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Die Hexe von Gilford Castle: Ein Patricia Vanhelsing Thriller

Die Hexe von Gilford Castle: Ein Patricia Vanhelsing Thriller

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Die Hexe von Gilford Castle

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Die Hexe von Gilford Castle

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von Alfred Bekker

Ein Patricia Vanhelsing Thriller

Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.

Lady Joannes Hass konnte nicht größer sein, und so geschah es, dass sie Sir Henry Gilford, den Meuchelmörder ihres Bräutigams Sir Wilfried von Mornsley Castle voller Inbrunst verfluchte. – Über sechshundert Jahre später kommt Patricia Vanhelsing, Reporterin der London Express News, nach Gilford Castle, um ein Interview mit dem ehemaligen Rockstar Robert Clayton zu führen, der inzwischen Besitzer von Gilford Castle ist. Neben der Erregung, die sie spürt, als sie ihrem Jugend-Idol gegenübersteht, fühlt sie aufgrund ihrer übersinnlichen Gabe auch, dass etwas Grauenerregendes in dem Schloss passieren wird ...

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Eine kalte Herbstnacht im Jahre 1348.

Eine Nacht des Grauens und der Verfluchung ...

Die Flammen schlugen aus den hohen Fenstern von Mornsley Castle. Schreie gellten durch die Nacht, und Schwerter klirrten gegeneinander.

Es wurde kaum noch gekämpft.

In der Mitte des Burgplatzes, unweit des Brunnens aber waren zwei hochgerüstete Ritter in einem verbissenen Kampf verwickelt. Mit schweren Beidhänder-Schwertern drangen sie aufeinander ein. Ihr Keuchen war unter den heruntergelassenen Helmvisieren dumpf zu hören.

"Nein!", rief eine Frauenstimme.

Die junge Frau war blond und hatte einen violetten Umhang um die Schultern.Ihre Augen waren weit aufgerissen. In ihnen spiegelten sich Mondlicht und Entsetzen, während der kühle Wind ihr Haar durchwehte.

Einer der Ritter hielt inne.

"Joanne!", rief er. "Bring dich in Sicherheit!"

"Wilfried!", rief sie in höchster Not, denn jetzt kamen Reiter heran. Reiter, die das Wappen mit den drei gelben Rosen auf den Gewändern und Schilden trugen, was sie als Gefolgsleute von Sir Henry of Gilford auswies – jenes Mannes also, der für diesen nächtlichen Schrecken verantwortlich war und dessen Männer aus Mornsley Castle eine Ruine gemacht hatten.

Das Feuer knisterte und verschlang all das, was die Schergen Sir Henrys nicht schon fortgeschafft hatten. Die Grundmauern würden bleiben, verkohlt und wie ein finsterer Schatten der früheren Pracht ...

Die Reiter bildeten einen Halbkreis um Joanne.

Sie blickte sich um und kaltes Grausen erfasste sie.

Es ist verloren!, dachte sie. Alles ist verloren ... Und dann hörte sie wieder den grausamen Klang von aufeinanderprallendem Stahl. Ein hartes metallisches Geräusch, das den Tod verhieß und ihre Gedanken waren bei ihrem Liebsten.

Sir Wilfried of Mornsley.

Seine Männer, die Knappen, das Gesinde, die Mägde ... Sie alle, die auf Mornsley Castle gelebt hatten, waren bereits erschlagen oder in die Ungewissheit der Nacht geflohen in der Hoffnung, dass Sir Henrys Schergen ihnen nicht folgen würden.

Sir Wilfrieds Kampf glich einem verzweifelten Ringen gegen einen übermächtigen Gegner.

Und die Sorge um seine geliebte Joanne lähmte seine Arme und ließ ihn immer wieder seitwärts blicken. Einer der finsteren Reiter war vom Pferd gestiegen und näherte sich ihr. Mit einem Aufschrei wich sie zur Seite.

"Fahr zur Hölle, Wilfried!", rief Sir Henry keuchend und schob dabei das Helmvisier hoch. Seine Zähne blitzten auf, und in seinen Augen funkelte es teuflisch. Sein Gesicht war eine einzige Maske des Hasses.

Mit wuchtigen Schlägen seines Beidhänders drang er dann auf seinen Gegner ein. Die Klinge wirbelte durch die Luft und verursachte dabei ein sirrendes Geräusch.

Sir Wilfried wich nach hinten.

Um ein Haar verfehlte einer der furchtbaren Schläge, zu denen Sir Henry ausgeholt hatte, Sir Wilfrieds Kopf. Nur ein schnelles Ducken hatte dem Herrn von Mornsley Castle das Leben gerettet.

Kaum einen Atemzug lang blieb ihm Zeit, um sein Schwert zu heben und damit die erneut auf ihn niedersausende Klinge des Gegners abzuwehren. Hart und mit großer Wucht prallte das Metall aufeinander. Die Heftigkeit dieses Hiebs ließ Wilfried taumeln, ein weiterer Hieb schlug ihm das Schwert aus der Hand. Jetzt lag er da, ausgestreckt auf dem Boden. Und blitzschnell war Sir Henry über ihm.

"Nein!", gellte Joannes Schrei durch die Nacht.

Einer von Sir Henrys Leuten hatte versucht, sie am Arm festzuhalten, doch Joanne hatte sich in ihrer Verzweiflung losgerissen und lief nun auf ihren Geliebten zu ...

Tränen rannen ihr dabei über das Gesicht und sie presste die vollen Lippen fest aufeinander, um nicht laut loszuschluchzen.

Mit einem furchtbaren Schlag tötete Sir Henry seinen Gegner, und Joanne erstarrte.

"Wilfried ...", stammelte sie.

Henry of Gilford atmete tief durch. Der Kampf hatte auch ihn mitgenommen. Er stützte sich auf sein Schwert und es dauerte einige Augenblicke, bis er wieder zu Atem gekommen war. Dann nahm er den Helm vom Kopf herunter.

Joanne näherte sich indessen mit tränenblinden Augen ihrem toten Geliebten.

Mich hatte er als seine zukünftige Frau erwählt!, ging es ihr bitter durch den Kopf. Mich ... Und nun ... Eine Welt war in ihr zusammengebrochen. Wie ein Wirbelsturm aus heiterem Himmel war diese finstere Horde über ihr Glück hereingebrochen und hatte alles zerstört. Ein Kloß schien ihr im Hals zu stecken. Sie hatte das Gefühl, innerlich tot zu sein.

Langsam und fast wie in Trance sank sie zu Boden und strich dem toten Sir Wilfried über die Stirn. Tränen rannen ihr dabei über die Wangen. Tiefe Verzweiflung hatte dem Grauen Platz gemacht. Jetzt war ihr alles gleichgültig. Man hatte ihr alles genommen, was ihr wichtig gewesen war. Den Menschen, den sie über alles liebte, ihre Zukunft, ihr ganzes Leben ...

Wie durch Watte drang die schneidende Stimme Sir Henrys in ihr Bewusstsein.

"Vergesst diesen Hund!", meinte er. "Er ist es nicht wert, dass Ihr um ihn weint, Lady Joanne!"

Joannes zarte weiße Haut rötete sich jetzt und verfärbte sich zunehmend dunkel. Tränen des Zorns mischten sich langsam in jene der Trauer. Ein hasserfülltes Funkeln blitzte in ihren feuchten Augen, die jetzt zu schmalen Schlitzen wurden.

Auf Sir Henrys Gesicht hingegen erschien ein breites Grinsen.

"Ihr gehört jetzt mir, Lady Joanne! So war es wohl von Anfang an bestimmt, auch wenn Ihr das nicht erkannt habt!"

Er trat auf sie zu, wollte nach ihrer Hand fassen, um sie zu sich hinaufzuziehen, doch sie sprang auf und wich entsetzt vor ihm zurück.

"Niemals!", rief sie.

"Ihr werdet schon merken, was das Beste ist, Lady Joanne!"

"Wie konntet Ihr das nur tun!", stieß Joanne hervor und ihre Hand deutete dabei zunächst auf den toten Wilfried of Mornsley und dann auf die brennenden Gebäude.

Sir Henry sah sie etwas verständnislos an.

"Um Euretwillen! Ich konnte es nicht ertragen, Euch in den Armen dieses Mornsley zu wissen ... Aber damit ist es nun vorbei. Rechtzeitig, bevor Ihr ihm vor Gott Euer Versprechen geben konntet! Ein unheiliger Bund wäre das geworden!"

"Ach!"

"Nun kommt!"

"Niemals!"

"So ergreift sie!"

Joanne war keine zwei Schritte weit gelaufen, da wurde sie von grob zupackenden Händen gefasst. Sir Henrys Schergen waren es, die sie in ihre Mitte nahmen. Ihre Griffe waren so fest wie Schraubstöcke und so sehr Joanne auch versuchte, sich zu befreien – sie hatte nicht den Hauch einer Chance. Ihr Atem ging schnell, der Puls raste.

Und der Hass stieg in ihr auf.

Unsäglicher Hass auf jenen Mann, der ihr das angetan hatte.

"Ich verfluche Euch, Sir Henry! Ich verfluche Euch, auf dass Ihr niemals Ruhe finden werdet und der Schatten Eurer Tat Euch über den Abgrund des Todes hinweg verfolgen möge! Selbst das Gericht der Hölle wäre zu milde für Euch!"

Ihre Augen waren dabei weit hervorgetreten und die beinahe unheimliche Inbrunst, mit der sie gesprochen hatte, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.

Es herrschte Schweigen.

Nur das Knistern der Flammen und der schauerlich heulende Wind waren zu hören.

Und Sir Henrys Gesicht war bleich wie der Tod.

Der dünnlippige Mund verzog sich zu einer nach unten gebogenen Linie, bevor er dann hervorzischte: "Schafft sie weg, die Hexe!"

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650 Jahre später ...

"Du weißt nicht mehr, wer Robert Clayton ist?", stieß ich erstaunt hervor und sah Tante Lizzy dabei mit großen Augen an.

Sie zuckte die Achseln.

"Ich kann mich nicht erinnern."

"Nicht an die Poster, die ich mit fünfzehn im Zimmer hängen hatte?"

Sie sah mich an und dann schien es ihr zu dämmern. "Oh mein Gott!", stieß sie hervor. "Dieser langhaarige Rocksänger!"

"Na ja, die Mode hat sich inzwischen geändert. Seine Haare sind kürzer geworden!"

Tante Lizzy atmete tief durch. "So, und über den sollst du eine Home Story für die Express News machen?"

"Ja. In den letzten Jahren hat Clayton keine neuen Platten mehr aufgenommen und ist auch nicht mehr aufgetreten. Er lebt zurückgezogen auf einem Schloss in der Grafschaft Kent, das er sich von seinen Plattenmillionen erworben hat. Gilford Castle heißt es." Ich seufzte und ein versonnenes Lächeln spielte um meine Lippen. "Weißt du, die Aussicht, einem Idol meiner Jugend in Kürze zu begegnen, ist schon etwas merkwürdig!"

"Du redest wie eine alte Frau, Patti!"

Ich zuckte die Achseln. "Fünfzehn oder sechsundzwanzig – das ist doch schon ein kleiner Unterschied, oder?"

"Sicher ..."

"Hättest du mir damals gestattet, auf Claytons Konzert zu gehen, wäre ich sicher auch kreischend in Ohnmacht gefallen!"

"Ich fand, dass du damals zu jung dafür warst!"

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung und erwiderte: "Die Mädchen, die heute in Konzerten von Caught in the Act vor lauter Hyperventilation beim Kreischen in Ohnmacht fallen, sind nicht mal dreizehn ..."

"... und ihre armen Eltern müssen sie wahrscheinlich begleiten und sich das Gedudel auch anhören. Vorausgesetzt, von dem Gesang ist vor lauter kreischenden Fans überhaupt noch etwas zu hören."

Wir lachten beide.

Meine Eltern waren früh verstorben und meine Großtante Elizabeth Vanhelsing – Tante Lizzy, wie ich sie nannte – hatte mich bei sich aufgenommen wie eine eigene Tochter. Ich lebte auch jetzt noch in ihrer verwinkelten viktorianischen Villa, in der ich das Obergeschoss für mich hatte. Der untere (und größere) Teil der Villa gehörte Tante Lizzy und sie hatte daraus im Laufe der Jahre eine Art Privatarchiv für Okkultismus und übersinnliche Phänomene gemacht, in dem sie alle möglichen Schriften, Presseartikel und Gegenstände aus diesem Bereich gesammelt hatte. Zusammen mit der Sammlung archäologischer Fundstücke, die ihr verschollener Mann Frederik ihr hinterlassen hatte, der von einer Forschungsreise nach Südamerika nicht zurückgekehrt war, ergab das ein ganz besonderes Panoptikum.

Aber wir teilten nicht nur diese Villa und eine Reihe ganz entscheidender Jahre meines Lebens miteinander, sondern auch das Interesse am Übersinnlichen. Oft genug hatte ich als Reporterin der London Express News über Ereignisse berichtet, die mit solchen Phänomenen in Zusammenhang standen.

Und häufig hatte Tante Lizzy mir dann bei Recherchen beigestanden. In ihrem Archiv schlummerte so manches Geheimnis.

Mein Name ist Patricia Vanhelsing und – ja, ich bin tatsächlich mit dem berühmten Vampirjäger gleichen Namens verwandt. Weshalb unser Zweig der Familie seine Schreibweise von „van Helsing“ in „Vanhelsing“ änderte, kann ich Ihnen allerdings auch nicht genau sagen. Es existieren da innerhalb meiner Verwandtschaft die unterschiedlichsten Theorien. Um ehrlich zu sein, besonders einleuchtend erscheint mir keine davon. Aber muss es nicht auch Geheimnisse geben, die sich letztlich nicht erklären lassen?

Eins können Sie mir jedenfalls glauben: Das Übernatürliche spielte bei uns schon immer eine besondere Rolle. In meinem Fall war es Fluch und Gabe zugleich.

"Wann brichst du denn nach Gilford Castle auf?", fragte Tante Lizzy mich.

"Heute Abend. Jim und ich sind zu einer Art Party eingeladen. Ich bin schon richtig gespannt."

"Kann ich verstehen."

"Weißt du, es ist beinahe ein wenig so, als wäre die Zeit zurückgedreht worden ..."

"Ich weiß, was du meinst ..." Sie nahm meine Hand und auf ihrem Gesicht stand ein mildes Lächeln. "Ich hoffe nur ..."

Sie zögerte aus irgendeinem Grund.

Ich erwiderte ihren Blick.

"Was?"

"Dass du nicht zu enttäuscht zurückkehrst. Manchmal ist das so. Man hat etwas in der Erinnerung mit einer Art Heiligenschein ausgestattet und wenn man man dann der Wahrheit begegnet ..."

"Ich weiß", murmelte ich. "Aber ich verspreche dir zumindest, dass ich nicht kreischen werde ... Wenigstens nicht so doll, dass ich in Ohnmacht falle!"

Wir lachten beide.

Dann glitt mein Blick zur Uhr.

Tante Lizzy erriet meinen Gedanken – und das hatte wohl nichts mit übersinnlicher Wahrnehmung zu tun, sondern einfach nur damit, dass wir uns sehr gut kannten.

"Du musst los, nicht wahr?"

Ich nickte. "Ja."

"Kommst du hier noch vorbei, bevor du nach Kent fährst?"

"Auf jeden Fall!"

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Das Verlagsgebäude, in dem die Redaktion der London Express News untergebracht war, lag in der Londoner Lupus Street.

Ich stellte den roten, etwas altertümlichen 190er Mercedes, den Tante Lizzy mir geschenkt hatte, auf dem großen Parkplatz ab und lief dann mit ziemlich schnellen Schritten in Richtung des Haupteingangs.

Es war ein feuchter, diesiger Tag und die Kühle drang durch meine etwas zu dünne Kleidung.

Ich war froh, als ich endlich drinnen war.

Lange Korridore ging ich entlang, dann mit dem Aufzug hinauf bis in die Büroetage, die der Express-News-Redaktion vorbehalten war. In einem weitläufigen Großraumbüro hatte ich auch irgendwo meinen Schreibtisch. Es herrschte ein ständiges hektisches Kommen und Gehen.

Ich hielt nach Jim Field Ausschau, einem ebenfalls bei den Express News angestellten Fotografen, mit dem ich häufig zusammengearbeitet hatte und der mich auch auf der Fahrt nach Kent begleiten würde.

Ich hatte im Hinblick auf die Robert-Clayton-Story noch einiges mit ihm zu besprechen.

Allerdings konnte ich ihn nirgends entdecken.

Ich seufzte.

Und dann stieß ich plötzlich mit jemandem zusammen. Meine Handtasche fiel zu Boden und da ich sie nicht richtig geschlossen hatte, fiel die Hälfte des Inhalts hinaus. Ein paar Hustenbonbons, die ich bei diesem Wetter vorbeugend nahm, ein Taschentuch mit meinen Initialen, mein Schlüsselbund, der Presseausweis und ein Tamagotchi, das ich unglücklicherweise von den Kollegen zum Geburtstag bekommen hatte. Und obwohl mein Verstand mir tausendmal sagte, dass der kleine Hund auf dem Display nicht wirklich lebte, brachte ich es doch nicht übers Herz, ihn sterben zu lassen.

Der Inhalt einer Handtasche ist etwas sehr Persönliches.

Etwas, das eigentlich niemanden etwas angeht.

Der Mann, mit dem ich zusammengestoßen war, war groß und dunkelhaarig. Der Blick seiner grüngrauen Augen war ruhig und erinnerte mich an das Meer.

"Tut mir leid", sagte er, bückte sich und half mir und schickte sich an, die Sachen wieder in die Tasche zu räumen, was mir beinahe etwas unangenehm war. Er gab mir die Tasche und lächelte dabei charmant.

"Ich hätte besser aufpassen sollen, Mister ..."

"Hamilton. Tom Hamilton."

"Patricia Vanhelsing!"

"Sie arbeiten auch hier, bei den Express News?"

"Ja ..." Ich sah ihn etwas überrascht an und fügte dann hinzu: "Was heißt hier auch? Ich habe Sie hier noch nie gesehen, Mr. Hamilton."

"Nennen Sie mich Tom."

"Meinetwegen."

Er zuckte die Achseln und ich versuchte sein Alter zu schätzen. Mitte dreißig!, dachte ich. Er sah gut aus. Äußerst attraktiv.

Aber man konnte auf den ersten Blick merken, dass er nicht zur Sorte der Sunnyboys gehörte, die auf jeder Party für kurzweiligen Smalltalk gut waren.

Und wenn auch ein charmantes Lächeln seine Lippen umspielte – so schien ihm doch auch etwas Düsteres, beinahe Geheimnisvolles anzuhaften.

Jemand, der viel erlebt hat!, dachte ich.Und jemand, der sich nicht gleich in die Karten schauen lässt!

"Das ist mein erster Tag hier bei den Express News", meinte er.

"Dann werden wir uns in Zukunft also öfter über den Weg laufen."

"Das nehme ich an."

Einen Augenblick lang begegneten sich unsere Blicke ...

Dann gellte ein Ruf durch das Großraumbüro.

"Mr. Hamilton! Ist da irgendwo Mr. Hamilton? Sie sollen dringend zum Chef kommen!"

"Sie sollten Mr. Swann nicht warten lassen!", sagte ich. "Das kann er nämlich nicht leiden!"

Er nickte.

"Habe ich inzwischen schon gemerkt!", erwiderte er, drehte sich herum und ging durch das Labyrinth der Schreibtische.

Ich sah ihm einen Moment lang nach und als ich dann nach wenigen Schritten meinen Schreibtisch erreichte, lehnte dort niemand anderes als Jim Field, der Fotograf.

Er war flachsblond und hätte dringend mal wieder einen Frisör aufsuchen müssen. Der Drei-Tage-Bart, die zerschlissene Jeans und das zerknitterte Jackett, dessen Revers von der Kameratasche völlig ruiniert war, gaben ihm ein unkonventionelles Äußeres.

"Hallo, Patti!", sagte er.

"Hallo!"

Sein Blick war ebenfalls auf Hamilton gerichtet, der nun gerade hinter der Tür zum Büro von Michael T. Swann verschwand, seines Zeichens Chefredakteur der London Express News.

"Ein komischer Kerl, dieser Neue", meinte er.

"Wieso?"

Jim zuckte die Achseln. Seine blauen Augen verengten sich etwas. "Ich weiß nicht ... Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Vielleicht mag ich ihn auch einfach nicht. Ich hoffe nur, dass Swann ihm den unangenehmsten Job gibt, der zurzeit zu vergeben ist. Vielleicht ein Freundschaftsspiel in der vierten Fußball-Division oder so etwas!"

"Jim!", sagte ich tadelnd. "Ich hätte nie gedacht, dass du so gehässig sein kannst!"

Er machte eine wegwerfende Geste.

"So ist das Leben", meinte er augenzwinkernd. "Es macht einen hart und verhärmt."

Ich legte die Handtasche ab, zog die Jacke aus und stemmte dann die Hände in die Hüften. "Ja, und ein erfolgreicher Starfotograf gehört auch wirklich zu den vom Schicksal Gebeutelten!"

"Na ja ...", meinte er und in seinen blauen Augen blitzte es schelmisch. "Wenn er in der traurigen Gewissheit leben muss, dass seine Lieblingskollegin ihn wohl niemals erhören wird!"

"Du Ärmster!", erwiderte ich und wir lachten beide.

Jim war insgeheim immer ein bisschen in mich verliebt gewesen, aber ich hatte das nie erwidert. Wir waren im selben Alter und seine jungenhafte, witzige Art machte ihn zu einem äußerst sympathischen Kollegen und guten Freund. Aber er war einfach nicht die Art Mann, von dem ich träumte. Und er wusste das auch. Trotzdem nahm er immer wieder mal die Gelegenheit wahr, es doch noch einmal zu versuchen.

"Ich weiß ein todsicheres Rezept gegen solchen Kummer!", erklärte ich.

"Ach! Und das wäre? Sag jetzt nicht kalt duschen. Das habe ich schon probiert und es funktioniert nicht!"

"Arbeit!", erklärte ich. "Wir haben mehr als genug davon, also stürzen wir uns hinein. Schließlich können wir nicht so ganz unvorbereitet bei Robert Clayton auftauchen ..."

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Gilford Castle lag in der Nähe der Autobahn, die von London Richtung Dover führte. Sanfte Hügel, saftige Weiden und hin und wieder ein Waldstück umgaben den Herrensitz, der herrschaftlich auf einer Anhöhe lag.

Die Mauern waren hoch und wuchtig. Beinahe wirkten sie etwas einschüchternd und abweisend. Rankpflanzen hatten sich am Mauerwerk festgesetzt und manche Stücke völlig überwuchert. Anderswo waren die Steinquader so blank und nackt, als ob das Lebendige diese Bereiche zu meiden schien.

Ich fuhr den roten Mercedes 190 in den großen Burghof, in dem bereits mehrere andere Fahrzeuge unterschiedlichster Qualität abgestellt waren.

Wir stiegen aus.

Es war geplant, dass wir ein oder zwei Nächte hierblieben.

Gilford Castle hatte Räumlichkeiten genug dafür, um jede Menge Gäste zu beherbergen.

"Lassen wir unser Gepäck erstmal im Wagen!", meinte ich.

"Nichts dagegen!", erwiderte Jim, der bereits fleißig damit beschäftigt war, Fotos zu schießen. Immer wieder klickte sein Apparat. "Eine fantastische Kulisse", meinte er. Und dann fiel sein Blick auf eine eigenartige Statue.

Eigenartig war sie deshalb, weil sie einen Römer mit Speer, Helm und Tunika darstellte, der sich vom Stil her so gar nicht in das eher mittelalterliche Gepräge einfügen wollte.

"Wer hat den denn da hingestellt!", meinte Jim kopfschüttelnd. "Jedenfalls wohl nicht die normannischen Ritter, die hier einst Hof gehalten haben dürften!"

Ich zuckte die Schultern.

"Wer weiß, wer hier über all die Jahrhunderte hinweg residiert hat und seinen persönlichen Geschmack mit einzubringen versucht hat ..."

"Ich zum Beispiel!", rief eine Stimme von dem hohen Treppenportal herab, das zum Eingang des Haupthauses führte.

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