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Die Glut des Bösen

Über Anette Huesmann

Anette Huesmann ist Wissenschaftsjournalistin und promovierte Sprachwissenschaftlerin. Sie wurde 1961 in Niedersachsen geboren und wuchs im Ostalbkreis auf. Das Studium führte sie nach Heidelberg, wo sie bis heute lebt und arbeitet.

Informationen zum Buch

Mörderisches Ritual

Emma Prinz hat ein paar Sorgen zuviel. Als freie Journalistin ist es schwer, an lukrative Aufträge zu kommen. Als sie erfährt, dass im Kloster Rupertsberg eine Frau ermordet wurde, macht sie sich sogleich auf den Weg. Einer der Gäste des Klosters erzählt ihr von einer geheimen Handschrift Hildegards von Bingen, die sich im Besitz der Toten befunden haben soll, und von einem Mönch, der sie zuvor besaß und der Selbstmord beging. Emma recherchiert weiter und stößt plötzlich auf einen unerwarteten Verdächtigen: ihren eigenen Vater. Vor vielen Jahren war er der Lehrer der ermordeten Frau und der Vorgesetzte des toten Mönchs.

Ein packender Kriminalroman mit einem ungewöhnlichen Schauplatz: das Kloster der Hildegard von Bingen.

Inhaltsübersicht

Über Anette Huesmann

Informationen zum Buch

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1. Kapitel: Palmsonntag

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel: Montag der Karwoche

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel: Dienstag der Karwoche

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel: Mittwoch der Karwoche

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel: Gründonnerstag

22. Kapitel

23. Kapitel: Karfreitag

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel: Ostersamstag

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel: Ostersonntag

31. Kapitel

Epilog

Anmerkung

I. Fakten

II. Halbfiktion

III. Fiktion

Impressum

Für Martina

Die Zitate zu Kapitelbeginn stammen aus »Hildegard von Bingen: Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe«. Entstanden etwa zwischen 1151 und 1158. Zitiert nach »Der Äbtissin Hildegard von Bingen: Ursachen und Behandlung der Krankheiten (causae et curae)«. Übersetzt von Professor Dr. Hugo Schulz, Greifswald. München 1933, Verlag der Ärztlichen Rundschau Otto Gmelin.

2. Kapitel

Einige von ihnen verkehren gern und in menschlicher Weise mit den Frauen, weil sie kräftige Gefäße und heftig brennendes Mark besitzen. Trotzdem hassen sie die Frauen.

»Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Jesus.«

Schwester Lioba sprach das Gebet halblaut, so hatte sie das Gefühl, Gott könne ihre Worte genauso hören wie sie selber.

Trotzdem fiel es ihr diesmal schwer, mit den Gedanken dabei zu bleiben. Sie war erst gestern in ihr neues Amt als Äbtissin eingesetzt worden. Und schon heute wurde ihr eine schwere Bürde auferlegt.

Wie hätte ihre Vorgängerin gehandelt, Hildegard von Bingen? Sie war noch einige Jahre jünger gewesen, als sie die Leitung ihres Konvents übernahm. In ihrem 39. Lebensjahr war Hildegards Lehrerin und Mentorin, Jutta von Sponheim, gestorben. Im selben Jahr, 1136, wurde sie zur Magistra gewählt. Das allein war schon eine schwere Aufgabe. Damals wie heute.

Doch Schwester Lioba musste nun, nur einen Tag nach ihrer Weihe, mit dem Tod einer Freundin fertig werden, die sie in ihrem eigenen Kloster ermordet aufgefunden hatte.

Ein leises Klopfen unterbrach ihre Gedanken. Schwester Lioba beendete den Rosenkranz.

»O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria.«

Ihre Knie schmerzten, als sie sich von ihrer schmalen Gebetbank hochdrückte. Ob Hildegard von Bingen sich auch so alt gefühlt hatte, als sie zur Oberin gewählt worden war? Kaum denkbar. Sie hatte erst Jahre später begonnen, ihre berühmten Werke zu schreiben.

»Ehrwürdige Mutter, ich bedaure es sehr, Sie stören zu müssen, aber Kommissar Grieser möchte Sie sprechen.«

Schwester Beatrix blieb neben der Tür stehen. Ihr Schleier saß leicht schief, und ihre Stirn war in sorgenvolle Falten gelegt. Schwester Lioba fuhr mit beiden Händen über ihr Habit und vergewisserte sich, dass sie dem Polizisten in Würde gegenübertreten konnte. Dann nickte sie Schwester Beatrix zu.

Schwester Lioba trat an ihren Schreibtisch, den sie von ihrer Vorgängerin übernommen hatte. Es war ein schweres Stück mit Metallfüßen und dunkel beschichteter Holzfaserplatte. Sie setzte sich auf den noch ungewohnten Platz dahinter.

Schwester Beatrix führte den Kommissar herein und ließ sie mit einem Nicken allein. Schwester Lioba blickte ihm ruhig entgegen. Grieser hatte sich ihr vor zehn Minuten als Kriminalhauptkommissar von der Zentralen Kriminalinspektion der Kripo Mainz vorgestellt. Er war vielleicht Anfang dreißig, mit dunklen Haaren, moderner Kurzhaarfrisur und einem angenehmen Gesicht. Er hielt ein schwarzes Notizbuch in seinen Händen und wirkte sehr entschieden. Eigentlich hatte sie sich den ersten Besucher, den sie im Arbeitszimmer der Äbtissin empfangen würde, anders vorgestellt.

»Es tut mir leid wegen vorhin«, begann er. Der Kommissar wirkte bekümmert. Schwester Lioba lächelte beruhigend. Früher begegneten die Menschen dem Habit mit Ehrfurcht, heute ließen sich viele davon verunsichern.

»Sie konnten ja nicht wissen, dass ich Miriam Schürmann gut gekannt habe«, erwiderte sie.

Grieser setzte sich auf den Besucherstuhl ihr gegenüber und startete erneut das Aufnahmegerät. Der Fund heute Morgen in der Kirche hatte Schwester Lioba sehr erschüttert. Fast wäre sie in Tränen ausgebrochen, als sie die Tote identifizieren musste. Als dann der Kommissar in ihrem Büro aufgetaucht war, um weitere Einzelheiten zu erfahren, da kämpfte sie sehr um ihre Fassung. Er hatte ihr eine Pause gegönnt, damit sie sich wieder fangen konnte. Sie fragte sich, ob er anderen Zeugen auch diese Besorgnis angedeihen ließ.

»Wir sind vor zwanzig Jahren in dieselbe Klasse gegangen«, fuhr sie fort.

»Welche Schule war das?«, fragte Grieser. Er öffnete das Notizbuch und zog einen schwarz gemusterten Stift aus seiner Halterung.

»Die Internatsschule des Benediktinerklosters Altdorf bei Heidelberg«, sagte Schwester Lioba. »Wir haben dort Abitur gemacht. Später haben wir lose Kontakt gehalten. Miriam war ein paarmal hier und hat mich besucht.«

Grieser sah von seinem Notizbuch auf.

»Wann war sie das letzte Mal da?«, fragte er.

»Gestern«, sagte Schwester Lioba und hielt inne.

Nach dem Geheiß deines Wortes / Ertöne ich wie eine Zither. / Nur was von dir stammt, o Gott, / berühre, mag und erstrebe ich. / Denn von dir bin ich ausgegangen, / bin erwachsen aus dir / und will keinen anderen Gott. / Dir gehorchen, das gibt mir Halt.

Das Gebet Hildegards von Bingen hatte ihr schon oft Trost gegeben. Es war albern, aber sie fand, es entsprach nicht der Würde ihres neuen Amtes, wenn sie gleich beim ersten Besucher in Tränen ausbrach.

Schwester Lioba atmete tief durch. Sie roch die Osterglocken, die Schwester Beatrix gestern Abend auf ihren Schreibtisch gestellt hatte, und den abgestandenen Kaffee, den sie vorhin nicht hatte anrühren können.

»Ich wurde gestern Morgen bei einem Gottesdienst zur Äbtissin geweiht«, begann sie. »Zu einer solchen Feier können wir Freunde und Verwandte einladen. Ich habe einige ehemalige Schulkameraden hergebeten. Und zu ihnen gehörte auch Miriam.«

»Sie blieb über Nacht?«, fragte Grieser.

»Sie kam am Freitagnachmittag, da die Feier gestern Morgen recht früh anfing.« Schwester Lioba hielt einen Moment inne, bis sie weitersprechen konnte. »Eigentlich hatte sie in unserem Gästehaus noch bis heute bleiben wollen. Aber dann ist sie doch schon gestern abgereist.«

»Sie ist gestern überraschend abgereist?«, fragte er und musterte sie eindringlich. »Wissen Sie, warum?«

»Nein, das weiß ich nicht«, sagte Schwester Lioba. Der Kommissar starrte ihr unverwandt ins Gesicht. Sie kämpfte gegen den Impuls aufzustehen.

»Es waren noch andere Gäste von Ihnen im Gästehaus, hat mir Schwester Beatrix erzählt«, sagte er.

»Ja, das stimmt«, erwiderte Schwester Lioba bedächtig. Ihr Herz pochte, am liebsten hätte sie sich die Augen gerieben. Doch sie hielt sich weiterhin aufrecht und ließ beide Hände gefaltet vor sich auf dem Schreibtisch liegen.

»Ich sagte ja bereits, dass ich einige Schulkameraden von früher eingeladen habe. Wir kennen uns von der Internatsschule. Miriam gehörte auch dazu. Im Gästehaus sind derzeit noch Josef Windisch, Markus Hertl und Thomas Kern untergebracht, alle drei sind auch ehemalige Schulkameraden. Zu Markus Hertl und Thomas Kern hatte ich viele Jahre keinen Kontakt mehr. Miriam hat mich, wie ich schon sagte, einige Male besucht, und mit Josef Windisch unterhalte ich seit Jahren einen losen Briefkontakt.«

Grieser achtete nicht mehr auf ihre Worte. Ein Geräusch aus seiner Jackentasche hatte ihn veranlasst, sein Handy herauszunehmen und ein Gespräch entgegenzunehmen.

Schwester Lioba zog verärgert die Augenbrauen zusammen. Sie mochte diese moderne Form der Respektlosigkeit nicht. Doch sie war froh, eine Pause zu haben.

Griesers Stirn hatte sich in breite Querfalten gelegt, als er das Handy in sein Jackett zurückschob.

»Entschuldigen Sie mich bitte, Mutter Oberin«, sagte er zerstreut und erhob sich. »Meine Leute brauchen mich.«

Zögernd blieb er neben ihrem Schreibtisch stehen.

»Eine Frage habe ich noch«, sagte er nachdenklich.

Schwester Lioba blickte zu ihm hoch.

»Ja?«, sagte sie abwehrend. Sie hörte hinter ihrem Rücken Motorengeräusch und das Knirschen des Schotters im Hof. Fahrzeugen war es verboten, bis in den Klosterhof zu fahren, es musste also eines der Einsatzfahrzeuge der Polizei sein.

»Eine Tätowierung in der Form eines Eselskopfes, sagt Ihnen das was?« Grieser blickte an ihr vorbei nach draußen.

Hinter ihren Augen klopfte es. Die Mahnung ihres alten Lehrers schien alle anderen Gedanken zu ersticken. Beim Verkehr mit Frauen sind sie ohne Maß und verhalten sich wie die Esel.

Schwester Lioba spürte, dass sie ihre Mimik nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ganz allmählich senkte sie den Kopf, so dass der Schatten ihres Schleiers sich über ihr Gesicht legte. Sie spürte, wie seine Aufmerksamkeit wieder zu ihr zurückkehrte. Der Kommissar wartete noch auf eine Antwort. Sie war froh, dass er ihre Augen nicht sehen konnte. Was für ein Segen, dass ihre Novizenmeisterin so großen Wert auf Haltung gelegt hatte.

»Tut mir leid«, hörte sie sich sagen, und ihre eigene Stimme klang fremd in ihren Ohren, »so schnell fällt mir dazu nichts ein.«

Die Lüge war eine lässliche Sünde, fand sie. Doch die Schuldgefühle rollten heran wie eine Sturmwelle und drohten sie mitzureißen.

Grieser hatte bereits das Aufnahmegerät an sich genommen und war zur Tür gegangen.

»Die Kollegin wird später das Protokoll Ihrer Vernehmung zur Unterschrift vorbeibringen«, sagte er. »Doch ich fürchte, ich werde Sie noch einige Male belästigen müssen.«

Schwester Lioba hatte den Eindruck, dass er es wirklich bedauerte. Er warf einen Blick zurück, als spürte er, was in ihr vorging. Prüfend wanderten seine Augen über ihr Gesicht. Schwester Lioba faltete bedächtig die Hände. Sie nickte förmlich und wartete mit gesenktem Kopf darauf, dass die Tür sich hinter ihm schloss.

»Gibt es im Kloster viele Ordensschwestern?«, fragte Emma. Sie saß in einem Café nahe dem Kloster. Die Bedienung, ein arrogant wirkender Teenager mit Lippenpiercing, zuckte gelangweilt die Achseln.

»Ich weiß nicht«, bequemte sich die junge Frau mit näselnder Stimme dann doch noch zu einer Antwort. »Ich komme eigentlich nie ins Kloster, und die Schwestern sind selten im Ort.«

Sie griff nach der leeren Kaffeetasse und drehte sich weg. Dann blickte sie noch mal über die Schulter zurück und sah Emma fragend an. Emma schüttelte den Kopf. Hier hatte niemand was erzählen können, es lohnte sich nicht, sitzen zu bleiben. Sie griff nach ihrer Tasche und trat auf die Straße. Die blasse Sonne stand im Zenit und schaffte es kaum, die aufgeplusterten Spatzen im Park gegenüber zu wärmen. Eine Gruppe kreuzte ihren Weg, drei Erwachsene und fünf Kinder, die kichernd und lachend durcheinanderliefen. Zwei der Kinder trugen aufwändige Gestecke mit bunten Bändern und Holzstangen. Die anderen hatten kleine Sträuße aus Palmzweigen in den Händen.

Das Kloster lag auf der Höhe von Bingen am linken Naheufer und gehörte zum Bingener Stadtteil Bingerbrück. Wenige Geschäfte säumten die Durchgangsstraße, ein Hotel drängte sich mit pfeifender Klimaanlage neben einer Volksbank in den Schatten einer alten Eiche. Überall standen Menschen in Gruppen zusammen, die neugierig zum Kloster sahen und wahrscheinlich darüber sprachen, was passiert war.

Emma sah die Straße hinunter und überlegte, wie sie an weitere Informationen kommen könnte. Ihr Blick fiel auf einen Kiosk am Ende der Straße. Emma setzte sich in Bewegung und steuerte auf das flache Gebäude zu. Von weitem sah sie eine Frau mit Strickjacke und bunt gestreiftem Schal, die zwei Jugendlichen Pappschalen mit Pommes in die Hand drückte. Die Stehtische neben dem Kiosk waren verwaist.

Emma trat an das Brett heran, das in Hüfthöhe rund um den Kiosk verlief.

»Eine Currywurst«, sagte sie.

»Pommes oder Brötchen?«, fragte die Frau hinter dem Tresen und musterte Emma interessiert. Sie hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und ein offenes, freundliches Lächeln.

»Brötchen«, erwiderte Emma.

Die Kioskbesitzerin schob eine Pappschale unter die Öffnung einer Maschine und holte mit einer Zange eine der Würste vom Grill. Geschickt fädelte sie diese in den Einfüllstutzen der Maschine. Die Wurst fiel, in Stücke zerlegt, in die Schale.

»Machen Sie Urlaub hier?«, fragte die Frau beiläufig. Sie hob den Deckel von einem verbeulten Alutopf, in dem eine rote Flüssigkeit simmerte.

Emma schüttelte den Kopf. Sie beobachtete, wie die Kioskbesitzerin Currysoße in die Pappschale löffelte.

»Ein paar Touristen sind schon hier«, plapperte die Frau munter weiter. »Zu Ostern kommt immer schon der erste Schwung und eröffnet die Saison.«

»Essen die Schwestern vom Rupertsberg auch manchmal bei Ihnen?«, unterbrach Emma den Redefluss und nahm die gefüllte Schale entgegen. Sie fühlte sich in ihrer Hand angenehm warm an.

»Schwester Angelika holt sich ab und zu mal eine Portion Pommes«, sagte die Frau und warf Emma einen neugierigen Blick zu.

Emma lächelte. Sie stellte die Schale auf die Ablage vor sich und nahm einen Bissen. Die Wurst war gut. Emma beobachtete kauend zwei Kollegen mit Kamera und Mikrofon. Sie waren auf der anderen Straßenseite auf der Jagd nach einem Statement. Doch keiner der vorbeihastenden Fußgänger mochte stehen bleiben.

»Im Moment kommt man nicht rein ins Kloster«, bemerkte Emma.

»Ins Kloster kommt man immer rein«, erwiderte die Frau und stellte den Topf mit Currysoße zur Seite. »Man muss nur wissen, wie.«

Emma musterte sie interessiert. Die Frau mochte etwa ihr Alter haben, Anfang dreißig, und sah aus, als hätte sie ihren Kiosk und die Gäste gut im Griff.

»Wie denn?«, fragte Emma beiläufig.

Ihr Blick blieb an einem Foto hängen, das am Kühlschrank hinter dem Tresen klebte. Darauf waren zwei Kinder zu sehen, ein Junge von etwa drei Jahren und ein etwas älteres Mädchen. Ein Gefühl von Neid stieg in ihr hoch. Die Kioskbesitzerin wischte gemächlich über den Tresen und warf Emma einen fragenden Blick zu.

»Es muss was passiert sein«, sagte sie statt einer Antwort. »Seit heute Morgen ist überall Polizei unterwegs.«

»In der Klosterkirche wurde eine Tote gefunden«, erklärte Emma. Die Imbissbudenbesitzerin hielt inne. Ihre Augen glitzerten, und sie beugte sich über den Tresen Emma entgegen.

»Sogar das Fernsehen ist da«, sagte Emma und zeigte kauend mit dem Kinn zu den Kollegen, die sich auf der Suche nach einem meinungsstarken Passanten inzwischen die Hälfte der Straße vorgearbeitet hatten. Die Kioskbesitzerin folgte ihrem Blick und schmunzelte.

»Es soll einen Tunnel unter der Nahe geben«, erklärte sie, »der von Bingen direkt in die Abteikirche führt. So konnten früher die Schwestern entkommen, wenn das Kloster belagert wurde. Ein Tourist hat mir vor zwei Tagen erzählt, dass Bauarbeiter neulich auf den alten Tunneleingang gestoßen sind.«

Sie lachte und beobachtete neugierig die Journalisten, die gerade einen alten Mann dazu bewegen konnten, etwas in die Kamera zu sagen.

»Klingt nicht sehr vielversprechend«, antwortete Emma und erwiderte ihr Lachen.

Die Frau warf ihr einen verschwörerischen Blick zu.

»Die Friedhofskapelle ist tagsüber immer offen«, sagte sie bedächtig. Ihre Hand begann erneut, mit dem Lappen konzentrische Kreise über den Tresen zu ziehen. »Sie hat eine Tür zum Friedhof hin, der außerhalb des Klosters liegt. Und eine Tür nach innen zum Klosterhof.«

Emma erwiderte ihr Lächeln und warf die leere Pappschale in den offenstehenden Mülleimer neben sich.

»Jetzt nehme ich doch noch eine Portion Pommes«, sagte sie. Als sie zehn Minuten später ging, hatte sie genug erfahren, um sich ein Bild vom Kloster und den Schwestern machen zu können.

Emma steuerte auf das Hotel zu, das unmittelbar neben dem Kloster lag. Im Foyer entdeckte Emma ein Faltblatt vom Kloster Rupertsberg. Darin fand sie die Friedhofskapelle, von der die Frau gesprochen hatte. Im Prospekt war zu lesen, dass sie die ehemalige rupertinische Kirche gewesen war. Halb verfallen vermutlich, als Hildegard von Bingen Mitte des 12. Jahrhunderts einen passenden Platz suchte, um ihr neues Kloster zu gründen.

»Kann ich etwas für Sie tun?« Ein Angestellter des Hotels mit Aknenarben und einem lächerlich taubenblauen Anzug hatte sich unbemerkt neben sie gestellt. Trotz seines freundlichen Tons musterte er sie ungehalten. Emma schüttelte lächelnd den Kopf und verabschiedete sich mit einem Nicken.

Draußen war der graue Frühlingstag in einem leichten Nieselregen versunken. Emma überquerte die Straße und stellte sich in ein Bushäuschen. Der Wind wehte ab und zu eine feuchte Böe herein. Emma faltete den Prospekt auseinander und studierte den Grundriss der Klosteranlage. Sie sah hinüber zum Kloster, zu dem noch immer die ehemalige rupertinische Kirche gehörte. Als Friedhofskapelle waren zwei ihrer Außenwände Teil der südwestlichen Klostermauern.

Paul hatte ihr vorhin erzählt, dass die gesamte Klosteranlage zur inneren Absperrung gehörte. Die Polizei richtete immer zwei Sperrzonen ein. Die innere Absperrung rund um den Tatort war nur für die Polizei zugänglich. Dann folgte ein weiterer Gürtel als Puffer, die äußere Absperrung. Sie hielt Neugierige und Passanten auf Abstand. Dort durften sich Journalisten noch aufhalten. Doch die Klosteranlage selber war auch für sie tabu.

Ein Bus hielt unmittelbar vor Emma. Ein übergewichtiger Mann quälte sich mit zwei Krücken mühsam die Stufen hinunter, warf ihr einen neugierigen Blick zu und verschwand im Regen. Emma sah noch mal auf den Plan der Klosteranlage. Wenn sie tatsächlich über die Friedhofskapelle in den Klosterhof gelangte, musste sie am Kreuzgang entlang und die gesamte Klosterkirche umrunden, um dort über einen Seitengang in den Altarraum der Kirche zu gelangen. Sollte die Polizei sie aufgreifen, flog sie sofort raus. Emma strich sich das feuchte Haar aus der Stirn, steckte das Faltblatt ein und überquerte die Straße.

3. Kapitel

Gleichwohl ist ihre Umarmung, die sie mit den Frauen in mäßigen Grenzen halten sollten, schmerzhaft, widerwärtig und todbringend wie die von reißenden Wölfen.

Hauptkommissar Grieser rieb sich die Augen und kämpfte gegen das Bedürfnis an zu gähnen. Als sein Vorgesetzter ihn heute Morgen aus dem Bett geholt hatte, um ihm die Leitung der Soko Hildegard zu übertragen, lagen gerade mal fünf Stunden Schlaf hinter ihm. Die Leitung hatte er nur bekommen, weil Möller im Osterurlaub war. Das war das erste Mal für ihn. Endlich konnte er zeigen, dass er mehr drauf hatte als die Sicherung eines Tatorts oder die Befragung von Zeugen.

»Ist er schon draußen, oder habe ich noch einen Moment?«, fragte Grieser und streckte sich.

»Er steht schon seit einigen Minuten im Flur, hat sich aber bisher noch nicht beschwert. Für einen Kaffee sollte es reichen«, sagte Sabine Baum.

»Bring ihn rein«, erwiderte er. Seine Kollegin zuckte die Achseln und ging hinaus. Eine halbe Minute später kam sie mit einem Mann im Schlepptau zurück, der sie um einen Kopf überragte. Genau der Typ Mann, den Frauen mochten: groß, schlank, gutaussehend. Zu allem Überfluss wirkte er auch noch freundlich und offen. Genau der Typ Mann, den Grieser nicht mochte.

»Kaffee?«, fragte er ihn statt einer Begrüßung.

Dr. Thomas Kern zog sich den Stuhl ihm gegenüber heran und nickte.

»Gern«, erwiderte er.

Grieser stand auf und ging hinüber zu dem Gerät, das auf Knopfdruck verschiedene Arten Kaffee lieferte. Er griff nach einer der Tassen und drückte die Taste für den doppelten Espresso.

»Was für einen Kaffee möchten Sie?«, fragte er und warf einen Blick über die Schulter.

»Cappuccino«, gab Kern zur Antwort und beobachtete ihn neugierig. Grieser griff nach einer weiteren Tasse und wartete, dass er die Maschine ein zweites Mal starten konnte.

»Ich nehme einen Milchkaffee«, erklang Sabine Baums Stimme hinter seinem Rücken.

Grieser brummte zustimmend. Die Maschine röchelte, und Grieser wartete darauf, dass sie die letzten Reste Milch ausspuckte. Hinter ihm stellte Sabine Baum das Aufnahmegerät an, mit dem sie die Vernehmung mitschnitten. Zuerst fragte sie die wichtigsten Daten ab: Name und Vorname, Alter, Beruf, Wohnort und Verhältnis zur Ermordeten. Dann klärte sie Thomas Kern darüber auf, dass er als Zeuge und nicht als Verdächtiger vernommen werde und dass er das Recht habe, die Aussage zu verweigern, sollte er sich damit selber belasten.

Grieser brachte Baum ihren Kaffee, den sie mit einem knappen »Danke« entgegennahm. Eine weitere Tasse stellte er vor Kern ab.

Sie saßen im Gäste-Refektorium des Klosters, dem Speisesaal für die Bewohner des Gästehauses. Der langgestreckte Raum war weiß tapeziert. Die schmale Querseite schmückte ein asketisch anmutendes Kreuz. Die Fenster verschwanden in tiefen Nischen, an deren Seitenwänden grob behauene Steine zu sehen waren. Die Einrichtung aus dunklem Holz wirkte modern.

Kern lehnte nachlässig auf einem Stuhl mit hoher Lehne und hatte eine Hand um sein Knie gelegt. Mit der anderen griff er nach dem Kaffee. Er trank einen Schluck und stellte die Tasse zurück auf den Tisch.

»Danke Ihnen«, sagte er. Sein graumeliertes Haar war exakt geschnitten und umrahmte ein ebenmäßig geformtes Gesicht, das Ruhe und Eleganz zugleich ausstrahlte. Grieser konnte ihn sich kaum in schmuddeliger und mit Blut beschmierter Kleidung vorstellen.

»Sie sind Gynäkologe?«, fragte Grieser.

Kern nickte.

»Und derzeit nur zu Besuch in Deutschland«, schob Grieser nach.

»Ich arbeite in einem kleinen Buschkrankenhaus in der Nähe von Léo in Burkina Faso«, sagte Kern. »Als Schwester Lioba mich zu ihrer Weihe als Äbtissin einlud, fand ich, das sei eine gute Gelegenheit, in Deutschland Spenden für das Krankenhaus zu sammeln.«

Grieser wusste von der Äbtissin, dass Kern das Krankenhaus vor etlichen Jahren selbst aufgebaut hatte und es nun leitete.

»Sie waren gestern im Kloster Altdorf bei Heidelberg«, sagte Grieser mit einem Blick auf seine Unterlagen, »und sind heute Morgen zurückgekehrt.«

»Ja, ich habe erst vor einer Stunde von Miriams Tod erfahren, als ich ankam.«

Sein Gesicht verschattete sich.

»Sie kannten sie schon lange«, half der Hauptkommissar nach.

»Wir sind gemeinsam zur Schule gegangen«, erwiderte Kern. »Im Internat der Abtei Altdorf. Aber das wird Ihnen Schwester Lioba gewiss schon gesagt haben.«

Grieser nickte.

»Dort waren Sie gestern?«, fragte er weiter.

»Ja«, erwiderte Kern. »Ich habe mit der Äbtissin über die Spenden gesprochen, die sie immer wieder für das Krankenhaus sammelt. Ich bin dann über Nacht geblieben.«

»Hatten Sie noch Kontakt zu Ihrer ehemaligen Klassenkameradin?«, fragte Grieser.

»Nein«, sagte Kern, und Grieser glaubte, echtes Bedauern aus seiner Stimme herauszuhören. »Obwohl wir damals sogar für kurze Zeit ein Paar waren. Aber wir haben uns nach der Schule aus den Augen verloren. Ich habe Schwester Lioba und auch die anderen an diesem Wochenende das erste Mal seit unserer Schulzeit wiedergetroffen.«

»Wann haben Sie Miriam Schürmann gestern zuletzt gesehen?«, schaltete sich jetzt Baum ein.

Grieser warf ihr einen dankbaren Blick zu. Er nutzte die kleine Erholungspause, um einen Schluck von seinem Espresso zu nehmen. Die Müdigkeit hatte inzwischen einem diffusen Gefühl von Anspannung Platz gemacht.

»Gestern Abend«, sagte Kern und drehte sich etwas, um Baum ins Gesicht blicken zu können. »Ich bin so gegen halb sieben gefahren und habe vorher mit den anderen zu Abend gegessen.«

»Mit den anderen heißt?«, fragte Sabine Baum knapp. Ihr Befragungsstil ließ es manchmal an Höflichkeit fehlen. Grieser fing ihren Blick auf und runzelte die Augenbrauen. Baum zuckte mit den Achseln.

»Miriam Schürmann, Markus Hertl und Josef Windisch«, antwortete Kern.

»Schwester Lioba war nicht dabei?«, fragte Baum weiter.

Grieser wusste bereits, dass die Ordensschwestern immer in ihrem eigenen Refektorium aßen. Das Essen der Schwestern fand schweigend statt, wie es die Regel Benedikts von Nursia forderte, dem Gründer des Benediktinerordens. Früher wurden die Mahlzeiten von einer geistlichen Lesung begleitet, inzwischen war die Bibel durch eine Tageszeitung ersetzt worden.

Kern bestätigte, was die anderen bereits ausgesagt hatten.

»Und danach sind Sie gefahren?«, fragte Grieser.

Kern warf ihm einen Blick über seine Schulter zu.

»Ja«, sagte er und nickte. »Ich und Miriam. Sie hatte beim Mittagessen erklärt, dass sie noch am gleichen Tag fahren würde.«

»Hat sie gesagt, warum?«, klinkte sich nun Baum wieder ein. Kern musterte sie schweigend. Dann wandte er sich um und suchte Griesers Blick.

»Nein«, sagte er gedehnt. »Das hat sie nicht. Das hat mich schon gewundert. Aber ich habe nicht gewagt, sie zu fragen. In dem Moment strahlte sie etwas aus, das signalisierte, es ist besser, sie in Ruhe zu lassen.«

»Denken Sie, die anderen haben das auch so wahrgenommen?«, fragte Grieser.

Kern zuckte die Achseln. »Zumindest haben sie dazu nichts weiter gesagt«, gab er zur Antwort.

»Sind Sie auf direktem Weg von Bingerbrück nach Heidelberg gefahren?«, wollte Grieser wissen.

Kern nickte. Dann schien ihm etwas einzufallen.

»Ich habe am Kiosk hier im Ort noch einen kurzen Stopp eingelegt«, sagte er und lachte. »Das Abendessen war nicht ganz nach meinem Geschmack.«

»Kann jemand bestätigen, dass Sie die Nacht im Kloster Altdorf verbracht haben?«, fragte Grieser.

Kern warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.

»Schwester Orlanda, die Äbtissin von Altdorf. Ich habe mit ihr und zwei weiteren Schwestern des Konvents noch ein Glas Wein getrunken«, erwiderte er.

»Wo haben Sie die Nacht verbracht?«, fragte Grieser.

»Im Gästehaus des Klosters. Allein natürlich.«

»Haben Sie das Kloster an dem Abend noch mal verlassen?«, fragte Grieser.

»Schwester Orlanda hat sich so um neun Uhr verabschiedet«, erwiderte Kern. »Anschließend habe ich mich in Heidelberg mit einem alten Freund getroffen. So gegen 24 Uhr kehrte ich ins Kloster zurück. Dort habe ich direkt mein Zimmer aufgesucht und bin schlafen gegangen.«

Grieser blickte Sabine Baum fragend an. Seine Kollegin deutete mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung ein »Nein« an. Auch sie hatte keine weiteren Fragen mehr. Grieser erkundigte sich nach Namen und Anschrift des alten Freundes, mit dem Kern sich an dem Abend getroffen hatte, und erklärte dann, dass drüben in der Einsatzzentrale das Protokoll seiner Vernehmung abgetippt werden würde und er es anschließend noch unterschreiben müsste.

»Sie sollten uns Bescheid geben, bevor Sie wieder nach Burkina Faso zurückkehren«, sagte Grieser abschließend.

»Könnte das ein Problem werden?« Zum ersten Mal klang Kerns Stimme anders. Ein Hauch von Autorität schwang darin mit. »Ich werde in etwa zwei Wochen dort zurückerwartet.«

»Vermutlich geht das in Ordnung«, sagte Grieser. »Sie sollten sich vor ihrer Abreise noch mal bei mir melden. Aber ich schätze, wir werden uns bis dahin noch ein paarmal sprechen.«

»Wird das wirklich nötig sein?«, fragte Kern.

»Ja«, erwiderte Baum knapp.

Der Friedhof grenzte unmittelbar an die Klostermauer, die zugleich eine Seitenwand der kleinen Kapelle bildete. Emma kam an einem frischen Grab vorbei. Die bedruckten Schleifen der Kränze lagen zerknittert auf der feuchten Erde. Ein hölzernes Grabkreuz verriet, dass hier Schwester Mechthild Becker begraben worden war, Äbtissin des Klosters Rupertsberg, 46. Nachfolgerin der Hildegard von Bingen, geboren 1934, gestorben 2009.

Wie ein Kloster wohl zu einer neuen Äbtissin kam? Emma nahm sich vor, das später herauszufinden. Sie ging weiter und näherte sich dem Eingang der Friedhofskapelle. Die Frau vom Kiosk schien recht zu behalten, die verzogene Tür gab ohne Probleme den Weg ins Innere frei. Emma schlüpfte hinein. Ein Geruch kam ihr entgegen, den sie überall wiedererkannt hätte, ohne dass sie sagen konnte, was es war. Weihrauch vermutlich, aber auch Kerzen, altes Gemäuer und eine gewisse, feierliche Ruhe. Ob Ehrfurcht vor einem höheren Wesen im Laufe der Jahre einen eigenen Geruch entwickelte?

Emma wartete, bis ihre Augen sich an das Zwielicht gewöhnten. Sie stand gegenüber dem Altarraum an der Schmalseite der Kapelle. Durch die weit oben liegenden Rundbogenfenster fielen Lichtstrahlen herein, die sich über die Holzbänke legten und helle Streifen auf einen geflochtenen Läufer unbestimmter Farbe malten. Es war wärmer als erwartet. Emma ging ein paar Schritte in Richtung Altar. Der Bodenläufer knirschte unter ihren Füßen. Das silberfarbene Kreuz auf dem Altar war in helles Licht getaucht. Das schmerzverzerrte Gesicht der Jesusfigur schien unter der Dornenkrone förmlich zu glühen.

Emma schätzte die christliche Leidenssymbolik nicht besonders. Doch sie mochte die kraftvolle Ausstrahlung alter Kirchen. Sie setzte sich in eine der Bänke. Die Kühle des Holzes drang durch ihre Jeans. Sie schloss die Augen und ließ die Atmosphäre auf sich wirken, die in ihr eine Sehnsucht weckte, ohne dass sie sagen konnte, wonach.

Von draußen drang eine dunkle Männerstimme zu ihr herein. Emma öffnete die Augen und lauschte. Sie hörte einen Wagen vorfahren, Stimmen, Schritte. Dann kehrte wieder Ruhe ein. Emma erhob sich und ging zu einer Tür in der Seitenwand. Die Klinke aus dunkel verfärbtem Messing musste Jahrhunderte alt sein. Sie ließ sich ohne Widerstand nach unten drücken. Emma trat vorsichtig in die offene Tür und warf einen Blick nach draußen. Vor ihr lag der Innenhof des Klosters, der von Klostermauern und Gebäuden unterschiedlicher Höhe begrenzt war. Rechts von ihr erkannte sie Arkaden, das musste der Kreuzgang sein, den sie im Grundriss gesehen hatte. Die nördlichen Arkaden des Kreuzgangs endeten an den hoch aufragenden Mauern der Klosterkirche mit weiß verputzten Wänden. Vor dem Hauptportal der Kirche parkte der Bus für die Einsatzleitung der Polizei. Daneben wartete ein Leichenwagen mit geöffneter Heckklappe. Vermutlich der Wagen, den sie hatte vorfahren hören. Am Eingang der Kirche stand ein uniformierter Beamter, der ihr den Rücken zuwandte und ins Innere der Kirche sah.

Emma ging schneller. Sie spürte unter ihren Füßen die unregelmäßigen Steine des geschotterten Hofs. Der Wind strich kalt über ihren Kopf und ließ sie frösteln. Im Gehen holte sie ihre Kameratasche heraus, entnahm die Kamera und stopfte die Schutzhülle zurück in ihre Umhängetasche. Nervös blickte sie sich um. Der Beamte war noch immer abgelenkt. Emma hielt den silberfarbenen Apparat auf Hüfthöhe in der Rechten, sodass es nicht auf den ersten Blick zu sehen war. Im Vorübergehen machte sie ein paar Aufnahmen der Kirche. Schräg über den Klosterhof kam Emma eine Ordensschwester entgegen, die ihr keine Beachtung schenkte. Der Wind fuhr unter ihren Schleier und schwenkte ihn wie eine üppige Haarmähne.

Emma ging an der Längsseite der Abteikirche entlang, wo sie vom Eingang aus nicht mehr zu sehen war. Die langgestreckte Nordwand wurde auf halber Höhe von einer Dachschräge durchtrennt und endete weiter oben in einem Giebeldach. Oben wie unten zog sich ein Band romanischer Rundbogenfenster über die gesamte Wand.

Emma näherte sich der Apsis, dem halbkreisförmigen Altarraum. Er lag zur Ostseite und wurde von ungleichen Türmen gesäumt. Der südliche Turm endete in einem Turmhelm, der andere in einem Pultdach. Am Fuß des Nordturms entdeckte Emma die schmale Seitentür. Sie widerstand dem Impuls, sich umzusehen. Wenn sie keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, war es am besten, wenn sie zielstrebig darauf zusteuerte.

Die Tür war offen. Emma tauchte ein in das Dämmerlicht der Kirche und stand in einem kleinen Vorraum. Sie versuchte sich an den Grundriss auf dem Faltplan zu erinnern. Fünf abgetretene, blank gescheuerte Treppenstufen führten nach unten in einen dunklen Gang, der in der Krypta unterhalb der Apsis endete. Dort sollte angeblich früher der Zugang zu dem alten Geheimgang unter der Nahe gewesen sein. Rechts von ihr zweigte ein schmaler Gang ab zum Altarraum. Sie tastete sich über den Boden, spürte einen unregelmäßigen Steinboden unter den Füßen, klaffende Fugen, eine kleine Mulde. Dann hatte sie den Aufgang gefunden, eine schmale Wendeltreppe. Am Ende der Stufen erahnte sie einen Lichtschimmer. Mit ein bisschen Glück wurde der Gang nicht durch eine Tür verschlossen. Emma tastete sich langsam die Stufen nach oben. Sie hörte mehrere Stimmen, konnte schließlich einen hellen Tenor unterscheiden, der den Ton angab.

»Sie ist also im Laufe mehrerer Stunden allmählich verblutet?«

»Das habe ich Ihnen doch schon erklärt«, erwiderte eine ungeduldige Frauenstimme und fügte mit einem mehr als spöttischen Unterton hinzu, »Kriminalhauptkommissar Grieser.«

»Dann erklären Sie mir es eben noch einmal«, sagte die Männerstimme ohne eine Spur von Ärger.

Emma schob sich die letzten beiden Stufen nach oben. Ein schmaler Männerkopf geriet in ihr Blickfeld, das schwarze Stoppelhaar endete in einem sauber ausrasierten Halbrund. Emma sah nur Nacken und Schultern deutlich, der Rest blieb halb verborgen durch einen gläsernen Schaukasten mit einer goldenen Truhe darin. Neben ihm stand eine schmale Frauengestalt in weißem Overall und einer schweren Tasche in der Hand.

»Die Frau wurde vermutlich mit einem Elektroschocker betäubt und anschließend gefesselt«, erklärte sie, »dann wurde ihr das Genital weggeschnitten, und in Folge davon ist sie verblutet.«

Sie stellte die Tasche neben sich ab und streifte ihre Einmalhandschuhe ab.

»Die Leichenstarre ist eingetreten, und es sind keine Leichenflecken zu sehen«, fuhr die Frau fort und zog die Handschuhe zusammen. »Als die Leiche auf dem Altar abgelegt wurde, war sie bereits vollständig ausgeblutet und vermutlich schon mehrere Stunden tot.«

Emma hörte ein ungeduldiges Hüsteln aus Richtung des Kirchenportals. Vermutlich die Angestellten des Bestattungsunternehmens. Mehrere Menschen in weißen Overalls bewegten sich in der Kirche, fast ohne Geräusche zu machen. An der Rückwand der Apsis hing ein großes hölzernes Kreuz. Die Jesusfigur war mit einem violetten Tuch verhängt. Eine kameraähnliche Apparatur auf einem Dreibein scannte den Altarraum.

»Und warum ist kein Blut zu sehen?«, erklang erneut die Männerstimme.

»Keine Ahnung. Wasser vermutlich. Jemand hat sie gewaschen, bevor sie hier abgelegt wurde.«

Emma überlegte, ob sie es wagen konnte, sich ein wenig zur Seite zu schieben, um den Altar ins Blickfeld zu bekommen. Doch dann würde sie den Kasten hinter sich lassen, der ihr Deckung bot. Emma begriff, dass sie hinter dem Reliquienschrein Hildegards von Bingen stand, einem kunstvoll gefertigten und vergoldeten Kasten in Form eines Gebäudes, der auf Brusthöhe in einem gläsernen Schaukasten ruhte.

Die Frau bückte sich nach ihrer Tasche und gab den Blick auf den Altar frei. Durch den Schaukasten konnte Emma die Umrisse einer Frauengestalt erkennen, die auf der langgestreckten Steinplatte lag. Ihre langen dunkelbraunen Haare waren wie ein Heiligenschein um ihren Kopf angeordnet, die Hände auf ihrer Brust gefaltet. Sie war nackt, ihre Haut makellos weiß. Emma spürte, wie ihr Herz schneller pumpte und Panik in ihr aufstieg.

Reflexartig hob sie die Rechte über den Schaukasten und drückte auf den Auslöser. Im selben Moment richtete sich die Frau vor ihr auf und verdeckte erneut die Sicht auf den Altar. Als die Kamera mit einem hörbaren Piepsen die Aufnahme auslöste, war auf dem Display nur ein dunkler Schatten zu erkennen. Entsetzt bemerkte Emma, wie ein Ruck durch die Gestalt des Mannes ging. Mit einem unterdrückten Fluch duckte sie sich. Von seinem Standpunkt aus musste ihm der Reliquienschrein die Sicht versperren. Emma verharrte regungslos und drückte Kopf und Nacken nach unten. Sie hörte, wie der Mann zwei Schritte in ihre Richtung machte. Emma spürte, dass sich ihre Sinne schärften, sie roch auf einmal den Staub zu ihren Füßen und hörte das Atmen der Menschen.

Mit einem Scharren kehrten die Schritte des Kriminalbeamten zur Rechtsmedizinerin zurück.

»Wie alt ist die Tätowierung in der Leiste der Toten?«, nahm er das Gespräch wieder auf.

Erleichtert hob Emma den Kopf, verharrte aber weiterhin regungslos in gebückter Haltung. Sie ärgerte sich, dass sie vergessen hatte, das digitale Geräusch für den Auslöser zu unterdrücken. Jetzt war es zu spät. Solange die Kamera nicht auf lautlos gestellt war, wurde jede Änderung von einem elektronischen Piepsen begleitet.

»Das Zeichen ist ihr wenige Stunden vor ihrem Tod mit einem altmodischen eisernen Stempel eingebrannt worden, der einfach heiß gemacht wurde«, sagte die Frau knapp. »Eine ziemlich brutale Methode. Das sogenannte Branding ist vor einiger Zeit von Tätowierern zu neuem Leben erweckt worden. Doch um eingebrannten Körperschmuck scheint es sich bei der Leiche nicht zu handeln. Schon der Zeitpunkt spricht dagegen.«

Aus dem Mittelgang war ein metallisches Scharren zu hören, das von den Bestattern kommen musste.

»Gedulden Sie sich bitte noch einen Moment«, sagte der Mann gelassen in Richtung Mittelschiff. Emma erhob sich vorsichtig und trat einen Schritt zur Seite, so dass sich ein Pfeiler zwischen sie und den Ermittlungsbeamten ...

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