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Die Glut in mir

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Mehr als in jeder anderen Stadt der Welt gibt es wohl in London Straßen, deren Namen man automatisch mit Geld und Macht verbindet.

Beaufort Terrace ist eine von ihnen: Sie wird gesäumt von perfekt proportionierten Gebäuden aus der Regency-Epoche. Schwarze Gitter mit eisernen Spitzen verbinden bogenförmig die breiten Treppen, die zu den einzelnen Haustüren im Stil des 18. Jahrhunderts führen. Die Gitter sind reich vergoldet, und dementsprechend gelten die Mieten für die Büroräume hier zu Recht als die höchsten der Stadt.

Pepper Minesse war wahrscheinlich besser vertraut mit dieser Straße als jeder andere, der hier ein Büro gemietet hatte. Ihre Agentur war als eine der ersten eingezogen, kaum dass die Handwerker und Innenarchitekten das Gebäude verlassen hatten. Ihr gehörte das dreistöckige Haus genau in der Mitte.

Während sie einen Moment davor innehielt, merkte Pepper, dass ein Mann, der auf der anderen Seite entlanggegangen war, stehen blieb und zu ihr herüberblickte. Sie hatte ein schwarzes Kostüm von Yves Saint Laurent mit tiefem V-Ausschnitt angezogen, und es sah so aus, als trüge sie nichts darunter. Das schwarze Seidentop war nicht zu sehen.

Pepper hatte schon vor langer Zeit erkannt, wie nützlich es war, den Gesprächspartner abzulenken, gleichgültig, ob es um geschäftliche oder private Dinge ging. Sie war eine der wenigen Frauen, die sowohl Sexualität als auch Macht ausstrahlten, und die Männer fühlten sich von ihr herausgefordert. Wenn es ihr günstiger erschien, ließ sie sie in dem Glauben, sie wären ihr gewachsen.

Teure Wagen parkten zu beiden Seiten der Straße und zeugten von der exklusiven Lage. Bankkaufleute und Börsianer fochten hier wie Kampfhunde um Räumlichkeiten. „Minesse Management“ zahlte keine Miete, sondern zog die der anderen ein. Neben diesem Mittelgebäude besaß Pepper noch zwei weitere Häuser.

Es war ein langer, harter Kampf gewesen, um dahin zu kommen, wo Pepper heute war. Sie wusste, dass sie nicht wie eine Frau wirkte, die ein Millionenunternehmen leitete. Zum einen war sie dafür zu jung; sie wurde demnächst achtundzwanzig, und nichts von der komplizierten menschlichen Natur war ihr fremd geblieben.

Minesse war nicht ihr richtiger Name, sie hatte ihn offiziell angenommen. Es war eine Umbildung des Wortes „Nemesis“, der griechischen Bezeichnung für „Rache und Vergeltung“, und passte ihrer Meinung nach gut zu ihrer Tätigkeit. Pepper liebte die griechische Mythologie. Mit ihrer nahezu pauschalen Verurteilung aller Empfindungen, von denen sich die Menschen leiten lassen, entsprach sie der zynischen Seite ihres Charakters.

Es erschien ihr wie Ironie, und sie fand es äußerst bezeichnend, dass eine Gesellschaft, die Missbrauch und Ausbeutung von Kindern geflissentlich übersah, allein schon beim Klang des Wortes Rache entsetzt die Hände erhob. Ihr gefiel dieses Wort, aber sie stammte ja auch aus einer alten Kultur und gehörte einem Volk an, das eine angemessene Strafe für menschliches Verbrechen guthieß.

Während Pepper das Haus betrat, fing sich die Sonne in ihrem raffiniert geschlungenen Chignon und ließ ihr Haar dunkelrot aufleuchten. Im Schatten wirkte Peppers Haar schwarz, aber das war es nicht. Es besaß einen tiefen Burgunderton – eine ungewöhnliche Farbe, beinahe so selten wie das tiefe Violettblau ihrer Augen.

Der Mann auf der anderen Straßenseite betrachtete anerkennend ihre langen schlanken Beine. Pepper trug schwarze reinseidene Strümpfe, die sie gleich im Dutzend kaufte.

Die Telefonistin lächelte nervös, als sie Pepper bemerkte. Das gesamte Personal hatte Respekt vor ihr. Sie stellte sehr hohe Ansprüche und galt selbst als unermüdliche Arbeiterin. Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Sie hatte die Agentur aus dem Nichts aufgebaut, betreute inzwischen etliche Weltstars der Unterhaltungsbranche und des Sports und handelte Werbeverträge für sie aus, die ihnen ein Einkommen in Millionenhöhe sicherten.

Das Mädchen hinter der Empfangstheke war einundzwanzig. Sie war eine hübsche Blondine und besaß die längsten Beine, die Pepper je gesehen hatte. Deshalb hatte sie sie eingestellt. Bei ihrem Anblick wurden die Kunden nicht ungeduldig, falls sie warten mussten.

Vom Empfangsraum mit seiner Einrichtung in kühlem Grau und Schwarz mit diskreten weißen Tupfern und Bauhausstühlen betrat man ein luxuriöses Besprechungszimmer. Von Designern entworfene Schrankwandeinheiten verbargen die modernste Video- und Musikanlage, die im Handel erhältlich war. Jeder, der einen der Stars von Minesse Management bei irgendeiner Fernsehwerbung einsetzen wollte, musste erst einmal beweisen, dass er wusste, wovon er sprach.

Pepper ging an ihrem Wartezimmer vorüber, denn sie hatte jetzt keine Besprechung. Wenn nötig, hätte sie den gesamten Terminplan eines Monats aus dem Kopf aufsagen können.

Ihre Sekretärin sah auf, als Pepper das Büro betrat. Miranda Hayes arbeitete seit fünf Jahren für Minesse Management und wusste trotzdem kaum mehr über ihre Chefin als am ersten Arbeitstag.

Sie roch das exquisite Parfüm, das Pepper sich extra in Paris hatte mischen lassen, und beneidete sie um den Schnitt ihres Kostüms. Ihre Chefin besaß eine fantastische Figur und hatte vermutlich kein Gramm Fett zu viel.

Miranda fragte sich, ob Pepper Bodybuilding betrieb, und wenn ja, wo. Eigentlich war sie nicht der Typ dafür. Um keinen Preis der Welt hätte Miranda sich ihre kühle, beherrschte Chefin heiß und verschwitzt von einer körperlichen Anstrengung vorstellen können.

„Irgendwelche Anrufe?“, fragte Pepper.

„Jeff Stowell wollte Sie an den Cocktailempfang für Carl Viner im ‚Grosvenor‘ erinnern.“

Pepper zog kurz eine Augenbraue in die Höhe, weil der Agent des jungen Tennisstars es für notwendig befunden hatte, sie daran zu erinnern.

„Er deutete an, dort würde jemand auftauchen, der Sie gern kennenlernen möchte“, fügte Miranda hinzu.

„Hat er gesagt, um wen es sich handelt?“

Miranda schüttelte den Kopf. „Soll ich nachfragen?“

„Nein“, erklärte Pepper entschlossen. „Wenn Jeff eine Verschwörung anzetteln will, muss er sein Spiel allein treiben. Ich habe keine Zeit dafür.“

Sie betrat ihr Büro und ließ einen Hauch ihres Parfüms zurück.

Das Büro besaß absolut nichts Weibliches. Als sie die Einrichtung bestellte, hatte sie dem Innenarchitekten gegenüber erklärt, es solle eine unmerkliche Aura von Macht verströmen.

„Macht?“ Er hatte sie angestarrt, und sie hatte charmant zurückgelächelt.

„Ja. Sie wissen doch, die muss derjenige ausstrahlen, der hinter diesem Schreibtisch sitzt.“

„Männer reagieren nicht besonders gut auf mächtige Frauen“, hatte er gemeint. Pepper erinnerte ihn an eine große träge Katze, die auf ihre Beute lauerte. Aber er war „von der anderen Fakultät“, und sinnliche Frauen machten ihn nervös.

Pepper hatte nicht mit ihm argumentiert. Im Grunde hatte der Innenarchitekt recht. Aber es gab keinen Mann, mit dem sie nicht fertig wurde. Nach ihrer Erfahrung war das Selbstwertgefühl der Männer umso verletzlicher, je mächtiger sie waren. Als allererste Lektion hatte sie gelernt, diese Tatsache zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen.

Durch die geschlossene Tür hörte sie das gedämpfte Stakkato der Schreibmaschine ihrer Sekretärin. Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster und fingen sich in einem zarten Goldarmband an ihrem linken Handgelenk. Sie trug es ständig und betrachtete es einen Moment mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen. Dann zog sie es ab und öffnete mit dem goldenen Schlüssel, der daran hing, eine Schublade in ihrem Schreibtisch.

Diese Schublade enthielt ihre vertraulichsten Akten. Insgesamt waren es nur vier, allerdings vier ganz besondere, und sie betrafen nicht ihre Kunden. Leute, die glaubten, Pepper zu kennen, hätten es typisch gefunden, dass sie den Schlüssel zu dieser Schublade immer bei sich trug wie andere das Geschenk eines Liebhabers.

Pepper zögerte einen Moment, bevor sie die Akten herausnahm. Sie hatte lange auf diesen Augenblick gewartet; gewartet und dafür gearbeitet. Jetzt hatte sie auch die letzte noch fehlende Information in Händen und würde daraus das Werkzeug für ihre Rache schmieden.

Rache – das war kein Wort für Zimperliche.

Die Schriften aller bekannten Religionen warnten davor, der Mensch solle sich dieser Macht nicht widerrechtlich bedienen, denn sie komme allein den Göttern zu. Pepper wusste genau, weshalb. Rachepläne lösten eine gefährliche Kraft im Menschen. Um seiner Rache willen ertrug der Mensch Dinge, die er sonst um keinen Preis auf sich genommen hätte.

Die Aktendeckel trugen keine Namen, Pepper brauchte sie nicht. Sie hatte jeden Ordner im Lauf der Jahre gewissenhaft geführt und auch die kleinsten Informationen gesammelt, bis sie erhalten hatte, was sie brauchte.

Wieder zögerte sie, dann öffnete sie die erste Akte und tippte mit ihrem rot lackierten Fingernagel auf das Papier.

Sie gehörte nicht zu den Frauen, die häufig zögerten, und Leute, die sie nur aus Erzählungen kannten, wunderten sich oft, wie klein sie war. Sie maß gerade einssechzig und besaß einen zarten, beinahe zerbrechlichen Körperbau. Allerdings merkte jeder bald, dass Pepper hart wie Stahl sein konnte.

Das war nicht immer so gewesen …

Pepper drehte den Kopf und blickte kurz aus dem Fenster. Sie besaß das klassische Profil einer ägyptischen Statue und ein ausgeprägtes Kinn. Ihre Augen standen ein wenig schräg und verliehen ihrem Gesicht etwas Geheimnisvolles.

Erneut betrachtete sie die Akten, dann legte sie sie zurück und verschloss die Schublade wieder. Ein Lächeln umspielte ihren Mund. Sie hatte lange warten müssen, aber nun würde das Spiel bald beginnen.

Das Telefon läutete, und sie nahm den Hörer ab.

„Lesley Evans ist am Apparat“, erklärte Miranda.

Die junge Eiskunstläuferin war erst seit Kurzem Peppers Kundin. Man rechnete damit, dass sie bei den nächsten Olympischen Spielen die Goldmedaille gewann. Pepper hatte sie vor über zwölf Monaten entdeckt und ihr Team angewiesen, sie weiterhin zu beobachten.

In Werbekreisen hieß es, dass Pepper Minesse die Gabe besäße, ihr Geld auf das richtige Pferd zu setzen. Außerdem unterstützte sie gern aussichtsreiche Außenseiter.

Pepper sagte nichts dazu. Es war gut fürs Geschäft, wenn die Presse sie für eine Art Prophetin hielt, auch wenn es nicht zutraf. Das Geheimnis, das sie umgab, verstärkte sich auf diese Weise. In Wirklichkeit gründeten sich ihre Entscheidungen auf sorgfältig zusammengetragene Tatsachen, gepaart mit einer gewissen Intuition, auf die sie sich inzwischen verlassen konnte.

Eine Firma war an die Eiskunstläuferin herangetreten und hatte ihr einen Werbevertrag für Sportkleidung von Teenagern angeboten. Pepper kannte die Firma sehr gut. Sie ging zielstrebig voran und band junge Stars mit Exklusivverträgen an sich. Schon die Tatsache, dass sie nicht über Minesse Management an Lesley Evans herangetreten war, sprach für sich.

Während des Nachmittags kamen noch eine ganze Reihe weiterer Telefonate hinzu. Peppers Kunden waren große Stars der Medien- und Sportwelt mit einem gewaltigen Selbstwertgefühl, und sie war bereit, deren Eitelkeit zu befriedigen – zumindest bis zu einem gewissen Punkt.

Um fünf Uhr klopfte Miranda an die Tür und fragte, ob sie Schluss machen könne.

„Ja, gehen Sie … Ich werde auch nicht mehr lange bleiben. Der Empfang im ‚Grosvenor‘ beginnt um sieben.“

Pepper wartete bis Viertel nach fünf, bevor sie die Schreibtischschublade wieder aufschloss. Diesmal nahm sie die Ordner zügig heraus, ging ins Büro ihrer Sekretärin und setzte sich an deren elektrische Schreibmaschine. Miranda wäre richtig gekränkt gewesen, hätte sie mit angesehen, wie schnell und sauber Minesse schrieb. Sie zögerte keinen Moment, sondern wusste genau, was sie tat.

Vier Briefe, die sie auf dem schnellsten Weg herbringen würden.

In mancher Beziehung belustigte es Pepper, dass sie so viel vom Volk ihrer Mutter geerbt hatte und jenes tief verwurzelte Bedürfnis nach Vergeltung und Gerechtigkeit empfand … Nicht eine Gerechtigkeit in dem Sinn, den manche Leute darunter verstanden, aber immerhin.

Im Lauf der Jahre hatte Pepper die Fähigkeit entwickelt, neben sich zu treten und sich von außen zu beobachten.

Die vier Männer hatten ihr etwas genommen, was sie sehr geschätzt hatte. Deshalb war es nur gerecht, wenn jeder von ihnen nun das verlor, was ihm selbst am meisten bedeutete. Und dafür würde sie sorgen.

Pepper tippte die einzelnen Briefe sauber auf dem dicken Firmenpapier, faltete sie, steckte sie in Briefumschläge und versah sie mit Briefmarken, die sie extra zu diesem Zweck gekauft hatte – als Teil des Rituals.

Der Wachmann lächelte, als sie in den Frühsommersonnenschein hinaustrat. Sie war seine Chefin, und er achtete sie. Aber er war immer noch Mann genug, um einen bewundernden Blick auf ihre makellose Figur und ihre schlanken Beine zu werfen.

An der Ecke befand sich ein Briefkasten, dort warf Pepper die Briefe ein. Ihr Wagen, ein tiefdunkelroter Aston Martin Volante mit der Zulassungsnummer PSM 1, stand vor dem Gebäude. Pepper schloss ihn auf und schwang sich graziös auf den Fahrersitz. Das Lederpolster war cremefarben, der Sitz mit dem Dunkelrot der Karosserie eingefasst. Das cremefarbene Verdeck ließ sich elektrisch betätigen. Pepper startete den Motor und drückte auf den Knopf, um es zu öffnen.

Sie fuhr, wie sie arbeitete: wirtschaftlich und geschickt. In weniger als einer halben Stunde war sie trotz des Verkehrs an ihrem Haus in Porchester Mews. Mithilfe einer Spezialkarte öffnete sie das schmiedeeiserne Tor, das das Gelände vor unbefugtem Zutritt schützte.

Wie die Bürogebäude waren auch diese Häuser im Regency-Stil errichtet. Sie gehörten zu einer der exklusivsten Wohnanlagen Londons und bestanden aus einer Reihe von Einzelhäusern und Apartments, die sich um einen gemeinsamen geschlossenen Garten gruppierten. Alle Besitzer und Mieter hatten Zutritt zu den Sporteinrichtungen des Komplexes. Der Swimmingpool mit olympischen Ausmaßen war einer der luxuriösesten Londons. Die Sporthalle besaß die modernste Einrichtung, und die Squashfelder waren vom Weltmeister selbst entworfen worden. Neben ihrem Haus besaß Pepper hier noch ein Apartment, das sie ausschließlich für ihre Kunden bereithielt.

Ihr eigenes Haus verfügte über drei Stockwerke. Unten befanden sich das Wohnzimmer, ein Esszimmer und die Küche. Im ersten Stock lagen zwei Gästezimmer mit eigenem Bad, und das oberste Stockwerk enthielt ihre Privaträume: ein riesiges Schlafzimmer, ein luxuriöses Bad, ein Wohnzimmer und einen Ankleideraum, zu dessen beiden Seiten sich Kleiderschränke mit einer Spiegelfront vom Boden bis zur Decke reihten.

Ihre Hausangestellte war schon gegangen. Im Kühlschrank stand ein Mixer mit frischen Zutaten für ihren Lieblings-Gesundheitsdrink. Pepper nahm ihn heraus und schaltete das Gerät ein. Leider nahm sie sehr leicht zu und achtete daher äußerst genau auf ihre Ernährung. Außerdem betrieb sie Gymnastik – heimlich.

Während sie den Saft trank, dachte Pepper an die Briefe. Sie waren an vier Männer gerichtet, von denen sie mehr wusste als diese über sich selbst. Stück für Stück hatte sie die Einzelheiten zusammengetragen, bis sie beinahe in deren Köpfe kriechen konnte.

Pepper warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie besaß ein massiv goldenes Waffelband und stammte von einem königlichen Juwelier. Sollten die anderen Uhren von Cartier oder Rolex tragen, sie brauchte so etwas nicht, um ihr Image zu pflegen. Ihre Uhr war speziell für sie entworfen worden und hielt sich nicht an die jeweilige Mode. Sie konnte sie noch in zwanzig Jahren tragen.

Die Sachen, die sie heute Abend anziehen wollte, waren schon herausgelegt worden. Pepper hatte der Hausangestellten morgens den Auftrag dazu hinterlassen und ihr mitgeteilt, was sie anziehen wollte. Ihrer Kleidung widmete sie ebenso viel Aufmerksamkeit wie allen anderen Dingen.

Heute wollte sie ein Kleid von Valentino anziehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Top-Designern nahm Valentino Rücksicht darauf, dass nicht alle Frauen einsachtzig groß waren. Das Kostüm bestand aus einem kurzen engen schwarzen Samtrock sowie einem schwarzen Samtoberteil mit langen Ärmeln und einem Seidenbund, der unmittelbar unterhalb ihrer vollen Brüste begann und bis zu den Hüften reichte. Er umspannte ihren Körper wie eine zweite Haut. Bei jemandem mit einer nicht ganz so perfekten Figur wäre die Wirkung katastrophal gewesen.

Pepper duschte zunächst, genoss den warmen Wasserstrahl und rekelte sich darunter wie eine Dschungelkatze. Dies war die andere Seite ihrer Natur, die niemand sah – ihre sinnliche, empfindsame. Das heiße Wasser verstärkte den betörenden Duft ihres Parfüms. Sie benutzte immer nur dieses, und es haftete stets an ihrer Haut.

Pepper verließ die Dusche, trocknete sich ab und rieb sich sorgfältig mit Körperlotion ein. Sie wusste auch ohne einen Blick in den Spiegel, dass ihre Haut glänzend und fest war und ihr Körper eine Ausstrahlung besaß, der sich wenige Männer entziehen konnten.

Plötzlich wurde Peppers Mund hart, und sie straffte sich innerlich. Das männliche Geschlecht und dessen Begehren waren ihr gleichgültig. All die Jahre hatte sie sorgfältig das Bild einer äußerst sinnlichen Frau von sich aufgebaut. Niemand hatte bisher gewagt, es auf die Probe zu stellen, und niemand würde es je tun.

Während sie darauf wartete, dass die Körperlotion in ihre Haut einzog, lief Pepper nackt in ihrem Zimmer herum. Hier in ihrem eigenen Haus, mit verschlossenen Türen und Fenstern, machte es ihr nichts aus. Aber es hatte lange gedauert, bis sie so weit gewesen war, und sie war intelligent genug, zu wissen, dass eine Frau, die sich als sexuell erfahren ausgab, nicht verlegen werden durfte, wenn es um ihren Körper ging.

Männer waren wie Raubtiere, und sie besaßen den Instinkt eines Raubtieres für weibliche Schwächen. Sie riss sich zusammen, um nicht zu zittern, und straffte sich, bis nur noch die winzigen Härchen eine Reaktion zeigten und sich aufstellten, als sei ein eisiger Windstoß darübergefahren.

Pepper beachtete dieses verräterische Kennzeichnen nicht, trug ihr Make-up auf und steckte das Haar zu einer eleganten Abendfrisur auf. Um den Hals legte sie eine feine Goldkette mit einem einzelnen makellosen Diamanten. Er ruhte in ihrer Halsgrube und versprühte sein Feuer auf ihrer glatten goldenen Haut. Pepper setzte ihren Körper selten der Sonne aus. Ferien reizten sie nicht sonderlich, und eine Sonnenbank war erheblich ungefährlicher für ihre Haut. Das Gesicht ließ sie niemals bräunen.

Viertel vor sieben verließ Pepper das Haus und stieg in ihren Wagen. Das Verdeck hatte sie wieder geschlossen. Sie schob eine Kassette in den Rekorder im Armaturenbrett und schaltete ihn ein. Während der Fahrt zu ihrem Ziel horchte sie auf die eigene Stimme, die noch einmal alle Informationen aus den Unterlagen über Carl Viner zusammenfasste. Einer ihrer Grundsätze bestand darin, so viel wie möglich über ihre Kunden zu erfahren. Als sie den Wagen dem Portier des Grosvenor-Hotels übergab, kannte sie die Biografie des Tennisstars praktisch auswendig.

Über ihrem Kostüm trug Pepper ein kurzes schwarzes Samtcape, das mit schwarz gesprenkeltem weißen Nerz eingefasst war, der wie Hermelin wirkte. Es war die reinste Show – ein notwendiger Teil der Fassade, die sie der Welt zeigte. Obwohl sie es sich nicht anmerken ließ, machte sie sich heimlich über die Blicke der Leute lustig, während sie lässig durch das Foyer schritt.

Einer der Angestellten an der Rezeption erkannte sie, und sie wurde sofort zu der Suite geleitet, in der der private Empfang stattfand.

Gastgeber war der Hersteller jener Tennisschuhe, die der junge Carl Viner trug. Pepper hatte eine sechsstellige Summe als Vorauszahlung sowie eine Gewinnbeteiligung für ihn ausgehandelt. Sie selbst erhielt zehn Prozent von dieser Summe.

Jeff Stowell, der Agent des Stars, stand in der Nähe der Tür. Er ergriff sofort ihren Arm.

„Wo in aller Welt sind Sie gewesen?“, fragte er.

„Wieso? Es ist genau sieben Uhr“, antwortete Pepper kühl, machte sich von ihm los und ließ sich das Cape von einem Kellner abnehmen. Sie sah, dass Jeff leicht schwitzte, und fragte sich, weshalb er so nervös war. Er war ein überschwänglicher Mann und neigte dazu, Untergebene zu drangsalieren. Seine Kunden behandelte er wie Kinder, ermunterte sie und trieb sie zu Höchstleistungen an.

„Hören Sie, hier ist jemand, der Sie kennenlernen möchte. Der Segler Ted Steiner. Er ist bei Mark McCormack unter Vertrag, möchte aber wechseln.“

Jeff sah, dass Pepper die Stirn runzelte. „Was ist los? Ich dachte, Sie würden sich darüber freuen.“

„Das wäre durchaus möglich, jedoch erst, nachdem ich erfahren habe, weshalb Steiner sich von McCormack trennen will“, antwortete Pepper kühl. „Es ist gerade ein halbes Jahr her, dass er die Whitbread Challenge Trophy gewonnen und anschließend einen Vertrag mit ihm geschlossen hat. Sollte er etwas mit Drogen zu tun haben, und es sieht ganz danach aus, verzichte ich.“

Sie sah, wie sich die Haut des Managers rötete, und merkte, dass ihre Informationen zutrafen.

„Moralische Skrupel“, schimpfte Jeff.

Pepper schüttelte den Kopf. „Nein, finanzielle. Abgesehen von dem drohenden Rummel mit der Polizei und der Presse, bleibt ein Sportler, der Drogen nimmt, nicht lange an der Weltspitze. Verliert er diese Position, nehmen seine Verdienstmöglichkeiten rasch ab, und ohne sie interessiert er mich nicht.“

Während Jeff noch über ihre Worte nachdachte, ging sie an ihm vorüber und suchte Carl Viner.

Der Tennisstar war ziemlich leicht zu finden. Er mochte die Frauen, und sie mochten ihn. Ein halbes Dutzend oder mehr hatten sich um ihn geschart, lauter langbeinige gebräunte Schönheiten. Sobald Carl Viner Pepper auf sich zukommen sah, verlor er das Interesse an ihnen. Er galt zu Recht als Playboy, deshalb hielten manche Agenturen sich etwas zurück. Doch er war klug genug, um zu wissen, was geschehen würde, falls er es zu heftig trieb. Nach Peppers privater Überzeugung war er ganz entschieden ein Anwärter auf den nächsten Wimbledon-Titel.

Im Gegensatz zu den anderen Männern, die einen dunklen Anzug oder Smoking trugen, war Carl in weißer Tenniskleidung erschienen. Seine Shorts waren so kurz, dass man sie schon als unanständig bezeichnen konnte. Sein Haar war blond, von der Sonne gebleicht und fiel ihm in unordentlichen Locken in die Stirn. Er war einundzwanzig und spielte seit seinem zwölften Lebensjahr Tennis. Er wirkte wie ein ein Meter achtzig großes Kind mit hübschen blauen Augen und glatten Muskeln, besaß jedoch einen eisernen Willen.

Er sprach ihren Namen aus, als streichle er ihre Haut. Als Liebhaber musste er zu jener Sorte von Männern gehören, die gern küssten und sogen. Pepper wusste, dass er Blondinen mit vollem hohem Busen bevorzugte.

Eine der Blondinen, die sich an ihn geklammert hatten, spitzte die Lippen und war nicht sicher, ob sie Peppers Anwesenheit verdrossen hinnehmen oder verärgert sein sollte. Pepper beachtete sie nicht und blickte auf Carls Füße. Der Tennisspieler war groß und muskulös und trug Tennisschuhe Größe sechsundvierzig. Als sie ihm wieder ins Gesicht sah, blickte er sie geradezu wollüstig an.

„Falls Sie feststellen möchten, ob das bewusste Sprichwort zutrifft, wäre ich glücklich, es Ihnen zu beweisen.“

Die Blondinen kicherten albern, Pepper betrachtete ihn kühl.

„Das haben Sie bereits“, antwortete sie trocken. „Ich wollte mich nur davon überzeugen, ob Sie die Schuhe Ihres Sponsors tragen.“

Carl wurde rot wie ein verwöhntes Kind. Pepper beugte sich vor, tätschelte seine Wange und grub die Nägel vorsichtig in seine weiche Haut. „Echte Frauen ziehen die feinsinnige Anspielung eindeutigen Angeboten vor. Solange Sie das nicht begriffen haben, sollten Sie lieber weiterhin mit Ihren hübschen Puppen spielen.“

Carl Viners Sponsor war eine relativ neue Firma für Sportschuhe, die sich ein forsches, gehobenes Image für ihre Produkte wünschte. Pepper hatte in der Wirtschaftspresse über sie gelesen und war selbst an sie herangetreten. Der Finanzdirektor hatte angenommen, er sei deshalb in einer besseren Position, aber diese Meinung hatte sie ihm rasch ausgetrieben. Mehrere Tennisschuhfabrikanten hatten sich bereits als künftige Sponsoren bei ihr beworben, und ihre Stars durften nur mit Firmen abschließen, die sie ausgewählt hatte. Und das waren jene mit dem gesundesten finanziellen Hintergrund.

Die Firma hatte einen Schuh entworfen, dessen Qualität und Aussehen die Konkurrenzprodukte bald vom Markt verdrängen würde. Trotzdem war es Pepper mit ihrer Sicherheit und ihrem kühlen Auftreten gelungen, den Glauben der Leute an sich selbst zu untergraben. Am Ende hatte der Finanzdirektor Alan Hart nachgeben und ihre Bedingungen annehmen müssen.

Alan war heute Abend ebenfalls anwesend und beobachtete sie. Eine Zeit lang hatte er geglaubt, er könne Pepper in sein Bett locken, und tief in seinem Innern litt er noch immer an ihrer Zurückweisung.

Für eine Frau, die nicht sehr groß war, bewegte Pepper sich ausgezeichnet. Jemand hatte einmal gesagt, ihr sinnlicher Gang gliche einer Mischung aus den katzenhaften Bewegungen einer Leopardin und dem hypnotischen Schlängeln einer Schlange. Sie kultivierte diesen Gang nicht sonderlich. Generationen stolzer, unabhängiger Frauen vor ihr hatten ihn entwickelt.

Alan Hart sah, wie Pepper graziös von Gruppe zu Gruppe schritt und welch eine Wirkung sie auf ihre Umgebung ausübte. Sie verwirrte die Männer, denn sie setzte ihre Sexualität ein wie der Chirurg sein Skalpell.

„Ich frage mich, wie sie im Bett ist.“

Alan drehte sich herum und sagte, ohne zu lächeln, zu dem Mann neben sich. „Sie ist eine Plage.“

Der andere Mann lachte. „Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?“

Er ging nicht auf die Frage ein, sondern verfolgte Pepper mit den Blicken.

Wie hatte sie es geschafft? Wie hatte sie ihr millionenschweres Imperium aus dem Nichts aufgebaut? Erreichte ein Mann vor seinem dreißigsten Lebensjahr so viel, wäre es schon eindrucksvoll genug. Aber eine Frau, die nach eigenen Angaben nicht einmal eine solide Schulbildung genossen, geschweige denn die Universität besucht hatte?

Alan gab freimütig zu, dass ihn dies ganz entschieden ärgerte. Frauen wie Pepper Minesse waren eine zu starke Herausforderung für die Männer. Seine eigene Frau hatte nichts dagegen, dass sie ihm geistig und finanziell unterlegen war. Mit ihr hatte er zwei Kinder gezeugt und sie mit allen materiellen Dingen ausgestattet, die sich eine Frau nur wünschen konnte. Er wurde ihr regelmäßig untreu und machte sich darüber nicht mehr Gedanken als über einen Hemdwechsel.

Pepper verließ den Empfang, nachdem sie erreicht hatte, weshalb sie gekommen war: die vorläufige Zusage für die Unterstützung eines weiteren Schützlings, eines Jungen aus dem Armenviertel von Liverpool, der eines Tages eine Goldmedaille im Sprint gewinnen würde.

Die ersten kleinen Streitgespräche waren vorüber; jetzt konnten die harten Verhandlungen beginnen.

Unterdessen kontrollierten und sortierten in London elektronische Maschinen unablässig die Postsäcke, und die vier Briefe glitten in die entsprechenden Schlitze.

Das Spiel hatte begonnen. Auf dem Schachbrett des Lebens wurden die Figuren in Stellung gebracht.

2. KAPITEL

Das erste Mitglied des Quartetts erhielt seinen Brief am Sonntagabend genau um 9 Uhr 15.

Obwohl die Bank an Sonnabenden nicht für den Geschäftsverkehr geöffnet war, verbrachte der Aufsichtsratsvorsitzende und Direktor Richard Howell jeweils ein paar Stunden im Büro, um die Post durchzusehen und kleinere Vorgänge zu erledigen, die im Lauf der Woche liegen geblieben waren.

Es war nur eine halbstündige Fahrt von seiner Wohnung in Chelsea, wo er mit seiner zweiten Frau wohnte, zu dem kleinen Privatparkplatz der Bank. Ein uniformierter Dienstmann ließ ihn ein. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem er seinen rechten Arm verloren hatte, war Harry Roger bei der Bank. Mit Ablauf dieses Jahres würde er in Pension gehen, was ihm trotz der großzügigen Altersversorgung, die ihn erwartete, überhaupt nicht gefiel. Er arbeitete gern bei der Howell-Bank. Vor allem konnte er damit prahlen, wenn er sich freitags mit seinen Kumpanen traf. Es gab nur wenige Leute, die den Namen Howell nicht kannten.

Die Geschäftsbank hatte unter der Leitung von Richard Howell gewaltig expandiert und war erfolgreich geworden. Sie wurde von der Finanzpresse regelmäßig als Beispiel für ihre Branche genannt. Auch kritische Korrespondenten bezeichneten Richard inzwischen als „einen Mann mit diabolisch kühnem Scharfblick – als einen Erneuerer und Herausforderer“. Die Howell-Bank stand hinter mehreren spektakulären Geschäftsübernahmen der vergangenen Jahre, und neue Kunden blieben ihr in der Regel erhalten.

Mit gerade dreißig Jahren besaß Richard Howell immer noch dieselbe unbarmherzige Energie und denselben Schwung wie bei seinem Eintritt in die Bank, doch dämpfte er beides durch Vorsicht und ein gewisses Maß an List.

Sein Foto tauchte regelmäßig sowohl in der Finanzpresse als auch seit Kurzem in den Gesellschaftsspalten auf. Doch hätten ihn nur sehr wenige Leute nach diesen Aufnahmen auf der Straße erkannt. Kein Foto konnte jene ruhelose, gebündelte Energie wiedergeben, die so offensichtlich zutage trat, wenn man ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Er war kein besonders groß gewachsener Mann, nur etwas über einsfünfundsiebzig, und besaß dichtes glattes Haar und eine olivfarbene Haut – sein jüdisches Erbe.

Vor vielen Generationen hatten die Howells ihren Namen anglisiert und ihren jüdischen Glauben aufgegeben. Wohlüberlegt hatten sie in die niedrigen und manchmal sogar in die oberen Ränge des britischen Adels eingeheiratet. Doch dann und wann wurde ein Howell geboren, der eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Jacob Howell, dem Gründer des Imperiums besaß.

Richard Howell hatte das gemeißelte hagere Gesicht eines Asketen. Seine Augen waren tief dunkelblau, und sie glühten wie das ewige Feuer des Ehrgeizes, das in ihm brannte. Er wusste genau, woher dieser Wunsch kam, etwas aufzubauen und auszuweiten. Sein Vater und sein Großvater waren beide auf unterschiedliche Art ehrgeizige Männer gewesen. Leider hatte dieser Ehrgeiz seinem Vater keinen Erfolg beschieden, sondern ihn in den Tod getrieben. Aber das lag weit zurück.

Howells erste Frau hatte ihren Mann beschuldigt, ein Workaholic zu sein. Aber das hatte er abgestritten. Workaholics wurden allein von dem prosaischen Bedürfnis nach Arbeit getrieben. Richard wollte mehr. Ihm stand stets ein bestimmtes Ziel vor Augen, und solange er dieses nicht erreicht hatte, konnte er nicht aufhören.

In dem klassischen gestreiften Hemd und dem Savile-Row-Anzug steckte ein Mann, der tief im Innern ein Spieler war. Doch im Gegensatz zu jenen Männern, die wahre Vermögen an den filzbezogenen Tischen der Kasinos gewannen und verloren, hatte er das Glück, Zutritt zu dem exklusivsten Kreis der Spieler dieser Welt zu haben – dem der Hochfinanz.

Richard nahm den Brief auf und betrachtete nachdenklich den Firmenkopf. „Minesse Management.“ Natürlich kannte er das Unternehmen. Man redete in der City davon, dass es über kurz oder lang an die Börse gehen würde. Persönlich bezweifelte er dies. Pepper Minesse würde ihr Imperium niemals in andere Hände geben, gleichgültig, wie viele Millionen es ihr einbrächte.

Richard hatte Pepper einmal kurz auf einer Cocktailparty getroffen, die er mit seiner zweiten Frau besuchte. Irgendwie war sie ihm bekannt vorgekommen, doch obwohl er sich die ganze Nacht den Kopf zerbrochen hatte, war ihm nicht eingefallen, wo er sie kennengelernt hatte. Das ärgerte ihn, denn er war stolz auf sein gutes Gedächtnis für Gesichter, und ihres war so außerordentlich hübsch, dass er sich nicht vorstellen konnte, es schon einmal gesehen und vergessen zu haben, wo es gewesen war. Pepper Minesse war mit einem Kunden auf der Party gewesen.

Linda, Howells zweite Frau, arbeitete für einen privaten Fernsehsender. Wie er, war sie karriereorientiert. Richard Howell hatte keine Vorurteile gegenüber erfolgreichen Frauen, und Pepper Minesse faszinierte ihn. Sie hatte ihr Unternehmen aus dem Nichts aufgebaut, und niemand schien zu wissen, woher sie kam oder was sie getan hatte, bevor sie den ersten Kunden gewann. Bekannt war nur, dass sie einmal für den amerikanischen Unternehmer Victor Orlando gearbeitet hatte. Sie war eine Frau, der es gelang, den Eindruck zu erwecken, völlig offen zu sein, die jedoch andererseits äußerst verschwiegen blieb, was ihre Vergangenheit und ihr Privatleben betraf.

Richard schlug nachdenklich mit dem Umschlag auf seinen Schreibtisch. Es war nicht ungewöhnlich, dass er Post von Leuten erhielt, mit denen er noch nicht zusammenarbeitete. Die Howell-Bank war bekannt dafür, dass sie die Angelegenheiten ihrer Kunden äußerst diskret abwickelte.

Er öffnete den Brief, las ihn und zog seinen Terminkalender hervor. Für Montagnachmittag war nichts eingetragen, und er machte sich eine Bleistiftnotiz. Der Brief reizte ihn; er würde sich mit dieser Pepper Minesse treffen. Es konnte sehr – interessant werden.

Richard sah die restliche Post durch, dann läutete das Telefon. Er nahm ab und hörte die Stimme seiner Frau. Sie waren übereingekommen, das Wochenende mit Freunden zu verbringen, und sie wollte ihn daran erinnern.

„Ich bin in einer halben Stunde zu Hause.“ Das gab ihnen gerade noch Zeit, miteinander zu schlafen, bevor sie losfuhren. Das Adrenalin schoss ihm in die Adern vor Erregung und Erwartung aufgrund von Peppers Brief. So war es immer – der geringste Hinweis auf ein neues Geschäft, ein neues Spiel gab ihm sexuellen Antrieb.

Linda war die perfekte Frau für ihn. Wollte er Sex, war sie dazu bereit und durchaus einfallsreich: hatte er keine Lust, belästigte sie ihn nicht. Wenn es nach ihm ging, hatten sie eine ideale Beziehung. Seine erste Frau …

Richard runzelte die Stirn, denn er wollte nicht an Jessica denken. Linda hatte ihn einmal beschuldigt, er tue so, als hätte es seine erste Ehe nicht gegeben. Sie führte es auf seine jüdische Herkunft und das ererbte Bedürfnis zurück, an veralteten Werten festzuhalten. Das hatte er nicht bestritten. Was blieb ihm übrig? Über seine Ehe mit Jessica konnte er mit niemandem reden, selbst heute noch nicht. Er merkte, wie die Verärgerung in ihm aufstieg und sein körperliches Begehren verdrängte. Jessica gehörte der Vergangenheit an und sollte dort lieber bleiben.

Alex Barnett erhielt seinen Brief, nachdem ihn der Zusteller im Lauf des Sonnabendvormittags bei ihm eingeworfen hatte. Seine Frau Julia hob ihn vom Teppich in der Diele und trug ihn in das sonnige Wohnzimmer auf der Rückseite des Hauses, wo sie an Wochenenden gemütlich frühstückten.

Alex sah kurz auf, als sie hereinkam, und fürchtete, erneut die vertrauten Anzeichen jener Depression zu erkennen, die seine Frau so häufig befiel. An diesem Morgen entdeckte er keine. Der Besuch bei der Adoptionsbehörde gab ihr immer noch Auftrieb. Er und Julia besaßen alles, was sich ein ehrgeiziges Ehepaar nur wünschen konnte – bis auf eines …

Im Alter von dreißig Jahren war Alex Barnett einer der weitsichtigsten und erfolgreichsten Männer seiner Branche. Das Computerzeitalter hatte noch in den Kinderschuhen gesteckt, als er die Nähmaschinenfabrik seines Vaters übernahm. Von Nähmaschinen zu Computern war es ein gewaltiger Schritt gewesen, und er hatte sich Zeit dafür gelassen. Obwohl die „großen Bosse“ manchen seiner Innovationen misstrauisch gegenüberstanden, hatte er einen recht ansehnlichen Marktanteil erobert.

In weniger als sechs Wochen sollte er von der Regierung erfahren, ob man sein Angebot annehmen und seine Terminals in allen britischen Botschaften der Welt aufstellen würde. Dieser Vertrag war viel wichtiger für ihn, als irgendjemand ahnte. Die Verkaufsziffern seiner Firma gingen seit Kurzem zurück – nicht so stark, dass er deswegen beunruhigt sein musste, aber sie benötigten die Gelder aus dem Regierungsauftrag dringend, um neue Entwicklungen zu finanzieren.

„Irgendetwas Interessantes in der Post?“, fragte er Julia.

Sie hatten das Haus vor vier Jahren nach seinem ersten geschäftlichen Erfolg gekauft. Bei einem Wochenende in den Cotswolds, wo sie sowohl ihren Hochzeitstag als auch den Erfolg seines neuen Computers feierten, hatten sie das Haus mit dem Schild „Zu Verkaufen“ entdeckt und sofort gewusst, dass es genau dem entsprach, wonach sie suchten.

Sie hatten immer eine Familie haben wollen. Alex war ein Einzelkind gewesen und Julia ebenso. Kinder waren wichtig für sie, und dieses Haus war für eine Familie mit Kindern gedacht. Es besaß einen großen Garten, der von Sträuchern umgeben war, und eine Koppel, auf der mehrere Ponys weiden konnten. Das Dorf lag nur zehn Autominuten entfernt, und es gab genügend Privatschulen am Ort, die auch Tagesschüler aufnahmen.

Sie hatten einen guten Preis aushandeln können, und Julia hatte ihren Beruf aufgegeben, um das Haus zu renovieren und einzurichten und anschließend natürlich schwanger zu werden.

Nur war sie es nicht geworden. Und nachdem die zweite künstliche Befruchtung letzten Monat fehlgeschlagen war, hatte sie eine spröde Heiterkeit entwickelt, die ihm auf die Nerven ging.

In ihren Augen war es besonders schlimm, dass er Kinder zeugen, sie aber keine austragen konnte. Er hatte ihr versichert, dass sie selbst ihm wichtiger sei als ein Kind, aber sie hatte sich nicht beruhigen lassen. Deshalb hatten sie sich noch einmal mit dem Gedanken an eine Adoption befasst, den sie bereits früher durchgesprochen, anschließend aber wieder fallen gelassen hatten.

Die Belastung der letzten Jahre mit ihren Hoffnungen und herben Enttäuschungen hatte ihre Spuren hinterlassen, bei Julia stärker als bei Alex. Sie hatte all ihre Hoffnungen auf die In-vitro-Befruchtung gesetzt, und nachdem auch die fehlgeschlagen war, hatte sie nichts mehr aus der Depression reißen können.

Jetzt schien sie sich endlich langsam zu erholen. Lächelnd reichte sie ihm die Post.

„Da ist ein Brief von der Adoptionsbehörde. Eine Sozialarbeiterin wird in Kürze zu uns kommen, um sich davon zu überzeugen, dass wir geeignete Kandidaten für sie sind.“

Julia blieb neben ihrem Mann stehen und las den Brief noch einmal. Die Sonnenstrahlen fielen auf ihr blondes Haar, und Alex hob die Hand und strich es ihr aus der Stirn. Er hatte sich auf den ersten Blick in seine Frau verliebt und liebte sie noch immer. Ihr Kummer ging ihm zu Herzen, und er hätte alles getan, um ihr zu dem Kind zu verhelfen, das sie sich so wünschte.

„Hm – was ist das?“, fragte sie und reichte ihm einen cremefarbenen Umschlag. Er ergriff ihn und zog leicht die Augenbrauen in die Höhe, als er den Absender las.

„Minesse Management … Das ist die Agentur, die Werbeverträge zwischen Sportstars und interessierten Firmen abschließt. Ein gewaltiges Geschäft.“

„Und was will sie von dir?“

„Das weiß ich nicht … Vielleicht organisiert sie eine Veranstaltung, an der wir teilnehmen sollen?“ Alex öffnete den Brief, las ihn und reichte ihn seiner Frau.

„Nun, daraus geht nicht viel hervor“, meinte sie.

„Nein, wirklich nicht.“

„Ich sehen keinen Grund, weshalb nicht. Werbung ist immer nützlich, auch wenn es natürlich auf die Kosten ankommt. Ich werde am Montagmorgen anrufen und mich erkundigen, worum es geht …“

Alex lehnte sich im Sessel zurück und spannte seine Muskeln. Er lachte, als er den Ausdruck in Julias Augen bemerkte. Sie hatten immer ein gutes Sexualleben geführt, auch wenn es keinen Spaß machte, jahrelang nach einem Stundenplan miteinander zu schlafen, in der Hoffnung, dass Julia schwanger wurde.

„Ich dachte, du wolltest eine Runde Golf spielen.“

„Vielleicht möchte ich lieber etwas anderes spielen?“, neckte er sie. Er duckte sich, weil sie drohend mit der Zeitung nach ihm schlug, und zog sie anschließend in seine Arme. Auch ohne Kinder bedeuteten sie einander viel, aber Alex spürte, dass Julia nicht aufgeben würde.

Was sollte werden, wenn die Adoptionsbehörde sie nicht als Eltern akzeptierte? Plötzlich zitterte Alex und sah seiner Frau ins Gesicht. Sie war dünner geworden, und winzige Sorgenfalten hatten sich in ihrer Haut gebildet.

Sie war so zerbrechlich, so verletzlich, und er fühlte die Knochen unter ihrer Haut. Eine Welle der Liebe und Anteilnahme erfasste ihn. Er barg das Gesicht an ihrem warmen Hals und flüsterte: „Komm, lass uns ins Bett gehen.“

Hand in Hand gingen sie nach oben, und Julia hoffte inständig, dass er ihre Unlust nicht bemerkte. Seit sie wusste, dass auch der letzte Versuch einer Schwangerschaft durch In-vitro-Befruchtung fehlgeschlagen war, hatte sie jedes Interesse an Sex verloren. Sex war wie die Ehe zur Zeugung von Kindern bestimmt. Nachdem sie keine Kinder bekommen konnte, wollten sich jene Lust und glühende Erregung der ersten Tage nicht mehr einstellen.

Die Lust hatte im Lauf der Jahre abgenommen, aber der Sex hatte ihr immer noch Spaß gemacht. Gern hatte sie Alex in sich aufgenommen. Aber plötzlich schien alles sinnlos geworden zu sein. Ganz gleich, wie häufig er mit ihr schlief, sie würde kein Kind von ihm empfangen.

Simon Herries, Parlamentsabgeordneter für den konservativen Wahlbezirk Selwick an der nördlichen Grenze zwischen England und Schottland, erhielt seinen Brief am Sonnabendmorgen kurz vor elf.

Nach einer langen Besprechung mit einer ausgewählten Gruppe mächtiger konservativer Lobbyisten am Vorabend war er erst um drei Uhr nachts ins Bett gekommen. Daher war es schon heller Vormittag, als er das Frühstückszimmer seines Hauses am Chester Square im vornehmen Stadtteil Belgravia betrat. Wie üblich, sah er als Erstes die Post durch, nachdem er sich gesetzt hatte.

Ein Butler hatte die Briefe auf einem Silbertablett gebracht, und der dicke cremefarbene Umschlag mit dem Firmenzeichen von Minesse Management fiel ihm sofort auf.

Als Politiker musste er derartige Firmen und Institutionen kennen, die die Konservative Partei diskret unterstützten. Er erinnerte sich sofort, dass Minesse ihnen gegen Ende des vorigen Finanzjahres eine äußerst respektable Spende hatte zukommen lassen.

Konservative Parlamentsmitglieder, die fast alle aus den englischen Privatschulen hervorgegangen sind, werden beinahe von Geburt an dazu erzogen, alles eher unter- als überzubewerten. Das ist britische Tradition, die nach Meinung mancher Leute mit Sir Francis Drake begann, der mit Murmeln spielte, während die Spanische Armada näher kam. Die „respektable“ Spende hatte in der Tat beinahe eine Million Pfund betragen.

Trotzdem öffnete Simon den Brief nicht sofort, sondern betrachtete ihn vorsichtig. Vorsicht war das oberste Gebot eines jeden Politikers, und in der Politik wie in jeder anderen Machtstruktur kosteten Gefälligkeiten ihren Preis.

Mit seinen zweiunddreißig Jahren galt Simon inoffiziell in allen Kreisen, die wirklich zählten, als künftiger Führer der Konservativen Partei. Er selbst spielte seine Chancen absichtlich herunter, lächelte verschmitzt und gab sich wie ein beeindruckter, aber bescheidener Beobachter gegenüber den Politfürsten, die ihn hochgebracht hatten.

Seit er Oxford verlassen hatte, war ihm klar, dass nur der höchste Platz an der Macht ihn wirklich befriedigen konnte. Doch er hatte dort auch gelernt, seinen Ehrgeiz zu zügeln und zu beherrschen. Offener Ehrgeiz wurde von der führenden Klasse immer noch mit Misstrauen und als unpassend für einen Gentleman betrachtet.

Alles sprach zu Simon Herries’ Gunsten. Er stammte aus einer Familie des Nordens mit aristokratischen Verbindungen. In Westminster war es allgemein bekannt, dass niemand ohne ein zusätzliches Einkommen Parlamentsmitglied werden konnte – die Linken wurden von ihren Gewerkschaften bezahlt; der rechte Flügel sicherte seinen Unterhalt aus privaten Quellen. Das Einkommen aus dem Treuhandvermögen der Familie seiner Frau ermöglichte Simon Herries einen Lebensstil, den sich nur wenige Kollegen leisten konnten.

Neben seinem Haus im Stadtteil Belgravia besaß er über tausend Hektar fruchtbares Land und ein Herrenhaus im elisabethanischen Stil nahe Berwick. Das Haus in Belgravia war ihm von seinen neuen Verwandten zur Hochzeit geschenkt worden. Es war, vorsichtig geschätzt, eine halbe Million Pfund wert.

Simons nahm die „Times“ auf und befasste sich mit dem ersten Leitartikel. Doch sein Blick kehrte immer wieder zu dem cremefarbenen Umschlag zurück.

Genau um elf Uhr schob der Butler die mit grünem Stoff bezogene Tür auf, die die Küche vom Rest des Hauses trennte, und brachte sein Frühstück herein: frisch gepressten Saft kalifornischer Orangen, die er bevorzugte, zwei Scheiben Vollkornbrot mit einem kleinen Topf Honig von einer seiner eigenen Farmen sowie eine Kanne Kaffee, für den die Bohnen außer sonntags täglich frisch von der Lebensmittelabteilung bei Harrods geliefert wurden und den Simon schwarz trank. Ihm gefiel dieses geordnete, beinahe ritualisierte Leben. Sprach man ihn darauf an, behauptete er, es sei das Ergebnis seiner Erziehung in einer Public School.

Simon achtete sorgfältig auf sein Gewicht. Das äußere Bild war wichtig. Man wollte nicht so aussehen wie die ständig strahlenden, allzu wohlgenährten amerikanischen Kollegen – die Wähler hätten es als Heuchelei empfunden. Doch Simon wäre dumm gewesen, hätte er nicht ausgenutzt, dass er mit seinen einsachtzig und seiner athletischen Gestalt, die von den sportlichen Aktivitäten an den Privatschulen und vom Rudern auf dem College stammte, eine beneidenswert achtunggebietende Erscheinung war.

Sein Haar war dicht und dunkelblond. Im Sommer fügte die Sonne helle Glanzlichter hinzu, und seine Haut nahm eine gesunde braune Farbe an. Er wirkte richtig aristokratisch. Die Frauen mochten ihn und stimmten für ihn und seine Politik, und die Männer beneideten und bewunderten ihn wegen seines Erfolgs. Die Regenbogenpresse nannte ihn das einzige Mitglied des Parlaments mit Sex-Appeal. Er tat, als fände er die Bezeichnung abscheulich.

Seine Frau gehörte vermutlich zu den wenigen Menschen, die wussten, wie sehr ihm diese Beschreibung gefiel – und weshalb.

Im Augenblick war sie verreist und besuchte ihre Familie in Boston. Sie war eine Calvert und konnte ihre Familie bis zu den ersten Ankömmlingen auf der „Mayflower“ zurückführen. Nach Abschluss des Studiums an der Universität von Radcliffe hatte sie noch ein Jahr in Oxford verbracht. Die kühle hochmütige Bostonerin hatte ihm gefallen. Und es hatte ihm Spaß gemacht, ihr die alte Festung seiner Familie in den Hügeln an der Grenze und die Urkunden zu zeigen, die seine Abstammung von den Normannen Wilhelm des Eroberers bewiesen.

Anschließend hatte Elizabeth ihn nach Boston eingeladen. Ihre Eltern waren von ihm beeindruckt gewesen. Ihr Vater war Mitinhaber der Familienbank, und es hatte nicht lange gedauert, bis Henry Calvert herausfand, dass Simon Herries aus einer Familie stammte, die beinahe ebenso klug und vorsichtig mit Geld umging wie seine eigene.

Ihre Hochzeit hatte die Schlagzeilen aller Gesellschaftsblätter bestimmt – äußerst diskret natürlich. Immerhin waren Mitglieder des Königshauses zugegen gewesen. Simons Patentante zählte dazu, und sie hatte die Einladung gnädig angenommen.

Natürlich hatte die Trauung in der St. Margaret-Kirche in Westminster stattgefunden. Mrs Calvert war zwischen freudiger Erregung und Enttäuschung hin und her gerissen gewesen. Wie gern hätte sie für die Patentante ihres künftigen Schwiegersohns in Boston ein Essen gegeben. Aber Simon war unerbittlich geblieben: die Zeremonie musste in St. Margaret abgehalten werden.

Ein Artikel in „The Times“ lobte die Gesetzgebung, mit der Simon eine schärfere Bestrafung für Kindesmisshandlung durchsetzen wollte. Er war dabei, sich einen Ruf als eifriger Verfechter von Gesetz und Ordnung und der Rückkehr zu einer strengeren Moral aufzubauen. Unter seinesgleichen nannte man ihn manchmal bissig den „Hausfrauenkandidaten“. Lächelnd las er den Artikel noch einmal. Es gab eine ganze Menge Hausfrauen, und sie besaßen allesamt das Wahlrecht.

Seine Assistentin würde den Artikel zweifellos für ihn ausschneiden und in seinen PR-Ordner geben. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte ihren Abschluss in Cambridge gemacht. Seit drei Monaten schlief Simon mit ihr. Sie war intelligent, aber etwas zu gefühlsbetont. Wahrscheinlich war es gut, dass die langen Ferien unmittelbar bevorstanden. Dadurch würde sich ihr Verhältnis etwas abkühlen. Er hatte nicht die Absicht, sich zu eng an sie zu binden.

Simon schlitzte den Umschlag vorsichtig mit einem Messer auf. Es besaß einen Silbergriff und war seinem Großvater vom König überreicht worden.

Der Brief war kurz und nichtssagend. Simon wurde gebeten, am Montagnachmittag um drei Uhr ins Büro von Minesse Management zu kommen, um eine Angelegenheit von gemeinsamem Interesse zu besprechen.

Das war kein sonderlich ungewöhnlicher Brief. Deshalb sah Simon in seinem Terminplan nach, ob er Zeit hatte. Es war der Fall. Er trug die Uhrzeit ein und schrieb eine Nachricht für seine Sekretärin, ihm alles zu besorgen, was über die Firma und ihre Gründerin Pepper Minesse herauszubekommen war. Er hatte sie noch nicht persönlich kennengelernt, aber sie galt als eine sehr schöne und sehr kluge Frau.

Miles French, Rechtsanwalt und höchstwahrscheinlich bald Richter French, erhielt seinen Brief erst am Montagmorgen. Er hatte das Wochenende mit seiner neuesten Geliebten verbracht.

Miles gehörte zu jenen Männern, die sich am liebsten auf eine einzige Sache konzentrierten. War er mit einer Frau zusammen, deren Gesellschaft ihm gefiel, ließ er sich ungern von anderen Dingen ablenken. Rosemary Bennett und er waren seit beinahe einem halben Jahr ein Liebespaar, und das reichte, soweit es ihn betraf. Er mochte schöne Frauen, aber ebenso sehr schätzte er eine intelligente Unterhaltung, und sein Verstand langweilte sich meistens schneller als sein Körper.

Rosemary war Redakteurin bei der „Vogue“. Gelegentlich, wenn sie das Gefühl hatte, er könne sich absetzen, strafte sie ihn damit, dass sie ihn vor ihren Modefreundinnen zur Schau stellte.

Ein Rechtsanwalt war in ihrer geschlossenen Welt tatsächlich eine Seltenheit. Die Männer spotteten über seinen Savile-Row-Anzug und sein weißes gestärktes Hemd, während die Frauen ihn verstohlen betrachteten, ihn in Gedanken auszogen und sich fragten, wie groß ihre Chance sein mochte, ihn Rosemary auszuspannen.

Miles war einsfünfundachtzig und besaß einen muskulösen Körper. Sein schwarzes Haar war leicht gelockt, und seine Augen hatten die Farbe von gefrorenem Wasser. Rosemary behauptete, ihr liefe es jedes Mal geradezu köstlich eiskalt den Rücken hinab, wenn er sie mit seinem „Gerichtsblick“ betrachtete. Sie passten zueinander und kannten die Spielregeln.

Beide wussten genau, was sie von dieser Beziehung erwarten durften und was nicht. Miles schlief nicht mit anderen Frauen, aber Rosemary war sicher, dass er sie fallen ließ, sobald sie ihren Reiz für ihn verloren hatte. Und dagegen würde es keinen Einspruch geben.

Miles öffnete die Tür zu seiner Wohnung, die ziemlich nahe bei seiner Kanzlei lag. Er hob den Brief auf, legte ihn mit der übrigen Post auf den Schreibtisch und ging nach oben, um zu duschen und sich umzuziehen. Heute hatte er keine Termine. Er war ein Mann, der nichts überstürzte, sondern geduldig und gründlich vorging. Für jemanden, der ihn nicht näher kannte, war er erstaunlich leidenschaftlich.

Das Telefon läutete, als er aus der Dusche kam. Schimpfend lief er in sein Schlafzimmer, um den Hörer abzunehmen. Wasser tropfte auf den Teppich. Sein Körper war straff und muskulös vom zweimaligen Squashtraining pro Woche in seinem Klub. Dunkles seidiges Haar bedeckte seine Brust, das die Frauen sinnlich erregte.

Der Anruf kam von einem Angestellten. Miles beantwortete dessen Frage und hängte wieder ein.

Nachdem er sich angezogen hatte, ging er in die Küche und machte sich eine Tasse Kaffee. Er hatte eine Haushilfe, die die Wohnung säuberte und manchmal für ihn einkaufte, ansonsten blieb er lieber allein. Seine Eltern hatte er nie gekannt. Als Baby war er auf den Stufen des Kinderkrankenhauses von Glasgow ausgesetzt worden und anschließend in ein Waisenhaus gekommen, wo er Ungestörtheit und Unabhängigkeit schätzen gelernt hatte.

Miles trug den Kaffee in sein Arbeitszimmer. Es war ein geräumiges Zimmer mit Bücherregalen an der Wand und einer der Gründe, weshalb er diese Wohnung gekauft hatte. Er setzte sich an den Schreibtisch, sah die Post durch und runzelte kurz die Stirn, als er den Umschlag von Minesse Management bemerkte. Unbewusst schob er die Unterlippe vor, eine Angewohnheit, die die Frauen sehr sexy fanden. Der Name der Agentur war ihm bekannt. Soweit er wusste, hatte er geschäftlich jedoch nichts mit ihr zu tun.

Miles öffnete den Brief und las ihn lächelnd. Seltsam, dieser Brief konnte nur von einer Frau stammen. Er erinnerte sich nicht, ob er schon einmal persönlich mit Pepper Minesse zusammengetroffen war. Natürlich kannte er ihren Namen und fragte sich, was in aller Welt sie von ihm wollte. Mehrere Möglichkeiten gingen ihm durch den Kopf. Es gab nur einen Weg, es herauszufinden, und er hatte am Nachmittag frei. Also griff er zum Telefon.

Pepper verbrachte das Wochenende bei Freunden, die am Rande von Oxford lebten. Philip und Mary Simms standen ihr fast so nahe wie eine Familie, seit ihre Großmutter gestorben war, als Pepper fünfzehn war. Sie traf am Sonnabendmorgen kurz nach elf Uhr ein und hatte die Fahrt so gelegt, dass sie nicht in den dichten Verkehr geriet.

Die frühe Sommersonne schien, und sie hatte das Verdeck ihres Aston Martin heruntergeklappt. Ihr offenes Haar war vom Wind zerzaust. Sie trug ein Leinenkostüm in einem warmen Olivton mit kurzem engen Rock und einer Jacke, die ihre Brüste und ihre Taille betonte. Darunter hatte sie eine cremefarbene Seidenbluse gezogen. Als sie den Motor abstellte und ihre Beine aus dem Wagen schwang, verschwand Oliver Simms gerade um die Ecke des bescheidenen Viktorianischen Hauses.

Pepper rief ihn an, und der zehnjährige Junge mit den ernsten Augen drehte sich herum. Er errötete ein wenig, während sie näher kam, aber seine Eltern hatten ihm gute Manieren beigebracht, und er wartete, bis sie herangekommen war.

Von allen Freunden seiner Eltern mochte Oliver Pepper am liebsten. Sie versuchte weder, ihm durch das Haar zu fahren, noch – was schlimmer war – ihn auf die Wange zu küssen. Nie vergaß sie seinen Geburtstag, und ihre Weihnachtsgeschenke trafen genau seine Wünsche. Außerdem erhielt er immer noch eine kleine Summe für sein Postsparbuch. Im Augenblick sparte er für ein neues Fahrrad. Er hatte im Juni Geburtstag und hoffte, dass seine Eltern ihm das noch fehlende Geld als Geschenk dazugeben würden.

„Mom und Dad sind im Garten“, erzählte er Pepper.

Er war erst geboren worden, als seine Mutter schon über vierzig und sein Vater noch acht Jahre älter war und hatte während seines kurzen Lebens nie daran gezweifelt, dass er ein Wunschkind gewesen war. Er war nicht verwöhnt in dem Sinne, dass er mit materiellen Dingen überschüttet wurde. Sein Vater unterrichtete an der örtlichen Gesamtschule, und der Familie ging es verhältnismäßig gut. Vor allem aber war er jede Sekunde seines Lebens sicher gewesen, herzlich geliebt zu werden.

Oliver war ein gutmütiger Junge, der schon in frühen Jahren gelernt hatte, logisch zu denken und zu urteilen. Zwar beneidete er seine Schulfreunde manchmal um ihren neuesten Computer oder das modernste BMX-Rad, aber ihre Eltern waren so beschäftigt, dass ihnen der Vater und manchmal auch die Mutter beinahe wie Fremde vorkamen.

Oliver wusste, dass es seinen Eltern schwerfiel, ihn auf die exklusive Vorbereitungsschule zu schicken. Doch so groß das Opfer auch sein mochte, stets war genügend Geld da für eine neue Schuluniform oder die Skiferien, die er unmittelbar nach Neujahr gehabt hatte.

Nachdem er Pepper zum Garten begleitet hatte, entschuldigte Oliver sich und erklärte ernsthaft: „Ich war gerade auf dem Weg zu meinem Krickettraining … Vielleicht werde ich dieses Jahr in die erste Juniorenmannschaft aufgenommen.“

Pepper beobachtete ihn, bis er verschwunden war, und betrat den Garten. „Pepper, Liebes! Du bist früh da!“

„Es herrschte ausnahmsweise einmal wenig Verkehr.“ Pepper küsste Mary auf die Wange und ließ sich von der älteren Frau umarmen. Mary Simms war der einzige Mensch, von dem sie sich so begrüßen ließ. Instinktiv hielt sie sich von allen anderen fern. Bei Mary war das etwas anderes. Ohne sie …

„Ihr seht sehr gut aus, Mary – alle beide.“

Peppers Stimme verriet keinerlei Gefühl. Niemand, der die drei beobachtete, hätte vermutet, wie nahe sie sich standen.

Mary Simms, die in einem weitläufigen alten Pfarrhaus in der Nähe von Cambridge aufgewachsen war, in dem nicht nur ihre Eltern, sondern auch eine ganze Reihe alter Onkel und Tanten wohnten, war es von klein auf gewöhnt, ihre Zuneigung frei und offen zu zeigen. Es tat ihr stärker weh, als sie sagen konnte, dass Pepper jene Liebe versagt geblieben war, die sie als Kind empfangen hatte und mit der sie jetzt ihren Mann und ihren Sohn umgab.

Philip Simms begrüßte Pepper wie immer: mit zerstreuter Gutmütigkeit. Er war der geborene Lehrer und besaß die Gabe, in seinen Schülern das Bedürfnis nach Wissen zu wecken. Er hatte Pepper so viel beigebracht und ihr auch so viel gegeben. Hier in seinem bescheidenen Haus hatte sie …

„Hast du Oliver gesehen?“ Marys Stimme unterbrach ihre Gedanken.

„Ja, er wollte gerade gehen. Er erzählte etwas von einem Krickettraining.“

„Er hofft, ins Juniorteam der Schule aufgenommen zu werden.“ Die Liebe zu ihrem Sohn und der Stolz auf seine Leistungen waren Mary deutlich anzumerken.

Philip setzte gerade vorsichtig junge Pflanzen um, und Pepper beobachtete ihn dabei. Bei allem, was er tat, war er behutsam, unendlich geduldig und verständnisvoll.

„Komm herein, ich mache uns eine Tasse Kaffee“, lud Mary sie ein, und sie gingen ins Haus.

In der Küche hatte sich nur wenig verändert, seit Pepper zum ersten Mal hier gewesen war. Gewiss, es gab eine neue Waschmaschine, einen neuen Gefrierschrank und einen neuen Herd, aber die großen Schränke zu beiden Seiten des Kohlenherdes und die schwere Kiefernanrichte hatten schon immer da gestanden. Das Porzellan auf der Anrichte hatte einer Tante von Mary gehört, viele der Möbel ebenfalls. Geld hatte im Leben der Simms nie eine herausragende Bedeutung gespielt, und Pepper kam es vor, als krieche sie bei ihren Besuchen zurück in die Sicherheit des Mutterleibs.

Während Mary den Kaffee aufbrühte, unterhielten sie sich. Beide Simms hörten nie auf, Peppers Erfolge zu bewundern. Auf Pepper Minesse waren sie ebenso stolz wie auf Oliver, in gewisser Weise vielleicht sogar noch stolzer. Allerdings verstanden sie sie nicht ganz – wie sollten sie auch …

Pepper setzte sich auf einen mit Kunststoff bezogenen Stuhl und fragte sich, was Mary sagen würde, wenn sie erfuhr, was sie gestern getan hatte. Einen Moment verfinsterte sich ihr Gesicht, aber es war sinnlos, ihre Handlungsweise an Marys moralischen Maßstäben zu messen. Ihr Leben, ihre Gefühle und ihre Reaktionen waren so vielschichtig, dass weder Mary noch Philip je wirklich begreifen konnten, was sie bewegte.

Beide waren damals äußerst bestürzt gewesen, dass sie Oxford verlassen wollte, hatten aber nicht versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Beinahe ein Jahr hatte sie in diesem Haus verbracht und war von den Eigentümern umsorgt, verhätschelt und beschützt worden. Mary und Philip hatten sie aufgenommen und ihr etwas gegeben, was sie niemals zuvor in ihrem Leben erfahren hatte. Sie waren die einzigen wirklich guten christlichen Menschen, die sie kannte, und trotzdem gab es eine Menge Leute, die das Paar wegen seines einfachen Lebens und seines geringen Interesses an Reichtum und Erfolg verachteten und verspotteten.

Pepper brauchte dies hier beinahe ebenso wie ihre Rache. Sie musste sich dazu zwingen, die Anzahl ihrer Besuche zu begrenzen. Einmal im Monat, Weihnachten und an den Geburtstagen …

Mary und sie tranken ihren Kaffee in schweigendem Einvernehmen, wie es nur Leute tun, die einander gut kennen und sich in Gesellschaft des anderen völlig wohlfühlen. Anschließend half Pepper Mary, abzuwaschen und das Mittagessen zu bereiten – einfache häusliche Verrichtungen, bei denen sie keiner ihrer leitenden Angestellten oder Mitarbeiter je vermutet hätte. Allerdings hätte Pepper auch keinem gestattet, sie so zu erleben.

Nach dem Mittagessen gingen sie in den Garten, nicht etwa um sich in die frühe Nachmittagssonne zu setzen und ein wenig zu ruhen, sondern um das Unkraut herauszureißen, das unablässig Philips Blumenbeete bedrohte. Während sie arbeiteten, erzählte Philip. Er machte sich Sorgen um einen Schüler. Pepper hörte ihm zu, und eine demütige Liebe zu diesem Mann erfasste sie. Doch für Philip würde sie immer bleiben, was sie mit siebzehn Jahren gewesen war: eine ungebildete, schlecht erzogene kleine Wilde, die nur die Gesetze ihres Zigeunerstammes kannte und sich eher von Gefühlen als von der Logik lenken ließ.

Nach dem Tee mit Marys selbst gebackenen Hörnchen und Marmelade vom vorigen Sommer verließ Pepper die Simms gegen fünf Uhr wieder. Oliver war da und betrachtete mit ein paar Freunden lässig ihren Wagen. Während sie die Jungen beobachtete, lächelte er ihr zu. Es war ein verschwörerisches, sympathisches Lächeln, das deutlich zeigte, was für ein Mann Oliver einmal werden würde. Schon jetzt entdeckte Pepper bei ihm die Anfänge von großem persönlichem Charme, von Intelligenz, Dynamik und einigem mehr.

Gleichgültig, wohin ihn das Leben einmal führen würde und wie es verlief, immer würde er auf diese Jahre hier zurückblicken können; auf die Liebe seiner Eltern und die Sicherheit, die sie ihm gegeben hatten. Ein Leben lang würde er von diesem Geschenk zehren – wie ein Reis, das in guter, fruchtbarer Erde besser und kräftiger gedeiht als in einem armen Boden, wo es ums Überleben kämpfen muss.

Hindernisse aller Art konnte man überwinden, aber sie hinterließen Narben. Oliver würde ohne diese Narben erwachsen werden.

Pepper stand auf, beugte sich hinab und umarmte und küsste erst Mary und dann Philip. Beide begleiteten sie zum Wagen.

„In drei Wochen veranstaltet Olivers Schule einen Tag der offenen Tür“, erzählte Philip. „Wirst du dafür herkommen können?“

Pepper sah Oliver an, der scheu lächelte.

„Nun, da er mein Patenkind ist, muss ich das wohl.“

Oliver strahlte. Pepper merkte, dass sie genau den richtigen Ton in Gegenwart seiner Freunde angeschlagen hatte. Jungen dieses Alters missbilligten Gefühlsausbrüche bei den Erwachsenen zutiefst.

Sie stieg in den Wagen und schaltete die Zündung ein. Vor ihr lagen London und der Montag.

Würden die vier auf die Briefe reagieren? Pepper vermutete es. Sie hatte mit einem Köder gewinkt, dem keiner widerstehen konnte. Alle würden einen Vorteil von einem Kontakt mit Minesse Management erwarten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Grimmig lächelte Pepper vor sich hin und fuhr in Richtung Autobahn.

3. KAPITEL

Am Montagmorgen kam Pepper später als gewöhnlich in ihre Firma. Sie fühlte, wie die Spannung in ihr wuchs, während der dichte Verkehr in Knightsbridge sie zusätzlich aufhielt.

Weiter vorn sah sie die Leute bei Harrods ein- und ausgehen und die Brompton Road und den Sloane Square entlangeilen. Hier waren Einkaufsparadiese für jene entstanden, die viel Geld ausgeben konnten.

Elegante Frauen in für den Stadtteil typischen Caroline-Charles-Modellen und Schuhen von Jourdan betrachteten die Schaufenster. Bei Harvey Nichols hatte Lady Diana vor ihrer Heirat mit dem Thronfolger eingekauft. In beinahe jeder Abteilung dieses exklusiven Geschäftes gab es junge Mädchen mit demselben typischen Akzent der Oberklasse. Amerikanische und japanische Touristen sammelten sich vor dem Haupteingang von Harrods. Geistesabwesend bemerkte Pepper, dass längst nicht mehr so viele arabische Frauen darunter waren. Dann musste sie wieder auf die Straße vor sich achten, da gerade eine Lücke entstanden war und sie ein Stück zügig weiterfahren konnte.

Nervös sah sie auf die Uhr an ihrem Armaturenbrett. Zwar hatte sie vormittags keinen Termin, kam aber ungern zu spät. Es war ein Kennzeichen dafür, dass sie ihr Leben nicht voll unter Kontrolle hatte. Gleichzeitig bekämpfte sie ihre Ungeduld; Ungeduld machte die Menschen unvorsichtig und führte zu Fehlern. Und Fehler hatten in ihrem Leben keinen Platz – es sei denn, andere begingen sie.

Pepper kam so selten später, dass die Empfangssekretärin eine Bemerkung machte, als Miranda die Post bei ihr abholte.

„Vielleicht hat sie ein anstrengendes Wochenende hinter sich“, murmelte Helena vielsagend und reichte ihr die Umschläge.

Miranda interessierte sich ebenso wie das andere Mädchen für Peppers Liebesleben, aber sie war taktvoll genug, es nicht zu zeigen. Schon manche gute Sekretärin hatte gehen müssen, weil sie über ihren Chef tratschte, und Pepper entging nicht viel.

„Ich frage mich, ob sie je heiraten wird“, überlegte Helena, die das Thema ungern fallen ließ.

„Viele erfolgreiche Geschäftsfrauen verbinden Karriere und Ehe“, stellte Miranda fest.

„Hm … Ich habe ein Foto von ihr mit Carl Viner in einer Zeitung entdeckt. Er ist wahnsinnig sexy, findest du nicht auch?“

Miranda zog die Augenbraue in die Höhe und antwortete trocken: „Sie ebenfalls.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Pepper eben das Haus betrat. Dieser eindeutige sinnliche Gang und diese fließenden Bewegungen der Hüften und Beine ließen keinen Zweifel zu.

Pepper begrüßte die beiden jungen Frauen und ging an ihnen vorüber in Richtung Büro. Die Sekretärin folgte ihr.

„Miranda, ich erwarte heute Nachmittag um drei Uhr vier Herren. Sie kommen alle gleichzeitig. Hier sind ihre Namen.“ Sie reichte ihrer Sekretärin ein Blatt Papier.

„In Ordnung. Möchten Sie jetzt eine Tasse Kaffee?“

„Ja, gern. Und benachrichtigen Sie bitte den Sicherheitsdienst, damit jemand zugegen ist, solange die Herren im Haus sind.“

Miranda war viel zu beherrscht, um sich die Überraschung anmerken zu lassen. Sie erinnerte sich nicht, dass Pepper schon einmal eine derartige Bitte an sie gerichtet hatte. Interessiert betrachtete sie die Namen, kannte jedoch nur zwei davon; einen Parlamentsabgeordneten und einen Unternehmer. Nun, ihre Neugier würde befriedigt werden, wenn Pepper ihr die Gesprächsnotizen diktierte. Ihre Chefin hielt grundsätzlich alle Einzelheiten ihrer Unterredungen fest.

Miranda legte das Blatt Papier auf den Schreibtisch und ging in die kleine Küche, die sich hinter ihrem Büro befand. Der Pausenraum für die Angestellten ging davon ab, ein luftiges, hübsch eingerichtetes Zimmer mit Bücherregalen und bequemen Sesseln. Minesse Management besaß keine Betriebskantine, die lohnte sich bei den wenigen Angestellten nicht.

Allerdings gab es neben Peppers Büro ein offizielles Speisezimmer, in dem sie manchmal mit Kunden oder Sponsoren eine Mahlzeit einnahm. Das Essen wurde von einer kleinen Firma geliefert, die sich auf die Ausrichtung offizieller Mittag- und Abendessen spezialisiert hatte.

Häufig hatte Miranda bei solchen Anlässen die Aufgabe, die Religionszugehörigkeit und die Lieblingsspeisen der Gäste herauszufinden. Wenn Pepper die Angaben besaß, stellte sie die jeweiligen Mahlzeiten persönlich mit dem Lieferanten zusammen. Sie hatte bereits vor Jahren erkannt, dass auch die geringsten Kleinigkeiten von Bedeutung waren, wenn es um einen hohen Einsatz ging.

Miranda brühte frischen Kaffee auf, goss ihn in eine Kanne und stellte diese zusammen mit einer passenden Tasse und Untertasse sowie einem Sahnekännchen auf ein elegantes Silbertablett. Das weiße Porzellan mit dunkelblauem Rand und Goldkante gehörten zum Essgeschirr für die Kunden im Speisezimmer. Es war kostbar und trotzdem zurückhaltend – wie Pepper selbst in mancher Beziehung.

Als Miranda den Kaffee hereinbrachte, legte Pepper die Akten, an denen sie gerade arbeitete, nieder und erklärte: „Falls einer der Männer auf der Liste anruft, bin ich nicht zu sprechen. Sollte jemand den Termin absagen, lassen Sie es mich aber bitte sofort wissen.“

Mehr sagte sie nicht, und Miranda stellte keine Fragen. Pepper delegierte nichts. Der Erfolg oder Misserfolg von Minesse Management lag einzig und allein in den Händen seiner Gründerin.

Pepper trank ihren Kaffee und las die Zeitungsausschnitte der Wochenendpresse. Zu Mirandas Aufgaben gehörte es, die Zeitungen durchzusehen und jede Meldung über einen Kunden oder Sponsor auszuschneiden.

Viertel vor zwölf räumte sie ihren Schreibtisch auf und meldete sich über die Sprechanlage bei ihrer Sekretärin.

„Um zwölf habe ich einen Termin mit John Fletcher, Miranda. Falls jemand etwas von mir will: Ich werde gegen zwei Uhr zurück sein.“

John Fletcher war ein aufstrebender Designer. Pepper hatte einige Modelle von ihm in einem Artikel der „Vogue“ über neue Modeschöpfer gesehen und zwei Kostüme bei ihm bestellt. Bisher war er noch nicht sonderlich bekannt, aber das würde Pepper ändern. Sie hatte ein junges Model unter Vertrag, das als vielversprechend galt. Dieses Mädchen wollte sie so mit Fletcher in Verbindung bringen, dass die Aufmerksamkeit auf beide gleichzeitig gelenkt wurde und Model und Modeschöpfer wechselseitig davon profitierten.

Louise Faber hatte sich auf einer Cocktailparty selbst an Pepper gewandt. Sie war achtzehn Jahre alt und wusste genau, was sie aus ihrem Leben machen wollte. Ihre Mutter war ebenfalls ein Model gewesen, und dadurch hatte Louise bereits die Beziehungen und die Kontakte, um ins Geschäft zu kommen. Viele frühere Kolleginnen ihrer Mutter waren in die einflussreichere Modewelt aufgestiegen, und Rena Faber hatte sie an die alten Zeiten erinnert, um ihrer Tochter einen guten Start zu verschaffen. Doch Louise war keine gewöhnliche blauäugige Achtzehnjährige, der es genügte, ihr Gesicht auf der Titelseite der „Vogue“ zu sehen.

Louise hatte eigene Ambitionen. Sie wollte ein Restaurant mit einem „Michelin“-Stern haben. Aber dazu brauchte sie Geld und eine Ausbildung. Ohne Geld und Einfluss hatte sie kaum die ...

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