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Die Heilerin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Erstes Kapitel
  7. Zweites Kapitel
  8. Drittes Kapitel
  9. Viertes Kapitel
  10. Fünftes Kapitel
  11. Sechstes Kapitel
  12. Siebtes Kapitel
  13. Achtes Kapitel
  14. Neuntes Kapitel
  15. Zehntes Kapitel
  16. Elftes Kapitel
  17. Zwölftes Kapitel
  18. Dreizehntes Kapitel
  19. Vierzehntes Kapitel
  20. Fünfzehntes Kapitel
  21. Sechzehntes Kapitel
  22. Siebzehntes Kapitel
  23. Achtzehntes Kapitel
  24. Neunzehntes Kapitel
  25. Zwanzigstes Kapitel
  26. Einundzwanzigstes Kapitel
  27. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  28. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  29. Vierundzwanzigstes Kapitel
  30. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  31. Danksagung

Über die Autorin

Janice Hardy wurde in Pennsylvania geboren und wuchs in Florida auf. Sie machte einen Collegeabschluss in Grafikdesign und arbeitete als Gestalterin für verschiedene Zeitschriften. Während dieser Zeit machte sie einen Kurs als Rettungstaucherin und lernte dabei ihren Mann kennen. Gemeinsam entdeckten sie eine Leidenschaft für das Fallschirmspringen. Zwischen Wasser und Himmel leben die beiden heute auf dem trockenen Land in Georgia, zusammen mit vier Katzen.

Erstes Kapitel

Eier zu klauen ist erheblich schwerer, als das ganze Huhn zu stehlen. Bei Hühnern muss man sich nur eine Henne schnappen, sie in einen Sack stopfen und das Weite suchen. Geht es aber um Eier, muss man eine Hand unter das schlafende Huhn schieben. Hühner mögen das nicht. Sie wachen erschrocken auf und fangen an, einem Löcher in die Arme oder, wenn es in Reichweite ist, das Gesicht zu picken. Und sie kreischen irgendwas Furchtbares.

Der Trick ist, das Huhn erst zu wecken und dann die Eier einzusammeln. Ich geniere mich zu sagen, wie lange ich gebraucht habe, um das herauszufinden.

»Guten Morgen, kleine Henne«, säuselte ich leise. Das Huhn erwachte blinzelnd, legte den Kopf schief und musterte mich. Es kam gar nicht dazu zu kreischen, es flatterte nur ein wenig mit den Flügeln, als ich es von seinem Nest hob, beruhigte sich aber gleich, als ich es unter meinen Arm klemmte. Diesen Trick hatten mir ein paar Jungs verraten, mit denen ich in der Vorwoche Fisch abgeladen hatte.

Neben mir ertönte eine Stimme. »Keine Bewegung.«

Zwei Worte, die man ungern hört, wenn man das Huhn einer anderen Person unter dem Arm hält.

Ich erstarrte. Das Huhn nicht. Seine schuppigen Füße schlugen auf die Eier ein, die mein Frühstück hätten darstellen sollen. Ich blickte auf und sah einen niedlichen Nachtwächter vor mir, kaum älter als ich, sechzehn vielleicht. Die Nacht war schwüler als üblich, aber eine sanfte Brise strich durch sein sandfahles Haar. Militärischer Schnitt, aber einen oder zwei Monate zu lange gewachsen.

Bleib ruhig, bleib wachsam. Wie Großmama stets zu sagen pflegte: Wenn man dich mit dem Kuchen erwischt, kannst du ebenso gut ein Stück anbieten. Ich bin allerdings nicht sicher, inwieweit sich das auf Hühner anwenden lässt.

»Frühstücken wir zusammen, wenn deine Schicht vorbei ist?«, fragte ich. Bis zum Sonnenaufgang waren es noch zwei Stunden.

Er lächelte, richtete aber trotzdem ein Rapier auf meine Brust. Schon nett, im Mondschein von einem hübschen Jungen angelächelt zu werden, aber das hier war ein trauriges Tut-mirleid-ich-mache-nur-meine-Arbeit-Lächeln. Zwischen verschiedenen Arten des Lächelns zu unterscheiden hatte ich erheblich schneller gelernt als diese Sache mit den Eiern.

»Also, Heclar«, sagte er über seine Schulter hinweg, »hier treibt sich wirklich eine Diebin rum. Schätze, ich hatte unrecht.«

Bauer Heclar trottete in mein Blickfeld. Er hatte eine geradezu unheimliche Ähnlichkeit mit dem Huhn, das versuchte, mich zu picken – zerzaust, mit einem schnabelförmigen Zinken und kleinen Knopfaugen. Er räusperte sich und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Ich habe dir ja gesagt, dass meine Hühner nicht von Krokodilen gerissen werden.«

»Ich bin kein Hühnerdieb«, sagte ich hastig.

»Und was ist dann das?« Der Nachtwächter richtete die Spitze des Rapiers auf das Federvieh und lächelte wieder. Dieses Mal freundlicher, aber seine dunkelbraunen Augen hatten auffällig gezwinkert, als er das Handgelenk gebeugt hatte.

»Ein Huhn.« Ich blies mir eine verirrte Feder vom Kinn und sah genauer hin. Seine Knöchel waren weiß, so hart umspannte er solch eine leichte Waffe. Das deutete auf Gelenkschmerzen hin, vielleicht sogar Knöchelbrand, auch wenn er dafür eigentlich noch zu jung war. Diese schmerzhafte Gelenkentzündung war typisch für ältere Hafenarbeiter. Ich schätze, das war der Grund, warum er so einen lausigen Job hatte und Hühner bewachen musste anstelle von Aristokraten. Aber ich selbst war schließlich auch nicht gerade vom Glück verfolgt.

»Hör mal«, sagte ich, »ich wollte sie nicht stehlen. Ich wollte nur an die Eier.«

Der Nachtwächter nickte, als hätte er Verständnis für mich, und drehte sich zu Heclar um. »Sie ist bloß hungrig. Vielleicht kannst du sie mit einer Verwarnung davonkommen lassen?«

»Schnapp sie dir, du Idiot! In Dorsta wird sie schon was zu essen kriegen.«

Dorsta? Ich schluckte. »Hör mal, zwei Eier zum Frühstück sind doch wirklich kein Grund, mich ins Gefängnis …«

»Diebe gehören ins Gefängnis!«

Ich zuckte zurück, und mein Fuß glitschte in Hühnerscheiße. Massen davon. Sie troff aus jedem Korb in der Reihe. Allein auf der Seeseite der Insel standen wenigstens sechzig dieser schmutzigen Körbe. »He, ich bin bereit, für die Eier zu arbeiten. Wie wäre es mit zwei Eiern für jede gereinigte Reihe Hühnerkörbe?«

»Du wirst mir nur drei weitere stehlen.«

»Nicht, wenn er Wache hält.« Ich deutete mit einem Nicken auf den Nachtwächter. Mit dem Gestank würde ich schon zurechtkommen, wenn ich bei der Arbeit so knuddelige Gesellschaft hätte. Womöglich bekam er die Zeit dafür noch zusätzlich bezahlt, was mir vielleicht sein Wohlwollen eintragen würde, sollten wir je wieder im frühmorgendlichen Mondschein zusammenstoßen. »Wie wäre es mit einem Ei pro Reihe?«

Der Nachtwächter schürzte die Lippen und nickte. »Klingt doch preiswert, oder?«

»Nun nimm sie schon fest!«

Ich hob das Huhn hoch. Es gackerte, flatterte und scharrte vor lauter Panik. Der Nachtwächter schrie auf und ließ das Rapier fallen. Ich rannte, als wäre der Teufel hinter mir her.

»Stehen bleiben! Diebin!«

Selbstgerechten Bauern konnte ich davonlaufen, sogar auf ihrem eigenen Grund und Boden, aber diesem Nachtwächter? Seine Hände mochten krank sein, seine Füße und seine Reflexe hingegen funktionierten wunderbar.

Gerade einen Armschwinger früher als er umrundete ich einen Stapel kaputter Hühnerkörbe. Ohne langsamer zu werden, huschte ich nach links, hastete eine mit Maiskörnern gesprenkelte Reihe von Körben entlang, die parallel zum Bauernmarktkanal verlief. Das brachte mir ein paar Schritte Vorsprung, aber er hatte die längeren Beine. Auf gerader Strecke hatte ich keine Chance, ihm zu entwischen.

Ich scherte nach rechts aus und zerrte eine leere Marktkiste aus den aufgereihten Körben heraus, sodass sie zwischen mir und dem Nachtwächter zu Boden krachte.

»Aah!« Ein Bums, ein Bersten, gefolgt von eindrucksvollen Flüchen.

Ich riskierte einen Blick zurück. Trümmerstücke der Kiste verteilten sich kreuz und quer über den Weg. Der Nachtwächter humpelte ein wenig, aber das hielt ihn nicht sonderlich auf. Ich hatte wieder nur ein paar Schritte gewonnen.

Vor mir teilte sich die Reihe; hüfthohe Körbe säumten den Weg wie die Mauern der Kanäle, die sich kreuz und quer durch Geveg zogen. Ich schwenkte nach links zur Bauernmarktbrücke, geplagt von heftigem Seitenstechen. Die Insel zu verlassen, konnte ich vergessen. Ich würde es nicht mal schaffen, das Terrain der Hühnerfarm hinter mir zu lassen.

Ein paar Dutzend Schritte vor der Brücke blockierten weitere Kisten den Weg. Die Kisten waren etwa kniehoch und doppelt so breit. Lose Drähte rankten aus ihnen hervor wie Wasserpfeffer. Wurde auf diesem Gut denn nie aufgeräumt? Gerade einen Schritt vor dem Nachtwächter machte ich einen Satz, der mich über die Kisten hinwegtragen sollte. Seine Finger streiften den Rücken meines Hemds, bekamen den Saum zu fassen. Ich stolperte, ruderte mit den Armen, suchte nach irgendetwas, das meinen Sturz abfangen konnte.

Der Boden erledigte das für mich.

Ich schnappte nach der Luft, die mir entfahren war, und inhalierte eine Lunge voll Staub und Federn. Einen erstickten Atemzug später stürzte der Nachtwächter über die Kisten und landete neben mir auf dem Boden. Getrockneter Mais stob aus einer Kiste und verteilte sich auf der Erde.

Ich wühlte im Dreck, während er fluchend sein Bein umfasste. Er hatte ein gutes Stück seines Schienbeins an einer der Kisten hinterlassen, und sein sonderbar abgewinkeltes Fußgelenk war zumindest verstaucht, vielleicht auch gebrochen.

Er sah mich an und setzte ein schiefes Grinsen auf. »Jetzt hau schon ab.«

Ich stemmte mich hoch, lief aber nicht davon. Er würde meinetwegen seine Arbeit verlieren, und ich nahm an, dass ihm nicht viele Möglichkeiten geblieben sein konnten, wenn er für so einen Geizhals wie Heclar arbeitete. Ich kniete mich zu ihm, ergriff seine Hände, presste die Daumen auf die Knöchel und zog.

Für einen Moment flammten unsere Hände durch den Heilungsprozess prickelnd heiß auf. Er keuchte, ich stöhnte, dann war sein Schmerz in meinen Händen. Das schlimme Bein ließ ich ihm. Das war immerhin eine gute Entschuldigung dafür, dass er mich hatte laufen lassen, und wenn die Heiligen ihm gut gesinnt waren, würde er sogar seine Arbeit behalten. Wenn nicht, dann hatte ich wenigstens seine Hände geheilt. Heutzutage war es für einheimische Geveger schwer genug, Arbeit zu finden. Schlimme Hände waren da bestimmt nicht hilfreich.

Mit schmerzenden Knöcheln wandte ich mich ab, ehe ihm klar wurde, was ich getan hatte. Ein Ausdruck der Dankbarkeit in diesem hübschen Gesicht, und ich würde noch andere Dummheiten begehen.

Ich tat einen Schritt nach vorn, doch ein Schatten versperrte mir den Fluchtweg. Heclar! Er schlug nach meinem Kopf. Ich duckte mich, aber ich war nicht schnell genug.

Schmerz fraß sich in meine Schläfe, und ich ging erneut zu Boden. Heclar hing, umgeben von silbernen Punkten, die vor meinen Augen tanzten, über mir, einen blau-schwarzen Pynvium-Knüppel in Händen.

Der Anblick machte mich im Handumdrehen wieder munter. Ich konnte von Glück reden, dass er so geizig war, mich nur mit dem Knüppel zu schlagen, statt ihn an mir zu entladen. Die Waffe war zu schwarz, um aus reinem Pynvium zu bestehen, aber blau genug, um eine Menge Schmerz zu enthalten. Der Wirkung dieser Keule wollte ich ebenso wenig ausgesetzt werden, wie ich ins Gefängnis wollte.

Er setzte eine höhnische Miene auf und zeigte mit dem Knüppel auf mich. »Ein Haufen Diebe seid ihr beide.«

Ich griff zum Schienbein des Nachtwächters und zog, fügte Knochen zusammen und entriss seinem Fußgelenk jeglichen Schmerz, jeglichen Stich, jedes Zucken. Sein Schmerz rann durch meinen Arm, versengte mein Bein und fraß sich in mein eigenes Fußgelenk. Ja. Definitiv gebrochen. Mein Magen drehte sich um, aber er enthielt nichts, was ich hätte ausspucken können.

Mit der freien Hand ergriff ich Heclars Bein und drückte. Der Schmerz, den der Nachtwächter sich nicht hatte anmerken lassen, raste durch meine andere Körperseite und ergoss sich aus meinen kribbelnden Fingern in Heclars Körper. Beinahe hätte ich ihm auch den Knöchelbrand verabreicht, aber dann hätten sich seine Hände verkrampft, und ein plötzlicher harter Griff um die Pynviumkeule könnte ihren Zauber freisetzen. Bei meinem Glück mochte das Ding durchaus versehentlich losgehen.

Heclar schrie laut genug, um die Heiligen zu wecken. Um die Wahrheit zu sagen, was ich ihm da antat, war mehr, als er verdient hatte. Aber mich wegen zweier Eier, die ich noch gar nicht gestohlen hatte, ins Gefängnis zu schicken war auch mehr, als ich verdient hatte. Die Heiligen können schon ziemlich komisch sein.

Ich ließ beide Männer in dem Hühnerfutter und den Federn liegen und brachte mich in Sicherheit. Nur fünf Schritte bis zum Tor, dann noch fünf bis zur Bauernmarktbrücke. Hatte ich die Brücke erst überquert, wäre ich weg von der Insel und im Zentrum von Geveg, wo es leichter war, sich zu verstecken. Vorausgesetzt, ich fiel nicht schon vorher in Ohnmacht.

Am Fuß der Brücke starrten mir zwei Jungs, gewandet in das Grün der Heilergilde, verblüfft entgegen. Schlitternd kam ich zum Stehen und sah mich über die Schulter um. Von hier aus konnte ich den Nachtwächter und den plärrenden Hühnerzüchter klar und deutlich erkennen. Die Jungs hatten mich zweifellos bei meinem Tun beobachtet.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte einer der Jungs, groß und dürr, doch mit Augen, die für so einen jungen Menschen zu hart wirkten. Einen Burschen, der zu jung war, um ein Lehrling zu sein. Also ein Mündel. Seit dem Krieg trieben sich viele Waisen in Geveg herum. So wie ich.

»Ich habe … gar nichts gemacht.« Das Atmen verlangte mir mehr Kraft ab, als ich hatte. Ich hielt mir die Seite, als ich mich an ihnen vorbeischob und mich zugleich nach Lehrherren oder dem lästigen Begleitschutz umblickte, der üblicherweise wie Schilfrohrsaft an den Mündeln klebte. Wenn einer von ihnen tatsächlich gesehen hatte, dass ich Schmerz übertragen hatte … ich schauderte.

»Hast du wohl!« Der andere Junge nickte bekräftigend, und sein rotes Haar fiel ihm in die Augen. Mit einer sommersprossigen Hand strich er es zurück. »Du hast dem einen Mann den Schmerz genommen und ihn dem anderen gegeben. Du hast geschiftet. Wir haben es gesehen!«

»Nein, habe ich nicht … ich hab ihn in den Fuß gestochen … mit einem Nagel.« Ich beugte mich vor, die Hände auf die Knie gepflanzt. Wieder sah ich die silbernen Flecken am Rande meines Blickfelds, wie sie sich von der Seite an mich heranschlichen. »Wenn ihr genau hinseht … könnt ihr immer noch das Blut sehen.«

»Ältester Len sagt, Schifter gibt es nicht, das wär alles nur ein Märchen. Aber du kannst das wirklich, nicht wahr?«

Ich war nicht sicher, welche Heilige für das Glück zuständig war, aber ich muss ihr irgendwann in meinen fünfzehn Jahren übel auf die Füße getreten haben. »Ihr Jungs geht besser zurück zu eurer Gilde … ehe der Erhabene herausfindet, dass ihr euch frühmorgens draußen rumtreibt.«

Beide erbleichten, als ich den Erhabenen erwähnte. Wir bekamen jedes Jahr einen neuen, eine Art Erprobungszeit, die die Heiler des Herzogs durchmachen mussten, um ihren Wert zu erweisen. Der neue Erhabene war natürlich ein Baseeri, und wie alle Baseeris in Positionen, die ein Geveger einnehmen sollte, konnte auch ihn niemand leiden. Er war erst seit ein paar Monaten hier, aber schon jetzt wurde er von jedermann gefürchtet. Er führte die Gilde ohne jedes Mitgefühl, und kam ihm jemand in die Quere, so konnte der jede Hoffnung begraben, dass man ihm oder seiner Familie jemals eine Heilbehandlung gewähren würde, sollte es einmal nötig werden.

»Ihr wollt doch keinen Ärger, oder?«

»Nein!«

Ich legte einen Finger an die Lippen. »Ich sage niemandem was, wenn ihr auch den Mund haltet.«

Sie nickten so eifrig, dass ihre Augäpfel aus ihren Köpfen zu fallen drohten. Aber Jungs in dem Alter können kein Geheimnis für sich behalten. Bis zum Morgen würde die ganze Gilde Bescheid wissen.

Tali würde mich umbringen.

»Oh, Nya, wie konntest du nur?«

Wie immer, wenn sie mir böse war, versuchte Tali Mamas enttäuschte Miene zu imitieren. Das Kinn angezogen, die braunen Welpenaugen geweitet, die Lippen geschürzt und zugleich die Stirn gerunzelt. Mama hatte das allerdings besser hingekriegt.

»Wär es dir lieber, ich wäre ins Gefängnis gegangen?«

»Natürlich nicht.«

»Dann vergiss es wieder. Was geschehen ist, ist geschehen, und …«

»… auf Nimmerwiedersehen«, beendete sie den Satz an meiner Stelle.

Ich war drei Jahre älter als sie, was mir normalerweise die nötige Autorität verschaffen sollte, aber seit sie sich der Gilde angeschlossen hatte, vergaß sie ständig, wer die große Schwester war. Und das, obwohl nur wir beide allein übrig waren, aber sie schaffte es irgendwie trotzdem.

»Sei froh, dass ich entkommen bin.« Ich ließ mich rückwärts in die grünen Sitzkissen fallen. Tali saß auf ihrer Bettkante, gekleidet in die Lehrlingsuniform der Heilergilde. Ihr weißes Unterkleid war ordentlich geplättet, das kurze grüne Leibchen sorgsam geknöpft. Aus dem kleinen Fenster oben in der Wand ergoss sich ein Sonnenstrahl über sie und brachte die geflochtene Silberlitze auf ihrer Schulter zum Funkeln.

Die Tür zu Talis Schlafkammer war geschlossen, aber nicht schalldicht. Schlurfende Schritte und aufgeregtes Kichern drangen zu uns herein, als andere Lehrlinge sich für den Unterricht bereitmachten. Die Morgenvisite würde bald anfangen, und ich musste mir irgendeine Arbeit suchen, wenn ich heute noch etwas zu essen kriegen wollte. Tali schmuggelte Essen für mich heraus, wenn sie konnte, aber die Gilde zählte jede Kartoffel ab, und die Lehrlinge und Mündel wurden – umso mehr, wenn sie Geveger waren – während der Mahlzeiten streng beaufsichtigt. Hunger hin oder her, ich würde nicht zulassen, dass sie ihre Lehre aufs Spiel setzte, wenn es nicht unbedingt nötig war, und ich musste sie für mehr in Anspruch nehmen als nur ein Frühstück.

»Hast du heute Vormittag Dienst?«, fragte ich und zappelte im Sonnenschein mit den Zehen.

Tali nickte, sah mich aber nicht an. Ich glaube, Heilung zu stehlen ängstigte sie mehr, als Lebensmittel zu stehlen, obwohl die Wahrscheinlichkeit, im Speisesaal erwischt zu werden, erheblich größer war.

»Könntest du?« Ich hob die schmerzenden Hände. Mit den Schmerzen, die mir der Knöchelbrand des Nachtwächters bereitete, hätte ich allenfalls noch als Träger getaugt. Aber niemand würde mich dafür anheuern; ich konnte nicht genug auf meinem Buckel schleppen, um das Geld wert zu sein.

»Sicher. Komm her.«

Sie ergriff meine Hände. Hitze blühte auf, und der Schmerz verschwand, sicher verstaut in Talis Knöcheln. Dort würde er bleiben, bis irgendein Aristokrat die Gilde dafür bezahlte, ihn von seinem Schmerz zu befreien. Anschließend konnte sie beides in den Block einleiten. Es war riskant, Schmerz an den Ältesten der Gilde vorbeizuschmuggeln, aber ich konnte den Schmerz nicht selbst in den Block fließen lassen, selbst dann nicht, wenn es mir gelänge, überhaupt an ihn ranzukommen.

Der Block war eigentlich nicht der richtige Name, aber so wurde das Ding von allen Lehrlingen und rangniedrigen Litzenträgern genannt. Korrekt hieß das Ding »Hochleitfähiges Heilpynvium-Element« oder so ähnlich, was nun wirklich nicht gerade eine knackige Bezeichnung war. Ich hatte den Block nie gesehen, nicht einmal, als Mama noch gelebt hatte, aber Tali sagte, er bestünde aus purem Pynvium, ozeanblau, massiv und so groß wie ein Heuballen. Mit dem Geld, das der Erhabene dafür bezahlt haben musste, könnte ich mich den Rest meines Lebens satt essen.

Tali krümmte die Finger und verzog das Gesicht. »Du hättest das auch den Schmerzhändlern verkaufen können, weißt du.«

Ich rümpfte die Nase. Die Schmerzhändler waren zwar keine echten Diebe, aber sie bezahlten so wenig für den Schmerz, dass es an Diebstahl grenzte. Früher einmal, vor meiner Zeit, hatten sie Leute gegen Entgelt geheilt, genau wie die Gilde es tat, aber irgendwann war ihnen aufgegangen, dass sie mehr Schmerz sammeln konnten, wenn sie bereit waren, dafür zu zahlen. Heute verdienten sie ihr Geld, indem sie den Schmerz dazu nutzten, Schmuckstücke und Waffen aufzuladen, die sie anschließend für viel, viel mehr Geld, als sie durch das Heilen je verdient hatten, an die Adelsleute aus Baseer verkauften.

Natürlich hatte die Sache auch eine Kehrseite.

Da sie nun keine geschulten Heiler mehr anheuerten, konnte man nie sicher sein, ob man wirklich geheilt wurde, wenn man zu ihnen ging. Einige ihrer Schmerzlöser nahmen einem lediglich den Schmerz und ließen die Ursache zurück, wenn sie nicht wussten, wie sie sie abstellen konnten. Nur Leute, die keine andere Wahl hatten, gingen noch zu ihnen, und ich hatte mehr als genug mysteriöse Todesfälle unter den Armen und Verzweifelten erlebt. Von all den lahmen und verkrüppelten Gliedern, die man heutzutage auf der Straße sah, hatten die Schmerzhändler nicht weniger zu verantworten als der Krieg.

Ich war beinahe verzweifelt genug, sie aufzusuchen, aber ich hatte noch andere Gründe, Distanz zu ihnen zu wahren. »Zu riskant. Was, wenn sie merken, dass es nicht mein eigener Schmerz ist, und sich fragen, warum ich mich dessen nicht selbst entledige.«

»So leicht ist so was nicht aufzuspüren. Und es gibt nur ganz wenige Löser, die nicht der Gilde angehören.«

Na ja, jedenfalls war meine Gabe nichts, wovon ich mir ein Frühstück kaufen konnte. Zu gern hätte ich sie abgelegt und gegen die Fähigkeit eingetauscht, Pynvium zu erspüren, wie meine Schwester es tat, den »Ruf und Sog des Metalls« zu fühlen, wie Tali mir während des Sommers eingehämmert hatte, als sie versucht hatte, meine Fähigkeit in die richtigen Bahnen zu lenken. Sie war gerade zwölf geworden, und wir hatten gedacht, wir könnten gemeinsam der Gilde beitreten. Uns beide von ungeschulten Schmerzlösern zu echten Heilern ausbilden lassen und ein gutes Leben leben. Die Gilde war eine der wenigen von Baseeris geführten Einrichtungen, die von den Gevegern akzeptiert wurden. Beide Seiten hatten während des Krieges so viele ausgebildete Heiler verloren, dass es heutzutage einfach nicht mehr genug von ihnen gab, um über die Runden zu kommen.

Aber wie sehr wir es auch versucht hatten, ich konnte kein Pynvium erspüren, konnte keinen Schmerz darin ableiten. Ich hatte Tali überzeugt, allein zu gehen, und die Gilde hatte sie so schnell akzeptiert, wie sie mich abgewiesen hätte. Während der ersten Woche hasste ich sie dafür. Dann, in der zweiten Woche, fühlte ich mich schuldig, als ich erkannte, dass es leichter für mich war, wenn ich nur für mich selbst sorgen musste. Davon abgesehen, wäre es natürlich nett gewesen, ein weiches Bett und regelmäßige Mahlzeiten zu bekommen, so wie sie.

Ich erhob mich. »Ich sollte besser gehen. Wenn ich mich beeile, kann ich vielleicht noch Arbeit finden. Köder machen oder Docks schrubben.«

»Vielleicht können wir es jetzt riskieren, dich der Gilde vorzustellen?«, flüsterte sie. »Mehrere Lehrlinge sind verschwunden, also sind wir unterbesetzt. Der Erhabene macht sich deswegen auch schon große Sorgen.«

»Was meinst du mit ›verschwunden‹?« Ich ließ mich zurück auf die Kissen fallen. Der Krieg war seit fünf Jahren vorbei, aber ich erinnerte mich trotzdem noch, wie er angefangen hatte. Heiler, die des Nachts verschwanden, aus ihren Häusern entführt wurden, damit sie im Krieg die Männer des Herzogs von Baseer heilten. Wir wussten nicht, was Krieg war. Wir wussten damals kaum, wer der Herzog war. Das änderte sich allerdings schnell, als die Truppen einmarschierten, Geveg besetzten und sich unser Pynvium unter den Nagel rissen, während immer mehr unserer Schmerzlöser sich ein sicheres Versteck suchten.

»Nicht so«, sagte sie mit geweiteten Augen. »Zumindest glaube ich das nicht. Die Ältesten sagen, sie wären gegangen, weil ihnen die Ausbildung zu schwer gewesen sei. Einige Leute haben sogar den Erhabenen darüber klagen hören.«

»Glaubst du ihnen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »So was passiert, aber normalerweise sagen die Leute auf Wiedersehen, wenn sie gehen.«

Es sei denn, sie gehen nicht aus freien Stücken. Ich schüttelte den Kopf. Nicht mein Problem. Tali war sicher in der Gilde. Drei Mahlzeiten am Tag, ein weiches Bett, Unterricht durch die besten Heiler in Geveg. All das, was ich für mich nicht in Anspruch nehmen konnte, ganz zu schweigen davon, dass ich nicht imstande gewesen wäre, ihr dergleichen zu bieten.

»Wie auch immer«, fuhr sie fort, »ich dachte, wir könnten sie vielleicht überzeugen, dich heilen zu lassen, und danach, wenn deine Schicht vorbei wäre, könnte ich den Schmerz für dich in die Platte ableiten.«

Mein Herz zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Du hast ihnen doch nicht von mir erzählt, oder?«

»Natürlich nicht! Aber du kannst heilen. Wir müssten lediglich zusammenarbeiten.«

Sinnlos und sogar gefährlich, danach auch nur zu fragen. »Nein, Tali, du weißt, was sie mit mir anstellen werden, wenn sie herausfinden, dass ich schiften kann.«

Tod, Gefängnis, vielleicht sogar grässliche Experimente. Vor ein paar Jahren hatte der Herzog angefangen, überall zu verbreiten, dass anormale Löser eine Abscheulichkeit darstellten und bei Entdeckung sofort zur Gilde gebracht werden müssen. Überall in Geveg hatte er Plakate aufgehängt, hatte jeden Häuserblock auf der Insel und sogar die kleineren Bauerninseln damit eingedeckt.

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe gehört, sie wollen die Aufnahmebedingungen für Lehrlinge lockern, dass sogar die aufgenommen werden, die gerade mal kleinere Schnittwunden und Blutergüsse heilen können, darum dachte ich, es wäre dem Erhabenen vielleicht egal. Du kannst jedenfalls auf viel höherer Ebene heilen.«

Aber es war kein richtiges Heilen, es war nicht, was Tali tat. »Es wäre ihm nicht egal. Außerdem würde es dich erschöpfen, und die Gilde wird deine Gesundheit nicht aufs Spiel setzen. Sie brauchen dich.« Selbst wenn sie mich nicht nach Baseer brachten, wäre ich nutzlos für sie. Ich würde Schmerzen ziehen, bis ich mich selbst so sehr unter Schmerzen krümmte, dass ich mich nicht mehr rühren konnte.

»Na ja«, sagte Tali nach einer ziemlich langen Zeit des Schweigens, »wenn du nicht hier arbeiten willst, dann klau das nächste Mal das ganze Huhn. Auf die Art hast du jeden Morgen frische Eier.«

Ich grinste. Ich hätte sehr gern für die Gilde gearbeitet, als echte Heilerin. Nur wusste ich, dass es dazu nie kommen würde. »Ein Huhn im Mietshaus? Millie wäre begeistert.«

»Dann stiehl eben auch noch einen Hühnerkorb. Und ein bisschen Mais. Vielleicht noch etwas Schilfstroh, damit das Huhn sich ein Nest bauen kann.«

Ich bemühte mich, ernst zu gucken, aber die Vorstellung von einem Hühnerkorb in meiner Kammer war einfach zu viel. Kichern überkam mich und wurde rasch ansteckend. Tali und ich wiegten uns vor und zurück wie Kinder, hielten uns die Seiten und hatten Tränen in den Augen, als die Glocke zur Morgenvisite läutete.

Tali stand auf und strich sich einen der dünnen Zöpfe aus ihrem Heilerpferdeschwanz von den bebenden Schultern, woraufhin die eingeflochtenen kleinen Perlen aus Jade und Gold leise klimperten. Ihr Haar sah hübsch aus, so glatt und geschmeidig. Ich konnte mir kein Eisen leisten, um meine Locken zu glätten. Tali auch nicht, aber die Lehrlinge der Gilde hatten stets ordentlich auszusehen, also mussten sie sich Luxusartikel wie Haareisen und Gesichtspuder teilen. Aristokraten wollten nicht von einem Rudel ungepflegter Kinder geheilt werden, und seit dem Krieg gab es in Geveg keine anderen Schmerzlöser mehr. Sie hatten Älteste und Lehrer aus Baseer herbringen müssen, um uns zu unterrichten, und der erste Haufen Vierlitzer aus Geveg war gerade in der Ausbildung. Im nächsten Jahr würden sie voll ausgebildete Heiler sein, denen es freistand, hinauszuziehen und ihr Glück zu suchen. Aber die meisten würden vermutlich bei der Gilde bleiben.

»Kommst du zurecht?«, fragte sie. »Wann hast du das letzte Mal was gegessen? Ich könnte vielleicht etwas vom Mittagessen abzweigen.«

»Ich komme schon klar.« Mein Magen knurrte, und sie sog ihre Unterlippe zwischen die Zähne, wieder ganz die besorgte kleine Schwester.

Dann aber nickte sie rasch und schlang ihre Arme um meinen Hals. »Pass auf dich auf!«

»Du auch! Und geh nirgends allein hin, ja?« Ich erwiderte ihre Umarmung. Sie roch nach Seeveilchen und weißem Schmetterlingsingwer.

»Versprich es.«

»Geh hin und heile die Kranken, Kindchen!« Das trug mir ein Kichern ein.

»Geh hin und quäle die Fische!« Sie lächelte, sah aber immer noch besorgt aus. Vielleicht dachte sie an die verschwundenen Lehrlinge, vielleicht lag es aber auch nur an dem Knöchelbrand, den sie mir abgenommen hatte.

Wir verließen ihr Zimmer. Tali ging nach links zum Krankentrakt, während ich rechtsherum in Richtung des Ausgangs auf der anderen Seite der Empfangshalle hastete. Dieser Ausgang lag den Docks am nächsten, und die Gildewachen am Nordtor ließen mich immer passieren. Ich war ziemlich sicher, dass der Hagere einen Narren an mir gefressen hatte, aber ich würde eher ein Krokodil küssen als einen Baseeri.

Ich durchquerte die Halle, bis ich den vorderen Bereich des Vorraums erreicht hatte, und schlängelte mich zwischen den ungefähr ein Dutzend Leuten hindurch, die dort auf eine Heilbehandlung warteten. Grüne, weiße und silberne Flecken blitzten auf, als die Lehrlinge, die zu spät zum Unterricht kamen, die Abkürzung über die Hintertreppe nahmen.

»Das ist sie!«

Ich ruckte herum, ehe mein Verstand mich bremsen konnte. Zwei Mündel zeigten auf mich, die Augen so groß, die Gesichter so staunend wie in der letzten Nacht. Bei allen Heiligen und Sündern! In einem leeren Eimer ist eben kein Glück zu finden.

»Das ist die, die Schmerz übertragen hat«, sagte eines der Mündel laut genug, dass sich etliche Köpfe drehten. Mehr als nur ein paar Leute hielten inne und starrten mit großen Augen herüber. »Sie hat ihn aus dem einen Mann rausgezogen und in den anderen reingepresst. Wir haben es gesehen, nicht, Sinnote?«

Mein leerer Magen verkrampfte sich. Zwischen den beiden Mündeln stand ein Ältester der Gilde mit vollem Goldlitzenbehang. Die acht Litzen schlängelten sich wie Vipern auf seinen Schultern, während die Enden am Rand seiner ärmellosen Robe herabbaumelten. Dicke Arme spannten die knappen Ärmel des Untergewands, und sein mit Perlen durchwirktes schwarzes Haar war im Nacken zu einem Strang, dick wie ein Tau, zusammengebunden. Ein bäriger Mann, hätte Mama gesagt.

Er krümmte einen Finger in meine Richtung und deutete zugleich auf eine Fliese vor seinen Füßen. »Komm her.«

Weglaufen würde mich verdächtig erscheinen lassen. Nicht gehorchen würde mich gleichermaßen verdächtig erscheinen lassen. Außerdem würde ich es so oder so nie an den Wachen vorbei schaffen, ganz gleich, wie gern dieser Kerl mich haben mochte.

»Sofort.«

Auf dieses kleine Wort folgte nie etwas Gutes.

Ich trat einen Schritt vor und fragte mich, um welche Zeit im Dorsta-Gefängnis wohl das Mittagessen serviert wurde.

Zweites Kapitel

Der Älteste starrte so unbewegt auf mich herab wie die dicken Säulen, die hinter ihm die Galerie in der Eingangshalle stützten. Er verschränkte die Arme vor der Brust und tippte mit einem Finger auf seinen Bizeps. Männer in Roben sollten nicht so furchteinflößend aussehen. Dazu gab es schließlich Rüstungen. »Dein Name?«, fragte er.

»Merlaina Oskov.« Tali hätte mir für die Lüge Mamas gestrenge Miene präsentiert, aber kannte ein Ältester erst einen Namen, dann wartete meist ein Haufen Ärger auf einen. Diese Leute schenkten niemandem außer dem Erhabenen Beachtung, und der schenkte niemandem Beachtung außer dem Herzog, genauso wie all die anderen vom Militär eingesetzten Oberherren in Geveg. Es war nicht ungefährlich, die Aufmerksamkeit einer dieser Personen zu erregen.

»Kennst du diese Mündel?«

»Nein, Herr.«

Die braunen Augen des geschwätzigen Burschen wurden größer, und sein Mund klappte auf. »Aber …«

»Ich arbeite in der Schicht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang in der Schenke«, sagte ich hastig. »Wüsste nicht, wie mir in dieser Zeit diese Jungs hätten begegnen sollen.«

Sinnote krallte sich den Arm seines Freundes und stupste ihn. »Ich glaube nicht, dass sie das ist«, zischte er.

»Das ist sie. Sie trägt sogar dieselben schmutzigen Kleider.«

»Du irrst dich.«

Der Gildeälteste war kein Narr. »Um welche Zeit habt ihr sie gesehen?«, fragte er.

»Um drei«, sagte der Junge.

»Um fünf«, sagte Sinnote zugleich. Dann zog er eine Grimasse, und seine Sommersprossen tanzten über sein Gesicht.

Ein Grinsen machte sich in den Mundwinkeln des Ältesten bemerkbar, ehe er die Hand nach meinem Arm ausstreckte. »Komm mit mir.«

Ich zuckte zurück. Falls tatsächlich schon wieder jemand Lehrlinge entführte, dann war ein unfreiwilliger Aufenthalt in einem Behandlungszimmer der Gilde das Letzte, was ich brauchen konnte. »Tut mir leid, ich kann nicht. Ich muss nach Hause.«

»Deine Familie wird Verständnis haben. Jetzt komm!« Flink wie eine Manguste griff er nach meinem Oberarm, und seine Augen weiteten sich, nur um sich gleich darauf zusammenzuziehen. »Du bist eine Löserin.«

»Lass mich los!« Mein Gebrüll hallte in dem überkuppelten Vorraum wider. Perlengeschmückte Köpfe drehten sich herum, und alles blieb stehen und gaffte. Grüne Westen leuchteten vor grauen Schiefer- und Steinflächen auf, als immer mehr Leute innehielten, um zuzusehen. Ein Mann, der gerade hinter dem Ältesten hatte vorübergehen wollen, blieb stehen und musterte mich mit einem vagen Stirnrunzeln.

»Hör auf zu zappeln, Mädchen. Ich werde dir nicht wehtun.«

Aber das tat er bereits. Meine Haut brannte überall dort, wo sich seine Finger in meinen Arm gruben. O ihr Heiligen, war der stark!

Die Mündel sahen mit weit aufgerissenen Augen zu. Die Menge gaffte. Niemand rührte einen Finger, um mir zu Hilfe zu kommen. Warum auch? Ich war nur eine Flussratte, und niemand stellte sich einem Ältesten in den Weg. Allerdings hätte ich das Mittagessen für eine ganze Woche gewettet, dass irgendjemand eingeschritten wäre, wenn mein Haar so schwarz gewesen wäre wie das einer Baseeri.

»Loslassen, habe ich gesagt.« Ich trat ihm gegen das Knie und hinterließ dabei Hühnerscheiße auf seiner weißen Hose. Er ließ mich los und sog mit feuchtem Zischen Luft in seine Lungen.

Ich rannte Richtung Nordtor, durchquerte den Rest der Eingangshalle und tauchte in das seitlich gelegene Foyer ab. Lehrlinge und Mündel wichen zur Seite, als ich mir einen Weg durch ihre Reihen bahnte, Keuchen und Geklimper übertönten die Anordnungen, die der Älteste mit Reibeisenstimme abfeuerte, aber ich konnte mir denken, wie sie lauteten: Wachen, haltet dieses Mädchen auf! Sperrt es ein, befragt es, verhört es, macht es fertig, findet heraus, ob es das Monster ist, von dem unsere Mündel berichten!

Ich schob mich an einem Haufen Einlitzer vorüber und riss die Tür auf. Das Sonnenlicht fühlte sich nach Freiheit an, aber noch hatte ich das Terrain der Gilde nicht verlassen. Vor mir tauchte das Nordtor des Gildenhauses auf. Kupfer knirschte auf Stein, als ich mich hindurchzwängte.

Mit pochendem Herzen mischte ich mich unter die Menschen, die gekommen waren, um sich heilen zu lassen. Auf dem kreisförmigen, mit Kalkstein gepflasterten Hof vor dem Gebäude hatten sich heute mehr von ihnen eingefunden, als ich sonst so früh am Morgen zu sehen bekam, aber es sah nicht so aus, als würden es viele schaffen hineinzugelangen. In Samt gehüllte Kinder spielten Fangen zwischen Großmüttern in geflickter Baumwolle. Ein Bauer in schmutziger Arbeitskleidung hielt eine blutige Hand vor der Brust. Dutzende Fischer, Soldaten, Händler und Diener vermengten sich wie das Eintopfgericht eines Bettlers. Unter Zuhilfenahme meiner Ellbogen bahnte ich mir einen Weg durch die Menge und lernte zwei neue Verwünschungen von einem der Soldaten, die an der Hauptbrücke auf Posten standen.

Vom äußeren Rand des Gildeplatzes zweigten Brücken und Kanäle wie Radspeichen in den Rest von Geveg ab. Soldaten standen paarweise an jeder Ecke, einige davon aufrecht wie Pfeiler, andere lässig an Lampenpfähle gelehnt. Ein paar Gondeln hüpften am Ende eines der schwimmenden Docks auf und nieder, als einige Adlige aus Baseer an Land gingen, dicht gefolgt von ihren militärischen Adjutanten und ihren persönlichen Leibwächtern. Zur Linken dehnte sich funkelnd der See, so weit das Auge reichte. Schon jetzt war er mit allerlei Fischerbooten getüpfelt.

Ich wurde langsamer, bemühte mich, der Aufmerksamkeit der zwei nächsten Soldaten zu entgehen. Glücklicherweise gehörten diese beiden zu der gelangweilten Sorte, und keiner sah auch nur zu mir herüber. Ich sprang über eine niedrige Steinmauer und verschwand unter der nächsten Brücke, zertrampelte beim Aufprall ein Kissen aus Wasserhyazinthen. Kaltes Wasser spritzte an meinen Beinen empor. Ich verschwand knietief im See, versteckt zwischen Blumen, und versuchte, nicht über Krokodile nachzudenken.

In Anbetracht der Tatsache, dass ich gerade einen Ältesten getreten hatte, war das nicht so schwer. Ein Krokodil würde mich schnappen und unter Wasser ziehen, aber ein Ältester, der wütend auf mich war, könnte Tali aus der Gilde werfen. Er könnte sie zwingen, für die Heilungen zu bezahlen, die wir gestohlen hatten. Er könnte …

Warum waren die Gildewachen nicht hinter mir her?

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und spitzte die Ohren in Richtung Küste. Schritte, Husten, das nervöse Geplapper, das jeder Menschenmenge zu eigen war, aber kein Geschrei, kein Getrampel von Stiefeln.

Er ließ zu, dass ich ihn trat und davonlief?

Langsam kletterte ich die Kaimauer hinauf und sprang an Land. Immer noch keine Wachen. Nicht einmal ein Zeichen von Aufregung in der Menge, nur die üblichen Zweier- oder Dreiergrüppchen, die mit gesenkten Häuptern einhergingen. Vielleicht dachte der Älteste, er könnte mich in einer der Schenken auftreiben. Ich grinste. Er würde nirgends eine Melana finden. Oder war es Meletta? Egal. Sie war weg, ihm durch die Hände geflutscht wie Gänsefett.

Möglich, dass noch Wachen nach mir Ausschau hielten, aber die leuchtend grünen Uniformen der Gilde waren leicht zu erkennen. Und die Leute neigten dazu, Platz zu machen, wenn sie Männer in Rüstung auf sich zukommen sahen.

Mein Magen knurrte wieder. Ein schmerzliches Knurren, das mir die Gedärme verdrehte und besagte, dass es für ein Frühstück längst zu spät war. Für das Mittagessen ebenso. Und fürs Abendessen. Ich ging in Richtung Docks, aber mein Magen sagte mir auch, dass es zu spät war, um Köder zu schneiden.

»Die Boote sind schon rausgefahren, Nya. Ich hab nichts für dich.«

»Tut mir leid, Nya. Ich hab schon ein paar Jungs dafür bezahlt, die Docks zu schrubben. Billig waren sie auch noch.«

»Wärest du früher hier gewesen, hättest du Wagen entladen können, aber das ist inzwischen alles erledigt.«

Jeder Vorarbeiter an jedem Ankerplatz gab mir die gleiche Antwort, auch wenn ein paar davon mich mit bekümmerter Miene abwiesen. Besonders Barnikoff, der zumeist irgendetwas fand, das ich tun konnte. Er hatte drei Töchter verloren und hatte mich gern um sich, um mir Geschichten zu erzählen, während er Rankenfußkrebse von Rumpf eines Bootes kratzte. Aber heute lagen keine Boote im Trockendock.

Auch beim Bäcker gab es keine Arbeit, und der Metzger hatte schon genug Leute, die Hühner und Perlhühner rupften. Der Glasmacher hatte zwei Mädchen, die Sand nachschütteten, und brauchte mich nicht. Eine Reihe kräftiger Jungs in meinem Alter wartete vor der Schmiede und bedachte ein Mädchen, das ich kannte, mit finsteren Blicken. Aylin tanzte vor einer Mauer aus Flusssteinen, die ein Lusthaus umgab, lieferte einen Vorgeschmack auf das, was man im Inneren zu sehen bekam, wenn man bereit war, die überhöhten Preise zu zahlen, die für Speisen, Getränke und Unterhaltung gefordert wurden. Sie strahlte, und ihre blassen Schultern bildeten einen starken Kontrast zu dem tiefen Rot und Gold, in dem ihr Kleid gehalten war. Gelbe Perlen folgten ihrem Dekolleté, glitzerten an den Säumen ihrer kurzen Ärmel.

Ich ging zu ihr. Bei all den Offizieren, Aristokraten und Händlern, die Tag für Tag an ihr vorüberschlenderten, um ihren gestohlenen Reichtum zu vergeuden, kannte Aylin mehr Klatschgeschichten als eine Horde alter Weiber. Sollte noch irgendjemand Arbeit für mich haben, würde sie davon wissen, und ich konnte Arbeit brauchen, und zwar schnell. Meine Taschen waren so leer wie mein Bauch. Gestern war die Miete fällig gewesen, und ich konnte Millie nicht ewig aus dem Weg gehen. Dank der Sommernächte würde ich nicht frieren müssen, aber für ein Mädchen, das des Nachts unter einem Busch im Freien schlief, gab es noch ganz andere Dinge zu bedenken. Und die meisten davon trugen blaue Uniformen.

Ich schlängelte mich durch den Strom der Menschen hindurch, die von der Fähre kamen, und hüpfte auf die Mauer.

»Bitte sag mir, du weißt jemanden, der Arbeit für mich hat. Ich brauche gute Neuigkeiten.«

»Hallo, Nya.« Sie warf das lange rote Haar zurück und winkte einem gut gekleideten Händler zu, der gerade vorbeikam. Er schlug den brokatgeschmückten Kragen hoch und ignorierte sie. »Nee, nur das Übliche. Ist denn schon alles vergeben?«

»Ich war spät dran. Denkst du, der Kanalmeister braucht noch jemanden zum Laubabziehen?« Jeden Sommer wucherten die Wasserhyazinthen in den Kanälen, verstopften sie so sehr, dass die Stakenboote nur noch schwer durchkamen. Gefährliche Arbeit, aber gut bezahlt.

»Hast du Sehnsucht danach, Krokodilen auszuweichen?«

»Ich habe Sehnsucht danach, etwas zu essen.«

Ihr Lächeln erstarb. »Oh, so schlimm, ja?«

»Würde ich sonst das Risko eingehen, selbst zu einer Mahlzeit zu werden?«

Ihr Lächeln kehrte zurück. »Hey, Hübscher, komm herein! Wir haben die schönsten Tänzerinnen in den Drei Territorien«, rief sie einem muskelbepackten Soldaten im Blau der Baseeris zu. Der stupste seine Freunde mit den Ellbogen an und winkte, kam aber nicht näher. »Nein, du solltest es besser wissen. Ich habe Kaide erst kürzlich erzählt, wie du …«

»Aylin, suchen die noch Leute?«

»Oh nein, nicht mehr. Guten Morgen, die Herren! Kommt herein. Drei Vorstellungen am Tag und die besten Schauspielerinnen in ganz Geveg!« Ein weiteres Rudel Soldaten ging vorbei, alle in Blau, alle mit dem silbernen Fischadler an der breiten Brust. Baseeri-Soldaten säumten ständig die Straßen, aber so viele Patrouillen hatte ich seit dem Beginn der Besetzung nicht mehr erlebt.

Meine Zehen zuckten unter dem plötzlichen Bedürfnis, anderswo zu sein. »Warum sind heute all diese Soldaten hier?«

»Verlatta wird belagert.«

»Im Ernst?«

Sie nickte, und ihre herabbaumelnden Perlmuttohrringe schwangen im Rhythmus ihrer Hüften hin und her. »Gestern Abend hat ein Baseeri-Offizier unterwegs kurz bei mir angehalten. Er muss heute flussaufwärts ziehen. Hat gesagt, seine Herzoglichkeit sei hinter den Pynvium-Minen von Verlatta her.«

Selbst die Sonnenstrahlen des späten Vormittags konnten mein Schaudern nicht vertreiben. Baseer war hundert Meilen flussaufwärts im Grenzgebiet der Drei Territorien zu den Nördlichen Reichen, aber es fühlte sich an, als könnte man schon wieder den Atem des Herzogs im Nacken spüren. Er hatte bereits Sorille erobert und kontrollierte den größten Teil des guten Ackerlands, aber er hatte keine einzige Pynvium-Mine gehabt, ehe er uns besiegt hatte. Wir hatten versucht, ihn zu bekämpfen, unsere Freiheit zurückzuerlangen, aber es hatte nicht funktioniert. Hatte er erst Verlatta niedergerungen, dann würde er alle drei Länder regieren, denen sein Urgroßvater vor langer Zeit Unabhängigkeit garantiert hatte. »Erst unsere Minen, nun ihre. Man sollte meinen, der Herzog hätte langsam genug, um jeden einzelnen Baseeri zu heilen.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Er braucht es nicht für Heilungen, er braucht es für Waffen. Würde er nicht so viel Pynvium für Waffen verschwenden, dann würde er auch nicht so viel brauchen. Dieser Gierschlund! Alles seine Schuld.«

Aylin hatte recht, aber das war eher krank als ein Zeichen von Gier, wenn man mich fragt. Schick deine Soldaten in die Schlacht, und nutze ihren Schmerz, um die Pynvium-Waffen zu laden, dann ziehst du los, greifst ein anderes Volk an und stiehlst dessen Pynvium, damit du deine Leute heilen kannst; denn dein eigenes Pynvium hast du ja dafür benutzt, Waffen zu machen. Dumm. Ganz einfach dumm.

»Das sind ganz schön viele Leute«, sinnierte Aylin, während sie die Flüchtlinge betrachtete, die von der Fähre schlurften. Der Herzog hatte schon vor langer Zeit Kontrollpunkte an den Straßen und Brücken auf dem Festland eingerichtet, die man ohne ordnungsgemäßes Baseeri-Reisesiegel nicht passieren durfte. Ein solches Reisesiegel zu erhalten war nicht so schwer, wie es sich vielleicht anhört – es kostete nur alles, was man hatte. Viele Leute hatten versucht, die Siegel zu fälschen, aber die Soldaten an den Kontrollpunkten waren sehr gut darin, Fälschungen zu erkennen.

»Zu viele«, stimmte ich zu. Familien in maßgeschneiderter Kleidung, komplett mit den pluderigen Spitzenkrägen, wie sie in Verlatta so beliebt waren, schleppten sich neben Familien in Lumpen dahin. Jede einzelne Person trug einen Beutel oder einen Korb – vermutlich alles, was sie sich hatten schnappen können, ehe sie aus Verlatta geflohen waren.

Und jeder Einzelne von ihnen würde von nun an auch in Geveg nach Arbeit Ausschau halten.

An einem Häuserblock weiter unten schwankte das Schild eines Schmerzhändlers im Wind. Neckte, verhöhnte, verlockte mich. Vielleicht konnte ich es riskieren. Unter all den Flüchtlingen waren zweifellos einige, denen ich ein wenig Schmerz stibitzen konnte, und ein einziger Verkauf könnte mich womöglich mehrere Tage lang über Wasser halten. Ich musste mir nur jemanden suchen, der zerschlagen aussah, verletzt, aber nicht zu schlimm, sodass ein Schmerzlöser nicht auf Anhieb erkennen konnte, dass mein Schmerz nicht von einer eigenen Verwundung stammte. Der Umstand, dass es verbliebenen Lösern in Geveg an Ausbildung mangelte, mochte nun ein Glücksfall für mich sein.

Vielleicht wusste Aylin, wo es einen Löser gab, dem es an Feingefühl fehlte. Sie würde natürlich wissen wollen, warum, und so gern ich Aylin mochte, ich war nicht sicher, wie gut sie darin war, ein Geheimnis für sich zu behalten. Bei fünf Schmerzhändlerläden in Geveg war die Chance, einen Löser zu finden, der nicht so genau hinsah, groß, aber dennoch beschränkt …

Ein Mann beobachtete uns, halb versteckt hinter einem Hibiskusstrauch, zwei Läden weiter. Schmuck gekleidet war er auch, in gelbe und grüne Seide. Er hatte nichts bei sich, also kam er nicht von der Fähre. Ein Aristokratensprössling? Sein Blick wanderte von mir zu Aylin, und seine Lippen verzogen sich zu einem vage vertrauten, missbilligenden Ausdruck.

»Ich geh jetzt besser und schau, ob noch irgendjemand auf dem Markt einen Träger brauchen kann«, sagte ich. Das Lusthaus war im Besitz von Baseeris, daher interessierte es mich nicht, ob mein fleckiges Hemd oder meine wilden Locken potenzielle Gäste vertrieben, aber ich wollte nicht, dass Aylin deswegen ihre Arbeit verlor. »Gibst du mir Bescheid, wenn du von irgendeiner freien Stelle hörst?«

»Natürlich.«

Ich hüpfte von der Mauer herunter, und die Welt drehte sich um meinen Kopf.

»Ganz ruhig.« Aylin packte meinen Arm und hielt mich auf den Beinen. »Alles in Ordnung?«

»Nur ein bisschen benommen. Hab mich zu schnell bewegt.«

»Du bist so mager, ich könnte dich glatt durch meine Gürtelschlaufen ziehen. Brauchst du Geld, um dir was zu essen zu kaufen?« Schon griff sie nach ihrer Tasche.

»Nein, danke, ich komm schon klar«, sagte ich rasch. Ich hätte es nicht zurückzahlen können, und Großmama hat stets gesagt, Schulden, die man schuldig bleibt, kosten Freunde.

Sie sah mich unter gerunzelter Stirn an, so, als glaube sie mir kein Wort, fühle aber zu sehr mit mir, mich darauf anzusprechen. »Grüß Tali von mir.«

»Mach ich.«

Noch immer war die Welt um mich her ein bisschen wackeliger, als mir lieb war, aber ich gab mein Bestes, um aufrecht in gerader Linie zu marschieren und ihr nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. Auf dem Bauernmarkt fiel mir eine stämmige Frau mit einem Korb voller Brot ins Auge. Keine Aristokratin, aber ihr rosarotes Hemd passte zu dem gemusterten Rock und sah weder abgenutzt noch geflickt aus, also stand sie vermutlich im Dienst eines Adelshauses. Wahrscheinlich in der Küche. Sie musterte Mangos, nahm eine nach der anderen in die Hand und schnüffelte daran. Mein Magen rumorte wieder, verursacht weniger von dem Hunger als von dem schlechten Gewissen angesichts dessen, was ich im Schilde führte, aber niemand würde ein Mädchen anheuern, das ständig in Ohnmacht fiel.

Ich schwankte, als ich sie passierte, und schubste sie gegen den Mangokasten. Die Mangos wackelten, und mehrere rollten von dem orange-gelben Stapel herab. Sie schrie auf, griff nach der Tischkante, ließ ihren Korb und die Frucht auf das derbe Straßenpflaster fallen.

»Oh, das tut mir leid!« Ich kniete nieder und fing ihren Korb auf, ehe er umkippen und das Brot herausfallen konnte. Gutes Brot, nebenbei bemerkt, warm und eingehüllt in ein nach Zimt duftendes Tuch. »Bitte schön! Ich hoffe, es ist nicht schmutzig geworden.«

Sie riss mir den Korb aus den Händen. »Blöse ’Veg!«, schimpfte sie. »Pass doch auf, wo du hingehst!«

»Es tut mir wirklich leid. Ihr habt recht. Ich sollte aufpassen, wohin ich gehe. Es gibt keine Entschuldigung für solche Ungeschicklichkeit.« Ich stopfte zwei Mangos in meine Tasche und reichte ihr drei andere. »Ich glaube, das sind die letzten.«

Sie musterte mein dunkelblondes Haar und schnaubte: »Nutzloses Pack. Jeder von euch.«

»Und noch einen schönen Tag, gute Frau.« Ich verbeugte mich.

Sie brummte nur und widmete sich wieder ihren Einkäufen.

Ich wartete einen Herzschlag. Und noch einen. Kein alarmierter Aufschrei, kein wütender Bauer, der auf mich zurannte und Bezahlung forderte. Ich entschlüpfte in die Menge und ließ mich mit dem Strom vom Marktbezirk zum Handwerkerviertel treiben.

Mit zitternden Knien hockte ich mich vor Trivents Lederwarenladen unter eine große Palme und lehnte mich mit ausgestreckten Beinen an den Stamm, sodass mich von drinnen niemand sehen konnte.

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