von Toledo zur rechten Zeit den rechten Mann geschickt, sie zu führen. Denn du mußt mir erlauben, deinen Bürden eine neue zuzufügen und mein Amt in deine Hände zu legen.«

Im stillen dachte er: O Gott, Allmächtiger, strafe Israel nicht zu hart! Du hast diesem Meschummad, diesem Abtrünnigen, das Herz gewandelt, daß er zu uns zurückkehrt. Laß ihn hier in deinem Toledo nicht zu viel Prunk und Stolz entfalten, und laß ihn nicht mehren den Neid und Haß der Völker, der Gojim, gegen Israel!

Don Jehuda mittlerweile sagte: »Nicht doch, Don Ephraim. Wer könnte besser als du die Geschäfte der Aljama leiten? Aber ich werde stolz sein, wenn ihr mich einmal am Sabbat aufruft zum Verlesen des Abschnitts aus der Schrift wie jeden andern guten Juden. Und heute schon, Don Ephraim, mußt du mir erlauben, das Los eurer Armen ein wenig zu verbessern. Laß mich dir einen kleinen Beitrag überweisen, sagen wir fünfhundert Goldmaravedí.«

Das war eine Gabe, wie sie der Gemeinde Toledo noch niemals geschenkt worden war, und die freche, spielerische, gauklerhafte, sündhafte Überheblichkeit Jehudas erschreckte und empörte Don Ephraim. Nein, wenn dieser Mann in seinem dreisten Glanz in Toledo herumging, dann konnte er, Ephraim, nicht länger Párnas der Aljama sein. »Überdenk es noch einmal, Don Jehuda«, bat er. »Die Aljama soll sich nicht und wird sich nicht mit einem Ephraim begnügen, wenn ein Jehuda Ibn Esra in Toledo ist.«

»Spotte meiner nicht«, antwortete ruhig Jehuda. »Niemand weiß besser als du, daß die Aljama zu ihrem Führer keinen Mann haben will, der vierzig Jahre lang im Glauben der Söhne Hagars verblieb und sich jeden Tag fünfmal zu Mohammed bekannt hat. Du selber wirst nicht wollen, daß ein Meschummad Gemeindevorstand sei in Toledo. Gib es zu.«

Von neuem spürte Ephraim Widerwillen und Bewunderung. Er selber hatte mit keinem Wort auf den Makel Jehudas angespielt. Aber dieser Mann sprach davon mit schamloser Offenheit, ja, mit Stolz, mit dem verruchten Stolz der Ibn Esras. »Es steht mir nicht zu, über dich zu richten«, sagte er.

»Bedenke dieses, mein Herr und Lehrer Ephraim«, sagte Don Jehuda und schaute dem andern voll ins Gesicht, »die Söhne Hagars haben mir seit jener ersten grausigen Kränkung kein Unrecht zugefügt. Vielmehr waren sie lind zu mir wie warmes Rosenwasser und haben mich genährt mit dem Fett ihres Landes. Ihre Bräuche sind mir lieb geworden, und wenn auch mein Herz widerstrebt, so sind mir manche Sitten angewachsen wie eine zweite Haut. Sehr wohl kann es sich ereignen, daß ich, wenn ich vor einer wichtigen Entscheidung stehe, aus der Gewohnheit meines Herzens den Gott Mohammeds anrufe und die ersten Verse des Korans bete. Gesteh es, Don Ephraim, würdest du, wenn dir solches zu Ohren käme, nicht versucht sein, den großen Bann gegen mich zu verkünden, den Cherem?«

Es erbitterte Don Ephraim, daß ihn der andere wiederum genau erriet. Sicher war dieser Jehuda trotz seines großartigen Entschlusses ein Frevler und Freigeist, und in der Tat war dem Ephraim für einen Augenblick verlockend die Vorstellung aufgestiegen, wie er vom Almemor aus, der Verkündigungsstätte der Synagoge, den Bann wider ihn verkünden lassen wird unter dem Klang des Schofars, des Widderhorns. Aber das waren eitle Träume; ebensogut könnte er den Bann verhängen über den Großkalifen oder über den König Unsern Herrn.

»Kein anderes Geschlecht hat so viel für Israel getan wie die Familie Ibn Esra«, antwortete er höflich ausweichend. »Auch ist bekannt, daß dein Vater dich zum Abtrünnigen bestimmt hat, bevor du dreizehn Jahre alt warst.« – »Hast du das Sendschreiben gelesen«, fragte Jehuda, »in welchem Unser Herr und Lehrer Mose Ben Maimon diejenigen verteidigt, die sich unter Zwang zum Propheten Mohammed bekannt haben?« – »Ich bin ein einfacher Mann«, antwortete ablehnend Don Ephraim, »und mische mich nicht in den Disput der Rabbinen.« – »Du darfst nicht glauben, Don Ephraim«, sagte mit Wärme Jehuda, »daß ein einziger Tag vergangen wäre, an dem ich nicht der Lehre gedacht hätte. Ich habe im Unterbau meines Hauses in Sevilla eine Synagoge, und an den hohen Feiertagen kamen wir zusammen, unser zehn, und verrichteten die Gebete, wie es Vorschrift ist. Ich werde dafür sorgen, daß meine Synagoge in Sevilla erhalten bleibt, auch wenn ich hierher übersiedle. Emir Abdullah ist großzügig und mein Freund; er wird die Augen zudrücken.«

»Wann beabsichtigst du, in Toledo einzutreffen?« erkundigte sich Don Ephraim. »Ich denke, in drei Monaten«, erwiderte Jehuda. »Darf ich dich einladen, dann mein Gast zu sein?« bot Ephraim ihm an. »Mein Haus ist freilich bescheiden.« – »Ich danke dir«, antwortete Jehuda, »ich habe mir bereits Unterkunft verschafft. Ich habe von dem König Unserm Herrn das Castillo de Castro erworben. Ich werde es umbauen lassen für mich, meine Kinder, meine Freunde und meine Diener.«

Don Ephraim konnte ein tiefes Erschrecken nicht verbergen. »Die Castros«, warnte er, »sind noch rachsüchtiger und gewalttätiger als die andern Ricoshombres. Sie haben, als ihnen der König ihr Haus wegnahm, wüste Drohungen ausgestoßen. Sie werden es für einen Schimpf ohne Beispiel erklären, wenn einer aus der Judenheit darin wohnt. Bedenke es gut, Don Jehuda. Die Castros sind sehr mächtig und haben viele Anhänger. Sie werden das halbe Reich aufwiegeln gegen dich – und gegen ganz Israel.«

»Ich danke dir für deine Warnung, Don Ephraim«, sagte Jehuda. »Der Allmächtige hat mir ein Herz ohne Angst gegeben.«

Zweites Kapitel

Es erschien in Toledo mit Geleitbriefen des Königs der Intendant und Sekretär Don Jehudas, Ibn Omar. Mit ihm kamen moslemische Architekten, Künstler und Handwerker. Große Geschäftigkeit begann im Castillo de Castro, und die Energie und Verschwendung, mit welcher der Umbau betrieben wurde, erregte die Stadt. Dann trafen aus Sevilla Bedienstete aller Art ein, und später auf vielen Wagen mannigfacher Hausrat, dazu dreißig Maultiere und zwölf Pferde, und immer neue, bunte Gerüchte flatterten auf um den Fremden, der da kommen sollte.

Dann kam er. Mit ihm seine Tochter Raquel, sein Sohn Alazar und sein vertrauter Freund, der Arzt Musa Ibn Da’ud.

Jehuda liebte seine Kinder und machte sich Gedanken darüber, ob sie, aufgewachsen in dem verfeinerten Sevilla, sich ins derbe Leben Kastiliens würden einfügen können.

Dem tatenlustigen Alazar, dem Vierzehnjährigen, wird freilich die rauhe, ritterliche Welt gut gefallen; wie aber wird es mit Rechja sein, mit seiner lieben Raquel?

Zärtlich, mit leiser Sorge, beschaute er sie, wie sie neben ihm herritt. Sie reiste, wie das üblich war, in Männerkleidung. Jünglinghaft saß sie im Sattel, etwas schlaksig, eckig, kühn und kindlich. Kaum hielt die Kappe das dichte, schwarze Haar. Mit den großen, blaugrauen Augen, aufmerksam, musterte sie die Menschen und Häuser der Stadt, die nun ihre Heimat sein sollte.

Jehuda wußte, daß sie keine Mühe scheuen werde, sich dieses Toledo zur Heimat zu machen. Kaum nach Sevilla zurückgekehrt, hatte er ihr auseinandergesetzt, was ihn forttrieb. Er hatte mit ihr, der Siebzehnjährigen, so freimütig gesprochen, als wäre sie ihm gleich an Alter und Erfahrung. Er spürte, seine Raquel, so kindlich sie sich noch manchmal gab, begriff ihn aus dem Gefühl heraus. Sie gehörte zu ihm, sie war – gerade in jener Unterredung hatte es sich gezeigt – in Wahrheit eine Ibn Esra, tapfer, gescheit, aufgeschlossen allem Neuen, voll von Gefühl und Phantasie.

Aber wird sie sich hier bei diesen Christen und Soldaten zurechtfinden? Muß sie in dem kahlen, kalten Toledo ihr Sevilla nicht vermissen? Dort hatte jedermann sie gerne gehabt. Nicht nur hatte sie Freundinnen ihres Alters, auch die Herren in der Umgebung des Emirs, diese kundigen, wissenden Diplomaten, Dichter, Künstler, hatten ihre Freude an den naiven, merkwürdigen Fragen und Beobachtungen dieses halben Kindes Raquel.

Wie immer, jetzt waren sie in Toledo, und da war das Castillo de Castro, und jetzt nahmen sie es in Besitz, und von jetzt an wird es das Castillo Ibn Esra sein.

Jehuda war freudig überrascht, was alles seine erprobten Helfer in so kurzer Zeit aus dem unwirtlichen Hause gemacht hatten. Die Steinböden, die früher jeden Schritt hatten dröhnen lassen, waren mit sanften, dicken Teppichen belegt. Sofas zogen sich an den Wänden hin mit bequemen Polstern und Kissen. Friese, rot, blau und golden, liefen um den Raum; verwebt in kunstvolle Ornamente, luden arabische und hebräische Inschriften zur Betrachtung. Kleine Fontänen, gespeist durch ein klug erdachtes System von Wasserröhren, gaben Kühlung. Ein weiter Raum war da für Jehudas Bücher; manche lagen aufgeschlagen auf Pulten und zeigten die kunstreichen, farbigen Initialen und Randleisten.

Und da war der Patio, jener Hof, in dem er damals den großen Entschluß gefaßt hatte, da die Fontäne, an deren Rand er gesessen war. Genau wie er sich’s gedacht hatte, hob sich und fiel ihr Strahl, gleichmäßig still. Das dichte dunkle Laub der Bäume vertiefte die Stille; durch das Laub aber schauten sattgelb Orangen und mattgelb Zitronen. Zugeschnitten waren die Bäume, bunt und kunstvoll geordnet die Blumenbeete, und überall war sanft rinnendes Wasser.

Doña Raquel, mit den andern, besichtigte das neue Haus, weitäugig, aufmerksam, einsilbig, doch innig vergnügt. Dann nahm sie Besitz von den beiden Räumen, die ihr bestimmt waren. Entledigte sich der engen, reibenden Männerkleidung. Ging daran, sich von dem Staub und Schweiß der Reise zu säubern.

Neben ihrem Schlafzimmer war eine Badekammer. In den fliesenbedeckten Boden eingelassen war ein tiefes Bassin, versehen mit einer Röhrenleitung für warmes und kaltes Wasser. Bedient von ihrer Amme Sa’ad und der Zofe Fátima, badete Doña Raquel. Wohlig lag sie in dem warmen Wasser und hörte mit halbem Ohr auf das Geschwätz der Amme und der Dienerin.

Bald hörte sie nicht mehr, sondern überließ sich ihren wandernden Gedanken.

Es war alles wie in Sevilla, sogar die Wanne, in der sie lag. Aber sie selber war keine Rechja mehr, sie war Doña Raquel.

Auf der Reise, abgelenkt von immer neuen Eindrücken, war sie sich niemals ganz bewußt geworden, was das bedeutete. Nun, da sie angekommen war und entspannt in der Ruhe des Bades lag, überfiel sie zum erstenmal mit ganzer Wucht das Gefühl der Veränderung. Wäre sie noch in Sevilla gewesen, dann wäre sie zu ihrer Freundin Layla gelaufen, um sich mit ihr auszusprechen. Layla war ein unwissendes Mädchen, sie verstand nichts und konnte ihr nicht helfen, aber sie war ihre Freundin. Hier war keine Freundin, hier waren lauter Fremde und lauter Fremdes. Hier war keine Azhar-Moschee; der Ruf des Muezzins von der Azhar-Moschee, der zur Waschung und zum Gebet mahnte, war gellend wie der jedes andern, aber sie kannte ihn heraus. Und hier war kein Chatib, ihr eine schwierige Stelle des Korans zu erklären. Hier waren nur wenige, mit denen sie in ihrem lieben, vertrauten Arabisch schwatzen konnte; sie wird eine harte, komische Sprache brauchen müssen, und um sie werden Menschen sein mit groben Stimmen und Gebärden und mit rauhen Gedanken, Kastilier, Christen, Barbaren.

Sie war glücklich gewesen in dem hellen, wunderbaren Sevilla. Ihr Vater hatte dort zu den Ersten gehört, und schon weil sie dieses Vaters Tochter war, hatten alle sie liebgehabt. Wie wird es hier sein? Werden diese Christen verstehen, was für ein großer Mann ihr Vater ist? Und werden sie Sinn haben für ihr, Raquels, Wesen und ihre Art? Wird nicht sie ihnen genauso fremd und komisch vorkommen wie die Christen ihr?

Und dann war da das andere, noch größere Neue; jetzt war sie vor aller Welt eine Jüdin.

Sie war im Glauben der Moslems aufgewachsen. Aber noch als sie ganz klein war – es war gleich nach dem Tod der Mutter, fünf Jahre mochte sie gewesen sein –, hatte der Vater sie beiseite genommen und ihr flüsternd, bedeutsam gesagt, sie gehöre zur Familie der Ibn Esras, und das sei ein Einmaliges, sehr Großes, aber auch ein Heimliches, von dem man nicht reden dürfe. Später dann, als sie größer war, hatte er ihr eröffnet, daß er Moslem sei, aber auch Jude, und er hatte ihr erzählt von jüdischen Lehren und Sitten. Doch hatte er ihr nicht befohlen, diese Bräuche zu üben. Und als sie ihn einmal geradezu fragte, was sie glauben und was sie tun solle, hatte er freundlich erwidert, da sei kein Zwang; wenn sie erst erwachsen sei, dann möge sie selber entscheiden, ob sie die hohe, doch nicht ungefährliche Verpflichtung heimlichen Judentums auf sich nehmen wolle.

Daß der Vater ihr die Entscheidung auflegte, hatte sie mit Stolz erfüllt.

Einmal hatte sie sich nicht länger zähmen können und gegen ihren Willen ihrer Freundin Layla anvertraut, daß sie eigentlich eine Ibn Esra sei. Layla aber hatte seltsamerweise geantwortet: »Ich wußte es«, und nach einem kleinen Schweigen hatte sie hinzugefügt: »Du Arme.«

Raquel hatte nie mehr mit Layla über ihr Geheimnis gesprochen. Aber als sie das letztemal zusammen waren, hatte Layla haltlos geweint und gesagt: »Ich habe immer geahnt, daß es so kommen wird.«

Es war jenes dreiste, törichte Mitleid Laylas gewesen, das damals Raquel antrieb, genauer zu erkunden, was denn diese Juden waren, zu denen sie und der Vater gehörten. Die Moslems nannten sie »das Volk des Buches«; also mußte sie zuerst einmal dieses Buch lesen.

Sie bat Musa Ibn Da’ud, Onkel Musa, der im Hause des Vaters lebte und der sehr gelehrt war und viele Sprachen kannte, sie im Hebräischen zu unterweisen. Sie lernte leicht und konnte bald in dem Großen Buch lesen.

Sie hatte sich von ihren frühesten Jahren an zu Onkel Musa hingezogen gefühlt, doch erst in den Stunden des Unterrichts lernte sie ihn recht kennen. Dieser nächste Freund ihres Vaters war ein langer, dünner Herr, älter als der Vater; manchmal schien er uralt, dann wieder auffallend jung. Aus seinem hagern Gesicht ragte eine fleischige, stark gekrümmte Nase, über ihr leuchteten große, schöne Augen, die einen durch und durch schauen konnten. Er hatte viel erlebt; der Vater sagte, er habe sein ungeheures Wissen und die Freiheit seines Geistes mit vielen Leiden bezahlen müssen. Doch sprach er nicht davon. Wohl aber erzählte er manchmal dem Kinde Raquel von fernen Ländern und seltsamen Menschen, und das war noch aufregender als all die Märchen und Geschichten, die Raquel gerne hörte und las; denn da vor ihr saß dieser ihr Freund und Onkel Musa und war mitten drin gewesen.

Musa war Moslem und hielt alle Bräuche. Aber er schien lax im Glauben und verbarg nicht milde Zweifel an allem, was nicht Wissen war. Einmal, als er mit ihr im Propheten Jesaja las, sagte er: »Das war ein großer Dichter, vielleicht ein größerer als der Prophet Mohammed und der Prophet der Christen.«

Das war verwirrend. Durfte sie, die sich zum Propheten bekannte, überhaupt in dem Großen Buch der Juden lesen? Wie alle Moslems betete sie täglich die Eingangs-Sure des Korans, und da hieß es im letzten, siebenten Verse, Allah möge seine Gläubigen fernhalten vom Wege derer, denen er zürne. Mit diesen Gnadelosen aber, hatte ihr Freund erklärt, der Chatib der Azhar-Moschee, waren die Juden gemeint; denn daß Allah ihnen zürnte, zeigte er ja durch das Unheil, das er über sie brachte. Ging sie also nicht, wenn sie in dem Großen Buch las, den falschen Weg? Sie faßte sich ein Herz und fragte Musa. Der schaute sie lang und freundlich an und meinte, ihnen, den Ibn Esras, zürne Allah offenbar nicht.

Das leuchtete Raquel ein. Mußte doch ein jeder sehen, daß Allah ihrem Vater gnädig war. Nicht nur hatte er ihm jegliche Weisheit gegeben und das mildeste Herz, er hatte ihn auch mit allen äußern Gütern gesegnet und mit hohem Ruhme.

Raquel liebte ihren Vater. In ihm sah sie verleiblicht alle die Helden der bunten, blühenden Märchen und Geschichten, die sie so gerne hörte, die würdigen Herrscher, die klugen Wesire, die weisen Ärzte, Hofherren und Zauberer, dazu alle die von Liebe brennenden Jünglinge, denen die Frauen zuflogen. Und überdies war um den Vater sein hohes, gefährliches Geheimnis: er war ein Ibn Esra.

Von allen ihren Erlebnissen hatte sich ihr am tiefsten ins Herz geprägt jenes dunkle, flüsternde Gespräch, in welchem der Vater dem Kinde eröffnet hatte, daß er zu den Ibn Esras gehörte. Dann aber war dieses Gespräch verschattet worden von einem noch bedeutsameren. Als nämlich der Vater von seiner großen Reise ins nördliche Sepharad, ins christliche Spanien, zurückgekehrt war, nahm er sie beiseite und sprach ihr, gedämpft wie damals, von den Gefahren, die hier in Sevilla die heimlichen Juden bedrohen werden, wenn der Heilige Krieg ausbricht; und dann, im Tone des Märchenerzählers, beinahe scherzend, fuhr er fort: »Und hier, ihr Gläubigen, beginnt die Geschichte von dem Dritten Bruder, der aus dem hellen, sichern Tag in das mattgoldene Dämmer der Höhle ging.« Raquel begriff sofort, sie nahm seinen Ton auf, und wie die Hörer in den Märchen fragte sie: »Und was geschah diesem Manne?« – »Um das zu erfahren«, hatte der Vater erwidert, »werde ich in die dämmerige Höhle gehen«, und er hatte den sanft dringlichen Blick nicht von ihr gelassen. Er gönnte ihr eine kleine Weile, sich zurechtzufinden in dem, was er ihr da eröffnet hatte; dann hatte er weitergesprochen: »Als du ein Kind warst, meine Tochter, habe ich dir gesagt, du werdest einmal wählen müssen. Nun ist es an dem. Ich rate dir weder ab, mir zu folgen, noch rede ich dir zu. Es sind hier viele Männer, junge, kluge, gebildete, treffliche, die sich freuen werden, dich zur Frau zu haben. Wenn du es willst, gebe ich dich einem von ihnen, und deiner Mitgabe sollst du dich nicht zu schämen haben. Überdenk es gut, und in einer Woche werde ich dich fragen, wie du entschieden hast.« Sie aber hatte ohne Zögern geantwortet: »Will mein Vater mir die Gunst erweisen, mich schon heute zu fragen, jetzt?« – »Also frage ich dich jetzt«, hatte der Vater erwidert, und sie hatte gesagt: »Was mein Vater tut, ist recht, und wie er tut, will auch ich tun.«

Das Herz war ihr warm geworden, da sie sich ihm so innig verknüpft fand, und auch über sein Gesicht war eine große Freudigkeit gegangen.

Dann hatte er ihr erzählt von der abenteuerlichen Welt der Juden. Immer hatten sie gefährlich leben müssen, auch jetzt waren sie bedroht von Moslems wie von Christen, und das war eine große Prüfung Gottes, der sie einzigartig gemacht und sie auserwählt hatte. Inmitten dieses Volkes aber, des berufenen, lange geprüften, war wiederum ein Geschlecht auserwählt: die Ibn Esras. Und nun hatte Gott ihm, einem dieser Ibn Esras, die Sendung auferlegt. Er hatte die Stimme Gottes gehört und hatte geantwortet: Hier bin ich. Und wenn er bisher nur am Rande der jüdischen Welt gelebt hatte, so mußte er sich jetzt aufmachen, mitten in diese Welt hineinzugehen.

Daß der Vater sie in sein Inneres hatte schauen lassen, daß er ihr vertraute wie sie ihm, hatte sie ganz zu einem Teil von ihm gemacht.

Jetzt, angelangt am Orte ihrer Bestimmung, entspannt im Bade, hörte sie im Geist alle seine Worte wieder. Leise freilich in diese Worte hinein klang das haltlose Weinen ihrer Freundin Layla. Aber Layla war ein kleines Mädchen, sie wußte nichts und sie verstand nichts, und Raquel war dem Schicksal dankbar, das sie zu einer Ibn Esra gemacht hatte, und sie war glücklich und voll von Erwartung.

Sie erwachte aus ihrem Geträume und hörte wieder das Geschwatz ihrer lieben, dummen alten Amme Sa’ad und der geschäftigen Fátima. Die Frauen liefen ab und zu, aus der Badekammer ins Schlafzimmer und zurück, und konnten sich nicht zurechtfinden in den neuen Räumen. Es lächerte Raquel, sie wurde kindisch und albern.

Sie richtete sich auf. Sah an sich herunter. Dieses nackte, blaßbräunliche Mädchen, das dastand, überrieselt von Wasser, war also keine Rechja mehr, sondern Doña Raquel Ibn Esra. Und lachend und ungestüm fragte sie die Alte: »Bin ich nun anders? Siehst du, daß ich anders bin? Sag schnell!« Und da die Alte nicht gleich verstand, drängte sie, immer lachend und herrisch: »Ich bin doch jetzt eine Kastilierin, eine Toledanerin, eine Jüdin!« Die Amme Sa’ad, bestürzt, plapperte mit ihrer hohen Stimme: »Lade doch keine Schuld auf dich, Rechja, mein Augapfel, mein Töchterchen, du Rechtgläubige. Du glaubst doch an den Propheten.« Raquel, lächelnd und besinnlich, erwiderte: »Beim Bart des Propheten, Amme: Ich weiß nicht genau, wie weit ich hier in Toledo an den Propheten glaube.« Die Alte, tief erschreckt, wich zurück: »Allah behüte deine Zunge, Rechja, meine Tochter«, sagte sie. »Solche Scherze solltest du nicht machen.« Raquel aber sagte: »Wirst du mich gleich Raquel nennen! Wirst du mich endlich Raquel nennen!« Und: »Raquel! Raquel!« rief sie. »Sags nach!« Und sie ließ sich zurückfallen ins Wasser, daß es die Alte überspritzte.

Als Jehuda sich in der Königsburg meldete, empfing ihn Don Alfonso sogleich. »Nun also«, fragte er mit trockener Höflichkeit, »was hast du erreicht, mein Escrivano?«

Jehuda erstattete Bericht. Seine Repositarii, seine Rechtskundigen, waren dabei, die Listen der Steuern und Abgaben zu revidieren und zu ergänzen; er werde in wenigen Wochen genaue Ziffern vorlegen. Einhundertunddreißig Sachverständige waren ins Land gerufen, zumeist aus moslemischen Gebieten, aber auch aus der Provence, aus Italien, ja, selbst aus Engelland, die Landwirtschaft, den Bergbau, das Gewerbe, das Straßennetz zu verbessern. Jehuda führte Einzelheiten an, Ziffern; er sprach frei, aus dem Gedächtnis.

Der König schien nur lässig zuzuhören. Als indes Jehuda zu Ende war, meinte er: »War nicht einmal von neuen, großen Gestüten die Rede, die du mir anlegen wolltest? Davon habe ich in deinem Vortrag nichts gehört. Auch stelltest du in Aussicht, du würdest Goldschmiedewerkstätten errichten, so daß meine Münze Gold würde prägen können. Hast du in dieser Richtung etwas unternommen?«

Jehuda hatte in seinen zahlreichen Memoranden ein einziges Mal die Verbesserung der Pferdezucht, ein einziges Mal die Errichtung von Goldschmiedewerkstätten erwähnt. Er wunderte sich über Don Alfonsos gutes Gedächtnis. »Mit Gottes und mit deiner Hilfe, Herr König«, antwortete er, »wird es vielleicht möglich sein, in hundert Monaten nachzuholen, was in hundert Jahren verabsäumt worden ist. Was in diesen drei Monaten hingestellt wurde, scheint mir kein schlechter Anfang.«

»Es ist einiges geschehen«, gab der König zu. »Aber ich bin nicht geschickt in der Kunst des Wartens. Ich sag es dir offen, Don Jehuda, der Schaden, den du mir bereitest, scheint mir größer als der Nutzen. Vorher haben meine Barone, wenn auch widerwillig und mit Vorbehalt, Beisteuern für Kriegszwecke bezahlt; das waren, berichtet man mir, die Haupteinkünfte meines Schatzes. Jetzt, da du mein Escrivano bist, berufen sie sich auf den langen Frieden, der vor uns gähnt, und zahlen nichts mehr.«

Daß der König das Erreichte so danklos hinnahm und ihm weithergeholte Vorwürfe machte, verdroß Jehuda. Er bedauerte, daß Doña Leonor nach Burgos zurückgekehrt war; ihre helle, heitere Gegenwart hätte das Gespräch freundlicher gewendet. Aber er schluckte den Unmut hinunter und erwiderte mit ehrerbietiger Ironie: »Darin gleichen deine Granden deinen nichtprivilegierten Untertanen. Wenn es ans Zahlen geht, suchen sie alle nach Ausflucht. Aber die Argumente deiner Barone sind brüchig, und meine geübten Repositarii können sie mit guten Gründen widerlegen. Ich werde dich bald in aller Demut bitten, einen Mahnbrief an deine Ricoshombres zu unterzeichnen, der sich auf diese Gründe stützt.«

Sosehr die Unverschämtheit und der Stolz seiner Granden den König erbitterten, es ärgerte ihn, daß der Jude ohne Achtung von ihnen sprach. Es ärgerte ihn, daß er den Juden brauchte. Er bestand: »Du warst es, der mir diese höllischen acht Jahre Waffenstillstand aufgehalftert hat. Jetzt muß ich mir mit Händler- und Schreiberkniffen zu helfen suchen.«

Jehuda bezähmte sich. »Deine Räte«, antwortete er, »haben damals zugegeben, daß ein langer Friede dir ebenso nützt wie dem Emir von Sevilla. Ackerbau und Gewerbe sind verwahrlost. Deine Barone bedrücken Bürger und Bauern. Du brauchst eine Zeit des Friedens, um das zu ändern.«

»Ja«, sagte bitter Alfonso. »Ich muß den Krieg gegen die Ungläubigen andern überlassen, und du betätigst dich und machst Geschäfte.«

»Es geht nicht um Geschäfte, Herr König«, belehrte, immer geduldig, Jehuda seinen Herrn. »Deine Granden sind übermütig geworden, weil du sie im Kriege brauchtest; es geht darum, ihnen beizubringen, daß du der König bist.«

Alfonso trat sehr nahe vor Jehuda hin und schaute ihm mit seinen grauen Augen, von denen ein Schein ausging, ins Gesicht. »Was für krumme Wege hast du dir ausgedacht, mein schlauer Herr Escrivano«, fragte er, »dein Geld mit Zinsen aus meinen Baronen herauszuholen?«

Jehuda wich nicht zurück. »Ich habe viel Kredit, Herr König«, sagte er, »und also viel Zeit. Darum kann ich deiner Majestät große Summen leihen und brauche keine Angst zu haben, auch wenn ich auf die Rückgabe lange warten muß. Auf solchen Erwägungen beruht mein Plan. Wir werden von deinen Granden verlangen, daß sie dein Steuerrecht im Prinzip anerkennen, aber rasche Zahlung werden wir nicht von ihnen verlangen. Wir werden ihnen die Abgaben stunden und nochmals stunden. Dafür werden wir Gegenleistungen fordern, die sie wenig kosten. Wir werden fordern, daß sie ihren Städten und Dörfern Fueros einräumen, Privilegien, die diesen Siedlungen eine gewisse Unabhängigkeit geben. Wir werden erwirken, daß immer mehr Städte und Dörfer nicht mehr deinen Baronen unterstehen, sondern nur dir hörig und verantwortlich sind. Deine Bürger werden Abgaben williger und pünktlicher entrichten als deine Granden, und es werden höhere Abgaben sein. Die Arbeit deiner Bauern und der Gewerbefleiß und Handel deiner Städte sind deine Stärke, Herr König. Vermehre ihre Rechte, und die Gewalt deiner widerspenstigen Granden wird kleiner.«

Alfonso war zu klug, um nicht einzusehen, daß dieser Weg der einzig wirksame war, die unverschämten Barone mürbe zu machen. Man versuchte denn auch in andern christlichen Reichen Spaniens, in Aragon, Navarra, León, Bürger und Bauern gegen die Granden zu unterstützen. Allein man tat es auf sehr behutsame Art. Die Könige gehörten selber zu den Granden, nicht zum Pöbel, sie waren Ritter, sie wollten es nicht einmal vor sich selber wahrhaben, daß sie sich mit dem Pack gegen die Granden verbündeten, und noch nie hatte jemand gewagt, Alfonso dergleichen in nackten Worten vorzuschlagen. Dieser Fremde, der keine Ahnung hatte von Rittertum und edelmännischer Art, wagte es. Er sprach das Gemeine, das zu tun man genötigt war, in gemeinen Worten aus. Alfonso war ihm dankbar und haßte ihn.

»Glaubst du im Ernst«, spottete er, »du kannst durch Papier und Geschwätz einen Nuñez oder einen Arenas dahin bringen, auf Städte und Bauern zu verzichten? Meine Barone sind Ritter, du Überschlauer, keine Händler und Advokaten.«

Wieder verwand Jehuda die Kränkung. »Diese deine Herren Ritter«, antwortete er, »werden lernen, daß Recht, Gesetz und Vertrag etwas ebenso Starkes und Wirkliches sind wie ihre Burgen und Schwerter. Ich bin sicher, daß ich sie das lehren kann, wenn ich auf die freudige Mithilfe deiner Majestät rechnen darf.«

Der König wehrte sich gegen den Eindruck, den Don Jehudas Ruhe und Zuversicht auf ihn machten. Er beharrte störrisch: »Wenn sie auch schließlich irgendeinem Drecknest Marktfreiheit gewähren, Abgaben an mich werden sie nicht leisten, das sag ich dir voraus. Und sie haben recht. Sie haben in Friedenszeiten keine Steuern zu zahlen. So hab ich es geschworen, unterschrieben und gesiegelt, als sie mich zum König machten. Yo el Rey. Und nun wird ja, dank deiner Weisheit, auf lange Jahre kein Krieg sein. Darauf berufen sie sich, darauf stehen sie.«

»Deine Majestät verzeihe«, setzte unerschüttlich Don Jehuda auseinander, »daß ich den König gegen den König verteidige. Deine Barone haben nicht recht, ihr Argument hält nicht stich. Krieg wird, ich hoffe es innig, acht Jahre lang nicht sein, aber dann wird, wie die Welt dich kennt, wieder Krieg sein. Und Kriegshilfe haben die Herren dir zu leisten. Es ist meine Pflicht als dein Escrivano, beizeiten für deinen Krieg vorzusorgen, das heißt, jetzt schon mit seiner Finanzierung zu beginnen. Es widerspräche der Vernunft, wollte ich Kriegsgelder in Hast zusammenkratzen, wenn der Krieg schon da ist. Wir werden nur einen kleinen Jahresbeitrag verlangen, und wir werden ihn fürs erste nur von deinen Städten verlangen. Denen gewähren wir gewisse Freiheiten, und sie werden dir die Waffenhilfe gerne leisten. Deine Barone können nicht so unritterlich sein, dir zu verweigern, was deine Bürger dir gewähren.«

Don Jehuda ließ Alfonso Zeit, das zu überdenken. Dann, sieghaft, fuhr er fort: »Darüber hinaus wirst du, Herr König, deine Granden durch einen Akt höchster, ritterlicher Großherzigkeit zwingen, dir den kleinen Beitrag zu genehmigen.« – »Hast du dir noch nicht genug ausgekocht?« fragte mißtrauisch Don Alfonso. »Es sind«, legte Jehuda dar, »von jenem nicht glücklichen Feldzug her noch immer sehr viele Gefangene in der Hand des Emirs von Sevilla. Deine Barone sind ihrer Verpflichtung, diese Gefangenen auszulösen, nur sehr zögernd nachgekommen.« Don Alfonso rötete sich. Es war Recht und Brauch, daß der Vasall seinen Kriegsknecht, der Baron seinen Vasallen auslöste, wenn der in seinem Dienst in Gefangenschaft geraten war. Die Barone weigerten sich nicht, diese Pflicht anzuerkennen, aber sie kamen ihr dieses Mal mit besonderem Unwillen nach; sie warfen dem König vor, seine Voreiligkeit habe den Feldzug und die Niederlage verschuldet. Am liebsten hätte Don Alfonso stolz erklärt: Ich nehme die Auslösung aller Gefangenen auf mich, ihr Knicker. Doch es ging um eine ungeheure Summe, er konnte sich diese Geste nicht leisten.

Aber da war Jehuda Ibn Esra, und er sagte: »Ich schlage also ehrerbietig vor, daß du aus Mitteln deines Schatzes die Gefangenen auslösest. Und den Herren, denen das zugute kommt, legen wir als einzige Gegenleistung auf, daß sie ihre Pflicht, jetzt schon Steuern für deinen Krieg zu zahlen, im Prinzip anerkennen.«

»Und kann denn mein Schatz das tragen?« fragte beiläufig Don Alfonso.

»Ich werde dafür sorgen, Herr König«, sagte ebenso beiläufig Jehuda.

Ein Strahlen ging über Alfonsos Gesicht. »Das ist ein großartiger Plan«, anerkannte er. Er trat nahe an seinen Familiar heran und spielte mit dessen Brustplatte. »Du verstehst dein Geschäft, Don Jehuda«, anerkannte er.

Sogleich aber mischte sich in seine dankbare Freude erbitternd die Erkenntnis, daß er dem klugen, widerwärtigen Händler immer mehr verpflichtet wurde. »Nur schade«, sagte er bösartig, »daß wir nicht auch die Castros und ihre Freunde auf solche Art beschämen können«, und: »Siehst du«, fügte er hinzu, »mit den Castros hast du mir einen übeln Handel eingebrockt.«

Diese Verdrehung der Tatsachen empörte Jehuda. Die Feindschaft zwischen dem König und den Castros bestand seit den Kinderjahren Don Alfonsos, sie hatte sich verschärft, als er ihnen ihr Castillo in Toledo weggenommen hatte. Und jetzt wollte der König ihm, Jehuda, die ganze Verantwortung für diese Feindschaft aufbürden. »Ich weiß«, erwiderte er, »die Barone de Castro legen dir’s zur Last, daß ein beschnittener Hund ihre Burg beschmutzt. Aber es ist dir sicher nicht unbekannt, Herr König, daß sie Beschimpfungen deiner Majestät schon seit Jahren ausstoßen.«

Don Alfonso schluckte und erwiderte nichts. »Nun ja«, sagte er achselzuckend. »Versuch es mit deinen Mätzchen und Mittelchen. Aber meine Granden sind harte Kämpfer, das wirst du sehen, und auch die Castros werden uns noch manches zu schaffen machen.«

»Es ist große Gnade, Herr König«, erwiderte Jehuda, »daß du meinen Plan billigst.« Er ließ sich auf ein Knie nieder und küßte dem König die Hand. Es war eine männliche, kräftige Hand, übersät mit winzigen roten Haaren, doch schlaff und danklos lagen die Finger in denen Don Jehudas.

Den Tag darauf fand sich Don Manrique de Lara, der Erste Minister des Königs, im Castillo Ibn Esra ein, um dem neuen Escrivano seine Aufwartung zu machen; begleitet war der Minister von seinem Sohn Garcerán, einem nahen Freunde Don Alfonsos.

Don Manrique, der vom Verlauf der gestrigen Audienz genau unterrichtet schien, meinte: »Ich war überrascht, daß du dem König Unserm Herrn den ungeheuern Betrag für den Loskauf der Gefangenen vorstrecken willst.« Und: »Ist es nicht ein wenig gefährlich«, warnte er scherzhaft, »wenn einem ein mächtiger König so viel Geld schuldet?«

Don Jehuda blieb wortkarg. Er hatte den Zorn über den Hochmut und das Mißtrauen des Königs nicht überwunden. Wohl hatte er gewußt, daß hier im barbarischen Norden nur der Krieger galt und daß man von den Männern, die für den Wohlstand des Landes sorgten, mit dummer Geringschätzung sprach; aber er hatte nicht geglaubt, daß man es ihm so schwer machen werde, sich einzufügen.

Don Manrique hatte ihn wohl erraten, und als wollte er des Königs Plumpheit entschuldigen, meinte er, man dürfe es dem jungen, streitbaren Monarchen nicht verübeln, wenn er Schwierigkeiten lieber mit dem Schwert zerhauen als durch Vertrag lösen wolle. Don Alfonso sei eben seit frühester Kindheit von einem Kriegslager ins andere gezogen und fühle sich im Felde mehr zu Haus als am Verhandlungstisch. Aber, unterbrach sich Don Manrique, er sei nicht gekommen, um über Geschäfte zu reden, sondern um den Kollegen hier in Toledo zu begrüßen, und er bat Don Jehuda, ihm und seinem Sohne das Haus zu zeigen, von dessen Wundern die ganze Stadt spreche.

Jehuda willfahrte gerne. Vorbei an stillen, tief sich neigenden Dienern gingen sie durch die teppichbelegten Räume, über Korridore und Treppen. Don Manrique lobte kennerhaft, Don Garcerán naiv und bewundernd.

Im Garten trafen sie Don Jehudas Kinder. »Dies ist Don Manrique de Lara«, stellte Jehuda vor, »der Erste Rat des Königs Unseres Herrn, und sein geehrter Sohn, der Ritter Don Garcerán.« Raquel musterte die Gäste mit kindlicher Neugier. Unverlegen nahm sie teil an der Unterhaltung. Doch ihr Latein erwies sich, wiewohl sie eifrig gelernt hatte, als noch lückenhaft, und lachend über ihre Fehler, bat sie die Herren, arabisch zu sprechen. Es wurde ein munteres Gespräch. Die beiden Gäste priesen Doña Raquels Witz und Anmut in den modischen Redewendungen, die arabisch doppelt umständlich klangen, Doña Raquel lachte, die Gäste lachten mit.

Der vierzehnjährige Alazar, nicht blöde, fragte Don Garcerán nach Pferden und ritterlichen Übungen. Der junge Herr konnte sich der frischen, lebendigen Art des Knaben nicht entziehen und gab beflissene Antworten. Don Manrique riet freundschaftlich, Jehuda möge den Knaben einem großen Hause als Pagen anvertrauen. Don Jehuda erwiderte, daran habe er selber schon gedacht; er verschwieg seine stille Hoffnung, daß der König den Knaben in Dienst nehmen werde.

Andere Granden, vor allem Freunde des Hauses de Lara, taten es Don Manrique nach und machten dem neuen Escrivano Mayor ihre Aufwartung.

Vor allem die jüngeren Herren kamen gerne. Sie suchten die Gesellschaft Doña Raquels. Die Töchter des Adels nämlich zeigten sich nur bei großen Festlichkeiten des Hofes und der Kirche, man sah sie nie allein, man konnte mit ihnen nur allgemein leere Konversation machen. Da war es eine angenehme Abwechslung, sich mit der Tochter des jüdischen Ministers zu unterhalten, die, von weniger Zeremoniell behütet, doch gewissermaßen eine Dame war. Sie sagten ihr langatmig übertriebene Galanterien, wie die Courtoisie es verlangte. Raquel hörte freundlich zu und fand das verliebte Gerede eher lächerlich. Manchmal aber ahnte sie, daß sich dahinter Derbheit und Gier verbargen; dann wurde sie scheu und zugesperrt.

Der Umgang mit den christlichen Rittern war ihr schon deshalb willkommen, weil sie im Gespräch mit ihnen die Landessprache übte, das formelle Latein des Hofes und der Gesellschaft und das niedrige Latein des Alltags, das Kastilische.

Auch waren ihr die Herren dienstwillige Führer, wenn sie auszog, die Stadt zu erkunden.

Da saß sie denn in der Sänfte, zur einen Seite ritt ein Don Garcerán de Lara oder ein Don Estéban Illán, zur andern Seite ihr Bruder Don Alazar. In einer zweiten Sänfte folgte die Amme Sa’ad. Läufer machten dem Zuge Platz, schwarze Diener beschlossen ihn. So ging es durch die Stadt Toledo.

Die Stadt hatte in den hundert Jahren, da sie sich in Händen der Christen befand, manches von der Größe und der Pracht ihrer islamischen Zeit eingebüßt; sie war nicht so groß wie Sevilla, aber noch immer wohnten in ihr und um sie weit über hunderttausend Menschen, wohl an die zweihunderttausend, und so war Toledo die größte Stadt des christlichen Spaniens, auch größer als Paris und sehr viel größer als London.

In dieser kriegerischen Zeit waren alle großen Städte Festungen, sogar das heitere Sevilla. In Toledo aber war jedes einzelne Stadtviertel nochmals von Mauern und Türmen umgeben, und viele der Häuser des Adels waren Festungen für sich. Befestigt waren alle Tore, befestigt die Kirchen und Brücken, die vom Fuß des finstern, gewaltigen Stadthügels über den Fluß Tajo ins Land führten. Innerhalb der Stadt aber drängte sich auf engstem Raume Haus an Haus, hügelan, hügelab, die Treppenwege waren dunkel und schmal, häufig sehr steil, sie schienen Doña Raquel verdächtige Schluchten, überall waren Ecken, Winkel, Mauern, und immer wieder schwere, riesige, eisenbeschlagene Tore.

Die großen, soliden Bauten stammten fast alle noch aus der Zeit der Moslems und waren nur notdürftig instand gehalten und wenig verändert. Doña Raquel war im stillen überzeugt, daß dies alles viel schöner gewesen war, als noch die Moslems es betreuten. Dafür hatte sie ihre Freude an dem bunten Menschengewimmel, welches vom frühen Morgen bis in die Dunkelheit die Stadt füllte, vor allem den Hauptplatz, den Zocodovér, den offenbar uralten Marktplatz. Menschen lärmten, Pferde wieherten, Esel schrien, alles drängte durcheinander, stieß und störte sich, immerzu gab es Stockungen, und die Straßen waren voll Unrat. Allein Raquel vermißte kaum die schöne Ordnung Sevillas, solche Freude hatte sie an dem heftigen Leben Toledos.

Es fiel ihr auf, wie scheu und zurückhaltend hier die islamischen Frauen waren. Alle gingen sie tief verschleiert. In Sevilla hatten die Frauen aus dem Volk bei der Arbeit und wenn sie zu Markte gingen, den behindernden Schleier abgelegt, und in den Häusern der aufgeklärten großen Herren trugen nur die verheirateten Damen Schleier, sehr dünne, kostbare, mehr Schmuck als Verhüllung. Hier aber, offenbar um sich den Blicken der Ungläubigen zu entziehen, trugen alle islamischen Frauen die Schleier lang und dicht und immer.

Die jungen Granden, stolz auf ihre Stadt, erzählten Raquel von der Geschichte Toledos. Gott hatte die Sonne am vierten Schöpfungstage, als er sie schuf, gerade über Toledo gestellt, so daß die Stadt älter war als die übrige Erde. Uralt war die Stadt, dafür gab es viele Beweise. Sie hatte Karthager herrschen sehen, dann sechshundert Jahre lang Römer, dreihundert Jahre gotische Christen, vierhundert Jahre Araber. Jetzt, seit hundert Jahren, seit dem glorreichen Kaiser Alfonso, herrschten hier von neuem die Christen, und nun werden sie hier bleiben bis zum Jüngsten Gericht.

Ihre beste und größte Zeit, erzählten die jungen Granden, hatte die Stadt gesehen unter den christlichen, westgotischen Herren, deren Abkömmlinge sie, die Ritter, waren. Damals war Toledo die reichste, herrlichste Stadt der Welt gewesen. Der König Athanagild hatte seiner Tochter Brunhild zur Ausstattung Schätze mitgegeben im Werte von dreitausend mal tausend Goldmaravedí. Der König Reccared besaß den Tisch des Judenkönigs Salomo, er bestand aus einem einzigen riesigen Smaragd und war mit Gold umrahmt; auch besaß König Reccared einen Wunderspiegel, in welchem man die ganze Welt erblickte. Das alles hatten die Moslems geraubt und zerstört und verschleudert, die Ungläubigen, die Hunde, die Barbaren.

Besonders stolz waren die jungen Herren auf ihre Kirchen. Neugierig, befangen betrachtete Raquel die wuchtigen Bauwerke; sie schauten aus wie Festungen. Raquel stellte sich vor, wie edel sie gewesen sein mochten, da sie noch Moscheen waren, umgeben von Bäumen, Springbrunnen, Säulengängen, Lehrhäusern. Nun war alles kahl und finster.

Im Vorhof der Kirche der heiligen Leocadia fand sie einen Brunnen mit einer besonders schönen Einfassung, die eine arabische Inschrift trug. Stolz darauf, daß sie die altertümlichen kufischen Schriftzeichen lesen konnte, mit dem Finger den eingegrabenen, schon halb verwischten Lettern folgend, entzifferte sie: »Im Namen des Allbarmherzigen Gottes. Der Kalif Abd er Rahmân, der Siegreiche – Gott möge seine Tage verlängern – hat diesen Brunnen errichten lassen in der Moschee der Stadt Toleitola – Gott möge sie beschützen – in der siebzehnten Woche des Jahres 323.« Das war also jetzt vor zweihundertfünfzig Jahren. »Das ist lange her«, sagte Don Estéban Illán, der sie begleitete, und grinste.

Mehrmals erboten sich die jungen Herren, ihr das Innere einer Kirche zu zeigen. In Sevilla war viel die Rede von diesen »Kirchen«, Stätten des Greuels und Götzendienstes, in welche die Barbaren des Nordens die schönen alten Moscheen verwandelt hatten. Es verlangte Raquel sehr, eines dieser Häuser zu sehen, doch gleichzeitig verspürte sie Scheu und lehnte höflich unter einem Vorwand ab. Endlich überwand sie ihr Unbehagen und betrat, geführt von Don Garcerán und Don Estéban, die Kirche San Martín.

Kerzen waren in dem dämmerigen Innern. Duft von Weihrauch war. Und da war das, was zu sehen sie gewünscht und gefürchtet hatte: Bilder, Götzenbilder, das Urverbotene. Denn wenn der westliche Islam das eine oder andere Verbot des Propheten frei ausdeutete, wenn er’s zuließ, daß man Wein trank und daß die Frauen ihr Antlitz ohne Schleier zeigten: unverrückbar fest hielt er an der Vorschrift des Propheten, daß man sich kein Bild Allahs machen dürfe und kein Bild von irgend etwas Lebendigem, Mensch oder Tier; kaum die Form einer Pflanze oder einer Frucht durfte man andeuten. Hier aber standen Menschen herum, geformt aus Stein und aus Holz, und andere Menschen und Tiere waren flach und farbig auf Holzgetäfel gemalt. Das also waren die Götzenbilder, die Greuel Allahs und des Propheten.

Wer immer von Gott mit Vernunft, Gefühl, Gesittung begnadet war, sei er Jude oder Moslem, mußte Abscheu spüren vor solchen Gebilden. Sie waren auch tief widerwärtig, seltsam starr und dennoch lebendig, sonderbar unwirklich, halb tot, leichenhaft wie Fische auf Märkten. Sie wagten es, die Barbaren, es Allah gleichtun zu wollen, sie schufen Menschen nach seinem Bilde und beugten, die Narren, vor diesen steinernen und hölzernen Dingen, die sie selber gemacht hatten, die Knie und gaben ihnen Weihrauch zu riechen. Aber am Tage des Jüngsten Gerichts wird Allah diejenigen, die solche Dinge gemacht haben, auffordern, ihnen Leben einzublasen, und wenn sie’s nicht können, dann wird er sie in die Verdammnis stürzen für ewig.

Trotzdem spürte sich Raquel merkwürdig angezogen. Es berauschte sie, daß man das konnte: einen Menschen festhalten, das vergängliche Fleisch, die flüchtige Miene, die Gebärde, die verschwand, kaum daß sie da war. Daß sterbliche Menschen das vermochten, erfüllte sie mit Stolz und gleichzeitig mit Grauen.

Die Herren, die sie führten, erklärten ihr ehrfürchtig und beflissen die Götzenbilder. Da war ein Mann aus Holz mit einem Mantel und mit einer Gans. Das war der heilige Martín, dem die Kirche geweiht war. Er war Offizier gewesen und ins Feld gegangen, bewaffnet nur mit einem Kreuz, um der ganzen feindlichen Armee standzuhalten. Einmal, da es sehr kalt war, gab er den eigenen Mantel einem Armen, worauf ihm der Himmel einen andern Mantel überwarf. Wieder einmal, als der Kaiser nicht vor ihm aufstand, entzündete sich sein Thron, und das Feuer zwang ihn, dem Heiligen Ehrfurcht zu erweisen. Das alles konnte man sehen, es war auf Holztafeln gemalt. Doña Raquel wirbelte der Kopf, der Mann mußte ein Derwisch gewesen sein.

Auf einem anderen Bilde sah man ein moslemisches Mädchen mit einem Korb voll Rosen, und vor ihr stand verblüfft ein Araber fürstlichen Ansehens und Gewandes. Mit leiser Anzüglichkeit erzählte Don Garcerán, das seien die Prinzessin Casilda und ihr Vater, der König Al-Menon von Toledo. Casilda, von ihrer Aja heimlich im christlichen Glauben erzogen, versorgte unter vielen Gefahren die christlichen Gefangenen, die in den Verliesen des Königs hungerten. Der König wurde von einem Angeber unterrichtet und überraschte sie. Streng fragte er, was sie da im Korb habe. Es war Brot; sie aber antwortete: »Rosen.« Zornig hob er den Deckel: siehe, das Brot hatte sich in Rosen verwandelt. Das begriff Raquel. Ähnliches stand auch in ihren arabischen Geschichten. »Ah«, sagte sie, »s

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