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Die Halbwahrheitsgeschichte über den Hund des Botschafters

Daria Reiter

Die Halbwahrheitsgeschichte über den Hund des Botschafters

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Ein ernsthaft-erheiternder Roman,
basierend auf einer wahren Geschichte.

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Über die Autorin

Daria Reiter

(Pseudonym)

Die Autorin befasste sich berufsbedingt in der Psychiatrie mit den unterschiedlichsten Formen der Psychotherapie und war selbst doch immer auf der Suche nach der einen, ultimativen Heilmethode. Sie kam zu der Ansicht, dass die klinische Behandlung vielen, von der Gesellschaft und der klassischen Schulmedizin als „psychisch krank“ bezeichneten Menschen nicht helfen kann, ja ihnen sogar eher schadet. Die intensive Auseinandersetzung mit der „Neuen Energie“ bewirkte ihren Ausstieg aus dem alten Beruf. Sie beschäftigte sich fortan mit Spiritualität und energetischen Heilmethoden für jedermann – und fand darin viel befriedigendere Antworten. Schreiben war schon immer ihre besondere Passion. Sie lebt mit ihrem Hund auf der Kanarischen Insel La Palma.

Inhalt

Vorspann

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

In diesem Buch kommen vor

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Vorspann

Marilena lehnte sich zurück, der wunderbare Autositz gab feinen Duft nach Ledergerbemittel ab. Brandneu war das ganze Gefährt,

dessen Motorenklang eine ungeheure Potenz erahnen ließ. Trotzdem schienen sie fast lautlos durch die Nacht zu fliegen. Metallisiert silbrig strahlend und mit flimmernden Felgen. Auf dem Rücksitz lag, unter einer ebenfalls neuen Decke, der Koffer voller Geld. Es war so viel, dass sie es gar nicht hatte zu Ende zählen können.

Kleine, blaue Orientierungslichter zogen perspektivische Leitlinien bis zu den dunklen Berg-Silhouetten am Horizont der kahlen Gegend, durch welche sie auf einer leeren Autobahn fuhren. Links in weiter Ferne ließ eine Ansammlung von Lichtersmog eine Stadt vermuten. In absehbarer Zeit

würden sie im Hafen sein, wo die Fähre wartete.

„Inmunidad“, Befreiung, Unverletzlichkeit, taufte Marilena in Gedanken die neue Klinik, ihr „Heilshaus“ und stellte sich vor, wie ein großes Schild mit diesem Namen über dem Steinbogen der Einfahrt in das verwaiste Dorf auf der Insel angebracht wurde. Endlich würde sich ihr Traum realisieren lassen, immer mehr freie Menschen würden dort wohnen.

Sie vermisste jetzt nur ihre Hunde, aber die würden auch bald wieder bei ihr sein. Lächelnd schaute sie zu Eutimio, der mit verklärtem Gesicht am Steuer saß. Noch nie hatte er ein solches Auto fahren dürfen! Liebevoll umfassten seine Hände das stattliche Lenkrad. Er genoss es sichtlich, das perfekt reagierende Gefährt zu steuern.

Wie und wann hatte das alles eigentlich begonnen?

Eutimio tippte auf geheimnisvolle Knöpfe – aus den eingebauten Boxen ertönte langsam lauter werdende Musik, in klarstem Ton.

Träumte sie? Nein! Sie öffnete die Augen. Ein leichter Regen schien auf die Windschutzscheibe aufzutreffen, der sogleich von Scheibenwischern entfernt wurde. Es regnete nicht, Eutimio hatte auf weitere Knöpfe gedrückt. Marilena sah jetzt durch die klare Scheibe die Sterne, die funkelnd und plastisch im Himmel hingen. Sie griff an der Seite des Sitzes hinunter und stellte die Sitzlehne zurück. Jetzt konnte sie sich entspannen.

Es hatte vielleicht an jenem Abend begonnen, als es so richtig regnete …

1. Kapitel

Es geschah aber zu der Zeit, als Obama Statthalter in den vereinigten Staaten von Amerika war.

Wenn es nach mir ginge, sollte man das Wetter per Knopfdruck ändern können, dachte Marilena und stampfte auf das Eisengitter vor der Haustür eines alten, schmucklosen, vierstöckigen Wohnhauses, um ihre Schuhe von ein paar Erdklumpen zu befreien. Sie hatte ihren Lieferwagen auf eine Wiese hinter das Haus gestellt und war beim Aussteigen auch noch in eine Pfütze getreten. Das Gitter schepperte, doch das ging im Geräusch des starken Regens unter, der auf ein Blechdach prasselte. Die Dämmerung war schon fortgeschritten.

„Buh!“ schimpfte sie, strich den lehmigen Dreck an dem speziell dafür in der Hauswand eingelassenen Eisen ab und schüttelte den Kopf. Viel halblanges, braunes, heute eher gekraustes Haar und Wassertropfen flogen herum. Jeans und Jacke waren einfach, doch in den Kleidern steckte eine schöne Gestalt. Jetzt aber nass! Es geht eben meistens nicht nach mir, dachte sie weiter, sie musste das Leben einfach wieder einmal aushalten, wie es war.

In keinem der vier leer stehenden Gebäude des alten, stillgelegten Bauernguts brannte Licht. Auch das große Wohnhaus, vor dem sie stand, war dunkel. Eigentlich war es ein Wunder, dass sie und der alte Knerzi, der sein Leben lang hier wohnte, noch darin bleiben durften. Eine lange Geschichte verband Marilena mit diesem mehr als hundertfünfzig Jahre alten, nie renovierten Hof und Haus, in welchem sie sich diesmal eingemietet hatte. Das Ganze gehörte jetzt einer Gesellschaft, auch stand alles unter irgendeinem Schutz. Aber niemand gab Geld zur Erhaltung der Gebäude aus. Vor langer Zeit war es der stolze, blühende Besitz ihrer Großeltern gewesen! Vielleicht hatte sie ja auch schon im letzten Leben hier gewohnt, dachte Marilena. Sie hatte manchmal eigenartige Visionen …

Sie zog die hölzerne, lose in den Angeln hängende Tür des seltsamen, angebauten Treppenhauses mit eingeübtem Trick und Schwung auf und griff nach dem wackeligen Drehschalter für das Licht. Die Sparlampe flackerte langsam auf. Dann sah Marilena sich nach ihren Vierbeinern um, die nach dem Sprung aus dem Auto und über die Pfütze mit einem raschen Spurt in die Tenne oberhalb des Stalles verschwunden waren. Zwei Hündinnen, nicht sehr, doch fast gleich groß, aber völlig unterschiedlich in Aussehen und Charakter. Sibi, vermutlich Nackthund x Pudel, zierlich und empfindlich, mit feinen, dünnen, beigen, unendlich wachsenden Härchen. Die Arme musste immer wieder geschoren werden. Jögge hingegen sah aus wie ein Miniatur-Bordercollie, robust und gesund, schwarz und weiß, getupft und gefleckt und leicht gelockt im immer gleich schönen Fell. Sie hetzten wohl gerade wieder einmal die schwarze Nachbarskatze, die sich in die Scheune verzogen hatte. Eigentlich durften die Hunde hier gar nicht frei herumrennen. Aber Schluckser, wie Knerzi und Marilena den pingeligen Verwalter mit den Frettchenzähnen nannten, war mit doppelter Sicherheit nicht hier – einmal die Zeit und dann noch dieses Wetter – und schließlich hatten die Hunde sich lange im Wagen stillhalten müssen. Ihnen tat ein bisschen rennen also sicher gut. Und in der Tenne wurden sie nicht nass.

Durch Marilenas Sinn streifte einen Moment die gleichzeitig kriecherische und unverschämte Art dieses Verwalters. Sie schnitt eine Grimasse.

„Sibi, Jögge!“ Marilenas Ruf war nicht sehr laut – sie ließ die Tür einen Spalt offen. Die Hunde würden bestimmt bald kommen, denn es war Futterzeit. Jetzt war sie endlich im Trockenen! Immerhin!

Sie stieg in dem kargen Licht die knarrende Treppe hoch.

Das Dorf, in welchem dieser alte Hof wie ein vergessenes Relikt aus vergangenen Zeiten stand, war unterdessen schon eher ein Vorort der nahen Stadt, mit vielen modernen Bauten.

Auf halber Höhe kam aus Knerzis Wohnung ein eigenartiger Duft. Er verkaufte Sammlungen und alte Nippes aller Art. Außerdem balancierten bei ihm, schon fast zahm, immer ein paar Mäuse auf den Gas- und Wasserleitungen den Wänden entlang, denn er warf ihnen Essensreste hinter den Herd, auf welchem auch meistens in schmutzigen Töpfen Beutelsuppe und alter Kaffee vor sich hin brodelte. Er schlief wohl schon, stand mit den Hühnern auf – aber solche hatte es auch keine mehr auf dem Hof. Knerzi trauerte seit 30 Jahren seiner Ex nach, die ihn nach kurzer Ehe verlassen hatte.

Marilena wohnte eine Etage höher. Während sie am Holzlager vorbei weiter die steile Treppe bezwang, dachte sie über Schmarotzer und das menschliche Unterscheidungsvermögen nach. Schädlinge im eigenen Heim füttern. War das Tierliebe?

Nun kamen auch schon – Trapp, Trapp, Trapp – Sibi und Jögge hinter ihr die Treppe hoch. Wie lange schafften die das noch schadlos, fragte sich Marilena, denn Treppensteigen tat deren Physiologie nicht gut, hatte sie sagen hören.

Sie wohnte schon etwas trist, fand sie, aber in der Wohnung drinnen war es gemütlich, dort gefiel es ihr. Und der Mietzins war erfreulich niedrig. Eigentlich war doch das alte Bauerngut wie eine Oase in moderner Betonwüste, tröstete sich Marilena selbst. Und ihre Wohnung erst recht. Da gab es in der holzgetäferten Stube einen schwedischen Kaminofen; ein bequemes Sofa mit Kissen und Decken; einen Clubtisch mit viel Platz für allerlei Krimskram und am Boden weiche Teppiche. Ihre Topfpflanzen gediehen prächtig und auf einem Regal standen neben alten Büchern ein paar geerbte, künstlerische Unikate, die von ihrem Vater stammten und von denen sie sich nie getrennt hatte. Sie hatte auch noch ein geräumiges Schlafzimmer und ein Büro. Die Sonne schien fast den ganzen Tag hinein – wenn es nicht regnete. Sie heizte den Ofen ein – bald würde es heimelig und warm werden.

Aus der Küche klapperte es, die Hunde leckten ihre Blechteller leer. Marilena hatte sich der nassen Kleider entledigt und einen kuscheligen Hausanzug angezogen. Sie schaute zum Fenster hinaus und erinnerte sich, wie es in ihrer Kindheit hier war. Gegenüber, auf der früheren Rinderweide, standen jetzt Reihenhäuser und auf der Kuhweide waren riesige Bauten erstellt worden, mit unzähligen Wohnungen. Ihre Großmutter, die Bäuerin, würde sich im Grab umdrehen, wenn sie es erführe! Und ihre Mutter hatte einen Künstler geheiratet! Nichts lief mehr danach. Die Blütezeit des landwirtschaftlichen Gutes war einfach zu einem Ende gekommen. Niemand hätte das aufhalten können.

Als die Bebauung begann, war Marilena weit weggezogen, auf eine Insel, wo sie einem spirituellen Lehrer begegnete und begann, dessen Anweisungen zu befolgen. Dort blieb sie ein paar Jahre. Man hatte sie mit ein bisschen Geld abgespeist. Ihre Mutter hatte das Gut aber schon verkauft, als es noch kein Bauland war. Andere hatten das große Geld gemacht damit.

Schlecht waren die Jahre auf der Insel nicht gewesen, doch schließlich kehrte sie wieder in ihre Heimat zurück, denn sie wollte arbeiten, besser gesagt, sie musste ihren Lebensunterhalt verdienen!

Unterdessen ertrug Marilena den Anblick der Neubauten, ja es war ihr sogar recht wohl dort, wieder in dem alten Haus. Die Nachbarn schauten sie zwar manchmal etwas schräg und von oben herab an, weil sie nicht nach dem nun rundum geltenden Standard lebte. Aber dafür hatte sie keine Schulden, wie viele von denen. Sie fühlte sich mit ihrer Lebensart unabhängig – das war ihr die Hauptsache.

Geld verdiente sie jetzt gerade vorwiegend mit Kurierfahrten. Das machte sie gerne – aber es lohnte sich nicht so recht.

Eigentlich hatte sie ja ein gutes Diplom in Krankenpflege. Marilena legte sich auf das Sofa und zappte durch ein paar Programme am Fernseher. Es lief nichts Interessantes.

Wie könnte sie nur mehr verdienen, fragte sie sich. Bevor sie auswanderte, hatte sie Vollzeit in psychiatrischen Anstalten gearbeitet. Sie hatte dies nach ihrer Rückkehr auch wieder versucht, sich jedoch nicht mehr zurechtgefunden in dieser Welt voll von spitzfindigen Intrigen, Machtspielen und dem Missbrauch der Patienten durch die Pillenindustrie. Sie hatte es schon früher bemängelt, aber gedacht, es sei vielleicht unterdessen besser geworden – doch es war alles noch schlimmer als damals. Ja, das Gesundheitswesen selbst empfand sie unterdessen als krank, gelinde gesagt. Vor allem diejenigen, die dort arbeiteten …

Ach, sie sollte nicht so denken, sie selbst arbeitete ja auch immer noch dort – manchmal – und es gab auch nette Arbeitskolleginnen und -kollegen, aber der Moloch der Hierarchie und des Profites … Eigentlich wollte sie damit wirklich nichts mehr zu tun haben, half aber aus, wenn jemand nächtliche Einzelbetreuung brauchte. Das ging gerade noch – und nirgends sonst verdiente sie so viel. Wegen all dem arbeitete sie auch noch bei einem Verein, der Hilfe suchende Menschen telefonisch beriet. Das konnte sie wenigstens zu Hause am Computer machen, und so kam gerade genug zum Überleben zusammen.

Dieser Verein stellte Menschen, welche sich als zu Unrecht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen empfanden, rechtliche Hilfe zur Verfügung, damit sie wieder heraus kamen. Dies funktionierte mit Unterstützung eines Anwaltes auch meist erstaunlich schnell. Aber sehr oft waren dieselben Menschen nach kurzer Zeit schon wieder drin. So war auch dieser Verein eine etwas abgedriftete Sache, fand Marilena. Die Psychiatrie sollte man in Frage stellen, ja. Aber es gab da doch auch berechtigte Aspekte. Das sah der Chef dieses Vereins, der sich „Anarchist“ nannte, nicht so. Aber Politik interessierte Marilena wirklich nicht. Sie war auch von dieser Arbeit enttäuscht, denn sie hatte gehofft, den betroffenen Opfern telefonisch Trost bieten zu können – doch dazu blieb kaum Zeit.

Der Verein lebte von Spenden und bezahlte einen bescheidenen Lohn. Genug Geld zum Überleben zu haben, war aber einfach nicht genug! Und ihr scheinbar so sinnloses Dasein langweilte sie.

„Ich möchte so gerne irgendetwas richtig Interessantes erleben!“, sagte sie zu ihren Hunden, die jetzt mit ihr auf dem Sofa lagen. Die wedelten zur Antwort mit den Ruten und rutschten näher zu ihr.

Am nächsten Morgen hatte der Missmut sie ziemlich im Griff! Zum Glück hatte sie ihre Hunde! Wenn diese sie mit ihren Näschen sanft anstupsten, um sie daran zu erinnern, dass sie den Wecker schon abgestellt hatte, rappelte sie sich hoch.

„Ihr seid doch in Wahrheit Katzen!“, stöhnte sie. Sie amüsierte sich manchmal über diese Trickfilme, wo Katzen alles Mögliche und Unmögliche erfanden, damit sie gefüttert wurden. Essen und schlafen, essen und schlafen. Wo war die gute Zukunft, an die sie glauben wollte?

Sie lebte schon lange als Single. In jüngeren Jahren hatte sie ganz normal nach dem richtigen Mann gesucht – ihn aber nicht gefunden. Beziehungen arteten einfach in Dramen und Abhängigkeiten aus, fand sie nach ein paar missglückten Versuchen.

Sie hatte auf der Insel bei dem Lehrer nach dem wahren Sinn des Lebens gesucht – und ein paar Antworten gefunden. Aber auch nicht sonderlich befriedigende – oder sie hatte nicht wirklich verstanden, worum es ging. Sie hatte, weil sie einfach nicht mehr daran glaubte, etwas verändern zu können, nach Gott gesucht – und ein bisschen sich selbst entdeckt dabei. Na immerhin, dachte sie. Aber was sie um sich herum und auf der Welt sah, gefiel ihr immer noch nicht, sie wollte es gar nicht mehr sehen – oder es stimmte sie missmutig, weil sie erneut zu dem Schluss gekommen war, dass sie es nicht ändern konnte. Immer wieder holte sie dann so ein Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit ein. Sie war ja wohl schon eine etwas frustrierte, gelangweilte Jungfer geworden, dachte sie.

Beim Kaffeekochen kam ihr wieder die verlockende Idee, dass ihr mit viel Geld wirklich nicht langweilig wäre, sie bremste aber gleich wieder. Denn sie fand solche Gedanken nicht bescheiden, nicht spirituell. Sie wollte eben doch den hohen Idealen entsprechen.

Das Wetter würde heute besser werden, hörte sie aus dem Radio. Sie wollte auch noch Nachrichten am TV sehen und begab sich mit der Kaffeetasse in die Stube. Es wurden gerade die Aktien-, Goldund Silberkurse angezeigt.

Eigentlich mochte sie Geld nicht. Bei Geld ging es doch immer gleich um Angst und um Macht, genauso wie bei Waffen, da waren die Menschen sich offensichtlich einig: Wer die Pistole in der Hand hält, befiehlt. Wer das Geld hat und zahlt, befiehlt. Letzteres einfach eine Stufe subtiler. Und diejenigen die Geld hatten, befürchteten es zu verlieren. Geldkrieg! Manchmal hörte sie sich online Beiträge der Anti-Zensur-Gilde oder anderer ausgefallener Sender an. Nachrichten am Fernsehen oder auch Zeitungsberichte fand sie auch schon immer öfters subtil manipulativ und massenhypnotisch. War sie vielleicht eine komische „Alternative“ geworden, fragte sie sich? „Normal“ konnte man sie wohl kaum nennen. Ach, sie versuchte ja ganz brav und normal zu sein – nur gelang ihr das ziemlich schlecht. Sie stöhnte. Beruhten die allgemeinen Annahmen über Geld möglicherweise auf Denkfehlern? Wie könnte man Geld machtlos anwenden, sozusagen diesem sicherlich notwendigen Tauschmittel die Macht entziehen?

Wer die Liebe hat, hat die höchste Macht, hörte sie innerlich den spirituellen Lehrer sagen. Aber … die Liebe? Zu wem? Zu was? Sie liebte ihre Hunde!

Theoretisch meinte sie schon zu wissen, worum es ging: Um die unpersönliche Liebe. Handeln ohne Ego. Wie langweilig! Keine persönlichen Wünsche mehr haben, auf alles verzichten – inklusive aller Genüsse und Emotionen. So, hatte sie verstanden, erlange man Egolosigkeit und Erleuchtung. Aber sie hatte doch schon auf so vieles verzichtet – und verzichten müssen! Erleuchtet fühlte sie sich jedoch ganz und gar nicht.

Erleuchtung erlangen wäre schon gut, was das auch immer war. Aber mit viel Geld würde sie eine Klinik kaufen und gewisse Ärzte entlassen und andere anstellen, die einen hippokratischen Eid noch ernst nahmen und für das Wohl der Menschheit handelten und nicht für das Wohl des Wirtschaftswachstums!

Und weiter würde sie sich ein Wohnmobil kaufen und mit ihren Hunden herumreisen. Jawohl! Und ein Haus hätte sie, mit schönen Treppen, nicht zu steil, wegen der Hunde – und mit einem großen Garten, wo Sibi und Jögge frei herumtollen könnten. Diese Gedanken heiterten sie sofort auf. Aber wenn sie an ihren Kontostand dachte, fiel ihre Laune gleich wieder ab. Morgen würde sie sich einen Lottoschein kaufen!

Am nächsten Tag kam Marilena in der Buchhandlung, wo sie den Lottoschein kaufte, ein Buch in die Hand, das sie interessiert zu lesen begann. Es handelte von Quantenphysik und der wissenschaftlichen Wahrheit über Energie und Materie. E=mc² habe schon Einstein gewusst. Das bedeute, dass eigentlich auch Materie Energie sei, es gebe da gar keinen Unterschied zu geistiger Energie, nur in der Dichte und Schwingung. Und weiter stand da, der innerste Kern jedes Energieteilchens, ob fest oder in ätherischer Form, reagiere auf Gedanken! Wasser erst recht. Und der Mensch und die meisten Materialien seien vorwiegend aus Wasser – und es sei deshalb alles von Gedanken von beseelten Wesen beeinflusst – ein Gedanken-Spiel, das wir als Menschen hier auf der materiellen Erde spielen. Aber leider heiße dieses Spiel für die meisten kurz zusammengefasst: „Beschränkung“!

Die Wahrheit aber sei, dass wir vollkommen freie, unlimitierte, geistige Wesen seien. Und alles, was das Gegenteil zu bestätigen scheine, sei einfach eine perfekte Täuschung, entstanden aus falschem Denken. Genau darauf war Marilena ja auch schon gekommen!

Sie hatte heute keine Verpflichtungen und las fasziniert weiter: Im zweiten Teil dieses „Leben-Beschränken-Spiels“, hieß es im Buch, wenn man bereit sei, aufzuwachen, müsse man sich dauernd dieser Seins-Wahrheit bewusst sein, um unbeschränkt und unlimitiert leben zu können. Man solle tun, was einem gefällt und tiefe Entschlüsse fassen – und alles Notwendige sei schon getan! Geld sei mit freundlicher Wertschätzung und dankbarer Anerkennung für erhaltene Leistungen wegzugeben. Das sei der ganze Schlüssel zu unendlichem Reichtum. Ja, sogar zu totaler Gesundheit! Nichts mehr und nichts weniger! Ein seiner Spiritualität stets bewusster Mensch habe für seine tief gefassten Vorhaben immer genügend Energie und Geld, ohne dass der alte Weg des mühsamen Abrackerns und Geldverdienens nötig wäre. Ein Umstand, der für den menschlichen Verstand nicht nachvollziehbar sei, weil er anders, und meistens nur auf „überleben“ trainiert sei. „Geld bewusst, fröhlich und dankbar weggeben“ sei ein Gedankengang, eine Handlung, ein Gefühl, das trainiert und somit gesteigert werde, je mehr man es ausübe, genauso wie andere Gedankenmuster, Fertigkeiten und Gewohnheiten. Das Geld-Ventil soll freudig geöffnet werden. Das habe dann zur Folge, dass die notwendigen Mittel zum Ausgeben im gegebenen Moment einfach in immer noch größeren Mengen und mit Freude nachfließen können – so wie die Lebensenergie, die allem innewohne, ja auch einfach da sei und fließe, wenn sie nicht vom menschlichen Denken gestoppt werde. Oder wie eine Fertigkeit, die man immer besser ausüben könne.

Die Überzeugung, wenn man weggebe, habe man anschließend weniger, sei kurzsichtig, einseitig, ja falsch. Sie bestätige sich vermeintlich, weil die Menschen, die daran glauben, nur diese Seite wahrnähmen und schlechte Gefühle mit Geld ausgeben verknüpften. Diese würden so den Lebensfluss verstopfen, mit anderen Worten richtiggehend verhindern, dass mehr als genug zum Überleben herein kommen könnte.

Ein Mensch aber, der das begriffen habe, sei immer im Besitze der notwendigen Energie und Summe, wenn er sich zu etwas tief entschlossen habe. Nicht vorher und nicht nachher. Aber es brauche Vertrauen und Wissen, dass Freude immer vorhanden sein kann!

Eine praktische Anleitung, sich verrückt zu benehmen! Aber Marilena fand das nun wirklich auch sehr interessant, und die Idee, dass möglicherweise rundum alles, was sie nicht mochte, nur auf Denkfehlern beruhte, ließ sie nicht mehr los. Sie wollte es ausprobieren! Da konnte sie sich als erstes fortan schon einmal auf die Rechnungen im Briefkasten freuen!

„Ein Koffer voller Geld kommt her zu mir!“, rief sie in die Küche, wo Sibi und Jögge neben ihren Fresstöpfen saßen und sie zuerst erstaunt und dann nachdenklich anschauten. Das hatten sie so noch nie gehört! Keine fühlte sich betroffen, sie waren ja schon da, und „Fastentag!“ schien es auch nicht zu bedeuten, denn Marilena verteilte Futter in die Näpfe. „Ihr macht doch meistens, was ihr wollt“, sagte sie sinnierend zu den schmatzenden Tieren. Ihre Hunde müssten also nach diesen Theorien eigentlich sehr reich und glücklich sein, dachte sie weiter. Die waren das ja auch, bekamen immer alles, was sie brauchten, aber die gaben kein Geld aus. Darum hatten sie auch keines. Und sie selbst gab auch so wenig wie möglich aus. Sie begann, über ihre eigenen Gedanken zu lachen. Wenn es so einfach wäre …!

Tags darauf hatte Marilena Dienst für den Antipsychiatrischen Verein am Computertelefon. Sie nahm sich Kaffee mit in ihr kleines Büro und startete die Apparate. Manchmal wusste sie mit den Fragen, welche die Anrufer stellten, weder ein noch aus. Sie war über ein Chat-Sofortnachrichtenprogramm mit anderen von derselben Organisation verbunden, so konnte sie diese um juristischen Rat fragen, wenn sie nicht weiter wusste. Es hatten schon drei Personen angerufen. Jede Eingabe an das Gericht musste unterschiedlich, je nach Bezirk, durchgeführt werden und gab viel zu tun. Sie empfand es als schikanös. Nun kam auch noch auf dem speziellen Chat-Programm eine neue Meldung herein: Ein Fremder, der darum bat, in ihre Kontaktliste aufgenommen zu werden. Sie beachtete es zunächst gar nicht. Dann schaute sie aber doch hin, denn es irritierte sie, dass der neue Kontakt sich als „Botschafter“ betitelte: Luis C. Sussman, Botschafter – und dass er ein ziemlich hohes Alter hatte. Der war ja schon fast so alt wie ihr Papa jetzt wäre. Schmerzlich erinnerte sie sich für einen Moment an dessen frühes Hinscheiden.

Aber was wollte dieser Mann von ihr? Hatte das vielleicht mit dem anarchistischen Verein zu tun? Oder wollte sich dieser Betagte mit „Botschafter“ wichtigmachen? Aber auf diesem speziellen Programm war es eigentlich nicht üblich, dass Anfragen von irgendwelchen Fremden einfach so hereinkamen. Der telepathische Aspekt der Kontakte über Chat-Programme ohne Webcam faszinierte Marilena aber schon. Da sprach man ohne Ton mit einem Menschen, der, egal wo auf der Welt, mit einem in Verbindung stand. Durch das Wegfallen aller sonst zur Verfügung stehenden Sinne wie Augen, Ohren oder Nase, musste man sich hier voll auf die geistigen Antennen verlassen und nicht nachweisbare, feine Energien aufnehmen. Sie hatte jeweils sehr rasch ein Gefühl dafür, ob ihr eine Verbindung passte oder nicht. Außerdem kannte sie wenige Gesprächspartner, mit denen sie sich wirklich verstand. Vielleicht könnte der „Botschafter“ einer werden.

Nachdem die Meldung eine Weile auf dem Bildschirm sichtbar war, klickte sie daher auf „Ja“ und das Fenster verschwand. Das Gefühl war angenehm – und das Wort „Botschafter“… Es versprach, dass dahinter ein gebildeter, vielgereister Mann stand – und – vielleicht brachte er in ihr eher langweiliges Leben neues Potential mit einer interessanten „Botschaft“?

Es existierte ein solcher Botschafter, laut einer flüchtigen Recherche, die sie startete. Schon kam wieder ein Anruf eines Hilfebedürftigen auf dem Antipsychiatrischen Vereinstelefon. Sie dachte nicht mehr weiter übers Chatten und diesen Botschafter nach.

Ein paar Tage später, als sie wieder am Computer arbeitete, meldete er sich.

SUSSMAN: Hallo meine Liebe.

So vertraulich? Sie betrachtete die Meldung.

Wieder fragte sie sich, was es mit diesem Profil auf sich hatte. Sie fühlte tatsächlich etwas auf sich zukommen, sie fand es interessant. In seinem Profil zeigte er sich auf einem wirklich guten Foto, er lachte selbstsicher, gutaussehend und freundlich in die Kamera. Sie antwortete:

MARILENA: Hello Mister Sussman.

Sogleich kam wieder eine Meldung: SUSSMAN: Wie geht es dir heute?

Marilena schüttelte den Kopf. Was wollte dieser Mann wirklich von ihr? Seltsam, das Ganze. Sehr seltsam das Gefühl jetzt. Warm, ja väterlich – aber da war auch noch etwas anderes. Sie schaute sich die Angaben im Profil erneut an, es sah alles echt aus. Na, sie würde es ja herausfinden, wenn sie mit ihm sprach. Auch wenn es geschriebene Sprache war, Chatten war wie Sprechen. Also antwortete sie, auch auf Englisch, wie er:

MARILENA: Ich habe viel Arbeit heute, und du?

Er antwortete wieder sogleich:

SUSSMAN: Ich habe heute frei.

MARILENA: Und hast gar nichts anderes zu tun? SUSSMAN: Ja genau, deshalb möchte ich mit dir chatten.

Es kamen gerade keine Telefonanrufe, also machte Marilena weiter mit. Und ohne es gewahr zu sein, ging sie auch auf seine nichtamtliche Art ein. Wieso sollten nicht auch Botschafter manchmal eine Flaute haben, konnte ja sein, dachte sie.

MARILENA: Okay. Wo bist du?

SUSSMAN: Ich bin in England.

Marilena hatte schon im Profil gelesen, dass als Adresse eine Botschaft in England angegeben war. Aber sie glaubte eben nicht so recht, dass es stimmte. So sagte sie:

MARILENA: Das ist groß.

Sie wollte von ihm eine genauere Ortsbezeichnung, wo er sich befand, aber er schien es nicht zu verstehen.

SUSSMAN: Wie meinst du das, das ist groß? MARILENA: England ist groß.

SUSSMAN: Ja, England ist groß. Kennst du es?

Möchtest du herkommen?

Sie wollte wissen, wo genau er war, um sich darauf einzustellen. Wenn sie es hier mit jemandem zu tun hatte, der gar nicht auf Fragen einging, würde sie schnell abbrechen!

MARILENA: Bist du in London?

SUSSMAN: Ja

Immerhin, jetzt hatte er auf die Frage geantwortet. MARILENA: Ich liebe England nur im Sommer, im Winter finde ich es dort schrecklich.

SUSSMAN: Ja, das ist so.

Warum fragte er sie, ob sie nach England wollte?

Das machte sie jetzt neugierig. Und Reisen tat sie immer gerne. Aber sie kam nicht dazu, ihn dies zu fragen, denn der Botschafter sagte nun:

SUSSMAN: Erzähle mir von dir, meine Liebe.

Der war ja richtig nett. Tja, was gab es groß von ihr zu sagen? Eine Schnellzusammenfassung fand sich eigentlich sofort:

MARILENA: Ich bin eine ehemalige Pflegefachfrau und arbeite in einer antipsychiatrischen Organisation.

Ihr Alter stand ja in ihrem Profil. Was gab es sonst noch Wichtiges über sie zu wissen? Vielleicht das:

MARILENA: Ich lebte viele Jahre auf einer kleinen Insel, weit abseits vom normalen Leben.

In ihr keimte eine kleine Sehnsucht auf. Kaum wahrnehmbar. Ach, schon so lange war sie nicht mehr dort gewesen! „Guantanamera, soy una chica sincera, de donde crece la Palma …“, summte sie vor sich hin und wiegte sich in den Hüften. (Wörtlich: Guantanamera, ich bin ein ehrliches Mädchen von dort, wo die Palme wächst.) Sie hörte in Gedanken sogleich auch die tiefe, erotische Stimme des Sängers – ein Mann. Diese Melodie wurde im Radio auf der Insel als Jingle zum Aufhorchen benützt, vor höchst zweifelhaften Nachrichten.

War das jetzt eine warnende Eingebung gewesen? Schützte die Insel sich selbst? Okay, sie würde Informationen über diese nur mit Vorsicht weitergeben!

Sollte er doch zuerst einmal preisgeben, wer er war!

MARILENA: Und was machst du?

SUSSMAN: Ich lebe in England.

Ein Botschafter …

MARILENA: Aber du bist ursprünglich aus einem anderen Land?

SUSSMAN: Ja.

Doch ein echter? Wie zur Bestätigung kam eine weitere Meldung:

SUSSMAN: Ich war früher Anwalt und im Bankwesen tätig in meiner Heimat USA. Jetzt bin ich der gegenwärtige Botschafter hier in England.

Marilena fand es ungeheuerlich, wenn das stimmte! Sie sagte nur:

MARILENA: Wirklich?

SUSSMAN: Ja.

MARILENA: Ich dachte, dein Profil sei ein Fake. SUSSMAN: Ich verstehe nicht, was du meinst. MARILENA: Ich dachte, es sei nicht wahr. SUSSMAN: Was ist nicht wahr?

MARILENA: Ich hatte den Eindruck, dein Profil sei vielleicht eine Maske, es sei erfunden, was da steht..

SUSSMAN: Ah, jetzt verstehe ich dich. Du versuchst mir zu sagen, dass ich nicht derjenige bin, der ich angebe zu sein?

MARILENA: Ja. Man weiß das im Chat ja nie so genau. Ich habe früher viel gechattet und habe da so allerhand erlebt.

SUSSMAN: Tatsächlich?

MARILENA: Ja, am Anfang war es sehr unterhaltend, aber mit der Zeit ist es langweilig geworden. Was suchst du denn jetzt hier genau?

SUSSMAN: Einfach Freundschaft.

MARILENA: Okay. Das ist für mich in Ordnung. Möglicherweise konnte man mit diesem Herrn ja wirklich eine interessante Unterhaltung pflegen. Und zwischen den Anrufen hatte sie Zeit. Er war freundlich und schien sich tatsächlich für sie zu interessieren.

Die Unterhaltung ging weiter. Von wo in den USA er ursprünglich komme, und dass sie auch schon dort war. Ob sie wieder dahin reisen möchte – oh ja, das würde sie gerne. Mit der Zeit werde sie das vielleicht, meinte er. Sie unterhielten sich auch über das Wetter und weiter ziemlich belangloses Zeug, fand sie. Er wollte ihre Lieblingsfarben wissen und alles, was sie mochte oder nicht mochte.

MARILENA: Bevor ich auf der Insel lebte, reiste ich auf der ganzen Welt herum.

SUSSMAN: Das ist gut zu hören.

Schon wieder eine Anspielung auf Reisen.

Was wollte der wirklich von ihr? Hatte er vielleicht einen interessanten Job für sie?

MARILENA: Warum?

SUSSMAN: Ich liebe es, mit Menschen zu reden, die weit gereist sind, viel gesehen und Lebenserfahrung gesammelt haben.

Aha. Wo hatte sie auch hin gedacht!

MARILENA: Aha. Du reist sicher auch viel. Wohin wirst du als nächstes reisen?

SUSSMAN: Tja, das weiß ich im Moment noch nicht!

Was sollte sie denn jetzt noch weiter mit ihm reden, fragte sich Marilena. Ob man sich mit ihm vielleicht über Hunde unterhalten könnte?

MARILENA: Hast du einen Hund?

SUSSMAN: Ja.

MARILENA: Ich zwei.

SUSSMAN: So schön.

MARILENA: Wie heißt deiner?

SUSSMAN: Skolby.

MARILENA: Was hat er für eine Rasse? SUSSMAN: Es ist ein Rottweiler.

Oh mein Gott! Marilena stellte sich vor, wie Sibi und Jögge diesem großen Tier zwischen den Beinen durch herumsausten und „Kniefälle“ vor ihm machten, damit er mit ihnen spiele. Ihre beiden Hundedamen waren immer begeistert von größeren Hundeherren.

MARILENA: Ist er gescheit?

SUSSMAN: Oh ja, sehr.

MARILENA: Ist er kastriert?

SUSSMAN: Nein.

Zum Glück. Sibi und Jögge würden ihn sonst links liegen lassen.

MARILENA: Wie alt war er, als er zu dir kam? SUSSMAN: Ein Jahr alt.

MARILENA: Und wie alt ist er jetzt?

SUSSMAN: Etwas mehr als drei. Was hast du für Hunde?

Was sollte sie da sagen?

MARILENA: Einen Tropenpudel und einen Rattenhundmischling. Sie sind von der Insel.

SUSSMAN: Tropenpudel?

MARILENA: Ja, hat den Körper eines Pudels, aber ganz feines Haar.

SUSSMAN: Lustig. Sind deine gescheit?

MARILENA: Die eine sehr, die andere etwas weniger. Sibi und Jögge wedelten unter dem Tisch um die Wette.

MARILENA: Lebst du in der Stadt oder auf dem Land? SUSSMAN: Ich lebe in der Botschaft, in einem Haus mit einem Park rundum, in der Stadt.

Nun gab Marilena nochmals seinen Namen und „Amerikanische Botschaft“ bei Google ein – und glaubte wieder kaum, was sie da sah. 430’800 Ergebnisse in 0,2 Sekunden. Dieser Mann war offensichtlich eine außerordentlich bekannte Persönlichkeit. Die Fotos beeindruckten sie, sein Wohnsitz – eine Pracht! Ein schlossähnliches Anwesen in einem wunderschönen Park. Sie träumte wohl! Es gab Fotos, da waren frühere Präsidenten der USA und Obama persönlich auf der Terrasse vor diesem Haus zu sehen, gemütlich in Sesseln sitzend. Mari-lena schnaubte vor sich hin. Aber der Botschafter konnte das ja nicht hören. Sie schrieb:

MARILENA: Du hast einen glücklichen Hund, mit so einem großen Garten.

SUSSMAN: Ja, er lebt bei mir im Haus, er hat sein eigenes Zimmer. Ich sende dir ein Foto von ihm.

MARILENA: Oh ja, bitte.

Es kam aber keine Antwort mehr. Doch der Abend war im Nu vergangen!

Am darauf folgenden Tag forschte Marilena weiter nach Botschafter Sussman im Internet. So erfuhr sie auch, dass er verheiratet war. Auf dem Morgenspaziergang mit Sibi und Jögge, sie liefen gerade an einem entgegenkommenden Paar vorbei, kam Marilena das Foto mit den Präsidenten der USA auf der Terrasse der Botschaft in den Sinn. Hatte er nicht gefragt, ob sie dorthin kommen wolle? Sie lachte laut, als sie, in einer sich verselbständigenden Vision, mit diesen Herren auf der Veranda saß und und Jögge kurzerhand auf Obamas Schoß sprang.

Die Spaziergänger schauten sie befremdet an.

Der Chef der Antipsychiatrischen Organisation hatte einmal geäußert, dass selbst mächtige Staatsoberhäupter nichts anderes seien als Marionetten anderer, nämlich der wirklichen Machthaber: Geheimbünde, Banken, Waffenhändler, Chemiekonzerne, etc. Er hatte ihr auch geraten, die „Zionistischen Protokolle“ zu lesen. Das gehe alles bis ins Alte Testament zurück.

Sie hatte ein bisschen in diesen Protokollen gelesen, um sich in die Denkart des Chefs des Vereins – der sich „anarchistisch“ nannte – einfühlen zu können. Da stand präzise, wie die materialistische Macht ihr Getriebe in Gang hielt. Aber eben, diese politischen Sachen interessierten sie so herzlich wenig. Ihre Devise war: Ändere dich selbst, dann ändert sich die Welt. Ja – doch das war leichter gesagt als getan, glaubte sie auch zu wissen!

Die Zionisten würden in Wahrheit den Antisemitismus fördern, meinte der Anarchisten-Chef. Aber mit Waffen handeln, mit Kriegen, Krediten und hohen Zinsen die Weltwirtschaft überheizen, das taten ja offensichtlich nicht nur die Juden. Das sah doch wirklich jeder. Was wollte der, dass sie darüber denke? Der Mensch sollte Stellung beziehen, ohne sich zu ereifern, fand Marilena. Doch wie sollte man dies bewerkstelligen, mit all dem Unrecht rundum?!

Sie glaubte, dass Innenwelt und Außenwelt miteinander zu tun hatten. Ja. Doch irgendwie, schien ihr, fehlte ein Puzzleteil, um zu begreifen, wie es zusammenhing.

Als sie wieder am Computer saß, blieb es still im Nachrichtenprogramm. Marilena dachte schon, der Botschafter melde sich wahrscheinlich nicht mehr und fühlte Bedauern. Sie fragte sich darauf selbst, ob sie diesen Kontakt eigentlich wirklich wollte. Wenn es tatsächlich nur um belanglose Freundschaft ging – okay, gerne. Aber wo führte das hin? Er hatte ja bereits angedeutet, dass sie sich auch treffen könnten. Aber wenn er verheiratet war? Und sie schon so auf ihn wartete …

Da! Es kam eine Meldung:

SUSSMAN: Mein Nachrichtenprogramm stieg aus gestern.

MARILENA: Ah, ich dachte, deine Haushälterin habe dich gerufen.

SUSSMAN: Nein, der Computer spukte.

Marilena wusste nicht, was sie jetzt sagen sollte, sie mochte das Thema der „Haushälterin“ nicht noch einmal ansprechen. Wahrscheinlich hatten die ja auch Hauspersonal, so dass er diese Anspielung auf seine Frau vielleicht gar nicht verstanden hatte. Sie forderte ihn nun auf, ihr zu sagen, was er mochte und was nicht.

Er hasse Unehrlichkeit, untreue Handlungen, er liebe ehrliche, treue Menschen, freundliche, mit einem unglaublichen Sinn für Humor, verständnisvolle Charaktere, die offen seien für alle Arten von Menschen und Themen. Das fand Marilena schön. Auch liebe er es, mit seinem Hund am Strand entlangzugehen oder mit ihm im Auto herumzufahren.

Ach wirklich, wie wunderbar! Das liebte Marilena alles auch. Er bat Sie, ihm ein paar Fotos von ihr zu senden. Sie tat das. Die Zweifel plagten sie aber noch immer, ob sie es wirklich mit Botschafter Sussman zu tun habe.

MARILENA: Hast du eine Webcam?

SUSSMAN: Nein. Sende mir mehr Fotos von dir.

Marilena hatte ein umfangreiches Facebook-Profil. Wieso sollte sie ihm jetzt Bilder einzeln “hinüberbeamen“, er könnte sich ja alles auf Facebook anschauen.

MARILENA: Hast du ein Facebook-Profil?

SUSSMAN: Ich mag Facebook nicht. Die Leute fragen mich dort unmögliches Zeug, worauf ich nicht antworten will.

Sie merkte es sich und würde sich darum gewiss nicht nach seinen Staatsgeschäften erkundigen, diesbezüglich völlig belanglos bleiben.

MARILENA: Dann mach für deinen Hund ein Profil, damit kannst du dann unerkannt meines anschauen.

SUSSMAN: Wie, für meinen Hund?

MARILENA: Nicht mit deinem Namen, sondern mit dem Namen deines Hundes. Er wird sich freuen. Weißt du, dass Hunde so sensitiv sind, dass sie oft auch wissen, wenn man an sie denkt? Er wird es wissen, dass du dich mit ihm beschäftigst.

Sie brauchte die Namen ihrer Hunde als Passwörter, natürlich mit Nummern verkompliziert.

Aber trotzdem, die Hunde reagierten. Sie musste immer alles gerecht verteilen zwischen ihren beiden Hündinnen, da diese sonst Eifersuchtsprobleme bekamen. So auch die Passwörter. Es war wahrlich ein Kunststück, zwei Hündinnen in Frieden zusammen zu halten!

SUSSMAN: Ja, sie sind sensitiv. Ich kann das nicht.

MARILENA: Was kannst du nicht?

SUSSMAN: Ich kann kein Profil auf Facebook eröffnen mit dem Namen meines Hundes.

MARILENA: Warum nicht?

SUSSMAN: Hier auf meinem Computer, mit meiner Emailadresse – nein, das kann ich wirklich nicht.

Es ging wohl um Sicherheitsangelegenheiten, dass er so etwas nicht tun konnte. Wahrscheinlich musste er strenge Gesetze für Staatspersonen befolgen.

MARILENA: Soll ich für dich eines erstellen? SUSSMAN: Oh, das wäre wunderbar.

Marilena erstellte ihm ein Profil mit dem Namen

„Skolby Susseleman“ und einer Emailadresse, die sie gerade nicht brauchte und übergab ihm die Passwörter. Der Botschafter fand das rührend.

SUSSMAN: Wie soll ich dich nennen?

MARILENA: Ich heiße Marilena.

SUSSMAN: Hast du einen Kosenamen, der dir gefällt? MARILENA: Nein.

SUSSMAN: Soll ich dich Süße nennen?

MARILENA: Süße? Haha! Meinst du Shirin, die Süße?

SUSSMAN: Wer ist das?

MARILENA: Shirin ist die „Süße Prinzessin“, die Angebetete, in einer persisch-islamischen Geschichte.

SUSSMAN: Du bist mehr als süß.

Offenbar verstand er die Andeutung nicht. Die Personen in der Geschichte von Shirin kamen nie zusammen. „Shirin“ blieb ein heiliger Wunschtraum. Es war wohl Zeit, deutlicher auf seinen Zivilstand hinzuweisen.

MARILENA: Was würde wohl deine Frau dazu sagen? Die Verbindung brach wieder ab.

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2. Kapitel

Wenn keine Anrufe auf dem Vereinstelefon kamen, verbrachte Marilena nun die meiste Zeit mit Recherchen über Botschafter Luis C. Sussman. Wie elektrisiert las sie auf einer afrikanischen Seite, dass er ein Zionist sei und in Ghana undurchsichtige Geschäfte im Zusammenhang mit Waffenhandel getätigt habe. Siehe da! Es war wie verhext. Wenn ihr Chef sie nicht auf diese Protokolle aufmerksam gemacht hätte sie hätte keine Ahnung gehabt, was ein Zionist war. Das war doch wieder einmal so ein Zufall, der keiner ist. Nun, das Internet ist geduldig, dachte sie dann aber. Jeder kann hier schreiben, was er will. Sie würde den Botschafter nicht nach solchen Dingen fragen. Der Kontakt konnte von ihr aus in dieser belanglosen Art weitergehen, ihr war es recht, sie fand es unterhaltsam. Und um mehr brauchte sie sich ja jetzt nicht zu kümmern.

Sie hatte wieder nicht im Lotto gewonnen. Ach, wenn sie auch nur eine Million hätte, könnte sie Baupläne für ein Haus entwerfen, könnte Ideen sofort umsetzen, könnte realistisch träumen von ihrer zukünftigen Gartenlaube, von einem offenen Feuer in einem wunderschönen Kamin und einer Putzfrau, die den Müll wegräumt, die Kleider zusammenlegt und Hundepipi aufwischt, wenn Sibi wieder einmal ihre Protestanfälle hatte, wie gerade jetzt. Hm, sie sollte wirklich etwas im Haushalt tun, dachte sie, aber sie wollte sich auch nicht allzu weit vom Computer entfernen. Deshalb war sie auch schon länger nicht mit den Hunden draußen gewesen. Sibi hatte ja Recht, Hunde waren die einzigen Wesen, denen man zumutete, nur dann Pipi zu machen, wenn Herrchen das erlaubt! Oder hatte die etwas anderes?

Sibi gut kennend wusste sie, dass dieses Verhalten immer eine Weigerungsaktion war. Irgendetwas schien für sie nicht in Ordnung zu sein. Was war ihr über die Leber gekrochen? Es kam Marilena nichts in den Sinn, was es sein könnte. Gab es energetische Unstimmigkeiten?

Es war wieder ein trüber Tag und schon dunkel. Sie könnte die Hunde schnell alleine nach draußen lassen, jetzt war Schluckser sicher nicht in der Nähe. Die Hunde kannten den Weg durch die alten Öffnungen für die Katzen. Sie ließ sie oben aus der Wohnung ins Treppenhaus hinaus. Morgen würde sie mit Hundekot-Plastiksäckchen auf die Suche gehen, versprochen. Sie eilte zurück an den Computer.

In Euromillions lagen gerade über hundert Millionen im Jackpot! Sie hatte einen Tipp gekauft. Wenn sie 100 Millionen hätte, könnte sie einen Jumbo-Jet speziell einrichten lassen, mit türkischem Dampfbad und einem Swimmingpool mit Gegenstromanlage, Wellenmaschine und einer Rutschbahn, vom Cockpit längs durch den Flieger bis ins Becken ganz hinten, dachte sie. Bei freiwilligem Verzicht der Benützung dieser Anlagen bei Start und Landung, denn Wasser und Dampf schwappten in ihrer Vorstellung gerade in entgegengesetzter Richtung durch das riesige Flugzeug. Und wann war sie eigentlich das letzte Mal in einer Badeanstalt gewesen, wo es solches gab? Ach, das war bestimmt schon 20 Jahre her. Und auf der Insel – oh, die originellen Strandhüttchen erschienen vor ihrem geistigen Auge – aber auch dort war sie kaum schwimmen gegangen. Die Wellen waren meistens überaus groß und die Brandung oft viel zu gefährlich. Hm! Nein, sie brauchte ein so eingerichtetes Flugzeug nicht. Aber vielleicht ein kleines, mit Sofa und einmontierten Sicherheitsgurten für die Hunde.

Und sie könnte das angefangene Dorf kaufen, welches sie auf der Insel gesehen hatte. Es sei ein nicht vollendetes Projekt einer Sekte, hatte man ihr gesagt. Wunderschöne, runde weiße Häuschen mit ziegelroten Dächern, jedes in einer anderen Form, Neigung und Richtung. Alle Ecken ganz ohne scharfe Kanten, ineinander verschachtelte Gebäude, auf immer wieder neuen Ebenen, mit Stufen verbunden. Feiner Klosterputz an den Wänden innen, ein Gemeinschaftsgebäude mit Ess- und Versammlungsräumen, ein weiteres mit Meditations- und Klausurräumen. Da waren auch Bäder, innen und außen und rundum schöne

Gartenanlagen. Es fehlte gar nicht mehr viel für die Fertigstellung. Denen war aber irgendetwas dazwischengekommen, es wurde nicht fertiggestellt. Marilena würde daraus ein Heilzentrum, eine Entzugsklinik für Psychopharmaka-abhängige Hellsichtige machen. Endlich hätten sie einen Ort, wo sich all die mit Medikamenten geknebelten, hoch entwickelten Menschen befreien könnten. Diese, endlich genesen, könnten danach ihre vorbestimmte Arbeit tun, nämlich einfach auf ureigene, originellste Art und Weise sie selbst sein und ihr eigenes Leben glücklich leben, und so beispielhaft alle auf den großen Moment der Entscheidung vorbereiten: Die Eskalation oder Katharsis. Wach erkennen oder untergehen. Wenn die Heilung von dem Macht-Virus, an dem die Menschen offensichtlich leiden, ganz und gar möglich wird. Wenn für alle, die zu ihrer eigenen Wahrheit und Größe stehen, alles realisierbar sein wird, womit sie sich in Gedanken beschäftigen. Völlig ohne den Einsatz von Macht, sondern lediglich in der Überzeugung, dass ihre eigenen Gedanken wirken. Der endgültige Sieg über die versklavenden Kräfte, die in dem schlafenden Massenbewusstsein hypnotisch wirken und jegliche Entwicklung zum Stoppen bringen. Diese Gedanken beflügelten sie ungemein.

Wie sollte man denn – überlegte sie weiter – gegen den Moloch ankommen und den Fortschritt der Menschheit ankurbeln? Musste man das überhaupt? Entschied nicht jeder für sich, wann der Moment da sei, wo er sich von den herrschenden Zwängen befreien wollte? Nun, ein schöner Rückzugsort wäre sicher gut für diejenigen, die dies tun wollten, dachte sie weiter. Geknebelt mit Abhängigkeiten, schien die Menschheit einfach blind gegenüber all dem globalen Stuss zu sein, der ablief.

Aber auch wenn sie von dem Mega-Lottogewinn dieses Dorf kaufen und dieses instand gestellt werden könnte, hätte sie wahrscheinlich immer noch mindestens etwa 95 Millionen übrig. Was könnte sie damit noch tun, überlegte Marilena weiter. Ihr kam gerade nichts mehr in den Sinn. Weltfrieden herstellen – ja, aber das bedingte das Mitwirken jedes Einzelnen. Da half kein Geld. Und mit den Menschen schimpfen, dass kein Friede währt, wäre ja, als ob man in Gedanken mit dem Verstand schimpfen würde, dass er denkt!

Aber Geld … für ihre persönlichen Bedürfnisse wäre eine Million genug, dachte sie. Na, mit einem schönen Haus und ein paar Reisen – bis an ihr

Lebensende vielleicht drei Millionen, dann könnte sie sich auch wieder Zimmer mit Badewannen

leisten in den Hotels, wenn sie unterwegs war. Wie viel Geld gab es eigentlich auf der Welt? Wäre da nicht genug für alle?

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