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Die Herrin von Gut Roest

Buchbeschreibung:

Sie ist die Tochter des reichsten Adligen im Herzogtum Schleswig. Sie lebt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Sie ist anders, schön und eigensinnig, entschlossen, sich nie dem Willen eines Mannes zu unterwerfen. Ihr Landesherr zwingt sie zur Ehe. Sie ist schon dreißig Jahre alt, als sie den Herrn von Gut Roest heiratet. Sie schenkt ihm vierzehn Kinder, einige verliert sie viel zu früh an den Tod. Sie kämpft gegen Söldner und Wölfe, überlebt Not, Gewalt und Krieg. Ihretwegen wird eine Frau als Hexe verbrannt, aber sie erlebt auch gute Zeiten. Sie übernimmt die Leitung von Gut Roest, stark und verantwortungsbewusst. Trotzdem oder gerade deswegen nennen sie die eigenen Leute oft „die böse Fru Ihd“ – sie ist Ida von Rumohr.

Ida von Rumohr - Die Herrin von Gut Roest

Romanbiografie

von

Ursula Raddatz

Personenregister:

Geschichtlich reale Personen sind mit einem Sternchen gekennzeichnet:

Die Hauptperson:

*Ida Rumohr, geb. Brockdorff - die Herrin von Gut Roest,

geb. auf Gut Windeby - Nov. 1600 verst. 14.08.1668 auf Gut Roest

Die 2. Hauptperson:

Anna-Sophie, uneheliche Tochter von Marguerite Royan,

geb. auf Gut Windeby, Mai 1602, Vater unbekannt, Idas Chronistin

Die Brockdorffer von Gut Windeby:

*Detlev Brockdorff, Idas Vater, Hofjunker und Amtmann

am Hofe des Herzoges in Gottorf - geb. 1559/ verst. 27.04. 1628

*Margarete Blome, Idas und Heinrichs Mutter

geb. 1573/ verst. 1625

*Heinrich Brockdorff, älterer Bruder von Ida

geb. 01.01.1600 / verst. 01,04,1871 in Apenrade

*Dorothea Brockdorff, Halbschwester von Ida

geb. ca. 1594 / verst. 1530

*Magdalene Brockdorff, Halbschwester von Ida

geb. 23.09.1596 / verst. 06.06.1670

Personal auf Gut Windeby:

Marguerite Royan, „Mamsell“ mysteriöse Französin,

Margarete Brockdorffs Freundin und Gouvernante der Kinder geb. evtl. 1580 / verst. 31.03.1616 auf Gut Windeby Die Rumohrs von Gut Roest:

*Asmus Rumohr und Margarete Rantzau, Heinrichs Großeltern

geb. 1520 / verst. 1590 auf Gut Roest-

*Cai Rumohr, Vater von Heinrich,

geb. 11.06.1566 auf Gut Roest/ verst. 1625

*Elisabeth Rantzau, Mutter von Heinrich Rumohr,

heiratet Cai Rumohr 1595

*Heinrich Rumohr, Idas Ehemann und Herr auf Gut Roest, Toestorf und Hohenlieth

geb. 1600 / heiratet Ida 1630/ verst. 1653 auf Gut Roest

Die überlebenden Kinder von Heinrich und Ida Rumohr:

*Detlev Rumohr, Offizier und Gouverneur des dän. Königs

geb. 1634 auf Roest / verst. 08.01.1678 auf Rügen

*Cai-Wilhelm Rumohr, übernimmt 1667 Gut Roest von Detlev

geb. 1635 auf Roest /verst. 1680

*Margarete, heiratet Henning Reventlow verm. 1665

geb. 07.11.1638 / verst. 11.03.1705 in Kiel

Anna-Ida, fiktive Tochter,

geb. 1641 / verst. 1659 im Wolfswinter

*Friedrich, erbt nach Cais Tod die Güter

geb. 01.12.1643 auf Gut Roest / verst. 23.11.1722

*Auguste-Elisabeth, heiratet Geheimrat Friedr. Arenstorff

geb. 1645 / verst. 1728

*Anna, heiratet Hans Ahlefeld auf Alsen verm. 1672

geb. 1649/verst. 12.12.1711 in Odense

*Magdalena, heiratet Wulf Blome auf Hagen, Barenfleth

geb. 1650 / verst. 16.11.1717 in Preetz

*Ida-Hedwig, heiratet Vincent Joachim Hahn, Geheimrat

geb. 1651 / verst. 13.09.1681

Wilhelm, fiktiver Sohn

geb. 1653 / verst. 1659 im Wolfswinter

Schack Rumohr, fiktiver jüngerer Bruder von Heinrich Rumohr Eigentlich der 15 Jahre ältere Cousin der Olpenitz-Linie, Vater von Mette Rumohr

Personal auf Gut Roest:

*Claus Beckmann, Verwalter auf Gut Roest

Jens, fällt als kleiner Junge durch seine Intelligenz auf,

wird später Verwalter als Nachfolger von Beckmann

Köchinnen: Stina und Lise

Gehilfin: Lina, treibt ein doppeltes Spiel

Als Hexen von Roest verbrannt:

*Anna Stiges, verurteilt und verbrannt auf dem Toppes-Hügel am 06.06.1632

*Anneke Hansen, *Anna Nagels, ebenfalls dort verbrannt, im Jahre 1632

*Ellen Lassen, verurteilt und verbrannt daselbst 18.12.1641

Könige und Herzöge:

*Christian IV. König von Dänemark und Norwegen

geb. 12.04.1577 auf Schloss Frederiksborg, DK

verst. 28.02.1648 auf Schloss Rosenborg, Kopenhagen

*Friedrich III. König von Dänemark und Norwegen

3.Sohn von Christian IV.

geb. 18.03.1609 in Hadersleben DK

verst. 09.02.1670 in Kopenhagen

*Karl X: Gustav von Schweden

geb. 08.11. 1622 in Nyköpping - heiratet Tochter von Herzog Friedrich III. / verst. 13.02.1660 in Göteborg Die Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf:

*Johann Adolf, geb. 17.02.1577 auf Schloss Gottorf

verst. 31.03.1616 in Schleswig

*Friedrich III. Sohn von Johann Adolf

geb. 22.12.1597 auf Schloss Gottorf

verst. 10.08.1659 in Tönning

Prolog

Das Leben der Ida von Rumohr,
einer Adelsfrau im barocken Herzogtum Schleswig

 

Ida von Rumohr ist eine reale, eine historische Gestalt. Sie kam im Jahr 1600 als Tochter des Detlev von Brockdorff auf Gut Windeby zur Welt und sie starb 1668 auf Gut Roest. Beides liegt im nördlichen Schleswig-Holstein.

Verheiratet wurde sie 1630 mit Heinrich von Rumohr, dem Herrn von Gut Roest. Das Hochzeitsdatum und die Anzahl der Kinder sind noch bekannt, aber nicht immer stimmig. Die genau belegten geschichtlichen Daten über Ida von Rumohr sind eher spärlich.

Umso erstaunlicher ist es, dass diese Frau bis heute in den Köpfen der alteingesessenen Kappelner Bürger herumspukt. Sie soll, so heißt es, in der einbrechenden Dämmerung im Eiskellerholz, einem Wald nahe Gut Roest, mit rotglühenden Augen hinter den Bäumen hervorlugen und die vorübergehenden Kinder erschrecken. Auch die alte Sage, dass sie eine faule Magd an einen sengend heißen Eisenofen habe anketten lassen und danach seelenruhig zur Kirche gefahren sei, während das arme Mädchen verbrannte, hält sich hartnäckig.

Die „böse Fru Ihd“ so heißt sie im Volksmund bis heute!

Was steckt hinter all diesen Sagen und Gerüchten? War Ida von Rumohr wirklich so abgrundtief böse, wie ihr unterstellt wird? Oder war sie nur eine außergewöhnlich starke Frau, die in einem äußerst bewegten Zeitalter versuchte, die ihr anvertrauten Menschen und Güter durch die Wirren und Folgen des großen Krieges zu bringen, der einmal der „Dreißigjährige“ genannt werden sollte?

War sie vielleicht schon immer eine eigenständige Frau, die sich erst entfalten durfte, als sie Witwe wurde und die dann Verwaltung der Roester Güter für ihre Kinder übernahm? Wir wissen es nicht, Idas Leben liegt im Dunkel der Zeit verborgen. Auf jeden Fall war Ida von Rumohr eine erstaunliche Frau mit einem nicht alltäglichen Leben. Auch wenn sie keine der Berühmtheiten der Geschichte darstellt, sollte sie doch nicht für immer aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden.

Es ist an der Zeit, für Ida von Rumohr eine Lanze zu brechen, endlich aufzudecken, warum man sie „die böse Frau Ihd“ nannte und aufzuschreiben, wie ihr Leben vielleicht gewesen sein könnte, wenn sie es uns hätte wissen lassen…..

Kappeln, im Herbst 2018

Die Herrin von Gut Roest

1. Ende und Anfang

Es ist der 14. August des Jahres 1668

Draußen, über den abgeernteten Feldern von Gut Roest, einem alten Herrensitz in Angeln, dem grünen, fruchtbaren Landstrich im Herzogtum Schleswig, steht flirrend die Hitze dieses Sommertages, der kein Ende zu nehmen scheint. Nicht der allerkleinste Lufthauch bewegt das ausgetrocknete Gras der Feldraine und die Blätter der hohen Bäume. Kein Vogel fliegt unter diesem Himmel, der wie weißglühendes Metall wirkt. Es ist, als ob alles den Atem anhielte, während im abgedunkelten Schlafzimmer des Herrenhauses, das Leben der Ida von Rumohr sich seinem Ende zuneigt.

Die Herrin von Gut Roest weiß es, fürchtet sich nicht. Der Tod birgt keine Schrecken mehr für sie, nur allzu oft hat sie ihm schon ins Antlitz geschaut. Werden und Vergehen, weiß Ida, das ist das Leben, auch für sie.

Ein leises Rascheln kommt vom Bett her, reißt mich aus tiefen Gedanken. Aus dem dämmrigen Dunkel des schweren Baldachins tastet suchend Idas Hand nach der Meinen. Kalt ist diese Hand, abgezehrt, gebrechlich, mit einer Haut wie brüchiges Pergament. In der letzten Zeit friert Ida immerzu. Es ist die Kälte der Einsamkeit, die unter den Türen des großen Gutshauses hervorkriecht und sich in die Herzen der beiden alten Frauen schleicht, die wir, Ida und ich, Anna-Sophie, ihre Ziehschwester, Freundin, Zofe und Vertraute, in all der Zeit, in der wir zusammen leben, geworden sind. Es war beileibe nicht immer so leer, dieses Haus, dessen Grundsteine schon vor Jahrhunderten gelegt wurden. Für eine große Familie hat man es erbaut. Fröhliche Feste und Kinderlachen haben es einst erfüllt aber auch Trauer und Wehklagen, Kriegsgeschrei, Wolfsgeheul und manchmal das laute Knallen einer Peitsche. Geburt und Tod, Liebe und Leid hielten sich die Waage auf Gut Roest, das hoffentlich noch lange bestehen möge. Nur ein paar Monate ist es her, dass diese kleine, zähe Frau die Güter derer von Rumohr verwaltete und dabei fest die Zügel in der Hand hielt. Wie sehr hat sie gehofft, diese allzu schwere Bürde in die Hände ihres ältesten Sohnes Detlev geben zu dürfen. Mit einem unsagbar starken Willen hat sie bis dahin ihr Leben gemeistert. Doch der Sohn, dem nach seiner viel zu langen Kavaliersreise und zahlreichen kriegerischen Abenteuern in fernen Landen, das heimatliche Gut allzu eng erscheint, die Menschen um ihn herum viel zu starrsinnig, verlässt nach kurzer Zeit das Gut und die Mutter. Er tritt lieber als Offizier in die Dienste des dänischen Königs.

Ida bleibt enttäuscht zurück, ist des Kämpfens müde. Der ewige Zank und Hader mit den Cappelnern hat sie erschöpft, ausgelaugt. Sie ist den ständigen Anfeindungen, die von ihnen und sogar von ihren eigenen Untergebenen auf sie einstürmen, nicht mehr gewachsen. Sie, die immer die Starke, die Tapfere gewesen ist, hat sich jetzt aufgegeben, findet ihr Leben nicht mehr lebenswert.

Ein unverhoffter Windstoß bläht die Vorhänge an den weit geöffneten Fenstern. Bleigrau und schwer lastet der Himmel über der Schlei, dem langen, schmalen Meeresarm, den die Ostsee wie einen Fühler tief ins Angeliter Land hinein streckt. Gegenüber auf einem der großen Bäume hinter dem Wassergraben sitzt eine Amsel und singt verzweifelt den so dringend benötigten Regen herbei. Das Blätterrauschen der alten Linden in der Allee antwortet ihr. Eine Windbö, Vorbotin des nahenden Gewitters, schüttelt das trockene Geäst der Alleebäume. Jäh bricht das Vogellied ab.

Leise schließe ich die Fenster und wende mich Ida zu. Sie hat sich im Bett mühsam aufgerichtet. Mit einer Kraft, die ich ihr gar nicht mehr zugetraut hätte, packt sie mich am Arm.

„Alle sind dahin, so viele, die ich kannte“, flüstert sie heiser, „und nun gehe ich auch! Du aber, meine liebe, treue Anna-Sophie, du musst bleiben und alles, alles aufschreiben. Auch das, was nur dich betrifft, du weißt, was ich damit sagen will. Dieses viel zu lange gehütete Mysterium gehört doch zu meinem und deinem, zu unserem Leben.“

Ida ringt nach Atem, schaut mich eindringlich an, mit ihren blauen Augen, die mit einem Mal wieder jung scheinen, so jung, als wären wir noch einmal Kinder und vertrauten wie früher einander unsere kleinen Geheimnisse an.

„Sie sollen es erfahren, alle die einst nach mir kommen werden. Sie sollen wissen wer und wie ich wirklich gewesen bin.“

Immer mühsamer und stockender kommen die Worte über Idas ausgetrocknete Lippen.

„Ich habe doch nur das Beste gewollt, für Gut Roest, die Familie, die Hörigen und sogar für die ewig sturen, eigensinnigen Cappelner.“

Ida sinkt erschöpft in die Kissen zurück. Ihr Gesicht, so seltsam klein auf den Federkissen, ist im Dämmerlicht nur zu erahnen. Sie zieht mich zu sich herunter und flüstert leise die Worte in mein Ohr, die ihre Letzten sein werden.

„Warum nur, warum nennen sie mich immer noch die „böse Fru Ihd“, warum nur werfen sie mir vor, zu hart, zu unbarmherzig zu sein und unchristlich an ihnen gehandelt zu haben? Warum nur Anna, sag mir warum?“

„Ja warum nur“, frage ich mich selbst, „warum nur muss ich, Anna-Sophie, der Bankert, die Tochter der Gouvernante, diejenige sein, die darauf eine Antwort findet? Bin ich die Richtige für diese Aufgabe? Ach Ida, natürlich bin ich das, damit hast du recht, denn wer kennt dich besser als ich? Seit ich denken kann, lebe ich an deiner Seite. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben fast das ganze Leben gemeinsam verbracht und kennen uns besser als irgendjemand sonst. Vertraute war ich dir, Schwester und Freundin, mitunter sogar der Prügelknabe, wenn dein Temperament mit dir durchging. An mir hast du deine Stärke als Erstes erprobt und bei mir durftest du dich auch einmal schwach zeigen. Nun bürdest du mir eine Last auf, die ich längst schon begonnen habe zu tragen. Nach all dem, was ich dir war und bin, werde ich gern auch deine Chronistin sein.“

Die Dunkelheit des nahenden Todes kriecht über die Falten der Bettdecke, legt sich wie ein unsichtbarer Schleier über Idas mattes Gesicht. Dunkelheit strömt auch von draußen ins Zimmer. Schwere schwarze Wolken jagen über den düsteren Himmel, von einem stürmischen Wind getrieben. Blitze zucken grell und mitten hinein in das erste Donnergrollen, fließt unhörbar Idas letzter Atemzug über ihre Lippen.

Regungslos bleibe ich noch eine Weile neben Ida sitzen. Mir ist, als bewache ich ein kostbares Gut, etwas, das ich nun hergeben muss und das mir doch niemals mehr einer nehmen kann. Die alte Hündin, die in ihrer Ecke neben dem Fenster gelegen hat, steht auf und legt ihren Kopf auf das Bett. Es ist, als ob auch sie sich von ihrer Herrin verabschieden wolle. Der edle Kopf der Hündin mit der grauen Schnauze sinkt zur Seite. Sie begleitet Ida auch im Tod, lässt sie selbst im nächsten Leben nicht ohne ihren Schutz.

Langsam, ganz langsam, den Augenblick so weit wie möglich hinauszögernd, stehe ich auf, ziehe die dichten Vorhänge von Idas Sterbebett zurück und öffne ein Fenster.

Frei soll sie sein, Idas Seele, frei von aller Erdenschwere. Sie soll davonfliegen können, zurück zu dem, der sie einst geschaffen hat. Das heftige Gewitter, das da draußen tobt, wird Idas eigensinnige Seele gern mit sich davon tragen.

Der Regen rauscht jetzt wie ein dichter grauer Vorhang vom Himmel. Ein weiterer Blitz erhellt den Raum. In seinem Widerschein sehe ich Idas Gesicht auf dem Kissen ruhen, so als schlafe sie nur und träume, mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, einen wundersamen Traum. Nur noch einen winzigen, unersetzlichen Augenblick möchte ich allein sein mit Ida, dann werde ich hinaus gehen müssen und den Leuten auf dem Gut den Tod ihrer Herrin verkünden. Wie es jetzt weitergehen wird mit Gut Roest, das werden sie fragen, die Leibeigenen, die Halbfreien und bestimmt auch die Cappelner, die sich von einem neuen Herrn wohl noch mehr Freiheit versprechen. Doch das sind Fragen, die ich, als Idas Zofe, hier nicht beantworten kann und darf. Was mir bleibt, ist, jetzt, sofort Idas zweiten Sohn Cai benachrichtigen.

Er wird nun der neue Gutsherr sein, bei ihm liegen ab jetzt alle Entscheidungen, mögen sie guter oder weniger guter Art sein. Ich wünsche mir nur, dass ich meine letzten Tage hier, auf dem mir so vertrauten Gut verbringen darf. Eine kleine Kammer wäre mir schon recht. Hier will ich bleiben, bis ich sterbe und manchmal, wenn ich aus dem Fenster die lange Lindenallee hinunter blicke, möchte ich glauben, dort käme Ida auf ihrem Ross angeritten, ihr vorauseilend, die freudig bellenden Hunde.

Ach Ida, du fehlst mir, du wirst mir fehlen, bis auch ich meinen letzten Atemzug getan habe. Doch vorher vollende ich das, was mir als Einziges noch bleibt, Idas letzten Wunsch erfüllen und die ganze Wahrheit über ihr Leben schreiben.

Ich werde es tun, für sie und für mich und vielleicht, eines fernen Tages, so hoffe ich, wird man sie verstehen. Sie, Ida von Rumohr, die niemals „die böse Fru Ihd“ sein wollte….

2. Ein Leben beginnt

Ende November, im Jahre 1600

Nebel steigt auf über dem Windebyer Noor, legt sich wie ein nasses Tuch über Detlev von Brockdorff´s Gesicht und lässt ihn aus seinen Tagträumen auffahren. Nur gut, dass sein Pferd von allein den Weg nach Hause, zurück zum Gut Windeby eingeschlagen hat. Es sucht den warmen Stall, es spürt, sein Herr ist heute mit den Gedanken nicht bei der Jagd. Kein einziges Beutestück hat er aufzuweisen. Er hätte das Wild sicher auch dann nicht gesehen, wenn es direkt vor seiner Nase aus dem Wald gekommen wäre.

Brockdorff pfeift nach den Hunden, schönere Jagdhunde hat kein anderer Edelmann hier in Umgebung von Eckernförde. So stolz er sonst auf seine Hundezucht ist, so unruhig macht ihn heute der Gedanke an seine Frau, die ein Kind trägt, sein Kind.

Viel zu schnell nach ihrem ersten Kind, einem Sohn, den er Heinrich nennt, ist Margarete Blome wieder schwanger. Sie ist die dritte Frau des inzwischen Vierzigjährigen und er hofft, dass ihr nichts geschieht, er will nicht schon wieder Weib und Kind begraben müssen, so wie es sich bei seiner ersten Frau zutragen hat. Seine zweite Ehe bringt ihm ebenfalls kein Glück. Allzu rasch ist sie vorüber. Kaum sind sie vermählt, da wird die geliebte junge Frau von einer schrecklichen Seuche dahingerafft. Doch diese hier, seine Margarete, die immer liebevolle und freundliche Margarete, die soll der Herrgott ihm doch bitte lassen. Brockdorff ertappt sich auf einmal beim Beten. Er lacht leise, ein inbrünstiges Gebet auf dem Pferderücken, statt wie es sich gehört, in der Kirche die Knie vor dem Altar zu beugen, das kann auch nur ihm passieren.

„Dem Herrgott wird´s egal sein“, denkt er und bittet Gott sogleich um Verzeihung für seine blasphemischen Gedanken.

„Wenn alles gut geht, bei der Geburt meines Kindes, dann stifte ich der Kapelle auf meinem Gut ein neues Taufbecken, ein schönes, geschnitztes. Das alte steinerne, schmucklose Ding ist mir schon lange ein Dorn im Auge. Für einen edlen Brockdorff, der darin getauft werden soll, ist´s mir nicht prächtig genug“, so murmelt er vor sich hin, „am Geld soll es nicht liegen, denn ein jeder kennt landauf, landab, den Spruch: So reich wie ein Brockdorff!“

Amtmann ist er, Hofjunker, der hochgewachsene, kräftige Detlev Brockdorff, am Hofe zu Schleswig. Und er hat nicht wenig Einfluss dort, den er geltend machen kann beim Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf. Er war auch mit dabei, als am 29. August des Jahres 1596, Christian IV. zum dänischen König gekrönt wurde und man gleich am nächsten Tag Herzog Johann Adolfs Hochzeit mit Augusta, der Schwester der dänischen Königin feierte. Wie oft hat gerade in der letzten Zeit seine Margarete ihn gebeten, von diesem großen Ereignis zu berichten.

Detlev von Brockdorff lächelt in sich hinein, schwelgt in der Erinnerung an seine junge hochschwangere Frau, die sich immer wieder die exquisiten Roben der eingeladenen Edeldamen von ihm beschreiben lässt. Dabei murmelt sie die Namen der königlichen Gäste vor sich hin, als wären sie ein Gebet.

Ohne es recht zu merken ist er auf Windeby angekommen. Sein Pferd bleibt vor dem vertrauten Stall einfach stehen. Hastig schwingt er sich aus dem Sattel, wirft dem rasch herbeigeeilten Stallburschen wortlos die Zügel zu und eilt ins Haus. Atemlos steht er vor der Tür von Margaretes Schlafgemach. Er horcht angestrengt, doch nicht der geringste Laut ist zu vernehmen. Der Schrecken fährt ihm in die Glieder und er eilt weiter durch das große Haus, auf der Suche nach seiner Frau.

„Margarete, wo ist sie, wo kann sie nur sein? Sollte sie etwa….? Nicht sie…“

Angst, nackte, kalte Angst steigt jäh in dem sonst so markigen Mann hoch. Die Furcht um seine junge Frau und um das Kind, das jetzt auf die Welt drängt, wird übermächtig.

Eine Magd, die keuchend zwei Eimer schleppt, die mit heißem Wasser gefüllt sind, will an ihm vorbei eilen. Doch er hält sie am Arm fest.

„Du, wo ist die Herrin? Sag es mir, auf der Stelle!“

Das Mädchen erschrickt vor der harschen Stimme und dem bleichen, wild verzerrten Gesicht ihres Herrn so heftig, dass sie um ein Haar die Eimer fallen lässt und bringt nur ein leises Stammeln über die Lippen.

So eilt Brockdorff hinter ihr her, in der Hoffnung, dass sie ihn zu Margarete führt. Die Tür zu einer Kammer, die sonst nicht benutzt wird, öffnet sich nur so weit, dass die Magd mit dem Wasser rasch hindurch schlüpfen kann. Ein kurzer Blick auf Margarete, die Hochschwangere, die von der Wehmutter zum Gebärstuhl geführt wird, mehr kann und darf Brockdorff nicht erhaschen. Da schließt sich die Tür hinter dem Mädchen.

Ein Mann, anwesend bei einer Geburt, der bringt großes Unglück über die Mutter und das neue Leben, das sich soeben seinen Weg auf diese raue Welt erkämpft. Unschlüssig drüber, wie er sich jetzt verhalten soll, läuft der aufgeregte Mann eine Zeitlang vor dem verschlossenen Raum hin und her und lauscht angestrengt auf jedes noch so winzige Geräusch. Immer wieder streicht er sich über sein dichtes, dunkles Haar, zupft an seinem spitzen Kinnbart, den er sich, der neuesten Mode am herzoglichen Hof entsprechend, hat wachsen lassen. Einer seiner Hunde ist unbemerkt mit ihm ins Haus gekommen und legt sich neben die Tür. Es scheint, als warte er ebenfalls auf das ungeborene Kind.

Nach einer Weile, die Detlev von Brockdorff wie eine Ewigkeit vorkommt, will er sich umwenden und in die Halle hinuntergehen, so überflüssig fühlt er sich. Der hoch angesehene, überall beliebte Brockdorff, er hält das Warten nicht mehr aus.

Da dringt auf einmal ein zaghaftes Weinen durch die Tür, das sich rasch zu einem lauten Gebrüll verstärkt. Es ist da, das Kind, und es meldet mit kräftiger Stimme seine Ankunft in dieser Welt an. Da hält es den Mann nicht mehr. Er reißt die Tür auf und eilt schnell an Margaretes Lager. Sie lächelt ihm erschöpft aber glücklich entgegen.

„Du lebst“, erleichtert beugt sich Brockdorff über seine Frau, die das Neugeborene im Arm hält. Behutsam schlägt sie das Wickeltuch zurück, um ihrem Gemahl das Geschlecht des Kindes anzuzeigen. Es ist ein Mädchen, wohlgestalt und kräftig, was es durch heftiges Strampeln und Schreien kundtut. Dem Vater ist es recht, einen Erben hat er schon, dann darf dieses Kind ruhig ein Mädchen sein, der Mutter zum Trost und zur Hilfe. Margarete, nur seine Margarete ist ihm wichtig. Nicht noch einmal wird der Tod ihm allzu früh eine Frau entreißen. Die junge Mutter, dankbar und sehr glücklich darüber, dass ihr Eheherr es ihr nicht verübelt, dass sie ihm dieses Mal nur ein Mädchen geschenkt hat, wagt es scheu, ihn zu fragen: „Wie wirst du sie nennen?“

„Ich möchte sie Ida nennen, in Erinnerung an meine viel zu früh verstorbene zweite Frau, Ida Rantzau, die sicher selbst gerne solch ein kleines Mädchen gehabt hätte!“

Brockdorf merkt gar nicht, was er da sagt. Für die äußerst abergläubische Margarete aber bedeutet dieser Name, der Name einer Toten, großes Unglück für ihr eben erst geborenes Kind.

„Bitte, liebster Herr, könnten wir sie nicht Elisabeth nennen, nach meiner Patentante“, wagt sie vorzuschlagen.

Doch ihr Gatte winkt ab. Ihm ist der Gedanke an die streitbare alte Dame nicht sonderlich behaglich. Seine kleine Tochter wird sicher einmal genauso eine Schönheit, wie Ida Rantzau es war. Das wünscht er sich jedenfalls. Denkt er jetzt schon an eine zukünftige, vorteilhafte Heirat für das soeben erst geborene Mädchen?

„Es bleibt bei Ida, der Name wird schon zu ihr passen, glaube mir!“

Damit legt Detlev von Brockdorff sein jüngstes Töchterlein vorsichtig in die Arme der Mutter zurück. Der Hund, den er bisher nicht bemerkt hat, schnuppert interessiert an den Füßchen des Kindes und legt dann seinen Kopf neben das Neugeborene auf das Steckkissen.

„Nun schau dir das mal an“, Brockdorff lacht und zupft den Hund gutgelaunt am Ohr, „der Kleinen laufen ja jetzt schon die Hunde hinterher, sie wird sicher mal eine gute Jägerin, eben eine echte Brockdorff!“

Wie recht er damit hat, kann er noch gar nicht wissen. Die Hunde aber, die spüren die Besonderheit des Kindes und von nun an wird in Idas Leben immer wenigstens ein Hund an ihrer Seite sein, meistens ist es ein ganzes Rudel.

Idas Mutter lächelt leise, wohl wissend, dass sie es ist, die den springenden Hund im Wappen trägt und den sie an ihre Tochter weitergibt.

Wie die meisten Mütter schaut auch Margarete sich ihr kleines Mädchen sehr genau an. Mit einem glücklichen Lächeln zählt sie die winzigen Fingerchen und Zehen, streckt ganz behutsam die kleinen wohlgeformten Arme und Beine und streichelt zärtlich über den goldblonden Flaum auf dem Köpfchen des Kindes.

„Ach, mag das Kind ruhig Ida heißen“ ,denkt Margarete, „solange unser Herr mir nicht gram ist, dass es diesmal nur ein Mädchen ist. Für mich ist die Kleine ein wahres Gottesgeschenk!“

Der Gutsherr aber, dessen weithin bekanntes Wappen den geflügelten Fisch aufweist, erhebt sich vom Lager seiner Frau und eilt mit schnellen Schritten davon. Die Geburt ist bestens verlaufen, jetzt hat Brockdorff den Kopf wieder frei. Die Geschäfte warten, Entscheidungen müssen getroffen werden. Seinem Leibdiener befiehlt er, rasch den Pastor zu rufen, um das Kind taufen zu lassen. Niemand möchte, dass ein Neugeborenes ungetauft stirbt, denn dann fällt es dem Teufel anheim, der seine Seele holt und es muss im Fegefeuer bis zum jüngsten Tag auf seine Erlösung warten. Viel zu lange für eine zarte kleine Seele.

„Beeile dich und schicke mir einen Knecht, der mir aus den Stiefeln hilft“, ruft er dem Davoneilenden nach. Das Versprechen eines neuen Taufbeckens, das hat er längst schon vergessen. Ein neues Leben hat nun auf Gut Windeby Einzug gehalten, doch allzu viel Beachtung findet das kleine Mädchen noch nicht. Die Mutter, Margarete, schenkt ihm Liebe und Wärme. Doch auch sie hält sich damit etwas zurück. Allzu leicht sterben die kleinen Kinder in diesen Zeiten und wenn man sein Herz zu sehr an sie hängt, dann leidet man selbst große Pein. Das weiß Idas Mutter. Die Amme sorgt dafür, dass es der Kleinen an nichts fehlt und immer wacht ein Hund an Idas Wiege.

In welch eine seltsame Welt wird Ida von Brockdorff gerade hineingeboren. Ein Jahrhundert ist soeben zu Ende gegangen, das Jahrhundert der großen Veränderungen, der Aufklärung, wie man es einmal nennen wird. Ein gelehrter Mönch namens Martin Luther hat dafür gesorgt, dass nun jedermann das Wort Gottes verstehen kann, denn in der Kirche spricht man nicht mehr Latein, sondern deutsch. Auch hierzulande hat der luthersche Glauben Einzug gehalten, die meisten Gutsherren machten es vor und forderten es auch von ihren Untertanen.

Eine lange Zeit hat es keinen Krieg gegeben und den Menschen geht es gut, auch hier auf Gut Windeby. So möge es auch weiterhin sein, das wünscht sich Idas Mutter sehnlichst für ihr Kind. Kein Kriegsgetümmel, keine schreckliche Naturkatastrophe sollen Idas Leben bedrohen. In Liebe, Glück und Frieden mag sie zur Frau heranwachsen dürfen, das hofft Margarete im Stillen, wie es jede Mutter tut. Noch ist Ida klein und die Welt will von ihr entdeckt werden. Entdecken, laufen lernen, die Welt erobern, das ist für Ida genauso spannend und aufregend, wie für jedes Kind. Und weil es eben zu zweit besser geht, das Entdecken, werde ich zwei Jahre später geboren. Nur um für Ida da zu sein, so scheint es…..

3. Eine geheimnisvolle Frau

Im Mai des Jahres 1602

Lautes Hufgetrappel und das Knirschen von Rädern auf dem Hof von Gut Windeby hallen herauf bis zu den Fenstern der Kinderzimmer. Margarete von Brockdorff schaut erstaunt hinunter. Sie erwartet keinen Besuch und Detlev, ihr Ehemann käme als passionierter Reiter, kaum in einer Kutsche nach Hause. Ob er wichtige Leute mitbringt?

Ohne nachzudenken, streicht sie ihr Gewand glatt, dass sich schon ein wenig über einer neuen Schwangerschaft wölbt. Es ist ein schmuckloses Kleid, das die Gutsherrin trägt, aus Leinen, für den Alltag gedacht. Ebenso schlicht wie ihr Gewand ist Margaretes Frisur, das weizenblonde Haar zu einem Zopf geflochten, aus dem sich ein paar eigenwillige Locken gelöst haben, die keck unter der schneeweißen Leinenhaube hervorlugen. Ein wenig schief sitzt die Haube und Margaretes Wangen sind leicht gerötet, hat sie doch soeben nach Ida, ihrer kleinen Tochter gesehen, die mit ihrer Kinderfrau in eigenen Räumen lebt. Margarete lächelt bei dem Gedanken an die ungestüme Ida mit den hellblonden Löckchen, die genauso widerspenstig sind wie der Charakter des Kindes. Doch schon ein Blick aus den strahlend blauen Augen der Kleinen, die so sehr denen ihres Vaters ähneln, stimmt die Mutter milde.

Erneutes Hufetrappeln dringt an ihr Ohr. Ist es Idas Vater, Detlev von Brockdorff, der soeben ankommt? Margarete, die schnell aus dem Fenster schaut, sieht, wie er vom Pferd steigt. Aber wieso reitet er kein Pferd aus dem Windebyer Stall? Und warum hält daneben eine fremde Kutsche?

Bei genauem Hinsehen erkennt Margarete das Wappen des Herzogs Johann-Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf. Sie lehnt sich etwas aus dem Fenster, um besser sehen zu können und erhascht einen Blick auf ihren Gemahl, der an die edle Kutsche herantritt und recht beflissen, wie es ihr scheint, den Schlag öffnet. Eine schmale, schwarz behandschuhte Frauenhand streckt sich ihm elegant entgegen. Brockdorff ergreift sie und ist der Unbekannten beim Aussteigen behilflich.

„Liebster Herr Jesus“, denkt Margarete voller Schrecken, „da kommt Besuch und ich laufe herum wie meine eigene Dienstmagd.“

Sie eilt in ihr Schlafgemach. Zum Umziehen ist es zu spät, denn schon sind die Stimmen der soeben Angekommenen in der großen Halle zu hören. Also schnell eine saubere, frisch gestärkte weiße Haube auf´s Haar, das elegante große Tuch aus feinster Wolle, das ihr Eheherr im Winter vom Kieler Umschlag mitgebracht hat und dessen zarte Rosenfarbe ihre Haut zum Leuchten bringt, um die schmalen Schultern geschlungen. Das muss genügen, um ihr allzu schlichtes Gewand ein wenig aufzuputzen. So eilt die Herrin von Gut Windeby dem unbekannten, unerwarteten Gast entgegen.

In der Eingangshalle des Herrenhauses steht Detlev von Brockdorf und verwehrt mit seiner stattlichen Gestalt den Blick auf die Fremde. Margarete tritt näher und erblickt eine kleine, zierliche Frau, die fest in einen Umhang aus dichter, schwarzer Wolle gehüllt ist. Erlesener Pelzbesatz macht der Herrin von Gut Windeby deutlich, dass es sich hier um keine gewöhnliche Person handeln kann.

„Wie seltsam“, denkt Margarete, „die Dame trägt Pelz und Wolle, wo wir doch schon Mai haben?“

Sie macht einen Schritt auf die fremde Frau zu, die mit einer weltgewandten Geste ihren Schleier hebt, dabei ein feines, zartes Gesicht enthüllt, mit großen, goldbraunen Augen und einem, für nordische Breiten ungewohnt dunklen Teint. Die Dame wendet sich Margarete zu, zögert einen Augenblick, als ob sie nicht recht wüsste, wie sie sich der Gutsherrin gegenüber zu verhalten habe.

„Bonjour, Madame la Comtesse, ich bin Marguerite d…“, hier stockt sie für einen winzigen Moment, so kurz, dass die Hausherrin später nicht sicher ist, ob sie ein Adelsprädikat gehört hat oder nicht.

„Verzeihung bitte, mein Name ist Marguerite Royan“, setzt die Fremde ein zweites Mal an und man hört ihrer Rede unzweifelhaft einen ausländischen Akzent an. Ein zaghaftes Lächeln verzaubert dabei ihr schmales Gesicht. Ein wenig verlegen, wie es scheint, fährt sie in ihrer Rede fort:

„Man hat mich hierher zu Ihnen gesandt, Madame, als neue Gouvernante. Et voilá, da bin ich!“

„Gouvernante?“ , Margarete sieht ihren Ehemann fragend an, „brauchen wir denn eine Gouvernante? Wir haben doch eine Kinderfrau!“

Etwas unwirsch schaut der Herr von Windeby seine Ehefrau an und versucht so höflich wie möglich zu antworten:

„Bitte, meine Liebe, zeige der Dame erst einmal ihre Zimmer. Über alles andere sprechen wir später“ er wendet sich galant der fremden Dame zu, „wir erwarten Sie dann zum Abendessen, Mademoiselle!“

Eine knappe Verbeugung, schon eilt er davon und man hört seine laute, befehlsgewohnte Stimme draußen rasche Kommandos geben. Margarete ist nun vollends verwirrt. Wie soll sie sich nur verhalten? Welche Zimmer meint ihr Mann? Was ist passend für diese Frau, offenbar eine Französin, die offensichtlich schon bessere Tage gesehen hat? Die Frage, warum sie sich als Gouvernante bei ihr vorstellt, wagt Margarete nach der schroffen Reaktion ihres Mannes, gar nicht erst zu stellen.

Die beiden Frauen gehen ins Obergeschoss des weitläufigen Gutshauses, Margarete überlegt fieberhaft. Neben dem großen Kinderzimmer ist noch ein Raum, in dem Idas Amme schlief, der wäre am praktischsten und ist auch gar nicht so klein. Sie öffnet die Tür des Gemachs, lässt die Fremde hinein schauen. Entschuldigend deutet die Gutsherrin auf das spärliche Mobiliar des Zimmers.

„Bitte, verzeihen Sie, Mademoiselle Royan, doch ich war auf Ihr Kommen nicht vorbereitet. Wir können morgen etwas aussuchen von den Möbeln, die auf dem Dachboden lagern. Und ein paar behagliche Wandteppiche, gegen die Kälte, die aus den Mauern kriecht, werden sich sicher auch noch finden lassen. Ein Haus wie dieses, das von einem Wassergraben umschlossen ist, wird nie so richtig trocken und warm!“

Wie bei den meisten der alten Rittergüter hier im Norden des Herzogtums Schleswig, hat man schon früh zum Schutz vor Überfällen rundum einen breiten Wassergraben angelegt. Der ist durch das Windebyer Noor leicht zu speisen und dient zur Verteidigung von Haupthaus, Ställen und Scheunen. Marguerite Royan wirft nur einen kurzen Blick auf ihr neues Zuhause, sie weiß, sie hat keine andere Wahl. Darf sie Zutrauen zu dieser Fremden haben, die sie ohne zu fragen aufnimmt? Zögernd legt sie ihre schmale Hand auf Margaretes Arm.

„Ach bitte Madame, machen Sie sich keine Umstände. Eine Frau in meiner Lage hat kein Recht auf Wohltaten!“

Langsam lässt die junge Frau ihren warmen Umhang zu Boden gleiten und offenbart dabei eine ebenso weit fortgeschrittene Schwangerschaft wie die Margaretes. Deren verwunderten Blick beinahe belustigt erwidernd, streicht sie zärtlich über die kleine Wölbung ihres Leibes, die das Kind hervorruft. Dann wird sie mit einem Mal ernst.

„Bitte, Madame, fragen Sie mich nicht, ich kann, darf und werde nichts sagen. Es wäre für Sie nicht gut, mehr wissen zu wollen. Ich bitte Sie nur um einen sicheren Unterschlupf für mich, bis mein Kind zur Welt kommt. Dafür werde ich auch gerne arbeiten, wenn Sie es mir erlauben.“

Eine Welle der Erleichterung geht durch Margarete. Sie lacht verlegen, sie hat sich wohl umsonst gesorgt. Dass sie überhaupt glauben konnte, die Fremde sei eine Mätresse, die der Hausherr sich mitgebracht hat, von seiner Reise an den Hof zu Gottorf, das versteht sie jetzt selbst nicht mehr. Es würde dort ja recht frivol zugehen, so flüstert man es sich hinter vorgehaltener Hand zu. Aber solche Leichtfertigkeit, die traut sie ihrem ernsthaften Gemahl eigentlich nicht zu. Sie wendet sich der jungen Frau zu, hat Verständnis und sogar ein wenig Mitleid für deren prekäre Lage. Ihre eher grau als blau erscheinenden Augen habe ihre Kühle verloren, schauen die Französin freundlich an.

„Wollen wir ins Kinderzimmer gehen, Marguerite, ich darf Sie doch so nennen, ist Ihr Name dem Meinen doch ähnlich.“

Die junge Frau nickt nur, ein Aufatmen geht auch durch sie hindurch. Wie erleichtert sie ist, hier so freundlich aufgenommen zu werden, das zeigt sie nicht. Dann legt sie den Umhang wieder an und folgt ihrer neuen Herrin, denn das ist Margarete von Brockdorff nun wohl, in den Nebenraum, wo Ida sich lachend mit einem Hund auf dem Boden herum balgt. Das kleine Mädchen schaut mit großen Augen die Fremde an, die sich zu ihr auf den Fußboden setzt. Der weiche Pelz am Gewand der Unbekannten, macht Ida neugierig. Sie streckt ihre molligen Händchen aus und berührt vorsichtig erst den Umhang und dann die zarte Hand, die sich ihr entgegenstreckt.

„Das ist Ida, unser Wildfang und das Jüngste der Kinder.“

Mehr erklärt Margarete nicht, denn Ida, das erkennt sie sofort, hat das Herz der Fremden im Sturm erobert. Die junge Französin spürt Idas Zuneigung und erwidert sie ebenso gern und schnell. Dass sie sich insgeheim auch ein solch reizendes kleines Mädchen wünscht, das verrät sie nicht. Doch hofft sie, dass ihr Kind etwas weniger wild und ungestüm sein möge.

Überraschend schnell kehrt der Alltag auf Gut Windeby ein, schon bald hat die Fremde sich eingelebt. Sie ist recht freundlich, ein wenig distanziert und hält sich meistens im Kinderzimmer auf. Ida hat sie vehement für sich gefordert, eine andere Person, außer ihrer Mutter, lässt sie nicht an sich heran. Jeder Versuch von Marguerite sich rasch einmal davonzustehlen, um ein wenig Ruhe zu haben vor dem Kind, endet in dessen wüstem Protestgeheul. Erst als es Sommer wird und der weitläufige Park zum Spielen lockt, da wird es leichter für die Gouvernante.

Ida entdeckt die Welt dort draußen und jagt auf ihren kurzen Beinchen jubelnd hinter Vögeln und Schmetterlingen her, tollt durch das saftig-grüne Gras, zupft an den Blüten die überreich duften, dabei immer von einem der Hunde begleitet. Die beiden Frauen, deren Schwangerschaft inzwischen schon recht weit fortgeschritten ist, atmen erleichtert auf. Eine ruhige Vertrautheit hat sich zwischen den so ungleichen Müttern eingestellt. Beide sitzen im Garten und nähen fleißig an den winzigen Hemdchen und Häubchen für ihre zu erwartenden Kinder. Ida hat unüberhörbar das Kommando über ihren Bruder übernommen. Heinrich, der nur ein knappes Jahr älter ist als sein Schwesterchen, lässt es sich gutmütig gefallen.

So vergeht der Sommer, ein friedlicher, sonniger Sommer, der die einen zum Träumen einlädt und die anderen vielleicht zum Vergessen…

4. „Mamsell“

Anfang Oktober des Jahres 1602

Unter den großen Bäumen die Gut Windeby umgeben, blitzen bunte Kleider hervor, helles Kinderlachen ist zu hören, das sich mit fröhlichen Hundegebell mischt. Goldenes Herbstlaub raschelt unter den Füßen der beiden kleinen Mädchen, die prustend und kichernd hinter einem Hund herlaufen, der stolz einen Stecken im Maul davon trägt. Magdalena und Dorothea, sieben und sechs Jahre alt und Idas Halbschwestern, kommen dem breiten Wassergraben gefährlich nahe. Die großen Mädchen lachen Ida aus, als sie auf ihren kurzen Beinchen hinter ihnen her stolpert. Wer mag denn mit so einem Kleinkind spielen, dafür fühlen sich die Brockdorfftöchter schon viel zu erwachsen. Schnell wie der Wind laufen sie der kleinen Ida davon. Die tapst aber hinter ihrem Hund, ihrem liebsten Spielgefährten her und beachtet die Schwestern gar nicht. Soeben streckt sie ihre Händchen nach Harro aus, da lässt der den Stock fallen, knurrt und bleckt die Zähne. Dann stellt er sich quer vor den Wassergraben und hindert die Kinder am Weitergehen.

Erschrocken bleiben die beiden größeren Mädchen stehen, auf diese Weise haben sie Harro noch nie erlebt. Bisher war er stets ein treuer Spielkamerad, der sich ohne zu Murren am Schwanz oder an den Ohren zupfen ließ, an den man sich kuscheln konnte, wenn man fror. Doch jetzt, mit angelegten Ohren und dem weit aufgerissenen Maul, sieht er fast aus wie ein Wolf, richtig zum Fürchten. Bebend vor Angst klammern sich Magdalena und Dorothea fest aneinander, wagen sich nicht einen Schritt weiter. Nur Ida läuft unverdrossen auf den großen Hund zu, legt ihre Ärmchen um seinen Hals, lacht. Sie scheint dabei gar keine Angst zu haben, nicht vor dem Tier und nicht vor dem tiefen, dunklen Gewässer, dessen steile Uferböschung bedrohlich nahe ist. Nur ein kleiner Schritt trennt das Kind noch davon. Ida sieht nicht die Gefahr, zupft spielerisch ihren Hund an den Ohren. Doch der drängt das Kind langsam, Schritt für Schritt auf sicheres Gelände zurück. Das dunkle Wasser des Grabens gluckert leise, es hört sich beinahe ein wenig enttäuscht an.

„Kinder, so wartet doch, ich bin ja gleich da!“

Die Gouvernante, völlig außer Atem, kommt herbeigelaufen, so schnell es ihr in ihrem Zustand möglich ist. Unübersehbar ist die Schwangerschaft der jungen Französin inzwischen. Mit einem Blick erfasst sie die gefährliche Situation und reagiert sofort. Behutsam zieht Marguerite zuerst die beiden älteren Mädchen aus dem Gefahrenbereich, dann geht sie langsam auf den Hund zu, der jetzt unbeweglich und schützend neben Ida steht. Leise, beruhigend spricht die junge Frau auf das Tier ein, streckt dabei vorsichtig die Hand nach Ida aus und lockt das Mädchen zu sich:

„Komm her zu mir Ida, lass uns in die Küche gehen. Die Köchin hat Honigkuchen gebacken, davon möchtest du doch sicher gern einmal probieren.“

Honigkuchen, welch eine süße, seltene Köstlichkeit. Da lässt Ida sich nicht lange bitten, löst sich von dem Hund und ergreift die dargebotene Hand. Erleichtert nimmt Marguerite das Kind auf den Arm und will zum Haus zurück, aber Ida sträubt sich, zappelt und windet sich aus den sie umfangenden Armen. Sie ruft nach dem Hund und der folgt ihr, ohne zu zögern.

Der Duft der frischgebackenen Honigkuchen lockt Ida und die Gouvernante unweigerlich in die Küche. Marguerite atmet auf, ist erleichtert, dass ihre Nase sie nicht betrogen hat und die Notlüge sich dann doch als Wahrheit entpuppt. Gern erlaubt sie Klein-Ida, sich mit dem köstlichen Backwerk vollzustopfen.

Im Haus hätte man diesen Zwischenfall wohl gleich wieder vergessen, wäre nicht der Hund gewesen, der es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht hat, Idas Beschützer zu sein und nicht mehr von ihrer Seite weicht. Er folgt dem Kind auf Schritt und Tritt, nicht einmal aus der Küche lässt er sich verjagen. Das liegt sicher auch daran, dass die Köchin seinen gelungenen Rettungseinsatz mit einem saftigen Knochen belohnt hat. Nun liegt er selig knabbernd unter dem Tisch, an dem Ida sich Gesicht und Kleidchen ebenso glückselig mit Honig bekleckert.

Detlev von Brockdorff, der von dem Vorfall hört und in die Küche eilt, die er sonst nie betritt, lächelt über den Eifer seiner jüngsten Tochter, die diesen Hund in ihr Herz geschlossen hat und ihr kleines Gesicht in seinem rauen Fell vergräbt. Er findet Ida, an das Tier geschmiegt neben dem Kamin und sie ist, nach all der Aufregung, mit einem großen Stück Honigkuchen im Bauch, tief und fest eingeschlafen.

Die Gouvernante hebt die Kleine behutsam hoch und trägt sie nach oben in ihr Bettchen. Der Hund will ihr folgen, aber Brockdorff ruft ihn zurück. Doch er gehorcht ihm nicht, ist schon auf der Treppe. Der Gutsherr packt ihn rigoros beim Nackenfell, denn das Tier gehört in den Zwinger zu den anderen Hunden. Aber Harro verweigert seinem Herrn den Gehorsam. Er beißt nicht, er knurrt nicht, er macht sich einfach steif und schwer. Selbst die drohend erhobene Hundepeitsche bringt ihn nicht dazu, seinem Herrn zu gehorchen.

Brockdorff wird wütend, ruft nach den Knechten, die das Tier mit Gewalt entfernen sollen. Einen Hund, der nicht sofort pariert, den kann er in seiner berühmten Zucht nicht gebrauchen. So einer verdirbt das ganze Rudel. Das kann der Brockdorffer nicht dulden. Schon will er seinem Hundeführer den Befehl erteilen, dass sich wild sträubende Tier auf der Stelle zu töten, da fällt ihm seine Frau in den Arm. Hochschwanger wie sie ist, wagt sie es, ihrem Eheherrn zu widersprechen, etwas, das in dieser Zeit, in der eine Frau nicht das Recht hat, unaufgefordert zu sprechen, gefährlich sein kann. Margarete spricht den Brockdorff mit bebender Stimme an:

„Bitte, mein lieber Gemahl, tut dem Hund nichts zuleide. Er hat unserer Tochter heute das Leben gerettet und das der beiden großen Mädchen auch. Ihr wisst doch, dass seit Idas Geburt immer ein Hund in ihrer Nähe ist. Doch die Hündin, die bisher Ida folgte, ist alt und müde geworden. Kleine Kinder sind anstrengend, immer wollen sie laufen, rennen und toben. Dieser junge Hund hier ist stark und klug genug, um einen guten Beschützer abzugeben, das hat er heute bewiesen. Ida ist unberechenbar und nicht leicht zu beaufsichtigen, auch nicht für Marguerite, die sie sehr liebt. Unsere Gouvernante ist nicht mehr so beweglich durch die Schwangerschaft und auch für mich wird es immer schwieriger, Idas unbändigem Tatendrang etwas entgegenzusetzen. Wenn erst das neue Kind geboren ist, dann werde ich nicht mehr so viel nach Ida schauen können. Bitte lieber Herr, der Hund ist uns allen eine große Hilfe.“

Brockdorff wird nachdenklich, sollte seine Frau recht haben? Darf er das zugeben ohne etwas von seiner Autorität zu verlieren? Dann erinnert er sich an seinen Großvater, dem alle Hunde immer hinterherliefen und den er dafür so sehr bewundert hat. Sollte die kleine Ida dieselbe Gabe haben? Dann allerdings wären alle Verbote zwecklos.

„Also gut, sei es so“, besinnt er sich nach einer Weile, die seiner besorgten Ehefrau wie eine Ewigkeit erscheint, „soll Ida doch den Köter haben, in des Herrgotts Namen“, und fast unhörbar brummt er im Hinausgehen, „auch wenn er der Beste aus seinem Wurf ist!“

So darf Ida den Hund behalten und von dieser Stunde an wird Harro ihr ständiger Begleiter sein. Die Gouvernante hat Ida ins Bett gebracht, liebevoll zugedeckt und faltet soeben ihr Kleid zusammen, da kommt Margarete ins Kinderzimmer. Der Hund trottet hinter ihr her und legt sich mit einem tiefen Hundeseufzer zu Füßen von Idas Bettchen zurecht, als sei dies schon immer sein angestammter Platz gewesen. Die Gutsherrin lächelt, weiß sie ihr Kind doch gut behütet. Da stöhnt die Französin mit einem Mal auf und fasst sich mit beiden Händen in den Rücken.

„Ida wird mir langsam zu schwer“, ächzt sie, „ich sollte sie wohl besser nicht mehr tragen.“

Die Hausherrin, die bereits ein Kind, ihren Sohn Heinrich geboren hat und sofort wieder schwanger wurde mit Ida, bemerkt die ungewöhnliche Unruhe Marguerites und ahnt, dass deren Zeit gekommen ist. Als die junge Frau dann auch noch mit schmerzverzerrtem Gesicht auf den nächsten Stuhl niedersinkt, weiß sie, was zu tun ist und erteilt schnell die nötigen Befehle. Das Gebärzimmer wird geöffnet, dort ist längst alles vorbereitet, wartet sie selbst seit Tagen auf das leise Ziehen, dass die bevorstehenden Geburt ihres eigenen Kindes anzeigt. Margarete streicht sich über den weit vorgewölbten Bauch, als wolle sie sich vergewissern, dass es ihrem Kind darin gut ergeht. Doch sie spürt nichts, keinen Tritt eines winzigen Füßchens, kein Händchen, das sich streckt. Wieso fällt ihr jetzt erst auf, dass die heftigen Bewegungen ihres Kindes, die ihr bislang so zu schaffen machten, auf einmal ausgeblieben sind? Ob dies etwas Schlimmes bedeutet? Lieber Himmel, es wird doch….?

Entschlossen wischt Margarete jeden unguten Gedanken zur Seite, gilt es jetzt zuerst einer anderen Frau, die in Kindsnöten ist, zu helfen. Während die rasch herbeigerufene Hebamme sich um die Französin kümmert und die Mägde damit beschäftigt sind, heißes Wasser und saubere Leintücher herbeizuholen, spürt Margarete, wie sehr ihr das Wohl der vor kurzem noch so fremdem Frau am Herzen liegt. Auch wenn sie wenig von sich selbst erzählt, berichtete sie doch viel von ihrem Land. Marguerite Royan, wie sie wirklich heißt, behält sie für sich, stammt tatsächlich aus dem Süden Frankreichs. Wie sehr sie die Wärme, den unverwechselbaren Duft des Lavendels und der Zypressen und den strahlend blauen Himmel ihrer Heimat vermisst, das gibt sie gern zu. Wehmütig schaut sie dann aus den Fenstern der Frauengemächer über die Felder und Wälder um Windeby und auf das sich ständig verändernde Wasser des Windebyer Noors. Sie weiß, sie kann nirgendwo anders hin und lebt sich erstaunlich schnell auf Gut Windeby ein. Mit ihrer dezenten Höflichkeit hat sie Margaretes Vertrauen rasch gewonnen, ist ihr eine liebe Gleichgesinnte, die zudem noch, genau wie sie, ein Kind erwartet. Die beiden äußerlich so ungleichen Frauen sind beinahe zu Freundinnen geworden. Einzig der unklare Standesunterschied, das verschwiegene Geheimnis der Herkunft von Marguerite steht zwischen ihnen.

Der unausgesprochene Kummer der jungen Französin rührt Margarete Brockdorff an. Doch weiß sie nicht recht, wie die andere ihre vorsichtig tastenden Freundschaftsversuche aufnimmt. Das zarte Gesicht der inzwischen nicht mehr ganz so Fremden bleibt meistens verschlossen. Nur im Spiel mit den Kindern kommt eine überraschende Fröhlichkeit bei ihr zum Vorschein, lässt sie mitunter selbst wie ein Kind unter Kindern wirken.

Die Dienerschaft verhält sich der Neuen gegenüber abwartend, kann sie nicht so recht einschätzen. Als die Mademoiselle Royan vom Hausherrn persönlich eingeführt wird, erhält sie rasch einen eigenen Namen bei der Dienerschaft. Aus Mademoiselle wird „Mamsell“. Das wird von nun an ihr Name und ihr Status sein, der irgendwie zwischen Herrschaft und Untergebenen liegt und nirgends recht dazugehört. Die Mägde bleiben wachsam, misstrauen dieser fremdartigen Person, zumal sich das männliche Personal einhellig auf deren Seite schlägt. „Mamsell“, in ihrer weiblichen Zartheit, wirkt auf die Männer eben schützenswert. Der Hausherr, wenn er anwesend ist, verhält sich höflich aber etwas distanziert zur „Mamsell“. Auch er scheint nicht genau zu wissen, wie er sich ihr gegenüber benehmen soll. So geht er ihr meistens einfach aus dem Weg. Die Hebamme macht sich derweil an Marguerite zu schaffen, redet beruhigend auf sie ein. Trotz all ihrer Zierlichkeit scheint die Mamsell keine Probleme mit dem Kinderkriegen zu haben. Sie ist ruhig und gefasst, folgt den Anweisungen der Hebamme und erträgt die Wehen mit stoischer Geduld. Viel schneller als bei Margaretes erster Geburt ist das Kind da. Freude und eine Art Erleichterung stehen im Gesicht der Französin, als sie es zum ersten Mal im Arm hält und sieht, dass es ein Mädchen ist. Endlich, so hofft sie, muss sie keine Sorgen mehr um sich und ihr Kind haben. Aber diesen Gedanken behält sie, wie so vieles, für sich.

Die Hebamme räumt ihren Platz am Bett der Französin, ihre Arbeit ist getan. Dafür beugt Margarete Brockdorff sich nun lächelnd über Mutter und Kind und bewundert das Neugeborene, das ebenso zierlich und dunkelhaarig ist wie die Französin.

„Hast du schon einen Namen für die Kleine?“

Diese Frage und das vertraute „Du“ kommen gerade noch über ihre Lippen, dann erfasst sie die Schmerzwelle einer ersten Wehe. Kein Zweifel, jetzt ist es ihr Kind, das ans Licht der Welt drängt. Die Hebamme, die schon beinahe zur Tür hinaus geeilt war, wendet sich sofort um und der Gutsherrin zu. Um die Mamsell und ihr Kind können sich jetzt die Mägde kümmern, denn dieses Brockdorff-Kind verheißt ihr reiche Belohnung, wenn es ein Junge ist und wenn Mutter und Kind die Geburt lebend überstehen.

„Ich möchte, dass sie Anna-Sophie heißt“, so viel vernimmt Margarete gerade noch, ehe die Welt um sie herum hinter dem Schleier der Schmerzen versinkt. Wie durch einen Nebel sieht sie die Hebamme, die ihr die Kleidung löst, jeden Knoten, alles was eng sitzt entfernt und auch ihr bisher straff geflochtenes Haar öffnet. Nichts Geschlossenes, Gebundenes soll die Geburt behindern.

Stunden später, Mamsell und ihr Kind schlafen fest, da wird ein kleiner Junge geboren. Dunkelblau ist sein winziges Gesicht. Er atmet nicht und wird es auch nie tun. Trauer überfällt Margarete, beißt sich in ihr fest wie ein wildes Tier. Warum durfte der Kleine nicht leben? Ist sie schuld? Was hat sie nur falsch gemacht? Niemand ist da, der ihr die stummen Fragen beantworten könnte. Die Hebamme hüllt die kleine Leiche in ein Tuch und bringt sie hinaus. Margarete dreht das Gesicht zum Fenster und betet für die arme kleine Seele, die mit den eilig dahinziehenden Wolken zu Gott fliegen mag.

„Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen“, murmelt sie immer wieder vor sich hin, um die Leere in ihrem Herzen zu betäuben. An kleine Kinder darf man sich nicht hängen, hat die eigene Mutter ihr immer wieder gesagt. Sie sterben oft, kaum dass sie auf der Welt sind. Mutter sein ist nicht leicht, das muss auch Margarete jetzt schmerzhaft erfahren. Ach, könnte ihre Mutter nur bei ihr sein. Margaretes Tränen tropfen auf ihr Kissen, versickern darin, fließen endlos, wie die tiefe Traurigkeit, die sie umfangen hält. Am nächsten Morgen steht Mamsell mit ihrer Kleinen auf dem Arm am Bett der weinenden Brockdorfferin, legt ihr das Neugeborene in den Arm, tröstet die Freundin mit der Nähe des eigenen Kindes. Und Margarete nimmt es gerne an, versteht diese liebevolle Geste und die tiefe Dankbarkeit, die dahinter liegt. Zärtlich schaut sie in das schlafende Gesicht des Kindes und legt dankbar ihre fieberheiße Hand auf die der Mamsell. Die erschrickt. Fieber? Kindbettfieber? Das bedeutet nichts Gutes. Sie eilt davon, obwohl auch sie noch im Bett liegen sollte, gibt mit ungewohnt herrischer Art die nötigen Befehle, ordert alles, was sie braucht, um Margarete Brockdorff zur raschen Genesung zu verhelfen. Unermüdlich ist sie um die Kranke besorgt, macht ihr kalte Wadenwickel, wechselt die nassgeschwitzte Bettwäsche, flößt Margarete heiße Brühe ein.

Über all der vielen Arbeit versiegt Marguerites Milch, die aber umso reichlicher aus Margaretes Brüsten fließt und für kein Kind nutze ist. Noch halb im Fieberdämmer greift Margarete nach dem vor Hunger schreienden Säugling der Mamsell und legt sich selbst das Kind an ihre schmerzende Brust. Erleichterung tritt beinahe sofort ein! Bei Margarete, die endlich ein Kind im Arm hält und es stillen kann, für die kleine Anna-Sophie, die jetzt die Nahrung erhält, derer sie so dringend bedarf und nicht zuletzt bei Marguerite, die weiß, dass ihre Herrin und Freundin das gefährliche Fieber bald überwunden haben wird. Und so kommt es auch, dass ein kleines vaterloses Mädchen auf Gut Windeby keinen Vater, zum Ausgleich aber zwei Mütter zu haben scheint.

Ida zieht derweil mit ihrem Hund treppauf, treppab durch das große, stille Herrenhaus. Sie vermisst ihre Mutter und Mamsell und versteht gar nicht, wie die Frauen um so ein kleines Würmchen so viel Aufhebens machen können. Man darf ja noch nicht einmal spielen damit. Sie tröstet sich mit anderen, aufregenderen Dingen und lässt sich von der Köchin, die zum Glück viel Verständnis für Ida hat, mit süßem Brei verwöhnen. Noch ahnt Ida nicht, dass da gerade ein wichtiger Aspekt ihres Lebens geboren wurde, etwas, dass sie immer, ihr ganzes Leben lang, begleiten wird.

Als Detlev von Brockdorff von einer wichtigen Mission als Amtmann für seinen Herrn, den Herzog von Gottorf, zurück kommt, erwartet ihn die traurige Nachricht von seinem totgeborenen Sohn. Noch viel härter trifft ihn, dass seine geliebte Margarete im Kindbettfieber liegt und mit dem Tode ringt. Er eilt zu ihr, doch sie erkennt ihn nicht. In seiner Trauer und Angst um die geliebte Frau vergisst er beinahe zu fragen, wie es dem Kind geht, das die Französin geboren hat. Marguerite Royan schaut zu Boden, als er sie anspricht und antwortet mit leiser Stimme, dass sie eine Tochter zur Welt gebracht hat, die zwar sehr klein und zart ist, aber wohl am Leben bleiben wird. Dann wendet die Mamsell sich um und eilt zu Margarete an ihr Krankenlager zurück. Es gilt, das Fieber so schnell wie möglich zu senken, um Margarete zu retten.

Noch in derselben Nacht sendet der Brockdorffer einen Eilboten mit einem Brief nach Schloss Gottorf. Dort wird man wissen, wie damit zu verfahren sei….

5. Kinderzeit

Ein Sommertag im Jahre 1607

Zwei kleine Mädchen liegen kichernd nebeneinander im Heu und lassen die ellenlangen, trockenen Grashalme lustig tanzen, die sie draußen abgepflückt haben. Dämmrig und warm ist es in der großen Scheune von Gut Windeby. Staubkörnchen flirren und schweben in einem Sonnenstrahl, der durch ein Loch in der Holzwand fällt und Ida und mich dazu auffordert, mit ihm zu spielen.

„Ob die Sonne wohl auch solche Langeweile hat wie wir? Was meinst du, Ida?“

Ida schaut zweifelnd auf mich herab. Sie ist die Ältere von uns beiden, sie gibt den Ton an und ich beuge mich dem klaglos. Wie Geschwister wachsen wir auf und sind es doch nicht. Noch bin ich zu klein, um zu begreifen, wie viel uns trennt, Ida, die Tochter des Gutsherrn und mich, das Kind der Gouvernante.

„Anna-Sophie“, so nennt mich nur meine Mutter und auch nur dann, wenn sie sicher ist, dass wir allein sind und es niemand hört. Ein solch hochtrabender Name für die Tochter einer Kinderfrau, das schickt sich nicht, so heißt es. Also werde ich „Anna“ gerufen. Der andere, der geheimnisvollere Name ist ein Zeichen der besonderen Innigkeit zwischen meiner geliebten Mutter und mir. Nur Ida benutzt ihn ab und zu, aber dann weiß ich nie, will sie mich foppen oder will sie mir schmeicheln. Wie gerne würde ich jetzt Ida fragen, nach dem seltsamen Wort, dass sie vor ein paar Tagen gesagt hat, dabei leise kicherte und das bei den Erwachsenen so merkwürdige Reaktionen hervorrief.

Es war im Kinderzimmer. Meine Mutter müht sich ab, uns das Sticken beizubringen, doch unsere kleinen Finger und die Ungeduld, die Ida an den Tag legt, machen es ihr schwer. Als Ida sich wieder einmal mit der spitzen Nadel in den Finger gestochen hat, wirft sie wütend ihr Stickzeug zu Boden, dass die bunten Fäden wild umher fliegen, steht auf und rennt zur Tür. Dabei lacht sie, glücklich dem leidigen Sticken entkommen zu können, und ruft mir zu: „Los, komm du Bankert, lass uns lieber zu den Pferden gehen!“

Auf einmal scheinen alle um uns herum den Atem anzuhalten. Sogar Idas Hund Harro, der ihr wie immer zu Füßen liegt und so tut, als ob er schläft, hebt fragend den Kopf.

„Bankert, Bankert, Ba…..“, Idas Singsang wird jäh unterbrochen, weil ihre Mutter ihr die Hand auf den Mund hält und mit Entsetzen in der Stimme fragt, wo Ida dieses Wort her habe.

Ida versteht die ganze Aufregung nicht, sie ist sich keiner Schuld bewusst. Dass sie auf einmal im Mittelpunkt steht, das gefällt ihr irgendwie. Nur der strenge Ton, in dem ihre Mutter sie befragt, macht sie unsicher.

„In der Küche“, mault Ida, „da hat der Kutscher so was gesagt. Er hat sein Abendbier getrunken und mit der Köchin über Mamsell geredet. Wo die wohl ihren Bankert herhabe, die Anna. Die sähe niemandem ähnlich, den er kennt und er käme ja ganz schön viel herum und habe schon eine Menge gesehen und gehört. Die Köchin hat daraufhin gelacht und gemeint, er solle sich keine Hoffnungen machen, die „Franzmännin“ hielte sich für was Besseres. An die käme so einer wie der Kutscher nicht heran, auch wenn sie schon einen Bankert habe. Das habe ich gehört, na und?“

Trotzig schiebt Ida ihre Unterlippe vor.

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