Logo weiterlesen.de
Die Glut, die du in mir weckst

1. KAPITEL

Er verachtete und hasste sie mit jedem Atemzug, den er tat, mehr.

Da stand sie, abseits. Eine einsame Frau. Verwitwet.

Verwitwet, nicht geschieden.

Groß, elegant, unnatürlich gefasst. Hatte sie ihren verstorbenen Mann überhaupt geliebt? Er bezweifelte es. Wenn sie ihn geliebt hätte, hätte sie ihn gehen lassen. Hätte ihn Maria überlassen, anstatt an einer Ehe festzuhalten, die längst keine mehr war.

Ohne auf den kalten Wind zu achten, der ihm unablässig Regen ins Gesicht blies, verharrte Raffaele Rossellini in einiger Entfernung von den am Grab stehenden Trauernden.

Er ließ sich von seiner Wut mitreißen. Würde seine geliebte Schwester jetzt im Krankenhaus liegen, nur noch durch Apparate am Leben gehalten, wenn die kühle Blondine in Schwarz den wiederholten Bitten ihres Mannes, ihn freizugeben, nachgegeben hätte? Wenn sie ihn vor der Geburt eines Kindes, das nun weder Vater noch Mutter haben würde, hätte gehen lassen?

Erneut von tiefem Schmerz überwältigt, seufzte er auf.

Er war hergekommen, um dem Mann, den seine Schwester geliebt hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Einem Mann, mit dem er geschäftlich zu tun gehabt hatte und den er als Freund betrachtete. Bald würde er, Raffaele, wieder am Bett seiner Schwester sitzen. Obwohl sie vermutlich nicht merkte, dass er bei ihr war.

Die lebenserhaltenden Maßnahmen würden nach der Geburt des Kindes eingestellt werden. Die Ärzte hofften, diese Geburt so lange wie möglich hinauszögern zu können, damit das Kind weiter wuchs. Raffaele fand die Argumentation, dass ein ungeborenes Leben nicht unnötig aufgegeben werden sollte, schrecklich. Seine jüngere Schwester war ein so lebensfroher Mensch gewesen. Und dass sie nicht in Würde sterben durfte, ehe ihr Kind geboren war, war eine grausame Vorstellung für ihn.

Er versuchte sich einzureden, dass sie es genauso gewollt hätte – sie hatte sich so sehr auf ihr Baby gefreut –, doch dieser Gedanke milderte nicht seine Verzweiflung darüber, dass sie bereits gegangen war. Anwesend und doch nicht da. Am Leben und doch nicht mehr lebendig.

Raffaele sah zu der blonden Frau hinüber, die er nur vom Hörensagen kannte. Die Witwe des Mannes, der eben zur letzten Ruhe gebettet worden war. Wie versteinert stand sie am Grab, ohne dass eine einzige Träne über ihr blasses Gesicht gelaufen wäre. Selbst jetzt, nachdem die anderen Trauergäste gegangen waren, zeigte sie keinerlei Trauer.

Seine Wut wurde von Bitterkeit verdrängt. Er hatte das Versprechen, das er vor Jahren seiner sterbenden Mutter gegeben hatte, gebrochen. Er hatte seine kleine Schwester nicht beschützt. Nun war es zu spät, den Schaden zu beheben, der durch seine Nachsichtigkeit Marias Launen gegenüber entstanden war.

Als er ihre Affäre mit einem verheirateten Mann entdeckt hatte, hätte er gleich einschreiten sollen, auch wenn es vermutlich unmöglich gewesen wäre, seine dickköpfige Schwester zu bremsen. Doch er hätte etwas unternehmen sollen, damit sich ihr Traum, den Vater ihres Kindes zu heiraten, erfüllte. Er hätte mit Lana Whittaker sprechen und sie mittels seiner Autorität irgendwie dazu bringen sollen, dem Wunsch ihres Mannes nach einer Trennung zuzustimmen.

Zu spät. Es war zu spät.

Der Anblick des leblosen Körpers seiner Schwester, in dem ein neues Leben heranwuchs, war unauslöschlich in seinem Gedächtnis eingebrannt. Ja, er hatte versagt, Maria zu beschützen, aber bei ihrem ungeborenen Kind würde er nicht versagen.

Raffaele Rossellini machte den gleichen Fehler nie zweimal.

Das Kind würde wie sein eigenes aufwachsen. Das hatte er Maria versprochen. Ihr Sohn oder ihre Tochter würde innig geliebt werden und rechtzeitig alles über seine oder ihre Mutter erfahren, damit die Erinnerung an sie nicht verblasste.

Ungeweinte Tränen brannten Raffaele in den Augen, als er den Rücken der Frau am Grab fixierte.

Noch einmal würde er nicht versagen.

Er kämpfte gegen seinen tiefen Schmerz an. Auf die eine oder andere Art und Weise, so schwor er sich, würde Lana Whittaker seinen Zorn zu spüren bekommen. Er würde sie büßen lassen – für Marias Leid, die verzweifelten Anrufe, die er zu Hause in Italien erhalten hatte, als feststand, dass sie schwanger war, und sie erkannte, dass Kyle sie nicht vor der Geburt ihres Kindes würde heiraten können.

Lana Whittaker würde am eigenen Leib erfahren, was Bedauern hieß. Sie würde selbst erleben, was Verlust bedeutete.

Lana fröstelte in ihrem durchnässten schwarzen Wollmantel und war sich einmal mehr des hochgewachsenen dunkelhaarigen Fremden bewusst, der während des kurzen Begräbnisses etwas abseits von den Trauergästen gestanden hatte und sie jetzt, da die Trauerfeier beendet war, noch immer fixierte.

Wer war er?

Sie wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen. Hoffentlich war er kein Paparazzo, denn es hätte ihr gerade noch gefehlt, ihr Foto in der Boulevardpresse zu entdecken. Die Umstände des Todes ihres Mannes würden früh genug bekannt werden.

Wie hatte Kyle ihnen das nur antun können? Wie hatte er ihr das antun können? Wieso hatte sie nicht geahnt – nicht gewusst –, dass er eine Affäre hatte? Sie versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, ob es irgendein Anzeichen dafür gegeben hatte, dass er nicht glücklich war. Aber es gab keins. Er war liebevoll und nett gewesen, selbst als sie ihn für seine Geschäftsreise nach Wellington, der Hauptstadt Neuseelands, zum Flughafen gefahren hatte. Eine einwöchige Reise, die er seit drei Jahren alle vierzehn Tage unternahm.

Eine Reise, die er immer wieder antrat, um bei seiner Geliebten zu sein!

Einen Moment lang war Lana drauf und dran, ihrem Bedürfnis, laut zu schreien, nachzugeben, ihrem maßlosen Zorn und ihrer Angst, die sie aus dem Gleichgewicht zu bringen drohten, freien Lauf zu lassen. Ihre Situation war unfassbar. Sie waren das perfekte Ehepaar gewesen – einander treu ergeben. Alle hatten das gesagt.

Kleine schwarze Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen. Atme tief durch, befahl sie sich. Gib nicht nach. Lass dich nicht hängen.

Die frische feuchte Luft tat ihr gut, doch nichts half gegen das gähnende schwarze Loch in ihrem Herzen.

„Mrs. Whittaker? Wir sollten jetzt gehen. Der Partyservice hat Bescheid gegeben, dass die ersten Trauergäste im Apartment angekommen sind.“ Die sanfte Stimme des Beerdigungsunternehmers riss Lana aus ihren Gedanken.

Sie holte noch einmal tief Luft und schloss kurz die Augen, bevor sie antwortete.

„Ja, ich bin bereit.“ Bereit wofür? Welche Zukunft hatte sie jetzt? Ihr Leben – ihre Träume, ihre große Liebe – war mit ihrem Mann begraben worden.

Die kurze Autofahrt zu ihrer Wohnung im Zentrum von Auckland bekam sie kaum mit. Dort würden die Trauergäste sie erwarten und ihr ihr Mitgefühl aussprechen. Ihretwegen musste sie durchhalten. Sie noch ein wenig länger in dem Glauben lassen, dass Kyle der Mann gewesen war, den sie mit Respekt betrauern und erinnern konnten, nicht der Mann, der er in Wirklichkeit gewesen war.

Er hatte sie alle belogen.

Die Stimmung in der Wohnung war gedrückt. Ihr Mann war ein Finanzgenie gewesen, dessen Meinung in Geschäftskreisen geschätzt wurde.

Nach ein paar Stunden hatte der Partyservice aufgeräumt, und die letzten Gäste waren gegangen. Lana fragte sich, ob sie sie je wiedersehen würde, sobald die Wahrheit in den Zeitungen erschien. Ob ihr Mitgefühl in Mitleid umschlagen würde oder, schlimmer noch, in Verachtung.

Ihr Anwalt hatte eine gerichtliche Verfügung erwirkt, dass keine Details zu Kyles Tod an die Medien weitergegeben werden durften, doch diese Verfügung würde um Mitternacht aufgehoben werden.

Dann würde der Wirbel losgehen.

Unwillkürlich fiel Lana der Fremde am Grab ein. Wer war er? Wenn er kein Reporter war, dann vielleicht einer von Kyles früheren Kunden? Sie war ihm nie zuvor begegnet, das stand fest. Denn obwohl sie sein Gesicht nur kurz gesehen hatte, würde sie seine sanft gewölbte Stirn nie vergessen, die leicht gebogene Nase zwischen dunklen Augen und das kräftige, energische Kinn. Ein solches Gesicht vergaß eine Frau nicht. Alles an ihm, selbst der Schnitt und die Länge seines Mantels, verriet ohne Zweifel europäische Eleganz.

Angewidert schüttelte Lana den Kopf. Da war ihr Mann gerade einmal zwei Tage tot, und schon interessierte sie sich für einen anderen. Auch wenn Kyle untreu war, gab ihr das nicht das Recht, Ausschau nach einem anderen zu halten. Nicht nach ihrer Auffassung von Moral.

Langsam ging sie durch das geräumige Wohnzimmer und ließ dabei die Hand über die große weiße Ledercouch gleiten. Dort hatten sie und Kyle oft aneinandergekuschelt beobachtet, wie die Sonne hinter den Waitakere Ranges im Westen Aucklands verschwand, ehe sie in ihr Schlafzimmer gegangen waren, um sich zu lieben. Manchmal hatten sie es nicht einmal bis dorthin geschafft.

Sie ballte die Hand zur Faust, als der Schmerz über sein Doppelleben ihre eiserne Selbstbeherrschung durchdrang, hinter der sie sich den ganzen Tag verschanzt hatte. Wie kamen Frauen mit der Entdeckung zurecht, dass ihre Männer eine Geliebte hatten? Wie gingen sie mit der Last der Lügen um, die sie unwissentlich gelebt hatten, und wie schafften sie es, darüber hinwegzukommen?

Sie war wütend, fühlte sich betrogen. Wie hatte er einfach sterben und so viele Fragen unbeantwortet lassen können? Sie wollte nicht einmal daran denken, was sie am Vorabend auf seinem Laptop entdeckt hatte, nachdem die Polizei ihr seine Sachen aus dem Unfallwagen gebracht hatte. Wie durch ein Wunder hatte er den Frontalzusammenstoß überstanden. Doch sie fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, nichts von der Datei zu wissen.

Nicht zu erfahren, dass er das Vertrauen so vieler seiner Kunden missbraucht hatte, indem er ihre Investmentfonds abschöpfte, um die Wohnung seiner Geliebten an der Uferpromenade Oriental Parade in Wellington zu finanzieren. Nicht zu wissen, dass er Geld von ihrem gemeinsamen Sparkonto für den gleichen Zweck verwendet hatte.

Vermutlich liefen bereits Ermittlungen wegen Betrugs gegen ihn. Sie würde der Polizei den Computer zurückgeben müssen. Die Dateien dürften sie sehr interessieren.

Überwältigt von ihrem Schmerz, sank sie auf dem flauschigen cremefarbenen Teppichboden auf die Knie. Sie stützte sich mit beiden Armen auf und atmete mehrmals tief durch. Es war mehr, als sie ertragen konnte.

Ihr Blick fiel auf ein Bild auf dem Couchtisch. Es zeigte sie und Kyle auf der Jacht eines Freundes. Sie lachten, und ihre Liebe und tiefe Verbundenheit spiegelten sich in ihren Augen wider.

Eine Lüge.

Ihre Ehe, wegen deren sie von all ihren Freunden beneidet wurden und die an ihrem Hochzeitstag letztes Jahr auf den Gesellschaftsseiten der Zeitungen als Paradebeispiel einer glücklichen Verbindung gepriesen worden war, hatte seit drei Jahren nicht mehr existiert, und sie hatte es nicht einmal bemerkt.

In einem plötzlichen Wutanfall warf Lana das Foto an die Wand. Ohne auf die Glasscherben zu achten, sprang sie auf und machte sich wie von Sinnen daran, alle Fotos des „perfekten Paares“ aus der Wohnung zu entfernen.

Sie riss sie aus den Rahmen und ließ diese achtlos auf den Tisch fallen. Die Bilder zerriss sie, bis sie in kleinen Schnipseln auf dem Fußboden lagen.

Lügen, alles Lügen.

Erst danach ergab sie sich ihrem tiefen Schmerz. Tränen strömten ihr über die Wangen, und sie schluchzte auf. Sie sank auf die Couch und nahm nichts mehr um sich herum wahr, nur noch die unendliche Leere in ihrer Brust, wo eigentlich ihr Herz hätte sein sollen.

Unvermittelt riss ein Summen sie aus ihrer trostlosen Benommenheit. Ihr Herz begann zu rasen, doch schließlich wurde ihr bewusst, dass es die Wechselsprechanlage des Sicherheitsdienstes aus dem Foyer war. O nein. Sie fröstelte. Das würde doch wohl nicht schon die Presse sein?

Es summte erneut. Wer hatte heute Dienst? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Aber sie sollte sich erinnern. Auf solche Details hatte sie immer Wert gelegt. Wieder stiegen ihr heiße Tränen in die Augen, und sie blinzelte sie schnell weg. Sie würde nicht mehr weinen. Sie musste sich zusammennehmen. Als Diplomatentochter hatte sie das ihr ganzes Leben lang trainiert und es in ihrem Job als Spendensammlerin des Wohltätigkeitsvereins für benachteiligte Kinder weiter verinnerlicht.

Plötzlich fiel ihr der Name des Mannes vom Sicherheitsdienst wieder ein. Mit zitternden Fingern drückte sie auf die Sprechtaste. „Ja, James?“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, Mrs. Whittaker, aber hier ist ein Gentleman, der Sie sehen möchte. Ich weiß, es ist spät, aber er besteht darauf.“

„Ich empfange keine Reporter, James.“

„Er ist kein Reporter, Madam. Er sagt, es gehe um eine persönliche Angelegenheit. Sein Name ist Raffaele Rossellini.“

„Ich kenne keinen Mr. Rossellini. Bitte fordern Sie ihn auf zu gehen.“

„Mrs. Whittaker?“ Eine tiefe Männerstimme mit Akzent meldete sich. Selbst über die Sprechanlage klang sie willensstark und ausgesprochen maskulin. „Wir sind uns noch nicht begegnet, aber ich muss Sie sehen. Ich war ein Freund Ihres Mannes.“

„Ich kenne alle Freunde von Kyle, Mr. Rossellini. Sie kenne ich allerdings nicht.“

„Wirklich alle, Mrs. Whittaker?“

Seine Frage traf sie wie ein Schlag. Sie hatte ja nicht einmal etwas von Kyles Geliebter gewusst.

„Kommen Sie herauf. Ich gebe Ihnen genau zehn Minuten für Ihr Anliegen.“

„Was ich zu sagen habe, wird nicht lange dauern.“

Schnell schaltete Lana einige Lampen ein, die das Wohnzimmer in warmes Licht tauchten und einen starken Gegensatz zu dem Eisklumpen bildeten, der sich in ihrem Magen festgesetzt zu haben schien.

Als es an der Wohnungstür klopfte, strich sie automatisch ihr Kleid glatt und fuhr sich hastig mit den Fingern durchs Haar.

Raffaele versteifte sich, als seine erklärte Feindin ihm die Tür öffnete. Dio! Wie hübsch sie war. Ausgeschlossen, dass das die gleiche Frau war, deren Haltung beim Begräbnis ihn so aufgebracht hatte. Verklebte dunkle Wimpern umrahmten ihre sanften blaugrünen Augen, als habe sie vor Kurzem geweint. Ihr Gesicht war erhitzt, ihr Haar zerzaust. Sie sah weich aus, verletzt, ganz so, als bräuchte sie dringend Trost – wie eine Frau, die ein Mann wie er vor den Härten des Lebens beschützte. Wie eine Frau, die ein Mann wie er die ganze Nacht lang liebte, ihren schlanken Körper genoss, dabei ihr herrliches Haar durchwühlte und sie nach allen Regeln der Kunst verwöhnte.

Dann verwandelte sie sich vor seinen Augen zurück in die unterkühlte Witwe, die am Grab gestanden hatte. Er musste sich geirrt haben. Der kurze Blick auf eine völlig andere Frau konnte nur ein Irrtum gewesen sein. Die Rückverwandlung erinnerte ihn augenblicklich an den Grund seines Besuchs.

„Mrs. Whittaker, Raffaele Rossellini. Darf ich eintreten?“

Sie schien überrascht, ihn zu sehen, ganz so, als kenne sie ihn von irgendwoher. Aber das war unmöglich. Auf dem Friedhof hatte er sich im Hintergrund gehalten, und ihre Wege hatten sich vorher nicht gekreuzt. Doch irgendetwas an ihr faszinierte ihn, an der Art und Weise, wie sie schnell eine kühle Miene aufgesetzt hatte. Als verstecke sie sich hinter einer dicken, wenn auch durchsichtigen Mauer.

Natürlich tut sie das, schalt er sich insgeheim. Das hier war die wahre Lana Whittaker. Die Eiskönigin in Person. Die Frau, die so hartnäckig an der Farce einer Ehe festgehalten hatte, statt den Mann gehen zu lassen, der sie nicht mehr liebte.

Sie bat ihn in die Wohnung und führte ihn in ein geräumiges, teuer eingerichtetes Wohnzimmer. Kein Wunder, dass Kyle Geld von ihm gebraucht hatte. Lana Whittaker liebte offensichtlich den Luxus.

Während er hinter ihr herging, stieg ihm ein Hauch ihres Parfüms in die Nase – zu seiner Überraschung war es kein aufdringlicher Duft, sondern ein zarter, leicht süßlicher. Er wollte so gar nicht zu dieser Frau passen.

Tut sie das absichtlich?, fragte er sich. Um die Männer zu locken und in Versuchung zu führen, nur um dann kalt jeden Annäherungsversuch zurückzuweisen, während sie die ganze Zeit diese unglaubliche Beherrschung beibehielt? Er schwor sich, dafür zu sorgen, dass es mit dieser Coolness vorbei war, bevor er nachher wieder ging.

Ohne ihn zu bitten, sich zu setzen, begegnete sie mit gestrafften Schultern seinem Blick.

„Also, Mr. Rossellini. Sie wollten mich sprechen. Sie haben noch neun Minuten.“

Raffaele wurde ärgerlich. Sie wagte es, ihn herauszufordern, ohne überhaupt zu wissen, wer er war? Er verkniff sich eine passende Bemerkung und verließ sich ganz auf seine Willensstärke, durch die er das Unternehmen seiner Familie – sie exportierten Olivenöl – an die Weltspitze geführt und dort erfolgreich etabliert hatte.

„Es tut mir leid, dass Sie Ihren Mann verloren haben.“

„Danke, aber Sie sind sicher nicht hergekommen, um Ihr Beileid auszusprechen.“ Sie stand kerzengerade da, die Arme locker angewinkelt, obwohl sie bei ihrem aggressiven Ton auch vor der Brust hätten verschränkt sein können. „Was wollen Sie?“

Raffaele verstand langsam, warum Kyle seine sehr feminine, temperamentvolle Schwester attraktiv gefunden hatte. Was, um alles in der Welt, hatte den Mann geritten, bei dieser frostigen Frau ohne jede weibliche Ausstrahlung zu bleiben? Und doch verbarg sich unter dem Eispanzer irgendetwas – ein Feuer, das in den dunklen Tiefen ihrer Augen flackerte und das ihm einen heißen Schauer über den Rücken laufen ließ.

„Ihr Mann hat mich nie erwähnt, nehme ich an?“

„Hätte er das tun sollen?“

Ihr unverschämter Unterton ärgerte ihn. „Wir waren Freunde, aber auch Geschäftspartner.“

„Kyle hatte nie einen Geschäftspartner.“

„Ich stehe hier vor Ihnen. Es ist wahr.“ Raffaele vergrub die Hände tief in den Hosentaschen und fixierte Lana scharf, versuchte, eine Unsicherheit zu entdecken, eine Schwäche, um diese entnervende Ruhe, die sie ausstrahlte, zu erschüttern. „Ihr Mann schuldete mir Geld, Mrs. Whittaker. Eine ziemlich große Summe.“ Als er sagte, um wie viel es sich handelte, wurde sie noch bleicher. Die verschmierte Wimperntusche unter ihren Augen wirkte wie blaue Flecken auf ihrer zarten Haut.

„Das ist unmöglich!“, widersprach sie heftig und ballte nervös die Hände zu Fäusten. Aha, dachte er mit einer gewissen Genugtuung. Geld war also der Hebel. Verständlich bei ihrem gepflegten Aussehen – perfekt manikürte Nägel, ebenmäßiger, leicht gebräunter Teint, ihre modisch gestylten goldblonden Haare. Sie hatte wohl wirklich einen Hang zum Luxus. Es war Zeit zum Angriff.

„Durch Kyles Tod sieht es für unsere geschäftlichen Pläne leider nicht gut aus. Meine italienischen Investoren haben bereits angedeutet, dass sie vorhaben, sich zurückzuziehen. Ohne Ihren Mann, der die Restsumme durch Investoren hier in Neuseeland besorgen wollte, muss ich das Darlehen kündigen.“ Sie brauchte nicht zu wissen, dass es sich bei den italienischen Investoren um seine eigene Firma handelte oder dass das Vorhaben – im großen Stil Olivenöl aus ökologischem Anbau zu vertreiben – noch in den Kinderschuhen steckte. Doch das Darlehen existierte wirklich.

„Das Darlehen kündigen? Einfach so?“ Ängstlich riss sie die Augen auf, sodass sie in ihrem bleichen Gesicht geradezu riesig wirkten.

Für einen kurzen Moment verspürte Raffaele einen Anflug von Mitleid, doch dann siegte sein Verstand. Wegen dieser Frau würde ein Kind ohne seine leiblichen Eltern aufwachsen. Da gab es keinen Platz für Mitleid in seinem Umgang mit ihr. Auf die eine oder andere Art und Weise würde sie teuer für das bezahlen, was sie seiner Familie angetan hatte.

Sì. Einfach so. Ich nehme an, Sie ziehen es vor, dass ich mich direkt an Ihren Anwalt wende?“

Sie antwortete nicht. Man hätte meinen können, sie habe sich so weit in sich zurückgezogen, dass sie für alles und jeden unerreichbar war. Hatte er sie zu sehr gedrängt? Möglich. Schließlich hatte sie erst am Nachmittag ihren Mann begraben. Vielleicht hätte er einen Tag länger warten sollen.

Hatte Maria einen weiteren Tag? Unvermittelt schoss ihm diese Frage durch den Kopf. Nein, vermutlich nicht. Er streckte die Hand aus und berührte die schweigende Frau, die ihm gegenüberstand, kurz am Arm.

„Mrs. Whittaker?“

Sie entzog sich ihm augenblicklich, als habe er ihren nackten Unterarm mit einem glühenden Feuerhaken berührt.

„Ich … ich hole Ihnen seine Karte.“

Wieder vollbrachte sie diese wundersame Verwandlung und schien nach tiefster Geistesabwesenheit jedes Körnchen Gelassenheit in sich aufzuspüren, um nach außen hin vollkommen selbstsicher zu wirken.

Ruhigen Schrittes ging sie nach nebenan, ins Schlafzimmer, wie Raffaele vermutete. Während sie weg war, sah er sich um und schätzte dabei ab, was jeder Gegenstand im Raum gekostet haben mochte. Die makellos schönen Möbel und die moderne Kunst an den Wänden gefielen ihm nicht besonders. Er zog in seinem Zuhause Wärme und Behaglichkeit vor – ebenso wie bei seinen Frauen.

Unvermittelt fiel sein Blick auf einen Haufen zerrissener Fotos neben der Couch. Er bückte sich und hob einen Schnipsel auf. Sie hatte es also gar nicht abwarten können, jedes kleine Andenken an ihren Mann loszuwerden. Er biss die Zähne zusammen und ließ das Stückchen Erinnerung an einen anderen Mann wieder auf den Boden fallen. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Lana Whittaker verdiente kein Mitgefühl.

Als sie mit einer weißen Visitenkarte zurückkam, zögerte er ein wenig, um sie warten zu lassen. Als er schließlich die Hand nach der Karte ausstreckte, sah er ihr direkt ins Gesicht und streifte absichtlich ihre Finger.

Ihre Pupillen weiteten sich bei seiner Berührung. Interessant, dachte er. Sie war nicht immun gegen seine Berührung. Wirklich sehr interessant.

Ihre Stimme klang kühl, als sie endlich etwas sagte, obwohl ihre Wangen plötzlich leicht gerötet waren. „Ihre zehn Minuten sind um. Bitte wenden Sie sich in Zukunft direkt an Mr. Munroe.“

„Natürlich. Gute Nacht, Mrs. Whittaker.“

Adieu, Mr. Rossellini.“

Bei ihrer Betonung musste er lächeln. Sie konnte nicht umhin, es zu merken, ehe er sich umwandte und ging. Er ließ sie das letzte Wort haben – diesmal. Sie würde sich noch wundern, wenn sie glaubte, sie hätte ihn zum letzten Mal gesehen.

2. KAPITEL

In dem Moment, als die Wohnungstür ins Schloss fiel, begann Lana zu zittern. Kyle schuldete auch diesem Mann Geld? Was hatte er sonst noch vor ihr verheimlicht?

Als sie nach drei Jahren Ehe erfahren hatten, dass sie nie eigene Kinder haben würden, hatte sie sich in ihre karitative Tätigkeit gestürzt und Kyle nach und nach die gesamte Verantwortung für ihre finanziellen Angelegenheiten überlassen. Das hatte ihm nichts ausgemacht, schließlich galt er als Finanzgenie.

Wie lange hätte sie wohl gebraucht, um ihm auf die Schliche zu kommen, wenn er nicht bei dem Autounfall ums Leben gekommen wäre? Wie lange hätte sie weiterhin in falscher Sicherheit gelebt?

Sie war zutiefst müde und erschöpft und hatte das Gefühl, in den letzten achtundvierzig Stunden um Jahre gealtert zu sein. An diesem Abend konnte sie nichts mehr tun. Am nächsten Morgen würde sie Tom Munroe aufsuchen, ihren Anwalt, um mit ihm die Informationen auf Kyles Laptop zu sichten. Raffaele Rossellini war darin nicht aufgetaucht, es sei denn, es gab noch andere Dateien, die ihr verborgen geblieben waren.

Ohne sich damit aufzuhalten, die Lampen auszuschalten, ging Lana ins Schlafzimmer, doch beim Anblick des breiten Ehebettes wurde ihr fast übel.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Glut, die du in mir weckst" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen