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Die Inselbahn

Impressum

ISBN 978-3-8412-0763-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Rütten & Loening,

einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Büro Süd, München

unter Verwendung eines Motivs von © Klaus Rein/ /

imagebroker/Corbis

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

D a s
G e r ü c h t

Bild

Der Mann hatte schon recht gehabt, dachte Beke, der geheime Plan, die alte Inselbahn auf Sylt wiederaufzubauen, war die einzige Geschichte, über die es sich zu schreiben lohnte. Andererseits war Sylt schrecklich teuer, vor allem in der Hauptsaison. Und ihr Konto sah mehr als angsteinflößend aus. Wäre es nicht leichtsinnig, ja, geradezu verantwortungslos, für ein paar Tage auf die Insel zu fahren, anstatt sich in Hamburg umzuschauen und sich einen lukrativen Job zu suchen? Aber Beke war nun einmal Journalistin, und sie war schließlich nicht zu dieser Pressekonferenz in einem feinen Hamburger Hotel gegangen, um sich durch friesische Spezialitäten zu futtern. Na ja, jedenfalls nicht nur. Beke war mit der Hoffnung hingegangen, ein Thema für eine große Reportage aufzustöbern, die sie einem der bedeutenden Reisemagazine verkaufen konnte.

Es war lange her, dass sie eine gute Geschichte hatte platzieren können. In letzter Zeit hatte sie nur ein paar Meldungen geschrieben, Preisvergleichstabellen oder einzelne Info-Kästen geliefert. Nicht gerade anspruchsvoll und schon gar nicht rentabel. Ihr Kontakt zu verschiedenen Redaktionen war nicht schlecht, nur mussten die leider alle sparen. So wurden die großen Themen von festangestellten Kollegen beackert, die ohnehin ihr Gehalt bekamen. Zusätzliches Geld wurde nur ausgegeben, wenn ein freier Journalist eine ungewöhnliche Idee oder eben sehr exklusive Informationen hatte. Wann bekam man die schon? Beke hatte es irgendwie im Gefühl, dass jetzt so ein Moment gekommen war.

Sie dachte über die mysteriöse Begegnung im Flur vor dem Konferenzraum nach. Es war gerade Pause gewesen. Ihr schwirrte bereits ein wenig der Kopf vor lauter neuer Wellness-Programme, Hoteleröffnungen und Veranstaltungen in List und Westerland. Sie erinnerte sich, dass sie gerade dampfendes Wasser aus einem Samowar auf ihren Sanddorn-Teebeutel hatte plätschern lassen, als der Mann sie ansprach.

»Ziemlich fade, was?« Beke blickte irritiert von ihrer Tasse zu dem Mann und zurück. »Nicht der Tee, das Programm meine ich«, sagte er und rollte mit den Augen. »Was soll man über ein neues Hotel schreiben, das auch nichts anderes anbietet als die Konkurrenz? Wenn es an einem Ballon über der Insel schweben würde, ja, das wäre eine Meldung. Aber so? Lockt doch keinen hinter dem Ofen hervor.« Er schenkte sich Kaffee ein.

»Stimmt«, gab Beke ihm zaghaft recht und versuchte sich ein schwebendes Hotel vorzustellen. »Vielleicht kommt ja noch eine wirklich interessante Story.«

Schon während sie es aussprach, spürte sie die Zweifel. Selbst wenn im zweiten Teil der Veranstaltung ein Knaller wartete, hätte sie kaum etwas davon. Anscheinend lauerten alle darauf und würden augenblicklich damit in ihre Redaktionen rennen. Gut, vom Reisen-heute-Magazin war niemand anwesend, aber Beke würde sehr schnell ein sehr gutes Exposé schreiben müssen, wenn sie dort einen Auftrag ergattern wollte. Immerhin war sie nicht die einzige Freie, die das im Sinn hatte.

»Das hoffe ich auch«, sagte der Fremde in ihre Gedanken hinein. Er beugte sich vertraulich zu ihr herüber. »Ehrlich gesagt hoffe ich auf Informationen zu einer ganz bestimmten Geschichte. Ganz heiße Sache.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause und sah sie an.

»Ach ja?« Sie wusste nicht, was sie sonst noch sagen sollte.

Er senkte die Stimme. »Ich weiß aus absolut zuverlässiger Quelle, dass die Inselbahn auf Sylt wieder in Betrieb genommen werden soll.« Wieder eine Pause und ein sehr langer tiefer Blick. »Stellen Sie sich das einmal vor: Nach über vierzig Jahren soll sie wieder durch die Dünen rattern. Eine Sensation!« Seine Stimme war zu einem aufgeregten Flüstern geworden. »Überlegen Sie mal, wie viele Millionen da investiert werden müssen!«

»Allerdings.« Sie nickte automatisch, obwohl sie nicht die Spur einer Ahnung davon hatte, was so eine Bahn kostete. Beke wusste genau, welche Summe sie jeden Monat für ihr Zimmer in der WG aufbringen musste. Sie kannte den Bäcker mit den günstigsten Brötchen und konnte die Tarife der öffentlichen Verkehrsmittel herunterbeten.

»Die Kosten sind das eine«, fuhr der Mann fort. »Der Lärm, die Unruhe und die Veränderung sind das andere. Es ist ja nichts mehr da. Muss alles neu gebaut werden. Der Fahrradweg muss wieder weg.« Er lachte schadenfroh. »Das gibt ein Hauen und Stechen auf der Insel, das können Sie mir glauben. Wenn die Pläne erst mal durchsickern, werden die Gegner und die Befürworter gleichermaßen auf die Barrikaden gehen. Dann ist was los auf Sylt!« Er griff in die Schale mit den friesischen Keksen und stapelte sich eine Handvoll auf seine Untertasse.

Beke fragte sich, wie er mit diesem wackeligen Plätzchenturm auch nur einen Schritt weit kommen wollte, ohne dass das Gebäck auf dem Boden landete.

»Bin gespannt, ob die darüber etwas verraten. Über den Trassenverlauf, meine ich. Kann mir nicht vorstellen, dass sie die gesamte Strecke wiederbeleben«, murmelte der Unbekannte, während er sich bereits umdrehte und zurück in den Konferenzraum ging.

Die zweite Hälfte der Veranstaltung war in Bekes Augen grässlich langweilig gewesen. Es ging um Zahlen, Statistik und um Gästestrukturen. Wie viele Reisende kamen in welchem Monat? Nahm die Menge der Familien mit Kindern eher ab oder zu? Wie viel Geld ließ ein Durchschnittsgast pro Tag auf der Insel? Beke hatte mit brennenden Augen auf die Präsentation gestarrt und gegen die Schwerkraft gekämpft, die an ihren Lidern zerrte. Als die Riege der Marketing- und Presse-Mitarbeiter sich artig bedankte und zu persönlichen Gesprächen ermunterte, in denen sich individuelle Fragen klären ließen, atmete sie auf. Sie rieb sich das Gesicht und überlegte: War es sinnvoll, sich jemanden vom Tourismusbüro zu schnappen und über die Inselbahn zu befragen? Oder sollte sie lieber den Fremden ansprechen, der ihr davon erzählt hatte?

Sie verstaute Notizblock und Stift in ihrem Leinenbeutel und sah sich um. Der Mann war nirgends zu sehen. Sie kniff die Augen zusammen und suchte die Reihe der Bistro-Tische ab, an denen Redakteure und Sylt-Vertreter standen und plauderten. Da kein Wort über die Bahngeschichte gefallen war, würde er doch sicher gezielt nachfragen. Dachte sie. Aber er war nicht da. Vielleicht hatte er noch einen anderen Termin. Beke war unentschlossen. Inzwischen hatten sich kleine Schlangen an jedem der Tische gebildet. Es würde dauern, bis sie Gelegenheit bekäme, nach etwaigen Plänen zu fragen. Gut möglich, dass sie gar nicht mehr an die Reihe käme, denn die Herrschaften hatten sicher nicht unbegrenzt Zeit. Sie entschied sich schließlich, den Saal zu verlassen und nach dem Fremden Ausschau zu halten. Er hatte ihr von allein von der ganz heißen Sache erzählt. Also gehörte er eindeutig nicht zu den Kollegen, die einen nicht abschreiben ließen. Sie konnte ihn getrost ausfragen.

Beke war immer schneller geworden, nachdem sie den Entschluss einmal gefasst hatte. Sie hatte im Flur noch schnell ein paar Teebeutel, Zuckertütchen und abgepackte Kondensmilch in ihren Beutel verschwinden lassen, war dann durch das Foyer geeilt, die Treppen zwei Stufen auf einmal nehmend hinuntergelaufen, auf dem Bürgersteig stehen geblieben und hatte mehrfach nach links und nach rechts geschaut. Nichts. Der Kerl hatte sich in Luft aufgelöst. Entweder hatte er einen Hinterausgang benutzt oder das Hotel geradezu fluchtartig verlassen. Da waren nur Angestellte der umliegenden Büros, die ihre Mittagspause im Freien verbrachten, Touristen, die die Terrassen der Restaurants und Cafés rund um die Alster bevölkerten, eine Polizistin mit strassbesetzter Sonnenbrille, die Knöllchen verteilte, und natürlich Stadtstreicher, denen es bei diesem herrlichen Sommerwetter auch wieder mehr Spaß machte, Passanten um einen Euro zu bitten, als bei Regen oder Winterkälte.

Nun saß sie also auf dem breiten Altbau-Fensterbrett in der Küche ihrer WG, ein Glas Wasser in der Hand, und fächelte sich Kühlung zu. Zwar war das Fenster weit geöffnet, doch es war absolut windstill. Auf Sylt wehte bestimmt ein angenehmes Lüftchen. Dort, wo die Nordsee nie weit war, konnte man es zu dieser Jahreszeit sicher gut aushalten. Wenn man das nötige Kleingeld hatte. Das fehlte Beke leider. Genau das würde ihr eine exklusive Geschichte über die Insel der Schönen und Reichen, wie einige sie nannten, jedoch in die Kasse spülen, so viel stand fest. Sie musste investieren, um Erfolg zu haben. Mit einer wirklich guten Reportage käme sie auch einer Festanstellung ganz bestimmt einen Schritt näher. Damit konnte sie auf sich aufmerksam machen. Eigentlich hatte sie mit dreißig fest zu einem Redaktionsteam gehören wollen. Das hatte nicht geklappt. Nun gut, sie war auch schon neunundzwanzig gewesen, als sie ihr Studium beendet und ein Praktikum abgeschlossen hatte. Sie war eben eine Späteinsteigerin, die sich vorher schon in zwei anderen Berufen versucht hatte. Diese Entscheidung sollte niemand zu leichtfertig treffen, fand Beke. Immerhin musste man womöglich vierzig oder fünfzig Jahre damit leben. Eine lange Zeit für einen Job, den man nicht ausstehen konnte. Auch rückblickend war sie der Ansicht, alles richtig gemacht zu haben. Dass es so schwer werden würde, in dem Alter als absoluter Neuling eine Stelle zu ergattern, hatte sie sich allerdings nicht ausgemalt. In einem Monat wurde sie zweiunddreißig. Es wurde wirklich höchste Zeit für eine ordentlich bezahlte Stelle, eine eigene Wohnung, einen eigenen Mann, kurz: für ein Leben in geordneten Bahnen. Wäre doch drollig, wenn ihr gerade die Inselbahn dazu verhelfen würde.

Beke schnappte sich das Telefon und rief ihre Schwester Nummer drei an: »Hallo, Birte, hier ist Beke.«

»Hallo, Lüttste«, kam es fröhlich von der anderen Seite.

»Du sollst mich nicht so nennen. Ich bin nicht lütt. Ich bin größer als du.« Beke war gereizt.

»Alle nennen dich so«, antwortete Birte unbeeindruckt. »Du bist das Nesthäkchen, du wirst immer unsere Lüttste bleiben.«

»Ja, aber …« Beke seufzte. Sie hatte das schon so oft mit ihren drei Schwestern und den beiden Brüdern diskutiert. »Ist ja egal. Alles gut bei dir?«

»Alles bestens. Die Monster trampeln mir auf den Nerven herum, und Wolfgang arbeitet im Moment so viel, dass ich sie jeden Abend alleine ins Bett bringen muss.«

»Hört sich toll an.« Beke lachte leise, meinte es aber durchaus ernst. Sie beneidete ihre vier Jahre ältere Schwester, die vor drei Jahren nach vielen erfolglosen Versuchen doch noch Mutter geworden war. Zwillinge. Alles mit einem Abwasch, wie Birte zu sagen pflegte.

»Und bei dir?«

»Alles super«, log Beke und schnaubte spöttisch.

»Lass mich raten: Du bist blank und hast noch immer keinen Auftrag.«

»So ungefähr«, gab sie zerknirscht zu. »Das heißt, nicht ganz …« Dann erzählte sie von der Pressekonferenz und der vermeintlich heißen Information. »Wenn ich nur wüsste, was ich machen soll«, schloss sie ihren Bericht. »Das könnte 'ne echt große Geschichte sein. Nur werde ich das nie herausfinden, wenn ich nicht auf die Insel fahre. Ich habe schon ein paar Anrufe gemacht und im Internet recherchiert. Nichts. Oder man blockt ab. Ich komme einfach nicht weiter, wenn ich nicht vor Ort bin und die entsprechenden Leute befrage oder mich nach ersten Anzeichen umsehen kann.«

»Ja, dann mach’s doch!« Beke konnte sich vorstellen, wie Birte auf ihre typische Art den Kopf schüttelte. »Ausgerechnet Sylt! Viel schlimmer kann es uns Hallig-Gewächse nicht treffen.« Ihre Schwester lachte. Nach einer sehr kurzen Pause fügte sie hinzu: »Ich leihe dir die Kohle für die Anreise und die Unterkunft trotzdem. Allerdings bin ich auch nicht gerade fett bei Kasse. Die Monster sind ganz schön anspruchsvoll und können mich ziemlich gut um ihre kleinen süßen Fingerchen wickeln, wenn sie etwas wollen. Ruf doch mal Bjarne an. Vielleicht kann er dir eine günstige Übernachtungsmöglichkeit empfehlen. Wozu hat man schließlich Brüder?«

»Ich weiß nicht, Birte, du kannst mich nicht dauernd sponsern. Und es ist mir irgendwie peinlich, Bjarnes Kontakte auszunutzen …«

»So ein Quatsch! Ich telefoniere gerade, könntest du bitte deine Schwester am Leben lassen, bis ich hier fertig bin?«, schrie sie plötzlich. »Entschuldigung, die Monster bringen sich gerade gegenseitig um. Sollte dir jemals einer erzählen, Zwillinge würden einander lieben wie sich selbst, glaube ihm bloß kein Wort. Das gilt jedenfalls nicht, wenn du ein Pärchen am Hals hast.« Sie seufzte, klang aber ziemlich zufrieden. »Wo waren wir? Ach ja, du willst nach Sylt. Mann, Lüttste, mach das! Das klingt wirklich nach einer tollen Gelegenheit. Greif zu, bevor es zu spät ist. Du weißt, was passiert, wenn man zu lange wartet.«

Das wusste Beke nur zu gut. Schon ihr ganzes Leben waren Entscheidungen nicht gerade ihr Steckenpferd gewesen. Wie sollte man auch lernen, Entscheidungen zu treffen, wenn fünf Geschwister einen ungefähr die ersten achtzehn Lebensjahre von vorne bis hinten verwöhnten? Beke war auf Langeneß groß geworden, der größten Hallig des Wattenmeeres. Ihre Eltern hatten Landwirtschaft, später einen kleinen Hofladen und natürlich eine Zimmervermietung. Jede Hallig-Familie vermietete Zimmer.

Es war eine glückliche Kindheit. Die fünf älteren Brüder und Schwestern halfen im Stall mit, bezogen Betten, kochten Kaffee und pressten Butter in Herz- und Blumenformen. Beke musste keinen Finger rühren. Im Gegenteil. Ständig war jemand um sie herum, der ihr vom Großeinkauf auf dem Festland etwas mitbrachte, der mit ihr über die Fennen tobte oder durch das Watt stapfte. Ihr ältester Bruder Broer übernahm den elterlichen Betrieb, alle anderen gingen einer nach dem anderen auf das Festland, um dort einen Beruf zu ergreifen. Das machte alles noch schlimmer. Wann immer sie zu Besuch kamen, überhäuften sie ihre kleine Schwester mit Geschenken. Oder sie übertrafen sich gegenseitig mit Einladungen und Unternehmungen. Beke ließ es gerne geschehen. Sie liebte ihre Familie und sah keinen Grund, sich nicht an allem zu erfreuen, was sich ihr bot.

Natürlich kam es manchmal vor, dass Schwester Nummer zwei sie für dasselbe Wochenende einlud wie Bruder Nummer zwei. Kein Problem für Beke. Sie überließ es den beiden, sich zu einigen und ihr die Entscheidung abzunehmen. Für den Moment war das immer eine höchst komfortable Lösung gewesen. Für ihr späteres Leben war es das nicht. Beke hatte ständig die Sorge, etwas zu verpassen. Weil sie Angst hatte, mit einer Entscheidung auf eine Option zu verzichten, zögerte sie oft so lange, bis es gar keine Option mehr gab.

So war es auch damals mit Ingo gewesen. Er hatte als Kind alle Sommerferien auf der Hallig verbracht und mit seinen Eltern immer bei den Brodersens gewohnt. Jedes Jahr sahen sie sich, tollten von einer Warf zur anderen, sammelten Muscheln und buddelten Wattwürmer aus. Als Ingo Abitur machte, hatte er keine Zeit für einen Hallig-Urlaub. Das war der Moment, als Beke begriff, wie sehr sie ihn vermisste, wenn er nicht da war. Ihm ging es offenbar ähnlich. Er kam vor Beginn seines Studiums bei der Bundeswehr für vier Wochen. Allein, ohne seine Eltern. Beke hatte damals Ferien von der Schule auf dem Festland, war also selbstverständlich auch auf der Hallig. Kein Zufall, Ingo hatte es genau so geplant. Die beiden waren unzertrennlich. Als der Monat zu Ende ging, sprach Ingo mit ihr über die Zukunft. Er dachte tatsächlich über eine Beziehung mit ihr nach, mit allem Drum und Dran. Genau genommen war eine Beziehung für ihn die einzig logische Entwicklung. Für ihn galt es nur noch, die Details zu klären, etwa wann sie zusammenziehen konnten und wohin. Beke war glücklich, trotzdem konnte sie sich nicht festlegen. Sie wollte erst mal sehen, noch wüsste sie ja gar nicht, wo sie eine Berufsausbildung machen würde. Womöglich kehrte sie auch zurück auf die Hallig und arbeitete bei ihrem Bruder.

So ging es Jahr um Jahr. Wann immer Ingo das Thema einer gemeinsamen Wohnung ansprach, vertröstete sie ihn und schob eine klare Entscheidung vor sich her. Seine Geduld war grenzenlos. Fast. Irgendwann teilte er ihr mit, er habe sich für weitere vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Er würde im Kosovo stationiert sein. Beke war maßlos enttäuscht und behauptete, er habe die Beziehung beendet. Doch ihre Schwestern hatten ihr reihum gründlich den Kopf gewaschen. Beke musste sich zähneknirschend eingestehen, dass sie es vermasselt hatte. Sie schrieb Ingo Briefe, die jedoch unbeantwortet blieben. Er hatte seine Entscheidung getroffen und war konsequent. Seitdem hatten die beiden sich nicht mehr gesehen. Birte hatte vollkommen recht, Beke wusste nur zu gut, was passierte, wenn man zu lange wartete. Vor allem wusste sie, wie weh das tun konnte.

»Hallo, Bruderherz!«

»Hallo, Lüttste!«

Beke rollte mit den Augen, verkniff sich aber jeglichen Kommentar. Es war ihr unangenehm, dass ihre Geschwister sie noch unterstützen mussten, obwohl sie bald zweiunddreißig war. Andererseits war es ziemlich praktisch, noch immer als Nesthäkchen betrachtet zu werden und eine Art lebenslangen Welpenschutz zu genießen. Sie beschloss, sich in dieser Situation in ihre Rolle zu fügen, und klagte Bjarne ihr Leid.

»Puh, das ist 'ne harte Nuss«, meinte er.

Bjarne war der Weltenbummler der Familie. Er kannte im Gegensatz zu dem ältesten Bruder Broer keine natürliche Feindschaft zwischen Halligen und Inseln und hatte sich gleich nach der weiterführenden Schule, die alle Brodersen-Kinder auf dem Festland besucht hatten, erst auf Sylt, später auf Amrum niedergelassen. Bjarne hatte sein Hobby zum Beruf gemacht und war als Surfer inzwischen auf der ganzen Welt unterwegs. Beke fand es faszinierend, dass man von einem Sport leben konnte. Bjarne konnte es. Er brauchte auch nicht viel. Ein Brett, Wind, möglichst hohe Wellen, das war sein Universum. Ein Schlafplatz fand sich bei anderen Surfern fast von allein. Er kannte in jedem Winkel der Erde jemanden, den er fragen konnte. In jedem Winkel, der einen Strand hatte.

»Du hättest bestimmt bei Axel unterkommen können, aber der hat die Hütte voll. Trainingslager. Und dann auch noch Hauptsaison. Da melden sich sowieso immer Freunde und Verwandte an, die billig Urlaub machen wollen.«

»Klar.« Beke sank der Mut. »Ich war sowieso nicht wirklich scharf drauf, ausgerechnet auf diese Angeber-Insel zu fahren«, log sie bockig. In Wahrheit konnte sie sich nicht viel vorstellen, was sie lieber getan hätte. Geld verdienen und dabei auch noch Sylt genießen, das war wie Zimt und Zucker auf einem Kartoffelpuffer mit Apfelmus. »Es hätte einfach die Chance auf einen lukrativen Auftrag sein können.«

»Was heißt denn Angeber-Insel? Glaubst du etwa immer noch, alle Sylter sind reich und alle Hallig-Lüüd sind arme Schlucker?«

»Nee …«

»Sylt ist cool. Es gibt kaum einen Ort, wo es sich besser trainieren und zwischendurch relaxen lässt.« Als ob sie das nicht wüsste! Sylt war für Beke immer ein Sehnsuchtsort gewesen, den sie erst einmal hatte besuchen dürfen.

»Ich will aber nicht surfen, sondern dort arbeiten. Das heißt, ich muss auf der Insel schlafen und essen. Das ist da doch bestimmt doppelt so teuer wie auf dem Festland. Und dann die ganzen Schnösel, die jede Menge Kohle haben …« Das waren immer Broers Worte. Sie schienen Beke passend zu sein, um ihre Enttäuschung zu verbergen, dass aus ihrer Reise wohl nichts werden würde.

»Echt, Lüttste, du klingst schon wie unser großer Bruder. Du musst dringend etwas gegen deine Vorurteile tun. Wenn du nur zu den Hot Spots latschst oder in den angesagten Restaurants und Bars einkehrst, dann bist du schnell ein Vermögen los und riskierst, auf ein paar schräge Typen zu treffen. Aber du wirst doch wohl etwas mehr Phantasie haben und unbekannte Lokale und Kneipen erkunden. Ich denke, du bist Journalistin.«

»Als Journalistin braucht man keine Phantasie, sondern einen Blick für die Realität und Verstand. Glaube ich zumindest«, sagte sie leise.

»Nicht böse sein, Lüttste, aber das mit der Realität ist nicht gerade deine Stärke.« Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. »Meinst du, fünfzig Euro die Nacht ist okay für Birte?«

»Keine Ahnung.«

»Ich kenne eine Pension in Westerland. Nicht gerade eine Luxusherberge, aber super gelegen. Die haben ein Herz für Surfer und ein Zimmer, das sie eigentlich nicht vermieten. Ist nicht gerade Sylt-Standard. Wenn ich für dich anrufe, kannst du das bestimmt haben. Vorausgesetzt, es ist nicht schon weg.«

»Das wäre super!« Ein Hoffnungsschimmer. Beke hatte schon geglaubt, die Entscheidung wäre ihr abgenommen, weil selbst Bjarne ihr keine günstige Unterkunft vermitteln konnte. Wenn Beke doch noch in dieser Woche fahren würde, wäre sie bestimmt die Erste, die vor Ort recherchiert. Ob sie schon mal in der Redaktion anrufen und die Kollegen neugierig machen sollte?

Zwei Tage später saß Beke im Zug nach Westerland. Sie lebte nun schon über zehn Jahre in Hamburg, war allerdings nie eine Großstädterin geworden. Tief in ihrem Herzen war sie noch immer ein Hallig-Kind. So überforderte es sie auch heute noch, wenn Menschen in Massen auftraten und der Lärm quietschender Bremsen, der Lautsprecherdurchsagen, die sich mit dem allgemeinen Stimmengewirr vermengten, und das hintergründige Kreischen der Stadt an ihren Nerven zerrten. Sie konnte nur schwer ertragen, mit jenen konfrontiert zu werden, die am Rand der Gesellschaft lebten und glücklichere Mitmenschen um etwas Geld baten. Sie hatten noch weniger als Beke, viel weniger. Also konnte sie nicht nein sagen. Ob man ihr das ansah? Manchmal hatte sie das Gefühl. Auch heute hatte sie einem Mann eine Münze gegeben, der sie um ein paar Cent für eine Fahrkarte gebeten hatte.

»Wo müssen Sie denn hin?«, hatte sie treuherzig gefragt.

»Poppenbüttel.« Er roch nach Alkohol und Zigaretten und so, als habe er schon mehrere Tage keine Seife zu Gesicht bekommen. »Die anderen erzählen Geschichten«, erklärte er ihr. »Mit einer guten Geschichte kriegt man leichter ein paar Cent. Aber ich habe keine Geschichte, ich habe nur die Wahrheit. Und die will keiner hören.«

Sie drückte ihm zwei Euro in die Hand. Zwei oder drei Cent waren zu wenig, einen Schein konnte sie nicht entbehren.

»Wirklich? Für mich?« Seine Augen strahlten. Er konnte sein Glück kaum fassen. »Einen schönen Tag noch.«

»Danke, das wünsche ich Ihnen auch.« Sie lächelte.

»Ach, ich wünsche Ihnen viel mehr als einen schönen Tag. Ein schönes Leben!«, rief er ihr nach.

Gute Entscheidung, dachte Beke.

Nun saß sie also im Zug. Eigentlich sollte es längst losgegangen sein. Sie sah zum wiederholten Mal auf ihre Uhr.

Plötzlich ertönte eine Durchsage: »Liebe Fahrgäste, die Abfahrt verzögert sich noch um einige Minuten. Wir warten auf unseren Lokführer. Der sitzt in einem anderen Zug, der leider Verspätung hat. Darum kann er nicht hier sein.« Das leuchtete Beke ein. Sie blätterte entspannt in dem Magazin, das an jedem Platz auslag. Irgendwie war sie froh über jede Minute, die sie noch nicht auf der Insel war. Nicht dass sie etwas gegen Sylt hätte. Im Gegenteil. Als Kind hatte sie manchmal gehört, dass es den Syltern viel besser ginge als den Hallig-Leuten. Man lästerte gern über die »Insel-Schnösel«. Vermutlich war es das zwischen Nachbarn übliche Geplänkel. Man beäugte den anderen skeptisch, machte Witze über ihn, ohne das ernst oder gar böse zu meinen. Beke erinnerte sich, dass sie immer etwas neidisch gewesen war. Zwar hatte sie eine extrem glückliche Kindheit verbracht, trotzdem hatte es Dinge gegeben, die ihr gefehlt hatten, wie etwa mehrere Supermärkte und Boutiquen. Auf Sylt gab es das und noch viel mehr. Sylt.

Ihr wurde mulmig. Sie brauchte dringend ein Ergebnis, das für mindestens vier, besser aber für sechs Hochglanzseiten taugte. Über die Insel war schon so viel geschrieben worden. Und an all den Reportagen musste sie sich messen lassen. Sie schluckte. Immerhin hatte sie ein ganz neues Thema. Das war die halbe Miete, versuchte sie, sich zu beruhigen.

Ihr Zug war aus Frankfurt gekommen. In ihrem Abteil saßen Schüler einer Klasse, die, dem Dialekt nach zu urteilen, bereits von Anfang an dort hockten. Sie hatten wenig Verständnis für die Verzögerung auf dem Hamburger Hauptbahnhof und wurden unruhig und damit immer lauter. Glücklicherweise ging es nach wenigen Minuten weiter. Hinter Itzehoe blickte einer der Schüler lange aus dem Fenster.

»Is ja nich viel los hier«, meinte er nachdenklich. Und nach einer langen Pause ergänzte er: »Aber eigentlich ganz schön.«

Beke schmunzelte. Sie stellte sich vor, dass der Halbwüchsige in Frankfurt aufgewachsen war. Vielleicht war es uncool, das zuzugeben, aber bestimmt war die Landschaft, die an ihnen vorüberzog, Balsam für seine Seele. Sie blätterte in dem Magazin und entdeckte eine Anzeige: »Möchten Sie Schriftsteller werden?« Ja, dachte sie. Das war eigentlich eine ziemlich gute Idee. Sie könnte einen Roman über eine Journalistin schreiben, die auf den Spuren der alten Inselbahn einen Kriminalfall aufdeckt. Nebenbei trifft sie auch noch ihre große Liebe. Sex and crime, gewissermaßen. Beke lächelte zufrieden. Wenn das nicht der Stoff für einen Bestseller war? Den Gedanken, von sachlichen Zeitungstexten in das erzählende Fach zu wechseln, trug sie schon eine Weile mit sich herum. Und jetzt würde sie den ersten Schritt wagen! Während der nächsten Tage würde sie zweigleisig fahren. Sehr passend, immerhin ging es um die Eisenbahn.

Gleich hinter den Jungs und Mädchen aus Hessen saß ein Frauenquartett, das in Harburg zugestiegen war.

»Guck mal, wie es stürmt«, bemerkte die eine aufgeregt.

»Das gibt eine stürmische Begrüßung«, antwortete eine der anderen.

»Hihihi.« Sie kicherten und hielten sich geziert die Hände vor den Mund.

»Mir macht Sturm nichts«, verkündete die Dritte im Bunde. »Jedenfalls nicht, wenn ich am Meer bin. Zu Hause kann ich das nicht leiden, aber hier macht mir das nix!«

Beke hörte den gackernden Damen nicht länger zu.

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