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Die Geschichte von Ismael

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18

Über den Autor

Francesco D’Adamo ist Journalist und Autor. Jugendbücher schreibt er seit 1999. Er lebt in Mailand.

Francesco D’Adamo

Die Geschichte von
Ismael

Flucht aus Afrika

Aus dem Italienischen von
Ingrid Ickler

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Mein Name ist Ismael.

Meine Mutter war Beduinin und stammte aus der Wüste, mein Vater war Berber und lebte als Fischer an der Küste. Ich habe keine Ahnung, wie sie sich kennengelernt und warum sie sich entschlossen haben, ihr Leben in zwei Welten aufzugeben und zu heiraten. Über dieses Thema wurde in meiner Familie nicht gesprochen. Vielleicht aus Scham oder aus Zurückhaltung, vielleicht aus Respekt vor dem Willen Gottes.

Ich habe mir das immer so vorgestellt: Die Karawane, mit der meine Mutter unterwegs war, ist irgendwann im Herbst an die Küste gezogen, weg von der Wüste und den Bergen, hin zum Meer und seinen rauschenden Wellen. Wahrscheinlich suchten sie dort nach Salz oder wollten Goldstaub und Amulette verkaufen.

Eines Tages waren sie angekommen und hatten die Dromedare losgebunden, damit die Tiere am Ufer grasen und Farnkraut fressen konnten. Danach hatten sie die Zelte aufgestellt, das letzte Abendgebet gesprochen und die Lagerfeuer entzündet. Man feierte ein Fest, bei dem meine Mutter zum Klang der Tamburine und Flöten tanzte.

Die Wüstenfrauen führten schon immer ein freies Leben.

Mein Vater, der wie immer nach Algen und Fisch roch, war zusammen mit den anderen jungen Männern des Dorfes auch dort bei den Lagerfeuern und bewunderte die schöne Tänzerin, er lächelte und spürte, wie er sein Herz an sie verlor. So könnte es gewesen sein.

Oder vielleicht war es auch ganz anders und mein Vater und meine Mutter waren sich im Morgengrauen begegnet, kurz bevor die Sonne aufging, der Wind sich legte und das Meer spiegelglatt und still wurde.

Mein Vater und die anderen Fischer hatten ihr am Sandstrand liegendes Boot klargemacht. Sie hatten die Netze, die Harpunen, die Reusen, zwei Flaschen Trinkwasser und einen Laib Brot an Bord gebracht und waren bereit, das Boot dem Wind und den Wellen anzuvertrauen.

Meine Mutter, die damals noch nicht meine Mutter war, hatte sich in ihren Wollmantel gehüllt, um sich gegen die feuchte Morgenkühle zu schützen. Sie versteckte sich am Rand des Lagers, dort, wo die letzte Glut der nächtlichen Feuer bereits erloschen war, und da sah sie ihn: meinen Vater. Ein dunkler, kräftiger und muskulöser Mann, der zeit seines Lebens der gleiche geblieben war.

Obwohl mein Vater im Dämmerlicht nicht mehr als ihre weit aufgerissenen großen Augen sehen konnte, war es um ihn geschehen. Nicht umsonst heißt es, dass es die Augen sind, in die man sich als Erstes bei einer Frau verliebt.

Meine Mutter betrachtete staunend die unbekannte Welt um sich herum, das Meer, die Schaumkronen der Wellen und die unendliche Weite, genauso unendlich wie die Wüste, aber eben doch ganz anders. Und ich glaube, sie bekam Angst, ich an ihrer Stelle hätte auf jeden Fall Angst bekommen.

Und dann lichtete mein Vater, der damals noch nicht mein Vater war, den Anker, und das Boot glitt ganz langsam in Richtung Horizont, so sanft, als ob die Ruder das Wasser gar nicht berührten. Bevor er ganz verschwand, hob er die Hand und winkte der Frau zu.

So stelle ich es mir vor, aber ich bin mir natürlich nicht sicher. Klar ist nur, dass sie später geheiratet haben und das ganze Dorf mit ihnen gefeiert hat. Ich weiß auch, dass die Karawane weitergezogen ist, nachdem die langbeinigen, wohlgenährten Dromedare ihre Wasserspeicher wieder gefüllt hatten und beladen worden waren. Meine Mutter blieb in der Hütte am Meer zurück, aber geweint hat sie mit Sicherheit nicht: Wüstenfrauen weinen nicht.

Meine Eltern waren damals sehr jung und ziemlich arm, aber da sie es nicht anders kannten, waren sie trotzdem sehr glücklich, die ersten Jahre jedenfalls.

Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, fuhren die Boote aufs Meer hinaus, bei jedem Wind, bei jedem Wetter. Und am Abend kehrten sie wieder zurück, manchmal mit vollen Netzen, manchmal mit leeren. Damals war das Meer noch reich an Fischen und schenkte den Fischern alles, was sie brauchten.

»Eines Tages«, so erzählte mir mein Vater, »hatten wir zwölf lange Tage nichts gefangen. Wir ließen die Reuse zu Wasser, warfen die Netze aus und hatten die Harpunen im Anschlag, aber das Meer gab uns nichts, es war leer, blau und stumm. Schließlich kehrten wir ohne einen einzigen Fisch nach Hause zurück, während die Schiffe der anderen voll beladen waren. ›Morgen wird es besser‹, sagten wir uns, aber am nächsten Tag war es genauso. Wir fuhren immer weiter hinaus, weiter, als die anderen Fischer sich wagten, fast bis an die Küste von Talien. Einmal sind wir sogar auf ein Schiff von dort gestoßen. Wir sahen, wie es aus weiter Ferne auf uns zukam, ein Punkt am Horizont, der sich langsam näherte. Wir fragten uns: ›Was mag das wohl sein?‹ Noch nie zuvor hatten wir ein fremdes Schiff gesehen. Es war grün, die Farbe von der Sonne ausgeblichen, die Außenwand mit Salz verkrustet. Es sah ganz ähnlich aus wie unsere Schiffe, aber ich glaube, das ist auf der ganzen Welt so. Ein Schiff ist ein Schiff und das Meer ist das Meer.«

»Haben die Männer etwas gesagt?«

»Sie schrien: ›Haut ab!‹ und haben wild mit den Armen gefuchtelt, immer wieder: ›Haut ab!‹. Ich glaube, sie hatten Angst, dass es nicht genug Fische für alle gab, das war der ganze Grund. Und außerdem war das ihr Meer, falls das Meer überhaupt jemandem gehören kann.«

»Und dann?«

»Dann war unsere Pechsträhne zu Ende, und die Netze waren wieder voll. Aber vielleicht war es ja nicht nur eine Pechsträhne.«

»Was denn sonst?«

»Ein Wink des Schicksals, eine Prophezeiung. Glaubst du an Prophezeiungen?«

»Oh ja, und an den bösen Blick und an Mamas Zaubersprüche, und …«

»Es war eine Warnung, ein Zeichen, dass das Meer müde war, müde und erschöpft wie ein alter Mann, der sein ganzes Leben lang nur geschuftet hat und einfach nicht mehr kann. Und wir haben es nicht verstanden, wie hätten wir es auch verstehen können?«

Als mein Vater mir diese Geschichte erzählte, war das Meer schon krank, jeden Tag sah es grauer, düsterer und elender aus, wie ein alter Mann eben. Wir zogen die Netze durchs Wasser, aber wenn wir sie wieder einholten, waren sie leer, nur tote Algen hatten sich in ihnen verfangen.

In den ersten Jahren meines Lebens jedoch war ich glücklich.

An meinem dritten Geburtstag nahm mich mein Vater mit hinaus, damit ich das Meer kennenlernte. Ich war schließlich der Sohn eines Fischers und sollte ebenfalls Fischer werden.

Er setzte mich ins Boot und ruderte hinaus aufs offene Meer. Wir waren allein, nur er und ich. Ich blickte mich um und erkannte, wie die Küstenlinie und unsere Hütte langsam im Nebel verschwanden. Als ich mich wieder umdrehte, sah ich, wie der Bootskiel vor uns die Wellen teilte und dahinter die endlos weite Wasserfläche, die mit dem Himmel zu verschwimmen schien.

Ich hatte keine Angst, aber eine innere Unruhe durchfuhr mich wie ein plötzlicher Windstoß.

Ich hing sehr an meinem Vater und ich habe ihn sehr geliebt, auch wenn ich mich schon damals mehr als Sohn der Wüste und weniger als Sohn des Meeres gefühlt habe. Aber mein Schicksal war nun mal das Meer, so stand es geschrieben: Ich musste das Meer überqueren, bin dabei dem Tod begegnet und trotzdem zurückgekehrt.

Und davon handelt meine Geschichte.

Mein Vater hörte auf zu rudern und übergoss seinen Kopf mit Wasser, denn die Sonne brannte jetzt vom Himmel. Dann nahm er ein Hanfseil vom Boden, legte es mir um die Taille und zog es gut fest, hob mich hoch und sagte: »Und jetzt schwimm.«

Er warf mich ins Meer und ich versank in den blauen Fluten, tiefer und tiefer, mit weit aufgerissenen Augen und geballten Fäusten fiel ich hinab in die unendliche Stille. Ich sank und sank, bis mein Vater mich wieder nach oben ins Boot zog.

»Schwimm!«, sagte er und warf mich ins Wasser zurück.

So lernte ich schwimmen.

Bereits nach wenigen Monaten konnte ich schwimmen wie ein Fisch. Dann lernte ich, vom Boot aus ins Wasser zu springen. Ich füllte meine Lungen mit Luft und blieb so lange ich konnte unter Wasser, während mein Vater die Sekunden zählte. Wenn ich wieder auftauchte, sagte er: »Gut.« Oder: »Schlecht.« Dann versuchte ich es noch einmal.

Nach und nach prägte ich mir die Namen der Meerestiere ein, ich lernte, wie man die Reuse zu Wasser lässt, wie man angelt und wie man einen Fisch aufschlitzt, ausnimmt und ihn dann isst, roh, mit dem Salz, das sich am Bootskiel festgesetzt hat. Das taten wir meistens dann, wenn Flaute war und das Boot bewegungslos auf dem Wasser lag und das Ufer zu weit entfernt war, um zurückzurudern.

Ich wurde Fischer, so bestimmte es ein ungeschriebenes Gesetz. Mein Vater war Fischer, mein Sohn würde Fischer werden und sein Sohn nach ihm auch.

Mein Leben wurde vom Wind und den Gezeiten bestimmt, und das gefiel mir, ich wollte kein anderes Leben. Vielleicht fehlte mir aber auch nur die Fantasie, mir ein anderes vorzustellen.

Nur manchmal träumte ich von der Wüste und von Sanddünen, die wanderten und sich im Wind bewegten, als wären sie Wellen. Und von den Wasserstellen in den Oasen und von Dromedaren, die zusammengekauert unter dem bleichen Mondlicht lagen und wiederkäuten.

Ich wusste nichts von der Wüste, aber ich wusste alles vom Meer. Die Wüste war für mich eine endlos weite Fläche, die einzige Bewegung in der unendlichen Stille war der Gibli, der heiße Südwind. Das Meer dagegen …

Vor dem Meer durfte ich keine Angst haben, immerhin war ich Fischer! Und doch fühlte ich, jedes Mal wenn wir hinausfuhren, wieder diese seltsame Unruhe in mir aufsteigen, die ich schon beim ersten Mal gespürt hatte. Darin war ich meiner Mutter ähnlich, sie bestieg nie ein Boot, unter keinen Umständen.

Jeden Morgen vor Sonnenaufgang machte sie für mich und meinen Vater das Frühstück und sah uns zu, wie wir das Boot beluden und aufs Meer hinausfuhren. Jeden Abend stand sie am Ufer und wartete auf unsere Rückkehr.

Ob sie Angst um uns hatte? Keine Ahnung, zumindest zeigte sie es nicht. Aber ich bin sicher, dass ihr Misstrauen gegenüber dem Meer eine Vorahnung dessen war, was noch kommen sollte.

Doch das Schicksal liegt allein in Gottes Hand. Und wer sind wir schon? Wir sind zu gering, um uns dagegen aufzulehnen.

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Als ich zwei Jahre alt war, wurde meine erste Schwester geboren. Am Tag zuvor hatte es nur mich gegeben, am nächsten Tag war da plötzlich eine Schwester. Und eines Nachts, ich war inzwischen fünf, kam die zweite. Ihr erster Schrei riss mich aus dem Schlaf.

Nach der Geburt meiner zweiten Schwester wurde die Hütte am Strand vergrößert. Alle unsere Freunde packten mit an, und in einer einzigen Vollmondnacht wurde ein neues Zimmer angebaut, mit Ziegelsteinen und Mörtel und einem grünen Wellblechdach. Der neue Raum war ganz weiß, innen wie außen. Für einige Jahre schliefen wir Kinder alle gemeinsam darin, auf Matten und Strohsäcken, bis ich zu groß wurde und ein Recht auf ein eigenes Bett hatte, wie ein Mann. Danach wurde es das Zimmer der Frauen, sie brauchten einen Raum für sich, wie es sich gehörte.

Nach der Arbeit setzten sich die Männer an den Strand, lachten zufrieden und tranken Bier. Mein Vater hatte das Bier in dem kleinen Dorfladen gekauft, dessen Inhaber, ein Franzose, ständig über die Hitze jammerte. Er hatte sich im Dorf angesiedelt, als wir noch eine französische Kolonie waren, und war nie wieder weggegangen, nicht einmal nach der Revolution und der darauffolgenden Unabhängigkeit.

Er hieß Yves. Die Bierkästen hatte er im Hinterzimmer des Ladens versteckt und ein paar alte Zeitungen darübergelegt. Bier trinken war zwar nicht verboten, aber eine Sünde. Dieses Mal sündigten mein Vater und seine Freunde länger als eine Stunde, sie tranken, rauchten, unterhielten sich und schienen sich dabei sehr wohlzufühlen. Dann machten sie die Boote klar und fuhren wieder hinaus.

Nach der Geburt meiner zweiten Schwester bekam meine Mutter keine Kinder mehr.

Ich blieb der einzige männliche Nachkomme. Mein Vater war gar nicht glücklich darüber, glaube ich, denn ein zweiter Sohn wäre ein zusätzlicher Helfer auf dem Boot gewesen. Trotzdem liebte er meine Mutter wie am ersten Tag.

Auch für mich war es schade, alle Jungs meines Alters hatten Brüder, und ich hätte auch gerne einen gehabt.

Mit einem Bruder konnte man spielen, Späße machen, reden und sich ab und zu auch mal prügeln. Einem kleinen Bruder hätte ich alles beibringen können, was mein Vater mir beigebracht hatte: Wie man eine Harpune anlegt und sie mit einer kurzen Bewegung der Schulter auslöst, wie man die Fische mit giftigen Stacheln entdeckt, die sich im seichten Wasser unter dem Sand versteckten und auf Beute lauerten, und wo man die roten Korallen finden konnte, die früher so zahlreich waren, dass sie regelrechte Unterwasserwälder gebildet hatten.

Vielleicht bin ich deswegen so schweigsam, weil ich keinen Bruder habe, möglicherweise habe ich aber auch einfach den Charakter meines Vaters geerbt.

Mit meinen Schwestern war es auch ganz in Ordnung, zumindest als sie noch klein waren. Aber sie waren kein Ersatz. Nachdem meine anfängliche Neugier gestillt war, interessierte ich mich nicht mehr besonders für sie, zumal sie ohnehin meist mit meiner Mutter zusammen waren.

Nur am Abend, bevor wir zu Bett gingen, waren wir immer alle zusammen. Im weißen Zimmer war alles vorbereitet, die Matten lagen ordentlich nebeneinander am Boden, darauf die bunten Decken und die mit blauen und weißen Perlen bestickten Lederkissen. Meine Mutter zündete die Lampe an, verhüllte sie mit einem durchsichtigen weißen Schal und hängte sie oben an die Decke, sodass sie nur einen schwachen Lichtkegel warf. Dann sagte sie: »So, nun sind wir in unserem Zelt.«

Draußen wurde es plötzlich stürmisch, der auffrischende heiße Wind brachte den Wüstensand mit, er fühlte sich ganz anders an als der Wind vom Meer. Manchmal kamen die Dromedare bis an die Hütte, blickten in unser Fenster und röhrten, dann mussten wir lachen.

Meine Mutter erzählte uns von der Wüste, von der Fata Morgana, die mit Luftspiegelungen die Menschen narrt, und von den Quellen in den Oasen, deren Wasser tief aus dem Inneren der Erde kommt und nicht vom Himmel, wie bei uns. Sie erklärte uns, dass das Wasser aus diesem Grund einen ganz besonderen Geschmack hat.

»Was für einen Geschmack?«

»Den Geschmack vom Inneren der Erde.«

Dann erzählte sie Geschichten von Wüstenräubern und von den Männern ohne Gesicht, die ganz tief im Inneren der Wüste lebten.

»Was? Sie haben kein Gesicht?«

»Das weiß niemand so genau. Sie verbergen ihr Gesicht hinter einem blauen Tuch. Immer und überall. Sie werden auch die Blauen Männer genannt, sie sind als Krieger gefürchtet.«

Manchmal träumte ich davon, eines Tages einen dieser geheimnisvollen Männer zu treffen und ihm das Tuch vom Kopf zu reißen, um mich selbst davon zu überzeugen, ob sich dahinter nun ein Gesicht verbirgt oder nicht.

»Das bringt Unglück!«, sagte meine Mutter. »Jeder, der das Tuch berührt, ist verflucht!«

An einem regnerischen Abend erzählte sie uns von dem Urgebirge, weit abseits der Karawanenwege. Nur wenige hatten diese Berge je gesehen. Dort war die Wüste steinig, die zerklüfteten Gipfel ragten bis in den Himmel und die Felsen waren messerscharf. Diese Berge hatten schon immer dort gestanden, schon als die Welt erschaffen wurde.

Meine Mutter hatte das Urgebirge einmal gesehen, als sie noch ein Kind war. Ihr Vater hatte sie bei der Hand genommen und gemeinsam mit ihr die Gipfel erklommen, sie waren von Fels zu Fels gehüpft und einem Weg gefolgt, den nur wenige kannten. Hin und wieder hatte er angehalten und sie gefragt: »Hast du Angst?«

Meine Mutter hatte den Kopf geschüttelt, denn sie hatte vor nichts Angst, sie war eine echte Tochter der Wüste.

Sie waren bis an den Rand des Himmels gestoßen, dort war es so hell und klar, dass es einem den Atem nehmen konnte, die ganze Welt um sie herum war nur Stille und Licht, so weit das Auge reichte.

Dann hatte er zu ihr gesagt: »Sieh nur.«

Sie erkannte Symbole, die in die Felsen geritzt waren. Die gleichen Zeichen fanden sie auf den Wänden einer Höhle, die so groß war, dass man ein ganzes Karawanenlager darin hätte unterbringen können.

»Und was sind das für Zeichen?«, unterbrach ich meine Mutter.

»Das weiß niemand genau. Es sind Symbole der Weisheit, von Menschen, die früher dort gelebt haben.«

»Wann früher?«

»Vor sehr langer Zeit. Vielleicht kurz nach der Erschaffung der Welt.«

»Und was bedeuten sie?«

»Auch das weiß niemand.«

Meine Mutter konnte sich noch an eines der Symbole erinnern, sie nahm ein Stück Kohle und zeichnete es auf die weiße Wand. Es sah sehr geheimnisvoll aus. Jeden Abend vor dem Schlafengehen betrachtete ich es und träumte nachts oft von den Urbergen und dem steilen Pfad in Richtung Himmel, den meine Mutter mit ihrem Vater hochgestiegen war.

Dann, eines Tages, war das Symbol auf der weißen Wand verschwunden, die feuchte, salzige Luft hatte es nach und nach ausgelöscht.

Als Kind habe ich die meiste Zeit am Strand und im Hinterland verbracht und Eidechsen und Skorpione gejagt. Später habe ich den Beruf meines Vaters gelernt, bin aufs Meer hinausgefahren und habe dabei von der Wüste geträumt und mir ausgemalt, was man dort so alles machen könnte.

Drei Jahre lang bin ich auch zur Schule gegangen.

Alle Schüler, die kleinen und die großen, wurden gemeinsam unterrichtet. Wir saßen mit gekreuzten Beinen in einem großen, schattigen Raum auf dem Boden vor einer Tafel. Es gab Kreide und ein abgegriffenes Lesebuch.

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