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Die Heimkehr der Tochter

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Ginna Gray

Die Heimkehr der Tochter

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Margret Krätzig

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Die Heimkehr der Tochter

Es kostet Maggie viel Überwindung, die Bitte ihrer Mutter zu erfüllen: Sie soll sich mit ihrem todkranken Vater Jacob, der sie vor Jahren aus dem Haus geworfen und enterbt hat, versöhnen. Widerwillig erklärt Maggie sich bereit. Sie hofft, dass das nahe Ende Jacob weicher, menschlicher gemacht hat. Doch Irrtum: Noch immer behandelt er sie ablehnend, fast feindselig. Interessiert und zuvorkommend wird sie dagegen von seinem Geschäftsführer Dan Garrett empfangen. Leidenschaftliche Gefühle entwickeln sich zwischen ihnen, während Maggie mit Dans Hilfe herausfinden will, warum das Firmenimperium „Malone Enterprises“ dem sicheren Ruin entgegengeht …

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

1. KAPITEL

In Ruby Falls, Texas, Bevölkerungszahl 3.418, fiel ein schnittiges Viper Kabrio auf wie ein Frack beim Dorftanz.

Köpfe drehten sich und Kinnladen fielen herunter, als der bildschöne Rotschopf hinter dem Steuer mit herabgelassenem Verdeck in die Stadt preschte, die langen Haare flatternd wie ein feuriges Banner. Dabei plärrten Kenny Rogers beste Songs aus den Lautsprechern.

Der grüne Wagen mit den cremefarbenen Ledersitzen war der ideale Rahmen für die schöne Fahrerin mit ihrer elfenbeinfarbenen Haut und den leuchtend roten Haaren. Der grüne Lack war nur eine Nuance dunkler als ihre smaragdgrünen Augen.

Obwohl hinter einer Sonnenbrille von Christian Dior verborgen, gab es kaum jemand im Land, wenn nicht gar in der Welt, der nicht die genaue Farbe dieser Augen kannte. In den letzten sieben Jahren hatte das Gesicht von Maggie Malone, sinnlich lächelnd und mit einem lustigen Funkeln in den wunderschönen grünen Augen, immer wieder die Titelseiten aller großen Magazine Amerikas und Europas geziert.

Maggie bemerkte die verblüfften Mienen aus den Augenwinkeln mit Genugtuung. Genau auf diese Reaktion hatte sie gehofft, als sie dafür gesorgt hatte, dass die Viper bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen Dallas-Fort Worth für sie bereitstand.

Vor sieben Jahren hatte sie Ruby Falls in Schimpf und Schande verlassen. Heute kehrte sie als erfolgreiche Frau zurück, und nichts unterstrich ihren Status mehr als so ein rasantes Gefährt.

Im Zentrum des Ortes wurde der Verkehr etwas dichter. Maggie schaltete herunter, und die Viper reagierte mit einem tiefen Motorbrummen, als sie sich hinter Miss Agnes Purveys 1964er Chevy einreihte, der immer noch so aussah, als sei er gerade vom Band gerollt.

Die Ampel am Nordende des Stadtplatzes zeigte schon seit Minuten Grün. Wenn sie nicht hinter Miss Agnes und einem Lieferwagen von UPS feststecken würde, hätte sie bereits aufs Gaspedal getreten und eine Runde um den Platz gedreht, ehe die Ampel umschaltete.

„Lieber Himmel, Miss Agnes, beweg deinen knochigen kleinen Hintern, ja?“

Maggie murmelte das vor sich hin, obwohl sie wusste, dass sie nur ihren Atem vergeudete. Auf dem Highway erhöhte Miss Agnes ihr Tempo gelegentlich auf atemberaubende 30 Meilen. In der Stadt jedoch fuhr sie nie schneller als 21 und das auch nur, wenn jemand die Unverfrorenheit besaß, hinter ihr zu hupen oder zu drängeln, wie Maggie es jetzt tat.

Deshalb füllte Miss Agnes auch nie mehr als fünf Gallonen Benzin in den Tank. Die spröde alte Jungfer schwor, dass ein voller Tank den Wagen zu schnell mache.

Der Lieferwagen von UPS bog jetzt nach rechts ab. Miss Agnes, den Kopf gerahmt von einem Heiligenschein silbriger Dauerwelllocken, tuckerte, beide Hände am Lenkrad, hinter ihm her. Der Lieferwagen nahm die Abfahrt zur gegenüberliegenden Seite des Platzes. Ehe die alte Lady zu der Abzweigung kam, stand Maggie wieder vor der roten Ampel.

Voller Ungeduld trat sie auf die Bremse, dass die Reifen leicht quietschten. Kurz darauf schüttelte sie jedoch lächelnd den Kopf.

Genau genommen fühlte sie sich durch Miss Agnes und ihr Dahinschleichen gar nicht gestört. In den letzten sieben Jahren hatte sie immer mal wieder von ihrer Rückkehr nach Ruby Falls geträumt und sich vorgestellt, alles noch so vorzufinden, wie es bei ihrer Abreise gewesen war. Es war tröstlich zu sehen, dass sich einige Dinge tatsächlich nicht verändert hatten.

Maggie wartete, sah sich um und trommelte mit den zimtfarben lackierten Fingernägeln auf das Lederlenkrad. Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Wie es aussah, war in Ruby Falls noch alles beim Alten.

Auf der Herfahrt hatte sie am Dallas Highway neben Rudys Bar und Grill einen neuen Supermarkt entdeckt. Wo die alte verlassene Tankstelle gestanden hatte, an der Mimosa und Main, befand sich nun ein Jiffy Lube, aber abgesehen davon war alles wunderbar vertraut.

Der Platz war noch von denselben Geschäften in roten, mit weiß abgesetzten Backsteinhäusern geprägt. An den vier Ecken standen die First National Bank, Purdues Apotheke, Handyman Eisenwaren und die Elks Lodge. Nach Osten, zwei Blocks abseits der Main, erhob sich der weiße Turm der Baptistenkirche über Eichen und Pekannussbäume.

Seit fast hundertdreißig Jahren dominierte das alte Sandsteingebäude des Gerichtes die Mitte des Platzes. Die alten Eichen ringsum hatten schon lange vor Maggies Geburt ihre endgültige Höhe erreicht. Im Schatten ihrer knorrigen Äste spielten an diesem schönen Septembernachmittag wie seit Menschengedenken alte Männer Domino. Über die Jahre waren zwar einige alte Gesichter verschwunden und neue hinzugekommen, doch das spannende Spiel wurde mit der Regelmäßigkeit fortgesetzt, mit der die Jahreszeiten kamen und gingen.

Maggie erkannte einige der grauhaarigen Männer: Ned Paxton, Oliver Jessup, die Toliver-Zwillinge Roy und Ray. Lieber Himmel, da war sogar der alte Moses Beasley. Der alte Zausel musste auf die Hundert zugehen. Solange Maggie denken konnte, zählte der Veteran des ersten Weltkrieges zu den festen Größen auf dem Platz.

Eine Gruppe plaudernder Frauen trat nur wenige Schritte von ihrem Wagen entfernt aus der Elks Lodge auf den Bürgersteig.

Noch etwas, das sich nicht verändert hat, dachte Maggie. Und wenn die Welt unterging, an jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat traf sich das Hilfskomitee der Frauen in der Lodge. Offenbar war das Treffen soeben beendet worden.

Die Gruppe wurde von Edna Mae Taylor, Dorothy Purdue und Pauline Babcock angeführt, den drei größten Klatschmäulern im Ort.

Sobald die drei Maggie entdeckten, blieben sie mit offenen Mündern stehen.

Sofort stießen die von hinten Kommenden mit ihnen zusammen.

„Was in aller Welt? Du lieber Gott, Dorothy, warum bleibst du stehen? Ach herrje. Ist das nicht …?“

„Ja doch“, schnauzte Pauline.

„Das ist sie allerdings.“

„Was macht die denn hier? Sie ist nicht ein einziges Mal zu Besuch gekommen, seit sie vor sieben Jahren abgehauen ist.“

„Vermutlich will sie zu ihrem Daddy. Wo er doch so krank ist.“

„Wird ja auch langsam Zeit, möchte ich meinen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm gut tut, sie zu sehen“, schnaubte Pauline. „Wie ich hörte, hat er sie schon vor Jahren enterbt.“

„Bestimmt nicht. Lily würde das niemals zulassen. Sie hängt stark an dem Mädchen, wisst ihr.“

„Also, ich weiß nur, dass Lily zwei- oder dreimal im Jahr nach New York fährt und sie besucht. Allein“, betonte Edna Mae mit wissendem Blick. „Und Inez hat Lucille erzählt, und die hat es aus zuverlässiger Quelle, dass Jacob seit ihrem Verschwinden damals nicht mal mit ihr telefoniert hat.“

„Und wer könnte es ihm verübeln? Sie war eine ganz Wilde. Hat ihn fast verrückt gemacht mit ihren Eskapaden. Und nach allem, was sie dann probiert hat … nun ja …“

„Stimmt. Das war eine Schande. Trotzdem, Blut ist Blut. Und in Notzeiten will ein Mann seine Familie um sich haben.“

„Eben. Aber unter den Umständen sollte man annehmen, sie besäße so viel Anstand, auf leisen Sohlen und ohne Aufsehen zurückzukommen. Aber nein, nicht Maggie“, stellte Pauline tadelnd fest. „Sie muss sich in Szene setzen. Nun sieh sich einer diesen Wagen an. Und die laute Musik. Denkt an meine Worte …“

Die Ampel sprang auf Grün. Mit einem Lächeln zu den Frauen griff Maggie nach dem Lautstärkeregler und drehte die Stereoanlage voll auf. Sofort dröhnte in Kennys rauchiger Whiskeystimme der Song „Love Or Something Like It“ aus den Lautsprechern, und der Bass hämmerte wie ein gigantischer Herzschlag.

Die Dominospieler ließen sich gewöhnlich durch nichts beirren, doch das Motorgeräusch der Viper und die laute Musik erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie hoben die Köpfe und blickten in Maggies Richtung, als der schnittige Wagen den Platz an drei Seiten umrundete.

Maggie winkte ihnen flirtend zu, zwinkerte und warf ihnen mit gespitzten roten Lippen einen Kuss zu.

Da ihnen vor Verblüffung die Kinnladen herunterfielen, lachte sie, bog nach rechts, schaltete in den zweiten Gang herunter und gab auf der Main an der Südseite des Platzes wieder Gas.

Nein, nichts hatte sich geändert in Ruby Falls.

Noch ehe sie einen Block weit gefahren war, wurde ihre Miene ernst, und sie verzog leicht entsetzt über das eigene Verhalten das Gesicht. Großer Gott, wie einfach es doch war, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Kaum fünf Minuten in der Stadt, und sie hatte den Klatschmäulern bewusst neuen Stoff geliefert. Seit ihrem Weggang aus Ruby Falls hatte sie nicht mehr auf Provokation als Mittel der Verteidigung zurückgegriffen.

Allerdings war die Notwendigkeit der Verteidigung auch entfallen.

Die paar Minuten am Stadtplatz waren eine Zerstreuung gewesen. Doch als sie sich jetzt dem elterlichen Haus näherte, nahm ihre Nervosität mit jeder gefahrenen Meile zu.

Seit jenem schrecklichen Anruf vor vier Tagen war sie innerlich zum Zerreißen angespannt.

Der Anruf hatte sie mitten in der Nacht erreicht, während sie zu Fotoaufnahmen auf einer griechischen Insel gewesen war. Nach den ersten Worten ihrer Mutter hatte sie kerzengerade, mit heftigem Herzklopfen im Bett gesessen.

„Maggie, du musst nach Haus kommen.“

„Mom? Bist du das?“ Sie hatte nur ein Schluchzen gehört und den Hörer umklammert. „Beruhige dich, und sag mir, was los ist.“

„Bitte, Maggie, du musst heimkommen! Ich bitte dich!“

„Ach Mom, du weißt, das würde ich gern. Aber das geht doch nicht. Es hat sich nichts geändert.“

„Doch, hat es“, hatte ihre Mutter weinend widersprochen. „Dein Vater stirbt. Oh Gott, Maggie, mein Jacob stirbt!“ Diese Mitteilung war wie ein Faustschlag in die Magengrube gewesen.

Maggie biss sich auf die Unterlippe und umfasste das Lenkrad fester.

„W…was?“ hatte sie gestammelt und war gegen die Kissen gesunken. „Aber … aber vor ein paar Tagen hast du mir gesagt, er hält sich wacker, der Tumor in seiner Lunge würde kleiner. Wenn ich gewusst hätte, dass er so krank ist, wäre ich nicht um die halbe Welt geflogen.“

„Ich weiß, ich weiß, Kind. Ich wusste doch, dass du diesen wichtigen Auftrag hattest, und ich wollte dir keine Sorgen machen. Und eine Weile schien die Behandlung ja auch anzuschlagen“, fügte sie rasch hinzu, ehe Maggie sie tadeln konnte. „Dann verschlechterte sich sein Zustand wieder.“

„Ach, Mom, warum hast du mir das nicht gesagt?“

„Ich hätte es tun sollen, ich weiß. Aber seinerzeit war Dr. Lockhart überzeugt, dass eine weitere Chemotherapie den Tumor verkleinern würde. Deshalb sah ich keinen Grund, dich unnötig zu beunruhigen. Leider hat es nicht funktioniert, Maggie“, fügte Lily mit zittriger Stimme hinzu. „Diese schreckliche, bösartige Krankheit gewinnt. Sie nimmt mir meinen Jacob.“

Die letzten Worte kamen schluchzend heraus, und Maggie musste ihre Tränen niederkämpfen, während sie ihrer Mutter lauschte. Es dauerte einige Sekunden, ehe Lily sich wieder so weit in der Gewalt hatte, dass sie weitersprechen konnte.

„Die Ärzte haben ihn heimgeschickt. Im Krankenhaus können sie nichts mehr für ihn tun. Wir können es ihm nur noch so angenehm wie möglich machen. Sie geben ihm noch drei oder vier Monate, bestenfalls fünf.“

„Oh Mom“, flüsterte Maggie mit tränenerstickter Stimme und schloss die Augen. Der Boden schien sich unter ihr aufzutun. Ihr Vater starb? Nein, das durfte nicht sein. Das war zu früh. Er brauchte mehr Zeit!

„Du siehst also, du musst heimkommen.“

„Aber … Daddy will mich doch nicht zu Hause haben.“

„Doch! Du irrst dich. Glaube mir, wenn man merkt, dass einem nicht mehr viel Zeit bleibt, sieht man vieles anders. Vertrau mir, Liebes, dein Vater möchte, dass du heimkommst.“

„Hat er … hat Daddy ausdrücklich gesagt, dass er mich sehen will?“ Sie hielt den Hörer fester und wollte der Hoffnung nicht nachgeben, die in ihr zu keimen begann.

„Nun ja … nicht in diesen Worten …“

„Oh Mom …“

„Aber er hat es angedeutet“, beharrte Lily.

„Mom, bitte …!“

„Maggie, ich bin seit fast neunundzwanzig Jahren mit deinem Vater verheiratet. Ich lese in ihm wie in einem Buch. Er möchte dich bitten heimzukehren, aber du kennst seinen starrsinnigen Stolz. Er hat einmal Position bezogen und glaubt, nicht mehr davon abrücken zu können. Doch er muss über seinen Schatten springen, Liebes.“ Sie wartete einen Herzschlag lang und fügte hinzu: „Und du auch.“

Das ist nicht fair, dachte Maggie, legte den Kopf zurück und starrte, von Zweifeln geplagt, gegen die Decke. Das war alles so unfair.

Lily senkte die bebende Stimme und fügte eindringlich hinzu: „Es ist deine letzte Chance, Frieden mit deinem Vater zu schließen, Maggie. Wenn du es nicht tust, wirst du es immer bereuen.“

Seufzend schloss Maggie die Augen und massierte mit den Fingerspitzen der freien Hand ihre Stirn. „Du machst es mir schwer, Nein zu sagen.“

„Dann sag Ja. Komm heim, Maggie. Ich flehe dich an. Bitte, bitte komm nach Haus, ehe es zu spät ist!“

Lilys weinerliches Flehen und nicht zuletzt ihr eigenes hilfloses Sehnen hatten den Ausschlag gegeben.

Sie war nur eines von fünf Topmodels am Aufnahmeort gewesen. Ihr Fotograf Jean Paul Delon, zwar berüchtigt für seine Temperamentsausbrüche, war ein herausragender Künstler, der seine Fotosessions allerdings wie ein Diktator leitete. Glücklicherweise war er auch ein Softie, wenn es um die Familie ging. Mit Zustimmung der anderen Models, die sehr mitfühlend und verständnisvoll gewesen waren, hatte er am nächsten Tag nur mit ihr gearbeitet, um ihren Part bei den Aufnahmen fertig zu stellen.

Vom Morgengrauen bis in die Abenddämmerung vor der Kamera zu stehen, war sehr anstrengend gewesen. Danach war Maggie jedoch sofort aufgebrochen und hatte fast drei Tage für die Heimreise gebraucht.

Während des Fluges hatte sie mit ihrer Agentur gesprochen, die Situation erklärt und darum gebeten, ihre Aufträge für die nächsten vier Monate zu streichen oder zumindest drastisch zu reduzieren.

Das war nicht leicht gewesen. Es hatte Val Brownley, der Inhaberin der Valentina Modeling Agentur, einiges an diplomatischem Geschick abverlangt, die murrenden Kunden zu besänftigen.

Jene Fototermine, Fernseh- und Werbeauftritte, die verschoben werden konnten, ohne eine Krise oder Rechtsstreitigkeiten heraufzubeschwören, wurden neu terminiert oder, falls man Ersatz akzeptierte, mit anderen Models besetzt.

Unausweichlich gab es jedoch einige Verträge, die Maggie einhalten musste. Ihr Exklusivvertrag für Eve Cosmetics war einer davon, der Fototermin für das Stephano Parfum ein anderer. Hinzu kamen ein paar andere vertraglich bindende Termine.

Das bedeutete für sie, alle paar Wochen hin und her zu fliegen, um ihre Verträge zu erfüllen. Doch verglichen mit ihrem normalerweise engen, hektischen Terminplan, war das eine Kleinigkeit.

Val war nicht glücklich gewesen über ihren Rückzug. Sie hatte jedes Argument und jede Drohung ausprobiert, um Maggie umzustimmen. Als sie schließlich klipp und klar gesagt hatte, dass sie gezwungen sei zu kündigen, sollte die Agentur sich weigern, ihre Arbeitseinsätze zu verringern, hatte sie schließlich eingelenkt.

Was bleibt mir für eine Wahl, dachte Maggie. Vater liegt im Sterben und will mich sehen.

Im Süden der Stadt wurden die Grundstücke größer. Die Häuser hier waren älter, geräumiger und eleganter. Weit zurückgesetzt von der Straße, herrschten unter riesigen schattigen Bäumen architektonisch der viktorianische und der Kolonialstil vor. Es waren Villen mit breiten Veranden, flankiert von großen Azaleenbüschen. Hier hatte stets die alte Garde geherrscht, die Gründungsfamilien. Ihnen gehörten die Geschäfte, sie regierten die Stadt und gingen als das durch, was man in Ruby Falls für die besseren Kreise hielt.

Maggie kam an der beeindruckenden weißen Kolonialstil-Villa vorbei, in der ihre Schwester mit Ehemann und Schwiegervater lebte. Die Kiefer zusammengepresst, fuhr sie weiter und würdigte das Haus keines Blickes. Der bloße Gedanke, dass ihre liebenswerte Schwester mit Martin Howe verheiratet war, verursachte ihr Übelkeit.

Eine Meile hinter der Stadtgrenze bog sie vom Highway auf eine schwarze asphaltierte Farmstraße ab, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie war nicht mehr in der Stimmung, Musik zu hören, und schaltete den CD-Player aus. Ab jetzt waren der Wind, das Brummen des Motors und das Singen der Reifen ihre Begleitung.

Nach einer Meile bog sie auf eine noch schmalere Nebenstraße ab. Die Viper brummte, als sie wieder mit dem Tempo herunterging. Kies spritzte unter den Reifen auf und sprang gegen das Chassis. Doch Maggies Herz schlug so schnell, dass sie vor allem den eigenen Pulsschlag in den Ohren hörte.

Zur Linken zog die Obstplantage der Malones vorbei. Fünfzehnhundert Acres ertragreicher Pfirsich-, Pflaumenund Birnbäume in exakten Reihen gepflanzt, so weit das Auge reichte. Nebenbei bemerkte sie amüsiert, dass die andere Straßenseite immer noch von siebenhundert Acres jungfräulichen Waldlandes gesäumt war.

Dieser Wald befand sich seit über hundert Jahren im Besitz der Familie Toliver. Seit mindestens fünfzig Jahren hatten ihr Großvater und dann ihr Vater versucht, dieses Land zu kaufen, um ihre Plantage zu vergrößern. Doch die Tolivers wollten darüber nicht einmal reden.

Vor über achtzig Jahren hatte ihre Urgroßmutter und Namensgeberin Katherine Margaret Malone den Heiratsantrag von Wendell Toliver abgelehnt. Über diese vermeintliche Beleidigung waren die Tolivers bis heute verschnupft. In dieser Gegend vergaß man einen Groll nicht so schnell.

Nach der nächsten Kurve kam das Haus ihrer Familie in Sicht. Maggie sah es mit Freude, aber auch voll nervöser Anspannung.

Das große Haus lag weit zurückversetzt von der Straße auf einem zwei Acres großen Grundstück mit riesigen Eichen und Pinien und war an drei Seiten von Obstgärten umgeben.

Mit Herzklopfen bog Maggie in die Zufahrt und hielt Augenblicke später auf dem Rondell vor dem Eingang.

Minutenlang saß sie reglos da, das Lenkrad in Händen, und betrachtete das zweistöckige Backsteingebäude. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Kalte Schauer liefen ihr über die Haut, dass sich die kleinen Härchen aufrichteten.

Widersprüchliche Emotionen überwältigten sie: Trauer und Freude, Bedauern und gespannte Erwartung, Kummer und Aufregung.

Die Fensterläden und Holzeinfassungen strahlten in frischem Weiß, ebenso die Schaukel und die Schaukelstühle auf der breiten Veranda. Die sie flankierenden Azaleen- und Kamelienbüsche waren vielleicht ein wenig größer geworden, ebenso der Myrtenstrauch an der Ecke, aber sonst war das Haus immer noch völlig unverändert.

Was sie nicht überraschte. Seit ihre Urgroßmutter das Haus 1927 erbauen ließ, war es immer nur geringfügig verändert worden. Die Sonnenveranda an der Rückseite hatte man vergrößert und in einen Wohnraum umfunktioniert. Küche und Bäder waren zweimal modernisiert worden, und man hatte eine zentrale Klimaanlage eingebaut.

Heute jedoch standen Fenster und Türen weit offen, um die ungewöhnlich angenehme Herbstluft einzulassen. Maggie sah auf die Fliegendrahttür und erwartete, dass ihre Mutter oder Ida Lou Nettles, ihre Haushälterin, herauskamen. Doch niemand erschien. Auch war es im Haus offenbar vollkommen still.

Dann fiel ihr ein, dass Ida Lou donnerstags und sonntags freihatte und immer erst nach zehn Uhr abends zurückkehrte. Soweit Maggie sich erinnerte, erledigte Ida Lou ihre persönlichen Angelegenheiten donnerstagvormittags, traf sich dann zu einer Partie Bridge mit ihren Freundinnen und aß zu Abend mit ihrer besten Freundin Clara Edwards. Danach beendeten sie den Tag entweder mit einem Film oder mit einer Partie Bingo in der Grange Hall.

Ein süßlicher Geruch lag in der Luft. Maggie sog ihn tief ein und lächelte. Ah, Pfirsiche.

Automatisch wanderte ihr Blick am Haus vorbei zur Konservenfabrik am anderen Ende des Geländes, die jedoch von hohen Bäumen verdeckt wurde. Obwohl die „Malone Konservenfabrik“ ein umfangreiches Sortiment an Frucht- und Gemüsekonserven zu bieten hatte, war es vor allem der Duft kochender Pfirsiche, den sie mit daheim verband.

Daheim. Den Blick auf das Haus gerichtet, atmete sie tief durch und stieg aus dem Wagen.

Nachdem sie die Reiseknitter aus ihrem langen Rock gestrichen hatte, ging sie das kurze Stück zum Haus und lief die Eingangsstufen hinauf.

Kein Betrachter hätte ihre Nervosität geahnt. Sie schritt hoch erhobenen Hauptes, mit straffen Schultern und sinnlich schwingenden Hüften. Wenn sie etwas gelernt hatte seit ihrem Weggang von Ruby Falls, dann war das ein sicheres Auftreten.

An der Tür blieb sie stehen, unschlüssig, ob sie klingeln oder einfach hineingehen sollte.

Die Hände seitlich neben die Augen haltend, um die Lichtblendung auszuschließen, blickte sie durch das Gitterwerk in den Hauptflur. Niemand da.

Sie zögerte und überlegte, ob sie rufen oder klopfen sollte. Immerhin könnte ihr Vater schlafen.

Ach zum Teufel, dies war schließlich ihr Zuhause, oder? Sie schob die Fliegendrahttür auf und trat ein.

Kaum eingetreten, hörte sie ein leises Geräusch aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters rechts neben der Eingangstür.

Maggie zog eine Braue hoch. Offenbar war er nicht so krank, wie ihre Mutter behauptet hatte, wenn er sich gut genug fühlte zu arbeiten.

Sie war übernervös. Seit sieben Jahren sehnte sie sich nach diesem Wiedersehen. Und nun, da es ihr bevorstand, war ihr geradezu übel vor Aufregung.

Eine Hand auf den flatternden Magen gepresst, holte sie tief Luft, trat durch die offene Tür ein … und blieb wie angewurzelt stehen.

„Wer sind Sie? Und was zum Teufel machen Sie da?“ fragte sie ihn sehr scharf.

Der Fremde, der etwas im Schreibtisch ihres Vaters suchte, blickte auf. Das markante Gesicht blieb unbewegt, doch seine silbergrauen Augen sahen sie durchdringend an.

Zu spät dachte sie an die zahllosen Berichte in den New Yorker Abendnachrichten über Leute, die das Pech hatten, einen Einbrecher zu überraschen. Visionen von Mord und Totschlag zuckten ihr durch den Kopf und machten ihr Angst.

Einen Moment dachte sie an Weglaufen, doch dafür war es zu spät. Er würde sie fangen, ehe sie die Haustür erreichte. Außerdem zitterten ihr die Knie so sehr, dass sie nicht sicher war, ob ihre Beine sie trugen.

Da ihr keine Wahl blieb, reckte sie trotzig das Kinn vor und gab sich mutig.

Der Mann war sehr groß und kräftig. Die aufgerollten Ärmel seines karierten Arbeitshemdes zeigten muskulöse Unterarme mit dunkler Behaarung, breite Gelenke und kräftige Hände. Er war von jenem breitschultrigen, beeindruckenden Körperbau, den man nicht vom wöchentlichen Yuppietraining im Sportstudio bekam.

Sie wäre ihm eindeutig nicht gewachsen.

Trotzdem, sie war kein Hasenfuß. Immerhin war sie auch einsachtzig und in bester körperlicher Verfassung. Sie betrachtete ihn aus leicht verengten Augen. Ich kann vielleicht nicht gewinnen, Halunke, aber fass mich an, und du wirst merken, dass du eine Auseinandersetzung hattest.

Sie wappnete sich. Doch anstatt auf sie loszugehen, richtete er sich ganz auf, verschränkte die Arme vor der Brust und maß sie mit einem kühlen Blick vom Scheitel bis zur Sohle. „Sieh an, sieh an, wenn das nicht die verlorene Tochter ist, die endlich heimkehrt.“

Die Bemerkung, so scharf sie auch war, beruhigte sie ungemein.

Angst und Anspannung fielen augenblicklich von ihr ab. Ein Einbrecher hätte sie vielleicht erkannt, aber er hätte sicher keine Kenntnisse über ihr Privatleben gehabt.

„Sie sind also von hier, wie?“ Diese Feststellung dämpfte zwar ihre Angst, schürte jedoch eine andere Art von Verunsicherung. Wenn er sie kannte, dann nur durch die Erzählungen Dritter, und was da geredet worden war, konnte sie sich lebhaft vorstellen.

Als Teenager hatte sie gelernt, ihre Unsicherheit und den Schmerz über Zurückweisung hinter beißendem Spott und kessen Sprüchen zu verbergen. In den letzten sieben Jahren hatte sie Selbstwertgefühl und Haltung entwickelt, trotzdem kam die alte Strategie im Umgang mit Männern immer noch zum Zuge. Und sie funktionierte, besonders wenn sie noch ein wenig forsches Flirten hinzufügte. Die Harmlosen verwandelten sich in stammelnde Wichte und ergriffen die Flucht. Die Machotypen wussten nie genau, wie sie mit einer schlagfertigen, selbstbewussten Frau mit Stil umgehen sollten. So oder so gewann sie die Oberhand.

Mit einem sinnlichen Lächeln, eine Hand auf die vorgeschobene Hüfte gestemmt, betrachtete sie ihn langsam von oben bis unten. „Kennen wir uns, Hübscher?“

„Das bezweifle ich.“ Er reagierte nicht wie erwartet, sondern betrachtete sie ebenso langsam und ungeniert, wie Maggie verwundert feststellen musste.

Die hellen Augen unterzogen sie einer leidenschaftslosen Musterung, vom berühmten Gesicht zum windzerzausten Haar und weiter über den kupferroten Pullover zum farblich abgestimmten, knöchellangen Rock. Er bemerkte die eleganten Sandaletten, die zimtfarben lackierten Fußnägel, ehe sein Blick zurückwanderte zu ihren Schenkeln.

Da sie im Gegenlicht der Eingangstür stand, konnte er zweifellos durch ihren dünnen Rock sehen, doch sie bewegte sich nicht. Sollte er ihre Beine ruhig betrachten. Es brauchte mehr als einen robusten Arbeiter, um sie in Verlegenheit zu bringen. Außerdem hatte sie fantastische Beine, die sie in Dutzenden Werbefotos für Bademoden zur Schau gestellt hatte – und nicht nur dort.

Nachdem die Musterung beendet war, sah er ihr wieder in die Augen. Die leichte Verächtlichkeit in seiner Mimik war nicht die Reaktion, an die sie gewöhnt war, und verunsicherte sie.

„Aber ich kenne Sie“, sagte er emotionslos.

Maggie begann sich zu ärgern, verbarg es jedoch und heuchelte Belustigung. „Das bezweifle ich. Man kann nicht alles glauben, was man in den Klatschspalten liest, wissen Sie. Und auch nicht das, was Sie in meinen Fotos zu entdecken glauben.“

„Die kenne ich ohnehin nicht. Ich lese weder Klatschspalten, noch sehe ich mir Magazine an. Aber man kann nicht in Ruby Falls aufwachsen, ohne die Malones zu kennen. Und Sie müssen zugeben, dass Sie als Teenager hier einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.“

„Verstehe, meine wilde Jugend holt mich sozusagen ein“, erwiderte sie gedehnt, kam weiter in den Raum und setzte sich mit einem Schenkel schräg auf die Schreibtischkante. „Sie haben mir immer noch nicht verraten, wer Sie sind und warum Sie die Papiere meines Vaters durchwühlen.“

„Ich habe eine Kontenakte gesucht, die Jacob gestern Abend durchgesehen hat. Und mein Name ist Garrett, Dan Garrett. Ich bin der Betriebsleiter der Konservenfabrik und der Obstplantagen.“

„Das glaube ich kaum, mein Bester. Harry Putnam ist seit über zwanzig Jahren der Betriebsleiter.“

„Harry ging vor zwei Jahren in den Ruhestand.“

„Ja, richtig, das hatte ich wohl vergessen.“ Von wegen vergessen. Sie hörte zum ersten Mal davon. Was Geschäftsangelegenheiten betraf, lebte ihre Mutter auf einem anderen Stern.

„Dad hat also Sie zum neuen Betriebsleiter gemacht, was? Eigenartig, ich dachte, er hätte die Position an einen Erfahreneren vergeben. Wie lange arbeiten Sie schon für Malone Enterprises?“

„Seit zwanzig Jahren.“

„Was? Unmöglich. Ich bin erst seit sieben Jahren fort, und ich kann mich nicht erinnern, Sie jemals hier gesehen zu haben.“

Er sah sie nur ruhig an, beugte sich dann vor und suchte weiter die Schreibtischschubladen durch. „Das ist kaum überraschend. In der Schule war ich sieben oder acht Jahrgänge über Ihnen. Mit vierzehn habe ich in den Ferien hier gejobbt und an den Wochenenden beim Pflücken ausgeholfen. Nach dem Schulabschluss stellte man mich als Leiter des Teams ein. Und zu der Zeit, als Sie gingen, hatte ich mich zum Vormann in der Konservenfabrik hochgearbeitet. Wie ich mich erinnere, haben Sie damals nicht viel Zeit bei den Pflückern oder in der Konservenfabrik verbracht. Und unsere Familien verkehren zweifellos nicht in denselben gesellschaftlichen Kreisen.“

Maggie runzelte die Stirn. Dass er ihr Snobismus unterstellte, ging ihr gegen den Strich. Als Jugendliche hatte sie sehr wohl einen großen Teil ihrer Freizeit in der Konservenfabrik verbracht, allerdings in der Verwaltung, um das Geschäft zu erlernen. Ihr Vater hätte ihr das Fell über die Ohren gezogen, wenn sie während der Ernte in die Produktionshallen oder die Plantagen gegangen wäre. Sie betrachtete ihn neugierig mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. „Sie mögen mich nicht besonders, was?“

„Nein“, bestätigte er ohne Zögern, was ihr ein Lachen entlockte. Er machte sich nicht die Mühe aufzublicken.

„Na los, halten Sie sich nicht zurück. Spucken Sie’s aus. Was ist los? Mögen Sie keine Rothaarigen, oder liegt es an mir?“ Als er nicht antwortete, fuhr sie fort: „Sie können mir doch unmöglich meine rebellischen Teenagerjahre vorhalten. Ich war ein bisschen wild, ich weiß. Aber ich war noch ein Kind, um Himmels willen!“

„Wie ich hörte, haben Sie sich nicht sehr verändert. Ihre Teenagerstreiche oder Ihr lockerer Lebensstil heute interessieren mich einen feuchten Kehricht.“ Er richtete sich mit der gesuchten Akte in den Händen auf und sah sie durchdringend an. Geistesabwesend strich er sich eine dunkle Haarsträhne zurück, die ihm in die Stirn gefallen war. „Ich halte Sie für eine verwöhnte, selbstsüchtige Göre, die nur den eigenen Vorteil kennt.“

Maggie war sprachlos. Ehe sie etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Die Krebserkrankung Ihres Vaters wurde vor über zwei Jahren festgestellt. Zwei Jahre! Seither ist er durch mindestens zehn Höllen marschiert. Chemotherapie, Bestrahlung, unzählige Tests, und er wurde mit jedem Tag schwächer. Und nicht einmal in all der Zeit sind Sie zu Besuch gekommen oder haben sich auch nur die Mühe gemacht, ihn wenigstens anzurufen.“

Maggie erwiderte steif: „Ich rede jeden Tag mit Mom über ihn.“ Der süßlich flirtende Ton hatte einer verärgerten Schärfe Platz gemacht.

„Das ist nicht dasselbe. Er muss Sie sehen, er braucht Sie zum Reden.“

Maggie glitt vom Schreibtisch und richtete sich zu voller Größe auf. „Sie wissen nichts über mich oder meinen Vater oder meine Gefühle für ihn. Genauso wenig wie Sie wissen, was mein Vater möchte oder braucht. Außerdem geht Sie das Ganze nichts an.“

„Ihre Gefühle?“ schnaubte er verächtlich. „Wovon reden Sie überhaupt? Seit Sie hier hereinmarschiert sind, haben Sie sich noch nicht ein einziges Mal erkundigt, wo er ist.“

Maggie stutzte verblüfft und erneut verunsichert. „Ich nahm an, er und meine Mutter würden einen Mittagsschlaf halten.“

„Jacob ist im Krankenhaus in Tyler. Lily und ich mussten ihn um zwei Uhr früh in die Notaufnahme bringen.“

2. KAPITEL

„Im Krankenhaus? Um Himmel willen! Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Welches Krankenhaus?“

„Mercy.“

Maggie drehte sich um, lief aus dem Büro und zur Haustür hinaus. Die Eingangsstufen überwand sie mit einem Sprung und erreichte ihr Auto, ehe die Fliegendrahttür hinter ihr zufiel.

In Sekunden saß sie hinter dem Steuer, und der Motor der Viper erwachte aufheulend zum Leben. „Oh bitte, lieber Gott, lass mich nicht zu spät kommen! Bitte, bitte!“

Aus den Augenwinkeln sah sie Dan Garrett jenseits der Fliegendrahttür stehen und ihr nachsehen. Doch sie hatte Wichtigeres im Kopf. Mit durchdrehenden Reifen preschte sie vom Rondell vor dem Haus auf die lange Zufahrt zur Straße.

Die zweiundvierzig Meilen von Ruby Falls zur Stadtgrenze von Tyler City schaffte man in der Regel in fünfundvierzig bis fünfzig Minuten. Dann folgten noch fünfzehn Minuten Stadtverkehr bis zum Krankenhaus. Maggie schaffte alles in fünfunddreißig.

Der erste Mensch, den sie sah, als sie aus dem Fahrstuhl in die zweite Etage des Mercy Hospital eilte, war ihre Mutter.

Lily Malone stand an der Schwesternstation und sprach mit den Frauen hinter dem Tresen.

„Mom!“

Lily drehte sich um, und ihr Gesicht hellte sich auf. „Maggie!“ Mit ausgestreckten Armen kam sie ihr entgegen. „Maggie! Oh Maggie, Liebes, ich bin so froh, dass du da bist.“

Einen guten Kopf größer als ihre Mutter, musste Maggie sich hinabbeugen, um ihre Umarmung zu erwidern. Angst drückte ihr das Herz ab. Daher tat es ihren angespannten Nerven gut, sich einen Moment des Trostes in der mütterlichen Umarmung zu gönnen. Sie hielt Lily fest, presste die Augen zusammen, sog den vertrauten Veilchenduft ihrer Haut ein und genoss die bedingungslose Liebe, die Lily ihr entgegenbrachte.

„Wie geht es ihm?“ Maggie schob ihre Mutter an den Schultern leicht zurück und betrachtete ihr Gesicht.

Mit zweiundfünfzig war Lily immer noch eine schöne Frau. Blond und von zarter Statur, wirkte sie so zerbrechlich, dass man sie automatisch beschützen wollte, allen voran ihr Ehemann.

Jacob Malone verehrte seine Frau und behandelte sie wie einen zerbrechlichen Engel. Als Maggie Angst und Anspannung im Gesicht ihrer Mutter las, ahnte sie, wie sehr es ihren Vater belasten musste zu erkennen, wie Lily unter der Situation litt. Vielleicht belastete ihn das mehr als die Erkrankung selbst.

Müdigkeit zeichnete dunkle Schatten unter Lilys blaue Augen und vertiefte die Linien von der Nase zu den Mundwinkeln. Ihr blondes Haar hatte einige graue Strähnen mehr als noch vor sechs Monaten in New York. Doch vor allem ihr kummervoller Blick bedrückte Maggie.

„Es geht ihm einigermaßen gut, Liebes“, versicherte Lily ihrer Erstgeborenen sanft. „Er ist schwach, aber er ruht sich jetzt aus. Gott sei Dank.“

„Was ist passiert? Als wir gestern telefoniert haben, sagtest du, er würde sich zu Hause ausruhen.“

„Das war auch so. Dann bekam er gestern Nacht plötzlich Schwierigkeiten mit der Atmung. Seine Lungen waren mit Flüssigkeit gefüllt, deshalb haben wir ihn hergebracht. Sie haben die Flüssigkeit abgeleitet, und jetzt geht es ihm besser.“

„Mit wir meinst du vermutlich diesen Dan Garrett, den ich zu Hause getroffen habe.“

„Oh, du hast Dan kennen gelernt? Gut, gut. Er ist ein wunderbarer junger Mann. Und er ist deinem Daddy eine große Hilfe. Und mir auch.“

„Mm“, machte Maggie emotionslos. Sie hatte vor, ihre Mutter ausführlich nach Dan Garrett zu befragen. Vor allem wollte sie wissen, wieso er eine so hohe Position im Familienunternehmen bekleiden konnte, doch das musste bis später warten. „Worauf war diese Flüssigkeitsansammlung in der Lunge zurückzuführen, und was tut der Arzt dagegen?“

Sie ignorierte die verblüfften Blicke der Schwestern hinter dem Tresen, hakte sich bei ihrer Mutter unter und ging mit ihr den Flur entlang zum Zimmer ihres Vaters, ehe eine der Frauen den Mut aufbringen konnte, sie um ein Autogramm zu bitten.

Obwohl sie nicht recht verstand, welche Faszination ein Autogramm hatte, war sie normalerweise bemüht, nett zu ihren Fans zu sein. Im Augenblick jedoch war sie nicht in der Stimmung, ihre Verehrung zu ertragen. Später, wenn sich die Lage geklärt hatte, würde sie einen kurzen Plausch mit den Schwestern halten.

„Das gehört zu dieser Krankheit“, erklärte Lily, ohne zu bemerken, welche Unruhe die Ankunft ihrer Tochter ausgelöst hatte. „Der Tumor behindert die normale Lungenfunktion, und dann bildet sich allmählich Flüssigkeit im Gewebe. Die musste schon zum zweiten Mal abgeleitet werden. Die Ärzte haben die Medikation entsprechend angepasst und möchten ihn einige Stunden beobachten. Immer vorausgesetzt, es gibt keine Komplikationen, können wir ihn morgen mit nach Haus nehmen.“

„Ist es in Ordnung, wenn ich mit hineingehe und ihn besuche?“

„Natürlich ist es das. Er darf Besuch empfangen. Gerade sind deine Schwestern bei ihm.“

„Wunderbar. Ich kann es gar nicht erwarten, Laurel und Jo Beth wiederzusehen.“

„Na, dann komm. Jacob schlief, als ich gegangen bin, um einen Kaffee zu trinken. Aber er wird gleich aufwachen.“

Maggie schritt forsch mit ihrer Mutter den Flur entlang. Ihre Schwestern hatten ihr in den letzten sieben Jahren schrecklich gefehlt. Lily besuchte sie regelmäßig in New York, aber Laurel und Jo Beth taten das nie. Wenn sie mit ihnen telefonierte, waren die Gespräche stets kurz, und sie hatten immer eine Ausrede parat, warum sie Lily nicht nach New York begleiten konnten. Sie hatte ihre Mutter nie danach gefragt, aber sie vermutete stark, dass ihr Vater den Schwestern jeden Kontakt mit ihr untersagt hatte.

Lily öffnete die Tür einen Spalt und spähte in Jacobs Zimmer. „Er schläft noch“, flüsterte sie Maggie über die Schulter hinweg zu. „Wir müssen leise sein.“ Dann steckte sie den Kopf zur Tür herein und flüsterte: „Schaut, wer hier ist!“ Sie drückte die Tür ganz auf und zog Maggie mit ins Zimmer.

„Maggie!“ Ein Ausdruck reinster Freude glitt über Laurels Gesicht. Sie machte eifrig einen Schritt vor, doch die gebellte Warnung ihres Mannes ließ sie verharren.

„Laurel!“

Laurel blickte zu Martin, und sofort wurde sie ernst, und das Licht der Freude erstarb in ihren Augen. Sichtlich ihre Gefühle beherrschend, faltete sie die Hände und sagte emotionslos: „Hallo, Maggie!“

Maggie mochte sich mit so einer kühlen Begrüßung nicht begnügen. Sie eilte auf Laurel zu und schlang die Arme um die Schwester. Laurel erwiderte die Umarmung eher widerwillig, was Maggie ignorierte. „Es ist so schön, dich wiederzusehen“, sagte sie und drückte ihre jüngere Schwester herzlich. „Du hast mir so gefehlt.“ Sie schob Laurel an den Schultern zurück und lächelte sie warmherzig an. „Wie geht es dir, Schwesterherz?“

„Gut. Einfach gut.“

So sah sie keineswegs aus. Sie wirkte blass und lustlos, und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Laurel war immer eine zierliche Schönheit gewesen, doch jetzt war sie nicht bloß schlank, sondern mager. Arme und Beine waren knochig, und ihre klassisch schönen Gesichtszüge hatten eine gewisse Schärfe. Sie trug das naturblonde Haar, das immer ihr ganzer Stolz gewesen war, im Nacken zusammengebunden, von wo es matt hinabhing.

Maggie sah es entsetzt. Laurel war erst sechsundzwanzig, nur ein Jahr jünger als sie, doch ihr jugendliches Strahlen war dahin. Sie wirkte verbraucht und müde, und sie war so mager, dass jeder Windhauch sie umwehen konnte.

Litt sie unter Magersucht, oder hatte die Sorge um den Vater sie so mitgenommen?

Was Maggie am meisten bedrückte, war jedoch die Tatsache, dass Laurel es vermied, ihr in die Augen zu sehen.

„Was will die hier?“ verlangte Martin zu wissen.

Maggie erstarrte. Bis zu diesem Moment hatte sie ihren Schwager keines Blickes gewürdigt. Seine offenkundige Empörung ließ ihren Zorn jedoch auflodern. Ehe sie sich umdrehen und ihm eine passende Erwiderung geben konnte, meldete sich allerdings ihre Mutter zu Wort.

„Maggie ist hier, weil ihr Vater schwer krank ist. Und weil ich sie gebeten habe zu kommen. Sie ist auch unsere Tochter, Martin. Sie hat ebenso viel Recht, hier zu sein wie ihre Schwestern.“

„Da stimme ich nicht zu.“

„Das mag sein. Aber diese Entscheidung liegt nicht bei dir, oder?“ Lily lächelte schwach, um ihren Worten die Spitze zu nehmen. Doch ihr Tonfall war hart und die Botschaft deutlich.

Dieser Wortwechsel verblüffte Maggie. Sie wusste, dass ihre Mutter Martin nicht sonderlich mochte. Doch als gute, wohlerzogene Südstaatenlady, die sie nun mal war, behandelte sie ihn stets höflich. Nicht nur wegen Laurel, sondern auch, weil Jacob Martin entschlossen unterstützte. Die sanftmütige Lily beugte sich in der Regel Jacobs Wünschen. Sie überließ ihm alle wichtigen Entscheidungen. Dass sie gegen Martin aufbegehrte, zumal in diesem entschiedenen Ton, war erstaunlich.

Maggie bemerkte, dass sie nicht als Einzige von Lilys untypischer Zurechtweisung überrascht war.

Martin war so verblüfft, dass es ihm volle fünf Sekunden die Sprache verschlug. Dann ging er, die Kiefer zusammengepresst, zum Fenster, starrte hinaus und kehrte dem Raum den Rücken.

Laurels Gesicht wurde noch blasser als zuvor, was Maggie nicht für möglich gehalten hatte. Laurel warf Martin einen besorgten Blick zu, wandte sich dann ab und hantierte sinnlos mit den Dingen auf Jacobs Nachttisch.

Um die Spannung zu lösen, wandte Maggie sich dem Mädchen zu, das sich in dem einzigen Sessel im Raum lümmelte, die Beine über die Armlehne gehängt. Zierlich, dunkelhaarig und mit niedlichem Gesicht, war ihre jüngste Schwester Jo Beth ganz dem Vater ergeben, so wie Laurel der Mutter.

„Sagt nicht, dass das unsere kleine Jo Beth ist. Ich kann es nicht glauben.“

Das Mädchen verdrehte die Augen und machte eine angewiderte Miene.

„Um Himmels willen, Kind, hör auf, dich so zu räkeln! Komm her und begrüße deine Schwester!“ wies Lily sie zurecht.

„Das kann ich auch von hier aus.“ Sie würdigte Maggie kaum eines Blickes. „Hi.“

„Jo Beth!“ Die Warnung in der mütterlichen Stimme war unüberhörbar, und die Stimmung des Mädchens wechselte sofort von angesäuert nach kampflustig.

„Was? Soll ich etwa ein Rad für sie schlagen? Warum? Sie hat sich in sieben Jahren nicht um uns gekümmert. Das große Supermodel ist sich zu gut für uns und für Ruby Falls.“

Martin drehte sich mit einem abfälligen Lächeln kurz zu ihnen um.

Laurel japste. „Wie kannst du so etwas Schreckliches sagen!“

„Jo Beth!“ schimpfte ihre Mutter.

„Was denn? Es ist doch die Wahrheit! Wir wissen doch alle, dass sie sich nicht für uns interessiert!“

„Also wirklich, Kind!“ empörte sich Lily, peinlich berührt. „Du solltest dich schämen, so mit deiner Schwester zu reden. Sei nett und entschuldige dich.“

„Wenn die Hölle gefriert.“ Das Mädchen schoss aus dem Sessel und warf Lily einen bösen Blick zu. Jo Beth ballte die Fäuste, und ihr Gesicht war in jugendlicher Empörung verzerrt.

„Jo Beth! Was fällt dir ein …“

Maggie berührte Lily am Arm. „Nein, Mom, lass nur. Es ist schon gut. Sie hat ein Recht auf ihre Meinung.“

„Du brauchst mich nicht zu verteidigen!“ giftete Jo Beth sie an.

„Gut, denn das tue ich gar nicht. Ich verteidige nur dein Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn du willst, kannst du dich später mit mir aussprechen.“ Maggie warf einen Blick auf ihren Vater. „Aber jetzt ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt dafür.“

Jo Beth schien etwas erwidern zu wollen, warf sich nach einigen Sekunden jedoch nur wortlos wieder in den Sessel und schmollte vor sich hin.

Da sie es nicht länger vermeiden konnte, sah Maggie ihren Schwager zum ersten Mal an. „Hallo, Martin.“

Er presste die Lippen zusammen und nickte knapp. „Maggie.“

Die knappe Erwiderung erfüllte nicht einmal die Mindestanforderungen an Höflichkeit, was Maggie nur recht war. Je weniger er zu ihr sagte, desto besser. Sie wäre zu glücklich, wenn er nie wieder das Wort an sie richten würde.

„Ist er aufgewacht, seit ich weg war?“ flüsterte Lily und ging zum Bett ihres Mannes.

Laurel schüttelte den Kopf. „Nein. Er schläft wirklich fest. Er hat sich nicht mal bewegt.“

Maggie stellte sich neben ihre Schwester ans Bett, der Mutter gegenüber. Sie legte einen Arm auf das Seitengitter des Bettes und strich ihrem Vater eine Haarsträhne aus der Stirn.

Er war ebenfalls dünner geworden und älter. Die Feststellung versetzte ihr einen schmerzlichen Stich.

Tiefe Linien durchzogen seine Stirn und rahmten seine Mundwinkel. Sein einst dunkles Haar war jetzt grau meliert. Maggie hatte ihren Vater immer als stark und unüberwindbar erlebt. Zu sehen, dass er gebrechlich wurde, tat weh.

In dem verwaschenen blau-weiß gestreiften Krankenhaushemd sah er alt, krank und verletzlich aus. Seine Augen schienen in die Höhlen gesunken zu sein, und die Haut an Nacken und Armen wirkte pergamentartig und faltig. Sogar das Haar auf seiner Brust, das aus dem V-Ausschnitt lugte, war weiß geworden.

Maggie spürte Tränen in die Augen steigen, blinzelte sie jedoch entschlossen fort. Zeit und die Krankheit hatten ihren Tribut gefordert, doch Jacob Malone war immer noch ein großer Mann. Was machte es schon, wenn seine Schultern ein bisschen knochig waren und seine Brust nicht mehr so breit und kräftig wie früher? Sie war immer noch breit genug, um fast das Bett einzunehmen, oder?

Mit einer schrecklichen Sehnsucht im Herzen betrachtete sie die breiten Schultern, und ein trauriges Lächeln ließ ihre Lippen beben. Wie oft hatte sie sich gewünscht, von den starken Armen ihres Vaters gehalten zu werden, den Kopf an seine Schulter zu legen und gedrückt zu werden und ihn dabei sagen zu hören: Ich hab dich lieb, Maggie-Mädchen?

Die Kiefer zusammengepresst, kämpfte sie gegen die aufwallende Trauer und den Schmerz an.

Er durfte nicht sterben. Die Ärzte mussten sich irren. Achtundfünfzig war kein Alter. Er konnte die Krankheit besiegen.

Oh Gott, Daddy, bitte stirb nicht!

„Laurel, es ist Zeit zu gehen“, erklärte Martin. „Ich muss zurück in die Fabrik. Jacob verlässt sich darauf, dass ich das Geschäft weiterführe. Ich kann ihm dort mehr helfen, als wenn ich hier herumstehe.“

„Fahr nur, Martin. Ich kann Laurel heimfahren, wenn die Besuchszeit vorüber ist.“

„Nein, danke, Lily. Sie hat ebenfalls noch einiges zu erledigen. Komm, Laurel, lass uns gehen.“

„Ich komme mit euch“, erklärte Jo Beth und sprang aus dem Sessel. „Ihr könnt mich auf der Heimfahrt absetzen.“

„Rufst du mich heute Abend an, wenn du zu Hause bist, Mom, und erzählst mir, wie es Daddy geht?“ fragte Laurel mit einem letzten besorgten Blick auf ihren Vater.

„Aber natürlich, Liebes.“

„Laurel, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“

„Ich komme schon.“ Sie schnappte sich ihre Tasche, küsste ihre Mutter auf die Wange und eilte durch die von Martin aufgehaltene Tür ohne einen Abschiedsgruß für Maggie.

„Behandelt er sie immer so?“ fragte Maggie, sobald sich die Tür hinter ihnen schloss.

„Hm. Die meiste Zeit versucht er etwas diskreter zu sein, aber ja, Martin verhält sich sehr dominant. Ich fürchte, ich war kein besonders gutes Vorbild für euch, weil ich mich immer eurem Vater gefügt habe, aber ich tue es, weil ich ihn liebe und respektiere. Jacob hat niemals blinden Gehorsam verlangt, wie Martin das tut.“

Lily schüttelte leicht den Kopf und fuhr fort: „Ich habe versucht, mit Laurel zu reden. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich nicht so herumkommandieren lassen. Aber sie wischt meine Besorgnis immer lachend beiseite. Angeblich ist sie glücklich, und ich mache mir wegen nichts Gedanken. Jacob ist keinen Deut besser. Er rechtfertigt Martins Benehmen damit, dass er eben ein Mann sei, der glaube, Männer sollten in der Familie die Hosen anhaben.“

„Ich an Laurels Stelle würde ihn mit seinen Hosen erwürgen. Wie hält sie das bloß aus?“

„Sie liebt ihn, denke ich.“

„Daddy liebt dich auch, aber er hat dich nie so behandelt.“

Im Gegenteil, Jacob verehrte Lily, und nach neunundzwanzig Ehejahren behandelte er sie immer noch wie den größten Schatz auf Erden. Maggie war sicher, dass ihre Eltern die wenigen ernsten Streitigkeiten, die sie hatten, an den Fingern einer Hand abzählen konnten. Weder sie noch ihre Schwestern hatten je ein böses Wort zwischen den beiden gehört.

Lily seufzte. „Ich weiß. Aber die Menschen sind verschieden, Maggie. So sehr mir Martins Verhalten auch missfällt, die Ehe spielt sich zwischen den beiden Partnern ab. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns da einzumischen.“

„Ich werde nie begreifen, was sie in ihm sieht.“ Maggie schauderte angewidert.

„Na ja, Maggie …“

Jacob regte sich und stöhnte leise. Beide Frauen vergaßen Martin Howe und beugten sich besorgt über das Gitter an der jeweiligen Bettseite. Maggie schaute voller Kummer in das erschöpfte Gesicht ihres kranken Vaters.

„Na, hast du endlich beschlossen aufzuwachen“, neckte Lily ihn und schob ihre Hand in seine.

Jacob blinzelte und richtete den Blick auf das Gesicht seiner Frau. Die sah ihn mit so viel Liebe an, dass es Maggie fast zu Tränen rührte. Sein Mund zuckte in dem Versuch eines Lächelns. „Hallo, Liebes.“

„Selber hallo.“ Lily drückte ihm die Hand. „Schau, wer gekommen ist, dich zu besuchen, Schatz.“ Sie blickte über das Bett zu Maggie, und er drehte langsam den Kopf.

Ein Ausdruck des Schocks huschte über sein Gesicht.

Maggie krampfte sich der Magen zusammen, trotzdem gelang ihr ein Lächeln. „Hallo, Daddy.“

„Du?“ Seine Miene wurde hart, der Blick frostig. „Was zum Teufel tust du denn hier?“

3. KAPITEL

Maggies Blick flog blitzartig zu ihrer Mutter.

Es war alles gelogen, warf sie ihr stumm vor. Er wollte mich nicht sehen. Er will mich gar nicht hier haben. Du hast mich angelogen!

Lily besaß den Anstand, schuldbewusst auszusehen, doch das tröstete Maggie wenig.

Gekränkt und desillusioniert, wurde ihr das Herz so schwer, dass es sich anfühlte wie ein Klumpen nasser Zement. Es gab nur zwei Menschen auf der Welt, denen sie blindlings vertraut hatte: ihre Mutter und Tante Nan. Und jetzt hatte Lily sie angelogen und hereingelegt.

Mein Gott, was für ein Trottel bin ich gewesen, sagte sie sich. Ich hätte niemals herkommen dürfen. Und auch noch zu glauben, Daddy hätte endlich eingelenkt und wolle mich sehen. Idiotin, wirst du niemals klug?

„Ich habe dir eine Frage gestellt. Was tust du hier?“

Sie verbarg, wie gekränkt sie war, und schenkte ihrem Vater ein kesses Lächeln. „Na ja, Daddy, du kennst die Redewendung vom falschen Fuffziger. Der taucht immer wieder auf.“

Jacob presste die Lippen zusammen. „Ich hätte eine freche Antwort von dir erwarten sollen. Du hast dich kein bisschen geändert. Du bist immer noch dieselbe respektlose, nassforsche Göre, die du warst.“

Sie lächelte achselzuckend. „Ich komme gut damit zurecht.“

Innerlich war sie am Boden zerstört und hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Das wiederum gelang ihr nur, indem sie sich hinter einer Fassade aus Blasiertheit und kecker Unerschütterlichkeit versteckte.

Dieses Verhalten war ein Reflex, der sie beunruhigte und ihren Vater ärgerte, allerdings aus anderen Gründen.

Warum machte seine Ablehnung ihr so viel aus? Warum kränkte es sie so sehr? Schließlich war sie eine erwachsene Frau, eine kompetente, intelligente, erfolgreiche Frau, die sich auf jedem Parkett bewegen konnte. Sie war mit den Größen aus Film, Politik und Wirtschaft bekannt. Sie war selbst eine Berühmtheit, um Himmels willen!

Doch ein hartes Wort von ihrem Vater, und sie war wieder das gekränkte kleine Mädchen, das sie einmal gewesen war.

Und genau wie früher reagierte sie auf seine Zurückweisung und den damit verbundenen Schmerz instinktiv mit Spott und Provokation.

Das war kindisch und schadete nur, doch es war ihre einzige Verteidigungsstrategie. Andernfalls würde sie in Tränen ausbrechen. Sie wollte verdammt sein, wenn sie ihm zeigte, wie sehr sie sich nach seiner Anerkennung sehnte.

Jacobs Lippen waren ein schmaler Strich. Trotz Krankheit und Schwäche war seine Feindseligkeit unverändert. Er verströmte sie geradezu wie tausend kleine Giftpfeile, die ihr Herz durchbohrten.

„Katherine, ehe du gingst, habe ich dir deutlich gesagt, dass du hier nicht mehr willkommen bist.“

„Jacob!“

Er ignorierte den schockierten Ausruf seiner Frau. Maggie hörte ihre Mutter auch nicht. Sie war ganz auf ihren Vater konzentriert. „Oh ja, das hast du zweifellos.“

Sie hätte jede Wette abgeschlossen, dass er sie weiterhin Katherine nannte. Auf Betreiben ihrer Mutter war sie als Erstgeborene nach der Familienmatriarchin, seiner Großmutter Katherine Margaret Malone benannt worden, Rufname Maggie. Doch von Anfang an hatte ihr Vater darauf bestanden, sie Katherine zu rufen. Obwohl er es nie erklärt hatte, argwöhnte Maggie, dass es ihm unerträglich war, sie mit dem Rufnamen seiner geliebten Großmutter anzusprechen.

Lily biss sich auf die Unterlippe, faltete in sichtlichem Unbehagen die Hände und ließ den besorgten Blick zwischen Vater und Tochter hin- und herwandern.

„Da du das weißt, ist es ziemlich unverfroren von dir, hier aufzukreuzen. Dachtest du, ich wäre zu krank, um dich wieder hinauszuwerfen?“

„Jacob, bitte!“ Lilys Gesicht war weiß vor Kummer. „Wenn du auf jemand zornig sein musst, dann auf mich. Ich habe Maggie gebeten heimzukommen. Ich habe ihr gesagt, du möchtest sie sehen.“

„Was? Verdammt, Lily, das hättest du nicht tun dürfen! Du weißt …“

Die Tür schwang auf, und ein junger Mann Mitte dreißig trat ein. „Guten Tag, Mr. Malone. Wie fühlen Sie sich heute? Ich hoffe, besser.“

Auch ohne den weißen Kittel und das Stethoskop in der Tasche hätte Maggie ihn eindeutig als Arzt erkannt. Er sah irgendwie frisch geschrubbt und geradezu antiseptisch aus.

Als er Maggie entdeckte, blieb er stehen und starrte sie geradezu an. An solche Reaktionen gewöhnt, besonders bei Männern, gab sie vor, es nicht zu bemerken, und lächelte nur.

Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er seine Verblüffung sofort überwand, auf sie zuging und ihr die Hand gab. „Hallo, ich bin Dr. Neil Sanderson, Dr. Lockharts neuer Partner. Sind Sie nicht …?“

„Das ist unsere Tochter Maggie“, erklärte Lily rasch mit nervöser Stimme, um die zornig gespannte Atmosphäre aufzulockern. „Maggie ist Model, Neil. Sie haben ihr Bild sicher schon in Magazinen gesehen.“

„Ja, natürlich. Ich hätte Sie gleich erkennen müssen. Ihr Gesicht ziert die Hälfte aller Titelseiten der Zeitschriften im Warteraum.“ Dr. Sandersons blaue Augen strahlten, als er ihr ein breites Lächeln schenkte. „Es ist mir ein Vergnügen, Miss Malone.“

Maggie schüttelte ihm die Hand und erwiderte eine artige Floskel. Was, wusste sie selbst nicht genau. Sie brauchte ihre ganze Konzentration, um Lässigkeit zu heucheln.

„Maggie ist gerade angekommen. Sie ist aus Griechenland hergeflogen.“

„Verstehe. Na, dann möchte ich Ihren Besuch nicht stören. Ich kann später wiederkommen.“

„Sie stören nicht.“ Jacob sah Maggie frostig an. „Sie wollte gerade gehen.“

Maggie zwang sich zu einem Kichern und blinzelte dem Doktor zu. „Nicht sehr diskret, was. Das ist Daddys Art, mir mitzuteilen, ich soll verschwinden, während Sie ihn untersuchen.“ Sie zwinkerte und flüsterte hinter vorgehaltener Hand, damit es alle hörten: „Ich glaube, er fürchtet, Ihr nettes Krankenhausnachthemd sei etwas zu freizügig für mein sensibles Gemüt.“

Dr. Sanderson schien entsetzt. „Oh nein, bitte, gehen Sie nicht meinetwegen. Ich kann genauso gut am Ende meiner Runde noch einmal vorbeikommen.“

Maggie lachte wieder und tätschelte ihm den Arm. „Ich mache nur Scherze, Doc. Daddy ist nur rücksichtsvoll. In den letzten vier Tagen habe ich außer kurzen Nickerchen im Flugzeug keinen Schlaf bekommen. Der Jetlag holt mich ein. Wenn ich nicht bald ein Bett finde, falle ich um. Ich bin nur auf dem Heimweg vorbeigekommen, um meine Familie wissen zu lassen, dass ich da bin.“

„Verstehe. In dem Fall war es mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen. Vielleicht sehen wir uns noch mal, ehe Sie abreisen.“

„Vielleicht“, erwiderte sie mit flirtendem Lächeln und sah leichte Röte in seinem Nacken aufsteigen.

Obwohl Maggie zum ersten Mal im Leben richtig wütend war auf ihre Mutter, umarmte sie sie kurz zum Abschied, da Dr. Sanderson anwesend war. „Wir sehen uns später zu Hause.“

Sie beugte sich hinab, küsste ihren Vater auf die Stirn und ignorierte, wie er bei ihrer Berührung versteinerte. Sie blinzelte ihm zu und neckte: „Also, Daddy, und dass du mir ja keine hübschen Schwestern jagst, hörst du?“

Sie ignorierte das Schmalerwerden seiner Lippen und verließ den Raum scheinbar selbstsicher, als hätte sie keine Sorge auf der Welt.

Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sackte sie an der Wand im Flur in sich zusammen und schlug eine Hand vor den Mund. Oh Gott, oh Gott!

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