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Die Heilerin vom Strahlenfels

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. I.
  8. II.
  9. III.
  10. IV.
  11. V.
  12. VI.
  13. VII.
  14. VIII.
  15. IX.
  16. X.
  17. XI.
  18. XII.
  19. XIII.
  20. XIV.
  21. XV.
  22. XVI.
  23. XVII.
  24. XVIII.
  25. XIX.
  26. XX.
  27. XXI.
  28. XXII.
  29. XXIII.
  30. XXIV.
  31. XXV.
  32. XXVI.
  33. XXVII.
  34. XXVIII.
  35. XXIX.
  36. XXX.
  37. XXXI.
  38. XXXII.
  39. XXXIII.
  40. XXXIV.
  41. XXXV.
  42. XXXVI.
  43. XXXVII.
  44. XXXVIII.
  45. XXXIX.
  46. XL.
  47. XLI.
  48. XLII.
  49. XLIII.
  50. XLIV.
  51. XLV.
  52. XLVI.
  53. XLVII.
  54. XLVIII.
  55. XLIX.
  56. L.
  57. LI.
  58. LII.
  59. LIII.
  60. LIV.
  61. LV.
  62. LVI.
  63. LVII.
  64. LVIII.
  65. LIX.
  66. LX.
  67. LXI.
  68. LXII.
  69. LXIII.
  70. LXIV.
  71. LXV.
  72. LXVI.
  73. LXVII.
  74. LXVIII.
  75. LXIX.
  76. LXX.
  77. LXXI.
  78. Danksagung

Über dieses Buch

Eine starke Frau kämpft gegen das Schicksal und für ihre Bestimmung …

Nürnberg, 1509. Katharina von Velden ist nicht nur Herrin der Burg Strahlenfels, sondern auch eine begnadete Heilerin. Doch heilkundige Frauen sind der Kirche ein Dorn im Auge – immer mehr werden der Hexerei bezichtigt und brutal gefoltert. Zu ihren unbarmherzigsten Verfolgern gehört der Päpstliche Inquisitor Bonifatius. Als er der schönen Katharina zum ersten Mal begegnet, fühlt er sich stark zu ihr hingezogen. Doch seine verbotene Begierde schlägt in blinden Hass um, als sie ihn voller Verachtung zurückweist. Fortan steht für den Inquisitor fest: Die Heilerin muss brennen – koste es, was es wolle …

Unterhaltsam und kenntnisreich: Von der Heilkunst und Kräuterkunde bis hin zu den Gräueltaten der Hexenverbrennung lässt Antonia Salomon das späte Mittelalter am Schicksal der Heilerin Katharina lebendig werden.

Über die Autorin

Antonia Salomon hat zuerst Medizin und dann Literaturgeschichte und Sprachen studiert. Bevor sie freiberufliche Übersetzerin und Lektorin wurde, war sie u.a. als Journalistin tätig. In ihrem historischen Roman »Die Heilerin vom Strahlenfels« thematisiert sie auch die Selbstheilungskräfte der Natur, die sie schon seit ihrer Kindheit faszinieren.

ANTONIA SALOMON

Die Heilerin vom Strahlenfels

Historischer Roman

Des Nachts sitze ich über geheimen Studien,
allein bin ich und sitze auf ehernem Stuhl.
Eine Flamme steigt empor, sie kommt aus der Einsamkeit
und bringt ans Licht, woran man nicht vergeblich glaubt.

NOSTRADAMUS

I.

Sie wusste, dass er kam. Schon lange bevor sie das Getrappel der Hufe auf dem staubigen Weg zur Burg herauf vernahm, hatte sie sein Nahen gespürt. Seit dem Morgengrauen hatte sich etwas Schweres, Dunkles auf die klare, kalte Septemberluft gelegt. Und während die Sonne durch den milchigen Himmel brach und die Nebel im Tal unter der Burg Strahlenfels zerstieben ließ, fühlte sie, wie die Landschaft sich verfinsterte.

Sie versuchte, die Bilder voller Blut, Schmerz und Grauen zu verdrängen, doch es gelang ihr nicht. Sie hörte die Schreie, sah die entsetzt aufgerissenen Münder und Augen und roch den Geruch aus Angst, Schweiß, Kot und Urin in den Kerkern. Und dann sah sie die Scheiterhaufen brennen, überall im Land. Und aus den Flammen löste sich immer deutlicher sein hageres, strenges Gesicht und fixierte sie mit stechendem Blick.

Bonifatius von Ebenstatt missbilligte ihre Heilkunst, weil er sie für Hexenwerk hielt. Er hatte es ihr gesagt, nachdem er als vom Papst höchstselbst ernannter »Inquisitor für Franken« aus Rom in seine alte Heimat zurückgekehrt war. Und als sie erwidert hatte, dass sie ihr Wissen den Klöstern und den heilkundigen Nonnen verdanke, hatte er nur unwillig abgewunken.

»In den geheiligten Mauern der Klöster und unter der strengen Aufsicht der Äbtissinnen mag das Handwerk des Heilens durch Frauen ausgeübt werden. Aber wenn sich ein Weib ohne den Schutz und die Anweisung der Kirche anmaßt, das göttliche Schicksalszepter in die eigenen Hände zu nehmen, wird sie leicht eine Beute der Einflüsterungen Satans. Ein Weib gehört an die Seite ihres Mannes und ihrer Kinder. Da liegt ihre Aufgabe und nirgends sonst. Und nun schweig, Katharina. Gebäre deinem Gemahl endlich ein Kind, wie es sich für eine Ehefrau geziemt.«

Katharina hatte etwas erwidern wollen, doch der Dominikaner, ein Vetter vierten Grades ihres Gatten, hatte sich einfach von ihr abgewandt.

Die Mischung aus Angst und Zorn, die in Katharina von Velden bei dem Gedanken an Bonifatius aufstieg, wurde mit jedem Atemzug stärker.

Eine tiefe Unruhe trieb die Freifrau aus der dunklen, aus grob behauenen Steinen errichteten Burg hinaus in ihren Kräutergarten. Er lag an der sonnenreichen, auch im Herbst noch warmen Südwand und war von einer schützenden Mauer umgeben. Ziellos lief sie zwischen den Beeten umher und sammelte ein paar letzte Blüten und Blätter ein. Dabei musterte sie die unregelmäßigen Steinreihen, welche die einzelnen Beete voneinander abgrenzten, und veränderte hier und da die Lage eines Steines. Um ihrem Rundgang einen Sinn zu geben, ging sie zum Schluss zu dem direkt an der Burgwand angelegten Hochbeet, in dessen Wärme bis in den späten September hinein Gurken, Kürbisse und Salat wuchsen, schnitt einen Salatkopf und eine Gurke ab und legte beides in ihren Korb.

Aber selbst in ihrem Garten fand sie keine Entspannung. Dass die Pflanzen in diesem kalten Jahr früh welk wurden, schien ihre Unruhe noch zu verstärken. Sogar die Sonne, die Katharina sonst stets als Leben spendende Freundin betrachtete, kam ihr seltsam feindlich vor, als wolle sie mit ihren Strahlen jeden Winkel der Burg ausleuchten und dem unwillkommenen Besucher preisgeben.

Und dann hörte sie die Hufe der Pferde seines Trupps. Mit zögernden Schritten ging sie zum viereckigen, aus Holz erbauten Burgturm und stieg die knarrende Wendeltreppe empor, von wo aus sie eine freie Sicht in das Tal und auf den zur Burg heraufführenden Weg hatte. Verborgen im Schatten der kräftigen Balken, die das spitz zulaufende, mit Holzschindeln bedeckte Turmdach hielten, beobachtete sie, wie die Reiter sich der Burg näherten.

Mit kaltem Griff packte ein Windstoß ihre dunklen Locken von hinten und peitschte sie ihr in das junge Gesicht. Mit beiden Händen streifte Katharina sie zurück, schlang sie zu einem losen Nackenknoten zusammen, zog ein dünnes Perlennetz darüber und zurrte es mit einem Band fest. Fröstelnd schloss sie den ärmellosen schwarzen Wollmantel, den sie über einem schlichten roten Samtkleid trug, mit einer hölzernen Spange und verschränkte die Arme schützend vor der Brust. So verharrte sie reglos und beobachtete das Nahen der Reiter.

Erst als sie die Standarte der Inquisition erkannte, die der Vorreiter des Trupps trug, stieg sie vom Turm hinab und ging in die Halle der Burg, wo ihr Gatte, Reichsritter Thassilo von Wildenstein, lesend vor dem flackernden Feuer saß, um sich nach seinem morgendlichen Ritt durch die umliegenden, zu seinem Besitz gehörenden Dörfer zu wärmen. Über einer braunen Bundhose trug er ein weites Hemd aus ungefärbter Baumwolle, dessen tiefer Ausschnitt den Blick auf einen Verband aus Linnenstreifen freigab. Katharina wechselte ihn täglich, um zwei tiefe Wunden zu versorgen. Thassilo hatte während eines Strafzuges gegen die Venezianer, den er im Auftrag seines Lehnsherrn Kaiser Maximilian I. von Habsburg durchgeführt hatte, gefährliche Schwerthiebe abbekommen. Vor zwei Wochen war der Reichsritter mit letzter Kraft auf Burg Strahlenfels zurückgekehrt. Seine Frau hatte die schon schwärenden Wunden versorgt, und dank der Heiltränke, Salben und Kräuterauflagen war das Wundfieber bald gewichen; die Wunden hatten sich schon nach einer Woche geschlossen. Inzwischen war Thassilo wieder zu Kräften gekommen, sodass er nun wieder seine Aufgaben als Herr über mehrere fränkische Dörfer und Ländereien erfüllen konnte.

Katharina hatte ihm nichts von ihrer Vorahnung gesagt, doch nun trat sie hinter ihren Mann, schob ihre Hand unter seine schulterlangen Haare und legte sie leicht auf seine unverletzte rechte Schulter.

»Willkommen an meiner Seite, meine Schöne«, sagte der Reichsritter, griff nach ihrer Hand und blickte lächelnd zu ihr hoch. Doch als er ihr blasses, besorgtes Gesicht sah, wurde er ernst und zog sie auf den Stuhl neben sich. »Was ist geschehen?«

Katharina setzte sich. »Bonifatius von Ebenstatt kommt.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe ihn vom Turm aus mit seinem Trupp zu uns heraufreiten sehen.«

»Verdammt!«, entfuhr es dem Reichsritter. Er überlegte kurz. Dann strich er seiner Frau besänftigend über die Wange und sah ihr in die Augen. »Bleib ruhig, Weib. Er wird uns einen Besuch abstatten wollen, mehr nicht.«

»Uns einen Besuch abstatten? Wie man es bei guten Freunden tut?«

»Einen Besuch, wie es sich unter Verwandten schickt. Sag der Magd, dass sie eine Vesper für ihn und seinen Trupp bereiten soll.« Er führte Katharinas eiskalt gewordene Finger an seine Lippen und lächelte beruhigend. »Ich werde Gotthelf anweisen, dass er sich mit den anderen Knechten bereithält. Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommen wird.«

Katharina wollte etwas sagen, doch dann nickte sie nur und erhob sich. Auf dem Weg zur Küche tastete sie unwillkürlich nach dem scharfen Kräutermesser, das sie stets in einer Lederscheide an ihrem Gürtel trug.

Unruhig wanderten die Blicke des Päpstlichen Inquisitors umher, während er mit sieben Bewaffneten zur Burg Strahlenfels hinaufritt. Eine tiefe Falte teilte seine Stirn, und die Winkel seines Mundes waren heruntergezogen.

Er fürchtete sich nicht vor den Wegelagerern. Auch sorgte er sich nicht wegen ein paar aufsässiger Bauern oder wegen der ketzerischen Wanderprediger, die ihren Irrglauben mit vor Eifer bebenden Stimmen in die Welt hinausschrien. Solche Verfehlungen waren lästig, aber nicht wirklich gefährlich. Was den Inquisitor beunruhigte, waren die sich langsam, aber ungehindert im Lande verbreitenden Irrlehren humanistischer Denker, die eine grundlegende Erneuerung von Reich und Kirche forderten und am Machtanspruch Roms rüttelten.

Ein Funkeln trat in Bonifatius’ Augen, als er zur Spitze des Berges hinaufsah, auf dem die Burg Strahlenfels thronte. Nur über einen schmalen, steilen Pfad erreichbar, war die Burg seit fast zwei Jahrhunderten der uneinnehmbare Sitz eines versprengten Zweiges derer von Wildenstein – weitläufige Verwandte der Hohenzollern, unter deren Einfluss sie zu einem gewissen Ansehen gelangt waren. Ketzernest, dachte der Inquisitor. Ich werde dich schon noch lehren, Vetter Thassilo, deinem schamlosen Weib die Zügel anzulegen.

Wie sie ihm zuwider war, diese Sippschaft derer von Wildenstein! Seit Thassilos Ehe mit Katharina von Velden hatte sich Bonifatius’ Abneigung noch vertieft. Vor allem Katharinas in ganz Franken bekannte Heilkünste waren dem Inquisitor ein Dorn im Auge, stützten sie sich doch auf ein Jahrtausende altes Kräuterwissen, dessen heidnische Wurzeln die Inquisition unter seiner Führung in ganz Franken ausrotten würde!

Die Zornesfalte grub sich noch tiefer in Bonifatius’ Stirn, als er an die unbekümmerte Art der Burgherrin dachte, die mit ihren niederen Reizen selbst Kirchenmänner wie ihn zu unzüchtigen Begierden anzustacheln versuchte. Diese apfelrunden Brüste über der schmalen Taille! Dieser weiche Stoff ihrer Kleider, der ihren Schoß erahnen ließ! Dieser verächtliche Blick, den sie ihm unlängst zugeworfen hatte. »Gottlose Sirene, kehre in dich und übe dich in Zucht und Anstand, oder du wirst auf dem Scheiterhaufen brennen!«, murmelte Bonifatius grimmig.

Er würde Katharina diesmal mit Nachdruck in die Schranken ihres Haushalts verweisen und sie in aller Deutlichkeit vor den Folgen warnen, falls sie sich seinem Befehl widersetzen sollte. Das Schicksal anderer heilkundiger Frauen, die er den reinigenden Flammen des Feuers übergeben hatte, sollte ihr eine heilsame Lehre sein.

Das Fest des Markgrafen Friedrich fiel ihm ein, auf dem man die Heilerfolge der Burgherrin gepriesen hatte. Und er erinnerte sich daran, wie Gräfin Sophie von Abenberg sich ihm dort als Verbündete im Kampf gegen Katharina angeboten hatte.

»Es gehen Gerüchte um, dass auf dem Strahlenfels merkwürdige Dinge geschehen«, hatte die Gräfin dem Inquisitor zugeflüstert. »Und Kinder bekommt sie auch nicht.«

Bonifatius hörte diese Worte nur zu gern. Aber er wusste, dass seine Zeit noch nicht gekommen war. »Verehrte Gräfin, wie Ihr wisst, ist Bischof Georg sehr angetan von Katharina von Velden, und er ist von ihrer Rechtgläubigkeit und Gottesfurcht überzeugt«, hatte er vorsichtig geantwortet. »Und erst kürzlich hat er in einer Predigt darauf hingewiesen, dass Kinderlosigkeit keineswegs immer Hexenwerk ist, sondern oft eine Prüfung Gottes.«

»Bischof Georg ist ein gutgläubiger Mann, der sich an Eurem scharfen, klaren Urteil und an Eurer Strenge ein Vorbild nehmen sollte«, hatte Sophie von Abenberg entgegnet.

»Bischof Georg ist vor allem ein mächtiger Mann«, hatte Bonifatius erwidert und ihr einen vielsagenden Blick zugeworfen.

Zwar war auch Sophie von Abenberg kinderlos geblieben, aber das lag, wie sie Bonifatius, der auch ihr Beichtvater war, anvertraut hatte, daran, dass ihr viel älterer und beleibter Mann schon lange nicht mehr in der Lage war, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. Inzwischen verließ er nur noch selten das Bett. Ein schweres Los für seine Frau, aber sie ertrug es ohne Murren. Es war ein Beweis ihrer tiefen Frömmigkeit, die sie auch durch ihren unbedingten und grenzenlosen Gehorsam Bonifatius gegenüber bewies, ganz anders als die eigensinnige, widerborstige Katharina.

Auf dem schmalen Pfad, der sich den bewaldeten Hang hinaufwand, kam der Trupp nur langsam voran. Das letzte Stück war so steil, dass die Pferde zu scheuen begannen und Bonifatius und seine Männer, die durch ihre roten, mit einem Kreuz versehenen Westen über schwarzen Jacken als Inquisitionsknechte zu erkennen waren, absteigen mussten. Das aus groben Balken zusammengefügte Burgtor stand offen und war unbewacht.

»Die fühlen sich wohl sehr sicher«, sagte der Inquisitor zu dem Hauptmann seines Trupps.

Die Magd Christine, die das Klappern der Hufe gehört hatte, eilte zum Brunnen und zog an der Glocke; erst dann verbeugte sie sich mit schreckensweiten Augen vor dem Inquisitor, der in seinem schwarzen Umhang bedrohlich vor ihr aufragte. Als sie sich wieder aufrichtete, starrte sie wie gebannt auf den allseits gefürchteten Mann, über den man sich in den umliegenden Dörfern und Städten so viel Furchterregendes erzählte. Die schmale, leicht gebogene Nase in seinem hageren Gesicht und der durchdringende Blick seiner unter den glatten schwarzen Haaren smaragdartig funkelnden grünen Augen verliehen ihm etwas Raubvogelartiges, das sie bis ins Mark gefrieren ließ. Dennoch gelang es ihr nicht, sich von ihm abzuwenden.

»Was glotzt du, Magd?«, herrschte Bonifatius sie an. »Hast du ein schlechtes Gewissen, oder warum stehst du wie angewurzelt da, statt uns zur Hand zu gehen?«

Christine eilte zu ihm, um ihm die Zügel seines Pferdes abzunehmen. Da öffnete sich knarrend das Eingangstor zum Haupthaus.

»Ach, Bonifatius, so eine Überraschung! Ich hoffe doch, dass dein unangemeldeter Besuch erfreuliche Gründe hat«, sagte Thassilo mit tönendem Bass.

»Das liegt ganz an dir und deinem Weib«, gab Bonifatius spitz zurück, sichtlich verärgert über Thassilos ungebührliche Begrüßung.

»Nun gut, tritt ein, Vetter. In der Halle brennt noch ein Feuer im Kamin. Dort kannst du dich wärmen und mit einer Vesper stärken.«

Bonifatius gab seinen Männern ein Zeichen, im Hof zu warten, und betrat hinter Thassilo die Halle der Burg. Dort legte Katharina von Velden gerade ein paar Holzscheite im Kamin nach. Der Inquisitor blieb stehen und musterte die Burgherrin. Ein rotes, von einem schwarzen Mieder zusammengehaltenes Samtkleid umspielte Katharinas schlanken Leib, und das wallende schwarze Haar war nicht, wie es sich für eine verheiratete Frau schickte, unter einer Haube verborgen, sondern nur locker nach hinten gekämmt und mit einem perlenverzierten Netz gebändigt.

Ein paar Zeilen aus dem Hohenlied von König Salomon kamen ihm in den Sinn. »Du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten …« In diesem Moment stieg ihm ein herbsüßlicher Duft in die Nase, der eine ferne, unangenehme Empfindung in ihm auslöste. Er sah hoch und entdeckte mehrere große, flache Körbe mit Lavendelblüten, die von der Decke hingen. Sofort spürte er einen bitteren Geschmack im Mund und eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen. Benommen senkte er den Blick und schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, bemerkte er, dass Katharina ihn aufmerksam ansah. Mit einem knappen Nicken grüßte der Inquisitor die Burgherrin, griff nach einem Stuhl und stellte ihn ans Feuer.

»Was verschafft uns die unverhoffte Ehre Eures Besuches, Exzellenz?«, fragte sie.

Ihre Anrede war förmlich und kalt, und der samtige Schmelz ihrer Stimme verstärkte sein Unbehagen. »Ein Besuch unter Verwandten, wie es üblich ist«, gab er verärgert zurück. Er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Ich habe vor einer Woche die Burg Gutenstein bezogen. Das bedeutet, dass wir uns ab jetzt wohl öfter sehen werden.«

Katharina und Thassilo tauschten einen kurzen Blick, dann fragte Katharina ausweichend: »Gestattet Ihr mir, Euch und Euren Leuten etwas anzubieten, Exzellenz?«

»Ein Becher Wasser genügt«, antwortete der Inquisitor. Er wandte sich ab, um die mit Goldfäden durchwirkten und mit Perlen und Edelsteinen bestickten Gobelins an den Wänden der Halle zu betrachten, die den Passionsweg Christi und paradiesische Gärten zeigten. Sie waren Erbstücke aus Katharinas Familie und gehörten zu den wenigen Wertgegenständen in der Burg.

Katharina gab der Magd, die an der Tür stand, ein Zeichen, dass die im Hof wartenden Männer bewirtet werden sollten, und goss Wasser in einen Becher. Sie hielt ihn dem Inquisitor hin, doch der schien ganz in den Anblick der Gobelins versunken zu sein. Katharina räusperte sich.

Nur langsam wandte Bonifatius den Blick und sah die Burgherrin an. »Schöne Gobelins habt ihr hier«, sagte er mit gedehnter Stimme. »Sehr schöne Gobelins.«

»Das sind nur alte Wandbehänge, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und deren Wert wahrscheinlich gering ist«, erwiderte Katharina auf seine indirekte Drohung und sah ihm kalt in die Augen. Dann setzte sie sich.

»Wenn sie auch künftig weitergegeben werden sollen, müsst ihr erst einmal Nachkommen haben«, konterte der Inquisitor und betrachtete ihren flachen Bauch. »Ihr seid nun seit vier Jahren verheiratet. Kennt ihr eure ehelichen Pflichten nicht, oder hat eure Kinderlosigkeit andere Gründe?«

»Gott wird uns dann Kinder schenken, wenn er es für richtig hält«, wandte Thassilo ein, griff sich einen Stuhl und setzte sich zwischen Bonifatius und Katharina.

»Kinderlosigkeit ist die Schuld des Weibes und seines Lebenswandels«, gab Bonifatius mit drohendem Unterton zurück. »Wenn ein Weib seinen Pflichten nicht nachkommt und sich stattdessen mit fragwürdigen Dingen beschäftigt, um die von Gott vorgegebenen Wege und Schicksale der Menschen zu ändern, dann straft Gott es mit Kinderlosigkeit.«

Schon öffnete Thassilo den Mund, um etwas zu entgegnen, doch Katharina kam ihm zuvor. »Wenn Ihr auf mein Wirken als Heilerin anspielt, so lasst Euch fragen: Diese aus christlichem Mitgefühl geborenen ›fragwürdigen Dinge‹, wie Ihr sie zu nennen beliebt, werden seit Jahrhunderten von den gottesfürchtigen Nonnen in den Klöstern der heiligen katholischen Kirche ausgeübt. Sie werden im Dienste am Mitmenschen und als Beweis göttlicher Gnade in die Welt getragen. Und das soll unrecht sein, nur weil die, die das tun, Frauen sind?«

Bonifatius stieß mit seinem Kopf vor wie mit einem Dolch und fuhr Katharina mit blitzenden Augen an: »Hüte deine Zunge, Weib! Ein loses Mundwerk und spitzfindige Ausflüchte sind der erste Schritt in die Hölle.«

Thassilo erhob sich von seinem Stuhl und stellte sich schützend vor seine Frau. Mit ruhiger Stimme entgegnete er: »Meine Gemahlin hat kein loses Mundwerk. Im Gegensatz zu anderen wählt sie ihre Worte stets mit Bedacht. Spar dir deine haltlosen Beschuldigungen. Vielleicht solltest du selbst stärker darauf achten, was du sagst, denkst und tust, Bonifatius. Ich habe mich vor Kurzem mit Bischof Lorenz über dich unterhalten und erfahren, dass es einigen Unmut über dich gibt, weil du durch deinen Übereifer den Ketzern und Abtrünnigen willkommene Nahrung lieferst.«

Auch Bonifatius stand auf. Wütend stieß er seinen Stuhl zur Seite, sodass er polternd umfiel. »Dass ich mir in diesen Zeiten der Gottlosigkeit und des Abfalls von der heiligen katholischen Kirche nicht nur Freunde mache, indem ich auf die Einhaltung der Regeln für einen rechtgläubigen christlichen Lebenswandel poche, ist mir bekannt«, erwiderte er in scharfem Ton. »Aber es ist auch nicht meine Aufgabe, mir Freunde zu machen. Meine Aufgabe ist es vielmehr, den Glauben und die Kirche zu verteidigen, notfalls mit aller gebotenen Strenge. Und wenn dir das Seelenheil deines unverständigen Weibes am Herzen liegt, Thassilo, dann halte es von allen Hexenkünsten fern, damit es nicht in Satans Fänge gerät. Hexen sind eine Ausgeburt der Hölle. Ihre Seelen können nur noch durch das Feuer gerettet werden, und wer sie verteidigt, ist selbst mit Satan im Bunde.«

»Willst du damit sagen, dass du selbst höchste kirchliche Würdenträger des Bündnisses mit Satan zeihst?«, hielt der Reichsritter mit noch immer ruhiger Stimme dagegen, »nur weil sie die Stichhaltigkeit deiner Beschuldigungen bezweifeln und nicht daran glauben, dass Folter automatisch zur Wahrheit führt?«

»Wie kannst du es wagen, Thassilo!«, schrie Bonifatius.

»Was wagen? Dich daran zu erinnern, dass auch ein Päpstlicher Inquisitor nur ein Mensch ist, der irren kann? Geh in dich, Bonifatius.«

Der Inquisitor kniff die Augen zusammen und ballte die rechte Hand zur Faust. Doch dann besann er sich und fuhr in ruhigerem, wenn auch immer noch scharfem Ton fort: »Ich bin gekommen, um dein Weib eindringlich zu ermahnen, sich von gefährlichen heidnischen Heilmethoden abzuwenden. Ich wollte das eigentlich als ein um ihr Seelenheil besorgter Verwandter tun, aber anstatt mir dafür dankbar zu sein, dass ich mich extra der Mühen unterzogen habe, auf eure Burg zu kommen, überschüttet ihr mich mit haltlosen Beschuldigungen!« Dann wandte er sich an Katharina. »Wenn du also nicht auf meinen Rat als Verwandter hören willst, dann befehle ich dir hiermit als Päpstlicher Inquisitor, dich von Hexenwerk und Ketzerschriften fernzuhalten.« Er machte eine kurze Pause und richtete den Blick auf Thassilo. »Das gilt auch für dich.«

»Was meinst du damit?«

Der Inquisitor antwortete nicht, sondern drehte sich um und ging hinaus. Thassilo wollte ihm folgen, aber dann hob er nur kurz die Arme und ließ sich auf seinen Stuhl sinken. Schweigend starrte er ins Feuer, während von draußen Befehle und Pferdegetrappel in den Raum drangen.

Katharina trat hinter ihren Mann, legte ihm die Hand auf die Schulter und starrte wie er in die lodernden Flammen.

Thassilo spürte, wie ihre Hand zitterte, wusste sie doch, welche Gefahr sich hinter der Drohung des Inquisitors verbarg. Er kannte den Malleus Maleficarum, das als wissenschaftlich fundiert anerkannte Handbuch zur zweifelsfreien Überführung von Hexen. Erst kürzlich hatte er sich mit dem Eichstätter Fürstbischof Gabriel von Eyb, einem entfernten Verwandten, über dieses Buch unterhalten und sich darüber empört, dass es den verdächtigten Frauen keine Möglichkeit ließ, ihre Unschuld zu beweisen, und dass jede ihrer Äußerungen in ein Schuldeingeständnis verdreht wurde.

»Ein übles Machwerk«, hatte der humanistische Fürstbischof ihm zugestimmt. »Bleibt die Angeklagte selbst unter der Folter standhaft, was nur wenigen Frauen gelingt, so wird dies als Beweis für ihre Verstocktheit gewertet, und es wird behauptet, Satan selbst bewirke ihre Standhaftigkeit. Gesteht sie jedoch aus Angst vor immer schrecklicheren Folterungen, dass sie eine Hexe ist, so wird sie zu weiteren Geständnissen gezwungen. Dadurch wird ein vollständiges Gerichtsverfahren nachgewiesen, sodass sie anschließend rechtmäßig verbrannt werden kann.« Und er hatte seufzend hinzugefügt: »Leider, lieber Thassilo, liegt es nicht in meiner Macht, solche Methoden zu verbieten.«

Die ausführliche Beschreibung der Foltermethoden im Malleus Maleficarum hatte Thassilo einen nachhaltigen Eindruck davon vermittelt, wie grausam es bei den Hexenprozessen zuging, weil die Folter sich über Tage und manchmal sogar über Wochen hinzog. Und er wusste, dass es für Katharina keine Rettung geben würde, wenn sie erst einmal in die Fänge des Päpstlichen Inquisitors geraten war.

Noch war seine Frau durch seinen Stand als Reichsritter, durch sein gutes Verhältnis zu Kaiser Maximilian und durch seine Bande mit den Hohenzollern geschützt. Aber niemand konnte sagen, wie lange all dies noch ein ausreichendes Bollwerk gegen die Angriffe des fanatischen Bonifatius bilden würde.

Thassilo griff nach Katharinas zitternder Hand und drückte sie gegen seine Wange. Dann zog er sie auf den Stuhl neben sich, legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. Irgendwann spürte er, wie ihr Körper sich langsam entspannte.

II.

Dumpf hallten seine Schritte, während er tiefer und tiefer in die modrig riechende Finsternis hinabstieg. Der flackernde Schein der Pechfackeln an den grob behauenen Wänden reichte nicht bis zum Boden, und so musste er immer wieder innehalten und mit den Füßen nach den unebenen Steinstufen tasten. Niemand begleitete ihn auf seinem Weg. Niemand außer seinem bebenden Schatten, der größer wurde und wieder kleiner, der ihn überholte, zurückblieb und verblasste, um dann mit jähem Sprung wieder aus der Schwärze aufzutauchen und an ihm vorbeizuhuschen.

Irgendwann spürte er, dass die Treppenstufen flacher wurden. Er trat in einen lang gezogenen, breiten Gang, dessen Mitte durch ein Feuer erleuchtet wurde. Geblendet von der plötzlichen Helligkeit, blieb er stehen. Es dauerte einige Zeit, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten und er die Eisengitter bemerkte, die in regelmäßigen Abständen rechts und links in die Wände eingelassen waren. Sie schienen zu anderen Gängen und zu Gewölben zu führen, die hinter den Gittern in der Dunkelheit verschwanden.

Er ging ein paar Schritte weiter, da vernahm er zu seiner Rechten ein Wimmern. Es verwandelte sich in ein röchelndes Stöhnen, das auf einmal verstummte. Er blieb stehen. Was war das? Doch bis auf das Pochen seines Herzens und seinen gepressten Atem konnte er nichts mehr hören. Langsam ging er weiter. Plötzlich drang von links ein Klirren zu ihm, gefolgt von einem schleifenden Rasseln. Er starrte in das düstere Loch hinter dem Gitter. Die Flammen warfen einen irrlichternden Schein auf die Wände und eine gewölbte Decke. Er trat näher an das Gitter heran und spähte in das Dunkel, aber außer ein paar grob aufeinandergeschichteten Steinen konnte er nichts erkennen.

Jäh fuhr eine Hand auf ihn zu und versuchte, seinen Mantelsaum zu fassen. Er sprang zurück. Ein dürrer nackter Arm streckte sich ihm durch das Gitter entgegen.

»Gnade! Gnade, Herr! Gnade!«, rief jemand mit brechender Stimme.

Thassilo sah nach unten und erkannte die schattigen Umrisse eines Kopfes, der einem Totenschädel ähnelte. Unter blutverklebten Haarsträhnen starrten ihn zwei tief in den Höhlen liegende Augen an.

Durch aufgequollene, blutverkrustete Lippen stieß das Wesen immer wieder hervor: »Gnade, Herr! Gnade!«

»Wer bist du? Und was hast du verbrochen, dass man dich hier einsperrt?«, fragte Thassilo.

Aber der Schattenmensch antwortete nicht, sondern sackte mit einem Seufzer in sich zusammen. Stumm und reglos blieb er auf dem Boden hinter dem Gitter liegen.

Thassilo wollte an das Gitter treten, hielt dann aber zögernd inne. Was, wenn der Gefangene eine List anwandte, um ihn noch einmal und diesmal fester zu packen? Aber ein Blick auf dessen Arme zeigte ihm, dass der nicht mehr viel Kraft würde aufwenden können. Sie waren abgemagert bis auf die Knochen und von Wunden bedeckt. An der rechten Hand fehlten zwei Fingerkuppen, und Thassilo konnte die verschmorten und noch blutenden Fingerstümpfe deutlich erkennen.

Während Thassilo zaudernd dastand, drangen erst von links, dann auch von rechts weitere Stimmen zu ihm.

»Gnade, Herr, Gnade!«

Der Reichsritter sah sich um. Im Dämmerlicht erblickte er noch mehr Geschundene, Männer wie Frauen, die ihm durch die Eisenstäbe ihrer Verliese die Arme entgegenstreckten. Auch sie waren bis auf die Knochen abgemagert und von Wunden übersät.

»Gnade, Herr, Gnade! Gnade, Herr, Gnade!«, ertönte es wieder.

Diesmal kamen die Stimmen aus der Tiefe des Ganges, untermalt vom Schleifen und Rasseln der Ketten.

»Gnade, Herr, Gnade!«

Plötzlich hörte er einen lauten Knall, gefolgt von einem gellenden Schrei. Dann herrschte Totenstille, die nur vom Knistern der Flammen unterbrochen wurde.

Der Reichsritter verharrte reglos. Ein schleifendes Quietschen drang zu ihm, dann ein spitzes, hohes Kreischen. Es kam vom anderen Ende des Ganges. Zögernd ging Thassilo ein paar Schritte weiter und erblickte hinter dem Feuer ein Gewölbe, in dem mehrere Gestalten in dunklen Kutten standen. Große Kapuzen bedeckten ihre Köpfe, sodass ihre Gesichter nicht zu erkennen waren. Jetzt trat eine der Gestalten zur Seite, und Thassilo erschrak. Auf einem Tisch lag eine nackte Frau. An alle vier Gliedmaßen waren grobe Taue geknotet, die mit großen Rädern verbunden waren, an denen die Kuttenmänner drehten, sodass die Glieder langsam auseinandergerissen wurden.

Während Thassilo zu begreifen begann, was die Männer dort taten, hob die Frau mühsam den Kopf und sah ihn mit ihren vor Entsetzen aufgerissenen Augen an. Er kannte das Gesicht, kannte diese Augen. Aber er wusste nicht, wer diese Frau war.

Thassilo wollte zu ihr stürzen und den Männern Einhalt gebieten, doch seine Beine waren schwer wie Blei, und er konnte sich nur unter größten Anstrengungen bewegen. Er öffnete den Mund, um den Schergen einen donnernden Befehl zu erteilen, doch seiner Kehle entrang sich nur ein Krächzen.

Wieder stieß die Frau einen langen, spitzen Schrei aus. Aber sosehr Thassilo sich auch anstrengte, zu ihr zu gelangen, er kam kaum vorwärts.

Unterdessen setzten die Kapuzenmänner ihr blutiges Handwerk fort, bis der Frau mit grausigem Knirschen erst ein Arm und dann ein Bein vom Leib gerissen wurden. Ihre Schreie gellten durch das Gewölbe und wurden in mehrfachem Echo zurückgeworfen.

Auf einmal drehte sich einer der Folterer um und dann noch einer und noch einer. Jeder griff eine glühende Zange und kam langsam auf ihn zu. Immer deutlicher konnte Thassilo die Umrisse ihrer Gesichter erkennen. Sie sahen alle gleich aus und zeigten alle dasselbe triumphierende Lächeln.

Plötzlich wusste Thassilo, um wen es sich handelte: Es war Bonifatius von Ebenstatt, der Päpstliche Inquisitor, der sich ihm in vielfacher Gestalt langsam, aber unaufhaltsam näherte.

»Wage das nicht, du Ausgeburt Satans!«, schrie Thassilo. »Ich bringe dich um, du Ungeheuer! Ich bringe dich um!«

»Thassilo! Thassilo, beruhige dich!«

Der Reichsritter fuhr im Bett hoch und starrte Katharina an, die ihm die Hand auf den Arm gelegt hatte. Sein Nachtgewand war verschwitzt, auf seiner Stirn standen Schweißperlen. Nur langsam verblassten die Bilder aus seinem Traum. Aber die Schreie und das Klagen der Gefolterten hallten ihm noch immer in den Ohren.

Es dauerte einige Augenblicke, bis Thassilo begriff, dass er sich in seinem Schlafgemach in der Burg Strahlenfels befand. Die nächtliche Dunkelheit in der kleinen Kammer wurde nur durch den schwachen Schein der Öllampe erhellt, die Katharina hochgedreht haben musste. Im fahlen Licht konnte er das besorgte Gesicht seiner Frau erkennen. Er rieb sich die Augen, atmete tief durch und ließ sich zurück auf seine Kissen fallen. Katharina drückte sich an ihn und legte den Arm um ihn.

»Es ist nichts, Katharina, nichts. Ich habe wohl schlecht geträumt. Lass uns weiterschlafen.«

Katharina zwang sich zu einem Lächeln, streckte die Hand nach der Lampe aus und drehte den Docht herunter. Dann schmiegte sie sich wieder an ihn und schloss die Augen.

Thassilo musterte das weiche Profil seiner Frau. Sie war vierzehn Jahre jünger als er, aber auch sie zählte bereits einundzwanzig Lenze – ein Alter, in dem andere Frauen schon Kinder geboren hatten. Er wünschte sich nichts sehnlicher als eigene Nachkommen, aber er genoss auch Katharinas Mädchenhaftigkeit. Irgendwann würden sie schon noch Kinder bekommen, da war er sich sicher.

Auch Thassilo schloss die Augen, doch beide fanden keine Ruhe. Irgendwann richtete Katharina sich auf und drehte den Docht der Lampe wieder hoch. Besorgt sah sie ihn an. »Es war Bonifatius, von dem du geträumt hast, nicht? Es war Bonifatius und seine Drohung.«

»Unsinn. Wie kommst du auf Bonifatius?« Thassilo versuchte zu lachen. »Ich habe geträumt, ich stünde mit meinen Truppen vor Wien und würde eine Horde wilder Muselmanen abwehren. Und gerade eben wollte ihr Anführer meinen getreuen Gotthelf packen …«

»Die Muselmanen vor Wien? Unsinn. Du bist ein schlechter Lügner«, erwiderte Katharina.

Mit gerunzelter Stirn drehte sie sich von ihm weg und zog die Decke über ihre Schultern. Thassilo schmiegte sich an sie. So blieben sie liegen, bis der Morgen graute.

III.

Es war ein klarer, lichterfüllter Januarmorgen. Katharina trat vor die Tür und bemerkte, dass die Sonne an diesem Tag ganz besonders hell in den Burghof schien und alle Farben zum Leuchten brachte: Der frisch gefallene Schnee glitzerte in einem golddurchwirkten Weiß, die Hauben auf den dunkelbraunen Bäumen und den roten, gelben und schiefergrauen Mauern sahen aus wie Zuckerguss und funkelten golden, und der winterharte Efeu an der Burgmauer erstrahlte in einem tiefen Smaragdgrün. Und über allem erhob sich ein makellos blauer Himmel.

Katharina blieb einen Moment lang lächelnd stehen, um das winterliche Farbenspiel zu genießen und zu beobachten, wie die hungrigen Vögel an den nachtblauen, roten und gelben Beeren der Büsche pickten, die sie zu diesem Zweck an die Schutzmauer der Burg gepflanzt hatte. Es war ein ganz besonderer Tag, dachte sie, ein Freudentag.

Summend ging sie zurück in die Küche und stellte sich neben ihre Magd Helga an den Herd, in dem ein Feuer prasselte. Darauf stand ein glänzender, bauchiger Kupferkessel, in den Helga klein geschnittene Rüben, Möhren, Sellerie, Pastinaken, Schalotten und Lauch geworfen hatte, die nun leise vor sich hin köchelten. Katharina dachte voller Dankbarkeit an ihre Mutter und die Benediktinerinnen im Kloster St. Marien, von denen sie ihr umfangreiches Wissen über die Nahrhaftigkeit und die Heilkraft der einzelnen Gemüse- und Getreidesorten, der Kräuter, Öle und Gewürze hatte. Durch beständiges Ausprobieren hatte sie sich Rezepte für wohlschmeckende Alltagsspeisen zusammengestellt, die darüber hinaus auch eine heilende Wirkung besaßen.

Sie blickte auf das im Kessel wellende rote, grüne, gelbe und weiße Gemüse – eine Farbmischung, die, wie sie herausgefunden hatte, eine ideale Zusammensetzung von Nahrungsmitteln ergab. Sie dachte an die harntreibende, reinigende Kraft des weißen Sellerie, der die auswurffördernde, herz- und darmstärkende und wurmaustreibende Wirkung des grünen Lauchs und der außen rötlichen, innen gelben Möhren sinnvoll ergänzte. Wie zur Bestätigung schloss sie die Augen und sog den würzigen Duft tief ein. Dann trat sie zum Regal, auf dem ein großer Topf mit Hirse stand, und hob den Deckel. Sie tauchte eine mittelgroße Schüssel hinein und füllte sie, schüttete die Hirse in den Kessel und nickte der Magd zu, die daraufhin das Ganze mit einem langen Holzlöffel umrührte.

Die Freifrau ging zum Küchentisch und bückte sich kurz, um Helgas Kindern, dem einjährigem Sohn und der dreijährigen Tochter, zuzulächeln, die auf einer Decke unter dem Tisch mit Holzklötzchen spielten. Thassilo und Katharina gestatteten ihrem Gesinde, ihre Kinder auch während der Arbeit in der Burg in ihrer Nähe zu haben. Katharina richtete sich wieder auf, füllte einen Becher bis zur Hälfte mit Olivenöl, nahm eine Schale mit getrockneten und klein geschnittenen Kräutern – Petersilie, Majoran, Giersch, Löwenzahn, Wegerich, Oregano, Minze, Thymian, Lavendelblüten – vom Tisch und ging damit zum Herd, um alles in den Kessel zu schütten. Anschließend fügte sie noch etwas Pfeffer, Gelbwurzpulver und Salz hinzu, ließ Helga ein letztes Mal umrühren und bedeckte die Suppe zum Garen mit einem Deckel. Der würzige Duft der Suppe erfüllte inzwischen die ganze Küche.

»Ich habe Hunger!«, rief die dreijährige Ruth.

»In einer knappen Stunde gibt es die zweite Vesper, du nimmersattes Weibsbild!«, erwiderte Katharina lachend. »Helga, schneid schon mal das Brot und deck den Tisch.«

»Wird der Reichsritter auch hier sein?«

»Ja, Helga, er sieht noch unten im Dorf und in unserem Armenhaus nach dem Rechten und müsste bald kommen.«

Helga schnitt einen Laib duftendes Dinkelbrot in Scheiben, legte sie in einen Korb aus geflochtenen Weidenzweigen und ging damit in die schummrige, halbhohe Vorhalle der Burg, deren Wände aus unverputztem, grobem Mauerwerk bestanden und deren Decke durch schwere Querbalken aus Eichenholz gestützt wurde. Dort zündete sie vier Pechfackeln an. Auch tagsüber drang kaum Licht in den Raum, der nur durch wenige schmale Fenster erhellt wurde, die zudem bis zum späten Frühjahr mit Pergament gegen die kalte Zugluft abgedichtet waren. Nachdem sie den Tisch gedeckt hatte, ging sie in die Küche zurück und half ihrer Herrin beim Kleinschneiden von Haselnüssen und Äpfeln, die sie zusammen mit Rosinen über eine Schüssel mit Dinkelbrei streuten, der als Nachtisch gereicht wurde.

Wäre jetzt ein Fremder in die geräumige Küche der Burg gekommen, hätte er Herrin und Magd kaum unterscheiden können. Beide trugen eine wadenlange dunkelbraune Wolljacke mit halblangen Ärmeln über einem schlichten hellblauen Kleid aus doppelt gewebter, mit wärmenden Wollfäden verstärkter Baumwolle, das bis zum Boden reichte. Katharinas Kleid unterschied sich von dem ihrer Magd nur durch eine feine umlaufende Borte in dunklem Grün, in die kleine blaue Lilien eingewebt waren. Und während Helga das blonde Haar mit einer hölzernen Spange hochgesteckt hatte, zierte Katharinas pechschwarzes Haar eine silberne Spange mit kleinen, zu einem Blütenzweig angeordneten Rubinen. An den Füßen trugen beide Frauen über dicken Wollstrümpfen schmucklose Holzpantoffeln.

Katharina summte weiter vergnügt vor sich hin, während die Kinder unter dem Tisch kreischend und jauchzend auf die Hölzer schlugen. Helga wollte ihre Kinder zur Ruhe ermahnen, aber die Freifrau hielt sie zurück, legte das Messer in den Schoß und sah die Kleinen mit einem versonnenen Lächeln zärtlich an.

Helga musterte ihre Herrin. Den ganzen Morgen schon hatte sie sich über ihre Fröhlichkeit gewundert. Zwar war die Freifrau stets freundlich und ausgeglichen, aber meist wirkte sie ernst. Selten hatte die Magd sie so gut gelaunt, ja geradezu ausgelassen erlebt. Was hatte das zu bedeuten?

Die Freifrau erhob sich. »Ich werde mich jetzt umziehen, Helga«, sagte sie und wandte sich zur Tür.

Erstaunt sah die Magd sie an. »Erwartet Ihr noch Besuch?«, fragte sie.

»Ja, Helga, meinen Gatten.« Katharina strahlte sie an und eilte durch die Tür.

Helga runzelte die Brauen und kratzte sich am Kopf. Was war geschehen? So war die Freifrau doch sonst nicht.

Singend sprang Katharina die Stufen zur Schlafkammer hinauf. Summend legte sie ihr schlichtes Alltagskleid ab und zog zur Feier des Tages ihr Festgewand aus gelbem Samt und dazu ihr mit Blütenranken besticktes schwarzes Mieder an. Dann schlüpfte sie in ihre gelben Samtpantoffeln. Die Stirn- und Schläfensträhnen ihrer hüftlangen Haare flocht sie zu kleinen, dünnen Zöpfen, die sie am Hinterkopf mit einer Silberspange zusammensteckte. Es sollte ein Festtag werden.

Vorsichtig legte sie die Hand auf ihren Bauch. Kurz nachdem Thassilo im Morgengrauen fortgeritten war, hatte sie gespürt, wie sich darin etwas regte. Nun gab es keinen Zweifel mehr: Sie war guter Hoffnung.

Eigentlich hatte sie es von Anfang an gewusst, gleich nach jener Nacht und schon lange, bevor ihre Blutungen im November ausgeblieben waren. Aber sie war sich nicht sicher gewesen. Sie sah an sich hinab. Selbst jetzt konnte sie nur bei sehr genauem Hinsehen eine leichte Wölbung erkennen. Doch die zarte Bewegung in ihrem Leib und die kaum merkliche Vergrößerung ihrer Brüste, die sie vor ein paar Tagen zum ersten Mal bemerkt hatte, waren eindeutige Zeichen.

Sobald Thassilo heimkam, würde sie es ihm sagen. Sie wusste, dass er außer sich sein würde vor Freude, zumal die von Wildensteins nach dem frühen Tod seiner zwei Brüder auszusterben drohten. Auch sie selbst freute sich, von dem Mann, den sie so sehr liebte, ein Kind in sich zu tragen.

Auf einmal spürte Katharina einen leichten Schwindel, und sie legte sich auf das Bett. Auch von hier aus würde sie hören, wenn Thassilo mit seinen beiden Knechten zurück in den Burghof kam. Wegen des hohen Schnees, der die Landschaft bedeckte, hatte er nur einen kurzen Ausflug zum Dorf am Fuß der Burg und zum dortigen Armenhaus unternommen, um zu überprüfen, ob vor allem die Alten und Kranken mit genug Holz und Getreide versorgt waren, damit sie weder hungern noch frieren mussten – eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Untertanen, welche die Burgherren sehr ernst nahmen.

Durch die kleinen, milchigen Doppelscheiben drangen gedämpft die Strahlen der Sonne. Lächelnd schloss sie die Augen.

Das erste Mal hatte sie Thassilo auf einem Volksfest gesehen. Sie sah ihn mit seinen leicht gewellten, dunklen Haaren und seinem kräftigen, aber zugleich geschmeidigen Körper noch deutlich vor sich. Als Erstes waren ihr seine wachen, aufmerksamen Augen aufgefallen, die etwas Weiches und doch Bestimmendes, Zielstrebiges hatten.

Das war nun fast fünf Jahre her. Damals war sie siebzehn Jahre alt gewesen und er einunddreißig. Ihre Eltern hatten am Anfang gezögert, einer Heirat mit dem Reichsritter zuzustimmen. Zwar stammte er aus einem angesehenen Geschlecht, aber aus einer ärmeren Linie. Er verfügte weder über das Vermögen noch über die Hausmacht oder die Beziehungen, die andere Ehekandidaten zu bieten hatten. Und ihre Eltern, die selbst aus altem, verarmtem Adel stammten, wünschten sich einen reichen Mann mit Einfluss an der Seite ihrer Tochter, und sei es ein Spross aus einem aufstrebenden Patriziergeschlecht, die zur eigenen Aufwertung gern mittellose Jungfrauen aus alten Adelsgeschlechtern zum Weibe nahmen.

Voller Dankbarkeit dachte Katharina an ihre Eltern, die sie nicht gezwungen hatten, einen ihnen genehmen Mann zu heiraten. Dabei hatte sie die Geduld ihrer Eltern auf eine harte Probe gestellt, denn vor Thassilo hatte niemand vor Katharina Gnade gefunden. Doch die humanistisch geprägten von Veldens wollten ihre jüngste Tochter nicht gegen deren Willen verheiraten. Auch ihre beiden Schwestern hatten ihren Ehemann frei bestimmen dürfen.

Katharina hatte frei heraus gesagt, was sie von ihren Freiern hielt. Der eine war ihr zu ungehobelt, der andere zu alt und halsstarrig, der nächste zu oberflächlich und dumm, ein weiterer zu unbeherrscht und selbstgerecht. Und kaum einer von ihnen war schriftkundig. Lesen und Schreiben aber war für Katharina, die als eine der wenigen Frauen in Franken in der von Benediktinerinnen geführten Klosterschule von St. Marien eine lateinische Ausbildung genossen hatte, unverzichtbar. Ein Mann, der nicht schriftkundig war, konnte all die ihr am Herzen liegenden Werke nicht lesen und war ihr daher kein ebenbürtiger Gesprächspartner. So einer kam für sie nicht in Frage.

»Wie kann ich mit einem Mann das Bett teilen, den ich verachte oder vor dem es mich ekelt?«, hatte sie immer wieder gesagt. »Seht sie euch doch alle an: alte Böcke, rohe Tyrannen oder aufgeblasene Gecken, die glauben, dass sie meinen Widerstand schon brechen werden, wenn sie mich erst einmal als rechtlose Ehefrau in ihrer Gewalt haben. Keiner von denen hat mich nach meinen Interessen und Neigungen gefragt. Keiner von denen ist auf meine Frage eingegangen, ob ich als seine Frau weiterhin als Heilerin tätig sein darf und ob und wie er mich dabei unterstützen wird.«

Als sich ihr siebzehnter Geburtstag näherte, war sie noch immer nicht verheiratet, und ihre Eltern begannen sich zu fragen, ob es richtig gewesen war, ihre Tochter so freizügig zu erziehen. Katharina hatte ihren Vater nach einem Disput zu ihrer Mutter sagen hören:

»Oft redet und denkt sie wie ein Mann. Und was für verquere Vorstellungen sie von der Ehe hat! Vielleicht liegt es daran, dass sie das letzte Kind ist, das Gott uns vergönnt hat, und dass wir den ersehnten Sohn nicht bekommen haben. Darum habe ich Katharina ein wenig zu meinem Sohn gemacht und sie in die Welt der Bücher und der Wissenschaften eingeführt. Vielleicht hat das ihren Charakter verdorben. Gebe Gott, dass sie trotzdem noch einen Mann findet, der ihrer Widerspenstigkeit Herr wird, damit sie nicht zu einer alten, rechthaberischen Jungfer wird, die bei einer ihrer Schwestern oder im Kloster ihr Leben fristen muss.«

Dennoch hatte er sie nicht zur Ehe gezwungen, und das rechnete sie ihm hoch an.

Während eines Besuches in Nürnberg, wo gerade das Volksfest zu Ehren des heiligen Lorenz stattfand, war es dann geschehen: Katharina erinnerte sich noch ganz genau, wie sie auf dem Nürnberger Hauptmarkt einen ihr unbekannten Mann bemerkt hatte. Der Fremde stand mit zwei Ratsherren zusammen, mit denen er sich angeregt unterhielt. Sein lebhafter Gesichtsausdruck und seine samtweichen Augen, die einen merkwürdigen Kontrast zu seinem kräftigen, hoch gewachsenen Körper bildeten, fesselten sie vom ersten Augenblick an. Und ihr gefiel sein dunkelbraunes Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte und in der Sonne glänzte. Wenn er lachte, zeigte er ebenmäßige weiße Zähne, und seine tiefbraunen Augen gaben seinem kantigen Gesicht etwas Sanftes.

Als er plötzlich zu ihr herüberblickte und in seinem Gespräch innehielt, senkte Katharina verlegen den Kopf und merkte, wie ihr eine heiße Röte ins Gesicht stieg. Sie wollte sich schon zum Gehen wenden, da spürte sie, wie eine Hand ihren Unterarm berührte. Als sie sich umdrehte, stand der fremde Mann vor ihr, der sich mit galanter Verbeugung als Thassilo von Wildenstein vorstellte und sie zum Tanz aufforderte.

Nach dem ersten Tanz zog er sie an den Rand der Tanzfläche, wo die Musik weniger laut war, und verwickelte sie in ein langes Gespräch. Er wollte alles über sie, ihre Familie und ihre Interessen wissen und beantwortete seinerseits ihre Fragen offen und ohne Ausflüchte. »Meine Einkünfte reichen für Nahrung, Kleidung, Feuerholz im Winter und ein paar kleine Annehmlichkeiten, aber nicht für einen aufwendigen Lebensstil«, sagte er unumwunden. Diese Aufrichtigkeit gefiel ihr ebenso wie sein Lächeln, die Art, wie er den Kopf zur Seite legte, seine breiten, starken Schultern oder die Aufmerksamkeit, mit der er sie ansah und das, was sie sagte, in sich aufnahm und dabei immer wieder nachfragte. Und als sie ihm erzählte, dass sie eine ausgebildete Heilerin war und das auch bleiben wollte, sagte er die Worte, mit der er sie endgültig für sich gewann: »Das solltet Ihr auch, und Ihr solltet Euch von nichts und niemandem daran hindern lassen.«

Katharina erinnerte sich noch genau an den verblüfften Blick, den ihr Vater ihr zuwarf, als Thassilo sie schließlich an seinem Arm zurück zu ihren Eltern geleitete. »Ihr scheint ja einen ungewöhnlich erfreulichen Einfluss auf meine Tochter zu haben«, sagte Marcus von Velden, als er das Strahlen in den Augen seiner Tochter bemerkte. »Ritter …«

»… Thassilo von Wildenstein, jüngst von Seiner Majestät dem Kaiser zum Reichsritter erhoben«, ergänzte Thassilo mit einer leichten Verneigung. »Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Freiherr von Velden. Und meine Freude würde sich ins Unermessliche steigern, wenn Ihr und Eure Gemahlin gemeinsam mit Eurer Tochter mir Eure Aufwartung auf meiner bescheidenen Burg Strahlenfels machen würdet.«

Als er sah, wie Katharinas Eltern sich erstaunt ansahen und zögerten, fügte er schnell hinzu: »Wie wäre es mit morgen früh? Wie ich hörte, habt Ihr hier in Nürnberg für eine Nacht Quartier bezogen.«

»Ihr seid fürwahr ein Mann der Tat«, sagte der Freiherr kopfschüttelnd.

»Nun, wie ich merke, kommt meine Einladung vielleicht ein wenig zu überraschend«, fuhr Thassilo fort. »Aber es wäre mir eine große Ehre, wenn ich einem derart belesenen Mann wie Euch, Freiherr von Velden, meine Bibliothek zeigen dürfte. In meiner Bibliothek habe ich eine prachtvolle Abschrift von Dantes La vita nuova aus dem Jahr 1375, über die ich gern Euer Urteil einholen würde. Außerdem stehen dort einige jener Schriften, die man heutzutage nicht mehr auf den öffentlichen Märkten findet. Zu Unrecht, wie ich meine.«

»Ihr seid nicht nur ein entschlossener, sondern auch ein mutiger Mann«, erwiderte Marcus von Velden. Er hatte sofort verstanden, dass Thassilo von Wildenstein auf die von der Kirche auf den Index gesetzten und öffentlich verbrannten Schriften anspielte. Neugierig geworden, nahm er nach kurzem Zögern Thassilos Einladung an. »Die Illustrationen aus dem vierzehnten Jahrhundert interessieren mich sehr«, erwiderte er mit einem wissenden Lächeln.

»Gut, dann morgen früh um die zehnte Stunde.«

Kaum hatte Thassilo sich entfernt, wurde Katharina von ihren Eltern mit Fragen bedrängt. Sie wollten ganz genau wissen, worüber sie sich mit diesem Mann unterhalten hatte und was sie ihm gegenüber empfand. Aber Katharina war so verwirrt, dass sie kaum zu antworten vermochte. Das Einzige, was sie mit Sicherheit sagen konnte, war, dass sie Thassilo von Wildenstein so schnell wie möglich wiedersehen wollte.

Den Abend nutzten Katharinas Eltern, um Erkundigungen über den Reichsritter einzuholen. Dabei erfuhren sie, dass er sich großer Beliebtheit erfreute und als mutig, umgänglich und verlässlich galt.

Katharina hatte noch lebhaft in Erinnerung, wie sie den größten Teil der Nacht schlaflos am Fenster gestanden und zu den Sternen hinaufgeblickt hatte. Dabei hatte sie sich vorgestellt, dass er von seiner Burg aus dieselben Sterne sehen konnte. Und tatsächlich gestand ihr Thassilo später, dass auch er in jener Nacht kaum hatte schlafen können und die Sterne betrachtet hatte.

Als sie sich am nächsten Morgen mit ihren Eltern Burg Strahlenfels näherte, begann Katharinas Herz laut zu pochen. Und als sie am Fuß des Burgberges aus der Kutsche stiegen, um auf bereitstehenden Pferden den schmalen Weg hinauf zur Burg zu reiten, zitterten Katharinas Hände so heftig, dass sie nur mit Mühe die Zügel zu halten vermochte.

Vor dem Burgtor, das mit den Wappenfarben derer von Velden in Schwarz, Gelb und Grün geschmückt war, stand Thassilo. Katharina errötete, als sie ihn erblickte, und senkte die Augen, als er sie mit einer tiefen Verneigung begrüßte. Während sich die Männer in die Bibliothek zurückzogen, führte Christine, Thassilos Magd, die Frauen in den großen Kräutergarten, den einst Thassilos früh verstorbene Mutter angelegt hatte.

Es dauerte nicht die verabredete eine, sondern mehr als drei Stunden, bis die Männer, noch immer ins Gespräch vertieft, aus der Bibliothek in den Kräutergarten kamen, wo die Frauen inzwischen an einem Tisch in der Sonne saßen und zu Rosinenküchlein Holunderblütentee mit Honig tranken.

Als die von Velden sich schließlich erhoben, um die Burg zu verlassen, nutzte Thassilo die Gelegenheit, um Katharina unter vier Augen zu fragen, ob sie sich vorstellen könne, seine Frau zu werden. Und als sie errötend nickte, hielt er bei ihrem Vater um ihre Hand an. »Ich bin nur ein armer Ritter, aber ich weiß, dass ich Eure Katharina glücklich machen kann«, versicherte er.

Von Velden erbat sich eine sechsmonatige Bedenkzeit. In dieser Zeit besuchte Thassilo die Familie mehrmals, und dabei konnten Katharina und er sich im elterlichen Garten auch allein unterhalten. Obwohl das junge Paar füreinander wie geschaffen zu sein schien, ließen Katharinas Eltern nichts unversucht, um doch noch einen reicheren Mann für ihre Tochter zu finden. Aber Katharina wies alle ab, und so entschied Freiherr von Velden schließlich:

»Eine Ehe sollte nicht nur aus Berechnung, sondern auch aus Neigung geschlossen werden. Und immerhin stammt Ihr, Thassilo von Wildenstein, aus gutem Hause, seid gebildet und der Einzige, den Katharina als ihren Bräutigam akzeptiert. Also gebe ich euch beiden meinen Segen.«

Lächelnd dachte Katharina an ihre Hochzeitsnacht in der Burg. Sie hatte ihren Mann angstvoll in dem riesigen Ehebett erwartet, die Decke bis zum Hals hochgezogen. Zitternd hatte sie dagelegen und versucht, sich so klein wie möglich zu machen. Sie hatte lange auf ihren Mann warten müssen, der, wie er ihr später erklärte, ihr erst einmal Zeit geben wollte, sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen.

Als Thassilo dann endlich kam, war er nicht, wie sie befürchtet hatte, sofort über sie hergefallen, sondern hatte ihr nur sanft die Hand geküsst, sich neben sie aufs Bett gesetzt und ihr eine lange Reiseerzählung vorgelesen. Dann hatten sie sich bis zum Morgengrauen über die Sitten und das Leben in anderen Ländern unterhalten, die Thassilo auf seinen Kriegszügen und diplomatischen Missionen für den Kaiser aus eigener Anschauung kannte, Italien zum Beispiel und Österreich, Frankreich, Spanien, Ungarn und das Osmanische Reich. »Auf meinen kurzen Reisen als Gesandter des Kaisers habe ich mehr erfahren als auf meinen langen Kriegszügen, denn im Krieg kann man ein Volk kaum kennenlernen«, hatte Thassilo eingeräumt.

Auch in den folgenden Nächten hatte er sich zurückgehalten. Wieder hatte er Katharina aus Büchern vorgelesen, und wenn sie sich dann an ihn schmiegte, hatte er sie immer wieder sanft auf Arme, Hals, Brust und Nacken geküsst, war mit der Zunge zart und lockend über ihre Haut gefahren, hatte ihr das Nachtgewand bis zu den Knien hochgeschoben und ihre Beine gestreichelt, es aber dabei belassen. Noch drei Wochen hatte er gewartet, bis ihre Lust auf ihn groß genug geworden war und sie ihn selbst bedrängte. Als sie dann das erste Mal miteinander schliefen, überstiegen die Freuden der körperlichen Liebe alles, was Katharina sich erträumt hatte. Und diese gemeinsame Lust hatte bis jetzt angehalten.

Katharina schreckte aus ihren Gedanken auf, als sie Pferdegetrappel und lauten Gesang durch die undichten Fensterscheiben hörte. Rasch stand sie auf, strich sich über ihr Haar und das Kleid und lief die Treppe hinab, um Thassilo zu begrüßen.

Als er die Burghalle betrat, um sich an den Esstisch zu setzen, und seine Frau die Treppe herabkommen sah, blieb er verwundert stehen. Selten hatte er Katharina zu Hause in solch edlem Aufzug gesehen. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf.

»Habe ich irgendeinen wichtigen Tag vergessen, oder bekommen wir heute hohen Besuch?«, fragte er.

Katharina schüttelte lächelnd den Kopf. »Setz dich, mein lieber Mann, ich habe dir etwas zu sagen.«

Als er bemerkte, dass Katharina Mühe hatte, ein Strahlen zu unterdrücken, hob Thassilo die Brauen, kniff die Augen zusammen und legte den Kopf schräg. »Soll das heißen, dass du …?«

Katharina nickte errötend und senkte den Blick.

Mit schnellen Schritten war Thassilo bei ihr, schloss sie in die Arme und drückte sie mit aller Kraft an sich. »Wie ich mich freue!« Liebevoll sah er ihr in die Augen. »Schade, dass wir eingeschneit sind. Am liebsten würde ich sofort losreiten und es in ganz Franken verkünden.«

Katharina lächelte. »Das wird kaum gehen. Aber was spricht dagegen, dass wir hier auf der Burg mit dem Gesinde ein kleines Fest feiern?«

IV.

Thassilo fuhr aus dem Schlaf hoch. Er sah aus dem Fenster. Draußen begann ein warmer Junitag. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erleuchteten den Himmel und ließen den bösen Traum zerstieben, in dem er wieder einmal gefangen gewesen war. Er freute sich auf das Kind, das Katharina nun schon bald zur Welt bringen würde, und er konnte es kaum noch abwarten, bis es endlich so weit war. Aber er dachte auch mit Sorge an die Zukunft. Im Herbst würde er für seinen Kaiser in den Krieg ziehen und dann seine Frau mit dem neugeborenen Kind allein auf der Burg zurücklassen müssen. Immer öfter strichen räuberische Banden durch das Land und machten die Straßen unsicher. Und in jüngster Zeit begannen sich auch aus ihren Diensten entlassene Landsknechte zusammenzurotten, um Gehöfte und ungesicherte Landsitze und Burgen zu überfallen und auszurauben.

Und dann war da noch Bonifatius, dessen Drohung wie ein dunkler Schatten über der Burg hing. Zwar würde Katharina nun nicht mehr kinderlos sein, aber sie versorgte und heilte auch weiterhin Kranke und war aus christlicher Nächstenliebe nicht bereit, das aufzugeben.

Im schwachen Licht des Morgengrauens betrachtete er seine friedlich neben ihm schlafende Gattin. In wenigen Wochen würde es so weit sein, hatte die Hebamme gesagt. In wenigen Wochen würde seine Frau das Kind zur Welt bringen, auf das sie so lange gewartet hatten.

Hoffentlich ging alles gut bei der Geburt. Erst vor vier Wochen war Martha, seine Base, im Kindbett gestorben. Ihr Kind hatte sich vor der Geburt gedreht, und es war der Hebamme nicht gelungen, das Kind zurückzudrehen. Als Martha nach einer Nacht mit qualvollen Wehen immer schwächer wurde, hatte ihr Mann, Graf Heinrich von Reichenbach, nach dem berühmten jüdischen Medicus Isachar geschickt – sehr zum Unwillen von Marthas Beichtvater Hieronymus zu Silberswalden. Der wollte den christlichen Arzt Sebaldus Birnbacher holen lassen, damit er der Frau das Kind aus dem Bauch schnitt. Schließlich sei, so hatte er beharrlich betont, die Rettung des Kindes und nicht die der Mutter erste Christenpflicht. Trotzdem ließ Heinrich nach Isachar schicken, der mit seinen sanfteren Methoden mehr als ein Mal bewiesen hatte, dass er sowohl die Mutter als auch das Kind zu retten vermochte.

Die Wege waren schlammig und aufgeweicht, und Isachar traf erst viele Stunden später auf Burg Hoheneck ein. Inzwischen lag Martha schon im Sterben. Das Kind in ihrem Leib war, wie Isachar feststellte, schon tot, und er hielt es für sinnlos, es der sterbenden Mutter noch aus dem Bauch zu reißen. Also beschränkte er sich darauf, Martha eine schmerzstillende Opiumtinktur zwischen die blutleeren Lippen zu träufeln. Die Wirkung setzte bald ein, und Marthas Gesichtszüge begannen sich zu entspannen. Eine Stunde später starb sie.

Thassilo blickte auf seine schlafende Frau, die viel zarter und schmaler gebaut war als Martha. Er musste sie unbedingt vor allen Sorgen und Aufregungen schützen, damit sie ihre ganze Kraft auf die Geburt ihres Kindes verwenden konnte. Vorsichtig schob er seine Hand unter ihr Nachthemd, um die Wärme ihrer weichen, glatten Haut zu spüren. Eine Woge der Lust überkam ihn, doch er zügelte sich, zog seine Hand zurück und legte sie auf ihren Arm.

Katharina war von seinen Berührungen aufgewacht. Fest drückte sie ihren Kopf an seine Brust und rieb ihre Stirn daran. »Hab noch ein wenig Geduld«, flüsterte sie. Er konnte ihren gewölbten Bauch, in dem ihr gemeinsames Kind heranwuchs, deutlich fühlen, und zog sie an sich.

V.

Sie spürte den harten Griff starker Hände, die ihre Arme packten und sie hochrissen. Schlaftrunken öffnete sie die Augen und erblickte mehrere dunkle Gestalten in ihrem Schlafgemach. Einer hielt eine Fackel, in deren flackerndem Schein sie eine rote Weste mit dem Kreuz über schwarzem Tuch erkannte. Ihr stockte das Blut. Sie waren wieder da. Sie waren gekommen, um sie zu holen. Diesmal würde es endgültig sein.

Maria Mühlhauser schrie gellend auf und wehrte sich aus Leibeskräften, doch die Schergen zogen sie aus dem Bett und schleiften sie durch den Raum zur Treppe und hinunter ins Erdgeschoss. Als sich ihnen zwei Diener in den Weg stellen wollten, die durch die Schreie ihrer Herrin aufgeschreckt worden waren, sprangen vier Bewaffnete aus dem Dunkel des Eingangs und überwältigten sie.

»Im Namen der Inquisition, gebt den Weg frei!«, rief einer von ihnen und hielt den Dienern die Standarte der Inquisition und ein Siegel mit dem päpstlichen Wappen entgegen. Daraufhin ließen diese die Arme sinken und traten zur Seite. Entsetzt sahen sie zu, wie die Schergen ihre Herrin durch die Tür stießen. Das Letzte, was sie in der nächtlichen Dunkelheit von ihr erkennen konnten, war ihr Haar, das sich aus der Schlafhaube gelöst hatte und in langen dunklen Strähnen über ihr weißes Nachthemd hinabwallte.

Unbarmherzig wurde Maria immer weiter von ihrem Haus fortgerissen. Schon bald begannen ihre nackten Füße zu bluten. Doch sie spürte keine Schmerzen, sie spürte nur einen eisigen Schrecken, der ihr Innerstes gefrieren ließ.

Sie flehte und schrie, doch keiner der Männer zeigte Erbarmen, und es gab niemanden, der herbeieilte, um sie vor ihrem schrecklichen Schicksal zu retten.

Es war noch dunkel, und die Wolken am Himmel sahen fast schwarz aus. Nur ab und zu gaben sie den Blick frei auf kalt funkelnde Sterne und die dünne Sichel des Mondes.

Der Trupp zählte acht Knechte. Drei von ihnen waren beritten. Einer ritt mit der Standarte der Inquisition und einer Fackel voran, und zwei, mit Lanzen und Schwertern bewaffnet, bildeten den Schluss. Die anderen trugen Schwerter. Zwei hielten Maria fest, zwei gingen zur Absicherung mit Fackeln rechts und links außen, und einer ging hinter Maria.

Schon bald hatten sie das Privathaus der Nürnberger Tuchhändlerwitwe, das am Rande von Rothembrunn nahe der Rednitz stand, hinter sich gelassen. Mehrere Hunde hatten laut gekläfft, doch keiner der Bewohner des kleinen Ortes hatte sich gezeigt. Wahrscheinlich hatten sie bemerkt, was hier vor sich ging, aber sie wagten es nicht einzugreifen, weil sie Angst hatten, dass sie dann ebenfalls in Haft genommen und unter Anklage gestellt würden.

VI.

Die lichte Helle des Frühsommermorgens lockte Katharina in ihren Kräutergarten, wo sie die ganze Kraft der Natur besonders deutlich würde spüren können. Doch als sie in ihrem Garten stand, hatte sie das Gefühl, dass irgendetwas anders war. Irgendetwas stimmte nicht. Dieser Morgen hatte etwas merkwürdig Kaltes, Schneidendes, das sich auch durch die Wärme der aufsteigenden Sonne nicht verflüchtigte. Katharina fror trotz der halblangen braunen Strickweste, die sie über ihr Baumwollkleid gezogen hatte.

Sie versuchte, sich auf die Kräuter zu konzentrieren, zwischen denen sie dahinschritt, und sich an das zu erinnern, was sie von ihrer Mutter gelernt hatte: Jedes dieser Kräuter hatte unterschiedliche Wesensmerkmale, die der Heilkundige kennen musste, wenn er seinen Patienten wirklich helfen wollte.

»Das Grundwesen der Pflanzen offenbart sich in ihrer Gestalt«, hatte ihre Mutter gesagt. »Die lanzenförmigen Blätter des Spitzwegerichs heilen Schnitt- und Stichwunden, die tellerförmigen Blätter des Breitwegerichs schwärende Wunden und Brandwunden, und der Augentrost mit seinen augenartigen Blüten hilft bei allen möglichen Augenkrankheiten. Doch nicht alle Pflanzen zeigen ihre Heilkraft auf so deutliche Weise, und viele besitzen mehrere Heilkräfte gleichzeitig. So lässt sich zum Beispiel das Hirtentäschel mit seinen täschchenförmigen Blättern nicht nur zum Stillen von Blutungen anwenden, sondern auch gegen Durchfall, Augenreizungen und Blasenentzündungen.«

Immer wieder bückte sich Katharina, um ein Blättchen abzuzupfen, es zwischen den Fingern zu zerreiben und den würzigen Duft tief einzuatmen. Hier und dort schnitt sie Blätter und Blüten ab und legte sie in einen flachen Korb, um sie später zum Trocknen in die Kräuterkammer zu bringen: Veilchen gegen Asthma, Günsel zur Wundheilung und Blutreinigung, Zichorie zur Beruhigung und Belebung von Magen und Darm und außerdem gegen Rheuma und Gicht.

Als sie spürte, wie sich ihr Kind regte, blieb sie stehen und legte lächelnd die Hand auf ihren gewölbten Leib. Sie wartete, bis ihr Kind wieder ruhig geworden war, dann ging sie weiter. Mit klarer, heller Stimme sang sie das Klagelied einer von ihrem Geliebten verlassenen Maid aus dem Codex Buranus, dessen Lieder in ganz Europa bekannt und sehr beliebt waren:

Floret silva nobilis

floribus et foliis.

Ubi est antiquus

meus amicus?

Hinc equitavit.

Eia, quis me amabit?

»Hier ist dein Herzensfreund, du Blume unter den Frauen«, hörte sie eine muntere Stimme hinter ihrem Rücken.

Katharina drehte sich um. Es war Felix Graf von Eisenfelden, Thassilos Vetter zweiten Grades. Mit einer weit ausladenden Bewegung zog er sein mit bunten Federn und funkelnden Edelsteinen reich geschmücktes Barett vom Kopf und verbeugte sich vor Katharina, ein ironisches Lächeln auf den Lippen.

»Ich verneige mich vor Eurer Anmut, Teuerste, die auch in diesem schlichten Gewand vorteilhaft zum Ausdruck kommt.«

Katharina erwiderte seine Verbeugung, indem sie leicht den Kopf neigte.

»Du Heuchler! Mit meinem dicken Bauch habe ich allenfalls die Anmut eines wandelnden Weinfasses! Und die Schlichtheit dieses Kleides würde einem Bauernmädchen sicher besser anstehen als der Frau eines Reichsritters. Offenbar genießt du es, lieber Felix, eine Dame in Verlegenheit zu bringen.«

»Ich bitte Euer Gnaden untertänigst um Verzeihung!« Felix lachte.

Doch dann wurde er ernst und zog die Stirn in Falten. »Ich würde gern noch ein wenig mit dir plaudern, aber ich muss Thassilo sprechen, sofort.«

»Was ist geschehen, Felix?«, fragte Katharina, die nun auch ernst geworden war. »Thassilo ist ausgeritten, aber er müsste zur zweiten Morgenvesper zurück sein. Du musst dich also noch ein wenig gedulden. Und bis dahin wirst du mir bitte erzählen, was dich hergeführt hat.«

Der Graf warf einen Blick auf ihren Bauch und zögerte.

»Felix, ich bitte dich«, drängte Katharina. »Ich bin zwar schwanger, aber nicht blind. Ich sehe dir doch an, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Wenn du schweigst, machst du mir mehr Angst, als wenn du mit mir sprichst.

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