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Die Insel der roten Mangroven

SARAH LARK

Kolibri

DIE INSEL
DER ROTEN
MANGROVEN

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNG

Wie immer möchte ich an dieser Stelle meinen Dank an alle aussprechen, die an der Entstehung dieses Buches beteiligt waren. Zu nennen sind meine Lektorin Melanie Blank-Schröder und meine Textredakteurin Margit von Cossart. Mein Agent Bastian Schlück tut immer noch Wunder, Christian Stüwe verkauft praktisch täglich neue Lizenzen … Überhaupt danke ich allen Mitarbeitern meines Verlages Bastei Lübbe und meiner Literaturagentur Thomas Schlück, die mein Buch mitgestalten und Anteil daran haben, es in die Buchläden zu bringen. Und da ich dieses Mal im Vorfeld schon weiß, dass Die Insel der roten Mangroven auch in anderen Ländern, auf jeden Fall in Spanien, erscheinen wird, möchte ich hier ebenfalls allen danken, die Sarah Larks enormen Erfolg in meiner Wahlheimat Spanien mitbegründet haben. Auf Buchmessen und anderen Veranstaltungen meine Leser kennenzulernen und viele der Buchhändler, die meine Bücher letztendlich »unter die Leute bringen«, macht mir sehr viel Freude; ich bin immer wieder begeistert von der Zuneigung, die mir entgegengebracht wird.

Last, but not least möchte ich meinen Freunden Johannes und Anna Puzcas danken. Ohne ihre Hilfe bei den Pferden sowie im Haus wäre mein Alltag sehr viel schwieriger zu organisieren – und ich könnte mich deutlich seltener an meinen Schreibtisch zurückziehen, um mir neue Geschichten auszudenken.

Sarah Lark

Kolibri

EINE BESSERE ZUKUNFT

Jamaika – Cascarilla Gardens

Kaimaninseln – Grand Cayman

Spätsommer 1753

KAPITEL 1

Eigentlich sollten wir das ja nicht unterstützen …«

Lady Lucille Hornby-Warrington schaute missmutig aus ihrer offenen Kutsche hinaus in den sonnigen Sommertag. Dabei gab es nicht viel zu sehen, die Wege zwischen der Hollister- und der Fortnam-Plantage waren staubig und gesäumt von Zuckerrohrpflanzungen. Die schilfähnlichen Gräser erreichten eine Höhe von bis zu sechs Metern – die Straßen erschienen wie frisch geschlagene Schneisen durch das üppige Grün. Die Lady war zwangsläufig gelangweilt. Lord Warrington, ihr Gatte, taxierte die Höhe und den Umfang der Pflanzen dafür umso interessierter. Schließlich bezog die Plantage, die er für den Onkel seiner Frau verwaltete, ihren Reichtum ebenfalls aus dem Zuckerrohr, und dieses Jahr deutete alles auf eine gute Ernte hin. Warrington wirkte denn auch erheblich besser gelaunt als seine Frau.

»Das meinst du nicht ernst«, beschied er die Lady gelassen und auch ein wenig spöttisch. »Ein Fest bei den Fortnams auslassen, nur weil dir der Anlass nicht passt? Darf ich dich daran erinnern, dass Nora und Doug die beste Köchin der Gegend haben, den schönsten Tanzsaal besitzen und stets die begabtesten Musikanten engagieren? Und das Mädchen ist doch auch ganz reizend.«

»Das Mädchen ist ein Halbblut!«, erklärte seine Gattin mit verkniffenem Gesicht. »Eine Mulattin. So was gehört ins Sklavenquartier. Man zieht es nicht als ›Tochter des Hauses‹ auf, und man feiert nicht groß seine ›Volljährigkeit‹. Aber Doug Fortnam tut ja so, als hätte er mit Zeugung und Aufzucht dieses Bastards eine Glanzleistung vollbracht!«

Warrington lächelte. Bekannt für die Zeugung von Bastarden mit schwarzen Sklavinnen war eigentlich eher Lord Hollister, Lucilles Onkel. Lucille und ihre Tante sahen zwar darüber hinweg, tatsächlich bevölkerten immer noch Dutzende ihrer Halbcousinen und -cousins die Hollister-Plantage. Auch ihr Kutscher Jimmy zeigte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Besitzer der Plantage, der sich seit einigen Jahren in sein Stadthaus in Kingston zurückgezogen hatte. Die Plantage hatte er Lucilles Gatten überlassen, nachdem er die junge Frau, die aus der mittellosen Beamtenfamilie Hornby in London stammte, an Kindes statt angenommen hatte. Mit seiner Gattin hatte Lord Hollister keine Kinder. Doug und Nora Fortnam dagegen hatten neben der heutigen Debütantin noch zwei jüngere Söhne.

»Ist das Mädchen nicht tatsächlich Noras außereheliche Tochter?«, fragte Lord Warrington.

So ganz durchschaute er die Verhältnisse auf der Nachbarplantage Cascarilla Gardens noch nicht, obwohl er inzwischen bereits fünf Jahre mit Lucille hier lebte. Aber die Fortnams hatten keinen sehr engen Kontakt zu ihren Nachbarn. Sie waren höflich und luden auch immer mal wieder zu Festlichkeiten ein, Freundschaften suchten sie hingegen nicht. Auch die anderen Pflanzer hielten eher Abstand zu den Besitzern von Cascarilla Gardens. Doug und Nora Fortnam pflegten einen sehr eigenwilligen Umgang mit ihren schwarzen Plantagenarbeitern. Zwar hielten auch sie Sklaven, wie alle hier auf Jamaika, aber sie beschäftigten kaum weiße Aufseher, gaben den Leuten häufiger frei als andere und setzten auf eine Art Selbstverwaltung unter Leitung eines schwarzen Vormanns.

Anfänglich hatten die Nachbarn deshalb mit einer Katastrophe gerechnet. Schließlich galt es als erwiesen, dass die Schwarzen faul und nicht selten gewalttätig waren, wenn man sie nicht streng unter Kontrolle hielt. Cascarilla Gardens florierte allerdings trotz des eigenwilligen Führungsstils seines Besitzers. Tatsächlich gehörte die Plantage sogar zu den reichsten Jamaikas, inzwischen brachten viele der anderen Pflanzer Doug Fortnam Neid entgegen. Allein, was er an den Gehältern der Aufseher sparte! Allerdings wäre keiner auf die Idee gekommen, sein Modell für die eigene Plantage zu übernehmen.

Lady Warrington stieß scharf die Luft aus. »Umso schlimmer!«, erklärte sie. Im Gegensatz zu ihrem Mann erinnerte sie sich sehr gut an die Einzelheiten. »Na ja, es war nicht Miss Noras Schuld, sie ist entführt worden und … und einer der Kerle hat ihr wohl Gewalt angetan. Doch gerade deshalb! Wer will denn die … die Frucht eines solchen Unglücks um sich haben?«

Warrington zuckte die Achseln. Auch für ihn war es befremdlich, dass Doug Fortnam die nach Jahren der Gefangenschaft in einem Widerstandsnest entlaufener Sklaven endlich befreite Nora nicht nur geheiratet, sondern auch ihre Tochter, die von einem der Aufständischen gezeugt worden war, adoptiert hatte. Das Mädchen selbst fand er allerdings ganz reizend, wahrscheinlich war es schon als Kind entzückend gewesen. Doug mochte es schlicht nicht übers Herz gebracht haben, Mutter und Tochter zu trennen. Der Mann hatte ein zu weiches Herz, doch darüber war man sich in der Umgebung von Kingston ja seit Jahren einig. Und irgendwann würde sich das auch rächen mit dieser laschen Haltung gegenüber seinen Schwarzen …

Die Kutsche passierte jetzt eines der letzten Felder der Hollister-Plantage, auf der eben eine Gruppe Sklaven damit beschäftigt war, neue Zuckerrohrpflanzen zu setzen. Die Männer sahen dabei kaum auf, was Warrington zufrieden vermerkte. Die Kerle sollten schließlich keine Maulaffen feilhalten und seiner Kutsche nachschauen, sondern arbeiten. Er nickte dem Aufseher anerkennend zu. Der stämmige Schotte saß auf seinem Pferd, Gewehr und Peitsche griffbereit, aber nicht im Dauereinsatz. Der Mann machte einen guten Job, anscheinend genügte seine Anwesenheit, um den Schwarzen eine Höllenangst einzujagen. Und offensichtlich unterstützte er nicht diese Singerei der Sklaven! Manche Aufseher versprachen sich höhere Erträge, wenn die Männer die Macheten im Takt eines Liedes schwangen. Auch aus Cascarilla Gardens klang mitunter Gesang herüber. Warrington schätzte das jedoch nicht, er liebte es eher ruhig – schon weil seine Frau zu viel redete. Jetzt allerdings schwieg sie indigniert. Anscheinend haderte sie nach wie vor mit ihrer Teilnahme an diesem Fest, gefangen zwischen Missfallen und Neugier.

Dann wurde die Stille jedoch unterbrochen. Als die Kutsche der Warringtons die Grenze nach Cascarilla Gardens überquerte, schallten schnelle Hufschläge und helles Lachen aus einem der Seitenwege. Der Kutscher Jimmy verhielt die Pferde abrupt. Lady Lucille fuhr ihn empört an, sie wäre beinahe vom Sitz gerutscht.

Warrington sah das gelassener. Ohne die scharfe Bremsung wäre es dem Mann wohl kaum gelungen, einen Zusammenstoß mit den beiden Reitern zu vermeiden, deren Pferde nun vor ihnen über den Weg preschten. Ein zierlicher Schimmel, geritten von einer jungen Frau im Damensattel, überholte eben einen wesentlich größeren Braunen. Der junge Mann, der ihn verzweifelt zu einer rascheren Gangart anfeuerte, rief den Warringtons eine flüchtige Entschuldigung zu. Der Schimmel war schon zwischen den Pflanzungen verschwunden.

Warrington schnaubte. »Der junge Keensley«, murmelte er.

»Und die Bastard-Tochter der Fortnams«, fügte Lucille gallig hinzu. »Skandalös! Ich sagte ja … wir sollten das nicht unterstützen!«

Warrington zuckte die Schultern. »Und dennoch werden wir den Abend genießen«, begütigte er. »Jetzt fahr zu, Jimmy! Auf den Schreck brauche ich einen guten Schluck Zuckerrohrschnaps. Oder Rumpunsch.«

Das Punschrezept von Fortnams Köchin war legendär, Warrington lief schon das Wasser im Munde zusammen. Und die Fortnam-Tochter bot wirklich einen höchst erfreulichen Anblick. Selbst wenn sie nur auf einem Pferd vorbeigaloppierte. Es würde zweifellos noch anregender sein, sie später beim Tanzen zu beobachten. Warrington fragte sich, ob es als väterlich durchginge oder einfach nur albern wirken würde, wenn er sich anbot, das Mädchen selbst durch ein Menuett zu führen …

»Hab ich’s Ihnen nicht gesagt? Alegría ist schneller als Ihr Brauner. Auch wenn er Rennpferdeahnen hat. Aber Alegría hat orientalisches Blut, sie ist eine Enkelin von Darley Arabian …«

Deirdre Fortnam begann sofort, auf ihren Begleiter einzureden, als sie die Pferde nach Überschreiten der Ziellinie – der Übergang der Plantagenwege in die befestigte Auffahrt von Cascarilla Gardens – zum Schritt durchparierten. Die kleine Schimmelstute hatte das improvisierte Rennen überlegen gewonnen.

Quentin Keensley, ihr hoch aufgeschossener rothaariger Begleiter, verzog leicht den Mund. Es fiel ihm schwer, sich mit der Niederlage abzufinden.

»Wobei sicher auch eine Rolle spielt, dass sie nicht viel Gewicht mit sich herumträgt«, konterte er. »Denn Sie, Miss Fortnam, wiegen ja kaum mehr als eine Feder. Die reizendste Feder des entzückendsten Kolibris, den unsere gesamte Inselwelt je hervorgebracht hat …«

Der junge Keensley zwirbelte seinen zur modischen »Fliege« gestutzten Bart und schenkte dem Mädchen ein Lächeln. Die geschliffene Rede lag ihm deutlich mehr als das Reiten – Pferde interessierten ihn nicht wirklich. Was ihn anzog, war allein Deirdre Fortnam.

Quentin war weit gereist. Seine Familie hatte ihm eine traditionell englische Erziehung angedeihen lassen und obendrein eine Europareise geschenkt, bevor er nach Jamaika zurückgekehrt war. Aber nie hatte er irgendwo ein schöneres Mädchen gesehen als die Tochter seiner Nachbarn. Allein diese Haut – Sahne mit einem Schuss Kaffee darin, zart und seidig. Quentin sehnte sich danach, sie zu berühren. Und ihr seltsames Haar … es war schwarz, jedoch weder glatt oder großlockig, noch wirklich kraus. Sehr viel feiner als das aller anderen Schwarzhaarigen, die er kannte, fiel es kaskadenartig in winzigen Ringellocken über ihren Rücken. Und dann ihre Augen! Sie wirkten wie Smaragde, geschützt von irritierend langen tiefschwarzen Wimpern. Dazu sprühten sie Feuer! Wie jetzt, als Deirdre ihn anblitzte.

»He, das klingt ja, als wäre ich nur Dekoration auf meinem Pferd!«, rügte sie. »Dabei will Alegría geritten sein! Können Sie gern mal ausprobieren, aber ich sag’s Ihnen, wenn Sie nicht wirklich reiten können, schaffen Sie es nicht, Alegría vor Kingston wieder anzuhalten!«

Die junge Frau streichelte den Hals ihrer Stute, die eigentlich ganz entspannt und umgänglich schien. Keensley war sich sicher, dass Deirdre übertrieb. Tatsächlich hätte er dem kleinen Pferd aber auch kein solches Höllentempo zugetraut, wie es eben vorgelegt hatte.

»Ich verbeuge mich vor Ihrer Reitkunst wie vor Ihrer Schönheit!«, erklärte er jetzt mit entschuldigendem Lächeln und senkte den Kopf.

Er hätte gern noch den Hut gezogen, aber sein Dreispitz war ihm schon zu Anfang des wilden Rittes verloren gegangen. Er würde gleich einen Sklaven hinausschicken müssen, um das gute Stück zu suchen.

Deirdre lenkte ihr Pferd nun um das Haus ihrer Eltern herum, einen verspielten Bau im Kolonialstil, der sie als Kind an ein Schloss erinnert hatte. Es gab Türmchen, Veranden und Balkone, gestrichen in Blau und Gelb, den Lieblingsfarben ihrer Mutter, und mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Cascarilla Gardens bildete selbst Tischler und Holzschnitzer aus. Die Sklaven hier hatten sehr viel mehr Kinder als auf anderen Pflanzungen – Doug Fortnam akzeptierte Ehen unter seinen Leuten. Er riss keine Familien auseinander, indem er Männer, Frauen und Kinder einzeln verkaufte. Genau genommen verkaufte Doug überhaupt keine Sklaven. Wer auf Cascarilla Gardens geboren wurde, hatte hier Heimatrecht. Das war gut, da unter diesen Bedingungen fast nie jemand fortlief. Für all die jungen Schwarzen mussten jedoch Beschäftigungen gefunden werden.

Deirdre und Quentin trabten am Gartenzaun der Fortnams entlang, der ein weitläufiges, schon festlich geschmücktes Anwesen umgab. Die Gesellschaftsräume von Cascarilla Gardens gingen in die Gartenanlagen über, bei schönem Wetter wurden die weiten Türen des Tanzsaals geöffnet, und die Gäste konnten draußen sitzen oder sich zwischen den Bäumen und Blumenbeeten ergehen. Nora Fortnam war eine große Freundin der jamaikanischen Pflanzenwelt. Sie legte all ihren Stolz darein, möglichst viele Orchideenarten der Insel in ihrem Garten zu züchten, hätschelte ihre Accarabüsche und duldete auch die allgegenwärtigen bis zu zehn Meter hohen Cascarillas, die der Plantage ihren Namen gegeben hatten. Ein riesiger Blauer Mahoe beherrschte den Garten und bot im Sommer Schatten. Jetzt hingen Lampions in seinen Zweigen.

»Ist das nicht schön?«, freute sich Deirdre und wies auf die Dekoration. »Den Garten habe ich gestern mit den Hausmädchen und meinen Brüdern zusammen geschmückt. Sehen Sie den roten Lampion da oben? Das ist meiner, den habe ich gebastelt!«

»Sehr … hübsch …«, kommentierte Keensley verhalten. »Sie sollten sich Ihre Hände jedoch nicht durch Hausarbeit verderben …« In Quentins Familie hätte eine Lady die Sklaven allenfalls dabei beaufsichtigt, den Garten zu dekorieren. Und ganz sicher hätte sie sich nicht an der Herstellung der Lampions beteiligt.

Deirdre seufzte. »… und ich sollte beim Reiten Handschuhe tragen«, meinte sie mit einem schuldbewussten Blick auf ihre Finger, die Alegrías Zügel fast ständig leicht anspielten und die Stute dadurch aufmerksam hielten. »Ich vergesse es bloß immer wieder. Wobei Reiten und Gartenarbeit eher Schwielen machen als ein bisschen Papierfalten. Ist aber auch egal. ›Arbeit schändet nicht‹, sagt mein Vater immer …«

Doug Fortnam hatte sich seine Europareise in jungen Jahren durch Schuften in der Landwirtschaft und in Steinbrüchen selbst finanziert. Zuletzt hatte er sich sogar als Matrose verdingt, um die Rückfahrt nach Jamaika zu bezahlen.

Deirdre ließ ihr Pferd noch einmal kurz angaloppieren, um die Ställe schneller zu erreichen. Der Blick auf den geschmückten Garten hatte ihr ins Gedächtnis gerufen, dass sie längst nicht mehr auf dem Pferd sitzen, sondern sich umziehen und für den Abend zurechtmachen sollte. Dies war schließlich ihr Fest – die Fortnams feierten ihren achtzehnten Geburtstag.

Im Stallbereich war man längst auf den Empfang der Gäste vorbereitet. Kwadwo, der alte Stallmeister, erwartete die Kutschen vor dem Eingang, bereit, die Gäste zu begrüßen und ihnen ihre Pferde abzunehmen. Dabei hatte er es sich nicht nehmen lassen, sich in die traditionelle Livree des hochherrschaftlichen Hausdieners zu kleiden: hellblau mit gelben Aufschlägen am Kragen und an den Ärmeln. Dazu trug er eine weiße, gepuderte Perücke. Deirdre fand, dass er darin eher komisch wirkte, aber Kwadwo schien der Aufzug zu gefallen. Er pflegte würdevoll einherzuschreiten und den Damen und Herren mit elegantem Schwung die Kutschentüren zu öffnen. Dazu verbeugte er sich in der Manier eines Lakaien am Hofe des Sonnenkönigs. Irgendjemand musste ihm das einmal gezeigt haben, und Kwadwo hatte Gefallen daran gefunden, obwohl seine Herrschaft gar nicht so sehr auf Förmlichkeiten hielt.

Ansonsten war sein Verhalten allerdings keineswegs besonders unterwürfig. Im Gegenteil, als Busha, wie man einen schwarzen Vorsteher einer Plantage auf Jamaika nannte, vertrat er die Interessen der ihm untergeordneten Sklaven. Doug Fortnam schätzte ihn als Mittler zwischen Sklavenquartier und Herrenhaus. Außerdem hatte Kwadwo die Stellung des Obeah-Mannes inne, des spirituellen Führers der Sklaven seiner Plantage. Das war allerdings streng geheim. Unter den Weißen war der Obeah-Kult verpönt und auf den Plantagen gewöhnlich verboten. Die Sklaven schlichen sich nachts heimlich zu den Zeremonien. Doug und Nora Fortnam hätten ihren Nachbarn gegenüber nie zugegeben, dass sie die Obeah-Zusammenkünfte ihrer Leute duldeten. Aber tatsächlich drückten sie beide Augen zu und sahen großzügig darüber hinweg, wenn mal ein Huhn als Opfer für die Obeah-Götter verschwand …

Als Deirdre und ihr Begleiter nun ihre Pferde vor den Ställen verhielten, kam Kwadwo sofort zu ihnen. Allerdings sparte er sich bei der Tochter des Hauses die ehrerbietige Begrüßung. Im Gegenteil. Nach einem Blick auf den Stand der Sonne und die erhitzte Deirdre flog ein Ausdruck des Missfallens über sein breites, runzeliges Gesicht.

»Gute Güte, Missis Dede, was machst du … was machen Sie denn hier? Sie müssten längst im Haus sein. Ihre Mommy wird schimpfen! Und allein ausgeritten mit einem Herrn! Benimmt sich so eine Lady? Gib’s zu, du hast das Pferd allein aus dem Stall geschmuggelt, ich hätte dich nicht ohne Begleitung losreiten lassen …«

Deirdre lachte. »Dem Knecht wäre ich doch sowieso weggeritten!«, bemerkte sie.

Kwadwo wandte die runden, dunklen Augen theatralisch gen Himmel. »Und Mr. Keensley hast du wohl auch gleich abgehängt, oder? Wenn ich mir dein Haar so anschaue …«

Deirdre hatte ihre Locken vor dem Reiten sicher aufgesteckt und unter ihrem Hut versteckt, wie es sich gehörte. Aber bei ihrem wilden Ritt hatten sie sich gelöst. Deirdre wollte eben zu einer Entgegnung ansetzen, als Quentin sein Pferd zwischen den Diener und ihre Stute trieb. Der junge Mann neigte zum Aufbrausen. Schon das Ausbleiben der ehrerbietigen Begrüßung hatte ihn erzürnt – und jetzt erwies sich der Sklave auch noch als erstaunlich scharfsinnig in Bezug auf seine Niederlage beim Rennen.

»Wie sprichst du mit deiner Herrin, Nigger?«, fuhr er Kwadwo an. »Hab ich da eine unziemliche Anrede gehört?«

Die Reitgerte des jungen Mannes durchschnitt die Luft – doch der alte Stallknecht fing den Schlag mit seiner großen, schwieligen Hand ab.

»Nicht so, junger Herr!«, sagte er ruhig. »Ich bin kein Sklave, ich bin ein freier Mann. Und wie ich rede, darüber hab ich nur dem Backra Rechenschaft abzulegen und keinem …«

Kwadwo brach ab. Frei oder nicht frei, es ziemte sich nicht für ihn, den jungen Mann zu tadeln. Dabei hatte Keensley die Rüge durchaus verdient. Es war eines Gentlemans nicht würdig, ein Mädchen ohne Anstandsdame auf einen Ausritt zu locken. Deirdre war manchmal etwas unbedacht, aber Quentin Keensley hätte das nicht ausnutzen dürfen.

Quentin ließ die Blicke jetzt wütend und hilflos zwischen dem alten Schwarzen und der erschrockenen Deirdre hin- und herwandern.

»Wie redet der überhaupt?«, wandte er sich verwirrt an die junge Frau. »Das klingt ja, als … das klingt wie richtiges Englisch.«

Die meisten der aus Afrika verschleppten Sklaven sprachen die Sprache ihrer Herren nur gebrochen oder taten zumindest so, als wüssten sie sich nicht flüssig auszudrücken. Kwadwo und die anderen Sklaven auf Cascarilla Gardens verzichteten allerdings zumindest auf Letzteres, und die jungen Schwarzen hielt Nora Fortnam dazu an, in ganzen Sätzen zu sprechen. Kwadwo, der als junger Mann nach Jamaika gekommen war, hatte sich die Sprache schnell angeeignet. Seine früheren Herren durfte er das allerdings nie wissen lassen. Auch heute noch sprach er Pidgin, wenn Gäste kamen. Nur gegenüber Quentin hatte er sich eben vergessen.

»Kwadwo ist seit fünfzig Jahren hier«, gab Deirdre zurück und schaute ihren Kavalier böse an. Erst jetzt bemerkte Quentin ihre Empörung. »Da ist es ja wohl normal, dass er Englisch spricht. Aber Sie sollten sich schämen, alte Männer zu schlagen! Ich meine … junge Männer schlägt man natürlich auch nicht … Also, Sklaven überhaupt. Wobei Kwadwo kein Sklave ist, mein Vater hat ihm schon vor langer Zeit die Freiheit geschenkt. Kwadwo ist unser Busha. Und er gehört zur Familie!« Sie errötete leicht. »Also für mich ist er so was wie mein Großpapa …« Deirdre lächelte den alten Obeah-Mann verschwörerisch an.

Über Kwadwos Gesicht zog ein Strahlen. »Na, na, Missis, dafür bin ich wohl zu schwarz …«, wehrte er gutmütig ab, wohl wissend, dass Deirdres Großeltern väterlicherseits nicht weniger dunkelhäutig gewesen waren als er.

Aber Deirdre kam stark nach ihrer Mutter, und die Fortnams hängten ihre Abstammung nicht an die große Glocke. Sie galt als Noras und Dougs Kind – wenn über anderes getuschelt wurde, so nur unter der Hand. Wer die Geschichte damals nicht mitbekommen hatte, bezweifelte denn auch oft den Wahrheitsgehalt dieses Geredes.

»Du bist genau richtig, Kwadwo!« Deirdre lachte. »Hast du dir wehgetan?«

Sie wies auf seine Hand und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Quentins Angebot, ihr dabei Hilfestellung zu leisten, übersah sie geflissentlich.

Der Stallmeister schüttelte den Kopf, wobei er die langen Kräusellocken seiner Perücke in lebhafte Schwingungen versetzte.

»Aber nein, Missis. Ich hab schwielige, unempfindliche Hände … so wie du … wie Sie bald auch, wenn Sie nicht endlich Handschuhe anziehen beim Reiten …«

Wahrscheinlich hätte Kwadwo seine Schimpftirade gleich wieder aufgenommen, wäre jetzt nicht der Wagen der Warringtons die Auffahrt heraufgekommen. Kwadwo rief rasch nach ein paar Stallburschen, die Alegría und Keensleys Braunen in die Ställe führten, während er selbst sich um die Gäste bemühte.

»Mrs. Warrington, Backra Lord Warrington!« Kwadwo vollführte seine berühmte Verbeugung. »Willkommen auf Cascarilla Gardens! Sie gehabt gute Reise? Nicht zu heiß ohne Dach von Kutsche? Jimmy, Nichtsnutz, nicht hast gedacht, dass deine Missis sich wird verderben Teint bei Sonne …«

Deirdre lächelte, als sie sah, dass Quentin missmutig guckte. Kwadwo spielte erneut virtuos seine Rolle, aber Quentin schien die Komik darin nicht zu sehen. Überhaupt, dieser Quentin Keensley … Deirdre schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit. Wie hatte sie sich mit ihm abgeben können! Sie schenkte ihm keinen Blick mehr, als er sie jetzt zum Haupthaus begleitete. Auf einen aufgeschlossenen, klugen Begleiter hatte sie gehofft, als er von seinen Europareisen erzählt hatte. Aber jetzt erwies er sich doch nur als aufgeblasener kleiner Zuckerbaron: Immer schnell mit der Peitsche bei der Hand, wenn ein Sklave sich nicht wehren konnte. Jederzeit bereit, alle Menschen mit schwarzer Haut für dumm zu halten.

Und anständig reiten konnte er auch nicht!

KAPITEL 2

Nora Fortnam stand vor den Empfangsräumen bereit, die Gäste zu begrüßen und wirkte ebenso verärgert wie erleichtert, als Deirdre endlich hereinschlüpfte. Ihre Tochter schaute denn auch entsprechend schuldbewusst. Ohne Keensleys Begleitung hätte sie wahrscheinlich den Kücheneingang gewählt, um schnell und ungesehen ins Haus zu kommen, aber mit dem Kavalier ging das natürlich nicht – an die grundlegenden Regeln der Etikette hielt sich zum Glück auch ihre wilde Tochter. Wenngleich der junge Mann zurzeit nicht sonderlich vorzeigbar wirkte. Nora beobachtete, dass der Hausdiener an der Tür Quentins Aufzug indigniert in Augenschein nahm. Die bereits festliche Kleidung Keensleys hatte unter dem Ausflug mit Deirdre ein wenig gelitten. Sein zartblaues Brokatjackett und die passenden Kniehosen zeigten einen leicht rötlichen Schimmer von dem Staub auf den Wegen. Außerdem fehlte der Dreispitz, ein Muss bei der augenblicklichen Mode. Ohne den Hut unter dem Arm bei einer formellen gesellschaftlichen Veranstaltung zu erscheinen war schlichtweg nicht gentlemanlike, und Keensley schaute denn auch entsprechend verlegen. Über sein nicht ordentlich gepudertes Haar sah man im Hause Fortnam schon eher hinweg, schließlich pflegte sich der Hausherr selbst dieser Mode konsequent zu verweigern.

»Dede, wo bleibst du denn?«, wandte sich Nora nun an ihre Tochter. »Du solltest längst in vollem Staat neben mir stehen und die Gäste begrüßen! Du bist schließlich die Hauptperson! Und ich frage mal besser gar nicht, wo du mit wem gewesen bist!« Deirdres Reitkleid und ihr aufgelöstes Haar machten diese Frage auch weitgehend überflüssig.

Für den Begleiter ihrer Tochter hätte Nora fast Mitleid empfunden, wäre sie nicht so aufgebracht über die Verspätung gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich Hoffnungen auf einen Flirt mit Deirdre gemacht, aber da brauchte Nora sich keine Sorgen zu machen. Bislang hatte ihre Tochter noch jedem Kavalier einen Korb gegeben. Sie war weit mehr am Rennreiten interessiert als am Austausch verbotener Zärtlichkeiten.

»Und Sie, Mr. Keensley, machen sich wohl auch besser ein wenig frisch!«

Nora sah sich nach einem Hausdiener um, der sich um Quentins Aufmachung kümmern konnte, und sandte zwei kleine schwarze Jungen aus, den Dreispitz des Gastes zu suchen. Deirdre verriet den beiden rasch die Route, über die sie Keensley geführt hatte. Sie wirkte dabei schon wieder belustigt, zweifellos hatte sie sich bestens amüsiert.

Nora seufzte. Auch sie war in jungen Jahren ein Wildfang gewesen und ritt heute noch gern schnell. Allerdings hatte sie in Deirdres Alter doch mehr auf Formen geachtet – oder zumindest so getan … Die Erinnerung an ihre eigenen Eskapaden hätte sie fast lächeln lassen, sie hielt sich jedoch gerade noch zurück. Deirdre war ohnehin hoffnungslos verwöhnt, da galt es jetzt nicht auch noch, Verständnis zu zeigen.

»Jetzt beeil dich, Deirdre, du wirst hier gebraucht!«, forderte sie ihre Tochter schließlich in strengem Ton auf. »Über dein Verhalten reden wir später … Es ist unmöglich, sich einfach so mit Mr. Keensley wegzuschleichen!«

Deirdre lächelte entschuldigend. »Ach, schimpf nicht, Mommy!«, bat sie und küsste ihre Mutter auf die Wange – um sich anschließend angewidert den Puder von den Lippen zu reiben. »Ich komm einfach später hinzu. Wenn alle schon da sind, werde ich die Treppe hinunter… hm … hinunterschweben, und alle werden bewundernd zu mir aufblicken.«

Sie richtete sich auf und bewegte sich mit tänzelnden, gekünstelten Schritten, als stecke sie jetzt schon in hohen Schuhen und Korsett.

Nora bemühte sich um eine ernste Miene, was ihr nicht wirklich gelang. »Jetzt schweb erst mal in dein Zimmer!«, sagte sie versöhnlich. »Die Mädchen warten schon, um dich zurechtzumachen. Sag ihnen, sie sollen sich beeilen. Wir veranstalten dieses Fest nicht zum Spaß, Deirdre. Es geht um deine Einführung in die Gesellschaft, und es wäre wünschenswert, wenn du dich entsprechend benehmen würdest …«

Nora selbst war längst formvollendet gekleidet – und bot einen imponierenden Anblick. Obwohl sie die Vierzig schon überschritten und drei Kinder geboren hatte, war sie immer noch schlank. An diesem Tag hatte sie sich zudem enger geschnürt als sonst. An sich hasste sie Korsetts und pflegte bei der täglichen Arbeit darauf zu verzichten. Nora war heilkundig und ersetzte für Schwarz und Weiß den Arzt auf der eigenen und oft genug auch auf den umliegenden Plantagen. Dabei bevorzugte sie leichte, bequeme Baumwollkleider. Zu Deirdres Geburtstagsfeier trug sie jedoch eine elegante dunkelgrüne Seidenrobe mit goldenen Bordüren und hatte sogar ihr kunstvoll aufgestecktes Haar gepudert und sich der Mode gemäß geschminkt. Sie hoffte, dass ihr Mann ebenfalls zu modischen Konzessionen bereit sein würde, machte sich aber keine zu großen Illusionen. Der Plantagenbesitzer und erfolgreiche Advokat fand es durchaus amüsant, seine Nachbarn ein bisschen zu schockieren, indem er mit den Konventionen brach. Doug Fortnam bevorzugte Breeches statt Kniehosen, besaß lediglich eine Perücke für Auftritte vor Gericht und verzichtete darauf, sein volles blondes Haar weiß zu pudern.

»Die Erfahrung zeigt«, so pflegte er zu dozieren, »dass das Haar des Menschen auf die Dauer ergraut, wenn man lange genug lebt – ich beabsichtige, das abzuwarten. Und auch die Totenblässe wird sich irgendwann von selbst einstellen. Ich denke gar nicht daran, dem vorzugreifen, indem ich mein Gesicht weiß anmale.«

Nora war ganz seiner Meinung, aber an diesem Tag war es ihr einfach wichtiger, einen guten Eindruck zu machen, als für ihre modischen Überzeugungen einzustehen. Dieses Fest war bedeutend für Deirdre – auch wenn das Mädchen selbst das nicht einsah und Doug nur in eingeschränktem Maße. Doch sie, Nora, beobachtete scharf, und ihr war nicht entgangen, dass Deirdre Gefahr lief, von der besseren Gesellschaft Jamaikas isoliert zu werden. Im Laufe des letzten Jahres hatte es viele Bälle und Empfänge in Kingston und auf den umliegenden Plantagen gegeben, anlässlich deren junge Mädchen debütierten. Dieser Brauch hatte seine Wurzeln in England, wo die jungen Damen des Adels in ihrem achtzehnten Lebensjahr traditionell der Königin vorgestellt wurden. Ab da galten sie als heiratsfähig und konnten von passenden jungen Herren umworben werden. In den Kolonien hatte man das für die eigenen, besonderen Verhältnisse modifiziert – wer eine Tochter im passenden Alter hatte, gab einen Ball, zu dem auch weitläufige Bekannte mit ihren Söhnen und Töchtern geladen wurden. So trafen sich junge Leute, die sonst auf weit auseinanderliegenden Plantagen lebten, und lernten einander kennen. Der Sinn des Ganzen war natürlich die Eheanbahnung.

Nora hatte denn auch seit etwa einem Jahr mit entsprechenden Einladungen für ihre Tochter gerechnet, aber tatsächlich blieben sie aus. Die Vertreter der besseren Gesellschaft von Kingston sagten es den Fortnams zwar nicht ins Gesicht und hätten sicher auch die Absicht geleugnet, Deirdre aufgrund ihrer zweifelhaften Abstammung auszugrenzen. Bei Einladungen pflegte man sie allerdings schon als Kind immer mal wieder zu »vergessen«, und bei den Debütantinnenbällen wurde das offensichtlich. Deirdre Fortnam war erkennbar unerwünscht.

Nora hatte sich das eine Weile angesehen und dann beschlossen, selbst aktiv zu werden. Deirdres achtzehnter Geburtstag sollte der Anlass für einen der glanzvollsten Bälle sein, die je in der Umgebung von Kingston und Spanish Town stattgefunden hatten. Und niemand, der an diesem Abend nach Cascarilla Gardens kam, konnte sich mehr davor drücken, Deirdre auf die Einladungsliste seiner eigenen Veranstaltungen zu setzen.

Doug, der immer noch bereit war, an einen Zufall zu glauben, gab zwar zu bedenken, dass die Leute ihren Empfang nur meiden müssten, um Deirdre weiter ignorieren zu können. Doch diese Befürchtung hegte Nora nicht. Cascarilla Gardens war zu groß und zu hochgeschätzt, Doug als Advokat und Experte für Internationales Handelsrecht zu bekannt und zu begehrt, als dass man hier einen Affront riskierte. Die geladenen Gäste würden kommen und sich dabei hoffentlich auch selbst davon überzeugen, was für ein schönes und wohlerzogenes Mädchen Deirdre Fortnam war! Wenn sich die junge Dame denn einmal zu zeigen geruhte … und wenn sie sich keine weiteren Eskapaden wie unbegleitete Ausritte mit Nachbarjungen leistete.

Deirdre hastete in den ersten Stock des Hauses und war froh, dabei wenigstens niemandem auf dem Weg in den Ballsaal zu begegnen. Die Gästezimmer waren längst belegt, die ersten Besucher aus Kingston und den Blue Mountains waren schon im Laufe des Vormittags eingetroffen. Die Fortnams sahen das als selbstverständlich an – man wohnte zu weit voneinander entfernt für Kurzbesuche, und wenn der Haushalt gut organisiert war, bedeutete das volle Haus auch kaum Mehrarbeit für die Gastgeber. An Personal mangelte es auf keiner der Plantagen – und die Hausangestellten auf Cascarilla Gardens waren besonders gut geschult. Zumindest die jüngeren von ihnen waren auf der Plantage geboren und schon früh unter die gestrenge Obhut der Köchin Adwea, von allen liebevoll Mama Adwe genannt, genommen worden. Gemeinsam mit Nora, einer in allen gesellschaftlichen Angelegenheiten gut geschulten Kaufmannstochter, und dem ersten Hausmädchen Carrie bildete Adwea hervorragende Küchenmädchen, Zofen und Hausdiener aus, die der Familie und ihren Gästen zur Verfügung standen.

Auf Deirdre warteten jetzt allein drei schwarze Mädchen, die schon aufgeregt nach ihr ausgeschaut hatten.

»Missis, jetzt aber schnell!«

Amali, das älteste der Mädchen, konnte Deirdre nicht rasch genug aus dem Reitkleid helfen. Genet, das zweite, hielt eine Schüssel warmes Wasser und einen Schwamm bereit, damit Deirdre sich abreiben und erfrischen konnte. Deirdre vermerkte genüsslich, dass das Wasser nach Rosen und Lavendel duftete, die Mädchen mussten ein paar Tropfen der Blütenessenzen hineingegeben haben. Sie wusch sich rasch, während Amali und Genet bereits seidenes Unterzeug, Strümpfe und das unvermeidliche Korsett für sie bereithielten.

Die meisten Damen der Gesellschaft hätten dabei nicht selbst zum Schwamm gegriffen. Fast alle überließen sich, was ihre Körperpflege anging, gänzlich ihren schwarzen Dienerinnen. Nora hatte allerdings immer Wert darauf gelegt, dass Deirdre selbstständig wurde. Sie fand es peinlich, sich bis in die intimsten Geheimnisse ihres Körpers der Dienerschaft zu offenbaren und hatte diese Scham auch ihrer Tochter vermittelt. Deirdre hatte keine »Leibsklavin« – obwohl sie es manchmal durchaus genoss, wie eine Prinzessin behandelt zu werden.

Kinah, das dritte der Mädchen, verstand sich aufs Frisieren. Sie bestand darauf, Deirdres Haar zu lösen und auszubürsten, bevor sie sich ankleidete.

»Es ist doch ganz schmutzig, Missis, und wenn der rote Sand auf das weiße Kleid kommt …«

Deirdre kicherte bei dem Gedanken an Quentin Keensleys verstaubten Feststaat und ließ die Mädchen an der Geschichte seiner Niederlage beim Rennen teilhaben. Die drei lachten denn auch bereitwillig mit. Vor allem die gleichaltrige Amali war Deirdre mehr Freundin als Hausangestellte.

»Aber wenn Sie so mit den jungen Gentlemen umgehen«, gab das Mädchen jetzt zu bedenken, »werden Sie nie einen Mann finden, Missis! Sie haben es uns doch vorgelesen: Ein Mädchen soll bescheiden sein und sanft und freundlich. Da stand nichts von Pferderennen in Ihrem Buch!«

Deirdre besaß mehrere Bücher aus England, in denen erklärt wurde, wie sich junge Ladys der besseren Gesellschaft zu benehmen hatten. Nora bestellte diese Literatur pflichtschuldig – getrieben von ihrem schlechten Gewissen. Sie wusste genau, dass sie ihre Tochter und auch die jüngeren Söhne erheblich zu frei aufwachsen ließ. Die Fortnam-Kinder spielten mit dem Nachwuchs der Sklaven in der Küche, im Garten und auch im Quartier der Schwarzen. Sie konnten schwimmen und reiten, trieben sich am Strand, im Wald und auf den Zuckerrohrfeldern herum. Deirdre hatte erst mit fünfzehn angefangen, halbwegs regelmäßig Schuhe zu tragen.

Ihr Hauslehrer, der sanfte Schotte Ian McCloud, nahm es mit der strengen Erziehung auch nicht allzu genau. In Sachen Durchsetzungsfähigkeit hatte er schon versagt, als Doug ihn ursprünglich als Aufseher für seine Sklaven eingestellt hatte. Nun war das durchaus im Sinne der Fortnams gewesen. Tatsächlich organisierten sich die Schwarzen in Cascarilla Gardens ganz hervorragend selbst unter Kwadwos Führung. Aber Doug hatte sich irgendwann dem Druck der Nachbarschaft fügen müssen, die ein Sklavenquartier ohne Aufseher als Gefährdung der öffentlichen Ordnung ansahen. Also stellte er McCloud auf Cascarilla Gardens ein. Der verbrachte die ersten Jahre auf der Plantage meist lesend oder träumend unter einer Palme – während seine Gattin Priscilla, ein selbst ernanntes Medium, Geister beschwor. Erst mit den Fortnam-Kindern fand Mister Ian, wie ihn die Schwarzen riefen, zu seiner wahren Berufung. Er vermittelte erst Deirdre und dann ihren jüngeren Brüdern eine umfassende Bildung. Doug schickte seine Kinder nicht nach England zur Schule, er hatte traumatische Erinnerungen an die eigene Zeit im Internat. Wenn Thomas und Robert später einmal studieren wollten, konnten sie immer noch ins Mutterland reisen.

»Vom Reiten stand sehr wohl etwas in den Büchern«, erklärte Deirdre jetzt, während sich Kinah mit ihrem Haar abmühte. »Doch nur Unsinn! Der Kavalier müsse darauf achten, dass seiner Dame nur das sanftmütigste und langsamste Pferd zur Verfügung gestellt würde … Aber in England scheint man wohl nur zum Vergnügen zu reiten, und nicht, um irgendwo anzukommen!«

Nora hatte Deirdre von Ausritten im St. James Park und Reitjagden in Schottland erzählt. Wobei eine Jagd zu Pferde die junge Frau bestimmt gereizt hätte. Hier auf Jamaika verbot Nora ihrer Tochter allerdings die Teilnahme an vergleichbaren Veranstaltungen. Man jagte rund um Kingston kein Wild, sondern kleine schwarze Jungen, die sich einen Spaß daraus machten, den Reitern zu entwischen. Die Kinder mochten das lustig finden, aber Nora erkannte es als menschenverachtend. Und Doug dachte dabei an die Sklavenjagden, an denen sein Vater stets gern teilgenommen hatte. Man hetzte entflohene Schwarze mit Hunden und Pferden – um sie dann drakonisch für ihren Fluchtversuch zu bestrafen. Die spielerischen »Reitjagden« dienten auch dazu, die Tiere dafür zu trainieren.

»Ich heirate jedenfalls keinen Mann, dem ich eine schüchterne, dumme Gans vorspielen muss, die nicht mal reiten kann!«, fuhr Deirdre fort. »Mein Gatte wird mich nehmen müssen, wie ich bin.«

Amali lachte beklommen. Sie wusste einiges von Deirdres Geschichte – in den Sklavenquartieren waren viel mehr Einzelheiten über Nora Fortnams Entführung und ihr Verhältnis zu Deirdres leiblichem Vater Akwasi bekannt als in der feinen Gesellschaft rund um Kingston. Deirdre konnte von Glück sagen, wenn sie überhaupt unter den jungen Männern der weißen Backras wählen konnte. Sie hätte ebenso gut als Dienerin im Sklavenquartier enden können. Vor dem Gesetz galt die Tochter eines entflohenen Sklaven als Schwarze – bis vor wenigen Jahren war es den Plantagenbesitzern nicht einmal erlaubt gewesen, ihren Leuten Freibriefe auszustellen. Inzwischen hatte sich das geändert. Kwadwo und Adwea waren frei – und auch für Deirdre lag irgendwo in den Truhen ihres Ziehvaters Doug Fortnam ein vom Gouverneur unterzeichnetes Dokument, das sie als freie Schwarze auswies. Es gab Deirdre Sicherheit – aber es machte sie nicht unbedingt interessanter als Heiratskandidatin für junge Männer wie Quentin Keensley.

Amali bedeutete ihrer jungen Herrin aufzustehen und begann, sie zu schnüren. Es ging leicht, Deirdre war sehr schlank und hätte der künstlichen Hilfestellung eigentlich gar nicht bedurft. Doch die mittels Fischbein geformte extreme Wespentaille war nun einmal Mode. Deirdre stöhnte, als Amali die Schnüre energisch anzog.

Schließlich halfen ihr die Mädchen in einen Reifrock und ein leichtes reinweißes Kleid, über das eine mit hellgrünen Schleifen besetzte Mantille gezogen wurde. Trotz des noch unfrisierten Haares sah Deirdre atemberaubend aus.

Amali lächelte ihrer Freundin und Herrin zu. Zum Glück war sie schön. Ein Ausspruch Mama Adwes … Die Männer würden nicht an Deirdres Abstammung denken, wenn sie die junge Frau ansahen und um ihre Gunst warben. Und ihre Familien würden es nicht wagen, Doug Fortnam von Cascarilla Gardens zu brüskieren, indem sie seine Ziehtochter kategorisch ablehnten. Das zumindest hofften die Fortnams – und ihre Dienerschaft. Es gab niemanden auf Cascarilla Gardens, der Deirdre Böses wünschte.

»Also, zum Schminken haben wir jetzt aber wirklich keine Zeit mehr!«

Es hatte lange gedauert, Deirdres widerspenstige Locken zu einem lockeren Zopf zu flechten und Orangenblüten hineinzuwinden. Deirdre wehrte ab, als Genet zum Abschluss noch zu den Schminktöpfen greifen wollte.

»Aber Missis Nora meinte …«

Genet schaute zweifelnd und machte Anstalten, etwas einzuwenden, allerdings halbherzig. Den schwarzen Mädchen erschien es als völlig unsinnig, die ohnehin hellen Gesichter der Weißen auch noch zu pudern. Zumal es Deirdre in keiner Weise schmeicheln würde. Keine Schminke der Welt konnte sie schöner machen, als sie es jetzt schon war. Ihre Haut war glatt und rein, und ihr natürlicher Teint passte viel besser zu dem weißen Debütantinnenkleid als die künstliche Blässe.

»Ach, Mommy meint das nicht ernst!«, behauptete Deirdre und stand auf. »Ihr habt das wunderbar gemacht!«, lobte sie die Mädchen. »Geht jetzt runter und sagt dem Zeremonienmeister Bescheid, dass ich komme, ja? Und Mommy natürlich. Es wird ein ganz großer Auftritt werden!«

In den hochhackigen eleganten Seidenschuhen bewegte sie sich nun wirklich so kokett, wie sie es ihrer Mutter zuvor demonstriert hatte. Den ganzen Abend darin herumzulaufen würde furchtbar werden … aber Deirdre wusste, dass sie sich nicht davor drücken konnte. Sie kicherte, als sie daran dachte, wie es wäre, barfuß auf ihrem Debütantinnenball zu erscheinen.

Deirdre folgte den Mädchen in ihrem Feststaat auf den Korridor, und während die drei schon die Treppe hinunterliefen, blieb sie noch einen Moment an der fein gedrechselten Brüstung stehen, um einen Blick von hier oben in den Saal zu werfen.

»Deirdre, wie schön du bist!«, hörte sie da hinter sich die Stimme ihres Ziehvaters. »Du erinnerst mich heute sehr an deine Mutter! Ich weiß noch, als ich sie das erste Mal sah – an einem Weihnachtsfest war das. Sie kam eine Treppe herunter und war so wunderschön … Ich hab mich gleich in sie verliebt. Und du wirst heute Nacht wohl jedem jungen Mann da unten den Kopf verdrehen! Pass bloß auf, dass sie sich nicht um dich schlagen!«

Doug Fortnam lächelte seine Ziehtochter spitzbübisch an. Er war ebenfalls auf dem Weg zu den Gästen, doch jetzt musste er erst einmal stehenbleiben und Deirdre in Ruhe ansehen. Sein etwas kantiges Gesicht war inzwischen von kleinen Fältchen durchzogen, die Sonne und Wind in seine stets gebräunte Haut geschnitzt hatten. Mitunter zeigte es allerdings immer noch den jungenhaften, verwegenen Ausdruck, in den Nora sich so viele Jahre zuvor verliebt hatte.

»Du siehst aber auch sehr gut aus!«, gab Deirdre das Kompliment zurück. »Richtig herausgeputzt. Ich fürchte, unter den ganzen Leuten hätte ich dich gar nicht erkannt.«

Doug lachte über die kleine Neckerei. Tatsächlich hatte er sich Noras Gebot gebeugt und sich in Kniehosen, Seidenstrümpfe, Spitzenjabot und Brokatjackett gezwängt. Die hohen Schnallenschuhe stießen ihm dabei am härtesten auf. Doug empfand seinen Aufzug als stutzerhaft und albern – und warum er in seinem eigenen Haus einen Dreispitz unter dem Arm tragen sollte, war ihm auch nicht klar. Aber er fügte sich ausnahmsweise der herrschenden Mode und hatte sogar sein üppiges blondes Haar weiß gepudert und mit einer Spange im Nacken zusammengefasst.

»Dann bleib doch erst mal bei mir, bis du dich an den Anblick gewöhnt hast«, sagte er augenzwinkernd und bot Deirdre den Arm. »Darf ich bitten, Prinzessin?«

Deirdre lächelte, als sie an seinem Arm die Treppe zum Ballsaal hinunterschritt. Der eigens für diese Dinge engagierte Zeremonienmeister stand am Fuß der Treppe bereit, die beiden anzukündigen.

»Mesdames, Messieurs … Ihr Gastgeber, Douglas Fortnam, und unsere Debütantin, die reizende Miss Deirdre …«

Die jungen Männer im Saal hielten bei Deirdres Anblick den Atem an. Ganz sicher würde keiner von ihnen mehr dulden, dass seine Eltern die Einladung dieses Mädchens beim nächsten Fest einfach »vergaßen«.

KAPITEL 3

Fertig. Bonnie ließ den Blick noch einmal über die beiden Räume des Hauses ihres Herrn schweifen, die sie eben geputzt hatte. Sie wirkten immer noch schäbig, all ihren Bemühungen zum Trotz. Bonnie pflegte sich wirklich anzustrengen. Es hätte ihr gefallen, wenn das Haus in der kleinen Hafensiedlung ein bisschen mehr wie ein Heim ausgesehen hätte. Aber Skip Dayton, ihr Backra, hatte wenig für eine Möblierung übrig, die über ein Bett, einen Tisch und ein paar primitiv zusammengezimmerte Stühle hinausging. An Vorhänge oder Tischdecken oder auch nur saubere Laken war gar nicht zu denken.

Saubere, duftende Laken – davon träumte Bonnie. Sie hasste das schmuddelige Bett des Backras. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Es war schließlich erst früher Morgen. Bis ihr Herr sie wieder begehren würde, würden noch viele Stunden vergehen. Und vielleicht ließ er sie an diesem Tag ja sogar ganz in Ruhe … Bonnie hätte darum gebetet, wenn sie nicht längst damit aufgehört hätte, die Götter um Hilfe zu bitten. Sie verschwendete keine Energie an aussichtslose Bemühungen, und bislang war nie ein Gebet von ihr erhört worden.

Sie brauchte dringend ein wenig Ruhe. Die letzte Nacht war hart gewesen. Bonnie erlaubte sich ein Stöhnen, während sie sich aufrichtete. Sie hatte den Fußboden auf Knien geschrubbt – anders war den Kautabakresten nicht beizukommen, die der Backra bedenkenlos auszuspucken pflegte. So gesehen war es vielleicht ganz gut, dass es keine Teppiche gab … Aber Bonnie würde weicher fallen, wenn es ihm wie in der vergangenen Nacht in den Kopf kam, sie zu strafen, indem er sie zu Boden schleuderte. Oder wenn er sie auf dem Boden nahm – auch dann schmerzte anschließend ihr ganzer Körper. Die dicken Holzbohlen, mit denen das Haus ausgelegt war, waren steinhart, und obendrein bohrten sich Splitter in ihren Rücken. Manchmal so tief, dass es Tage dauerte, bis sie herauseiterten.

Bonnie suchte Halt am Küchentisch, ihr wurde schwarz vor Augen, als sie auf die Beine kam. Am liebsten hätte sie sich für ein paar Stunden in den Verschlag hinter dem Laden des Backras, in dem sie gewöhnlich schlief, zurückgezogen. Vielleicht würden die Schmerzen aufhören, wenn sie sich hinlegte. Aber andererseits war auch der Schuppen nicht gerade ein gemütliches Refugium. Es stank bestialisch nach den Abfällen der Schlachttiere, die der Backra einfach am Wasser liegen zu lassen pflegte, und gerade an diesem Morgen hatte er wieder ein paar Felle und Eingeweide vors Haus geworfen. Dayton störte der Gestank, der entstand, wenn die Felle austrockneten und die Schlachtreste verwesten, nicht. Ebenso wenig das Blöken der Schafe, Ziegen und Rinder, die er vor der Schlachtung in völlig verdreckten Pferchen hielt, und die Milliarden Fliegen. Zu Beschwerden anderer Anwohner kam es auch nicht, denn seine Schlachterei lag am äußersten Ende der Siedlung, gleich dahinter begann der unberührte Sandstrand von Grand Cayman. Lediglich Bonnie litt. Wenn sie die Kraft dazu aufbrachte, warf sie Sand über die Kadaverreste, bevor sie schlafen ging.

An diesem Tag hätte sie jedoch gar nichts gestört, wenn sie nur etwas Ruhe gefunden hätte. Der Backra war am Abend zuvor betrunken nach Hause gekommen. Das passierte oft, aber dieses Mal hatte er auf dem Rückweg von den primitiven Spelunken am Hafen wohl wieder einmal bei Máanu hineinschauen und randalieren wollen. Solche nächtlichen Überfälle waren das, was Skip Dayton unter »Brautwerbung« verstand. Máanu, die Besitzerin der Gemischtwarenhandlung der Siedlung, fühlte sich nur davon belästigt. Sie hatte ihn denn auch gebührend empfangen, indem sie einen Nachttopf über ihm ausgeleert hatte – und außerdem war Jefe da gewesen, ihr Sohn. Bonnies Herz schlug immer etwas höher, wenn sie an Jefe dachte. Er war so groß und stark, so selbstsicher … und er beschützte seine Mutter. Bonnie wünschte sich auch einen Beschützer, in der vergangenen Nacht hätte sie ihn mehr als nötig gebraucht.

Backra Skip war nach Máanus Abfuhr »heiß« gewesen, wie er das nannte, und wie immer war nur Bonnie da gewesen, um seine Gelüste zu befriedigen. Und Bonnie hatte auch die Strafe erdulden müssen, die Máanu nach des Backras Meinung für ihre Sturheit verdiente. Er hatte sie so hart geschlagen wie selten. Bonnie hatte das Gefühl, jeder Knochen und jeder Muskel ihres Körpers schmerze, doch sie konnte sich natürlich nicht um ihre Arbeit drücken, ohne weitere Prügel zu riskieren. Also war sie früh aufgestanden wie immer, hatte die Tiere gefüttert, das Haus geputzt – und jetzt musste sie noch etwas einkaufen.

Bonnies Laune besserte sich ein bisschen, als sie dazu aufbrach. Sie ging gern in Máanus Laden, unterhielt sich mit ihr und hoffte darauf, dass Jefe auch vorbeikäme. Der junge Mann verrichtete Botendienste in der Hafensiedlung und ließ sich für Gelegenheitsarbeiten anheuern. Viel Geld brachte das nicht, und es war auch keine Vollzeitbeschäftigung, doch bezahlte Arbeit für freie Schwarze gab es kaum auf den Kaimaninseln. Es wimmelte schließlich von Sklaven, die kostenlos niedrige Arbeiten verrichteten. Den Weißen gehörten die Plantagen – und auch die meisten schäbigen Geschäfte hier in der Siedlung rund um den kleinen Hafen. Dabei rührten sie auch da kaum einen Finger – lediglich Backra Skip schlachtete selbst, statt einen Schwarzen dafür anzulernen. Wahrscheinlich scheute er davor zurück, einem Sklaven die sehr scharfen Messer zum Häuten und Ausweiden der Tiere in die Hand zu geben. Bestimmt nicht zu Unrecht! Wenn er einen Mann so behandeln würde wie Bonnie … Mitunter stellte sie sich genüsslich vor, wie der sich mit dem Schlachtermesser wehrte … Bonnie hatte oft gewaltträchtige Fantasien. Sie würde gern im Blut waten, wenn es denn das Blut des Backras wäre …

Nun rief sie sich allerdings energisch zur Ordnung. Mit solchen Tagträumen war niemandem gedient. Sie dachte lieber darüber nach, was sie brauchte. Nicht auszudenken, dass sie irgendeine der Besorgungen vergaß, die der Backra ihr morgens aufgetragen hatte.

Schließlich verließ Bonnie das kleine verwahrloste Holzhaus neben der Metzgerei, in der Skip Dayton gerade ein Stück Schweinelende für die Frau des Hafenmeisters abwog. Mrs. Benton ging persönlich einkaufen – wahrscheinlich weil sie einsam war und sich langweilte. Es gab nur wenige ehrbare Frauen in der Siedlung. Die weiblichen Wesen im Hafenbereich von Grand Cayman waren Sklavinnen oder Huren – oft auch beides. Die zwei Bordelle, in denen sich die Matrosen der Schiffe, die hier Proviant aufnahmen, vergnügten, boten fast ausschließlich schwarze Frauen und Mulattenmädchen an. Eine Weiße und ihre Tochter, die es irgendwie hierher verschlagen hatte, betrieben eine Schenke und waren auch nicht prüde. Ganz sicher kein Umgang für die brave Mrs. Benton!

Ja, und dann gab es noch Máanu, oder besser »Miss Máanu«. Die hochgewachsene, auch in mittleren Jahren noch schöne Schwarze bestand auf der respektvollen Anrede. Und sie verdiente sie ja auch – Miss Máanu arbeitete für keinen Backra. Miss Máanu war frei! Anfänglich hatte Bonnie das gar nicht glauben wollen. Sie hatte gemeint, Jefe schneide auf, als sie ihn kennengelernt hatte, nachdem sie von ihrem Backra gekauft worden war. Bonnie war damals zwölf Jahre alt und zu nichts auf der Plantage zu gebrauchen gewesen, wie ihr vorheriger Backra gesagt hatte. Sie war klein gewesen und halb verhungert. Auf den Zuckerrohrfeldern hatte man sie nicht brauchen können, und für eine Verwendung als Haussklavin fehlte es ihr an Erziehung und Umgangsformen. Bonnie fragte sich sowieso, weshalb man sie gemeinsam mit ihrer Mutter auf die Kaimaninseln geschafft und nicht einfach auf der jamaikanischen Plantage gelassen hatte, auf der sie geboren war. Aber wahrscheinlich hatte der letzte Backra auf Jamaika derart genug von ihrer Mom gehabt, dass er die Brut gleich mit loswerden wollte. Tilly, Bonnies Mom, hatte gestohlen, sie hatte versucht, die Aufseher zu verführen, sich sogar selbst verletzt, um nicht arbeiten zu müssen – und irgendwann war sie mit ihrer Machete auf die Köchin des Sklavenquartiers losgegangen, weil sie sich ungerecht behandelt gefühlt hatte. Der Backra hatte sie dann mit anderen straffällig gewordenen Sklaven nach Grand Cayman geschickt, wo sie endlos damit prahlte, welch mutige Kämpferin für die Freiheit sie gewesen war.

Bonnie glaubte das nicht. Sie hatte keine genauen Erinnerungen mehr an die Plantage auf Jamaika, damals war sie zu jung gewesen. Aber sie wusste noch genau, wie ihre Mutter Tilly sich auf den Kaimaninseln aufgeführt hatte. Tilly war nicht mutig und auch nicht wirklich von Sehnsucht nach Freiheit beseelt. Bonnies Ansicht nach war sie einfach nur verrückt. Sie suchte dauernd Streit – wenn sie sich nicht gerade irgendwelchen weißen oder schwarzen Männern an den Hals warf – und konnte keine Arbeit ohne Schimpfen und Widerworte erledigen. Um Bonnie hatte sie sich nie gekümmert, die Kleine hatte verlaust und halb verhungert eingeschüchtert in ihrer Hütte gehockt, bis einer der Aufseher sie schließlich fand und den Backra informierte, der sie zum Markt in die Siedlung brachte. Wahrscheinlich hätte er sie zuerst einem Bordell angeboten, aber Skip Dayton war gerade zu der Erkenntnis gelangt, dass er ein Hausmädchen brauchte. Bonnie war das billigste, was er kriegen konnte. Also griff er zu – und schien auch ganz zufrieden zu sein.

Bonnie jedenfalls tat ihr Bestes bei der Hausarbeit, sie wollte nicht sein wie ihre Mutter. Dafür war zumindest das Essen nicht schlecht bei Dayton. Gut, sie musste es selbst kochen, und es hatte einige Zeit und sehr viele Schläge gebraucht, bis sie gelernt hatte, wie das ging. Doch dann gab es Fleisch im Überfluss, und der Backra hatte nichts dagegen, wenn sie zusätzlich Gemüse anpflanzte, wie sie es bei Miss Máanu gesehen hatte. Jefe hatte ihr beim Anlegen der Beete geholfen. Er war damals dreizehn oder vierzehn gewesen, und dabei hatte er ihr von seinem Freibrief erzählt! Sie waren beide frei, seine Mutter und er. Sie sorgten für sich selbst. Máanu führte den Gemischtwarenladen nicht nur, er gehörte ihr! Bonnie war aus dem Staunen nicht herausgekommen.

Während sie wieder einmal darüber nachdachte, wie es sich anfühlen müsste, frei zu sein, lief Bonnie die staubige Straße entlang. Die Häuser hier waren alle ähnlich dem ihres Herrn: Holzhäuser mit oder ohne Veranden, manche mit ein paar Schnitzereien verziert, andere nur Bretterbuden. Ursprünglich waren alle mal bunt angemalt gewesen, aber die Sonne bleichte jede Farbe schnell aus, und nur wenige Besitzer der Bars und Bordelle, kleinen Läden oder Handwerksbetriebe machten sich die Mühe, den Anstrich regelmäßig zu erneuern.

Grand Cayman war nicht gerade eine Perle der Karibik, obwohl die Strände schneeweiß, endlos lang und wunderschön waren und das Meer in tausend Grün- und Blautönen in der Sonne funkelte. Es war fischreich und warm – Bonnie erinnerte sich daran, dass Jefe einmal an einem Weihnachtstag mit ihr zum Fischen gegangen war. Weihnachten hatten die Sklaven frei – zumindest auf den Plantagen. Skip Dayton war allerdings nur ein einziges Mal auf die Idee gekommen, dass auch Bonnie einen freien Tag verdiente. Es war herrlich gewesen. Sie waren ins Wasser gewatet und hatten die Fische mit einer Art Speer aufgespießt und an Land geworfen. Jefe hatte auch eine der riesigen Wasserschildkröten gefangen, die den Inseln ihren früheren Namen Las Tortugas gegeben hatten.

Aber Bonnie wollte nicht, dass er das Tier tötete. Ihr taten die Schildkröten immer leid, die von den Matrosen und Hafenarbeitern in Kisten eingepfercht in die dunklen Bäuche der Schiffe gebracht wurden. Es war leicht, sie eine Zeit lang am Leben zu halten, und so dienten sie als Frischfleischvorrat für die Seeleute. Der Fang und Verkauf der Tiere gehörte zu den Haupteinnahmequellen der Fischer auf den Kaimaninseln. Bonnie drängte sich jedoch stets der Gedanke auf, wie sich die Tiere wohlfühlen mussten – in dunklen Kisten, ohne Bewegung und Nahrung. Tage und Wochen, in denen sie nichts anderes tun konnten, als dem Tod entgegenzudämmern.

Bonnie schüttelte sich und zog den Kopf ein, als sie an einem der Bordelle vorbeilief. So gern sie an jenen Tag am Strand zurückdachte – in Wahrheit hasste sie die Kaimaninseln. An Máanus Stelle hätte sie sich nie hier angesiedelt – und irgendwann hatte sie Jefe dann auch gefragt, wie es eine freie Schwarze, der die ganze Welt offenstand, ausgerechnet in diese letzte Ecke der Kolonien verschlagen konnte.

»Wegen meines Vaters«, hatte Jefe geantwortet, und Bonnie erinnerte sich noch gut an den ungeheuren Stolz in seinem Blick.

Der Junge hatte auch gar nicht mehr aufhören wollen, von seinem Vater Akwasi zu erzählen. Einem stolzen Maroon, einem wahren Kämpfer für die Freiheit, einem Vertrauten der großen »Queen Nanny«, die in den Blue Mountains auf Jamaika eine ganze Stadt freier Schwarzer gegründet und verteidigt hatte.

»Die haben da wie in Afrika gelebt, wie bei den Ashanti, das ist ein Volk großer Krieger. Aber mein Vater war der allergrößte von ihnen! Er hatte Land und zwei oder drei Frauen, die es für ihn bearbeiteten. In Afrika hat jeder Mann mehrere Frauen, weißt du, je mehr, desto stolzer kann er sein! Und Akwasi war hochgeachtet – er befehligte die Maroons, wenn sie Plantagen überfielen, er befreite unzählige Sklaven … Er war Granny Nannys bester Kämpfer …«

Jefes Augen leuchteten, wenn er von Akwasis wunderbarem Leben in den Blue Mountains erzählte. Und Bonnie meinte fast, die Trommeln zu hören, zu deren Klang seine Frauen am Abend für ihn tanzten, und das Horn, das die Maroons zum Kampf rief, wenn wieder ein Heer der Engländer oder eine Abordnung der Pflanzer versuchte, das uneinnehmbare Dorf am Stony River zu erobern.

Jefes Vater hatte es stets erfolgreich verteidigt, bis die legendäre Queen der Maroons dann doch Frieden mit den Weißen schloss – womit Akwasi sich nicht abfinden wollte. Laut Jefe hatte er Nanny Town, wie die freien Schwarzen ihr Bergdorf nannten, verlassen und den Kampf allein weitergeführt. Bei dem heldenhaften Versuch, den Gouverneur von Jamaika zu ermorden, hatte man ihn dann gefangen genommen.

Bonnie konnte auch das nicht ganz glauben – schon deshalb, weil man für den Versuch, den Gouverneur von Jamaika zu töten, doch sicher nicht nur auf die Kaimaninseln verbannt, sondern eher gleich gehenkt wurde. Aber irgendein einflussreicher Backra hatte das wohl verhindert – wofür ihm Jefe jedoch nicht dankbar war. Schließlich hatte auch sein Vater den Mann gehasst, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnerte.

Bonnie fragte sich ohnehin, wie Jefe mehr als verschwommene Erinnerungen an seinen Vater haben konnte. Máanu war Akwasi wohl auf die Kaimaninseln gefolgt, auch das arrangiert von irgendwelchen weißen Gönnern. Aber bis auf die Plantage, der Akwasi als Feldsklave zugeteilt wurde, hatte deren Einfluss wohl nicht gereicht. Auf jeden Fall war der Besitzer nicht bereit gewesen, Máanu ebenfalls aufzunehmen. Eine freie Schwarze in seinem Sklavenquartier kam nicht infrage, das würde nur Unfrieden stiften. Und so weit, dass Máanu sich und ihren Sohn wieder versklavte, um mit ihrem Mann auf der Pflanzung leben zu können, ging ihre Liebe nun doch nicht. Sie hatte Akwasi also jahrelang nur am Weihnachtstag sehen können und dabei wenig von ihm gehabt. Der kleine Jefe hatte allerdings für diese Tage gelebt – für Akwasis endlose Erzählungen von Nanny Town, von Freiheit, von Afrika … und von Flucht! Anscheinend dachte Jefes Vater an nichts anderes und entwarf einen Plan nach dem anderen. Er versuchte es auch zweimal – wurde aber immer wieder eingefangen, was Jefe überraschte und in Wut brachte.

Bonnie hörte sich Jefes Berichte über die für das Scheitern der Flucht verantwortlichen unglücklichen Zufälle stets kommentarlos an, schließlich wollte sie Jefe nicht verärgern. Insgeheim vermutete sie jedoch, dass Jefes Vater genauso verrückt war wie ihre Mutter. Auf Grand Cayman gab es keine Blue Mountains, die Insel war klein und bis zum letzten Winkel erschlossen. Hier versteckte sich kein Maroon. Ausgebrochene Sklaven wurden umgehend wieder auf ihre Plantagen zurückgebracht, man machte sich nicht mal die Mühe, sie besonders drakonisch zu bestrafen. Allerdings kam es vor, dass sie auf der Flucht erschossen wurden, wenn sie sich gegen ihre Verhaftung wehrten.

Und genau das war mit Akwasi geschehen, als Jefe zehn Jahre alt gewesen war. Seitdem existierte sein heldenhafter Vater nur noch in seiner Erinnerung. Máanu war auf Grand Cayman geblieben, was hätte sie auch tun sollen? Einer Schwarzen hätte niemand das Geschäft zu einem ehrlichen Preis abgekauft. Und völlig mittellos wegzuziehen hätte nur erneut in die Sklaverei geführt.

Bonnie glaubte nicht, dass es Miss Máanu wirklich in der Hafensiedlung gefiel, aber es gab für sie ebenso wenig Möglichkeiten zur Flucht wie für eine Sklavin.

Bonnie erreichte nun Máanus Laden und fühlte sich gleich besser, als sie das einladende weiße Sonnensegel sah, das die saubere, bunt gestrichene Veranda beschattete. Sie war immer froh, wenn sie all die Bars und Bordelle rund um den Hafen passiert hatte, ohne belästigt worden zu sein. Máanus Laden hatte etwas Anheimelndes … Bonnie liebte den Geruch der Gewürze und den Anblick der frischen Früchte und Gemüsesorten, die Máanu in ordentlichen Regalen auf der Veranda ihres Geschäftes ausstellte. Es erinnerte an einen Marktstand, wahrscheinlich wollte sie vorbeigehenden Passanten gleich Appetit machen. Alle sonstigen Waren waren im Innenraum des Ladens gestapelt – hauptsächlich Lebensmittel, jedoch eher Trocken- und Hülsenfrüchte, Kohl, der in Fässern eingelegt war, Mehl und Zucker, und natürlich größere Mengen Schiffszwieback. Von den Einkäufen der wenigen Leute in der Siedlung konnten Máanu und Jefe nicht leben, die meisten ihrer Waren verkauften sie an die Proviantmeister der Schiffe, die hier anlegten, um ihre Vorräte aufzustocken.

Bonnie stieg mühsam die Stufen zur Veranda hinauf – und fühlte ihr Herz höher schlagen, als sie drinnen Máanus und Jefes Stimmen hörte. Sie hatte also Glück, er war da! Aber die Unterhaltung von Mutter und Sohn klang nicht sonderlich harmonisch. Im Gegenteil, sie schienen sich zu streiten.

»Jefe, du bist fast achtzehn Jahre alt!«

Máanu versuchte, ruhig zu bleiben, doch Bonnie hörte, dass sie verärgert war. Die freie Schwarze sprach korrektes Englisch. Auch das war Bonnie anfänglich unglaublich erschienen, in den letzten Jahren hatte sie jedoch so oft mit Máanu und Jefe zu tun gehabt, dass auch sie sich mittlerweile ganz ordentlich ausdrücken konnte, wenn sie es wollte.

»Du kannst nicht dein Leben damit vergeuden, im Hafen herumzulungern und darauf zu warten, dass dir irgendjemand ein paar Münzen dafür gibt, ein Schiff zu beladen!«

»Und was soll ich sonst tun?«, fragte Jefe herausfordernd.

Bonnie schob sich etwas näher an die mit einem aus bunten Flatterbändern bestehenden Fliegenvorhang versehene Ladentür, um die beiden sehen zu können. Jefe hockte auf einem Sack getrockneter Bohnen, die kräftigen Beine in den weiten Leinenhosen lässig hochgezogen, als fläze er sich auf einem Sofa. Er war außerordentlich stark, die Muskeln unter seinem weiten Hemd hätten zu einem Preisringer gehören können. Jefe trug sein Haar kurz. Sein Gesicht war tiefschwarz. Er hatte die hohen Wangenknochen von seiner Mutter geerbt, aber nicht ihre schräg stehenden Augen. Seine waren eher rund und weiter auseinanderstehend unter ausgeprägteren Brauen. Jefes Mund war breit, wenn er lachte, sah er unwiderstehlich aus. Doch Jefe lachte selten.

Máanu zuckte die Schultern. Sie gab es offenbar auf, in Ruhe mit ihrem Sohn reden zu wollen. »Was weiß ich denn, Jefe! Denk dir selbst etwas aus! Fahr zur See oder …«

Jefe schnaubte. »Auf einem Handelsschiff, Mom?«, fragte er spöttisch. »Vielleicht einem, das Sklaven aus Afrika bringt?«

Máanu hob die Hände – eine erst hilflose Geste, die sie dann auflöste, indem sie vorgab, etwas an dem leuchtend roten Turban richten zu müssen, unter dem sie ihr Haar verbarg. Jefes Mutter war nach Sitte der Inseln gekleidet. Sie trug einen weiten roten Rock und eine schlichte Leinenbluse neben dem auffallenden, aber praktischen Kopfputz.

»Es wird wohl auch welche geben, die keine Sklaven transportieren. Oder frag einen Handwerker, ob du ihm zur Hand gehen kannst, vielleicht auf einer Plantage …«

»Dann kann ich ja gleich Zuckerrohr schneiden!« Jefe sprang auf. »Ich arbeite für keinen dieser Backras!« Er spuckte das Wort für die weißen Herren aus. »Ich lass mich nicht auspeitschen und erniedrigen, ich …«

»Du bist frei, und niemand wird dich auspeitschen«, gab Máanu zurück. »Aber dass ein Lehrherr einem Lehrjungen mal eine Backpfeife gibt, wie es damals der Schmied getan hat, damit müssen sich auch weiße junge Männer abfinden.«

Bonnie erinnerte sich, dass Jefes Ausbildung zum Hufschmied zwei Jahre zuvor an so einer Angelegenheit gescheitert war. Frazer Watts, der Hufschmied, gehörte zu den wenigen Bewohnern der Hafensiedlung, die ehrlich und umgänglich waren. Er war selbst Mulatte und hatte nichts dagegen gehabt, den schwarzen Jungen in die Lehre zu nehmen. Allerdings war er nicht mit Jefe zurechtgekommen. Máanus Sohn hasste es nun mal, sich etwas befehlen zu lassen. Ein Ashanti-Krieger, so ließ er Mr. Watts wissen, habe es nicht nötig, sich unterzuordnen. Watts hatte ihm daraufhin eine Ohrfeige versetzt und sah sich unversehens einem wutschnaubenden Lehrling gegenüber, der ihn mit einer glühenden Zange bedrohte. Watts hatte Máanu daraufhin erklärt, dass er sich keinen Ashanti-Krieger als Lehrjungen wünsche. Jefe solle sich benehmen oder wegbleiben. Der hatte die Schmiede daraufhin nie mehr betreten.

»Nun fang nicht wieder damit an!«, seufzte Jefe. »Ich beschlage auch nicht die Gäule der weißen Backras! Wenn ich den alten Watts schon höre: ›Sicher, Mister Sowieso!‹ ›Gern, Mister Was-weiß-ich!‹ ›Selbstverständlich, Mister Wie-auch-immer!‹ … Da kommt mir die Galle hoch!«

»Höflich sein bedeutet nicht, sich zu erniedrigen!«, fiel ihm Máanu ins Wort, aber dann fiel ihr Blick auf den Eingang, und sie sah Bonnie durch den Fliegenvorhang spähen. Sofort verzog sich ihr strenges Gesicht zu einem Lächeln. Sie war immer freundlich und sanft zu der jungen Sklavin.

»Hallo, Bonnie, komm doch herein!«, lud sie das Mädchen jetzt ein. »Du musst keine Angst haben, weil ich mit Jefe schimpfe, er hat’s verdient.« Dabei blitzte sie ihren Sohn an, der das mit einem gelangweilten Grinsen quittierte.

»Oh, wie siehst du denn aus, Bonnie!« Máanu warf einen entsetzten Blick auf Bonnies zerschlagenes Gesicht, und sicher konnte sie sich auch einen Reim auf ihre schleppenden Bewegungen machen. »Hat der Kerl dich wieder geschlagen?«

Bonnie biss sich auf die Lippen. Máanu drohte immer mal wieder damit, Backra Skip bei der Obrigkeit anzuzeigen. Es war verboten, seine Sklaven ohne Grund zu misshandeln. Doch wirkliche Konsequenzen hatten solche Anzeigen nie, und für Bonnie würde es die Sache eher schlimmer machen.

»Bin ausgerutscht«, behauptete sie also. »Auf der Treppe.«

Máanu zog die Augenbrauen hoch. »Bonnie, das Haus deines Backras hat keine Treppen«, sagte sie, ging dann aber nicht weiter auf die Angelegenheit ein. »Jetzt setz dich erst mal – und warte, ich hol dir was zu essen. Du bist so mager, Kind …«

Geschäftig verschwand sie in ihren Wohnräumen, die gleich hinter dem Laden lagen. Dort köchelte fast immer irgendetwas Köstliches auf dem Herd – und fügte seinen Duft den ohnehin schon verlockenden Gerüchen der Waren hinzu. Bonnie schaute Máanu erwartungsvoll nach. Ihre Magerkeit lag zwar nicht an Mangelernährung – Bonnie war immer dürr gewesen, egal, wie viel sie aß –, und mit ihren sechzehn Jahren wuchs sie vielleicht auch noch ein bisschen. Aber an diesem Morgen hatte sie tatsächlich nicht die Kraft aufgebracht, mehr zu frühstücken als einen alten Kanten Brot. Außerdem liebte sie Máanus Essen. Hier gab es keine einfallslosen Eintöpfe, kein angekokeltes Fleisch, wie Bonnie selbst es zubereitete, und auch nicht den ewigen Stockfisch, aus dem die Ernährung der meisten armen Inselbewohner bestand. Máanu kochte mit Gewürzen und Hülsenfrüchten. All ihre Rezepte stammten aus Afrika. Granny Nanny, die legendäre Maroon-Queen, hatte sie ihr gegeben.

Auch jetzt erschien Jefes Mutter mit einem exotischen Gericht, scharf gewürztem Linsenbrei auf frischem Fladenbrot. Bonnie biss hungrig hinein.

Jefe schien der Anblick ebenfalls Appetit zu machen. Er stand auf, ging in die Küche und kam seinerseits mit einer Portion wieder. Auf dem Weg warf er einen Blick auf Bonnies Blessuren.

»Mistkerl!«, zischte er.

Bonnie fühlte sich seltsam getröstet.

Während sie aß, stellte Máanu ihre Einkäufe zusammen. Skip Dayton brauchte Gewürze und vor allem Pökelsalz. Er verkaufte haltbar gemachtes Fleisch an die anlandenden Schiffe. Hinzu kamen Brot und etwas Gemüse sowie zwei Flaschen Rum.

»Die sollte ich dem gar nicht verkaufen«, schimpfte Máanu. »Wenn er sich betrinkt, fällt er nur wieder über dich her.«

Bonnie zuckte die Schultern. »Er betrinkt sich sowieso«, bemerkte sie schicksalsergeben. »Wenn er’s zu Hause tut, bleibt er meistens ruhiger. Kann ich in Ihren Spiegel gucken, Miss Máanu?«

Máanus Erschrecken bei ihrem Anblick hatte ihr zu denken gegeben. Plötzlich fühlte Bonnie etwas wie Scham – seltsamerweise Jefe gegenüber. Sie zeigte ihm ungern ein zerschlagenes, hässliches Gesicht.

Nun war Bonnie auch nicht gerade hübsch, wenn sie kein fast zugeschwollenes Auge und keine aufgeplatzte Lippe hatte. Sie wurde dessen gleich wieder gewahr, als sie auf Máanus Nicken hin nach hinten ging und Máanus sauberes und mit schlichten Möbeln eingerichtetes Schlafzimmer betrat. Hier hing ein großer Spiegel, der ihr nicht nur ihre Verletzungen zeigte, sondern auch ihr viel zu knochiges, herbes Gesicht mit den schmalen Lippen, den zu großen Zähnen und dem wirren krausen Haar. Bonnie fand ihre Nase zu wulstig, ihre Stirn zu niedrig. Sie hatte nichts von einer Ashanti-Prinzessin oder -Kriegerin, nichts von den stolzen schwarzen Frauen, von denen Máanu gelegentlich erzählte – auch Jefes Mutter hatte ihre Erinnerungen an Nanny Town. Ich bin einfach nur ein Niggermädchen … kein Wunder, dass Jefe mich nie so ansieht, als ob er mich vielleicht gern küssen würde. Bonnie biss sich auf die Lippen. Natürlich wollte sie auch gar nicht, dass er sie lüstern ansah. Wahrscheinlich hätte sie es abstoßend gefunden, den gleichen begierigen Ausdruck in seinen Augen zu sehen wie in denen ihres Backra. Irgendeinen Ausdruck jedoch … irgendein Aufleuchten seines Gesichts bei ihrem Anblick hätte sie sich doch gewünscht …

Jefe steckte gerade den letzten Happen von seinem Fladenbrot in den Mund, als Bonnie zurück in den Laden kam. Noch kauend griff er nach dem Korb mit ihren Einkäufen.

»Ich trag ihr die Sachen mal heim«, meinte er beiläufig in Richtung seiner Mutter. »Ist eh nicht gut, wenn sie so allein am Hafen entlangläuft. Zwei neue Schiffe haben angelegt, aus England. Die Matrosen haben sicher wochenlang kein Mädchen gehabt …«

Bonnie lächelte ihn dankbar an.

Máanu nickte zustimmend. »Komm dann aber gleich nach Haus!«, befahl sie. »Und mach keine Dummheiten!«

Bonnie fragte sich, ob ihre letzten Worte sich auf ihren Backra bezogen, und gab sich einen Herzschlag lang dem Tagtraum hin, Jefe könnte Dayton stellen und ihn für sie töten oder ihm doch wenigstens einen Denkzettel verpassen. Und tatsächlich zwinkerte der junge Mann ihr zu, als sie gemeinsam auf die Straße traten.

»Ich könnte sie alle ins Meer werfen!«, bemerkte er mit Blick auf ein paar weiße Männer, die in der gleich nebenan liegenden Schenke saßen und Zuckerrohrschnaps die Kehlen hinunterfließen ließen, während ihre Sklaven draußen Säcke stapelten. »Hast du nicht auch manchmal den Wunsch, es … es ihnen allen heimzuzahlen?«

Bonnie nickte. Niemand konnte ermessen, wie sehr sie sich das wünschte – obwohl sich ihre Rachefantasien eigentlich auf ihren Herrn beschränkten. Na gut, vielleicht noch auf ein paar Aufseher auf der Plantage ihrer Mutter, die sie als Kind herumgestoßen hatten. Aber was das anging, so hatten sich Tillys schwarze »Freunde« Bonnie gegenüber auch nicht freundlicher verhalten. Überhaupt, ihre Mutter … auf Bonnies persönlicher Racheliste stand Tilly weit oberhalb der meisten Weißen aus der Siedlung.

Jefe grinste. »Dann komm!«, sagte er verschwörerisch und bog um die Ecke der Spelunke. »Lass uns gucken, wen wir hier ärgern können …«

Vor ihnen lag das Haus des Hafenmeisters. Es war jetzt verwaist, Mr. Benton war bei der Arbeit und seine Frau wohl noch beim Einkaufen. Allerdings kühlte eine Pastete auf dem Fensterbrett ihrer Küche aus … Jefe wischte sie im Vorbeigehen herunter. Das Backwerk fiel in den Garten, die Form zersprang. Über den Inhalt würden sich bestimmt gleich die kleinen dunklen Schweine hermachen, die viele Bewohner der Insel hielten. Sie liefen frei in den Gassen umher und ernährten sich von den Abfällen, die die Leute einfach aus den Häusern warfen. Ihr Grunzen und Schmatzen und der Gestank ihrer Ausscheidungen machten die Siedlung nicht gerade zu einem besonders angenehmen Ort.

»Oh … Zu schade, kein Mittagessen heute für den Sklaventreiber Mr. Benton«, wisperte Jefe höhnisch.

Bonnie sah sich ängstlich um. Auf keinen Fall wollte sie bei solchem Schabernack ertappt werden. Doch die Straße war wie ausgestorben – bis auf ein paar Pferde, die hinter einem der Bordelle zwei Blocks weiter angebunden waren. Eines davon war ein imponierender Rappe, er trug einen kostbaren, mit Silber beschlagenen Sattel.

»Da schau an, unser Mr. Lewis …« Jefe sah sich kurz um, trat dann zu dem Pferd und durchtrennte die Zügel, mit denen es angebunden war, mit einem raschen Schnitt seines Messers. »Der Sattel könnte nicht protziger sein. Aber wie dumm, dass Pferde sich manchmal losreißen …«

Der Rappe, der bislang keine Anstalten gemacht hatte, sich zu befreien, begrüßte die Bewegungsfreiheit und wanderte gemächlich mit entspannt gesenktem Kopf die Straße entlang. Er würde nicht weit weglaufen, doch er suchte erkennbar eine geeignete Stelle, um sich zu wälzen. Dem Sattel würde das nicht gerade guttun.

Bonnies erster Impuls war, sich ihrerseits in Trab zu setzen und wegzurennen. Dieser Streich konnte sie teuer zu stehen kommen … Jefe ging jedoch nur feixend weiter, als könnte ihm nichts passieren.

»Mr. Lewis wird sehen, dass die Zügel durchgeschnitten wurden«, sagte Bonnie ängstlich. Lewis war der Besitzer eines der Bordelle, und mit seinem Zorn war sicher nicht zu spaßen.

Jefe zuckte die Schultern. »Er wird Bromsley verdächtigen«, erwiderte er. Bromsley gehörte das andere Bordell. »Womöglich prügeln sie sich, dann hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen …«

Bonnie folgte ihm weiter durch die Straßen, aber sie fühlte sich kein bisschen sicher. Sie konnte auch nicht darüber lachen, als Jefe einen Hühnerstall öffnete und dann einen angeketteten Hund freiließ, der sich gleich auf die Jagd nach den Hennen machte. Wobei dieser einem Mulatten gehörte, der sicher Ärger bekam, wenn sein Hund die Hühner seines weißen Nachbarn riss. Jefe machte jedoch kaum Unterschiede, er schien gegen alle Bewohner der Siedlung einen mehr oder weniger ausgeprägten Hass zu hegen.

»Alles Dummköpfe und Duckmäuser«, murmelte er, während er an der Schmiede vorbeiging und Mr. Watts’ Abwesenheit nutzte, um ein paar Hufnägel und fertig geschmiedete Eisen wie nebenbei in die Glut auf der Esse zu werfen.

Bonnie war froh, als sie die Siedlung hinter sich ließen und in die Straße zur Metzgerei einbogen.

Jefe grinste sie an. »Besser?«, fragte er. »Wir haben’s ihnen gezeigt, ja?«

Um ihn nicht zu verärgern, nickte das junge Mädchen beklommen. Aber Bonnie fühlte sich in keiner Weise erleichtert. Sie fand Jefes Streiche nur kindisch und albern.

Rache, wirkliche, ernsthafte Rache an Leuten, die sie verdienten, sah anders aus.

KAPITEL 4

Als Deirdre sich im festlich geschmückten, hell erleuchteten Ballsaal unter die Gäste mischte, fand sie sich gleich von einer Traube von Gratulanten umringt. Die meisten davon waren natürlich männlich, aber auch die Mädchen unter den jungen Gästen suchten ihre Nähe – schon um selbst ebenfalls gesehen zu werden. Viel Zeit zur Kontaktaufnahme blieb allerdings nicht. Der Abend begann mit einem Bankett, zu dem Nora die Gäste nun gleich in den angrenzenden Speiseraum bat. Adwea nörgelte schon seit einer halben Stunde, weil ihre Braten angeblich erkalten und ihre Soufflés zusammenfallen würden, wenn man nicht endlich beginne. Nora lächelte, als sie daran dachte, was Deirdre sich von der alten Köchin würde anhören müssen, sollte es wirklich zu Qualitätseinbußen kommen. Den Gästen fiel natürlich nichts auf. Adweas Kochkunst glich Deirdres Verspätung aus. Wie immer war alles, was aus der Küche kam, deliziös.

Die meisten der Frauen konnten das gute Essen jedoch kaum würdigen. Ein Korsett schnürte den Magen erbarmungslos ein, es erlaubte einem, nur winzigste Portionen zu essen, egal wie hungrig man vor dem Schnüren vielleicht gewesen war. Nora fragte sich, wie manche der Damen – allen voran Lady Warrington, deren Gatte Deirdre mit den Augen zu verschlingen schien – es schafften, sich trotzdem rundliche Formen anzuessen. Aber Miss Lucille hatte immer zu einer gewissen Üppigkeit geneigt.

Deirdre saß in der Mitte der Tafel – und bemühte sich nach Kräften, ihren Tischherrn, einen Sekretär des Gouverneurs, angeregt zu unterhalten. Sie hatte mit dem älteren Herrn zwar nichts gemein, doch sie wusste, dass er wichtig war. Doug hatte auch den Gouverneur selbst eingeladen, hingegen nicht wirklich mit seinem Kommen gerechnet. Admiral Charles Knowles war von seinem Vorgänger Edward Trelawny sicher in die Familienverhältnisse der Fortnams eingeweiht worden. Zweifellos schätzte er Doug Fortnams Verdienste um Jamaika – vor allem an der Befriedung aufständischer freier Schwarzer, den sogenannten Maroons, hatte der Advokat großen Anteil –, doch so weit, dass er das Debüt von dessen Bastardtochter adelte, würde der Gouverneur doch nicht gehen. Immerhin schickte er mit Lord Bowden einen hochrangigen Vertreter, den Deirdre jetzt weisungsgemäß umgarnte. Lord Bowdens eigene Tochter würde im nächsten Monat debütieren, und Nora hoffte auf eine Gegeneinladung.

Schließlich endete das Bankett, indem Adwea und ihre Helfer eine gewaltige Geburtstagstorte mit achtzehn Kerzen auftrugen. Deidre musste aufstehen und um den Tisch herumgehen, um sie auszupusten und die Torte anzuschneiden. Die Gäste applaudierten begeistert.

Nora nickte ihrer Tochter zufrieden zu. Zweifellos hatte sie jetzt auch der letzte der anwesenden jungen Männer bemerkt, und die Hälfte war wahrscheinlich schon verliebt. Beim anschließenden Tanz würden sich alle um sie reißen.

Während die Musiker noch einmal ihre Instrumente stimmten – bislang hatten sie die Gesellschaft nur im Hintergrund mit leiser Tafelmusik unterhalten –, öffneten die Diener der Fortnams die Türen zum Garten, in dem die Lampions bereits entzündet worden waren. Die Kulisse der bunt angestrahlten Mimosenbäume, Cascarillas und Mahoes war märchenhaft, und die Gäste reagierten mit anerkennenden Ausrufen, bevor sie nach draußen strömten. Jetzt, am Abend, konnte man hier vielleicht auf eine frische Brise hoffen.

Auf der Tanzfläche wurden zunächst einstudierte Menuette gezeigt – zum Entzücken aller Anwesenden führten Dougs und Noras jüngere Söhne, der vierzehnjährige Thomas und der zwölfjährige Robert, ihre schöne Schwester durch einen komplizierten Schritttanz. Danach folgten andere Paare, in der Regel ebenfalls Geschwister. Die meisten Plantagen lagen zu weit entfernt von der nächsten Stadt, als dass die Kinder verschiedener Familien gemeinsam im Tanz oder auch in anderen Künsten und Wissenschaften unterrichtet werden konnten. Nur die jungen Leute, die direkt in oder sehr nah bei Kingston oder Spanish Town lebten, besuchten Schulen, die Musik- und Tanzunterricht anboten. Dann bildeten die Tanzmeister auch schon mal aus nicht miteinander verwandten Jungen und Mädchen eine Gruppe – worüber im Publikum natürlich gleich geklatscht wurde. Hatten die Eltern das vielleicht forciert? Kündigte sich hier eine Verlobung an?

Schließlich verkündete der Zeremonienmeister den Beginn des offenen Tanzes – sehnsüchtig erwartet von den jungen Leuten. Die Älteren nahmen an den Tischen, die im Saal und im Garten aufgestellt waren, Platz. Diener servierten Kaffee und Schokolade für die Damen und Rumpunsch für die Herren. Viele der männlichen Gäste hatten sich allerdings längst mit ihren Zigarren in Dougs Herrenzimmer zurückgezogen. Sie redeten lieber über Geschäfte und Politik, als den jungen Leuten beim Tanz zuzusehen oder Heiratspläne zu schmieden und wieder zu verwerfen. Dies war eher eine Beschäftigung der Damen in den Kolonien, die sonst wenig zu tun fanden.

Hinter den Stühlen an den Gartentischen standen Sklavenkinder, die den Gästen mit Palmwedeln Luft zufächelten. Es war das ganze Jahr über warm auf Jamaika, und viele der aus England eingewanderten Pflanzer gewöhnten sich ihr Leben lang nicht an die Hitze und an die hohe Luftfeuchtigkeit. Besonders die Damen in ihren Korsetts pflegten darüber zu klagen.

Lady Warrington – immer noch übel gelaunt und nach dem Bankett zudem geplagt von Völlegefühl – folgte den Vorführungen der Tänzer nur unwillig und fast ein bisschen missgünstig. Sie selbst hatte als junge Frau niemals vortanzen dürfen. Man hatte ihr stets die zierlicheren, geschmeidigeren Mädchen vorgezogen. Und auch die Kavaliere hatten sich nicht so um sie gerissen, wie die jungen Männer es jetzt, da der allgemeine Tanz eröffnet wurde, bei Deirdre Fortnam taten. Miss Lucille hegte sogar den Verdacht, dass ihr Gatte sich mehr für die Hollister-Plantage interessiert hatte als für ihre Person, als er um ihre Hand anhielt. Und Kinder hatten sie auch nicht …

»Pass doch auf!« Lady Warrington fuhr das kleine schwarze Mädchen, das sie eben versehentlich mit dem Palmwedel gestreift hatte, wütend an. Ein winzig kleines Ding, dessen Gesicht sich jetzt erschrocken und fast weinerlich verzog. »Du ruinierst meine Frisur!«, schimpfte die Lady weiter. »Na, was ist? Willst du dich nicht wenigstens entschuldigen?«

Ein anderes Mädchen senkte seinen Palmwedel und kam der Kleinen zu Hilfe.

»Es tut ihr natürlich sehr leid, Missis!«, erklärte sie – wieder in dem fließenden Englisch, das den Cascarilla-Sklaven zu eigen war.

Lady Warrington, wie auch die meisten anderen Kolonisten, brachte das zur Weißglut. Es war zweifellos nicht gottgewollt, dass die Neger so sprachen wie ihre Herren!

»Aber Rehema ist noch klein, sie sollte noch gar nicht mitmachen, sie wollte unbedingt.«

Rehema … was für ein Name! Konnten die Fortnams ihre Sklaven nicht Janey oder Lizzie nennen wie alle anderen? Die Kleine war wohl tatsächlich erst vier oder fünf Jahre alt. Das andere Mädchen, das nun sehr gefällig knickste, sieben oder acht. Lady Warrington hätte die Sache nach seiner Entschuldigung auf sich beruhen lassen können. Doch an diesem Abend ärgerte sie alles.

»Was heißt denn wohl ›sie wollte‹?«, wandte sie sich gereizt an das ältere Mädchen. »Was hat das Kind zu wollen? Diese impertinenten, verwöhnten Nigger hier …«

Das Mädchen knickste erneut – völlig hilflos. Es konnte mit Lady Lucilles Ausbruch offenbar nichts anfangen. »Kann ich noch irgendetwas tun für die Missis?«, fragte es höflich. Sicher ein Spruch, den es den älteren Dienern abgelauscht hatte.

»Ja, kannst du!«, meinte die Lady gallig, jedoch wider Willen einigermaßen versöhnt, und wies auf ihre halb geleerte Kaffeetasse. »Der Kaffee ist zu kalt. Und zudem zu stark, ich habe schon Sodbrennen. Du kannst mir etwas heißes Wasser aus der Küche holen.«

Das Mädchen strahlte und knickste beflissen zum dritten Mal. »Sehr, sehr gern, Missis! Ich bin gleich zurück. Ich werde Sie nicht lange warten lassen!« Damit ließ es den Palmwedel ins Gras fallen und sauste los.

Nora, die gerade über den Rasen kam, um sich den Damen zuzugesellen, hielt die Kleine lächelnd auf.

»Na, Nafia, so eilig? Wo musst du denn derart schnell hin?«

Das Mädchen sah sie mit ernstem Gesichtsausdruck an, aber seine Augen leuchteten.

»Wichtige Erledigung für Missis … Lady … Warrington!«, erklärte es stolz. »Muss ich ganz schnell machen, gegen ihr Sod… Sod…«

Nora lächelte. »Sodbrennen, Nafia … Adwea hat da eine Kräuteressenz, die recht gut hilft. Dann lauf mal und bring sie mit!«

»Mach ich ganz schnell, Missis Nora!« Nafia war schon wieder unterwegs.

Nora setzte sich, immer noch lächelnd, zu den Frauen. »Na, da fühlt sich aber jemand wichtig«, sagte sie wohlwollend mit Blick auf das davoneilende kleine Mädchen. »Wir ziehen sie in dem Alter noch nicht zu richtiger Arbeit heran, sie sind zu ungelenk. Doch sie wollen natürlich ›groß sein‹. Nicht mit dem Palmwedel auf meine Haare patschen, Rehema! Damit fächert man nur Luft. Schau, so!«

Zu Lady Warringtons größtem Befremden nahm Nora dem Kind den Palmwedel aus der Hand und machte es vor. Die kleine Rehema kicherte, als sie ein Lufthauch traf. Dann imitierte sie eifrig die richtige Bewegung, während Nora ein paar Worte mit der Lady wechselte. Die Beziehung zwischen Cascarilla Gardens und der Hollister-Plantage war angespannt, seit Doug Fortnam Lady Lucilles Tante viele Jahre zuvor eine schwarze Zofe ausgeliehen hatte. Lord Hollister hatte kurz danach versucht, das Mädchen zu missbrauchen, aber die junge Alima hatte sich gewehrt. Mit einem heißen Plätteisen hatte sie den Lord schwer verletzt, und die Familie nahm den Fortnams bis heute übel, dass Doug Alima nicht ausgeliefert, sondern ihr zu einer Flucht in die Blue Mountains verholfen hatte. Nun lebten die Hollisters ja längst ganzjährig in Kingston, und mit Lord Warrington pflegte Doug eine weitgehend problemlose nachbarschaftliche Beziehung. Seine Frau hatte jedoch nach wie vor Vorbehalte, auch und gerade gegen Nora. Sie hatte sich seinerzeit selbst Hoffnungen auf eine Heirat mit Doug Fortnam gemacht.

Nun näherte sich auch schon wieder Nafia. Die kleine Schwarze war durch den Garten ins Küchenhaus gelaufen, eine deutliche Abkürzung. Allerdings hatte sie dort nicht Mama Adwe angetroffen, sondern nur eine der jüngeren Küchenhilfen. Die wusste glücklicherweise, wo der Sud gegen Sodbrennen stand. Das war schließlich ein häufiges Leiden, das Schwangere aller Hautfarben und vor allem eng geschnürte weiße Ladys betraf – meist nach dem Essen. Adwea hielt ihre Medizin immer für Gäste bereit.

Die junge Köchin hatte einen Schluck davon in ein gefällig wirkendes Sherryglas gefüllt und Nafia angewiesen, vorsichtig damit umzugehen. Außerdem hatte sie kochendes Wasser in eine kleine Porzellankanne gegeben. Beides balancierte das Mädchen auf einem Tablett Richtung Garten, voller Eifer und so schnell wie möglich. Hochkonzentriert auf Glas und Kanne übersah es dabei allerdings den Palmwedel, den es eben hatte fallen lassen – und stolperte, als es sich Lady Warrington elegant wie eine gelernte Kellnerin nähern wollte.

Nora versuchte noch, Nafia oder wenigstens das Geschirr aufzufangen, aber es war zu spät. Die Kleine stürzte, das Sherryglas ging zu Bruch – und das fast noch kochendheiße Wasser ergoss sich über Nafias Ausschnitt und spritzte auf Lady Warringtons Arm.

Die Lady schrie sofort wie am Spieß – während Nafia eine Schrecksekunde brauchte, bevor sie sich des Schmerzes bewusst wurde. Dann stieß auch sie schrille Schreie aus. Die Aufmerksamkeit der gesamten Gesellschaft richtete sich gleich auf den Tisch im Garten.

Deirdre, die eben mit einem ihrer Kavaliere die Tanzfläche verlassen hatte und in den Garten trat, um sich abzukühlen, sah Nafia am Boden liegen und eilte zu ihr. Das kleine Mädchen war Amalis jüngste Schwester und Deirdres und Amalis Liebling. Die beiden Mädchen hatten sie als Baby herumgeschleppt und mit ihr gespielt wie mit einer Puppe. Jetzt hockte sich Deirdre, ohne groß auf ihr weißes Kleid zu achten, auf den Boden und nahm das Kind in den Arm.

»Was ist denn nur passiert, Nafi? Ach du lieber Himmel, sie hat sich verbrüht! Wie konnte das bloß passieren? Ich brauche ein nasses Tuch! Schnell! Wer schickt denn ein so kleines Mädchen, heißes Wasser zu holen?«

Das hätte auch Nora interessiert, die rasch eine Stoffserviette vom Tisch nahm, sie in einen Krug mit kaltem Wasser tauchte und ihrer Tochter reichte. Dann beugte sie sich pflichtschuldig über Lady Warringtons Arm.

»Das hat sie absichtlich gemacht!«, kreischte Lady Lucille. »Das geht gegen uns! Ihre Nigger haben sich alle gegen uns verschworen! Würde mich nicht wundern, wenn …«

Nora konnte keine Rötung erkennen, sie hätte sich viel lieber um die zweifellos schwerer verbrühte Nafia gekümmert. Aber während sie noch nach Worten suchte, um die Lady zu beruhigen, drängte sich schon ein junger Mann durch die Menge der Schaulustigen.

»Lassen Sie mich mal sehen. Ich bin Arzt.«

Deirdre, die das feuchte Tuch fassungslos auf die sich bildenden Brandblasen im Ausschnitt der schreienden Nafia legte, sah verwundert auf. Und blickte in ein besorgtes ovales Gesicht, umspielt von ein paar dunklen Locken, die sich aus einer schlichten Frisur gelöst hatten. Das lange Haar des Mannes war ungepudert, er hatte es nur glatt nach hinten gebürstet und nicht geflochten, sondern in einer Bourse, einem schwarzen Taftbeutel, verborgen. Erstaunlich uneitel, konstatierte Deirdre. Vor einem Ball betrieben die meisten Herren mehr Aufwand. Auf der Stirn des jungen Mannes zeigten sich jetzt, da er sich konzentriert über Nafia beugte, kleine Fältchen. Er kniff die Augen ein wenig zusammen – ernste dunkle Augen, ihre Farbe konnte Deirdre im schwachen Licht der Laternen nicht erkennen. Aber er hatte kräftige dunkle Brauen, eine gerade Nase und volle, klar geschwungene Lippen. Ein gut aussehender Mann, dessen dunkle, ruhige Stimme Deirdre allerdings Rätsel aufgab, als er Nafia jetzt ansprach. Sein Englisch war fließend, sie vernahm jedoch einen seltsamen, weichen Akzent.

»Kannst du aufhören zu schreien, Kleines? Wie heißt du denn?«

Nafias lautes Weinen wurde zu einem Schluchzen. »Nafia«, stieß sie hervor. »Und es tut so weh! Und das Glas ist kaputt … und …«

»Nafia ist aber ein schöner Name«, sagte der Arzt und legte die Verbrühungen des Mädchens mit geschickten Händen frei, indem er sein vom heißen Wasser durchnässtes Kleidchen aufknöpfte und hinunterschob. »Wo kommt denn der her? Habe ich noch nie gehört …«

»Aus Afrika«, gab Nafia jetzt ruhiger Auskunft. »Meine Mommy kommt aus Afrika und hat mich so genannt wie ihre Mommy.« Sie schniefte.

Der Arzt schien über die Antwort verwundert und blickte kurz auf, wobei er den Blick von Nora oder einer anderen zu Cascarilla Gardens gehörenden Weißen, suchte. Nur wenige Pflanzer erlaubten ihren Sklaven, ihren Kindern selbst Namen zu geben, und erst recht keine afrikanischen, die bei den meisten Weißen als unaussprechlich galten. Im Allgemeinen erhielten Sklavenkinder einfache, englische Namen wie Toby oder Mandy.

Deirdre, die Nafia immer noch im Arm hielt, nickte jedoch bestätigend – und Victor Dufresne sah erstmalig in ihre faszinierend grünen Augen. Er brauchte ein paar Herzschläge zu lange, um sich wieder von ihnen loszureißen. Doch dann räusperte er sich und wandte sich erneut an seine Patientin.

»Ein sehr schöner Name, Kleines, für ein sehr schönes und tapferes Mädchen, das jetzt auch gar nicht mehr weinen muss. Ich weiß, es tut noch weh, aber die Verbrennung ist nicht schlimm. Wir geben da gleich eine kühlende Essenz drauf, dann wird es schnell besser. In ein paar Tagen ist es wieder heil, und eine Narbe bleibt auch nicht …«

Der Arzt hob den Blick zu Deirdre, um ihr weitere Erklärungen zu geben, jetzt jedoch schaltete sich erst mal Nora ein.

»Herr Doktor, könnten Sie hier vielleicht auch mal draufsehen?«, fragte sie und wies auf Lady Warringtons Hand. »Sie scheint furchtbare Schmerzen zu haben, doch ich kann gar nichts erkennen …«

»Und der Arzt behandelt ein Niggerbalg, statt sich zu kümmern! Man glaubt es nicht …«

Nora hörte nicht, von welchem ihrer um sie herumstehenden Gäste der Einwurf kam, aber sie wollte es auch gar nicht wissen. Den Arzt schien es nicht zu interessieren. Er nahm den Blick bedauernd von Deirdres schönem Gesicht und ihren schwarzen Locken, begutachtete Lady Warringtons Hand kurz und schüttelte dann den Kopf.

»Da ist auch nichts. Eine kleine Rötung vielleicht, das ist bei diesem Licht schlecht zu sehen. Hauptsächlich ist es wohl der Schock … Sie sollten Mrs. …«

»Lady!«, verbesserte Lady Lucille ungehalten. Sobald der Arzt ihr seine Aufmerksamkeit zuwandte, hörte sie auf zu schreien.

»Lady Lucille Warrington«, stellte Nora resigniert vor.

»Sie sollten Lady Warrington …«, der junge Arzt verbeugte sich höflich, bevor er weitersprach, »… ein großes Glas Rumpunsch bringen lassen. Sie dürfte sich beruhigen, sobald das innere Brennen das äußere ablöst …«

Nora unterdrückte ein Lächeln. Dann wandte sie sich an ihre Gäste – und die besorgte Dienerschaft, die sich hinter den Weißen eingefunden hatte und ängstlich auf das verletzte kleine Mädchen blickte.

»Sie hören es, Ladys und Gentlemen, ein kleiner Unfall, aber es ist nichts Ernstes geschehen. Maddie, Kesha … ihr habt den Doktor gehört. Adwea möchte einen großen Krug von ihrem wunderbaren Rumpunsch bringen lassen. Greifen Sie ruhig alle zu, meine Damen! Unsere Köchin macht den Punsch mit Fruchtsäften und Zucker – herrlich erfrischend und nicht zu stark …«

Damit überließ sie Lady Warrington anderen Tröstern, die sich auch direkt um sie drängten. Deirdre und der junge Arzt halfen Nafia inzwischen auf die Beine.

Nora nickte dem Mediziner zu. »Kommen Sie, Doktor … also, wenn ich Sie noch weiter beanspruchen darf. Wir haben im Küchenhaus eine recht umfangreiche Notfallapotheke. Wenn Sie der Kleinen einen Verband machen wollen …«

Nora hätte das auch selbst gekonnt, war jedoch stets begierig, eine fachkundige Meinung zu einem Krankheitsbild zu hören. Ihr eigenes medizinisches Wissen stammte von einem Arzt, der mehr als zwanzig Jahre zuvor in den Slums von London praktiziert hatte, und von jamaikanischen und afrikanischen Kräuterfrauen.

Der Arzt nickte. »Gern. Wenn ich mich aber erst einmal vorstellen darf: Victor Dufresne … kein Lord leider, auch wenn ich da wohl der Einzige in dieser illustren Gesellschaft bin.«

Nora lachte. »Wir haben bislang auch darauf verzichtet, uns einen Adelstitel zu kaufen«, erklärte sie ohne große Umstände. »Mein Name ist Nora Fortnam – das wissen Sie natürlich. Wer auch immer Sie mitgebracht hat, wird Ihnen ja wohl gesagt haben, bei wem Sie zu Gast sein werden. Und dies ist meine Tochter Deirdre … Deirdre, was starrst du Dr. Dufresne so an? Willst du nicht wieder tanzen? Sicher vermisst man dich …«

Deirdre schüttelte den Kopf, so eifrig, dass sich ein paar Blumen aus ihrem Zopf lösten. »Nein, ich … ich komme mit … sicher kann ich … helfen …«

Nora ließ sich die Überraschung über Deirdres Angebot nicht anmerken. Im Allgemeinen interessierte ihre Tochter sich überhaupt nicht für Medizin, was Nora schade fand. Aber heute mochte die Sorge um Nafia ihre Anteilnahme erklären. Und anscheinend hatte auch Dr. Dufresne ihre Aufmerksamkeit erweckt.

Der junge Arzt schien ebenfalls sehr angetan von Deirdres Begleitung. Er folgte ihr, als sie den Weg durch den Garten zum Küchenhaus wählte, und entdeckte dabei die Grasflecken auf ihrem weißen Kleid.

»Sie haben Ihr wunderschönes Kleid beschmutzt, als Sie sich ins Gras gekniet haben, Miss Deirdre«, sagte er bedauernd mit seiner weichen Stimme, »aber die Kleine getröstet.«

Er zerzauste liebevoll Nafias krauses Haar. Das Mädchen schluchzte immer noch ein wenig vor sich hin und machte das Desaster mit Deirdres Kleid noch schlimmer, indem es sich daran festklammerte und in die Stoffbahnen weinte.

Deirdre sah stirnrunzelnd an sich hinunter. »Oh«, seufzte sie. »Wie dumm. Grasflecken. Die gehen womöglich gar nicht mehr raus …« Dann lächelte sie. »Aber vielleicht kann man ja auch den ganzen Rock grün färben, oder, Mommy?«

Nora zuckte die Schultern. »Wir werden sehen«, meinte sie. »Ich muss mir das bei Tageslicht anschauen. Lass den Rock jetzt los, wenn es geht, Nafia, du brauchst ihn nicht auch noch als Schnupftuch zu verwenden.« Sie suchte angelegentlich in ihren eigenen Röcken und förderte schließlich ein Taschentuch hervor, das sie der Kleinen reichte. »Hier, Nafia, jetzt schnäuz dich, und sei ein großes Mädchen. Was soll denn sonst der Doktor von dir denken? Hast du dich bei dem überhaupt schon bedankt? Vielen Dank auch noch einmal für die Hilfe bei Lady Warrington, Dr. Dufresne …«

Nora wechselte rasch das Thema. Wenn Dr. Dufresne irgendwo in den Kolonien lebte, musste er es befremdlich finden, dass Deirdre sich halbwegs kundig über das Reinigen und Färben von Kleidern äußerte. Die meisten Frauen überließen die Sorge um ihre Garderobe allein ihren schwarzen Dienerinnen – und zeigten sich weniger verständnisvoll als ungehalten, wenn es denen nicht gelang, einen Fleck zu entfernen. Nun war Nora sehr daran gelegen, dass Deirdre sich nicht wie ein verwöhntes Dummchen verhielt, der junge Doktor sollte ihre Tochter jedoch nicht für hinterwäldlerisch halten.

»Sie … praktizieren nicht in Kingston, oder?«, erkundigte sich eben Deirdre bei ihrem Gast. Keine sehr wohlüberlegte Frage. Die Fortnams hätten zweifellos davon gehört, wenn sich in der Stadt eine neue Arztpraxis etabliert hätte. Deirdre korrigierte sich auch gleich. »Wo kommen Sie her?«, fragte sie frei heraus.

Dr. Dufresne lächelte, und Nora nahm kleine Fältchen um seine Lippen wahr. Ein sicher ernsthafter junger Mann, der jedoch auch gern lachte. Sie fand ihren Gast ausgesprochen sympathisch.

»Jetzt unmittelbar aus Europa«, gab er gelassen Auskunft, während sie das Küchenhaus betraten.

Die Küche in Cascarilla Gardens war luftig und offen wie das gesamte Haupthaus. Sie bot unmittelbaren Zugang zum Küchengarten, in dem Nora auch Heilpflanzen zog, und zu einem klaren Bach, aus dem die Köchinnen Wasser schöpften. Dufresne vermerkte wohlgefällig, dass alles sauber und ordentlich wirkte. Die Küchenmädchen waren bereits mit dem Spülen des Geschirrs und dem Scheuern der Töpfe beschäftigt. Nora begrüßte sie freundlich, lobte ihre Köchin für das hervorragende Essen und wandte sich dann einem kleinen Schrank zu, in dem sie ein paar wichtige, vor allem bei kleinen Unfällen nützliche Heilmittel aufhob. Dr. Dufresne unterwarf die Verbandsstoffe, Salben und Lotionen einer kurzen Prüfung.

»Ich habe in den letzten Jahren in Paris und London studiert«, erzählte er dabei weiter und wählte schließlich zwei Präparate aus. »Hier, ich würde das nehmen. Ringelblumen und Aloe Vera eignen sich zur Behandlung von Verbrennungen – außer sie sind auf Schweineschmalzbasis hergestellt …«

»Was halten Sie denn von frischer Aloe?«, fragte Nora, während Deirdre sich eigentlich mehr für weitere Informationen über Werdegang und Herkunft ihres Gastes interessierte. Doch Nora war Heilerin mit Leib und Seele. Sie wies auf eine der großen, fleischigen Pflanzen, die im Garten neben dem offenen Küchenhaus wuchsen. »Ich nehme ein paar Blätter, schäle sie, püriere das Fleisch und mache damit einen Umschlag.«

Dr. Dufresne nickte. »Sie können auch Quark nehmen, falls Sie welchen haben. Aber dieser Aloe-Vera-Umschlag ist interessant. So was haben wir in London nicht verwendet …« Er trat aus der Küche, brach ein Blatt ab, kam wieder herein und untersuchte es.

Nora lachte. »Vermutlich weil die Pflanze dort nicht wächst«, neckte sie ihn. »Wir verwenden sie viel. Auch als Hautcreme und Pflegemittel …«

»Die Hautcreme meiner Mutter macht schön«, fügte Deirdre mit spitzbübischem Lächeln hinzu.

Dr. Dufresne schaute sie an und schien sich wieder in ihrem Anblick zu verlieren. »Wenn Ihre Schönheit allein darauf zurückzuführen ist«, fügte er schließlich an, »so ist die Pflanze wohl wirklich vom Himmel geschickt …«

Deirdre errötete, was Nora verwunderte. An sich machten Komplimente ihre Tochter nicht verlegen.

»Und was führt Sie nun in die Kolonien, Dr. Dufresne?«, fragte Nora weiter, während sie mit geschickten Händen den Umschlag bereitete. »Fernweh?«

Dufresne schüttelte den Kopf. »Eher Heimweh«, antwortete er. »Ich stamme aus Saint-Domingue – dem französischen Teil von Hispaniola. Sie wissen schon, die Insel um die zweihundert Meilen nordöstlich von hier …«

»Sicher.«

Nora nickte. Sie war nicht allzu weit gereist, rein von der Landkarte her kannte sie hingegen die gesamte Karibik. Sie hatte schon von den Kolonien geträumt, lange bevor sie daran dachte, nach Jamaika zu heiraten. Damals hatte sie die Auswanderung gemeinsam mit ihrer ersten Liebe Simon Greenborough geplant, im Gegensatz zu all den Warringtons, Hollisters und Keensleys einem echten Lord. Leider einem völlig verarmten. Simon war gestorben, bevor Nora eine Möglichkeit gefunden hatte, seine und ihre gemeinsamen Träume wahr zu machen. Als Nora nun an Simon dachte, fiel ihr auf, dass der junge Dr. Dufresne sie entfernt an Greenborough erinnerte. Auch Simon war dunkelhaarig, zurückhaltend und freundlich gewesen – und bescheiden, was ihr an dem Arzt ebenfalls positiv auffiel. Seine Kleidung war durchaus elegant, aber schlicht, nicht stutzerhaft wie die der meisten Besucher dieses Balls.

»Dann ist Ihre Muttersprache ja Französisch!«, stellte Deirdre fest. Deshalb also der etwas fremdländische Beiklang in seinem Englisch. »Sie müssen mit mir Französisch sprechen! Meine Mutter hat es mir beigebracht, und Miss Priscilla spricht es auch … jedenfalls kannte sie da mal einen Geist, der …«

Deirdre hielt inne, als Dr. Dufresne sie etwas verwirrt ansah. Ärgerlich biss sie sich auf die Lippen. Warum schaffte sie es eigentlich nicht, sich zivilisiert mit diesem Mann zu unterhalten?

»Miss Priscilla ist die Gattin unseres Hauslehrers und zumindest in ihren eigenen Augen ein Medium«, kam ihr Nora erklärend zu Hilfe. »Sie kommuniziert mit Geistern unterschiedlichster Nationalität und bot meiner Tochter weiland an, ihr Französisch mittels Konversation mit einer gewissen Catherine Monvoisin aufzubessern …« Sie verdrehte die Augen.

»La Voisin?« Lachend nannte der Arzt den Namen der berühmten Giftmischerin, die im Umfeld des Hofes Ludwig XIV. eine gewichtige Rolle gespielt hatte. »Ausgerechnet mit dieser Hexe?«

»Sie werden verstehen, dass ich darauf keinen gesteigerten Wert legte.« Nora lächelte und wechselte ins Französische. »Voilà, Docteur!«

Sie händigte Dufresne ein sauberes Mulltuch, bestrichen mit einer Paste aus zerkleinerten Aloe-Vera-Blättern, aus und sah zu, wie er die Brandwunde der kleinen Nafia geschickt damit versorgte. Nafia knabberte inzwischen schon getröstet an einem großzügig bemessenen Stück Geburtstagstorte, das Adwea ihr gleich zugesteckt hatte. Sie schluchzte nicht mehr, ihre Verletzung war nicht so schwer, wie Deirdre im ersten Moment vermutet hatte.

Nachdem Dr. Dufresne den Verband angelegt hatte, machte sich die Kleine auch schon wieder Sorgen um das zerbrochene Geschirr.

»Ich hab’s bestimmt nicht absichtlich gemacht, auch wenn die Lady das meint!«, versicherte sie Nora.

Nora nickte beruhigend und streichelte über ihr Haar.

»Natürlich nicht! Die Lady ist dumm!«, erklärte Deirdre – und hielt erschrocken inne, als ihre Mutter sofort zu einer Rüge ansetzte – und Dr. Dufresne verhalten lachte.

»Man könnte das höflicher ausdrücken«, bemerkte er. »Aber …«

»… es trifft den Kern.« Nora seufzte. »Diese Lucille Warrington … Du benimmst dich dennoch unmöglich, Deirdre! Man redet nicht so über seine Nachbarn, auch wenn in diesem Fall …« Sie verhaspelte sich und bemerkte zu ihrem Unmut, dass Dr. Dufresne jetzt ebenso amüsiert über die Mutter schien wie eben über ihre Tochter. Bei ihm würden sie ja einen schönen Eindruck hinterlassen, auch wenn er ihre Einschätzung der Lady Warrington zweifellos teilte. »Und überhaupt solltest du dich langsam wieder zu deinen Gästen gesellen!«, fuhr Nora fort, Deirdre zu rügen. »Man wird dich sicher schon vermissen.«

»Wir gehen ja jetzt alle«, begütigte Dr. Dufresne. »Brauchst du uns noch, Nafia? Oder geht es dir jetzt wieder gut?«

Die Kleine nickte, wieder sehr wichtig, und Deirdre schenkte sowohl ihr als auch dem Arzt ein Lächeln. Es war so freundlich von ihm, das Mädchen noch mal nach seinem Befinden zu befragen! Sie schritt neben ihm her, als sie die Küche verließen.

»Sie machen also hier Station auf dem Weg nach Santo Domingo?«, versuchte sie es auf dem Rückweg zum Fest noch einmal mit Konversation – dieses Mal sehr langsam und vorsichtig und auf Französisch.

Dufresne nahm den Wechsel der Sprache gern auf. »Qui, Mademoiselle Deirdre, ich bin zu Gast bei Lord Bowden, er ist ein Bekannter meines Vaters. Aber ich gehöre nicht nach Santo Domingo, sondern nach Saint-Domingue – was zugegebenermaßen Verwirrung auslösen kann. Kolumbus hat die Insel einst entdeckt und für die Spanier okkupiert, doch es gab auch ein paar französische Siedler.«

»Genauer gesagt ein Piratennest auf der Île de la Tortue«, berichtigte Nora. Dufresne und Deirdre sahen sie gleichermaßen tadelnd an.

»Auf jeden Fall wurde der westliche Teil im Jahre 1665 französisches Gouvernement«, erzählte der Arzt weiter. »Tabak, Kaffee und Zuckerrohr werden dort angebaut, ein sehr florierendes Geschäft. Saint-Domingue darf sich die reichste aller französischen Kolonien nennen. Meine Familie besitzt eine der größeren Plantagen. Ich persönlich eigne mich nicht zum Pflanzer, das Medizinstudium war mir lieber. Zum Glück habe ich noch zwei ältere Brüder, sodass es kein Drama gab. Im Gegenteil, ich denke, meine Familie war froh, als ich wegging.«

Deirdre lächelte, aber Nora dachte sich ihren Teil dazu. So wie Victor Dufresne eben mit der schwarzen Nafia umgegangen war – die Selbstverständlichkeit, mit der er das schwerer verletzte Sklavenmädchen der hysterischen Lady Warrington vorgezogen hatte … Dieser junge Mann hatte wahrscheinlich keine Probleme mit Zuckerrohr- oder Tabakpflanzen, er eignete sich nur nicht zum Sklavenhalter.

»Nun, jetzt gehen Sie ja zurück nach Hause«, sagte Nora beiläufig und warf einen prüfenden Blick auf Deirdres Kleid.

Die drei betraten eben wieder den für das Fest geschmückten Garten und würden sich gleich erneut unter die Gäste mischen. Hoffentlich fielen die Flecken nicht auf, wenn Deirdre tanzte.

Victor Dufresne nickte. »Ja, ich gedenke jedoch nicht, auf der Plantage zu leben, sondern eine Praxis in Cap-Français zu eröffnen. Das ist eine Hafenstadt, sehr schön gelegen – und äußerst reich, das Handelszentrum von Saint-Domingue. Es gibt einen Gouverneurssitz, eine sehr feine Gesellschaft lebt dort. Neuerdings nennt sich die Stadt ›Paris der Antillen‹. Wenn man sich allerdings das Hafenviertel anschaut … na ja, auch Paris hat seine dunklen Ecken. Jedenfalls finden sich in der Stadt bestimmt reichlich Patienten, arme und reiche …«

Deirdre schaute den Arzt mit großen Augen an. »Paris der Antillen?«, gab sie sich interessiert. »Sie müssen mir alles darüber erzählen. Kommen Sie, wir setzen uns in den Garten. Möchten Sie einen Rumpunsch? Unsere Köchin macht ihn mit …«

»Deirdre, du solltest vielleicht wieder einmal tanzen«, unterbrach Nora ihre Tochter und schaute gleichzeitig nach ihrem Mann aus.

Sie hoffte, dass wenigstens Doug die Gäste unterhalten hatte, während sie mit Nafia beschäftigt gewesen war und Deirdre sich an einem Flirt mit diesem jungen Mediziner versuchte. Sie hatte nichts dagegen, dass ihre Tochter sich mit Dufresne unterhielt, der Mann war ihr überaus sympathisch. Doch in ein paar Tagen würde er nach Hispaniola abreisen und Deirdre nie wiedersehen. Es wäre besser, das Mädchen nutzte sein Fest, um aussichtsreichere Heiratskandidaten für sich zu interessieren. Deirdre musste gesehen werden, und sie bot einen so erfreulichen Anblick, wenn sie tanzte.

Deirdre warf einen gelangweilten Blick auf die Tanzfläche. Anscheinend hatte sie bislang keiner der reichlich anwesenden Kavaliere hinlänglich beeindruckt, um sie dort wieder hin zu locken.

»Mademoiselle Deirdre, ich bin zwar kein sehr geübter Tänzer … eher etwas ungeschickt … Aber wenn Sie mir einen Tanz gewähren würden …«, sagte Victor in diesem Moment.

Deirdre strahlte, als sie an seinem Arm in den Ballsaal schwebte. Ganz gleich, was ihre Mutter von ihr erwartete – in dieser Nacht hatte sie keinen Blick mehr für irgendeinen anderen Mann.

KAPITEL 5

Wurde ich da gerade Opfer einer Luftspiegelung, oder habe ich wirklich unseren jungen Dr. Dufresne auf Attica an mir vorbeitraben sehen?«

Doug Fortnam war eben aus Kingston zurückgekehrt und betrat nun die Räume seiner Frau, die in einem Türmchen oberhalb der zweiten Etage von Cascarilla Gardens lagen. Nora liebte es, von den Fenstern aus über das Meer zu sehen. Von einem Zimmer aus hatte sie sogar einen Ausblick über den Strand, in den der Regenwald, dem die Plantage erst vor wenigen Jahrzehnten abgetrotzt worden war, abrupt überging. Das Farbenspiel der grünen Wildnis, des schneeweißen Sandes und des azurblauen Meeres entzückte Nora immer wieder, sie hatte schon als Mädchen in England von solchen Stränden geträumt.

Auch jetzt stand sie am Fenster und schaute hinaus – was ihr an einem sonnigen Tag eigentlich gar nicht ähnlich sah. Wenn es nicht gerade regnete, fand Nora eigentlich immer etwas draußen zu tun. Dann trug sie allerdings auch einfache Baumwollkleider und nicht das mit bunten Blumen bedruckte, seidene Nachmittagskleid mit Reifrock, in das sie jetzt gewandet war. Doug hatte sich natürlich nicht getäuscht, als er Victor Dufresne erkannt hatte: Seine Frau und seine Tochter hatten Besuch.

»Nicht nur das«, meinte Nora jetzt, zu Dougs Befremden ohne sich zu ihm umzublicken und ihn mit einem Kuss zu begrüßen, wie sie es sonst zu tun pflegte. »Komm her, sieh es dir selbst an!«

Doug gesellte sich zu Nora und erkannte sofort, was sie an dem Ausblick so fesselte. Über den Strand galoppierten die Stuten Alegría und Attica, Letztere eigentlich Noras bevorzugtes Pferd.

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