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Die Insel der geheimen Düfte

MELISSE J. ROSE

DIE
INSEL DER
GEHEIMEN
DÜFTE

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Gesine Schröder und Max Stadler

aufbau digital

Gewisse Gedanken sind Gebete. Es gibt Augenblicke, in denen die Seele, welche Stellung auch immer der Körper einnehmen mag, auf den Knien liegt.

– Victor Hugo

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Anmerkungen

Nachbemerkung der Autorin

Danksagung

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin/zu den Übersetzern

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Eins

30. OKTOBER 1855

KANALINSEL JERSEY, GROSSBRITANNIEN

Jede neue Geschichte beginnt mit einem Schauder der Erwartung. An ihrem Ausgangspunkt ahnen wir schon, wohin sie uns führen wird, doch was uns schaudern lässt, ist der unentdeckte Weg dorthin. Diese absonderliche, seltsame Geschichte beginne ich am Meer. Seine Geräusche und Gerüche sind meine Satzzeichen. Seine Bewegungen meine Worte. Während ich schreibe, rennen Wellen zornig gegen die Küste an, und wenn sich das Wasser von den Felsen zurückzieht, sieht es aus, als weinten sie. Als wollte die Natur zum Ausdruck bringen, was in meiner Seele vor sich geht. Was ich nicht aussprechen, nur aufschreiben kann, nur heimlich und nur für dich, Fantine.

Dies ist die Geschichte eines Verlorenen. Eines Verbannten, der nicht nur seine geliebte Heimat, sondern seinen gesunden Verstand hinter sich ließ. Ich glaube, dass mir eine getreue und ehrliche Darstellung gelungen ist. Ob auch du es glauben wirst, kann ich nicht wissen. Doch wenigstens den Versuch schulde ich dir – den Versuch, mein Tun zu erklären und dir zu erhellen, wie dies alles zustande kam.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang in Frankreichs Süden im September des Jahres 1843. Die erste Szene spielt, wie das Schicksal so will, am Meer.

Ich befand mich auf einer vierwöchigen Reise mit meiner Geliebten, Juliette D., die dir nur allzu gut bekannt ist. Wir waren seit drei Wochen unterwegs, als wir die Île d’Oléron erreichten. Es herrschte drückende Hitze, ohne jeden erfrischenden Hauch.

»So muss sich ein Sünder in der Hölle fühlen«, sagte ich auf der Fahrt in unser Hotel. Ich wusste ja nicht, wie ahnungsvoll meine Worte waren.

Wohin wir uns auch wandten, überall sprach man von dem grauenvollen Wetter und einer rätselhaften Seuche, die Dutzenden Kindern den Tod gebracht habe. Selbst meine Lieblingsbucht bot keine Erquickung. Keine frische Meeresbrise, kein Vogelgesang. Auf dem Weg durch die Marschen, wo ich von einem Büschel Seetang zum anderen schreiten musste, um nicht im Schlick einzusinken, waren die Stimmen der Sträflinge, die einer nach dem anderen zum Abendappell ihren Namen riefen, meine einzige Gesellschaft.

Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich angesichts des Meeres keine Freude. Es war, als hätte sich der Tod in meine Seele geschlichen. Als sei die Insel ein zu Wasser gelassener Sarg und der Mond eine Fackel.

Da wir das rätselhafte Fieber fürchteten und der Melancholie zu entkommen hofften, beschlossen wir, unseren Aufenthalt zu verkürzen, und trafen sogleich Vorkehrungen, um am nächsten Morgen abzureisen.

Am nächsten Tag auf dem Schiff waren die Gespräche der Seeleute ebenso bedrückend wie zuvor auf der Insel. Sie drehten sich um mehrere arme Seelen aus der Umgegend, die in jüngster Zeit ertrunken waren.

»Als wollte der Tod uns nachfolgen«, sagte ich zu Juliette.

Als wir endlich in Rochefort auf dem Festland eintrafen, waren wir niedergeschlagen, durstig und erschöpft. Da die Kutsche nach La Rochelle erst Stunden später fahren würde, beschlossen wir, am Marktplatz Erfrischungen zu uns zu nehmen. Das Café de l’Europe hatte geöffnet und war nicht allzu überfüllt. Wir setzten uns und bestellten Bier.

Es lagen Zeitungen aus. Juliette wählte die Charivari und ich Le Siècle.

In diesem Augenblick schob sich vor dem Fenster eine vierschrötige Frau vorbei und lenkte mich von der Titelseite ab. Sie hatte ein Kind bei sich, ein Mädchen von acht oder neun Jahren. Mit einem Mal stolperte die Frau und ging zu Boden. Das Kind stand einen Augenblick wie versteinert, als könne es nicht fassen, dass seine Mutter überhaupt zu fallen in der Lage sei. Dann kniete es sich mit ernstem, sorgenvollem Gesicht zu seiner Mama und bot ihr sacht die Hand.

Ich nahm das Bild tief in mich auf. Beim Schreiben würde ich die Szene wieder hervorholen können. Ich wollte die Sorge im Antlitz der Tochter und die Liebe in dem der Mutter, als ihr Kind ihr aufhalf, für alle Zukunft bewahren.

Dann wandte ich mich mit den üblichen düsteren Vorahnungen wieder der Zeitung zu. Politiker sind Narren und fechten närrische Kämpfe aus. Menschenleben stehen dabei auf dem Spiel, doch diese Männer erreichen mit ihren endlosen Possen nur, dass ihre Geldbeutel immer fetter werden. Wie stets war die Zeitung mit verdrießlichen Nachrichten über ihre Ränkespiele gefüllt. Spanien erlitt eine Krise … in Paris flammten erneute Kämpfe auf … und dann flimmerte mein eigener Name vor meinen Augen.

Ich war es gewohnt, Kommentare zu meinen politischen Schriften oder meiner Dichtung vorzufinden, doch dies war ganz anderer Art. Grauenhafte Worte sprangen mich an. Ich konnte kaum mehr atmen. Nein, es konnte nicht sein. Ich musste mich verlesen haben.

»Was gibt es, Victor?«

Ich sah hoch, doch Juliette verschwamm vor meinem Blick.

»Etwas Entsetzliches«, sagte ich und schob ihr die Zeitung hin. Die Worte, die ich soeben gelesen hatte, jagten mir durch den Kopf, ein unendliches Echo, das in den Stunden, Tagen, Monaten und Jahren darauf immer wiederkehren sollte.

»… ist eine Yacht gekentert … auch Monsieur Ch. Vacqueries Ehegattin, Leopoldine, die Tochter des Victor Hugo, war an Bord … fand man den Leichnam des Monsieur Pierre Vacquerie. Es wurde zunächst angenommen, Monsieur Ch. Vacquerie, ein erfahrener Schwimmer, sei stromabwärts abgetrieben worden, als er seine Ehefrau und seine Verwandten zu retten versuchte … förderte das Netz die sterblichen Überreste der bedauernswerten jungen Frau zutage …«

Ich erfuhr aus der Zeitung, was meine in Le Havre verbliebene Ehefrau Adèle schon seit Tagen wusste, was meine Söhne und meine andere Tochter längst erfahren hatten: Meine älteste Tochter, meine über alles geliebte Didine, war mit ihrem erst acht Monate zuvor angetrauten Ehemann bei Villequier in der Seine ertrunken.

In den Stunden darauf irrten Juliette und ich durch die Stadt, da die Kutsche, die uns nach Hause zurückbringen sollte, noch nicht abfahrbereit war. Juliette erzählte mir später, wie die Sonne auf uns herabbrannte, wie wir den Marktplatz hinter uns ließen und ins offene Land hinauswanderten, um der drückenden Hitze und den Blicken der Bewohner zu entfliehen. Auch sie hatten die Neuigkeit bereits gehört, hatten mich erkannt und verfolgten nun stumm unseren kleinen Trauerzug.

An all das blieb mir keinerlei Erinnerung. Ich stellte mir nur die entsetzlichen Bilder des Unfalls vor, sah das Boot vor mir, wie es die Seine hinuntersegelte. Wind peitschte den Fluss zu schäumenden Wellen auf. Ich sah das Boot schwanken. Stampfen. Rollen. Und kentern. Die wilden Strudel griffen begierig nach den Passagieren. Ich las im Antlitz meines Lieblings Staunen über die Rohheit des nassen Elements. Sah, wie sie sich mühte, der Strömung zu widerstehen. Wie sich ihr Kleid um sie her ausbreitete. Wie sie verzweifelt nach Luft schnappte, trübes Wasser schluckte und sank. Ich stellte mir ihr Gesicht unter Wasser vor. Wie sie immer bleicher wurde und ihre Hände hilflos ins Leere fassten. Wie Fische sich in ihrem schönen Haar verfingen. Ihre weit aufgerissenen Augen, die in der Düsternis nach einem rettenden Lichtstrahl suchten.

Der Bericht konnte unmöglich wahr sein, sagte ich ein ums andere Mal zu Juliette, als schon die Ahnung in mir aufstieg, dass er sehr wohl der schrecklichen Wahrheit entsprach, als sich schon die Trauer um mich ausbreitete wie ein Bach, ein Strom, ein Ozean; als ich selbst schon zu ertrinken drohte.

Wenn ich mich Didine doch zugesellen könnte! Es wäre eine Erlösung.

Mit jedem unserer Schritte bedrängte mich das Grauen der Ereignisse stärker. Schuld stürmte auf mich ein wie schäumende, windgepeitschte Brecher.

Während meine Tochter starb, war ich mit der Geliebten auf Vergnügungsfahrt gewesen. Adèle, meine Frau, ließ ich mit der Tragödie allein.

Schlimmer noch – wäre Didine je an Bord dieses Schiffes gegangen, wenn ich in Le Havre geblieben wäre? Vielleicht hätte man Adèle und mich ebenfalls zu der Bootsfahrt eingeladen. Wäre ich dabei gewesen, ich hätte sie womöglich retten können.

Doch ich war nicht dabei gewesen, und meine Herzenstochter, das Kind meiner Seele, war tot.

Kein größerer, unerbittlicherer Schmerz kann einen Menschen treffen als der Verlust seines Kindes. Ebendieser Schmerz war es, der mich endlich in jene Geistesverfassung versetzte, in der ich mich vor zwei Jahren bei meiner Ankunft auf Jersey als Verbannter aus meinem geliebten Frankreich befand. Ein Jahrzehnt der Trauer hatte mich auf ein schmales Gestade der Hoffnung gespült. Ich glaube an keine Religion noch an die Geistlichkeit und habe doch feste Überzeugungen. Ich glaube, dass wir noch einmal leben werden, dass mich und meine Lieben nach diesem ein neues Leben erwartet. Wie könnte ich auch nicht? Gäbe es keine Dauerhaftigkeit, welchen Sinn hätte da all das Leid, das wir zu erdulden haben? Was mich Tag um Tag am Leben hielt, war allein der Gedanke, dass Didine nicht für immer fort war.

Die Liebe zu meiner Tochter ist in dieser Geschichte die treibende Kraft. Mein Augapfel! Mein Sonnenschein! Gewiss hält jeder Vater seine Lieblingstochter für etwas Besonderes, aber sie war es wahrhaftig. Selbst in unserer irdischen Welt lebte sie ein höheres Leben. Ich kannte ihre Seele; sie hatte mich tief im Innern berührt. In dieser Welt des Leids, des Elends und der Ungerechtigkeit war Didine mein kleines Wunder, mein Glück. Und auf Jersey wurde sie zu meinem Wahn.

Wer jemanden verliert, der seinem Herzen so nahe war, der geht der Welt verloren. Er lebt nur mehr seinem Schmerz. Ohne den anderen zu existieren ist ihm eine untragbare Last. Allmählich erst kehrt er ins Leben zurück. Allmählich entwickelt er wieder Appetit, trinkt er Wein aus Genuss, nicht um seinen Durst zu stillen. Allmählich dringen wieder Worte zu ihm durch und gibt er Antwort. Lässt er sich hinreißen, sich über die Staatsmänner, die Geistlichen, die Regierenden zu empören. Allmählich kehrt er zurück. Und dann, eines Morgens, sieht er die Sonne über den Horizont steigen und begreift, dass die Tochter fort, er selbst aber am Leben ist.

Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ein Schmerz, so unverrückbar wie meine Liebe, mir bleiben würde. Meine Trauer um Didine führte ein Eigenleben. Mein Verlangen nach einem Wiedersehen mit ihr hat nie nachgelassen. Nie ist mein Wunsch versiegt, ihre Stimme zu vernehmen, ihre Augen freudig aufleuchten zu sehen, zu spüren, wie sie sich neugierig über meine Schulter beugt, wenn ich schreibe. Ach, könnte ich noch ein einziges Mal mit ihr über meine Ideen sprechen – Ideen, die auch die ihren waren.

All die Jahre habe ich gehofft, sie würde mir im Traum erscheinen. Würde mir einen Besuch abstatten, und sei es hinter geschlossenen Lidern. Ich bekniete den schrecklichen Gott, der sie mir nahm, er möge mir erlauben, sie wiederzusehen, mich zumindest von ihr zu verabschieden. Mich bei ihr zu entschuldigen, weil ich nicht auf ihrer Beerdigung war. Ihr zu sagen, dass mein Schmerz nur umso größer sei. Ich flehte ihn, den Ungerechten, an, er möge mir nur einen kurzen Blick gewähren, damit ich sähe, dass sie das Tor durchschritten hatte und wohlbehalten im Himmelreich angekommen war. Nicht einmal im Schlaf wurde mir dies Wiedersehen gewährt.

So kam es, dass kurz nach unserer Ankunft auf Jersey, am Jahrestag von Didines Tod, die Bühnenautorin Delphine de Girardin, meine Freundin aus Kindheitstagen, für eine Woche aus Paris zu Besuch kam und neben allen erdenklichen Delikatessen und Annehmlichkeiten auch eine teuflische neue Form der Zauberei mitbrachte. Seither ist nichts mehr, wie es war.

Meine Tagesabläufe hier auf Jersey ähneln denen in Paris. Abends dinieren wir meist en famille, einfache Mahlzeiten aus Fisch und Gemüse, frischem Brot, Wein und Gebäck. Unsere Köchin ist keinen Deut schlechter als die in Frankreich, dabei aber jünger und anmutiger. Carolines Tarte Framboise ist so delikat wie ihre Lippen, von denen zu kosten sie mir manchmal erlaubt.

Für das erste Diner mit Delphine hatte Caroline ein Festmahl zubereitet, das mit einer Hummersuppe begann und mit einer Mousse au Chocolat den Ausklang fand. Vorzüglicher hätte es nicht einmal im Pariser Grand Véfour sein können.

Niemand erwähnte während der Mahlzeit Didines Todestag. Meine Ehefrau und ich lebten tagtäglich mit unserem Verlust; ein Datum mehr zu ehren als jedes andere wäre uns nicht in den Sinn gekommen. So gab es keinen Grund, den Tischgenossen mit makabren Themen den Appetit zu verderben. Stattdessen erzählte uns Delphine die neuesten Pariser Klatschgeschichten: Wie es unseren Freunden ergangen war, wer seine Residenz in die Provinz verlegt hatte, welche Schauspiele ein Erfolg gewesen und welche durchgefallen waren, die neuesten Herzensangelegenheiten und Skandale, welches Restaurant neu eröffnet und welches seine Türen geschlossen hatte.

Zuletzt berichtete sie von einer neuen Mode, welche die ganze Stadt in ihren Bann geschlagen hatte: Ein Gesellschaftsspiel namens Tischerücken. Sie sagte, es öffne eine Tür ins Totenreich.

Dies letzte Wort hallte schaurig von den Wänden wider. Bemerkte Delphine den Blick, den wir Eheleute wechselten? Sah sie, wie ich mich abwandte, als ich den Schmerz in Adèles Augen nicht ertrug? Wie mein Sohn Charles zu hastig seinen Becher leerte und sein Bruder François-Victor sich räusperte? Und wie meine Jüngste, die nach der Mutter Adèle heißt, zu Boden blickte, weil ihr Tränen in die Augen traten?

Delphine bemerkte nichts von alledem. Atemlos fuhr sie in ihrer Schilderung fort, berichtete von Séancen, die sie besucht, und von Geistern, die sie dort gesehen habe.

Mich hatte seit je die Neugier auf die Fähigkeit des Geistes, sein beinernes Gefängnis hinter sich zu lassen, umgetrieben. Im Zuge eines meiner Experimente hatte ich mit Balzac und Dumas den Klub der Haschischesser gegründet. Das süße Harz bescherte tatsächlich Träume jenseits all meiner Erwartungen. Doch ging die Reise tiefer in mich selbst hinein, statt hinaus ins Unbekannte. Das aber war es, was ich mir ersehnte: die engen Grenzen meines Selbst zu überwinden.

Auch die provokanten Thesen des Franz Anton Mesmer faszinierten mich. Er hatte das Fluidum entdeckt, ein unsichtbares Prinzip, welches unsere Körper miteinander und mit dem All verbindet. Ich hatte selbst erlebt, wie Magnete bei meinem Sohn François-Victor eine Stockung lösten und ihn von einer Krankheit heilten. Einmal hatte ich einem Magnetiseur erlaubt, mich in Trance zu versetzen, in der Hoffnung, ich werde mit empfindlicheren Sinnen daraus erwachen, vielleicht auch in der Lage sein, die Zukunft vorherzusehen. Doch der Zustand, den ich mir ersehnte, blieb mir verwehrt.

Delphines Spiritismus klang nun vielversprechend. Der Vater dieser geistigen Bewegung, ein gewisser Hippolyte Léon Denizard Rivail, der sich inzwischen Allan Kardec nennen ließ, erklärte, dass das Zwiegespräch mit Toten möglich sei. Er war der Auffassung, wir Geisteswesen lebten viele Leben. Wir seien schon früher auf der Welt gewesen und kehrten dereinst zurück. Bei seinen Vorträgen behauptete er, die Lehre von der Seelenwanderung einst als keltischer Druide erlernt zu haben und schon zuvor im alten Griechenland als Schüler des Pythagoras.

Diese Ahnenreihe überraschte mich, denn es gab, wie ich sogleich Delphine erzählte, auf Jersey hunderte keltischer Überreste. »Bei jedem Ausflug in den Wald oder ans Meer stolpern wir über die Ruinen ihrer Tempel und Gräber«, sagte ich.

Delphine bat mich, sie gleich am kommenden Nachmittag herumzuführen, und als ich es versprach, erzählte sie weiter von ihren Erlebnissen bei Séancen in Paris.

»Aber wie kommt bei diesem Tischerücken das Gespräch mit dem Jenseits zustande?«, fragte meine Frau.

»Nun, wir wählen aus unserem Kreis ein Medium. Er oder sie legt die Hände auf einen kleinen dreibeinigen Hocker, der auf dem Tisch platziert worden ist. Die Geister sprechen, indem sie mit den Hockerbeinen Botschaften klopfen. Das Zwiegespräch mit Geistern«, sagte sie, »ist groß in Mode.«

Wir überfielen sie mit Fragen, die sie geduldig beantwortete. »Ach, es lässt sich alles schwer erklären«, sagte sie endlich. »Viel besser wäre es, wenn ich es vorführen dürfte. Halten wir doch selbst eine Séance ab.« Sie blickte fragend in die Runde. »Sollen wir?«

Alle waren begeistert, bis auf meine Ehefrau.

»Bien«, sagte Delphine. »Wir sind zu sechst. Wenigstens einer in der Runde sollte in der Lage sein, Kontakt aufzunehmen.«

Das Ganze kam mir harmlos vor. Ich war von der Idee gefesselt, doch auch skeptisch. Es klang zu spielerisch, zu leichtfertig, auf diese Weise mit dem Totenreich Verbindung aufzunehmen.

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

An jenem ersten Abend saß ich nicht selbst am Tisch, sondern sah nur zu, wie ein Mitglied unserer kleinen Gesellschaft nach dem anderen sich bemühte, aus dem Hocker einen Geist hervorzulocken. Keinem gelang es, doch das Verlangen packte sie nur umso mehr. Sie waren wild entschlossen, die neuentdeckten Möglichkeiten auch zu nutzen. Deshalb bat mich Delphine tags darauf, als wir einige der seltsamen Ruinen besichtigt hatten, sie in den Ort zu begleiten, wo sie einen kleineren Hocker erstehen wollte. Vielleicht, sagte sie, sei unser klobiges, vierbeiniges Möbel das Hindernis.

Doch auch mit dem schlankeren Dreibeiner änderte sich nichts.

Nach vier Tagen wurde ich das Spielchen leid und ermunterte die anderen, diese Torheit aufzugeben.

»Nur einen Versuch noch«, bat mein Ältester flehentlich. »Diesmal sollten Sie mit am Tisch sitzen, Papa, und ich lege die Hände auf den Hocker. Das ist die einzige Kombination, die wir nicht erprobt haben.«

Wider besseres Wissen willigte ich ein. Ich urteilte allzu oft harsch über Charles und hatte auf Jersey den Vorsatz gefasst, ihm mehr Anerkennung zu erweisen.

Unser letzter Versuch fiel auf den Abend des elften September.

Zum Diner empfingen wir an jenem Tag Delphine, Auguste Vacquerie, General Le Flo und Pierre de Revenue. Es gab Geflügelbraten, Kräuterkartoffeln, zarte Spargel und Apfeltarte. Dazu tranken wir guten Rotwein, den ich jedoch kaum anrührte. Da ich später an der Séance teilnehmen würde, wollte ich wach und empfänglich bleiben, falls etwas geschah. Wein benebelt die Sinne und verursacht Schläfrigkeit. Statt seiner führte ich mir, als Delphine die Sitzung vorbereitete, ein wenig Haschisch zu, das meinen Geist anregen, mein Bewusstsein schärfen und meine Aufnahmefähigkeit erhöhen sollte.

Unser Haus auf Jersey sieht auf den Ärmelkanal hinaus. Öffnet man ein Fenster, so hört man das Meer. An jenem Abend war es besonders gesprächig. Seine Wellen stürmten unablässig auf die felsige Küste ein und unterlegten unser Schweigen mit zornigem Donnerhallen, als wir unsere Plätze am Kartentisch einnahmen. Es klang rastlos, wollte mir scheinen; als wartete auch das Meer voll ängstlicher Ungeduld darauf, dass etwas Besonderes geschah.

Und das tat es auch. Diese vierte Séance war beglückend und entsetzlich zugleich. Sie war von einer Macht, gegen die weder Mensch noch Tier noch Gott etwas ausrichten kann. Uns eröffnete sich in jener Nacht eine neue Welt, eine Welt jenseits des Meers, des Himmels, jenseits der entferntesten Sterne. Wir entdeckten einen Riss in der Mauer, welche die Gegenwart von der Vergangenheit trennt. Als am Abend jenes elften September 1853 der Seewind zu den Fenstern des Salons hereinblies, brachte er das Undenkbare ins Haus. Das Meer heulte in wildem Protest. Und ein einfacher Sterblicher wurde mit einer Gabe in Versuchung geführt, die ihn – und dich, Fantine – leicht ins Verderben hätte reißen können.

»Leg deine Fingerspitzen hier oben auf den Hocker«, sagte Delphine.

Charles tat wie geheißen.

»Was auch geschieht, du darfst deine Hände nie wegziehen. François-Victor, du schreibst alles genau auf, wenn der Hocker auf den Tisch klopft. Einmal klopfen heißt ja, zweimal nein. Und denk daran, ganze Wörter werden ausbuchstabiert – wie oft geklopft wird, entspricht der Position des Buchstabens im Alphabet. Wir können das Gespräch dann später entschlüsseln.«

Wir setzten uns im Kreis um den Kartentisch herum, in dessen Mitte der kleine Hocker stand. Erwachsene Menschen bei einem Gesellschaftsspiel. Neugierig waren alle, doch einen trieb ein so starkes Verlangen, dass es bis in den Äther ausstrahlte, bis in die Geisterwelt.

Während ich noch wartete, gestand ich mir ein, wie gerne ich an diesen Budenzauber glauben wollte. Ich brauchte die Verbindung ins Totenreich. Gerade hatte sich Leopoldines Todestag zum zehnten Mal gejährt, und ich sehnte mich verzweifelt nach einem Zwiegespräch mit meiner Tochter.

»Öffnet euren Geist«, wies Delphine uns an. »Lasst die Seelen der Toten zu euch kommen. Heißt sie willkommen und ladet sie ein, zu uns zu sprechen.«

Nichts geschah. Mit jeder Sekunde, die verstrich, flaute meine Hoffnung weiter ab. Dann, nach fast einer Minute, begann sich der Hocker zu bewegen. Eines seiner Beine klopfte auf den Tisch. Und dann wieder. Und wieder.

»Ist jemand in unserer Mitte?«, fragte Delphine. »Bist du es, Leopoldine?«

Tock, tock.

Dies trockene Klopfen von Holz auf Holz werde ich nie vergessen. Es klang wie das Brechen dünner Äste. Wie der Deckel einer Truhe. Ein unschuldiges Geräusch, so dachte ich. Wie sehr ich mich irrte! Denn mit jedem Klopfen schlug die Saat des Wahnsinns neue Wurzeln in dem Boden meines Geistes. Das Klopfen war lasterhaft, gottlos. Es war verderbt.

»Ist da jemand?«, schrie meine Ehefrau voller Angst.

Weitere Klopfer folgten in längeren Abständen. François-Victor machte sich pflichtbewusst Notizen, doch ich war fest überzeugt, dass sich kein Muster herauslesen lassen würde. Delphine war anzusehen, dass sie dasselbe dachte.

Wieder ein Fehlversuch, dachte ich.

Doch dann änderte sich der Rhythmus. Das Klopfen klang jetzt dringlicher, entschlossener.

Während François-Victor wieder jedes Klopfen zählte und notierte, gelang es mir, die Worte vorauszuahnen, als spräche jemand direkt zu mir. Ich verstand dieses Flüstern der Luft. Ach, es ist nicht leicht zu erklären, selbst für mich nicht. Wie so vieles, was noch folgen soll. Aber glaube mir: Während dieser Séance, wie auch während der vielen weiteren danach, vernahm ich die Stimmen der Geister. Nicht laut; nicht so, dass alle es hören konnten. Doch sie entsprangen auch nicht meiner Einbildungskraft.

Ich bin hier. Ich bin bei euch.

Dann hörte das Klopfen auf. Der Hocker regte sich nicht mehr. Dieses Mal geschah volle zwei Minuten lang nichts. Ich wollte mich schon vom Tisch erheben, als es wieder einsetzte. Der Hocker zitterte, rutschte ein Stück weg und wieder heran. Rief etwa Charles diese Bewegungen hervor?

»Bist du der Geist, der uns soeben schon einmal besucht hat?«, fragte Delphine.

Es klopfte zweimal.

Nein.

»Wer bist du?«, fragte sie.

Der Hocker klopfte lange und gleichmäßig. Zwanzig Mal zählte François-Victor. Dann wurde es still.

T.

Dann klopfte es fünfzehnmal.

O.

Dann nur drei Klopfer und eine Pause.

C.

Dann achtmal.

H.

Ich hatte in einer Sekunde erfasst, wofür der Hocker Minuten brauchen sollte. Ein Wort nur: Tochter.

»Bist du es wirklich, Didine?«, keuchte ich. »Bist du es?«

Ich brauchte die ermüdenden Klopfzeichen nicht. Ich wusste es. Dennoch klopfte es ein einziges, beglückendes Mal.

Ja.

»Bist du glücklich?«

Ja.

»Wo bist du?«

Licht.

»Wie können wir dir nahe sein, mein Liebling?«

Liebe.

»Wachst du über uns und siehst unser Unglück?«

Ja.

Ich bin geübt darin, anderen die Regungen ihres Herzens an den Gesichtern abzulesen, ohne mich von Worten irreleiten zu lassen. Als jener Hocker die Antworten auf unsere Fragen gab, suchte ich bei meinen Gefährten nach Anzeichen von Arglist und Betrug. Bewegte etwa Charles aus Verzweiflung und Trauer den Hocker? Oder war er grausam genug, sich in dieser ernsten Stunde einen Scherz zu erlauben?

Ich fragte ihn offen danach, und er versicherte, er habe das Möbelstück nicht absichtlich bewegt. Hatten meine anderen Kinder etwas damit zu schaffen? Oder meine Ehefrau? Sie litt unter meinen Tändeleien, doch sicher grollte sie mir nicht genug, um mich derart zu bestrafen. Zu solchen Streichen war Adèle nicht imstande. Sie schluchzte sogar, und unsere Tochter Adèle gab ihre eigenen Tränen dazu.

Nein, es war keine Schelmerei. Vor uns stand der dreibeinige Hocker der Sibylle.

Ich stellte Didine noch eine letzte Frage.

»Wirst du wiederkommen und wieder zu uns sprechen?«

Ein einzelnes Klopfgeräusch war die Antwort. Ein Ja, bei dem mein Herz jubilierte.

Und so veränderten nur wenige Augenblicke ein ganzes Leben.

Ich, der ich nicht an Spukgeschichten glaubte, ließ selbst die kühnsten Möglichkeiten gelten. Oder, wie ein Priester sagen würde, ich ließ den Teufel in mein Leben ein.

Und ich tat weit mehr als das. Ich bot dem Teufel ein wärmendes Herdfeuer und einen annehmlichen Ruhesessel und meine unbeschränkte Gastfreundschaft. Ich gewährte ihm Einlass in meine Seele.

Zwei

GEGENWART, 14. AUGUST

UPSTATE CONNECTICUT, USA

Seit sie vor sechs Wochen aus Paris zurückgekehrt war, hatte Jac L’Étoile sich jeden Morgen beim Aufwachen geschworen, den Rat ihres Bruders zu befolgen und präsent zu sein. Robbie hatte ihr beim Abschied eine lockige Strähne hinters Ohr gestrichen, sie auf die Stirn geküsst und gesagt: »Wenn du das schaffst, Jac, nur das, wirst du endlich zur Ruhe kommen.«

Jetzt, da sie mit Malachai Samuels über die Wiesen stapfte, versuchte sie, wie Robbie es formuliert hätte, achtsam zu sein, ganz im Hier und Jetzt. Sie wollte nicht zulassen, dass ihr Geist abschweifte und in tiefe Trauer versank.

Sei präsent.

Es gab so vieles, wofür es sich lohnte, präsent zu sein. Die Luft war von einem frischen Duft nach Äpfeln und Laub erfüllt. Malachai war bei ihr, ihr Mentor, dem sie vertraute, und wollte ihr etwas Wichtiges zeigen.

Vor ihnen tauchte eine Grenzlinie aus Schildern mit der Aufschrift »Betreten verboten« auf. Während sie sich ihnen näherten, zog sich der heitere Sommerhimmel zu. Die knisternde Spannung eines nahenden Sturms brachte die Luft zum Flirren, und Jac schauderte. Eine Vorahnung, dass sie besser umkehren sollten. Dann tadelte sie sich selbst für ihre kindische Reaktion. Das hier war kein Schauermärchen. Sie war nicht Gretel. Und Malachai war ganz bestimmt nicht Hänsel. Er war ein in Oxford ausgebildeter Psychoanalytiker und der Vizedirektor der renommierten New Yorker Phoenix Foundation, einer anderthalb Jahrhunderte alten Institution, die sich mit Reinkarnationsforschung befasste. Ihm gehörten diese Ländereien. Sie waren seit fast zweihundert Jahren im Besitz seiner Familie. Hier konnte ihr nichts passieren.

Vorhin, nach dem Mittagessen, hatte Malachai sie gebeten, mitzukommen, weil er ihr etwas zeigen wolle.

»Was denn?«, hatte sie gefragt.

»Meinen geheimen Garten«, hatte er nur geantwortet.

Malachai war kompromisslos verschwiegen, eine Eigenschaft, die mal altmodisch und mal erfrischend neuartig wirkte. Er war ein Taschenspieler, der nie seine Tricks verriet. Der Kinder von ihren Alpträumen erlöste, ohne seine Geheimformel preiszugeben. Er war ein Magier. Vielleicht der einzige wahre Zauberer, den Jac je kennengelernt hatte. Er hatte, als sie vierzehn war, die Halluzinationen, an denen sie seit Jahren litt, in der frischen Schweizer Alpenluft einfach verschwinden lassen.

Jac und Malachai verließen das mit Erkern und Wasserspeiern verzierte Herrenhaus durch die Flügeltüren des Salons. Steinerne Stufen führten von dort in einen gepflegten Ziergarten, dessen sommerliche Pracht sich allmählich dem Ende zuneigte. Sie folgten einem kiesbedeckten Weg, der sich zwischen kunstvoll wuchernden Beeten voller Hortensien, Steinkraut, rosa Rosen und Blaurauten hindurchschlängelte.

Der Blumenduft begleitete die beiden durch das schmiedeeiserne Gartentor. Am viktorianischen Pavillon gesellte sich noch das Aroma frisch gemähten Grases hinzu.

Ein paar Dutzend Meter weiter lag eine Apfelplantage. Die Bäume waren alt und knorrig, aber die Zweige hingen voller harter, grüner Früchte, die erst nach Wochen reif werden würden.

Hinter den Obstbäumen erstiegen sie eine kleine Anhöhe und näherten sich dem Wald. Hier endeten die kultivierten Flächen und begann die ungezügelte Natur. Kein Zeichen menschlichen Wirkens war mehr zu sehen außer den handgeschriebenen Warnschildern, die alle zwei Meter schief an unbehauenen Holzpflöcken hingen.

Privat – Betreten verboten.

Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt.

Gilt für Pilger wie Touristen.

Pilger?

Jac wollte Malachai danach fragen, aber er war schon vorausgegangen und erwartete sie jenseits der unsichtbaren Grenzlinie am Rande eines Tannen- und Kieferngehölzes. Gemeinsam betraten sie den Wald.

Die blaugrüne Finsternis und die Gerüche überwältigten Jac. Normalerweise mochte sie den Harzgeruch der Nadelbäume, aber hier war er viel zu intensiv. Stechend. Es fühlte sich an, als bohrten sich die feinen Spitzen der Tannennadeln in ihre Geruchssensoren.

»Schön hier, nicht?«, fragte Malachai und breitete die Arme aus, als wollte er den ganzen Wald umarmen.

»Ja«, sagte sie, aber insgeheim fand sie, dass hier neben Schönheit auch Rohheit herrschte. Der urtümliche Wald, der ringsumher aufragte, kam ihr bedrohlich vor. Sie fühlte sich winzig im Vergleich zu den Bäumen. Diese Kiefern hatten ihre Mutter überlebt. Viele waren älter als ihre Großmutter. Ihnen gehörte dieses Land. Sie war bloß ein Eindringling.

Jac und Malachai waren jetzt ganz von Schatten umgeben, in sie eingetaucht. Die Bäume standen so dicht, dass sie jeden Sonnenstrahl abschirmten, der noch durch die Wolken drang. Jac fühlte sich in eine alles durchdringende Dunkelheit gehüllt.

Als Produzentin und Autorin einer Fernsehsendung über die wahren Ursprünge von Mythen wusste Jac nur allzu genau, wie bedeutsam Schatten für die Griechen der Antike und die alten Ägypter waren.

Von allen mythischen Geschichten, mit denen sie sich befasst hatte, war eine beängstigender als alle anderen und suchte sie immer wieder in ihren Träumen heim – die von Agaue, der Mutter des Pentheus. Dionysos raubte ihr ihren Schatten und mit ihm ihre Identität als Frau und Mutter. Sie wurde männlicher, bösartiger, grausamer und weniger emotional. Ihre rationalen Impulse wurden mehr und mehr von irrationalen verdrängt, bis die Leidenschaften ganz über den Verstand triumphierten. Immer öfter verfiel sie in Raserei, siegte das unbewusste über das bewusste Selbst, bis sie eines Tages in einem letzten, zügellosen Blutrausch das Unvorstellbare tat. Agaue tötete ihren eigenen Sohn.

Und dann, nach dem Kindsmord, ereilte sie das Schicksal, das Jac so verstörte. Das schwerste Los von allen. Nachdem Agaue ihren eigenen Sohn zu Grabe getragen hatte, überlebte sie ihn um viele Jahre und litt unaufhörlich an dem Verlust.

Jac kannte C. G. Jungs Ausführungen über den Schatten als Summe aller negativen, unzugänglichen Aspekte einer Persönlichkeit. Der Schatten war derjenige Teil der Psyche, dem man sich stellen und mit dem man sich aussöhnen musste, um ganz zu werden. Jac wusste, dass sie sich längst nicht allen ihren Schattenseiten gestellt hatte und dass sie eines Tages nicht darum herumkommen würde.

Auch Malachai wusste das. Er hatte sie vor siebzehn Jahren in der Schweizer Klinik Blixer Rath mit C. G. Jungs Methoden therapiert. Sie hatten viel über ihren Schatten gesprochen.

»Geht es dir gut?«, rief Malachai ihr über die Schulter zu.

»Sicher«, war alles, was sie herausbrachte. Wie hätte sie ihre merkwürdige Überreaktion auf diesen Ort zur Sprache bringen können, ohne ihn nervös zu machen? Seit ihrer Reise nach Paris beobachtete er sie viel zu genau. Sie war im Mai zum ersten Mal seit Jahren dorthin gefahren, um ihrem Bruder bei der Suche nach einem geheimnisvollen Buch mit Parfümrezepturen zu helfen, das Teil ihrer Familienlegende war. Am Ende hatte sie sogar Robbies Leben gerettet, aber die Gefahren, in die sie sich begeben hatte, und die Erinnerungen, die dabei heraufbeschworen wurden, hatten sie aus ihrem seelischen Gleichgewicht gebracht. Seitdem benahm sich Malachai wie ein Arzt, der minütlich Fieber maß. Ständig wollte er wissen, ob es ihr gutging. Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte Jac ihn nicht mehr so besorgt erlebt.

Nein, Jac wollte ihm auf keinen Fall diesen Ausflug verderben. Malachai war es offenbar wichtig, ihr einen ganz speziellen Ort zu zeigen. Nach allem, was er für sie getan hatte, war es das Mindeste, dass sie jetzt durchhielt. Dennoch zögerte sie und sah sich um. Aus welcher Richtung sie gekommen waren, war nicht mehr zu erkennen. Selbst wenn sie versucht hätte, zu entkommen, gab es keinen Ausweg mehr. Sie hatten keine Spuren hinterlassen.

Entkommen?

Sie begaben sich schließlich nicht in Gefahr, sondern machten einen Spaziergang durch Malachais Ländereien. Ihre Phantasie musste mit ihr durchgegangen sein.

Sei präsent.

In einigem Abstand hinter Malachai trottete Jac weiter den Pfad entlang, der sich jetzt unter gewaltigen Kiefern hindurchwand. Überirdische Wurzeln und abgebrochene Zweige, die sich unter dem dichten Nadelteppich verbargen, ließen ihn tückisch werden. Sie stolperte, und Malachai, der weit voraus war, bemerkte es nicht. Nur die Vögel wurden Zeuge ihrer Ungeschicklichkeit. Sie richtete sich auf und lief weiter.

Plötzlich hörte sie aus einiger Entfernung ein Geräusch und nahm neue Gerüche war. Beides war nicht leicht einzuordnen, bis sie über eine Erhebung schritten und dahinter an einen Wasserfall kamen, der über Felsblöcke zu Tal rauschte. Die feine Gischt, die Jacs Gesicht benetzte, roch metallisch, die Luft nach Petrichor, dem Duft von regenfeuchter Erde. Er wurde immer intensiver, je weiter sie dem rauschenden Bach hangaufwärts folgten.

»Haben wir ein festes Ziel?«, fragte Jac schließlich, nachdem sie über eine halbe Stunde gelaufen waren. »Oder zeigst du mir nur die Ländereien?«

Ein umgestürzter Nadelbaum, Opfer eines Sturms oder eines Parasiten, versperrte ihnen den Weg.

»Zeit ist viel zu kostbar, um sie zu vertändeln. Ich habe immer ein festes Ziel. Das solltest du doch wissen. Und unser heutiges Ziel könnte genau das sein, wonach du suchst.«

»Wie meinst du das?« Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wusste Jac, dass Malachai ihre Frage nicht beantworten würde. Er liebte es, zu provozieren. Während sie ihn dabei beobachtete, wie er wegen seiner Hüftverletzung ungelenk über den umgestürzten Baum hinwegkletterte, beschlichen sie Sorgen um seine Gesundheit. Sie wusste nicht genau, wie alt er war, schätzte ihn aber auf Mitte sechzig oder älter. Er war der entschlossenste Mensch, den sie kannte. Manchmal ließ seine emotionslose Art, einmal gefasste Ziele zu verfolgen, ihn beinahe übermenschlich erscheinen. Aber das war er nicht. Er würde nicht immer für sie da sein können.

Da tat sie es schon wieder: Sie driftete in negative Gedanken ab. Seit ihrer Rückkehr aus Paris war sie anfälliger als sonst. Existentielle Dilemmas, die sonst ihre Neugier erregten, fand sie jetzt zutiefst verstörend.

Wir sind alle verletzlich. Jeden Moment kann das Schicksal zuschlagen. Es gibt fast nichts, das wir kontrollieren können.

Malachai klopfte sich nach seiner Kletterpartie die Hände ab.

»Wir sind fast da«, sagte er und nahm seinen Weg wieder auf.

Nach weiteren drei oder vier Minuten wand sich der Pfad nicht mehr, sondern verlief zielsicher und gerade wie der Mittelgang einer Kathedrale zwischen knorrigen Eichenstämmen hindurch. An seinem Ende konnte Jac eine Lichtung erkennen.

Malachai breitete theatralisch die Arme aus. »Willkommen in meinem geheimen Garten.« Er lächelte geheimnisvoll und führte sie in das Eichengehölz. Es war kühl und schattig. Der sinnliche, erdige Duft von Eichenmoos erfüllte die Dunkelheit.

Getrocknetes Eichenmoos duftet nach Rinde, nach Laub, manchmal sogar nach Meer. Aber seine Bedeutung lag schon seit der Antike nicht in diesem Eigengeruch. Seinen wahren Wert bewies es als Bindeglied: Eichenmoos harmonisierte die einzelnen Parfümbestandteile miteinander und verlieh dem Endergebnis eine seidige, cremige Note. Eine unvergleichliche Fülle und Langlebigkeit.

»Das sind wunderschöne Bäume«, sagte Jac.

»Majestätisch.«

Auch die Eiche spielte eine wichtige Rolle in der Mythologie und war daher für Jac von besonderer Bedeutung. »Die Bezeichnung ›Druide‹ bedeutet ›der Eichenkundige‹«, sagte sie. »Druiden haben ihre religiösen Rituale in Eichenwäldern abgehalten.«

»Interessant, dass du ausgerechnet auf keltische Mythologie zu sprechen kommst.«

»Wieso interessant?«, fragte Jac.

Malachai lächelte nur wieder und bedeutete ihr, ihm zu folgen.

Der Pfad war von einer dicken Schicht aus Laub, Zweigen und Eicheln bedeckt. Wieder geriet Jac ins Stolpern. Alles verlangsamte sich, als sie das Gleichgewicht verlor.

Bevor sie zu Boden stürzen konnte, packte Malachai sie am Arm und half ihr, sich wieder aufzurichten.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er in dem besorgten Ton, den sie den Sommer über schon so oft von ihm gehört hatte.

»Ja, danke.«

»Man kann unter all dem Laub die Wurzeln und Erdlöcher nicht erkennen. Du musst vorsichtig sein.«

Jac nickte. Sie hatte mehr auf alles andere geachtet als auf den unebenen Boden. Das Aroma von Moos, halbverrottetem Laub und feuchter Erde berauschte sie fast. Es umschmeichelte sie, gaukelte ihr vor, sie könne das Verstreichen der Zeit einatmen. Es war der Geruch von Erde, die sich Jahr für Jahr erneuerte, von Flora und Fauna, die sich regenerierten und zum Nährboden für neues Wachstum wurden.

Es hätte der Geruch der Wiedergeburt sein können. Doch Jac roch den nahenden Herbst. Sie roch den Tod.

Sie erreichten die Lichtung. Große Felsblöcke waren dort zu zwei konzentrischen Kreisen zusammengestellt. Wie bei zahlreichen ähnlichen Kalendarien, die Jac hier in Neuengland und in Europa gesehen hatte, war die Funktion dieses Arrangements leicht zu erraten. Kein Wunder, dass Malachai auf ihren Verweis auf die keltische Mythologie gleich eingestiegen war.

Ihr Gastgeber begleitete sie auf dem Weg um die eindrucksvolle Ruine herum.

»Du hast die Steine doch sicher datieren lassen«, sagte Jac.

»Sie müssen schon vor 2000 vor Christus hier gewesen sein.«

»Unglaublich.« Jac war begeistert.

Sie begann ihre Inspektion an einem Felsblock, der etwas außerhalb des Steinkreises lag. Aufmerksam untersuchte sie seine Seiten und die zerfurchte Oberseite. »Diese Rußreste sehen aus, als wäre das hier eine Kultstätte gewesen.«

»Ganz meiner Meinung«, sagte er. »Aber es hat sich bisher nicht verifizieren lassen.«

»Tja, es ist schwer, aus solchen Spuren detaillierte Schlüsse zu ziehen. Es gibt so vieles, das wir über die Vergangenheit nie erfahren werden«, flüsterte sie, fuhr mit den Fingerspitzen über die verwitterte Steinplatte und versuchte sich vorzustellen, was – oder wer – einmal darauf gelegen hatte.

Malachai lachte spöttisch. »Und so vieles, das wir sehr wohl erfahren könnten, wenn wir bereit wären, die Grenzen der traditionellen Wissenschaft hinter uns zu lassen.«

Jac war verletzt, sagte aber nichts. Malachai war einer der weltweit bedeutendsten Reinkarnationswissenschaftler. Sie hatten sich in den vergangenen Monaten oft genug darüber auseinandergesetzt, dass Jac sich weigerte, die Reinkarnation als Tatsache anzuerkennen. Gut, sie hatte in Paris ein paar schwer erklärbare Halluzinationen gehabt. Aber deswegen mussten es noch lange keine Regressionsschübe gewesen sein. Und ja, sie schienen von einem olfaktorischen Reiz ausgelöst worden zu sein. Aber das war nicht unbedingt ungewöhnlich. Es gab eine ganze Reihe natürlicher Substanzen, die halluzinogen wirken konnten, wenn man sie aß, trank oder einatmete. Seit Urzeiten hatten sich Schamanen und Mönche, Mystiker und Sufis ihrer bedient, um sich in meditative Zustände zu versetzen und Visionen zu empfangen.

Malachai war fest überzeugt, dass ihre geistigen Achterbahnfahrten nichts anderes gewesen waren als Erinnerungen an ihre früheren Leben, aber Jac war einfach nicht ganz bereit, sie als solche anzuerkennen. Irgendwann hatte sie Malachai gebeten, sie nicht weiter zu bedrängen; sie brauche Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Widerstrebend hatte er nachgegeben. Aber das hielt ihn nicht von gelegentlichen spitzen Bemerkungen ab.

»Was denkst du, wer diese Kreise errichtet hat? Die Indianer?«, fragte Jac, um das Gespräch auf die Ruine zurückzulenken.

»Wir haben Pfeilspitzen und Tonfragmente gefunden, die auf Paleo-Indianer hindeuten, aber wir glauben, dass vor ihnen schon andere da waren.«

»Also denkst du tatsächlich, dass das hier keltischen Ursprungs ist?«

»Gehen wir weiter; es gibt noch viel mehr zu sehen.«

Dieser Steinkreis allein wäre schon den Fußmarsch wert gewesen. »Noch mehr? Im Ernst? Das ist wirklich unglaublich, Malachai. Wie viele Fundstellen gibt es denn hier?«

»Etliche. Das hier sind zehn Hektar Land, und wir haben schon mindestens fünf Ruinen gefunden, die so alt sind wie die hier.«

»Seit wann ist das Land schon in eurem Familienbesitz?«

»Eine Gruppe von Transzendentalisten hat dieses Land entdeckt und hielt es für einen heiligen Ort. Aber mein Vorfahr Trevor Talmage hatte als Einziger von ihnen die nötigen finanziellen Mittel, um es in seinen Besitz zu bringen. Er kaufte es in den 1870er Jahren mit dem Vorsatz, hier einen spirituellen Rückzugsort zu schaffen. Die Pläne dazu lagern in der Bibliothek.«

»Was ist daraus geworden?«

»Er wurde erschossen, bevor er sie verwirklichen konnte.«

»Wie furchtbar.«

»Der Schuldige wurde nie gefunden. Ich selbst gehe von Brudermord aus. Mein Vorfahr Davenport Talmage war nach dem Mord in einer ziemlich begünstigten Position. Er heiratete die Witwe seines Bruders, adoptierte dessen Kinder, übersiedelte in den Familiensitz und übernahm die Verwaltung des gesamten Vermögens. Jüngere Brüder tragen manchmal einen gewaltigen Groll mit sich herum.«

Jac fragte sich, ob noch etwas anderes hinter Malachais Aussage stand. Der Tonfall, in dem er von Davenport sprach, klang erstaunlich wohlwollend dafür, dass dieser vielleicht ein Mörder gewesen war.

Inzwischen hatte sich der Wald gelichtet. Auf ihrem Weg über Wiesen und zwischen dichten Büschen hindurch kamen sie an einem Erdhügel vorbei, in den eine kleine steinerne Hütte eingebaut war – nur der Eingang war zu sehen. Es schien noch ein weiteres keltisches Bauwerk aus demselben Zeitraum zu sein. Jac konnte es kaum erwarten, es sich näher anzusehen, und fragte Malachai, ob sie hingehen könnten.

»Auf dem Rückweg«, sagte er.

»Das ist ja eine echte Schatzkammer. Warum habe ich davon noch nie etwas gelesen? Wie habt ihr es all die Jahre unter Verschluss halten können?«

»Nur unter großen Mühen. Vor allem, weil Trevor Talmages Tod so aufsehenerregend war. Historiker mögen nichts lieber als spektakuläre Todesfälle in der Familiengeschichte. Es war alles andere als leicht, diesen heiligen Ort geheim zu halten.«

»Besonders, wenn man an das Spektakel denkt, das du als Reinkarnationswissenschaftler veranstaltest. Ständig wegen seiner bahnbrechenden Forschung über Regressionstherapien in der Zeitung zu stehen ist nicht gerade die überzeugendste Strategie, um von sich abzulenken«, witzelte Jac.

»Eher nicht«, lachte Malachai. »Aber es ist uns trotzdem gelungen. Vor ungefähr dreißig Jahren, als ein hiesiger Indianerstamm das Land für sich einfordern wollte, gab es etwas Medieninteresse. Aber weil es sich nicht nachweisen ließ, dass diese Bauwerke von ihren Vorfahren errichtet worden waren, wurden ihre Forderungen für haltlos erklärt.«

»Tja, sie könnten diese Stätten entdeckt und genutzt haben, aber erbaut haben sie sie nicht«, sagte Jac.

Malachai nickte ihr anerkennend zu. Sie waren am Fuß einer Steigung angelangt, und Malachai ging über grob behauene steinerne Stufen voran. Obwohl ihm seine Hüfte zu schaffen machte, zögerte er keinen Moment.

Über ihren Köpfen ballten sich die Wolken immer dichter zusammen. Der Himmel verdüsterte sich. Gerade als Jac hochsah, fielen die ersten Tropfen.

»Du bist ja nicht aus Zucker, stimmt’s?«, fragte Malachai lächelnd.

Jac hatte sein Lächeln schon immer merkwürdig gefunden. Sein Mund bewegte sich, wie es sich gehörte, aber die Augen wirkten seltsam unbeteiligt.

»Nicht dass ich wüsste.« Sie lächelte zurück.

»Dann macht dir so ein bisschen Regen keine Angst, oder?«

Nein, sie hatte keine Angst vor Regen. Vor Gewitter ebenso wenig. Das wusste Malachai. Und er wusste, dass sie in Panik geriet, wenn sie mit Kanten konfrontiert war. Diese seltene Phobie hatte sie schon als Kind entwickelt. Sie hatte einmal mit ihrem Bruder Robbie Verstecken gespielt und war aufs Hausdach geklettert, um ihn dort zu suchen. Die vielen Schornsteine und Nischen gaben großartige Verstecke ab. Als sie auf der Suche nach Robbie umherkletterte, hörte sie Stimmen, wagte sich bis zur Dachkante vor und sah hinab. Unten auf der Straße standen ihre Eltern und stritten sich. Es war eine besonders hässliche, laute Auseinandersetzung. Jac war von ihren Beleidigungen und Drohungen so fasziniert, dass sie Robbie nicht kommen hörte. Als er ihren Namen rief, erschrak sie. Drehte sich zu hastig um. Ihr linker Fuß rutschte über die Kante. Sie verlor das Gleichgewicht. Robbie packte sie an der Hand, hielt sie fest und zog sie über die Kante zu sich hoch. Die Dachziegel schürften ihr die Haut auf, aber er rettete sie vor Knochenbrüchen oder Schlimmerem.

Während ihrer Therapiesitzungen hatten Jac und Malachai über die metaphorische Bedeutung dieser Szene gesprochen – wie sie fast vom Dach gefallen und mitten in der brutalen Auseinandersetzung ihrer Eltern gelandet wäre. Als die Gespräche sie nicht heilten, hatte Malachai ihrer Phobie mit Hypnosesitzungen beizukommen versucht. Als auch die nicht weiterhalfen, hatte er vermutet, dass die Angst das Überbleibsel einer Tragödie aus einem ihrer früheren Leben war.

Jac hatte diese Vorstellung schon damals in der Blixer-Rath-Klinik abgelehnt, wie auch bei jedem seiner folgenden Versuche, ihre Probleme mit früheren Existenzen in Beziehung zu setzen.

»Wenn es allzu ungemütlich wird, können wir uns in den Steinhütten da vorn unterstellen«, sagte Malachai. »Die wollte ich dir ohnehin zeigen. Am Tag der Sommersonnenwende dringt durch ein kleines Loch in der östlichen Wand ein einzelner Sonnenstrahl und erleuchtet Steine, in die Runen eingraviert sind. Bis jetzt hat sie niemand übersetzen können.«

»Kann ich schon mal einen kurzen Blick reinwerfen?«

Er nickte. Jac näherte sich einer der Hütten und begann sie zu untersuchen. Sie ließ sich auf die Knie sinken und fuhr die eingemeißelten Symbole mit den Fingern nach.

»Ein paar davon erkenne ich wieder«, sagte sie.

»Tatsächlich?«

»Das hier zum Beispiel.« Sie zeigte darauf. »Das sieht mir nach Dagda, dem keltischen Allvater aus. Er hatte eine Harfe aus Eichenholz, mit der er den Wechsel der Jahreszeiten einläutete. Meinst du nicht, dass das hier diese Harfe darstellen könnte?«

Malachai starrte darauf. »Da könntest du tatsächlich recht haben«, sagte er. »Wir können auf dem Rückweg noch einmal hier vorbeikommen. Jetzt sollten wir weiter. Ich möchte dir noch den Rest zeigen, bevor es regnet.«

»Ich kann kaum glauben, dass das immer noch nicht die Hauptattraktion gewesen sein soll«, sagte Jac.

Malachai schmunzelte.

Auf dem weiteren Weg fragte sie ihn, wer die Fundstücke datiert hatte. Es wunderte sie, dass derjenige das Harfensymbol nicht erkannt hatte.

»Das war ein echter Eiertanz – Informationen zu brauchen und dabei immer Angst haben zu müssen, dass jemand allzu enthusiastisch wird und anderen unsere Geheimnisse und unseren Standort verrät. Großzügige Spenden für den persönlichen Forschungsetat des jeweiligen Archäologen oder Historikers haben sich als probates Mittel erwiesen. In keinem einzigen Buch und auf keiner Internetseite steht etwas darüber, was wir hier gefunden haben. Aber es gibt auch Fachleute, die ich nicht engagieren konnte.«

Vor ihnen lag jetzt ein von prachtvollen Eichen gesäumter, sanft ansteigender Weg. An seinem Ende war genau im Zentrum einer Lichtung ein Monolith zu sehen. Selbst im gedämpften Licht dieses Nachmittags schien er silbrig zu schimmern. Woher kam dieses Leuchten? Von Glimmerplättchen?

Ungefähr fünf Meter vor dem Stein griff Malachai nach ihrem Arm.

»Warte. Bevor wir näher herangehen, möchte ich, dass du mir sagst, wie es dir geht.«

»Prima. Warum?«

»Ich möchte, dass du dir einen Moment Zeit nimmst und dir deinen körperlichen und psychischen Zustand bewusst machst.«

»Aber warum?«

Er schüttelte den Kopf. »Eins nach dem anderen. Tu es bitte einfach, ja?«

Sie nickte, schloss die Augen und machte eine emotionale und physische Bestandaufnahme. Dann nickte sie ihm zu. »Okay.«

Ohne ihren Arm loszulassen, führte Malachai sie weiter. »Mehrere der Experten, die ich hergeholt habe, waren sich einig, dass dieses Monument über viertausend Jahre alt ist. Ein sehr renommierter Vertreter der esoterischen Schule geht sogar davon aus, dass hier einmal ein intergalaktisches Portal gewesen sein muss. Dass hier Wesen gestartet und gelandet sind.«

»Aber daran glaubst du jetzt nicht, oder? Reinkarnation ist das eine, aber außerirdische Lebensformen?«

»Außerirdische Lebensformen … ein keltisches Monument … was auch immer es sein mag, ich dachte, es könnte dich interessieren, weil du doch nach einem Mythos für deine nächsten Folgen suchst.«

Malachai meinte die nächsten Folgen von Den Mythen auf der Spur, Jacs Fernsehsendung, zu der sie auch schon ein gleichnamiges Buch veröffentlicht hatte. »Das ist unglaublich großzügig von dir«, sagte sie. »Vor allem, weil du diesen Ort doch eigentlich geheim halten wolltest.«

»Das will ich auch, aber du kannst doch sicher hier drehen, ohne zu verraten, wo du bist.«

Jac war ganz aufgeregt. Wenn es noch mehr Ruinen gab, konnten diese Ländereien das Ende einer langen Durststrecke sein. Seit dem Frühsommer suchte sie schon nach einem neuen mythischen Rätsel für ihre Sendung. Sie wollte gerade anfangen, die Legenden aufzuzählen, die mit einem Ort wie diesem verknüpft sein konnten, als Malachai von dem riesigen Menhir vor ihnen zu erzählen begann.

So ein großes Exemplar hatte Jac außerhalb Europas noch nie gesehen.

»Ich vermute, dass dieser Fels …« – Malachai wies darauf hin – »… dass dieses Monument das Herz der gesamten historischen Anlage ist. Wir können ihn uns gern aus der Nähe ansehen, wenn du willst.«

Irgendetwas Merkwürdiges schwang in seiner Stimme mit. Wären sie irgendwo sonst gewesen und hätten die steinernen Ruinen sie nicht so sehr fasziniert, dann hätte Jac ihn sofort zur Rede gestellt. Aber was da vor ihr lag, war viel zu verlockend.

Ein riesiger Felsblock inmitten einer Lichtung. Er war ungefähr vier Meter hoch und musste einen Umfang von mindestens fünf Metern haben. Jac trat näher. In seine verwitterte, ebene Oberfläche waren Runen eingraviert. Jac kniff die Augen zusammen und glaubte wieder Dagdas Harfe zu erkennen, vielleicht auch seinen unerschöpflichen Kessel der Fülle.

Der Fuß des Steins war von einer mit Kies befestigten ringförmigen Senke umgeben, die ihn von der Wiese abtrennte.

Inzwischen nieselte es. Jac drehte sich zu Malachai um. »Könnten wir noch einen Moment bleiben? Und darf ich den Stein anfassen?«

Er nickte.

Jac schritt durch den kleinen Graben auf den Menhir zu und streckte die Hand danach aus.

Die Oberfläche des Steins war wärmer als die Luft. Jac sog seinen Geruch ein und durchforstete ihren Erinnerungsspeicher. Er roch, wie sie sich immer den Geruch des Mondes vorgestellt hatte: nach Schwarzpulver, Erde und Salz mit einer intensiven, aber schönen metallischen Note.

Als sie sich nach Malachai umdrehte, um ihn zu fragen, was seine Experten noch zu dem Stein gesagt hatten, überkam sie plötzlich tiefe Trauer, und sie verspürte den überwältigenden Drang, zu weinen.

Jac blieb wie angewurzelt im Regen stehen und wartete darauf, dass das Gefühl sich wieder legte, aber es wurde nur noch stärker.

»Jac?«, fragte Malachai leise und besorgt. »Geht es dir gut?«

Sie brachte keinen Ton heraus und nickte nur.

»Ist wirklich alles in Ordnung?«

»Nein. Nein, ist es nicht.« Jac hörte selbst, wie zittrig ihre Stimme klang.

»Was ist los?«

Sie wusste nicht, was antworten. All ihre Bemühungen, präsent zu bleiben, waren umsonst gewesen. Wie sollte sie in Worte fassen, wie einsam sie sich plötzlich fühlte? Als wäre ihre Mutter, die seit siebzehn Jahren tot war, gerade erst gestorben. Als hätte sie gerade erst erfahren, dass ihr Vater an Alzheimer litt. Dass ihre Großeltern nicht mehr lebten. Als hätte sie sich heute, und nicht schon vor etlichen Wochen in Paris, von Griffin North losgesagt.

Die Trauer lastete auf ihr; Jac spürte das ganze Gewicht all dieser Todesfälle, dieser Verluste und des Abschieds von ihrem Geliebten, den sie so verzweifelt hatte halten wollen. Sie fühlte sich, als sei sie in ein seidenes Netz der Trauer geraten, dessen Fäden sie nicht mehr losließen.

»Was passiert mit mir, Malachai?«, flüsterte sie. »Das hat mit keinem Mythos zu tun, von dem ich je gehört hätte.«

»Die Wissenschaftler haben hier extrem erhöhte elektromagnetische Strahlungswerte gemessen und vermuten, dass diese die Verarbeitung von Emotionen im Gehirn beeinflussen. Ich halte mich lieber an die Deutung der fortschrittlicheren Experten: dass wir uns in einer heiligen Vortex befinden. Die Energie unseres Planeten wird hier zu einem Zweck gebündelt, von dem wir heute nichts mehr verstehen. Was du spürst, sind die Auswirkungen dieser Energie.«

Jac wollte nur noch weg. Wollte den Kiesgraben überqueren und zu dem moosbedeckten Flecken laufen, in dem Malachai stand und wo sie vor dem Einfluss des elektromagnetischen Feldes sicher war. Aber es gelang ihr nicht. Sie stand wie festgewachsen da, als sei sie ebenso Teil der Landschaft wie die imposanten Bäume um sie herum.

»Spürst du es auch?«, fragte sie Malachai.

Er schüttelte den Kopf. Ein enttäuschter, niedergeschlagener Ausdruck huschte über sein Gesicht. Sie hatte diesen Ausdruck schon einmal gesehen, als sie ihn gefragt hatte, ob er selbst Erinnerungen an frühere Leben hatte, und er verneinte. Egal, womit er es versuchte, ob mit Meditation, Hypnose oder halluzinogenen Substanzen – der Mann, der sein ganzes Leben der Reinkarnationsforschung gewidmet hatte, war selbst nie in der Lage gewesen, in ein früheres Leben zu regredieren.

Plötzlich krachte ein Donnerschlag. Im nächsten Augenblick brach der Regen los. Es geschah so schnell, dass weder Jac noch Malachai sich in Sicherheit bringen konnten. Sie waren fast sofort bis auf die Haut durchnässt.

Es war kein milder Sommerregen, sondern ein Zornesausbruch. Eine ungezügelte Naturgewalt. In weniger als einer Minute füllte sich der kleine Graben rings um den Fels, und Jac war eingeschlossen. Sie wusste genau, dass er weder tief noch breit war, dass sie ohne Probleme darüberspringen oder hindurchwaten konnte. Aber die alles durchdringende Trauer hielt sie zurück. Jac blieb, wo sie war, und vermochte sich nicht zu rühren.

Drei Blitze flammten nacheinander am düsteren Himmel auf. Nach jedem folgte ein Donnerschlag, einer lauter als der andere. Die Kelten hätten diese Laute Taranis, dem Gott des Donners, zugeschrieben.

Malachai schrie etwas, aber das Unwetter übertönte seine Worte. Jac erkannte an seinen Gesten, dass er sie dazu bringen wollte, zu ihm zu kommen, weg von dem Felsen.

Sie wollte ihm folgen, unbedingt, aber sie konnte nicht.

Der nächste Donnerschlag war ohrenbetäubend. Ein Blitz erhellte gleichzeitig die Szenerie. Malachai sah aus, als glühte er. Nicht weit entfernt krachte ein Ast zu Boden, und Jac roch den bitteren Dunst von verkohltem Holz.

Malachai gestikulierte wild und brüllte. Jetzt verstand Jac auch seine Worte – geh in Deckung –, konnte sich aber immer noch nicht bewegen. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht. All die Tränen, die sie schon so lange zurückhielt, entluden sich in diesem Sturm. Sie musste es zulassen. Musste sie auf sich herabregnen lassen, damit sie sie reinwuschen und es ihr endlich erlaubten, präsent zu sein.

»Jac!«, schrie Malachai, als Blitz und Donner gleichzeitig einschlugen.

Alles verlangsamte sich. Der Duft des Felsens, der im Regen intensiver geworden war, überwältigte sie. Jac fühlte sich, als sei sie zwischen dem Jetzt und dem Gleich hängengeblieben, als würde der nächste Augenblick nie eintreten wollen. Als sei der gleißende Lichtstrahl das Ende von allem. Sie wusste genau, was mit ihr geschah, und staunte, wie hellwach ihre Sinne waren. Staunte, wie viele Gedanken in den Bruchteil einer Sekunde passten.

Ergebnisse ihrer Recherchen über Zeus flackerten an ihrem inneren Auge vorbei. Sie erinnerte sich an jedes noch so erschreckende Detail. In jedem beliebigen Moment fegen 1800 Gewitter über die Erde hinweg. Achtzig bis hundert Blitze entladen sich pro Sekunde; allein in den USA sind es pro Jahr vierzig Millionen.

Wie viel Strom dabei floss, war der Wissenschaft noch immer ein Rätsel, wie so viele Naturphänomene auch. Aber nicht den Schamanen. Den Mystikern und Magiern. Nicht in den Mythen. In jenen verrückten letzten Augenblicken wurde Jac schlagartig bewusst, dass eine Frau, die im Gewitter auf einer lichten Anhöhe stand, für die gewaltigen Ladungen auf der Suche nach einer Erdung das perfekte Gefäß abgab. Eine Frau auf einer Lichtung war das ideale Ziel für den flammenden Zorn des Sturms. Für seinen einen, feurigen Kuss.

Drei

Jac wusste nicht gleich, wo sie war, nur dass sie Schmerzen hatte. Ein Krampf zog ihr den Unterleib zusammen. Dann ließ er nach. Mit seinem Verschwinden erwachte Jac ganz und fand sich in Malachais Gästezimmer wieder.

Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte sie Malachai, der einige Meter entfernt in einem großen Sessel lag. Er schlief, und ein Buch, das ihm aus der Hand gerutscht sein musste, lag auf seiner Brust ausgebreitet.

Jac erinnerte sich, dass Malachai ihr gesagt hatte, er wolle bei ihr bleiben, bis sie eingeschlafen war. Aber warum? Was war denn los? Sie konnte sich nicht erinnern, was davor passiert war.

Sie waren spazieren gegangen, und da war dieser riesige Felsblock gewesen …

Wieder packte sie ein schmerzhafter Krampf. Sie drehte sich ein wenig in dem Versuch, eine bessere Liegehaltung zu finden, und bemerkte etwas Warmes, Klebriges zwischen ihren Beinen.

Vorsichtig stand sie auf. Sie griff nach ihrem Kulturbeutel und eilte ins Badezimmer.

Jac war nie ein Uhrwerk gewesen. Stress und Flugreisen hatten schon immer ihren Monatszyklus durcheinandergebracht. Da sie in letzter Zeit viel unterwegs gewesen war, hatte sie sich nichts weiter dabei gedacht, als im Juni ihre Menstruation ausblieb. Und im Juli. Außerdem hatte sie sich nicht anders gefühlt als sonst. Alle sagten immer, man fühle sich anders. Man wüsste sofort Bescheid. Jac hatte nicht Bescheid gewusst.

Deshalb hatte sie vor ein paar Tagen schließlich einen Apothekentest gekauft. Sie hatte ihn zu Hause ausgepackt, sich auf die Bettkante gesetzt und den Plastikstift in ihrer Hand nur angestarrt, als sei er ein unschätzbar wertvolles Artefakt von einer ihrer Forschungsreisen nach Griechenland, Japan oder in die Türkei.

Sie hatte ihn angestarrt und sich gefragt, was sie tun sollte, falls sie tatsächlich schwanger war. Jac hatte keinen Ehemann, keinen festen Freund. Alles, was sie hatte – gehabt hatte –, war die in wenigen kurzen Nächten in Paris wieder aufgeflammte Leidenschaft für einen Mann, der, ob sie wollte oder nicht, die Liebe ihres Lebens war. Aber Griffin war verheiratet. Er hatte Familie. Steckte mitten in einer Ehekrise, die er unbedingt überwinden musste. Jac durfte ihm nicht im Weg stehen. Wie sollte sie damit fertig werden, wenn sie tatsächlich schwanger war?

Jac war anders als die meisten ihrer Freundinnen. Sie hatte nie davon geträumt, Kinder in die Welt zu setzen. Hatte sich nie erlaubt, sich der Sehnsucht nach einem Baby hinzugeben. Dazu fürchtete sie viel zu sehr, dass sie als Mutter so werden könnte wie die Frau, die sie und Robbie geboren hatte. Eine derart belastete Kindheit ließ bleibende Schäden zurück, und Jac konnte die Vorstellung nicht ertragen, dieses Leid an die nächste Generation weiterzureichen. Niemals wollte sie jemandem anderen antun, was sie selbst hatte durchmachen müssen.

Aber konnte sie ihr Kind aufgeben, wenn sie schwanger war? Griffins Kind? Hatte sie nicht ohnehin schon zu viel aufgegeben?

Also hatte Jac den Test nicht benutzt. Sie hatte ihn in ihren Badezimmerschrank gelegt und beschlossen, sich nach dem Wochenende mit Malachai darum zu kümmern. Jetzt würde es nicht mehr nötig sein. Jetzt wusste sie Bescheid. Sie wusste nur nicht, wie sie mit diesem Wissen leben sollte.

Während sie sich wusch, versuchte sie sich zu erinnern, was im Wald geschehen war.

Der Blitz hatte sie nicht getroffen, aber er hatte dicht neben ihr eingeschlagen. Einen Moment lang hatte das grelle Licht sie geblendet. Der Donnerschlag hatte sie taub gemacht. Die Erde hatte gebebt. Der Stromstoß hatte sich durch das Erdreich auf sie übertragen, so machtvoll, dass es sie bis ins Mark erschütterte und ihre Zähne aufeinanderschlugen. Der beißende Geruch verkohlter Blätter stieg ihr in die Nase. Sie vollführte einen Satz rückwärts und prallte gegen den harten, unverrückbaren Fels. Überall um sie her wirbelten Blätter und krachten Äste zu Boden, und der Regen, der unaufhörliche Regen, ließ keinen Augenblick nach.

Dann, endlich, stürzte Malachai auf sie zu, zerrte sie über den Graben und führte sie in eine der steinernen Hütten, wo sie den Rest des Gewitters abwarteten. Jac wusste noch, dass er ihr geholfen hatte, die Turnschuhe auszuziehen. Die Kunststoffsohlen waren verkohlt und die Socken angesengt. Aber ihre Fußsohlen waren unverletzt. Malachai hatte gesagt, es sei vermutlich keine Elektrizität durch ihren Körper geflossen.

Aber sickerte nicht jetzt gerade der Beweis ihrer tödlichen Kräfte aus Jac heraus? Und hatte sie nicht schon wieder einen Verlust zu beklagen?

Jac zog den Reißverschluss ihres Kulturbeutels zu und erinnerte sich an die überwältigende Trauer, die sie empfunden hatte, kurz bevor der Sturm losbrach. Und an einen rätselhaften, bitter-schönen Duft. Einen urtümlichen Geruch wie den des Waldes. Wie den Duft der Sterne. Sie hatte ihn erkannt, obwohl sie ihn nicht kannte. Falls es so etwas geben konnte, musste dieser Geruch in ihrer DNA verankert sein. Es war, als sei er auf vorbewusste, ursprüngliche Art ein Teil ihrer selbst.

Malachai hatte nichts gerochen. Er hatte nicht einmal genau sehen können, was passierte, weil er ebenfalls von dem Blitzschlag geblendet worden war.

Jac schöpfte etwas Wasser mit der hohlen Hand und schluckte damit zwei Schmerztabletten. Dann wusch sie sich das Gesicht. Kämmte ihr Haar. Zog sich den Bademantel wieder über und band ihn fest zu.

Selbst wenn die Krämpfe jetzt nachließen, würde sie nicht wieder schlafen können, also ging sie nicht ins Gästezimmer zurück. Stattdessen beschloss sie, nach unten zu gehen. Sie wollte tun, was Robbie immer tat: sich einen Tee kochen. Allein der Gedanke an ihren Bruder beruhigte sie ein wenig. Sie würde ihn anrufen. Tee kochen und dann Robbie anrufen. Das war immerhin ein Plan. Und den brauchte sie jetzt unbedingt.

Die Villa war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im neogotischen Stil erbaut worden. Während sie tagsüber prachtvoll aussah, war sie nachts eher unheimlich. Jac lauschte auf ihrem Weg durch den matt erleuchteten Flur den knarrenden Dielen unter dem Teppichboden und sah ihren Schatten die Wände entlanghuschen.

Die Prunktreppe erstreckte sich über zwei Stockwerke, und Jac fühlte sich winzig, als sie die Stufen hinabstieg. In regelmäßigen Abständen hingen düstere Porträts von Familienahnen in schweren Eichenholzrahmen an der Wand. Jac kam es vor, als folgten die toten Vorfahren ihr mit den Augen, bis sie unten angekommen war.

In der Küche setzte sie Wasser auf. Während sie darauf wartete, dass es kochte, sah sie durch das Fenster in den Garten hinaus. Bleiches Mondlicht beschien die mächtigen Bäume, die sich im Sturm krümmten und wanden. Blätter wirbelten durch die Luft, obwohl es noch lange nicht Herbst war. Jac sah, wie ein drei Meter langer Ast abbrach und vom Wind fortgerissen wurde, einen steinernen Engel vom Sockel stieß und schließlich im schimmernden Gartenteich landete.

In der Bibliothek war es ein wenig angenehmer. Hier verdeckten immerhin schwere Damastvorhänge die Fenster und dämpften das unerbittliche Wüten des Sturms.

Jac zitterten die Hände. Auf der Hausbar stand neben den Zutaten, aus denen Malachai am Abend zuvor Martinis angemischt hatte, eine Flasche Armagnac. Sie goss sich etwas davon in den Tee und nippte daran. Der Geruch war scharf und belebend, das Getränk warm und tröstlich.

Das Bibliothekszimmer gab, wie überhaupt alle Räume im Haus, keinerlei Hinweise auf die Gegenwart. Alle modernen Gerätschaften waren so getarnt, dass sie die Illusion nicht störten, in eine frühere Zeit, ein anderes Jahrhundert, versetzt worden zu sein. Als Jac hier angekommen war, hatte es sie verunsichert, aber inzwischen gefiel ihr diese Möglichkeit, ihrer eigentlichen Realität zu entfliehen. Ebenso wie der Geruch nach Leder ihr gefiel. Es war ein volles, maskulines, dunkles Aroma. Für aufstrebende Parfümeure war es eine Art Feuertaufe, ihr erstes Parfüm mit Ledernote, ihr Cuir de Russie, zu erschaffen. Das Leder in dieser Bibliothek erinnerte Jac an das Cuir ihres Großvaters. Das Haus L’Étoile produzierte es bis heute, und obwohl es als Männerduft verkauft wurde, trug sie es immer wieder gern.

Während sie ihren Tee trank, ließ Jac den Blick über die Regale wandern, las die goldenen Buchtitel und stellte sich die Menschen vor, die im Laufe von Jahrhunderten diese Sammlung zusammengetragen und die Bücher gelesen hatten.

Hinter einem Bücherstapel auf dem wuchtigen Schreibtisch drang ein Lichtschein hervor, und Jac sah nach, woher er kam. Es war Malachais nagelneuer Laptop. Ein starker Kontrast zu dem Rest der Einrichtung, die komplett aus dem neunzehnten Jahrhundert zu stammen schien.

Auf dem Bildschirm war die Startseite einer Suchmaschine zu sehen. Jac setzte sich in den bequemen Lederstuhl, stellte ihre Tasse ab und gab »Blitzeinschläge« ein. Sofort erschienen hunderttausende Suchergebnisse. Sie überflog sie und folgte dem zehnten Link zu einem Artikel in einem Wissenschaftsmagazin. Der Artikel erzählte die erschütternde Geschichte einer Frau, die mit einer Gruppe von Kajakfahrern unterwegs gewesen war, als der Blitz in ihren Unterstand einschlug. Dabei waren einige aus der Gruppe umgekommen, nur wenige überlebten schwerverletzt.

»Wenn Stromstärken von mehreren Millionen Volt durch den Körper schießen, werden Gehirnzellen verbrannt, verletzt und beschädigt, was zu Hirnödem, Hirnblutungen oder epileptischen Anfällen führen kann. Bei der weiteren Ausbreitung durch den Körper schädigt der Strom die inneren Organe – Herz, Lunge und Nieren …«

Ein Wort fiel ihr ins Auge, und sie übersprang ein Stück.

»… und wenn schwangere Frauen getroffen werden, erfolgt entweder eine sofortige Fehlgeburt, oder das Kind wird ausgetragen, stirbt jedoch nach der Niederkunft.«

Jac klappte den Laptop zu. Schloss die Augen. Die Vorstellung, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hatte, war einfach zu ungeheuerlich und zu vielschichtig, um sie richtig fassen zu können.

Sie stand hastig auf, um nur ja schnell von dem Computer wegzukommen. Dabei übersah sie Malachais Aktentasche auf dem Boden und stolperte. Die Tasche kippte um, und ihr Inhalt ergoss sich über den Teppich.

Jac beugte sich hinab, sammelte die Papiere auf und legte sie in die Tasche zurück. Draußen heulte der Wind noch immer und peitschte den Regen vor sich her. Mit jedem Donnergrollen zuckte Jac unwillkürlich zusammen. Sie versuchte sich einzureden, dass sie das Schlimmste jetzt hinter sich habe. Oder das Beste. Dass es keine Rolle spielte, ob sie schwanger gewesen war. Es half ja nichts, darüber nachzugrübeln. Auch das geht vorüber, sagte sie im Stillen zu sich selbst, wie ihre Mutter es so oft gesagt hatte. Auch das geht vorüber.

Jac achtete nicht weiter auf die Schriftstücke, die sie wieder einpackte, bis ihr auf einem Briefumschlag ihr eigener Name ins Auge stach.

Jac L’Étoile

c/o Malachai Samuels

Phoenix Foundation

19 West 83rd Street

New York, NY

Es war eine stark geneigte Handschrift, wie sie für Linkshänder typisch ist. In der Mythologie wurde die linke Hand mit Luzifer und der schwarzen Magie in Verbindung gebracht.

Jac drehte den Umschlag um und bemerkte, dass er bereits geöffnet worden war – mit dem beinahe chirurgisch präzisen Schnitt eines Brieföffners. Wie das wertvolle Exemplar aus Lapislazuli, das Malachai in seinem Büro in der Foundation benutzte, dachte Jac. Aber warum hätte Malachai einen Brief öffnen sollen, der an sie adressiert war?

Sie sah sich die Absenderadresse an.

Wells in Wood House, Kanalinsel Jersey, England

Die Worte waren in teures, schweres Briefpapier geprägt. Eine Erinnerung stieg in Jac auf, ließ sich aber nicht ganz fassen.

Von wem war der Brief?

Sie zog den Briefbogen heraus und überflog die Schrift – noch nicht, um zu lesen, sondern nur auf der Suche nach der Unterschrift.

Theo

Nur der Vorname. Seinen Nachnamen hatte sie auch damals nicht gekannt. Die Patienten der Blixer-Rath-Klinik wurden einander grundsätzlich nur mit Vornamen vorgestellt, das war Teil der umfangreichen Maßnahmen zum Schutz ihrer Privatsphäre.

Jac hatte seit Ewigkeiten nicht an ihn gedacht, aber jetzt hatte sie den seltsamen, faszinierenden Jungen von vor siebzehn Jahren wieder deutlich vor Augen. Erstaunlich, dass Theo sie nach so langer Zeit wiedergefunden hatte.

Es war Sommer, als sie ihm zum ersten Mal begegnete, und Jac war auf einem Bergwanderweg unterwegs. Als sie um eine Kurve bog, entdeckte sie ihn auf dem Felsvorsprung, der bisher ihr Geheimversteck gewesen war. Er blickte in die Ferne und bemerkte Jac erst, als ein Zweig unter ihren Füßen knackte.

Theo war nicht unbedingt gutaussehend, aber eine auffallende Erscheinung. Groß und hager. Das von der Sonne gesträhnte Haar hatte er sich zu einem Zopf zurückgebunden, der seine ohnehin schon markanten Wangenknochen und seine breite Stirn betonte. Die Augen, mit denen er Jac unverhohlen musterte, waren von einem wässrig blassen Blau, als hätten Tränen einen Teil ihrer Farbe ausgewaschen. Er wirkte wie ein gehetztes Tier.

Jac fühlte sich vom ersten Augenblick an, als sei er ein Magnet und sie ein Haufen hilfloser Eisenspäne. Sie war noch nie jemandem begegnet, von dem sie sich so unmittelbar angezogen fühlte, und war von ihrer eigenen Reaktion überrascht.

Sie war vierzehn, ein junges Mädchen mit überschießenden Hormonen und einer lebhaften Phantasie – sie wartete nur darauf, dass ein Junge daherkam und sie ins emotionale Chaos stürzte. Noch dazu einer, der äußerlich ihrer Vorstellung von den griechischen Helden entsprach, die sie aus den Mythen kannte.

Jac war, wie die meisten Mädchen in ihrem Alter, nicht gerade selbstsicher. Als sie Theo begegnete, war sie befangen und wurde sich mehr denn je bewusst, dass sie nicht hübsch war; nicht im herkömmlichen Sinn jedenfalls. Ihr kastanienbraunes Haar rahmte, genau wie bei ihrer Mutter, mit medusenhaften Locken ihr Gesicht. Ihr Hals war zu lang, ihre Nase zu prägnant. Ihre Augen waren grün wie flüssige Jade, nicht leuchtend, sondern undurchdringlich. Jac wirkte altmodisch im Vergleich zu den Mädchen aus der Zeitung oder dem Fernsehen.

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