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Die Hure und der Mönch – Roman

Inhaltsübersicht

1. TEIL

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

2. TEIL

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

3. TEIL

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

51.

52.

53.

54.

55.

Nachwort

|7|Prolog

Die Glocken des Doms Santa Maria del Fiore schlugen elf Mal.

Als das Geläut verstummte, öffnete Domenian die Tür des Gotteshauses und betrat das dämmrige Schiff. Vor den Seitenaltären brannten kleine Öllichter, die seinen Schatten auf den gefliesten Boden warfen. Domenian erschrak über den Nachhall seiner eigenen Schritte. Er schaute zu der riesigen Kuppel empor. Ihm war, als verfolgten ihn Augen von Teufeln und wilden Tieren. War es die Angst um seinen Herrn Savonarola, die ihn umtrieb? Seine Finger pressten sich so fest zusammen, dass es schmerzte.

Vater, verzeih mir meine sündigen Gedanken, ich bitte um Vergebung. Er kniete vor einem der Seitenaltäre nieder, zog einen Strick aus seinem Ordensgewand, entblößte seinen Rücken und begann sich zu geißeln. Lass mich nicht im Feuer der Hölle schmoren, sondern erlöse mich von dem Bösen! Ich werde mein Werk in deinem Sinne ausführen, o Herr. Er ließ noch einmal das Seil über seinen Rücken sausen und stöhnte vor Schmerzen.

Er sah den Scheiterhaufen vor sich, der im Februar auf der Piazza della Signoria gebrannt hatte, sah die Augen Savonarolas, die fiebrig glänzten, als die Kostbarkeiten der Reichen in Flammen aufgingen und schließlich zu Asche zerfielen. Ein krachendes Geräusch von der Tür her ließ ihn auffahren. Im trüben Schein der Lampen sah er, wie einige Schatten in den Raum eindrangen. Wer wagte es, dieses Haus Gottes zu entweihen?

Unterdrücktes Kichern drang an seine Ohren. Waren das etwa die Compagnacci, diese gottverlassenen Söhne der Patrizier, die immer noch den Namen Lorenzo de’ Medicis im Munde führten? Palle, palle, palle!, das war der Schlachtruf dieser frechen, genusssüchtigen Bürschchen geworden. Und wie um ihn zu verhöhnen, |8|riefen die Jungen in den Raum hinein: Palle, palle!, Savonarola, dir werden wir’s besorgen! Domenian verbarg sich hinter einer der Säulen.

Trappelnde Schritte, huschende Gestalten bewegten sich schnell auf die Kanzel zu. Ein Geruch nach verwesendem Fleisch drang in die Nase des Mönchs. Sie werden es doch nicht wagen … Flüsternd und mit unterdrücktem Lachen machten sich die Jungen an der Kanzel zu schaffen. Domenian hörte Hammerschläge. Sie schlugen auf die Kanzel ein! Jetzt war das Maß voll. Er trat hinter der Säule hervor und rief mit donnernder Stimme: »Gott strafe euch, und in der Hölle sollt ihr braten für das, was ihr getan habt!«

Erschrocken hielten die Missetäter einen Augenblick lang inne, dann begannen sie zu lachen. Sie johlten, ließen alles stehen und liegen, kamen in rasendem Lauf auf ihn zu. »Halt’s Maul, Mönchlein, sonst könnte es passieren, dass wir dich an deinem Spitz aufhängen!«, rief einer von ihnen. Er stieß ihn zur Seite, so dass Domenian zu Boden stürzte. Sie rannten aus der Kirche hinaus, und er blieb allein zurück mit dem bestialischen Gestank und einer bleiernen Stille.

Auf der Kanzel lag das Fell eines Esels, besudelt mit Blut und Eingeweiden. In die Brüstung, genau an der Stelle, worauf Savonarola während seiner Predigten mit der Faust zu schlagen pflegte, hatten sie spitze Nägel eingeschlagen.

|9|1.

Er kauerte im Dunkeln draußen und starrte in die hell erleuchteten Fenster, wo die Reichen in ihren bunten Kleidern funkelnde Gläser erhoben und dem Luxus frönten. Sie zogen alles in den Dreck, was ihm heilig war. Dennoch liebte er es, ihr Treiben heimlich zu verfolgen, denn da war ein Mensch unter ihnen, den er gerne beobachtete. Von Zeit zu Zeit musste er wiederkehren, hier an den Ort, wo alles begonnen hatte. Es war für ihn ein Leichtes gewesen, in den Garten einzudringen, wo er sich hinter dem Lorbeerbaum versteckte, direkt vor der Tür zur Terrasse. Es donnerte in der Ferne, er blickte auf, bald würde der Regen fallen, er sollte sich lieber auf den Weg machen. Mit einem letzten Blick in den Festsaal nahm er Abschied von seinem Engel, und dieser Blick änderte alles. Er sah etwas, was ihm nicht gefiel.

Eine Hand, die den Arm seines Engels ergriff, einen stolzen, besitzergreifenden Blick, einen hängenden Kopf.

 

Der Frühling war ins Land gekommen, mit Anemonen und Blausternkissen, doch auch mit feuchter Luft und Gewittern. Im Südwesten, von Florenz her, hatte sich eine dunkle Wolkenwand zusammengebraut, die bedrohlich wuchs. Angelina trat in den Festsaal, der von den Kerzen der Kristalllüster erleuchtet war. Unter den fein gekleideten Gästen herrschte eine aufgeräumte Stimmung, sie plauderten und scherzten. Dachten sie nicht an die Gefahr, die ihnen allen drohte? Die Stimmen klangen ihr überlaut in den Ohren.

Angelinas Vater, Lorenzo Girondo, war in ein lebhaftes Gespräch mit einer jungen Frau vertieft. Was machte er da? Wollte er wieder einmal seine Frau bloßstellen? Angelina schaute sich nach ihrer |10|Mutter um. Lukrezia Girondo hatte sich in eine Ecke zurückgezogen. Ihre schwarzen Locken wurden durch eine perlenbestickte Kappe gebändigt, die Leibesfülle von einem Kleid aus dunklem Samt. Sie stopfte Marzipantörtchen in sich hinein und winkte ihrer Tochter zu. Angelina ging zu ihr hinüber.

»Mein Herr Vater könnte wenigstens heute aufhören, sich wie ein Pfau zu benehmen«, murmelte sie.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Ich fühle mich immer älter und dicker, je jünger und hübscher seine Geliebten werden.«

»Dann esst nicht so viel Kuchen und Konfekt!«, versuchte ihre Tochter sie zu necken. Ihr Vater hatte inzwischen die junge Frau allein gelassen und rief: »Ich bitte meine Gäste nun zu Tisch! Lasst uns das Frühlingsfest feiern, wie es immer bei uns üblich war.«

Nachdem sich alle an den Tischen verteilt hatten, traten Diener heran, nahmen Flaschen mit weißem Chianti aus den Silberschalen, schenkten ein.

»Ein Prosit auf unser Geschlecht der Girondos und auf uns alle!«, rief Lorenzo fröhlich aus, und die Mägde brachten die Speisen. Es wurden Wildbret, gebratener Fisch, Aufschnitt und Saucen mit viel Pfeffer, Pinienkernen und Trüffeln serviert.

»Wer froh sein mag, der sei es, das Morgen, das ist nicht sicher …«, fuhr Lorenzo fort. »Das hat mein alter Freund und Namensvetter, Lorenzo de’ Medici, immer gesagt, Gott weiß, warum er so bald sterben musste. Dieser wahnsinnige Prior Savonarola ist schuld daran, dass er vertrieben wurde!«

»Habt Ihr keine Bedenken, in diesen Zeiten Feste zu feiern und den Namen der Medicis auszusprechen?«, fragte ein untersetzter Mann mit flachem, federgeschmücktem Barett.

»Savonarola duldet solche Feierlichkeiten nicht«, ergänzte sein Gegenüber, ein junger, hochgewachsener Mann. Es war Francesco Rosso, Malergehilfe Sandro Botticellis, bei dem Angelinas Eltern ein Porträt von ihr in Auftrag gegeben hatten. Sein Nachbar mit dem Barett wandte immer wieder den Blick zu Angelina. Er gefiel ihr nicht. Seine Lippen waren fleischig, seine Art war höflichunterwürfig, |11|und wenn seine Augen die ihren trafen, zuckte eines seiner Augenlider. Dieses Zucken erinnerte sie an etwas, sie wusste aber nicht, an was.

»Wer ist das?«, fragte sie flüsternd ihre Mutter.

»Das ist Tomasio Venduti, ein Tuchhändler aus unserer schönen Stadt Florenz«, gab die Mutter ebenso leise zurück. Als hätte er es gehört, erhob der Fremde nun seine Stimme.

»Wir sind Savonarola zwar zu tiefem Dank verpflichtet«, meinte er, »aber der Prior ist zu weit gegangen. Man kann den Menschen nicht alle Freude am Dasein nehmen. Was ist denn dabei, wenn ein Fest wie dieses gefeiert wird?«

»War unsere Stadt nicht einmal eine Pracht?«, warf Francesco ein.

»Es war die Stadt der Künste und der Wissenschaft, des Reichtums und der Macht«, entgegnete Tomasio. »Und der schönen Frauen.« Sein Augenlid zuckte bei diesen Worten.

»Und jetzt ist sie …«, setzte Francesco fort.

»Jetzt ist sie ein Gottesstaat«, antwortete Tomasio. »Alles, was die Menschen davon abhält, ins Reich Gottes zu kommen, wurde aus ihren Mauern verbannt. Aber Savonarola ist den falschen Weg gegangen. Keiner kann anderen Menschen seinen Willen aufzwingen, wenigstens nicht auf die Dauer.«

»Wenn die Menschen aber in ihr Unglück rennen«, versetzte Francesco, »Gottes Wort vergessen, sich bereichern und ein sündiges Leben führen … Dann muss ihnen jemand den rechten Weg zeigen.«

Sandro Botticelli ist als Anhänger dieses Mönchs bekannt, ging es Angelina durch den Kopf. Konnte Francesco dieses Fest mit seinem Gewissen vereinbaren?

Nachdem das Mahl beendet war, begannen die Musiker zu spielen. Die Gäste zerstreuten sich, standen in Gruppen herum, lachend und plaudernd. Angelina setzte die begonnene Unterhaltung mit Francesco und Tomasio fort. Jetzt gesellte sich Angelinas Vater zu ihnen.

|12|»Du bist in angenehmer Gesellschaft, wie ich sehe«, meinte er, an seine Tochter gewandt.

»Ja, Herr Vater, ich unterhalte mich glänzend«, erwiderte sie.

»Ich möchte dich mit jemandem bekannt machen«, sprach ihr Vater weiter. Angelina war es, als verdunkelten sich die Lichter der Kronleuchter.

»Mit wem denn? Ich kenne doch alle Eure Gäste.« Hilfesuchend blickte sie auf Francesco. Lorenzo Girondo nahm Angelina beim Arm und führte sie zu einer Gruppe von Männern und Frauen, die sich um die Musiker versammelt hatten. Ein älterer Mann mit einem Wams, das über seinem Bauch spannte, trat ihnen entgegen, ergriff Angelinas Hand und deutete einen Kuss an. Als er sich wieder aufrichtete, bemerkte sie, dass ihm graue Haare aus Ohren und Nase wuchsen.

»Das ist Giuliano Fredi, dein künftiger Ehemann«, stellte ihr Vater vor. In Angelinas Magengrube machte sich ein flaues Gefühl breit. Wieso hatte er nicht mit ihr darüber gesprochen, dass er vorhatte, sie zu verheiraten? Ihre Beine begannen nachzugeben. Nur keine Schwäche zeigen, nicht vor all den Gästen!

»Ich bin ein wenig … überrascht, Herr Vater«, sagte sie mit fester Stimme. »Und ich hätte gern eine Bedenkzeit.« Aus der Wolkenwand draußen grummelte es.

»Du kannst Signor Fredi unbedenklich heiraten«, warf ihre Mutter ein, die inzwischen herangekommen war. Angelina hatte noch nie ans Heiraten gedacht, besonders jetzt nicht, da Francesco … Ihr Vater bat die Gäste um Ruhe und rief:

»Hiermit gebe ich die Verlobung meiner Tochter Angelina mit Giuliano Fredi, einem angesehenen Florentiner Geschäftsmann, bekannt.« Er hob seinen Weinbecher. Die Gäste riefen »Oh« und »Ah« und klatschten in die Hände. Angelina wurde über und über rot. Ihr Vater gab den Musikern ein Zeichen. Sie begannen, eine Pavane zu spielen.

Signor Fredi deutete eine Verbeugung an und reichte Angelina den Arm. Alles in ihr sträubte sich, doch sie konnte ihren Vater |13|nicht bloßstellen, verneigte sich ebenfalls kaum merklich und folgte dem Mann. Giuliano Fredi hielt sie leicht an der rechten Hand. Ein Schritt nach links, einen nach rechts. So einfach war das in diesen Kreisen. Ein Doppelschritt nach links, dann nach rechts wiederholt. Ihr Rock aus rotem Atlas rauschte, die weiten Ärmel flatterten. Angelina sah die Umstehenden, ihre Augen leuchteten zu ihr herüber. Francescos Blick war undurchdringlich. Tomasio starrte sie unverwandt an, so dass sie sich unbehaglich fühlte. Fredi änderte seine Tanzrichtung. Die Flöten, die Gitarre und die Trommel wurden lauter. Fredi tanzte eine Schrittfolge rückwärts und führte Angelina in einem großen Kreis herum. Mitten in die Musik und den Tanz hinein krachte es.

Die Musik brach ab, die Anwesenden schwiegen betroffen. Eines der Bilder war von der Wand gefallen. Es stellte Angelinas Mutter in jungen Jahren dar. Das bedeutete Unglück! Signora Girondo wies eine Magd an, die Scherben zusammenzufegen, Angelinas Vater setzte ein fröhliches Gesicht auf und rief: »Scherben bringen Glück, Angelina!«

Angelina hätte im Boden versinken mögen. Sie wusste, dass sie ein alles andere als glückliches Leben führen würde. Die Musiker begannen erneut zu spielen, Fredi setzte seinen Tanz mit ihr fort. Sie wünschte sich Francesco an die Stelle Fredis. Aber da er als Malergeselle zur handwerklichen Zunft gehörte, konnte sie sich den Gedanken wohl aus dem Kopf schlagen.

Der Tanz näherte sich dem Ende. Fredi stellte sein rechtes Bein gestreckt nach vorn und verbeugte sich, ohne den Kopf sinken zu lassen. Angelina deutete einen Knicks an. Er brachte sie nicht an ihren Platz zurück, weil die Musiker jetzt noch eine Gaillarde spielten. Die anderen Gäste schlossen sich ihnen an. Ein dumpfes Poltern dröhnte von der Tür her in den Saal. Die Musik verstummte abrupt. Wer mochte um diese späte Stunde noch Einlass begehren?

Angelina folgte ihrem Vater, dessen Schläfenadern bedenklich schwollen, und dem Diener, der vorauseilte. Einige Gäste setzten sich hinter ihnen in Bewegung, um zu sehen, was geschah. Der |14|Diener öffnete die Tür. Draußen standen etwa zehn bis zwölf Fanciulli, die Aufseher Savonarolas, keiner älter als vierzehn Jahre, alle im weißen Gewand. Einer der Größeren trat keck hervor.

»Im Namen Christi«, sagte er mit einer Stimme, die überschnappte, weil er sich im Stimmbruch befand. »Im Namen Savonarolas, unseres erlauchten Herrn von Florenz, sind wir ausgezogen, weil wir von verbotenen Festen hier auf dem Land gehört haben. Ihr feiert hier ein verbotenes Fest, und wir müssen Euch streng dazu ermahnen, alle Feierlichkeiten abzubrechen, Eure Gäste nach Hause zu schicken, Eure sündhaften Kleidungsstücke ins Feuer zu werfen und vor Gott und seinem Sohn Buße zu tun!«

»Mit welchem Recht dringt ihr in meinen Besitz ein, ihr Lausbuben?«, herrschte Lorenzo ihn an. »Verschwindet, bevor ich meine Diener losschicke. Wenn das nicht fruchtet, meine Hunde.«

»Das solltet Ihr schön unterlassen, Signor Girondo«, schrie der Junge. »Wir machen eine Meldung bei den Signori vom Stadtrat und dann werdet Ihr schon merken, wie weit Ihr kommt! Mit Eurem Handel in der Stadt wird es vorbei sein, dafür wird die Signoria sorgen!«

»Ihr habt mir nichts zu befehlen«, gab Lorenzo zur Antwort. »Und jetzt fort mit euch, aber pronto!«

Die Gäste reckten die Hälse. Der Anführer der Schar gab sich noch nicht geschlagen, auch wenn seine jüngeren Kameraden betretene Gesichter machten.

»Sind nicht auch heidnische Schriften oder wollüstige Bilder in Eurem Besitz?«, fragte der Junge geifernd. »Schmuck, Spiegel, Schminktöpfe, weltliche Musikinstrumente, Spielkarten, teure Möbel, sündhafte Kleidungsstücke? Ihr werdet in der Hölle schmoren, wenn Ihr Euch nicht von diesem Lebenswandel abkehrt!«

Lorenzo baute sich vor dem Knaben auf.

»Fort mit euch, das ist mein letztes Wort! Ich fürchte euren Savonarola nicht und auch nicht eure Hölle!«

»Das werdet Ihr bereuen«, zischte der Junge und drohte mit der Faust, bevor er sich mit seinen Gefährten zurückzog. Sie schritten |15|von dannen, mit dem Lied ›Viva Christo, e chi gli crede‹ auf den Lippen. Mit einem gewissen Stolz im Gesicht drehte Lorenzo sich zu seinen Gästen um.

»Denen hab’ ich’s gezeigt!«, freute er sich. Angelina war beklommen zumute. Noch herrschte dieser Prior mit eiserner Macht in der Stadt. Jeder, der sich ihm widersetzte, fiel in Ungnade. Aber was konnte ihnen wirklich geschehen? Hatte sie nicht schon munkeln hören, dass der Stern Savonarolas im Sinken begriffen war?

Das Grummeln aus der schwarzen Wolke war schwächer geworden. Aufgeregt schwatzend und gestikulierend kehrten die Gäste in den Empfangsraum zurück. Da ertönte ein erstickter Schrei aus dem Garten hinter dem Haus. Ein Diener kam mit weit aufgerissenen Augen angelaufen.

 

Er hatte etwas gesehen, was ihm nicht gefiel, und er handelte schnell. Die Engel waren auf seiner Seite. Sie lenkten die restlichen Gäste ab, und als der Mann mit dem stolzen, besitzergreifenden Blick den Garten betrat, noch ganz ungläubig vor Glück, machte er diesem Theater ein Ende. Es war ein blutiges Ende, obwohl es schnell ging. Er musste alle seine Kräfte aufbringen, den Mann festzuhalten, als er zustach. Während er ihn zu Boden gleiten ließ, atmete er schwer. Als er die Augen hob, sah er mit einem Mal, dass er nicht allein war. Es war einer der Gäste. Sein Mund stand offen. Doch noch während er ihn beobachtete, verzog sich der ungläubig offenstehende Mund zu einem Grinsen. Es war, als hätte er diesem Mann, den er noch nie gesehen hatte, einen Gefallen getan, einen Wunsch erfüllt, auf den er kaum zu hoffen gewagt hatte. Der Gast deutete eine dankbare Verbeugung an und zog sich wortlos ins Haus zurück. Kurze Zeit später kam ein Diener heraus und im Haus erhob sich Geschrei, aber da war der Garten schon wieder leer.

 

»Da liegt …«, stotterte der Diener, »da liegt …«

Lorenzo packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn.

»Was ist los, was hast du gesehen?«, rief er.

|16|Dem Diener begannen die Zähne zu klappern. Er lief den anderen voran in den Garten und zeigte mit zitterndem Finger auf den Brunnen. Als Angelina mit den anderen näher trat, wurde ihr erst heiß, dann kalt. Signor Fredi, der für sie als Gatte ausersehen war, lag in gekrümmter Haltung am Boden, die Beine verdreht, halb an den Brunnen gelehnt. Ihr Vater war bleich geworden, Angelina sah das Entsetzen in seinen Augen und in denen der Gäste. Lorenzo drehte den Körper des Mannes herum. In seinem feisten Rücken steckte ein Dolch, und unter seinem Körper hatte sich eine Blutlache gebildet.

|17|2.

Lorenzo löste sich als Erster aus der Erstarrung.

»Warum war Signor Fredi im Garten?«, fragte er atemlos.

»Er sagte, er brauche frische Luft«, entgegnete der Diener. »Dann bin ich nach vorne, um zu sehen, was los war.«

»Der Tote muss weg«, rief Lorenzo heiser und winkte zwei andere Diener heran.

»Warum muss er weg?«, wollte Angelina wissen. Ihr war übel. Sie hatte ihn zwar nicht haben wollen, aber so einen Tod hatte der arme Mann doch nicht verdient. Es war ihr, als wäre sie schuld an dem, was geschehen war. Die anderen Festbesucher standen immer noch wie erstarrt.

»Es darf der Signoria nicht bekannt werden, dass einer meiner Gäste tot aufgefunden wurde. Bringt ihn hinunter auf den Weg. Er kann von jedem beliebigen Wegelagerer erstochen worden sein.«

»Das halte ich für einen guten Einfall«, stimmte ihm Tomasio zu. Andere Gäste nickten, immer noch bleich im Gesicht. Die Diener packten den Toten und luden ihn auf einen Karren.

»Das Fest geht weiter«, beschied Lorenzo. »Und ich bitte Euch, meine lieben Gäste, über diesen Zwischenfall zu keinem etwas verlauten zu lassen!« Die Musiker begannen wieder zu spielen, und die Gäste gingen hinein, weil inzwischen ein starker Wind aufgekommen war. Angelina fröstelte, sie verstand die Welt nicht mehr, sie verstand nicht, dass ihr Vater nach einem solchen Vorfall das Fest nicht abgebrochen hatte. Sie versuchte in den Augen ihrer Mutter zu lesen, doch die wandte sich ab und nahm sich eine Sahnewaffel vom Tisch.

 

Am nächsten Tag schien die Sonne wie gewöhnlich in Angelinas Fenster herein, als wäre nichts geschehen. In der Nacht war noch |18|ein kräftiges Gewitter niedergegangen. Als Angelina die Treppe hinab ins Esszimmer kam, saßen ihre Eltern schon am Frühstückstisch. Zwei Diener brachten Würzwein, Eier, Käse und weißes Brot. Die Spuren der nächtlichen Feier waren beseitigt worden.

»Du siehst bleich aus«, sagte Angelinas Mutter.

»Ich habe schlecht geschlafen«, gab Angelina zurück. »Wegen der Ereignisse von gestern Nacht. Was wollt Ihr dem Wachtmeister sagen, wenn Signor Fredi gefunden wird?«

»Wir werden sagen«, begann Lorenzo und legte sein Messer beiseite, »und auch du wirst dich an diese Version halten, dass Signor Fredi sich zu diesem Fest angesagt hatte, aber nicht erschienen ist. Unsere Diener haben ihn nach Anbruch der Nacht gesucht, aber nicht gefunden.«

»Es ist das beste so, mein Kind«, fügte ihre Mutter hinzu. »Schon schlimm genug, dass die Fanciulli uns in der Nacht aufsuchen mussten. Die werden es gewiss der Signoria gemeldet haben.«

»Und wenn schon!«, polterte Lorenzo. »Der Stadtrat wird uns schon nichts anhaben können. Wenn Savonarola erst einmal vom Papst exkommuniziert wird, hat er sowieso einen schweren Stand in der Stadt. Das kann nicht mehr lange dauern, sage ich euch.«

»Die Fanciulli haben Signor Fredi nicht gesehen«, warf ihre Mutter beruhigend ein. »Und falls unsere Gäste aussagen müssen, werden sie dasselbe sagen wie wir.«

»Aber Ihr könnt nicht leugnen, das Fest gefeiert zu haben!«, gab Angelina zu bedenken. Ihr Vater zwinkerte ihr zu.

»Hier auf dem Land wird das ein wenig unbefangener gesehen. Der Arm des Mönchs reicht nicht so weit, auch wenn er seine Kinderbanden schon in die umliegenden Dörfer schickt.«

»Ich danke Gott dafür, dass deine Geschwister krank geworden sind und wir sie zu den Großeltern gebracht haben«, meinte Signora Girondo. »Sie waren zu lange draußen«, fügte sie hinzu.

»Sie waren nicht zu lange draußen«, setzte Lorenzo dagegen. »Ich habe immer gesagt, Kinder muss man abhärten, dann bekommen sie viele Krankheiten erst gar nicht.«

|19|»Davon verstehst du nichts«, entgegnete seine Frau und knuffte seinen Arm.

»Wollt Ihr den Mord nicht doch lieber melden, Herr Vater?«, fragte Angelina.

»Ausgeschlossen!«, gab Lorenzo zur Antwort. »Die Lage ist schwierig genug. Ich kann es mir in meiner Stellung nicht erlauben, mit so etwas in Verbindung gebracht zu werden.«

»Wann kommen Rodolfo und Clementina denn zurück?«, fragte Angelina. Sie hatte eingesehen, dass sie mit ihrem Vater nicht reden konnte. Gut, dass ihren Geschwistern das hier erspart geblieben war.

»Wir fahren morgen in unser Stadthaus«, erwiderte Lorenzo. »Dort werden die Kleinen uns schon erwarten.«

Angelinas Herz begann schneller zu klopfen. Sie würde Francesco wiedersehen!

»Ich freue mich darauf«, sagte sie und trank einen Schluck Würzwein, als es an der Tür pochte. Der Diener Hippolo kam herein und meldete den Wachtmeister aus dem Dorf.

Angelina kannte den gutmütigen Mann aus den Bergen. Er hieß Angelo Nicolini und war ein schwergewichtiger Familienvater, dem man seinen Hang zu gutem Essen und Trinken ansah. Der Wachtmeister schnaufte herein und blieb ehrerbietig stehen.

»Kommt doch näher«, rief Lorenzo ihm zu.

Der Wachtmeister drehte seine Mütze in den Händen.

»Es ist mir nicht angenehm, Signor und Signora Girondo«, begann er zögernd. »Winzer haben heute Morgen einen Toten auf dem Weg ins Dorf gefunden. Nun muss ich Euch fragen, ob Ihr ihn kennt.«

»Hat ihn niemand aus dem Dorf erkannt?«, fragte Lorenzo mit einem gespannten Gesichtsausdruck.

»Nein, niemand, aber die Leute sagen, das war so ein feiner Herr, der hatte gewiss etwas mit den Girondos da oben auf dem Anwesen zu tun.«

»Wir hatten gestern einige Freunde zu Gast«, sagte Lorenzo.

|20|»Ich hörte davon«, gab Nicolini zurück. »Ein paar Fanciulli haben gestern Nacht gemeldet, dass bei Euch ein Fest stattgefunden habe, das nicht den Verordnungen entsprach.«

»Ach, Ihr wisst doch, wie das ist«, schmeichelte Lorenzo. »Man holt seine Kleider aus den Truhen, um mal wieder ein wenig Glanz zu sehen. So viel Freude ist ja in letzter Zeit nicht aufgekommen, meint Ihr nicht auch, Signor Nicolini?«

»Recht ist Recht«, antwortete der Wachtmeister. »Ich muss das der Signoria melden.«

»Ach, kommt«, meldete sich Angelinas Mutter zu Wort, »Ihr erhaltet auch wieder ein Fässchen Wein aus unserem Keller. Und einen Korb voller Sahnewaffeln«, fügte sie hinzu, als sie sah, wie die Augen des Wachtmeisters aufleuchteten.

»Also gut, ich habe nichts gehört und nichts gesehen«, meinte er.

Und an Lorenzo gewandt: »Aber wollt Ihr mir jetzt bitte folgen und Euch den Toten ansehen?«

»Aber gewiss. Es könnte Signor Fredi sein, der sich bei uns angesagt hatte, aber nicht erschien. Wahrscheinlich ist er von Wegelagerern erschlagen worden, der Arme.«

»Er wurde erstochen«, meinte der Wachtmeister.

»Wenn er es wirklich ist, werde ich ihn in unserem Wagen in die Stadt bringen lassen.«

»Hat er Verwandte?«, wollte der Wachtmeister wissen.

»Nur seine alte Mutter, soweit ich weiß.«

»Habt Ihr ihn nicht suchen lassen?«

»Meine Diener haben Ausschau nach ihm gehalten, ihn aber nicht gefunden«, beendete Lorenzo den Disput und schritt zusammen mit dem Wachtmeister hinaus.

 

Am Tag darauf zog die Familie Girondo wieder in die Stadt. Ihre leichte Kutsche war mit Körben und Beuteln beladen. Der Leichnam Fredis begleitete sie in einem schwarzen Kasten.

Die Stadt Florenz empfing sie so abweisend wie bei ihrer Abreise. Die Häuser standen wie Türme, mit kleinen Fenstern und Loggias |21|versehen. Angelina bemerkte die Nebel, die von den Wassern des Arno aufstiegen. Sie hüllten alles in ein düsteres Grau. Die Menschen, in schwarze Umhänge gehüllt, eilten ihren Häusern entgegen. Sie schienen beunruhigt; viele von ihnen trugen Waffen. Durch die Straßen zogen die Fanciulli del Frate.

Angelinas Vater übernahm die traurige Aufgabe, Fredis Mutter ihren toten Sohn zu überbringen. Die Familie erreichte ihr Stadthaus, den Palazzo Girondo. Angelina stieg mit ihrer Mutter die Treppe zum Primer Piano, zum ersten Stock hinauf. Sie war froh, ihre Geschwister wiederzusehen. Sie wären wieder vollständig gesund und von den Großeltern hervorragend versorgt worden, berichteten sie.

»Gibt es noch ein Fest?«, fragte Rodolfo mit leuchtenden Augen.

»Vielleicht zu Pfingsten!«, fiel Clementina ein.

»Wir werden sicher bald wieder ein Fest feiern«, versicherte Angelina und strich beiden über die Köpfe. Von draußen ertönte ein vielfältiges Rasseln. Die Geschäftsleute ließen ihre Läden herunter. Signora Girondo, die herzugekommen war, sagte aufgeregt: »Die Schulen haben geschlossen, weil Savonarola wieder eine seiner Predigten hält. Wir sollten hingehen, alle unsere Nachbarn und Bekannten finden sich heute im Dom ein, um den Prediger zu hören.«

»Er ist ein Piagnone, eine Heulsuse!«, rief Clementina. »Und alle, die ihm anhängen, sind ebenfalls Heulsusen.«

»Wo hast du denn das aufgeschnappt?«, fragte Signora Girondo streng.

»Na, bei den Compagnacci, unseren Kumpanen«, antwortete Clementina. »Sie sagen, Savonarola hat die Stadt verraten, weil das, was er versprochen hat, nicht eingetreten ist.«

»Davon versteht ihr nichts«, sagte Signora Girondo schnell. »Jetzt zieht eure Gewänder für die Kirche an, hört doch, die Glocken läuten schon!«

Wenig später traf Lorenzo Girondo ein, und die Familie machte sich gemeinsam auf den Weg zum Dom. Kleinere Prozessionen von Menschen zogen zur Kirche hin, angeführt von den Fanciulli |22|del Frate. Von einer Eskorte von älteren Kindern bewacht, näherte sich Savonarola dem Dom. Angelina hatte ihn noch nie aus solcher Nähe gesehen.

Er war von kleiner Statur, in eine braune Kutte gekleidet, die von einem Strick zusammengehalten wurde. Sein Gesicht wirkte blass und zerfurcht, die Augen, die tief in ihren Höhlen lagen, sahen aus wie von innen verbrannt. Das war also der Bußprediger, der ganz Florenz im Griff hatte! Angelina betrachtete ihn neugierig. Sie wandte sich erschrocken ab, als er sich plötzlich umwandte und sein Blick sich in ihren bohrte.

In der Kirche herrschte drangvolle Enge, es roch nach Schweiß, nach Weihrauch und ein wenig nach Verwesung. Da Männer und Frauen in der Kirche durch ein riesiges Tuch getrennt stehen mussten, blieben nur ihre Mutter und ihre Schwester während der Predigt bei Angelina. Nach Gesängen, Gebeten und Psalmen, die nicht mehr aufhören wollten, betrat Savonarola die Kanzel. Atemlose Stille herrschte unter den Unzähligen, die sich hier versammelt hatten.

»Hört ihr das Wort unseres Vaters?«, begann der Mönch mit gewaltiger Stimme, die man dem schmächtigen Körper gar nicht zugetraut hätte. »Das sagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn? Wir stehen dicht vor der Wende des Jahrhunderts. Hat nicht Johannes das Ende der Zeit angekündigt? Und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: der Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Und ihnen wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit Schwert und Hunger und Pest und durch die wilden Tiere auf Erden. Diejenigen, die das Heiligste beschmutzt haben in der letzten Nacht, sollen in den tiefsten Tiefen der Hölle schmoren!« Er schlug auf die Brüstung der Kanzel, wo Domenian die Nägel hatte entfernen lassen. Ein Aufseufzen kam aus tausend Kehlen. »Bürger von Florenz!«, fuhr Savonarola fort. »Noch sitzt der Antichrist auf dem Thron in Rom, Alexander VI., den gilt es zu vernichten, es gilt, einen Gottesstaat zu errichten. Die Wahl des Papstes im Jahre 1492 war ungültig! Er lebt in Sünde mit seinen |23|Konkubinen, allein sieben Kinder hat er mit ihnen gezeugt. Der Papst hat gedroht, mich zu exkommunizieren, aber das kann mich nicht davon abhalten, das Rechte zu tun, das, was Gott und die Gemeinschaft der Gläubigen von uns verlangen. Seid ihr treue Diener Gottes? Werdet ihr uns mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und bei allem, was euch heilig ist, unterstützen?«

»Ja, das werden wir, Padre Prior«, antworteten Tausende von Menschen.

»Also«, fuhr Savonarola fort, »der vollkommene Christ lebt im Glück der Barmherzigkeit. Und so – wie Hiob sagt – haben diese Vollkommenen die Nacht in Tag verwandelt, das heißt, Unglück schätzen sie als Glück und Glück der Welt halten sie für Unglück. Das sind also die Doppelrechtser, die vollkommenen Christen. Andere Christen sind Doppellinkser, die gebrauchen beide Hände als Linke, da sie sündigen im Glück wie im Unglück. Das sind diejenigen, die gestern Nacht das Haus des Herrn besudelten. Wie denen, die Gott lieben, alles zum Wohle gereicht, so gereicht diesen alles zum Übel.«

Das Schlagen einer Trommel war zu hören. Die dicht gedrängt stehenden Menschen blickten verwirrt empor. Das Trommeln wurde lauter. Einige junge Leute auf den oberen Rängen waren aufgesprungen. »Du wirst selber in der Hölle brennen, Savonarola!«, schrie einer von ihnen. »Uns kannst du nicht mehr überzeugen mit deinem Sünden- und Höllengefasel! Und bald wird dir keiner mehr folgen in dieser Stadt.« Die Menge wirkte wie versteinert.

»Euch wird der Mut bald vergehen, ihr Bürschchen!«, rief Savonarola und drohte ihnen mit der Faust. »Gott wird über euch zu Gericht sitzen.« Durch das lauter werdende Geschrei und Trommeln fuhr er mit seiner Predigt fort: »Die Doppelrechtser gleichen den Bienen, die alles in süßen Honig verwandeln, die Doppellinkser den Schlangen, die alles in Gift verwandeln. Und was denkt ihr, die ihr gute Christen seid, wer von denen die ewigen Freuden des Paradieses erlangen wird?«

|24|»Die Doppelrechtser!«, riefen die Menschen, lauter als die Trommeln.

»Und wer wird in die Hölle fahren und im Fegefeuer braten?«

»Die Doppellinkser!« Es kam wie ein gemeinsamer Aufschrei, viele bekreuzigten sich.

»Du bist selber ein Doppellinkser, Savonarola«, tönte es von der Empore. Einige Mönche eilten die Treppe hinauf, packten die Störer und trieben sie mit Knüffen und Stößen aus der Kirche hinaus. Keine Hand regte sich, um ihnen zu helfen.

»So lasst uns beten«, fuhr Savonarola zufrieden fort, als wieder Stille eingetreten war. Sein Gebet, das er mit lauter, sicherer Stimme vortrug, endete mit den Worten:

»Und weil wir Menschen hienieden schwach sind, so behüte uns, Herr, vor allen schädlichen Anfechtungen, vor Teufels Arglist, Fleisches Begierden und der Welt Falschheit und Trug. Und erlöse, Herr Gott, mich selbst und alle Christen von dem Übel des Leibes und der Seele. Amen.«

»Amen«, kam es aus Tausenden von Kehlen. Der Chor begann zu singen.

Danach schoben sich die Massen langsam nach vorn, um das heilige Abendmahl aus der Hand des Priors zu empfangen. Angelina glaubte zu ersticken, so dicht drängten sich die Menschen. Sie schickte einen Blick zur Kuppel des Doms. Durch die runden Fenster fiel ein fahles Licht. Als sie den Kopf senkte, begegneten ihr zwei Augenpaare, die sie anscheinend schon länger angeblickt hatten. Es war Francesco. Neben ihm stand ein Mann mit rötlichem Lockenkopf und orangefarbenem Gewand. Es war der Maler Botticelli, den Angelina schon in dessen Werkstatt gesehen hatte. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge, bis sie vor den beiden stand.

»Wir sollten die Kirche verlassen«, meinte Francesco. »Sonst werden wir hier noch erdrückt. Ich glaube, hier sind Abertausende von Leuten versammelt.«

»Du versäumst das Abendmahl, wenn du jetzt gehst«, mahnte ihn der Maler. »Außerdem braucht Girolamo Savonarola jetzt |25|unsere Unterstützung. Du hast gewiss gehört, was gestern vorgefallen ist.«

»Was ist geschehen?«, fragte Angelina.

»Gestern Morgen war der Dom von einem widerlichen Gestank erfüllt«, antwortete Francesco. »Jemand, wohl die Compagnacci, hat die Eingeweide eines Esels auf den Altar gelegt und überall Nägel in die Kanzel geschlagen. Wahrscheinlich wollten sie Savonarola töten. Aber sie haben es nicht geschafft!«

So weit war es schon gekommen? Angelina konnte es kaum glauben.

»Kommst du jetzt mit mir nach vorne?«, fragte Botticelli ungeduldig.

»Ich habe eine Sitzung mit der Signorina«, gab Francesco unbekümmert zurück. »Kommt«, sagte er und fasste Angelinas Arm.

Sie wurde rot. »Ich muss meinen Eltern Bescheid geben«, wandte sie ein. Sie entdeckte ihre Eltern und Geschwister, die dem Ausgang zustrebten. Als sie es endlich aus dem Dom heraus geschafft hatten, sah Angelina ihre Familie, die offensichtlich auf sie wartete. Zusammen mit Francesco steuerte sie auf sie zu.

Angelina zupfte am Ärmel ihres Kleides. »Francesco will an meinem Bild weitermalen«, sagte sie.

»Oh, das hatte ich ganz vergessen, dass heute eine Sitzung in der Werkstatt ist«, meinte ihr Vater.

»Dann geh«, schaltete sich die Mutter ein. »Aber sei zum Abendessen wieder zu Hause! Clementina soll dich begleiten.« Ihre Schwester war die Letzte, die Angelina hätte dabeihaben wollen, auch wenn sie das Mädchen sehr liebte. Clementina drängte sich freudig an sie heran.

»Darf ich auch etwas malen?«, fragte sie mit glänzenden Augen. Mit ihren zehn Jahren war Clementina doch noch recht kindlich.

»Aber gewiss darfst du das«, antwortete Francesco lächelnd.

|26|3.

Sie durchquerten die fast menschenleeren Straßen der Stadt. Die Sonne hatte sich durch die Wolken gekämpft und warf goldene Strahlen auf die Steine und Mauern. Clementina sprang vor ihnen her, ein Lied trällernd, was Angelina ihr jedoch verbot, da die Fanciulli del Frate allgegenwärtig waren. Ausgehungerte Bettler streckten ihnen die Hände entgegen. Angelina versuchte jedem ein wenig zu geben, doch es war unmöglich. Sie erreichten das Gerberviertel. Männer, Frauen und Kinder arbeiteten an den Bottichen, reinigten und walkten das Leder. Ein stechender Geruch lag in der Luft. Schließlich erreichten sie die Kirche Santa Maria Novella und die enge Via Nuova, in der Botticelli seine Werkstatt hatte.

»Buongiorno, Francesco Rosso!«, rief ein kleiner, drahtiger Mann mit Kräuselhaar und einem Schnurrbart zu ihnen herüber.

»Buongiorno, Lucas Bandocci«, entgegnete Francesco. »Das ist mein Freund, Gemüsehändler und Apotheker in einem«, erklärte er, zu Angelina gewandt. Der Händler stand vor seinen Auslagen mit frischem Gemüse, Säcken mit Zwiebeln sowie Körben voller dicker Bohnen und getrockneter Pilze. Lucasüberquerte die schmale Gasse und drückte allen dreien die Hand.

»Bei mir könnt Ihr alles haben«, sagte er zwinkernd zu Angelina. »Jetzt haben wir Mai, da gibt es die ersten Spinatpflänzchen und Spargel.«

»Wo bist du gewesen, Lucas?«, fragte Francesco. »Ich habe dich in der Kirche nicht gesehen.«

»Meinen Gott trage ich im Herzen«, versetzte Lucas lächelnd. »Den brauche ich mir von niemandem predigen zu lassen.«

»Das lass nur den Meister nicht hören«, gab Francesco zurück, »sonst kauft er nicht mehr bei dir ein!«

|27|»Sandro Botticelli ist seinem Gott sehr zugetan, aber er ist auch ein sehr menschlicher Künstler. Ich glaube schon, dass er mich verstehen würde.« Und zu Clementina gewandt: »Komm doch später bei mir vorbei, ich habe ein paar Nüsse für dich.«

Clementina nickte schüchtern und verabschiedete sich. Durch eine niedrige Tür betraten die drei das Untergeschoss von Botticellis Werkstatt, in dem rechts Vorräte lagerten und Ziegen gehalten wurden, links die Werkstatt untergebracht war. Hier wurde der Gerbergeruch von dem nach Tempera und Ölfarben überdeckt. Behälter mit Marder- und Schweinehaarpinseln, Leinwände, Holzplatten und Schneidemesser lagen aufgeräumt auf dem großen Tisch. Dort sah Angelina auch die Skizzen, die Francesco von ihr angefertigt hatte. Darauf trug sie das gleiche schwarze Kleid wie heute, mit einem anliegenden Samtmieder, langen, fließenden Ärmeln, einem hochgeschlossenen Kragen, der Heuke, einem Mantel, und einer schmucklosen Kalotte, dem Haarnetz. In der Mitte des Raumes stand, halb verhüllt von einer Leinendecke, das Bild, mit dem Meister Botticelli vor einiger Zeit begonnen hatte: »Die mystische Kreuzigung«.

Angelina wunderte sich immer noch darüber, welche Wandlung dieser Maler durchgemacht hatte, seit er Anhänger Savonarolas geworden war. Sie hatte seine Werke »Frühling« und »Die Geburt der Venus« im Palast der Medici gesehen. Diese Bilder hatten einen äußerst sinnlichen Eindruck auf sie gemacht, auch wenn die Körper der Frauen unter den durchsichtigen Gewändern ihr die Schamröte ins Gesicht getrieben hatten. Doch solche Bilder gab es von Botticelli nicht mehr.

Francesco nahm Angelina bei der Hand und zog sie mit sich in den Raum. Ihre Augen wurden groß beim Anblick der Bilder, Paletten und bunten Schalen.

»Ich will malen!«, ertönte eine helle Stimme hinter ihnen. Fast hätte Angelina ihre Schwester vergessen. Francesco wandte sich zu einer Ecke des Raumes, in der ein niedriger Tisch mit einem Stuhl davor stand. Er nahm ein paar Schüsselchen mit Farbresten und |28|stellte sie auf den Tisch. Clementina setzte sich erwartungsvoll hin. Angelina band ihr einen alten Lumpen um, um ihr Kleid zu schützen, Francesco spannte ein altes Stück Leinwand in einen Rahmen und gab ihr einen Pinsel. Clementina lächelte. Sie tauchte den Pinsel abwechselnd in die Farbschüsseln und begann, rote und grüne Kleckse auf die Leinwand zu setzen. Jetzt war die Kleine beschäftigt, und Francesco und Angelina konnten sich dem Porträt zuwenden. Francesco hatte die Umrisse Angelinas in ihrem schwarzen Mantel bereits auf ein Stück Leinwand skizziert. Sie setzte sich auf den Stuhl mit der hohen Lehne.

»Stellt doch den Stuhl ein wenig näher ans Fenster«, wies der Maler Angelina an. »Ja, so, noch ein bisschen drehen, damit Licht auf Euer Gesicht fällt.«

Die Leinwand hatte er schon am Vortag mit einem Kleister aus Mehl, Olivenöl und etwas Honig vorbereitet, damit sich die Poren schließen konnten, sie mit einem Bimsstein abgeschabt und zweimal grundiert. Außerdem hatte er verschiedene Temperafarben vorbereitet. Jetzt gab er etwas von der Farbe in eine Schüssel und verrührte sie mit Wasser, Ei und Leinöl. Er übertrug die Umrisse der Gestalt Angelinas von seinen Skizzen auf die Leinwand, malte den Himmel hinter dem Fenster aschblau und weiß und ließ die Farben trocknen. Die Pinsel aus weichem Schweinehaar waren neu, so dass sie die Farben gut aufnahmen.

Das Gesicht malte Francesco halb beschattet, an der ihm zugewandten Seite, halb von der Sonne beschienen. Aber diesen Kontrast verwischte er wieder ein wenig, wohl, damit der Gesamteindruck träumerischer wurde. Nach etwa einer halben Stunde, in der Angelina stillsitzen musste, war das Gesicht im Groben fertig. Er würde die Feinheiten noch ausmalen, später alles mit einem Abschlussfirnis überziehen. Das Bild stellte er zum Trocknen ans offene Fenster. Sie betrachtete es: Der Ausdruck ihres Gesichtes war ein wenig trotzig, aber gleichzeitig unsicher. In die braunen Locken hatte Francesco goldene Reflexe gesetzt.

»Angelina«, begann Francesco und räusperte sich.

|29|»Ja?« Sie schaute ihn fragend an.

»Dieser Mantel … und auch das Kleid, das Ihr darunter tragt …«

»Was ist damit? Gefällt es Euch nicht?«

»Es ist zu düster für ein junges Mädchen.«

»Was schlagt Ihr vor, Francesco?«

»Zieht beim nächsten Mal ein anderes Kleid an, eines, das die Farben Eures Gesichtes und Eure Gestalt unterstreicht. Dazu würde auch die Perlenkette besser passen.«

»Meine Eltern werden das aber nicht erlauben, Signor Rosso. Zumal hat Savonarola verboten, bunte Kleidung in der Öffentlichkeit zu tragen, und sie zu malen ist bei höchster Strafe verboten!«

»Es braucht niemand zu wissen.« Francesco zwinkerte ihr zu. »Zieht einfach Euren schwarzen Mantel darüber, wenn Ihr aus dem Hause geht. Eure Eltern werden entzückt sein über das Porträt.«

»Und ich werde noch gebraten bei dieser Hitze!«, rief Angelina.

»Ihr könnt gern etwas von Eurer Last ablegen«, meinte er.

Sie errötete. »So war das nicht gemeint.«

»Angelina«, kam jetzt die feine Stimme von Clementina. »Ich mag nicht mehr malen.«

»Geh rüber zu Signor Bandocci«, schlug Angelina vor. Clementina raffte ihr Kleidchen zusammen und eilte aus dem Raum.

»Ihr werdet doch nur Dinge malen, die dem gebotenen Anstand entsprechen?«, wollte Angelina wissen.

»Aber gewiss doch, Angelina«, beeilte sich Francesco zu versichern. »Für heute wären wir fertig«, fügte er hinzu. »Das Bild muss trocknen. Kommt morgen wieder vorbei und sucht Euch ein Kleid aus, das Euch wirklich gefällt.«

»Ich werde sehr sorgfältig bei der Auswahl sein«, versicherte Angelina und stand auf. Sie gab ihm die Hand, die er mit seinen warmen, kräftigen Fingern drückte. Etwas verwirrt eilte Angelina hinaus, holte Clementina aus dem Laden Bandoccis, nahm die Schwester an der Hand und begab sich mit ihr auf den Weg nach Hause. Unterwegs sog sie heimlich den Duft der Temperafarben ein, der noch an ihren Fingern haftete.

 

|30|Von der Via Nuova wandten sie sich in Richtung Dom. Obwohl der Nachmittag schon vorgerückt war, waberte die heiße Luft durch die Gassen. Händler boten Sugo di Limone an. Die Besucher des Domes waren auf dem Weg nach Hause. Mit düsteren Gesichtern und zusammengekniffenen Lippen eilten sie an den beiden vorüber, ihre schwarzen Gewänder enger um sich ziehend. Helle Stimmen kamen näher, ein geistliches Lied tönte von den Lippen der Fanciulli del Frate. Der Größte von ihnen, dessen Haare wie die der anderen zu einer Tonsur geschnitten war, stellte sich Angelina und ihrer Schwester in den Weg.

»Woher kommt Ihr?«, wollte er mit barscher Stimme wissen.

Sollte sie die Wahrheit sagen? Hätte das nicht zur Folge, dass Botticellis Werkstatt durchsucht werden würde und auch Francesco in Misskredit geraten könnte?

»Wir kommen vom Gemüsehändler Lucas Bandocci«, antwortete sie also. Sie hoffte, dass das leise Zittern in ihrer Stimme nicht zu hören war.

»Ach nein«, höhnte der Junge. »Wo habt Ihr denn Eure Einkäufe? Wart Ihr nicht vielmehr in der Werkstatt Botticellis und habt Euch von einem seiner lasterhaften Gehilfen malen lassen?«

»Wir waren beim Gemüsehändler«, krähte Clementina vergnügt. »Er hat mir Süßigkeiten gegeben und Nüsse.«

»Das war gewiss nur ein Vorwand. Ihr habt die Kleine weggeschickt, um Euch mit dem Maler vergnügen zu können. Sagt die Wahrheit, bei Gott, unserem Herrn und Christo, seinem eingeborenen Sohn!«

Angelina straffte sich. »Ja, ich war in der Werkstatt Botticellis. Francesco Rosso hat ein Porträt von mir begonnen, das meine Eltern, die ehrenwerten Bürger Lorenzo und Lukrezia Girondo, in Auftrag gegeben haben. Du kannst dich davon überzeugen, dass aller Anstand und alle Zucht gewahrt bleibt. So, wie ich hier vor dir stehe, mit diesem Mantel, den ich auch zum Kirchgang trage, hat er mich gemalt.«

Der Junge reckte sich drohend vor.

|31|»Ich glaube Euch nicht. Ich denke, Ihr wollt Euch eine Tracht Prügel abholen. Schaut nicht aus dem Kragen Eures Gewandes eine Perlenkette hervor?«

Er streckte seine Hand danach aus. Angelina wich zurück.

»Warum belästigt ihr die junge Frau?«, ertönte eine Stimme. Die Köpfe der Fanciulli fuhren herum. Vor ihnen stand Tomasio, an den sich Angelina gut erinnerte, da er noch am Tag zuvor bei ihnen Gast gewesen war. Das schon fast Vergessene, die Ermordung ihres künftigen Ehemanns, stand Angelina mit einem Mal wieder vor Augen. Ihr war, als röche sie Blut.

»Sie lässt sich von einem Maler in sündhafter Pose malen, zudem trägt sie teure Perlen am Hals und beleidigt damit unseren Herrn!«, gab der Junge mit wildem Gesichtsausdruck zur Antwort.

Tomasio fuhr mit der Hand in die Tasche seines Mantels.

»Hier hast du etwas für dein Seelenheil«, sagte er und gab dem Anführer einige Dukaten. Der Junge biss hinein, um sich von der Echtheit zu überzeugen. Auf ein Zeichen von ihm hin setzten sich die anderen in Bewegung, schauten sich noch einmal vorsichtig um und stoben davon. Tomasio machte eine leichte Verbeugung zu Angelina hin.

»Darf ich Euch beide nach Hause geleiten, Signorina?«

Angelina betrachtete ihn einen Augenblick lang. Er war nicht nur gut und zurückhaltend gekleidet, auch der Blick aus seinen Augen war sanft. Sie verstand nicht mehr, dass sie sich von ihm abgestoßen gefühlt hatte. Ihm konnte sie gewiss vertrauen. War er nicht ein Geschäftsfreund ihres Vaters? Als hätte er ihre Gedanken erraten, meinte er:

»Ich hatte gestern die Ehre, Euren Vater in meinem Laden beim Dom zu sehen.«

»Das ist Euer Laden?«, fragte Angelina.

»Ja, und meine Familie hat dadurch großen Einfluss in der Stadt gewonnen. Wie Ihr vielleicht wisst, stamme ich von einem ländlichen Adelsgeschlecht ab.«

Warum erzählte er ihr das? Sie schlug vor, nach Hause zu gehen. |32|Er nahm ihren Arm. Mit ihm würde sie nicht noch einmal angehalten werden. Als sie vor dem Haus der Girondos ankamen, ließ Tomasio ihren Arm los und sagte:

»Wann immer Ihr ein Kleid braucht, Signorina Angelina, so kommt zu mir. Ich habe die besten Schneider der Stadt zu meiner Verfügung.« Hatte er geahnt, dass Francesco ihr vorgeschlagen hatte, ein anderes Kleid für das Porträt anzulegen?

»Ich werde vielleicht einmal darauf zurückkommen, Signor Tomasio«, antwortete sie. »Jetzt danke ich Euch für die Begleitung und wünsche einen schönen Tag.«

 

Die Mutter empfing die beiden mit herabgezogenen Mundwinkeln.

»Wo seid ihr so lange gewesen?«, fragte sie.

»Bei Francesco Rosso, dem Maler«, gab Angelina zurück. »Das wisst Ihr doch, Frau Mutter.«

»Und ich war bei dem Gemüsehändler!«, quiekte Clementina freudig. »Er hat gesagt, ich kann jederzeit wiederkommen, wenn Angelina bei dem Maler ist.«

Die Augen von Lukrezia Girondo verengten sich.

»Was hast du gesagt, Clementina? Du warst gar nicht in der Werkstatt?«

»Doch, schon …«

Die Mutter baute sich mit ihrer ganzen Fülle vor Angelina auf, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Du hast deine Schwester weggeschickt, um mit dem Maler allein zu sein? Sag mal, schämst du dich nicht? Was habt Ihr zusammen getrieben?«

Angelinas Wangen röteten sich, als hätte sie jemand geschlagen.

»Er hat mich in meinem Mantel gemalt, so wahr ich hier stehe und so wahr mir Gott helfe«, sagte sie mit einem Laut, der wie ein Aufschluchzen klang.

»Ich werde es deinem Vater berichten, Angelina. Das nächste Mal werde ich dir eine der Mägde mitgeben, denn wir können den Auftrag nicht widerrufen, da dein Vater schon zu viel Geld hineingesteckt |33|hat. Wird er auch gebraucht haben, der arme Mann, dein Maler.«

Angelina hatte es gewusst.

»Jetzt geh in deine Kammer und warte, bis das Abendbrot serviert wird«, schloss die Mutter unfreundlich, nahm Clementina an der Hand und rauschte davon. Beim Abendessen sprach der Vater über die Ereignisse im Dom, und die Kinder hielten sich die Nase zu, als die Rede auf den Esel kam.

»Was soll nur daraus werden, was soll aus uns allen werden?«, rief Signora Girondo und erhob die Arme zur Decke.

»Es kommt darauf an, wie wir uns verhalten«, meinte ihr Gatte ungerührt. »Wenn wir gegen Savonarola protestieren, ist das schlecht für die Geschäfte. Und auch für unser Ansehen. Ach, wenn mein Freund, Lorenzo der Prächtige, noch leben würde! Damals war alles besser.«

»Palle, palle, palle!«, quietschte Clementina, und ihr Bruder Rodolfo fiel ein: »Palle, palle, palle!«

Ihre Mutter drohte mit dem Zeigefinger: »Lasst das nur niemanden in der Stadt hören!«, mahnte sie. »Es könnte euch übel bekommen!«

»Wer war eigentlich der junge Herr, der euch zu unserem Haus geleitet hat?«, fragte der Vater.

»Habt Ihr ihn nicht erkannt, Herr Vater? Das war Tomasio Venduti, der gestern bei unserer Feier zugegen war. Er hat den Fanciulli ein paar Dukaten gegeben, damit sie uns nicht verprügeln.«

»Das war aber sehr ehrenvoll von ihm«, warf die Mutter ein. »Der wäre doch auch passend …« Sie räusperte sich.

»Habt Ihr schon vergessen, dass gestern ein Mord in unserem Landhaus geschehen ist?«, rief Angelina aus. »Und zwar wurde der Mann, den Ihr für mich ausgesucht hattet, nicht von Wegelagerern erschlagen, sondern mitten in unserem Garten hinterrücks erstochen! Habt Ihr Euch eigentlich Gedanken darüber gemacht, wer das gewesen sein könnte?«

»Es war sicher jemand, der eine Vendetta mit ihm auszufechten |34|hatte«, gab der Vater vorsichtig zurück. »Da sollten wir uns nicht einmischen, sonst ergeht es uns am Schluss wie diesem Mann. Und auch du, Angelina, solltest lieber an etwas anderes denken als an diesen Unglücksfall.«

»Nur, weil die Signoria diesem schrecklichen Mönch hörig ist, dürfen wir doch eine solche Tat nicht ungesühnt lassen!«, begehrte Angelina abermals auf.

»Das war mein letztes Wort, und basta!«, entschied ihr Vater.

»Sobald Gras darüber gewachsen ist, suchen wir einen neuen Mann für dich aus, Angelina, einen passenderen diesmal«, ließ sich die Mutter vernehmen. Clementina und Rodolfo saßen mit großen Augen und gefalteten Händen da. Sie hatten ganz vergessen zu essen. Die Magd Sonia, eine dralle kleine Schwarzhaarige vom Land, kam herein und räumte Geschirr weg. Sie hatte wohl die letzten Worte Signora Girondos gehört, denn sie zwinkerte Angelina kaum merklich zu.

»Und was wäre, wenn ich schon einen … passenden Mann für mich hätte?«, sagte Angelina leise. Signora Girondo fiel der Löffel aus der Hand, so dass sie die Suppe verspritzte.

»Meinst du etwa diesen hergelaufenen Maler?«, fragte sie.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein!«, rief ihr Vater und warf seine Serviette auf den Tisch. Sonia erschien an der Tür mit dem Nachtisch, doch Signor Girondo winkte sie hinaus.

»Von nun ab wird dich Sonia zu dem Maler begleiten«, sagte Angelinas Mutter mit einem entschlossenen Zug um den Mund. »Und du wirst die Zeiten, die wir dir vorgeben, genau einhalten!«

»Warum kommt Ihr nicht gleich selbst mit?«, fragte Angelina ihre Mutter müde.

»Das kommt nicht in Frage. Du weißt doch, was es heißt, einem Haus mit einer vielköpfigen Dienerschaft vorzustehen, da habe ich keine Muße für so etwas.«

Angelina erkannte ihre Eltern kaum wieder. Ein Widerwillen stieg in ihr auf, gegen all die unsinnigen Verbote, hier zu Hause wie draußen auf der Straße.

|35|»Signor Venduti hat mir übrigens angeboten, ein Kleid für mich machen zu lassen. In dem kann mich Francesco malen. Oder wollt Ihr, dass ich auf dem Porträt aussehe wie eine Nonne?«

»Aber nein«, antwortete ihr Vater schon versöhnlicher. »Das wäre nicht in der Tradition unseres Hauses. Lass dir morgen Maß nehmen.«

|36|4.

Sandro Botticelli war aus dem Dom in seine Werkstatt zurückgekehrt. Er fand Francesco vor der Leinwand mit dem Bild der Kreuzigung, an dem er sorgfältig einzelne Pinselstriche anbrachte. Wie Boticellis andere Gehilfen fertigte Francesco nicht nur eigene Porträts an, sondern arbeitete auch mit an den Bildern des Meisters.

»Schön, das du so fleißig bist«, meinte Botticelli. Sein Gesicht war sorgenvoll zerfurcht. »Es ist vielleicht gut gewesen, dass du früher gegangen bist. Stell dir vor, die Compagnacci haben noch die Kanzel gestürmt und gedroht, Savonarola zu verprügeln. Erst die herbeigerufenen Signori konnte wieder Ordnung schaffen. Oder sollte ich sagen: Schade, dass du so früh gegangen bist, du hättest unsere Sache verteidigen müssen. Stehst du überhaupt noch auf unserer Seite, Francesco?«

»Du weißt, wie ich über den Gottesstaat denke, Sandro. Der Papst ist ein Simonist, er ist bestechlich und einer der größten Sünder vor dem Herrn. Bekämpft Savonarola, sieht sich in seinen Pfründen und der Vetternwirtschaft bedroht. Ich stehe zu unserer Sache, Sandro. Unsere Stadt war ein Sündenpfuhl, bevor Savonarola die Führung übernommen hat. Papst Alexander VI. hat sieben Kinder gezeugt und predigt Enthaltsamkeit!« Er stockte. »Nur eines gefällt mir nicht so recht.«

Botticelli hob seinen Kopf.

»Was gefällt dir nicht, mein Freund?«

»Deine Bilder haben sich verändert, du hast dich verändert, seit du Savonarola anhängst.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich kenne deine frühen Bilder, Sandro. Sie sind erfüllt von einem feinen Duft der Sinnlichkeit, sie erzählen vom Leben, seinen |37|Allegorien und Schönheiten. Auch später hast du noch so gemalt, als seiest du der Welt zugewandt. Das Letzte war die Erniedrigung des Malers im Tempel. Hast du dich damit vielleicht ein wenig selbst gemeint?« Francesco bemerkte, dass Botticelli zusammenzuckte.

»Ich habe damit die Unterlegenheit der Sinnlichkeit gegenüber der Liebe Gottes darstellen wollen«, sagte er ausweichend.

»Aber was ist aus dieser Sinnlichkeit geworden, Sandro? Hast du alles, was du einmal empfunden hast, in dir abgetötet? Schau dir doch dieses Bild hier an. Die Kreuzigung. Maria Magdalena liegt vor dem Kreuze Christi und beweint den Geliebten. Höllengetier bedrängt die beiden und die Stadt Florenz, während Gottvater seine Engel ausschickt, um die Teufel zu bekämpfen. Ich sehe da nur Trauer und Öde, keinen Funken Lebendigkeit, den doch die göttliche Liebe ausstrahlen sollte!«

»Es gibt nichts, das es in der heutigen Zeit zu feiern gäbe«, entgegnete Botticelli ernst. »Den ganzen letzten Sommer hat es geregnet, und bald wird wieder ein großer Regen kommen. Die Ernte ist vernichtet, die Leute hungern und sterben wie die Fliegen. Das Ende des Jahrhunderts naht, und damit auch das Ende der Zeit, das Weltgericht. Savonarola hat es gesagt, er wird uns aus der Not erretten, Gott wird uns erretten durch ihn, er ist sein Werkzeug!«

»Sandro, ich verstehe nicht, wie du dein großes Talent so sehr in den Dienst eines Mönches stellen kannst, der hier in der Stadt immer mehr an Boden verliert!«

»Halte es aus, lieber Freund«, erwiderte Botticelli mit matter Stimme. »Bleib an meiner Seite. Und du wirst sehen, wie wir alle in das Himmelreich eingehen.«

»Ich unterstütze dich weiterhin, Sandro. Mit dem Porträt von Angelina Girondo habe ich gerade begonnen, wie du weißt.«

»Wir können das Geld gut gebrauchen«, sagte Botticelli mit Tränen in den Augen. Er umarmte den Freund.

 

|38|Am folgenden Tag ging ein feiner Sprühregen nieder. Angelina und Sonia mussten ihre Röcke schürzen, damit sie sich auf der Straße nicht mit Dreck bespritzten.

»Wo hat denn Signor Tomasio seinen Tuchladen?«, wollte die Magd wissen.

»An der Piazza del Duomo«, erwiderte Angelina.

Sonia sprang über eine Pfütze hinweg.

»Für Euch ist nur das beste Kleid gut genug«, meinte Sonia und lachte, dass ihre Grübchen hervortraten. Kurze Zeit später erreichten sie den Laden mit der Aufschrift ›Venduti-Kleider und Tuche‹. Sie betraten ihn durch einen Vorhang aus Glasperlen, die leise klingelten. Tomasio war nicht anwesend, dafür ein junger, vornehm gekleideter Mann mit untadeliger Frisur. Es roch nach Wolle und nach gestärktem Leinen. Auf den Regalen und an den Wänden waren Ballen aufgeschichtet, Tuche aus Barchent, einem Baumwollgemisch aus Wolle, Seide, Brokat und Samt.

»Womit kann ich dienen?«, fragte der Mann.

»Mein Name ist Angelina Girondo«, begann sie. »Signor Venduti hat mich gestern gebeten, hierherzukommen, um Maß für ein Kleid nehmen zu lassen.«

»Einen Augenblick, werte Signorina, der Schneider ist nebenan, er ist noch beschäftigt. Nehmt doch indessen Platz.« Er schob den beiden zwei Stühle hin, in deren Lehnen kunstvoll Rehe und Hasen geschnitzt waren. Angelina schaute aus dem Fenster zu dem Platz hinaus. Der Dom mit seinem weißgrünem Marmor stand direkt vor ihr, die Kuppel konnte sie nur erahnen. Der Eingang zum Dom und alle Ecken des Platzes waren von Bettlern belagert, die jedem, der eilig vorüberschritt, ihre mageren Hände entgegenstreckten.

»Es ist eine Schande«, meinte der junge Mann, der Angelinas Blicken gefolgt war. »Sie haben uns Freiheit und einen Gottesstaat versprochen, in dem jeder glücklich sein und sein Auskommen haben sollte, und jetzt sterben die Armen auf der Straße, weil es kein Brot mehr gibt!«

Der Mann hatte recht. Wo hatte sie nur bisher ihre Augen gehabt? |39|Sie schaute Sonia an, aber die schüttelte nur den Kopf.

»Die Leute in der Stadt werden immer unzufriedener«, fuhr der Verkäufer fort. »Es heißt, kurz vor Christi Himmelfahrt, dem Tag, an dem die Kanzel des Doms besudelt wurde, hätte Papst Alexander Savonarola exkommuniziert. Es wird noch bekannt gegeben, und dann wird jeder, der seinen Predigten weiter zuhört, aus der Kirche ausgeschlossen!«

Angelina erschrak. Was sollte dann aus Botticelli, was aus Francesco werden? Der Schneider erschien, ein schlanker Mann mit Seidenwams und weichen Lederschuhen.

»Wenn Ihr Euch mit Eurer Magd nach nebenan begeben wollt …«, näselte er. Im Nebenraum standen einige Büsten mit kostbaren Gewändern. Der Schneider bat Angelina, still zu stehen, damit er ihre Maße nehmen konnte. Welche Stoffe sie für das Kleid wünsche, wollte er wissen.

»Vielleicht aus dunkelrotem Samt?«, meinte sie, nicht sicher, durch welchen Stoff ihre Gestalt und ihr Gesicht am besten zur Geltung kommen würden.

»Ich schlage ein Kleid aus dunkelroter Seide vor«, entgegnete der Schneider, »über und über bestickt mit kleinen Blüten aus Goldperlen. Die können auch die Borten an den Ausschnittkanten bilden. Die Überärmel in breiter Schnürung und weißseidenem Hemd und …« – er überlegte ein wenig – »ein Unterkleid aus eierschalfarbenem Atlas.«

»Aber der Ausschnitt darf nicht zu tief sein!«, wandte Angelina ein.

»Ach was«, warf Sonia ein. »Ihr könnt ja einen Schal darüber tragen und Euren Mantel, wenn Ihr draußen seid.«

»Also gut«, stimmte Angelina schließlich zu. »Es darf aber auf keinen Fall Aufsehen erregen!«

»Viele Signoras tragen so etwas zurzeit«, beruhigte sie der Schneider. »Und wir werden auch bald wieder andere Zeiten haben.«

»Wie lange wird es dauern, bis das Kleid fertiggestellt ist?«, fragte Angelina und wandte sich zum Gehen.

|40|»Zwei, drei Tage«, war die Antwort des Schneiders.

»Kann ich den Stoff vorher sehen?«, fragte Angelina. »Ich möchte einmal darüberstreichen und die Goldperlen funkeln sehen.«

»Ich werde ihn morgen vorbeibringen, sobald ich ihn zugeschnitten habe«, meinte der Schneider.

»Ich freue mich so sehr auf das Kleid!«, rief Angelina aus.

 

Es wurde Zeit für den Rückweg in die Via Dante Alighieri, wo die Mutter gewiss schon für die Zubereitung des Mittagessens gesorgt hatte. Hatten sie und Sonia nicht noch etwas vergessen?

»Die Signora hat darum gebeten, Weintrauben auf dem Markt zu kaufen, für ihr Stracotto, das sie heute servieren will«, sagte Sonia in Angelinas Gedanken hinein. Angelina dachte an den Rindereintopf mit den säuerlichen Trauben, die gekocht und mit Gewürznelken, Zimt und dem Saft einer ausgepressten Zitrone abgeschmeckt wurden, und das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Aber sie hatte keine Lust, sich auf dem Markt mit anderen Frauen um die Stände zu drängen.

»Geh du nur zum Markt«, wies sie Sonia an. »Ich möchte noch in Ruhe spazieren gehen.«

Draußen hingen die Wolken so dicht, dass rund um den Domplatz die Kohlebecken angezündet worden waren, um mehr Licht in die Gassen zu bringen. Angelina überquerte den Platz und bog in die Via dello Studio ein. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, Hausfrauen und Bedienstete, wie immer in diesen Zeiten, verhüllt und bemüht, niemanden anzublicken. Die Geräusche der Handwerker, der Bäcker, Metzger, Schmiede und Buchmacher drangen auf die Gasse. Es roch nach Fettgebackenem und Olivenöl. Als Angelina die nächste Gasse querte, kam ihr aus einem Torbogen eine schwarz verhüllte Gestalt entgegen. Sie verstellte ihr den Weg.

»Was hast du bei dem Schneider gemacht?«, fragte eine leise männliche Stimme.

»Was geht Euch das an?«, gab Angelina zurück. Er packte sie am Arm.

|41|»Eine ganze Menge«, schnaubte er. »Ich habe dich gesehen, als du aus dem Laden des Schneiders kamst. Ich habe dein Gesicht gesehen. So schaut ein Mädchen nur, wenn es in Sünde lebt! Du lässt dir ein Kleid machen, das sündige Gedanken bei Männern wecken soll. Unser Herr duldet so etwas nicht!«

Angelina überlegte, wen er damit gemeint haben könnte, Gott oder Savonarola?

»Ich lasse mir ein Kleid für ein Bildnis machen, das meine Eltern in Auftrag gegeben haben. Aber was geht Euch das eigentlich an? Und es ist eine Frechheit, mich einfach zu duzen!«

Angelina hatte zu spät bemerkt, dass sie dem Fremden schon viel zu viel verraten hatte.

»Wenn ich dich dabei erwische, dass du weiter in Sünde lebst, werde ich dich töten!«, stieß der Mann hervor. Angelina sah einen Dolch in seiner Hand aufblitzen. Ihr Herz begann schmerzhaft gegen ihre Brust zu trommeln, doch der Mann verschwand in dem Torbogen, aus dem er gekommen war. Angelina stand wie vom Donner gerührt. Mehr als alles in der Welt hätte sie sich jetzt Francesco herbeigewünscht.

»Einen schönen guten Tag, Signorina Angelina«, ertönte eine Stimme vor ihr. Nein, es war nicht Francesco, sondern Tomasio, der ihr entgegeneilte.

»Signorina, was ist geschehen? Ihr seht bleich aus wie der Mond in einer Winternacht. Hat Euch jemand erschreckt?«

Angelina war erleichtert.

»Jemand ist aus diesem Torbogen gekommen und hat mich bedroht«, sagte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme. »Er sagte, er würde mich töten, wenn ich weiter so in … Sünde lebe.«

»Aber wie könntet Ihr in Sünde leben, Angelina?«, erwiderte Tomasio. »Ihr seid die schönste, tugendhafteste Frau, die je meinen Weg gekreuzt hat.«

»Wie kommt Ihr gerade jetzt hierher?«, wollte Angelina wissen.

»Ich kam gerade von einem Geschäftsfreund zurück. Mein Angestellter berichtete mir, dass Ihr da gewesen seid, zusammen mit |42|Eurer Magd. Da bin ich Euch nachgegangen, um zu erfahren, ob auch alles zu Eurer Zufriedenheit ausgeführt wurde.«

»Oh, danke, Signor Tomasio, ich war sehr zufrieden mit Eurem Angestellten. Es wird gewiss ein wunderschönes Kleid!«

»Dessen bin ich mir sicher«, meinte Signor Tomasio und beugte sich über ihre Hand. »Darf ich Euch noch einmal nach Hause geleiten?«

»Oh, lasst nur, da kommt Sonia, meine Magd. Sie hat Trauben gekauft, die meine Mutter für das Mittagessen braucht. Guten Tag, Signor Tomasio!«

Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck zog Tomasio sich zurück. Angelina wagte einen Blick zurück und sah ihn versonnen dastehen, das Barett in der Hand. Ob sein Interesse an ihr rein geschäftlicher Natur war?

Angelina beschloss, weder Sonia noch ihren Eltern etwas über den fremden Mann, der sie bedroht hatte, zu erzählen. Sie würden sich nur unnötige Sorgen machen.

Auf dem Heimweg entdeckte sie in einer Ecke zwei tote Ratten, die zwischen Abfall lagen. Ihre Schnauzen waren blutig. Was hatte das zu bedeuten? Angelina und Sonia erreichten den Palazzo der Girondos und stiegen die Stufen zum Primer Piano hinauf. Die Mutter stand in der Küche und beaufsichtigte die Köchin bei der Zubereitung des Mahles.

»Ah, da seid ihr ja«, sagte Signora Girondo gut gelaunt und nahm die Trauben aus Sonias Händen entgegen.

»Frische gab es nicht, da habe ich getrocknete genommen«, sagte Sonia in ihrem singenden Tonfall. Die Mutter gab der Köchin die Weinbeeren und bat Angelina zu Tisch. Der Vater und die beiden Geschwister saßen schon und warteten auf den ersten Gang. Sonia erschien in der Tür und trug eine Terrine mit Stracotto herein. Jeder schöpfte sich mit einer silbernen Kelle Eintopf in den Teller.

»Hat der Schneider dich gut beraten?«, wollte Angelinas Mutter wissen.

»Ja, es wird ein schönes Kleid.«

|43|»Warum lässt du denn dann so die Nase hängen?«, bohrte die Mutter weiter. »Du bist ja ganz blass!«

»Ich habe Ratten gesehen …«

»Die gibt es hier immer, ist dir das noch nicht aufgefallen?«, fuhr ihr Vater dazwischen.

»Die Ratten, die Ratten, die liefen über Matten …«, sangen ihre Geschwister.

»Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl«, beharrte Angelina. Was ihr sonst noch widerfahren war, wollte sie lieber nicht berichten.

»Ich glaube, du gehst ein wenig zu gern zu diesem Maler«, meinte Signora Girondo.

»Wieso?«, fuhr Angelina auf.

»Ich kenne dich doch, Angelina. Seitdem du ihm Modell stehst, bist du richtig aufgeblüht.«

»Glaub aber nicht, dass eine Heirat mit ihm in Frage kommt«, sagte ihr Vater. »Er könnte dich ja nicht mal ernähren!«

»Wir sind dabei, dir einen anderen, passenden Ehemann zu suchen, nachdem Signor Fredi …«, ihre Mutter stockte, »auf so unglückliche Weise zu Tode gekommen ist.«

»Das war kein Unglücksfall«, rief Angelina.

»Wie dem auch sei«, beschied Signor Girondo, »der Maler kommt auf keinen Fall in Frage. Sobald das Bild fertig ist, wirst du ihn nicht mehr sehen.«

Angelinas Augen brannten.

»Und wen habt Ihr mir zum Ehemann erwählt, wenn ich fragen darf?«

Signora Girondo hüstelte und blickte ihren Gatten an.

»Einen, der wirklich zu dir passen wird«, sagte sie. »Signor Tomasio hat um deine Hand angehalten.«

Angelina war, als hätte man ihr einen Peitschenschlag versetzt.

»Ach ja?«, stieß sie hervor. »Signor Tomasio? Weil Ihr Geschäftsbeziehungen mit ihm habt, Herr Vater, ist es nicht so? Hättet Ihr mich nicht wenigstens vorher fragen können?«

»Wir fragen dich doch gerade«, antwortete Ihr Vater.

|44|»Ich will ihn aber nicht heiraten! Ans Heiraten habe ich überhaupt nicht gedacht, auch nicht bei Francesco. Ich kann ihn gut leiden, das ist alles. Und ich bewundere seine Fähigkeit zu malen.«

»Du kannst es dir ja noch mal durch den Kopf gehen lassen«, meinte ihr Vater lächelnd.

»Heirate ihn nicht, Francesco passt besser zu dir«, kam es von Clementina. Hoffentlich plauderte sie nicht noch mehr aus.

»Ich heirate nicht«, sagte Angelina, schob ihren Teller weg und zog sich auf ihr Zimmer zurück. Glücklicherweise hatte sie einen eigenen Raum, die Geschwister teilten sich eine Kammer. Angelina trat ans Fenster und blickte hinaus. Nicht weit von ihrem Elternhaus entfernt erhob sich die Badia Fiorentina, eine mittelalterliche Abtei mit einem schlanken Turm. Die Hitze des Tages war geringer geworden. Nebel stieg wie Dampf aus dem Boden und umhüllte die alten Mauern des Klosters. Angelina dachte an Francesco, an seine Augen, die sie immer wie prüfend, aber auch mit einem besonderen Glanz anschauten. Ein Fiepen schreckte sie aus ihren Gedanken. Das mussten wieder die Ratten sein. Letztes Jahr hatte es schon einmal viele Ratten gegeben, bevor die Pest ausbrach. Angelina beschloss, das, was sie gesehen hatte, geheimzuhalten. Sonst würde man ihr womöglich verbieten, das Haus noch einmal zu verlassen.

|45|5.

Nachdem der Schneider ihr den wunderbaren Stoff vorgeführt hatte, brachte ein paar Tage später ein Bote das neue Kleid. Es war noch schöner, als Angelina es sich vorgestellt hatte. Das Überkleid war aus der feinen, dunkelroten, goldbestickten Seide, die Überärmel bauschten sich weit, und dazu wurden ein weißseidenes Hemd und ein Unterkleid aus eierschalfarbenem Atlas geliefert. Angelina zog sich auf ihr Zimmer zurück und ließ sich von Sonia bei der Schnürung des Mieders helfen. Sie stellte sich vor den Spiegel, der von silbernen Blumenornamenten umrankt war. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet. Der Ausschnitt zeigte den Ansatz ihres sanft gerundeten Busens.

»Meinst du nicht, dass der Ausschnitt …«, sagte Angelina, zu Sonia gewandt.

»Ach was, liebe Herrin, jetzt ziert Euch nicht so. Das tragen doch alle Frauen unter ihren züchtigen schwarzen Mänteln!« Sie ging zum Schrank mit den Schnitzereien, holte einen cremefarbenen Seidenschal heraus und verknotete ihn leicht um Angelinas Hals.

»Seht, wie gut Euch das kleidet!«, meinte die Magd zufrieden. »So könnt Ihr auch Euren Eltern unter die Augen treten.«

»Hol mir noch das perlenbestickte Haarnetz«, bat Angelina. Als Sonia es kunstvoll in ihrem Haar befestigt hatte, geleitete die Dienerin sie hinunter in das Arbeitszimmer ihres Vaters, in dem ihre Eltern angeregt plaudernd beieinandersaßen. Beide schauten Angelina mit großen Augen entgegen.

»Angelina, du bist schön, als wenn es deine Hochzeit wäre!«, rief Signora Girondo aus. »Das Kleid steht dir ausgezeichnet«, fügte sie hinzu, als sie die heruntergezogenen Mundwinkel ihrer Tochter bemerkte.

|46|»Aber wie willst du damit an den Fanciulli vorbeikommen?«, fragte Signor Girondo augenzwinkernd.

Angelina drehte sich übermütig im Kreis und rief: »Ich ziehe meinen schwarzen Mantel darüber, den mit der Kapuze, und niemand wird wissen, wie ich darunter ausschaue!«

»Wann gehst du wieder zu Francesco?«, wollte ihre Mutter wissen.

»Heute Nachmittag, gleich nach dem Essen«, entgegnete Angelina.

»Nimm Sonia mit«, mahnte Signora Girondo. »Und sorge dafür, dass sie sich ebenfalls schicklich anzieht.«

»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Frau Mutter.«

Beim Mittagessen wartete Angelina ungeduldig auf die Glockenschläge der nahegelegenen Klosterkirche. Endlich schlug sie zwei Mal, gefolgt vom Dröhnen der Glocken des Doms und der anderen Kirchen. Gleich nach der Nachspeise brach sie mit Sonia auf. Draußen schien die Sonne, und die Menschen machten heute ausnahmsweise einmal fröhlichere Gesichter. Sie liefen durch die belebten Gassen zur Via Nuova. Francesco erwartete sie schon.

»Sonia, Lucas Bandocci, der Gemüsehändler lässt dir ausrichten, er habe heute besonders gute und frische Ware bekommen. Ob du dir die mal ansehen möchtest?«

Mit einem beklemmenden Gefühl im Magen dachte Angelina an das, was ihr die Eltern vor einigen Tagen eingeschärft hatten. Aber angesichts der strahlenden Gesichter von Francesco und Sonia verging diese Anwandlung schnell wieder, und sie folgte Francesco in die Werkstatt. Der Meister, Sandro Botticelli, war ebenfalls anwesend und gab seinen Gesellen Anweisungen. Er trug nicht mehr die kostbaren Gewänder, in denen ihn Angelina einmal als Kind gesehen hatte, in der Zeit, als die Medici in Florenz noch das Sagen hatten. Botticelli warf einen kurzen Blick auf die Ankömmlinge, dann wandte er sich wieder seinen Gehilfen zu.

»Die ›Kreuzigung Christi‹ übernehme ich ab jetzt allein«, sagte er mit seiner tiefen, angenehmen Stimme. »Du, Remigio, kannst mir bei der Illustration von Dantes ›Göttlicher Komödie‹ zur Seite |47|stehen. Ihr anderen fertigt die bekannten Porträts für die Schlafzimmer der reichen Florentiner.« Er zwinkerte Francesco zu. »Willst du Signorina Girondo mit Mantel und Kapuze malen? Da kommen ihr schönes Gesicht und ihre Figur aber nicht so richtig zur Geltung.«

»Mein Meister«, antwortete Francesco, »ich würde sie liebend gern in einem anderen Gewand malen, wenn du es gestattest. Sie hat sich ein Kleid von Tomasio Venduti anfertigen lassen, genau zugeschnitten auf dieses Porträt.«

»Es wird schon recht sein«, gab Botticelli zurück. »Hört einmal her.« Er wandte sich an alle. »In den nächsten Tagen muss ich nach Rom, ich brauche andere Luft, und vielleicht lässt sich das eine oder andere Werk verkaufen. Auch nach Goldfarben will ich schauen, nirgends gibt es leuchtendere als in der Ewigen Stadt. Ich überlasse euch die Werkstatt, schaut zu, dass ihr die Aufträge vor meiner Rückkehr fertig bekommt!«

»Wir werden uns beeilen, so gut wir können«, sagte einer der Gesellen.

»Das würde ich dir auch raten, Sebastiano di Torre!«, gab Botticelli zurück und drohte ihm scherzhaft mit dem Zeigefinger.

»Ich wünsche dir eine gute Reise, Meister«, fiel Francesco ein. Nachdem Botticelli noch einige der halbfertigen Porträts inspiziert hatte, die alle ein ähnliches Frauengesicht aufwiesen, verließ er mit schweren Schritten die Werkstatt und stampfte die Treppe hinauf in seine Wohnung. Francesco nahm Angelina am Arm und führte sie in die Ecke nahe beim Fenster, wo die Leinwand mit dem angefangenen Porträt stand.

»Warum haben Botticellis Frauen alle ein ähnliches Gesicht?«, fragte sie. Francesco lachte.

»Es gibt Gerüchte, nach denen Botticellis Muse Simonetta Vespucci war, die junge Frau eines der Nachbarn der Botticellis.«

»Ja, ich habe von ihr gehört«, meinte Angelina.

»Sie war eine gefeierte Schönheit und Mittelpunkt der Florentiner Gesellschaft. Es wurde gemunkelt, dass Botticelli sie ohne Kleider |48|gemalt habe und dass sie Vorbild der ›Venus‹, der Nymphe im ›Frühling‹ und vieler anderer Frauengesichter gewesen sei … und noch ist. Als sie starb, folgten dem Trauerzug die Reichen und Mächtigen der Stadt, Künstler und Gelehrte, die Medici, Orsini und Vespucci.«

»Hat Botticelli nie geheiratet?«

»Nein. Ich glaube, dann hätte sich sein Talent auch nicht so entfalten können. Aber jetzt wollen wir zur Tat schreiten. Legt doch Euren Mantel ab, Angelina.«

Sie zog den Mantel von ihren Schultern und hängte ihn über einen Stuhl.

»Bella, bellissima!«, rief er aus und schlug die Hände zusammen. Sie holte tief Luft und setzte sich auf den Sessel, in dem er letztes Mal begonnen hatte, sie zu malen. Francesco holte seine Palette und die Pinsel und stellte sie auf ein Pult.

»Neigt Euren Kopf ein wenig mehr nach links«, sagte er, »damit der Ton der Haare besser zur Geltung kommt. Und nehmt doch diesen Schal weg, der verbirgt zu viel von Euch.«

Angelina glaubte nicht richtig gehört zu haben. Sie sollte ihren Ausschnitt entblößen und ihn den vielen Augen preisgeben, die später das Bild betrachten würden?

»Ich möchte ihn anbehalten«, beharrte sie.

»Angelina, alle Frauen lassen sich heute so malen, unabhängig davon, was Savonarola dazu sagt. Man muss das Bild ja nicht gerade öffentlich aushängen.«

»Wenn Ihr meint …«, sagte Angelina zaghaft. Sie löste den Schal und hängte ihn neben den Mantel.

»Ja, so sieht es schon viel besser aus.«

Angelina sah wieder diesen Glanz in seinen Augen. Francesco tauchte wieder und wieder den Pinsel in die Farben und warf sie zügig auf die Leinwand. Zwischendurch hielt er inne, kniff ein Auge zusammen, als messe er den Abstand zwischen ihnen beiden.

»Ihr könntet das Kleid ein wenig über die Schulter herunterziehen«, sagte er in einem Ton, als sei es das Selbstverständlichste der |49|Welt. Angelina fühlte sich wie mit Blut übergossen. Wenn das ihre Eltern wüssten!

»Nein, das kann ich nicht. Bei aller Geneigtheit für Euch, Francesco, aber das geht zu weit!«

Francesco streckte die Hände vor, wie um sie zu beruhigen.

»Macht Euch keine Sorgen. Ich brauche ziemlich viel von Euch, um die Proportionen richtig zu gestalten. Michelangelo und Leonardo studieren Körper, um die idealen Proportionen zu finden.

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