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Die Goblins

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Danksagung
  7. Zitat
  8. 1 SCHMODDERDIENST
  9. 2 BARIUS’ WUNDER PUNKT
  10. 3 HISTORIE UND HARMONIE
  11. 4 JIGS GLORREICHE IDEE
  12. 5 EIN TAG AM STRAND
  13. 6 MEHR STICHELEIEN
  14. 7 DIE HITZE DES GEFECHTS
  15. 8 BEWAFFNET BIS AN DIE ZÄHNE
  16. 9 GÖTTERFOLTER
  17. 10 ENTTÄUSCHTE ERWARTUNGEN
  18. 11 ZWISCHEN TOD UND EINER DUNKLEN GRUBE
  19. 12 LEBEN AUF GROSSEM FUSS
  20. 13 EINE WEITERE HAND GEHT EINES FINGERS VERLUSTIG
  21. 14 STRAUM WENDET EINE MÖGLICHE REBELLION AB
  22. 15 ÄRGER KOCHT HOCH
  23. 16 HOL’S STÖCKCHEN!
  24. 17 MITTEN INS AUGE
  25. 18 EIN FATALER FEHLTRITT
  26. 19 ABSCHIEDSGESCHENKE

Über das Buch

Jig ist ein Goblin. Ein kleiner, schwächlicher Goblin. Wenn er eines nicht sein will, dann ein Held. Eines Tages jedoch fällt er einigen Abenteurern in die Hände, die in seine Heimat eindringen. Sie verlangen, dass er sie zu einem magischen Artefakt führt. Dumm nur, dass sich das Artefakt in den Tiefen eines höchst gefährlichen Höhlensystems befindet, in den Klauen eines Drachen. Um dieser misslichen Lage zu entfliehen, bleibt dem bibbernden Jig nur eine Wahl: Er muss zum Helden werden … irgendwie.

Über den Autor

Jim C. Hines wurde 1974 geboren. Er hat Psychologie und Anglistik an der Michigan State University studiert. Er schreibt seit den frühen neunziger Jahren, inzwischen als Vollzeit-Autor. Sein Fantasy-Roman »Die Goblins« wurde auf Anhieb in verschiedene Sprachen übersetzt und fand bei den deutschen Lesern eine große Fangemeinde. Jim C. Hines lebt heute mit seiner Familie und vielen Haustieren in Michigan.

DANKSAGUNG

Mein tief empfundener Dank gilt den folgenden Personen für ihre Unterstützung und ihren Ratschlag:

Bill Rowland, Nicole Montgomery, Teddi Baer und Anthony Hays, die dabei geholfen haben, den ersten Entwurf von Die Goblins im Nu zu dem Klassiker und Bestseller zu machen, den Sie jetzt in Händen halten.

Andy Hoover, Geologe par exellence, der Jahre der Ausbildung und Erfahrung auf solch lebenswichtige Fragen wie »Kann ich Kalkstein-Stalaktiten in einer Obsidian-Höhle haben?« verwendet hat. (Die Antwort ist nein … aber Sie können Malachit-Formationen haben, die genauso schnuffig sind.)

Jim und Sandy Hines, die die schrullige Besessenheit ihres Sohnes immer durch Geschichtenerzählen gefördert haben.

John Helfers, meinem Herausgeber, der überragend guten Geschmack demonstriert hat, indem er dieses Buch gekauft hat, und dessen aufschlussreiche Vorschläge das Endprodukt sogar noch stärker gemacht haben.

Den Verantwortlichen vom Michigan Department of Transportation, die sechs Monate gewartet haben, bevor sie endlich den Entschluss fassten, mich anzustellen. Dank ihrer hatte ich ein halbes Jahr lang nichts zu tun außer mich einzusperren und an diesem Buch zu arbeiten.

Tim Hoffmann für seine Hilfe, einen Gott zu erschaffen.

Schließlich meiner Frau Amy, die die Freuden und die Frustrationen meines Daseins als Schriftsteller miterlebt hat und trotzdem bei mir bleibt.

»Sie mögen in der Überzahl sein. Magie und Muskeln mögen auf ihrer Seite sein. Aber wir sind Goblins! Wir sind zäh, wir sind gemein, und wir sind ein paar sogenannten Helden mehr als gewachsen! Einige von uns werden sterben, doch für die Überlebenden wird dies ein Sieg sein, der auf immer in den Goblinerinnerungen fortlebt!«

– Goblinhauptmann (Name unbekannt),
kurz vor seinem Tod, verursacht durch
zahlreiche Stichwunden in den Rücken.

1
 
SCHMODDERDIENST

Jig hasste Schmodderdienst.

Gegen die eigentliche Arbeit hatte er nichts einzuwenden – er mochte den metallischen Geruch des Destillationsraums, in dem die Rückstände von wochenaltem Blut und Giftpilzen in ihren Wannen vor sich hin trockneten. Jig beklagte sich nie darüber, dass er die Tröge so sauber wie möglich ausschaben und die Rückstände mit gekochtem Fett, Spinnennetzen und einer dunkelgrünen Brühe mischen musste, die nach vermoderten Pflanzen stank. Ihm gefiel die Art, wie sich das Ganze von einer klumpigen Suppe in einen glatten, gallertartigen Schleim verwandelte, während er mit seinem Rührstab in der riesigen Schüssel seine Kreise zog.

Mit dem Schmoddertopf durch die Gegend zu laufen, den er linkisch von seiner Schulter baumeln ließ, und sparsam Klumpen des langsam brennenden Zeugs zu verteilen, war nicht so übel. Klar, wenn er unachtsam war, konnte schnell ein Spritzer Schmodder auf seiner Haut landen. Selbst wenn es nicht angezündet war, konnte das Gemisch in Sekundenschnelle Blasen hervorrufen. Wenn es einmal brannte, waren die gelben und grünen Flammen fast nicht mehr zu löschen, was der Grund dafür war, warum sie Schmodder benutzten, um die Höhle zu beleuchten. Aber Jig war achtsam, und anders als die meisten Schmodderarbeiter hatte er mehrere Jahre mit intakten Fingern überlebt.

Jig wäre wunschlos glücklich gewesen, wäre er nicht der einzige Goblin seines Alters gewesen, der beim Schmodderdienst hängen geblieben war. Es war eine Arbeit für Kinder: Goblins in Jigs Alter sollten eigentlich Krieger sein, aber die wenigen Male, die Jig auf Patrouille gegangen war, hatten nur seinen Ruf als tollpatschiger Wicht seiner Generation gefestigt.

Er rückte den dünnen Henkel auf seiner Schulter zurecht. In der Goblinhöhle gab es sechsundvierzig Feuerschalen, von denen jede nicht viel mehr als ein Loch im dunkelroten Obsidian der Wände war, mit einer handflächengroßen Vertiefung im Boden, die einen Zwei-Tage-Vorrat an Schmodder aufnehmen konnte. Jig schielte auf die vierte Feuerschale, die letzte in dem Gang, der vom Destillationsraum in die Haupthöhle führte.

Für Jig war die Flamme nichts als ein verschwommener Fleck. Er hätte sie schärfer sehen können, wenn er die Augen zusammengekniffen hätte, aber dazu hätte er auch sein Gesicht näher ans Feuer bringen müssen, als ihm lieb war. Das Dreieck der Flamme flackerte, als sein Atem sie streifte. Die Schüssel war fast leer; wer immer gestern die Runden gedreht hatte, war faul gewesen, und Jig würde viele der Schüsseln wieder anzünden müssen, bevor er Feierabend hatte.

»Faule Kinder«, grummelte er ärgerlich. Er tunkte einen Metallspatel in den Schmoddertopf und schaufelte vorsichtig einen großen Klecks aus der Masse. Den kratzte er am Rand der fast erloschenen Feuerschale ab, deren Flamme zischte und wuchs, als sie mit dem frischen Brennstoff in Berührung kam. Er schabte so viel Schmodder von dem Spatel, wie er konnte, und löschte ihn dann in dem Säckchen mit Sand an seinem Gürtel. Es wäre keine gute Idee, einen noch brennenden Spatel in den Topf zurückzustecken.

Er kam in die Haupthöhle, eine annähernd kreisrunde Kaverne aus hartem Obsidian mit hoher Decke. Die Wände fühlten sich schmierig an; die Glätte des Steins versteckte sich unter Jahren des Schmutzes. Die Schmodderfeuer gaben zwar sehr wenig Rauch ab, aber mehrere Jahrhunderte von ›sehr wenig‹ hatten zu einer geschwärzten, rußbedeckten Decke geführt. Der Schweißgeruch von fünfhundert Goblins vermischte sich mit dem kräftigen Duft von Golakas Küche. Jig lief das Wasser im Mund zusammen, als ihm das Aroma von marinierten Schirmlingen in die Nase stieg, die in Golakas großem Kessel vor sich hin kochten.

Er hielt sich dicht an der Wand, während er arbeitete. Je schneller er mit seiner Aufgabe fertig war, desto schneller konnte er essen.

Doch die anderen Goblins machten ihm die Sache nicht leicht. Ein Haufen von fünf oder sechs großen Kerlen lungerte an der nächsten Feuerschale herum und beobachtete ihn. Jigs spitze Ohren zuckten. Er war zu kurzsichtig, um erkennen zu können, wer da wartete, aber er konnte ihr amüsiertes Flüstern hören: Porak und seine Freunde. Das sah nach Schmerzen aus.

Er überlegte, ob er mit der anderen Seite der Höhle anfangen sollte. Bis er sich bis zu Porak vorgearbeitet hätte, würde es mindestens eine Stunde dauern; vielleicht würde ihnen bis dahin langweilig und sie gingen weg.

»Und vielleicht ernennt Porak mich zum Ehrenhauptmann seiner Patrouille«, murmelte Jig. Wahrscheinlicher war, dass sie ihm entgegenkämen, und was immer sie vorhatten, würde nur noch schlimmer ausfallen, weil sie diese Mühe auf sich nehmen mussten.

Jig beugte sich tiefer und ging auf die Gruppe zu. Die Meisten von ihnen waren immer noch am Essen, stellte er fest und versuchte, seinen eigenen Hunger zu ignorieren. Porak grinste, als Jig näher kam. Lange Fangzähne krümmten sich nach oben und nahmen Kurs auf seine Augen; seine Ohren zitterten vor Vergnügen. Einige seiner Freunde glucksten. Keiner ging aus dem Weg.

»Vetter Jig! Schmodderdienst, nicht wahr?«, fragte Porak. Er kratzte sich mit einem Klauenfinger an seiner Knollennase. »Wie lange wird’s noch dauern, bis du bereit bist für richtige Arbeit?«

»Richtige Arbeit?« Er blieb außerhalb ihrer Reichweite, bereit, jeden Moment die uralte Goblintradition des Weglaufens weiterleben zu lassen.

»Ruhm, Kämpfen und Blutvergießen.« Die Goblins plusterten sich auf wie Felseneidechsen, die um die Gunst eines Weibchens buhlen. Porak lächelte Jig an – ein mehr als deutliches Warnsignal. »Wir wollen, dass du mit auf Patrouille kommst.«

»Ich kann nicht.« Er hielt den Schmodderkübel hoch. »Ich habe kaum angefangen.«

Porak lachte. »Das kann warten, bis sie eine neue Ladung Schmodder zusammengemischt haben, eine, die nicht verunreinigt worden ist.«

Jig behielt Porak genau im Auge und versuchte zu ergründen, was dieses Lachen zu bedeuten hatte. »Der Schmodder ist doch einwandfrei«, sagte er vorsichtig.

Finger packten Jigs Arme von hinten. Er quiekte und wand sich, aber dadurch gruben sich die Klauen nur noch tiefer in sein Fleisch. Dummkopf! Er war so mit Porak beschäftigt gewesen, dass er nicht auf die anderen geachtet hatte. »Was macht ihr da?«

Porak hielt eine schwarze Ratte am Schwanz hoch. »Seht euch das an«, sagte er. »Ich weiß nicht, wer mehr Angst hat, die Ratte oder der kümmerliche Wicht!«

Die Goblins lachten, als sich der Nager im verzweifelten Bemühen, sich zu befreien, aufbäumte und hin und her zappelte. Jig zwang sich, sich zu entspannen. Sie wollten, dass er sich ebenso wie die Ratte sträubte.

Porak trat dichter an ihn heran. »Jeder weiß, dass Rattenfell die Feuerschalen entsetzlich stinken lässt. Eine Schande, dass jemand die hier in die Mixtur fallen lassen hat.«

Die Ratte verdoppelte ihre Anstrengungen und rief noch mehr Gelächter hervor. Die Hände, die Jig festhielten, lockerten ihren Griff. So schnell er konnte, schnappte sich Jig seinen Spatel und schnippte Schmodder über seine Schulter. Ein paar Tropfen landeten auf seinem Arm, und er zuckte zusammen, als die Haut Blasen warf. Aber der Goblin hinter ihm hatte einen weitaus schlimmeren Spritzer ins Gesicht bekommen. Er heulte auf und versuchte, den Schmodder wegzuwischen.

Wäre Jig besserer Laune gewesen, hätte er seinen Fänger daran erinnert, dass Wischen den Schmodder nur noch mehr verteilte. Ein noch lauteres Heulen sagte ihm, dass der Goblin es auch ohne seine Hilfe herausgefunden hatte.

Das Gelächter der anderen wurde beim Anblick dieses Schauspiels noch größer. Jig blickte auf der Suche nach dem besten Fluchtweg hektisch um sich, doch bevor er sich aus dem Staub machen konnte, machte Porak einen Satz nach vorn.

»Nicht so schnell, Vetter!« Er ließ die panische Ratte in den Schmoddertopf fallen. »Triff uns in zwei Stunden zum Dienst. Und zwing mich nicht dazu, dich holen zu kommen.«

Die Ratte versuchte, sich mit den Krallen am Rand des Topfes hochzuziehen. Ihr halber Körper steckte in der schleimigen Masse fest; ihr Quieken wurde schriller, als der Schmodder sich durch ihr Fell brannte. Jig hätte sie auch dann nicht retten können, wenn er es gewollt hätte. Selbst wenn er die vor Schmerzen verrückte Ratte aus dem Schmodder herausgeholt hätte, hätte es nur eines Funken bedurft, und Jig hielte eine tobende, brennende Ratte in Händen.

»Nimms mir nicht übel.« Er steckte den Spatel in den Topf und griff nach seiner Waffe, einem alten Küchenmesser mit lockerer Klinge. Nicht viel, aber genug, um die Ratte von ihrem Elend zu erlösen.

Er putzte die Klinge ab, wobei er penibel darauf achtete, dass kein Schmodder an ihr haften blieb; anschließend steckte er sie wieder in die Scheide an seinem Gürtel.

Na ja, wenigstens hatte er keinen Schmodderdienst mehr. Das war es doch, was er gewollt hatte, oder? Er würde auf Patrouille gehen. Ein klarer Schritt nach oben auf der Karriereleiter. Also warum war er dann nicht glücklicher? Goblins verbrachten Jahre damit, auf den Tag zu warten, an dem sie das Anzünden von Feuerschalen gegen das Beschützen der Höhle vor Abenteurern eintauschen konnten.

Vielleicht lag es genau daran. Wenn man lange genug nach Abenteurern suchte, fand man früher oder später wahrscheinlich auch welche. Abenteurer kämpften nicht mit fairen Mitteln. Sie schleppten magische Schwerter und Ringe mit sich, Zauberer und Zaubersprüche und Krieger, die sich so schnell durch Goblinpatrouillen schnitten, wie Golakas pikante Rattenklößchen ihren Weg durch den alten Häuptling fanden.

Dabei fiel ihm ein, dass er noch immer eine Ratte zu entsorgen hatte. Er schlug den Weg zur Küche ein.

Golaka selbst war nicht da, aber Jig traf einen ihrer Helfer an, der gerade ein unidentifizierbares Tier in Stücke hackte, das den Fehler begangen hatte, in den unterirdischen Gängen herumzuschnüffeln. Jig klatschte die schmoddergetränkte Ratte auf den nächstbesten Tisch.

»Was willst du mit dem schleimigen Ding?«

Jig gab die Unschuld in Person. Mit einem Achselzucken erwiderte er: »Einer der anderen hat es aus der Küche gestohlen. Sie wollten, dass ich es zurückbringe, bevor es euch auffällt, damit sie keinen Ärger bekommen.«

Der Goblin stieß mit einer Gabel nach der schmierigen, glänzenden Ratte. »Das ist Schmodder! Das können wir nicht essen.« Seine Augen verengten sich. »Wer hat sich überhaupt in der Küche herumgetrieben?«

Jig schüttelte den Kopf. »Porak hat gesagt, er bringt mich um, wenn ich es verrate.« Er hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte, dumm auszusehen. »Hoppla!«

»Porak, nicht wahr? Den wird sich Golaka krallen wollen.«

»Kann ich jetzt gehen?« Jig schlüpfte aus der Küche, ohne eine Antwort abzuwarten. Als er die Haupthöhle durchquerte, gestattete er sich ein Lächeln.

Oberflächenbewohner hatten die Redensart vom Zorn Gottes. Da Goblins sich nicht wirklich um Götter scherten, hatten sie einen alternativen Ausdruck – sie sprachen vom Zorn der Küchenchefin.

»In der Tat, ›die Ratte oder der Wicht‹«, sagte Jig mit Befriedigung.

Auf dem Weg zu seinem Treffen mit Porak und den anderen hielt Jig bei den Latrinen an. Er wartete, bis niemand zusah, kniete sich hin und schnappte sich eine rotgepunktete Spinne von der Größe seiner Hand. Die Spinne krabbelte an seinem Arm hoch und auf seinen Kopf. Bevor sie es sich in seinen Haaren gemütlich machte, zwickte sie ihn noch heftig ins Ohr.

»Autsch!« Jig rieb sich das Ohr. »Blöde Feuerspinne.«

Klecks, die blöde Feuerspinne, von der die Rede war, ignorierte Jigs Beschwerde. Wahrscheinlich war er verstimmt, weil Jig ihn den ganzen Tag vernachlässigt hatte. Aber weil es unklug gewesen wäre, Klecks auf Schmodderdienst mitzunehmen, lehnte Jig jegliche Schuldgefühle ab. Das Letzte, was er hätte gebrauchen können, war eine Feuerspinne, die heiß wurde, wenn sie Gefahr spürte. Wenn er Klecks dabeigehabt hätte, als der Goblin ihn von hinten überrascht hatte, wären sie womöglich alle in Flammen aufgegangen.

Jig fand die anderen in der Nähe des Höhlenausgangs. Von den zwölf Goblins war Jig mit Abstand der kleinste, und er versuchte, den schlimmsten Schulterknüffen und Scheinkämpfen auszuweichen.

»Ah, Jig, da bist du ja.« Porak grinste. »Jig wird uns heute Nacht begleiten.«

Unfreundliches Lachen erklang aus der Gruppe, und Jig musste sich zusammennehmen, um sich nicht furchtsam zu ducken. Alles würde prima werden. Er musste sich nur bewähren. Er konnte das.

»Sollen wir uns zuerst was zu essen schnappen?«, schlug jemand vor.

»Nein.« Poraks Lächeln verrutschte, und Jig verzog keine Miene, um seine Belustigung nicht zu zeigen. »Ich denke, heute Nacht halten wir uns von der Küche fern.«

Jig fragte sich, ob einer der anderen den Ursprung von Poraks blauem Auge erriet. Er würde es ihnen jedenfalls nicht erzählen.

»Lasst uns gehen«, befahl Porak und beendete damit jeglichen Protest.

Sie gingen durch einen langen Tunnel, bis sie an der alten Glasstatue eines Goblins ankamen, der Grenzmarkierung, die den Rand des Goblinterritoriums kennzeichnete. Sie stand hier seit Generationen und war vermutlich so alt wie der Berg selbst. Niemand wusste, wer die Statue geschaffen hatte. Und weil sie Goblins waren, interessierte es auch niemand besonders. Ein großer Stein hätte die Stelle genauso gut gekennzeichnet.

Zwei stämmige Goblins hielten Wache, falls man Prahlen mit den jüngsten sexuellen Eroberungen als Wachestehen bezeichnen konnte.

Jig zitterte, als sie neutrales Gebiet betraten. Er hoffte, dass es keinem auffiel, aber er konnte nichts dagegen tun. Die Wesen, die unter der Oberfläche lebten, hatten diese Tunnel untereinander aufgeteilt. Den Goblins gehörte das südliche Labyrinth. Die größeren Hobgoblins bewohnten die wärmeren Höhlen im Westen, weiter weg vom Eingang. Die Echsenfische waren logischerweise auf ihren kalten See beschränkt.

Die Echsenfische waren die Schlimmsten, und die Goblins mieden sie, wenn es irgendwie ging. In Zeiten der Nahrungsknappheit gingen die Goblins dennoch ab und zu zum See, um zu jagen. Das diente zweierlei Zwecken. Die weißäugigen Kreaturen waren zwar kein schöner Anblick, aber sie waren essbar, und Essen war Essen. Und da es einigen Mitgliedern der Jagdgruppe normalerweise gelang, sich an den giftigen Stacheln der Echsenfische zu stechen, resultierte die Entsendung einer solchen Gruppe auch in weniger Mäulern, die zu stopfen waren.

Glücklicherweise konnten die Echsenfische den See nicht verlassen, und ein fragiler Burgbeziehungsweise Bergfriede hielt die Hobgoblins vom Goblinterritorium fern. Die Goblins ihrerseits hielt schon schlichte Angst davon ab, in Hobgoblingebiet einzudringen.

Jig warf einen Blick zurück auf die Statue. Das war ein echter Goblinkrieger, einer, der angeblich nicht weniger als drei Menschen getötet hatte, bevor ihn ein erboster Magier in einen grünen Fleck an der Wand verwandelt hatte. Aus schwarzem Glas gegossen und an vielen Stellen beschädigt, konnte er es an Körpergröße mit den meisten Menschen aufnehmen. Gewaltige Hauer, die fast bis zu seinen Augen reichten, schmückten sein Gesicht. Die Nase war rund wie ein Seestein, und sein einziges Auge schmal und gemein. Eine Glasplatte bedeckte die andere Augenhöhle; Geschichten besagten, dass der Inhalt der Steinschleuder eines Menschen zum Opfer gefallen war. Seine Ohren waren breit und spitz und achteten auf den geringsten Laut. Er war ein richtiger Goblin, neben dem selbst Porak verblasste.

Jig reichte dem Standbild kaum bis zur Schulter. Seine einzige Narbe war ein aufgerissenes Ohr, und diesen ›Kampf‹ hatte er gegen einen anderen Goblin geführt, der Klecks nur so zum Spaß die Beine ausreißen wollte. Jigs Arme und Beine waren dünn wie Reisig, und sein Dauerschielen war nicht mit dem gemeinen Starren zu vergleichen, das die meisten Goblins zur Schau trugen. Zur Krönung des Ganzen war seine Stimme zu hoch, und irgendein Pilz hatte sich seine Zehennägel als Heimstatt gewählt.

»Fackeln!«, befahl Porak.

»Das ist doch doof«, grummelte Jig vor sich hin, während einer der anderen Fackeln verteilte. »Warum läuft nicht gleich einer voraus, um alle Eindringlinge zu warnen, dass wir kommen? Vielleicht sollten wir auch singen, nur für den Fall, dass sie blind sind.«

Gelbe Nägel bohrten sich in die blaugrüne Haut von Jigs Schulter, und er jaulte auf. Klecks wurde warm und krabbelte hastig auf Jigs andere Schulter.

»Weil, junger Jig, wir einen Späher vorausschicken werden, um sicherzugehen, dass die Luft rein ist.« Porak lächelte nicht. »Das nennt man Taktik.« Er erhob die Stimme, sodass die Übrigen ihn hören konnten.

»Man muss raffiniert sein, um hier unten zu überleben. Seht euch unseren Vetter Jig an, ist so in seine Selbstgespräche vertieft, dass er nicht einmal gemerkt hat, wie ich mich direkt neben ihn gestellt habe. Wäre ich ein Mensch, hätte ich unseren Späher töten können, während er vor sich hin brabbelte. Was würde dann aus uns?«

Jig zuckte zusammen, als die anderen lachten und nickten. So viel zum Thema sich bewähren.

»Wir müssen wachsam sein. Wir müssen stark sein. Wir müssen zäh sein.« Mit jeder Erklärung packte Porak fester zu, sodass Jig sich am Ende der kleinen Ansprache krümmte, um seinen Klauen zu entkommen.

»Verstehst du mich?« Porak funkelte Jig an. »Du musst zäh sein.« Er schubste Jig gegen die Wand.

Mit einem rauen Lachen fügte er hinzu: »Doch selbst die Schwachen können von Nutzen sein. Dieser hier wird vorauslaufen und alles Wild aufscheuchen. Unser eigener kleiner Jagdhund.«

Porak förderte ein paar Würfel zu Tage, was von den anderen mit Beifallsrufen quittiert wurde. »Wir werden hierbleiben, um die Höhle zu beschützen. Wenn du irgendetwas findest, werden wir vorbeikommen und das Kämpfen übernehmen. Alles, was du tun musst, ist so lange am Leben bleiben, dass wir dich retten können. Los, schnapp sie dir, Hund!«

Die übrigen Goblins griffen seine Worte schnell auf; einige bellten, andere schlugen oder traten nach Jig. Er hielt sich schützend die Arme über den Kopf und rannte los; Poraks laute Stimme folgte ihm.

»Wenn du jemand entdeckst, sieh zu, dass du schreist, bevor du umgebracht wirst!«

Jigs nackte Füße klatschten auf den Tunnelboden. Mit brennenden Ohren ließ er die anderen hinter sich, aber ihr Hohngelächter schien ihm an den Fersen zu kleben.

»Wollen wir wirklich einen kümmerlichen Wicht losschicken, um die Aufgabe eines Hundes zu übernehmen?«

»Dürrer Köter, findet ihr nicht?«

Wenigstens kapierte Jig jetzt, was los war. Er wusste jetzt, warum er ausgewählt worden war, um heute Nacht die Patrouille zu begleiten. Sie wollten, dass er die Tunnel überprüfte, damit sie sich ihren Spielen widmen konnten. Auf die Art und Weise konnten sie die Nacht durchzechen, ohne – technisch gesehen – ihren Dienst zu vernachlässigen.

Eigentlich war das gar keine so schlechte Idee, weshalb Jig der Verdacht beschlich, dass sie nicht von Porak stammte. Porak war zäh und gemein, aber in einem geistigen Wettstreit mit seinem Schatten würde er den Kürzeren ziehen.

Jig griff nach oben, um sich zu vergewissern, dass Klecks noch da war. Während er ging, kraulte er eines der Beine der Spinne. »Zu schade, dass ich dir nicht beibringen kann, auf Kommando zu brennen. Ich würde dich gerne mal eines Nachts Porak in die Hose stecken.«

Er dachte nochmal darüber nach und überlegte es sich anders. Manche Sachen waren sogar für einen Goblin zu niederträchtig. Das konnte er dem armen Klecks nicht antun.

»Wenn Porak clever wäre, hätte er mich an seinem Plan beteiligt. Woher will er wissen, dass ich nicht dem Häuptling erzähle, was er vorhat?« Jig blieb stehen, um eine Minute lang auszuruhen. »Nein, nicht einmal Porak ist so dumm. Wenn er Ärger bekommt, wird er wissen, wer ihn verpfiffen hat. Dann wird er mich nächstes Mal in den Schmoddertopf stecken.«

Er löschte seine Fackel auf dem Boden aus und ging weiter, an der ersten Gabelung links, dann zweimal rechts. Er ließ sich von seinen Ohren und seinem Gedächtnis durch die dunklen Tunnel leiten.

»Vielleicht könnte ich ihn stattdessen erpressen. Damit drohen, es dem Häuptling zu erzählen, wenn Porak nicht tut, was ich verlange.« Er grinste. Porak war groß und wichtig. Wenn Jig Porak auf seiner Seite hätte, wäre das Leben ein ganzes Stück angenehmer. Kein Schlafen beim Eingang mehr, wo die Zugluft jede Nacht seine Füße gefrieren ließ. Kein Warten am Ende der Essensreihe mehr, sodass seine Mahlzeit nur noch aus Knochen, Knorpel und einem gelegentlichen Klumpen Fett bestand.

»Nicht mehr auf Patrouille vorausgeschickt werden, während die anderen spielen.«

Vielleicht bekäme er sogar ein richtiges Schwert statt des blöden Küchenmessers, das er jetzt trug. Er zog das Messer aus dem Gürtel und schwang es nach einem imaginären Feind. Fast konnte er das Zischen des Breitschwerts hören. Er duckte sich, stieß zu und griff erneut an.

»Hilf mir!«, würde Porak sagen, während zwei Abenteurer ihn in eine Ecke drängten. Jig grinste und ging durch den Tunnel, um seinen Hauptmann zu retten. Einen Abenteurer erledigte er von hinten. Der andere war gefährlicher; er leistete beachtliche Gegenwehr, bevor Jig ihm das Schwert in die Brust stieß. Während der Abenteurer sein Leben aushauchte, reckte Jig triumphierend seine Waffe empor. Daheim in der Höhle würden alle über seinen heroischen Kampf reden. Sie würden ihn bitten, eigene Patrouillen anzuführen, und Dinge sagen wie –

»Sei geduldig, Junge. Jetzt hast du es geschafft, dass ich mich verzählt habe und wieder von vorn anfangen muss.«

Jig fuhr zusammen. Die Realität seines kleinen Küchenmessers ließ die Tagträume von Kampf und Luxus wie eine Schmodderblase platzen. Er drückte sich gegen die Wand und schwenkte seine Ohren nach vorn, um die Stimmen vor sich besser hören zu können.

»Bei allen Göttern, gestatte nicht, dass ich dich störe, Weiser! Vielleicht möchtest du warten, während ich einen Kalligraphen zu deiner Unterstützung kommen lasse? Und du wirst einen Künstler wollen, der noch ein Bild vom alten Erdeerschaffer malt.«

»Genug. Wir gehen nirgendwohin, bis ich meine Karte vollendet habe, und das wird mir nicht gelingen, solange du mir nicht aus dem Weg gehst.«

Jig umklammerte sein Messer mit beiden Händen. Zwei Stimmen. Die erste klang alt und rau. Die zweite war definitiv menschlich.

Was sollte er tun? Schreien kam nicht in Frage, ungeachtet Poraks Befehlen. Sicher, es würde die anderen auf die Eindringlinge aufmerksam machen. Es würde aber auch die Eindringlinge auf Jig aufmerksam machen. Das war ein Problem. Menschen hatten längere Beine und machten demzufolge längere Schritte; Jigs Chancen, es zurück zu den anderen Goblins zu schaffen, waren also gering.

Er wusste, wie lange er es gegen richtige Krieger aushalten würde. Ungefähr so lange, wie es die durchschnittliche Fliege aushielt, wenn Klecks sie erst einmal in seinem Netz gefangen hatte.

Apropos Klecks, Jig wusste nicht, ob die Feuerspinne seine eigene Angst fühlen konnte oder ob sie die Eindringlinge weiter vorn im Tunnel gehört hatte, jedenfalls wurde Jigs Schädeldecke ungemütlich warm.

»Alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.« Jig zog sich so leise wie möglich zurück. Seine freie Hand langte nach oben, um die Spinne zu streicheln.

Das erwies sich als Fehler. Klecks sah Jigs Hand nicht kommen, und als seine Finger den flaumigen Hinterleib berührten, rollte sich die Spinne zu einem verängstigten Ball zusammen. Mit einem vernehmlichen Zischen fingen Jigs Haare wie ölgetränkte Lumpen Feuer.

Das Messer fiel klappernd zu Boden. Klecks sprang weg. Jig jaulte auf und versuchte, die Flammen auszuschlagen. Verrückte Schatten tanzten an den Wänden und am Boden, und er entdeckte Klecks, der auf die gegenüberliegende Wand zurannte. »Blöde Spinne!«, rief er. Wegen der Eindringlinge machte er sich jetzt keine Gedanken mehr. Nicht mit seinen lichterloh brennenden Haaren. Falls sie ihn fingen, würden sie vielleicht wenigstens seinen Kopf löschen, bevor sie ihn abschlugen.

»Au, au, au!« Er schlug nach den Flammen und versuchte, sich nicht die Hände zu verbrennen. Das Feuer war fast niedergebrannt, und nach ein paar weiteren Momenten gelang es ihm, sich völlig zu löschen. Leider hatte sich mit dem letzten Funken auch der Großteil seiner Haare verabschiedet. Seine empfindliche Kopfhaut war mit Blasen bedeckt, aber er schien nicht zu bluten.

Jig lehnte sich an die Wand, schloss die Augen und versuchte, den Schmerz zu verdrängen. »Was ist los mit dir?«, flüsterte er in Klecks’ ungefähre Richtung. »Du hast acht Augen. Acht! Wie konntest du meine Hand nicht sehen? Ich bin hier der Blinde. Was hast du da oben getrieben – mit offenen Augen geträumt? Ich sollte Golaka Spinnenfrikassee aus dir machen lassen!«

Klecks kam zurückgehuscht und kletterte an seinem Bein hoch. Als er an Jigs Hüfte angekommen war, schnappte Jig ihn sich und hob ihn auf Augenhöhe hoch. Die Spinne fuchtelte mit ihren Zangen und Beinen, als ob sie Jigs halbherzige Drohung verstanden hätte. Was nicht ausgeschlossen war, räumte Jig ein. Die Spinne war mindestens so schlau wie Porak. »Das war das letzte Mal, dass ich dich auf Patrouille mitgenommen habe.«

Klecks ließ Kopf und Beine hängen.

Mit einem angewiderten Seufzer setzte Jig sich die Spinne auf die Schulter. »Versuch einfach, mich nicht wieder anzuzünden, ja?«

Erst dann kam Jig der Gedanke, sich zu fragen, warum er alles so gut sehen konnte. Sein eigenes, unfreiwilliges Feuer hatte den Tunnel kurzfristig ausreichend erhellt, aber es hätte auch seine Nachtsicht ruinieren müssen. Genau genommen war er im Augenblick nur dank des Fackellichts hinter sich nicht völlig blind.

Seine erste Theorie war, dass Porak und die anderen gekommen waren, um nach dem Rechten zu sehen. Doch die wären beim Anblick von Jigs Missgeschick in Gelächter ausgebrochen. Da Jig kein Lachen hörte, war, wer immer hinter ihm aufgetaucht war, kein Goblin. Wie war noch gleich die Redensart, die Oberflächenbewohner in solchen Momenten benutzten?

»Oh, Mist!« Er drehte sich um.

Es war der Mensch, den er vorher gehört hatte. In einer Hand hielt der Mensch eine lodernde Fackel. Die andere richtete ein langes Schwert auf Jig. Ein langes, glänzendes, sehr scharfes Schwert. Jig wettete, dass die Klinge auch nicht im Heft wackelte.

»Zieh eine Waffe, oder ruf um Hilfe, und du hast deinen letzten Atemzug getan.«

Jig blinzelte. Was sollte er tun – nach seinem Küchenmesser suchen? Vermutlich sollte er dennoch um Hilfe rufen. Poraks Befehle. Er musste die anderen warnen. Es war seine Pflicht.

Es war ein schrecklich großes Schwert.

»Gute Entscheidung. Dreh dich um, und geh in den Raum da drüben.«

Der Mensch folgte ihm in den Raum, den Jig bei sich immer das glänzende Zimmer genannt hatte. Winzige Glasplatten, nicht größer als seine Fingernägel, bedeckten die gesamte Decke mit einem Meer von Farben. Die Decke wölbte sich nach oben, und im Zentrum verschmolzen die Wirbel von Blau, Grün und Rot zu einer spektakulären Feuerblüte.

Selbst mit einem Schwert im Rücken konnte Jig nicht anders als emporzublicken, während er eintrat. Die Abenteurer hatten ein kleines Feuer entfacht, und der Widerschein der Flammen tanzte auf den Platten und verwandelte sie in tausend Juwelen.

»Was ist das?« Es war die raue Stimme, die Jig zuvor schon gehört hatte, und sie entstammte einem vier Fuß großen Berg aus Muskeln, Rüstung und einem Gewirr von schwarzen Haaren. Mit anderen Worten, einem Zwerg.

»Ich habe ihn gefunden, wie er in dem Gang dahinten rumgeschnüffelt hat.« Der Mensch steckte sein Schwert in die Scheide. »Kein besonders toller Spion. In seiner Panik hat er sich selbst in Brand gesteckt.«

Der Zwerg lachte. In kaum verständlichem Goblin fragte er: »Du lebst hier lange?« Ohne auf eine Antwort zu warten, sprang er auf und fuchtelte mit einem großen Blatt Pergament vor Jigs Gesicht herum. »Wir haben hier einen Raum, der dreizehneinhalb auf zwölf Schritte misst, mit einer Türöffnung in jeder Wand. Ich nehme nicht an, dass du eventuell weißt, welche dieser Öffnungen uns zu den tiefen Tunneln führt?«

Jig schüttelte den Kopf und wich in eine Ecke zurück. »Ich habe mich auch verirrt«, log er.

Der Mensch lachte. »Stimmt vermutlich, Darnak. Selbst für einen Goblin sieht er wie eine Küchenhilfe aus. Wahrscheinlich ist er auch nicht gerade der Hellste.«

Darnak schüttelte den Kopf. »Ab und zu habe ich dasselbe von dir gedacht, Barius Wendelson. Das macht dich allerdings nicht weniger gefährlich.«

»Wie kannst du es wagen, in einem solchen Ton mit mir zu sprechen?« Jede Spur von Heiterkeit war aus Barius’ Gesicht gewichen. Er setzte zu einem Schritt nach vorn an, aber Darnak kam ihm zuvor, sodass der Mensch mit einem Fuß in der Luft dastand und keinem Platz, ihn hinzusetzen, wenn er nicht auf den Zwerg treten wollte.

»Ich kenne dich, seit du ein Jüngling bist«, meinte Darnak und ergriff eine mit Eisenbändern umwickelte Keule, die er Barius unter die Nase hielt. »Prinz oder nicht, ich werde dir immer noch den Schädel zertrümmern, wenn es sein muss.«

Während sie sich zankten, nutzte Jig die Gelegenheit, um sich umzusehen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass ihr Streit augenblicklich beendet wäre, falls er versuchte, davonzulaufen, aber er konnte sich zumindest eine bessere Vorstellung davon verschaffen, womit er es zu tun hatte.

Der Mensch war … glänzend war das beste Wort, das Jig dafür einfiel. Sein Kettenhemd schimmerte silbern, jedes Glied ein spiegelnder Ring. Der juwelenbesetzte Griff seines Schwertes war mit Golddraht umwickelt, und der Knauf war in Form eines Löwenkopfes gegossen. Seine kniehohen Stiefel waren aus weichem schwarzem Leder, und die purpurne Strumpfhose sah so teuer wie der Rest seiner Ausstattung aus. Sie sah auch unbequem und lächerlich aus, aber wer war Jig, menschliche Mode zu kritisieren?

Barius war stark, breit in den Schultern und schlank in der Taille. Was Jig zuerst für einen schwarzen Hut gehalten hatte, war in Wirklichkeit sein Haar, das in einem perfekten Kreis um seinen Kopf geschnitten war. Die Spitze seines Spitzbarts war so spitz, dass man sie als Waffe hätte benutzen können.

Der Zwerg wirkte wie der Gemeinere von beiden. Der Schuppenpanzer, den er unter seiner weißen Robe trug, sah abgenutzt, aber gut gepflegt aus. Jig konnte viele Stellen erkennen, wo Schuppen im Lauf der Zeit ersetzt worden waren. Ebenso hatte auch seine Kriegskeule an mehreren Stellen Macken davongetragen, als ob damit Schwertklingen abgelenkt oder mehr als nur ein paar Schädel zertrümmert worden wären. Was Darnak selbst betraf, so lag der größte Teil seines Gesichts unter einem Dschungel schwarzen Haares verborgen. Seine Haut war von ledrig-brauner Farbe. Eine krumme Nase, fast so lang wie die eines Goblins, thronte über einem buschigen Schnurrbart und Bart. Unter raupenartigen Brauen versteckten sich zwei Schweinsäuglein.

Jig entdeckte ein drittes Mitglied ihrer Gruppe, als er sich umschaute. Ein magerer Elb saß beim Feuer, die Knie an die Brust gezogen. Er beachtete weder Streit noch Goblin; seine ungeteilte Aufmerksamkeit galt den Flammen. Seine alte Hose und sein zerrissenes Hemd waren so ärmlich, wie Barius’ Kleider edel waren, und seine roten Haare waren kurz geschnitten und verwahrlost. Sein Gesicht war eigenartig, und Jig brauchte eine Weile, um herauszufinden warum. Oberflächentypen bestanden darauf, mindestens acht Schichten Kleider zu tragen, was Jig schon oft veranlasst hatte, sich zu fragen, wie viele Stunden sie eigentlich mit Ankleiden verbrachten. Aufgrund dieser ganzen Kleider war es schwieriger auszumachen, aber wenn ihn nicht alles täuschte, dann war ›er‹ in Wahrheit eine ›Sie‹.

Jig hatte keinen Schimmer, welche Rolle sie in der Gruppe spielte. Sie war eindeutig die am wenigsten Bedrohliche, aber sie mochte dennoch gefährlich sein. Sie besaß keinerlei Ähnlichkeit mit den eleganten, schlanken Elben der Legenden. Einen Moment lang fragte er sich, ob sie vielleicht irgendeiner Unterrasse angehörte, von der er noch nichts gehört hatte. Er wusste, dass es unterschiedliche Arten von Elben gab: Waldelben, Bergelben und so weiter. Aber Lumpenelben?

»Also, was sollen wir mit ihm machen, Euer Majestät?«, fragte Darnak.

Jig wurde hellhörig. Da der Elb eine Elbe war, gab es nur einen ›ihm‹, von dem die Rede sein konnte.

»Das Sicherste wäre, ihn umzubringen«, meinte Barius langsam. »Obwohl er uns vielleicht von Nutzen sein könnte. Idiot oder nicht, er weiß mehr über diese unterirdischen Gänge, als wir es tun. Zumindest könnte er vorausgehen, um den Argwohn der Kreaturen, denen wir begegnen, zu zerstreuen. Dennoch gefällt mir die Vorstellung nicht, einen Goblin in unserer Gruppe zu haben.«

Jig kreuzte die Arme und klammerte sich an einen Hoffnungsstrohhalm. Solange er am Leben war, konnte er das Ganze immer noch überstehen. Porak und die anderen konnten ihn immer noch finden. Die anderen Goblins waren bewaffnet, und sie waren den Eindringlingen zahlenmäßig vierfach überlegen. Bei diesen Kräfteverhältnissen mochten sogar Goblins eine Chance haben. Alles, was sie tun mussten, war hier aufzukreuzen, um nach ihm zu sehen. Falls sie überhaupt bemerkten, dass er nicht zurückgekehrt war. Falls sie nicht zu sehr in ihre Spiele vertieft waren. Falls sie genug Grips hatten, um sich auszurechnen, was los war.

Jig stöhnte und setzte sich auf den Boden. Er war, ohne jeden Zweifel, ein toter Goblin.

2
 
BARIUS’ WUNDER PUNKT

Jig hatte schon viele unerfreuliche Dinge durchgemacht, vom Saubermachen der Hinterlassenschaften betrunkener Goblins, die es nicht mehr rechtzeitig zur Latrine geschafft hatten, bis zu jenen Nächten, in denen Golaka beschlossen hatte, beim Kochen zu singen. Nichts davon hatte Jig darauf vorbereitet, hilflos herumzusitzen, während die Leute, die ihn gefangen genommen hatten, darüber diskutierten, ob sie ihn töten sollten oder nicht.

»Er könnte uns helfen«, sagte Darnak. »Schau dir Riana an. Sie hat das Schloss an dem Tor so sauber geknackt, wie man es sich nur wünschen kann. Gerüchte besagen, dass der Weg, den wir einschlagen müssen, ›in wässrige Dunkelheit gehüllt‹ ist – vielleicht weiß er, wo wir ihn finden.«

»Vielleicht tut er das. Doch es liegen Welten zwischen einer Elbe, selbst einer von Rianas Stand, und einem Goblin.« Barius warf einen Blick auf Riana, die der Unterhaltung ebenso gespannt folgte wie Jig. »Du solltest nach anderen Monstern Ausschau halten, Mädchen.«

Andere Monster. Dass sie Jig für ein Monster hielten, heiterte ihn ein wenig auf. Monster war ein Schritt nach vorn im Vergleich zu ›Plage‹, wie die meisten Abenteurer Jigs Art kategorisierten.

»Einen Goblin einzuladen, sich uns anzuschließen, heißt Verrat, Feigheit und Hinterlist in unsere Betten einzuladen«, erklärte Barius. »Was er uns an Hilfe anbieten könnte, rechtfertigt das Risiko nicht.«

»Ha! Als ob du jemals jemanden in dein Bett bekommen hättest, ohne mit deinem Gold und deinem Titel herumzuprotzen!«

Jig versuchte sich das Lachen zu verkneifen und wäre fast daran erstickt. Barius wirbelte herum, als der Goblin hustete und nach Luft rang. Die blassen Lippen des Menschen wurden zu einem schmalen Strich, doch dann zuckte er die Schultern und wandte sich wieder dem Zwerg zu. Er weiß nicht, dass ich ihre Sprache verstehe, erkannte Jig und blickte dankbar auf die Tage zurück, als die älteren Goblins herumgesessen hatten und die Fähigkeiten der Jüngeren in Mensch getestet hatten, der vorherrschenden Sprache der Oberflächenbewohner. Jedes falsch ausgesprochene Wort war damals mit einem Tritt in den Hintern belohnt worden.

»Zu wissen, was dein Feind sagt, kann dir das Leben retten«, hatte ein Goblin erklärt, während Jig am Boden lag. Mit einem harten Lachen fügte er hinzu: »Wird es aber wahrscheinlich nicht.«

Mehr um seinen geschundenen Körper zu schützen, als um einen Vorteil über seine zukünftigen Feinde zu erlangen, hatte Jig schnell gelernt.

Bevor Prinz Barius seine Argumentation wieder aufnehmen konnte, hob Darnak eine fleischige Hand und sagte: »Ich würde ihn ebenso schnell in die Hölle schicken wie du, Eure Majestät, so wie ich es mit einer Schlange täte, die in den Palast geschlüpft ist. Doch selbst eine Schlange hat ihren Nutzen. Du warst immer schnell dabei, wenn es darum ging, Sachen wegzuwerfen ohne nachzudenken. Dies ist kein Spiel, und wir könnten hier unten schneller getötet werden, als du dich anpissen kannst.«

»Zugegeben«, erwiderte Barius und klang dabei, als ob er etwas schlagen wollte. »Aber vielleicht hast du deine eigenen Worte nicht gehört? Das ist exakt der Grund, weshalb ich finde, wir sollten den Goblin eliminieren.«

»Aye. Töte die Schlange, wenn du willst, aber sage mir, wie planst du, anschließend ihr Loch zu finden?«

Barius setzte zu einer Antwort an; dann hielt er inne, als die Worte des Zwergs einsickerten.

»So ist es recht«, sagte Darnak. »Der Teufel soll mich holen, wenn es mir nicht gerade gelungen ist, in deinen Granitschädel einzudringen! Wer weiß, wie viele von ihnen sich in diesen Tunneln verstecken? Ich für mein Teil wüsste lieber ein bisschen mehr über den Weg, der vor uns liegt. Andernfalls wird man auf einmal wahrscheinlich feststellen müssen, dass man in etwas Unangenehmes getreten ist.«

Jig verzog keine Miene, als sie ihn ansahen. Sie wollten ihn benutzen als … was? Einen Führer? Wenn ja, würden sie höchstwahrscheinlich enttäuscht sein.

Klar, er kannte einige der Tunnel. Jeder Goblin tat das. Genauer gesagt, jeder Goblin, der sein zwölftes Jahr überlebte.

Das war das Alter, in dem jeder Goblin auf neutrales Territorium gebracht und dort allein zurückgelassen wurde. Es war eine Prüfung, um zu sehen, wer den Lageplan der verschlungenen und verästelten Tunnel und Gänge gelernt hatte. Viele wanderten tagelang durch die Finsternis. Jig selbst hatte fast acht Stunden gebraucht, um den Weg zurück zur Höhle zu finden. Aber er war schlau gewesen. Ein paar Wochen vorher hatte er einige der älteren Goblins mit Essen bestochen, das er aus Golakas Küche geklaut hatte. Als Gegenleistung hatten sie ihm die Tricks der Tunnel verraten. Er lernte, die Neigung des Untergrundes zu ertasten und auf Echos zu lauschen, die von offenen Kavernen flüsterten. Er lernte den groben Lageplan gut genug, um den Hobgoblins oder den Echsenfischen und ihrem See aus dem Weg zu gehen.

Er hatte auch zahlreiche Geschichten über die Scheusale gehört, die den geheimen Tunnel zu den unteren Ebenen bewachten, und über den grauenvollen Tod, welcher jeden Goblin erwartete, der töricht genug war, allein und ohne Orientierung durch die unterirdischen Gänge zu wandern.

»Schlimmer als Echsenfische?«, hatte er gefragt und dabei versucht, nicht zu zittern.

Die älteren Goblins hatten gelacht. »Wenn deine Haut zusammenschrumpft und deine Knochen sich durch dein Fleisch bohren, dann wirst du dir wünschen, einen angenehmen Tod bei den Echsenfischen gestorben zu sein.«

Einundvierzig Goblins, Jig mitgezählt, gingen an jenem Tag in die Dunkelheit. Neunzehn schafften es zurück. Diejenigen mit Fackeln starben als Erste, denn das Fackellicht war wie ein Signalfeuer für Hobgoblins und andere Kreaturen. Einige der Leichen wurden von Patrouillen gefunden, manche durch ein Hobgoblinschwert umgekommen, andere durch Pfeile oder eine einzelgängerische Bestie, die in den tieferen Tunneln herumstreifte. Doch die Widerwärtigkeit dieser Tode war nichts, verglichen mit Jigs Albträumen von den anderen, denjenigen, die spurlos verschwunden blieben. Es kursierten viele Geschichten über die Bewohner der tieferen Tunnel. Nicht eine davon endete glücklich, und die meisten ließen die Ermordung durch Hobgoblins wie eine angenehme Art erscheinen, seinen Nachmittag zu verbringen.

Jig hatte sich alles eingeprägt, was er über diese Tunnel lernen konnte, und er konnte seinen Weg blind und taub finden. Er hatte sich durch die Dunkelheit bewegt, eine Hand immer an der Wand, und sich nur auf sein Gedächtnis verlassen. An jenem Tag war das Gedächtnis stärker als Angst und Verwirrung gewesen, und Jig hatte es nach Hause geschafft.

Aber die Abenteurer wollten von ihm, dass er sie über die Grenze des Goblinterritoriums und die neutralen Tunnel hinaus führte. Wenn er erst einmal diese Grenze überschritten hatte, war er ebenso hilflos wie jeder Oberflächenbewohner.

Was also sollte er tun? Er würde sie nicht zurück ins Goblinlager führen. Seine Aufgabe war es, die Höhle zu beschützen. Auch wenn Porak und die anderen ihn auf sich allein gestellt losgeschickt hatten, musste er dennoch versuchen, die Abenteurer aufzuhalten.

Es sei denn, er konnte sie austricksen. Er fuhr sich mit der Hand über die Spitze eines Fangzahns, während er über diesen Gedanken nachdachte. Wenn er die Abenteurer ins Lager lockte, ohne ihnen zu sagen, wohin sie gingen, würde es keine Rolle spielen, wie stark oder mächtig sie waren. Die Goblins würden sie durch ihre schiere Masse überwältigen. Viele Goblins würden sterben, sicher. Goblins starben immer. Das war ein Charakteristikum des Goblintums.

Moment mal – vielleicht musste er überhaupt keine Goblinleben aufs Spiel setzen! Wie wäre es, wenn er sie westlich führte, auf die Hobgoblins zu? Hobgoblins waren größer, stärker und bessere Kämpfer. In dem resultierenden Durcheinander könnte Jig entkommen und ins Lager zurücklaufen. Bis dahin wäre auch Porak zurück. Wahrscheinlich würde er darüber lachen, wie Jig weggelaufen war und sich verirrt hatte. Jig konnte sich den überraschten Ausdruck auf Poraks Gesicht vorstellen, wenn er nicht nur lebend zurückkehrte, sondern überdies noch allen erzählte, wie er eigenhändig drei Abenteurer in den Tod geführt hatte. Nicht einmal Porak konnte einen solchen Sieg an seine Fahnen heften.

Was war die beste Methode, um sie auf Hobgoblinterritorium zu locken? Er musste herausfinden, was sie wollten. Schätze offensichtlich. Alle Abenteurer wollten Schätze. Sie schienen sie mehr zu wollen als Essen oder Wasser oder Luft zum Atmen. Aber was sonst noch? Den Edelsteinen an Barius’ Schwert nach zu urteilen, war diese Bande schon reicher als die durchschnittlichen Abenteurer. Welche Belohnung würde ihre Gier so weit anstacheln, dass sie ohne nachzudenken in den Tod liefen?

Seine Ohren schossen in die Höhe. Herauszufinden, was die Abenteurer wollten, würde warten müssen. Wenn ihn nicht alles täuschte, kamen diese fernen Stimmen, die er aus dem Tunnel hörte, näher, und sie klangen nach Goblins. Sein Mut sank. Sie klangen nach betrunkenen Goblins. Gleich darauf bemerkten es auch die anderen.

»Was ist das jetzt schon wieder?«, fragte Darnak und wandte sich Jig zu. »Noch mehr von deiner Sorte? Hast geplant zu warten, bis deine Freunde kommen und es mit uns aufnehmen, was?«

»Wir sollten ihn jetzt umbringen, bevor er seine Kameraden warnen kann«, schlug Barius vor.

»Nein!« Jig schrie, bevor er sich davon abhalten konnte.

Ihre Augen wurden groß. »Der kleine Scheißkerl spricht unsere Sprache.« Darnak lachte. »Hast gedacht, du sitzt hier rum und spionierst uns aus?«

Jig wusste, was ein wahrer Held tun würde. Ein Held würde gellend etwas Trotziges schreien, Darnak die Keule entwinden und sie gegen den Zwerg und den Menschen einsetzen. Ein Held brächte vielleicht sogar beide zur Strecke, bevor er sich aus dem Staub machte. Jig kannte natürlich all die Goblinlieder, daher wusste er auch, was mit Goblinhelden geschah. Während er sich bemühte, Darnaks Keule zu erwischen, würde Barius ihn von hinten niederstechen, und das wäre dann das Ende von Jig. Es sei denn, ihm wurde das Glück zuteil, in einem Lied verewigt zu werden, natürlich.

Er verspürte nicht das Bedürfnis, ein Held zu sein. Er wollte nur nach Hause, es sich mit einer Schüssel heißer Eidechseneiersuppe gemütlich machen und Klecks mit toten Kakerlaken füttern.

Die Spinne hatte wieder ihren Hochsitz auf Jigs Kopf bezogen, wo sie unangenehm nervös wurde. Jig machte sich nicht allzu viele Sorgen wegen der Hitze. Goblinhaut war dick, und jetzt, da sich sein Haar verabschiedet hatte, sollte er etwas feuersicherer sein. Dennoch streichelte er die Feuerspinne mit einem Finger, um sie zu beruhigen.

»Nun? Hast du irgendetwas zu deiner Verteidigung vorzubringen?« Barius durchmaß den Raum und blickte auf Jig herab, wobei eine angewidert-höhnische Grimasse seine aristokratischen Züge wie eine Dörrpflaume in Falten legte.

Einem wahren Helden würden ein paar würdige Worte einfallen, auf die er seinen letzten Atemzug verwenden könnte. Er würde dem Tod wie ein Mann ins Auge blicken, mit Tapferkeit. Mit Sicherheit würde er dem jungen Prinzen nicht ordentlich in die Genitalien treten.

Jig war kein Held. Als Barius zu Boden ging, wirbelte Jig herum und sprintete, so schnell er konnte, den Gang hinunter. Hinter ihm fluchte der Zwerg, der Prinz stöhnte, und die Elbe kicherte.

Er musste die anderen erwischen. Wenn er Porak rechtzeitig erreichte, hatten sie vielleicht eine Chance. Denn dies waren die Tunnel, die Jig kannte. Drei der Türöffnungen im glänzenden Zimmer führten Gänge hinab, die sich schließlich zu einem einzigen vereinigten. Die vierte führte zur Oberfläche.

Nach dem, was Darnak gesagt hatte, hatten sie die anderen drei Gänge noch nicht erforscht. Sie würden erwarten, dass Jig mit Verstärkung zurückkam, aber sie würden damit rechnen, dass diese Verstärkung in einem einzigen, wilden Ansturm käme.

Zwölf Goblins. Drei Gänge. Das hieß vier Goblins durch jede Öffnung. Wenn sie es zeitlich richtig abstimmten, würden sich die Abenteurer einem Angriff von drei Seiten zugleich ausgesetzt sehen. Selbst Goblins konnten einen Plan von solcher Schönheit nicht vermasseln.

Er wünschte, Porak und die anderen würden aufhören zu singen. Sie beschworen den Tod auf sich herab, wenn sie nicht die Klappe hielten.

»Leise!«, rief Jig, als er sich der Gruppe näherte. »Eindringlinge. Abenteurer, drei, hinter mir. Wir müssen zurück zu der Stelle, wo die Tunnel sich verzweigen.« Er hielt inne, um zu Atem zu kommen.

Das Lied brach mitten im Refrain ab. »Wer ist das? Ist das Jig? Kommt er schon jetzt mit eingekniffenem Schwanz zurückgelaufen?«

»Jig! Wir dachten schon, ein Oger hätte dich erwischt!«, meinte jemand kichernd.

»Nein, ich dachte, eine Fledermaus hätte ihn mit einer Wanze verwechselt!«

Eine tiefere Stimme sagte: »Aber es kann nicht Jig sein. Jig wäre niemals so dumm, mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe.«

Weiter vorn an den Tunnelwänden sah Jig orangefarbenen Fackelschein. »Porak, du verstehst nicht! Da hinten sind Eindringlinge!«

Als Porak in Sicht kam, verkniff Jig sich jedes weitere Wort und drückte sich an die Wand. Er hatte vergessen, wie gemein Porak wurde, wenn er betrunken war. Er war in nüchternem Zustand schon gemein, aber Alkohol machte ihn noch schlimmer. Mit der Flasche in einer Hand stampfte Porak durch den Tunnel und packte Jig an der Gurgel.

»Eindringlinge oder nicht, du gibst hier keine Befehle. Es sei denn, du willst mit mir darum kämpfen.« Er drückte zu. »Na?«

Jig schüttelte den Kopf; er kam sich dumm vor. Was hatte er sich bloß gedacht? Dass Porak dankbar für seine Hilfe wäre? Dass alle seinen Rat zu schätzen wüssten und seinen Plan befolgen würden? Das war nicht Goblinart. Goblinart war es, wie Idioten loszustürmen und dem nachzulaufen, der der Größte und Lauteste und, im vorliegenden Fall, der Betrunkenste war. So dicht bei Porak zu stehen bedeutete, dass jeder Atemzug Jigs Nasenlöcher mit dem Duft von durch Schwämme destilliertem Klakbier füllte.

»Kommt mit!«, rief Porak. »Höchstwahrscheinlich ist unser kleiner Welpe zu nah an den Eingang geraten und hat sich vor seinem Schatten erschreckt. Aber wir werden trotzdem mal nachsehen. Waffen bereit!«

Poraks Hand glitt auf Jigs Schulter herab. Er schubste den kleineren Goblin so fest, dass dieser beinahe hinfiel. »Und du darfst uns führen, Welpe. Bring uns zu deinen Eindringlingen.«

Jig zog kurz den Versuch in Betracht, seinen Plan noch einmal zu erklären, aber ein Blick in Poraks wütende, blutunterlaufene Augen bereitete dieser Idee ein schnelles Ende. Es würde keinen cleveren Überfall aus dem Hinterhalt geben. Nein, sie würden wie Goblins kämpfen und wie Goblins sterben, denn das eine resultierte unweigerlich aus dem anderen.

Er sah Klecks an, der noch immer trockene Hitzewellen von Jigs Schulter aus abstrahlte. Er überlegte, ob er die Feuerspinne in den Schatten werfen sollte. Es musste ja nicht sein, dass sie im bevorstehenden Massaker zerquetscht wurde. Doch dann entschied er sich dagegen.

»Letzten Endes stecke ich nur durch deine Schuld in diesem Schlamassel«, murmelte er. Klecks hob den Kopf, wie um zu protestieren, und drehte sich dann um, um zu sehen, wo sie hingingen.

»Kommt mit«, meinte Jig müde. »Sie sind hier entlang.« Das entwickelte sich zu einem ganz schlechten Tag.

Wo waren sie? Jig hatte das glänzende Zimmer fast erreicht, und noch immer war von den Abenteurern keine Spur zu entdecken. Einige der berauschteren Goblins hatten begonnen zu kichern, und ein paar sangen sogar wieder. Jigs Herz schlug so schnell, dass es wie ein Dröhnen in seiner Brust war. Darüber hinaus spürte er, wie sich acht Hitzeblasen auf seiner Schulter bildeten, jede von der Größe des Fußes einer gewissen Spinne. Da stimmte etwas nicht. Irgendetwas hätte mittlerweile passiert sein müssen.

Hinter ihm fielen die Goblins zum dritten Mal in den Refrain ein. Jig bog seine Ohren nach vorn und gab sich Mühe, die Klänge von ›101 Tode für einen Goblinhelden‹ auszusperren, aber das half wenig. Was war das überhaupt für ein schwachsinniges Lied? Jede Wette, dass Zwergenlieder nicht alle damit endeten, dass dem Zwergenheld der Kopf abgeschlagen oder er von Pferden zertrampelt oder von einem Giftpfeil ins Auge getroffen wurde. »Immer nur Goblins«, murrte er.

Der Tunnel vor ihnen war dunkel. »Sie müssen ihr Feuer ausgemacht haben.«

Porak schüttelte den Kopf. »Habt ihr das gehört? Jigs unsichtbare Freunde verstecken sich. Vielleicht hat er sie verscheucht!«

Das Gelächter der Goblins unterbrach kurz ihr Lied, und Jig stieg die Schamröte so heiß ins Gesicht, dass er sich selbst wie eine Feuerspinne vorkam. Um Porak und die anderen nicht beachten zu müssen, sang er mit, während er durch den Tunnel schlich.

Er rennt in die Schlacht und fällt auf einen Speer.
Er lugt um die Eck’ und find’t ein feindlich Heer.
Beleidigt einen Drachen und dient ihm drauf als Speise.
Sind ach so viele Arten für Goblins letzte Reise.

Sein Mund wurde vor Angst ganz trocken. Jeder Schritt wurde zur Qual. Was hatten sie vor? Was immer es sein mochte, Jig vermutete, dass es mit vielen toten Goblins enden würde. Während ›101 Tode‹ weiterging, ertappte sich Jig dabei, wie er sich neue Strophen überlegte.

Das glänzende Schwert des Menschen könnte meinen armen Kopf abhauen,
oder der Zwerg brät mir eins mit der Keule über; beides würde mir
gründlich das Leben versauen.
Nur noch ein paar Schritte weiter, und wir sind alle verloren
Warum ach warum ach warum nur wurde ich nicht sonst wo
geboren?

»Was ist los mit dir, Jig, Angst vor der Dunkelheit?« Porak hielt seine Fackel hoch und schob sich an Jig vorbei. »Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Lass mal einen echten Goblin vorangehen, um dir zu zeigen, dass …«

Jig hörte nicht mehr, was Porak ihm zeigen wollte. Mit einem lauten Grunzen drehte sich Porak einmal um sich selbst und krachte zu Boden. Die Schatten zuckten, als seine Fackel hinfiel. Plötzlich stürmten die anderen vor, schwenkten Schwerter und Keulen und griffen an. Als Porak sich hochzog und auf den Raum vor sich zutaumelte, konnte man einen Pfeil aus seiner Schulter ragen sehen. Jig versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie dicht er bei dem Goblinhauptmann gestanden hatte. Ein Fuß weiter links, und dieser Pfeil hätte ihn getroffen. Er drückte sich an die Wand und wartete, bis der letzte Goblin vorbeigerannt war. Wenn das die ›echten‹ Goblins waren, ließ er ihnen gerne den Vortritt zum Gemetzel.

Aber nur vier oder fünf Goblins schafften es bis ins leuchtende Zimmer. Wo blieb der Rest von ihnen? Jig blickte verwirrt zurück.

Er sah einen der betrunkeneren Goblins umkippen, an und für sich nichts Ungewöhnliches, aber wenigstens der halbe Trupp war hingefallen, und keiner stand wieder auf. Er konnte jedoch nicht genug sehen, um erkennen zu können, was diesen kollektiven Gleichgewichtsverlust bewirkte.

Er lief zurück, packte einen gefallenen Goblin bei den Schultern und schüttelte ihn hart. Seine Finger berührten warmes Blut an seinem Rücken. Langsam lockerte Jig seinen Griff. Er konnte rütteln und schütteln so viel er wollte, dieser Goblin würde nicht mehr in den Kampf eingreifen. Jig hatte noch nie eine Schlacht miterlebt, aber er war sich ziemlich sicher, dass das hier ein toter Goblin war. Der Pfeil, der wie ein Bratspieß in seinem Rücken steckte, bewies das mehr als deutlich.

In seinem Rücken steckte … Jig warf sich flach auf den Boden, als ihm die Bedeutung dieser Tatsache klar wurde. Etwas schwirrte über seinen Kopf hinweg, und ein weiterer Goblin fiel. Den wenigen, die lange genug überlebt hatten, um in den Raum zu gelangen, ging es auch nicht allzu gut. Jig hörte Darnak, den Zwerg, fröhlich lärmen und seine Schlachtrufe mit dem Krachen von Holz gegen Knochen untermalen. Er hörte auch Barius schreien. »Zurück, ihr ungewaschenen Unholde, ihr fehlgeleiteten Feiglinge der Finsternis! Zurück, sage ich!«

Auch wenn Jig die Stimme des Prinzen nicht erkannt hätte, bezweifelte er, dass irgendjemand sonst so prätentiös klingen und gleichzeitig ein Schwert schwingen konnte. Aber wenn der Prinz und der Zwerg beide vor ihm waren, wer war dann hinter ihm in der Dunkelheit? Die Elbe? Elben standen im Ruf, Furcht einflößende Bogenschützen zu sein, aber das Mädchen hatte keinen Bogen bei sich gehabt.

Ein weiterer Pfeil zischte vorbei, und Jig kam zu dem Entschluss, dass dies vielleicht nicht der passende Moment war, über solche Rätsel nachzudenken. Er kroch zu Poraks fallen gelassener Fackel. Seine Ohren nutzen ihm nicht viel bei all dem Schreien und Sterben, das rings um ihn vor sich ging, und in dieser verdammten Dunkelheit konnte er die Klaue vor Augen kaum sehen. Nicht dass er bei Licht viel besser gesehen hätte, aber vielleicht hätte er dann wenigstens gewusst, in welche Richtung er laufen sollte.

Er krabbelte an ein paar weiteren Leichen vorbei, um zu dem Raum zu kommen. Jedes Mal, wenn ein Pfeil an ihm vorbeischwirrte, zuckte er zusammen und blieb reglos liegen. Nur noch ein bisschen weiter. Wenn er es erst einmal bis zum Eingang geschafft hatte, musste, wer immer auch dorthinten war, aufhören zu schießen, wenn er nicht seine eigenen Leute treffen wollte. Außer es war ein wirklich guter Schütze. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken.

Nach einer Ewigkeit des Kriechens durch Blut, Leichen und ab und zu etwas Matschiges, von dem er gar nicht wissen wollte, was es war, hatte Jig es schließlich geschafft. Er zog sich in den Raum und rollte vom Eingang weg.

Von den Goblins, die bis hierhergekommen waren, lagen die meisten bewusstlos auf dem Boden. Bewusst- und in mehreren Fällen auch hand-, arm- oder kopflos. Ein paar stöhnten und fluchten in die ungefähre Richtung der Abenteurer.

Zu Jigs Erschütterung standen immer noch zwei Goblins aufrecht und kämpften. Einer hörte sich wie Porak an, der trotz des Pfeils in seinem Rücken weiter attackierte und brüllte; der andere hatte zu sehr mit dem Zwerg zu tun, um viel zu reden.

Jig fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis die letzten beiden Goblins starben. Als Barius in einer Blutlache ausrutschte, eilte Darnak zu ihm, um ihn zu beschützen. Der Zwerg schlug Poraks Schwert zur Seite und lenkte damit einen Hieb ab, der sonst den Kopf des Prinzen gespalten hätte. Ehe Porak sich erholen konnte, ließ Darnak seine Keule fallen, packte die Arme des Goblinhauptmanns und schleuderte ihn in den anderen Goblin. Beide torkelten zurück, sodass Barius Zeit hatte, wieder auf die Beine zu kommen.

Bevor der Kampf fortgesetzt werden konnte, hörte Jig eine Sehne zweimal schwirren, und beide Goblins fielen. Der eine blieb, zappelnd wie ein Fisch auf dem trockenen, auf dem Boden liegen, aber Porak stöhnte und versuchte wieder aufzustehen. Zwei Pfeile ragten aus seinem Körper, doch er lebte immer noch. Während Jig in der Ecke kauerte, konnte er nur denken, dass ein ›echter Krieger‹ zu sein eine ganze Menge Schmerzen und Blutverlust mit sich zu bringen schien. Darnak kickte Poraks Schwert weg und ging dann zu dem Bogenschützen im Eingang hinüber, um ihn zu begrüßen.

Es war nicht das Elbenmädchen. Jig konnte nicht sagen, was genau die schimmernde Form war, aber sie war zu groß, um Riana zu sein. Er starrte sie an, rieb sich die Augen und versuchte noch einmal, etwas zu erkennen. Die Umrisse des Bogenschützen waren in fortwährender Bewegung; sie zerrannen wie Wasser und verschwammen im Schatten. Kein Wunder, dass ihn keiner der Goblins bemerkt hatte! Wenn er schon so schwer bei Fackellicht zu sehen war, musste er in den dunklen Tunneln quasi unsichtbar gewesen sein.

Als er den Raum betrat, verschwand der Schattenschimmer, als ob ein Vorhang zurückgezogen worden sei, und gab den Blick auf einen schlanken Menschen frei. Er sah sich um, nickte Darnak und Barius knapp zu und machte sich daran, die Sehne von seinem Bogen zu lösen.

»Gut geschossen, Ryslind«, lobte Darnak.

Barius rümpfte die Nase. »Wenngleich wie immer, Bruder, deine Auffassung vom Kampf bezüglich ihrer Ehrenhaftigkeit viel zu wünschen übrig lässt.«

Der Ryslind Genannte begann, die gefallenen Goblins zu untersuchen. Die wenigen, die noch am Leben waren, zerrte er in die Mitte des Raumes. Die übrigen ließ er liegen, wo sie waren. »Wenn es dir lieber ist, lasse ich dich das Zepter selbst suchen. Mach dir keine Sorgen – wenn ich unseren Vater wiedersehe, werde ich nicht versäumen ihm zu berichten, dass du mit deiner kostbaren Ehre gestorben bist.«

Seine Stimme ähnelte der Barius’. Beide sprachen in einem klaren, geschliffenen Bariton, beider Worte haftete dasselbe leicht Spöttische an – allerdings war dieser Spott viel offensichtlicher, wenn sie miteinander sprachen. Aber da war noch etwas mehr in Ryslinds Stimme … mehr Macht, eine Präsenz und Selbstsicherheit, die Barius fehlte. Es war jene gefährliche Schärfe, die Porak immer zu vermitteln versucht hatte. Doch im Vergleich zu Ryslind wirkte Porak trotz seiner ständigen Einschüchterungen und Drohungen wie ein harmloses Kätzchen.

Ryslinds Hand schoss vor und packte Jigs Ohr. Als er hochgezogen wurde, bot sich dem Goblin die ungewollte Gelegenheit, den Neuankömmling aus nächster Nähe zu studieren.

Er roch nach fremden Gewürzen, und Jig musste an sich halten, um nicht zu niesen. Ryslind war so groß wie sein Bruder, aber von schmächtigerem Körperbau. Er trug eine wallende schwarze Robe, die an der Taille von einer einfachen weißen Schnur gehalten wurde. An einer Hüfte hing ein kurzes Schwert, ein Köcher mit Pfeilen an der anderen. Grüne Tätowierungen bedeckten seine Handrücken und verschwanden in den Ärmeln. Sie sahen wie etwas Geschriebenes aus, aber die spitzen, eckigen Zeichen entstammten keiner Sprache, die Jig jemals gesehen hatte. Allerdings war Jig auch kein großer Gelehrter. Ryslind war völlig kahl, selbst Augenbrauen oder Wimpern fehlten ihm. Jig fragte sich, ob er wohl eine Feuerspinne besaß.

Ryslind ließ seine Augen über die gesamte Länge von Jigs Körper wandern, und der Goblin versteifte sich. Seine Furcht wurde stärker, wenn das noch möglich war, denn diese Augen glühten mit einem schwachen roten Licht. Zusammen mit der Robe und den Tätowierungen bedeuteten diese Augen, dass Jig weitaus dichter bei einem lebendigen Zauberer stand, als ihm lieb war. Er fragte sich, ob er unauffällig ein wenig Abstand zwischen sich und Ryslind bringen könnte. Hundert Meilen oder so müssten genügen.

»Keine Wunden an dem hier.« Barius schubste Jig in die Mitte des Raums. Auf seiner Schulter erhitzte sich Klecks wieder, und Jig glaubte brennende Haut zu riechen. »Hat wahrscheinlich seine Waffe verloren und sich den ganzen Kampf über in der Ecke verkrochen.«

»Dieser Goblin zeigt mehr Vernunft als du, Bruder.« Ryslind verschränkte die Hände. »Wäre der eine, der dir vorhin entkommen ist, bewaffnet gewesen, würde weitaus Schlimmeres als blaue Flecken von deiner Unachtsamkeit zeugen. So wie es aussieht, hattest du Glück, dass ich da war, bevor er seine Kameraden zum Angriff führte.«

»Aber, aber! Wir haben gesiegt, und das ist im Grunde genommen doch das Einzige, was zählt«, unterbrach Darnak die beiden. »Lasst mich diese drei fesseln, bevor sie noch etwas anderes versuchen. Barius, warum gehst du nicht und schaust nach, wo sich Riana versteckt?«

»Finde sie selbst, Freund Zwerg.« Barius trat zu den überlebenden Goblins hin und baute sich vor ihnen auf. »Eine dieser Kreaturen wird zahlen für ihren Angriff auf meine … Würde.«

»So nennt man das also heutzutage«, murmelte Darnak im Hinausgehen in seinen Bart.

Neben Jig stöhnte Porak. »Wovon spricht er?« Der dritte Goblin zuckte die Schulter und stöhnte dann ebenfalls, weil die Pfeilwunde in seinen Eingeweiden ihm die Bewegung ausgesprochen übel nahm. Jig versuchte sich unsichtbar zu machen. Der Prinz stand dicht genug bei ihnen, dass Jig den Hass in seinen Augen sehen konnte, und er fragte sich, welche Art von Rache Barius vorschweben mochte. So wie er die Menschen kannte, würden wahrscheinlich scharfe Messer, glühende Kohlen und eine ganze Menge Schmerzen und Unannehmlichkeiten darin vorkommen. Schmerzen für Jig, hieß das. Barius würde sich ohne Zweifel köstlich amüsieren.

»Blöder Feigling«, grummelte Porak. »Du hast uns in eine Falle geführt. Einen Hinterhalt. Warum hast du uns nicht vor dem Bogenschützen gewarnt?«

»Ich habe nichts von ihm gewusst!«, protestierte Jig.

»Du hast nichts von ihm gewusst. Der Großteil meiner Patrouille ausgelöscht, und du hast nichts von ihm gewusst.« Er schnaubte angewidert.

»Schweigt!«, blaffte Barius.

»Schweig doch selber, Mensch«, sagte Porak.

Jig ächzte. Er glaubte nicht, dass der Prinz Goblin sprach – vermutlich hielt er es für unter seiner Würde, solch eine ›primitive‹ Sprache zu erlernen –, aber ihm konnte unmöglich die Verachtung entgangen sein, die in Poraks Stimme gelegen hatte.

Barius’ juwelenbesetztes Schwert beschrieb einen langsamen Bogen durch die Luft, bis seine Spitze auf die Goblins gerichtet war. Hinter ihm stieß Ryslind einen Seufzer aus. »Deinen Hang zum Melodramatischen hast du jedenfalls nicht verloren.«

Melodramatisch oder nicht, von diesem Schwert tropfte blauschwarzes Goblinblut, und Jig war nicht nach Lachen zu Mute.

»Beantwortet mir eine Frage, Goblins.« Barius schritt vor ihnen auf und ab und studierte ihre Gesichter. »Wer von euch hat mich, im feigen Versuch, zu entkommen, angegriffen?«

Ohne den Konsequenzen einen Gedanken zu widmen, ohne etwas anderes wahrzunehmen als die Spitze jenes bluttriefenden Schwertes, hob sich Jigs Hand, als ob sie einen eigenen Willen besäße. Hob sich – und zeigte auf Porak.

»Was?« Aufgebracht stürzte sich Porak auf Jig.

Jig kreischte. Klecks sprang von seiner Schulter und huschte in die Ecke. Doch Porak sollte es nicht gelingen, seinen Angriff zu beenden.

Barius’ behandschuhte Hand packte den Hauptmann beim Gürtel und schleuderte ihn wieder zu Boden. Er landete neben einer der Leichen. Während er sich noch benommen den Kopf hielt, fiel sein Blick auf das Beil, das der tote Goblin hatte fallen lassen. Er schnappte sich seine neue Waffe und griff an.

Jig sammelte seine Feuerspinne ein und setzte sie auf seine unverbrannte Schulter, während er zusah, wie Barius einen Schritt zurück machte und dann noch einen, wobei er sein Schwert mit schnellen Bewegungen aus der Bahn von Poraks wahnsinnigen Hieben hielt. Beim dritten Schritt tauchte dieses Schwert unter dem Beil durch, nur um sofort wieder auf Höhe der Kehle hochzuschnellen. Entweder sah Porak es nicht, oder die Bewegung war zu schnell, um sie zu stoppen. So oder so, das Resultat war dasselbe, und selbst Jig mit seinen schlechten Augen konnte sehen, wie blaues Blut auf das Kettenhemd des Prinzen spritzte.

Der andere überlebende Goblin schrie panisch auf und wandte sich zur Flucht. Jig wollte ihm folgen, doch eine Bewegung neben ihm ließ ihn zögern. Der Zauberer kam mit grimmiger Entschlossenheit auf ihn zu.

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