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Die Hebamme von Sylt

Inhaltsübersicht

PROLOG

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

ANHANG

Leseprobe aus "Sturm über Sylt"

PROLOG

Es war das Jahr 1872, als sich Geesche Jensens Leben grundlegend veränderte. Ein kalter Sommer, der noch nicht viele heiße Tage gehabt hatte! Das Unwetter, das über die Insel fuhr, war nicht das erste dieses Sommers, aber das schlimmste. Der Sturm jagte die Wellen gegen den Strand, das Tosen der Brandung war auf der ganzen Insel zu hören. Viele Klänge hatte er, dieser Wind, er heulte in den Fenstern und Türen, pfiff im Reet der Dächer und fuhr mit dem Schrei einer Möwe nieder, als hätte der Sturm einen spitzen Schnabel und scharfe Krallen. Am schlimmsten aber war das Fauchen des Meeres, das ferne Grollen der Wellen, ihr Brüllen, wenn sie sich überschlugen, sich auf den Sand warfen und sich zischend zurückzogen, als wollten sie eine Warnung hinterlassen. Aus einem schwülen, drückenden Tag war dieser Sturm entstanden, einem Tag, an dem jeder auf ein reinigendes Gewitter gehofft hatte. Dass daraus ein solches Wüten, eine derartige Wucht, eine so kalte, vernichtende Kraft entstehen würde, hatte niemand erwartet. Auch die alten Seefahrer nicht, die sich mit allen Wetterlagen auskannten, die nur lange in den Himmel blicken mussten, um dann an den Wolkenbildungen, der Windrichtung und dem Verhalten der Möwen zu erkennen, was der Insel bevorstand. Sie alle hatten diesmal versagt.

Geesche fragte sich, wie viele Fischer hinausgefahren sein mochten. Jens Boyken hatte sich aufgemacht, wie sie wusste. Gegen Mittag war sie an seinem Haus vorbeigekommen, da hatte er seine Netze vorbereitet und die Reusen zusammengelegt.

»Willst du Freda wirklich allein lassen?«, hatte sie ihn gefragt.

»Du hast gesagt, es kann noch eine Woche dauern, bis das Kind kommt«, hatte Jens in seiner mürrischen Art zurückgegeben. »Soll ich eine Woche auf den Fang verzichten? Und was, wenn es zwei Wochen werden?«

Es konnte aber auch schon in der nächsten Nacht losgehen. Gerade in den Sturmnächten wurden viele Kinder geboren. Wenn sich in der Natur etwas veränderte, setzten die Wehen oft früher ein, wenn das Wetter umschlug, der Mond wechselte oder eine Gefahr näher kam. Freda würde Angst vor dem Alleinsein haben, vor allem wenn Ebbo den Vater begleitet hatte. Ob Geesche zu ihr gehen sollte, um nach ihr zu sehen?

Nachdenklich ging sie zum Fenster der Küche und blickte hinaus. Die Nacht war schwarz, kein Stern zu sehen, der Mond lag hinter den Wolken verborgen. Sie jagten vermutlich über den Himmel, aber so dicht waren sie, dass sie kein Licht hindurch ließen. So war der Sturm nur zu hören, nicht zu sehen.

Wo mochte Andrees sein? Hoffentlich war er nicht von seinem Vater gebeten worden, mit hinauszufahren. Andrees ließ sich gerne bitten, das wusste Geesche. Eigentlich war er immer noch Fischer mit Leib und Seele, hatte nie etwas anderes sein wollen. Dass er nun dabei half, die Trasse zu bauen, auf der irgendwann einmal eine Inselbahn fahren sollte, war sein größtes Unglück. Doch ein Fischerboot ernährte nur eine Familie, und selbst das nur mit Müh und Not.

»Soll ich warten, bis mein Vater zu alt und zu schwach ist, um die Netze zu heben? Warten, dass er mir sein Boot überlässt?«, hatte er sie oft gefragt.

Dass dieser Tag kommen würde, war zwar eine kleine Hoffnung, aber keine wirkliche Perspektive. Und dem Vater ein Ende des Fischfangs zu wünschen, das war sogar eine Sünde. Nein, Andrees brauchte dringend ein eigenes Boot, um als Fischer sein Auskommen zu haben. Die Arbeit an der Trasse der Inselbahn machte einen anderen Menschen aus ihm. Jeden Tag ein bisschen mehr. Morgen würde er wieder ein wenig unglücklicher sein als gestern und übermorgen erneut davon reden, dass das Leben keinen Sinn hatte, wenn er nicht täglich auf das Meer hinauskonnte. Und erst recht nicht, wenn er sein Geld mit etwas so Sinnlosem verdiente wie der Idee, dass irgendwann eine Eisenbahn über die Insel fahren und Sommerfrischler vom Hafen Munkmarsch nach Westerland bringen sollte. Niemand glaubte an die ehrgeizigen Pläne von Dr. Julius Pollacsek, der aus Westerland ein blühendes Seebad machen wollte. So hatte der selbst ernannte Kurdirektor auch nur wenig Unterstützung auf Sylt gefunden. Kaum jemand war bereit, ihm dabei zu helfen, die Voraussetzungen für die Inselbahn zu schaffen, die Dr. Pollacsek sogar selbst finanzieren wollte. Lediglich einen Haufen junger Männer gab es, die froh über jede Beschäftigung waren. Sogar einige Strandräuber waren darunter, die jede Gelegenheit nutzten, um zu Geld zu kommen.

»Was ist das für eine Arbeit!«, klagte Andrees oft. »Ich tu was Sinnloses, nur um nicht zu verhungern. In zwanzig Jahren wird niemand mehr wissen, warum etwas so Überflüssiges wie diese Eisenbahntrasse gebaut wurde. Eine Inselbahn? Sinnlos! Alles sinnlos!«

Jedes Mal, wenn er das sagte, hatte Geesche Angst, dass er bald auch keinen Sinn mehr darin sehen könnte, sich eine gemeinsame Zukunft mit ihr auszumalen. Manchmal fürchtete sie sogar, dass er in seiner eigenen Zukunft keinen Sinn mehr sah. Was sollte geschehen, wenn er den Sinn des Lebens aus den Augen verlor?

Sie riss sich vom Fenster los, verließ die Küche und trat auf den Flur, der das Haus in Wohn- und Wirtschaftsteil gliederte, wie es in friesischen Häusern üblich war. Aber Geesche hatte diese Aufteilung verändert. Aus der Kammer des Wirtschaftsteils hatte sie den Raum gemacht, in dem die Frauen gebären konnten, die bei ihr, der einzigen Hebamme der Insel, Hilfe suchten; aus der Dreschtenne sollte demnächst ein Raum werden, der an Sommerfrischler zu vermieten war. Immer mehr kamen nach Sylt, manche blieben sogar den ganzen Sommer. Und wenn die Inselbahn zwischen dem Fährhafen Munkmarsch und Westerland wirklich einmal fahren sollte, würden es noch mehr werden. Vielleicht konnte sie dann auch den Stall umbauen, der an der Westseite die ganze Tiefe des Hauses einnahm. Sommerfrischler brachten Geld auf die Insel, und Geesche brauchte Geld, damit Andrees sich sein eigenes Fischerboot kaufen konnte. Aber sie brauchte es bald. Bis die Inselbahn ihre erste Fahrt machte, würden noch viele Jahre vergehen. Wenn die Pläne von Dr. Pollacsek überhaupt in die Tat umzusetzen waren! Andrees glaubte nicht daran.

Ein so gespenstisches Heulen fuhr unter der Eingangstür her, dass Geesche sich erschrocken an die Wand drängte. Wenn Andrees doch nur daran glauben könnte, dass es für Sylt eine neue Zukunft gab, wenn immer mehr Fremde auf die Insel kamen! Dr. Pollacsek behauptete, es kämen fette Jahre auf diejenigen zu, die Fremdenzimmer zu vermieten hatten. Und ihr Haus war groß genug dafür! Sie würden ihr Auskommen haben, wenn auch Andrees sich auf Dr. Pollacseks Ideen einließ.

Aus dem Stall drang aufgeregtes Gackern, als der Wind einen schweren Eimer gegen die Stalltür schlug. Wie lange würde Andrees sein Unglück noch ertragen? So lange, bis sie den Stall zu Fremdenzimmern gemacht hatte? Geesche schüttelte den Kopf. Nein, so viel Zeit würde ihr das Schicksal wohl nicht lassen.

Noch war der Stall in dem Zustand, in dem er gewesen war, als ihr Vater das Haus von seinen Eltern übernommen hatte. Zu seinen Lebzeiten waren dort Schweine und Federvieh gehalten worden. Als er starb und auch die Mutter bald das Zeitliche segnete, hatte Geesche sich entschlossen, die Schweine abzuschaffen. Nun hielt sie nur noch ein paar Hühner und Enten dort. Die Schafe, die sie außerdem besaß, kamen nicht in den Stall, sie blieben bei jeder Wetterlage auf der Weide. Wenn sie den Hühnern und Enten einen Verschlag im Garten bauen ließ, würde sie in dem Stall ebenfalls Fremdenzimmer einrichten können.

Geesche nahm die Petroleumlampe mit ins Gebärzimmer und leuchtete es aus. Ja, alles war an seinem Platz. Sollte Freda Boyken heute noch niederkommen, würde sie hier frische Laken vorfinden, einen sauberen Bottich für das Wasser, das Geesche auf der Feuerstelle ihrer Küche warmhielt, und alles, was für den Säugling gebraucht wurde, wenn er auf der Welt war. Auch Brot, Getreidegrütze und Bier hielt sie bereit, falls die Mutter nach der Geburt bereit war für eine Stärkung, wie Geesche sie gern empfahl.

Sie ging zurück in den Flur, wo ein großes wollenes Tuch auf einem Haken hing. Das legte sie sich gerade um, als sie spürte, dass jemand auf das Haus zukam. Schritte waren nicht zu hören, dazu war das Fauchen und Heulen des Windes zu laut, aber dass der Kies knirschte, blieb Geesche dennoch nicht verborgen. Sie kannte die Geräusche der Insel, wusste jeden Ton zu deuten, den sie erlauschte. Schon wieder raschelte es im Kies. Andrees? Warum kam er leise und heimlich zu ihr? Oder schleppte er sich mühsam zu ihrer Tür? Ging es ihm schlecht? Noch schlechter? So schlecht, dass er es nicht mehr aushielt?

Derart heftig stieß Geesche die Tür auf, als käme es auf jede Minute an. Als könnte Andrees im nächsten Augenblick noch zu retten sein und schon im übernächsten davon reden, dass er ins Watt gehen würde, weil das Leben keinen Sinn mehr hatte, wenn er kein Fischer sein durfte.

Mit aller Kraft hielt sie die Tür fest, damit der Sturm sie ihr nicht aus der Hand schlug. Aber sie konnte nicht verhindern, dass er mit gierigen Böen ins Haus fuhr.

Freda Boyken war es, die mit schweren Schritten auf das Haus zukam. Geesche sah sofort, dass ihre Stunde gekommen war. Sie streckte Freda die Hand entgegen, ergriff sie, kaum dass sie die Schwangere erreichen konnte, ohne die Tür dem Wind zu überlassen, und zog sie ins Haus.

»Seit wann hast du Wehen?«

Freda richtete sich stöhnend auf und griff sich in den Rücken, als Geesche die Tür geschlossen hatte. »Noch nicht lange«, keuchte sie. »Aber ich dachte, es ist besser, wenn ich schon jetzt zu dir komme. Falls der Sturm noch schlimmer wird …«

»Dann hättest du am Ende den Weg nicht mehr geschafft«, vollendete Geesche und schob Freda zur Tür des Gebärzimmers. »Ist Ebbo etwa mit Jens rausgefahren?«

Freda schüttelte den Kopf. »Er will zum Strand gehen und sich umhören. Vielleicht ist einer der Fischer rechtzeitig umgekehrt und weiß, was mit den anderen geschehen ist.« Freda ging zu dem Strohlager in der Mitte des Raums, über das Geesche frische weiße Laken gebreitet hatte. Sie drehte sich nicht um, als sie fragte: »Er wird doch zurückkommen? Er wird doch nicht ausgerechnet heute …?«

Geesche erwartete nicht, dass sie den Satz zu Ende sprach, und sie beantwortete die Frage nicht. Dass ein Fischerboot nicht zurückkehrte, gehörte zum Sylter Alltag. In einem solchen Fall war es eine Gnade, wenn der Fischer Tage später an den Strand gespült wurde und dort beerdigt werden konnte, wo seine Wurzeln waren. Das Allerschlimmste war, wenn ein Fischer auf See blieb.

Geesche ging zu ihr, als Freda sich unter der nächsten Wehe krümmte. Sie betastete ihren Leib, dann griff sie nach Fredas Hand. »Das dauert noch«, sagte sie. »Lass uns in die Küche gehen und einen Becher Tee trinken. Dort ist es warm, da vergeht die Zeit schneller als hier.« Sie nickte zu dem Strohbett, das weder warm noch bequem aussah, sondern nichts als zweckdienlich war. Wenn die Geburt in Gang war, würde Freda von der Kälte in diesem Raum nichts mehr spüren. Aber bis es so weit war, war sie in der warmen Küche besser aufgehoben. Freda hatte Angst, das sah Geesche. Nicht nur vor der Geburt, sondern auch um ihren Mann. Wichtig war es jetzt, ihr Zuversicht zu geben und sie abzulenken.

Freda nickte dankbar und folgte Geesche. Schwer ließ sie sich in der Küche auf einen Stuhl fallen und stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Wenn nur Jens da wäre …«

Geesche wandte Freda den Rücken zu, während sie den Tee aufgoss, weil sie fürchtete, dass ihrem Gesicht die Sorge abzulesen war. Wer in dieser Nacht hinausgefahren war, musste früh genug bemerkt haben, dass ein Wetter aufzog, dann war vielleicht noch Zeit zum Umkehren gewesen. Wer die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt hatte, der kämpfte nun da draußen ums Überleben. Ob Andrees auch zu ihnen gehörte? Dann würde sie ihn vielleicht ans Meer verlieren. Noch in dieser Nacht! Andererseits war sie sicher, dass er gerade auf dem Meer um sein Leben kämpfen und den Kampf erst verloren geben würde, wenn der blanke Hans nach ihm griff! An Land ließ er sich schon lange nicht mehr aufs Kämpfen ein. Hier gab er sein Leben Stück für Stück hin, als wäre es nichts wert. Im Boot seines Vaters aber würde ihm das Leben kostbar genug sein, um es gegen die Naturgewalten zu verteidigen. Ja, überleben würde er am ehesten auf dem Meer. Aber was kam dann?

»Nur gut, dass dein Andrees nicht mit seinem Vater hinausgefahren ist«, sagte Freda in diesem Augenblick.

Geesche fuhr zu ihr herum. »Woher weißt du das?«

»Seine Tante war bei mir, kurz nachdem Jens losgezogen war. Sie sagte, Andrees habe seinen Vater begleiten wollen, aber der wollte es nicht zulassen. Weil Andrees doch schon in der Frühe von Dr. Pollacsek erwartet wird. Wie soll er für ihn arbeiten, wenn er in der Nacht auf See war und nicht geschlafen hat? Und was wäre, wenn die Fischer nicht pünktlich zurückkommen? Dann verliert er womöglich seine Stelle. Und was dann?«

Freda sah Geesche fragend an. Aber die zuckte nur mit den Schultern. Was dann? Das eine war für Andrees so schrecklich wie das andere. Die Arbeit an der Trasse der Inselbahn machte ihn genauso unglücklich wie die Aussicht auf ein Leben in tiefer Armut. Wer als Halmreeper mit dem Drehen von Halmen für Wäscheleinen und Binsen für sein Auskommen sorgen musste oder als Fischer auf dem Boot eines anderen, der verdiente kaum sein tägliches Brot. So einer schloss sich oft den Strandräubern an, um zu überleben. Aber Andrees würde vermutlich nicht einmal das tun. Wieder griff die Angst nach ihr, dass sie Andrees an ihren Traum von der Zukunft verlieren würde.

»Wenn er doch endlich sein eigenes Boot hätte«, sagte sie, »dann könnte er wieder glücklich sein.«

Sie stellte fest, dass Freda ruhiger wurde, als sie einen Becher mit heißem Tee in der Hand hatte und ihn vorsichtig schlürfte. Gelegentlich setzte sie ihn ab, schloss die Augen, beugte sich vor, legte die Stirn auf die Tischplatte und stöhnte leise. Aber die Abstände zwischen den Wehen waren noch groß. Fredas Kind würde erst in ein paar Stunden zur Welt kommen. Heimlich hoffte Geesche, dass Jens Boyken bis dahin zurückgekehrt war.

Das Schweigen trat nun in die Küche wie ein hoher Gast, der alle anderen mundtot machte. Freda war in Gedanken bei ihrem Mann, dachte an die bevorstehende Geburt, faltete die Hände, als wollte sie um göttlichen Beistand bitten. Geesches Gedanken wanderten zu Andrees. Ob er auch zum Strand gegangen war, um nach den heimkehrenden Fischern Ausschau zu halten? Oder nach dem ersten Strandgut, mit dem das Unheil verkündet wurde? Dann würde er hoffentlich auf Ebbo, Fredas Stiefsohn, aufmerksam werden und dafür sorgen, dass der Siebenjährige sicher nach Hause kam und bei den Nachbarn Unterschlupf fand, bis Freda wieder bei Kräften war.

Das Heulen des Windes verlor sein Gleichmaß. Es gab nun Augenblicke, da fiel es in sich zusammen, da tat sich eine kurze, unheimliche Stille auf, dann aber rüttelte der Sturm umso heftiger an den Türen und Fenstern.

In eine winzige Flaute hinein drang plötzlich ein anderes Geräusch, das nicht in diese Sturmnacht passte, ein leichtes Klappern, ganz und gar unwirklich für diesen finsteren bedrohlichen Abend.

Auch Freda war aufmerksam geworden. Und sie sprach aus, was Geesche nicht glauben mochte: »Pferde?« Und dann, als sich neben dem Getrappel auch das Rumpeln großer Räder näherte: »Eine Kutsche?«

Geesche sprang auf und lief in den Flur. Dort blieb sie stehen und lauschte. Nun wieder schien nur der Sturm vor dem Haus zu stehen, aber das Hufgetrappel und die Räder der Kutsche hatten sich nicht entfernt, nein, sie waren zum Stillstand gekommen.

Geesche raffte ihr wollenes Tuch vor der Brust zusammen, bevor sie die Tür öffnete. Die Kutsche, die vor ihrem Haus stand, erkannte sie sofort. Sie gehörte dem Grafen von Zederlitz, der mehrere Monate des Jahres auf Sylt verbrachte. Den Kutscher, der nun auf Geesche zutrat, hatte er von seinem schleswig-holsteinischen Gut mit nach Sylt gebracht.

Der Mann tippte mit der rechten Hand an seine Mütze, während er sie mit der linken festhielt. »Mein Herr schickt mich«, sagte er. »Ich soll die Hebamme holen. Bei der Gräfin haben die Wehen eingesetzt.« Er wies zur Kutsche. »Bitte! Es eilt!«

Geesche hörte ein Scharren hinter sich und drehte sich um. Freda war in der Küchentür erschienen und starrte den Kutscher ängstlich an.

»Das geht nicht«, sagte Geesche und gab dem Mann einen Wink, damit er eintrat und sie ihr Haus vor dem Wind verschließen konnte. »Ich habe schon eine Gebärende aufgenommen. Die kann ich nicht allein lassen.«

Der Kutscher betrachtete Freda, die zur Tür des Gebärzimmers ging, als wollte sie damit ihr Recht verdeutlichen.

»Aber mein Herr hat mir aufgetragen …«, begann er, brach dann aber ab, weil er einsah, dass die Hebamme eine Frau, die sich soeben in ihre Obhut begeben hatte, nicht wegschicken konnte. Ratlos sah er sie an. »Was soll ich meinem Herrn sagen?«

»Bring die Frau Gräfin zu mir«, antwortete Geesche. Und als der Mann zögerte, ergänzte sie: »In der Kutsche hat sie es bequem. Ich richte währenddessen alles her.« Und beruhigend, damit der Kutscher unbesorgt zurückfahren und ohne Angst vor seinen Herrn treten konnte, fügte sie hinzu: »Ich bereite für die Frau Gräfin in der Küche ein Lager vor. Dort ist es warm.«

»In der Küche?« Der Mann sah sie zweifelnd an.

Geesche schob ihn zur Tür. »In meiner Küche gibt es einen Alkoven. In das Bettzeug gebe ich einen Bettwärmer. Sie wird es bequem und warm bei mir haben. Sag deinem Herrn, es ist alles bereit für seine Gemahlin.« Sie öffnete die Tür und drängte den Kutscher aus dem Haus. »Trödel nicht! Je eher die Gräfin zu mir kommt, desto besser.«

Dem Kutscher war nicht wohl zumute, aber er verzichtete auf jeden Disput. Kurz darauf drangen seine Rufe durch den Wind, mit denen er die Pferde antrieb.

Freda stand noch immer ängstlich in der Tür des Gebärzimmers. »Keine Sorge, Freda«, sagte Geesche, »ich werde es schon schaffen, mich auch um dich zu kümmern.«

Sie betrachtete Freda besorgt, die sich in der nächsten Wehe krümmte. Freda war Erstgebärende, die Geburt konnte sich noch stundenlang hinziehen. Die Gräfin dagegen hatte schon zwei oder drei Totgeburten erlitten, Geesche wusste auch von mehreren Fehlgeburten. Wenn sie im Haus der Hebamme ankam, würde vermutlich alles schnell gehen. Geesche biss sich auf die Lippen. Hoffentlich konnte sie der armen Frau ein gesundes Kind in die Arme legen.

Freda riss sie aus ihren Gedanken. »Meinst du, der Graf ist bereit, seine Frau durch diese Sturmnacht zu kutschieren?«

»Er wird es müssen«, sagte Geesche und fühlte sich längst nicht so resolut, wie sie sich gab. »Hoffentlich beeilt der Kutscher sich.« Dann gab sie sich einen Ruck und ging in die Küche. »Leg dich hin«, rief sie zurück.

Aber Freda folgte ihr. »Ich helfe dir«, sagte sie. »Das lenkt mich ab.«

Während Geesche die beiden Flügeltüren des Alkovens öffnete, füllte Freda den Sand in den Bettwärmer, den sie auf der Feuerstelle erhitzte, damit er der Gräfin ins Bett gelegt werden konnte. Geesche riss die Laken herunter, obwohl bisher niemand darauf gelegen hatte, und breitete frische über dem Stroh aus.

Das Alkovenbett in der Küche wurde selten benutzt, Geesche schlief in dem Alkoven des Wohnzimmers. Aber jedes friesische Haus hatte auch in der Küche einen Alkoven, damit ein Familienmitglied, das krank war, in der Küche einen warmen Platz hatte und nicht allein sein musste.

Ob die Gräfin damit zufrieden sein würde? Dass sie eine bevorzugte Behandlung erfuhr, indem sie in der warmen Küche gebären durfte, würde ihr vermutlich nicht aufgehen. Sie hatte selbstverständlich erwartet, in ihrem eigenen Bett niederzukommen, umgeben von den Dienstboten, die sie mit nach Sylt gebracht hatte, und gewöhnt an den Komfort, den ihr Haus bot. Geesche spürte, dass Angst in ihr hochstieg. Was, wenn auch diese Geburt kein gutes Ende nahm? Dieses Kind des gräflichen Paares war das erste, das auf Sylt geboren werden sollte. Was würde mit der Hebamme geschehen, wenn auch dieses Kind tot zur Welt kam? Der Gedanke an Andrees schoss wie ein Blitz durch ihren Kopf. Wenn sie ihren guten Ruf als Hebamme verlor, würde es mit ihrer gemeinsamen Zukunft noch schlechter bestellt sein. Zwar wurde sie meistens nicht mit Geld, sondern mit Nahrungsmitteln entlohnt, aber diese Arbeit sicherte ihr Leben und konnte auch das Überleben eines Mannes sichern. Vorausgesetzt, dieser Mann war nicht zu stolz, ihre Hilfe anzunehmen …

Als erneut das Pferdegetrappel durch den Wind drang, fragte Geesche sich, ob der Graf es zulassen würde, dass sie sich auch um Freda kümmerte, während seine Frau in den Wehen lag. Geesche würde Gelegenheit haben, ihr Fingerspitzengefühl zu beweisen. Und als sie Freda ins Gesicht sah, wurde ihr klar, dass sie die gleichen Gedanken hatte.

»Es wird alles gut«, sagte Geesche, ehe sie zur Tür ging.

Als sie öffnete, drang der scharfe Ruf eines Mannes an ihr Ohr, der es gewöhnt war zu befehlen. Der Kutscher hob die Gräfin aus der Kutsche und trug sie Geesche entgegen, gefolgt von dem Grafen, der nervös und ungehalten war.

»Ich habe Sie in meinem Haus erwartet«, herrschte er Geesche an, während der Kutscher die Gräfin vorsichtig auf die Füße stellte.

»Sie wissen doch …«, begann Geesche, aber jede Erklärung wurde überflüssig, als Fredas unterdrückter Schrei aus der Küche drang.

Entsetzt sah die Gräfin zu der geöffneten Tür, in der Freda erschien und sich Mühe gab, einen Schritt vor den anderen zu setzen, um über den Flur ins Gebärzimmer zu gelangen. Als Geesche ihr beispringen wollte, wehrte sie erschrocken ab. Nein, die Gräfin hatte Vorrang! Freda hätte sich in Grund und Boden geschämt, wenn Geesche sich um sie gekümmert hätte, während Gräfin Katerina von Zederlitz auf die Zuwendung der Hebamme warten musste. Die arme Fischersfrau Freda Boyken war froh, dass sie in dem Haus bleiben durfte, in dem auch die Gräfin niederkam, und wenigstens darauf vertrauen konnte, dass ihr notfalls geholfen wurde, wenn sie es allein nicht schaffte, ihr Kind auf die Welt zu bringen.

Geesche verstand. Sie griff nach dem Arm der Gräfin, um sie in die Küche zu führen … und in diesem Augenblick geschah es. Das Haus wurde mit einem Mal in grelles Licht getaucht. Kein Blitz, nein, ein Leuchten, das dem Himmel für Sekunden seine Farbe nahm. Die Schwärze ging in einem weißen Schein auf, vor dem alles Große klein und alles Kleine noch winziger wurde. Scharf umrissen und rabenschwarz blitzte alles auf, was zu Sylt gehörte, auch das Inventar im Haus der Hebamme und die Menschen, die sich dort zusammengefunden hatten.

Als die Schwärze so schnell zurückkehrte, wie sie gegangen war und die Nacht sich wieder über diesen grellen Augenblick senkte, begriff Geesche, dass etwas geschehen würde. Dies war kein Wetterleuchten gewesen, es musste das Auflodern des Schicksals gewesen sein. Was würde in dieser Nacht geschehen? Ihre Hände zitterten, als sie die Gräfin in ihre Küche führte, und sie spürte, dass diese ihre Unruhe bemerkte …

Gegen Morgen wurden kurz hintereinander zwei Mädchen geboren, keine halbe Stunde nachdem es noch einmal ein Wetterleuchten gegeben hatte. Und als die Neugeborenen auf der Welt waren, bestätigte sich, was Geesche beim Eintreffen der Gräfin gefühlt hatte. Die Warnung des Schicksals! Während der Nacht hatte sie Mühe gehabt, beiden Frauen gerecht zu werden, der Gräfin gemäß ihrer Vorrangstellung die größere Aufmerksamkeit zu schenken, aber Freda darüber nicht ganz zu vergessen. Dass das Wetterleuchten wie eine Warnung gewesen war, hatte sie verdrängt, ebenso die Frage, wovor sie gewarnt werden könnte. Sie beantwortete sich später von selbst. Schon bald, nachdem die beiden Mädchen gewaschen, gewickelt und gemeinsam in die einzige Wiege gelegt worden waren, die Geesche besaß. Dicht nebeneinander lagen sie da, als gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Neugeborenen einer Gräfin und einer Fischersfrau. So lange, bis der Graf seine Tochter heraushob und verlangte, dass sie so schnell wie möglich in sein Haus gebracht wurde …

I.

Sechzehn Jahre später war Geesche Jensen zu einer stattlichen Frau geworden. Groß war sie, größer als die meisten Sylterinnen und nicht so dünn wie viele von ihnen, die nur mit Mühe ihr Auskommen hatten und schlecht ernährt waren. Ihr Gesicht war immer noch weich und mädchenhaft, ihre blonden Haare, die sie in dicken Flechten um den Kopf gelegt hatte, wiesen keine einzige graue Strähne auf, obwohl sie in zwei Jahren ihren vierzigsten Geburtstag begehen würde. Ja, sie war noch immer eine ansehnliche Frau! Die großen grauen Augen wurden von dichten schwarzen Wimpern umrahmt, ihre Wangen waren rosig, ihr Mund besaß volle Lippen. Wer sie aber genauer betrachtete, bemerkte auch den herben Zug um ihren Mund, und wer sie gut kannte, wusste, dass sie nicht mehr oft lachte. Das Leben hatte Geesche Jensen stark, aber auch hart gemacht. Daran konnte auch das blau-weiß karierte Baumwollkleid nichts ändern, das eine verspielte kleine Rüsche am Halsausschnitt hatte, und ebenso wenig die strahlend weiße, blitzsaubere Schürze, die sie darüber gebunden hatte. Die hellen Leinenschuhe mit der leichten Hanfsohle hatte sie am Vortag so lange geschrubbt, bis sie fast so hell waren wie ihre Schürze. Auf Sauberkeit legte Geesche Jensen großen Wert.

Sie stand am Fenster und sah hinaus, als erwartete sie einen Gast, der sich verspätet hatte. Der Sommer war kalt in diesem Jahr. Zum Glück hatte es noch keinen Sturm gegeben, aber genauso wenig einen wolkenlosen blauen Himmel. Obwohl der Wind schwach war, blieb er dennoch kalt, und die Sonne hatte noch immer keine Kraft, um die Insel zu erwärmen. Der Steinwall, der Geesches Haus umgab, war jedoch voller Heckenrosenblüten, die Wiesen davor gelb und weiß betupft, und die Sonne, die an diesem Morgen erwacht war, schaffte es, die Blüten zum Leuchten zu bringen.

Wie anders war der Tag vor sechzehn Jahren gewesen! Wie hatte der Sturm gewütet in jener Nacht, als Hanna Boyken und Elisa von Zederlitz das Licht der Welt erblickt hatten!

Geesche kreuzte die Arme vor der Brust und zog die Schultern hoch. Sie fröstelte, als führe der Sturm noch einmal in ihr Haus, so wie damals. Jahr für Jahr war sie froh, wenn dieser Tag vorüber war, an dem die Geburt der beiden Mädchen sich jährte. Ein schrecklicher Tag, vor allem für die arme Freda. Wenn sie zu ihr kam, würde es wieder Geesches Aufgabe sein, sie daran zu erinnern, dass dieser Tag nicht nur Jens Boykens Todestag, sondern auch Hannas Geburtstag war. Das Mädchen konnte nichts für das Unglück, das ihrer Mutter widerfahren war.

Geesche wandte sich ab und schob den Tisch aus der Mitte des Raums zurück vor das Fenster. Dort hatte er seinen Platz, in den Raum gerückt und mit Stühlen umstellt wurde er nur für die Mahlzeiten. Und da seit zwei Wochen ein Sommerfrischler in ihrem Hause wohnte, musste alles so zugehen, wie es sich für einen Gast gehörte. Dr. Leonard Nissen frühstückte jeden Morgen in Geesches Küche und gab sich mit Getreidegrütze, Brot und Tee zufrieden. Geesche wusste, dass er in Hamburg, wo er lebte, an Luxus gewöhnt war. Und sie wusste auch, dass man in den beiden Logierhäusern Westerlands, der »Dünenhalle« und dem »Strandhotel«, auf die besonderen Bedürfnisse wohlhabender Sommerfrischler Rücksicht nahm. Aber Dr. Nissen betonte immer wieder, dass er sich in Geesches Küche wohlfühle und froh sei, die erste Mahlzeit des Tages mit ihr zusammen einnehmen zu dürfen.

Sie ging in den Pesel, wie der größte und schönste Raum eines friesischen Wohnhauses hieß, der nur zu besonderen Anlässen benutzt wurde. Er war mit Decken- und Wandmalereien versehen und mit wertvollen Einrichtungsstücken ausgestattet, die Geesches Vater mitgebracht hatte, wenn er aus fernen Ländern zurückgekehrt war. Bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr war er zur See gefahren und manchmal zwei oder drei Jahre weggeblieben. Wenn er dann endlich zurückkehrte, hatte er immer kostbare Geschenke im Gepäck gehabt.

Die Möbel und das Geschirr, das im Vitrinenschrank stand, hatte er aus England nach Sylt gebracht, die hohen, strengen Stühle aus Spanien, den kupfernen Samowar aus Russland. Geesche hatte ihn erst ein einziges Mal benutzt. Das war nach der Beerdigung ihrer Mutter gewesen, als sich die Nachbarn im Pesel versammelt hatten, um zu kondolieren. Damals hatte sie feierlich Wasser in den Kessel des Samowars gefüllt. Es wurde durch ein innenliegendes Rohr, das heiße Asche enthielt, erhitzt und heiß gehalten. In einen kleinen Kessel hatte sie die Teeblätter gegeben, sie vorziehen lassen und den Sud in die Tassen gegeben. Mit dem heißen Wasser aus dem Samowar war er dann aufgegossen worden. Die Nachbarn hatten gestaunt und behauptet, noch nie einen so guten Tee getrunken zu haben.

Ihre Mutter war sehr stolz auf den Samowar gewesen, und Geesche nahm sich oft vor, ihn in Gebrauch zu nehmen, wenn Sommerfrischler in ihrem Hause logierten. Aber dann hatte sie ihn doch im Pesel stehen lassen, damit der schönste Raum so schön blieb, wie er war. Und ohne den Samowar wäre er ein Stück ärmer geworden.

Kalt war es hier, nicht viel wärmer als im Winter. Der Pesel lag nach Osten und war nicht zu beheizen. Für den Fall, dass er im Winter benutzt wurde, gab es einen Fußwärmer, der mit glühenden Kohlen gefüllt und unter den Tisch gestellt wurde. In dicke Mäntel und Jacken gehüllt saßen die Gäste dann um den Tisch herum, und jeder versuchte, mit den Füßen ein Plätzchen auf dem Fußwärmer zu ergattern.

Geesche beeilte sich, den Deckel der großen Truhe zu öffnen, die unter dem Fenster stand. Es war die Seemannstruhe ihres Vaters, grau gestrichen und segeltuchbespannt, die er auf allen Seereisen mitgeführt hatte. Jetzt diente sie der Aufbewahrung einiger Kostbarkeiten und wurde mit Kissen belegt, wenn die Stühle und das ripsbezogene Sofa für Gäste nicht ausreichten. Geesche langte mit geschlossenen Augen in die Truhe, so, als wollte sie nicht sehen, was sich dort verbarg. Ihre Finger schoben sich unter das Leinen, das sie dort aufbewahrte, unter die Spitzendecken, die ihr Vater aus Brüssel mitgebracht hatte, dann ertasteten sie tief unten die Münzen. Geesche zog eine heraus und schob sie in die Tasche ihrer Schürze. Danach schloss sie den Deckel der Truhe wieder.

Die Holzdielen knarrten, als sie den Pesel verließ und in die Küche zurückging. Dort gab es nur einen Lehmboden, so dass sie unbekümmert in der Glut der Feuerstelle stochern konnte. Sie blieb davor stehen und starrte den Kessel an, der über dem Feuer hing, bis er zu summen begann, und sie spürte, dass die Wärme zunahm.

Gut, dass Dr. Nissen das Haus verlassen hatte! Dies war der Tag, an dem Geesche am liebsten allein blieb. Doch das würde erst möglich sein, wenn Hanna sich ihr Geldstück abgeholt hatte, das sie an jedem Geburtstag erhielt, und Freda mit ihrer Arbeit fertig war. Seit dem Tag, an dem Hanna geboren und Jens Boyken auf See sein Leben gelassen hatte, verdiente Freda sich etwas zu ihrem kläglichen Lebensunterhalt dazu, indem sie Geesche zur Hand ging. Ihr oblag es, die Fremdenzimmer in Ordnung zu halten, dafür zu sorgen, dass die Betten regelmäßig bezogen wurden, dass immer frische Handtücher neben dem Waschgeschirr lagen und das Wasser nach der Morgentoilette erneuert wurde. Zwar hätte Geesche diese Arbeit leicht selbst verrichten und das Geld für Fredas Entlohnung sparen können, aber jedes Mal, wenn Hanna Geburtstag hatte, wusste sie wieder, wie wichtig es war, Freda zu helfen. Wenn ihre Dankbarkeit auch schwer zu ertragen war.

Geesche hörte die Tür leise gehen, und sofort schoss das Unbehagen in ihr hoch, das sie seit Jahren beinahe täglich herunterschluckte. Wie oft hatte sie Hanna schon gebeten, anzuklopfen und zu warten, bis ihr die Tür geöffnet wurde! Aber das Mädchen hörte nicht darauf. Hanna hatte ein untrügliches Gespür für die Schwächen anderer Menschen. Und dass Geesche zu schwach war, um sie zurückzuweisen, wusste sie genau. Ob sie sich wohl jemals gefragt hatte, warum das so war? Warum eine starke Frau wie die Sylter Hebamme hilf- und machtlos wurde, wenn es um Hanna Boyken ging?

Geesche lauschte auf die unregelmäßigen Schritte, auf den langen, schweren Schritt und den kaum hörbaren nächsten. Tohk-tik, tohk-tik! Dann öffnete sich die Küchentür so leise, als hoffte Hanna darauf, niemanden anzutreffen.

Als sie Geesche am Herd stehen sah, lächelte sie breit. »Ich habe Geburtstag.«

Geesche ging auf sie zu und umarmte sie. »Herzlichen Glückwunsch, Hanna!«

Sie hielt den schmächtigen Körper nur so lange umfangen, wie Hanna sich an sie drängte, dann schob sie das Mädchen von sich weg, griff in ihre Schürzentasche, holte die Münze hervor und drückte sie Hanna in die Hand. »Alles Gute für dein neues Lebensjahr!«

Hanna bedankte sich nicht. Sie ließ die Münze mit einer schnellen Bewegung unter der Schürze verschwinden, wo es eine Tasche gab, die Hanna sich auf den Rock ihres Baumwollkleides genäht hatte. Beides war dunkelblau, die Schürze noch dunkler als das Kleid. Geesche hatte sich oft vorgenommen, Hanna einmal etwas Helles zu schenken, eine weiße Schürze, ein fliederfarbenes Tuch, was von ihrer mürrischen Miene und ihrem misstrauischen Blick ablenken konnte. Aber dann war es doch bei dem Vorsatz geblieben, weil Geesche Hannas Dankbarkeit genauso schwer ertrug wie ihren scharfen Blick, mit dem sie die Frage zu stellen schien, warum Geesche freundlich zu ihr war. In Hannas schmalem Gesicht mit der spitzen Nase und den kleinen, stechenden Augen stand immer eine Frage, ob sie nun freundlich oder unfreundlich behandelt wurde, streng oder nachsichtig. Sie schien weder dem Leben noch den Menschen zu trauen, mit denen sie umging. Nur ihre Mutter und Ebbo genossen ihr uneingeschränktes Vertrauen. Und Elisa von Zederlitz! Der jungen Comtesse war ohne Mühe gelungen, was Geesche nicht fertigbrachte: Hanna zu nehmen, wie sie war, und sie zu mögen, wie sie war.

Hanna humpelte zum Herd und bat um einen Tee. »Weil ich Geburtstag habe.«

Geesche nickte, griff zu einer Dose, die auf der Ummauerung der Feuerstelle stand, und holte einige Teeblätter heraus. Hanna stand neben ihr, stützte sich auf den Rand der Feuerstelle und richtete sich so gerade auf wie möglich. Ihr rechtes Bein schwebte nun über dem Boden, ihre verformte Hüfte stand beinahe so waagerecht wie bei einem gesunden Menschen. Hanna trug immer sehr lange Röcke, um sich so oft wie möglich die Illusion zu gönnen, niemand könne sehen, dass sie ein Krüppel war.

»Graf von Zederlitz kommt heute mit seiner Familie auf die Insel«, sagte Hanna.

Geesche sah sie überrascht an. »Woher weißt du das?«

»Habe ich gehört.«

Hanna hörte immer und überall etwas. Wie sie an ihre Kenntnisse kam, war Geesche ein Rätsel. Sie fragte nie. Eine ehrliche Antwort hätte sie sowieso nicht bekommen. Das war so sicher, wie sie wusste, dass sie eine ehrliche Antwort auch nicht hören wollte.

»Seine Tochter hat heute auch Geburtstag«, ergänzte Hanna zufrieden. »Ich werde ihr ein paar Blumen bringen.«

Hanna war stolz darauf, dass sie mit der Tochter des Grafen zur selben Stunde im selben Haus geboren worden war. Und seit Graf von Zederlitz ihr Arbeit gab, wenn er im Sommer auf Sylt war, hatte sie endlich einmal allen anderen etwas voraus.

»Marinus Rodenberg begleitet ihn auch in diesem Jahr«, fügte Hanna nun an und beobachtete Geesche aus den Augenwinkeln. »Ich habe gehört, wie Dr. Pollacsek mit Dr. Nissen darüber gesprochen hat. Er plant schon den nächsten Bauabschnitt der Inselbahn. Von Hörnum nach Westerland! Dafür braucht er Marinus Rodenberg.«

 

Freda Boyken war nach der Geburt ihrer Tochter immer schmaler und kleiner geworden, ihr Gesicht ähnelte immer mehr dem eines verängstigten Vogels. Die beiden dunklen Kleider aus Sackleinen, die sie besaß, waren ihr mittlerweile viel zu groß, die grobe Schürze, die sie darüber trug, ließ sich so weit über den Rock binden, dass sie nicht im Rücken, sondern über dem Bauch geknotet wurde. Wann immer sie das Haus verließ, wickelte sie sich ein Tuch um den Kopf, das locker über der Brust zusammengebunden wurde. Wenn die Frauen im Sommer aufs Feld gingen, trugen alle so ein Tuch, um sich vor der Sonne zu schützen, Freda Boyken dagegen band es sich sommers wie winters über den Kopf. Ihr Gesicht war somit stets überschattet. Nur die Nase stach hervor, in dem fliehenden Kinn schien ihr Mund zu verschwinden, und ihre schönen großen Augen blinzelten so ängstlich unter dem Tuch hervor, dass sie einen großen Teil ihres eigentlich hübschen Äußeren damit einbüßte. Freda Boyken ging stets gebeugt, obwohl sie gerade erst vierzig geworden war, so, als drückte sie die Sorge nieder, als beugte sie sich unter einer schweren Last, als zehrte das Leben an ihr, statt ihr Kraft zu geben. Vielleicht hätte sie diese Kraft bekommen, wenn ihr Mann am Leben geblieben wäre, wenn damit wenigstens ihr Lebensunterhalt sicherer gewesen wäre und er das Leid mit ihr geteilt hätte. Oft allerdings, wenn sie Hanna betrachtete, ihre verkrüppelte Hüfte, ihr kraftloses rechtes Bein, dann war sie zufrieden damit, dass Jens seine Tochter nie gesehen hatte. Ob er dieses Kind hätte lieben können, wusste Freda nicht zu sagen. Ihr selbst fiel es ja sogar manchmal schwer.

Sie strich Ebbo sanft übers Haar, als sie sich vom Tisch erhob. »Wolltest du heute nicht die Netze flicken?«

Ebbo schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen. »Das hat Zeit bis morgen. Ich habe sowieso keinen Fischer gefunden, der mich heute mit hinausnimmt.«

Freda betrachtete ihn. Ihre Augen waren voller Zärtlichkeit, um ihren Mund spielte ein verständnisvolles Lächeln. Sie wusste nicht, wie liebevoll ihr Blick war, wenn sie Ebbo ansah, so fragte sie sich auch nie, ob Hanna bemerkte, dass es in Fredas Augen nur Hoffnung gab, wenn ihr Blick auf Ebbo ruhte, und dass sie verschwand, sobald sie ihre Tochter ansah.

Obwohl sie von ihm nichts erwarten durfte, lag ihre ganze Hoffnung auf Ebbo. Ein guter Sohn musste für seine Mutter sorgen, wenn sie alt, schwach und krank geworden war, und für seine verkrüppelte Schwester ebenso. Nur … Ebbo war nicht ihr Sohn. Nicht einmal der Sohn ihres Mannes. Jens war in erster Ehe mit einer Witwe verheiratet gewesen, die Ebbo mit in die Ehe gebracht hatte. Schon im ersten Winter nach der Hochzeit war die Frau an einer Lungenentzündung gestorben und der verwaiste Ebbo bei seinem Stiefvater geblieben. Als der vor genau sechzehn Jahren in der verhängnisvollen Sturmnacht nicht zurückgekehrt war, wurde Ebbo Fredas Sohn, den sie liebte, als hätte sie ihn selbst zur Welt gebracht. Ein schöner, starker, rechtschaffener Sohn, wie sie ihn sich gewünscht hatte, als sie an der Tür der Hebamme klopfte, um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Doch sie war mit einer verkrüppelten Tochter im Arm nach Hause zurückgekehrt …

»Du willst zur Inselbahn?«, fragte sie aufs Geratewohl und wusste sofort, dass sie recht hatte, als sie sah, wie die Röte in Ebbos Wangen schoss. »Der Dampfer dürfte schon in Munkmarsch angelegt haben. Die Inselbahn wird bald ankommen.«

Ebbo nickte. »Dort werden immer Gepäckträger gebraucht.«

Freda schüttelte den Kopf. Ebbo wollte ihr weismachen, dass er zum Bahnhof ging, um nach einem Nebenverdienst Ausschau zu halten? »Sie ist die Tochter eines Grafen«, sagte sie. »Das kann nicht gutgehen. Warum suchst du dir nicht ein Mädchen, das zu dir passt?«

»Lass mich, Mutter«, entgegnete Ebbo und erhob sich ebenfalls. »Ich bin alt genug!«

Freda sah ihm durch das kleine, fast blinde Fenster nach, als er mit schnellen Schritten davonlief, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, die Hände in die Hosentaschen gebohrt. Ein großer, kräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit einem markanten Gesicht und hellen Augen, die alles Kantige in seinen Zügen weichzeichneten.

Die liebevolle Nachsicht verschwand allmählich aus Fredas Gesicht. Verspielte Ebbo die einzige Stetigkeit, die es seit Jens’ Tod in ihrem Leben gab? Worauf sie sich seit Hannas Geburt verlassen konnte, war die Loyalität des Grafen von Zederlitz. Seine Tochter war in derselben Stunde im selben Haus zur Welt gekommen wie Hanna, er hatte ihren ersten Schrei gehört, hatte sie sogar im Arm gehalten, wie Freda später von Geesche erfahren hatte. Dadurch war eine Verbindung zur gräflichen Familie entstanden, die für Freda so kostbar war wie sonst nichts auf der Welt. War der Graf auch zunächst ärgerlich gewesen, als er begreifen musste, dass seiner Frau nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit der Hebamme sicher war, hatte er Freda zwei Tage später, als Jens’ Leiche an den Strand gespült worden war, sogar kondoliert und ein Geldgeschenk überbringen lassen, das ihr für mehrere Wochen ein Auskommen sicherte. Dafür würde sie ihm ewig dankbar sein. Auch für jedes Lächeln, das er Hanna später schenkte, wenn sie ihm zufällig begegneten, schuldete sie ihm Dankbarkeit, und für jedes freundliche Wort. Es gab nur wenige Menschen auf der Insel, die Hanna wohlwollend anblickten und freundlich mit ihr redeten.

Und dann, als Hanna vierzehn geworden war, hatte er sie sogar in seine Dienste genommen. Da war Freda schon sicher gewesen, dass Hanna niemals zum Lebensunterhalt würde beitragen können. Den ganzen Sommer lang, während die Familie von Zederlitz auf Sylt war, durfte Hanna in dem großen Haus, das der Graf in der Nähe der Dünen hatte bauen lassen, arbeiten, obwohl sie sich nur langsam voranbewegte, nicht stark war und auch nicht besonders geschickt. Nicht einmal fleißig und willig war sie und freundlich nur, wenn sie damit rechnete, dass es sich auszahlte. Trotzdem war Hanna im letzten Sommer sogar zur Gesellschafterin der Grafentochter gemacht worden. Die junge Comtesse durfte selbstverständlich nicht allein das Haus verlassen, heiratsfähige junge Damen von Stand hatten sich außerhalb der Familie in Gesellschaft aufzuhalten, und zwar in der Gesellschaft, die ihre Eltern für sie aussuchten.

Als Graf Arndt von Zederlitz diese Aufgabe Hanna Boyken übertrug, hatte Freda ihr Glück kaum fassen können. Welche Ehre! Welch ein Vertrauensbeweis! Schade nur, dass auch dieses Glück mit Sorge besetzt war. Würde Hanna gewissenhaft ihre Pflicht erfüllen? Würde sie gehorchen und höflich lächeln, wenn sie einen Auftrag erhielt? Und würde sie diskret sein und ihre Zunge hüten? Es gab viele Sylter, die sich nicht auszumalen vermochten, wie es in dem großen Haus vor den Dünen zuging, und Hanna bedrängten. Sie wollten etwas erfahren von dem Leben, das Menschen führten, die sich für ihr tägliches Brot nicht anstrengen mussten. Und Hanna gehörte leider zu denen, die jede Gelegenheit nutzten, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ob sie wusste, welche Chance der Graf ihr einräumte? Freda seufzte schwer. Und ob Ebbo klar war, was er anrichtete, wenn er Elisa von Zederlitz schöne Augen machte?

Sie schloss die Tür ihrer Kate und machte sich auf den Weg zum Haus der Hebamme. Der Wind trieb das Stampfen und Pfeifen der Inselbahn herüber. Noch im letzten Jahr waren der Graf und seine Familie mit Pferdgespannen vom Munkmarscher Fähranleger nach Westerland gebracht worden. Eine gute Stunde hatte dieser Transport gedauert, und nun, mit der Inselbahn, ging er in zwölf Minuten vonstatten. Dr. Julius Pollacsek, der seit vier Jahren Besitzer des Seebades Westerland war, hatte angekündigt, der Ort würde aufblühen, der Strand von Sylt demnächst voll von Fremden sein, die auf der Insel Erholung suchten und viel Geld bringen würden.

Freda schüttelte verächtlich den Kopf. Selbst wenn Dr. Pollacsek recht hatte, ihr eigenes Leben würde sich dadurch nicht ändern. Wer vom Fremdenverkehr profitieren wollte, brauchte ein Haus, in dem Platz genug war, um ein Zimmer an Feriengäste zu vermieten. In ihrer Kate war gerade mal Platz für sie selbst und für Ebbo und Hanna. Freda konnte froh sein, wenn Geesche die drei Zimmer, die sie mittlerweile in ihrem Haus hergerichtet hatte, im Sommer vermietete und ihre Hilfe brauchte, damit die Gäste anständig versorgt wurden. Das waren die paar Krümel, die für Freda Boyken abfielen, wenn alles tatsächlich so kommen würde, wie Dr. Pollacsek behauptete. Aber sie wollte damit zufrieden sein. Wenn sie diese Arbeit behielt, wenn Hanna im Sommer bei dem Grafen etwas Geld verdienen konnte, wenn Ebbo die richtige Frau heimbrachte, die vergaß, dass Freda nicht seine leibliche Mutter war und sich verpflichtet fühlte, wie es sich für eine gute Schwiegertochter gehörte … dann würde sie nicht klagen. Vielleicht konnte sie sich eines Tages auf eine Bank setzen, die Sonne genießen und sich vom Leben ausruhen.

Der Weg zu Geesche Jensens Haus führte am großen Kurhaus, dem sogenannten Conversationshaus, vorbei. Es stellte den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Westerland dar und war vollständig aus Holz erbaut, mit einem hohen spitzen Turm in der Mitte des Gebäudes, direkt über dem Eingang, und einer Turmuhr, die jede Stunde schlug. Eine große Veranda stand den vornehmen Kurgästen zur Verfügung, auf der sie sich bei gutem Wetter trafen, um sich zu unterhalten oder um Zeitung zu lesen. Sogar einen Konzertsaal hatte das Conversationshaus, in dem die Kurkapelle wöchentlich sechs Konzerte gab.

Es wimmelte dort von Neugierigen, die der Ankunft neuer Feriengäste entgegensahen. Vor allem die Kinder tummelten sich dort, die sich an der zischenden und pfeifenden Lokomotive nicht sattsehen konnten. Erst im vergangenen Sommer war die Inselbahn in Betrieb genommen worden. Im Winter hatte sie stillgestanden, denn gebraucht wurde sie selbstverständlich nur, wenn die Sylter Dampfschifffahrtsgesellschaft mit ihren Raddampfern Feriengäste brachte. Nun kamen wieder Fremde in Munkmarsch an, die nach Westerland transportiert werden wollten. Aber bis der Anblick der Inselbahn zum Alltag gehören würde, mussten wohl noch viele Züge durch die Heide fahren und noch viele Sommergäste ankommen. Bis dahin zog die Bahnstation Schaulustige an, die all das Fremde bestaunten, die fremde Kleidung, die fremden Gepäckstücke, das fremde Gebaren der Gäste. Daneben warteten junge Männer, die sich als Gepäckträger verdingen wollten, verächtlich betrachtet von denen, die dunkle Uniformen trugen und Holzkarren neben sich stehen hatten, auf denen »Dünenhof« oder »Strandhotel« stand. Sie nannten sich neuerdings Pagen und waren losgeschickt worden, um das Gepäck der Hotelgäste zu befördern, die in den beiden Logierhäusern der Insel erwartet wurden.

Freda blieb stehen und betrachtete das bunte Treiben. Tatsächlich schienen in diesem Jahr mehr Feriengäste erwartet zu werden als im vergangenen. Ganz so, wie Dr. Pollacsek es vorausgesagt hatte. Nur wenige hatten ihm Glauben schenken wollen, und es hatte viele Jahre gedauert, bis er so viel Geld beschafft hatte, dass die Trasse und die Gleise von Munkmarsch nach Westerland fertiggestellt werden konnten. Dann waren wiederum zwei Jahre über die Insel gezogen, bis der erste Zug seine Jungfernfahrt antreten konnte. Unter großem Jubel war die Inselbahn eingeweiht und in Betrieb genommen worden. Dr. Pollacsek schien ein gemachter Mann zu sein. Es war sogar die Rede davon, dass er Gleise über die ganze Insel legen lassen wollte, von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Und Freda war sicher, diesmal würde man sich ihm nicht in den Weg stellen. Die meisten Sylter hatten eingesehen, dass Dr. Pollacsek gut für die Zukunft der Insel war. Mit dem Bahnhofsgebäude, das in den nächsten Monaten entstehen sollte, würde jedermann einverstanden sein.

Der gebürtige Budapester war ein ungewöhnlicher Mann von großer Vielseitigkeit, der über gute Kontakte verfügte, der viele Talente besaß und keine Mühen scheute, wenn er eine Vision verfolgte. Man sah ihn nie anders als in einem korrekten schwarzen Anzug mit Weste, die eine dicke Uhrkette schmückte. Er war klein und untersetzt mit kräftiger Muskulatur, sein Schnauzer immer säuberlich gestutzt. Er hielt sich aufrecht wie jemand, der um sein äußeres Erscheinungsbild bemüht war.

Dr. Leonard Nissen, der bei Geesche Jensen logierte, schien mit ihm bekannt zu sein. Auch er trug einen schwarzen Anzug mit Weste, dazu ein weißes Hemd mit einem steifen Stehkragen, der ihm bis zur Kinnspitze reichte. Seine schwarzen Stiefeletten polierte er jeden Morgen selbst, obwohl Geesche ihm angeboten hatte, diese Arbeit für ihn zu übernehmen, ebenso den eleganten schwarzen Stock aus glänzendem Zedernholz, mit dem er nicht zufrieden war, wenn Sand an ihm haftete. Seinen Griff umfasste er nie mit fester Hand, sondern immer spielerisch mit zwei oder drei Fingern. Er ließ ihn schweben, schwanken, tanzen oder wippen. Manchmal trug er ihn auch quer vor dem Körper oder legte ihn über die Schulter wie ein Gewehr. Niemals aber stützte er sich darauf.

Julius Pollacsek und Leonard Nissen standen etwas abseits und redeten sehr vertraut miteinander. Manchmal lachten sie, wie Männer miteinander zu lachen pflegen, die etwas verbindet, was über das gemeinsame Geschlecht hinausgeht.

Wenn Freda Dr. Nissen betrachtete, beschlich sie oft eine heimliche Angst, denn sein Interesse an der Sylter Hebamme war nicht zu übersehen. Freda mochte sich nicht vorstellen, was mit ihr geschehen würde, wenn Geesche Dr. Nissen heiratete und die Insel verließ. Es hieß, dass er in der Nähe von Hamburg in der Privatklinik seines ehemaligen Schwiegervaters arbeite und in einer großen Villa lebe. Von seiner Frau, die ihn betrogen hatte, habe er sich getrennt und erhole er sich nun auf Sylt von den hässlichen Begleitumständen seiner Scheidung. Ebbo hatte gehört, wie Dr. Nissen zu Dr. Pollacsek gesagt hatte, er suche nach einer neuen Herausforderung. Er denke darüber nach, sich auch beruflich von der Familie seiner Frau zu trennen. Vielleicht werde er über kurz oder lang irgendwo eine Arztpraxis eröffnen und sich an einem bescheideneren Leben erfreuen.

Freda kehrte ihren Blick von den beiden Männern ab und ging weiter. Auf das Pfeifen der Inselbahn reagierte sie nicht, von der Aufregung in ihrem Rücken, als die ersten Rauchwolken in Sicht kamen, wurde sie nicht berührt. Was, wenn Dr. Nissen eine Praxis irgendwo auf dem Festland eröffnete und Geesche Jensen ihm dorthin folgte? Dann würde Freda ihr kleines Einkommen verlieren, das doch so wichtig für sie war. Je öfter sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie, dass Geesche irgendwann dem Werben des Arztes nachgeben würde. Was hielt die Hebamme auf Sylt? Verwandte gab es nicht, und seit Andrees nicht mehr lebte, hatte es für Geesche auf Sylt kein Glück mehr gegeben. Warum sollte sie nicht versuchen, es woanders zu finden?

Freda fielen die letzten Schritte schwer. Wenn es doch endlich ein bisschen Sicherheit in ihrem Leben gäbe! Etwas, worauf sie sich verlassen konnte! Auf das bisschen Geld, das sie bei Geesche verdiente, auf Ebbo, der eine Familie gründete, in der sie willkommen war, auf Hanna, die im Hause des Grafen ihr Auskommen fand! Aber nichts war sicher. Geesche konnte Dr. Nissen aufs Festland folgen, Ebbo konnte sich den Unmut des Grafen zuziehen, indem er seiner Tochter nachstellte, Hanna konnte sich die Sympathien des Grafen verscherzen, so wie sie sich bisher jede Sympathie verscherzt hatte.

 

Vor einem Jahr war es geschehen, im Juni 1887! Der wärmste Juni seit Jahren! Nur selten erwachte der Wind, und wenn, dann war er ein Wispern, ein milder Hauch, der übers Meer geflüstert kam, das so ruhig und leise war, wie Geesche es nie erlebt hatte. In diese bleierne Stille war Marinus Rodenberg eingedrungen. Gerade an dem Tag, an dem Geesche müde von einer schweren Geburt zurückkehrte. Fünfzehn Stunden hatte sie gedauert, bis sie der erschöpften Mutter endlich einen gesunden Jungen in die Arme legen konnte.

Die Sonne war gerade aufgegangen, als sie sich auf den Heimweg machte. So müde sie auch war, die Erleichterung und die Freude über das glückliche Ende der Geburt gaben ihr Kraft. Während sie sonst den Abschnitt der Gleise mied, an dem Andrees zu Tode gekommen war, verzichtete sie diesmal auf den Umweg, den sie noch auf dem Hinweg gemacht hatte. Und dann war sie sogar stehen geblieben und hatte sich umgesehen, als könnte ihr dieser Ort verraten, wie Andrees gestorben war. Niemand hatte es ihr sagen können. Was sie erfuhr, war nur, dass er mit einer schweren Verletzung aufgefunden worden war, wahrscheinlich von einer Spitzhacke, die ihn so viel Blut gekostet hatte, dass er starb, noch ehe man eine Trage für den Transport nach Westerland zusammengebaut hatte.

Am Abend nach der Sturmnacht hatte Geesche vergeblich auf ihn gewartet. Er musste doch kommen und nach ihr sehen! Nach diesem verheerenden Sturm hatte sich jeder nicht nur um das eigene Dach über dem Kopf gekümmert, sondern auch um das Dach des Nachbarn, der Verwandten. Aber Andrees war nicht gekommen. Ausgerechnet an jenem Abend ließ er sie warten! Und am nächsten Morgen hatte sie erfahren, das er niemals mehr kommen würde. Es war zu spät! Und was sie getan hatte, war umsonst gewesen …

Gerade an dieser Stelle und zu dieser Stunde, als sie, berührt sowohl von der Vergangenheit als auch von der Gegenwart, einmal nicht vor den Erinnerungen davongelaufen war, stand plötzlich Marinus Rodenberg vor ihr. Groß, breit, stark, urwüchsig, in robusten Lederhosen mit breiten Trägern und einem karierten Hemd, mit allerlei technischem Gerät beladen und sehr erstaunt, zu dieser frühen Morgenstunde jemanden an seinem Arbeitsplatz vorzufinden, an dem er sich mutterseelenallein geglaubt hatte.

Eine wunderbare Zeit begann an diesem Morgen. Sie dauerte knapp drei Tage und blieb dann noch drei Wochen lang zu schön, um sie zu beenden, obwohl Geesche nach den ersten drei Tagen erkannt hatte, dass ihre spontan erweckten Gefühle für Marinus keine Zukunft haben konnten. Das wurde ihr klar, als sie ihn zufällig im eleganten hellgrauen Anzug in Gesellschaft von Graf Arndt sah und erfuhr, dass er zur Familie von Zederlitz gehörte. Schlimm genug, dass der Graf mit Frau und Tochter jeden Sommer auf die Insel kam! Schlimm genug, dass Geesche dadurch niemals vergessen konnte, was in der Sturmnacht vor fünfzehn Jahren geschehen war! Aber wenn der Sommer vorbei war, wollte sie den Namen Zederlitz bis zum nächsten Jahr weder hören noch aussprechen und an ihn erinnert werden. Und sie hoffte Jahr für Jahr aufs Neue, dass der Graf sein Haus auf Sylt aufgeben und endgültig aus ihrem Leben verschwinden würde.

Marinus konnte sie nicht verstehen. Was er einzusehen glaubte, hatte zwar mit der Wahrheit nichts zu tun, aber Geesche beließ es dabei. »Ich bin nicht vornehmer als du. Mein Halbbruder ist ein Graf, ich bin nur der Bankert eines Dienstmädchens.«

Sie versuchte, ihn trotzig anzublicken. »Gleichwohl! Dein Vater war ein adeliger Herr!«

Marinus sah ihr daraufhin lange in die Augen, als ginge ihm etwas durch den Kopf, was der Wahrheit nahekam. »Was steckt wirklich dahinter, Geesche?« Nun entstand in seinem Blick sogar etwas, von dem Geesche sich für einen schrecklichen Moment durchschaut fühlte.

»Ich bin nur eine Hebamme.« Als sie das sagte, hatte sie das Gesicht fest an seine Brust gedrückt, damit er ihre Augen nicht sehen konnte. »Nicht gut genug für dich.«

Dabei war sie geblieben, bis Marinus die Insel wieder verlassen hatte. Sie würde ihn nie wiedersehen, er würde niemals den wahren Grund erfahren. Dankbar wollte sie sein für die Zeit, in der sie noch einmal die Liebe genossen hatte, in der das Leben leicht gewesen war, in der die Erinnerungen heller geworden waren, von der Gegenwart abrückten und die Zukunft nicht mehr vereinnahmten. Geesche rechnete nicht damit, dass es eine solche Zeit noch einmal geben würde, umso kostbarer war diese Zeit für sie und die Erinnerung daran, die sie einen ganzen Winter lang warm gehalten hatte. Sie war nun Ende dreißig. Eine Frau in ihrem Alter hatte sich mit dem Leben abzufinden, so, wie es war. Aus eigenen Kräften etwas zu verändern, das würde sie nicht noch einmal versuchen, und die Chancen, an der Seite eines Mannes einen anderen Weg einzuschlagen, waren vorbei. Darüber durfte sie sich nicht beklagen. Sie hatte ein Haus und eine Arbeit, und wenn der Fremdenverkehr auf Sylt tatsächlich einsetzte und sie ihre Zimmer jeden Sommer vermieten konnte, würde sie niemals zu hungern brauchen.

Geesche löste sich von dem Fenster, durch das sie Hanna nachgeblickt hatte, die längst nicht mehr zu sehen war. Marinus Rodenberg kam also auf die Insel zurück! Was hatte das zu bedeuten?

II.

Graf Arndt von Zederlitz betrachtete seine Frau nachdenklich, die mit geschlossenen Augen dasaß, als wäre es ihr gleichgültig, dass sie zum ersten Mal die Bequemlichkeit der Inselbahn genießen konnte, und als interessierte sie der Ort nicht, dem sie entgegenfuhren. Ihr schönes schmales Gesicht war angespannt, die Lippen hatte sie aufeinandergepresst, die Stirn war leicht gekraust. Sie trug ein helles Reisekleid, das die Fahrt nach Sylt ohne einen einzigen Fleck überstanden hatte, darüber eine Stola aus fast schwarzem Nerz, die sie mit der linken Hand über der Brust zusammenhielt, während die rechte in ihrem Schoß lag. Ihre Haltung drückte das aus, was Graf Arndt schon im ersten Augenblick angezogen hatte, als er sie kennenlernte. Diese vornehme Teilnahmslosigkeit, mit der sie dem Leben begegnete, allen positiven Lebensumständen genauso wie den Schicksalsschlägen. Nach wie vor bewunderte er ihr Phlegma, das einen Teil ihrer Schönheit ausmachte, ihr unbewegtes Gesicht, ihren unerschütterlichen Blick, ihre Stimme, die immer leise und gleichgültig blieb, ihr Lächeln, das nie zu einem Lachen wurde. Seit er sie liebte, versuchte er, ihr Lachen zu wecken, ihre Liebe und ihre Leidenschaft herauszufordern. Und wenn es ihn enttäuschte, weil es ihm nie gelang, war er im nächsten Augenblick froh darüber. Er wusste nicht, was aus seiner Liebe geworden wäre, wenn Katerina sie leidenschaftlich erwiderte, wenn sie ihn fröhlich anlachen oder gar heimlich über einen Scherz kichern würde.

Er löste den Blick von seiner Frau und sah aus dem Fenster des Zugabteils, als wollte er in Ruhe darüber nachdenken, wie der Sommer dieses Jahres verlaufen sollte. So wie immer? Viel Muße, Strandspaziergänge, Baden im Meer? War das wirklich genug? Reichte es, dass er Katerina Jahr für Jahr zur Flucht aus ihrem Leben auf dem Gut verhalf, auf dem seine Mutter herrschte? Hatte Sylt nicht längst seine Schuldigkeit getan? Mittlerweile glaubte er, dass es besser wäre, Katerina dabei zu helfen, sich gegen seine Mutter zu behaupten, statt jeden Sommer aufs Neue vor ihr zu fliehen. Elisa war nun sechzehn Jahre alt! Sie musste in die Gesellschaft eingeführt werden, musste Einladungen annehmen, reisen, sich präsentieren. Auf Sylt war sie zwar geboren, aber hier würde sich ihr Schicksal nicht erfüllen. Als Tochter des Grafen von Zederlitz gehörte sie dorthin, wo Bälle veranstaltet wurden, wo der Adel sich traf.

Dieser eine Sommer noch, sagte er sich, dann musste es vorbei sein mit Sylt. Dann würde er das Haus vor den Dünen verkaufen und von Katerina erwarten müssen, dass sie seine Mutter und ihre drakonische Herrschaft ertrug. Seine Frau wollte es zwar nicht einsehen, aber ihre Schwiegermutter war längst in einem Alter, in dem man sie mit der Verantwortung für das Gut nicht mehr allein lassen durfte. Und seit Katerina ihre Erwartungen erfüllt und ein gesundes Kind zur Welt gebracht hatte, war es weniger geworden mit den hässlichen Bemerkungen und den verächtlichen Fragen. Nun richteten sie sich nur noch auf den fehlenden Sohn, den Erben, auf den Arndts Mutter nicht mehr hoffen konnte.

Ja, nun würde es an ihm sein, Erwartungen an seine Frau zu richten. Berechtigte Erwartungen! Katerina konnte sich nicht für den Rest ihres Lebens auf Sylt vor ihren Pflichten verstecken! Aber wie sollte er ihr das klarmachen? Wo doch bewiesen war, dass Sylt ihr guttat! Schließlich hatte sie hier ein gesundes Kind zur Welt gebracht! Katerina, die auf dem Gut unglücklich war, solange die alte Gräfin lebte, würde nichts davon hören wollen, dass es mit den Reisen nach Sylt ein Ende haben sollte. Schon dass Graf Arndt in diesem Jahr darauf bestanden hatte, den Frühling noch auf dem Gut zu verleben, hatte seine Frau aufgebracht. Aber er war entschlossen gewesen, den Aufenthalt auf der Insel zu verkürzen, damit Katerina sich allmählich daran gewöhnte, Sylt zu entsagen.

Er starrte über die braune Heide und vermied es, den Blick in den Himmel schweifen zu lassen, der über Sylt viel größer, höher und weiter war als über seinem Gut. Sobald er Sylt betrat, fühlte er sich, als würde er auf der flachen Hand der Schöpfung dem Himmel hingehalten. Dieses Gefühl erzeugte in ihm eine Bescheidenheit, die er immer wieder aufs Neue genoss. Dass sein Leben auf Sylt alles andere als bescheiden war, spielte dabei keine Rolle.

Er rieb sich die Augen, als hätte er gegen die Müdigkeit anzukämpfen, in Wirklichkeit wollte er damit seinen Blick verbergen, wie er es immer tat, wenn Westerland in Sicht kam. Aber wie in den Jahren zuvor nahm Katerina auch diesmal keine Notiz. Sie konnte nicht ahnen, dass er Sommer für Sommer mit gemischten Gefühlen auf die Insel kam, gleichermaßen angezogen wie abgestoßen von dem Leben, das ihn auf Sylt erwartete.

In diesem Jahr strafte Katerina ihn sogar mit Verachtung. Schon seit sie von zu Hause aufgebrochen waren, blickte sie vorwurfsvoll an ihm vorbei. Sie verübelte ihm schwer, dass er einerseits auf einer verspäteten Abreise bestanden hatte, dann aber nicht bereit gewesen war, die Reise nach Sylt um ein paar weitere Tage zu verschieben, damit Elisa ihren Geburtstag auf dem Gut feiern und ihre Mutter die Gelegenheit nutzen konnte, den Spross einer befreundeten Familie einzuladen, der für Elisa als Ehemann in Frage kam. Der junge Baron hatte sich zufällig in der Nähe des Gutes Zederlitz aufgehalten, und der sechzehnte Geburtstag der einzigen Tochter wäre nach Ansicht der Mutter ein geeigneter Anlass gewesen, die beiden jungen Leute miteinander bekannt zu machen. Das aber hatte Graf Arndt verhindert!

Ihm waren Geburtstagsfeiern verhasst, seine eigenen und auch die seiner Angehörigen, vor allem Elisas. So glücklich er war, eine gesunde Tochter zu haben, so konnte er doch nicht die Geburten vergessen, die vorangegangen waren, die toten Säuglinge, die schnell weggeschafft werden mussten, damit Gräfin Katerina sie nicht zu sehen bekam. Und all jene Hoffnungen, die schon nach wenigen Wochen oder Monaten begraben werden mussten, konnte er auch nicht vergessen. Seine Frau hatte tatsächlich all das Leid abgestreift, als er ihr die gesunde Tochter in den Arm legte, er aber würde niemals vergessen können, was alles hatte geschehen müssen, bevor Katerina endlich so glücklich war, wie er sie sehen wollte, seit er sie geheiratet hatte. Und deshalb schaffte er es nicht, ein Glück zu bejubeln, das erst am Ende von so viel Leid aufgeblüht war.

Sein Bruder Marinus stieß ihn an und riss ihn aus seinen Gedanken. »Ist das nicht großartig? Die Fahrt dauert nicht einmal eine Viertelstunde! Und wir sitzen ganz bequem und haben es sogar warm. Oder hast du etwa vergessen, wie wir in den vergangenen Jahren in den Pferdegespannen durchgerüttelt wurden?«

Graf Arndt lächelte über Marinus’ Begeisterung. »Du hast recht, die Inselbahn ist erheblich bequemer. Du kannst stolz darauf sein, daran mitgearbeitet zu haben.«

Marinus wehrte bescheiden ab, dennoch war es nicht zu übersehen, dass sein Bruder ins Schwarze getroffen hatte. Marinus Rodenberg strahlte vor Stolz, weil er mit seiner Arbeit als Ingenieur einen wesentlichen Beitrag zur Inbetriebnahme der Inselbahn geleistet hatte.

Er rückte näher zu seinem Bruder heran und senkte die Stimme. »Sag mal, Arndt … was weißt du eigentlich von der Hebamme?« Zum ersten Mal sprach er das aus, von dem alle wussten, wie sehr es ihn beschäftigte. »Du warst doch im Winter einmal auf der Insel, um nach dem Haus zu sehen. Bist du ihr bei dieser Gelegenheit begegnet?«

Arndt schüttelte den Kopf. »Aber mir ist auch nicht zu Ohren gekommen, dass sie geheiratet hat, falls es das ist, was dir keine Ruhe lässt.«

Marinus wurde so verlegen, als hätte er tatsächlich nicht damit gerechnet, durchschaut worden zu sein. Er war ein großer, kräftiger Mann, gerade vierzig geworden, vier Jahre jünger als sein Halbbruder Arndt. Marinus’ Mutter war Dienstmädchen bei Arndts Eltern gewesen und von seinem Vater geschwängert worden. Doch die junge Frau hatte Glück im Unglück gehabt. Der alte Graf von Zederlitz stand zu seiner Verantwortung, erkannte Marinus als Sohn an und ließ seine Mutter weiterhin im Hause arbeiten. Eine außergewöhnliche Güte, die nur diesem einen Dienstmädchen zuteilwurde, obwohl es nicht das Einzige war, das zur damaligen Zeit ein Kind bekam, dessen Vater als unbekannt galt. Marinus’ Mutter hatte dem Vater ihres Kindes anscheinend etwas bedeutet, anders als die jungen Mütter, deren Namen er kaum kannte. Sogar Arndts hartherzige und hochmütige Mutter, die ihren Mann seit gut zwanzig Jahren überlebte, hatte schließlich nachgeben müssen und Marinus’ Stellung als Sohn ihres Mannes akzeptiert. So waren Graf Arndt von Zederlitz und Marinus Rodenberg gemeinsam aufgewachsen und erzogen worden und einander sehr zugetan. Als Marinus im letzten Sommer Dr. Pollacseks Angebot angenommen hatte, an der Fertigstellung der Inselbahn mitzuwirken, war es von vornherein selbstverständlich gewesen, dass er mit Arndts Familie in dem Haus vor den Dünen leben würde. Und in diesem Sommer würde es genauso sein. Es gab noch viel zu tun an der Ostbahn und bereits einiges zu planen für die Südbahn, von der Dr. Pollacsek träumte, so dass Marinus’ Mitwirkung weiterhin erwünscht war. Arndt wusste, dass sein Halbbruder ein viel besseres Angebot aus Paris bekommen hatte, aber Marinus hatte sich trotzdem entschlossen, den Sommer mit seinem Halbbruder und dessen Familie auf Sylt zu verbringen. Und es gab niemanden, der nicht wusste, warum.

Nun wurden auch Katerina und Elisa auf das Gespräch aufmerksam. Elisa, die großes Interesse an romantischen Liebesgeschichten hatte, mischte sich lebhaft ein. »Hanna hat mir von der Hebamme erzählt. Damals war sie verlobt.« Ihr hübsches Gesicht mit den rosigen Wangen und den tanzenden Grübchen darin, das sich zum Bedauern ihrer Mutter so gar nicht für den vornehmen Überdruss eignete, der in Adelskreisen zum guten Ton gehörte, strahlte. »Kurz nach meiner Geburt, nur ein oder zwei Tage später, ist ihr Verlobter tödlich verunglückt. Hanna sagt, es wäre von Selbstmord die Rede gewesen.«

Die Gräfin meldete sich ungehalten zu Wort: »Was gehen uns die Probleme dieser Leute an?«

Aber Elisa war nicht aufzuhalten. Dass Marinus ihr aufmerksam zuhörte, machte ihr Mut. »Er hatte sich ein eigenes Fischerboot gewünscht, aber er hatte kein Geld. Deswegen hat er für die Inselbahn gearbeitet und darauf gehofft, dass er irgendwann das Boot seines Vaters erbt. Aber in dieser Sturmnacht, in der ich geboren wurde, ist sein Vater umgekommen. Genau wie Hannas Vater!« Elisa verlieh ihrem Gesicht nun einen dramatischen Ausdruck. »Als er keine Aussicht mehr auf ein eigenes Boot hatte, wollte der Verlobte der Hebamme nicht mehr leben, hat Hanna gesagt.«

»Hanna!« Gräfin Katerina zog die Mundwinkel herab. »Wir sollten uns um passende Gesellschaft für unsere Tochter bemühen.« Sie sah ihren Mann herausfordernd an, der ihren Blick dankbar erwiderte. Dankbar, weil sie zum ersten Mal an diesem Tag das Wort an ihn richtete, und ebenso dankbar, weil er nichts entgegnen musste. Denn in diesem Augenblick kreischten die Bremsen der Inselbahn, der Zug kam vor dem Conversationshaus Westerlands zum Stehen. Dass Elisa einen langen Hals machte und ihre Blicke die Menschenmenge absuchten, die die Inselbahn erwartete, bemerkte niemand. Auch dass sie heimlich lachte und winkte, fiel weder ihrem Vater noch ihrer Mutter auf. Nur Marinus Rodenberg beobachtete sie mit einem kleinen verständnisvollen Lächeln.

 

Geesche hatte sich an diesem Tag vorgenommen, die Wäsche zu erledigen. Freda hatte am Vortag gewaschen, nun mussten die Laken, Bettbezüge und Handtücher geglättet und gefaltet werden.

Wie immer, wenn sie ihr Mangelbrett vom Haken nahm, zögerte sie und betrachtete es eine Weile, ehe sie damit zu arbeiten begann. Es war ein besonders schönes Mangelbrett, das Andrees für sie gefertigt hatte. Sein Geschenk zu ihrer Verlobung! Einen ganzen Winter hatte er daran geschnitzt und ihm sogar einen Griff in Form eines Pferdekopfes aufgesetzt. Wenn sie es nicht benutzte, hing es an der Wand, die schönste Zier ihrer Küche.

Geesche wickelte das erste Laken fest um ihr Mangelholz und begann mit der mühsamen Arbeit des Glättens, indem sie das Mangelbrett mit aller Kraft über das Mangelholz zog. Mit ihrem ganzen Gewicht stützte sie sich auf das Mangelbrett und rollte damit das Mangelholz so lange hin und her, bis das erste Laken glatt war und säuberlich gefaltet werden konnte.

Tief atmete sie durch, ehe sie die Arbeit fortsetzte. Sechzehn Jahre war es nun her! Eine Zeit, in der zwei junge Frauen erwachsen geworden waren und sie selbst in ein Alter eingetreten war, hinter dem die Schwelle zum Lebensabend stand! Doch sie hatte noch immer das Wüten des Sturms in den Ohren, das Bild des toten Jens Boyken vor den Augen und das vergebliche Warten auf ihren Verlobten in ihrem Herzen. Wann würde das endlich aufhören?

»Andrees, warum hast du dir nicht helfen lassen?« Wäre er am nächsten Tag zu ihr gekommen – er wäre zu retten gewesen. »Warum hast du nicht mit mir geredet?«

Als das letzte Laken an der Reihe war, klopfte es an ihrer Tür. Geesche legte das Mangelholz zur Seite. Freda? Nein, Fredas Klopfen war immer so leise, dass Geesche es häufig überhörte. Dieses Pochen aber war laut und kräftig. Wieder und wieder klopfte es an ihrer Tür, immer lauter und kräftiger! Ungeduldig, fordernd!

Als Geesche in den Flur trat, ahnte sie bereits, wem sie öffnen würde. Und noch während sie die Türklinke herunterdrückte, wusste sie nicht, ob sie zögerte, weil sie voller Angst oder voller Hoffnung war. Doch als die Tür sich öffnete, entschied es sich von selbst. Marinus Rodenberg stand vor ihr. Und sie wusste, dass sein Anblick sie glücklich machte.

»Geesche! Du wunderst dich gar nicht, mich zu sehen?«

Sein Gesicht lachte, seine dunklen Augen leuchteten, die Freude, die er ausstrahlte, war ihm einen Schritt voraus und hatte Geesche schon umarmt, bevor er auf sie zutrat und nach ihr griff.

Dankbar schmiegte sie sich in seine Arme, sog den Geruch seiner Haut ein, genoss die starken Arme, den Druck seiner Hände, die leidenschaftlich, aber nicht fordernd waren, stark, aber nicht drängend. So waren auch einmal Andrees’ Arme gewesen. In diesem Augenblick schoss die Erkenntnis wie eine Flamme durch ihren Körper, dass sie nicht bemerkt hatte, wie seine Umarmungen immer schwächer, immer kraftloser geworden waren. Andrees hatte sie in den letzten Tagen seines Lebens schnell wieder freigegeben, hatte seine Arme herunterfallen lassen, war ihr mit schleppenden Schritten in die Küche gefolgt und hatte mühsam gelächelt, weil er wusste, dass sie ein Lächeln von ihm erwartete.

Marinus’ Armen dagegen musste sie sich lachend entziehen, sie griffen erneut nach ihr, kaum dass sie sich ihnen entwunden hatte, und er küsste sie so lange, bis sie merkte, dass auch ein Kuss lachen konnte.

»Du wunderst dich nicht?«, fragte er noch einmal, als er ihr in die Küche folgte.

Geesche drehte sich zu ihm um und genoss nicht nur Marinus’ Lachen, sondern auch ihr eigenes. »Hanna hat mir gesagt, dass du kommst.«

»Hanna!« Auch Marinus hatte seine eigene Art, diesen Namen auszusprechen. Geesche wusste, dass Katerina von Zederlitz ihn verächtlich rief, von Freda kam er meist seufzend, von Ebbo mit einem Achselzucken begleitet. Nur die Stimme von Elisa von Zederlitz klang fröhlich, wenn sie Hannas Namen aussprach, Marinus’ dagegen fragend, und wie ihre eigene Stimme sich anhörte, wenn sie Hanna begrüßte oder von ihr redete, wusste sie nicht. Der Einzige, der Hannas Namen genauso respektvoll aussprach wie alle anderen, war Graf Arndt von Zederlitz.

»Woher wusste Hanna, dass ich mitkomme?«

Geesche zuckte mit den Achseln, während sie für Marinus einen Stuhl heranrückte. »Bei Hanna weiß man nie, woher sie ihre Kenntnisse hat. Sie hält die Ohren offen und hat ihre Augen überall. Manchmal auch dort, wo sie nicht sein dürfen.« Sie ging zum Herd, wo immer der Kessel mit heißem Wasser über dem Feuer hing. Dann fasste sie einen Entschluss. »Lass uns in die Wohnstube gehen. Ich hole den Samowar aus dem Pesel. Der ist für besondere Gäste gedacht …«

 

Das Grundstück, auf dem Graf von Zederlitz sein Haus hatte errichten lassen, war einmal Weideland gewesen. Kaiken Daseler gehörte es, sie hatte dort Schafe gehalten und sich mühsam mit dem Verkauf ihrer Wolle über Wasser gehalten, seit ihr Mann von großer Fahrt nicht zurückgekehrt war. Es hieß, er sei bei einer Meuterei auf dem Weg nach Amsterdam umgekommen, es gab aber auch böse Zungen, die behaupteten, er sei dort vor Anker gegangen und habe dafür gesorgt, dass seiner Frau eine Todesnachricht überbracht wurde. So konnte er ungestört ein neues Leben mit einer hübschen Holländerin beginnen. Als der Graf der armen Frau für das wertlose Stück Land einen Kaufpreis bot, den sie sich mehrmals wiederholen ließ, weil sie ihren Ohren nicht traute, glaubte sie, dass das Leben es nun endlich einmal gut mit ihr meinte. Graf Arndt hatte ausgerechnet dieses Stück Land haben wollen, weil es gerade hier seiner Frau am besten gefiel. Es gab eine herrliche Aussicht auf die Dünen, die für Kaiken keine Bedeutung gehabt hatte, der Weg zum Strand war nicht weit und kein Haus in der Nähe, durch deren Bewohner sich Gräfin Katerina gestört fühlen könnte. Von den Häusern Westerlands war keins in der Nähe des Strandes errichtet worden. Ihre Bewohner hatten alle einen Fußweg von mindestens zehn Minuten vor sich, wenn sie zum Meer wollten. Diese Anstrengung sollte Gräfin Katerina nicht zugemutet werden.

Das Glück der früheren Grundstücksbesitzerin war dann aber doch nur von kurzer Dauer gewesen, weil sich ihr neuer Reichtum unter den Strandräubern schnell herumgesprochen hatte. Nicht nur, dass ihr das Geld des Nachts gestohlen wurde, sie hatte es mit so viel Wut und Verzweiflung verteidigt, dass sie an den Folgen des Kampfes, den sie sich mit den Strandräubern geliefert hatte, zwei Tage später starb. So konnten das Glück über das neue Haus nur die Handwerker der Insel genießen, die einen Sommer und einen ganze Winter zu tun hatten und mehr Geld verdienten als in den Jahren zuvor. Aber das war noch nicht alles! Von da an gab es einige Sylterinnen, die während des Sommers in diesem Hause ihr Auskommen als Dienstmädchen fanden und dafür sorgten, dass ihre Ehemänner gerufen wurden, wenn es Reparaturarbeiten gab oder für die Pflege des Gartens Hilfe benötigt wurde. Wer bei Graf Zederlitz Arbeit gefunden hatte, wurde von vielen beneidet.

Hanna stand in der Eingangstür und hielt einen kleinen Strauß aus Pantoffelblumen in der Hand, den sie mit Gras und Moosspitzen aufgepolstert hatte. In Gegenwart der gräflichen Familie versuchte sie nie, ihre Behinderung zu verbergen. Im Gegenteil! Sie stützte sich am Türpfeiler ab und nahm sogar den Arm an, den die Haushälterin Owena Radke ihr hinhielt, die das Mitleid überkommen hatte.

Elisa war die Erste, die Hanna begrüßte. Strahlend nahm sie den Blumenstrauß und Hannas Glückwünsche in Empfang und vergaß nicht, dass Hanna ebenfalls Geburtstag hatte.

»Ich habe dir was mitgebracht! Das gebe ich dir, wenn das Gepäck da ist!«

Sie umarmte Hanna freundschaftlich, was ihre Mutter mit einem missbilligenden Blick bedachte. Die Gräfin selbst ging mit einem kurzen, allerdings durchaus freundlichen Nicken an Hanna vorbei ins Haus, der Graf dagegen reichte ihr lächelnd die Hand, gratulierte ihr zum Geburtstag und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Dass Hanna vor lauter Aufregung keine Antwort über die Lippen bekam, bedachte er mit einem milden Lächeln. »Du kannst mir später erzählen, wie es dir im Winter ergangen ist. Ich darf doch damit rechnen, dich auch in diesem Sommer in Dienst zu nehmen?«

Über Hannas Gesicht ging ein Leuchten. Mit einem tiefen Knicks wollte sie sich dafür bedanken, dass der Graf die Hoffnung, mit der sie gekommen war, erfüllte. Doch sie hatte sich zu viel zugemutet. Ihre verkrüppelte Hüfte war zu schwach, ihr kraftloses Bein unfähig, das Gewicht zu halten, das sich durch den Knicks ungünstig verlagerte. Hilflos kippte sie dem Grafen in die Arme, der sie erschrocken auffing.

Mit einem verlegenen Lachen stellte er sie wieder auf die Beine. »Hoppla, junges Fräulein! Auf das Knicksen darfst du in Zukunft verzichten!«

Wie immer achtete Elisa darauf, dass Hanna Peinlichkeit erspart blieb. Sie lachte, als hätte es einen Scherz gegeben, und zog Hanna ins Haus, noch ehe Marinus ihr die Hand reichen konnte. Hanna war es gewöhnt, dass über sie gelacht wurde, wenn sie die Straße entlang humpelte, aber wenn Elisa lachte, wusste sie, dass kein Spott dahintersteckte. Immer noch lachend zog Elisa sie zur Treppe, die in die erste Etage führte, wo ihr Zimmer war. Ein eigenes Zimmer!

Der Winter war lang genug gewesen, um Hanna erneut zum Staunen zu bringen, als sie das Haus betrat. So, als sähe sie diese Pracht zum ersten Mal. Der gekachelte Fußboden der Eingangshalle, die breite, geschwungene Holztreppe, die weiß getünchten Wände und die schweren Holztüren, die mit einem Geräusch ins Schloss fielen, das Hanna ängstigte. Es klang endgültig, so, als könnten sich diese Türen nie wieder öffnen.

Auch jetzt, als Elisa die Tür ihres Zimmers hinter sich schloss, spürte sie wieder die unerklärliche Angst. Wer in einer Kate mit einer wackligen Holztür und undichten Fenstern aufgewachsen war, konnte wohl alles Große, das sich fest verschließen ließ, nur schwer ertragen. Selbst dann, wenn die Stimmen deutlich durch die geschlossene Tür zu hören waren.

Graf Arndt gab den Dienstboten Anweisungen, die leise Stimme der Gräfin war nur ganz schwach zu hören, als sie in Begleitung eines Dienstmädchens an Elisas Zimmertür vorbeiging. Kurz darauf öffnete und schloss sich erneut eine Tür, und die Stimme der Gräfin war nicht mehr zu hören.

»Endlich!«, stöhnte Elisa auf. »Ausgerechnet in diesem Jahr hat mein Vater die Reise nach Sylt verschoben.« Sie drückte Hanna auf ihr Bett und setzte sich zu ihr. »Ich habe Ebbo gesehen! Wie geht es ihm?«

Hanna konnte nicht sofort antworten. Sie musste sich erst umsehen, vor der Helligkeit die Augen zukneifen, den Geruch von Sauberkeit und Frische einatmen und die Fingerspitzen daran erinnern, wie sich gestärktes Leinen anfühlte. Dieses Zimmer mit dem dunklen glänzenden Holzboden, dem riesigen Bett in der Mitte und dem großen Schrank war nach Elisas Meinung nur mit dem Nötigsten ausgestattet worden, was für die wenigen Sommermonate gerade ausreichend war. Für Hanna dagegen war es ein kleines Wunder. Bevor sie das erste Mal dieses Haus betrat, hatte sie nicht gewusst, dass es Menschen gab, die ein Zimmer zum Schlafen hatten. Nur zum Schlafen! Kein Haus auf Sylt besaß so etwas, nicht mal das Haus der Hebamme, das gut ausgestattet war, weil Geesches Vater von seinen Seereisen viele Schätze nach Sylt gebracht hatte. Aber Geesche schlief wie alle Sylter in einem Alkoven des Wohnraums, der tagsüber geschlossen wurde. Hanna beneidete sie schon darum, dass sie einen Alkoven ganz für sich allein hatte. Sie selbst teilte sich mit ihrer Mutter und Ebbo einen Alkoven. Keiner von ihnen konnte sich ausstrecken, alle drei schliefen halb sitzend, damit jeder von ihnen Platz hatte. Und Elisa hatte nicht nur ein eigenes Bett, sondern für dieses Bett sogar einen eigenen Raum!

»Nun sag schon«, drängte Elisa. »Hat er von mir gesprochen während des Winters? Hat er sich auf meine Rückkehr gefreut?«

Hanna riss sich von ihren Betrachtungen los und blickte Elisa an. »Ich soll Ihnen sagen, Comtesse, dass er Sie sehnsüchtig erwartet.«

»Sag Elisa zu mir, wenn wir allein sind! Das habe ich dir schon im letzten Sommer angeboten.«

Aber Hanna schüttelte den Kopf. Zu groß war ihre Angst, dass die Gräfin dahinterkommen könnte, dass ihre Tochter respektlos angeredet wurde. Nein, dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Besser, sie blieb bei der Anrede, die der Grafentochter gebührte, dann würde sie nie irrtümlich die falsche anwenden. »Er hofft, dass er Sie bald sehen darf, Comtesse.« Und vorsichtig, als könnte sich während des Winters etwas geändert haben, was ihr trotz Elisas sehnsüchtigen Augen entgangen war, fügte sie an: »Allein!«

Elisa warf sich rücklings aufs Bett, streckte die Arme aus und lachte zur Decke. »Gott sei Dank!« Mit einem kraftvollen Schwung, für den Hanna sie bewunderte, setzte sie sich aber schnell wieder auf. »Mein Vater wird dich auch in diesem Jahr als Gesellschafterin einstellen, dafür habe ich gesorgt.« Sie umarmte Hanna und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe. »Wir werden einen herrlichen Sommer haben!« Damit stand sie auf und ging zum Spiegel, um sich zu betrachten. »Wie ich aussehe nach der langen Reise! Das Dampfboot bis nach Munkmarsch ist entsetzlich unbequem.« Sie drehte sich nach links und rechts und betrachtete ihr Gesicht mit einem gequälten Ausdruck, als wäre sie allen Ernstes unzufrieden mit ihrem hübschen Äußeren. »Wie soll ich meine Haare tragen, wenn ich Ebbo wiedersehe? Lang oder aufgesteckt?«

Hanna antwortete nicht. Sie konnte Elisa nur anstarren. Dann griff sie sich an die Schläfe und fuhr sacht der Spur von Elisas Lippen nach, die sie noch feucht und kühl dort spürte.

 

In der Wohnstube war es warm und gemütlich. Der so genannte Beilegeofen, der aus gusseisernen Platten bestand, sorgte dafür, dass es in diesem Raum beinahe so warm war wie in der Küche. Er wurde von dort aus beheizt und hatte keine Öffnung zum Zimmer hin, abgesehen von einem Wärmefach auf der rechten Seite des Ofens.

»In diesem kalten Sommer kann man den Beilegeofen noch gut gebrauchen«, sagte Geesche.

Marinus nickte. »Ja, es ist viel zu kalt für diese Jahreszeit.« Aus Verlegenheit und weil er nicht wusste, wohin mit seinen Händen, griff er sogar zu den beiden Handwärmern des Beilegeofens. Diese Handwärmer waren zwei große Messingknöpfe, die links und rechts am vorderen Teil des Beilegeofens angebracht waren und die Wärme des Ofens übertrugen. Bei Bedarf konnten sie auch abgeschraubt und als Taschenöfchen benutzt werden.

»Ich hole den Samowar«, sagte Geesche und verließ die Wohnstube, um in den Pesel zu gehen. Die Tür ließ sie offen, als wollte sie Marinus nicht allein lassen und sich selbst das Gefühl geben, in seiner Nähe zu bleiben.

Als sie den Samowar vorsichtig von dort in die Küche tragen wollte, um ihn mit heißem Wasser und heißer Asche zu füllen, blieb sie vor der geöffneten Tür stehen und warf Marinus, der noch immer vor dem Beilegeofen stand und die Handwärmer umklammerte, einen Blick zu. Nach dem nächsten Schritt blieb sie wiederum stehen, weil sie merkte, dass er in Gedanken versunken war und sie nicht wahrnahm. Unsicherheit beschlich sie, als sie sah, wie er sich von den Handwärmern löste und sich umblickte. Was sah er? Eine für Sylter Verhältnisse gut eingerichtete, behagliche Wohnstube? Oder einen bescheidenen Raum, der nicht mit den Wohnverhältnissen der von Zederlitz mithalten konnte? Marinus war im Hause eines Grafen aufgewachsen, aber auch im Zimmer eines Dienstmädchens. Der Sohn des Grafen, der in einem eleganten Reiseanzug vor ihrer Tür erschienen war, schaute womöglich spöttisch auf die schlichten dunklen Holzdielen, die verfliesten Wände, die blauen Blumentöpfe, die sich auf jeder weißen Fliese wiederholten, auf den Tisch vor dem Fenster, die gepolsterten Holzstühle und die Türen ihres Alkovens, die Geesches Großvater selbst bemalt hatte. Aber der Sohn der Dienstmagd würde wohl beeindruckt sein von der reichen Ausstattung ihres Hauses. Was war Marinus Rodenberg, wenn er zu ihr kam? Sohn eines Grafen oder einer Dienstmagd? Als Sohn der Dienstmagd würde sie ihn lieben können! Aber als Sohn des Grafen? Die Familie von Zederlitz überschattete nun schon seit sechzehn Jahren ihr Leben. Sollte das immer so weitergehen, wenn sie auf Marinus’ Werben einging?

»Es ist schön bei dir«, sagte Marinus, als Geesche in die Wohnstube zurückkam. Er stand auf, nahm ihr den Samowar ab und stellte ihn auf den Tisch.

Geesche warf einen langen Blick zurück, als sie in die Küche ging, um die Teeblätter aufzugießen. Sie hörte, dass er ihr folgte, drehte sich aber nicht um, sondern gab die Teeblätter in einen Krug, als bemerkte sie ihn nicht, und übergoss sie mit kochendem Wasser.

Marinus wartete, bis sie den heißen Kessel zurückgestellt hatte, dann griff er nach ihr und drehte sie zu sich herum. Seine Augen waren dunkel, sein Gesicht war so weich und warmherzig, dass er ihr für eine paar beunruhigende Augenblicke fremd war, weil sie spürte, wie die Leichtigkeit des vergangenen Sommers verflog.

Und fremd war auch sein Kuss. So fremd wie die Welle der Zärtlichkeit, die sie erfasste. Sogar die Erinnerungen an den letzten Sommer wurden in dieser Umarmung fremd. Die gemeinsamen Wanderungen am Strand, als seine Hand verstohlen nach ihrer gegriffen hatte. Als sie der Welt den Rücken zugekehrt und lange schweigend auf das Meer hinausgeblickt hatten. Das Erschrecken, als er plötzlich unerwartet im Gemüsegarten hinter ihr gestanden hatte, und das Lachen, als sich herausstellte, dass er nur wenige Minuten Zeit hatte, die schon aufgebraucht waren durch den Weg zu ihr und die Rückkehr zu den Gleisen der Inselbahn. Dann seine Flucht aus dem Stall, als sie nach einer Ente gegriffen hatte, die geschlachtet werden sollte. Und die vielen Stunden auf der Bank vor ihrem Haus, in denen sie zugesehen hatten, wie die Dämmerung sich herabsenkte, in denen sie miteinander geredet, sich einander offenbart, sich vieles gestanden hatten, was bisher ungesagt geblieben war. Dann Marinus’ Gewissheit, nun alles von Geesche zu wissen, und ihre Beschämung, weil sie ihm das Wichtigste vorenthalten musste. Sogar das Vertrauen, das sie zueinander gefasst hatten, wurde in diesen Minuten fremd, weil Marinus sie auf eine Art küsste, die alles veränderte, und weil sie es zuließ und seinen Kuss sogar erwiderte.

Sie wurden ein Liebespaar in diesen Minuten, das spürte Geesche mit aller Deutlichkeit und Sorge, während sie im vergangenen Sommer ein Paar gewesen waren, das einander zugetan war und gemeinsam einen Sommer genießen wollte, der aus dem Garn war, aus dem schöne Erinnerungen gewebt wurden.

War sie bereit für diese Veränderung? Wollte sie die Erinnerung an den letzten Sommer an den Anfang eines neuen Lebens stellen?

Als sie in der Wohnstube saßen, den summenden Samowar zwischen sich, die dünnen Porzellanschalen in Händen, die Geesches Vater in London einem Chinesen abgekauft hatte, war das Fremde verflogen. Alles war wieder so vertraut wie vorher: die Zweifel, die Ängste, die Schuld und die Gewissheit, dass sie nicht zusammenpassten. Anders als Marinus glaubte, aber das konnte sie ihm nicht erklären. Und wenn er meinte, dass er zu ihr passte, hatte er vielleicht sogar recht. Aber sie passte nicht zu ihm! Nicht zu jemandem, der zur Familie von Zederlitz gehörte!

»Kannst du dir vorstellen, woanders zu leben als auf Sylt?«, fragte Marinus nach einer Weile des Schweigens.

»Nein!«, antwortete Geesche so schnell, dass er sie erstaunt ansah. »Nein!«, wiederholte sie, da ihr schlagartig aufging, dass diese Antwort sie von allen Erklärungen befreien konnte. Jeder musste verstehen, dass sie zu Sylt gehörte. Jeder! Niemand durfte von ihr verlangen, dass sie ihr Leben auf der Insel aufgab. Niemand! Ein Leben auf dem Gut der Familie von Zederlitz? Nein!

»Ich dachte es mir«, sagte Marinus, und ein Lächeln ging über sein Gesicht, das sie noch nie gesehen hatte. Aber es war ihr nicht fremd, sondern schien vertrauter zu sein als alles, was sie bereits kannte. »Deswegen werde ich Dr. Pollacseks Angebot annehmen, weiter für die Inselbahn zu arbeiten. Er sagt, er braucht einen guten Ingenieur für die nächsten Jahre.« Sein Lächeln vertiefte sich, in die Mundwinkel sprang etwas Amüsiertes. »Verstehst du? Ich kann auf Sylt bleiben. Jedenfalls für die nächsten Jahre.«

»Und dann?«, fragte sie genauso hastig, wie sie vorher »Nein« gerufen hatte.

Marinus zuckte mit den Achseln. »Dann werden wir weitersehen. Man kann nicht das ganze Leben planen.«

»Doch!« Geesche hatte immer ihr Leben voraussehen wollen. Dass sie längst hatte lernen müssen, wie unberechenbar das Leben war, wollte sie in diesem Moment nicht einsehen. »Ein Leben auf Sylt! Etwas anderes kommt für mich nicht in Frage.«

Marinus beugte sich vor und nahm ihre Hände. »Du hast schon mal dein Leben geplant. Als du dich mit Andrees verlobt hast, warst du sicher, mit ihm eine Familie zu gründen. Du siehst, dass das Leben seine eigenen Wege geht. Es lässt sich nicht planen.«

Geesche suchte verzweifelt nach einer Antwort … da hörte sie, dass die Haustür sich öffnete. Dr. Leonard Nissen rief einen Gruß ins Haus, wie es seiner Gewohnheit entsprach, dann waren seine Schritte in dem Flur zu hören. »Frau Jensen?« Kurz darauf erschien er in der Tür der Wohnstube. »Ich habe Sie in der Küche vermutet«, sagte er erstaunt. Und seine Augen weiteten sich, als er sah, dass Geesche Besuch hatte.

»Möchten Sie einen Tee mit uns trinken?«, fragte Geesche und übersah Marinus’ Stirnrunzeln, der nicht damit einverstanden war, Geesches Gegenwart mit ihrem Feriengast zu teilen.

Dr. Nissen schien es ähnlich zu gehen. Er begrüßte Marinus zwar mit großer Höflichkeit, aber dass ihm sein Besuch nicht gefiel, war trotzdem zu erkennen. Er hielt ein Päckchen in der Hand, das er Geesche nun lächelnd überreichte. »Darf ich Ihnen eine kleine Freude machen, Teuerste?«

Geesche hatte schon oft über Dr. Nissens Art, sie anzureden, gelacht, nun, in Marinus’ Gegenwart, war es ihr peinlich, »Teuerste« genannt zu werden. Doch Marinus verzog keine Miene. Anscheinend war er an diese verschnörkelten Redewendungen gewöhnt.

Zögernd nahm Geesche Dr. Nissens Geschenk entgegen, während er sich umständlich auf einem Stuhl niederließ, seinen Stock auf den Schoß legte und Geesche erwartungsvoll anblickte. Kein Zweifel, er wartete, dass sie das Päckchen sofort auswickelte, um zu sehen, wie sehr sie sich darüber freute. Es war nicht das erste Geschenk, das Geesche von ihm bekam. Allmählich konnte sie sich keine Illusionen mehr darüber machen, warum ihr Feriengast sich so sehr um sie bemühte.

Sie ärgerte sich, weil ihre Finger bebten, als sie das Papier löste, denn sowohl Marinus als auch Dr. Nissen würden den Grund für ihre Nervosität falsch beurteilen. Dr. Nissen sollte nicht an ihre freudige Erregung glauben, und Marinus sollte nicht denken, dass sie sich von einem Geschenk beeindrucken ließ.

Gelungen war es Dr. Nissen dann aber doch. Was Geesche auspackte, hatte sie noch nie gesehen. Zu Ohren gekommen war es ihr schon, dass in Lübeck, einer Stadt auf dem Festland, eine Leckerei hergestellt wurde, die Marzipan hieß, eine süße Masse, aus der geschickte Konditoren kleine Kunstwerke formten. Was Geesche in Händen hielt, waren drei Herzen aus Marzipan, mit roten Marzipanrosen verziert und mit Schokolade betupft, die Geesche bis dahin ebenfalls nur vom Hörensagen kannte.

Sie sah ihn staunend an. »Das kann man essen?«

Dr. Nissen warf Marinus einen triumphierenden Blick zu, dann lächelte er siegessicher. »Probieren Sie es, Teuerste!«

Aber Geesche schüttelte den Kopf und legte die drei Marzipanrosen zur Seite. »Nicht jetzt.«

Dr. Nissen sah enttäuscht aus. »Warten Sie nicht zu lange. Irgendwann verliert das Marzipan an Qualität.«

Geesche nickte und warf Marinus einen Blick zu, der Dr. Nissen nicht entging. Vielleicht erkannte er sogar, dass dieser Blick wie eine Entschuldigung war.

»Woher haben Sie das Marzipan?«, fragte Marinus, während Geesche eine weitere Porzellantasse holte, um Dr. Nissen Tee einzuschenken. »Aus Lübeck mitgebracht?«

Dr. Nissen schüttelte den Kopf. »Konnte ich ahnen, dass es hier eine Frau gibt, der ich gerne eine Freude machen möchte?«

So deutlich war er noch nie geworden! Bisher hatte Geesche nur geahnt, was Dr. Nissen für sie empfand und welche Absichten er mit seinen Schmeicheleien verfolgte. Nun ließ er keinen Zweifel daran. Und Geesche war sicher, dass seine deutlichen Worte vor allem Marinus galten. Dr. Nissen musste, als er den Raum betrat, gespürt haben, dass er in Marinus einen Rivalen um Geesches Gunst vor sich hatte.

Marinus gab sich so unbeeindruckt, als hätte er Dr. Nissens Worte nicht gehört oder nicht verstanden. »Wie kommt man auf der Insel an Marzipan?«

Dr. Nissen ließ Geesche nicht aus den Augen, als er antwortete: »Ich komme aus der Villa Roth. Sie wissen sicherlich, dass Königin Elisabeth von Rumänien dort absteigen wird?«

Marinus nickte, als wüsste er es tatsächlich.

»Sie wollte inkognito nach Westerland kommen, aber wer sich hinter der angekündigten Gräfin Vrancea verbirgt, hat sich schnell herumgesprochen.«

Geesche hörte das alles zum ersten Mal. Einen kurzen, aber überwältigenden Augenblick sah sie sich zwei Männern gegenüber, die in einer Welt lebten, zu der sie keinen Zutritt hatte. Der reiche Arzt, der in der gehobenen Gesellschaft Hamburgs zu Hause war, und der Sohn eines Grafen, dessen Welt ebenfalls eine andere war, obwohl er auch das Kind eines Dienstmädchens war.

»Eine Königin kommt nach Sylt?«, fragte sie ungläubig.

Dr. Nissen schien sich an seinem Wissensvorsprung zu erfreuen. »Wahrscheinlich morgen schon. Natürlich laufen in der Villa Roth die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Dienerschaft der Königin ist bereits angereist. Auch ihr Koch, denn Ihre Majestät hat sehr spezielle Wünsche, wenn es um ihre Beköstigung geht. Sonst ist sie ja eine bescheidene Person«, ergänzte er schnell, als wollte er betonen, wie gut er informiert war, »aber sie hat einen empfindlichen Magen.« Zufrieden lehnte er sich zurück und drehte den Stock, den er auf seinem Schoß hielt, so schnell, dass der silberne Knauf in einem feurigen Rhythmus in der Sonne blitzte. »Ich kenne den Koch. Er fuhr mal als Smutje zur See und ging in Hamburg an Land. Mit einer schlimmen Blinddarmentzündung wurde er von Bord getragen und in meine Klinik gebracht. Wollte sagen … in die Klinik meines damaligen Schwiegervaters. Ich konnte ihm im letzten Augenblick durch eine Operation das Leben retten. Nach seiner Genesung hat er in Lübeck in der Marzipanherstellung gearbeitet, dann ist er beim Fürsten zu Wied in Stellung gegangen, dem Vater Ihrer Majestät, und später mit Königin Elisabeth nach Bukarest.« Dr. Nissen sah interessiert zu, wie Geesche den Samowar bediente und den Sud aus grünen Teeblättern, von dem sie etwas in seine Tasse gegeben hatte, auffüllte. »Als ich ihm erzählt habe, dass ich ein außergewöhnliches Geschenk für eine außergewöhnliche Frau brauche, war er gern bereit, mir etwas von seinen Marzipanvorräten zu überlassen.«

»Danke«, sagte Geesche leise und betrachtete die Marzipanrosen, weil sie weder Marinus noch Dr. Nissen anblicken wollte. Dann ging ihr auf, das Marinus den Eindruck bekommen mochte, das Geschenk habe Dr. Nissen tatsächlich einen Vorsprung verschafft, und sie schob es mit einer hastigen Bewegung zur Seite und lächelte Marinus an, damit er wusste, dass ihr Herz mit keinem noch so kostbaren Geschenk zu erobern war.

Aber Marinus widmete ihr in diesem Augenblick keine Aufmerksamkeit. Ihm war plötzlich daran gelegen, mit Dr. Nissen Konversation zu treiben. »Werden Sie in der Klinik Ihres Schwiegervaters …«

»… früheren Schwiegervaters«, unterbrach Dr. Nissen.

»Werden Sie dort nicht gebraucht? Oder wollen Sie nur für einen kurzen Urlaub auf Sylt bleiben?«

Dr. Nissen lachte. »Wer macht das schon? Die Anreise ist derart beschwerlich, dass man zwei Wochen braucht, um sich davon zu erholen. Die Inselbahn macht das Vorankommen auf der Insel zwar leichter, aber bis man auf Sylt angekommen ist …« Er schüttelte seufzend den Kopf. »Nein, das lohnt sich nur für ein oder zwei Monate. Außerdem weiß ich als Arzt natürlich, dass die Heilkräfte des Meeres und der Luft erst nach vier Wochen zu wirken beginnen. Von einem kürzeren Aufenthalt ist also, jedenfalls aus medizinischer Sicht, abzuraten. Die Erholung setzt erst später ein.«

»Und Sie brauchen Erholung?«, fragte Marinus.

Dr. Nissen nickte, dann nippte er an seinem Tee, als hoffte er, dass ihm eine Antwort erspart blieb. Aber da Marinus’ Frage noch im Raum stand, als er die Tasse absetzte, ergänzte er: »Die Scheidung hat mich eine Menge Kraft gekostet. Und die Enttäuschung! Meine Frau hat mich betrogen. Sogar mein Schwiegervater hatte Verständnis dafür, dass ich unter diesen Umständen die Ehe nicht fortführen wollte.«

Marinus sah ihn mitfühlend an, aber Geesche spürte deutlich, dass diese Konversation nur dazu dienen sollte, einen Fleck auf der weißen Weste des Arztes zu finden und ihn Geesche zu zeigen. Sie wünschte, Marinus würde aufhören, Dr. Nissen mit inquisitorischen Fragen zu bedrängen.

»Er hat mich geradezu genötigt«, fuhr Dr. Nissen fort, »mich gründlich auf Sylt zu erholen.«

Marinus nicke verständnisvoll. »Aber Sie wollen trotzdem weiter in der Klinik Ihres Schwiegervaters … Ihres früheren Schwiegervaters tätig sein?«

Dr. Nissen verzog unschlüssig das Gesicht. »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Manchmal denke ich, es wäre vernünftig, einen Neuanfang zu wagen. Alles hinter mir lassen, noch einmal ganz von vorn anfangen.« Er sah Geesche lächelnd an und ließ den Blick nicht von ihrem Gesicht, als er ergänzte: »Auf Sylt gibt es keinen Arzt. Wenn der Fremdenverkehr zunimmt, wird bald einer vonnöten sein. Mal sehen, vielleicht lasse ich mich hier nieder. Es erscheint mir reizvoll, auf Sylt ein neues Leben zu beginnen. Beruflich und privat.« Er ließ seine Worte wirken, dann erhob er sich. »Sie entschuldigen mich?«

Seinen übertriebenen Dank für die Tasse Tee, seine ebenso übertriebene Anerkennung für den außergewöhnlichen Samowar, der ihm zeige, dass Geesche einen bemerkenswerten Sinn für das Schöne habe, und die Bitte um Vergebung, weil er ihr Gespräch mit ihrem Gast gestört habe, erwiderte Geesche, indem sie sich ein weiteres Mal für das Marzipan bedankte, seine Anerkennung zurückwies und behauptete, von einer Störung könne keine Rede sein. Als die Tür von Dr. Nissens Zimmer ins Schloss fiel, fühlte sie sich regelrecht erschöpft. »Was ist das anstrengend, diese extravagante Höflichkeit!«

Marinus wirkte grimmig. »Dr. Nissen weiß, wie man Frauen beeindruckt. Ein akademischer Titel, ein einträchtiger Beruf, komfortable Lebensumstände und vorsichtshalber noch ein kostbares Geschenk!«

In Geesche stieg Unmut hoch. »Du hast ihn herausgefordert! Erst befragst du ihn und willst alles von ihm wissen, und nun wirfst du ihm vor, dass er dir von seinen komfortablen Lebensumständen erzählt? Außerdem … der Luxus ist ihm anscheinend gar nicht so wichtig. Jedenfalls nicht, wenn er demnächst auf Sylt praktizieren will. Er weiß, wie einfach das Leben hier ist.«

Marinus sah auf seine Hände. Als er wieder aufblickte, war seine Miene schuldbewusst. »Verzeih mir, Geesche. Ich war dumm und … eifersüchtig.« Er versuchte ein Lächeln, das aber gründlich misslang. »Dabei weiß ich doch, dass du jeden Mann zurückweist, der über deinem Stand ist. Wenn du schon den Bankert eines Dienstmädchens nicht willst, nur weil der Vater ein Graf ist …«

Er brach ab und schien zu warten, dass Geesche seinen Satz vervollständigte. Aber sie saß nur hilflos da und wusste nicht, wie sie Marinus einerseits seine Sicherheit zurückgeben konnte, ohne ihn andererseits in einer Sicherheit zu wiegen, die sie nicht verantworten konnte. Wie sollte sie ihm Sicherheit geben, wenn sie selbst viel zu unsicher war?

Das Schweigen zwischen ihnen war nur kurz, aber es dauerte zu lange. Marinus erhob sich und machte einen letzten verzweifelten Versuch, den Zauber wieder einzufangen, der sich um sie gelegt hatte, als er Geesches Haus betrat.

Er zog sie in seine Arme, und sie ließ es geschehen. Er küsste sie, und sie erwiderte seinen Kuss. Seine Hände vergewisserten sich, und sie ließ sie gewähren. Trotzdem kam der Zauber nicht zurück, den Dr. Leonard Nissen zerstört hatte.

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