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Die Hexe von Dunwich

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Erster Teil: Das Fegefeuer
  7. Das Erwachen
  8. Der Besuch
  9. Die Nachtwache
  10. Hinter der Tür
  11. Der Schwarm und der Wildvogeljäger
  12. Ein alter Feind
  13. Die unverschlossene Tür
  14. Rückkehr des Doctors
  1. Zweiter Teil: Die Suche
  2. Das Tal des Todes
  3. Das Gesicht im Quarter Moon
  4. Die grüne Nacht
  5. Die Folgen von Mondschein
  6. Die rätselhafte Genesung
  7. Das Gedächtnis des Beamten
  1. Dritter Teil: Die Sage und das Verschwinden
  2. Die grimmige Jagd in Dunwich
  3. Das Verschwinden von Oliver Jefford
  4. Die Gestalt an der Klippe
  5. Das Haus beim See
  6. Die Besonderheiten der Marschland-Medizin
  7. Der blasse Monk
  8. Der heulende Mann
  9. Die Gestalt an der Kreuzung
  10. Der unergründliche Tod
  11. Die Puppenkammer
  12. Der geflüsterte Hass
  13. In der Gesellschaft von Hexen
  14. Die Kinder des Anwalts
  15. Der Schnee auf dem Strand
  1. Vierter Teil: Die Rune und die Toten
  2. Die Schrift im Wasser
  3. Die Wurzeln der Angst
  4. Die Rune
  5. Der kriechende Besucher
  6. Das unruhige Grab
  7. Der Weg des Verstandes
  8. Die Zeichen der Sterblichkeit
  9. Die Nacht des Sturms
  1. Fünfter Teil: Das Wiedersehen im Sturm
  2. Die Nachtwache
  3. Die Botschaft von der Klippe
  4. Die Ballade im Zimmer
  5. Der Tod des Doctors
  6. Das Geräusch im Gang
  7. Das letzte Opfer
  1. Epilog

Über den Autor

David Pirie arbeitete als Journalist und Kritiker, bevor er Drehbuchautor wurde.

Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem für seine Adaption von Wilkie Collins’ Die Frau in Weiß für die BBC und seine Zusammenarbeit mit Lars von Trier an dem Skript für Breaking The Waves. Für die BBC verfasste er auch die Drehbücher zu der Kultreihe MURDER ROOMS – The Dark Beginnings of Sherlock Holmes. Auf dieser Serie basieren seine Romane um Dr. Joseph Bell und Arthur Conan Doyle. David Pirie lebt in Somerset.

David Pirie

DIE HEXE
VON DUNWICH

Aus den dunklen Anfängen
von Sherlock Holmes

Aus dem Englischen von
Michael Ross

Für Burton Pirie

Erster Teil:
DAS FEGEFEUER

DAS ERWACHEN

Das Zimmer lag im Dunkeln. Das merkte ich sogar, ohne die Augen zu öffnen. Gelegentlich gab es Geräusche, aber sie bedeuteten nichts. Ich hatte keinerlei Raumgefühl. Als sich richtige Erinnerungen in mein Bewusstsein einzuschleichen versuchten, leistete ich sofort Widerstand, weil ich wusste, wie unwillkommen sie mir wären. Im Augenblick wollte ich nur Dunkelheit.

Also schlief ich wieder, ich weiß nicht, wie lange. Bis ich schließlich widerstrebend meine Augen öffnete. Das Zimmer war wie erwartet schwarz, und jetzt war ich gezwungen, mich zu fragen, wo ich war. Da das Bewusstsein meiner Identität langsam zurückkehrte, vermutete ich, dass ich an einem Fieber erkrankt war, denn das Bettzeug roch übel. Aber ich konnte mich keinesfalls im vertrauten Schlafzimmer meines Hauses in Southsea befinden: Dafür war es hier zu dunkel. Und dann fiel mir meine Unterkunft in London ein und meine kurzzeitige Anstellung als Vertretungsarzt in einer Praxis am Themseufer.

Doch ich war mir ebenfalls sicher, nicht in dem winzigen Zimmer zu liegen, das ich von der Familie Morland gemietet hatte. Es war zu ruhig hier, und das Bett war mir fremd. Nach einiger Zeit zwang ich mich aus seinem klumpigen Kissen, doch das, was folgte, traf mich völlig unvorbereitet. Mein Kopf pochte vor heftigem Schmerz. Das war schon schlimm genug, doch noch schlimmer war, dass ich mich plötzlich wieder an meine letzten Minuten bei vollem Bewusstsein erinnern konnte.

Sie kulminierten in einem Gesicht, dem Gesicht des einzigen Mannes, den ich je gekannt habe, für den die Bezeichnung »böse« viel zu harmlos war. Ich hatte Thomas Neill Cream in Edinburgh kennengelernt, wir waren sogar befreundet gewesen, bis ich herausfand, dass er ein Mörder war. Und dann hatte er die Frau ermordet, die ich liebte.

Ich schwor mir, sie zu rächen, während mein Lehrer in Edinburgh, Dr. Joseph Bell – der mich als Assistent eingestellt und mir erlaubt hatte, ihn bei seinen kriminalistischen Ermittlungen zu begleiten –, einer Zukunft mit solch sinnlosen Verbrechen den Krieg erklärt hatte. Aber 1878 war Cream auf dem amerikanischen Kontinent verschwunden, von wo er nur peinigende Nachrichten schickte und einmal sogar ein tödliches Instrument, mit dem er mich hatte umbringen wollen.

Trotzdem hatten weder Bell noch ich unsere Aufgabe vergessen, und der Zufall hatte uns kürzlich bei einem Fall in London zusammengeführt, während dessen Aufklärung ich zur Überzeugung gelangt war, dass Cream nach England zurückgekehrt war. Der Doctor war anderer Meinung. Er war sich sicher, dass die Fäden aus großer Entfernung gezogen worden waren, und konnte mich schließlich davon überzeugen, ehe er sich von mir verabschiedete.

Ich ging zurück zu meiner Unterkunft im Haus der Morlands, einem sicheren Hafen, wo mich Sally Morland, die ich in aller Freundschaft liebte und sehr bewunderte, mit der Neuigkeit begrüßte, dass ein Onkel aus Amerika, den sie manchmal erwähnte, zu einem Überraschungsbesuch eingetroffen war.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir nichts dabei gedacht, doch jetzt, als ich mich daran erinnerte, merkte ich, wie mir die Nackenhaare zu Berge standen. Wieder sah ich die vor Aufregung errötende Sally vor mir, wie ihre Augen lachten im Licht der Kerzen, die im Flur den Besuch des Onkels feierten. Sie hatte mir, wie mir einfiel, ein Stärkungsmittel gegeben, ein grünes Getränk, das er vorbereitet hatte und das nach ihren Worten Teil der Überraschung war und erfrischend und bitter schmeckte.

Dann hatte ich das Wohnzimmer betreten, wo ihre Kinder sich lachend über ihre Apfelsinen und Nüsse freuten, und eine Gestalt im Schaukelstuhl hatte sich umgewandt und mich lächelnd angesehen. Es war Cream.

Kurz bevor ich das Bewusstsein verlor, wurde mir einiges klar. Wie er schon vor Monaten die Kette von Ereignissen in Bewegung gesetzt haben musste, die zu diesem Augenblick geführt hatte; wie er sich mit den Morlands angefreundet hatte (denn der »Onkel« war nur ein Freund der Familie) und mich diskret bei einer nahe gelegenen Praxis empfohlen hatte.

All das erkannte ich mit einer Art passiver Bewunderung, ehe mich meine Sinne verließen. Jetzt, wo ich hier im Dunkeln lag, empfand ich Schrecken. Cream war ein ausgezeichneter Giftmörder, es war sogar seine bevorzugte Mordmethode. Wenn er gewollt hätte, dass ich sterbe, hätte er es mit seinem grünen Stärkungsmittel sicherlich erreichen können. Was nur bedeuten konnte, dass seine Pläne weitergingen. War er irgendwo hier bei mir in diesem schwarzen Raum?

Die Vorstellung war so schrecklich, dass ich versuchte, meine Kräfte zu sammeln; ich zwang mich, den Kopf zu heben und meine Augen so weit wie möglich zu öffnen. Noch immer konnte ich nichts erkennen, nur vage, schemenhafte Formen. Von irgendwo draußen kam ein leises Geräusch, vielleicht der Wind.

»Bist du hier?« Die Wörter kamen wie ein Flüstern. Meine Kehle war ausgetrocknet, und ich fing an, am ganzen Körper Schmerzen zu spüren, die zweifellos vom Gift überdeckt wurden. Mir kam der Gedanke, dass er alles Mögliche hätte tun können, sogar Gliedmaßen abnehmen. Ich versuchte, die Beine zu bewegen. Sie schienen noch zu gehorchen, aber andererseits spürt man seine Beine noch, lange nachdem sie amputiert worden sind, also berührte ich sie rasch. Gott sei Dank waren sie heil, aber meine Beine und Arme fühlten sich schwach an. Außerdem fiel mir auf, dass ich in Schweiß gebadet war. »Bist du hier?«, versuchte ich zu rufen. Aber nichts. Völlige Stille.

Ich wusste, dass ich versuchen musste, mich zu bewegen, obwohl ich so kraftlos war, dass jede Bewegung furchtbar sein würde. Ich zwang mich, meinen Körper weiter aufzurichten. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich noch angezogen war, mit Hemd und Unterwäsche, und die Decke lastete schwer auf mir.

Ich verdrängte den Gestank des Bettes und zwang mich in eine sitzende Position. Es war noch immer dunkel, doch in den Schatten vor mir gab es eine leichte Bewegung, und ich erwartete, dass er hervortrat. Wieder bewegte sich etwas, diesmal begleitet von einem leisen Geräusch. Ich vermutete, dass es sich um eine Art Widerschein handeln musste, und als es zurückkehrte, war ich mir sicher. Das Geräusch war der Wind, die Schatten waren Zweige. Das bedeutete, dass irgendwo hinter mir ein Fenster war. Vielleicht konnte ich es erreichen.

Ich bot alle meine Kraft auf und hievte mein linkes Bein aus dem Bett. Es fand auf dem Boden Halt, doch ich wusste, dass es nachgeben würde, sobald ich es belastete. Ich hielt inne, unsicher, wie ich weiter vorgehen sollte, und musste plötzlich einen Schüttelanfall über mich ergehen lassen. Das ließ mich auch das andere Bein herausziehen. Doch selbst mit beiden Füßen auf dem Boden war offenkundig, dass ich unmöglich aufstehen konnte, und so sank ich rasch in eine kniende Position, das Bettzeug fest umklammernd.

Mein Kopf war dem Bett zugewandt, sodass ich nach rechts kriechen musste, um das Fenster zu erreichen, das den Widerschein geworfen hatte. Ich drehte meinen Körper, wobei ich bemerkte, dass der Boden aus Stein war und sich kalt anfühlte. Wenn Cream hier wäre, wie würde er meine Demütigung genießen. In London hatte ich seine Gegenwart so übermächtig gespürt, doch jetzt merkte ich davon nichts.

Ich fing an zu kriechen, doch es ging nur schmerzhaft langsam. Zur Ablenkung brachte ich mich dazu, mehr über jenen letzten Abend nachzudenken. Meine größte Befürchtung war, dass Sally Morland und ihre Kinder auch vergiftet worden waren. Ich war mir sicher, dass mein Glas mit dem Trank schon vor meiner Ankunft eingeschenkt worden war. Offensichtlich wollte er, dass alles ganz normal wirkte, also konnte den Morlands bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts angetan worden sein. Das ließ mich hoffen, aber ich musste mich auch der schlichten Wahrheit stellen, dass es Cream nicht das Geringste ausmachen würde, sie alle abzuschlachten.

Das war für mich noch weitaus schlimmer als die Tatsache, dass er mich womöglich jetzt beobachtete. Meine Freundschaft mit Sally Morland hatte nichts Ungebührliches an sich gehabt; ihre Welt kreiste um ihre beiden kleinen Kinder und ihren Mann. Aber sie war so voller Lebensfreude und Verschmitztheit und erinnerte mich so sehr an meine erste Liebe, dass ich mir bei meinem ersten Verdacht, dass Cream in die Hauptstadt zurückgekehrt sein könnte, etwas geschworen hatte: nämlich dass es für mich das Beste wäre, Einsamkeit und Anonymität zu suchen oder sogar den Tod, wenn meinetwegen Sally Morland oder ihrer Familie etwas zustoßen sollte. Was konnte ich auch sonst tun, wenn ich all denen, die ich liebte, nur Leid brachte?

Noch immer kam ich nur quälend langsam voran. Bislang war ich auf kein einziges Möbelstück gestoßen, aber jetzt spürte ich vor mir etwas. Derweil zog ich einen kleinen Trost daraus, dass nicht einmal Cream meine innersten Gedanken über Sally Morland kennen konnte. Warum also sollte er sich um sie scheren? Ohne jeden Zweifel hatte er schon oft grundlos gemordet, aber das völlige Ausmerzen einer angesehenen Londoner Familie ist keine Kleinigkeit. Es würde einen Großalarm auslösen, und wir beide wären die Hauptverdächtigen. Selbst Cream würde doch wohl kaum eine Fahndung dieser Größenordnung riskieren, wenn er den Morlands lediglich sagen musste, dass ich behandelt werden müsse, um mich hinbringen zu können, wohin auch immer er wollte, oder?

Natürlich kannte ich die Antwort. Doch, er würde mit Vergnügen ein solches Risiko eingehen, wenn er davon ausgehen konnte, mir damit wehzutun. Nur darauf lief es hinaus. Ich war gerade in meinen Überlegungen an diesem Punkt angekommen, als meine Hände auf Stein stießen, der mir den Weg versperrte. Ich hatte eine Wand erreicht.

Ich konnte den Wind über meinem Kopf hören. Es gelang mir, meine Hände die Wand hinaufzuschieben, bis ich kniete, und schließlich zog ich mich dadurch auf die Füße. Zunächst schwankte ich und wäre beinahe gestürzt, aber die Wand stützte mich, und ich lehnte mich gegen sie und atmete schwer. Der kalte Luftzug hier brachte Klarheit in meinen Kopf. Ich streckte die Hand aus und berührte einen Vorhang und dann den Sims eines Fensters. Der Stoff war grob und ziemlich dick, aber ich zog ihn beiseite. Draußen gab es gerade genug Mondlicht, um erkennen zu können, dass ich mich im Erdgeschoss befand und jenseits des Fensters eine feuchtkalte, überwucherte Wildnis lag. Ein leichter Wind zerrte an den Zweigen eines kleinen Ahornbaums, dem Ursprung des bewegten Schattens.

Meine letzte bewusste Erinnerung war die an einen Abend, aber ich war mir sicher, dass dies unmöglich noch dieselbe Nacht sein konnte. Nicht nur wegen meiner Schmerzen und meines Hungers. Die Luft hier war nur leidlich kalt, wohingegen der Abend bei den Morlands frostig gewesen war, es hatte sogar Schnee in den Straßen gelegen. Wie lange war ich bewusstlos gewesen, und wo war ich?

Wie ich so hinausblickte, schien mir nicht einmal mehr sicher, dass ich in London war. Es gab keine Gaslaternen, nicht einmal das Flackern eines künstlichen Lichts irgendwo. Natürlich konnte ich einen großen Garten oder Park vor mir haben, aber er schien mir nicht gepflegt zu sein, und es gab keinerlei Licht von anderen Gebäuden.

Ich versuchte, das Fenster zu öffnen, doch es war vernagelt, also wandte ich mich dem Zimmer zu. Die Wand gegenüber schien glatt zu sein, ohne Öffnungen jedweder Art. Tatsächlich fand ich später heraus, dass auf dieser Seite ein kleines Oberlicht war, aber sonst nichts. Neben dem Bett konnte ich einen Sessel ausmachen und dahinter einen Tisch. Ich stolperte vor und lehnte mich gegen die Rückenlehne des Sessels, der uralt war und dringend neu bezogen werden musste. Es war keine elegante Unterkunft, sondern eine Absteige, aber wie viele Absteigen mitten in London hatten einen großen Garten, ohne einen Blick auf andere Häuser zu bieten?

Zu meiner Rechten sah ich eine Art alten Paravent. Dahinter glaubte ich die Umrisse einer Tür zu erkennen. Weil ich sie unbedingt erreichen musste, tat ich einen Schritt und wäre beinahe gestürzt, doch ich konnte mich aufrecht halten. Ich torkelte drei weitere Schritte vor, bis ich die Tür erreicht hatte und mich an der Klinke festhalten konnte. Doch das Ding bestand aus massiver Eiche mit zwei schweren Schlössern und natürlich ohne Schlüssel. Ich zog kraftlos daran, aber ebenso gut hätte ich an einer Mauer ziehen können. In meinem gegenwärtigen Zustand war jeder Versuch hier aussichtslos.

Von irgendwo jenseits der Tür drang ein übler Gestank zu mir, und ich taumelte zurück zum Sessel, wo er weniger durchdringend war. Während ich so dasaß und mir bewusst wurde, dass meine Kräfte beinahe aufgebraucht waren, stürmte eine neue Wahrnehmung auf mich ein. Denn plötzlich roch ich und sah dann auch Essen auf dem Tisch neben dem Sessel. Es war eine Schale Milch, ein halber Laib Brot und sogar eine Scheibe Speck. Das alles war nicht sonderlich frisch, aber ich war ausgehungert und scherte mich nicht darum. Ich hob die Milch mit zitternden Händen hoch und leerte sie. Dann griff ich nach dem Brot, das trocken, aber nicht verdorben war, ehe ich den Speck abnagte. Ich schluckte, so viel ich konnte, und fragte mich, ob ich jetzt, nachdem mein Hunger etwas gestillt war, wohl das Fenster einschlagen könnte.

Doch im Innersten wusste ich, dass ich dafür viel zu schwach war. Schon das Anheben der Milchschale war anstrengend gewesen. Und trotz des Essens merkte ich bereits, wie mein Bewusstsein wieder schwand, und ich stolperte zurück ins Bett. Nur noch etwas Ruhe, sagte ich mir, ein bisschen Zeit, damit die Nahrung ihre Wirkung entfalten kann, dann hätte ich bestimmt genug Kraft, um das Fenster aufzubrechen und zu entkommen, ehe er zurückkehrte.

Aber jetzt stürzte ich wieder in die Dunkelheit. Es dauerte viele Stunden, bevor ich wieder bei Bewusstsein war und etwas hörte, was ich für Regen hielt. Draußen schien es Nacht zu sein, aber ich war mir nicht sicher, ob es noch immer dieselbe Nacht war. Mein Kopf war schwer, und ich fühlte eine merkwürdige Mattigkeit. Was machte es letztlich schon, wenn er zurückkehrte, um mich zu foltern und zu töten? Egal, was passierte, letztlich würde ich stecken bleiben und sterben. Welchen Grund gab es also noch hier auf Erden, um gegen das Taubheitsgefühl in meinen Gliedern anzukämpfen?

Erst beim Gedanken an meinen Feind begann ich diesem Gefühl zu misstrauen. Allmählich wurde mir bewusst, dass im Raum hinter mir ein Flackern war. Mit einigen Schwierigkeiten drehte ich meinen pochenden Kopf um und stellte fest, dass jemand eine Kerze angezündet hatte, die jetzt beinahe heruntergebrannt war.

Mich durchfuhr ein Schrecken, der meine widerwärtige Lethargie wenigstens etwas verjagte. Doch ich konnte niemanden sehen. Unter Aufbietung all meiner Kräfte setzte ich mich auf. Da waren der Sessel, den ich bereits untersucht hatte, und der Tisch mit Brot und Milch, die wieder aufgefüllt worden waren. Und der Paravent. Aber sonst nichts. Versteckte er sich? Dafür gab es eigentlich keinen Grund, und die Kerze hatte ja schon lange gebrannt.

Natürlich wollte ich wieder in der Dunkelheit versinken, aber der Schock, zu wissen, dass er hier gewesen war, hatte meine Sinne geschärft. Ich musste essen und trinken. Also hievte ich meine Füße erneut auf den Boden und schleppte mich, diesmal mithilfe des Kerzenlichts, zum Tisch und ließ mich in den Sessel plumpsen. Plötzlich kam von irgendwoher ein Geräusch, ein leises Rumpeln und Klappern. Ich spannte mich an und erwartete Schritte und Schlüssel in einem Schloss, doch das Geräusch entfernte sich wieder. Ich entschied, dass es ein Wagen auf der Straße vor dem Haus gewesen sein musste.

Ich wandte mich wieder dem Tisch zu, hob die Schale an den Mund und trank etwas daraus. Die Milch war stark gesüßt, wofür ich dankbar war. Dann streckte ich eine Hand aus und steckte mir das Brot in den Mund.

Plötzlich hielt ich inne. Das Brot war grobkörnig und bekömmlich, aber ich hatte angefangen, etwas herauszuschmecken. Es war ein kalkiger, bitterer Nachgeschmack, den ich nur zu gut kannte. Rasend vor Wut spuckte ich aus, was ich noch im Mund hatte, und holte mit der Hand aus, um die Milchschale zu Boden zu werfen. Jedoch verlor ich – zum Glück, wie sich herausstellen sollte – bei dem Versuch das Gleichgewicht, sodass ich die Schale verfehlte und selbst hart auf dem Boden aufschlug.

Wie konnte ich bloß so dumm sein? Nur mein Heißhunger und meine fehlende Geistesgegenwart hatten mich blind für das machen können, was so offensichtlich war. Hier war ich und nahm widerspruchslos Tag für Tag Nahrung von einem vollendeten Giftmörder entgegen. Das Brot war bestimmt in Laudanum getränkt, und die gezuckerte Milch dürfte noch mehr davon enthalten haben. Kein Wunder, dass ich mit jedem Aufstehen tiefer in die Dunkelheit hinabzusinken schien. Solange ich mich mit dieser Kost ernährte, blieb ich sein Gefangener, und er konnte mich besuchen, wann immer er wollte, und mit mir anstellen, was er sich nur wünschte. Denn diese Nahrung würde mich immer weiter schwächen, bis ich nur noch ein passives, süchtiges Etwas war und damit ganz und gar in seiner Hand. Bestimmt freute er sich bereits darauf und würde schon bald zurückkehren, um sich daran zu ergötzen.

In einem fiebrigen Anfall von Betätigungsdrang beschloss ich, um jeden Preis entkommen zu müssen, selbst wenn ich im Regen zusammenbrechen sollte. Ich zwang mich auf die Beine.

Was ich brauchte, war eine Art Werkzeug, aber ich konnte nirgendwo eines entdecken. Die Tür war unüberwindbar. Das Fenster musste die beste Möglichkeit sein, sodass ich mich erneut ihm zuwandte. Doch da dämmerte mir schrecklich, dass ich die Wirkung meiner Mahlzeit schon langsam zu spüren begann. Schwarzes Wasser stieg in mein Gehirn, und meine Beine fühlten sich wie Holzblöcke an. Es war aussichtslos, dagegen anzukämpfen. Während sich die Betäubung in mich hineinschlich, begann ich mich zu fragen, ob ich meinen eigenen Erinnerungen überhaupt noch trauen konnte. Vielleicht war die albtraumhafte Vorstellung von Creams Rückkehr nur ein Phantom, das vom Laudanum hervorgerufen worden war. War ich lediglich, wie Bell einst befürchtet hatte, der Sucht erlegen?

Aber dann fiel mein Blick auf die Milch und das Brot. Welcher Süchtige hätte sich je die Mühe gemacht, sein Essen mit dem Zeug zu versetzen oder seine wertvollen Flaschen zu verstecken? Nein, dies war sein Werk, und ich musste um jeden Preis meinen Verstand behalten.

Der einzige Umstand zu meinen Gunsten war die Erkenntnis, was er mir antat. Mit letzter Kraft schaffte ich das Brot unter das Bett und schüttete auch einen Teil der Milch dorthin. Sollte er nur denken, ich hätte meine Mahlzeit fast vollständig eingenommen, obwohl es in Wirklichkeit viel weniger gewesen war. Das war mein letzter, verzweifelter Gedanke, als ich zusammenbrach.

Als ich aufwachte, saß er neben meinem Bett. Und sang ein Lied.

DER BESUCH

Eine konnt’ pfeifen, eine konnt’ singen,
Eine ließ die Geige erklingen.
So fröhlich war meine Vermählung
Am Heiligen Weihnachtsmorgen.

Es war das Grausamste, das er hatte singen können. Er wusste natürlich, dass Elsbeth und ich dieses Lied in Edinburgh gesungen hatten. Er hatte sie brutal ermordet, völlig grundlos. Und jetzt beugte er sich über mich, während ich dalag, und trällerte es mit sanfter Stimme. Die Züge, die ich sah, als ich die Augen öffnete, waren so gut aussehend wie eh und je, sein Gesicht von dichtem schwarzen Haar umrahmt. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass sich in diesem Gesicht inzwischen die Grausamkeit und der Wahnsinn seiner Taten widerspiegelten, aber dem war nicht so. Stattdessen wirkte es auf mich, als strahlten seine Züge ein beinahe unschuldiges Vergnügen aus.

»Doyle.« Er brach den Gesang ab. »Du erinnerst dich doch bestimmt an die Melodie.« Weil ich es nicht ertragen konnte, ausgestreckt vor ihm zu liegen, richtete ich mich mühsam auf.

Er griff nach etwas hinter sich, und ich wappnete mich. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch so schwach, dass er mir jede gewünschte Verletzung hätte beibringen können. Aber als er sich wieder umwandte, hielt er nur eine Tasse in der Hand.

»Hoffentlich bist du nicht zu müde«, sagte er. »Du hast einige Strapazen hinter dir.«

»Vielleicht«, sagte ich schließlich und mit klarerer Stimme, als ich erwartet hatte, »könntest du mir sagen, warum.« Es war Tag, wie ich jetzt bemerkte, und die Sonne schien ins Zimmer und ließ sein Haar glänzen.

Er lachte. »Warum?«, wiederholte er. Er erhob sich kraftvoll vom Stuhl, die Tasse noch in der Hand, und ging ein paar Schritte auf und ab. »Zunächst einmal, weil es notwendig war, dich hierherzubringen. Das alleine hat schon ziemliche Mühen bereitet, allerdings nicht dir. Ich hatte einen guten Kutscher, aber ich musste dich alleine hereintragen, denn – wie dir erinnerlich sein dürfte – ging es dir nicht gut. Du bist ja noch immer nicht ganz gesund. Du musst etwas trinken. Und ich auch, denn der Morgenzug hierher fährt ermüdend früh.«

Mein Kopf war jetzt klarer, doch ich wusste, dass es wichtig war, ihn das nicht merken zu lassen; er musste weiter glauben, dass ich berauscht war. Es war nur eine winzige Kleinigkeit, aber sie gab mir Hoffnung, ihn täuschen zu können. Während er sich wieder auf einen Stuhl setzte, den er ans Bett gestellt haben musste, griff ich mit zittrigen Fingern nach der Tasse. Das Zittern war durchaus echt. Dann neigte ich sie und gab vor, einen tiefen Schluck Milch zu mir zu nehmen, wobei ich darauf achtete, dass mir ein bisschen aus den Mundwinkeln lief. Tatsächlich trank ich nur wenig, aber als ich sie zurückgab, waren seine Augen auf mich und nicht auf die Tasse gerichtet. Meine Hand zitterte noch, und ich sorgte dafür, dass einiges auf den Boden schwappte, was mir nicht schwerfiel, denn ich war so schwach, dass ich kaum schauspielern musste. Noch immer starrte er mich konzentriert an, als wäre ich ein schwieriger Fall in seiner Arztpraxis.

»Ich frage noch mal: Warum?«, sagte ich absichtlich lallend. Es war mir recht, wenn er mich für schwächer hielt, als ich war.

»Du wirst wohl zugeben müssen«, erwiderte er, »dass es der größte Witz aller Zeiten war. Ich wollte, dass wir uns wiedersehen. Aber ich wollte nicht gefasst werden. Also freundete ich mich mit den Morlands an. Und dann war es eine Kleinigkeit, deinen Namen in der Praxis bekannt zu machen.«

Die Erwähnung der Morlands ließ mich schaudern, aber ich wollte auf keinen Fall, dass er das bemerkte. Ich ließ meinen Kopf baumeln, als kämpfte ich gegen die Müdigkeit an. »Was willst du?«, fragte ich.

Er sprang wieder auf, und jetzt lachte er. »Du hast deine Kleidung beschmutzt, ist dir das klar? Du bist wirklich eine jämmerliche Gestalt. Niemand sorgt sich um dich, du hast keine Lieben, die zu Hause auf dich warten, niemand vermisst dich. Du könntest hier jahrelang verrotten, ohne dass es jemanden schert.« Er drehte sich um und hielt den Kopf dicht an meinen. »Nein, nicht einmal deine Mutter.«

Mein Herz tat einen Satz; das waren neue Töne. Ich verwünschte mich, denn er hatte meine Reaktion sofort bemerkt.

»Ach, sie ist auf Masongill, wo Dr. Waller sie sehr glücklich macht. Sie werden dich kaum vermissen.«

Das tat weh. Ich wusste natürlich, dass Cream von unserem »Untermieter« Dr. Waller gehört hatte, aber ich hätte mir niemals träumen lassen, dass er wusste, dass Waller eine zärtliche Beziehung zu meiner Mutter eingegangen war, eine Beziehung, die ich weder verstand noch mir länger vorstellen wollte. Ich wandte meinen Kopf ab, denn ich konnte es nicht ertragen, wie Creams Augen vor Lachen brannten.

»Aber ja«, fuhr er fort, »ich weiß davon. Und wie gesagt: Damit bleibt dir niemand mehr, Doyle. Niemand außer mir.«

»Ich will nichts mit dir zu tun haben.« Die Gemütsregung in meiner Stimme war echt, denn ich merkte, dass ich recht mit dem Rauschgift hatte. Nur meinen Körper zu brechen war diesem Mann zu leicht, er wollte erst meinen Geist brechen und mich so vollkommen zerstören. Ich versuchte verzweifelt, meine Gedanken von seinen Worten abzulenken und auf seine Motivation zu richten. Etwas an mir musste ihn so immens angestachelt haben. Warum sonst sollte er sich solchen Mühen unterziehen, um mir zu schaden? Hier musste der Schlüssel liegen, wenn ich ihn nur fand.

Seine Miene war ernst geworden. »Das ist eine Lüge. Du und dein geschätzter Dr. Bell, ihr versucht schon seit Jahren, mich zu finden, das kannst du kaum bestreiten, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir nur wenig Ungemach bereitet hat. Sogar in Edinburgh war ich euch beiden voraus.«

»Wir haben die Stadt von dir befreit.« Es war eine dürftige Erwiderung, doch zu meiner Überraschung verhärtete sich sein Mund ein wenig.

»Ich weiß immer noch nicht, wie ihr das geschafft habt. Natürlich hält er sich für so schlau, mit seiner Chemie und seiner Spurensuche und seinem endlosen Kombinieren, aber wie sollte er mich damit verstehen können? Oder gar du?« Es war nur ein Aufblitzen, aber es brachte mir etwas ein. Er hatte offensichtlich das Gefühl, von Bell und mir in Edinburgh geschlagen worden zu sein, denn wir hätten ihn beinahe gefasst und er hatte fliehen müssen. Das mochte zum Teil seinen Wunsch, mich zu verletzen, erklären. Ein weiterer Grund lag in der Tatsache, dass wir einst enge Freunde gewesen waren, die ihre Begeisterung für die Geschichten von Poe geteilt hatten. Allerdings lasen wir sie, was mir freilich erst später klar wurde, aus entgegengesetzten Perspektiven. Er bewunderte im Ernst ihre Grausamkeiten und hatte gehofft, sie mit mir zusammen nachahmen zu können.

Während ich noch darüber nachdachte, wies er darauf hin, dass er mit mir machen könne, was er wolle. »Ich könnte deinem Leben jetzt ein Ende setzen. Vielleicht wäre es das Beste.«

Die Sonne schien auf das Bett, und mir fiel auf, dass sie jetzt aus einem höheren Winkel herabstrahlte, also weiter anstieg, was bedeutete, dass das Fenster, durch das ich geschaut hatte, nach Osten hinausging. Ich versuchte mich um jeden Preis abzulenken. Auf gar keinen Fall wollte ich diesem Mann die Genugtuung verschaffen, meine Angst zu bemerken.

Aus seiner Tasche hatte er ein Skalpell gezogen, fast sieben Zoll lang, mit kurzem Griff. Er hielt es an meinen Hals, und ich spürte einen stechenden Schmerz, als es die Haut durchbohrte. Ich hatte keine Zeit gehabt, mich zu verteidigen, selbst wenn ich die Kraft gehabt hätte. Doch die Klinge stoppte kurz vor der Luftröhre.

»Ich glaube, ich möchte lieber an einem anderen Ort zustechen als dem naheliegenden«, sagte er und zog die Decke weg. Und mit einer ausholenden Bewegung stach er mich in die Brust, in den Bauch und zuletzt in mein linkes Bein. Ich schrie auf, denn beim Oberschenkel neigte er die Klinge etwas und drang tiefer ein, wodurch eine richtige Wunde entstand, sodass ich mich zusammenkrümmte wegen des brennenden Schmerzes. Dann schien er plötzlich genug zu haben und zog das Messer heraus. Eine Weile sah er mir zu, wie ich mich vor Qualen wand, ehe er das Messer mit einem weißen Taschentuch abrieb und wieder einsteckte.

»Nein«, sagte er, »es macht viel mehr Spaß, dich noch eine Weile zu behalten. Schließlich haben wir noch so viel zu besprechen. Hältst du mich für verrückt?«

Ich rang um Atem, hätte mich aber auch sonst nicht dazu herabgelassen, ihm eine Antwort zu geben. Ich hatte nicht vor, seine Eitelkeit zu befriedigen oder seiner Lust auf eine Diskussion zu willfahren. »Ich kann alles rechtfertigen, was ich tue«, fuhr er fort, »und zwar auf eine Weise, die weder du noch Bell anfechten können. Euer Land hier ist morsch, es erodiert vor euren Augen, wird fortgetragen vom Meer. Es gibt hier ja sogar Orte, die im wörtlichen Sinne im Meer versinken. Ein ausgezeichnetes Bild für die Verderbtheit der englischen Seele. Aber es geht noch viel weiter. Ich bin die Zukunft, ihr seid die Vergangenheit. Ich bin ein Kind des nächsten Jahrhunderts. Ich feiere seine Freiheiten, während ihr in den aberwitzigen Regeln und Einschränkungen und dem Aberglauben des vergangenen gefangen seid. Wenn ihr tot seid, wird es viel mehr von meiner Sorte geben; und fünfzig Jahre nach eurem Tod noch zehnmal mehr. Und deren Regel ist meine. Ich sage dir, wie sie lautet: Träume nicht davon, tu es einfach.«

»Wir werden Widerstand leisten«, sagte ich.

»Ah«, antwortete er. »Ja, das habe ich einmal irgendwo in einem Brief von Bell gelesen. ›Der Kampf gegen die Zukunft.‹ Das klingt eindrucksvoll. Aber ebenso gut könntet ihr euch an den Strand stellen und gegen die Gezeiten kämpfen. Oder den Mond anheulen.«

Ich verlor langsam das Bewusstsein, und er lächelte mich beinahe zärtlich an. »Mir hat unser kleines Gespräch gefallen, auch wenn dein Leben so erbärmlich ist, dass es mit dir keinen Spaß mehr macht wie damals an der Universität. Jetzt musst du schlafen. Ich komme schon bald wieder. Noch ein Gespräch, vielleicht zwei, dann bringe ich dich um. Nicht mit meinem Messer. Eigentlich wollte ich dir heute ein Körperteil abnehmen, aber ich glaube, stattdessen werde ich dich bei lebendigem Leibe braten für deine Ketzereien. Vielleicht bringe ich das kalte Fleisch dann deinem verrückten Vater und lasse ihn dich aufessen. Die Führung solcher Einrichtungen ist eine Schande; ich bin mir sicher, dass er alles essen würde, warum nicht seinen eigenen Sohn.«

Zum Glück bekam ich danach nichts mehr von ihm mit; das Rauschgift und der Schmerz hatten ihre Arbeit getan, und ich fiel zurück in die Dunkelheit. Als ich wieder aufwachte, pochte mein Bein noch immer, aber nachdem ich heruntergegriffen hatte, stellte ich fest, dass es sorgfältig bandagiert worden war; und auch meine anderen oberflächlichen Wunden waren versorgt worden. Offenkundig wollte er nicht, dass ich an Blutverlust starb, während er weg war. Nach einer Weile schloss ich aus den Spuren im Bett und meinen wachen Sinnen, dass ich nicht allzu viel Blut verloren hatte. Der Verband am tieferen Schnitt am Bein hatte den Fluss gestoppt, während die anderen Wunden zwar Narben verursachen würden, aber eher oberflächlich waren.

Mein Kopf fühlte sich klarer an, und ich zwang meine Beine aus dem Bett auf den Boden. Ich hatte Sorge, dass das verletzte Bein nachgeben würde. Das tat es beinahe auch, und ich musste mich mit den Händen am Stuhl abstützen. Aber nach kurzer Zeit konnte ich vorwärtsschlurfen. Es schmerzte noch immer, aber ich glaubte, laufen zu können, und zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar für die ausschweifende Fantasie meines Widersachers. Ich hätte kaum noch etwas zu hoffen gehabt, wenn er seinen ursprünglichen Plan umgesetzt und mir ein Körperteil amputiert hätte.

Draußen war es dunkel, doch die Nacht war klar, und das Zimmer, von dem ich nun überzeugt war, dass es eine Hütte war, wurde vom Mondlicht erhellt. Meine erste Aufgabe war eine gründliche Suche; zuallererst musste ich seine Bewegungen analysieren, um festzustellen, ob es ein Muster gab. Soweit ich verstanden hatte, kam er immer am Morgen, er hatte vom ermüdenden Morgenzug gesprochen. Das konnte nur bedeuten, dass es nur wenige weitere Züge gab, denn er würde nie etwas Ermüdendes tun, wenn es sich vermeiden ließe.

Ich hatte also die Hoffnung, bis zum Morgen Zeit zu haben, und ich bewegte mich rasch. Das Essen war mir wieder hingestellt worden. Vorsichtshalber kippte ich die Milch in den Kohleneimer, der randvoll war, denn niemand hatte ein Feuer gemacht. Das Brot versteckte ich unter den Kohlen.

Ich hatte mich bereits davon überzeugt, dass nichts von Bedeutung in der Nähe meiner Schlafstatt war, und die stinkenden Laken waren mir inzwischen verhasst. Aber mir war unklar, was jenseits des Paravents lag. Als ich zu ihm kam, roch ich wieder den üblen Gestank, der mir beinahe Brechreiz verursachte, aber ich konnte nichts ausfindig machen, was ihn erklären würde, denn diese Seite des Zimmers war nahezu leer. Ich tastete mit meinen Händen stellenweise den Boden ab, fand aber nur einen Teppichnagel, was mich folgern ließ, dass hier jemand kürzlich einen Teppich abgehoben und entfernt hatte.

Wie ich schon festgestellt hatte, war die Tür unüberwindbar, womit nur noch das Fenster hinter meinem Bett blieb. Es musste hier doch etwas geben, womit man die Scheiben zerschlagen könnte. Ich kehrte zum Kohleneimer zurück, froh, dass mein Bein wieder beweglicher wurde, obgleich ich noch immer sehr schwach war. Die Kohlenstücke darin waren klein, aber bestimmt konnten sie ein Fenster zu Bruch gehen lassen. Ich nahm eines in die Hand und vermochte es mühelos hochzuheben. Endlich, so dachte ich, konnte ich etwas unternehmen.

Aber als ich gerade aufstand, kam plötzlich ein Geräusch, und es war das letzte Geräusch, das ich jetzt hören wollte. Der Schlüssel hatte sich im Schloss gedreht, und nun öffnete sich die Tür.

DIE NACHTWACHE

Mein erster Impuls war, ihm mit dem bisschen Kraft, über das ich noch verfügte, entgegenzutreten. Zumindest könnte ich ihm die Kohle an den Kopf werfen. Das war mein erster Gedanke, während seine Sicht für einen Augenblick von der sich nach innen öffnenden Tür versperrt war. Aber im gleichen Moment wusste ich, dass ich überhaupt keine Chance hätte. Ich könnte ihn noch nicht einmal überraschen, denn er würde mich sehen, lange bevor ich die Tür oder auch nur den Paravent erreicht hätte. Und da er in guter Form, kerngesund und bewaffnet war, hätte das Ganze lediglich zur Folge, dass er mich umgehend umbrachte. Sosehr es mir zuwider war, lag meine einzige Hoffnung darin, ihn zu täuschen. Ich legte die Kohle hin und kroch rasch ins Bett.

Ich hatte nur wenige Sekunden gehabt, doch ich war schnell und leise, und wegen des Winkels der Tür und den tief stehenden Schatten war ich mir sicher, dass er mich nicht gesehen hatte. Nun lag ich unter dem Bettzeug, die Augen geschlossen, während er die Tür vorsichtig hinter sich schloss und herüberkam, um mich zu mustern. Dann steckte er eine Kerze an, stellte sie auf den Tisch und untersuchte die Essensreste. Er schien damit zufrieden; zumindest mussten sie meine reglose Gestalt im Bett erklären. Ich fühlte, wie das Kerzenlicht auf mich gerichtet wurde, und spürte, dass er nur wenige Zoll von mir entfernt in mein Gesicht blickte. Wenn ich zu reglos blieb, konnte er mich vielleicht durchschauen, also gab ich vor, mich leicht zu rühren. Doch das war ein Fehler.

»Hoffentlich hattest du genug Milch und Brot«, sagte er. »Es freut mich, dass alles weg ist. Trotzdem schläfst du nicht so tief, wie ich möchte.«

Ich hörte, wie er etwas öffnete. Und dann spürte ich, wie eine Flasche gegen meine Lippen gepresst wurde. »Ich bin mir sicher, dass du mich hören kannst, Doyle. Schluck das runter, jetzt gleich.«

Es hätte natürlich Strychnin sein können, doch ich erkannte schon bald den klebrig-bitteren Nebengeschmack des Laudanums, das in den Alkohol gemischt war. Die Konzentration des Zeugs war hier höher als in der Milch, und ich wusste, dass ich es nicht trinken durfte, doch mit jedwedem Widerstand wäre meine einzige Chance vertan.

In der Verzweiflung des Augenblicks drückte ich meine Faust zusammen und fühlte einen scharfen, stechenden Schmerz – es war der Teppichnagel, den ich in der Hand hielt. Der Schmerz machte meinen Kopf frei. Ich tat so, als nähme ich mehrere Schlucke von der Flüssigkeit, ließ auch etwas davon durchkommen, behielt das meiste davon aber im Mund, dann tat ich so, als sackte ich völlig bewusstlos zusammen, und ließ meinen ihm abgewandten Kopf halb vom Kissen rutschen. Ich hörte, wie er die Flasche abstellte, sodass ich nicht mehr in seinem Kerzenlicht war, während ich das giftige Gebräu langsam ins Kissen und auf die Decke rinnen ließ. Ich wusste, dass ihn der Geruch nicht warnen würde, denn es war nur einer von vielen schlechten Gerüchen in diesem Bett, und das Kissen lag im Schatten.

Nach einer Weile hörte ich ihn umherlaufen und bemerkte einigermaßen überrascht, dass er gegen die Wände klopfte und an der Stelle hinter dem Paravent hin und her lief. Er schien ebenfalls in Sorge zu sein. Mehr als einmal hörte ich ihn unterdrückt fluchen.

Endlich kehrte er zu mir zurück. »Du bist ein armseliger Gegner, Doyle. Ich rieche, dass die Decken schon wieder verschmutzt sind, ich hatte mir mehr von dir versprochen. Morgen, wenn ich Zeit habe, ein Feuer zu machen, komme ich wieder und bringe dich um, denn ich habe wirklich genug von diesem Ort, dessen einziger Vorzug es war, dich quälen zu können. Ich glaube, es wird vorzüglich, und das mit deinem Vater habe ich durchaus so gemeint. Er wird seinen Sohn verspeisen. Er wird es bestimmt genießen. Und natürlich wird er nach dem Essen erfahren, was für Fleisch er da so reichlich verzehrt hat.«

Anschließend herrschte Stille, denn er wandte sich ab, und dann hörte ich ihn nicht mehr. Das Laudanum, das ich geschluckt hatte, ließ mich einschlafen, aber ich glaube, dank meiner Ausweichmanöver nicht allzu lange. Als ich aufwachte, war es noch dunkel, aber meine Gedanken waren klar. Ich wartete, hörte aber kein Geräusch. Schon bald war ich überzeugt, dass er fort war.

Langsam richtete ich mich auf und stellte fest, dass ich auf die Beine kam und mich kräftiger fühlte. Das hatte zum Teil sicher damit zu tun, dass die Wirkung der Droge nachließ, aber außerdem spornte mich das Wissen an, dass dies meine letzte Chance war. Ich war hungrig wie ein Wolf, und meine Kehle brannte, aber ich hatte in zwei Tagen nur wenige Schlucke Laudanum eingenommen und fühlte mich wieder wie ich selbst.

Was den Hunger betraf, sagte ich mir jetzt zum ersten Mal, dass ich schon früher solche Not erlebt und überstanden hatte. Es gab eine Zeit in meiner Praxis, als es schlicht kein Geld für Essen gegeben hatte und ich tagelang ohne Nahrung ausgekommen war. Es war schwer gewesen, aber ich hatte es geschafft. Zugegeben, jetzt hatte ich auch noch mit Verletzungen fertigzuwerden, aber dank seiner Spielchen lähmten sie mich nicht. Mein verwundetes Bein schmerzte zwar, war aber belastbar. Ich musste für diese Schlacht nur all meinen Mut zusammennehmen, um zu überleben. Dieses Bild erinnerte mich an all die Geschichten, die man mir als Kind von einem Großonkel erzählt hatte, der die schottische Brigade in Waterloo angeführt hatte; ich war froh, dass ich trotz der Schmerzen, des Hungers und des Durstes immerhin stark genug gewesen war, die schreckliche Kraftlosigkeit und Untätigkeit abzuwerfen.

Ich wollte nicht länger bei jenem widerlichen Bett verweilen, fand die Kerze und entzündete sie mit den Streichhölzern, die neben ihr lagen. Brot und Milch standen wie immer bereit, aber ich machte mir noch nicht einmal die Mühe, so zu tun, als hätte ich sie angerührt. Mit der Kerze in der Hand unternahm ich einen kurzen Rundgang, aber alles war genau wie zuvor, obwohl der Gestank bei der Tür so unbeschreiblich faulig geworden war, dass ich mich zu fragen begann, ob Cream ein Tier geschlachtet und als zusätzlichen Hohn dort versteckt hatte.

Hier war nichts, was ich nicht schon kannte, und ich wollte nicht länger warten. Zurück beim Bett, musterte ich den Haufen Wäsche und Decken, der darauf lag, und bemerkte zu meiner Freude, dass zuunterst einige Kleidungsstücke abgelegt worden waren. Bestimmt hatte er meine Schuhe auf der Fahrt weggeworfen, aber hier waren Hosen und ein uralter Mantel.

Als ich sie angezogen hatte, fühlte ich mich erheblich besser, auch wenn ich fürs Erste barfuß weitermachen musste, obschon meine Füße langsam kalt wurden.

Ich ging zurück zum Kohleneimer, packte mir den größten Brocken, den ich finden konnte, und rückte zum Fenster vor. Plötzlich kam von draußen ein klapperndes Geräusch. Mich durchfuhr vor Furcht ein schrecklicher Stich. Sollte mein Plan wieder durchkreuzt werden? Ich stand da, die Kohle in der Hand, nur sicher, dass ich mich, egal was geschehen würde, nicht wieder in dieses Bett legen würde. Aber das Geräusch ebbte ab. Es war ein Wagen draußen auf der Straße gewesen.

Das bedeutete, dass es vielleicht schon später war, als ich dachte, womöglich kurz vor Tagesanbruch, und ich wandte mich wieder dem Fenster zu. Ohne länger zu zögern, hob ich die Hand mit dem Kohlebrocken, holte aus und traf die Scheibe so wuchtig, wie ich nur konnte. Mein Arm brannte beim Aufprall, aber das Ergebnis war niederschmetternd. Das Glas war kein bisschen zersplittert. Ich holte aus und schlug erneut zu. Zu meiner großen Erleichterung gab die Scheibe diesmal nach, und ich hörte, wie Glas auf die andere Seite fiel, und spürte einen kalten Lufthauch im Gesicht. Ich wartete, aber nach dem Geklirr blieb es draußen still. Wie erwartet war da niemand, der den Krach hören konnte.

Das machte mir Mut, und ich schlug noch mehrmals auf die Scheibe ein. Als sie völlig zerborsten war, nahm ich mir die daneben vor. Ich musste einen neuen Kohlebrocken holen, denn der erste war zerbröckelt, aber schon bald war auch die zweite Scheibe verschwunden, und ich wandte mich der darüber zu.

Schließlich waren vier erledigt, und ich stand keuchend da und horchte wieder, ob meine Anstrengungen irgendjemanden alarmiert hatten. Doch das einzige Geräusch kam vom Wind.

Mein Tun forderte allmählich seinen Tribut, doch ich wusste, dass mir die größten Aufgaben noch bevorstanden. Irgendwie musste ich meine provisorische Waffe einsetzen, um die Mitte des Holzrahmens zu zerbrechen, aber das würde viel größere Kraft erfordern als das Glas. Ich legte meine Hand auf den Rahmen und stellte zu meiner großen Freude fest, dass er alt und nicht gut gepflegt war.

Ich bot all meine Kraft auf, umfasste die Kohle fest, schwang den Arm nach hinten und traf schwer auf das Holzkreuz. Ich spürte ein schreckliches Rütteln in meinem Arm, als die Kohle in winzige Stücke zerbarst, doch der Rahmen war nahezu unversehrt geblieben.

Ich ging wieder zum Kohleneimer, um nach einem besseren Brocken zu sehen, doch die anderen Stücke waren so klein, dass sie unbrauchbar waren. Da dachte ich zum ersten Mal an den Eimer selbst. Er bestand aus einem minderwertigen Metall, aber immerhin aus Metall. Ich hob ihn hoch und leerte die Kohlen ohne große Mühe aus. Schon bald schwang ich ihn an seinem Henkel und staunte, um eine wie viel bessere Waffe er abgab als meine dürftigen Kohlebrocken. Ich stellte mir vor, was für einen Knacks er verursachen würde, wenn ich ihn auf den Schädel meines Feindes niedergehen ließe. Das heiterte mich auf, und kurz danach stand ich wieder am Fenster. Ich holte Luft, biss die Zähne zusammen und schwang den Eimer mit aller Kraft gegen den Rahmen, wobei ich kurz vor dem Aufprall meinen Griff löste.

Ich weiß, dass in meiner Vorstellung Creams Kopf genau im Weg war, und das Ergebnis hätte kaum erfreulicher ausfallen können. Das Holz zersplitterte und gab nach, während der Kohleneimer durch das Fenster sauste und auf dem Gras draußen liegen blieb. Als ich den Schaden genau begutachtete, war ich mir sicher, dass ich mit etwas Anstrengung durch die entstandene Öffnung klettern konnte, auch wenn ich noch mit dem restlichen Glas zu kämpfen hatte.

Zu meinem Unbehagen nahm ich wahr, dass es draußen heller wurde. Ich schob alle großen Glasstücke aus dem Fenster, aber es war aussichtslos, auch noch alle kleineren Splitter zu entfernen. Deshalb ging ich zurück zum Bett, holte eine der schweren Decken und warf sie so durch das Fenster, dass die dicke Wolle den unteren Rahmen bedeckte.

Wie sich herausstellen sollte, war das Folgende die schwierigste Aufgabe dieser Nacht, denn ich musste mich hochhieven und dann in einer einzigen gewagten Bewegung kopfüber durch das Fenster zwängen. Die Decke und meine Kleider boten etwas Schutz, aber dennoch war das Fenster so eng, dass ich, als ich mich nach vorne warf, spürte, wie winzige Glassplitter in meine Schultern und Arme drangen. Ein langes Stück, das ich übersehen haben musste, durchstach meinen Mantel, aber ich war gezwungen, mich dessen ungeachtet weiter vorzuarbeiten, ohne meinen Fall richtig einkalkulieren zu können. Dann war ich über den Gleichgewichtspunkt hinaus und stürzte ab.

Während ich fiel, rutschte die Decke zur Seite, sodass meine nackten Füße unerträglich an den Splittern entlangrissen. Dann taumelte ich nach vorn auf den feuchten Boden, und mein rechtes Bein stieß mit qualvoller Wirkung auf etwas Hartes. Es war die Kante des Kohleneimers; ich musste mich von ihm wegwälzen und verfluchte meine Dummheit, dass ich das Ding hier landen gelassen hatte.

So lag ich da, spürte Blut an meinen Füßen und Schultern, gelangte aber letztlich zu dem Schluss, dass mein Bein zwar schwer geprellt war, ich mir aber nichts gebrochen hatte. Endlich war ich aus dem widerlichen Haus entkommen. Als ich mich aufsetzte, um meine Wunden zu betrachten, wurde mir bewusst, wie viel Glück ich gehabt hatte. Wenn statt meines Beins mein Kopf gegen die Kante des Kohleneimers geprallt wäre, hätte mein Gegner bei seiner Rückkehr womöglich meine Leiche auf dem Rasen vorgefunden.

Dieser Gedanke brachte mich auf die Beine, und als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, musterte ich meine Umgebung. Im frühen Morgengrauen stand ich, wie ich schon länger vermutet hatte, neben einer kleinen Hütte auf freiem Gelände. Der Garten um mich herum war verwahrlost und überwuchert; einige größere Bäume standen unten neben einer verfallenen Steinmauer. Jenseits des Gartens schien, soweit ich ausmachen konnte, ein Feld zu liegen, und daneben zweigte ein Pfad in einen Wald ab. Als ich mich zur Seite wandte, konnte ich sehen, dass der Pfad vor dem Haus weiterlief. Nur der Himmel wusste, in welcher Grafschaft ich mich befand; das Land sah nicht sehr fruchtbar aus, und ich konnte keine weiteren Häuser sehen, obgleich natürlich viel von Bäumen verdeckt war und es noch nicht hell war.

Etwas war mir jenseits der nächstgelegenen Ecke des Feldes schon aus den Augenwinkeln aufgefallen, und ich kletterte durch das Dickicht aus dem Garten hinaus. Nachdem ich eine Böschung hinabgestiegen war, stand ich bald, wie ich angenommen hatte, am Ufer eines Bachs. Er war schlammig, aber anderweitig recht sauber, und ohne auf die Kälte zu achten, legte ich mich an den Fuß der Böschung und trank das Wasser. Dann schüttete ich es mir über Kopf und Hals, im dringenden Bedürfnis, den Gestank der Hütte loszuwerden.

Als mein Durst gestillt war und sich mein Kopf sauber anfühlte, wandte ich mich meinen Wunden zu. Mir war kalt, und ich zitterte jetzt, aber es fror mich nicht besonders, sodass ich Mantel und Hosen auszog und mir das Blut abwusch – wobei ich gut achtgab, dass die Kleider nicht nass wurden. Schließlich wusch ich mich und untersuchte den Verband an meinem linken Bein. Er saß noch immer fest, und obwohl die Wunde äußerst schmerzhaft war, war sie zu hoch gewesen, um meine Bewegungen zu beeinträchtigen. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dachte ich, dass ich mein Leben dem Ehrgeiz von Creams Grausamkeit zu verdanken hatte. Ein Mann, der nicht so abgrundtief böse gewesen wäre, hätte mich lediglich auf herkömmliche Weise gequält und getötet, aber Cream hatte mehr gewollt.

Inzwischen waren meine Füße eiskalt, und ich zog meinen Mantel an, für den ich Gott dankte, als ich wieder vom Feld in den Garten ging. Es gab noch immer kein Zeichen von irgendjemandem oder irgendetwas, als ich wieder zu dem Fenster kam, aber mir war eine Verwendungsmöglichkeit für die Decke eingefallen, und außerdem hatte ich eine Entscheidung gefällt. Ich zog die Decke vom Fensterrahmen und sorgte dafür, dass kein Glas mehr in ihr steckte. Dann ging ich in die Knie, um den Boden abzusuchen und wählte den tödlichsten Glasdolch aus, den ich finden konnte. Schließlich ging ich zu den Bäumen am unteren Ende des Gartens, bis ich vom Haus aus nicht mehr zu sehen war. Hier wickelte ich den Stoff um meine Füße, um sie besser vor der Kälte zu schützen.

Ich würde ihn abnehmen müssen, um laufen zu können. Aber ich hatte nicht vor zu laufen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Energie darauf verwendet, der Hütte und seinem Einfluss zu entkommen. Nun, da das teilweise erreicht war, erkannte ich erstmals meine tatsächlichen Beweggründe: Ich wollte ihn umbringen. Ich muss zugeben, dass ich keinen Gedanken an Gerichte, Gerechtigkeit oder Rechtmäßigkeit verschwendete. Ich wollte nur zum Schlag gegen den verkommenen Verbrecher ausholen, der mich erniedrigt hatte und der bereits aus reinem Vergnügen die eine Person auf dieser Welt ausgelöscht hatte, die mich hätte glücklich machen können. Ich hatte und habe bis heute nicht die geringsten Gewissensbisse hinsichtlich der Gefühle, die ich in diesem Garten hegte, als ich dem Morgengrauen zusah. Zweifellos ist es böse, wenn Menschen das Gesetz in die eigenen Hände nehmen. Aber nach allem, was geschehen war, kam es mir wie reine Selbstverteidigung vor. Und selbst wenn Dr. Bell dort gewesen wäre, um mich zu belehren, hätte ich ihn gefragt, wie es denn überhaupt moralisch sein könne, einen solchen Mann leben zu lassen, wenn wir doch völlige Gewissheit über seine Taten hatten und sich uns die Gelegenheit bot, weitere Morde zu verhindern, indem wir die Welt für immer von ihm befreiten.

Es schien mir sicher, dass mein Feind in wenigen Stunden hier sein würde und dass er über die Straße käme, die ich gesehen hatte. Er hatte keinen Anlass, durch Wiesen und Wälder zu laufen; abgesehen davon hatte mir die Sauberkeit seiner Kleidung verraten, dass er stets die Straße benutzt hatte. Es schien zudem wahrscheinlich, dass er im Laufe des Vormittags auftauchen würde. Zweifellos schlief er im Augenblick friedlich in einem örtlichen Gasthof und wollte später zurückkommen, um mich auf die versprochene Weise zu töten.

Die einzige Frage war, wie ich ihn überraschen konnte. Das Innere der Hütte bot bei einem solchen Kampf wenig Hoffnung, also betrachtete ich jetzt ihr Äußeres. Vor mir lag eine einfache eingeschossige Behausung mit einem Vorbau vor dem Eingang. Ich wusste, dass die innere Tür des Vorbaus verschlossen war, und bestimmt war auch die äußere gesichert. Ich zog in Erwägung, auf das Dach des Vorbaus zu klettern und ihn zu überfallen, während er die Tür aufschloss, aber es wäre schwer, still zu bleiben, und es bestand die Möglichkeit, dass er aufsah und mich entdeckte.

Unterm Strich schien es vorteilhafter, ihn zu überraschen, bevor er die Tür erreichte und das zerbrochene Fenster dahinter sah. Ich nahm also meine Decke und ging zurück zur Hütte und an der Tür vorbei. Der Weg nach vorne, ein kleiner grasbedeckter Pfad, begann bei dem Vorbau und führte um die Seite herum. Als ich die Straße auf der anderen Seite des Gebäudes erreichte, entpuppte sie sich als staubiger, aber breiter Weg, der vermutlich zu weiteren Höfen und Dörfern in der Gegend führte, obgleich keine weiteren Behausungen zu sehen waren. Dahinter schlängelten sich Wälder bis hinauf zum Horizont. Die Hütte hatte wie erwartet keine Tür zur Straße hin und auch nur ein Oberlicht auf dieser Seite, das mit einem dunklen Stoff verhängt war. Der gesamte Ort machte einen sehr trostlosen Eindruck, und zum ersten Mal fragte ich mich, was für ein Mann oder was für eine Frau hier lebte, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu geben, es etwas freundlicher zu gestalten.

Aber das war eine Ablenkung, und ich wandte meine Gedanken wieder meinem Plan zu. Die entgegengesetzte Seite des Gebäudes war von Weißdorn umwuchert, sodass es, sofern man keinen regelrechten Spaziergang vorhatte, von der Straße aus anscheinend keinen anderen Zugang zur Hütte gab als diesen Weg, wodurch die Abgeschiedenheit des Ortes vollkommen war. Ich konnte also ziemlich sicher sein, dass er aus dieser Richtung käme, was bedeutete, dass er das zerbrochene Fenster erst sehen würde, wenn er die Hinterseite des Hauses und den Garten erreicht hatte.

Meine gesamte Aufmerksamkeit war nun auf eine Gruppe Büsche neben dem Weg gerichtet. Sie waren ziemlich dicht und aufgrund des Winkels des Hausdaches bestimmt kaum der Sonne ausgesetzt, sodass sie mir ein gutes Versteck bieten würden. Und so kehrte ich, nachdem ich erneut bei inzwischen vollem Tageslicht die Straße inspiziert hatte, in den Garten zurück und kroch von hinten in die Büsche hinein. Ich bewegte mich langsam vorwärts und kauerte schon bald nur wenige Fuß von der Hütte und nur ein paar Zoll vom Weg entfernt. Ich war mir sicher, auf keinen Fall gesehen werden zu können.

Es beschwingte mich, auf ihn vorbereitet zu sein. Wenn er nicht auf allen vieren den Graspfad hinunterkam, konnte er mich nicht entdecken und auch durch nichts Argwohn schöpfen. Das dolchartige Stück Glas in meiner Hand war nicht achtlos ausgewählt worden. Es war so scharf, dass es einen Teil der dicken Decke in Fetzen gerissen hatte. Unter Berücksichtigung der Größe meines Opfers konnte ich damit mit einem Satz seine Oberschenkelschlagader unterhalb der Leiste durchtrennen. Natürlich hoffte ich auf mehr, und mein zweiter Hieb würde der Aorta gelten, aber ich musste mir mit dem ersten ganz sicher sein, denn im Prinzip würde dieser eine Hieb, sauber ausgeführt, ausreichen, egal, was danach passierte. Mit Sicherheit würde er sofort stürzen, und er wäre mir womöglich ausgeliefert, aber darauf wollte ich mich keinesfalls verlassen. Entscheidend war, dass Cream an diesem abgeschiedenen Ort in relativ kurzer Zeit an Blutverlust sterben würde. Und wenn das Glas so tief eindrang, wie ich beabsichtigte, würde ihm nichts und niemand helfen können, egal ob er hier in diesem gottverlassenen Garten lag oder von Chirurgen umringt in einem Londoner Lehrkrankenhaus.

Ich hatte Vertrauen in diesen Plan; meine einzige Sorge galt seiner Strecke. Angenommen, er war auf der Hut und marschierte querfeldein, um herzukommen? Aber warum sollte er? Ich war mir sicher, dass er glaubte, ich hätte das Rauschgift eingenommen, und er hatte angekündigt, heute Morgen zu kommen. Ich legte das Glas vorsichtig hin; ich wollte mich nicht unnötig erschöpfen. Und dann wartete ich.

Einige Stunden vergingen, während die Sonne höher stieg, sodass ich vergleichsweise warm lag. Ich glaube nicht, dass ich geschlafen oder gedöst habe, dafür war ich viel zu versessen auf meine Beute, aber meine Gedanken schweiften häufig weit ab. Natürlich dachte ich an meine verlorene Liebe Elsbeth und wie sehr ich das idiotische Verbrechen an ihr rächen wollte. Ich dachte an die Tortur, die ich gerade erduldet hatte, und dass ich niemals wieder in eine solche Lage geraten durfte. Aus irgendeinem Grund wanderten meine Gedanken zu meinem Vater, der noch immer in einem düsteren Irrenhaus in Schottland eingekerkert war. Und dann ertappte ich mich bei dem Gedanken an die Morlands und hoffte unter Aufbietung meiner letzten Willenskraft, dass Cream ihnen nichts angetan hatte. Aber während all dieser Tagträume kehrte ich stets zu der Vorstellung zurück, wie es sein würde, meine Waffe in dem bösartigen Ding zu versenken, das mich hierhergebracht hatte. Denn inzwischen hielt ich Cream kaum noch für einen Menschen. Die Zeiten, in denen wir uns unterhalten und fröhlich miteinander getrunken hatten, schienen einem anderen Leben anzugehören. Es war meine Vergangenheit, an die ich mich erinnerte, und doch schien es eher einem anderen passiert zu sein, den ich einst gekannt hatte.

Und dann hörte ich das Fuhrwerk. Natürlich konnte ich es nicht sehen, aber es kam aus der erwarteten Richtung, also von jenseits der Hütte bergab durch den Wald, was mir als der wahrscheinlichste Weg in Richtung Zivilisation erschienen war. Die knarrenden Räder näherten sich, und ich konnte die Hufe der Pferde auf dem Boden hören. Ihr Klappern wurde immer lauter. Schließlich wurde mir klar, dass das Fuhrwerk bereits nahe bei der Hütte war und sich damit ganz sicher nur noch wenige Fuß von mir entfernt auf der Straße befand. Würde es weiterfahren? Nein, es hielt an, und jemand stieg aus. Ich wappnete mich, alle Nerven angespannt, und erwartete ihn.

HINTER DER TÜR

Eine Weile passierte gar nichts. Meine Nerven waren so angespannt, dass ich kaum atmen konnte.

Dann lief jemand den Weg entlang, ich sah erst einen Schatten, dann Stiefel. Sie blieben stehen. Gerade außer Reichweite. Ein Hieb würde ihn so lediglich verwunden können. Hatte er es irgendwie erraten? Ich wappnete mich.

Dann kam eine Stimme. »Also, ich sehe hier niemanden. Klar, der alte Lucas bleibt lieber für sich, aber merkwürdig ist es doch. Keine Spur von ihm.« Es war nicht seine Stimme.

Eine andere Stimme erklang von weiter weg. »Na, du hast aber keinen Anlass, deine Nase da reinzustecken, sonst schneidet er sie dir noch ab. Er soll da ein oder zwei Goldsäcke haben.«

Jetzt kehrten die Füße um und liefen zurück zur Straße. »Ja, für Geld würde der alles tun«, antwortete ihr Besitzer. »Aber seltsam ist es schon, denn er mag zwar keine Gesellschaft, aber sonst starrt er einen immer hier von seinem Weg aus an. Und jetzt schon seit Wochen nicht mehr. Na, auf geht’s.«

Daraufhin hörte ich, wie jemand zurück in das Fuhrwerk stieg. Dann knallte eine Peitsche, und das Gefährt setzte sich in Gang. Konnte er noch immer irgendwo lauern? Hatte Cream vielleicht, um mich zu täuschen, die beiden angewiesen, ihn nicht zu erwähnen? Aber dann kam mir in den Sinn, dass er sich niemals der Dienste solcher Klatschweiber bedient hätte, und die Unterhaltung hatte völlig echt geklungen. Das konnte bloß bedeuten, dass es falscher Alarm gewesen war: nur zwei neugierige Männer aus der Gegend, die vorbeigekommen waren.

Meine Handflächen schwitzten so sehr, dass ich meine Waffe ablegen und sie an den Büschen abwischen musste. Dieser Lucas, von dem sie gesprochen hatten, musste der Bewohner der Hütte sein, und Cream war sein Besucher. Wenn der Mann für Geld alles tun würde, hatte Cream ihm bestimmt einiges bezahlt, damit er sich fernhielte, weshalb seine Nachbarn nun über seine Abwesenheit sinnierten.

Ich war schwer enttäuscht, doch ich bereitete mich darauf vor, weiter zu warten. Und ich wartete. Die Stunden vergingen, das Licht wurde schwächer. Ich lauschte den Vögeln, und einmal war ich mir sicher, eine Maus in ein Loch an der Seite des Hauses huschen zu sehen, aber sonst passierte gar nichts. Nicht ein einziges weiteres Gefährt kam auch nur vorbei. Und schließlich sah ich, wie die Schatten länger wurden, und wusste im Grunde meines Herzens, dass er mir wieder entkommen war. Im Augenblick zumindest würde er nicht hierher zurückkehren.

Ich fühlte mich steif und war mir mehr denn je meiner Schmerzen und meines Hungers bewusst. War es denkbar, fragte ich mich, während ich vom Weg wegzukriechen begann, dass er es gewusst hatte? Dass er mich durchschaut hatte und wieder eines seiner Spielchen spielte? Vielleicht beobachtete er mich sogar gerade und würde irgendwann meiner Possen müde und dann zuschlagen?

Ich blickte mich um, aber schon bald war ich wieder so weit bei Verstand, dass mir klar wurde, dass nichts davon stimmen konnte. Es war undenkbar, dass er meine Flucht riskiert oder mir eine Waffe zugestanden hätte, schließlich umklammerte ich noch immer meinen Glasdolch. Und selbst wenn er hier gewesen wäre, hätte er nicht den ganzen Tag gewartet, um mich aus dem Hinterhalt anzugreifen.

Nein, seine Abwesenheit musste mit etwas anderem zusammenhängen. Vielleicht hatte er wegen der Art Klatsch, wie ich ihn vorhin gehört hatte, Zweifel gekriegt, ob er wieder hierherkommen sollte? Oder er war von einer anderen Sache abgehalten worden? Welcher Grund es auch sein mochte, ich war völlig niedergeschlagen. Es schien, als hätte das Schicksal selbst entschieden, dass ich die Auseinandersetzung mit ihm niemals zu einem Abschluss bringen konnte. Zum ersten Mal in fünf langen Jahren war ich ihm gegenüber im Vorteil gewesen und hätte die Gelegenheit gehabt zurückzuschlagen, nur um sie jetzt dahinschwinden zu sehen.

Es ergab keinen Sinn, länger hier zu verweilen, und als ich aus meinem Unterschlupf kroch, bemerkte ich, dass es kälter wurde. Die Sonne würde noch eine Stunde Tageslicht spenden, aber trotz der Decke waren meine Füße bereits klamm, und mir schien eine verzweifelte Reise bevorzustehen, und das größtenteils nachts. Aufgrund meines Blutdursts hatte ich die Chance verspielt, sie unter weniger herausfordernden Bedingungen anzutreten.

Ich kam wieder zur Rückseite der Hütte und fragte mich, was Cream wohl mit Lucas’ Sachen gemacht hatte, denn er würde doch sicher nicht sämtliche Kleidung mitgenommen haben. Als ich den Vorbau erreichte, kam mir der Gedanke, ob sie nicht vielleicht im Raum zwischen den beiden Türen sein könnten. Ich stemmte mich gegen die äußere. Zu meiner Verblüffung öffnete sie sich.

Jetzt verfluchte ich mich für meine Dummheit, es nicht früher getan zu haben. Ich war so sehr mit meinem Plan beschäftigt gewesen, dass ich einfach angenommen hatte, sie wäre verschlossen. Aber als ich jetzt in die Schatten trat, erwartete mich ein unbeschreiblicher Gestank und ließ mich angewidert zurückschrecken. Es war der Geruch fauligen Fleisches, und sein Ursprung wurde offensichtlich, als ich nach unten blickte.

Der Leichnam des Mannes verweste bereits, mit dunklen Flecken abgelöster Haut. In seinem Schädel war ein großes Loch, mit annähernder Sicherheit von dem Schlag, der ihn getötet hatte, und er lag in einer kleinen Pfütze eingetrockneten Bluts. Nach grober Berechnung war der Mann seit mindestens einer Woche tot, und ich war mir sicher, dass sein Mord meiner Ankunft vorausgegangen war.

Ich schämte mich jetzt für meine kläglichen Schlussfolgerungen über den vermissten Lucas. Cream hatte diesen Ort offenkundig wegen seiner Abgeschiedenheit ausgewählt, aber natürlich hätte er es niemals in Erwägung gezogen, mit dem Bewohner eine Abmachung zu treffen, selbst wenn eine solche möglich gewesen wäre. Er hatte ihn einfach aus dem Weg geräumt.

Doch das war noch nicht alles, denn während ich den erbärmlichen, unterernährten Leichnam unter mir betrachtete, fiel mir der Klatsch ein, den ich an der Straße gehört hatte. Lucas »blieb lieber für sich«, hatten sie gesagt. Also war der Mann als Einsiedler bekannt, was Cream vortrefflich gepasst haben dürfte. Das gab ihm die Gelegenheit, den Bewohner zu beseitigen und die Hütte für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Und hatte nicht eine der beiden Stimmen »ein oder zwei Goldsäcke« erwähnt? Kein Wunder, dass es zwei robuste Eichentüren gab. Cream hatte bestimmt von diesem Geizkragen und seinem Schatz gehört. Vielleicht hatte er die Möglichkeit gesehen, noch etwas Vermögen zu erwerben, während er mich folterte.

Das musste der Grund für das Abklopfen der Wände gewesen sein, das ich gehört hatte, als er umherlief. Aber seinen Äußerungen nach hatte er nichts gefunden. Und ich kannte auch den Grund. Cream mochte eine Menge wissen, aber er konnte nicht viel Ahnung von den verschrobenen Seiten des englischen Dorflebens haben. Das Gold, über das in dieser Gemeinschaft getuschelt wurde, konnte eventuell tatsächlich vorhanden sein, doch weitaus wahrscheinlicher war, dass es überhaupt nicht existierte. Ein seltsamer, zurückgezogener Mann, der seine Nachbarn nicht mag und sogar fürchtet, der sehr auf seine Privatsphäre bedacht ist und in großem Elend lebt, gilt häufig als Hüter eines Schatzes. Dabei ist es viel wahrscheinlicher, dass er an einer geistigen Abnormität leidet. Kein Wunder, dass Creams Ausbeute dürftig gewesen war.

Ich zog daraus einen makabren Trost und kniete mich hin, wobei ich mir die Nase mit dem Ärmel zuhielt, um den Leichnam genauer zu untersuchen. Da hörte ich abermals das Klappern eines Fuhrwerks auf der Straße.

Mein Herz raste, konnte er das doch noch sein? Hatte ich meinen Vorteil verspielt? Mein erster Impuls war es davonzurennen, doch jetzt sah ich, dass die Füße des Leichnams in braunen Stiefeln steckten, deren Größe in etwa meiner zu entsprechen schien. Ich wusste nicht, ob Cream in diesem Wagen saß, ich hatte mich schon häufig genug geirrt, aber wenn ich entkommen musste, war das die beste Gelegenheit.

Ich beugte mich herab und zog an den Stiefeln, doch die Füße waren steif wie Bretter, also musste ich mich an den Riemen zu schaffen machen. Das Geräusch des Gefährts war inzwischen lauter geworden. Schließlich bekam ich erst den einen Stiefel ab, dann den anderen. Ich nahm auch die Socken mit, und in diesem Augenblick fiel mir etwas auf, das neben Lucas’ Füßen lag, und ich griff danach. Es war meine Börse, und tatsächlich enthielt sie mehrere meiner Visitenkarten, allerdings kein Geld mehr.

War das der wahre Grund, warum Cream nicht zurückgekehrt war? Vielleicht hatte er von Anfang an beschlossen, dass es vergnüglich wäre, wenn ich wegen Mordes gehängt würde? Das Laudanum hätte der Anklage gegen mich geholfen, und selbst die verschlossene innere Tür wäre kein Gegenbeweis gewesen, wenn er innen einen Schlüssel versteckt hatte. Aber es blieb keine Zeit weiterzusuchen, denn zu meinem Entsetzen hatte das Geräusch des Wagens aufgehört. Er hatte auf der anderen Seite des Hauses angehalten.

Die Stiefel und den Geldbeutel in der Hand, lief ich rasch hinaus und floh durch das verwilderte Gras, in großer Sorge, meinen Vorteil zu verlieren. Es war noch heller, als mir lieb war, und ich konnte Stimmen hören. Doch ich erreichte die dichtere Vegetation am Fuße des Gartens, drehte mich um und blickte zurück.

Drei Männer gingen langsam an der Seite des Hauses entlang. Cream war nicht darunter. Der Mann an der Spitze trug keine Uniform, aber seine obrigkeitliche Haltung brachte mich zu der Überzeugung, dass dies eine Abordnung der örtlichen Gendarmerie war. »Lucas!«, rief er, als sie zur Rückseite kamen. »Sind Sie da? Wir möchten Sie nicht stören, aber wir haben gehört, dass vielleicht nicht alles in Ordnung ist.«

Mein einziger Gedanke galt der Flucht. Zum Glück war es nicht nötig, über das Feld neben der Hütte zu laufen, wo man mich sofort gesehen hätte. Eine Reihe von Straucheichen erstreckte sich vor mir, und ich konnte diese Richtung einschlagen, also lief ich rasch los, immer geduckt, die Stiefel noch in der Hand.

Kaum hatte ich den überwucherten Garten verlassen, musste ich den Bach durchwaten, doch an einer tiefer gelegenen Stelle als der, an der ich vorhin gebadet hatte. Danach lief ich barfuß weiter; mein einziger Wunsch war es, den Abstand zwischen ihnen und mir zu vergrößern. Auf einmal hörte ich einen Schrei. Jemand musste die Leiche gefunden haben. Natürlich konnten sie nicht wissen, ob der Verbrecher im Haus war, und dann vernahm ich lautes Pochen. Sie versuchten, die innere Tür aufzubrechen.

Zweifellos wollten sie wegen des zerbrochenen Fensters erst recht hineingelangen. Zwar lagen die Glassplitter nicht drinnen, sondern draußen, was jedem tüchtigen Detektiv augenfällig machen musste, dass es sich um einen Ausbruch und nicht um einen Einbruch gehandelt hatte. Aber wie Dr. Bell mir gegenüber mehr als einmal betont hatte, sehen die Leute in der ersten Phase einer Ermittlung in der Regel nur, was sie sehen wollen. Diese Männer vermuteten bestimmt, dass Lucas beim Beschützen seines Schatzes gestorben war, und suchten jetzt nach einem Zugang zur Hütte. Sobald sie das Fenster gefunden hatten, wären sie sich sicher, ihn gefunden zu haben.

Die Dämmerung brach nun herein, und ich setzte mich im Schutz einer Eiche hin und probierte die Stiefel an, die zwar etwas groß waren, zu meiner Freude aber ungefähr passten, wobei die Socken helfen würden, die Abschürfungen in Grenzen zu halten. Ich zog sie schnell an und stellte fest, dass ich gut darin laufen konnte.

Es war offenkundig, dass meine gesamte Energie darauf verwendet werden musste, den Abstand zwischen mir und der Hütte zu vergrößern. Ich bewegte mich an den Bäumen entlang und achtete darauf, geduckt zu bleiben. Mein verletztes Bein schmerzte, aber ich musste mich zwingen weiterzugehen.

Von irgendwo hinter mir hörte ich Rufe, und als ich mich umsah, entdeckte ich das Schimmern einer Laterne. Ich vermutete, dass einer in das Haus geklettert war und es durchsuchte, während die beiden anderen den Garten erkundeten. Ich war froh, meinen Geldbeutel zu haben, schalt mich aber immer noch für meinen detektivischen Leichtsinn. Wenn ich die Tür gleich nach meiner Flucht ordentlich untersucht hätte, hätte ich ausreichend Zeit gehabt, den Leichnam und den Garten zu durchforsten, denn Cream konnte durchaus weiteres belastendes Material versteckt haben. Dieser unerfreuliche Gedanke spornte mich an, obwohl mein Bein immer stärker wehtat.

Plötzlich hörte ich vor mir ein Geräusch. Ich ging in die Hocke, als ein Pferdefuhrwerk mit einer Lampe in hohem Tempo vorbeifuhr. Es saß nur ein Fahrer darin; es war einer der Männer, die ich eben gesehen hatte, und er war offenkundig losgeschickt worden, um Hilfe zu holen.

Ich überquerte die Straße und versuchte weiterzukommen, aber nun, da die unmittelbare Gefahr gebannt war, musste ich feststellen, dass die Anstrengungen all meine Kräfte verzehrt hatten. Wenn ich meine damalige Situation heute aus medizinischer Sicht betrachte, so war ich bestimmt während meines Aufenthalts in der Hütte völlig dehydriert, da ich nichts anderes als mit Laudanum versetzte Milch zu mir genommen hatte. Das viele Trinken aus dem Bach hatte dazu beigetragen, dass ich mich erholen konnte, genau wie die verrückte Krabbelei auf meiner Flucht, aber jetzt schlug die Erschöpfung durch Hunger voll durch. Wenn es Sommer gewesen wäre, hätte ich vielleicht ein paar Beeren gefunden, die mir geholfen hätten, aber in diesem Wald gab es nichts Essbares.

Deshalb und wegen der Dunkelheit und meiner Unkenntnis der Gegend gelang es mir nicht mehr, die Richtung zu halten. Nachdem ich eine Weile weitergelaufen war, fiel mir auf, dass der Mond aufgegangen war, und dann fand ich mich vor einer Senke wieder. Plötzlich hörte ich einen Schrei, und wie ein verdammter Narr bemerkte ich, dass ich mitten im Mondlicht stand ...

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