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Die Geschichte von KISS

Widmung

Für Bill Aucoin, Neil Bogart

und Sean Delaney –

ohne sie hätte es diese Geschichte vielleicht nie gegeben.

Inhalt

Einleitung

1: Schicksalhafte Begegnung

2: Erste Schritte

3: Irgendwo in Manhattan

4: Überlebensgroß

5: Nichts zu verlieren

6: Queens Boulevard

7: Auf ins Daisy

8: Lippenstift und Attitüden

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9: Gotham City

10: Rock Steady steigt ein

11: Ganz oder gar nicht

12: Auf dem Weg nach Casablanca

13: Drei, zwei, eins, Zündung!

14: Große Erwartungen

15: Spitzt eure Lippen

16: Im hohen Norden

17: Im Radio

18: Kissin’ Time

19: Barbaren in schwarzem Leder

20: Immer auf Achse

21: Am Tiefpunkt

22: Schmutzige Geschäfte und die Trennung von Bugs Bunny

23: Grabenkämpfe

24: Die „Dartscheiben-Tour“

25: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

26: Heavy Metal Masters

27: Hinter den Kulissen

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28: Machtspiele

29: Mediales Getöse

30: Rockin’ in the USA

31: Die kritische Masse

32: Auf Biegen und Brechen

33: Schnappschüsse für die Ewigkeit

34: Auf dem Vormarsch

35: Die heißeste Band im Land

36: Am Ende des Regenbogens

Personenverzeichnis

Danksagungen

Einleitung

Ein Mensch wird nicht nur daran gemessen, wie hart er arbeitet, sondern auch daran, wie gross seine Träume sind …

„Bevor Großes entsteht, muss Chaos herrschen. Bevor eine herausragende Person etwas Großes beginnt, muss sie unter den vielen wie ein Narr wirken.“

I Ging

„Gehe nicht, wohin der Weg führen mag. Gehe stattdessen, wo kein Weg noch ist, und hinterlasse eine Spur.“

Ralph Waldo Emerson

Vor vierzig Jahren kreuzten sich die Wege von Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss, und in einer stürmischen Mischung aus Aufbruchstimmung, übermäßigem Ehrgeiz und glücklicher Fügung ließen sie KISS entstehen. Gekleidet in mit Nieten übersätem schwarzem Leder, gestylt mit Lippenstift und Theaterschminke schufen sie jenen grollenden Sound – zu Texten, in denen viel von jugendlicher Angst, Frustration und Lust die Rede war –, der zum Soundtrack von mittlerweile mehreren Generationen von Fans wurde. KISS veränderten buchstäblich das Antlitz des Rock ’n’ Roll. Sie erfanden das Livekonzert mit Event-Charakter und definierten es als Experience. Ihr werdet es schon oft gehört haben: „Ihr wolltet das Beste, und ihr bekommt die allerbeste, heißeste Band im ganzen Land …“ Das war damals ihr Schlachtruf und blieb es bis heute. Während sie ihren eigenen Weg zum Status von Superstars beschritten und sich rings um sie herum die musikalischen Trends, die Mode und Geschmäcker stets veränderten, wurden KISS zur großartigen Verkörperung einer wahren amerikanischen Erfolgsstory, gebaut auf Herzblut, Schweiß und der ganzen Herrlichkeit des Rock and Roll.

Heute sind KISS viel mehr als eine erfolgreiche Rockband. Sie sind Teil der amerikanischen Popkultur und stehen in einer Reihe mit Legenden wie Elvis Presley, James Dean und Marilyn Monroe. Nicht nur die Mitglieder von KISS sind Ikonen, nein, KISS an sich ist eine Marke mit höchstem Wiedererkennungswert. Ihr Warenangebot, das inklusive KISS-Sarg und Flipperautomaten über dreitausend offiziell angebotene Produkte umfasst, hat der Band im Lauf der letzten 35 Jahre über 500 Millionen US-Dollar an Merchandising-Verdienst und Lizenzgebühren eingebracht. Überall zwischen Tokio, dem Roten Platz in Moskau und New York City werden KISS universell als überlebensgroße Musikgestalten angesehen – was angesichts ihrer bescheidenen Anfangstage wohl niemand vermutet hätte.

Am 30. Januar 1973 gaben KISS ihr erstes Konzert in einem verwahrlosten Rattenloch namens Coventry im New Yorker Stadtteil Queens. Der Eintritt kostete eine Handvoll Dollar, und die Band hatte Glück, dass überhaupt ein paar Leute auftauchten. Aber es war eben, ähnlich wie bei den Beatles der Cavern Club in Liverpool, diese enge, schäbige Location, die KISS ihre ersten Live-Auftritte ermöglichte. Mit trotzigem Selbstvertrauen ausgestattet, hatte die Band nie irgendwelche Zweifel daran, dass sie es schaffen würde. Und so spielten sie schon ihre frühen Gigs mit derselben Inbrunst, als würden sie auf der Bühne im ausverkauften Madison Square Garden stehen – wo sie tatsächlich innerhalb von nur vier turbulenten Jahren landen sollten. Wild entschlossen, den Durchbruch zu schaffen, koste es, was es wolle. KISS hatten große Visionen, und sie hatten den Schwung und den Ehrgeiz, diese Träume wahr werden zu lassen. Ihre Mission war simpel: Sie wollten die Welt erobern. Aber der Weg an die Spitze war ein steiniger. Sie wurden von Kritikern verrissen und galten bald als Staatsfeind Nummer eins für eine ganze Armee besorgter Eltern. Doch allen Widrigkeiten und Schikanen zum Trotz vollbrachten vier gewöhnliche Musiker das Unmögliche und wurden international bekannte Rockstars. Lange bevor KISS den Status von Megastars erreichten, die mehrere Abende hintereinander den New Yorker Madison Square Garden füllten und vor brechend vollen Stadien in Australien und Brasilien auftraten, brachte die Band in ihren Gründungstagen – in denen sie in Absteigen wie dem Coventry in Queens, dem Daisy in Amityville auf Long Island sowie dem Hotel Diplomat in New York City spielte – die Saat aus, die sie, als sie schließlich aufging, zu einer der populärsten und am längsten bestehenden Rock-’n’-Roll-Gruppen machen sollte.

Denkt einmal darüber nach. Die Chancen, ein großer Rockstar zu werden, stehen eine Million zu eins. Für eine Band, deren Mitglieder sich schminken und in die unglaublichsten Kostüme hüllen, sodass sie wie intergalaktische Aliens mit Gitarren aussehen, stehen die Chancen noch denkbar schlechter, und das lässt den sensationellen Aufstieg von KISS im Jahr 1975 erst recht wie ein Wunder erscheinen.

Die KISS-Saga ist alles andere als eine klassische Blitzerfolgsstory. Ihre Geschichte handelt von Kampf, Zähigkeit und Willenskraft, von Widerstandsfähigkeit, unerbittlicher Arbeitsmoral und von dem unbedingten Ehrgeiz, Ziele in die Tat umzusetzen. Ihr Erfolg ist eine nachhaltige Verkörperung des Amerikanischen Traums. In Rekordzeit schafften KISS das Unglaubliche. Obwohl sie von Kritikern als Eintagsfliege verunglimpft und von vielen als ein Witz angesehen wurden, machte die Band unermüdlich weiter, unbeirrbar in dem Glauben, dass der Status kolossaler Rockstars nur auf sie wartete. In weniger als drei kurzen Jahren ließen sie Auftritte vor weniger als zehn zahlenden Zuschauern in dubiosen Clubs in Queens weit hinter sich und spielten in ausverkauften Stadien überall in Amerika. Ihr viertes Album, KISS Alive!, welches das Versprechen, das sie mit ihren ersten drei Studioplatten gegeben hatten, halten sollte, verkaufte sich über vier Millionen Mal. Die phänomenale Single-Auskoppelung, eine Live-Version von „Rock and Roll All Nite“, wurde ein Smash-Hit und markierte einen bedeutenden Meilenstein in ihrer Karriere. Tag für Tag wuchs das Fußvolk des KISS-Heeres, und die Band zementierte ihren hart verdienten Ruf als eine der am härtesten schuftenden und erfolgreichsten Gruppen des Genres.

Um einen Einblick in die künstlerische Welt eines Musikers zu erhalten, müssen wir seine Ursprünge, seinen Werdegang und sein Umfeld unter die Lupe nehmen – denken wir etwa an den kometenhaften Aufstieg des ehemaligen Fernfahrers aus Memphis namens Elvis Presley oder an die prägenden Jahre der Beatles in Hamburg, wo sie ihr Repertoire verfeinerten und erweiterten.

Genauso verhält es sich mit KISS. Ihre Geschichte erzählt von vier Einzelpersonen, die beinahe nichts gemeinsam hatten und feurigen Hardrock mit stylisher Pose vermengten, wofür sie als unerhört, lächerlich und albern gebrandmarkt wurden. Doch trotz ihrer Fehler und Entgleisungen, trotz ihrer verpassten Möglichkeiten und Fehltritte erklommen sie schließlich den Olymp als weltweite Superstars.

Wir haben mit der Band gesprochen, ihrem Manager Bill Aucoin, ihren Produzenten, Tontechnikern, der Road-Crew, Clubbesitzern, Bands, mit denen sie tourten, Konzertveranstaltern, Booking-Agents, Kostüm- und Bühnendesignern, PR-Leuten, Fotografen, Art-Designern, Musikautoren und Vertretern von Plattenfirmen, Radiostationen, Management, Marketing und Plattenhandel, die die Band auf ihrem kometenhaften Aufstieg begleiteten. Dies ist ihre bemerkenswerte Geschichte.

Als die Siebzigerjahre begannen, lösten sich die Beatles auf. Der Nachhall des albtraumhaften Altamont Music Festivals, bei dem dreihunderttausend Fans Zeugen wurden, wie der Konzertbesucher Meredith Hunter von durchgeknallten Hell’s Angels während des Auftritts der Rolling Stones erstochen wurde, markierte gleichzeitig den Zapfenstreich für die Ära von „Love and Peace“ und den Anfang eines härteren, kompromissloseren Jahrzehnts. Richard Nixon zog ins Weiße Haus ein. Die Frauenbewegung schwappte durchs Land mit Gloria Steinem an vorderster Front. Die Sitcom All in the Family – eine bissige TV-Serie, die gesellschaftliche Sitten, verkörpert durch den ebenso großmäuligen wie bigotten Patriarchen Archie Bunker, aufs Korn nahm – war der Quotenrenner schlechthin.

Die Musik hatte eine lange Entwicklung durchgemacht seit der unschuldigen Pop-Überschwänglichkeit der Beatles, dem Protest-Folk eines Bob Dylan und den LSD-schwangeren Acid-Rock-Eskapaden von Jefferson Airplane, Quicksilver Messenger Service, Moby Grape und Grateful Dead. Angeführt von englischen Bands wie Yes, Genesis, King Crimson und Emerson, Lake & Palmer war Progressive Rock der letzte Schrei und stand für virtuose Instrumentierung und vertrackt strukturierte Songs. Die sonnigen Gefilde Südkaliforniens waren das Epizentrum für die Bewegung der Singer/Songwriter. Der bahnbrechende Multiplatin-Erfolg von Carole Kings Album Tapestry öffnete sanften Troubadouren mit akustischen Gitarren wie etwa James Taylor, Cat Stevens, Joni Mitchell, Jackson Brown, Jim Croce und Harry Chapin die Türen.

In England nahm eine musikalische Revolution langsam Form an. Angeführt von David Bowie, Slade, T. Rex sowie Mott the Hoople explodierte ein neues Genre namens Glam Rock, ein wahres Pulverfass von unverblümter Symbolik, androgyner Sexualität und futuristischem Songwriting. In den Staaten hingegen war eine rotzige Proto-Punk-Bewegung in vollem Schwange. Bands wie die New York Dolls, MC5 und Iggy & the Stooges führten diese Angriffswelle an, warfen musikalische Granaten und nahmen ihre Hörerschaft mit einem Arsenal an rüpelhafter Anarchie, roher Rebellion und genüsslichem Exzess unter Sperrfeuer. Alice Cooper machte Anleihen bei der reichen Tradition des Pariser Grand-Guignol-Theaters und fand so seine eigene Nische im Rock-’n’-Roll-Kosmos – und trieb dabei die konservative Mittelschicht gekonnt vor sich her. Seine Musik war wie geschaffen für Außenseiter, ein Überlebensmittel für eine im Brachland jugendlicher Einöde gestrandeter, entwurzelter Teenager, das geschickt Horror-Spektakel mit pulsierenden Hymnen über Rebellion, Frustration und Entfremdung kombinierte.

Inmitten dieser hochgradig schizophrenen Musiklandschaft probte sich eine unlängst gegründete Band namens KISS in einem schäbigen Loft in Downtown Manhattan sieben Tage die Woche den Arsch ab. Angetrieben von unbeirrbarer Hingabe und dem Glauben an sich selbst hatten sie große Erwartungen und noch größere Träume. Verbissen versuchten sie, ihre Vision, eines Tages ihre Gesichter neben Allzeitgrößen wie den Beatles, den Rolling Stones und The Who in den Granit des Mount Rushmore des Rock ’n’ Roll eingemeißelt zu sehen, Wirklichkeit werden zu lassen.

Aber lasst uns noch ein paar Jahre weiter zurückreisen, in ihre Frühzeit, lange bevor sie den Thron der Rock-Unsterblichkeit bestiegen.

1: Schicksalhafte Begegnung

Wir schreiben das Jahr 1970. Nachdem sie ihre Bands aufgelöst hatten, sinnierten der achtzehnjährige Stanley Eisen (später bekannt als Paul Stanley) und der einundzwanzigjährige Gene Klein (der spätere Gene Simmons) über ihre nächsten musikalischen Unternehmungen nach. In der Wohnung von Stephen Coronel in Washington Heights, einem Viertel von Manhattan, griff das Schicksal ein und ließ die beiden einander zum ersten Mal über den Weg laufen.

GENE SIMMONS: Stephen Coronel war mein bester Freund. Wir gingen zusammen zur Schule und spielten gemeinsam in ein paar Bands wie Long Island Sounds, Love Bag und Cathedral.

STEVE CORONEL (FREUND UND EHEM. BANDKOLLEGE VON PAUL UND GENE): 1970 traf ich mich mit Gene in Brooke Ostranders Apartment in New Jersey und besprach mit ihm, eine Band zusammenzustellen. Wir brauchten einen Leadsänger: einen Typen, der singen und spielen könnte. Ich versuchte, mir jemanden einfallen zu lassen, auf den dies zuträfe.

PAUL STANLEY: Ich war mit Stephen in einer Band namens Tree gewesen. Das waren ich, Stephen als Leadgitarrist, Marty Cohen am Bass und Stan Singer an den Drums.

GENE SIMMONS: Ich sah sie in einem Underground-Club in der Nähe von Harlem, und der Rhythmusgitarrist, ein Typ namens Stanley Eisen, hatte es mir angetan. Er sang „Whole Lotta Love“ und „All Right Now“; es klang sehr überzeugend. Er hatte die richtige Haltung auf der Bühne, sah gut aus und sang mit einer hohen Stimme wie Robert Plant.

STEVE CORONEL: Mir fiel Stan ein, als ich überlegte, wer für diese neue Band infrage kam. Ich sagte zu Gene: „Ich mach dich mal mit diesem Typen namens Stan bekannt.“ Ich rief ihn an und sagte: „Gene und ich wollen uns mit dir treffen.“ Das war im Spätsommer 1970 – im August, glaube ich –, und ich arrangierte ein abendliches Treffen in meiner Wohnung in Washington Heights, in meinem Wohnzimmer. Alle Wände hatte ich mit glänzend schwarzer Farbe ausgemalt. Für 1970 sah das ziemlich funky aus.

NEAL TEEMAN (PAUL STANLEYS FREUND UND BANDKOLLEGE BEI UNCLE JOE): Stellt Euch Ozzy Osbourne in voller Blüte vor. So sah Gene aus. Er kam echt heftig rüber und trug einen schwarzen Mantel, den er nie auszog.

GENE SIMMONS: Ich wohnte in South Fallsburg [New York]. Ich war groß und kräftig gebaut. Damals hatte ich einen Bart, trug Overalls und wog um die zwei Zentner. Ich war nicht unbedingt fett, nur einfach ziemlich groß.

STEVE CORONEL: Ich erinnere mich noch daran, wie Gene und ich eines Tages auf Stan Eisen warteten. Mit beiden hatte ich schon in Bands gespielt, wusste aber nicht, wie sie miteinander auskommen würden. Als ich die Tür öffnete, stand Stan da und wartete darauf, hereingebeten zu werden. Er sagte „Hi!“ und sah an mir vorbei in Richtung Gene, der gegen einen Heizkörper gelehnt am Fenster stand. Ich hatte meine rote ’64er Gibson ES 330 hervorgeholt. Gene lehnte sich dann gegen das Bett, das sich etwa einen Dreiviertelmeter über dem Boden befand, weil ich es auf zwei Marshall-Boxen gestellt hatte. Stan war sehr höflich. Er kam ins Zimmer und ging ums Bett herum, um Gene kennenzulernen.

GENE SIMMONS: Stephen sagte: „Gene, das ist Stanley Eisen; er schreibt auch Songs.“ Ich hatte gedacht, ich wäre der Einzige auf der Welt, der Songs schrieb. Ich war so von mir überzeugt, weil ich mir selbst Gitarre und Bass beigebracht hatte und sogar eigene Songs schrieb, dass ich dachte, ich wäre der erste Mensch, der dies jemals vollbracht hätte.

STEVE CORONEL: Sie lächelten, gaben sich die Hand und begannen sich darüber zu unterhalten, dass sie einander schon bei Auftritten ihrer jeweiligen Bands gesehen hatten. Ich stand dabei, blickte von einem zum anderen und moderierte quasi, um die Sache voranzutreiben. Stan mochte The Move und Gene die Beatles. Ich wartete ab, wie der von mir empfohlene Stanley auf Gene wirkte.

GENE SIMMONS: Ich sagte zu ihm: „Zeig mir, was du drauf hast.“ Ich glaube, das hat ihm nicht gefallen. Er hielt mich wohl für arrogant.

STEVE CORONEL: Stan schnappte sich eine Gitarre und spielte ein paar seiner Songs und einen von The Move, den wir überhaupt nicht kannten. Einer seiner eigenen Songs, „Sunday Driver“, war sehr von The Move beeinflusst. Der klang ziemlich gut.

GENE SIMMONS: Ich mochte „Sunday Driver“ und war hingerissen, wie gut er konstruiert und wie toll die Melodie war. Der Text klang auf seine Art irgendwie britisch, wie „Eight Days a Week“ oder „A Hard Day’s Night“. Außerdem gefiel mir seine Stimme.

STEVE CORONEL: Stans Songs waren vollständig ausgearbeitet, und er sang sie mit Selbstvertrauen, genau so wie Gene ein paar Jahre vorher, als er Seth Dogramajian einen seiner Songs präsentierte. Ich erinnere mich, wie ich zu Gene rübersah; er hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und hörte zu, den Kopf zur Seite geneigt. Ich fand Stans Lieder ziemlich gut. Genes Songs waren sehr an Pop und Fantasy orientiert. Seine Melodien waren alle in Dur und irgendwie eklektisch. Gene dachte dabei nicht an bluesigen Hardrock-Gesang. Die meisten Bluesrock-Leadsänger gingen anders an ihre Musik heran als Gene damals, und so war Stanley Eisen für Gene und mich eine ziemliche Offenbarung.

NEAL TEEMAN: Dann spielte Gene ein paar Songs. Als er sang, schrie er so laut, als wollte er, dass das ganze Haus ihn hören konnte [lacht].

PAUL STANLEY: Er spielte einen seiner Songs und, ganz ehrlich, ich war nicht sehr beeindruckt. Gene hatte eine sanfte, melodische Stimme, die sich im Laufe der Jahre veränderte. Anfangs war sie viel näher an Paul McCartney, und der wäre er auch gern gewesen. Paul war sein Idol.

STEVE CORONEL: Gene spielte „Stanley the Parrot“ und was er sonst noch so hatte, aber das war alles nicht so toll.

GENE SIMMONS: Paul war nicht gerade beeindruckt von meinen Songs. Sie waren völlig chaotisch.

STEVE CORONEL: Ich hielt Stanleys Zeug für viel besser. Das galt auch für den Gesang. Als Stanley aufhörte zu spielen, sagte Gene ganz nonchalant: „Yeah, das war ganz gut.“ Er war so angepisst, dass es ihm schwerfiel, sich zusammenzureißen. Er bewunderte ihn zähneknirschend, denn Stan war wirklich gut. Ab da begann ihm Genes Benehmen zu missfallen. Gene kann ein bisschen streitlustig werden, wenn er jemanden ausquetscht.

PAUL STANLEY: Der Eindruck, den ich von Gene hatte, gründete vor allem auf seiner Persönlichkeit, und die gefiel mir nicht besonders.

GENE SIMMONS: Paul mochte mich gar nicht. Er hielt mich für arrogant, so auf die Art: „Was denkst du eigentlich, wer du bist?“ Ich konnte es einfach nicht begreifen, dass jemand außer mir die Eier hatte, sich hinzustellen und zu sagen: „Oh, ich schreibe auch Songs.“ Ich war nicht wirklich unfreundlich, aber ich hatte so viel Selbstvertrauen, dass es mich gegenüber anderen Leuten abstumpfen ließ. Meine Selbstwahrnehmung hatte auch damit zu tun, dass ich ein Einzelkind war. Ich kam aus einem anderen Land, wuchs ohne Brüder und Schwestern auf, die mir den Rücken gestärkt hätten. Meine Mutter hat die Nazi-KZs im Zweiten Weltkrieg überlebt. Mein Vater verließ uns schon früh. Ich hatte keinerlei moralische Unterstützung, und meine Mom arbeitete von früh bis spät. Das soll keine Entschuldigung sein. Du lernst mit der Zeit, dass du es nur zu was bringen kannst, wenn du dich zusammenreißt und hart arbeitest.

PAUL STANLEY: Freundschaften, die über sehr lange Zeit bestehen, beginnen manchmal damit, dass man erst einmal eine echt starke Aversion gegen den jeweils anderen empfindet. Wir verstanden uns einfach nicht, aber eigentlich war mir das auch egal. Ich schlief deswegen nicht schlecht oder so.

STEVE CORONEL: Als Stan gegangen war, diskutierten wir alles. Es lag für mich auf der Hand, dass Gene gegenüber Stan so einige Vorbehalte hatte, aber ich fand, dass die Kritikpunkte, die er vorbrachte, größtenteils unbegründet waren. Für mich lief eigentlich alles darauf hinaus, dass Stan eine Bedrohung für Genes Selbstverständnis als Musiker darstellte.

NEAL TEEMAN: Ich erinnere mich, dass ich nach diesem Treffen mit Paul im Auto nach Hause gefahren bin, und er sagte: „Wow, wer zum Geier glaubt er eigentlich, dass er ist?“ Er war wirklich angewidert von ihm. Paul war mit einem guten Gefühl zu diesem Treffen gegangen, und Gene benahm sich, als wäre es ein Wettbewerb, so in der Art: „Ich kann dich schlagen.“ Ich glaube, das störte Paul.

PAUL STANLEY: Ich mochte ihn nicht, und ich sagte zu Steve, dass ich kein Interesse daran hätte, zusammen mit ihm zu spielen. Aber dann begannen wir damit, unsere Probleme auszuräumen, und mit der Zeit findest du heraus, wer die andere Person tatsächlich ist. Wenn sich zwei Steine lange genug aneinander reiben, schleifen sie sich schließlich glatt, und alle Kanten werden abgetragen. Um mit jemandem zu arbeiten und eine lange Beziehung zu pflegen, so wie mit einem Bruder, muss man wissen, wo man die Grenzen zieht.

STEVE CORONEL: Paul und Gene sprachen ein paar Tage später miteinander und kamen zu dem Ergebnis, dass es genug Platz für beide in einer gemeinsamen Gruppe gäbe. Weder Gene noch ich spielten viel außerhalb eines kleinen Zirkels von einer Handvoll Musiker, und keiner von denen schrieb Songs. Die Begegnung mit Stan war daher etwas Neues für uns. Gene musste akzeptieren, dass es außer ihm noch jemanden gab, der schreiben, spielen und singen konnte. Bis dahin hatte sich Gene, gleich nach den Beatles vielleicht, als die talentierteste Person unter der Sonne gefühlt. Wir riefen Stan an und fragten, ob er sich noch einmal mit uns treffen würde, zusammen mit Brooke Ostrander, einem Keyboarder, den Gene kannte, um zu quatschen und gemeinsam zu jammen. Wir trafen uns in Brookes Wohnung in New Jersey und verstanden uns prima. Stan freute sich, wieder in einer Band zu sein und jemanden zu haben, der im Wechsel mit ihm die zweite Stimme singen würde. Gene gefiel die Zusammenarbeit mit Stan, und er zeigte keine Anzeichen von Ego-Problemen mehr. Letztendlich konnten sie gut zusammenarbeiten, weil beide mit großem Ernst bei der Sache waren. Ihre musikalischen Fähigkeiten ergänzten sich. Einer konnte die Leadstimme übernehmen, während der andere die zweite Stimme beisteuerte, und sie konnten sich dabei abwechseln. Sie feilten an diesem Wechselspiel im Loft in der Canal Street. Wir trieben auch viele Späße. Das gehörte einfach zur Entwicklung ihrer Beziehung; wir haben sehr viel gelacht. Ihr origineller Sinn für Humor entwickelte sich langsam. Das ist es ja gerade, warum es solchen Spaß macht, in einer Band zu spielen: die Freude am kreativen Arbeiten sowie das Herumprobieren. Du gehst die Straße runter und du weißt, dass du zu einem engmaschigen Team gehörst. Und dann waren da noch der gemeinsame Background – aufgewachsen in Queens, jüdische Herkunft – und außerdem die gemeinsamen musikalischen Vorlieben.

GENE SIMMONS: Paul und ich bevorzugten dieselbe Ästhetik, teilten dieselben Ideale und hatten die gleiche Arbeitsmoral, aber ansonsten waren wir verschieden wie Tag und Nacht. Wir sind wie die zwei Seiten derselben Münze. Als wir begannen, miteinander zu arbeiten, erkannte ich ihn als ein wichtiges Puzzlestück an. Paul glaubte daran, dass er es schaffen würde, und das gefiel mir.

PAUL STANLEY: Für uns beide war der Erfolg wichtiger als alles andere. Gene war schlau und ehrgeizig und bereit, hart zu arbeiten, um etwas zu erreichen, anstelle nur darüber zu reden. Intelligenz und Tatendrang bringen einen weiter als reines Können ohne Orientierungssinn. Er war auch offen für Anweisungen und Input, und er war sehr talentiert. Zwei, die zusammenarbeiten, nicht nur als Einzelpersonen nebeneinander her, multiplizieren ihre Talente exponentiell und leisten so viel mehr. Es ist viel, viel schwerer, gewisse Ziele in die Tat umzusetzen, wenn man allein ist. Als Team gewinnt man das Spiel.

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Stephen Coronel, der Mann, der Gene Simmons und Paul Stanley miteinander bekannt machte. Americana Hotel, New York City, 1979 Ken Sharp

2: Erste Schritte

Im Jahr 1972, zwei Jahre nach ihrem ersten Zusammentreffen, lebten Paul Stanley und Gene Simmons von Monatsgehalt zu Monatsgehalt und waren ihrem Ziel, Rockstars zu werden, noch keinen Schritt näher gekommen.

PAUL STANLEY: Ich verbrachte viel Zeit in einem Kifferladen namens Middle Earth in der Nähe meiner Wohnung. Sie verkauften dort psychedelische Utensilien – Zigarettenblättchen, Wasserpfeifen – und hatten praktisch alles auf Lager, was das Hippie-Herz begehrte. Eines Tages kam ich in den Laden, und sie erzählten mir, dass soeben jemand von den Electric Lady Studios da gewesen wäre. Ich flippte total aus. Das war schließlich das magische neue Studio von Jimi Hendrix, und den verehrte ich. Sie sagten mir, dass sie die Telefonnummer für mich notiert hätten. Alles, was ich entziffern konnte, war „Ron“ und eine Nummer. Ich rief im Studio an und fragte: „Ist Ron da?“ Wie es das Schicksal wollte, fragte mich die Frau vom Empfang: „Welcher Ron? Shaimon Ron oder Ron Johnsen?“ Ich entschied mich für den konventionelleren Namen und antwortete: „Ron Johnsen.“ Sie verband mich mit Ron Johnsens Sekretärin, und ich erklärte ihr, dass ich in einer Band spielte und wir uns sehr freuen würden, wenn Ron sich uns mal ansehen würde. Ich rief dann später noch ein paar Mal an, immer wieder, weil Ron sich nicht meldete. Schließlich, nach ein paar Wochen, sagte ich zu irgendjemandem vom Studio: „Sag Ron, dass es an Typen wie ihm liegt, dass sich Bands wie meine auflösen.“ Und das hat ihn am Ende dazu gebracht, doch mal zum Hörer zu greifen [lacht]. Als ich dann mit Ron sprach, fand ich heraus, dass er noch nie im Middle Earth gewesen war. Es war nämlich Shaimon Ron, der Haumeister im Electric Lady [lacht]. Aber dann kam Ron Johnsen, der als Toningenieur in den Electric Lady Studios arbeitete, in unser Loft in Chinatown, um sich unsere Band, Rainbow, die sich später in Wicked Lester umbenannte, reinzuziehen. Er erklärte uns, dass wir so gut wie Three Dog Night wären [lacht]. Wir hielten das für eine gute Sache, besser als wenn er gesagt hätte, dass wir beschissen wären. Das war also unsere Eintrittskarte in die Electric Lady Studios. An der großen Sicherheitstür vorbei in diese mythischen Hallen zu kommen war die reinste Magie. Nachdem wir Ron getroffen hatten, dauerte es lange, bis wir ins Studio durften, um das Wicked-Lester-Album aufzunehmen. Wir standen quasi auf Abruf, was bedeutete, dass wir zwar nicht für die Zeit im Studio bezahlen mussten, aber dafür nur aufnehmen konnten, wenn das Studio gerade frei war. Wenn eine Session um sechzehn Uhr enden sollte, sich dann aber doch bis einundzwanzig Uhr hinzog, mussten wir eben fünf Stunden in der Lobby abhängen. Dann durften wir endlich ins Studio. Wir verbrachten so viel Zeit im Studio wie es uns unsere Freizeit eben erlaubte. Mitunter arbeiteten wir buchstäblich 24 Stunden am Tag an dieser verrückten Platte, die schließlich das Wicked-Lester-Album werden sollte. Auf diese Weise zog sich der ganze Prozess ein Jahr lang hin, ein endlos langer Zeitraum, und wenn in einem aktuellen Hit gerade eine Sitar zu hören war, dann bauten wir natürlich auch eine Sitar in den Song ein, an dem wir gerade arbeiteten. Also hatten wir letztlich ein Album ohne jeglichen Fokus oder irgendeine Richtung aufgenommen.

GENE SIMMONS: Innerhalb der Band gab es bereits eine ziemliche Unruhe. Wir bemühten uns alle, die Band am Leben zu halten. Wir hatten einen Schlagzeuger [Tony Zarrella], einen herzensguten Typen, der aber kein bisschen Weitblick besaß. Paul und mein alter Kumpel Stephen Coronel kamen nicht miteinander klar. Die beiden hatten einen großen Streit, und Stephen schrie ihn an: „Was zum Teufel meinst du eigentlich, wer du bist? Denkst du, um dich herum wabert so etwas wie eine Scheiß-Aura?“ Und Paul antwortete: „Ja, das glaube ich tatsächlich.“ Paul hatte sehr viel Selbstvertrauen, womit er bei Steve aneckte. Wir waren eine saubere Band – keiner ließ sich auf Drogen ein. Es war nicht wie bei KISS, nicht wie bei Ace [Frehley] und Peter [Criss], die beide tranken und von Anfang an auch andere Probleme hatten.

Wicked Lester gaben nur ein paar Konzerte, und das Geld war knapp. Dank Ron Johnsen konnten sich Gene und Paul aber als Sessionmusiker in den Electric Lady Studios etwas dazuverdienen. Diese musikalische Lehrzeit verschaffte den beiden zukünftigen Rockstars einen praxisbezogenen Einstieg ins Musikgeschäft.

GENE SIMMONS: Wicked Lester waren an einem Punkt angelangt, an dem es so aussah, dass wir uns auflösen würden. Eines Tages spazierten wir in unser Loft und mussten feststellen, dass unsere Ausrüstung gestohlen worden war. Wir waren am Boden zerstört. Und wir brauchten Geld, um die ganzen alten Sachen ersetzen zu können. Ron Johnsen war Cheftontechniker der Electric Lady Studios in Greenwich Village. Er arbeitete mit Acts wie Lobo, der einen Hit mit „Me and You and a Dog Named Boo“ hatte, und Little Eva, die „The Locomotion“ gesungen hatte. Er produzierte das Wicked-Lester-Album, das auf Epic Records hätte erscheinen sollen. Pikanterweise arbeitete Ron auch mit Chelsea, der Band von Peter Criss, die eine Platte auf Decca herausbrachte. Ron Johnsen, die gute Seele, war so nett, uns zu sagen: „Ihr könnt hier doch nicht einfach nur so rumhängen. Ihr braucht doch Geld. Lasst mich euch für ein paar Sessions einteilen.“ Ich hatte bereits bei kleineren Aufnahmesessions ausgeholfen. So spielte ich zum Beispiel Bass auf dem Demo einer schwarzen Sängerin. Sie war nicht mies, aber der Song gab mir nichts. Ron produzierte aufstrebende Musiker und verhalf Paul und mir zu ein paar Session-Jobs, was sich im Grunde so abspielte: „Okay, Jungs, hier sind die Parts, die ihr singen sollt, habt ihr das drauf?“ Wir beide machten dann untereinander aus, wer was singen würde, so im Stil der Everly Brothers. Er sang den höheren Gesangspart und ich den mittleren – oder auch umgekehrt.

PAUL STANLEY: Es war alles ziemlich informell; praktisch jeder, der dort abhing, sang mit. Für mich war das nicht unbedingt Session-Arbeit, weil wir nicht wegen unserer Fähigkeiten oder irgendwelchen besonderen Kenntnissen angeheuert wurden. Es ging mehr darum, uns ein wenig Kohle zuzustecken, damit wir nicht verhungerten. Und ich meine ein wenig Kohle [lacht]. Es war mehr ein symbolischer Akt. Lyn Christopher war eine Musikerin, die von Ron Johnsen betreut wurde. Ron war der Produzent von Wicked Lester und hatte Lyn durch ihren damaligen Ehemann, Lou Ragusa, kennengelernt.

LYN CHRISTOPHER: Wir brauchten Hintergrundgesang für mein Album, und Ron sagte: „Ich kenn da zwei Typen, die passen würden.“ Gene und Paul sangen auf zwei Songs, „Celebrate“ und „Weddin’“. Sie waren echt nett und hatten gute Stimmen. Paul war eine große Unterstützung. Er sagte zu mir: „Du bist schön, und du wirst den Durchbruch schaffen.“

PAUL STANLEY: Lyn stand bei Paramount Records unter Vertrag, und ihre Musik war sehr sanft und entspannt, aber sie sah auch super aus. Jedes Mal, wenn sie ins Studio kam – egal, ob sie nun sang oder nur mal nach dem Rechten sah –, konnte ich nicht anders, als sie anzustarren.

LYN CHRISTOPHER: Es war das erste Mal, dass Gene und Paul dafür bezahlt wurden, auf einem Album zu singen. Sie waren genauso begeistert wie ich, auf einer Platte zu singen, die auf einem Major-Label erscheinen würde. Man merkte, dass es eine große Sache für sie war.

GENE SIMMONS: Als dieses Album rauskam, war es das erste Mal, dass wir auf einer echten Platte zu hören waren. In den Credits stehen wir als Gene Simmons und Paul Stanley. Es war eine tolle Erfahrung, an einer Platte beteiligt zu sein.

PAUL STANLEY: Wir sangen auch bei einer Aufnahmesession mit Tommy James. Der Song hieß „Celebration“. Ich erinnere mich, dass ich Tambourin spielte und sang. Zu der Zeit ging es im Studio gerade ziemlich ab. Tommy war als Koproduzent bei der Session dabei und arbeitete mit dem Tontechniker Ralph Moss, der auch beim Wicked-Lester-Album mithalf.

GENE SIMMONS: Wir waren auch bei Mr. Gee Whiz dabei. Es war sehr bizarre, eklektische Popmusik. Wenn ich zurückblicke, waren diese Sessions ein Spaß, aber das meiste verdankten wir dem Zufall. Was wir dafür gezahlt bekamen, war uns eigentlich egal. Wir hatten keine Ahnung, was die Gewerkschaften ausgehandelt hatten. Wenn ich mich richtig erinnere, bekam man damals für eine dreistündige Session so um die 90 Dollar. Wir lebten praktisch dort. Wir saugten die Electric Lady Studios förmlich auf. Für uns war es so etwas wie die harte Schule des Lebens. Eigentlich war es nicht wirklich „hart“, eher eine Art Feuertaufe. Wir kamen so mit Leuten zusammen, die wir sonst nur aus Magazinen oder dem Fernsehen kannten oder in großen Konzerthallen live gesehen hatten. Vor unseren Augen öffnete sich eine neue Welt, eine Welt, an der wir teilhaben wollten. Stephen Stills nahm im Studio auf, und er mochte meinen Fender-Bass. Er hatte einen Gibson-Tonabnehmer, der ihm eine bizarre Klarheit verlieh. Stephen zahlte mir schließlich 300 Dollar dafür. Er griff in die Tasche und zog einfach drei Hunderter heraus. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Ein weiterer Act dort waren Tonto’s Expanding Headband, die aus zwei Typen bestanden, Malcolm Cecil und Bob Margouleff. Sie spielten Synthiemusik, lange bevor es Rick Wakeman oder irgendwer sonst tat. Sie arbeiteten später viel mit Stevie Wonder.

Die Electric Lady Studios, an der Ecke 52nd West und 8th Street gelegen, waren offiziell im August 1970 eröffnet worden. Das Studio war vom Architekten und Akustiker John Storyk entworfen und ursprünglich für den legendären Jimi Hendrix gebaut worden. Im Laufe der Jahre machten viele Ikonen der Rockmusik in diesen heiligen Hallen Station. Eine kleine Auswahl: Led Zeppelin, die Rolling Stones, John Lennon, David Bowie, Bob Dylan, AC/DC, Rush und viele mehr machten Aufnahmen im Electric Lady …

GENE SIMMONS: Dort zu arbeiten war schon etwas eigenartig, weil sich das Studio im Kellergeschoss befand. Zum ersten Mal in unserem Leben wussten wir nicht, ob es Tag oder Nacht war. Beinahe wie bei einer Ameisenfarm – nichts war wichtig, außer die Ameisenkönigin zu füttern. Jeder wusste exakt, was er zu tun hatte – und zwar Musik zu machen. Es war ein Ort, an dem niemand von irgendwelchen Stars beeindruckt war. Es war einfach ein magischer Ort. Dort, an diesem Ort, den Jimi Hendrix hatte bauen lassen, gab es ein Wahnsinns-Artwork an den Wänden. Eines der Wandgemälde zeigte eine Art sexy Astronautin im Bikini, die ein Raumschiff steuerte. Paul und ich arbeiteten sowohl in Studio A als auch in Studio B. Wir nahmen dort die Platte mit Wicked Lester auf; KISS sollten später beide Studios benutzen.

PAUL STANLEY: Das Schöne an den Electric Lady Studios war, dass es dort kaum Uhren und keine Fenster gab. Also ging man nicht, bevor man fertig war – es sei denn, eine andere Session begann. Manchmal hast du dort buchstäblich rund um die Uhr bis zum nächsten Tag geschuftet, und dann musstest du raus, weil eine andere Band vor der Tür stand.

GENE SIMMONS: Paul und ich hingen ständig dort ab, auch dann, wenn wir gerade nicht am Wicked-Lester-Album bastelten. Wir relaxten, saßen auf dem Sofa, hörten zu und absorbierten einfach die Atmosphäre.

PAUL STANLEY: Es war eine großartige Schule. Es war wie die Einsatzzentrale der herrschenden Kaste der Rockmusik. Hier war der Ort, an dem alles entstand. Mir gefiel, dass ich kommen und gehen konnte, wie es mir eben passte. In einem der zwei Studios, die praktisch rund um die Uhr besetzt waren, war immer jemand, den man bewunderte, einer deiner Helden. Egal wann, 24 Stunden am Tag, konnte man auf Led Zeppelin treffen, oder es waren gerade die Stones da. Mountain, Jeff Beck, Stevie Wonder, David Crosby und Stephen Stills. Ich erinnere mich, wie ich einmal reinplatzte, als Mick Jagger gerade was mit Eddie Kramer aufnahm. Und ich weiß noch, wie dort Rockin’ the Fillmore abgemischt wurde und dass ich mich mit Jimmy Page unterhalten konnte.

GENE SIMMONS: Jeff Beck machte was mit Stevie Wonder, eine Version von „Superstition“. Ich saß gerade auf dem Pott, als Stevie von einem Assistenten aufs Klo geführt wurde, weil er pinkeln musste. Ich erstarrte vor Ehrfurcht, saß da auf der Schüssel, und gleich daneben stand Stevie Wonder. Wenn mir damals jemand erzählt hätte, dass ich viele Jahre später mit Stevie im Studio stehen würde, um ihm Melodien für eine Version von „Deuce“ vorzusummen, die Lenny Kravitz zu KISS My Ass beisteuerte, hätte ich ihn für unzurechnungsfähig erklärt.

PAUL STANLEY: Ich verbrachte Jahre in den Electric Lady Studios, von der Zeit mit Wicked Lester bis später bei KISS. Für mich war es dort wie Disneyland, eine tolle Lernerfahrung.

Obwohl sie einen Vertrag mit Epic Records in der Tasche hatten, wurden Gene und Paul sich der Tatsache bewusst, dass Wicked Lester nie ihrer musikalischen Vision würde gerecht werden können. Sie traten ihren Deal mit Epic in die Tonne – und Wicked Lester waren Geschichte.

GENE SIMMONS: Paul und ich waren unglücklich mit der Platte. Die Songs waren okay, aber es war alles nicht so cool wie die Sachen dieser ganzen englischen Bands. Es hatte so einen Westküsten-Hippie-Sound und erinnerte an Three Dog Night und die Doobie Brothers. Es war zu eklektisch. Gruppen wie The Who oder die Rolling Stones hatten einen definierten Sound und einen wiedererkennbaren Look. Wicked Lester fehlte einfach ein typischer Sound, eine Identität mit Wiedererkennungswert.

PAUL STANLEY: Das Problem von Wicked Lester war, dass die Band ein Frankenstein-Monster war, das sich im Studio weiterentwickelte. Wir verbrachten ein Jahr im Studio, um mit einem Produzenten zu arbeiten, der viel mehr Erfahrung als wir hatte, der aber weniger als wir auf eine bestimmte Richtung festgelegt war. Und an diesem Punkt waren wir mehr als bereit, alles auszuprobieren. Das Album ist der Beweis dafür. Es war völlig unkoordiniert. Komplett ziellos.

GENE SIMMONS: Wir waren am Ende. Es fühlte sich nicht mehr richtig an. Wir waren vom Weg abgekommen. Wir hatten kein Image. Wenn ich mir das Wicked-Lester-Zeug anhöre, dann fällt mir auf, dass auf „She“ Flöten zu hören sind, und „Love Her All I Can“ war ein Dance-Track. Wir waren ins Schwimmen gekommen. Schließlich sahen Paul und ich einander an und sagten: „Wir müssen die Band auflösen.“

PAUL STANLEY: Die Band entwickelte sich nirgendwohin. Also warum an etwas arbeiten, das von Anfang an fehlerhaft war? Und so lösten wir in unserer dreisten Naivität die Band auf. Zuerst feuerten wir die anderen Typen. Einer von ihnen, Tony [Zarrella], sagte: „Ich werde meinen Vertrag erfüllen.“ Also sagten wir [lacht]: „Dann steigen eben wir aus.“ Egal wie, wir zogen einen Schlussstrich unter diese Band.

GENE SIMMONS: Ich kann es ehrlich nicht erklären, warum wir diese Klarheit und diesen Weitblick besaßen, denn die meisten hätten so einem geschenkten Gaul nicht mehr ins Maul geschaut. Wir hatten einen Plattenvertrag bei einem Major-Label. Man muss schon sehr arrogant, weltfremd oder verrückt sein, so einen Plattendeal sausen zu lassen. Aber es war nicht das, was wir wollten. Also entschieden Paul und ich uns zu diesem Quantensprung, die Band aufzulösen und eine neue Band zu gründen, die dann KISS war. Es erinnert mich an diese Szene in 2001: Odyssee im Weltraum, in der der Monolith erscheint und die Affen sich ihm grundlos nähern und ihn berühren, was ihnen diesen immensen Sprung vorwärts in der Evolution beschert. Wicked Lester waren Geschichte, und Paul und ich verschwendeten keine Zeit. Wir hatten immer noch das Loft. Ich bezahlte die Miete, weil alle anderen pleite waren. Paul arbeitete in einem Sandwich-Laden; nachts fuhr er Taxi und schlief dann meist den Tag durch. Ich hatte einen Job als Assistent des Direktors des Puerto Rican Interagency Councils, eines von der Regierung finanzierten Forschungsprojekts. Ich verdiente ganz gut dort, 23 000 Dollar im Jahr, was damals ein schönes Sümmchen war. Ich war begabt. Ich tippte auf Tonband aufgezeichnete Gespräche ab und arbeitete auch am Matrizendrucker und an der Vervielfältigungsmaschine. Ich kannte mich damit aus, weil ich als Junge Fantasy- und Science-Fiction-Fanzines herausgegeben hatte.

PAUL STANLEY: Der erste Punkt, der uns beschäftigte, war, unsere Musik zu definieren, wobei sich schnell herausstellte, dass sie sehr gitarrenlastig sein würde. Humble Pie waren eine der Inspirationen für den Sound von KISS. Sie im Fillmore live zu sehen und Steve Marriott dabei zu beobachten, wie er das Publikum dirigierte und ihm predigte, inspirierte mich. Seine Herangehensweise war etwas, das ich auch probieren wollte, aber eben auf meine Art. Wir wollten also eine Band mit heavy Gitarren, aber Songs mit starken Melodien und Refrains. Das war auch das, womit ich aufgewachsen war. Es basierte mehr auf den Autoren im Brill Building und deren Sound als auf Headbanging. Es ging mir um einen Song mit einem packenden Refrain. Es heißt ja nicht umsonst „Hook“: Es soll dich packen und dich nicht mehr vom Haken lassen. Die Idee war also, das Feeling alter Tin Pan Alley/Brill Building-Sachen mit den Beatles zu kombinieren und die Gitarren mehr zu betonen, etwa wie bei Led Zeppelin oder den Stones oder The Who. Interessanterweise lag der Schwerpunkt auf der Rhythmusgitarre, die das Fundament von allem ist. Ohne sie fällt alles auseinander.

GENE SIMMONS: In unserem Sound war auch etwas von Slade, Songs wie „Gudbuy T’Jane“ oder „Mama Weer All Crazee Now“. Wenn man diese Songs hörte, wusste man sofort, dass es genau passte: zwei Gitarren, Bass, Drums, diese Art von Texten. „Mama Weer All Crazee Now“ ist so eine Art Schwesternsong zu „Rock and Roll All Nite“. Die Lyrics, „you drive us wild, we’ll drive you crazy“ – das schlägt in dieselbe Kerbe.

PAUL STANLEY: Ich stand total auf alles, was aus England kam, visuell und musikalisch. Alles Britische eben, von den Beatles zu The Who, von den Stones zu den Kinks, über The Move zu den Small Faces. Es gab sogar Bands, die mir gar nicht so gefielen, aber trotzdem meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ich hörte Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, die damals riesigen Erfolg in England hatten. Ich fand zwar keinen Zugang zu ihnen, aber wie sie aussahen und diese Kameraderie, die unter ihnen bestand, sprach mich an. Es erinnerte mich an die Beatles. Die meisten britischen Bands verströmten diese Aura von Brüderlichkeit. Sie zogen sich alle gleich an. Es war wie ein Club, bei dem man gerne dabei gewesen wäre. Wir mussten uns darauf fokussieren, wer wir sein wollten.

GENE SIMMONS: Paul und ich entschlossen uns, aus dem Bauch heraus zu handeln. Wir würden es wissen, wenn wir es hörten. Wir würden es wissen, wenn wir es fühlten. Das Gefühl, das einen aufhören lässt, wenn man am Radio herumdreht. Ohne es auszusprechen, war es genau das, wofür Paul und ich uns entschieden, als wir KISS zusammenstellten. Paul und mir war es bewusst, dass die Bands, die wir verehrten, nicht nur großartige Platten veröffentlichten, sondern auch live zu überzeugen vermochten – Leute wie The Who oder Jimi Hendrix. Uns fiel auf, dass wir uns nicht nur über ihre Songs unterhielten, sondern auch über ihre Bühnenshows. Die visuelle Komponente war wichtig: „Hast du Pete Townshend gesehen, wie er durch die Luft sprang und seine Gitarre zertrümmerte?“ Wir fragten uns gegenseitig: „Hast du diese Band live gesehen?“

PAUL STANLEY: Ganz einfach – wir wollten die Band sein, die wir selbst gerne live gesehen hätten, die es aber noch nicht gab.

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Paul Stanleys original handgeschriebene Lyrics für den Wicked-Lester-Song „Keep Me Waiting“ Mit freundlicher Genehmigung von Ross Koondel

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Wicked-Lester-Tapebox Mit freundlicher Genehmigung von Brad Estra

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Eine Werbeanzeige für die Electric Lady Studios. Auch Genes und Pauls Band Wicked Lester wird erwähnt Mit freundlicher Genehmigung von Ross Koondel

3: Irgendwo in Manhattan

Paul und Gene ließen Wicked Lester hinter sich und arbeiteten an Ideen für eine Gruppe, die die Power von Slade, Humble Pie und The Who zusammen mit den Theatereffekten von Alice Cooper, David Bowie und The Crazy World of Arthur Brown unter einen Hut bringen sollte. Schlagzeuger Peter Criss gab zur gleichen Zeit eine Anzeige im Rolling Stone auf („Erfahrener Rock & Roll-Schlagzeuger sucht Band für softe & harte Musik“), die in der Ausgabe vom 31. August 1972 abgedruckt wurde. Paul und Gene meldeten sich bei ihm; fortan gehörte er zum Grundstock der geplanten Band.

1972 war Criss ein Schlagzeuger auf der Suche nach einer Band. Seine Gruppe Chelsea, die 1970 ein Album auf Decca herausgebracht hatte, hatte sich aufgelöst, und nun kam er gerade mal so über die Runden, indem er in ein paar unbedeutenden Bands in den Kaschemmen rund um NYC auftrat. Dann, mitten in einer Party, die er und seine Frau Lydia gaben, klingelte das Telefon.

PETER CRISS: Gene rief mich an, während eine wilde Party bei mir im Gange war. Wir tranken Mateus-Wein, der damals ziemlich angesagt war. Auf dem Flaschenetikett war eine Katze abgebildet. Gene legte gleich richtig los.

GENE SIMMONS: Ich sagte: „Hi, ich bin Gene Klein. Wir stellen eine Band zusammen, die so wie die englischen Sachen klingen soll.“ Ich begann ihm Fragen zu stellen, und er wiederholte alles laut für die Leute auf seiner Party: „Trägst du einen Bart? Bist du fett? Siehst du gut aus?“

PETER CRISS: „Bin ich gut gekleidet? Habe ich lange Haare?“

GENE SIMMONS: Er hatte diese Rock-’n’-Roll-Arroganz, die mir gefiel, weil du die brauchst, wenn ein sehr steiniger Weg vor dir liegt. Zu dieser Zeit wussten wir schon, dass das Image genau so wichtig war wie die Musik.

PETER CRISS: Und das Coole war, dass ich die neuesten Klamotten aus Samt und Seide im Schrank hatte, da ich gerade aus den Flitterwochen in England und Spanien zurück war. Also fuhr ich mit meinem Bruder Joey runter ins Electric. Ich trug eines meiner coolsten Outfits, goldene Satinhosen und türkisfarbene Stiefel. Ich sah aus, als wäre ich der Bruder von Hendrix. Und dann ging ich an diesen beiden Typen vorbei, die gegen ein Auto lehnten. Sie trugen Mod-Shirts. Ich schenkte ihnen keine Beachtung, sondern ging rein und fragte nach Gene Simmons und Paul Stanley. Als Antwort bekam ich, dass sie draußen stünden. Ich sah aus dem Fenster und dachte mir: „Nein, das können sie nicht sein. Diese Kerle fragen mich, ob ich stylishe Sachen trage?“ Sie sahen ja selbst aus wie Penner [lacht].

PAUL STANLEY: Peter fragte uns, ob wir in der King’s Lounge in Brooklyn vorbeikommen wollten, um eine Band zu sehen, bei der er mitspielte. Er verströmte diesen Vibe, als ob er im Madison Square Garden auftreten würde und nicht in diesem Schuppen in Brooklyn.

PETER CRISS: Wir trafen uns in ihrem Loft, um es mal zu probieren. Als ich bei ihnen eintrudelte, standen da die Drums von jemand anderem. [Sie gehörten Tony Zarrella von Wicked Lester.] Nun, jeder Schlagzeuger weiß, dass man nicht besonders gut auf den Drums von jemand anderem spielt, da es eine sehr persönliche Sache ist. Wenn irgendetwas ein paar Zentimeter abweicht, kann das für einen Schlagzeuger den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Egal, ich spielte jedenfalls lausig, und das zog uns alle runter, weil wir wollten, dass es funktionierte. Ich schlug also vor, es noch einmal mit meinem Schlagzeug zu versuchen – und das war entscheidend. Wir spielten toll.

PAUL STANLEY: Als Peter bei uns vorspielte, war ich nicht wirklich überzeugt. Wir ließen ihn immer wieder kommen, weil er zweifellos etwas hatte. Aber es war kein Selbstläufer. Ich bin mir nicht sicher, ob Peter in puncto Style von Anfang an das war, was wir suchten. Aber mit der Zeit passten wir unsere Songs und unseren Sound ein bisschen an Peter an.

GENE SIMMONS: Er war locker und ein bisschen ungeschliffen, wie zum Beispiel Charlie Watts von den Stones. Peter spielte nicht wie andere Rock-Schlagzeuger. Es erinnerte fast ein bisschen an Big-Band-Swing, aber irgendwie funktionierte es.

PETER CRISS: Ich stand schon immer auf Phil Spector, die Ronettes, frühe Stones, frühes Motown-Zeug wie Marvin Gaye, die Four Tops und andere. Wir waren ein Schmelztiegel von Einflüssen, und so ergab sich etwas, das nicht nur aus einer Richtung kam und abgekupfert klang. Manchmal hört man bei uns Einsprengsel von vielen verschiedenen Stilen, die vor uns kamen. Heute ist es extrem schwer, originell zu sein – vielleicht sogar unmöglich. Man kann nur darauf hoffen, dass man die richtigen Einflüsse kombiniert.

GENE SIMMONS: Als die Beatles populär wurden, war ihre Musik ein Hybrid aus Motown und Chuck Berry, aber sie schüttelten alles gut durch und machten es zu ihrem eigenen Ding. Auch wenn unsere Sachen wie ein Abklatsch von allem aus England und Amerika erscheinen mochten, was uns gefiel, so kam es doch aus unseren Mündern, und wir hatten es uns überlegt. Also war es doch wieder entschieden anders. Wenn man Platten der Beatles hört, so sprühen sie nur so vor Leben. Während englische Bands wie Jethro Tull oder Genesis sich von den Grundlagen des Rock ’n’ Roll verabschiedeten und Black Sabbath sich der Dunkelheit zuwandten, beschlossen wir, uns auf die Sachen zu konzentrieren, die Rock so großartig machten. Für uns waren das aufmunternde, optimistische Aspekte, ein Gefühl in der Art von „Du und ich gegen die Welt“.

ROBERT DUNCAN (CHEFREDAKTEUR BEI CREEM, AUTOR VON KISS, DEM ERSTEN BUCH ÜBER DIE BAND): Little Richard war der Vorfahre von jedem, der jemals „glam“ war. Auch Elvis war nie komplett „macho“. Wenn man sich ihn ansieht – er war definitiv ein femininer Mann. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern verschwammen. Alice Cooper verfolgte dieselbe Strategie. In vielerlei Hinsicht war er der Haupteinfluss auf den Look und den Sound von KISS.

Im Herbst 1972 probten Gene, Paul und Peter als Trio, feilten an ihren Fähigkeiten und arbeiteten an unausgereiften Songs in einem heruntergekommenen Loft nahe dem Flatiron Building in der 23rd Street, über einer Bar namens Live Bait. Sie hatten den Namen Wicked Lester noch nicht endgültig verworfen.

GENE SIMMONS: Es wimmelte nur so von Kakerlaken. Es war eine Bruchbude ohne Fenster. Sie kostete 200 Mäuse im Monat, was damals viel Geld war.

PAUL STANLEY: Unser Loft war ein kleiner Raum im dritten Stock. Wir hängten Eierkartons an die Wände, um den Krach zu absorbieren, aber das half nichts. Wir probten unablässig, weil wir nicht wollten, dass die Leute erst sagten: „Oh, sind die schrecklich“, um dann später festzustellen: „Oh, sie sind besser geworden.“ Wir wollten ein gewisses Niveau erreichen, bevor wir uns vor ein zahlendes Publikum stellten. Zu diesem Zeitpunkt waren wir immer noch dabei, das, was wir machten, zu perfektionieren.

RIK FOX (EIN FRÜHER KISS-FAN): Ich bin Teil eines sehr elitären Kreises, der die Entwicklung von KISS tatsächlich von Anfang an verfolgte. Damals ging ich mit Peter Criss’ Schwester Joanne. Ich sah die Band als Dreiergespann im Loft proben. Man konnte die magische Saat beim Aufgehen beobachten. Damals war der Song „Stuck in the Middle with You“ von Stealers Wheel gerade sehr angesagt im Radio. Immer wieder und ohne Vorwarnung begann Paul eine Zeile aus dem Song zu singen: „Clowns to the left of me“, und Gene antwortete: „Jokers to the right“, und dann sangen beide zusammen den Refrain: „Here I am, stuck in the middle with you“. Sie nahmen sich populäre Songs zur Brust und übten ihre Harmonien damit. Ich erinnere mich auch, dass der Name „Jack Bruce“ auf der SVT-Bassbox geschrieben stand.

GENE SIMMONS: Ich kaufte mir eine Bassbox, die mal Jack Bruce von Cream gehört hatte. Sie war ein Symbol dafür, dass es einen Weg auf den Olymp gab, dass der Gipfel nicht unerreichbar war. Ursprünglich wollten wir ein Power-Trio wie The Who oder die Jimi Hendrix Experience sein. Als Trio spielten wir viele Monate lang immer und immer wieder unsere Songs. Wir schrieben viel, probten aber auch andere Sachen wie „Go Now“ von Moody Blues. Wir spielten als Trio für Don Ellis [den stellvertretenden Direktor, für A&R verantwortlich] von Epic Records vor. Wir wollten unser neues Ding präsentieren.

TOM WERMAN (ASSISTENT DES A&R-CHEFS, EPIC RECORDS): Ich begleitete Don Ellis. Nachdem ich schon mit Wicked Lester gearbeitet hatte, waren KISS ein echter Schock, aber ich liebte sie. Ihre Performance war sehr frisch, stark und vital. Ich mochte ihre Theatereffekte. Sie trugen nur weiße Schminke ohne ausgearbeitete Details. Am Ende ihres Sets schüttete Paul uns einen Kübel voll Konfetti entgegen. Für einen Sekundenbruchteil dachten wir, es wäre Wasser, aber zum Glück war es nur Konfetti [lacht]. Es war ein fantastisches Finale. Leider war Don total unbeeindruckt. Ich erinnere mich, dass wir auf die Straße runter gingen und Don fragte: „Was zum Teufel war das eben?“ [lacht] Gar nicht abwertend, sondern einfach verwirrt. Er sagte, dass er es nicht verstünde, aber dasselbe sagte er auch über Lynyrd Skynyrd. „Tolle Band, aber keine Songs.“ Er war ein feiner Kerl, aber er hatte keine Ahnung von Rock ’n’ Roll.

GENE SIMMONS: Unnötig hinzuzufügen, dass Epic absagte.

PAUL STANLEY: Bevor Ace bei uns einstieg, feierten wir Thanksgiving mit Sandwiches und tranken Sherry, um uns warmzuhalten. Es entsprach dem romantischen, idealisierten Bild des hungerleidenden Künstlers. Ich sah es jedenfalls so. Vielleicht halfen mir diese Erinnerungen, durch ein paar der härteren Zeiten zu kommen.

LYDIA CRISS: Sie probten ein paar Monate im Loft, bevor sie auf Ace trafen.

GENE SIMMONS: Ich habe keine Ahnung, warum wir ein Quartett wurden, außer dass die Songs, die wir schrieben, nach einer zweiten Gitarre für Harmonien und Gegenakkorde verlangten.

PAUL STANLEY: Ich wollte kein Leadgitarrist sein. Darin lag zu viel Verantwortung, und ich wollte keine Kompromisse in Bezug auf meine Performance eingehen. Ich wollte mir nicht die Last aufhalsen, Solos schreiben zu müssen. Ich war nicht fähig zu liefern, was ich von einer Leadgitarre erwarte. Also gaben wir eine Anzeige in die Village Voice. [Der Wortlaut dieser Anzeige, die am 14. Dezember erschien: „LEADGITARRIST GESUCHT, Ausstrahlung und Können Voraussetzung. Album kommt bald. Bitte keine Zeitverschwender.“]

BOB KULICK (FREUND UND GITARRIST): Die Village Voice war schon immer das geeignete Medium, um Musiker-Jobs in New York und Umgebung auszuschreiben.

BOBBY MCADAMS (FREUND VON ACE FREHLEY): Ich war Aces bester Freund, seit ich 15 war. Eines Tages im Dezember 1972 brachte ich die Village Voice mit zu Ace – er lebte damals bei seinen Eltern – und vergaß sie dort. Er sah die Anzeige, in der nach einem Gitarristen mit Bühnenpräsenz gesucht wurde.

PETER CRISS: Wir haben wahrscheinlich so an die sechzig Typen vorspielen lassen.

PAUL STANLEY: Es war wirklich eine Freakshow. Wir hatten nonstop Typen da. Jedes erdenkliche Aussehen und Alter war vertreten.

TOM PECK (LEADGITARRIST, DER SICH BEI KISS BEWARB): Ich meldete mich, nachdem ich die Anzeige in der Village Voice gelesen hatte. Damals nahm ich Jazz-Stunden und hörte Procol Harum. Ich kam mit meiner Gibson SG Les Paul und einem alten Marshall-Verstärker, und ich trug meine Schlechtwetter-Montur. Ich erinnere mich an ein paar höhnische Kommentare zu meinem Aussehen, weil es so gar nicht nach Rock ’n’ Roll aussah [lacht], aber mir ging es einfach darum, nicht zu frieren. Zuerst spielten sie mir einen Song vor, nur Gene, Paul und Peter. Dann stieg ich ein und spielte ein Solo. Mein Amp gab den Geist auf. Mir war das so peinlich [lacht]. Ich verhaute das Vorspielen und ruinierte den Verstärker! Sonderlich gut spielte ich nicht. Sie sagten mir, dass ich nicht zu ihnen passen würde, waren dabei aber sehr diplomatisch. Ehrlich gesagt, war mir ihre direkte offene Antwort nicht unrecht. Die meisten Bands sagen, dass sie sich bei dir melden. Und dann hörst du nie wieder von ihnen. Lustig war, dass ich ungefähr ein Jahr später als Roadie für Isis arbeitete, die als Vorgruppe für KISS im Coventry waren. Ich war sehr beeindruckt, wie sehr ihr neuer Gitarrist ihren Sound vorangebracht hatte.

GENE SIMMONS: Da kam ein Kerl, ein Flamenco-Gitarrist, der hatte seine Akustikgitarre dabei und trug einen Poncho. Er spielte Flamenco-Stücke vor, und seine Frau, die er im Schlepptau hatte, schmolz dahin, während er spielte.

PAUL STANLEY: Ein anderer Typ kam rein und behauptete, er wäre ein großer Rockstar in Italien. Er war schrecklich. Er trug diese großen Liebesperlen auf seiner Nehru-Jacke. Er sprach kein Englisch, und seine Frau dolmetschte für ihn. Seine Gitarre stimmte er erst gar nicht. Die meisten Leute, die vorbeikamen, passten einfach nicht. Es kommen immer Leute, die keine Ahnung haben, wer sie eigentlich sind. Ein Typ rief an, der sagte, dass er zwar erst seit zwei Monaten spielte, aber schon fantastisch wäre. Das ist schon mal unmöglich. Aber er war hartnäckig, und so was ist dann schon wieder interessant genug, um es sich mal näher anzusehen. Also kam er zu uns, stöpselte seine Gitarre ein, und nachdem er gespielt hatte, fragte er: „Und, wie war ich?“ Und ich antwortete: „Als ob du erst vor zwei Monaten angefangen hättest zu spielen.“ [lacht] Aber es kamen auch ein paar Jungs, die ziemlich gut waren. Wir einigten uns sogar auf einen, aber nachdem wir ihm erklärt hatten, dass er bei uns Make-up auflegen müsste, wollte er nicht mehr kommen.

ACE FREHLEY: Meine Mom fuhr mich zum Vorspielen. Wir transportierten meinen 50-Watt-Marshall-Amp von der Bronx aus im großen Cadillac meiner Familie. Ich war von so einem Rauschgefühl befallen, dass ich versehentlich einen orangen und einen roten Sneaker anzog. Bevor ich zu ihnen raufging, kippte ich schnell zwei Dosen Bier, um locker zu werden. Als ich eintrat, waren da Bob Kulick, der Bruder von Bruce – echt schräg, wenn ich jetzt darüber nachdenke [Bobs Bruder Bruce stieg 1984 bei KISS als Leadgitarrist ein].

BOB KULICK: Ich kreuzte in diesem dunklen, schmuddeligen Loft auf, um vorzuspielen. Sie hörten sich an, als ob sie es ernst meinten. Sie nannten auch Led Zeppelin als Einfluss, was mich aufhorchen ließ. Als riesiger Zeppelin-Fan wusste ich, dass dieser Job etwas für mich wäre. Ich spielte mit der Band und ich fand, dass es echt gut klappte. Ich merkte, dass sie sich dachten: „Wow, der Typ hat echt was drauf.“

GENE SIMMONS: Bob war den anderen Typen, die zum Vorspielen kamen, haushoch überlegen. Er war derjenige, den wir wollten.

BOB KULICK: Die Musik ging in die Richtung, die ich mir vorstellte. So wie ich kamen sie aus Brooklyn und Queens, und sie mochten auch dieselbe Musik wie ich: Cream, Hendrix, The Who und Led Zeppelin. Nach meiner Probe zeigte mir Gene einige Polaroids, die mir die Ideen für das Make-up näherbringen sollten. Er fragte mich, was ich davon halten würde. Ich entgegnete: „Ich weiß nicht, ob das so wichtig ist wie die Musik.“ Gene meinte: „Das wird ein echt cooler Gimmick.“ Worauf ich antwortete: „Wenn man echt gut ist, wozu dann ein Gimmick?“ Da ich mit englischen Bands wie Hookfoot und Long John Baldry gearbeitet hatte, kannte ich natürlich auch die ganzen Glam-Acts, die Make-up trugen, David Bowie und T. Rex etwa, aber ich war einfach ein unglaublicher Esel [lacht] und interessierte mich nur für ihre Musik. Sie fragten, ob ich dabei wäre, und ich erklärte, dass ich für alles offen war. Ungefähr nach der Hälfte meines Vorspielens kam ein Typ zur Tür herein. Das war Ace Frehley, der gleich nach mir dran war.

BOBBY MCADAMS: Ace kam rein, stolperte und fiel hin. Er war ein echter Tollpatsch. Sie hielten ihn für einen Freak. Er sah ja auch echt eigen aus. Er ist ein halber Indianer und halb Deutscher. Das steckt hinter seinem Aussehen.

ACE FREHLEY: Ich saß in der hinteren Ecke des Raums, um Bob genügend Platz zu lassen. Nach ein paar Minuten zog ich meine Firebird Reverse mit einem Tonabnehmer aus der Tasche und begann mich warmzuspielen. Plötzlich kam Gene zu mir rüber und sagte, dass ich die Gitarre weglegen solle.

GENE SIMMONS: Bob spielte vor, aber Ace bekam das gar nicht mit. Er machte Lärm, sprach mit lauter Stimme und lachte. Nachdem Bob mit einem der Songs fertig war, drehte ich mich um und fragte: „Kannst du verdammt noch mal leise sein und diesen Typen hier vorspielen lassen und warten, bis du dran bist?“ Ich hielt ihn für ein Arschloch und konnte ihn nicht leiden.

ACE FREHLEY: Er sagte, ich wäre unhöflich und würde Bob nervös machen. Ich verstehe das bis heute nicht. Es war ein Vorspielen – was war da schon dabei? Ich war noch gar nicht an den Amp angeschlossen. Egal, nachdem Bob weg war, war ich an der Reihe. Sie befahlen mir gut aufzupassen, denn sie wollten, dass ich gleich mitspielen könne.

GENE SIMMONS: Wir sagten: „Wir spielen dir die erste Strophe und den ersten Refrain vor, und dann, wenn das Solo kommt, steigst du ein.“

ACE FREHLEY: Zum Glück spielten sie „Deuce“, das zu einem meiner liebsten KISS-Songs werden sollte. Als ich es mir angehört hatte, steckte ich meine Gitarre an und ließ es krachen. Lautstärke auf 11.

GENE SIMMONS: Sobald er anfing zu spielen, sahen Paul und ich uns an. Sobald er das Solo spielte. Wir hatten endlich den richtigen Sound gefunden.

PAUL STANLEY: Ace gehörte in die Band. Er war das fehlende Puzzlestück, der Missing Link.

GENE SIMMONS: Er hatte eine gefährliche Unbeständigkeit an sich, aber er war auch ein ausgezeichneter Musiker.

ACE FREHLEY: Wir jammten noch ein paar andere Songs, und schließlich sagten sie: „Uns gefällt sehr, wie du spielst. Wir rufen dich an.“

PETER CRISS: Gene und Paul hatten ihre Zweifel. Andererseits waren wir eine so unorthodoxe Band, dass ich mir gleich dachte: „Der perfekte Typ für die Band.“

BOBBY MCADAMS: Es brauchte eine Weile, bis sie mit diesem komischen Kauz warm wurden.

PAUL STANLEY: Es ist weithin bekannt, dass Ace ein einzigartiges Individuum ist. Eine Persönlichkeit wie ihn waren wir überhaupt nicht gewohnt. Er war absolut individuell, und es war schwer, ihn zu begreifen. Aber als er sich einklinkte, fühlte sich alles richtig an. Es war ein entscheidender Moment. Musikalisch war es eine sehr kompatible, aber auch sehr explosive Mixtur.

ACE FREHLEY: Obwohl sie mich an diesem Tag nicht fragten, ob ich einsteigen würde, war ich mir sicher, dass sie das tun würden. Ich kam zwei Wochen später noch einmal, und die Sache war geritzt. Ich kam von der Probe heim und erzählte meinen Eltern: „Jetzt habe ich wohl eine gute Band gefunden. Ich glaube, das ist die richtige.“ Ich hatte das Gefühl, dass das die lange erwartete Chance war. Und das war sie auch.

PAUL STANLEY: Klanglich brachten wir mit den ersten paar Songs, die wir gemeinsam spielten, den Boden unter unseren Füßen zum Beben. Ich sagte ihnen, dass wir mit diesem Sound die Welt erobern würden.

ACE FREHLEY: Ich hatte immer schon das Gefühl, dass ich etwas Besonderes an mir hatte. Ich sagte oft zu meiner Freundin, dass ich ein berühmter Millionär werden würde. Ich erzählte das auch meinen Eltern, als ich noch die Highschool in der Bronx besuchte. Für gewöhnlich lachten sie dann über mich. Jeder tat das. Sogar meine Freunde. Als die dann Musik so im Stil der Grateful Dead spielten, fragte ich sie: „Meint ihr, dass ihr groß herauskommen werdet, wenn ihr nur die Grateful Dead kopiert?“ Ich sagte: „Wenn ihr es im Rock-Business schaffen wollt, dann müsst ihr etwas Spektakuläres liefern.“ Was mich anpisste, war, dass die Anzeige in der Village Voice groß getönt hatte: „Band mit Plattenvertrag sucht Gitarristen.“ Nun, es stellte sich heraus, dass es keinen Plattenvertrag gab. Aber ich fühlte, dass es die Jungs genauso ernst nahmen wie ich, eine theatralische Rockband aus dem Boden zu stampfen. Und ich mochte die Musik. Wir probten pausenlos. Sechs Tage die Woche.

JOHN ALTYN (KISS-FAN): 1973 war ich fünfzehn und ging mit Donna, der Schwester von Peter Criss. Ich erinnere mich an meinen ersten Trip ins Loft. Donna, Peters Schwester Joanne, Rik [Fox], ich – und Peter am Steuer. Wir fuhren über die Williamsburg Bridge nach Manhattan. Ich war vorher noch nie bei einer Bandprobe dabei gewesen und wusste nicht, was mich erwarten würde. Im Loft war es kalt und zugig. Die Treppen waren steil, und wir kletterten in den ersten Stock, wo wir eine schwere Fabriktür aufstießen. Die Wände waren weiß gestrichen, aber eine dicke Schicht aus Staub und Schmutz ließ sie sehr alt erscheinen. Der Boden war mit staubigem, altem Parkett belegt, so wie in alten Nähfabriken. Im Loft selber gab es einen großen Heizkörper, aber der war über Nacht ausgeschaltet, und so war es echt kalt dort. Ich wurde allen vorgestellt und sie nickten uns kurz zu. Dann konzentrierten sie sich wieder auf ihre Musik. Ich saß auf einem Stuhl direkt neben Aces Marshall-Verstärker. An der Wand war nichts, das den Sound hätte absorbieren können, außer ein paar Eierkartons, die vibrierten und auch schon mal abfielen, weil die Jungs so laut waren [lacht]. Ihre Songs beeindruckten mich. Sie hatten einen raffinierten, ungeschliffenen Sound, anders als die anderen Bands dieser Zeit. Es war kein Pop, aber trotzdem sehr eingängig. Es war kein Metal, aber es war heavy. Wir sahen KISS immer wieder zu, und ich wurde mit ihren Songs immer vertrauter. Aber anders als die anderen war ich auch mit einem kritischen Ohr bei der Sache, wippte nicht im Rhythmus oder tanzte herum. Ich glaube, dass meine stoische Haltung Paul und Gene den Nerv tötete. Tatsächlich fragte mich Paul einmal mit Verachtung in der Stimme: „Gefällt es dir etwa nicht?“ Ich antwortete: „Ich höre nur genau zu.“ Im Verlauf der Monate freundeten wir uns an, und ich brachte gelegentlich ein Sixpack Budweiser vorbei. Jedes Mal, wenn ich was zum Trinken mitbrachte, schnorrte mich Ace unweigerlich mit seiner schrillen Stimme um ein Bier an: „Hey John, kann ich ein Bier haben?“ Natürlich wiederholte sich diese Nachfrage noch mehrere Male im Verlauf der Nacht, und am Ende war er es, der die meisten meiner Biere getrunken hat [lacht]. Aber so war Ace eben.

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Anzeige von Peter Criss im Rolling Stone, 31. August 1972 Mit freundlicher Genehmigung von Brad Estra

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Noch als Trio proben Paul, Peter, und Gene im Loft in der 23rd Street, New York City, November 1972 KISS Catalog Ltd.

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Suchanzeige für einen Leadgitarristen, aufgegeben von Paul Stanley in der Village Voice, Dezember 1972 Mit freundlicher Genehmigung von Ross Koondel

4: Überlebensgroß

Im Dezember 1972 hatte sich die Gründungsformation von KISS schließlich gefunden. Aber zu dieser Zeit waren KISS noch eher Clark Kents als Superhelden. Es sollte noch einige Monate fleißigen Herumexperimentierens und permanenter Suche nach sich selbst brauchen, bevor Superman sich aus der Telefonzelle auf die Straße hinaus wagen konnte.

PETER CRISS: Gene und Paul und ich probten täglich acht Stunden.

RIK FOX: Als ich sie in ihrem Loft spielen sah, konnte ich auch ohne das Make-up erkennen, in welche Richtung sich ihre Bühnenpersönlichkeiten entwickeln würden. Die Schminke war nur der Zuckerguss auf der Torte. So viel Power transportierten sie schon während der Proben.

PETER CRISS: Vor der Zeit bei KISS hatte ich bereits in jedem Club in New York gespielt – Arthur’s, Harlows, Trudy Heller’s, im Metropole. Ich spielte auf Bar Mizwas und in Stripschuppen. Aber in jeder Band, in der ich dabei war, wollte ich nur selbst geschriebenes Material spielen. Ich sagte immer wieder: „Wir müssen uns verkleiden, Mann, lasst uns Make-up auflegen und eine Show abziehen.“ Ich verabschiedete mich von all diesen Bands und sagte ihnen: „Ich muss die richtigen Leute finden.“

EDDIE SOLAN (FRÜHER ROADIE UND SOUNDMAN BEI KISS): Ich war ein guter Kumpel von Ace, schon lange bevor er bei KISS anfing. Ich habe ihn sogar meistens vom Haus seiner Eltern abgeholt und in meinem kleinen VW-Käfer runter ins Loft gebracht – weil ich eben ein Auto hatte und er nicht. Jeden Abend war ich im Loft dabei. Zu dieser Zeit baute ich ihnen gerade eine PA. Es war immer Pauls und Genes Band, aber nach einiger Zeit begriffen die beiden, das es Ace und Peter waren, die die Sache zum Funktionieren brachten. Gene und Paul hatten da eine gute Sache ins Rollen gebracht. Sie hatten Geschäftssinn, waren sehr kreativ und zielorientiert, aber sie hatten nicht die nötige Lockerheit des Rock ’n’ Roll, die Peter und Ace wiederum mitbrachten. Paul und Gene zeigten absolute Entschlossenheit. Ihre Einstellung ließ sich so umreißen: „Wir werden es schaffen, wage es nicht, daran zu zweifeln!“ Diese Einstellung färbte schnell auf Ace und Peter ab. Ihr Enthusiasmus und ihre Hingabe wirkten ansteckend und ermutigend auf Ace. Er hatte davor nur mit Bar-Bands zu tun gehabt. Diese Band strahlte einen anderen Vibe aus, und ich ließ mich auch gerne davon anstecken. Ich glaubte an sie und wollte ihnen so gut ich konnte helfen.

RON JOHNSEN (PRODUZENT, WICKED LESTER): Ich sah sie in ihrem Loft und fand sie absolut umwerfend. Sie waren ungehemmt, energiegeladen, sehr wild. Sie warfen sich gegen die Wände – ein sehr körperbetonter Act, echte Rowdys. Vieles von dem, wie sie an die Sache herangingen, hatten sie sich bei Gruppen wie den New York Dolls oder The Brats abgeschaut.

PETER CRISS: Wir kupferten viel ab. Viele unserer Ideen, die Art, wie wir Sachen machten, kam von den Beatles, Alice Cooper und den New York Dolls. Wir hielten Kriegsrat: „Wie wäre es, wenn wir das alles in einen Topf werfen?“ Und es funktionierte. Es war fantastisch.

GENE SIMMONS: Wie die Beatles wollten wir eine Band aus vier Individuen sein. Du konntest ja schließlich Fan einer Band und gleichzeitig eines einzelnen Bandmitglieds sein. Wir waren eine Erweiterung von allem, was vor uns gekommen war. Wir waren Kinder der vorigen Generation des Rock. Alle meine Idole – die Stones, The Who und die Kinks – hatten so einen umfassenden Einfluss auf meine Weltsicht. Als ich Peter Townshend performen sah, wurde mir dieses Level an Begeisterung, das erreicht werden konnte, so richtig bewusst. Wir versuchten, uns an diesem archetypischen Image zu orientieren. Wir begannen Schminke aufzutragen, als Alice [Cooper] sie gerade abwischte, als Bowie sie hinter sich ließ – als Genesis fanden, dass es uncool wäre, Make-up aufzulegen. Uns gefiel die Idee, sich in die Lage zu versetzen, in seine eigenen Fantasien einzutauchen, dadurch eine völlig veränderte Person zu werden und doch noch dieselbe Person zu bleiben. Es ist, als ob man fünf oder sechs Jahre alt ist und gemeinsam mit seiner Schwester vor dem Spiegel steht und die Klamotten der Eltern anzieht. Du beginnst dich wie jemand anderes zu fühlen, aber du bis immer noch derselbe. Wenn du auf ein Kostümfest eingeladen bist, wirst du am ehesten ein Kostüm aussuchen, das deiner eigenen Persönlichkeit entspricht.

LEW LINET (ERSTER MANAGER VON KISS): Jedes Mal, wenn ich bei Proben vorbeischaute, fielen mir kleine Schminkdöschen auf. Als Erstes bemerkte ich, dass sie Eyeliner trugen, dann ein bisschen Rouge, dann ein wenig Augenbrauenstift, und so entwickelte sich das immer weiter. Mit jeder Probe wurden sie ein bisschen lauter und trugen etwas mehr Make-up. Sie warfen zusammen, was sie sich erträumt hatten – eine laute, altmodische Hardrock-Band, eine Art Mischung aus Stones, Bowie und Alice Cooper.

GENE SIMMONS: Anfangs befanden wir uns noch in der Glitter-Phase. Viele Bands hatten diesen androgynen Look, also versuchten wir es auch. Paul sah sehr überzeugend aus, ich dagegen wie ein Football-Spieler im Tutu. Der Look entwickelte sich gleichzeitig mit der Band. Als wir begannen, mit Make-up zu liebäugeln, passierte alles recht schnell. Paul und ich gingen ins Kaufhaus die Straße runter und kauften uns zwei anderthalb Meter hohe Spiegel für 15 Dollar. Als wir sie gegen die Wand im Loft stellten, verbogen sie sich, weil sie so billig waren. Als wir uns nun im Spiegel ansahen, ergab sich dieser freakige Effekt. Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass wir begannen, Schminke aufzulegen. Unser erster Gig war schon eine Woche später. Zwischen dem Zeitpunkt, an dem ich den Club angerufen hatte, und dem Abend, an dem wir die Bühne im Coventry betraten, änderten wir unseren Namen in KISS und veränderten unseren Look. Zuerst malte sich keiner so weiß an wie ich. Ich ließ mich richtig gehen. Es war reinigend. Für die anderen war es mehr so: „Verkleiden wir uns ein bisschen und machen uns ein wenig zurecht für die Band.“ Ich erinnere mich an eine frühe Show, bei der Ace sein Spiegelbild in Peters Drums, die mit Polyesterfolie überzogen waren, stets im Auge behielt. Er fing immer wieder an zu lachen. Er fand es so bizarr. Aber am Anfang gab es für die anderen keine Verbindung zwischen der Schminke und ihrer Persönlichkeit. Es war so, als ob Dr. Jekyll noch nicht ganz zu Mr. Hyde geworden wäre. Bei mir vollzog sich diese Veränderung sofort, innerlich wie äußerlich. Wenn ich mir ein paar alte Fotos anschaue und sehe, wie ich da auf der Bühne stehe, dann ist das derselbe Typ, der später die gesamte Kriegsbemalung auflegte und sich in die Outfits zwängte.

EDDIE SOLAN: Paul und Gene sagten zu Ace: „Wir sind vielleicht nicht die beste Band der Welt, aber wir werden alles tun, um Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.“ Sie waren überzeugt, dass das passieren würde. Sie sahen nur nach vorne. Ich holte Paul Stanley an Freitagabenden von seinem Elternhaus ab, um dann nach Auftrittsmöglichkeiten für die Band Ausschau zu halten.

TOMMY RAMONE (SCHLAGZEUGER, RAMONES): Damals gab es nur drei Orte, an denen man selbst geschriebenes Material spielen konnte – Max’s Kansas City, das Mercer Arts Center sowie das Coventry. New York war total tot. Es gab ein paar Clubs für Coverbands, aber für Gruppen, die ihr eigenes Zeug spielten, gab es nicht viele Orte.

GENE SIMMONS: Wir bekamen keine Auftritte, weil wir keine Songs aus den Charts nachspielten. Wir wollten unsere eigenen Songs spielen, aber die Clubs waren an solchen Bands nicht interessiert. Aber unser Plan war, in kleinen Clubs aufzutreten, um herauszufinden, wer und was wir auf der Bühne waren.

Ohne Geld, aber mit einer Menge Einfallsreichtum flickten KISS sich rudimentäre Kostüme und Bühnenutensilien zusammen, die ihren Ursprung an den unwahrscheinlichsten Orten hatten.

PAUL STANLEY: Es war kein Zufall, dass unsere frühen Outfits aus Sadomaso-Läden stammten. Wir gingen in Stadtteile und Gebäude, von denen ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten. Wir sahen befremdliches Zeug, etwa eine Rundum-Kapuze, bei der vorne, auf der Höhe des Munds, ein Schlauch befestigt war. Wir kauften uns einiges, aber sie machten auch speziell für uns ein paar Sachen. Da gab es diesen S&M-Homo-Biker-Laden namens Eagle’s Nest, wo man Outfits für uns schneiderte. Was hatten die so? Schwarzes Leder und Nieten. Unsere Nietengürtel und Nietenhalsbänder in Tierhandlungen – Dinge, die man für eine Dänische Dogge hätte gebrauchen können – und in Sadomaso-Shops im West Village. Unsere Outfits waren vornehmlich schwarz. Ich trug echt hohe Absätze. Und Lurex-Hosen. Schwarze Kniestrümpfe und schwarze Shirts, auf denen „KISS“ stand. Mein Kostüm kostete circa 45 Dollar für die Schuhe, 3 Dollar für das Shirt und etwa 5 Dollar für das Lurex.

JOEY CRISCUOLA (BRUDER VON PETER CRISS UND FRÜHER ROADIE VON KISS): Meine Mutter machte KISS-Shirts für Peter. Eines trug er bei dem Gig im Coventry. Sie gab Klebstoff auf die Shirts und bestreute sie mit Glitter – das KISS-Logo in Glitter, es sah echt cool aus. Sie stickte ein Schlagzeug auf seine T-Shirts. Mein Bruder trug Shorts mit Nieten auf der Seite und schwarze Trikots.

ANNEMARIE HUGHES (KISS-FAN): Lydia [Criss], Peters Schwestern Donna und Joanne und ich legten zusammen, um nicht nur Peters Shirts, sondern die der gesamten Band und jedes Fans, der eines kaufen wollte, zu finanzieren. Ich erinnere mich, dass die Band einmal Ace Geld gab, um Shirts zu besorgen, doch er kam nie bis zum Laden. Er gab alles für Schnaps aus [lacht]. So war er eben.

ACE FREHLEY: Ich musste erst unlängst lachen, weil mir ein altes Foto unterkam. Gene trug ein Shirt mit einem silbernen Totenkopf und gekreuzten Knochen und ich ein Shirt mit silbernen Schwingen, und mir fiel ein, dass meine Mom diese beiden Shirts genäht hatte.

PAUL STANLEY: Alle Bands der New Yorker Szene, die es sich leisten konnten, kauften ihre Klamotten in Shops wie Granny Takes a Trip und Jumpin’ Jack Flash, die coole Sachen verkauften, die aus England kamen. Ich konnte mir das ganz bestimmt nicht leisten, also beschloss ich, sie mir selbst zu schneidern [lacht]. Ich besorgte mir die Materialien, und mein Vater meinte: „Netter Versuch, aber ich werde dir die Hosen kaufen. Ich bewundere dich dafür, dass du die Hosen selbst machen willst, aber du kannst das nicht.“ Ich meinte nur: „Ach, wirklich?“ Dann nahm ich meine besten Jeans, schnitt das Lurex in der Form der Hose und bat meine Mutter, mir die Nähmaschine zu erklären – und so machte ich mir meine Hose selber. Ich trug sie im Daisy. Sie waren so eng, dass sie schließlich barsten, als ich auf der Bühne stand. Mitten im Schritt natürlich. Ich war der Hit des Abends. Auch für Gene nähte ich ein Paar Hosen. Er hat sie immer noch.

GENE SIMMONS: Wir müssen wie Dinosaurier ausgesehen haben. So ab 1973 trug niemand mehr hohe Absätze. Wir hatten diese Sechs-Zoll-Stiefel, und das sah sehr nach Sadomaso aus. Sie sahen echt ziemlich fremdartig aus und wogen circa eine Tonne.

Ohne irgendetwas wirklich gemeinsam zu haben, außer der Hingabe zur lebensbejahenden Kraft des Rock ’n’ Roll, waren KISS vier eigenständige Persönlichkeiten, die an den Hüften zusammengewachsen waren, um zusammen ihren Weg an die Spitze anzutreten und die Welt zu erobern.

PAUL STANLEY: Als wir vier uns zusammentaten, um zu spielen, war es nicht von der Hand zu weisen: Sobald man es hörte, war es Weltklasse, aber nicht in Bezug auf unsere spielerischen Fähigkeiten. Es hatte internationalen Anspruch und Bedeutung. Und dazu kamen noch diese vier unterschiedlichen Charaktere. Das Ganze war sehr leicht entflammbar in dieser ersten Besetzung, und das war nicht unbedingt schlecht. Man musste es nur richtig einsetzen. Es war immer ein Aufwand, die Band auf Kurs zu halten. Wir schlossen viele Kompromisse, um es in Gang zu bekommen, und oft hatte es entweder mit der Begrenztheit gewisser Leute zu tun, oder aber mit ihrer Absicht, etwas zu sabotieren, nur um sich selbst ein Machtgefühl zu bescheren. Sabotage wurde für sie beinahe genau so wichtig wie Erfolg. Das geschah schon ganz am Anfang. Peter wollte schon ganz früh das Handtuch werfen, in diesem China-Restaurant, und Ace weigerte sich mitzuhelfen, unsere Ausrüstung zu schleppen. Aber letzten Endes waren es immer Gene und ich, die alles voranbrachten. Ob es nun darum ging, einen Truck zu mieten und zu fahren, die Ausrüstung zu schleppen, Zeug auszuleihen oder Plakate zu entwerfen, am Ende machten das immer Gene und ich. Abgesehen davon war es das Image der Band, die Art, wie die Leute sie wahrnahmen, was uns so besonders machte.

5: Nichts zu verlieren

Am 30. Januar 1973 traten KISS zum allerersten Mal auf, und zwar im Coventry, einem zwielichtigen Club in Flushing, Stadtteil Queens, New York.

PAUL SUB (BESITZER DES COVENTRY): Das Coventry öffnete in den frühen Siebzigern. Es lag an der Ecke Queens Boulevard und 47th Street in Queens.

PAUL STANLEY: Es war ursprünglich ein Versammlungsraum der Freimaurer oder der polnischen Veteranen.

PAUL SUB: Der Club hieß zuerst Popcorn Pub und wurde dann nach der englischen Stadt Coventry umbenannt.

PAUL STANLEY: Als wir dort spielten, hieß der Club noch Popcorn, und sie versuchten gerade ihr Image zu ändern. Wir verliehen dem Club eine gewisse New-York-Credibility, die dazu führte, dass auch andere Bands sich trauten, herüberzukommen und dort zu spielen. Nachdem sich einiges über KISS herumgesprochen hatte, kam hauptsächlich ein sehr Hardrock-orientiertes Klientel in den Club. Erst Jahre später fand ich heraus, dass der lange Typ mit der Brille, der uns von weit hinten zusah, Joey Ramone war.

JOEY RAMONE (LEADSÄNGER, RAMONES): Ich war bei ihrer allerersten Show im Coventry dabei. Dort wurden sie auch von Casa­blanca Records unter Vertrag genommen. KISS und die Ramones sind beide in Queens groß geworden.

MARKY RAMONE (SCHLAGZEUGER, RAMONES): Wir hingen alle in denselben Clubs ab – in Max’s Kansas City oder im Coventry. Wir mochten alle dieselbe Musik – frühes Spector-Zeug, Beatles und The Who. Ihre Musik war geradliniger Rock. Man musste kein am Konservatorium geschulter Musiker sein, um sie zu mögen. Sie hatten einen echt guten Gesangsstil, den sie sehr gut einsetzten.

JOEY RAMONE: Zu diesem Zeitpunkt waren sie die lauteste Band, die ich jemals gehört hatte. Mir gefiel viel von ihrem Zeug. Sie machten Spaß und hatten tolle Songs. Ich sah sie live, als sie gerade anfingen. Sie hatten sich Trockeneis besorgt. Gene hatte einen Totenschädel und gekreuzte Knochen auf seinem Shirt. Das war noch lange bevor sie ihr Image und ihre Show beisammen hatten.

TOMMY RAMONE: Ich sah KISS im Coventry, und es war eine großartige Show. Ich wusste nicht, was ich zu erwarten hatte, aber es war richtig, richtig gut. Mich beeindruckte ihr starker und einzigartiger Sound und wie professionell sie waren. Sie hatten ihre eigenen schnörkellosen, soliden, kurzen und schnellen Songstrukturen, alles sehr kompakt. Ich fand nicht, dass sie wie irgendwer sonst klangen, abgesehen von Slade vielleicht. Slade war einer ihrer Einflüsse, den die Ramones – bis zu einem gewissen Grad – mit ihnen teilten.

ACE FREHLEY: Das Coventry war eine lustige Bude. Damals spielten alle Bands aus der New Yorker Szene in dem Laden – Bands wie die New York Dolls, The Brats und Teenage Lust traten dort auf. Es ging auch ums Sehen und Gesehen-werden, darum, sich mit anderen Musikern auszutauschen. Und natürlich darum, Mädchen kennenzulernen.

JOEY CRISCUOLA: Die Band arbeitete hart daran, ihre Show zu promoten. Sie beklebten ganz Brooklyn, Queens und Manhattan mit Plakaten. Es war eine angesagte Location für ein Konzert. KISS waren stolz darauf, im Coventry zu spielen, weil viele angesagte Bands dort auftraten.

RIK FOX: Alle großen New Yorker Bands kamen über die Queensboro-Bridge, um im Coventry zu spielen. Dieser Club war das Sprungbrett für die aufkeimende New Yorker Szene. Ich war noch in der Highschool und minderjährig, aber ich schaffte es, mir einen gefälschten Ausweis zu besorgen. Als ich reinging, kam ich mir vor, als wäre ich in einem großen Spielzeugladen und hätte die Taschen voller Geld [lacht]. Ich fand eine Welt vor, mit der ich mich identifizieren konnte.

HAROLD C. BLACK (TEENAGE LUST): Das Coventry war einem Club in New York City ähnlicher, als man es in Queens vermutet hätte. Wenn du dir eine Band ansehen wolltest, die deine Eltern furchtbar fanden, dann musstest du ins Coventry.

PAUL SUB: Es war ein großer Club – circa 450 Quadratmeter – und es hatten dort gut 700 Leute Platz. Jeder trat dort auf: KISS, die New York Dolls, die Ramones, Blondie, Sam & Dave, die Dictators und Elephant’s Memory spielten im Coventry. Ich buchte dort zehn Bands die Woche, sowohl lokale Gruppen als auch Bands von außerhalb. Aerosmith waren die Einzigen, die wir ablehnten, weil wir keine 300 Dollar zahlen wollten [lacht]. Die New York Dolls hielten das Coventry am Laufen, sie spielten einmal im Monat, und dann tauchten 700 Leute auf. Sie hatten die meisten Anhänger. Die Dolls halfen mir wirklich dabei, die Miete bezahlen zu können. Alle anderen Bands – von KISS bis hin zu den Ramones – zogen nicht so viele Leute an.

STAN MIESES (AUTOR, NEW YORK DAILY NEWS): 1973 waren die einzigen Clubs, die es außerhalb von Manhattan gab, die langsam aufkeimenden Discos. Das Disco-Phänomen stand noch ganz am Anfang, und zwar in einem Club namens Le Jardin. Das war noch vor dem Studio 54. In den einzelnen Stadtteilen dämmerte die Ära von Saturday Night Fever langsam herauf. Es gab jedenfalls nicht viele Rock-Clubs außerhalb von Manhattan. Das Coventry war so ähnlich wie Kenny’s Castaways in der Bleecker Street im Village. Es sah so aus, als wäre es ein großer Irish Pub gewesen.

JIMI LALUMIA (AUTOR, WORDS & MUSIC): Das Coventry war ein echter Nexus für Rock ’n’ Roll, weil einfach kein Haken an der Sache war. Das Max’s Kansas City stand mit der Warhol-Entourage und der ganzen Glitter/Glam-Rockszene rund um die Dolls und Wayne County in Verbindung. Das Mercer Arts Center in Downtown Manhattan war nicht direkt auf Rock ’n’ Roll hin orientiert, es war ein Kulturzentrum, das sich für Rock ’n’ Roll zur Verfügung stellte, nachdem alle ihre vorangegangen ...

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