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Die Hüterin des Evangeliums

Über Gabriela Galvani

Gabriela Galvani stammt aus einer Künstlerfamilie und wurde in Norddeutschland geboren, wuchs aber in der Südschweiz auf. Sie studierte Amerikanistik, Kulturmanagement und Politikwissenschaften und arbeitete als Redakteurin für verschiedene Printmedien. Zuletzt erschien von ihr der Roman »Die Seidenhändlerin« im Aufbau Taschenbuch.

Informationen zum Buch

Als Christianes Mann, der Augsburger Verleger Severin Meitinger, ermordet aufgefunden wird, beschließt sie, die Druckereigeschäfte allein weiterzuführen – Mitte des 16. Jahrhunderts keine einfache Angelegenheit für eine alleinstehende Frau. Zufällig entdeckt sie, dass ihr Gatte mehr als die üblichen Drucksachen herstellte. Man munkelt etwas von Verschwörung und einem geheimnisvollen Luther-Manuskript. Mussten Severin und der Autor Sebastian Rehm deshalb sterben? Im Laufe ihrer Nachforschungen sieht sich Christiane einer dunklen Macht gegenüber, die vor nichts zurückschreckt. Schließlich schwebt auch sie in Lebensgefahr und gerät in einen Wettlauf mit der Zeit, in dem es um nicht weniger geht als den fragilen Religionsfrieden, der das Land vor dem Chaos bewahrt.

Zum Glauben und Evangelium

darf niemand gezwungen werden.

Es darf aber auch nicht gestattet

werden, dass ... jemand im Geheimen

das Wort Gottes schmäht.

Martin Luther, Tischreden

Augsburg,
19./20. Oktober 1518

Prolog

Nicht einmal eine anständige Strumpfhose hatte er anziehen können. Um Hüften und Oberschenkel war ein Lederschurz gebunden, der an den Knien endete. Dazu trug er ein einfaches Leinenhemd und einen Mantel aus grobem, kratzigen Stoff gegen die Kälte.

Die Zeit war zu knapp, um eine bessere Garderobe zu besorgen. Seine Mönchskutte und den Ledergürtel hatte er genauso abgestreift wie sein Gelübde. Das vertraute Gewand würde er deshalb in der kleinen Zelle im Karmeliterkloster zurücklassen müssen, ebenso wie jenen Halt, der ihm von seinem Beichtvater gegeben worden war. Er war jetzt allein auf sich gestellt.

Versonnen blieben seine Augen an dem schwarzen Habit hängen. Immerhin war es für fast zwölf Jahre ein Teil seines Selbst gewesen, ein Ausdruck seiner Zugehörigkeit zum Orden der Augustiner-Eremiten. Sie hatte ihm Schutz geboten und ihn stark gemacht, ihn Gott nahe gebracht und seinen Glauben gefestigt.

An seinem Bekenntnis würde sich freilich nichts ändern. Das hatte das dreitägige Verhör durch den römischen Kardinal Cajetan nicht bewirken können, und davon brachten ihn auch die drohenden Konsequenzen seiner eigensinnigen Haltung nicht ab. Diese hatte jedoch zum Dispens und der Entlassung aus seinem Gelübde geführt. Als Frater war er vor vier Tagen gekommen, wie ein einfacher Bauer würde er die Reichsstadt verlassen ...

»Kommt ...«, unterbrach eine leise Stimme seine Gedanken.

Es war keine Zeit für Wehmut oder gar Zaudern. Er war hier nicht mehr sicher. Wenn er jetzt nicht floh, lief er Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden. Er riss sich von der Kammer und seinen zurückgelassenen Habseligkeiten los, straffte die Schultern und folgte dem Novizen hinaus, der ihn die ersten Schritte in die Freiheit begleiten sollte.

Sie eilten durch die zu dieser Stunde dunklen Flure des Klosters. Da der eine barfuß und der andere nur mit Filzpantoffeln bekleidet war, bewegten sie sich fast lautlos. Der junge Mönch wies ihm mit einer kleinen Laterne den Weg ...

Unvermittelt zögerte der Flüchtende. Er tastete an den Gürtel, der seine Kniehose in der Taille zusammenhielt – da war nichts. Kein Messer, kein Sporn. Nichts, womit er sich notfalls verteidigen könnte, wenn er überfallen oder aufgegriffen werden sollte.

Der Novize war ihm bereits mehrere Schritte vorausgelaufen. Er wandte sich nach ihm um, seine im Licht der Funzel kaum auszumachende Miene drückte Ungeduld, Ratlosigkeit und Furcht aus. Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zur Eile auf.

Statt nach einer Waffe zu fragen, nickte dieser bloß und hastete weiter. Dann musste es eben ohne gehen. Der Junge setzte sein Leben aufs Spiel, indem er ihn heimlich aus dem Kloster führte. Er durfte nichts riskieren, was den anderen noch mehr gefährdete.

Vor einer auf den ersten Blick unscheinbaren, niedrigen Pforte im Mauerwerk endete der Weg. Der Novize drückte das unverschlossene Tor auf. Eisiger Wind pfiff in den Flur, ein Nebel aus Sprühregen wehte herein.

Er legte dem Mönch kurz die Hand auf die Schulter, nickte und hoffte, der Junge würde seine tiefe Dankbarkeit durch den Druck und die Körperwärme spüren. Dann zog er den Kopf ein und trat in die Gasse hinaus.

Um diese Uhrzeit war es ungewöhnlich still in der Stadt. Das Unwetter vertrieb selbst die Bettler, Beutelschneider und Huren. Kein Mensch schien sich in dieser unwirtlichen Nacht auf die Straße zu wagen, nicht einmal Ratten waren zu sehen. Binnen weniger Herzschläge war er bis auf die Knochen durchnässt.

Und nun? Wohin?

Ratlos sah er sich um, konnte durch den Regen nichts anderes erkennen als die Umrisse der hohen, schlanken Bürgerhäuser, deren Fenster wie dunkle Höhleneingänge wirkten.

Von irgendwoher ertönte schwach der Ruf eines Nachtwächters.

Ihm sank das Herz. Man hatte ihm Hilfe versprochen, doch offensichtlich erwartete ihn Unzuverlässigkeit. Ohne die Gefälligkeit eines anderen konnte er nicht entkommen. Die Stadtmauer wurde von schwerbewaffneten Soldaten rund um die Uhr bewacht. Er hatte zwar von einer geheimnisvollen Schlupfpforte gehört, aber er besaß nicht die geringste Ahnung, wo sich diese befinden könnte.

Ein Pfiff schreckte ihn auf. Obwohl der Ton so leise wie das Fiepsen einer Maus war, traf es ihn so durchdringend wie ein Glockenschlag beim Angelusläuten. Er kniff seine tiefliegenden Augen zusammen, konnte schließlich einen vierschrötigen Mann ausmachen, der an einer Hausecke auf ihn wartete. Der Kerl wirkte eher wie einer vom Diebesgesindel als wie ein Fluchthelfer. Vertrauensvoll sah er weiß Gott nicht aus, konnte es deshalb ein Verräter sein? Sein Wissen um das Fehlen einer Waffe nagte an ihm.

Doch er hatte keine Wahl.

Stumm ergab er sich seinem Schicksal, vertraute auf Gottes Gnade und schloss sich dem Alten an, der überraschend behende durch die Pfützen humpelte, die sich auf dem Kopfsteinpflaster gebildet hatten.

Was hätte er auch anderes tun sollen? Es gab kein Zurück. In dem Augenblick, in dem er die Rücknahme seiner Thesen verweigert hatte, war sein Schicksal besiegelt gewesen.

»Revoca!,« hatte der Gesandte des Papstes gefordert. »Widerrufe!«

Doch selbst die Androhung von Gewalt hatte ihn nicht geschreckt. Nie würde das verlangte »revoco« über seine Lippen kommen. Er hatte sich, ohne ein Wort zu sagen, abgewandt, den ebenso berühmten wie einflussreichen Kardinal Cajetan stehenlassen wie einen einfachen Laienbruder – und war gemessenen Schrittes weggegangen.

Erst Stunden später war ihm die Tragweite seiner Handlung bewusst geworden. Nicht die Tatsache, dass er als Ketzer verurteilt würde, war das Schicksalhafte an seiner Handlung. Es war der Verlust der eigenen Identität. In dem Moment, in dem er den Widerruf verweigert hatte, war Frater Martinus gestorben. Es gab keinen Bettelmönch dieses Namens mehr. Er war nur noch Martin Luther, Doktor der Theologie aus Wittenberg.

Revoco – sechs Buchstaben hatten sein Leben besiegelt.

Augsburg,
Mitte März 1555

1

Die arme Seele im Büßerhemd lag – mehr als dass sie saß – mit ausgestreckten Gliedmaßen auf einem Stuhl vor dem Altar. Auf diese Weise erinnerte sie entfernt an den hölzernen, gekreuzigten Jesus Christus über ihr. Das blonde Haar fiel der Frau in wirren Strähnen in das zur Fratze verzogene Gesicht, ihr Kopf hing herab. Ihre Wangen waren feuerrot angelaufen, und ihr aufgerissener Mund war der Eingang zu der Hölle ihres Innersten, aus dem animalische Laute in den Chor aufstiegen, als wäre sie ein wütendes Tier, das die Gläubigen in einer blutigen Szene zerreißen wollte.

»Ich beschwöre dich, unreiner Geist, im Namen unseres Herrn: Verschwinde und fahre aus diesem Geschöpf Gottes!«

Die sonore Stimme des Priesters hatte es schwer, das Geschrei der Delinquentin zu übertönen. Dann versank der katholische Geistliche einen Ton tiefer in dem monotonen Murmeln, mit dem er seit Stunden seine Gebete sprach. Wie bereits etliche Male zuvor griff er in ein silbernes Gefäß mit Weihwasser und besprühte die Besessene mit dem salzigen Nass.

Eine Kerze zischte, die von einem Tropfen getroffen worden war. Ihr Licht flackerte und warf gespenstische Schatten auf den noch jugendlichen, drallen Leib der Frau, der sich wie unter starken Schmerzen wand. Hätten nicht vier Messdiener sie bei den Schultern und Füßen gepackt, wäre die Besessene wahrscheinlich mitsamt dem Stuhl umgefallen.

Ihr Schreien verwandelte sich in ein verzweifeltes Wimmern.

Vielleicht wäre es das Beste für sie, wenn sie irgendwie zu Tode käme, fuhr es der Meitingerin angesichts des schrecklichen Kampfes am Altar durch den Kopf. Zumindest würde das dieser unwürdigen Prozedur endlich ein Ende bereiten.

Christiane Meitinger saß zwischen anderen Augsburger Bürgern in einer der Kirchenbänke. Im Gegensatz zu den meisten Gläubigen zeigte sie jedoch wenig Interesse am Geschehen und senkte eher die Lider, als den Hals zu recken. Sie fand das Schauspiel entsetzlich.

Anders die Mehrzahl der Männer und Frauen aller Schichten, die sich hinter ihrer Frömmigkeit versteckten, aber den Rosenkranz nur deshalb durch die Finger gleiten ließen, weil sie vor sensationsgieriger Aufregung nicht stillhalten konnten. Exorzismus und Dämonenkampf waren nichts Ungewöhnliches für die Menschen in dieser Stadt, auch Christiane Meitinger, geborene Walser, war mit dem Wissen darum aufgewachsen. Eher rational veranlagt und im Gegensatz zu den meisten ihrer Altersgenossen nicht sonderlich abergläubisch, hielt sie sich von derartigen Veranstaltungen jedoch lieber fern. Sie fand das alles nur demütigend und ihrer Auffassung nach ganz gewiss nicht im Sinne Jesu Christi.

Severin Meitinger kannte ihre Meinung. Deshalb fragte sie sich unaufhörlich, warum ihr Gatte trotz ihres Protests darauf bestanden hatte, dass sie ihn zu der Teufelsaustreibung begleitete. Eine Erklärung hatte er ihr jedenfalls nicht gegeben.

Rasch warf sie ihm einen Seitenblick zu. Wie stets erkannte sie keine Gemütsregung in seinem hageren, verschlossenen Gesicht. In der Regel besaß er keinen Humor und keinen Charme, war jedoch von ungewöhnlicher Intelligenz, und seinen Charakter zeichneten Großzügigkeit und häufig sogar Milde aus. Es war nicht direkt unangenehm, mit diesem Vertreter konservativer Ideale zu leben, aber für eine junge Frau mit offenem Herzen, romantischen Vorstellungen von Leidenschaft und einem außerordentlichen Interesse an Bildung, Politik und Religion eher langweilig. Dabei hätte gerade er ihren Wissensdurst zu stillen vermocht, denn Severin Meitinger war Buchdrucker und Verleger.

Ihre Lippen teilten sich, weil sie ihm zuflüstern wollte, wie sehr es ihr zuwider war, zuschauen zu müssen, wie das Hemd der armen Seele bei jeder Bewegung weiter über deren Schenkel hochrutschte, und dabei wahrzunehmen, wie die Zuschauer die Augen aufrissen.

Nicht auszudenken, wie viele der männlichen Gläubigen in den Reihen vor und hinter ihr die Gunst des Freudenmädchens genossen haben mochten. Wer alles hatte sie gehabt und klagte sie nun als »mannssüchtig« an? Hatte auch Severin Meitinger vor ihrer Hochzeit ebenso regelmäßig ein Hurenhaus besucht, wie er seine junge Frau nun an deren eheliche Pflichten erinnerte? Kannte er die Besessene vielleicht sogar?

Christiane senkte beschämt die Augen.

»Die Arschverkäuferin ist tatsächlich vom Teufel besessen«, wisperte hinter ihr ein Junge, der klang, als befände er sich gerade im Stimmbruch. Seine Gefühle waren unüberhörbar, diese Mischung aus Abscheu, Faszination und Erregung.

»Pst! Sei still!«, mahnte leise eine weibliche Stimme, die wahrscheinlich seiner Mutter gehörte. »Sprich nicht so. Hat dir dein Vater nicht beigebracht, eine Person dieses Gewerbes hübsche Frau zu nennen?«

»Vater hat gesagt, dass besessene Arsch... Hübschlerinnen eigentlich von Ärzten examiniert werden müssten, so will es der Stadtmagistrat. Warum tut das jetzt der Herr Pfarrer?«

»Halt den Mund!«

Das Knurren eines tollwütigen Hundes ließ Christiane zusammenfahren. Es dauerte einige Herzschläge, bevor sie begriff, dass die schrecklichen Laute aus der Kehle der Delinquentin gedrungen waren. Unwillkürlich starrte sie wieder zu der armen Seele hin. Wie konnten solche Töne einem menschlichen Leib entweichen? War das tatsächlich der Teufel, der endlich ausgeflogen war?

Unsinn!, schalt sie sich in Gedanken. Das ist Gaukelei. Das Volk will unterhalten werden, und die katholische Kirche muss sich mächtig anstrengen, um nicht alle Schäfchen an die Reformation zu verlieren. Immerhin war nur noch ein Drittel aller Augsburger Anhänger des Papstes. Sie hatte diese Zahl neulich erfahren, als ihr Mann mit seinen Freunden über den vor fünf Wochen begonnenen Reichstag diskutiert hatte. Christiane hatte heimlich gelauscht, denn derartige Gespräche waren nach Ansicht Severin Meitingers nun einmal nichts für die Ohren seiner jungen Frau, doch ihr Interesse am aktuellen Geschehen ging weit über die Bewunderung der ausländischen Ritter und Pferde, der Spielmannszüge und Gaukler hinaus, die durch die Straßen zogen. Immerhin ging es zurzeit um nichts Geringeres als den Religionsfrieden in den Ländern und Städten der deutschen Untertanen des Kaisers.

Es ist eine Warnung, fuhr es Christiane plötzlich durch den Kopf. Severin will mir zeigen, was mit Frauen geschieht, die sich vom wahren Glauben abwenden. Immerhin galten ihrem Mann die Protestanten als vom Teufel besessen, seine Meinung dazu war kein Geheimnis, und wahrscheinlich war dies der Grund, warum Christianes Eltern ausgerechnet diesen Mann für sie auserwählt hatten, obwohl der Witwer eigentlich viel zu alt für sie war. Ihre Familie wollte mit der Hochzeit verhindern, dass sie sich zu Luther bekannte und – noch schlimmer – einen Ketzer heiratete, wobei das eine das andere nicht immer ausschloss, denn in Augsburg gab es seit geraumer Zeit viele glückliche Ehen unterschiedlicher Konfessionen.

Christianes katholische Cousine Martha hatte mit Sebastian Rehm einen Protestanten geheiratet, und tiefe Liebe verband die beiden trotz großer finanzieller Not. Rehms ständige Geldsorgen wurden von Christianes Vater als Strafe Gottes gesehen, dabei hätte er begreifen müssen, dass ein Stadtbrunnenmeister nicht nur über ein höheres Ansehen, sondern auch ein höheres Einkommen verfügte als ein arbeitsloser Lehrer, der nicht mehr als den Wochenlohn eines Tagelöhners durch seine wenig erfolgreiche Tätigkeit als Schriftsteller erzielte. Meitinger war Sebastian Rehm gegenüber trotz aller Vorurteile freundlich eingestellt und beschäftigte ihn gelegentlich ...

»Luzifer, bekenne, dass du an die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Marias glaubst«, dröhnte die erhobene Stimme des Priesters durch das Kirchenschiff.

»Nein!«, kreischte die Hure, als ginge es um Leben und Tod, was letztlich wohl zutraf, denn die ganze Prozedur sollte dazu dienen, den Teufel aus ihrem Leib für ewig in die Hölle zu verbannen.

»In nomine patris et filii et spiritus sancti«, bei den lateinischen Worten des Priesters hob Christiane wieder ihren Blick zum Geschehen.

Der Geistliche hielt ein griechisches Kreuz aus Metall über die Besessene, die sich ebenso verzweifelt wie vergeblich dagegen zur Wehr zu setzen versuchte. Auf die Entfernung konnte Christiane nicht erkennen, ob die im Kerzenschein wie flüssiges Gold schimmernde Reliquie tatsächlich das echte Ulrichskreuz, das bedeutendste Heiligtum der Stadt, war oder nur eine sehr gute Kopie.

Da rief der Exorzist aus: »Beim Andenken an Bischof Ulrich von Augsburg und der heiligen Afra, weiche, Gottloser, aus der Seele dieser Frau.«

Beinahe hätte Christiane laut aufgelacht. Wie passend, die heilige Afra von Augsburg in die Teufelsaustreibung einzubeziehen. Immerhin hatte diese Märtyrerin als Dirne in der Stadt gelebt, bevor sie zum christlichen Glauben gefunden und deshalb ein rasches Ende auf einem Scheiterhaufen am Lech genommen hatte. War dies der Hinweis, dass diesem Freudenmädchen der Feuertod drohte, wenn es nicht von seiner Besessenheit geheilt würde?

Plötzlich spürte sie einen Blick auf sich ruhen. Sie drehte sich leicht, sah sich suchend um – und entdeckte ihn schließlich an einer Säule gelehnt unweit des Eingangs. Ihre Augen begegneten sich, und tiefe Röte färbte ihre bleichen Wangen.

Wenn es einen Menschen gab, in dessen Gegenwart sie nicht über Hurerei und Ehebruch nachdenken wollte, dann war dies Georg Imhoff. Denn das war der Mann, dem ihre nächtlichen Träume galten, dessen Aufmerksamkeiten ihr gelegentlich kalte Schauer über den Rücken rieseln ließen und dessen Hände ihre Sehnsüchte in Wallung brachten, selbst wenn seine Finger nur ein Stück Brot brachen. Der Klang seiner Stimme streichelte sie, und die Worte, mit denen er simple Geschichten in wunderschöne Liebesromane verwandelte, verursachten einen regelrechten Sturm der Gefühle in ihrem Innersten.

Sie wusste, dass sie nicht allein war mit ihrer Schwärmerei, denn selbst die Damen der reichen Handelsherren lagen dem berühmten Dichter zu Füßen, und eigentlich sollte ihr diese Erkenntnis das Herz leichter machen – doch seit dem letzten Leseabend ahnte sie, dass es einen Unterschied gab zwischen ihr und anderen Frauen, was ihre Bekanntschaft mit Imhoff erheblich komplizierte.

Obwohl er ein ehemaliger Kommilitone ihres angeheirateten Vetters Sebastian Rehm von der Universität in Ingolstadt war, hatte sie ihn erst durch Severin Meitinger kennengelernt. Der Schriftsteller und der Druckerverleger waren beruflich eng verbunden, die beiden ungleichen Männer – der eine gerade mal dreißig Jahre alt, der andere vierzig Lenze zählend – nannten sich Freunde, und beides führte unweigerlich zu zahlreichen Zusammenkünften.

Bei seinem letzten Besuch hatte der humorvolle, charmante und phantasiebegabte Dichter Christiane einen kleinen Strauß Schneeglöckchen überreicht und gesagt: »Es gibt eine Legende, wonach ein schüchterner Mann die Gegenliebe seiner Angebeteten erreicht, wenn er diese zarten, kleinen Blüten in einem Amulett bei sich trägt. Ich finde es schade, die Blumen zu verstecken. Deshalb gebe ich sie Euch lieber persönlich.«

Und ihr war die Blumensprache eingefallen, wonach Schneeglöckchen »Unwiderstehlich kam unsere Liebe« bedeuteten.

Die Zärtlichkeit von neulich konnte sie heute nicht in seinen Augen erkennen. In seinem Blick lagen Anspannung und Sorge. Die sonst so fröhlich anmutenden Lachfältchen ließen ihn überraschend altern, die Mundwinkel unter dem sandfarbenen Bart zuckten nicht vor Belustigung, sondern vor Abscheu. Kaum merklich schüttelte er den Kopf.

Neben dem Altar schrie die arme Seele – oder vielleicht war es doch der Teufel.

Christiane vermutete, dass Imhoffs unverhohlener Zorn ihrer Anwesenheit bei diesem unwürdigen Schauspiel galt. Er ahnte wohl, dass dies eine Zumutung für eine sensible, junge Frau war. Ihr Gemahl sollte besser auf sie achtgeben, dachte er sicher in diesem Moment. Unter Imhoffs Obhut gestellt, würde sie den Abend sicher nicht in dieser kalten Kirche verbringen und Zeugin eines Prozesses werden, der ihr die Nachtruhe rauben würde. Angesichts seines Verständnisses flog Christianes Herz dem Dichter zu.

Eine abrupte Bewegung neben sich irritierte sie. Sie sah sich um und bemerkte, dass ihr Gatte ebenfalls auf Georg Imhoff aufmerksam geworden war.

Zu ihrer größten Überraschung entdeckte sie in den wässrigen blauen Augen Severin Meitingers, die von seinen schweren Lidern halb bedeckt waren, den Ausdruck ungezügelter Gefühle: Es schien, als sehe er den Teufel in Menschengestalt, er maß den Dämon mit Hass, Zorn und Verachtung.

Einen Atemzug später wandte sich der Druckerverleger wieder dem Altar zu. Sein Gesicht war jetzt wieder so leer wie zuvor.

Er weiß es, dachte Christiane entsetzt. Er weiß, wie es um Georg Imhoff und mich steht.

Als sie nach geraumer Zeit noch einmal wagte, zu der Säule zu schauen, war der Platz des Dichters verwaist.

2

Das Tonzeug flog gegen die Wand. Das Gefäß, in dem Marthas Mann sein Bister aufbewahrte, zerschellte glücklicherweise nicht, so dass nicht gleich alles von der teuren Tinte auslief, aber aus der Öffnung des Fässchens spritzte die goldbraune Flüssigkeit und hinterließ einen Fleckenregen auf dem weiß verputzten Holz neben dem Fenster.

Die Rehmin hob ihren Blick von dem Flickzeug, mit dem sie sich im Licht der einzigen Talgkerze beschäftigte, die sie entzündet hatte und die sowohl zur Beleuchtung ihrer Handarbeit als auch Sebastians Papier dienen musste. Entsetzt starrte sie auf die schmutzigen Tropfen, dann wanderte ihr Blick tiefer, wo das Tintenfässchen über den Boden rollte und schließlich in einer unappetitlich wirkenden Lache liegen blieb. Nun war wohl doch alles verloren, und Sebastian würde gleich morgen früh zur Apotheke eilen, um sich mit seinen notwendigen Schreibutensilien neu einzudecken.

Er tat, als habe es seinen Wutausbruch nicht gegeben. Jedenfalls erschien es Martha so. Wie sonst sollte sie erklären, warum Furcht in seinen Augen lag? Seine Miene war angespannt, die Züge waren bewegungslos. Er schien auf seinem Stuhl zur Salzsäule erstarrt, mit seinen Gedanken Gott weiß wo, aber ganz gewiss nicht in der Stube seiner bescheidenen Wohnung, beobachtet von seiner Frau. Er stierte aus dem Fenster über seinem Schreibtisch, blind gegen alles andere um ihn her – vor allem gegen die Verschwendung, die er angerichtet hatte.

»Was ist nur in dich gefahren?«, herrschte sie ihn an.

In dem Moment begann der kleine Johannes zu greinen. Das polternde Geräusch hatte das Kind geweckt. Es strampelte und schrie in seiner Wiege, die Martha neben den Herd geschoben hatte, in dem die Asche noch glühte und für ein wenig Wärme sorgte.

Unverzüglich sprang sie auf, legte die Flickwäsche beiseite und eilte zu ihrem neun Monate alten Sohn, bevor der durch sein eigenes Geschrei in Atemnot geriet. Johannes litt seit seiner Geburt unter einer Krankheit, welche die Hebamme als »Engbrüstigkeit« bezeichnet hatte und gegen die es keine Heilung zu geben schien. Es gab wohl Arzneien wie Campher, die dem Kleinen ein wenig Linderung verschafften, aber Martha war gezwungen, daran zu sparen, da die Lösung für eine regelmäßige Anwendung viel zu teuer war. Deshalb war sie dankbar, wenn Johannes einmal ohne die Tinktur schlief – und zutiefst verärgert, wenn er geweckt wurde.

Würde sie die Flecken auf der Wand überhaupt mit Wasser abwaschen können?, fragte sie sich, während sie das Kind aus dem Bettchen hob und in ihren Armen wiegte. Nicht auszudenken, wenn sie Farbe kaufen und malern müsste. Allein der Preis für ein neues Tintenfass war gleichzusetzen mit den Kosten für die Arznei ...

»Ach, Sebastian«, seufzte sie. Wie soll es nur werden, wenn unser ungeborenes, zweites Kind auf der Welt ist?, fügte sie in Gedanken hinzu.

Endlich wandte ihr Mann seinen Kopf. Er wirkte ebenso erschrocken wie verstört. Seine Lider flatterten, seine Blicke wanderten unruhig umher, als sei er auf der Suche nach etwas. Dann blieben seine Augen an dem Missgeschick auf der Wand hängen und weiteten sich. Betroffen schlug er die Hände vors Gesicht.

Ihre Wut war verraucht. Sein Anblick hatte etwas Tragisches, und Martha hätte ihn gern getröstet, obwohl sie nicht einmal ahnte, was Sebastian neuerdings umtrieb. Er hatte seine Gelassenheit verloren, seinen Humor ebenso wie seine Freude an den kleinen Dingen, die ihr karges Leben bereichert hatten. Wahrscheinlich war es die fehlende Anerkennung als Schriftsteller, redete sie sich ein, die ihn melancholisch werden ließ. Doch warum er deshalb Tag und Nacht arbeitete, dabei ungewohnt geheimnisvoll tat und seine Papiere in eine Kassette einschloss, wenn er das Haus verließ, war mit Schwermut allein nicht zu erklären. War dieser Eifer nicht eigentlich das Gegenteil der vielen Fehlschläge, die ihn in der Vergangenheit getroffen hatten? Gab es etwa einen Auftrag, über den er nicht sprach, weil er seinem Glück noch nicht traute? Hoffnung flammte in Martha auf. Eine Zuversicht, die sie Sebastian alles verzeihen und sich auf die nächste Geburt in vielleicht sechs oder sieben Monaten freuen ließ.

Sie hätte Sebastian gern in den Arm genommen, konnte sich ihm jedoch nicht mit der gewünschten Zuwendung widmen, weil sie buchstäblich alle Hände damit zu tun hatte, ihren Sohn zu beruhigen. Den kleinen Finger anstelle eines Saugläppchens zwischen die Lippen des Kleinen schiebend, wiederholte sie mit sanfter Stimme und etwas tiefer als zuvor: »Was ist nur in dich gefahren?«

»Ich habe den Teufel gesehen«, flüsterte Sebastian Rehm. Er nahm die Hände vom Gesicht und schüttelte den Kopf, als könne er es selbst nicht glauben. »Vor dem Fenster stand Satan in einem schwarzen Pelz.«

»Unsinn«, widersprach Martha, »das bildest du dir ein. Du bist ein erwachsener Mann und benimmst dich, als wärst du nur wenig älter als Johannes. Hast Angst vor dem schwarzen Mann wie ein Kind. Dabei war das bestimmt nur ein Herumtreiber, der sich einen Spaß daraus macht, anständige Bürger des Nachts zu erschrecken.«

Jenseits der Haustür polterte etwas. Es klang, als würde ein großes Fass die Gasse entlanggerollt.

Sebastian fuhr zusammen und zitterte. »Hörst du’s? Der Teufel ist gekommen, um mich zu holen ...« Seine Stimme brach ab.

Als sie ihn geheiratet hatte, war ihr bewusst gewesen, dass sein Verstand phantasiebegabter war als der eines Handwerkers. Ein gelehrter Schriftsteller war eine andere Kategorie Mann. Die Einfälle, die ihn am Anfang ihrer Verbindung geleitet hatten, mochten manchmal verstiegen geklungen haben, aber Martha hatte gerade das an ihm fasziniert. Natürlich hatte sie ihr Oheim Hans Walser, der Stadtbrunnenmeister, vor den Gefahren des Irrsinns gewarnt – man wusste ja um die labile Gesundheit mancher geistreicher Menschen: Hatte nicht sogar Walther von der Vogelweide einst unter Melancholia und Mania gelitten? Nicht Sebastian, flehte Martha im Stillen, nicht mein Mann.

Sein flackernder Blick wanderte wieder zu den Tintenflecken an der Wand. »Verzeih mir, Martha, aber ich musste mich gegen den Teufel verteidigen.«

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Johannes war eingeschlafen und röchelte leise, aber sie konnte sich nicht über die Ruhe des Kindes in ihren Armen freuen. »Es war niemand am Fenster!«, erklärte sie, und jedes Wort klang wie ein Hilfeschrei.

Ein leises Lachen entrang sich Sebastians Kehle. »Martin Luther hat auch einmal mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen, wusstest du das? Nein, natürlich nicht«, beantwortete er sich seine Frage unverzüglich selbst, »wie solltest du? Katholiken wissen nicht, was damals auf der Wartburg geschah.«

»Dir ist nicht wohl, mein Liebster, du scheinst mir überarbeitet zu sein. Geh zu Bett.«

»Die Arbeit«, seine Hand fächerte die eng beschriebenen Bögen auf der Schreibtischplatte auf. »Ich kann die Arbeit nicht liegenlassen ...«

»Aber morgen ...«

»Nein!« Plötzlich veränderte sich seine Miene, und Sebastians irrer, verschwommener Blick löste sich auf. Er sah Martha ernst an, die Augen klar wie ehedem. »Es sind nur Schwindel und Kopfschmerzen, keine große Sache. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe ... Wahrscheinlich war das irgendein Tier in schwarzem Pelz vor dem Fenster. Oder herumstreunendes Gesindel, ganz wie du gesagt hast. Nichts als Einbildung.« Ohne ein weiteres Wort über seine Wahrnehmung zu verlieren, erhob er sich und bückte sich nach dem Tongefäß mit der ausgelaufenen Tinte.

Martha sah ihm schweigend zu. Sie befürchtete, der seit Tagen anhaltende Drehwurm könnte ihm vom Kopf in die Beine fahren und ihn niederstrecken, sobald er eine falsche Bewegung machte, doch sie hielt ihn von seinem Vorhaben nicht ab. Tu so, als sei alles in Ordnung, flüsterte ihr eine innere Stimme zu. Doch sie ahnte, dass überhaupt nichts in Ordnung war. Sie kannte nur den Feind noch nicht, gegen den sie würde ankämpfen müssen.

Sebastian hob das Tintenfässchen auf und wischte mit einem Tuch, das er aus seinem Wams zog, halbherzig über die Bisterlache am Boden. Anschließend setzte er sich wieder hin und begann, über seinen Schriftstücken zu brüten.

Wenn sie nur wüsste, überlegte Martha, warum Sebastian so verzweifelt war.

3

»Angeblich konnten der armen Person bis zu dreißig Teufel ausgetrieben werden«, schloss Christiane ihren Bericht. »Es hat keiner der Zuschauer etwas davon bemerkt, man muss sich dabei auf die Behauptung des Priesters verlassen, aber der war sich seiner Sache sicher.«

»Und du glaubst natürlich nichts, was du nicht selbst in Augenschein genommen hast?«, bemerkte Martha.

»Ach, es war grässlich. Das ist das Einzige, was ich wirklich weiß.«

Entschlossen, als könnte sie mit einer energischen Geste die Erinnerung an den vergangenen Abend auslöschen, zog Christiane das Laken in ihren Händen glatt, faltete es zusammen und legte es auf den Stapel sauberer Wäsche, die Martha zuvor von der Leine genommen und zum großen Teil bereits aufgeräumt hatte.

Angeblich auf dem Weg zu Besorgungen, war Christiane wie ein frischer Wind bei ihrer nur wenig älteren Cousine hereingeweht. Ihre Ausrede war eine Lüge, denn die Meitingerin tätigte ihre Erledigungen nicht in der Unterstadt. Aber auf diese Weise konnte sie behaupten, zufällig auf die venezianischen Marzipannaschereien gestoßen zu sein, die Martha so mochte und die sie gekauft hatte, weil sie unerschwinglich für die Rehmin waren. Christiane war stets bemüht, Martha eine Freude zu bereiten, doch stellte sie ihre Mildtätigkeit so dar, als wären ihre Einkäufe nur eine kleine Gefälligkeit; sie versuchte, der anderen jede Peinlichkeit zu ersparen.

Deshalb fragte Christiane auch nie, was etwa aus der Bahn Tuch geworden war, die sie Martha neulich hatte zukommen lassen. Eigentlich hatte Severin Meitinger den edlen Stoff für ein neues Kleid seiner Frau erworben, aber Christiane hatte ihn heimlich zerschnitten und mit Martha geteilt. Für sie würde ein Rock daraus geschneidert werden, Martha hatte damit wahrscheinlich eine gefüllte Speisekammer finanziert. Zwar hätte sie auch ihrer Cousine eine bessere Garderobe gewünscht, doch es war ihr egal, was diese aus ihren Geschenken machte – Hauptsache, sie konnte ihr eine Freude bereiten. Und dafür war Meitingers Großzügigkeit gerade recht.

Severin machte sich nicht viel aus Kleidung und Schmuck, wenn es um seine eigene Person ging, aber er geizte nicht daran, seine erst zwanzigjährige Gemahlin mit allem auszustaffieren, was es für Rheinische Goldgulden zu kaufen gab. Freilich ahnte Christiane, dass er nicht allein ihretwegen so freigebig war, sondern aus Gründen des eigenen Ansehens: Seine an sich selbst praktizierte Bescheidenheit ließ leicht Gerüchte aufkommen, seine Geschäfte gingen nicht so gut. Also musste der schöne, schlanke Körper seiner jungen Frau als Mittel zum Zweck dienen und beweisen, dass der Verkauf in der Druckerei Meitinger hergestellter Ritterromane, Schwanksammlungen und Ratgeber für alle Lebenslagen ganz vortrefflich lief. Glücklicherweise erkundigte er sich nur halbherzig, welche Kosten seine junge Gattin für den Haushalt oder sich selbst aufwendete. Er gab ihr Geld, machte ihr Präsente und ging ihre Abrechnungen dermaßen desinteressiert durch, dass Christiane in der Lage war, Martha an ihrem eigenen Wohlstand ein wenig teilhaben zu lassen.

In der bescheidenen Stube der Rehms wirkte sie wie ein Paradiesvogel unter gewöhnlichen Sperlingen. Wie bei jedem Ausgang hatte sie gegen die noch immer herrschende feuchte Winterkälte eine Husseke mit Marderbesatz um ihre Schultern gelegt, die ein kleines Vermögen gekostet hatte, zu dem der silberne Verschluss am Hals beitrug. Nach ihrem Eintreten hatte sie den Mantel abgestreift und scheinbar achtlos über die Wiege geworfen – hoffend, dass sie auf diese Weise ihren kleinen, hüstelnden Großcousin ein wenig wärmte.

Obwohl Martha nicht annähernd die vornehme Ausstrahlung Christianes besaß, war die Familienähnlichkeit an den schmalen Gesichtern mit den hohen Wangenknochen, ihren kleinen Nasen und den großen, bernsteinbraunen Augen erkennbar. Christianes wohlgeordnetes Haar, das sie unter eine perlenbesetzte Kalotte gesteckt trug, leuchtete indes wie poliertes Kupfer, während Marthas Frisur ein Wirrwarr aus mahagonifarbenen Locken war. Auch sah man Christianes vollem Mund eine gewisse Zufriedenheit an, Marthas Lippen dagegen waren in viel zu kurzer Zeit schmal geworden.

»Georg Imhoff war kurz in der Kirche«, brach es plötzlich aus Christiane heraus. »Aber er ist rasch wieder verschwunden. Ich wünschte ...«, ihre Hände nestelten ungewohnt nervös an der geflickten Stelle einer Windel. »Ach, Martha, ich habe mir gewünscht, ich könnte mit ihm gehen.«

Ihre Cousine missverstand Christianes Bemerkung. Ob bewusst oder unabsichtlich, konnte sie nicht sagen. Jedenfalls antwortete Martha leichthin: »Das kann ich mir vorstellen, nachdem du die Teufelsaustreibung als solche Tortur empfunden hast.«

Christianes Finger zogen und zerrten an einem losen Faden. Während sie noch überlegte, ob sie Martha in ihre geheimsten Gefühle einweihen sollte, hörte sie die andere plaudern: »Sebastian und ich sind gestern Nachmittag zufällig an seinem neuen Haus vorbeigekommen. Ich finde ja auch, es ist ein wenig zu prunksüchtig, doch Sebastian war außer sich, weil er die Selbstdarstellung unseres Freundes als schamlos empfindet.«

»Du meinst, weil er das Mauerwerk mit seinen eigenen Texten beschreiben ließ, als wäre es aus Bütten?« Christiane brauchte die Antwort nicht abzuwarten, denn es war klar, dass Martha von dem Fassadenfresko gesprochen hatte. Deshalb fuhr sie nach einer kleinen Gedankenpause fort: »Na ja, andere Hauseigentümer entscheiden sich für bildliche Allegorien der Antike. Wahrscheinlich wollte Georg Imhoff etwas ganz Spezielles, Eigenes als Zierde haben.«

»Das ist ihm jedenfalls gelungen«, murmelte Martha und nahm Christiane das Wäschestück aus den Fingern, bevor der Faden vollständig aufgelöst war.

Nachdenklich betrachtete Christiane ihre nun untätigen Hände. »Es muss schrecklich für deinen Sebastian sein zuzuschauen, wie der Freund aus Studientagen ein berühmter Dichter wird und er selbst das Nachsehen hat. Dabei sind Sebastians Verse bestimmt nicht schlechter als die von Georg Imhoff.«

»Wie heißt es so schön? Machst du’s gut, geht’s dir gut, machst du’s schlecht, geht’s dir schlecht. Offenbar macht Imhoff es besser.«

Die Bitterkeit in Marthas Stimme verwundete Christiane wie ein giftiger Pfeil. Niemals hätte sie geglaubt, dass Martha an ihrem geliebten Mann zweifeln könnte. Für Sebastian Rehm Partei ergreifend, hob sie an: »Aber das ist nicht wahr, und du weißt das. Sebastian schreibt sehr schön ...«

»Ja, die Liebesbriefe, die er im Auftrag deines Gatten verfasst, damit wir wenigstens einen geringen Lebensunterhalt haben. Wirkliche Dichtkunst ist Sebastian schon lange nicht mehr aus der Feder geflossen.«

Darauf hatte Christiane keine Antwort. Stumm beobachtete sie ihre Cousine, die mit trotziger Energie alltägliche Handgriffe verrichtete. Ungeachtet ihrer Besucherin räumte Martha die saubere Wäsche in eine Kommode und wandte sich anschließend dem Inhalt eines Topfes zu, der leise auf dem Herd köchelte. Es duftete schwach nach Kohl. Christiane nahm an, dass die Suppe noch nicht lange aufgekocht war, weil es sich Martha nicht leisten konnte, das Feuer anzufachen. Ebenso hilflos wie traurig über den erbärmlichen Zustand dieses Haushalts trat sie an die Wiege, wo der kleine Johannes mit geröteten Bäckchen glücklich unter ihrer Husseke schlief.

»Warum versucht ihr nicht, eine Unterkunft in der Fuggerei zu finden? Die Siedlung ist schließlich angelegt worden, um Familien wie deiner zu helfen. Die Wohnungen sollen angenehm sein, und die Miete ist erschwinglich. Außer einem Rheinischen Gulden per annum und ein paar Gebeten für Jakob den Reichen und die anderen Fugger im Jenseits wird keine Gegenleistung erwartet.«

»Sebastian ist Protestant, hast du das vergessen? Die Fugger nehmen nur in Not geratene, fleißige Katholiken in ihrer Stiftung auf, für unsereins ist da kein Platz.«

Aber so leicht ließ sich Christiane nicht von ihrer Idee abbringen: »Ich habe gehört, dass Protestanten unter bestimmten Bedingungen durchaus Einlass finden können. Vater ist gerade damit beschäftigt, einen Brunnen für die Fuggerei zu bauen. Er würde sich sicherlich einsetzen ...«

»Das glaubst du doch selbst nicht«, gab Martha nüchtern zurück. Sie griff nach einem hölzernen Kochlöffel und rührte eine Weile nachdenklich in dem Topf, sagte aber nichts mehr.

»Na ja, du hast wahrscheinlich recht. Vaters Meinung über Sebastian ist so fest wie die Wasserleitungen, die er baut. Aber Meitinger ist mit Conrad von Hallensleben gut bekannt, dem Bibliothekar Anton Fuggers. Ich bin sicher, er würde ...«, Christiane brach ab, weil sie feststellte, dass Martha ihr nicht zuhörte, sondern die Kelle aus der Suppe hob und probierte.

»Hm«, machte Martha und neigte nachdenklich den Kopf. »Da fehlt etwas. Möchtest du kosten, Christiane?«

Eigentlich wollte sie das nicht, doch das sagte sie der anderen nicht. Als sei dies das köstlichste Mahl der Welt, trat sie näher und senkte den Kopf über den Löffel. Es fehlte an allem. Seltsamerweise roch die Suppe nach Kohl, sie schmeckte jedoch nach Wasser.

»Vielleicht könntest du ein wenig Salz hinzufügen«, schlug Christiane zaghaft vor.

»So ein teures Gewürz für eine so billige Suppe?«

Schweigend zuckte Christiane mit den Achseln.

Martha probierte noch einmal, dann lächelte sie versöhnlich. »Du hast ja recht. In jeder Beziehung. Ach, Christiane, ich bin so froh, dass ich mir dich anvertrauen kann. Sei mir bitte nicht böse, wenn ich ausgerechnet zu dir mürrisch bin.«

»Deine Sorgen nehmen überhand, da ist schlechte Laune doch verständlich«, erwiderte Christiane und legte den Arm um die Schultern ihrer Cousine. »Dennoch solltest du ...«

Martha winkte ab. »Die Fuggerei ist nichts für Sebastian. Er würde nie zugeben wollen, dass er auf Almosen angewiesen ist. Dabei wäre ich schon froh, wenn wir wenigstens die medizinische Versorgung der Stiftung in Anspruch nehmen dürften. Die soll nämlich gut sein, hat Georg Imhoff mal erzählt. Sie haben da ein Schneidehaus für Operationen und das Holzhaus, in dem die Französische Krankheit behandelt wird ...«

Christiane schnappte nach Luft. »Leidet etwa ...?«

»Nein, nein, so schlimm ist es nicht. Aber seit kurzem plagen Sebastian Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel. Ich mache mir Sorgen, dass er ernsthaft erkrankt ist.«

»Es wird schon nicht so schlimm sein. Das Wetter tut zurzeit keinem gut.«

Martha lehnte ihre Wange gegen Christianes Gesicht. »Das ist nicht alles, weißt du, er ist ausgezehrt, übellaunig und verschlossen«, gestand sie so leise, dass Christiane Mühe hatte, die Worte zu verstehen. »Er sieht sogar den Teufel in der Nacht am Fenster vorbeiziehen.«

»Vielleicht ist er bloß überarbeitet«, erwog Christiane.

»Ja, möglich. Neuerdings schreibt Sebastian sogar in der Nacht, und ich habe nicht die geringste Ahnung, welches Werk er da verfasst. Er ist wie besessen. Wenn ich ihn frage, winkt er ab. Früher hat er mir seine Texte immer vorgelesen ...«, ihre Stimme erstarb.

»Nun, es bewegt ihn halt ein zündender Einfall, über den er noch nicht sprechen möchte. Das kann doch sein, oder?«

»Ich weiß nicht ... zufällig fand ich heute Morgen einen begonnenen Brief an einen Mann in Frankfurt. Weiß der Himmel, was Sebastian von dem will. Mehr als verehrter Herr Delius und ein paar belanglose Einleitungssätze habe ich jedoch nicht lesen können. Es war halt nur ein Entwurf.«

»Nun, ja, er könnte eine Bekanntschaft gemacht haben, die ...«

»Davon wüsste ich!«

»Männer tun Dinge, von denen sie ihren Frauen nichts sagen. Das ist der Lauf der Welt. Deshalb brauchst du dir keine Sorgen zu machen.« Ihr Trost klang selbst in Christianes Ohren ziemlich unglaubwürdig, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, mit welchen Worten sie Martha sonst helfen sollte. Andererseits war es bei aller Offenheit ihres Verwandten sicher möglich, dass er einen Brief aufsetzte, über dessen Inhalt er seine Frau erst im Nachhinein informierte.

Eine Weile herrschte nachdenkliches Schweigen zwischen den Cousinen, dann fragte Martha plötzlich: »Sag mal, woher hat Georg Imhoff eigentlich so viel Geld? Er schreibt doch nur alberne Geschichten. Ich meine, er ist nicht Ariosto und dient keinem Herrscherhaus. Wieso kann er sich einen Lebensstil leisten, der dem eines Handelsherrn ähnlich ist?«

»Keine Ahnung. Bisher dachte ich, Erfolg drückt sich auch in Geld aus.«

»Seit wann werden Schriftsteller am Verkaufserlös ihrer Bücher beteiligt?«

»Ja, das ist unüblich, sicher, aber vielleicht hat er trotzdem eine solche Vereinbarung mit Meitinger getroffen. Möglicherweise erhält er auch ein Dedikationshonorar. Ich glaube gehört zu haben, dass er seinen letzten Roman einer hochgestellten Dame widmen wollte.«

»Also gibt es da gewisse Nebeneinkünfte«, resümierte Martha hoffnungsfroh. Sie sah Christiane flehend in die Augen. »Vielleicht gibt es ja eine Geldquelle, die Sebastian bislang verborgen blieb. Das wäre doch möglich, oder? Willst du mir helfen herauszufinden, worum es sich dabei handelt?«

Das wollte sie ganz gewiss nicht, denn sie würde nicht in Georg Imhoffs Angelegenheit schnüffeln. Christiane wich Marthas Blick aus. »Meitinger spricht mit mir nicht über seine Geschäfte ...«, hob sie an.

Außerdem konnte sie sich kaum vorstellen, dass ihre Nachforschungen von Nutzen für die Familie Rehm sein könnten. Es gab feste Regeln im Druckergewerbe, nach geheimen Finanzierungen zu fahnden, erschien Christiane deshalb vollkommen sinnlos. Wenn sich Martha an Hirngespinste klammerte, stand es noch schlechter um sie und Sebastian, als Christiane befürchtet hatte. Die Geschichte mit der Teufelserscheinung verdrängte sie rasch wieder. Das wollte und konnte sie sich nicht vorstellen. Nicht nach dem erlebten Exorzismus an dem Freudenmädchen.

»Ach, dann frage ich Georg Imhoff eben selbst«, unterbrach Martha ihre Gedanken. »Er kommt in letzter Zeit öfter vorbei. Neulich brachte er mir Schneeglöckchen mit. Sieh nur, wie hübsch die Blumen sind.«

Christiane spürte zu ihrem Entsetzen, wie sich die Eifersucht in ihrem Körper ausbreitete wie ein Flächenbrand unter Holzbuden. Ihr wurde heiß, und sie hätte gern darauf verzichtet, die zarten weißen Blütenkelche anzuschauen, die Martha hübsch auf dem Tisch unter dem Fenster dekoriert hatte. Dennoch tat sie ihrer Freundin den Gefallen und bewunderte Georg Imhoffs Geschenk. Als sie die Stube betreten hatte, war es ihr seltsamerweise nicht aufgefallen.

Die Schneeglöckchen standen auf Sebastians Arbeitsplatz, den Christiane selten mehr als eines flüchtigen Blickes würdigte. Jetzt aber nahm sie das Arrangement wahr, als würde sie es durch das Glas eines Lesesteins betrachten: die kleine Tonvase neben dem Tintenfass aus Metall, mehrere Schreibfedern in einer zerbeulten Zinnschale, zwei Papierstapel, der höhere davon aus billigem Hadern, der niedrige war als feineres Bütten erkennbar.

Die Blumen ließen das Arrangement freundlich und einladend erscheinen. »Ja«, bestätigte sie leise, »sehr hübsch.«

Der Zauber, der ihr eigenes Sträußchen umgeben hatte, war zerbrochen.

Frankfurt am Main,
zur selben Zeit

4

»Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten Mächten, denn es ist keine Macht außer von Gott und die bestehenden sind von Gott verordnet ...«

Wolfgang Delius blickte von dem Buch auf, aus dem er gerade gelesen hatte, und in die Runde seiner aufmerksamen Zuhörer. Etwa zwei Dutzend Herren hatten sich in seinem Offizin im Schatten der Leonhardskirche versammelt, Männer in den Talaren der Gelehrten, Buchführer und Bibliothekare. Verglichen mit den Tausenden von Verlegern, Druckern, Händlern und Kunden, die sich zur Fastenmesse in der Buchgasse aufhielten, eine verschwindend geringe Zahl. Für ihn persönlich jedoch ein Erfolg, denn dies war seine erste Veranstaltung als Verleger.

Er hoffte inständig, sich als Erbe seines berühmten Vaters würdig zu erweisen. Dabei war für ihn eigentlich ein anderer Weg vorgesehen gewesen: Er hatte in Marburg Jurisprudenz studiert und beabsichtigt, als Fürsprecher zu arbeiten, doch im Januar waren sein Vater und sein älterer Bruder bei einem Schiffsunglück auf dem Main ums Leben gekommen – und plötzlich hatte er die Privilegien des alten Delius erhalten. Es war ihm nichts anderes übriggeblieben, als mangels eigener Kenntnisse und Zunftmitgliedschaft einen Druckermeister einzustellen und die verlegerische Seite des Geschäfts zu übernehmen. Die Tatsache, dass sein Vater vor allem religiöse Bücher oder antike Schriften im Nachdruck veröffentlicht hatte, kam seinem eigenen literarischen Geschmack entgegen.

Umso wertvoller war seine langjährige freundschaftliche Verbindung zu einem Rechtsgelehrten wie Bernhard Ditmold, der als Rat am Reichskammergericht zu Speyer tätig war. Dessen neuestes Buch wurde heute in Delius’ Gewölbe vorgestellt.

»Der eben zitierte Gedanke des Paulus von Tarsus«, fuhr Wolfgang mit seiner tiefen, melodischen Stimme fort, »wurde von Martin Luther aufgegriffen und findet Widerhall in der Peinlichen Gerichtsordnung des Kaisers. Von dieser Verbindung handelt das Werk von Bernhard Ditmold.«

Er verneigte sich und trat vom Pult fort, um Platz für den nächsten Redner zu machen. Höflicher Beifall verabschiedete ihn und begrüßte den Autor, der mit einem Nicken vortrat. Bernhard Ditmold war kleiner als sein einstiger Studienfreund Delius, der ihn um Haupteslänge überragte, besaß helleres Haar und einen Bart. Wolfgang setzte seine ganze Hoffnung auf das Werk des einstigen Kommilitonen, denn da in Augsburg gerade der Reichstag über die Rechte der Protestanten entschied, erschien ihm ein Buch angemessen, dessen Inhalt die Verbindung zwischen Paulus, den Thesen Martin Luthers und der Carolina Seiner Kaiserlichen Majestät aufstellte. Er war sicher, dass dieses Werk zu schriftlichen Antworten anderer Gelehrten aufforderte, die zur nächsten Buchhändlermesse erscheinen und den Verkauf von Ditmolds Buch dann noch einmal ankurbeln würden.

Während der Lesung lehnte sich Wolfgang gegen eines der mit Folianten vollgestopften Regale, die über die gesamten Wandflächen gebaut waren, dankbar, seinen schmerzenden Rücken ein wenig entlasten zu können.

In den vergangenen Tagen war er nahezu ständig auf den Beinen gewesen. Jede Stunde war ausgefüllt mit Erledigungen, der Bearbeitung von Registerbüchern, Aufträgen und der Kontaktpflege, dem Einkauf von Papier und neuer Bleilettern. Die Geschäfte wurden nicht nur in den Gewölben am ehemaligen Kornmarkt und am Hafen getätigt, wo die Fässer mit den Buchbögen entladen wurden, sondern auch in den Schänken, was dem jungen Verleger die Nachtruhe raubte. In den Wirtshäusern herrschte während der Buchhändlermesse zwei Mal im Jahr Hochbetrieb, denn Wolfgang Delius war nicht der Einzige, der einen Handel gerne begoss. Er beließ es jedoch bei einem Schoppen Apfelwein und folgte seinen unternehmungslustigen Kunden nicht in die Freudenhäuser, wo ein regelrechter Ansturm zu verzeichnen war, zumal der Rat zu Messezeiten nicht nur die Hurerei erlaubte, sondern auch die Polizeistunde aufhob.

An Schlaf war trotz der Abstinenz nicht zu denken, auch die restliche Nacht verlangte in der Regel Wolfgangs Aufmerksamkeit: Die Konten mussten ausgeglichen werden, was endlos scheinende Stunden kostete, in denen er die Kredite herausschrieb, die sein Vater den Buchführern zur Michaelismesse gewährt hatte und die nun fällig wurden; neue Darlehen wurden notiert, die entsprechend dem üblichen periodischen Zahlungsziel im September zurückgezahlt werden sollten. Das alles kostete Kraft, und entsprechend müde fühlte er sich, obwohl er jünger war als die meisten seiner Kollegen, aber vielleicht waren die erfahreneren den Handel, hochtrabende Gespräche, Trinkgelage und Hurerei mehr gewohnt als er. Bis zum Ausläuten waren es noch gut zwei Wochen hin – wie würde er sich wohl fühlen, fragte er sich, wenn er seine erste Buchhändlermesse als Verleger endlich hinter sich gebracht hatte?

Bernhard Ditmolds sonore, an Vorträge gewöhnte Stimme trug dazu bei, dass Wolfgang am liebsten die Augen geschlossen und sich ganz den vertrauten Tönen hingegeben hätte, die ihn einzulullen drohten. Aus Furcht, trotz der interessanten Inhalte einzuschlafen, konzentrierte er seine Gedanken auf das Tagesgeschäft.

Die Post hatte heute ein seltsames Schreiben aus Augsburg, adressiert an seinen Vater, gebracht. Da ihm der Absender nicht bekannt war, hatte er die Beförderungsgebühr nur halbherzig bezahlt. Im Nachhinein erschien ihm das Geld sogar schlecht investiert, denn offensichtlich handelte es sich bei dem Absender um einen Mann, der vom Wahnsinn befallen war.

Obwohl er den Brief nicht vor sich hatte, war ihm der Wortlaut wegen seiner Eigenartigkeit vertraut, als würde er die steile Handschrift auf dem billigen Papier vor sich sehen:

»Sehr verehrter Herr Delius,

ohne Eure Zeit über Gebühr in Anspruch nehmen zu wollen, erlaube ich mir, mein Anliegen in Erinnerung zu rufen.

Im Januar sandte ich ein Manuskript zu Euren Händen. Ich bat um Eure Aufmerksamkeit, und ich entschuldige mich auch für die Zeit, die ich Euch damit raube. Aber schon auf den ersten Seiten wird ein gebildeter Mann wie Ihr erkennen, um welch brisantes Werk es sich handelt. Ich bin sicher, Ihr wisst um die Wichtigkeit, vermisse jedoch Eure Antwort auf mein Schreiben. Wahrscheinlich seid Ihr erstarrt vor so viel Impertinenz.

Das könnte ich wohl verstehen, wenn die Angelegenheit, wie ich berichtet hatte, nicht von äußerster Wichtigkeit wäre. Es geht um Leben und Tod. Ich bitte Euch um Euer Eingreifen – im Namen der gesamten Christenheit.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Euer Diener Sebastian Rehm.«

Wolfgang hatte den Nachlass seines Vaters noch nicht vollständig aufgearbeitet, da er sich zwischenzeitlich mit den aktuellen Vorbereitungen zur Buchhändlermesse befassen musste. Dennoch war er überzeugt, dass ein »brisantes Werk« nicht unentdeckt geblieben wäre. Wahrscheinlich hatte sein Vater das Manuskript des unbekannten Herrn Rehm aus Augsburg in den Kamin geworfen.

»Im Namen der gesamten Christenheit« – der Mann war entweder ein Hochstapler oder verrückt.

Dummerweise drohte sich die Sache trotzdem in Wolfgangs Hirn einzunisten wie eine Laus auf seinem Kopf. Obwohl sich sein Verstand dagegen zur Wehr setzte, packte Sebastian Rehms Brief seine Neugier. Andererseits gab es derzeit Wichtigeres zu tun, als sich mit einem mysteriösen Werk zu befassen, das sich als Trugbild herausstellen könnte – als ein in der Wahnvorstellung eines Irren verfasstes Manuskript, das wahrscheinlich jeglicher Realität entbehrte.

Um Leben und Tod geht es immer, dachte Wolfgang grimmig. Irgendwie handelt jede Schrift davon, gleichgültig welchen Alters und welchen Inhalts.

Wolfgang entschied, den Brief unbeantwortet zu lassen. Was hätte er auch schreiben sollen? Dass Herr Rehm vorbeikommen und in Ermangelung des genannten Manuskripts andere Proben seines Könnens vorlegen sollte? Das kam nicht in Frage. Delius gehörte nicht zu den Verlegern, die Auftragsarbeiten an unbekannte Autoren vergaben. Buchdrucker, die vornehmlich Unterhaltungsliteratur herstellten, beschäftigten häufig eine ganze Schar von Schriftstellern, welche die beliebten Ritterromane verfassten. Aber das war nun einmal nicht sein Metier, und ein Dichter, der dermaßen penetrant auf sich aufmerksam zu machen versuchte, war mit Sicherheit kein Angestellter für ihn. Wenn ihn ein Rechtsgelehrter oder Kirchentheoretiker um einen Broterwerb als Lektor gebeten hätte – ja, eine derartige Zusammenarbeit hätte er sich vorstellen können. Das Anliegen des Herrn Rehm schien indes indiskutabel ...

Eine zarte Berührung am Arm schreckte ihn auf.

Offensichtlich war er über seine Gedanken eingenickt. Er fuhr zusammen und sah sich verlegen um. Hoffentlich hatte niemand seine Unhöflichkeit bemerkt.

»Amalie!«, entfuhr es ihm nicht ohne Vorwurf, als er den Störenfried erkannte – seine Schwägerin, die Witwe seines verstorbenen Bruders. Er neigte den Kopf leicht in Richtung des Vortrags, um ihr deutlich zu machen, dass sie nicht nur ihn selbst, sondern auch die anderen Zuhörer behelligen könnte.

Die auf diese Weise stumm Gescholtene kümmerte sich jedoch nur insofern um die Lesung Bernhard Ditmolds, als sie die Stimme senkte, um Wolfgang anzusprechen: »Der Illustrator schickt mich. Es gibt Probleme mit dem Goldaufrieb der Bibel-Ausgabe. Kannst du bitte kurz nach dem Rechten sehen.«

Amalie Delius, geborene Ammann, war eine ebenso ansehnliche wie tatkräftige junge Frau. Als Tochter eines Buchbinders war die hübsche Blonde eine unschätzbare Hilfe in der Werkstatt und im Gewölbe, da sie mit den Mechanismen des Buchdrucks und -handels von klein auf vertraut war. Wolfgang war überzeugt, dass sie das Erbe seines Vaters ohne weiteres hätte allein antreten können, und mehr als einmal hatte er darüber nachgedacht, sie zur Frau zu nehmen. Die Hochzeit war bei verschwägerten Paaren nach einem Todesfall nicht ungewöhnlich, vermutlich warteten Verwandtschaft und Angestellte bereits auf die freudige Nachricht. Dennoch zögerte er, ihr Avancen zu machen.

Er neigte sich zu ihr, wobei ihr Duft seine Nase kitzelte: Veilchen und der weiche Moschus einer Frau. Unwillkürlich überlegte er, wie es wohl wäre, neben ihrem weiblich wirkenden Körper, den nicht einmal Korsett und Reifrock verbergen konnten, zu ruhen und aufzuwachen.

Unsinn, schalt er sich im nächsten Moment, du bist müde, Junge, denke nicht dauernd ans Schlafen!

»Es wäre unhöflich, wenn ich die Lesung verließe«, flüsterte Wolfgang in das entzückende kleine Ohr, über das sich die goldenen Locken seiner Schwägerin kräuselten. »Geh und vertrete mich, manchmal bist du ein besserer Verleger, als ich es je sein werde. Du bist sehr geschickt im Umgang mit den Leuten der Druckerei, Amalie.«

Sie errötete tugendhaft. Das strahlende Lächeln, das sie ihm schenkte, strafte ihre rosafarbenen Wangen jedoch Lügen, denn in ihren Zügen wetteiferten Stolz und Selbstbewusstsein.

Diese Frau hat es faustdick hinter ihren süßen Ohren, dachte Wolfgang amüsiert.

»Wenn du meine Einmischung wünschst, Schwager«, erwiderte sie sittsam, »werde ich dem nicht widersprechen«, und fügte nach einer winzigen Pause keck hinzu: »Ich hoffe, du kannst derweil das Registerbuch mit den Verkäufen von Herrn Ditmolds Buch füllen, so dass sich dein Fernbleiben von der Werkstatt lohnt.«

Sein Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen. »Davon wäre ich überzeugt, wenn du unsere Gäste nicht weiter mit deinem Gemurmel stören würdest.«

Darauf zwinkerte ihm Amalie fröhlich zu, raffte den Rock ihres Trauerkleides und rauschte beschwingt hinaus – ganz so, als sei sie nur gekommen, um sich ein Lob von ihm abzuholen.

Wolfgang sah ihr nach, und die Vermutung ging ihm durch den Kopf, dass sie wahrscheinlich bereits alle Probleme mit dem Buchmaler gelöst hatte und nur eine Art Absolution für ihr Handeln von ihm erwartete. Schließlich musste sie bei ihrem Erscheinen damit gerechnet haben, dass er unabkömmlich war. Eine tatkräftige Frau also, die trotzdem auf die Form achtete. Sie war fraglos die Richtige, die Druckerei wenigstens in seiner Abwesenheit selbständig zu leiten. Dass er wie die meisten anderen Verleger und Buchführer zwischen den Verkaufsmessen auf Reisen gehen würde, stand außer Frage. Das gehörte zu seinem neuen Beruf.

Ich werde sie heiraten, beschloss er.

Schade, dass er die Trauerzeit abwarten musste. Diese dauerte länger als die Fastenmesse, so dass er seine für den Mai geplante erste geschäftliche Fahrt nach Venedig noch als Junggeselle antreten würde. Aber zur Herbstmesse könnte er mit Amalie verlobt sein ...

Plötzlich fiel ihm ein, dass ihn seine Reise in den Süden über Augsburg führen würde. Ein seltsames Zusammentreffen mit dem Schreiben des unbekannten Verrückten? Wohl eher nicht, sagte ihm die Vernunft. Denn die Reichsstadt am Lech war eine Drehscheibe des Buchhandels mit Süddeutschland, Tirol und Italien. Trotzdem wurde Wolfgang Delius das Gefühl nicht los, durch Sebastian Rehm in einem seltsamen, unsichtbaren Spinnennetz gefangen zu sein.

Augsburg,
Anfang April 1555

5

Das Haus in der Katharinengasse, in dem Christiane seit ihrer Hochzeit lebte, unterschied sich von dem der Rehms ebenso deutlich wie der Habitus der beiden Cousinen. Es befand sich seit langem im Familienbesitz, und Severin Meitinger hatte es samt Werkstatt von seinem Vater übernommen. Der greise Titus Meitinger wohnte inzwischen zurückgezogen in einem Raum unter dem Dach, beherrschte aber oftmals allein durch seine stille Anwesenheit den Alltag in dem ansehnlichen, zweistöckigen Gebäude in bester Gegend der Oberstadt. Und wenn er nicht durch Gesten und vieldeutige Augenaufschläge seine Meinung zum Besten gab, dann mittels lautstarker Vorwürfe.

Diese richteten sich meist gegen seine neue Schwiegertochter. Sie sei zu jung, zu lebendig, zu wissbegierig. Mit dieser Beschreibung unterschied er sich kaum von der ihres Vaters, der eine gewisse Verehrung durch den alten Druckerverleger erfuhr, weil der Stadtbrunnenmeister Walser ein hoch angesehener Bürger und seine Tochter daher eine gute Partie war.

Christiane wusste wenig über ihre Vorgängerin, aber sie mutmaßte, dass Severins erste Frau still, unterwürfig und ohne ein Interesse an der eigenen Person gewesen war. Vielleicht war sie ja grundsätzlich von nichts und niemandem sonderlich gefesselt gewesen, ignorante Weibsbilder gab es nun mal. Jedenfalls war sie vor Jahren einer Pestepidemie zum Opfer gefallen, und Christiane dankte Gott für das Verbot, Kleidung, Wäsche und Betten von Erkrankten zu verkaufen oder in öffentlichen Brunnen zu waschen und aufzubewahren. Da der Rat sehr auf die Einhaltung dieses Gesetzes achtete, hatte Severin Meitinger die Habseligkeiten seiner Familie und viele Möbel verbrennen lassen. Christiane sah dies als Vorteil, denn so erinnerte in ihrem neuen Heim nichts an die Vergangenheit. Umso besser, dass ihre Mitgift auch aus einer Menge Leinenzeug und anderen Haushaltswaren bestanden hatte.

Dennoch wünschte sie, dass manches so geblieben wäre, wie sie es bei ihrem ersten Besuch vorgefunden hatte. Das Schlafzimmer sah mit dem neuen Bett, das Severin für seine Braut gekauft hatte, und ihrer eigenhändig bestickten Spitzenwäsche deutlich ansprechender aus als der unordentliche, vernachlässigte Raum, der er in ihrer Hochzeitsnacht gewesen war. Aber es war bedauerlich, dass Meitinger am nächsten Morgen die Bücherstapel entfernt hatte, die zuvor überall auf dem Fußboden verstreut gewesen waren; seine Literatur bewahrte er nun ausschließlich in seiner Schreibstube auf, einem Raum, den Christiane ohne sein Einverständnis nicht betreten durfte. Was sie aber doch tat, um heimlich zu schmökern, sobald sie Severin in seiner Druckerei unabkömmlich wusste. Dabei musste sie jedoch darauf achten, nicht von ihrem Schwiegervater ertappt zu werden, der es sich zur Freude gemacht hatte, ihr auf Filzpantoffeln nachzuspionieren.

Als sie zur Mittagszeit von einem Besuch bei der Schneiderin und anderen Besorgungen heimkehrte, hörte sie den alten Titus durch die Tür des Schreibzimmers mit hoher Stimme zetern. Seine Worte klangen auf der Treppe so laut und deutlich, als stünde sie neben ihm.

»Du bist ein Narr, Severin, dass du ihretwegen in Augsburg geblieben bist. Nach Frankfurt hättest du gehört, wie zu jeder Buchhändlermesse. Aber statt deinen Geschäften nachzugehen, umschmeichelst du deine junge Frau wie ein Hund die läufige Hündin.«

Die Deutlichkeit berührte Christiane. Es war ihr peinlich, wie der Greis über ihre ehelichen Pflichten sprach. Einen alten Mann über die Lust eines anderen, jüngeren reden zu hören, ließ ihr die Galle hochkommen. Doch statt dem Gespräch zwischen Vater und Sohn zu entfliehen, blieb Christiane wie versteinert auf ihrem Horchposten stehen. Das neue, in ein Leinentuch gehüllte Kleid hing über ihrem Arm, den Korb mit den Einkäufen vom Markt hielt sie in der Hand, als spüre sie das Gewicht nicht mehr.

»Den Handel wird sie dir noch ruinieren«, polterte Titus Meitinger weiter.

»Ich glaube nicht, dass Christiane ...«, hob eine vertraute Stimme an.

Eine steile Falte erschien auf Christianes Nasenwurzel. Sebastian Rehm war offenbar zu Gast in Severins Schreibzimmer, und sie fragte sich, was ihr angeheirateter Vetter mitten in einem Disput über die Leidenschaft ihres Gatten zu suchen hatte.

»Natürlich hält sie Severin nicht mit Worten vom Reisen ab«, unterbrach der Alte den Besucher. »Ihre Anwesenheit ist es, die ihn verstört. Ihre Anwesenheit«, wiederholte er, »und ihre ständige Abwesenheit, wenn sie wieder einmal in der Stadt herumscharwenzelt. Wo ist sie denn jetzt, die Meitingerin?«

»Christiane ...«

»Seit du sie kennst, wird in meiner Werkstatt nichts Vernünftiges mehr gedruckt. Nur Schund. Das ist der Lohn einer blinden Liebe, und beides wird dich irgendwann ruinieren.«

»Du kannst dich nicht beklagen, Vater, wir erwirtschaften gute Erträge. Das, was du Schund nennst, lässt die Münzen in unseren Kassen klingen. Eine Nachricht des Buchführers bestätigte mir kürzlich, dass er in Frankfurt alle Buchbögen verkaufen konnte.«

»Warum Buchbögen?« Titus schien sich über alles aufzuregen, was gegen seine festgefahrenen Behauptungen sprach. »Zu Messezeiten verlangen die Buchbinder am Main doppelt so viel wie hierzulande. Die Kosten könnten niedriger gehalten werden, wenn du die Bücher wie ich auch in Augsburg binden lassen würdest. Das ist Geldverschwendung. Ja, das ist es. Deine Frau verschwendet auch noch dein Geld.«

Damit mochte er vielleicht nicht Unrecht haben, räumte Christiane in Gedanken ein, die es sehr genoss, ein wenig freigebig sein zu dürfen. Aber auf den Arbeitsablauf in der Druckerei hatte sie keinerlei Einfluss. Das wusste Titus ebenso gut wie sie. Deshalb waren seine Anschuldigungen nichts als Bösartigkeit. Groll braute sich in ihrem Herzen zusammen wie ein bevorstehendes Gewitter.

»Du redest Unsinn, Vater!«, widersprach ihr Gemahl mit ruhiger Stimme. »Bücherkisten über Land zu transportieren ist ebenso teuer und dazu noch gefährlich, denn gerade zu Messezeiten lauern die Banditen vor den Toren Frankfurts. Dagegen hilft selbst der Geleitschutz der Räte nicht immer. Unser Handelsgut in Fässern über Wasser zu versenden ist bedeutend sicherer. Das ist nicht von der Hand zu weisen.«

»Schund in Fässern ist wie billiger Schnaps«, geiferte Titus.

»Ich sollte besser gehen«, entschied Sebastian, der als Verfasser von Ratgebern für Liebesbriefe sicherlich in die Kategorie fiel, die den alten Druckerverleger dermaßen aufregte, dass er jede Vernunft zu verlieren drohte.

»Nein, Ihr bleibt!«, widersprach Titus. »Euer Vorschlag, Reisegeschichten für lange Kutschfahrten zu verfassen, ist gut. Das ist etwas Neues.«

»Reisen in Postkutschen werden immer beliebter«, erklärte der Schriftsteller mit aufblühender Energie, einer Begeisterung für das eigene Werk, die aus jedem Ton herauszuhören war. »Die meisten Wagen sollen zwar etwas unbequem sein, aber geeignete Lektüre würde den Reisenden sicher die Zeit vertreiben und daher ...«

Titus schien keinen Respekt vor der Rede eines anderen zu haben. Deshalb unterbrach er Sebastian schon wieder: »Geeignete Lektüre ist erbauliche Literatur. Ja, das ist es. Severin, du solltest einen Dichter finden, der anständige Bibeltexte im Namen des Herrn verfasst ...«

»Aber ...«

»Nichts da«, fuhr Titus dem Gast erneut ins Wort, »das ist nichts für Euch, lieber Rehm. Und ich lasse da nicht mit mir verhandeln. Schließlich seid Ihr ein Ket... ein Reformierter, nicht wahr?« Er schnaufte empört, um dann fortzufahren: »Warum, glaubt Ihr wohl, hat Kardinal Otto Truchsess von Waldburg in Dillingen eine eigene Druckerei gegründet? Zur Glaubenserneuerung. Katholische Schriften sind von Bedeutung, sage ich Euch, und werden es immer sein.«

Severin stieß einen tiefen Seufzer aus. »Es heißt, dass die Druckerei nicht genug abwerfen soll. Unserem Kardinal fehlt genau das, worauf du nicht zu verzichten bereit bist: Geld.«

Christiane wurde des Lauschens müde. Ihr Mann tat ihr leid, aber es war sein Vater, mit dem er sich herumschlagen musste. Ob Titus Meitinger in seinem Alter für die besten geschäftlichen Entscheidungen taugte, konnte sie nicht sagen. Vielleicht waren seine Vorschläge richtig, vielleicht auch nicht. Jedenfalls hatte Severin aus einer relativ kleinen Werkstatt im Laufe seiner Zeit eine florierende Buchherstellung geschaffen, die es mit den bedeutenden Augsburger Druckereien inzwischen aufnehmen konnte. Er war zwar schon ein wohlhabender Mann gewesen, als sie in sein Leben getreten war, aber die Geschichten, die sie über seine Mühewaltung und Energie gehört hatte, zollten ihr durchaus Bewunderung ab.

Sie stellte den Korb auf dem Boden ab und wandte sich zur Stiege, um ihr Kleid in ihr Schlafzimmer zu bringen, als die Tür zur Schreibstube ging. Und dann stand unerwartet Sebastian Rehm vor ihr, der offensichtlich die Gelegenheit zur Flucht vor Titus Meitingers Bösartigkeiten ergriffen hatte.

Erschrocken starrte Christiane ihren Vetter an. Sein unerwartetes Auftauchen schockierte sie nicht, wohl aber sein Aussehen. Sie war ihm schon lange nicht mehr begegnet – und konnte kaum glauben, dass der Mann mit der grauen Gesichtsfarbe, den eingefallenen Wangen und den trüben Augen derselbe war, den sie in Erinnerung hatte.

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