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Die Hebamme und die tote Hure

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. August 1645 York, England
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.
  27. 21.
  28. 22.
  29. 23.
  30. 24.
  31. Danksagungen

Über den Autor

Sam Thomas lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Shaker Heights, Ohio. Er ist promovierter Historiker und unterrichtet Geschichte an einer Privatschule in der Nähe von Cleveland. In DIE HEBAMME UND DIE TOTE HURE lässt er Hebamme Bridget Hodgson und ihre Magd Martha in ihrem zweiten Mordfall ermitteln.

Besuchen Sie auch die Homepage des Autors:
www.samthomasbooks.com

Sam Thomas

DIE HEBAMME
UND DIE
TOTE HURE

Historischer Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Britta Evert

1.

Jane! Aufwachen, Jane! Könnt Ihr mich hören?«

Jane Moore hob mit sichtlicher Mühe den Kopf. Ihre Stirn war schweißnass, Tränen liefen ihr über die Wangen. Die Zeit wurde knapp, und sie war nahezu am Ende ihrer Kräfte. Sie versuchte den Blick auf mein Gesicht zu richten und mir zuzuhören, verdrehte aber gleich darauf die Augen und ließ den Kopf zurück auf das Kissen sinken.

»Allmächtiger«, stieß ich hervor. »Holt Pfeffer! Wir müssen sie zur Besinnung bringen.«

Eine der Frauen eilte davon und kehrte mit einem kleinen Schälchen zurück. Ich nahm eine Prise Pfeffer zwischen Daumen und Zeigefinger und drückte ihn in Janes Nase. Sie riss die Augen auf und stieß einen Schrei aus.

»Seht mich an, Jane«, sagte ich. Ihr Blick war klarer als in all den zwölf Stunden, die ich nun schon bei ihr war. Ich dankte dem Herrn, dass er Jane diesen Augenblick der Stärke schenkte, zugleich aber wusste ich, dass er ihr keine zweite Chance geben würde. Ich nahm ihr Gesicht in beide Hände und schaute ihr in die Augen. »Jane, das Kind wird zusehends schwächer. Wenn es leben soll, wenn Ihr leben sollt, muss es bald zur Welt kommen.«

Furcht flackerte in ihren Augen, aber nur einen Moment lang. Sie holte tief Luft und nickte.

»Gut«, sagte ich und machte mich wieder an die Arbeit.

Das Kind, das so schwächlich schien, als Jane in den Wehen lag, kam lauthals plärrend zur Welt, kurz bevor die Glocken des Münsters zur Vesper riefen. Jane, die vor Erschöpfung und Freude schluchzte, sank in die Arme ihrer Freundinnen. Ich überließ den Säugling Martha Hawkins, meiner Gehilfin, und schlüpfte hinaus, um Janes Mann zu verständigen.

John Moore sprang auf, kaum dass ich die Wohnstube betrat. Sein verhärmtes Gesicht verriet mir, dass ihm die Angst um seine Frau tief in den Knochen steckte. Sie konnte sich glücklich preisen, einen solchen Ehemann zu haben.

»Lady Hodgson«, sagte er, verstummte dann aber. Sein Mund blieb offen stehen, und er rang um Worte. Ich wusste aus Erfahrung, dass er das Schlimmste befürchtete und nicht auf einen glücklichen Ausgang zu hoffen wagte. Obwohl ich selbst völlig erschöpft war, brachte ich ein Lächeln zustande, worauf seine Züge sich entspannten.

»Dem Himmel sei Dank!«, rief er. »Meiner Jane geht es gut?«

Ich nickte.

»Und das Kind? Ich habe einen Schrei gehört, dann aber nichts mehr …«

»Beide sind müde, aber wohlauf«, sagte ich. »Ihr solltet einen Augenblick warten, bevor Ihr zu ihnen geht. Meine Gehilfin wickelt den Kleinen noch, dann muss er an die Mutterbrust. Sobald er ordentlich getrunken hat, könnt Ihr ihn in die Arme nehmen.«

Ein Laut, der zwischen Lachen und Weinen schwankte, drang aus Johns Kehle. Ich sah, wie die Angst von zwei Tagen von ihm abfiel.

»Habt Dank, gute Dame«, sagte er. »Jane bat mich, früher nach Euch zu schicken, aber Mrs. Pike hat sich geweigert, Euch hinzuzuziehen. Sie meinte, sie bräuchte Eure Hilfe bei der Entbindung nicht. Ich hätte darauf bestehen sollen.«

»Mary Pike ist eine tüchtige Hebamme«, sagte ich vorsichtig. Das traf nicht unbedingt zu, aber ich konnte nicht leichtfertig eine meiner Kolleginnen anschwärzen, wie überheblich sie auch sein mochte. »Wer gibt schon ungern zu, nicht mehr weiterzuwissen? Sie hat sich fast zwei Tage lang um Eure Frau gekümmert und konnte vor Erschöpfung nicht mehr klar denken. So etwas habe ich auch schon erlebt.«

»Und wenn ich noch länger gezögert hätte, Euch kommen zu lassen?«, fragte John. Die Furchen in seinem Gesicht verrieten, wie sehr es sein Gewissen belastete, Frau und Kind in Gefahr gebracht zu haben. »Was wäre dann aus Jane geworden?«

Ich kannte die Antwort, die der Wahrheit entsprach, aber auch die, die John hören musste, und entschied mich für Letztere. »Wäre ich nicht gekommen, hätte sich der Wille des Herrn dennoch erfüllt, und Mrs. Pike hätte Eure Frau von einem gesunden Kind entbunden.« Meine Versicherung schien ihn noch mehr zu erleichtern als die Nachricht, dass Jane und das Kind am Leben waren, aber das konnte ich ihm nicht verdenken. Ich kannte viele Eltern, die sich die Schuld gaben, wenn ihre Kinder starben, und das war eine schreckliche Last. In vielen Nächten quälten auch mich die Erinnerungen an meine verstorbenen kleinen Lieblinge und die Frage, ob ich sie hätte retten können.

Als wir das Haus der Moores verließen, kam es uns eher so vor, als würden wir in einen Brunnen steigen, als einen Hof zu betreten. Rings um Martha und mich ragten Gebäude empor; der Himmel war nicht mehr als ein leuchtend blaues Quadrat fünfzig Fuß über uns. Martha und ich schritten durch den niedrigen Durchgang, der auf eine der schmalen Gassen führte, die sich planlos durch die Innenstadt wanden. Es gehörte zu den schwierigsten Aufgaben einer Hebamme, in diesem Labyrinth aus Straßen zu ihren Patientinnen zu finden, weil die dicht an dicht stehenden Gebäude jedes Wahrzeichen der Stadt verbargen. Hinzu kam der Irrgarten, den Yorks Gassen bildeten … kurz, auch alteingesessene Bürger konnten sich unvermutet in unbekannten, nicht ganz ungefährlichen Gegenden wiederfinden, wie Martha und ich zu unserem Nachteil feststellen mussten.

Wir beide schlugen uns von einer Nebenstraße bis zur High Petergate durch, wo wir sogleich der vollen Wucht der Augustsonne ausgesetzt waren. Seit dem vergangenen Monat litt York unter einer nie da gewesenen Hitze. Die ältesten Einwohner der Stadt behaupteten, so etwas habe es schon einmal gegeben, zu Königin Elizabeths Zeiten, aber selbst sie gaben zu, dass die Hitze damals nicht so lange angehalten hatte. Kuhhirten klagten, das Gras außerhalb der Stadtmauern sei braun und verdorrt und dass ihre Tiere bald verhungern würden, während die Braumeister befürchteten, dass ihre Brunnen ohne Regenfälle austrocknen. Ich wusste nicht, warum der Herrgott uns diesen unerträglichen Sommer sandte, war mir aber ziemlich sicher, dass an diesem Tag bei jeder Predigt in der Stadt dieselbe Frage gestellt wurde und jeder Geistliche eine andere Antwort gab.

Die Petergate war breiter als die meisten Hauptstraßen der Stadt. Normalerweise hätte es hier von Händlern und Reisenden, die durch das Tor bei Bootham Bar hereinströmten, nur so gewimmelt. An Markttagen machten Kaufleute, Marktweiber, Fuhrwerke, Pferde, Schweine und Rinder den Fußgängern den Platz streitig. Aber weil Sonntag war und der Nachmittagsgottesdienst noch nicht beendet, hatten Martha und ich die Straßen für uns, wenn man von einigen trägen Schweinen und dem einen oder anderen Lehrburschen absah, der in der stillen Hoffnung zum Gottesdienst eilte, von seinem Meister keine Tracht Prügel zu beziehen.

Bevor die Stadt unter die Herrschaft des Parlaments gefallen war, hatten nicht alle Einwohner so streng darauf geachtet, Gottesdienste zu Beginn und zum Ausklang des Tages zu besuchen, aber unsere neuen puritanischen Herren und Meister machten es sich zur Aufgabe, diejenigen zu bestrafen, die den Tag des Herrn nicht gebührend ehrten. Während gottesfürchtige Priester gegen Tanz und Theater und jeden anderen lasterhaften Zeitvertreib wetterten, stürmten Wachtmeister und Büttel die Schänken, um die Gäste in die Kirchen zu scheuchen. Der Traum der Puritaner, das Wort Gottes und das Schwert der Gerechtigkeit zu vereinen, war endlich wahr geworden.

Martha und ich unterhielten uns wie gewohnt über die Geburt und alles, was Martha an neuen Erkenntnissen gewonnen hatte. Sie war erst vor einem Jahr in meine Dienste getreten und hatte sich als unverzichtbare Hilfe bei der Aufklärung einer Reihe von Morden erwiesen – ganz abgesehen davon, dass sie mir mehr als einmal das Leben gerettet hatte. Aufgrund ihrer raschen Auffassungsgabe und Charakterstärke stellte ich sie als Dienstmädchen und Gehilfin zugleich ein und machte sie mit den Geheimnissen der Geburtshilfe vertraut. Fast ein Jahr lang hatten wir jetzt schon Glück; keine der Entbindungen, bei denen Martha mir zur Hand ging, war schwierig oder riskant gewesen. Aber ich merkte ihr an, dass es sie erschüttert hatte, wie knapp Jane Moore dem Tod entronnen war, denn statt lebhaft über Janes Niederkunft zu sprechen, sie mit anderen zu vergleichen und mich zu drängen, ihr mehr über unser Gewerbe zu verraten, starrte sie unverwandt auf die Straße vor uns.

»Was hätten wir getan, wäre das Kind nicht von selbst gekommen?« Obwohl es auf der Straße still war, konnte ich sie kaum verstehen.

»Das Kind ist gekommen«, sagte ich. »Nur das zählt.«

»Nein«, widersprach sie. »Ich muss wissen, was zu tun ist, wenn alles andere versagt. Was dann? Was habt Ihr mir noch nicht erzählt?«

Ich hatte keine Antwort parat und auch nicht den Wunsch, ihr die bittere Wahrheit zu gestehen. Wenn das Kind nicht von selbst gekommen wäre, hätten wir jeden Gedanken an sein Überleben beiseiteschieben und uns allein darauf konzentrieren müssen, um jeden Preis das Leben der Mutter zu retten.

»So etwas sollten wir nicht so kurz nach der Geburt besprechen«, sagte ich schließlich. »Du musst einen klaren Kopf behalten, anstatt dich mit Fragen wie ›Was wäre wenn‹ oder ›Was hätte sein können‹ zu plagen. Mutter und Kind sind am Leben, und das reicht einstweilen.«

»Also gut. Wie werdet Ihr mit Hebamme Pike zurechtkommen? Sie war gar nicht erfreut, Euch zu sehen, und als sie ging, war sie dermaßen erzürnt, wie ich sie selten erlebt habe.«

»Sie ist nicht imstande, eine Entbindung durchzuführen, sieht man von den einfachsten Fällen ab«, erwiderte ich. Ich schauderte noch immer bei dem Gedanken, was Jane unter ihrer Behandlung durchlitten hatte. »Aber das darfst du nie laut sagen.«

»Was?«, rief Martha. »Mrs. Pike wusste nicht einmal, dass das Kind mit den Schultern zuerst kommen würde! Und als sie von den Klatschbasen aus dem Zimmer gezerrt wurde, hat sie Jane angeschrien! Irgendetwas müssen wir tun!«

»Wir überlassen es den Klatschbasen, von Mrs. Pikes’ Unfähigkeit zu berichten. Das wird genügen. Wie auch immer, wir beide müssen ihren Zorn so gut als möglich beschwichtigen. Ich werde ihr noch heute einen Dankesbrief schreiben.« Martha wollte Einwände erheben, aber ich fuhr fort: »Und wenn du einkaufen gehst, kannst du allen Frauen erzählen, dass Mrs. Pike die Geburt des Kindes eingeleitet hatte und mich erst hinzugezogen hat, als sie müde wurde.«

»Warum in Gottes Namen sollte ich das tun? Warum wollt Ihr das tun? Ihr habt doch selbst gesagt, dass sie nicht zur Hebamme taugt.«

»Und das haben die Klatschbasen mit eigenen Augen gesehen«, gab ich geduldig zurück. »Bald wird ganz York über Mrs. Pikes Verhalten Bescheid wissen, und keine Mutter wird sie mehr zu Entbindungen rufen. Ihre Lizenz als Hebamme wird sie behalten, aber keine Patientinnen mehr, bei denen sie Schaden anrichten kann. Es hat keinen Sinn, eine Nachbarin grundlos vor den Kopf zu stoßen.«

Martha nickte mürrisch, und ich wusste, dass sie tun würde, was ich ihr aufgetragen hatte. Im vergangenen Jahr hatten wir gelernt, einander zu vertrauen, und das nicht nur im Zimmer der Wöchnerinnen.

Noch bevor wir die Stonegate erreichten – die Straße, die uns nach Hause führte –, merkte ich, dass irgendetwas los war. Die Menschenmenge strömte aus der Kirche St. Michael, aber statt ihren Weg fortzusetzen, blieben die Leute stehen und scharten sich um einen Mann, der auf offener Straße predigte. Einige lauschten ihm gebannt, aber in meinen Ohren klang er wie ein Wahnsinniger.

»Inmitten der Spaltung unserer Nation, inmitten von Wirrnis und Verwüstung, befindet Gott der Herr es für richtig, unser Land mit Krieg zu überziehen, mit Pest, mit Feuer und nun auch mit grausamer Hitze! Die himmelschreiende Sünde unserer Nation, die Tür, durch die Satan unser Reich betreten hat, ist die Entweihung des Sonntags durch Tanz und Musik, durch Würfelspiele und andere teuflische Vergnügungen!«

Der Mann war ganz in Schwarz gekleidet, bis auf einen weißen Kragen, der auf seinen Schultern ruhte. Der Kragen war aus schlichtem Stoff; jemand wie dieser Mann würde Spitze als Frivolität betrachten. Er schwenkte eine große Bibel mit vergoldeten Kanten über seinem Kopf; hin und wieder stieß er mit dem Finger darauf, um seine Worte zu unterstreichen. Er kehrte uns den Rücken zu, als wir näher kamen, aber seine Stimme war durchdringend genug, um ihn laut und deutlich zu hören.

»Einige von euch werden anders denken«, rief er. »Ihr werdet sagen: ›Einen Teil des Tages haben wir im Hause des Herrn verbracht, da werden wir doch am Abend unseren Spaß haben dürfen. Warum sollen wir nicht tanzen? Ist doch ein harmloses Vergnügen.‹ Aber ich frage euch: Warum geht ihr aus dem Gotteshaus direkt zu Satan? Hat unser Herr zu Moses gesagt: ›Ein Teil des siebten Tages ist der Tag des Herrn‹? Hat er gesagt: ›Macht am Abend, was ihr wollt‹ oder ›Du sollst den Tag des Herrn in Schänken verbringen‹?«

Bei der Vorstellung, wie Moses in einer Spelunke auf der Bank hockte, musste Martha kichern. Der Prediger fuhr sogleich herum, um den Übeltäter ausfindig zu machen. Trotz seines Alters – ich hätte ihn für mindestens Anfang fünfzig gehalten – bewegte er sich behände wie ein viel jüngerer Mann und schien bereit, sich auf den Sünder zu stürzen, wer immer es gewesen sein mochte, der so unverfroren gewesen war, über seine Predigt zu lachen. Er starrte durchdringend in die Menge, sodass es einen Moment dauerte, ehe mir die milchig weiße Perle in einer seiner Augenhöhlen auffiel. Der Mann war auf einem Auge blind.

»Oh, lacht nur!«, röhrte er. »Aber das Echo eurer Schreie wird über Jahrhunderte hinweg ertönen, wenn der Herr kommt, um euch für eure Sünden zu bestrafen. Ihr müsst Buße tun, und ihr müsst den Tag des Herrn ehren, weil er es so verlangt!«

Ich nahm Martha am Arm und lotste sie behutsam durch die Menge nach Hause. Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass Martha oder ich dem Prediger unter all diesen Menschen aufgefallen waren, hatte ich das Gefühl, von ihm beobachtet zu werden, als wir uns davonstahlen.

»Euer Schwager wird sich über all die Predigten freuen, die uns die Rebellion beschert hat«, meinte Martha abfällig.

Ich hätte solche Gedanken zwar niemals geäußert, aber widersprechen konnte ich ihr nicht. Während im Süden der Krieg zwischen Königshaus und Parlament tobte, herrschte in York Frieden, seit die Armeen der Aufständischen die Stadt eingenommen und die königlichen Truppen mitsamt ihren politischen Verbündeten vertrieben hatten. Der Machtwechsel erwies sich für die Puritaner der Stadt, zu denen auch mein Schwager Edward zählte, als Segen. Statt ihren Puritanismus geheim zu halten – unter den Scheffel zu stellen, hätten sie wohl gesagt –, stand es den Gottesfürchtigen nun frei zu tun, was ihnen gefiel.

Edward und die anderen Ratsherren ersetzten die Priester des Königs durch Geistliche, die mehr als alles andere die Predigt von der Kanzel liebten und die Schönheit der heiligen Handlungen gering schätzten. In ihrem fanatischen Eifer entfernten sie in der Kathedrale die silbernen Kerzenleuchter und zerstörten die Gedenkstätte für Thomas Becket. Das Münster stand mit seinem Leid nicht allein da; die Puritaner hatten die bunten Bleiglasfenster aus der Kirche in der Coney Street entfernt und Befehl erteilt, in der Stadt sämtliche Kruzifixe – oder »Götzenbilder«, wie sie sie nannten – zu beseitigen. Es war mir gelungen, meine Pfarrkirche St. Helen vor derartigen Übergriffen zu beschützen, aber nicht alle hatten so viel Glück.

Aber die Bemühungen der Puritaner, die Stadt zu verwandeln, beschränkten sich nicht auf die Kirchen. Sie versuchten auch, die Kirchgänger zu reformieren und Sünden ebenso wie Sünder aus der Stadt zu verbannen. Was das betraf, waren meine Gefühle zwiespältig. Ich konnte nicht leugnen, dass ein Richter, der gegen Verbrecher vorging, Gottes Werk tat – wer außer dem Teufel würde Ehebruch und Sabbatschändung verteidigen? Und wenn eine Predigt auch nur eines von Yorks jungen Mädchen vor einer ungewollten Schwangerschaft bewahrte, war sie gut getan.

Aber ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass einige Puritaner ihre Reformation schneller und resoluter vorantreiben wollten, als ratsam schien. Ich hatte keinerlei Probleme mit jenen, die Unzüchtige oder Raufbolde bestraften, aber dass sie gegen manch harmlosen Zeitvertreib vorgingen – zum Beispiel, Bowls zu spielen, was mir sehr viel Spaß machte –, schien mehr Schaden anzurichten, als Gutes zu bewirken. Gott würde mich wegen meiner Freude an diesem Spiel oder wegen meiner seidenen Röcke, die einige der fanatischeren Geistlichen als Prunksucht bezeichneten, genauso wenig bestrafen wie die Goldschmiede dafür, dass sie der Stadt Geld liehen.

Als Martha und ich mein Haus betraten, kam uns Hannah entgegen. Hannah stand seit über zwanzig Jahren, seit meiner Jungmädchenzeit in Hereford, in meinen Diensten. Sie hatte miterlebt, wie ich zweimal zur Ehefrau und dann zur Witwe geworden war, und hatte mir bei den Geburten meiner zwei Kinder ebenso zur Seite gestanden wie bei ihren Beerdigungen. Ich hätte mir keine zuverlässigere, treuere Magd wünschen können. Aber Hannah wurde allmählich alt, deshalb war Marthas Ankunft mehr als willkommen gewesen, weil sie nicht nur Hannah im Haushalt, sondern auch mir in meinem Beruf als Hebamme helfen konnte. Hannah und Martha waren inzwischen gute Freundinnen geworden. Als ich hörte, wie die beiden in der Küche miteinander plauderten, während sie das Abendessen zubereiteten, wanderten meine Gedanken zu jenem Tag vor über einem Jahr zurück, als Martha vor meiner Tür gestanden hatte.

Obwohl York damals von den Truppen des Parlaments belagert wurde, hatte sie sich in die Stadt geschmuggelt und behauptet, sie wäre Dienstmädchen bei meiner Cousine in Hereford gewesen. Als sie einen Brief zückte, in dem ihr Ehrlichkeit und Fleiß bescheinigt wurden, nahm ich sie auf. Ich hätte natürlich misstrauisch werden sollen. Wie viele junge Mädchen würden es schaffen, zwei verschiedene Armeen zu umgehen und sich in eine befestigte Stadt einzuschleichen?

Kurz nach ihrer Ankunft kam die Wahrheit über Marthas Vergangenheit ans Licht. Sie stammte zwar tatsächlich aus Hereford, hatte aber nie für meine Cousine gearbeitet. Vielmehr war sie vor einem grausamen und lüsternen Dienstherrn geflohen, nur um in die Hände ihres Bruders zu fallen, der ein berüchtigter Einbrecher und Wegelagerer war. Sie kam nach York, um dem verbrecherischen Leben, zu dem er sie gezwungen hatte, zu entkommen, aber die Kenntnisse einer Einbrecherin und Taschendiebin brachte sie mit.

Es waren keine Fähigkeiten, die sie oft benötigte, die sich aber im vergangenen Jahr, als meine Freundin Esther Cooper zu Unrecht des Mordes an ihrem Ehemann angeklagt worden war, als äußerst nützlich erwiesen. Der Lord Mayor forderte Esthers Verurteilung, um allen zu zeigen, welches Schicksal diejenigen erwartete, die »gegen ihre naturgegebenen Herren und Meister aufbegehrten«, wie er es ausdrückte, und die Ratsherren, einschließlich meines Schwagers Edward, beugten sich seinem Wunsch und verurteilten meine Freundin zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Dieses Unrecht empörte mich dermaßen, dass Martha und ich alles daransetzten, den wahren Täter zu finden. Unsere Suche führte uns vom verrufensten und gefährlichsten Bordell Yorks in den Salon eines der mächtigsten Bürger der Stadt und hätte ohne Marthas »spezielle Fähigkeiten« leicht unser beider Tod sein können. Doch letzten Endes kam Esther frei, und Martha wurde meine Gehilfin.

Ich weiß nicht, ob Martha ihre Entscheidung, das Leben einer achtbaren Bürgerin zu führen, jemals bereut hatte, aber sie erwies sich als gelehrige Gehilfin, und ich wusste, dass sie irgendwann eine gute Hebamme sein würde. Am erstaunlichsten fand ich, wenn ich an das vergangene Jahr zurückdachte, wie schnell wir trotz des Unterschieds in unserem Rang, der nicht größer hätte sein können, Freundinnen geworden waren. Ich hätte eine solche Wandlung für ausgeschlossen gehalten, aber die Gefahren, denen wir uns auf unserer Jagd nach einem brutalen Mörder ausgesetzt sahen, und die Stunden, die wir damit verbracht hatten, über Entbindungen zu sprechen, hatten wie der Stein der Weisen gewirkt und aus Herrin und Dienstmagd Freundinnen gemacht.

Meine Überlegungen wurden unterbrochen, als jemand lautstark an meine Haustür klopfte.

»Hannah!«, rief eine Männerstimme. »Martha, Tante Bridget, macht auf!«

Ich erkannte die Stimme meines Neffen Will und eilte sofort zur Tür. Als ich ihm aufmachte, taumelte er ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu. Ohne ein Wort und kaum behindert durch den Stock, auf den er sich beim Gehen stützen musste, stürzte Will an mir vorbei in den Salon und spähte durch die Vorhänge auf die Straße.

»Will!«, rief ich. »Was in aller Welt machst du da?« Er antwortete nicht, starrte nur unverwandt aus dem Fenster. »Will!«

»Schon gut, Tante Bridget«, sagte er und schaute über die Schulter zu mir. Ich erkannte auf einen Blick, dass er sich wieder geprügelt hatte. Sein linkes Auge war fast zugeschwollen, und aus einer Schnittwunde an der Stirn lief Blut.

»Du lieber Himmel, was ist passiert, Will? Wer ist hinter dir her?«

Will lachte höhnisch, und ich konnte den Alkohol in seinem Atem riechen. »Frag lieber, wer nicht hinter mir her ist. Die Hurensöhne, die mich von hinten angegriffen haben, die Kirchenvorsteher, die Jagd auf Sabbatschänder machen, der Büttel, der herausfinden will, wer sich in der Schänke geprügelt hat … es könnte jeder von denen sein. Aber anscheinend haben sie die Spur verloren, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen.« Er wandte sich um und kam zu mir. »Hast du Wein im Haus? Ich habe noch lange nicht genug getrunken.«

2.

Du hast bei deinem letzten Besuch alles ausgetrunken, Will«, sagte ich. »Heute wirst du ohne Wein auskommen müssen.« Das entsprach nicht der Wahrheit; ich hatte ein paar Flaschen Wein in der Speisekammer versteckt, aber ich wollte den Inhalt nicht durch seine Kehle fließen sehen – nicht wenn er ohnehin schon betrunken war.

Will schien mir nicht zu glauben, denn er schaute sofort in der Speisekammer nach, doch als er nichts entdecken konnte, kehrte er in den Salon zurück, ließ sich aufs Sofa fallen und schloss die Augen. Ich ging in die Küche, um eine Schüssel Wasser und ein sauberes Tuch zu holen. Will ignorierte mich, als ich ihm das Blut vom Gesicht wischte und die Schnittwunde über seinem Auge reinigte.

Wills Rückfall zur Trinkerei kündete von einem beklagenswerten Wendepunkt in einem Jahr, das sehr gut begonnen hatte. In seiner Jugend war Will ein ziemlicher Raufbold gewesen. Im Grunde seines Herzens war er ein guter, freundlicher Bursche, aber die anderen Jungen in seinem Alter störten sich an seinem Klumpfuß und verspotteten ihn gnadenlos als Krüppel. Will brachte diese Spötter mit seinen Fäusten zum Schweigen, aber der Mensch, den er zu seinem unsagbaren Kummer nicht von seinem Wert überzeugen konnte, war sein Vater. Edward liebte Will innig, aber es war ihm nicht möglich, die körperliche Behinderung seines Sohnes zu übersehen. Er behandelte Will eher wie eine Tochter, die beschützt werden musste, statt wie einen Sohn, der dazu erzogen wurde, eines Tages Verantwortung zu übernehmen.

All das schien sich zu ändern, als der Bürgerkrieg ausbrach und Wills älterer Bruder Joseph die Stadt verließ, um in Cromwells Kavallerie zu dienen. In Josephs Abwesenheit führte Edward seinen jüngeren Sohn in die Welt der Politik und Stadtverwaltung ein, und er war tief beeindruckt, als Will Martha und mir bei der Aufklärung der Mordfälle vom vergangenen Jahr half. Jetzt endlich sah Edward in Will den Mann, zu dem er herangereift war, und nicht länger den Jungen, der er gewesen war. Man erzählte sich sogar, dass Edward Will zum Konstabler ernennen würde, wenn er sein fünfundzwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte; danach würden ihm alle Wege in die Politik oder ins Geschäftsleben offenstehen.

Aber wenn uns die Kriege eines gelehrt hatten, dann dass Fortuna eine launische Göttin ist. Wills Hoffnungen für die Zukunft brachen in sich zusammen, als Joseph als Verfechter der heiligen Sache nach York zurückkehrte. Kurz nach der Schlacht von Marston Moor wurden Joseph und einer seiner Sergeanten von einem Trupp Soldaten des Königs überrascht. Der Sergeant floh, aber ein Pistolenschuss erwischte Josephs Pferd, und er musste sich ganz allein seinen Angreifern stellen. Als Hilfe eintraf, stand Joseph im Blut des halben Dutzends Männer, die er getötet hatte. Eine der vielen Wunden, die er davongetragen hatte, entzündete sich. Die Ärzte sagten, er würde sterben. Edward wurde fast wahnsinnig vor Kummer, aber der Herr erhörte seine Gebete, und Joseph erholte sich und kehrte nach York zurück, wo er als Held gefeiert wurde.

Wenn auch weniger scharfsinnig als Will, genoss Joseph den zweifachen Vorzug eines gesunden, kräftigen Körpers und der vielen Auszeichnungen, die er im Dienst der Parlamentstruppen erworben hatte. Außerdem hatte der Krieg bei Joseph, anders als bei Will, eine große Veränderung bewirkt. Wegen seiner Nähe zu Cromwells Geistlichkeit – vielleicht auch aufgrund seines wundersamen Überlebens – kehrte Joseph mit einer neuen Leidenschaft für die Religion in seine Heimatstadt zurück. Wann immer er konnte, hörte er sich Predigten an, und er sprach oft davon, dass England es nötig habe, eine frommere Nation zu werden. Zu Edwards ungeheurer Befriedigung beteiligte Joseph sich aktiv an den Bemühungen, Yorks Sünder zu bekehren. Er meldete sich freiwillig für den Dienst als Wachtmeister und arbeitete unermüdlich, um die Huren, Trinker und Gotteslästerer der Stadt aufzuspüren und vor Gericht zu bringen. Will hingegen wurde zunehmend bitter, als sich abzeichnete, dass jede Hoffnung, seinem Vater in die Stadtverwaltung zu folgen, mit der Rückkehr seines Bruders erloschen war. Jetzt begleitete Joseph Edward zu den Sitzungen des Stadtrats, und wenn Edwards Geschäfte ihn aus der Stadt führten, übertrug er seine Pflichten auf Joseph.

Ich wusste, dass Edward Will nach wie vor liebte, und versuchte ihn zu überzeugen, dass er sich nicht von seinem jüngeren Sohn abwenden dürfe, aber leider mit geringem Erfolg. Edward beharrte darauf, dass er Will zwar liebte, Joseph für Regierungsgeschäfte aber besser geeignet sei. Als Will erkannte, dass er den Platz an der Seite seines Vaters verloren hatte, verfiel er wieder in die zügellosen Gewohnheiten seiner Jugend. Er wusste, dass sein Trinken und seine Raufhändel seinen Vater ebenso erzürnen wie beschämen würden, und widmete sich diesen Zerstreuungen mit derselben Inbrunst, die Joseph seinem Puritanismus entgegenbrachte. Wills Niedergang und die wachsende Entfremdung zwischen Vater und Sohn trafen mich gleichermaßen.

Noch während ich seine Wunden reinigte, erlag Will den Auswirkungen des Alkohols und fing leise zu schnarchen an. Ich schüttelte verzweifelt den Kopf und ging zu Abend essen.

Wir hatten unsere Mahlzeit eben beendet, als der Büttel kam, um Will zu holen. Zuerst klopfte er noch gebieterisch an die Haustür, aber das Geräusch verebbte schon bald zu einem zaghaften Pochen. Vielleicht hatte ihm gedämmert, vor wessen Haus er stand.

Martha ging öffnen, und ich konnte vom Esszimmer aus mühelos verstehen, was sich abspielte.

»Ich bin hier, um Will Hodgson zu holen«, verkündete eine Männerstimme. Da ich wusste, dass Martha mehr Sympathien für Will als Respekt für einen kleinen Beamten hatte, blieb ich einstweilen im Hintergrund.

»Kenne ich nicht«, antwortete Martha.

»Will Hodgson«, wiederholte der Büttel, als wäre damit alles geklärt.

»Ihr könnt den Namen nennen, sooft Ihr wollt, ich weiß trotzdem nicht, wen Ihr meint. Im Übrigen, wer seid Ihr eigentlich? Habt Ihr einen Haftbefehl? Falls ja, würde ich ihn gern sehen.« Marthas Unverfrorenheit gewann manchmal die Oberhand über sie, und ich beschloss einzugreifen, ehe der Büttel seine Vorgesetzten informierte oder auf die Idee kam, statt Will Martha festzunehmen.

Ich straffte die Schultern und rauschte in die Diele. Martha hörte mich kommen und trat beiseite. Sowie der Büttel mich sah, wich die Röte, die Marthas Unverschämtheit ihm in die Wangen getrieben hatte, aus seinem Gesicht. Er war gekommen, um einen jungen Raufbold abzuführen, und vielleicht bereit, es mit einem Dienstmädchen aufzunehmen, aber wohl kaum mit einer Dame von meinem Rang und Namen.

»Wie kommt Ihr dazu, an meine Haustür zu dreschen, guter Mann?«, fragte ich. »Was könnte Euch zu mir geführt haben?«

Der Büttel machte den Mund auf, aber es hatte ihm offensichtlich die Sprache verschlagen. Er sah aus, als hätte er soeben in ein Stück verdorbenes Hammelfleisch gebissen.

»Nun?«, fuhr ich ihn an. »Seid Ihr hier, um mich zu einer Entbindung zu bitten?«

»N-n-nein, Mylady«, stammelte er, dankbar, eine Frage beantworten zu können. »Ich suche Will Hodgson … Euren Neffen.«

»Ich weiß, wer mein Neffe ist, du Trampel, aber Mister Hodgson wohnt hier nicht. Ihr müsst ihn woanders suchen.«

»Mylady, man hat ihn in diese Richtung gehen sehen. Der Wachtmeister will ihn sehen. Es geht um einen Überfall.«

»Ich werde es meinem Neffen ausrichten, wenn ich ihn sehe«, sagte ich. »Bis dahin solltet Ihr mich in Ruhe lassen. Anderenfalls werde ich den Wachtmeister auffordern, ein Wörtchen mit Euch zu reden.« Das war natürlich eine leere Drohung, die aber wirken würde, so hoffte ich zumindest. Der Büttel spähte über meine Schulter, um einen Blick auf seine Beute zu erhaschen; dann murmelte er eine Entschuldigung und machte sich in Richtung Stonegate davon.

Ich verriegelte die Tür und eilte in den Salon. Der Lärm hatte Will geweckt. Er saß auf dem Sofa und starrte mich benommen an. »Danke, Tante.«

»Wage es nicht, mir zu danken«, zischte ich. »Das habe ich nicht dir zuliebe getan, und wenn du noch ein Wort sagst, schleppe ich dich höchstpersönlich zum Wachtmeister!« Er klappte den Mund zu. »Ich genieße in dieser Stadt einen guten Ruf«, fuhr ich fort, »und den lasse ich mir nicht von dir und deinen Torheiten ruinieren. Die Wachtmeister und Büttel verlassen sich auf mich, und ich verlasse mich auf sie. Ich werde diese guten Beziehungen nicht wegen deiner Ausschweifungen aufs Spiel setzen. Wenn du noch einmal in dieser Verfassung hierherkommst, wirst du meine Tür verschlossen finden. Und falls du dir einbildest, du könntest Hannah oder Martha um den Finger wickeln – bitte, du kannst es gern versuchen, aber sie finden dein Benehmen genauso abstoßend wie ich.«

Bei diesen Worten machte Will ein betretenes Gesicht. Hannah, Martha und ich waren die einzigen Menschen in York, die ihn vorbehaltlos liebten und wegen seiner Behinderung nicht schlechter über ihn dachten. Wenn er uns verlor, würde ihm niemand mehr bleiben.

»Tante Bridget …«, begann er.

»Ich bin noch nicht fertig. Was bezweckst du eigentlich mit solchen Dummheiten? Glaubst du, indem du dich betrinkst und prügelst, kannst du deinen Vater davon überzeugen, dass er einen Fehler gemacht hat? Glaubst du, er wird dich willkommen heißen wie den verlorenen Sohn? Kennst du deinen Vater so schlecht? Man kann einiges von ihm behaupten, aber ganz sicher nicht, dass er Schwäche toleriert.«

Will machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber ich beachtete ihn nicht.

»Ja, dein Vater hat sich von dir abgewandt und deinem Bruder zugewandt. So etwas liegt in der Natur der Vaterschaft. Hast du vergessen, dass mein Vater mich nach Norden geschickt hat, damit ich deinen Onkel Phineas heirate? Und dass er mich dadurch zur unglücklichsten Frau in England gemacht hat? Väter haben ihre eigenen Gründe, warum sie Entscheidungen – auch die falschen – treffen. Dein Los ist das des jüngeren Sohnes, und daran wird sich nichts ändern. Die Frage ist nur, wie du mit dieser Herausforderung umgehst.«

Will senkte beschämt den Kopf. Er wirkte zerknirscht, aber wie oft hatte ich diese Predigt schon gehalten, und wie oft hatte er reumütig zugestimmt und dem Trinken und Raufen abgeschworen, nur um gleich darauf ins Wirtshaus zurückzukehren. Welche Dämonen es auch waren, die Will in den Klauen hielten, sie würden sich nicht durch ein paar harsche Worte von mir vertreiben lassen.

Will entschuldigte sich – wie üblich – und gelobte – wieder einmal – Besserung. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Büttel nicht vor meiner Haustür lauerte, ging er seiner Wege.

Hannah und Martha kamen zu mir in den Salon. Gemeinsam beobachteten wir, wie Will die Straße hinunterging.

»Was machen wir bloß mit ihm?«, fragte Hannah. Sie kannte Will, seit er ein kleiner Junge gewesen war, und wir beide hatten nach dem Tod seiner Mutter geholfen, ihn großzuziehen, und waren uns jetzt in unserer Liebe zu Will ebenso einig wie in unserem Kummer über seinen Abstieg.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich. »Wenn er sich nicht von selbst bessert, wird vielleicht die Stadt es für ihn tun. Ich wünsche mir nicht, ihn im Schandstock zu sehen, aber wenn er so weitermacht, sehe ich kein anderes Geschick für ihn voraus.«

»Der Sohn eines Gentleman wegen Trinken und Raufen im Schandstock?«, fragte Hannah. »Unmöglich!«

Offenbar empörten sich selbst Mägde über den Umsturz der alten Werte, den wir den Puritanern verdankten.

»Es ist die neue Welt, die von den Frommen im Lande erschaffen wurde«, erwiderte ich. »Diejenigen, die früher einmal ganz unten waren, sind jetzt oben. Edward wird seinen Sohn noch im Gefängnis sehen.«

»Er wird sich bessern«, sagte Martha. »Das muss er.«

Ich glaubte eine Spur Verzweiflung in ihrer Stimme zu hören. Seit Martha in York lebte, waren Will und sie gute Freunde geworden, und sie half Hannah und mir bei unseren Bemühungen, Will auf den Pfad der Tugend zurückzuholen. Wäre er nicht aus einer so reichen Familie und sie nicht mehr als ein Dienstmädchen gewesen, hätten sie ein feines Paar abgegeben.

Als der Abend anbrach, zog ich mich in mein Schlafgemach zurück. Eigentlich hatte ich vorgehabt, Briefe an meine Familie im fernen Hereford zu schreiben, aber die unerträgliche Hitze machte es mir unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. In der Hoffnung, eine kühle Abendbrise würde Abhilfe schaffen, öffnete ich das Fenster, musste aber feststellen, dass es genauso drückend war wie den ganzen vergangenen Monat. Da Schreiben nicht infrage kam, beschloss ich, in der Heiligen Schrift zu lesen und zu beten. Während ich nach meiner Bibel suchte, fiel mein Blick auf das Bild meiner Tochter, das neben meinem Bett stand.

Meine Gedanken wandten sich von Gott ab und meinen dahingegangenen Ehemännern Luke und Phineas und meinen verstorbenen Kindern Birdy und Michael zu. Ich betrachtete den Ring, den ich an der rechten Hand trug. Er war aus reinstem Gold und auf der einen Seite mit meinem Wappen, auf der anderen mit dem von Luke verziert. Er hatte ihn mir zu unserer Hochzeit geschenkt und gesagt, dass unsere Kinder einem zweifach starken Stamm entspringen würden. Aber er starb, noch bevor wir ein Kind bekamen. Dann kam Phineas, ein Mann, der Luke in jeder Hinsicht unterlegen war. Aber bei all meiner Verachtung für ihn konnte ich nicht leugnen, dass er mir zwei wundervolle Kinder schenkte, einen Jungen, der den Namen Michael erhielt, und ein Mädchen, das wir Bridget taufen ließen, aber stets Birdy nannten, weil sie ständig wie ein kleiner Vogel umherhüpfte.

Birdy war als Erste gekommen und hatte mir Hoffnung für die Zukunft gegeben. Ich brachte ihr Lesen und auch ein wenig Schreiben bei und träumte davon, sie eines Tages in die Kenntnisse und Mysterien der Geburtshilfe einzuweihen. Dann kam Michael, der männliche Erbe, den wir alle sehnlichst erwartet hatten. Aber der Herr hatte anderes im Sinn, und in dem furchtbaren Jahr 1642 beraubte er mich meiner gesamten Familie. Er nahm Michael kurz nach seiner Geburt zu sich, dann Phineas und schließlich Birdy.

Obwohl ich wusste, dass der Wille des Herrn unerforschlich ist, wunderte ich mich über das Erbarmen, das Er einigen der schlimmsten Sünder der Stadt bewies und über die Brutalität, mit der er meine kleine Familie ausgerottet hatte. Rasch verdrängte ich diese lästerlichen Gedanken und suchte Zuflucht im Gebet. Ich betete für Will und bat Gott, Erbarmen mit York und seiner leidenden Bevölkerung zu haben. Aber Er beachtete meine Gebete für York nicht, und in den Wochen darauf strafte Er unsere Stadt mit Übeln, die weit schlimmer waren als die Sommerhitze und viele Menschen zu der Frage verleiteten, ob die Hölle selbst auf die Erde gekommen sei.

*

Am Nachmittag darauf wies ich Martha an, meine medizinischen Aufzeichnungen zu studieren und zu versuchen, selbst Arzneien herzustellen. Um meine Kräuter vor der furchtbaren Hitze zu schützen, hatten wir eine Plane über meinem kleinen Garten aufgespannt, aber meine Pflanzen begannen trotzdem zu welken. Es war besser, wenn Martha meine Kräuter verarbeitete, statt sie verdorren zu lassen. Während sie damit beschäftigt war, überquerten Hannah und ich die Ouse nach Micklegate Ward, wo mein wöchentliches Abendessen mit meinem Schwager Edward stattfand.

Ich lernte Edward kennen, als ich nach York kam, um seinen Bruder Phineas zu heiraten. Während ich aus altem Landadel stammte, waren die Hodgsons, die ihr Vermögen durch den Handel mit Wolle und Tuch erworben hatten, erst vor Kurzem zu Wohlstand gelangt. Phineas’ und Edwards Vater hatte das Amt des Lord Mayors innegehabt und gehofft, seine Söhne würden denselben Weg beschreiten, aber auch hierin, wie in so vielen anderen Dingen, enttäuschte Phineas ihn, da er in Fragen der Stadtverwaltung ebenso wenig Talent zeigte wie als Geschäftsmann und Ehemann.

Die Mahlzeiten mit Edward waren ein Ritual, das auf die Zeit meiner Ehe mit Phineas zurückging. Doch kurz darauf starb Phineas, und Joseph zog in den Krieg. Will nahm den Platz seines Bruders ein, und Edward und ich ignorierten den unleugbaren Umstand, dass der Tod ein unsichtbarer Gast an dieser Tafel war. Als Gott unsere Gebete für eine sichere Heimkehr Josephs erhörte und er an unseren Mahlzeiten teilnahm, waren wir wieder zu viert, zumindest, bis Will es mit dem Trinken und Prügeln so arg trieb, dass Edward ihn von diesem Beisammensein ausschloss.

Als Hannah und ich bei Edward eintrafen, zog sie sich zu den anderen Dienstboten in die Küche zurück, und Edwards Hausdiener führte mich in die elegante, reichlich mit Büchern ausgestattete Bibliothek, wo Edward seinen Geschäften nachging. Er war nicht ganz so groß wie ich, hatte aber kaum etwas von der Kraft verloren, die in seiner Jugend so bezeichnend für ihn gewesen war, als er sich – so wie Will – durch Streitlustigkeit ausgezeichnet hatte. Vielleicht lag den Hodgsons dieses Verhalten im Blut. Im letzten Jahr war das Grau in seinem Bart mehr geworden, denn als Ratsherr trug er einen Großteil der Verantwortung für die Sicherheit und Versorgung der Stadt. Ich machte mir manchmal Sorgen, diese Arbeit könnte ihm zu viel werden.

Als ich eintrat, umarmte er mich liebevoll, bevor er eine Flasche Wein bringen ließ und wir uns setzten, um über die Angelegenheiten der Stadt zu sprechen. Dabei handelte es sich keineswegs um müßiges Geplauder, denn Edward und ich arbeiteten zusammen, wenn Bürgerinnen von York mit dem Gesetz in Berührung kamen. In Fällen von Hexerei oder Vergewaltigung untersuchten Hebammen die Frauen nach Hinweisen auf ein Verbrechen – wie konnten städtische Beamte hoffen, ohne die Hilfe der Hebammen ledige Mütter aufzuspüren und zu bestrafen? Ich empfand keine Genugtuung, wenn junge Mütter ausgepeitscht wurden, aber die Stadt strafte nicht nur, sondern verpflichtete Männer, die uneheliche Kinder gezeugt hatten, für deren Unterhalt zu sorgen. Ich betrachtete das Auspeitschen als eine Art zweite Geburtswehen für die Mutter, die dafür sorgten, dass dem Kind ein Leben in ständigem Hunger erspart blieb. Da Edward weniger barmherzig war, als ich mir gewünscht hätte, setzte ich ihm zu, wann immer ich konnte, und manchmal gab er nach.

Während wir unseren Wein tranken, unterhielten wir uns außerdem über den Krieg, das Wetter und erfreulichere Neuigkeiten aus der Stadt, kurz, über jedes Thema, das uns einfiel, außer über Wills beklagenswerte Verfassung. Ich wagte nicht einmal zu fragen, ob Will in der vergangenen Nacht nach Hause gekommen war.

Gerade als der Diener verkündete, das Essen sei angerichtet, hörte ich jemanden ins Haus kommen. In der Hoffnung, es wäre Will, wandte ich mich um, stattdessen betrat Joseph das Zimmer. Er war größer als sein Bruder und strahlte eine Kraft aus, die über seine Statur hinausging. Ob er sich seine Autorität in seiner Zeit an Cromwells Seite zugelegt oder sie von seinem Vater übernommen hatte, wusste ich nicht, aber es war nicht zu übersehen, dass Joseph gut darauf vorbereitet war, zusammen mit Edward die Geschicke der Stadt zu lenken. Ich betrachtete sein Gesicht und rief mir seine blutigen Taten im Krieg in Erinnerung. Seine helle Haut und der warme Ausdruck in seinen Augen schienen die Tatsache, dass er mit eigener Hand sechs Männer abgeschlachtet hatte, Lügen zu strafen.

Edward, Joseph und ich hatten eben erst mit der Mahlzeit angefangen, als ein Besucher für Edward kam. Der entschuldigte sich und ließ Joseph und mich allein. Wir beide wahrten ein paar Minuten befangenes Schweigen, das nur vom Klirren unserer Messer und Gabeln unterbrochen wurde. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus.

»Wie läuft es mit der Verwaltung der Stadt, Joseph?«

Er sah mich einen Moment an, als würde er gut über die Frage nachdenken, ehe er antwortete: »Es ist ein Leben ständiger Mühe für jene, die im Weingarten des Herrn arbeiten. Ich tue in Seinem Namen, was ich kann.«

»Wie ich höre, hast du schon viele Huren der Stadt ins Gefängnis bringen lassen.«

»Nicht nur sie«, gab er zurück. »Soweit es uns möglich ist, lassen wir die Freier auspeitschen, die zu ihnen gehen, und ich habe auch Säufer festnehmen lassen. Das Wort Gottes wird in manchen Menschen die Furcht vor dem Herrn wecken. Aber das Gesetz muss auch jene läutern, die zu festgefahren in ihrem sündigen Treiben sind, um von Predigten erreicht zu werden. Wenn wir aus York eine Stadt auf dem Hügel machen wollen, müssen Geistliche und Richter zusammenarbeiten.«

Obwohl ich gewisse Vorbehalte gegen die Bemühungen der Puritaner hatte, die Stadt zu reformieren, fand ich Josephs Hingabe beinahe rührend.

»Du bist also der Hüter deines Bruders?«, fragte ich mit leichtem Lächeln.

»Machst du dich über mich lustig, Tante Bridget?« Meine Worte schienen ihn tatsächlich verletzt zu haben.

»Nein, nein, keineswegs«, wehrte ich ab. »Vielleicht habe ich zu viel Zeit mit den Sündern der Stadt verbracht, als dass ich noch die Hoffnung habe, York könnte sich je ändern.«

»Aber der Herr verlangt es«, beharrte Joseph, und wieder war ich unwillkürlich von seinem Ernst beeindruckt. »›Bläst man auch die Posaune in einer Stadt, da sich das Volk nicht davor entsetze?‹ Der Herr hat uns in seiner unermesslichen Güte diesen furchtbaren Sommer gesandt. Er fordert die Reformierung der Stadt. Wenn die Menschen das einsehen könnten, würden sie von ihrem sündigen Treiben ablassen und sich Ihm zuwenden.«

»Und das ist deine Aufgabe? Die ganze Stadt zu reformieren?«

Joseph nickte. »Gott hat das Wohlergehen der Stadt in unsere Hände gelegt. Wenn wir nicht Sein Werk erfüllen, wird Sein Zorn die ganze Stadt treffen, nicht nur ihre Sünder.«

So gesehen konnte ich kaum widersprechen. Ebenso wenig konnte ich bestreiten, dass es Aufgabe der Richter war, Sünden zu unterdrücken. Aber ich kannte zu viele Richter, die selbst ein ausschweifendes Leben führten, um glauben zu können, Josephs »Reformierung« würde mehr bewirken, als die Armen zu bestrafen, während die Reichen weiter ihren Lastern frönten. Ich wollte etwas erwidern, aber Edward kam zurück, und Joseph wandte seine Aufmerksamkeit seinem Vater zu.

»Ging es um eine städtische Angelegenheit?«, fragte Joseph, dem offenbar sehr daran gelegen war, in alles eingeweiht zu werden.

»Gewissermaßen«, antwortete Edward. »Das war Henry Johnson.« Henry Johnson gehörte der Angel, Yorks ältestes Gasthaus, das auch ich kannte. »Henry ist wütend, weil Hezekiah Ward den ganzen Nachmittag vor seiner Tür gepredigt hat. Er sagt, Ward habe ein Dutzend Gäste verscheucht, indem er verkündete, sie wären verdammt, wenn sie sich nicht besserten. Als Henry Mr. Ward gebeten hat, woanders hinzugehen, bezeichnete der ihn als Knecht der Hure Babylon.«

»Was hast du nun vor?«, fragte ich.

»Es sind beides gute Männer«, antwortete er gemessen. »Ich kann von Mr. Ward nicht verlangen, mit dem Predigen aufzuhören, aber Henry ist kein schlimmer Sünder. Ich werde Mr. Ward bitten, ihn in Zukunft nicht mehr zu belästigen. Diese Stadt ist groß genug, um andere Plätze zum Predigen zu finden.«

»Wer ist dieser Ward?«, wollte ich wissen. »Ist er neu in der Stadt?«

Joseph nickte. »Er ist eben erst aus Manchester zu uns gekommen. Ein Priester mit einem Feuer und einer Inbrunst, wie ich sie kaum je erlebt habe. Nachdem ich eine seiner Predigten gehört hatte, habe ich ihm geholfen, vom Münster die Erlaubnis zu bekommen, überall in der Stadt zu predigen.«

»Und du hast zugestimmt?«, fragte ich Edward.

»Wenn er die Stadt Gott näher bringen kann, ist es zum Wohl aller«, erwiderte er.

Joseph lächelte erfreut.

»Hast du ihn in die Stadt eingeladen?«, fragte ich. Edward hatte schon früher puritanische Geistliche gebeten, nach York zu kommen, aber es waren im Allgemeinen gemäßigte Männer gewesen.

Edward schüttelte den Kopf. »Er scheint aus eigenem Antrieb gekommen zu sein, und dafür danke ich Gott. Er hat manchen Christen zur Besinnung gebracht, und ich kann nur hoffen, dass er sein Werk hier fortführt. Er ist ein wortgewaltiger Mann.«

In diesem Moment wurde mir klar, dass ich Hezekiah Ward möglicherweise schon kannte. »Sag, Edward, wie sieht Mr. Ward aus?«

»Oh, du wirst ihn erkennen, wenn du ihn siehst«, versicherte Edward mir. »Er ist derjenige, der mit donnernder Stimme über Verdammnis und Erlösung spricht. Und er ist auf einem Auge blind, der arme Mann.«

3.

Als Hannah und ich auf dem Heimweg die Brücke über die Ouse überquerten, hörte ich vor uns eine vertraute Stimme den Zorn Gottes und ewige Verdammnis heraufbeschwören. Ich konnte Hezekiah Ward schon von Weitem sehen; offenbar stand er auf einem Podest. Inmitten der Menge, die seiner Predigt lauschte, den Leuten, die über die Brücke gehen wollten und anderen, die in den Läden auf der Brücke Einkäufe machten, wurden Hannah und ich unfreiwillig Teil von Wards Publikum.

»Fürwahr, der Herrgott hält in jenen gnadenlosen und immerwährenden Flammen aus Feuer und Schwefel ewige Qualen für Körper wie Seele bereit«, dröhnte er. »Das ist das Urteil Gottes für die zweifache Sünde der Unreinheit und Verderbtheit von Huren und ihren Freiern!«

Als Hannah und ich uns einen Weg durch das Gedränge bahnten, fiel mir auf, dass Ward genauso gekleidet war wie am Tag zuvor; die sengende Hitze schien ihm trotz seines schweren schwarzen Mantels nichts auszumachen.

»Hier in dieser Stadt sind einige, nein, viele, die den viehischen Sünden der Hurerei und Fleischeslust frönen! Sie sollten diese Warnung beachten! Der Herr gibt bittere Sauce zu gestohlenem Fleisch und kennt keine Gnade bei der Verfolgung und Bestrafung von Unzucht!«

Die Menge hinter uns wogte plötzlich nach vorn, und ich fand mich von Hannah getrennt und in nächster Nähe des Predigers wieder. Ich wandte mich um, wollte nach Hannah Ausschau halten, aber jemand rempelte mich an und stieß mich um. Als ich mich aufrappelte, wurde mir bewusst, dass die Männer und Frauen ringsum zu gebannt waren von Wards Predigt, um zu bemerken, dass ich mitten unter ihnen zu Boden gestoßen worden war.

»Welch tragisches Massaker folgte der Entjungferung Dinas durch Sichem, den Sohn des Hamor! Welch schlimme Zeit, welch schwarzer Tag in der Gemeinschaft Israels es doch war, als Simri und Kosbi zugrunde gingen und vierundzwanzigtausend Israeliten von der Hand Gottes hinweggefegt wurden!«

Die Männer und Frauen, die am nächsten bei Ward standen, brachen vor Entsetzen in Tränen aus, starrten ihn aber unverwandt an. Als mein Blick über die Menge glitt, entdeckte ich zu meiner Bestürzung ein vertrautes Pärchen neben Ward: Rebecca Hooke und ihren Sohn James. Rebecca beobachtete die Menge mit einem so zufriedenen Gesichtsausdruck, als wäre die Predigt von ihr. James starrte den Prediger an, spähte aber alle paar Sekunden verstohlen zu einer schwarzhaarigen Schönheit, die neben ihm stand. Beide, Prediger wie Mädchen, schienen ihn gleichermaßen zu faszinieren.

Vor noch gar nicht langer Zeit wäre die Anwesenheit der Hookes bei einer Straßenpredigt mitten in der Woche gelinde gesagt unwahrscheinlich gewesen. Als York von den Royalisten regiert wurde, war Rebecca durch und durch königstreu und eine glühende Anhängerin der anglikanischen Hochkirche mitsamt all ihrem Pomp und Prunk gewesen. Jetzt hingegen kleidete sie sich in die tristen Farben der Puritaner und demonstrierte ihre Frömmigkeit, indem sie sich an vorderster Front für die Entfernung der Buntglasfenster ihrer Pfarrkirche St. Michael stark machte. Was ihre neuen Freunde nicht wussten – und ich nicht beweisen konnte – war, dass Rebecca eine kaltblütige Mörderin war. Sie hatte es mir gegenüber praktisch zugegeben, aber ich hatte nicht genug Beweise finden können, um sie vor Gericht zu bringen. Dass ich versagt hatte und sie dem Tod durch Hängen entgangen war, machte mir immer noch zu schaffen.

In den Monaten nach jenem Mord war auch Rebeccas Ehemann gestorben. Wäre er nicht vor den Augen seiner Nachbarn von seinem Pferd zu Tode getrampelt worden, hätte ich Rebecca vielleicht auch dieses Verbrechens verdächtigt, denn er war zu nichts nutze, und sie machte kein Geheimnis aus ihrer Verachtung für ihn. Rebecca hatte ihre Trauerkleider noch nicht abgelegt, als sie auch schon anfing, ihrem beschränkten Sohn James einen Posten in der Stadtverwaltung zu verschaffen. Mit Schmeichelei, Erpressung und Bestechung war es ihr gelungen, dass James einen Sitz im Gemeinderat bekam; jetzt füllte sie bereits ihre Taschen mit Geldern der Stadt. Diese Korruption war kein Geheimnis, aber niemand hatte den Mut, einer so bösartigen Frau die Stirn zu bieten.

James’ Anwesenheit an Wards Seite war weniger rätselhaft oder zumindest weniger heuchlerisch. James war von frühester Jugend an schwach und einfältig und dem Trinken nicht abgeneigt gewesen, doch Schlimmeres ließ sich über ihn nicht sagen. Aber er war an dem Verbrechen beteiligt gewesen, das seine Mutter begangen hatte, und wenngleich Rebecca die Hauptschuld trug, war es James, dem die Tat schwer auf der Seele lastete. Tief erschüttert ob der Rolle, die er gespielt hatte, ging mit James eine religiöse Wandlung vor sich, die der des Apostel Paulus kaum nachstand. Wo immer er sie finden konnte, ging er zu den frömmsten und gottesfürchtigsten Priestern und durchkämmte auf der Suche nach einer aufwühlenden Predigt die ganze Stadt, sogar die Vororte und die nähere Umgebung Yorks. Ich konnte nicht umhin zu hoffen, dass er fand, was der Herr ihm an Trost zu schenken bereit war.

»Wie lange wird Gott dulden, dass York sich in dieser Sünde suhlt, ehe Er sein schreckliches Urteil über die ganze Stadt spricht?«, fuhr Ward fort.

»Nicht lange!«, brüllte die Menge.

»Wenn der Herr die Israeliten niederstreckte, Sein auserwähltes Volk, warum sollte Er York verschonen?«

»Ja! Ja! Warum?«, schrie die Menge.

»Ist dieser furchtbare Sommer nicht ein Vorzeichen für das, was kommen wird? Warnt der Herr uns damit vor den Feuern der Hölle?«

»Ja, ja!«

Rebeccas Anwesenheit und die Tatsache, dass sie dicht neben Ward stand, weckten in mir den Verdacht, sie könnte ihn nach York geholt haben. Ich wusste, dass sie längst den Vorteil erkannt hatte, gemeinsame Sache mit den Puritanern zu machen; es würde ihr also ähnlich sehen. Es hätte mich interessiert, was sie im Schilde führte. Edward war der ehrlichen Überzeugung, dass ein Prediger wie Ward Gutes bewirken könnte, aber Rebecca hatte sich noch nie für das Wohl der Stadt interessiert. Alles, was sie tat, zielte entweder darauf ab, ihre Stellung zu verbessern oder einen ihrer Feinde zu vernichten, und wenn sie Ward zu ihrer Kreatur gemacht hatte, steckte bestimmt eine böse Absicht dahinter.

Ich versuchte gerade, mich durch die Menge zu kämpfen und Hannah zu suchen, als ich hörte, wie Ward »Amen! Amen!« rief und seine Zuhörer einstimmten. Zu meiner Erleichterung zerstreute die Menge sich rasch, und ich entdeckte Hannah auf der Nordseite der Brücke. Ward, zu dem sich zwei Frauen und zwei Männer gesellt hatten, stand zwischen uns. Einen der Männer hielt ich für Wards Sohn; er war ähnlich gekleidet, hielt die gleiche Bibel wie Ward in der Hand und hatte nahezu dieselben Gesichtszüge. Der zweite Mann war eine ganz andere Erscheinung. Er überragte fast alle in seiner Nähe um Haupteslänge, und seine Schultern waren doppelt so breit wie die eines normalen Mannes. Mit weit geöffneten Augen starrte er über die Menge hinweg, die Lippen zu einem höhnischen Grinsen verzogen. Alle, die die Brücke überquerten, machten einen großen Bogen um ihn.

Bei den beiden Frauen schien es sich um Wards Gemahlin und seine Tochter zu handeln, denn die Ältere nahm seine Hände, als sie bei ihm war, und umarmte ihn innig. Sie war fast so groß wie Ward selbst, kräftig gebaut und mit einem beachtlichen Busen, den sie wie einen Rammbock einsetzte, um sich freie Bahn zu verschaffen. Die jüngere Frau war jene dunkelhaarige Schönheit, die James so wohlgefällig betrachtet hatte; wie ihre Mutter war sie groß und kräftig. James trat an ihre Seite und betrachtete ihr Gesicht genauso verzückt, wie er zuvor ihren Vater bei der Predigt angestarrt hatte. Sie begrüßte ihn mit einem Lächeln. James lief so rot an, dass ich befürchtete, er würde in Ohnmacht fallen. Das eröffnete völlig neue Perspektiven – wusste Rebecca, wie fasziniert ihr Sohn von dem Mädchen war? Oder war es Teil ihres Plans?

Ich drehte mich um, bevor James mich sah – obwohl er nur Augen für das Mädchen hatte –, und eilte zu Hannah.

Zuhause wartete eine Nachricht von Martha auf uns:

Bei Prudence Hewley im Kirchspiel St. William haben die Wehen eingesetzt, aber ihre Magd meint, dass es noch eine Weile dauert. Ich gehe mit Eurer Medizin und dem Geburtshocker zu ihr und sage den Klatschbasen, dass sie Euch heute Abend erwarten können.

»Braves Mädchen«, sagte ich und stieg die Treppe hinauf, um mich für die Arbeit, die vor mir lag, entsprechend zu kleiden.

*

Eli Hewley öffnete die Tür, als ich anklopfte. Ich betrat das kleine Gemach, das gleichzeitig als Salon und zweites Schlafzimmer diente. Eine Handvoll Männer saß herum und warteten auf die Ankunft des Kindes; alle schienen bester Stimmung zu sein. Eli war Handschuhmacher und schlug sich wacker; trotzdem bewohnte seine Familie immer noch dieselben zwei Zimmer wie vor achtzehn Monaten, als ich Prudence von einem kleinen Mädchen entbunden hatte. Das Kind lag jetzt schlummernd in Elis Armen.

»Eure Gehilfin sagt, dass alles zügig vorangeht«, raunte er mir zu. »Sie scheint ihr Handwerk zu verstehen.«

»Sie wird einmal eine hervorragende Hebamme«, sagte ich. »Prudence ist in guten Händen.« Ich duckte mich durch einen niedrigen Türdurchgang und trat an Prudences Wochenbett. Die Größe des Gemachs erlaubte nicht mehr als einer Handvoll Klatschbasen, ihrer Freundin bei der Geburt beizustehen. Sie saßen auf dem Bett oder standen herum und unterhielten sich leise. Prudence ging, einen Arm um Marthas Schultern gelegt, im Zimmer auf und ab.

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