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Die Halbruhigen

Impressum

Die Autorin dankt dem Förderkreis deutscher
Schriftsteller in Baden-Württemberg für die finanzielle
Unterstützung der Arbeit an diesem Roman.

ISBN 978-3-8412-0559-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, April 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung hißmann, heilmann, Hamburg unter Verwendung eines Motivs von © plainpicture/ Kniel Synnatzschke

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

PROLOG

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

Erst am 1. Mai war die bauliche Fertigstellung soweit gediehen, dass wenigstens zwei Gebäude – die beiden Gebäude für Halbruhige – zum Beziehen fertig waren […]. Die Kranken wurden mit dem dazu gehörigen Wartpersonal nach den verschiedenen Kategorien in die verschiedenen Abtheilungen der bezogenen Gebäude vertheilt; sie setzten sich an die gedeckten Tische zum Mittagsmahle, und damit war die Anstalt in vollem Betriebe. Schon in der ersten Nacht war in der Abtheilung für Neuaufgenommene je ein Schlafsaal für Selbstmordsüchtige mit Nachtwache und Kontrol-Uhr etablirt; und andern Morgens zeigte das fleissige Regen der Hände in den Werkstätten sowie das Schaffen der Arbeiter-Abtheilung, welche den ersten Spatenstich in den Gemüsefeldern that, dass der langjährig geregelte ungeschwächte Pulsschlag der alten Anstalt in die Adern der neuen Anstalt übergegangen war.

Aus der Chronik der Provinzial-Irrenanstalt Düren von 1878

All das jetzt zu sehen und so viel zu erinnern, gleichzeitig – Vater, zuerst und vor allem Vater, seine schmale Gestalt im weißen gestärkten Kittel, sein Gesicht mit dem Blick eines klugen, nervösen Vogels. Papa. Der immer da war und doch unerreichbar, immer anwesend und dabei abwesend.

Gleichzeitig auch Mama, auf eine blendende, oberflächliche Weise schön. Und einmal auch wirklich schön: Mama, wie sie Rosen anschneidet, rote Rosen, die er ihr geschenkt hat, vielleicht zum Hochzeitstag. Fünfzig Rosen, die sie am Abend, eine nach der anderen, anschneidet; die Badewanne läuft voll mit kaltem Wasser, läuft beinahe über; dann treiben sie in der Wanne, fünfzig tiefrote Rosenköpfe, an langen und schlanken Stielen. Eine Woche lang schwimmen sie jede Nacht bis zum Morgen im Wasser. Tagsüber stehen sie in der Vase im Flur, wo es kühl ist, kühler als sonst wo im Haus.

Mama und Papa.

Und Tom und Luzie, wie auf einem Familienfoto: Die Hand von Papa ruht auf Toms Schulter, damit er wenigstens einmal kurz stillhält. Luzie, pummelig, süß, auf Mamas Arm.

All das kann sie sehen. Nur sich selbst sieht sie nicht.

Das Haus kann sie, so wie es früher war, sehen. Auch die Menschen im Haus, um das Haus herum und im ganzen Klinikgelände: Johann und Matthias, die in den Parkanlagen die Büsche zurückschneiden und im Garten den Rasen mähen. Inka, die putzt. Rolf, der die Küche streicht und das Zimmer von Tom und Luzie neu tapeziert; Rolf, dem Mama belegte Brote hinstellt, Kaffee und Mineralwasser nachschenkt; nimm dir doch, iss ruhig, trink noch was; Rolf, der kaut und schon wieder zugreift, ein halbes Leberwurstbrot mit der flachen Hand in den Mund schiebt und, immer noch kauend, weiterarbeitet.

Nur dass die Wand in der Küche Risse bekommen hat, sie sieht es durchs trüb gewordene Fensterglas. Die Tapete in Toms Kinderzimmer, verblichen und fleckig; durch die Lamellen der braunen verwitterten Fensterläden kann sie es sehen, und winzige Splitter der abgeblätterten Farbe kleben jetzt an ihren Fingerkuppen.

Der Garten: verwildert, verwahrlost. Die Sandsteinplatten zersprungen, das Gras kniehoch. Der Zaun überwuchert von Brombeerhecken.

Man reißt sich die Haut auf an diesen Hecken, die dünnen roten Striemen verheilen nur langsam. Stunden dauert es, bis man einen Eimer voll Brombeeren gesammelt hat. Der blauschwarze Sirup wird kochend heiß in Gläser gefüllt, die Gläser kommen in den Einkochtopf aus verzinktem Stahl und später auf frisch gewaschene Küchentücher, wo sie allmählich abkühlen. Im Sommer darauf kauft Mama eine Joghurtmaschine, und den Einkochtopf stellt sie in den Keller neben all die anderen kaum benutzten Küchengeräte.

Warum ist es bloß so schwer, hier zu stehen, vor dem verfallenen Haus, nein, nicht nur schwer, sondern nicht mehr auszuhalten; sie zieht das Handy aus der Tasche, weil sie jetzt, sofort, seine Nummer wählen, mit ihm sprechen muss.

»Edith«, sagt er. »Is that you?«

»Yes.«

Nichts wie weg, raus aus diesem Garten, aus dieser Stadt und sogar aus diesem Land; wie gut, dass er nicht mit hierhergekommen ist, gut und dennoch quälend, gleichzeitig.

»How are you?«, sagt er, und es wäre nicht zu ertragen, all das hier, ohne seine Stimme, ohne dieses how are you, und doch wird es dadurch noch schlimmer.

»Ich …«

»Warst du bei deiner Mutter?«

»Ja. Ich war mit ihr essen.«

»Wie geht es ihr?«

»Sie jammert und klagt, wie immer. Sie hat es am Herzen, und sie sieht nicht mehr richtig. Ständig soll ich schauen, ob sie einen Fleck auf der Bluse hat. Seit einem Jahr haben wir uns nicht gesehen, und das Einzige, was sie interessiert – ob sie womöglich einen Fleck auf der Bluse hat.«

»Und wo bist du jetzt?«

»Hinterm Haus. Wo wir gewohnt haben.«

»Wie ist es?«

Vielleicht wäre es ja trotz allem besser gewesen, im Pflegeheim anzurufen, noch einmal mit Mama zu reden statt mit ihm. Zu Mama könnte sie einfach sagen: Weißt du, es sieht noch genauso aus wie damals, zumindest, wenn man vor dem Eingang steht. Aber dahinter … Mama könnte es sich vorstellen. Weißt du noch, Mama: Papa hat die Klinik immer eine alte Dame genannt.

Diese große, großartige alte Dame. Zum ersten Mal kommt sie ihr wirklich alt vor.

Im Haupttrakt, im Rumpf der Klinik, in dem sich früher die Verwaltungsräume befanden, herrscht noch ein wenig Leben; eine kleine psychiatrische Abteilung ist mittlerweile dort untergebracht. Eben ist sie daran vorbeigelaufen. Sie hat den gleichen Weg genommen wie früher, wenn sie von der Schule kam: von der Bushaltestelle bis zum Portal. Am Pförtner vorbei. Durch die Flure des Hauptgebäudes, zum Hinterausgang. Durchs Klinikgelände. Nach Hause.

Nur dass es längst keinen Pförtner und keine Pforte mehr gibt. Und dass viele Gebäude leer stehen. So wie die Cafeteria mitten im Park: Sie war das Herz der Klinik gewesen.

Heute ein zusammenbrechender Bau.

Stattdessen – im Hauptgebäude – eine Bäckerei mit Kaffeeausschank, die Filiale einer Bäckereikette. Fabrikfrische, tiefgekühlt angelieferte Teiglinge werden dort nur noch aufgewärmt und verkauft. Wir backen für Sie mit Herz steht auf den Brötchentüten, aber es steht auf allen Brötchentüten, in allen Filialen, an jedem beliebigen Ort in diesem Land.

»Edith?«

»Ich bin eben durchs Gelände gelaufen. Man sieht so wenige Menschen. Und man erkennt gar nicht mehr, wer Patient ist und wer hier arbeitet.«

»Na, ist doch gut, wenn man es nicht mehr gleich erkennt. Oder?«

»Ja. Sicher.«

Man darf sich das nicht zurückwünschen.

Auch nicht die Wärme der Backstube, den Geruch von Sauerteig, frischem Weißbrot und Brötchen. Den Butterkuchen am Freitag und die Plätzchen und Stollen zur Weihnachtszeit. Die Backstube, in der Alfons, der stotternde, ständig vor sich hin stammelnde Alfons, werktags wie sonntags die Böden fegte; Alfons, vollkommen zahnlos, weil zu der Zeit, als er in diese Klinik kam, der Zahnarzt bei einem, der so randalierte wie Alfons – der sich wehrte und nach den Händen biss, die ihm helfen wollten –, der alte Zahnarzt also gleich alle Zähne auf einmal zog. Das geht schließlich nicht, jedes Mal dasselbe Theater wegen ein oder zwei fauler Zähne. Die verrotten ohnehin schneller, als er danach schauen kann.

Papa hatte es ihr einmal erzählt. Zu Papas Zeit war dann Schluss mit dieser Art von Behandlung.

»Bist du noch dran?«

»Ja.« Sie lehnt sich an den Fensterladen und sieht zu den drei Tannen, die den Garten begrenzen. Kaum höher und breiter sind sie geworden.

Dahinter, wo früher nur Wald war: der neu erbaute Hochsicherheitstrakt, die Forensik. Metallgitter, Stacheldraht. Scheinwerfer in dichten, regelmäßigen Abständen. Kein Entkommen mehr.

Kaum hundert Meter vom Gartenzaun, den Papa immer wieder geflickt und den Tom immer wieder aufgebogen hatte, um abzuhauen. Ins Gelände. Zu den Kirschbäumen.

»Sorry, Edith, dass ich jetzt nicht …«

»Nein, ist schon okay. I’m okay.«

Sie geht durch das Gras, um die Tannen herum, sucht die Stelle im lächerlich dünnen, verbeulten Maschendraht.

»Das Loch im Zaun ist noch da.«

»Was für ein Loch im Zaun?«

»Irgendwann zeige ich es dir.«

»Was denn?«

»Alles. Das alles hier.«

I

Er war mit Luzie bei den Kirschbäumen gewesen, und er hatte so viele Kirschen in sich hineingestopft, dass er am Ende selbst vom Baum geplumpst war wie eine überreife Frucht.

Nun stand er vor Papa, vor der weit geöffneten Zimmertür, und Papa sagte: »Komm herein, Thomas.«

Thomas – das war gar nicht gut.

Papa deutete auf den Stuhl neben dem Schreibtisch: ein breiter Stuhl aus dunklem Holz, die Sitzfläche mit glattem braunem Leder bezogen. In die Rückenlehne waren verschiedene Muster geschnitzt. Tom liebte diese Muster, er hätte sie gerne länger betrachtet, aber das ging jetzt nicht, denn Papa sagte: »Setz dich.«

Also schob er sich auf den Stuhl und legte die Hände ordentlich ab. Auf jedes Knie eine Hand. Seine Füße baumelten über dem Boden, er ließ sie ein klein wenig hinund herschaukeln, nicht zu sehr, damit Papa es nicht bemerkte und womöglich noch ärgerlicher wurde. Papa schloss die Tür, setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch und sah ihn an.

Schweigend.

Es musste etwas mit Luzie zu tun haben.

Eben, als Tom an Mama vorbei durch den Flur gegangen war, hatte sie Luzie hochgehoben und an sich gedrückt. Ihn hatte sie nicht einmal angesehen. Dabei hatte sie sich am Morgen noch gefreut, dass er Luzie nach draußen mitgenommen hatte, und zwar freiwillig.

Zu den Kirschbäumen. Erst am Männertrakt entlang und an dem großen roten Tor der Schreinerei vorbei, wo es nach frisch geschnittenem Holz und Zigaretten roch. Dort standen immer einige Patienten zwischen den Bretterstapeln und rauchten, bis der Schreinermeister sie wieder zur Arbeit trieb.

Einmal hatte Papa ihm die Werkstatt gezeigt. Der Schreiner hatte nicht nur Papa, sondern auch ihm, Tom, die Hand gegeben. Die staubige Luft voller Sägespäne hatte im Hals gekratzt, und die Kreissäge war ihm nicht geheuer gewesen – sie riss die Bretter, die man ihr hinhielt, an sich und fraß sich mit wütendem Kreischen durch das Holz. Sicherheitshalber war er hinter Papa stehengeblieben.

Aber jetzt rollte Papa mit seinem schweren Bürostuhl auf ihn zu und musterte ihn so gründlich, dass Tom aufhörte, mit den Beinen zu schaukeln.

Noch immer wusste er nicht, was er angestellt hatte. Zumindest nicht genau. Er war mit Luzie an der Schreinerei vorbeigegangen und dann auf dem Trampelpfad durch die Wiese. Die Kirschbäume standen oberhalb der letzten Gebäude. Hinter den drei hohen Bäumen gab es noch einen kleineren, der einen besonders freundlichen untersten Ast hatte, an dem Tom sich hochziehen und hinaufklettern konnte. Es war sein Baum. Diesmal traute er sich sogar ein, zwei Äste höher als sonst und pflückte, was noch zu pflücken war.

Luzie schaute geduldig zu ihm auf. Er zielte in die Schürze ihres Kleidchens, die sie wie ein Sprungtuch aufgespannt hielt. Während sie nach oben blinzelte, trat sie einen Schritt zurück und fiel auf ihren Hintern. Zum Glück war sie keine, die gleich zu heulen anfing. Sie sah eher verblüfft aus.

Er kletterte ein Stück tiefer, sprang ins Gras und drückte ihr eine letzte Kirsche in die Hand, die sie gleich in den Mund steckte und aß. Sie schob den Kern auf die Unterlippe und gab ihm einen leichten Schubs mit der Zungenspitze.

»Du musst richtig spucken. Schau, so!«

Tom legte den Kopf in den Nacken und schoss seinen Kern durch die Äste, weit über die Wiese. Danach zog er Luzie mit sich, in die Richtung, in die der Kern geflogen war, den Hang hinunter und bis zum Ende des Männertraktes, wo der Weg im Bogen zurück nach Hause führte. Diese Kurve war Grenzgebiet. Rechts davon nur noch Wellblechschuppen und das verrostete, immer abgeschlossene Tor. Dahinter, auf der anderen Seite: die Straße zum Neubaugebiet.

Das Tor war nicht hoch, es war sogar niedriger als der unterste Ast seines Kirschbaums. Tom hätte leicht darüberklettern können. Doch das durfte er nicht. Er wollte es auch gar nicht. Jenseits der Grenze lag fremdes und ödes Land, die wenig befahrene Straße, Felder und Brachland, erst in einiger Entfernung sah man die Häuser der neuen Wohnsiedlung – was hätte er dort schon anfangen sollen?

Er wandte sich um. Im obersten Stock des Männertraktes, hinter einem der vergitterten Fenster, sah er einen Mann. Genau genommen nur eine Hand zwischen den Eisenstäben. Etwas glitzerte auf in der Luft, und mit einem kurzen, hellen Klingen landete eine Münze auf dem Boden. Tom lief hin, hob sie auf.

Es war ein Fünfzigpfennigstück: Auf der Rückseite war eine Frau, die barfuß auf der Erde kniete, um ein Bäumchen einzupflanzen. So hockte Mama auch oft im Garten vor den Beeten. Die silbernen Geldstücke waren alle mehr wert als die braunen, sogar mehr als die goldenen – die natürlich nicht wirklich aus Gold waren, Edith hatte es ihm erklärt. Nach den Ferien würde er in die Schule gehen und jede Woche fünfzig Pfennig bekommen. Bloß, das hatte Papa ihm versprochen, bevor er so wütend geworden war, und vielleicht würde er ihm nun doch kein Taschengeld geben?

»Stell dich mal hin«, sagte Papa.

Tom rutschte vom Stuhl.

Papa klopfte ihm auf die Hosentaschen, so dass die Geldstücke darin klimperten. Dann griff er hinein und zog sie heraus.

Es war doch sein Geld. Er hatte es am Boden gesucht und gefunden, also stand es ihm zu. Er hatte Luzies Röckchen hochgehoben, wie der Mann das gewollt hatte, so wie Mama, wenn sie prüfte, ob Luzie noch trocken war. Und jedes Mal, wenn das helle Rosa der Unterhose zu sehen gewesen war, hatte es weitere Münzen geregnet.

Bis Luzie zu quengeln begonnen und seine Hand weggeschoben hatte. Da waren sie heimgegangen. Rechtzeitig zum Mittagessen. Das es aber noch gar nicht gegeben hatte, denn Papa war nach Hause gekommen und gleich in die Küche gegangen, ohne ihn oder Luzie zu begrüßen, hatte dort, hinter der verschlossenen Tür, mit Mama geredet und ihn danach zu sich ins Arbeitszimmer gerufen.

Tom war hungrig. Und seine ganzen silbernen Münzen lagen in Papas Hand. Der darauf starrte wie auf krabbelndes Ungeziefer, sie plötzlich, mit einer einzigen heftigen Bewegung hinter sich in den Papierkorb warf und ein Taschentuch aus der Hose zog, ein großes weißes Taschentuch – sich gründlich die Hände damit abwischte, das Tuch einsteckte, auf seine Uhr schaute, danach wieder ihm, Tom, ins Gesicht und schließlich sagte: »So. Und jetzt reden wir miteinander. Von Mann zu Mann.«

II

Christian sah seinem Sohn hinterher, der durch den Flur zurück ins Esszimmer trottete. Dann schloss er die Tür, um noch einen Moment für sich zu haben.

Er wollte sich nicht verrückt machen lassen.

Das Ganze war unangenehm, peinlich, und vor allem ärgerte es ihn, dass ausgerechnet der Stationsarzt die beiden beobachtet hatte – aber verdammt, es waren Kinder. Tom hatte kaum begriffen, was passiert war, und Luzie überhaupt nicht.

Er setzte sich wieder an den Schreibtisch.

Nein, seine Kinder waren nicht in Gefahr. Es bekam immer jemand mit, was sie im Klinikgelände trieben, und hinterbrachte es ihm, so wie Lüdke, der Stationsarzt, an diesem Morgen. Obwohl Christian es anmaßend, geradezu vertraulich fand, wie Lüdke ihn am Ärmel gezupft und zur Seite gezogen hatte – dennoch, er konnte froh sein, dass er es erfahren hatte. Vor allem, bevor Ada davon wusste.

Denn das eigentliche Problem war Ada.

Nun würde es wieder einmal von vorne anfangen: Vorwürfe. Tränen. Abende, an denen sie so tat, als schliefe sie, wenn er sich zu ihr legte.

Dabei kam ein Umzug einfach nicht in Frage.

Er stützte den Kopf in die Hände.

Ada. Ständig hatte sie neue Wünsche und Ideen; wechselte, wenn nicht gerade die Frisur, dann wenigstens die Marke ihrer Zahnpasta; Kleider, Schuhe wurden angeschafft; Küchengeräte, die noch praktischer waren als jene, die sich bereits in den Schränken stapelten. Ständig mussten Dinge aus- und wieder eingeräumt werden, und wenn sie schon dabei war, stellte sie auch gleich die Möbel um. Immer wollte sie Veränderungen, nichts als Veränderungen – nur damit etwas verändert war!

Er glaubte nicht an einen Umzug. Dass dadurch alles anders, also besser würde.

Es gehe ihr ja nicht nur um die Kinder. Er solle auch mehr Abstand zur Klinik haben. Öfter zu Hause sein. Bloß – wie sollte er öfter zu Hause sein, wenn er dauernd mit dem Auto unterwegs sein müsste? Dieser schlichten Logik war sie nicht zugänglich.

Die Kleinen, Tom und Luzie, könne sie nicht dauernd überwachen. Und mit Edith sei es auch nicht leicht. Drei Kinder, Haus und Garten – Ada war offensichtlich überfordert. Und das, obwohl Inka ihr einmal in der Woche half. Inka war schizophren, medikamentös jedoch gut eingestellt, und sie war zuverlässig. Er zahlte ihr ein großzügiges Taschengeld.

Ada war trotzdem überfordert.

Sie war verwöhnt – er wollte nicht so denken, doch je weniger er es sich erlaubte, desto mehr schien Adas Lamentieren es zu bestätigen. Sie war verwöhnt, empfindlich und labil.

Stets befand sie sich in einem Zustand kurz vor, mitten in oder unmittelbar nach ihrer Periode. Also in einem beklagenswerten Zustand, den er zu berücksichtigen hatte. Ein neurasthenisches Geschöpf mit Schmerzen und Migräne, das bei allem Klagen und Sich-ans-Kreuz-Fassen plötzlich zuschnappen konnte wie eine bissige Stute.

Nun war sie gerade heute einmal gutgelaunt gewesen. Das Essen auf dem Tisch, die Hemden frisch gebügelt – nach dem Bügeln verteilte Ada sie in der ganzen Wohnung; sie hingen am Türgriff, am Knauf der Kommode, sogar an der Stehlampe, die sich unter dem Gewicht der Holzkleiderbügel leicht zur Seite neigte.

Ada behauptete, die Hemden müssten auskühlen. Er hatte keine Ahnung, ob das stimmte oder ob die Zurschaustellung seiner Wäsche nicht viel eher dazu diente, ihm zu demonstrieren, wie viel Arbeit er ihr bereitete, indem er seine Hemden völlig durchschwitzte, manchmal sogar zwei am Tag. Als ob er das absichtlich täte!

Auch jetzt spürte er die feuchte Wärme unter seinen Armen. Am liebsten hätte er sich noch geduscht, doch dafür reichte die Zeit nicht mehr. Er ging ins Bad, zog das Hemd aus und warf es in den Wäschekorb. Sein Gesicht kühlte er mit einem nassen Waschlappen, den er danach in den Nacken legte und mit einer Hand festhielt, während er ins Schlafzimmer schlich, um ein frisches Hemd aus dem Schrank zu holen.

Ada war sicher noch am Esstisch mit den Kindern.

Ruhig, sachlich und betont knapp hatte er ihr berichtet, was geschehen war. Sie wusste, dass er sich in seiner Mittagspause auf keine Diskussionen einlassen konnte.

Er wusste, dass die Auseinandersetzungen noch kommen würden.

Er ging zurück ins Bad, warf den Waschlappen zur Schmutzwäsche. Band seine Uhr um. Dachte an die Akte auf dem Schreibtisch – er kannte diesen Greiber. So wie jeden der Langzeitpatienten. Viele waren ebenso lange in der Klinik wie er, manche sogar länger.

Normalerweise ging er zu den Stationen oder ins Labor, wenn er Patientendaten brauchte. Diesmal hatte er die Sekretärin geschickt. Um Greiber nach dem Vorfall nicht mehr zu begegnen?

Im Arbeitszimmer setzte er sich wieder an den Schreibtisch. Sah auf das braune Deckblatt. Öffnete die Akte. Er überflog die ersten Seiten. Und lehnte sich mit einem schweren Ausatmen zurück.

Es waren Kranke.

Den Assistenzärzten predigte er, worauf es wirklich ankam in der Therapie: zu jedem der Patienten – und sei er dem Psychiater noch so fremd, ja, vielleicht sogar unsympathisch – eine menschliche Verbindung herzustellen. Ohne Sympathie ist keine Heilung möglich, immer wieder zitierte er hierbei Sándor Ferenczi, auch wenn die jungen Ärzte den nicht kannten; er formulierte es sogar mit noch mehr Emphase, selbst wenn sie daraufhin verlegen lächelten oder zu Boden sahen: ohne Liebe keine Heilung.

Und? Galt das nicht für alle? Also auch für Johann Greiber?

Früher hatte Christian die Erstgespräche durchgeführt, ohne die Akten vorher einzusehen. Um Menschen unbefangen zu begegnen, ohne Vorurteile. Einmal hatte er mit einem Studenten gesprochen, der Vertrauen fasste und ihm von seiner Leidenschaft fürs Kanufahren erzählte. Für Uferlandschaften schwärmte, die, wie er sagte, ganz anders aussähen, wenn man sie vom Wasser aus betrachten könne. Eine lange, angenehme Unterhaltung.

Erst danach hatte Christian gelesen, dass dieser junge Mann eine dreiundachtzigjährige Frau vergewaltigt und anschließend mit allem, was er greifen konnte, auf sie eingestochen hatte. Auf den Polizeifotos sah man die Tatwaffen: Küchenmesser, verbogene und blutverschmierte Gabeln, sogar ein Korkenzieher – ihm, Christian Neumann, damals schon Oberarzt und die rechte Hand von Professor Leinen, hatte es den Magen umgedreht wie bei der allerersten Obduktion.

Seither ging er nicht mehr unvorbereitet in die Erstgespräche.

Er versuchte, sich diesen Greiber zu vergegenwärtigen: die stumpfen, müden Augen, das Gesicht, aufgeschwemmt nach Jahren hochdosierter Neuroleptika, ein pädophiler, grenzdebiler – aber nein, so emotional, so undifferenziert durfte er an die Sache nicht herangehen! Immerhin, Greiber war kein Sadist, kein Mörder. Kein Jürgen Bartsch. Die Prozesse vor zehn Jahren hatte Christian genau verfolgt, so spektakuläre Fälle erlebte selbst er als Psychiater selten. Bartsch, im Blitzlichtgewitter unzähliger Kameras, mit gesenktem Kopf und scheuem Blick nach oben: Auf manchen Bildern sah er fast aus wie James Dean.

»Kirmesmörder« nannten ihn die Zeitungen. Die Jungen, alle zwischen acht und zwölf, hatte er auf Rummelplätzen angesprochen und in sein Versteck gelockt. Dort hatte er sie tagelang misshandelt und gequält, bevor er sie tötete.

Weit weg von jeder Psychiatrie.

Vielleicht waren die Kinder hier ja sicherer als in der Stadt.

Nun, die Akte Greiber. Sein IQ lag knapp unter 50 – eine leichte bis mittelgradige Oligophrenie. Er war nicht pädophil im eigentlichen Sinne, sondern völlig triebgesteuert und enthemmt. Auch junge Frauen hatte er sexuell belästigt, bloß waren sie von der Geschlossenen aus für ihn nicht mehr erreichbar. Im Gegensatz zu meinen Kindern, dachte Christian. Und klappte die Mappe zu.

Es waren seine Kinder, die dort unten auf dem Gehweg gestanden hatten, seine Kinder, denen Greiber durch das Fenstergitter Fünfzigpfennigstücke hingeworfen hatte – mit der einen, freien Hand, dabei mit der anderen masturbierend; beim Gedanken daran, dass Tom die Münzen eingesammelt hatte, beim Gedanken daran, dass er, Christian, sie eben aus den Hosentaschen seines Jungen hatte holen müssen, bei all diesen Gedanken wurde ihm so übel, dass er ohnehin nichts mehr zu Mittag hätte essen können, selbst wenn dazu jetzt noch Zeit gewesen wäre. Und an Luzie durfte er dabei nicht einmal denken, sonst …

Genug.

Er stand auf, ging in die Küche.

Ada war dabei, den Esstisch abzuräumen.

Er verabschiedete sich mit einem Kuss auf ihre Wange. Es war ein Kuss, der keinen weiteren Kommentar zum Vorgefallenen zuließ. Bevor er ging, holte er die Akte aus dem Arbeitszimmer.

Es war wichtig, sich Gefühle und Gedanken zu vergegenwärtigen.

Doch genauso wichtig war es, dass sie nicht sein Verhalten beherrschten.

Die Klinik war ihm immer schon wie eine alte Dame vorgekommen, respektabel, beinahe ehrfurchtgebietend, mit ihrer Fassade aus rostrotem Sandstein und dem Rondell davor, stets frisch bepflanzt mit gelben und violetten Stiefmütterchen, einer Brosche vor dem gepflegten Dekolleté.

Am Hauptportal erhoben sich – wie schön geschwungene Augenbrauen – die Fensterbögen, durch die das Licht der Kronleuchter nach außen fiel. Die vorderen Gebäude, in denen nur Verwaltungsräume lagen, waren flankiert von Rotbuchen und riesigen Kastanienbäumen, umgeben von einem Mantel weitläufiger Parkanlagen. Als sollte all das, diese ganze imposante Front zur Straße hin, die Innereien der Klinik überdecken. Die Körperlichkeiten, die ihr peinlich waren.

Die alte Dame litt an Flatulenzen.

Kein Wunder, bei all dem Kohl, den Steckrüben und Bohnen, die in der Großküche vor sich hin köchelten. Sie wurden mit viel Kartoffelbrei und wenig Fleisch in die verbeulten Blechtöpfe gefüllt. Die Henkelmänner standen dann auf grauen Leiterwagen; Patienten brachten sie zu den Stationen, die halb verdeckt im Grünen lagen. Dabei zogen Gerüche hinter ihnen her, die einem schon beim Einatmen den Bauch aufblähten. Christian war froh, dass er zu Hause essen konnte. Ada kochte leicht und gut, meist konnte er die knappe Stunde mit ihr und den Kindern auch genießen.

Gegen die Gerüche der Großküche kämpfte die Wäscherei an, mit Waschmitteln und Bleiche. Ätzende Dämpfe hingen über Bergen von schmutziger und eingeweichter Wäsche – Arztkittel, Schürzen, Bettlaken. Dichte, heiße Nebelschwaden quollen durch das immer offenstehende Tor auf den Gehweg.

Hinter der Wäscherei war das Herz der Klinik: die Cafeteria. Plastikstühle und rote Metalltische auf der Terrasse. Bänke unter den Platanen rund um die Minigolfanlage. Wellensittiche und Kanarienvögel piepsten in der Voliere vor sich hin.

Innen Kaffeegeruch und Radiogedudel. Dort wirkte alles ein wenig unbeschwerter und heiterer als auf den Stationen, auch wenn die Heiterkeit bemüht und selbstgebastelt war.

An den Fenstern Blumenampeln aus geknüpftem Makramee, in denen die unvermeidlichen Graslilien wucherten. Auf den Tischen Trockengestecke. Untersetzer aus zusammengeklebten Holzwäscheklammern. Und überall Getöpfertes: Kerzenständer, Schalen, Aschenbecher – ständig kam Nachschub aus der Beschäftigungstherapie im hellgelben Neubau oberhalb der Stationen.

Darüber, nahe der Kapelle und dem Friedhof, lagen in einer leichten Senke die Streuobstwiesen. Dahinter stieg der Berg steil an, von dem man vor hundert Jahren den Sandstein abgetragen hatte, um das Hauptgebäude, die Seitenflügel und die Pavillons der damaligen Provinzial-Irrenanstalt zu errichten.

Die Kapelle war der letzte Ausläufer der rostroten Gebäude. Wie ein erhobener Zeigefinger wies ihre Spitze Richtung Himmel. Sie diente als Leichenhalle, und Christian wusste, dass dort oben, wo man dem Tod notgedrungen einen Platz zugestanden hatte, noch etwas anderes im Verborgenen blühte: die Sexualität. Am Waldrand, jenseits von Friedhof und Kapelle, hatten viele Patienten ihre Verstecke, wo sie im Schutz der Bäume und Gebüsche Intimitäten austauschen konnten.

Seit Jahren setzte Christian sich für Aufklärung und Verhütungsmittel ein. Für eine Verhütung, die nicht mehr darin bestehen konnte, nicht mehr darin bestehen durfte, dass man versuchte, die Treffen der Patienten zu verhindern. Oder Tatsachen schlichtweg zu verleugnen. Wie viele Diskussionen hatte er deswegen schon geführt! Mit Kollegen, dem Pflegepersonal, den Angehörigen – Menschen, die in ihren eigenen Betten treiben konnten, was sie wollten.

Die Extremitäten der Klinik: rechter Hand das Schwesternwohnheim und linker Hand die Reihenhäuser, in denen Angestellte wohnten. Und, als Appendix, Christians Haus. Hell, modern, mit einer breiten Fensterfront zur Straße hin. Im Garten hohe Birken, Tannen, eine große Wiese. All das in Stadtnähe, was Ada ja so wichtig war. Eine halbe Stunde Gehweg, mit dem Auto fünf Minuten. Den Audi überließ er meistens ihr, er konnte die Verwaltung und die Stationen in wenigen Minuten zu Fuß erreichen.

Aus Gewohnheit hatte er den Weg zu seiner eigenen Station eingeschlagen. Der Spaziergang tat ihm gut, doch er machte kehrt. Er wollte zu Lüdkes Station, wollte noch einmal mit ihm über Johann Greiber reden.

Vor dem Männertrakt stand ein Streifenwagen.

Christian ging die Treppe hoch zum zweiten Stock, schloss auf und hinter sich gleich wieder zu. Und hatte den Rücken eines Pflegers vor sich.

»Was ist denn hier los?«

Der Pfleger wandte sich um. Nun bemerkte Christian die beiden Polizisten, die versuchten, einen Neuzugang zu bändigen. Daneben Lüdke, dessen Blick von einem zum anderen ging – ohne dass er eingriff, ohne dass er irgendetwas tat. Wie sehr ihm dieser Lüdke auf die Nerven fiel!

Der Neuzugang war eine Frau.

»Die sollte eigentlich auf die Akute«, sagte der Pfleger mit einem breiten Grinsen im Gesicht. »Erst ließ sie sich kaum hier hochschaffen, und jetzt will sie anscheinend gar nicht wieder weg.«

Als er sah, dass Christian das Grinsen nicht erwiderte, machte der Pfleger einen Schritt zur Seite und ließ ihn in den Ring.

Warum hatte man zwei so unerfahrene Polizisten hergeschickt? Jeder, der länger als ein paar Monate im Dienst war, wusste, wo die Akute war!

Die Patienten standen hinter der Zwischentür und stierten durch das Sicherheitsglas. Die junge Frau warf den Kopf zurück, doch die langen Haare fielen ihr gleich wieder ins Gesicht. Holz- und Perlenketten hingen wirr und verknotet vor der Brust, die rote Bluse stand weit offen, so dass man den BH darunter sah. Er war schwarz. Schweißflecken unter den Armen, ein verrutschter, knapper Rock – und dennoch wirkte sie gepflegt. Tochter aus gutem Haus. Das waren teure Wildlederstiefel, die sie da trug.

Ob er die Eltern kannte?

»Wie heißen Sie?«

»Verrät sie uns nicht«, sagte einer der Polizisten. »Papiere hat sie auch nicht dabei.«

Christian suchte ihren Blick: Die Pupillen waren erweitert, offensichtlich war sie intoxiniert. Wahrscheinlich LSD. Kein Alkohol. Seit seiner Kindheit hatte er einen Instinkt für alkoholisierte Menschen, selbst die geringsten Mengen nahm er von weitem wahr, hatte ein flaues Gefühl im Magen, noch bevor andere etwas rochen oder sahen.

Wieder versuchte sie, die Hände der Polizisten abzuschütteln. Aussichtslos, so zierlich, wie sie war.

»Mein Gott«, sagte er, »lassen Sie die Frau doch los, Sie machen sich ja lächerlich!«

Sie sah ihn an. Zumindest auf ihn reagierte sie – das war schon mal ein Anfang.

»Übernehmen Sie die Verantwortung?«, fragte der Polizist.

»Na, wer denn sonst?«, sagte Christian mit einem Seitenblick zu Lüdke.

In Zeitlupe ließen die Polizisten ihre Arme sinken. Gemeinsam traten sie den Rückzug an. Richtung Ausgang oder vielmehr Richtung Pfleger, der noch immer davorstand, breitbeinig, wie um die Tür zu sichern.

»Ich kann mich nicht um die Frau kümmern«, sagte Lüdke, »ich muss wieder Ruhe auf meiner Station schaffen.«

»Ja doch«, sagte Christian scharf.

Der Pfleger zog den Schlüsselbund aus seiner Kitteltasche. Langsam und betont routiniert schloss er auf. Er schien seinen kurzen Auftritt zu genießen, während die Polizisten unruhig wurden und es plötzlich eilig hatten. Offensichtlich waren beide froh, von hier wegzukommen. Lüdke dagegen sah verwirrt zu Christian, weil er die Polizisten gehen ließ, statt sie mit dieser Frau zur Akuten zu schicken. Doch wer wusste, wo sie dann gelandet wären.

Was für ein Theater.

Die Patienten hinter der Scheibe kämpften um die besten Plätze.

»Dr. Lüdke«, sagte Christian. »Wären Sie so freundlich und würden jemanden von der Akuten kommen lassen, um die Patientin abzuholen?«

Er öffnete eine der seitlichen Türen, um die junge Frau endlich aus dem Blickfeld der Patienten zu schaffen. Es war ein Abstellraum.

Sie schloss die Knöpfe ihrer Bluse und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Währenddessen schob er die Nachtschränkchen und einen Tisch zur Seite, stellte zwei der aufgestapelten Stühle hin.

»Lassen Sie uns solange allein«, sagte er.

Und zu ihr: »Bitte.«

Zu einer guten Anamnese, auch das erklärte Christian den Assistenzärzten regelmäßig, gehört das genaue Wahrnehmen des ersten Eindrucks, den ein Patient auf den Psychiater macht. Wenn er einen neuen Fall übernahm – wofür er kaum noch Zeit hatte –, notierte er wenigstens kurz seine Gedanken und Empfindungen. Nicht in der Akte, die schließlich jeder einsehen konnte, sondern in seinen eigenen Unterlagen.

Der erste Eindruck wurde von den folgenden oft überlagert, vielleicht sogar verwischt. Jeder Psychiater wusste, dass es umso schwerer fiel, eine Diagnose zu stellen, je länger man den Patienten kannte. Deshalb war es wichtig, nachlesen zu können, was man als Erstes, und zwar unzensiert und ungefiltert, aufgeschrieben hatte.

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