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Die Heldenmutter

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Erstes Buch
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  1. Zweites Buch
  2. 17
  3. 18
  4. 19
  5. 20
  6. 21
  7. 22
  8. 23
  9. 24
  10. 25
  11. 26
  12. 27
  13. 28
  14. 29
  15. 30
  1. Drittes Buch
  2. 31
  3. 32
  4. 33
  5. 34
  6. 35
  7. 36
  1. Ein Gespräch mit Wolfgang Hohlbein

1

Es war ein Morgen im Frühherbst. Die zaghaften Strahlen der aufgehenden Sonne versprachen noch einen warmen Tag, aber schon glitzerte der erste Raureif im Gras. Der Biss des Windes war kalt, und sein Heulen erinnerte an weiß überzuckerte Berge und Wolfsspuren im Schnee.

Lyra stand früh auf wie immer, schon lange vor Sonnenaufgang, um den Beginn der Arbeiten zu überwachen und selbst mit Hand anzulegen, wo es sein musste – natürlich nicht mehr bei den schweren Feldarbeiten. Jetzt half sie allenfalls noch beim Melken der Kühe oder beim Schweine- und Hühnerfüttern. Aber es gab eine Menge anderer Dinge, die sie noch tun konnte und auch tat. Sie war sich nicht einmal sicher, ob das alles wirklich leichter war als ihr normales Tagewerk: Sie musste die Gruppen einteilen, die aufs Feld gingen, die bestimmen, die auf dem Hof blieben und dort arbeiteten, dazu all die großen und kleinen Querelen schlichten, die so zu dem Leben auf dem Hof gehörten wie das morgendliche Krähen der Hähne und der Geruch nach Kuhstall und Hühnermist.

Sie war erleichtert, als auch die Letzten aufbrachen und sie selbst endlich das Gesindehaus verlassen und in den Stall gehen konnte. Nach dem Durcheinander von Stimmen, dem Streiten und Lärmen und dem kleinlichen Quengeln derer, die sich benachteiligt oder von ihr gegängelt fühlten, erschien ihr die Arbeit bei den Kühen wie eine Erholung. Aber als sie sich nach dem Eimer bückte, wurde ihr übel. Es war nicht das erste Mal, dass ihr das passierte, im letzten Dreivierteljahr; aber so schlimm wie jetzt war es eigentlich nur in den ersten drei oder vier Wochen gewesen. Die Übelkeit kam plötzlich, so warnungslos wie ein Hieb. In ihrem Mund sammelte sich bitterer Speichel, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Gleichzeitig wurde ihr schwindelig.

Lyra blieb sekundenlang in der unnatürlich verkrampften Haltung stehen, zu der sie ihr angeschwollener Leib gezwungen hatte, presste die Hand gegen die Lippen. Es tat weh, aber es gelang ihr, den Brechreiz niederzukämpfen und sich zitternd aufzurichten.

Leicht beschämt bemerkte Lyra, dass sie nicht allein im Stall war und die anderen sie anstarrten. Mit einer Anstrengung, die ihre Kräfte beinahe überstieg, richtete sie sich ganz auf und ging langsam zur Tür.

Ihr Magen rebellierte noch immer. Aber sie schluckte die bittere Galle, die sich unter ihrer Zunge sammelte, tapfer herunter und beeilte sich, den Stall zu verlassen. Es war albern und vielleicht sogar gefährlich, aber sie wollte sich um keinen Preis vor den anderen Mädchen übergeben müssen, auch wenn dies nur natürlich gewesen wäre in ihrem Zustand. Für einen kurzen Moment glaubte sie die Blicke der anderen wie dünne spitze Messer im Rücken zu fühlen, denn nur in den allerwenigsten lag Mitleid. Ihr Verhältnis zu den anderen Mägden und Stallfrauen war niemals sehr gut gewesen, aber seit sie Orans Kind bekam, war die Kluft, die sie voneinander trennte, noch größer geworden. Lyra litt darunter: unter der Ablehnung, der Kälte, die ihr wie eine Mauer entgegenschlug, wann immer sie versuchte, sich einer der anderen zu nähern, den zahllosen mehr oder weniger offenen Spitzen, den Blicken, in denen sich Missgunst und Schadenfreude mischten. Sie litt darunter, mehr, als sie sich selbst gegenüber einzugestehen bereit war. Auch wenn sie wusste, dass die Verachtung, die die anderen für sie empfanden, zu einem guten Teil nur aus Neid geboren war. Neid und wohl auch Furcht, weil Oran unberechenbar war und niemand vorherzusagen wusste, wie weit und mit welcher Offenheit er sich vor Lyra stellen mochte. Nicht einmal sie selbst; sie vielleicht am allerwenigsten.

Sie trat auf den Hof hinaus und atmete ein paarmal tief durch. Die kalte Luft tat gut. Über das frisch gepflügte Feld, an das der nach einer Seite offene, U-förmig angelegte Hof grenzte, strich der kalte Wind und brachte mit dem Wohlgeruch des nahen Birkenhaines zusätzliche Linderung. Die Sonne war als schmaler, flammendroter Kreisausschnitt über den Gipfeln der Berge erschienen. Lyra liebte diese kurze Spanne zwischen Dämmerung und hellem Tag. Hinter den getönten Scheiben des Haupthauses flackerte noch das gelbe Licht der Öllampen, und im Gras glitzerte noch ein Hauch des Taus, in den sich der Raureif verwandelt hatte, als die Dämmerung heraufzog. Der Tag war erwacht, aber noch müde.

Lyra blieb mit halb geschlossenen Augen stehen und wartete, dass die Übelkeit nachließ. Doch plötzlich erwachte ein ziehender, peinigender Schmerz in ihren Lenden.

Sie erschrak. Es ist noch zu früh! dachte sie. Sie hatte noch mehr als zwei Wochen. Siebzehn Tage, wenn sie richtig gerechnet hatte. Und wenn die Übelkeit und die Schmerzen bedeuteten, dass das Kind jetzt schon kam, dann würde es sterben; oder vielleicht schwach und sein Leben lang kränklich sein. Oran würde sie vom Hof jagen, wenn sie ihm ein totes Kind oder gar einen Krüppel gebar.

Lyra zwang sich zur Ruhe. Was sie spürte, war ganz normal, nur ungewohnt. Sie hatte bisher ausgesprochenes Glück gehabt mit ihrer Schwangerschaft. Ihr Leib hatte sich allmählich gerundet, und dann und wann – vor allem in den ersten Wochen – war ihr vor dem Zubettgehen oder morgens nach dem Aufwachen übel und schwindelig gewesen, sodass sie liegen geblieben war und abgewartet hatte, bis ihre Eingeweide aufhörten zu rebellieren. Aber das war auch alles gewesen. In den letzten Wochen hatte sie nur noch unter Schmerzen mit Oran schlafen können – worauf er keine Rücksicht genommen hatte. Beides hatte sie als naturgegeben hingenommen und abgewartet, bis ihre Schönheit mehr und mehr den Zeichen der Schwangerschaft wich und er von selbst die Lust an ihr verlor und die Nächte wieder mehr in Felis' als in ihrem Bett verbrachte. Oran war ein harter Mann, dem das Wort Rücksicht fremd war. Doch er konnte auf seine Art auch gutherzig und sanft sein. Sie hätte es schlechter treffen können.

Nein, dachte sie. Es war ganz normal und hatte wahrscheinlich nichts zu bedeuten. Sie war einundzwanzig. Fünfzehn Jahre harter Arbeit auf dem Hof hatten ihren Körper kräftig wie den eines Mannes werden lassen, auch wenn sie ihr nichts von ihrer herben Schönheit genommen hatten. Lyra schalt sich in Gedanken eine Närrin. Sie war nicht die erste Frau auf der Welt, die ein Kind bekam. Das Fleckfieber, das sie vor zwei Jahren durchgemacht hatte, war schlimmer gewesen.

Trotzdem zitterten ihre Knie, als sie sich umwandte. Einen Moment überlegte sie, ob sie ins Haus zurückgehen und Oran um die Erlaubnis bitten sollte, sich eine Stunde hinzulegen. Sie war sicher, dass er ihr diesen kleinen Wunsch nicht abschlagen würde. Aber dann fiel ihr ein, dass es noch früh war und Oran jetzt wahrscheinlich mit Felis beim Morgenmahl saß.

Sie stand sich im Grunde gut mit Felis – so gut eben, wie sich eine Großmagd mit einer Bäuerin stehen konnte, deren Mann mehr Nächte in ihrem als im Bett seiner Gattin verbrachte -, aber seit sie das Kind erwartete, war ihr Verhältnis mehr und mehr abgekühlt, und Lyra ging ihr aus dem Weg, wo immer es möglich war. Felis und Oran waren seit zwei Jahrzehnten verheiratet, aber es war Felis nicht gelungen, dem Hof einen Erben zu schenken. Vielleicht war die Zeit, in der sie es konnte, schon vorbei. Sie war noch immer eine schöne Frau, trotz des harten Lebens an Orans Seite, aber das Alter hatte bereits die Hand nach ihr ausgestreckt, hatte Spuren in ihr Antlitz gegraben, ihrem Haar den Glanz und ihrem Körper die Geschmeidigkeit genommen, die Oran so an Lyra bewunderte.

Lyra schlug den Weg zur Heuscheune ein. Das Gebäude stand noch leer und wurde nur als Schuppen benutzt. Die beiden Wagen und allerlei Gerumpel waren darin untergebracht, und solange die Heuernte noch nicht eingefahren und das Winterfutter nicht geschnitten war, kam kaum jemand dorthin.

Innen herrschte noch Nacht, als sie das lang gestreckte Gebäude betrat. Ein schwacher Geruch nach feuchtem Stroh und Hühnermist schlug ihr entgegen, und einen Moment lang blieb sie stehen, damit sich ihre Augen an das schwache Licht gewöhnten. Es war still, aber zusammen mit ihr war auch ein kühler Windhauch hereingekommen, der den Staub aufwirbelte und die Strohbüschel zwischen den Dachschindeln rascheln ließ. Irgendwo klapperte Metall; ein Schatten huschte auf lautlosen Pfoten davon und verschwand in einer Ecke. Für einen Augenblick kam ihr das Gebäude beinahe wie ein großes, gutmütiges Wesen vor, das sie durch ihr plötzliches Erscheinen aus dem Schlaf gerissen hatte.

Sie lächelte flüchtig über die Vorstellung, lehnte die Tür hinter sich an, ohne sie ins Schloss zu drücken, und ging an den abgestellten Wagen und Gerätschaften vorbei in den rückwärtigen Teil des Schuppens. In ihren Eingeweiden wühlte noch immer ein dumpfer Schmerz, aber er war jetzt eher störend als quälend. Die Stille und die Dunkelheit hüllten sie ein wie ein beschützender Mantel, und die frische Luft auf dem Hof hatte ihr gut getan. Sie würde sich ein paar Augenblicke auf dem Heuboden ausruhen und dann zur Arbeit zurückgehen. Die Kühe mussten gemolken werden. Ihren prallen Eutern war es vollkommen egal, ob sie sich unwohl fühlte oder nicht.

Es bereitete ihr Mühe, die steile Leiter zum Boden hinaufzusteigen; die Stufen ächzten hörbar unter ihrem Gewicht. Sie war außer Atem, als sie auf dem Zwischenboden anlangte.

Nur durch ein paar Ritzen im Dach sickerte graue Helligkeit, die aber die Schwärze, die sie umgab, nicht vertrieb, sondern eher noch betonte. Sie sah nicht viel mehr als Schatten und schwarze, tiefenlose Flächen. Aber sie musste nichts sehen. Der Heuboden war ihr vertraut, jeder Zentimeter seiner verrotteten Bohlen und durchhängenden Dachbalken; vertraut aus langen einsamen Stunden, in denen sie sich hier oben verkrochen und still in sich hineingeweint hatte. Er war ihr Versteck, ihre Zuflucht, beinahe ihre Heimat; das einzige Zuhause, das sie jemals gehabt hatte. Die niemals ganz weichende Dunkelheit hier oben war ihre Verbündete, ihre Vertraute. Die Dunkelheit hatte ihre Tränen getrocknet, wenn Oran sie geschlagen oder Felis sie gescholten oder auf andere Weise gedemütigt hatte; sie hatte ihre Angst geteilt, als ihr klar wurde, dass sie schwanger war, und ihre Erleichterung gesehen, als sie begriffen hatte, dass Oran sie nicht von seinem Hof und nicht einmal aus seinem Bett jagen würde. Das war keineswegs selbstverständlich gewesen: Sie hatte wochenlang gezögert, zu ihm zu gehen und ihm zu sagen, dass sie einen Sohn von ihm erwartete. Sie wusste, dass es ein Sohn sein musste, denn wenn es ein Mädchen war, würde Oran sie davonjagen oder das Kind kurzerhand ertränken. Als sie endlich den Mut aufbrachte, hatte sie trotzdem noch vor Angst geweint und kaum ein Wort herausbekommen. Oran wäre nicht der erste Bauer, der sich mit einer seiner Mägde amüsierte und sie mit Schimpf und Schande aus dem Haus jagte, wenn die Freuden seiner Nächte Folge trugen. Aber Oran war ein guter Mann; wenn auch auf seine Art.

Geduckt, die linke Hand halb über den Kopf erhoben und Halt an den feuchten Dachsparren suchend, tastete Lyra sich weiter. In der Mitte des Bodens stand eine Kiste; eigentlich nur noch ein Teil davon – Boden, Stirn- und zwei der Seitenwände. Lyra hatte sie schon vor langer Zeit so herumgedreht, dass ihr stehengebliebener Teil wie ein Schutzschild zur offenen Seite des Bodens wies und sie vor neugierigen Blicken schützte, sollte sich doch einmal jemand hier herauf verirren.

Aber heute war der Raum hinter ihrem improvisierten Schutzschild nicht leer: Im Schatten der Kiste, eng aneinander gedrängt, lagen zwei Menschen.

Lyra blieb abrupt stehen, schlug erschrocken die Hand vor den Mund und unterdrückte im letzten Moment einen überraschten Ausruf. Ihr erster Impuls war, herumzufahren und davonzulaufen, so schnell sie konnte. Aber der Schrecken, der sie für einen Moment sogar ihre Übelkeit vergessen ließ, lähmte sie auch gleichzeitig. Als sie sich wieder beruhigte, blieb eine sonderbare Mischung aus Furcht und Neugier zurück.

Für endlose Sekunden blickte sie auf die beiden Körper und wusste nicht, was sie tun sollte. Dann beugte sie sich – die warnende Stimme in ihrem Inneren missachtend – vor, ging langsam in die Hocke und versuchte, die Gesichter der beiden im schwachen Licht zu erkennen.

Es waren ein Mann und eine Frau. Ein sehr großer Mann und eine sehr kleine Frau, das konnte sie erkennen, obwohl sie im Halbdunkel nicht viel mehr als Schatten waren und ihre Mäntel wie Decken über sich gebreitet hatten; die beiden Körper darunter waren so verschlungen, dass sie kaum sagen konnte, was zu wem gehörte. Ihr erster Gedanke, nämlich dass es sich um ein Paar hier vom Hof handelte, das diesen Ort entdeckt hatte und versehentlich eingeschlafen war, nachdem sie sich geliebt hatten, war falsch gewesen. Natürlich, auf dem Hof lebten fast fünfzig Mägde und Knechte, aber selbst auf einem so großen Anwesen wäre es aufgefallen, wenn ein Paar am Morgen nicht da war. Nein, die beiden stammten nicht vom Hof. Nicht einmal aus der Gegend.

Einen Moment lang kämpften zwei grundverschiedene Gefühle in Lyra miteinander: die Furcht, die noch immer in ihr nagte und sie zu warnen versuchte, und die Neugier, herauszubekommen, wer diese beiden waren. Aber die Neugier siegte, und nach einem Augenblick beugte sich Lyra weiter vor und hielt sich mit der Hand am Rand der Kiste fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Gesichter der beiden kamen ihr seltsam vor: so gegensätzlich, wie man sich zwei menschliche Gesichter nur vorstellen konnte, dabei aber beide von einem Schnitt, wie sie ihn noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte.

Das Gesicht des Mannes wirkte auf den ersten Blick grobschlächtig. Aber bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass es, nur im Schlaf erschlafft war und gezeichnet von einer tiefen Erschöpfung: breit, mit großen, eine Spur zu dicht beieinander stehenden Augen und buschigen Brauen, die unter einem auffallend tiefen Ansatz schwarzer Haare standen. Sein Kinn wirkte eckig, aber um den Mund spielte ein sanfter Zug, der nicht ganz zu seiner kantigen Männlichkeit passen wollte. Auf seinen Wangen glänzte der blaue Schimmer eines zwei oder drei Tage alten Bartes. Die Erschöpfung hatte tiefe Schatten unter seine Augen gemalt, und seine Mundwinkel zuckten in regelmäßigen Abständen, ganz leicht nur, aber trotzdem sichtbar, als hätte er einen üblen Traum. Das Gesicht eines Barbaren, dachte Lyra. Aber wenn, dann eines Barbarenprinzen.

Sie verlagerte ihr Gewicht ein wenig, beugte sich noch weiter vor und stützte sich nun auch mit der rechten Hand am Boden ab, um die Frau genauer in Augenschein zu nehmen. Neben der Gestalt des Mannes, die selbst jetzt, halb zusammengekrümmt und unter zwei übereinander gelegten Mänteln verborgen, eindrucksvoll wirkte, kam sie ihr vor wie ein Spielzeug: klein, zart bis an die Grenzen der Zerbrechlichkeit und von seltsam blassem Teint, der ihre Haut fast durchsichtig erscheinen ließ. Ihr Antlitz war schmal und so klein, dass Lyra es in ihren Händen hätte verbergen können, und ihre Züge wirkten – Lyra fand keinen Ausdruck, der besser gepasst hätte – edel. Die hoch angesetzten Wangenknochen schimmerten wie kleine weiße Narben durch die Haut, und die geschlitzten, leicht schräg stehenden Augen gaben ihr etwas Exotisches. Plötzlich kam Lyra dieses Gesicht – oder vielleicht auch nur ein Gesicht wie dieses – seltsam bekannt vor. Aber sie wusste nicht, weshalb. Ihre Brauen und das Haar, von dem nur eine einzelne Strähne unter ihrem tief in die Stirn gezogenen Kopftuch hervorsah, waren schlohweiß.

Lyra richtete sich behutsam auf, schüttelte verwirrt den Kopf und sah sich um. Neben dem schlafenden Riesen lagen ein Schild und ein zusammengerollter, metallbeschlagener Waffengurt, in dessen Schlaufe ein gewaltiges, glänzendes Schwert steckte, und halb unter dem Schild verborgen ein brauner Leinensack. Daneben, nur unzureichend mit einer Hand voll hastig zusammengerafftem Stroh zugedeckt, lagen die Reste eines Huhnes.

Die verrücktesten Gedanken schössen Lyra durch den Kopf. Die beiden waren mit Sicherheit keine Herumtreiber, die sich im Schütze der Nacht hier hereingeschlichen hatten, trotz des gestohlenen Huhnes. Aber wer waren sie dann? Vielleicht ein Liebespaar, das gegen den Willen seiner Eltern durchgebrannt war?

Lyra lächelte über den Gedanken, kaum dass sie ihn gedacht hatte. Die Waffen des schwarzhaarigen Barbaren bewiesen, dass er ein Edelmann sein musste oder wenigstens sehr reich. Nicht einmal Oran hatte ein Schwert aus Stahl, obwohl er einer der wohlhabendsten Bauern im Umkreis vieler Tagesreisen war, und ...

Ein plötzlicher Schmerz zuckte durch ihren Leib; nicht mehr als ein rascher, dünner Stich, aber doch so heftig, dass sie die Balance verlor. Sie fing sich sofort wieder, aber ihr Fuß rutschte weg und verursachte ein leises, scharrendes Geräusch auf dem Holzboden.

Die Lider des Mannes flogen mit einem Ruck auf. Lyras Herz schien zu stocken. Das Scharren ihres Fußes war kaum hörbar gewesen, nicht mehr als das Huschen einer Ratte im Stroh, aber der Fremde musste über die scharfen Sinne eines Raubtieres verfügen, eines gejagten Raubtieres. Seine Hand zuckte mit einer Bewegung, die beinahe zu schnell war, als dass Lyra sie überhaupt noch sah, unter dem Mantel hervor, packte ihr Gelenk und riss sie mit einem kraftvollen Ruck nach vorne. Sie fiel, stieß einen hellen, erschrockenen Schrei aus und begann in wilder Panik mit den Beinen zu strampeln, als sich der Mann mit einem Ruck von seinem Lager erhob, sie herumwirbelte und an sich presste, den freien Arm von hinten um ihren Hals schlang und die Hand auf ihren Mund presste, alles in einer einzigen, ungeheuer kraftvollen, gleitenden Bewegung. Er war ein Raubtier.

»Sho-Kai!«, ertönte eine harte Stimme. »Nehmet geterul!«

Lyra verstand die Worte nicht, wohl aber ihren Sinn.

Halb wahnsinnig vor Furcht und von den Schmerzen in ihrem Leib gequält, hörte sie auf, sich zu wehren. Schreien konnte sie ohnehin nicht, denn die gewaltige Hand des Mannes presste ihr gleichzeitig Mund und Nase zu, und sein Arm schnürte ihr zusätzlich den Atem ab.

»Lass sie los, Sjur«, sagte eine zweite Stimme. »Du bringst sie ja um!«

Der Mann gab ein unwilliges Knurren von sich, lockerte aber den Würgegriff um Lyras Hals und nahm nach kurzem Zögern auch die Hand von ihrem Gesicht. Lyra stöhnte, sog gierig die Lungen voller Luft und hustete qualvoll. Ihr Blick trübte sich; für einen Moment sah sie die Gestalt der Frau, die sich ebenfalls auf die Knie erhoben hatte, nur als verzerrten Schatten. Sjur konnte sie gerade noch rechtzeitig loslassen. Lyra kippte zur Seite, fing den Sturz instinktiv mit den Händen ab und übergab sich würgend. Ein Krampf schüttelte ihren Körper. Tränen des Schmerzes füllten ihre Augen, und ihr würgendes Stöhnen wurde zum Schluchzen.

»Du armes Ding – hier, nimm das. Das wird dir gut tun.« Eine Hand berührte sie an der Schulter, nicht die schwieligen harten Finger Sjurs, sondern die weiche, kühle Hand seiner Begleiterin, streichelte flüchtig ihre Wange und hielt ihr ein winziges Fläschchen vor das Gesicht.

»Atme es ein«, sagte sie. »Es wird dir helfen.«

Lyra zögerte. Übelkeit und Schmerzen vernebelten ihre Sinne, aber irgendetwas sagte ihr, dass die fremde Frau nichts Böses wollte, und so gehorchte sie.

Dem Fläschchen entströmte ein äußerst unangenehmer Geruch, aber was immer es enthielt, es wirkte, und es wirkte schnell. Schon nach wenigen Atemzügen verschwand die quälende Übelkeit, und auch der Schmerz sank wieder auf ein erträgliches Maß herab, wenn er auch nicht ganz wich.

»Ich ... danke Euch«, stammelte Lyra. Mühsam setzte sie sich auf, fuhr sich mit dem Unterarm über die Lippen und sah die beiden Fremden abwechselnd an. Das Gesicht des Mannes wirkte ausdruckslos, aber seine Augen glitzerten misstrauisch, und seine Hände blieben geöffnet, um sofort zupacken zu können, falls sie zu schreien oder davonzulaufen versuchte. Lyra schauderte, als sie seine Hände genauer betrachtete. Er hätte ihr mit der gleichen Leichtigkeit, mit der er sie gepackt und herumgezerrt hatte, auch das Genick brechen können.

»Fühlst du dich jetzt besser?«, fragte die Frau. Ihre Stimme hatte einen angenehmen Klang. Sie hörte sich freundlich an.

Lyra nickte und versuchte zu lächeln, aber sie spürte, dass eher eine Grimasse daraus wurde.

»Sherim g'thal«, sagte Sjur. Seine Begleiterin antwortete in der gleichen, Lyra unverständlichen Sprache und schüttelte den Kopf. Dann wandte sie sich wieder an Lyra. »Es tut mir Leid, dass Sjur dir weh getan hat«, sagte sie freundlich. »Er war nur erschrocken, weil du so plötzlich da warst.«

»Ich ... komme oft hier herauf«, stammelte Lyra. Beinahe kam sie sich selbst bei diesen Worten albern vor, aber wenn es in ihr ein Gefühl gab, das im Moment noch stärker war als die Furcht, dann war es ihre Verwirrung.

»Wie ist dein Name, Kind?«, fragte die Fremde. Es kam Lyra seltsam vor, dass sie sie Kind nannte – sie konnte kaum älter sein als sie selbst. Gleichzeitig strahlte sie aber auch eine Überlegenheit und Ruhe aus, die diese Wortwahl rechtfertigte. Lyra kam sich in ihrer Nähe wirklich ein bisschen wie ein hilfloses, verschüchtertes Kind vor, und es lag nicht nur an der Anwesenheit des schwarzhaarigen Hünen.

»Lyra«, antwortete sie nach kurzem Zögern. »Mein Name ist Lyra.«

»Lyra.« Die Fremde nickte und schwieg einen Moment, als wiederhole sie das Wort ein paarmal in Gedanken, um sich an seinen Klang zu gewöhnen. »Ein hübscher Name«, sagte sie schließlich. »Mein Name ist Erion. Du lebst hier auf dem Hof?«

Lyra nickte. »Ja. Schon seit ... seit vielen Jahren. Aber ich bin nicht hier ... geboren. Ich ... bin ...«

Etwas Seltsames geschah. Lyras Worte wurden immer schleppender, ihre Stimme verlor an Kraft, und sie spürte mit einer Mischung aus Erschrecken und rasch stärker werdender Resignation, wie sie die Gewalt über ihr Denken zu verlieren begann. Es war ihr unmöglich, den Blick von den schwarzen, grundlosen Augen Erions zu lösen: Augen, die direkt in die verborgensten Abgründe ihrer Seele schauten und deren Blick ihren Willen so mühelos auslöschte wie der Sturm eine kleine Kerze. Lyra begriff plötzlich, dass Erion mehr tat, als nur mit ihr zu reden, viel mehr. Es war ihr ganz klar, dass ihr Wille dem Ansturm eines anderen, stärkeren unterlag. Erions Willen. Aber es war ihr gleich. Sie hatte nicht die Kraft, dagegen zu kämpfen. Nicht einmal die, Zorn oder Unmut zu empfinden.

»Du wirst niemandem verraten, dass du uns getroffen hast, nicht wahr, Lyra?«, sagte Erion. Ihre Stimme war sanft, kaum mehr als das Rauschen von Wind in den Büschen, und trotzdem von einer eindringlichen, befehlenden Kraft, der Lyra nichts entgegenzusetzen hatte. Sie schüttelte den Kopf. Selbst diese kleine Bewegung verlangte ungeheure Überwindung.

»Du wirst gehen und vergessen, dass du uns überhaupt gesehen.hast«, fuhr Erion fort. Lyra glaubte, ein leises Beben in ihrer Stimme zu vernehmen.

»Ich werde es vergessen«, murmelte Lyra. »Ich werde niemandem verraten, dass ...« Sie sprach nicht weiter. Etwas in ihr begann sich gegen die Kraft zu wehren, die ihren Willen niederzwang, etwas, gegen das sie so machtlos war wie gegen Erions Flüstern.

»Du wirst vergessen, dass du uns getroffen hast«, sagte Erion noch einmal. »Du wirst uns vergessen und mit niemandem darüber reden. Es hat uns gar nicht gegeben.« Sie brach ab.

Einen Herzschlag lang blickte sie Lyra noch an, dann senkte sie den Kopf, strich sich mit einer unbewussten Geste die Strähne weißen Haares, die ihr in die Stirn gefallen war, zurück und seufzte hörbar. »Es hat keinen Sinn, Sjur«, sagte sie. »Sie ist zu stark. Oder ich zu schwach.«

Der Vorhang vor Lyras Sinnen zerriss mit einem kurzen, schmerzhaften Ruck. Verwirrt fuhr sie sich mit der Hand über die Augen und starrte Erion an, von neu erwachendem Schrecken erfüllt. »Ihr ... Ihr seid eine Zauberin!«

Erion lächelte traurig. »Ja. Aber keine besonders Gute, fürchte ich.«

»Versuch es noch einmal«, verlangte Sjur.

Lyra sah erstaunt auf. Irgendwie war ihr bisher noch gar nicht der Gedanke gekommen, dass Sjur ihre Sprache sprechen könnte. Aber er tat es, wenn auch mit einem sonderbaren, dunklen Akzent, der sein barbarisches Äußeres noch unterstrich.

Erion schüttelte den Kopf. »Es hat keinen Sinn, Sjur«, antwortete sie. »Ich bin zu schwach.« Sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. »Und ich kann nicht jeden hier auf dem Hof unter meine Kontrolle bringen, selbst wenn ich es wollte. Vielleicht ist es auch besser so. Schließlich können wir uns nicht ewig hier oben verkriechen. Lass uns hinuntergehen. Diese Menschen hier sind einfache Bauern, die für ihre Gastfreundschaft bekannt sind.« Die letzten Worte klangen beinahe flehend.

»Bist du sicher?«, knurrte Sjur. Seine linke Augenbraue rutschte ein Stück nach oben und verschwand fast unter seinem Haaransatz. Er trug nur einen kurzen, in der Art eines einfachen Lendenschurzes geschnittenen Rock um die Hüften. Und jetzt, als er aufrecht saß und den Mantel abgestreift hatte, konnte Lyra sehen, dass sein Haar bis weit über die Schultern reichte. Auch sein nackter Oberkörper war außergewöhnlich stark behaart, und unter der tiefbraunen Haut seiner Oberarme und Schultern zeichneten sich Muskelstränge wie dicke knotige Stricke ab.

»Mein ... mein Herr ist ein guter Mann«, flüsterte Lyra unsicher. »Ich bin sicher, dass er euch freundlich aufnehmen wird.«

»So?«, machte Sjur. Der Blick seiner dunklen Augen bohrte sich in den ihren. »Und was ist dein Herr?«

Lyra verstand die Frage nicht gleich, aber sie spürte den unterdrückten, beinahe drohenden Ton in seiner Stimme.

Ihr Blick glitt über die armlange Klinge des Schwertes neben Sjur und kehrte zu seinem Gesicht zurück. Mit einem Mal war sie fast sicher, dass er den Hof mit Gewalt in seine Hand bringen konnte, wenn er es wirklich wollte. Ganz allein.

»Der ... der Herr eben«, sagte sie verstört. »Oran. Er ist der ... der Bauer, und ...«

Sjur schnitt ihr mit einer unwilligen Geste das Wort ab. »Das meine ich nicht«, sagte er. »Was ist er für ein Mensch, was tut er, was denkt er, was macht er? Kann man ihm trauen?«

Lyra wollte nicken, blickte Sjur aber statt dessen nur mit wachsender Unruhe an und zuckte schließlich mit den Achseln. »Ich weiß es nicht«, gestand sie.

»Ist er wenigstens ...«

»Lass es gut sein, Sjur«, unterbrach ihn Erion. »Wir müssen ihm vertrauen, wohl oder übel. Und es wird nicht lange dauern.«

Sjurs Misstrauen schien keineswegs besänftigt. Trotzdem stand er nach einem Augenblick auf, reckte in einer kraftvollen, unbewussten Bewegung seine mächtigen Schultern, bückte sich nach seinen Kleidern und begann sich ohne sichtliche Hast anzuziehen. Es waren die Kleider eines Kriegers, wie Lyra erwartet hatte: dunkle, eng anliegende Hosen, ein graues Leinenhemd und ein schwerer, aus beinhartem Leder gearbeiteter und mit winzigen schimmernden Metallplättchen zusätzlich verstärkter Brustharnisch; dazu passende Stiefel und ein wulstiger, mit einem Federbusch geschmückter Helm, den er allerdings nicht aufsetzte. Lyra sah ihm wortlos zu, während er sich ankleidete und seinen Waffengurt umband. Vorhin, als sie das Schwert neben ihm im Heu gesehen hatte, war ihr die Waffe gewaltig vorgekommen, an seiner Seite wirkte sie fast klein.

Erion rührte sich während der ganzen Zeit nicht. Sie trug ihre Kleider bereits – ein fast durchsichtiges, aus einem seidenähnlichen Material gefertigtes weißes Kleid, das jedoch mit zahllosen Flecken übersät und überall eingerissen war, als wäre sie damit durch dichtes Unterholz gerannt. Unter der weißen Seide schimmerten die silbernen Pailletten eines Panzerhemdes, und aus dem schmalen geflochtenen Gürtel um ihre Taille ragte der ziselierte Griff eines Dolches.

Erion stand auf, als Sjur seinen Schild wie den Panzer einer Schildkröte auf dem Rücken befestigte. Lyra bemerkte eine Anzahl dunkler runder Punkte von rostroter Farbe auf dem glänzenden Metall und schauderte. Dankbar griff sie nach der Hand, die ihr Erion entgegenstreckte.

»Wie viele seid ihr auf dem Hof?«, fragte Sjur, als sie losgehen wollten.

»Fünfzig«, antwortete Lyra wahrheitsgemäß. »Die Mägde und Alten mitgezählt.«

»Fünfzig? Und wie viele davon sind Männer?«

Erion seufzte. Zwischen ihren dünnen weißen Brauen entstand eine tiefe Falte. »Kannst du an nichts anderes mehr denken, Sjur?«, fragte sie. »Diese Leute sind nicht unsere Feinde. Sie sind Fremden gegenüber freundlich – wenn du ihnen nicht gerade mit dem Schwert in der Faust guten Tag sagst. Wir haben nichts zu befürchten.« Der Ton, in dem sie diese Worte hervorbrachte, machte deutlich, dass sie das Thema damit für beendet erklärte. Sjur antwortete nicht mehr, sondern zuckte nur stumm mit den Achseln. Aber das misstrauische Funkeln in seinen Augen blieb.

Erion schenkte ihm einen letzten, warnenden Blick, bückte sich nach ihrem Mantel und warf ihn mit einer raschen Bewegung über. Gleichzeitig löste sie den Knoten ihres Kopftuches und streifte es ab.

Lyra erstarrte.

Im schwachen Licht des Dachbodens war Erions Gesicht nur unscharf zu sehen, aber die Beleuchtung reichte aus, die dünnen, spitz zulaufenden Ohren und Erions hohe Stirn zu erkennen. Sie wusste plötzlich, warum ihr dieses Gesicht so fremd und gleichzeitig auf seltsame Weise bekannt vorgekommen war. Die weiße, beinahe durchscheinende Haut, das schneefarbene Haar, die sanften – und gleichzeitig edlen, eine Spur zu edlen – Züge; sie hatte es hundertmal gesehen, auf Bildern und Stickereien, dieses Gesicht aus Milch und Licht, ein Gesicht, das beinahe menschlich war und doch unendlich fremd blieb, solange man es auch betrachtete.

»Ihr ... Ihr seid ...«, stammelte sie. Plötzlich versagte ihre Stimme. Ein eisiges, lähmendes Gefühl des Unglaubens durchfuhr sie.

Erion konnte gerade noch die Hand ausstrecken und sie zurückhalten, als sie vor ihr auf die Knie sinken wollte.

»Herrin!«, flüsterte sie. »Verzeiht, dass ich Euch nicht gleich erkannt habe. Ihr ... Ihr seid eine Elbin!«

Erion lächelte voller traurigem Spott. »Ja, Kind«, sagte sie. »Aber das ist wahrhaftig kein Grund, vor mir auf die Knie zu fallen.«

Lyra blickte sie verwirrt an, und Erion machte eine einladende Geste nach unten und fuhr fort: »Ich bin eine Elbin, das stimmt, aber im Moment bin ich vor allem eine sehr hungrige Elbin. Lass uns nach unten gehen und deinen Herrn um eine Mahlzeit und seine Gastfreundschaft bitten.«

2

Es war heller Morgen geworden, als Lyra vor den beiden Fremden aus der Scheune trat. Im ersten Moment sah sie sich beinahe ängstlich um, aber der Hof war leer. Der größte Teil des Gesindes arbeitete schon auf den Feldern. Der Sommer neigte sich seinem Ende entgegen, und der Wolfsweizen war noch nicht vollends eingeholt; wie nahezu in jedem Jahr zu dieser Zeit war es ein Wettlauf mit den Launen der Natur, bei dem jede Minute zählte und jede Hand gebraucht wurde. Trotzdem gab es noch genug Bedienstete im Haupthaus, und sobald Lyra die Tenne verlassen hatte, würde der Blick eines Dutzends verborgener Augenpaare ihr und ihren beiden Begleitern folgen.

Lyra verjagte den Gedanken und machte sich mit einer einladenden Handbewegung auf den Weg, ohne sich dabei umzusehen. Erion und Sjur traten hinter ihr aus dem Gebäude und nahmen sie in die Mitte, als sie zum Haupthaus hinübergingen. Lyra gewahrte eine rasche, huschende Bewegung hinter der offen stehenden Tür des Kuhstalles. Ein Augenpaar blitzte auf, dann hörte sie das Rascheln von Stoff und das hastige Trappeln nackter Fußsohlen. Sie unterdrückte ein Lächeln, hatte sich jedoch gut genug in der Gewalt, die Schultern zu straffen und aufrecht und mit höher erhobenem Haupt als gewohnt zwischen der Elbin und ihrem hünenhaften Begleiter einherzugehen. Ihr Herz raste noch immer, und hätte sie nicht die Hände unter ihrer Schürze verborgen, dann hätte jeder sehen können, wie sehr sie zitterten. Aber sie verspürte jetzt keine Angst mehr, sondern eine schwer zu beschreibende Mischung zwischen Unglauben, Freude und Stolz. Stolz, dass gerade sie es gewesen war, die die Elbin entdeckt hatte. Und Freude, einer echten, lebenden Elbin gegenüberzustehen, wie eine Gleichgestellte an der Seite eines Wesens einherzuschreiten, dessen Welt so weit entfernt von der ihren und so fremd und anders war, dass sie immer wieder verstohlen den Blick wandte, als müsse sie sich jede Sekunde neu davon überzeugen, dass es wirklich existierte. Sie hatte eine Elbin getroffen, eine wirkliche Elbin, eines jener sagenumwobenen Lichtwesen, deren Land unerreichbar in den tiefen Wäldern des Westens lag und die so hoch über den Menschen standen wie diese über den Skrut-Barbaren des Ostens, vielleicht höher; etwas, von dem die meisten Menschen Zeit ihres Lebens nur zu träumen wagten.

Aber das helle Licht des Morgens enthüllte nicht nur die volle, überirdische Schönheit der Elbin, sondern auch den bemitleidenswerten Zustand, in dem sie und ihr Begleiter waren. Erions Kleider waren zerfetzt und nur noch Lumpen, und ihre Haut war mit kleinen, mehr oder weniger verheilten Kratzern übersät. Um ihr linkes Handgelenk spannte sich ein stark verschmutzter, fest angelegter Verband, auf dem dunkelbraune Flecken eingetrockneten Blutes eine schlimme Wunde verrieten. Auf ihren Wangen lagen Schatten, als hätte sie eine schlimme Krankheit hinter sich, und der Blick ihrer schräg gestellten Augen verriet Erschöpfung.

Auch Sjur befand sich in kaum besserer Verfassung. Sein linkes Bein schien verletzt zu sein. Er humpelte, und obwohl er sich Mühe gab, diese Beeinträchtigung durch eine bestimmte Art des Gehens auszugleichen, war sie trotzdem nicht zu übersehen. Die Finger seiner rechten Hand spielten nervös am Griff des Schwertes, und jetzt, im hellen Tageslicht, sah Lyra, dass eine breite Strähne seiner schwarzen Löwenmähne mit Blut verklebt war. Auf seinem breiten Barbarengesicht und den muskulösen Unterarmen, die unter dem Umhang hervorschauten, fielen die zahllosen kleinen und größeren Wunden nicht so auf; er war der Typ Mann, bei dem man Narben und Verletzungen direkt erwartete und nicht weiter erstaunt war, sie zu sehen. Aber auch seine Wangen waren eingefallen, und um seine Lippen lag ein verbissener Zug, der den gewollt gleichgültigen Ausdruck auf seinem Gesicht Lügen strafte. Sein Blick huschte beständig über den Hof, tastete hierhin und dorthin, erkundete Türen und Fensteröffnungen und vielleicht auch mögliche Hinterhalte – oder Fluchtwege. Es war der Blick eines Gehetzten, dachte Lyra, und eine winzige Spur von Furcht mischte sich in die Ehrfurcht, die sie ergriffen hatte. In einem Punkt hatte sie recht gehabt mit ihrem ersten Gedanken, als sie das ungleiche Paar auf dem Heuboden fand: Vor wem auch immer, sie waren auf der Flucht.

Lyra hatte nur einen Moment wirklich darüber nachgedacht, wer dieser schwarzhaarige Gigant sein mochte. Ein Edelmann wahrscheinlich, aber keiner, der irgendeinem Volk entstammte, von dem sie schon einmal gehört hatte. Vielleicht war er einer der sagenumwobenen Kämpfer aus dem Geschlecht der Schwarzelben, von dem nur sehr alte und dunkle Geschichten noch zu berichten wussten. Oder ein Elbenkrieger. Sie hatte gehört, dass kaum ein lebender Mensch jemals ein Mitglied der Kriegerkaste der Elben zu Gesicht bekommen hatte. Wenn Sjur ein typischer Vertreter dieses Geschlechtes war, dann verstand sie die Gründe dafür.

Lyra verscheuchte den Gedanken. Sie erreichten das Haus, aber Sjur zögerte, die Tür zu öffnen, und hielt auch Lyra mit einer knappen, befehlenden Geste zurück. »Dein Herr ist dort drinnen?«, fragte er. Seine Augen glitzerten misstrauisch.

Lyra nickte.

»Wer noch?«, fragte Sjur. Seine Art zu reden hatte sich geändert: Er sprach jetzt schnell, fast ohne Betonung, stieß die Worte beinahe hervor.

»Felis«, antwortete Lyra. »Sein Weib. Und ein paar Diener.«

»Ein paar Diener? Wie viele?«, wollte Sjur wissen. War es Zufall oder Absicht, dass sich seine Hand bei diesen Worten ein wenig fester um den Schwertgriff schloss? In seiner Haltung – und vor allem in seiner Stimme – lag plötzlich wieder etwas Drohendes, und zu Lyras Enttäuschung sprang ihr dieses Mal Erion auch nicht bei, sondern sah sich wie ihr Begleiter misstrauisch auf dem Hof um.

»Wie viele?«, fragte Sjur noch einmal, als sie nicht sofort antwortete, und seine Stimme klang deutlich schärfer. Der Griff, mit dem er ihren Arm umspannte, begann zu schmerzen. Lyra überlegte hastig. »Sieben«, sagte sie. »Sieben oder acht. Aber alles nur Frauen und Kinder. Niemand, vor dem Ihr Angst haben müsstet.«

Ihre Worte waren dumm, das begriff sie im gleichen Moment, in dem sie sie aussprach; und eine Beleidigung dazu. Es gab auf diesem Hof niemanden, den Sjur fürchten musste. Aber der Hüne schien ihr die Bemerkung nicht übel zu nehmen. Er nickte nur knapp und stieß die Tür mit einem unnötig harten Ruck auf.

Lyra ging voraus. Das Haus umfing sie mit Dunkelheit und Stille, als hätte sich die Nacht auf ihrem Rückzug vor dem heraufziehenden Tag hier drinnen verkrochen. Eine der Mägde kam ihnen entgegen, als sie durch die halb dunkele Diele gingen, erstarrte einen Moment beim Anblick der sonderbaren Fremden und ergriff lautlos die Flucht. Sjurs Schultern füllten die Diele fast zur Gänze aus; er musste gebückt und stark nach vorne geneigt gehen, um nicht mit dem Kopf gegen die gehobelten Balken zu stoßen, die die Decke trugen.

Sie erreichten Orans Zimmer. Lyra blieb stehen, um Erion vorbeizulassen, aber die Elbin schüttelte den Kopf und machte eine rasche Bewegung zur Tür hin. Lyra zögerte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie wusste selbst nicht, warum, aber das Gefühl des Stolzes, das sie ergriffen hatte, wandelte sich in Unbehagen bei der Vorstellung, in Orans und Felis' Kammer zu treten und die beiden Fremden mitzubringen. Trotzdem wandte sie sich gehorsam um, schob den Riegel zurück und öffnete die Tür, ohne anzuklopfen.

Oran saß beim Morgenmahl, wie sie erwartet hatte. Der schwache Geruch nach gebratenem Fleisch hing in der Luft, und über dem Feuer im Kamin brodelte ein gusseiserner Topf mit Glühwein. Obwohl es bereits taghell im Zimmer war, brannte die Öllampe unter der Decke noch immer. Oran war nicht allein. Felis war bei ihm. Sie hockte mit angezogenen Beinen auf seinen Knien, hatte einen Arm um seinen massigen Hals geschlungen und die andere Hand in sein Hemd geschoben. Ihr Haar hing offen herab, nicht zu einem strengen Knoten zusammengebunden, wie sie es normalerweise trug, und ihr Nachtgewand enthüllte mehr von ihrer Gestalt, als es verbarg. Bei Lyras Eintreten fuhr sie abrupt hoch, fiel dabei fast von Orans Knien und hielt sich im letzten Moment an der Tischkante fest.

Der Ausdruck von Schrecken auf ihren Zügen schlug übergangslos in Zorn um, als sie Lyra erkannte. »Was erlaubst du dir!«, zischte sie. Ihr Gesicht flammte vor Zorn, aber in ihren Augen war auch ein schwacher Hauch von boshaftem Triumph, den sich Lyra im ersten Moment nicht erklären konnte. Und als sie diesen Triumph verstand, erschrak sie. Es freute Felis, dass Lyras Auftritt Oran den Spaß verdarb.

»Wer hat dir erlaubt, hier hereinzukommen?«, fuhr Felis in scharfem Ton fort. »Du Schlampe hast anzu ...«

Sie stockte mitten im Wort. Ihre Augen weiteten sich, und der Zorn auf ihren Zügen schlug abermals um und machte einer Mischung aus tödlichem Erschrecken und schierem Unglauben Platz. Von einer Sekunde auf die andere verlor ihr Gesicht jede Farbe. Ihre Lippen zitterten. Sie schien etwas sagen zu wollen, brachte aber keinen Laut hervor.

Lyra trat einen weiteren Schritt in den Raum hinein und wich gleichzeitig ein Stück zur Seite, um Erion Platz zu machen. Die Elbin ging ruhig an ihr vorbei, blieb einen Schritt vor Orans Weib stehen und maß sie mit einem Blick, der Felis wie eine geprügelte Hündin den Kopf einziehen ließ. Lyra unterdrückte mit Mühe das Gefühl gehässiger Schadenfreude, das der Anblick in ihr aufsteigen ließ. Einen Moment lang weidete sie sich noch an Felis' unübersehbarer Hilflosigkeit, dann wandte sie sich – mit einer genau überlegten Bewegung, die ihren Triumph erkennen ließ – an Oran und senkte scheinbar demütig den Kopf.

»Herr«, sagte sie ruhig. »Es sind Besucher gekommen, die Euch und Euer Haus um Gastfreundschaft bitten.«

Oran hatte bisher nicht den geringsten Laut von sich gegeben, sich nicht einmal gerührt, sondern nur sie und die Elbin abwechselnd angestarrt. Der Ausdruck in seinen Augen war undeutbar. Langsam stand er auf, ging mit steifen Schritten um den Tisch herum und trat zwischen Erion und Felis. Es war sicher Zufall, und doch wirkte die Bewegung auf Lyra ganz so, als wolle er auf diese Weise den Blickkontakt zwischen ihnen unterbrechen, ehe Felis sich von ihrem Schrecken erholen und etwas Unbedachtes tun oder sagen konnte.

Hinter der Elbin trat Sjur gebückt durch die niedrige Tür. Seine mächtige Gestalt schien den geschnitzten Rahmen fast zu sprengen, und für einen Moment hatte Lyra die verrückte Vorstellung, er würde wie ein Korken im Flaschenhals einfach darin stecken bleiben.

Endlich brach Oran das Schweigen. »Gäste«, sagte er. »So.« Sekundenlang blickte er Erion ausdruckslos an, ehe ihm endlich einzufallen schien, was sich in einer Situation wie dieser – und für einen Mann wie ihn – geziemte. Er senkte das Haupt. Aber seine Verbeugung wirkte eher gezwungen als unterwürfig. Lyra starrte ihn erschrocken an. Wusste er denn nicht, wem er gegenüberstand?

Aber schon seine nächsten Worte bewiesen Lyra, dass er sehr wohl wusste, mit wem er sprach. »Ich heiße Euch auf meinem Hof willkommen, hohe Herrin«, sagte er. Seine Stimme klang kalt und ohne die geringste Spur echter Ehrerbietung. Lyra spürte, dass er die Worte nur sprach, weil er sie sprechen musste.

In Sjurs Augen blitzte es zornig auf. Er überragte Oran um mehr als Haupteslänge, obwohl er sich in der niedrigen Kammer nicht einmal zu seiner vollen Größe aufrichten konnte. Aber Oran hielt seinem Blick gelassen stand. Lyras Verwirrung wuchs. Oran schien etwas zu wissen, was ihr unbekannt war, anders war sein unverschämtes Verhalten nicht zu erklären. Erion war eine Elbin!

Das Schweigen begann peinlich zu werden. Lyra sah die Elbin hilfesuchend an, aber Erion blickte nicht in ihre Richtung, sondern fixierte Oran mit einem Blick, in dem mühsam zurückgehaltenem Zorn.

Schließlich hielt es Lyra nicht mehr aus. Mit klopfendem Herzen löste sie sich von ihrem Platz und trat auf Oran zu. »Erion und Sjur begehren Eure Gastfreundschaft, Herr«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte. Allein der Gedanke, dass sie die Worte ein zweites Mal sprechen musste, um Oran zum Antworten zu bewegen, wäre ihr eben noch nicht in den Sinn gekommen.

»Mein Haus steht jedem offen, der Hilfe begehrt oder in Not ist«, erwiderte Oran steif, ohne den Blick von Sjurs Augen zu lösen. Seine Stimme zitterte ein ganz kleines bisschen, aber nicht vor Furcht oder Unterwürfigkeit. Es war etwas anderes. »Selbst einem Barbaren aus Skrut!«

Seine Worte waren wie ein Schlag in Lyras Gesicht. Für die Dauer eines Atemzuges starrte sie Sjur aus weit aufgerissenen Augen an, dann stieß sie einen kurzen, spitzen Schrei aus, schlug erschrocken die Hand vor den Mund und wankte zurück, bis sie gegen den Tisch stieß. Der Schrecken traf sie mit der gleichen überwältigenden Wucht wie zuvor Freude und Ehrfurcht. Sie musste alle Kraft aufbieten, um nicht hysterisch aufzuschreien oder zu weinen; ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis. Einem Barbaren ans Skrut, hatte Oran gesagt. Skrut! Sjur war ein Skruta! Sie war nur zu diesem einen Gedanken fähig, immer und immer wieder. Ihre Hände zitterten, glitten haltsuchend über die Tischplatte hinter ihrem Rücken und stießen Teller und Krüge um.

»Reiß dich zusammen, Schlampe!«, schnappte Felis. Auch ihre Stimme zitterte; Orans Eröffnung musste sie mit der gleichen Wucht getroffen haben wie Lyra. Ihre Worte waren nicht viel mehr als ein Versuch, ihre Furcht in Zorn umzuwandeln und auf Lyra zu entladen.

Erions Kopf ruckte bei Felis' Worten mit einer abgehackten Bewegung herum. In die Herablassung auf ihren Zügen mischte sich Zorn. Aber sie beließ es dabei, Felis einen Moment lang scharf anzusehen, und wandte sich dann wieder an Oran.

»Ihr wisst, wer wir sind, Oran«, sagte sie. »Gut. Das erspart uns lange Erklärungen.« Sie lächelte, kalt, schnell und ohne die geringste Spur irgendeines anderen Gefühles als Verachtung. Was vorher Sanftmut und Liebreiz an ihr gewesen waren, wandelte sich in Härte und angespannte Bereitschaft. Lyra begriff mit einem Male, dass sie einer Kriegerin gegenüberstand.

»Ich weiß nicht, wer Ihr seid«, antwortete Oran ruhig. »Doch ich habe Augen zum Sehen und weiß, was Ihr seid.« Er schwieg einen Moment, gab sich dann einen sichtbaren Ruck und fuhr mit deutlich veränderter Stimme fort: »Doch das ändert nichts an meinen Worten, Herrin. Das Gesetz der Gastfreundschaft ist heilig in meinem Haus. Was mein ist, gehört Euch. Tretet ein und bleibt, solange Ihr wollt.« Dabei deutete er eine leichte Verbeugung an, ohne Sjur indes dabei auch nur für die Dauer eines Lidzuckens aus den Augen zu lassen. Lyra hatte das bestimmte Gefühl, dass er eigentlich hatte sagen wollen: solange es unbedingt sein muss.

Erion antwortete rasch, als spüre sie das Unausgesprochene hinter Orans Worten und wolle ihm zuvorkommen, mit den ebenso passenden, formellen Worten: »So nehmt meinen Dank und mein Schwert. Ich werde Euer Haus verteidigen, als sei es das meine.«

Ein lautloses Aufatmen schien durch den Raum zu gehen, als Erion ebenfalls eine Verbeugung andeutete und sich wieder aufrichtete. Es waren nicht mehr als Floskeln, so sinnlos wie alt, aber mit ihnen schien eine Hürde genommen zu sein. Oran entspannte sich sichtlich und deutete auf den mit Speisen reich gedeckten Tisch. »Nehmt Platz, Erion«, sagte er, noch immer steif, aber nicht mehr ganz so abweisend und kalt wie zuvor. »Ihr müsst hungrig und erschöpft sein von der langen Reise. Ich schicke gleich nach frischem Fleisch und Wein.«

Er wollte in die Hände klatschen, um eine der Mägde herbeizurufen, aber Sjur streckte blitzschnell den Arm aus und ergriff sein Handgelenk. In Orans Gesicht zuckte es. Lyra hatte am eigenen Leib gespürt, wie hart Sjurs Griff war.

»Woher weißt du, dass wir eine lange Reise hinter uns haben?«, fragte er misstrauisch. Seine freie Hand lag auf dem Schwert. Oran versuchte seinen Arm loszureißen, aber Sjur schien seine Bemühungen nicht zu bemerken.

»Es ist ein weiter Weg von Skrut hierher«, sagte Oran gepresst. »Und Euer Aussehen ist nicht das von Leuten, die in einer bequemen Kutsche gereist sind.«

Sjur knurrte und ließ seine Hand los. Oran taumelte einen Schritt zurück, starrte den Riesen mit unverhohlenem Hass an und massierte mit der Rechten sein Handgelenk.

»Du brauchst nicht nach den Dienern zu rufen«, sagte Sjur mit einer Geste zum Tisch. »Das da ist mehr als genug für uns. Wir sind nicht wählerisch.«

Oran starrte ihn an. Lyra konnte die Spannung, die zwischen den beiden ungleichen Männern herrschte, beinahe mit den Händen greifen.

»Wir kredenzen denen, die uns um Gastfreundschaft ansuchen, keine Reste«, mischte sich Felis ein. Sie hatte sich wieder gefangen. Ihr Gesicht war noch immer grau vor Schrecken, aber ihre Stimme war fest, beinahe schon wieder aggressiv. Mit einer schnellen Geste deutete sie auf Lyra. »Wenn Ihr nicht wollt, dass wir die Diener rufen, dann kann sie ja frische Speisen holen.«

Lyra wartete Sjurs Antwort nicht ab, sondern ging mit raschen Schritten zur Tür. Sie hatte noch immer Angst; panische Angst. Sie war froh, aus diesem Raum und besonders aus Sjurs Nähe entkommen zu können. Aber Erion hielt sie mit einem raschen Griff zurück, als sie an ihr vorbei wollte. Lyra unterdrückte im letzten Moment den Impuls, die Hand der Elbin abzustreifen.

»Verzeiht, Oran«, sagte die Elbin. »Aber ich möchte, dass sie bleibt.«

Lyra sah aus den Augenwinkeln, wie Felis' Gesicht erneut vor Zorn aufflammte. Oran zog verwirrt die Brauen zusammen und sah sie einen Moment überrascht an. Lyra wich seinem Blick aus. »Wenn es Euer Wunsch ist, Hohe Herrin«, sagte er steif.

»Es ist mein Wunsch.« Erion ließ Lyras Arm los und sprach im gleichen, eine Spur zu kühlen Tonfall wie Oran; aber sie beherrschte diese wortlose Art, ihre wahren Gefühle auszudrücken, ungleich besser als er. »Die Speisen, die für Euch gut waren, reichen auch für uns. Es ist, wie Sjur sagte – wir sind nicht sehr anspruchsvoll.«

Was sie sagte, war eine Beleidigung für Orans Gastfreundschaft, das musste ihr klar sein. Aber Lyra hatte das Gefühl, dass jedes einzelne ihrer Worte ganz genau überlegt war. Oran hielt ihrem Blick einen Herzschlag lang stand, nickte dann abermals und wiederholte seine einladende Geste zum Tisch hin. Diesmal leiste ihr Erion Folge, und auch Sjur löste sich von seinem Platz und sank auf den niedrigen lehnenlosen Hocker am Kopfende des Tisches.

Oran tauschte einen undeutbaren Blick mit Felis, runzelte abermals die Stirn und ließ sich wieder auf den Stuhl nieder, auf dem er gesessen hatte, bevor Lyra den Raum betrat. Erion machte eine einladende Geste, und auch Lyra zog sich einen Schemel heran – wenn auch so weit wie möglich entfernt von Oran und Sjur. Einzig Felis machte keinerlei Anstalten, sich zu setzen. Der Zorn auf ihren Zügen war nicht mehr zu übersehen. Und sie gab sich auch gar keine Mühe, ihn zu verhehlen. Sekundenlang starrte sie Lyra hasserfüllt an, dann fuhr sie herum und stürmte aus dem Zimmer. Lyra hörte ihre Schritte die Treppe hinaufpoltern. Gleich darauf fiel die Tür ihres Schlafgemaches mit einem Krachen zu, das durch das ganze Haus zu hören sein musste.

Lyra runzelte besorgt die Stirn. Sie kannte Felis, viel zu gut, wie ihr manchmal schien. Erion hatte sie gedemütigt, vor ihrem Mann und ihrer schlimmsten Rivalin, einer Dienstmagd dazu. Sie würde es nicht vergessen.

»Verzeiht«, sagte Oran leise. »Felis ist ... ein wenig unbeherrscht.«

Die Elbin antwortete nicht auf seine Worte, und Oran deutete ihr Schweigen richtig und wechselte abrupt das Thema. »Ihr habt eine weite Reise hinter Euch?«, fragte er. Sein Blick verriet plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, Unsicherheit. Er kam Lyra vor wie ein Mann, der sich bisher mit aller Kraft zusammengerissen hatte und nun am Ende seiner Beherrschung angekommen war.

Sjur griff nach einem Stück Braten, biss hinein und nickte, ohne Oran anzusehen. »Ja«, sagte er mit vollem Mund. Irgendwie hatte Lyra erwartet, dass er schlingen würde wie ein Tier, aber er aß langsam und kaute jeden Bissen bedächtig durch, ehe er ihn hinunterschluckte.

Erion lächelte entschuldigend und griff ebenfalls nach einem Stück Fleisch, aß aber noch nicht. »Das haben wir, Oran«, sagte sie, »und wir sind erschöpft und müde. Wir haben die letzte Nacht auf Eurem Heuboden verbracht.«

Oran wirkte überrascht. »Warum?«, fragte er. »Mein Haus ...«

»Es war nach Mitternacht, als wir Euren Hof erreichten«, unterbrach ihn Erion. »Wir wollten Euch und die Euren nicht aus dem wohlverdienten Schlaf reißen.« Sie legte das Stück Fleisch, das sie genommen hatte, mit einer fast grazilen Bewegung auf den Rand des Tellers zurück, griff unter ihren Mantel und förderte einen Silberheller zutage.

Oran blickte sie überrascht an.

»Wir haben eines Eurer Hühner genommen«, erklärte Erion. »Das dürfte als Bezahlung ausreichen. Ich hoffe, Ihr verzeiht Sjur und mir. Wir waren hungrig.«

Oran starrte die Münze an und wusste nun ganz offensichtlich überhaupt nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Er machte eine Bewegung, als wolle er das Geldstück zurückschieben, schien sich aber dann darauf zu besinnen, dass Erion dies durchaus als Beleidigung auffassen mochte, und steckte sie mit einem Achselzucken ein.

»Ich will Euch nichts vormachen, Oran«, sagte Erion. Sie nahm ihr Stück Fleisch wieder auf, biss ein winziges Stückchen davon ab und fuhr fort: »Sjur und ich sind nicht ... nicht offiziell in diesem Teil des Landes.« Sjur sah auf und starrte die Elbin alarmiert an, aber Erion sprach weiter, ohne seinen warnenden Blick zu beachten. »Ihr scheint ein ehrlicher Mann zu sein, Oran. Dies zeigt sich allein aus der Tatsache, dass Ihr keinen Hehl aus Eurer Abneigung Sjur gegenüber macht. Deshalb will ich auch ehrlich zu Euch sein.«

Es schockierte Lyra ein wenig, die Elbin mit vollem Munde reden zu sehen, aber Erions Hunger schien groß genug, sie alle Förmlichkeiten vergessen zu lassen.

»Ehrlich?«, fragte Oran.

»Kann man Euren Dienern und Knechten trauen?«, fragte Erion.

Oran überlegte einen Moment, griff unsicher nach einem tönernen Becher mit Wein und schlug ein paar weitere Augenblicke damit heraus, sehr langsam und umständlich zu trinken. »So weit man Weibervolk und Knechten trauen kann, ja«, sagte er. »Sie schwatzen gerne und oft. Aber sie werden Euch nicht verraten, wenn Ihr das meint.«

»Das beste wäre gewesen, wenn niemand von unserer Anwesenheit wüsste«, fuhr Erion fort. »Aber wie die Dinge liegen, geht das jetzt nicht mehr.«

Oran starrte sie an. Lyra konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Und als er endlich sprach, tat er es mit einer Offenheit, die Lyra erschreckte. »Es geht um Euren Begleiter«, sagte er. »Die Männer aus Skrut sind hier nicht gerne gesehen. Es könnte zu ... einem Unglück kommen, wenn bekannt würde, wer er ist.«

»Es geht nicht nur um ihn«, entgegnete Erion. »Auch, aber nicht nur. Wir sind in einer ...« sie tauschte einen raschen, beinahe unmerklichen Blick mit Sjur- »in einer geheimen Mission unterwegs. Niemand darf erfahren, dass wir hier sind.«

»Euch droht keine Gefahr, Hohe Herrin«, sagte Oran überzeugt. »Aber Sjur. Wer hat Euch gesehen, auf dem Weg hierher?«

»Niemand«, antwortete Erion rasch. Beinahe zu rasch, fand Lyra. Das Wort klang fast wie ein Schrei. Wie ein Mensch, der sich verzweifelt bemüht, selbst an das zu glauben, was er sagt, es aber nicht kann. Erions und Sjurs Äußeres straften ihre Worte Lügen. Sie hatten gekämpft. »Wir sind Städten und Dörfern aus dem Weg gegangen, und es war Nacht, als wir uns Eurem Hof genähert haben. Kein lebender Mensch weiß, dass es uns gibt. Außer Euren Leuten.«

Oran machte eine wegwerfende Handbewegung. »Macht Euch darum keine Sorgen«, sagte er. »Sie werden schweigen, wenn ich es ihnen befehle. Und sie werden erst recht schweigen, wenn Ihr es ihnen befehlt. Was mir Sorgen bereitet, ist er.« Er deutete auf Sjur, der kurz von seinem Essen aufsah und sich dann wieder auf das Fleischstück in seinen Händen konzentrierte, als ginge ihn das alles nichts an.

»Kaum jemand weiß hier, wie ein Mann aus Skrut aussieht«, fuhr Oran nachdenklich fort. »Das könnte von Vorteil sein. Wir könnten ihn als Krieger aus dem Norden ausgeben, der zu Eurem Schutz bei Euch ist.«

»Ihr habt ihn auch erkannt«, wandte Erion ein.

»Ich bin ein alter Mann, Herrin«, antwortete Oran. »Alt genug, um mich an die Winterkriege erinnern zu können.«

Sjur sah abermals von seinem Essen auf. Sein Körper spannte sich ein ganz kleines bisschen, und das misstrauische Glitzern erwachte wieder in seinen Augen. Oran hielt seinem Blick stand, aber nicht lange.

»Es ist lange her«, fuhr Oran, wieder an Erion gewandt, fort. »Der Krieg ist längst vorbei, und die Zeit heilt manchen Schmerz. Sjur ist wohl kaum alt genug, um damals dabei gewesen zu sein.«

Seine Worte klangen nicht sehr überzeugend, aber Erion schien sich, wenigstens für den Moment, mit dieser Erklärung zufrieden zu geben. »Dann sollten wir uns auf diese Geschichte einigen«, sagte sie. »Sjur ist ein Krieger von den Eisinseln. Mein Wächter.« Sie lächelte bei diesen Worten, als enthielten sie eine Wahrheit, die nur ihr und Sjur bekannt war. »Ihr müsst das nicht tun, Oran. Ihr wisst, dass Ihr Euch damit in Gefahr bringt. Ich will Euch nicht verhehlen, dass Ihr ... Unannehmlichkeiten bekämet, würde man uns auf Eurem Hof finden.« Der Gleichmut, mit dem sie diese Worte hervorbrachte, erstaunte Lyra. Sie drängte Oran fast einen Vorwand auf, sie und Sjur von seinem Hof zu weisen.

»Die Gefahr ist weniger groß, als es scheint«, sagte Oran abwertend. »Die meisten Knechte halten einen Skruta für ein fünf Manneslängen großes Ungeheuer, das kleine Kinder frisst und vier Arme hat und Feuer speit. Sie würden einen Skruta nicht einmal erkennen, wenn Sjur sich als solcher vorstellen würde.«

Seltsamerweise lachte Sjur über seine Worte, und nach kurzem Zögern stimmte auch Oran in dieses Lachen ein, wenn es auch etwas gequält klang.

»Wie lange wollt Ihr bleiben?«, fragte er. »Ich meine, wenn Euer Hiersein geheim ist ...«

»Nicht lange, hoffe ich«, sagte Erion. »Wir waren mit ... einem Freund verabredet, drüben in dem kleinen Wald bei Euren Feldern. Aber er ist nicht gekommen.«

Oran schwieg, aber gerade, was er nicht sagte, sprach seine eigene Sprache. Erions Geschichte hörte sich nicht sehr überzeugend an, obwohl sie gerade erst damit begonnen hatte. Vielleicht war es wirklich so, wie man sich erzählte: dass Elben nicht in der Lage waren, zu lügen. »Und Ihr hofft, dass Euer ... Freund noch kommt«, sagte er nach einer Weile. »Und dass er Euch hier findet.«

»Ja«, sagte Erion. Dann lächelte sie, sah Oran fast entschuldigend an und schüttelte den Kopf. »Um ehrlich zu sein, Oran – wir haben die Hoffnung fast aufgegeben. Wir ... waren lange unterwegs, und Euer Wald war der letzte Ort, an dem wir hofften, ihn zu treffen oder wenigstens eine Nachricht vorzufinden.«

Oran maß ihren zerschlissenen Mantel mit einem eindeutigen Blick, hob wieder seinen Becher und trank. Dabei blickte er die Elbin über den Rand des Trinkgefäßes hinweg unverwandt an. »Dieser ... Freund«, sagte er halblaut. »Wird er noch kommen? Hierher?»

»Kaum«, antwortet Erion. Ihre Nervosität war jetzt nicht mehr zu übersehen. »Nicht, wenn ... wenn ihm niemand sagt, wo er uns findet. Aber wir haben keine Möglichkeit, ihn von unserem Hiersein in Kenntnis zu setzen.«

»Und deshalb möchtet Ihr, dass ich einen meiner Männer zu ihm schicke«, vermutete Oran.

»Das wäre ... sehr freundlich«, antwortete Erion. Lyra spürte, wie schwer es der Elbin fiel, die wenigen Worte auszusprechen. Sie lieferte sich und Sjur Oran aus. Vollkommen.

Oran setzte seinen Becher ab, angelte nach einer Beere und zerquetschte sie zwischen den Lippen. Seine Augen wurden schmal. »Und wo ist dieser Freund?«, fragte er mit seltsamer Betonung.

Erion zögerte. Ihr Blick wandte sich hilfesuchend an Sjur, aber so wie zuvor beachtete sie der breitschultrige Skruta gar nicht, sondern starrte nur Oran unverwandt an. »In ... Caradon«, antwortete die Elbin schließlich. Es fiel ihr sichtlich schwer, diese beiden Worte auszusprechen. Ihre schlanken weißen Finger spielten nervös mit dem Stiel ihres Glases.

»Caradon?« Oran überlegte einen Moment, aber was er schließlich sagte, war nicht das, worüber er nachgedacht hatte. »Das ist ein weiter Weg, Herrin. Eine Woche hin und eine Woche zurück, und unterwegs lauern viele Gefahren. Und es ist Erntezeit – Ihr habt die Felder gesehen, die noch nicht eingeholt sind. Ich weiß nicht, ob ich einen Mann für so lange Zeit entbehren kann.«

»Wir bezahlen dafür«, sagte Sjur, ohne Erion Gelegenheit zu geben, selbst zu antworten. Er sprach ganz ruhig, aber es war etwas in seiner Stimme, was die Überlegenheit auf Orans Zügen für einen Moment erschütterte. »Sag uns, wie hoch der Ausfall ist, den du hast. Wir werden ihn ersetzen. Und du bekommst noch mehr, für dein Stillschweigen. Wir sind keine Bettler.«

»Es geht nicht um Geld, sondern ...«

»Solltest du allerdings auf den Gedanken kommen«, fuhr Sjur unbeeindruckt fort, »deinen Mann statt nach Caradon in die nächste Garnison zu schicken, um uns an die Eisenmänner zu verkaufen, dann bedenke bitte, dass ich bestimmt noch Zeit finde, dir die Kehle durchzuschneiden, bevor sie mich töten können. Mein Wort darauf.«

Oran erbleichte. Seine Hand spannte sich so fest um den Becher, dass das tönerne Gefäß hörbar knackte. »Wenn ich dich ausliefern wollte, Skruta«, stieß er hervor, »dann könnte ich es tun, ohne dass du es auch nur merken würdest. Und ich wäre kaum so dumm, hierzusein, wenn die Soldaten kämen, um dich abzuholen.«

Sjur wollte auffahren, aber Oran sprach rasch und mit leicht erhobener Stimme weiter: »Aber ich werde es nicht tun, Sjur. Ihretwegen.« Er wies mit einer zornigen Kopfbewegung auf Erion. »Glaube ja nicht, dass ich dich schonen würde, wenn du allein wärest. Wärest nur du gekommen, dann hätte ich dir die Kehle durchgeschnitten, im gleichen Moment, in dem du mein Haus betreten hast. Aber du bist nicht allein, Sjur, und Erion ist eine Elbin. Wir verehren die Elben und befolgen ihre Befehle, ohne darüber nachzudenken.«

»Das scheint sowieso nicht deine starke Seite zu sein«, sagte Sjur giftig. »Das Denken, meine ich.«

Orans Lippen pressten sich so fest zusammen, dass sie wie eine dünne weiße Narbe in seinem Gesicht aussahen. Seine Hände zitterten.

»Sjur! Oran!» sagte Erion scharf. »Ich bitte euch, hört mit dem Streiten auf – beide

Sjurs Blick flammte vor Zorn, und Orans kaum weniger. Aber sie gehorchten beide – wenn auch erst nach Sekunden – und ließen sich wieder zurücksinken. Gegen ihren Willen musste Lyra Oran fast bewundern. Es gehörte schon mehr als nur Trotz dazu, einem Mann wie Sjur solche Worte ins Gesicht zu schleudern.

»Bitte!«, sagte Erion noch einmal. »Verzeiht Sjurs unbedachte Worte, Oran. Er weiß nichts von der Freundschaft, die unsere Völker miteinander verbindet. Wir ... haben viel erlebt, ehe wir hierher kamen, und bittere Erfahrung hat ihn misstrauisch werden lassen.«

»Dann sollte er sich hüten, vor lauter Misstrauen nicht mehr Freund und Feind auseinander halten zu können«, erwiderte Oran zornig. »Ich stehe auf Eurer Seite, Herrin, ohne irgendwelche Wenn und Aber. Es ist mir gleich, wer sich in Eurer Begleitung befindet und warum. Wenn es sein müsste, dann würde ich Euch mit meinem Leben verteidigen, und jeder meiner Männer würde dasselbe tun. Aber ich lasse mich nicht in meinem eigenen Haus von einem Barbaren aus Skrut beleidigen, ganz gleich, ob er unter dem Schutz der Gastfreundschaft steht oder nicht.« Er starrte Sjur noch einen Augenblick lang hasserfüllt in die Augen, leerte seinen Becher und atmete hörbar ein. Doch als er weitersprach, wich die Erregung aus seiner Stimme.

»Ich war unfreundlich zu Euch, Herrin. Bitte verzeiht das.«

Erion winkte ab und lachte befreit. »Ich habe schon lange aufgehört, auf so alberne Dinge wie Etikette zu achten«, sagte sie. »Sie ist bestenfalls lästig und oft genug gefährlich. Man vertut nur wertvolle Zeit, die man besser für andere Dinge nutzen könnte. Und es ist mir lieber, mit einem Mann zu sprechen, der sagt, was er denkt.«

Oran nickte, ohne darauf zu antworten, nippte an seinem Wein und sah verstohlen zur Tür. Lyra spürte, dass er fast krampfhaft nach einem Vorwand suchte, das immer unangenehmer werdende Gespräch zu beenden und gehen zu können. Schließlich tat er es auf die denkbar direkteste Art, nämlich, indem er aufstand und mit einer Kopfbewegung zur Tür wies. »Gestattet Ihr, dass ich mich zurückziehe, Herrin?«, fragte er, aber er tat es in einem Ton, der nur Zustimmung als einzig mögliche Antwort zuließ. Wieder maß er die Elbin mit diesem sonderbaren, Lyra auf beunruhigende Weise fast an Angst gemahnenden Blick, und als Erion nicht gleich antwortete, fügte er hinzu: »Es gibt viel zu tun. Eure Unterkunft muss gerichtet werden, und ich muss auf dem Hof nach dem Rechten sehen. Die Knechte arbeiten nicht, wenn niemand bei ihnen steht und ihnen auf die Finger sieht.«

Seine letzten Worte waren an Erion gerichtet, aber sie galten Lyra. Oran wollte die Magd daran erinnern, dass sie im Grunde hier nichts verloren hatte. Sie hatte Sjur und Erion gefunden und hergebracht, und was weiter geschah, war nicht ihre Sache und ging sie nichts an.

Erion nickte. Auch sie schien erleichtert, das Gespräch endlich beenden zu können. »Selbstverständlich, Oran. Ihr tut ohnehin schon mehr, als Ihr müsstet. Selbst für eine Elbin.«

Oran lächelte, höflich, aber kalt, stand auf und bedeutete Lyra mit einer kurzen, befehlenden Geste, ihm zu folgen. Aber wie beim ersten Mal legte ihr Erion rasch die Hand auf den Unterarm und hielt sie zurück.

»Verzeiht, Oran«, sagte sie, mit leicht erhobener Stimme und einem Blick zu Lyra, in dem sich ein kleines Lächeln verbarg, »aber ich möchte, dass sie bleibt.« Oran runzelte die Stirn, und Erion fuhr, deutlich schärfer im Ton werdend, fort: »Es wäre mir lieb, wenn Ihr dieses Mädchen mir überlassen würdet, für die Dauer unseres Aufenthaltes. Ich bin es gewohnt, ständig jemanden um mich zu haben, der mir bei den kleinen Dingen des Alltags zur Hand geht.«

In Orans Augen blitzte es auf, und für einen Moment glaubte Lyra die gleiche Wut in seinem Blick zu erkennen wie zuvor in dem seiner Frau, wenn auch aus anderen Gründen. War er verrückt? dachte sie. Erion war eine Elbin, und ihre Wünsche waren Befehl! Aber dann nickte er. »Wie Ihr befehlt, Hohe Herrin«, sagte er.

3

Es wurde sehr still, als Oran fort war. Die Elbin begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Der Ausdruck von Ruhe und Selbstsicherheit, der auf ihren Zügen gelegen hatte, während sie mit Oran sprach, verschwand, kaum, dass die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Von einer Sekunde auf die andere wirkte sie nervös, müde und erschöpft, gleichzeitig aber auch hellwach und beinahe überdreht. Wie ein Tier, dachte Lyra, das zu lange auf der Flucht gewesen war und selbst in der Sicherheit seiner Höhle keine Ruhe mehr finden konnte. Nervös durchmaß Erion das Zimmer von einem Ende zum anderen, trat ans Fenster, blickte einen Moment hinaus und fuhr dann fort, auf und ab zu wandern. Ein paarmal streifte ihr Blick Lyra, aber die dunklen, mit silbern glimmerndem Sternenstaub gesprenkelten Elbenaugen blickten ins Leere.

Lyra kam sich verloren und einsam vor. Ihr einfaches, aber klar und übersichtlich geordnetes Weltbild war erschüttert worden. Sie hatte innerlich aufgeatmet, als Oran ihr befahl, mit ihm zu kommen, und Erions Ansinnen, sie für die Dauer ihres Aufenthaltes auf dem Hof als Dienerin zu beanspruchen, hatte sie eher erschreckt als gefreut. Dabei hätte sie sich geehrt fühlen müssen. Aber sie tat es nicht; im Gegenteil. Es hätte Felis zugestanden, der Elbin zu dienen, und sie wusste, dass ihr Hass durch diese zweite Demütigung nur noch geschürt werden würde. Lyra war verwirrt und ängstlich wie nie zuvor in ihrem Leben, und für einen Moment wünschte sie sich fast, an diesem Morgen nicht in die Scheune gegangen zu sein. Sie erschrak, als ihr bewusst wurde, was sie gerade gedacht hatte. Sie konnte es sich nur schwer eingestehen, aber es war nicht allein die Anwesenheit des Barbaren aus Skrut, die sie mit Furcht erfüllte, sondern ebenso die der Elbin. Vielleicht sogar mehr.

Vorsichtig, voller Furcht, dass ihre Gedanken und Gefühle allzu deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen sein könnten, hob sie den Blick, aber weder Erion noch Sjur nahmen irgendeine Notiz von ihr. Die Elbin stand wieder am Fenster und blickte hinaus; der Skruta saß, tief über seinen Teller gebeugt, da und aß und trank mit einer Konzentration, als hinge sein Leben davon ab. Seine Züge wirkten entspannt, beinahe müde, aber Lyra ließ sich davon nicht täuschen. Sjur war hellwach; seinen Sinnen entging nicht die geringste Kleinigkeit in seiner Umgebung. Vielleicht war das die angeborene Wildheit, die man den Barbaren aus Skrut nachsagte; vielleicht war er auch einfach nur zu lange gejagt und gehetzt worden. Lyra versuchte sich zu erinnern, ob dieser Ausdruck auch auf seinen Zügen gewesen war, als sie ihn schlafend im Heu gefunden hatte, aber es gelang ihr nicht. Plötzlich wurde sie sich des Umstandes bewusst, dass sie ihn anstarrte, und blickte rasch weg.

Erion wandte sich vom Fenster ab, sah sich – mit einem Blick, als täte sie es jetzt zum ersten Mal – im Zimmer um und ging zum Kamin hinüber. Das Feuer war fast niedergebrannt. Lyra ging rasch zum Kamin, bückte sich nach dem Korb mit frischen Buchenscheiten und warf Holz ins Feuer. Sie stellte sich vor lauter Aufregung nicht sehr geschickt an, und eines der Scheite prallte wie ein geworfener Speer in die Glut, Funken stoben hoch, und ein paar der winzigen roten Leuchtkäfer gerieten auf Erions Kleid und brannten Löcher in den Stoff. Lyra erschrak und wollte die Funken mit der Hand ausschlagen, aber Erion hielt ihren Arm fest und lächelte verzeihend.

»Lass nur«, sagte sie. »Es macht nichts.«

»Es ... es tut mir Leid«, stammelte Lyra. Sie spürte, wie ihr die Schamröte ins Gesicht schoss. »Ich wollte nicht ...«

Erion unterbrach sie mit einer raschen, bestimmten Handbewegung, die verriet, dass sie es nicht gewohnt war, auf Widerspruch zu stoßen. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, sagte sie. »Ich fürchte, es gibt nicht sehr viel, was dieses Kleid noch ruinieren könnte.« Ihr Lächeln wurde wehmütig, dann seufzte sie und maß Lyra mit einem langen, abschätzenden Blick. »Wir müssten beinahe die gleiche Größe haben«, sagte sie. »Vielleicht leihst du mir eines von deinen Kleidern?«

»Ich habe nur zwei«, sagte Lyra und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, als Erion antwortete: »Ich bezahle dafür.«

»Das habe ich nicht gemeint«, stammelte sie. »Es ist nur ... ich bin eine einfache Magd, und meine Kleider ...«

»... sind für die Reise weitaus praktischer und besser geeignet als dieser Fetzen hier«, beendete Erion den Satz. Sie seufzte, verzog angewidert das Gesicht und riss ein Stück aus ihrem Ärmel, um ihre Worte zu unterstreichen. Ihre Mimik und Gestik war übertrieben; Lyra spürte, dass es darunter noch immer brodelte. Erions Nervosität war keineswegs verflogen. »Außerdem ist das Kleid, das du trägst, sehr hübsch.«

Das war gelogen, aber Lyra spürte, wie sich trotzdem ein erfreutes Lächeln auf ihre Lippen stahl. Erion erwiderte es, ließ sich auf die schmale gemauerte Bank neben dem Kamin sinken und bedachte sie abermals mit einem langen, prüfenden Blick. »Wann ist es soweit?«, fragte sie.

»Das Kind?« Lyra sah instinktiv an sich herab. »In ... zwei Wochen. Ungefähr.«

»In zwei Wochen?« Aus irgendeinem Grund schien Erion über diese Worte erfreut. Lyra bemerkte, dass sie einen raschen Blick mit dem Skruta tauschte.

»In zwei Wochen«, sagte die Elbin hoch einmal. »So wie bei mir.«

»Bei ... Euch?«, entfuhr es Lyra. »Ihr meint, Ihr seid auch ... Ihr erwartet ebenfalls ...«

»Ein Kind.« Erion lachte leise und mit einer Spur von Spott. Sie stand auf, wie um Lyra Gelegenheit zu geben, sie noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen, ging zum Tisch und schenkte zwei Becher voll Wein. Lyra bemerkte, dass Sjur aufgehört hatte zu essen und sie mit der gleichen, eigentlich unerklärbaren Neugier musterte, wie es zuvor die Elbin getan hatte.

Erions Körper zeichnete sich unter dem halb durchsichtigen Gewand deutlich ab; ein Schattenriss hinter einem grauen Schleier. Sicher, sie trug das silberne Kettenhemd, das ihre Gestalt kräftiger erscheinen ließ, als sie sein mochte, und jetzt, als Lyra wusste, worauf sie zu achten hatte, fiel ihr auch auf, dass Erion nicht ganz so schlank und zerbrechlich war, wie man es den Elben nachsagte, aber ...

»Elbenkinder sind sehr klein«, sagte Erion, als sie ihren Blick bemerkte. Lyra schrak zusammen und wollte wegsehen, aber ihre Augen gehorchten ihrem Willen nicht mehr; sie konnte einfach nicht anders, als den gertenschlanken Leib der Elbin weiterhin anzustarren. Selbst als Erion zurückkam, ihr einen der beiden Becher in die Hand drückte und sich mit einem erschöpften Seufzer wieder auf die Bank sinken ließ.

»Ist Oran der Vater?«

Lyra blinzelte irritiert. »Woher ...«

»Das war nicht schwer zu erraten«, sagte Erion. Sie lächelte, trank einen winzigen Schluck und schlug mit der flachen Hand auf die Bank neben sich. »Setz dich zu mir, Kind.« Lyra gehorchte, und sie führte auch gehorsam den Becher an die Lippen und nippte an dem schweren, süßen Wein, als Erion sie mit einer Geste dazu aufforderte.

»Es war nicht schwer zu erraten, dass Oran mehr ist als nur dein Herr«, sagte Erion nach einer Weile. »Felis' Feindseligkeit und die Blicke, mit denen dich Oran maß, sprachen Bände. Liebst du ihn?«

»Liebe?« Lyras Verwirrung wuchs mit jedem Augenblick. »Ich habe nicht darüber nachgedacht.«

Ein Ausdruck, den sich Lyra nicht zu erklären vermochte, erschien auf Erions silberweißen Zügen. »Ist er wenigstens ein guter Liebhaber?«, fragte sie.

Lyra starrte sie an. Warum quälte Erion sie? »Ich ... weiß es nicht«, stotterte sie. »Ich habe ... Oran ist ...«

»Dein erster Mann gewesen und der einzige, ich verstehe schon.« Erion seufzte. Der Gedanke schien Zorn in ihr zu wecken, aber Lyra verstand nicht, warum. »Behandelt er dich wenigstens gut?«

»Ja«, antwortete Lyra. »Er ist hart, aber er ist gerecht. Er ist ein guter Mann.«

Zwischen Erions Brauen erschien eine dünne, steile Falte. Die spitzen Ohren zuckten, und der Blick ihrer silberdurchwirkten Augen wirkte plötzlich verärgert. »Das hört sich ein wenig zu auswendig gelernt an, für meinen Geschmack«, sagte sie.

Das war es. Es war das, was sich Lyra immer und immer wieder eingehämmert hatte, so lange, bis sie selbst nicht mehr wusste, ob es nun wirklich die Wahrheit war oder das, was sie glauben wollte. Die Wahrheit war wohl eher, dass Oran sie verstoßen würde, sobald er die Lust an ihr verlor oder eine Jüngere kam und ihren Platz einnahm. Aber welchen Sinn hatte es, mit einem Schicksal zu hadern, das zu ändern nicht in ihrer Macht stand?

Erion schien zu spüren, wie unangenehm ihr ihre Fragen waren, denn sie wechselte übergangslos das Thema. »Wie lange bist du schon auf dem Hof?«, fragte sie.

»Seit ich sechs Jahre wurde.«

»Und vorher?«

»Ich weiß es nicht, Herrin«, antwortete sie. »Ich wurde verkauft, zusammen mit meiner Mutter, aber sie starb, ehe wir ein Jahr hier waren. Ich weiß nicht mehr, wo wir vorher waren. An verschiedenen Orten, glaube ich.«

»Verkauft? Dann bist du eine Sklavin? Oran lässt Sklaven auf seinen Feldern arbeiten?«

Lyra schüttelte den Kopf, so heftig, dass ihre Haare flogen und sie ein paar Tropfen Wein aus dem Becher verschüttete. »Nein, Herrin«, sagte sie. »Oran hasst die Sklaverei.«

»Und trotzdem hat er dich und deine Mutter gekauft?«

»Er hat all seine Mägde und Knechte gekauft, mit Ausnahme derer, die auf dem Hof geboren sind«, antwortete Lyra. »Aber er behandelt sie nicht wie Sklaven.«

Sjur lachte leise. »Wie behandelt er sie denn?«, fragte er höhnisch, ohne von seinem Teller aufzusehen. »Spielt er den Wohltäter und lässt sie fühlen, dass er sie nicht wie Sklaven behandelt, um sie dadurch noch gefügiger zu machen?«

Lyra funkelte ihn an. Seine Worte versetzten sie in Zorn, denn sie enthielten einen Vorwurf, den Oran nicht verdient hatte. »Er lässt sie arbeiten, bis die Summe, die er für sie bezahlt hat, abgegolten ist«, sagte sie, »dann gibt er sie frei oder hält sie für den normalen Lohn eines Knechts oder einer Magd auf dem Hof. Ich war frei, als ich neun war. Ich hätte gehen können, wenn ich es gewollt hätte, an jedem Tag, der seither vergangen ist.«

»Aber du bist geblieben«, sagte Erion.

»Die meisten bleiben. Es gibt genug Höfe in der Umgebung, und auch in der Stadt werden immer Arbeiter gesucht. Aber es ist ein gutes Leben hier, auch wenn es manchmal hart ist.«

Erion schwieg einen Moment, und wieder tauschte sie diesen sonderbaren Blick mit Sjur. Einen Blick, mit dem Lyra nichts anfangen konnte, der ihr aber sagte, dass es eine Menge zwischen den beiden gab, das niemand erfahren durfte. »Ein interessanter Mann, dein Herr«, murmelte Erion schließlich, wieder an Lyra gewandt. »Vielleicht sollte ich die Meinung, die ich von ihm habe, noch einmal überdenken.« Sie blickte einen Moment an Lyra vorbei in die tanzenden Flammen des Feuers, wandte den Kopf und sagte ein paar Worte zu Sjur; in der schnellen, unverständlichen Sprache, in der sie sich schon ein paarmal unterhalten hatten und die Lyra nicht verstand. Sjur antwortete auf die gleiche Weise, und seine Worte klangen scharf und verärgert; obwohl Lyra kein Wort verstand, begriff sie doch, dass sie unfreiwillige Zeugin einer Auseinandersetzung wurde, und ein paarmal glaubte sie, Orans Name zu erkennen, war sich aber nicht sicher. Schließlich beendete Erion die Diskussion mit einer befehlenden Geste.

»Zeig uns unsere Kammer«, verlangte sie. »Wir sind noch immer müde, und ich fühle mich schmutzig. Gibt es ein Bad auf dem Hof?«

»Ein Bad?« Lyra schüttelte unsicher den Kopf. So wie sie badeten auch alle anderen sommertags im seichten Wasser des Flussufers, eine halbe Wegstunde nördlich vom Hof. Auf was für Gedanken diese Elbin kam! »Ich ... kann Euch einen Trog mit heißem Wasser bereiten, wenn Ihr es wünscht«, bot sie verwirrt an.

»Oh.« Erions Lächeln wirkte gequält. »Lass nur, Kind«, sagte sie. »Ich werde ... eine andere Möglichkeit finden, denke ich.« Sie schwieg, aber es dauerte ein paar Sekunden, ehe Lyra begriff, dass sie darauf wartete, dass sie aufstand und ihr den Weg in ihre Kammer wies. Hastig sprang sie auf, stellte den Becher auf den Tisch zurück und ging zur Tür.

»Noch ein Wort, Lyra«, sagte Erion, als sie den Raum verlassen wollte, Lyra blieb gehorsam stehen, wandte sich um und sah die Elbin fragend an.

»Unser Besuch kommt sehr überraschend«, begann Erion mit einer Geste auf Sjur und sich selbst. »Wir ... rechneten ehrlich gesagt nicht damit, so freundlich aufgenommen zu werden. Ein Teil unseres Gepäcks ist noch im Wald. In dem kleinen Hain jenseits eures Hofes, auf einer Lichtung, unweit des Waldrandes. Kennst du sie?«

Lyra nickte. Der Hain war nicht sehr groß und verdiente den Namen Wald eigentlich gar nicht. Alles in allem konnten kaum mehr als dreihundert Bäume dort wachsen. Sie kannte die Lichtung, von der Erion sprach. Es gab nur diese eine.

»Vielleicht bist du so freundlich, einen der Männer dorthin zu schicken, damit er unsere Sachen holt.«

»Ich kann selbst gehen«, erbot sich Lyra, aber Erion wehrte mit einer entschiedenen Geste ab.

»Die Sachen sind zu schwer«, sagte sie. »Schick ruhig einen der Männer. Und sage Oran, dass es mein Wunsch ist, sollte er es dir verbieten.« Damit wandte sie sich um und ging an Lyra vorbei aus der Stube und die Treppe hinauf, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren.

Lyra blickte ihr einen Herzschlag lang mit gemischten Gefühlen nach, ehe auch sie sich von ihrem Platz löste und Erion und dem Skruta folgte.

Oran hatte Guna und ein paar der anderen Mägde aufgetragen, Zimmer für die Elbin und ihren Begleiter zu richten, aber sie waren noch nicht fertig damit, und so überließ er seinen Gästen – für den ersten Tag – sein eigenes Schlafgemach. Obwohl der Tag gerade erst begonnen hatte, zogen sich Erion und ihr Begleiter beinahe sofort zurück, um zu schlafen.

Es gab nicht viel zu tun für Lyra. Sie hatte ihr Angebot, einen Zuber mit heißem Wasser für die Elbin vorzubereiten, wiederholt. Aber Erion hatte es auch diesmal abgelehnt und sie – sanft, aber trotzdem mit Nachdruck – aus dem Zimmer komplimentiert. So fand sich Lyra schon nach wenigen Augenblicken ebenso verwirrt wie nutzlos auf dem Flur stehend. Die ganze Situation kam ihr noch immer unwirklich und verrückt vor, sie fühlte sich wie in einem Traum gefangen, und es fiel ihr noch immer schwer zu glauben, dass sie dies alles wirklich erlebte.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich einen Stuhl holen und vor Erions Tür warten sollte, um gleich zur Stelle zu sein, falls die Elbin oder ihr Begleiter nach ihr verlangten. Aber dann stellte sie sich vor, wie albern das aussehen musste, für die anderen, und außerdem könnte Erion auf den Gedanken kommen, dass sie lauschen wollte. Sie ging die Treppe hinunter.

Das Haus schien verlassen zu sein. Oran war nicht in die Stube zurückgegangen, was sie bedauerte, denn sie hätte gerne mit ihm geredet, und auch von Felis war keine Spur zu sehen, was sie eher erleichterte. Sie hatte das sichere Gefühl, dass es nicht gut wäre, jetzt Felis' Weg zu kreuzen.

Auch die Küche war leer. Im Herd brannte ein Feuer, und auf der gemauerten Arbeitsplatte daneben standen Töpfe und Pfannen, säuberlich aufgereiht und zum Teil schon mit Butter und Kräutern eingeschmiert. Lyra lächelte still in sich hinein. Es war nicht zu übersehen, dass dies Gunas Werk war. Die Alte mochte ein wenig wunderlich geworden sein, in den letzten Jahren, und stellte man ihr eine Frage, dann war es nicht immer sicher, dass man auch die Antwort bekam, die dazu passte; aber am Herd konnte sie zaubern. Trotz ihrer Vergesslichkeit wurde sie mit jedem Jahr, das ins Land zog, eigenwilliger. Dass sie ihre Kochgeräte aufreihte wie Soldaten bei einer Parade, war dabei noch das Einfachste. Nicht alle ihre Wunderlichkeiten waren so harmlos.

»Nun, Kind? Bist du gekommen, einer alten Frau bei der Arbeit zu helfen?«

Lyra drehte sich um, als sie Gunas Stimme hörte. Die Alte schlurfte gebückt in die Küche, einen Arm voll Feuerholz tragend und ein fast listiges Lächeln auf den Lippen. »Oder willst du mir nur ein wenig über die Schulter schauen und dir etwas abgucken?« Sie lud ihre Last neben dem Herd ab, richtete sich schnaubend auf und drohte spöttisch mit dem Zeigefinger. »Willst mir den Platz streitig machen, wie?«, sagte sie. »Du weißt doch, dass ich zu nichts mehr nutze bin als zum Kochen.«

»Nicht doch, Guna. Du ...«

»Aber schau ruhig zu«, fuhr Guna fort, ihre Worte einfach ignorierend. Das tat sie oft, und Lyra war noch immer nicht sicher, ob das nun auch an ihrem Alter lag oder sie die Nachsicht, die alle auf dem Hof mit ihr übten, nicht einfach ausnutzte. »Es wird nicht lange dauern, und meine Zeit ist abgelaufen. Dann muss einer da sein, der für Oran und die Herrin kocht. Warum nicht du?« Sie öffnete die Ofenklappe, bückte sich ächzend und schob Holz ins Feuer. Lyra wollte ihr helfen, aber Guna schlug ihre Hand beiseite.

»Deine Tage sind noch lange nicht gezählt«, sagte Lyra. »Du wirst sehen, du überlebst uns alle noch. Selbst mich.«

»O nein, Kind. Niemand ist unsterblich, schon gar nicht eine so nutzlose alte Frau wie ich«, erwiderte sie und wackelte mit dem Kopf. Ihr zahnloser, eingefallener Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Wir alle sind nutzlos, weißt du? Jeder Einzelne für sich, meine ich.«

Lyra antwortete nicht darauf, und sie versuchte auch erst gar nicht, über die Bedeutung von Gunas Worten nachzudenken. Manchmal kam es ihr so vor, als enthielten die Verrücktheiten der Alten eine Wahrheit, die sie nur nicht zu sehen in der Lage war. Aber sie hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Jetzt gab es sowieso Wichtigeres. »Hast du gehört, dass Gäste auf dem Hof sind?«, sprudelte sie hervor. »Stell dir vor, es ist eine Elbin gekommen, eine leibhaftige Elbin!«

»So?« Gunas Tonfall klang nicht sehr interessiert, und Lyra war beinahe enttäuscht. Sie war froh gewesen, endlich jemanden gefunden zu haben, der ihr zuhörte, selbst wenn es eine so verrückte Person war wie Guna. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, dass die Alte der einzige Mensch auf dem Hof war, der sie wirklich verstand.

»Eine Elbin«, sagte sie noch einmal vor. »Stell dir vor, Guna. Eine Frau aus dem Elbengeschlecht, zu Gast in unserem Haus. Und ich habe sie gefunden!«

Guna sah nun doch von ihrem Feuer auf, blickte sie einen Moment mit gerunzelter Stirn an und schloss die Ofenklappe mit einem Knall. »Etwas zu finden ist nicht gerade ein persönliches Verdienst«, sagte sie. »Und es ist immer ein zweischneidiges Schwert, Fremde zu beherbergen.«

»Aber Erion ist eine Elbin«, widersprach Lyra. Hatte Guna denn nicht verstanden, was sie gesagt hatte? »Wie kann etwas schlecht daran sein, eine Elbin zu beherbergen, Guna. Du solltest dich freuen! Welchem Haus wird schon diese Ehre zuteil?«

»Eine Elbin ...« Guna seufzte, schlurfte zu ihren Kochtöpfen hinüber und ließ den Blick über die säuberlich ausgerichteten Reihen schweifen. Das Mittagsmahl schien sie weitaus stärker zu interessieren als die Elbin. »Es ist lange her, dass einer vom Geschlecht der Elben in diesen Teil des Landes kam«, murmelte sie. »Ich dachte, es gäbe sie nicht mehr.«

Lyras Verwirrung wuchs. Guna wirkte, wenn sie überhaupt irgendein Gefühl zeigte, höchstens besorgt. Aber worüber? »Ich verstehe dich nicht«, fragte Lyra. »Freust du dich denn gar nicht?«

»Worüber? Dass wir Gäste haben und für die Zeit, in der sie da sind, das ganze Haus köpf stehen wird?«, beschwerte sich Guna. Sie nahm ein Messer zur Hand, stach damit in den Tonkrug mit Butter und kostete misstrauisch. »Zu wenig Salz«, murmelte sie. »Und freuen? Worüber soll ich mich freuen, Kind? Lass die Elben dort, wo sie sind. Sie gehören nicht in unsere Welt, so wenig, wie wir in die ihre gehören. Du wirst sehen, sie bringen nur Aufregung und Arger, und nichts wird mehr so sein, wie es war, wenn sie fort sind.«

Lyra wollte antworten, aber ein Geräusch an der Tür ließ sie stocken und sich umsehen. Es war Felis.

Sie hatte sich angekleidet und trug nun in kindlichem Trotz das prachtvollste Gewand, das ihre Kleiderkammer barg. Und trotzdem, dachte Lyra, als sie sich das Bild ins Gedächtnis zurückrief, hatte Erion in ihrem zerschlissenen Gewand hundertmal anmutiger und hoheitsvoller ausgesehen. Felis' Gesicht war noch immer gerötet, und Lyra sah, dass sie geweint haben musste. Aber das waren Tränen des Zorns gewesen.

Felis' Blick flammte auf, als sie Lyra entdeckte. Sie hielt für die Dauer eines Lidzuckens inne, schob dann die Tür hinter sich ins Schloss und lehnte sich dagegen. »Nanu?«, sagte sie in gespieltem Erstaunen. »Du bist hier, Lyra? Was tust du hier in der Küche?«

»Ich ... hatte nichts zu tun, und ...«

»Aber du wolltest doch nicht etwa arbeiten und dir die Hände schmutzig machen, mein Kind«, unterbrach sie Felis. Sie lächelte, aber der Zorn in ihrem Blick loderte noch heller. »Nicht doch.« Sie wandte sich an Guna. »Lyra wird dir nicht mehr helfen können, Guna«, sagte sie. »Arbeiten, bei denen man sich die Hände schmutzig machen kann, sind von jetzt an nichts mehr für sie. Unsere Lyra ist jetzt etwas Besseres.«

»Bitte, Herrin!«, sagte Lyra, aber Felis ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen.

Mit einer wütenden Bewegung fuhr sie herum, stemmte die Arme in die Hüften und funkelte sie an. »Stimmt das etwa nicht?«, fragte sie böse. »Ich dachte, du wärest jetzt Kammerzofe. Und als solche hast du hier in der Küche nichts verloren. Geh hinauf zu deiner Herrin und leg dich vor ihre Tür.«

Lyra begann verzweifelt mit den Händen zu ringen. Für einen ganz kurzen Moment spürte sie Wut, aber das Gefühl verging, ehe sie es richtig begreifen konnte, und Tränen füllten ihre Augen. Es war so, wie sie befürchtet hatte. Felis würde ihren ganzen Zorn bei ihr entladen. Es war die Gelegenheit, nach der sie nur gesucht hatte, schon seit Monaten. »Bitte«, schluchzte sie. »Ich ... ich wollte das nicht. Erion hat ... hat nach mir verlangt. Ich habe nicht ...«

»Wie praktisch«, unterbrach sie Felis. Sie trat einen Schritt auf sie zu, und Lyra duckte sich instinktiv. Aber Felis lachte nur böse.

»Warum bist du so ängstlich?«, fragte sie höhnisch. »Fürchtest du dich etwa? Vor mir? Keine Sorge, Lyra, ich werde mich hüten, dem Schoßhündchen dieser Elbin etwas zu tun.« Sie lachte, trat wieder einen Schritt zurück und machte einen übertriebenen Hofknicks. »Eure gehorsame Dienerin, Lyra«, sagte sie. »Wenn Ihr irgendwelche Wünsche habt, so befehlt, und ich werde gehorchen.« Ihr Blick wurde hart. »Solange die Elbin hier ist«, fügte sie hinzu. »Aber sie wird nicht ewig bleiben, mein Kind. Sie wird gehen. Aber ich werde bleiben. Vielleicht denkst du darüber nach.« Damit wandte sie sich um und ging.

Lyra begann zu schluchzen. Sie kämpfte mit aller Gewalt um ihre Fassung, aber ihre Kraft reichte nicht. Die Tränen rannen heiß und salzig über ihre Wangen. Nach einem Moment trat Guna neben sie und streichelte tröstend ihre Wange. Die Berührung ihrer trockenen alten Haut tat auf sonderbare Weise gut.

»Siehst du, mein Kind?«, flüsterte die Alte. »Ich habe es dir doch gesagt. Du und deine Elbin! Was hast du gedacht, was sie ist? Ein Gott? Und wenn, dann wird es dir nichts nutzen.«

»Aber ich ... ich bin unschuldig«, schluchzte Lyra. »Ich wollte Felis nicht verletzen, und ... und es ist so ungerecht.« Plötzlich begann sie noch stärker zu schluchzen, warf sich an Gunas Brust und klammerte sich mit aller Kraft an die alte Frau, wie ein Kind, das Schutz bei einem Erwachsenen sucht.

Gunas Hand strich sanft über ihr Haar. »Ich weiß, Kind«, flüsterte sie. »Aber so ist die Welt nun einmal.«

Es dauerte lange, bis Lyra zu weinen aufhörte.

4

Die Mittagszeit war vorbei, und jetzt, nachdem das Gesinde sein gemeinsames Mahl eingenommen hatte und wieder zur Arbeit auf die Felder gegangen war, hatte sich eine tiefe Stille über dem Hof ausgebreitet. Nicht der geringste Laut drang in den kleinen Raum unter dem Dach. Selbst das Knacken der brennenden Holzscheite im Kamin klang gedämpft und beinahe unwirklich. Es war warm hier drinnen, beinahe schon zu warm für Lyras Geschmack, und die Luft war schlecht und verbraucht. Außerdem war ihr übel, wie fast ununterbrochen in den letzten beiden Tagen. Sie hätte gerne das Fenster aufgemacht, um frische Luft in den Raum zu lassen, aber das Giebelzimmer lag an der Nordseite des Hauses, und die Tür war irgendwann vor langer Zeit einmal zerbrochen und nur lieblos mit ein paar rohen Brettern wieder genagelt worden und schloss nicht mehr richtig; wenn sie das Fenster öffnete, würden Kälte und Zugluft hereinkommen, und es würde noch unangenehmer werden.

Lyra bewegte sich vorsichtig auf dem kaum gepolsterten Bett hin und her und versuchte, eine bequemere Lage zu finden, aber natürlich gelang es ihr nicht; das Drücken und Zerren in ihrem Leib verlagerte sich nur, wurde aber nicht weniger. Seit ein paar Tagen schien es überhaupt keine Möglichkeit mehr zu geben, bequem zu sitzen, zu liegen oder auch nur zu stehen.

Ihr Leibesumfang hatte sichtlich zugenommen, und sie verspürte jetzt immer öfter ein neues, stechendes Ziehen in der Leistengegend, ein Gefühl, das sich von dem ihr mittlerweile schon vertraut gewordenen Schmerz unterschied. So sehr, dass sie erschrocken zu Guna gelaufen war und sie gefragt hatte, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei. Aber die Alte hatte sie nur ausgelacht und sie ein dummes Kind gescholten und ihr geraten, sich nicht den Kopf über Dinge zu zerbrechen, von denen sie noch nichts verstand. Sie wünschte sich, es wäre bald vorbei. Die Woche, die noch vor ihr lag, kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Trotz allem fühlte sie, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, nicht so, wie es sein sollte. Es waren schon mehr Kinder auf dem Hof geboren worden, und sie hatte nie eine der Frauen über Beschwerden wie die ihren Klagen hören.

Nach einer Weile gab sie den Kampf auf, erhob sich umständlich und trat ans Fenster. Der Hof lag still unter ihr, wie ausgestorben, ein lang gestrecktes, ungleichmäßiges Rechteck, auf dem nicht einmal der Wind ein trockenes Blatt oder einen Halm Stroh bewegte. In den trügerischen Glanz einer Sonne getaucht, die selbst jetzt, zur Mittagsstunde, nur noch eine Wärme vorgaukelte, die sie nicht mehr spenden konnte. Und es war ruhig. Die einzigen Laute, die sie hörte, waren die gedämpften Stimmen Erions und Sjurs, die durch die dünne Wand in ihre Kammer drangen, ohne dass sie die Worte verstanden hätte. Oran hatte der Elbin und ihrem barbarischem Begleiter zwei nebeneinander liegende Kammern im obersten Stockwerk des Haupthauses zugewiesen, nicht sein eigenes Zimmer oder den großzügig angelegten Gästetrakt über dem Pferdestall.

Aber weder Erion noch Sjur hatten auch nur mit einem Wort auf diese – in Lyras Augen – neuerliche Beleidigung reagiert, sondern schienen im Gegenteil sehr zufrieden mit ihrer Unterkunft zu sein. Jedenfalls verließen sie sie kaum. Selbst Lyra, die Erion sich noch einmal und mit großem Nachdruck als persönliche Zofe für die Dauer ihres Aufenthaltes auf dem Hof auserbeten hatte, bekam sie kaum zu Gesicht während der ersten Woche. Die beiden hatten viel geschlafen – den ersten Tag und die Nacht ununterbrochen und selbst noch weit in den darauf folgenden Morgen hinein. Und insbesondere Sjur aß unglaubliche Mengen, mehr, als Lyra geglaubt hatte, dass ein Mann überhaupt in sich hineinstopfen konnte.

Überhaupt waren sie beide anders, ganz anders, als sich Lyra vorgestellt hatte. Nicht dass sie irgendeine feste Vorstellung gehabt hätte – Elben und Skrut-Barbaren waren keine Bestandteile ihres Lebens, nichts, worüber nachzudenken sich gelohnt hätte bis vor wenigen Tagen, sondern Wesen aus einer anderen, unvorstellbar fremden Welt. Einer Welt, die irgendwo hinter dem Horizont begann und voller Dinge und Geheimnisse war, die Lyra niemals begreifen würde. Und auch nicht wollte. Aber sie hatte eine ziemlich feste Vorstellung davon gehabt, wie diese Welt nicht sein sollte.

Ein leises Klopfen an der Wand riss sie aus ihren Gedanken. Sie fuhr erschrocken herum, verließ das Zimmer und trat auf den dunklen Korridor hinaus. Ihre Kammer lag direkt neben der der Elbin, eine Bedingung, die sich Erion auserbeten hatte, als Oran ihr und Sjur Quartier zuwies, damit sie jederzeit erreichbar war. Dabei hatte sie Lyra in den ganzen zehn Tagen kaum ein Dutzendmal gerufen, und abgesehen von den regelmäßigen Mahlzeiten, die sie ihr und Sjur brachte, hatte Lyra tatsächlich den größten Teil dieser Zeit mit Schlafen und Nichtstun verbracht; ein Luxus, den sie zuvor niemals kennen gelernt hatte und der ihr noch jetzt ungewohnt und beinahe verwerflich vorkam. Sie war jetzt beinahe davon überzeugt, dass Erion sie nicht für sich beansprucht hatte, weil sie sie wirklich brauchte, sondern einzig, um sie zu schonen und vor Felis' Zorn in Schutz zu nehmen. Aber die Zeit auf einem Hof wie dem Orans war zu kostbar, um sie zu vertun; besonders jetzt, während der Ernte.

Erion erwartete sie, als sie die Tür öffnete und mit gesenktem Blick eintrat. Die Elbin stand mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen unter dem Fenster und strich sich scheinbar gedankenverloren eine Strähne ihres dünnen weißen Haares aus der Stirn. Sie trug jetzt nicht mehr das zerschlissene Gewand, in dem sie gekommen war, allerdings auch keines ihrer eigenen Kleider – von denen drei in dem Gepäck gewesen waren, das die Diener aus dem Wald gebracht hatten -, sondern eines von Felis' Festtagsgewändern, ein gelbweißes, bodenlanges Kleid, das mit wenigen Stichen passend gemacht worden war. An Orans Weib hatte das silberbestickte Kleid mit den weiten Ärmeln und dem steifen, fast bis an Erions Scheitel reichenden Kragen prachtvoll ausgesehen. An der Elbin wirkte es schäbig.

Lyra näherte sich ihr mit gesenktem Blick, die Finger vor dem Bauch verschränkt. Wie immer, wenn sie der Elbin gegenüberstand, kam sie sich ungeschickt und plump vor und hatte plötzlich das Gefühl, zahllose überflüssige Hände zu haben. »Herrin? Ihr habt nach mir gerufen.«

»Lyra, mein Kind«, sagte Erion. »Wie fühlst du dich heute?«

»Gut«, antwortete Lyra hastig. »Ich fühle mich ... sehr gut. Was ist Euer Begehr?« Sie war verwirrt, und sie spürte, wie ihr Herz schon wieder wild zu schlagen begann. Erion erkundigte sich fast jedes Mal nach ihrem Befinden, wenn sie sich sahen, und es war keine bloße Höflichkeit. Dabei war sie nur eine einfache Magd, deren Wohlbefinden für ein Wesen wie sie sicher nicht von Interesse sein konnte. Überhaupt interessierte sich Erion in weit stärkerem Maße für sie – und insbesondere für das Kind -, als sich Lyra erklären konnte.

Sie sah auf, blickte sich rasch im Zimmer um und erkannte, dass sie mit Erion allein war. Sjur war gegangen, obwohl sie seine Stimme noch vor wenigen Augenblicken durch die dünne Bretterwand hindurch gehört hatte. Lyra war erleichtert, dass er nicht da war. Der Skrut-Barbar hatte für sie nichts von seinem Schrecken verloren. Im Gegenteil. »Es geht mir gut«, sagte sie noch einmal.

Erions Lächeln wirkte plötzlich ein ganz kleines bisschen gezwungen, und wieder hatte Lyra das Gefühl, dass alles, was sie sah, nur eine Maske war, mühsam erzwungen, um die Nervosität und – ja, und vielleicht – Furcht, die die Elbin darunter erfüllte, zu verbergen. Ihre Augen glitzerten. Sie kam näher, berührte Lyra mit der Hand an der Schulter, ließ sie einen Moment dort ruhen und legte ihr dann die Finger unter das Kinn, um sie zu zwingen, ihr in die Augen zu sehen.

»Warum belügst du mich?«, fragte sie. »Es geht dir nicht gut, schon seit Tagen nicht mehr. Du fühlst dich nicht wohl, und nachts höre ich dich stöhnen vor Schmerz.«

Lyra blickte erschrocken zu der dünnen Holzwand. Natürlich hatte Erion sie gehört – sie musste es ja, wenn umgekehrt sie Sjur und die Elbin hören konnte, selbst wenn sie leise miteinander sprachen. Warum hatte sie nicht eher daran gedacht?

Erion schüttelte den Kopf, als spräche sie mit einem uneinsichtigen Kind. »Warum bittest du mich nicht um Hilfe, du dummes Ding?«, fragte sie. »Ich bin vielleicht nicht die Göttin, für die du mich hältst, aber ich kann dir helfen, die letzten Tage ohne Schmerzen zu überstehen. Schmerzen sind überflüssig und dumm.« Sie lachte leise. »Wir Frauen sollten zusammenhalten, findest du nicht? Besonders, wenn uns etwas verbindet, so wie dich und mich.«

»Bitte, Herrin ...« Lyra trat einen halben Schritt zurück, sodass Erions Hand von ihrer Schulter glitt, senkte hastig wieder den Blick und starrte zu Boden. Es war nicht das erste Mal, dass Erion versuchte, sie in ein persönliches Gespräch zu verwickeln, um ihr Vertrauen zu gewinnen und die unsichtbare Wand, die zwischen ihnen war, niederzureißen. Und es war nicht das erste Mal, dass Lyra diesen Versuch zunichte machte und sich verschloss. Begriff sie denn nicht, dass Lyra das nicht wollte? Es war nicht so, wie Erion zu glauben schien, sondern gerade umgekehrt: Mehr als alles andere war es gerade Erions Menschlichkeit, die sie erschreckte und verunsicherte. Sie sah aus wie eine Göttin, aber sie war es nicht. Der größte Schock für Lyra war gewesen, als sie am zweiten Morgen unaufgefordert Erions Kammer betreten hatte und sehen musste, dass Sjur und sie im gleichen Bett schliefen. Als sie sie oben im Heu entdeckt hatte, aneinander geklammert wie zwei Liebende, da war das Etwas anderes. Sie waren auf der Flucht gewesen, zwei Freunde, die allein und in einer Umgebung waren, von der sie nicht wussten, ob sie ihnen freundlich oder feindselig gesonnen war. Dass sie jetzt, da jeder sein eigenes Bett und sogar sein eigenes Zimmer hatte, noch immer das Lager teilten, hatte Lyra getroffen wie ein Schlag. Den Gedanken, der daraus folgerte, weigerte sie sich selbst jetzt noch zu denken.

Nach einer Weile wurde Erion klar, dass Lyra das Schweigen nicht von sich aus brechen würde. Sie seufzte, trat mit einem angedeuteten Kopfschütteln zurück zum Tisch und sprach, nach einer neuerlichen Pause und mit deutlich veränderter Betonung, weiter: »Ich muss deinen Herrn sprechen, Lyra. Geh bitte hinunter und sage ihm, dass Sjur und ich mit ihm zu reden haben.«

Lyra nickte und wandte sich auf der Stelle zum Gehen, aber Erion rief sie noch einmal zurück. »Was ist los mit dir, Lyra?«

»Was ... was meint Ihr, Herrin?«

Erion machte eine ärgerliche Handbewegung. »Stell dich nicht dumm, denn das bis du nicht«, sagte sie scharf. »Seit zehn Tagen sehe ich dich öfter als jeden anderen Menschen auf diesem Hof, und jedes Mal, wenn wir uns begegnen, zitterst du mehr vor Furcht. Was hast du? Habe ich dich nicht freundlich genug behandelt? Oder ist es Sjur, den du fürchtest? Das brauchst du nicht.«

Lyra schluckte ein paarmal, ehe sie antwortete. In ihrer Kehle saß ein harter, bitterer Kloß, und ihr Herz schlug bis zum Hals. Warum quält sie mich? dachte sie. »Das ... das ist es nicht, Herrin«, stammelte sie. »Es ist ...«

»Nun?«, fragte Erion, als Lyra nicht weitersprach. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, war jede Spur von Wärme aus ihrer Stimme verschwunden, und als Lyra erschrocken aufsah, blickte sie in ein Gesicht, das noch immer so schön war wie das eines Engels, aber kalt wie Eis. Erion befahl, wie sie es gewohnt war und dieses eine, nicht einmal sonderlich laut ausgesprochene Wort riss die Kluft zwischen ihnen tiefer auf, als sie jemals gewesen war.

Lyra begann zu weinen. »Verzeiht, Herrin«, schluchzte sie. »Ich wollte nicht unhöflich sein, und ich ... wollte Euch nicht erzürnen. Aber ... aber ich bin nur ein einfaches Bauernmädchen, und Ihr ...«

»Und ich bin eine Göttin, nicht?« Erion lachte leise. »Kind, wenn du wüsstest, was du für einen Unsinn redest. Warum können wir nicht einfach Freundinnen sein? Wir sind ungefähr gleich alt, nicht wahr? Ich bin ein Mensch wie du, und ...«

»Nein, das seid Ihr nicht«, fiel ihr Lyra ins Wort. Sie erschrak beinahe selbst über ihren Mut, die Elbin zu unterbrechen und diese Worte auszusprechen, aber gleichzeitig fühlte sie sich erleichtert. Sie musste es einfach aussprechen. Sie atmete tief und sah die Elbin fest an. »Das seid Ihr nicht, Herrin«, sagte sie noch einmal. »Ich bin eine Sklavin, die von ihrem Herren freigelassen wurde und ihm jetzt aus freien Stücken dient, weil es keinen anderen Ort gibt, an den sie gehen könnte. Und Ihr seid eine Elbin.«

»Und du glaubst, deshalb wäre ich etwas Besseres als du?«

»Ja«, antwortete Lyra fest. »Das glaube ich. Ihr seid eine Göttin, und ich nur ein einfaches Mädchen. Bitte lasst es so, wie es ist, denn es ist gut so.«

»Du hast Angst«, behauptete Erion. Ihre Stimme hatte ihre Schärfe wieder verloren und klang jetzt nur noch verwirrt. »Wovor hast du Angst, Kind? Vor mir? Vor Sjur?«

»Nein«, antwortete Lyra, obwohl die Worte der Elbin ein gutes Teil Wahrheit enthielten. Aber das war nicht alles. »Ihr ... Ihr seid sehr gut zu mir, Herrin«, stammelte sie. »Und ich bin Euch sehr dankbar dafür und glücklich, in Eurer Nähe bleiben zu dürfen. Nur Ihr ... Ihr werdet nicht hier bleiben. Aber ich.«

Einen Moment lang blickte Erion sie verwirrt an, dann erschien ein betroffener Ausdruck auf ihren Augen. »Felis«, murmelte sie. »Es ist Felis, vor der du Angst hast, nicht wahr?«

Lyra schwieg. Was hätte sie antworten sollen? Dass die Elbin recht hatte und dass Felis sie bestrafen und vielleicht davonjagen würde, sobald sie und ihr Begleiter vom Hof verschwunden waren? Dass alles gut gewesen war, bevor Erion kam, und dass sie mit der Hilfe, die sie Lyra gegeben hatte, alles zerstört hatte? Sie wusste, dass Felis nicht eher ruhen würde, bis ihre Rache befriedigt war. Aber das konnte sie nicht sagen.

Und es war auch nicht nötig. Ihre Gedanken mussten überdeutlich auf ihrem Gesicht zu lesen sein. »So ist das also«, fuhr Erion fort. »Du hast Angst vor deiner Herrin. Und es ist meine Schuld, dass es so weit gekommen ist.« Lyra wollte widersprechen, aber Erion ließ sie gar nicht zu Wort kommen. »Ich glaube, ich verstehe dich jetzt«, fuhr sie fort. »Aber wenn es das ist, was du fürchtest, dann ist deine Angst grundlos. Sjur und ich werden in wenigen Tagen abreisen. Du kannst mit uns kommen, wenn du willst. Nachdem das Kind geboren ist, heißt das«, fügte sie hinzu.

Für einen Moment, einen ganz kurzen Moment nur, glomm neue Hoffnung in Lyra auf. Aber der Funke erlosch, ehe er richtig aufgeflammt war. »Es würde nicht gut gehen«, murmelte sie. »Ihr seid sehr freundlich, Herrin, aber es ... es wäre nicht richtig. Ich gehöre nicht zu Euch.« Und Ihr nicht zu uns, fügte sie in Gedanken hinzu. Aber das sprach sie nicht laut aus.

Erion setzte dazu an, etwas zu sagen, schüttelte aber dann bloß den Kopf und runzelte die Stirn.

»Kann ich ... gehen?«, fragte Lyra. Ihre Hände zitterten. Die wenigen Worte hatten ihre Kraft aufgebraucht.

»Ich gehöre nicht zu euch«, murmelte Erion. »Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist.« Wieder schwieg sie einen Moment. Ihre Finger fuhren in einer unbewussten Bewegung über den Rand der Tischplatte. Sie lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln, und es galt nicht Lyra. Als sie aufsah, war ihr Blick verändert, aber diesmal vermochte Lyra den Ausdruck in ihren Augen nicht mehr zu deuten. »Eine Göttin«, sagte sie noch einmal. »Das ist es also, was ich für dich bin, für dich und all die anderen. Und du willst nicht, dass ich dir diese Illusion zerstöre, nicht wahr? Obwohl du weißt, dass es nicht so ist.« Lyra antwortete nicht, aber das hatte die Elbin offensichtlich auch nicht erwartet. »Du setzt mich immer wieder in Erstaunen«, fuhr sie fort. »Ist es so, wie ich es sagte?«

»Bitte, Herrin«, murmelte Lyra. »Ich ...«

Erion winkte ab. »Es ist gut«, sagte sie. »Ich will dich nicht quälen. Aber ich will auch nicht«, fügte sie hinzu, »dass du mich anbetest. Ich bin weder eine Göttin noch irgendeine andere Art von höherem Wesen, Lyra, und ich möchte, dass du das begreifst. Ich bin ein Mensch wie du, wie Oran und Felis, ja, selbst wie Sjur.«

Sie musste bemerkt haben, wie Lyra bei der Erwähnung des Skruta erschrocken zusammenfuhr, denn sie setzte mit einem Lächeln hinzu: »Ich verlange nicht, dass du es jetzt schon begreifst, aber im Grunde gibt es keinen Unterschied zwischen uns. Wir alle gehören zu einem einzigen großen Volk. Selbst Sjur und seine Brüder, die ihr für Dämonen haltet, stammen von den gleichen Vorvätern ab wie du und ich. Es ist wichtig, dass du das verstehst, Lyra. Wichtig für dich. Und auch wichtig für mich.«

»Ich ... werde es versuchen«, stammelte Lyra. »Aber es ist schwer, so etwas zu glauben.«

»Das brauchst du auch nicht«, antwortete Erion. »Nicht jetzt. Aber es könnte später einmal sehr wichtig für dich sein, deshalb merke dir meine Worte gut.« Sie lächelte noch einmal und wurde dann übergangslos ernst, blieb aber weiter freundlich. »Und jetzt geh und sage deinem Herrn Bescheid, dass ich ihn zu sprechen wünsche.«

Diesmal war es Lyra, die zögerte, ihrem Befehl zu folgen. Aber die Elbin sprach nicht weiter, und nach einem weiteren Moment verließ sie den Raum und ging ins Erdgeschoss hinunter, um Oran zu suchen.

Er war nicht in seinem Zimmer, aber das hatte sie auch nicht erwartet. Während der Erntezeit wurde jede Hand auf dem Hof gebraucht. Und jetzt, als mit ihr und dem Mann, der fortgeritten war, um Erions Botschaft zu überbringen, gleich zwei Kräfte fehlten, packte Oran mit an. Selbst aufs Feld ging er zwar nicht mehr, seit er in die Jahre gekommen war und jeden Wetterumschwung als schmerzhaftes Reißen in den Knochen spürte. Aber er kümmerte sich um die Ställe. Sie ging in die Küche, in der Hoffnung, dort Guna zu treffen und nach Orans Verbleib fragen zu können. Aber auch die Küche war leer.

Sie verließ das Haus, trat auf den Hof hinaus und wandte sich nach kurzem Überlegen zum Stall. Eine der neuen Zuchtkühe, die Oran im Sommer erstanden hatte, um frisches Blut in die Herde zu bringen, stand im Begriff zu kalben. Vielleicht würde sie ihn dort finden.

Wärme und der Geruch nach feuchtem Stroh, Kuhmist und frischem Viehfutter schlugen ihr wie eine stickige Wolke entgegen, als sie durch die nur angelehnte Tür trat und sich umsah. Der große, durch vier Verschläge unterteilte Raum war dunkel, die Läden vor den winzigen Fenstern waren vorgelegt, um die Wärme drinnen und die Kälte des Herbstes draußen zu halten. Die meisten Verschläge waren leer; auf den Weiden stand noch Gras, und es war noch nicht so kalt, dass die dickfelligen Tiere den ganzen Tag im Stall verbringen mussten. Aber aus dem Hintergrund des Raumes, dort, wo sich Schatten und Dunkelheit ballten, ertönte ein dumpfes, zufriedenes Muhen. Dann hörte sie Stimmen, und die Schatten formten sich zu den Umrissen von vier oder fünf Menschen.

»Herr?«, fragte sie. »Seid Ihr hier?«

Ihre Stimme verlor sich fast in der Weite des Raumes, aber einer der Schatten bewegte sich, hob den Kopf und blickte einen Herzschlag lang stumm zu ihr herüber.

»Herr?«, fragte sie noch einmal und etwas lauter. »Seid Ihr es?«

»Ich bin hier«, antwortete Oran aus der Dämmerung vor ihr. Seine Stimme klang ungehalten. »Mach die Tür hinter dir zu und komm her. Was willst du?«

Der gereizte Unterton in seiner Stimme erschreckte Lyra. Sie hatte Oran nicht mehr als drei- oder viermal gesehen, seit Erion und Sjur auf dem Hof waren, und er war ihr jedes Mal ausgewichen. Sie hatte gehofft, dass wenigstens er sie seinen Groll auf die ungebetenen Gäste nicht spüren lassen würde, wie es Felis tat, aber es schien genau umgekehrt; Oran machte, obwohl er ganz genau wissen musste, wie unsinnig es war, sie zur Zielscheibe seines Zornes, der von der Elbin wirkungslos abprallte. Vielleicht war er auch zu lange mit Felis zusammen gewesen in den letzten zehn Tagen.

Sie vertrieb den Gedanken, ging vorsichtig, um nicht in der Dunkelheit zu stolpern, auf die Schatten am hinteren Ende des Stalles zu und strengte ihre Augen an. Die Kuh hatte gekalbt: ein winziges, schwarz-weißes Etwas, das unsicher auf spindeldürren Beinchen zu stehen versuchte und immer wieder ins Stroh zurückfiel. Es roch durchdringend nach Blut und frischem Kuhdung, und als sie näher kam, sah sie, dass Oran und die beiden Knechte, die ihm beigestanden hatten, über und über mit Blut beschmiert waren. Orans Gesicht glänzte vor Schweiß und war gerötet. Es musste eine sehr schwere Geburt gewesen sein.

»Was willst du?«, fragte Oran noch einmal. »Siehst du nicht, dass wir zu tun haben? Also sag, was es gibt, und verschwinde wieder.«

Lyra blickte ihn erschrocken an. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war in der Dunkelheit noch immer nicht zu erkennen, aber seine Stimme klang gereizter, als sie sich erklären konnte. Dann bewegte sich der vierte Schatten, und sie erkannte Felis.

»Die ... die Elbin schickt mich, Herr«, stotterte sie, gleichermaßen erschrocken über Felis' Anwesenheit wie erleichtert, den Grund für Orans scheinbaren Zorn zu wissen. Natürlich würde er nach allem nicht auch noch eine Auseinandersetzung mit seiner Frau riskieren. Und natürlich hatte Felis die Gunst der Stunde ausgenutzt, ihren Einfluss auf ihn wieder zu verstärken.

»Erion?«, fragte Oran überflüssigerweise.

»Sie verlangt nach Euch, Herr.«

»Ich kann hier jetzt nicht weg«, sagte Oran gereizt. »Was will sie von mir?«

»Das hat sie nicht gesagt, Herr.« Erions Nervosität fiel ihr ein, und fast gegen ihren Willen setzte sie hinzu: »Aber es schien dringend zu sein.«

»Dringend!« Oran schnaubte, aber er kam nicht dazu, noch mehr zu sagen, denn in diesem Moment trat Felis neben ihn und legte ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm. »Geh nur«, sagte sie. Lyra glaubte ein rasches, böses Lächeln über ihre Züge huschen zu sehen, war sich aber nicht sicher. »Du musst gehorchen, wenn die Elbin dich ruft. Das Schlimmste ist ja geschafft, und die Männer und ich werden mit dem, was noch zu tun ist, schon fertig.« Sie machte eine Pause, als würde sie Atem schöpfen, aber in Wahrheit nutzte sie die Zeit zu einem raschen, boshaften Blick in Lyras Richtung, den Oran nicht bemerkte. »Lyra kann uns ja helfen, bis du zurück bist.«

Für die Dauer eines Atemzuges blickte Oran seine Frau scharf an. Aber er sagte nichts, sondern zuckte bloß mit den Achseln und verließ den Stall. Lyra widerstand im letzten Moment der Versuchung, sich herumzudrehen und ihm sehnsüchtig nachzublicken. Mit einem Male hatte sie Angst.

»Komm, Lyra«, zischte Felis. Sie gab sich jetzt nicht einmal mehr Mühe, sich vor den beiden Knechten zu beherrschen. »Es gibt noch Arbeit.« Sie lächelte böse, trat einen halben Schritt zur Seite und deutete auf die Kuh und ihr Kleines. Lyras Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie sah, dass das Muttertier vor Erschöpfung zitterte und seine Augen von einem fiebrigen Glanz erfüllt waren. Schaumiger weißer Speichel tropfte aus seinem Maul. Sie verstand jetzt, warum Oran so ungehalten gewesen war. Er sorgte sich um das Tier. Die drei Kühe und der Stier waren teuer gewesen, und Oran hatte lange überlegt, ehe er sie angeschafft hatte. Eine tote Kuh würde einen schweren Schlag für ihn bedeuten. Ohne ein weiteres Wort trat sie in den hölzernen Verschlag und kniete neben dem Kalb nieder. Es war noch feucht, und so griff sie sich eine Hand voll Stroh und begann es vorsichtig abzureiben. »Was ist es?«, fragte sie. »Ein Kälbchen oder ein Bulle?«

Einer der Knechte wollte antworten, aber sie sah, wie Felis ihn mit einer herrischen Geste zum Schweigen brachte und langsam näher kam. »Jedenfalls kein Bastard«, sagte sie, scharf und in einem Ton, der Antwort forderte. Lyra senkte den Blick und tat so, als konzentriere sie sich ganz darauf, das Jungtier trockenzureiben, aber Felis schien nicht so rasch bereit, aufzugeben. Sie starrte einen Moment lang auf Lyra herab, wortlos und voller nur noch mühsam verhaltenem Zorn, dann fuhr sie herum und herrschte die beiden Knechte an: »Geht hinaus!«

»Aber Herrin!«, widersprach einer der beiden Männer. »Ihr ...«

»Geht hinaus!«, sagte Felis noch einmal, und diesmal zitterte ihre Stimme, als beherrsche sie sich nur noch mit Mühe, um nicht loszuschreien. »Das bisschen, das hier noch zu tun ist, erledigen wir schon. Ihr werdet dringender draußen auf den Feldern gebraucht.«

Einen Moment lang leisteten die beiden noch Widerstand, dann nickte einer von ihnen und ging, und auch der Zweite senkte den Blick, legte die besudelte Schürze ab, die er über seinen Kleidern trug, und wandte sich zur Tür. Der Blick, mit dem er Lyra streifte, spiegelte Mitleid.

Felis schwieg, bis die beiden Knechte die Scheune verlassen hatten. Dann wandte sie sich um und starrte Lyra voller Hass an. »Fühlst du dich wohl, mein Kind?«, fragte sie.

Lyras Herz hämmerte, als wolle es zerspringen. Sie hatte Angst, mehr Angst als jemals zuvor. Aber es war keine Angst um sich, sondern um das ungeborene Leben, das sie in sich trug und dem Felis' Hass galt.

»Oh, du fühlst dich nicht wohl«, sagte Felis. »Das tut mir Leid. Vielleicht finden wir eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, was meinst du? Ich habe gehört, dass Schwangere viel Bewegung brauchen, besonders in den letzten Tagen.«

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