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Die Geliebte des italienischen Millionärs

1. Kapitel

 

"Ich war mir nicht sicher, ob du das sehen willst oder nicht." Alfredo legte die Zeitung auf den eleganten Schreibtisch seines Cousins.

Lucca Saracino versteifte sich, als er auf der Titelseite Jasmine Baileys Foto entdeckte. Die Lügen, die die üppige Blondine, ein ehemaliges Oben-ohne-Model, über ihn erzählt hatte, hatten dazu beigetragen, dass seine Ehe in die Brüche gegangen war. Jetzt hatte Jasmine bewiesen, wie tief sie gesunken war, um kurze Berühmtheit zu erlangen. Sie hatte zugegeben, dass die Geschichte über die heiße Liebesnacht, die sie angeblich mit dem Multimillionär auf dessen Luxusyacht verbracht hatte, erfunden war.

"Du solltest sie verklagen", erklärte Alfredo, ein untersetzter junger Mann von Anfang zwanzig.

Eine Klage wäre sinnlos. Das war Lucca klar. Er verzog spöttisch die Lippen. Er würde nichts dadurch gewinnen, wenn er dieses billige Flittchen vor Gericht zerrte. Sein Ruf war sowieso längst ruiniert, und seine Scheidung stand kurz bevor. Seine Frau Vivien hatte ihn erschreckend rasch für schuldig befunden. Erhobenen Hauptes und mit Leidensmiene hatte sie die eheliche Wohnung verlassen, obwohl sie schwanger gewesen war. Ihre verbitterte und geldgierige Schwester Bernice hatte sie dazu ermutigt, ihn, Lucca, zu verlassen. Vivien hatte sich geweigert, sich seine Unschuldsbeteuerungen anzuhören. Seine Frau, die bei jedem rührseligen Film in Tränen zerfloss, war ihm gegenüber unerbittlich gewesen.

"Lucca?" durchbrach Alfredos Stimme die lastende Stille.

Nur mühsam konnte Lucca sich eine Zurechtweisung verbeißen. Aus lauter Menschenfreundlichkeit hatte er seinem begriffsstutzigen Cousin einen zeitlich befristeten Job gegeben. Alfredo wollte unbedingt Erfahrungen auf kaufmännischem Gebiet sammeln. Lucca hielt ihn für gescheit, gewissenhaft, aber unpraktisch und wenig geistreich. Außerdem war Alfredo recht taktlos, er trat in jedes Fettnäpfchen.

"Ich muss mich bei dir entschuldigen", fuhr der jüngere Mann unbehaglich fort. "Ich habe nicht geglaubt, dass diese Frau dich hereingelegt hat. Auch meine Eltern waren überzeugt, du seist fremdgegangen."

Das bestätigte nur das, was Lucca längst vermutet hatte. Seine Verwandtschaft hatte kein Vertrauen zu ihm.

"Aber niemand macht dir deswegen einen Vorwurf", fügte Alfredo rasch hinzu. "Vivien hat sowieso nicht zu dir gepasst, und …"

"Vivien ist die Mutter meines Sohnes", unterbrach Lucca ihn kühl. "Ich erwarte von dir, dass du respektvoll über sie sprichst."

Alfredo wurde rot vor Verlegenheit und entschuldigte sich schnell. Ärgerlich schickte Lucca ihn weg. Dann stand er auf und stellte sich ans Fenster. Doch die herrliche Aussicht auf London interessierte ihn momentan nicht. Er musste nachdenken.

Sein kleiner Sohn Marco wuchs ohne ihn in einem schäbigen Zuhause auf, in dem nicht Italienisch gesprochen wurde. Nach dem Scheitern der Ehe und der Trennung hatte es sehr unschöne Auseinandersetzungen gegeben. Lucca hatte darum kämpfen müssen, seinen Sohn wenigstens ab und zu sehen zu dürfen. Durch Jasmine Baileys gemeine und unverschämte Behauptungen hatte man ihn als untreuen Ehemann abgestempelt. Seine Rechtsanwälte hatten ihm klar gemacht, dass kein Gericht ihm das Sorgerecht für seinen Sohn zusprechen würde, denn seine Frau verhielt sich untadelig und hatte einen sehr guten Ruf. Lucca war geradezu empört über die Ungerechtigkeit. Vivien hatte mit ihrem Misstrauen die Ehe zum Scheitern gebracht, und trotzdem hatte sie das alleinige Sorgerecht für ihren gemeinsamen Sohn erhalten.

Mehr als ein gelegentlicher Besucher würde er für Marco nie sein. Lucca befürchtete sogar, dass sein Sohn ihn zwischen den einzelnen Besuchen vergessen würde. Wie konnte sich ein so kleines Kind an einen Vater erinnern, den es nur ein Mal im Monat sah? Vivien würde dem Jungen gegenüber den Vater nicht erwähnen. Aber jetzt hatte sie keinen Grund mehr, auf dem hohen Ross zu sitzen und ihn, was seine Moral anbetraf, zu verurteilen.

Bei diesem Gedanken verspürte Lucca so etwas wie einen Adrenalinstoß, und seine dunklen Augen leuchteten. Er war zufrieden. Natürlich konnte er nicht ausschließen, dass Vivien Jasmine Baileys Geständnis gar nicht mitbekam. Als Akademikerin interessierte sie sich nicht für Gesellschaftsklatsch und triviale Unterhaltung. Sie las nur selten eine Zeitung.

Lucca bat seine Sekretärin über die Sprechanlage, Vivien ein Exemplar der Zeitung mit Grüßen von ihm zu schicken. Er war es sich selbst schuldig, dass er ihr diesen Beweis seiner Unschuld unterbreitete.

Es würde Vivien den Tag verderben, vielleicht sogar die ganze Woche. Sie war behütet und beschützt aufgewachsen, sehr naiv und leicht verletzlich. Da sie schnell ein schlechtes Gewissen bekam und dann sehr darunter litt, wäre die Erkenntnis, dass sie ihren Mann zu Unrecht verurteilt hatte, sicher quälend. Vielleicht würde ihm jetzt endlich Gerechtigkeit widerfahren. Aber was nützte das? Der Schaden war angerichtet.

 

"Komm endlich hervor, Jock", bat Vivien den dreibeinigen Hund, der sich unter dem Schrank versteckt hatte.

Aber der rührte sich nicht. Er hatte den Mann, der die Waschmaschine reparierte, nicht ins Bein zwicken und sein Frauchen nicht vor diesem Eindringling beschützen dürfen. Jock war immer beleidigt, wenn er männliche Besucher nicht aus dem Haus jagen durfte.

Marco gluckste vor Vergnügen und krabbelte über den Boden auf den Schrank zu, um seinem liebsten Spielgefährten Gesellschaft zu leisten.

Vivien hob ihn hoch, und er blickte sie mit seinen großen braunen Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt wurden, vorwurfsvoll an. Dann versuchte er, sich aus den Armen seiner Mutter zu winden. Als es ihm nicht gelang, fing er vor Zorn an zu schreien.

Sie wappnete sich gegen die bevorstehende Auseinandersetzung. "Nein", erklärte sie ruhig und bestimmt. Nach dem peinlichen Vorfall kürzlich im Supermarkt hatte sie sich vorgenommen, mit den Temperamentsausbrüchen ihres Sohnes besser umzugehen.

Ungläubig sah Marco ihr in die großen grünen Augen. Sein Kindermädchen Rosa sagte auch immer Nein, sein Vater ebenfalls. Aber Marco wusste genau, dass seine Mutter ihn geradezu anbetete und alles tat, was er wollte. Mit seinen achtzehn Monaten verhielt er sich schon wie ein kleiner Tyrann. Er hatte gemerkt, dass er mit seinen Wutanfällen alles erreichen konnte. Deshalb atmete er jetzt tief ein und schrie weiter.

Vivien war ausgesprochen zierlich und nicht sehr groß und konnte den kräftigen Jungen kaum festhalten, wenn er zornig um sich schlug. Sie setzte ihn in den Laufstall. Einmal war er ihr bei einem seiner Ausbrüche vom Schoß gefallen und hatte sich am Kopf verletzt. Seitdem setzte sie ihn immer hin, um ihn vor sich selbst zu schützen.

"Er ist ein verwöhnter Balg", hatte ihre Schwester Bernice missbilligend erklärt, und Vivien war sehr verletzt gewesen.

"Marco ist ein sehr anspruchsvolles Kind, stimmt's?" hatte Fabian Garsdale es diplomatischer ausgedrückt. Er war ein guter Freund und Kollege und arbeitete genau wie sie am Institut für Biologie der Universität. Sie hatte ihm angesehen, wie schockiert er war und wie sehr er Marcos Verhalten missbilligte. "Hast du schon einmal daran gedacht, es mit den altmodischen, aber keineswegs schlechten Erziehungsmethoden zu versuchen?"

"Sie müssen versuchen, konsequenter und energischer zu sein", hatte Rosa, Marcos Kindermädchen, Vivien geraten. Bei Rosa hatte er nur selten solche Temperamentsausbrüche. "Marco hat einen extrem starken Willen."

Vivien machte neben dem Laufstall einen Handstand, um Marco abzulenken. Er hielt wirklich mitten im Schreien inne, und seine Miene hellte sich bei dem Anblick auf, den seine Mutter darbot. Und dann musste er lachen. Sogleich stellte sie sich wieder auf die Füße und umarmte ihren Sohn, während sie ihre Tränen wegblinzelte. Die ganze Liebe, die sie für Lucca empfunden hatte, ließ sie jetzt ihrem Sohn zuteil werden. Ohne Marco wäre sie mit dem Kummer und Schmerz über das Scheitern ihrer Ehe und die Trennung von Lucca nicht zurechtgekommen. Das Kind hatte ihre volle Aufmerksamkeit gebraucht. Dennoch war sie noch längst nicht darüber hinweg, dass Lucca sie betrogen hatte. Sie nahm alles viel zu schwer und hatte schon als Kind gelernt, ihre Gefühle zu verbergen.

Plötzlich hörte sie einen Wagen über die mit Kies bedeckte Einfahrt fahren. Bernice kam zurück. Sogleich kroch Jock unter dem Schrank hervor, bellte ein einziges Mal und blickte zur Wohnzimmertür. Dann zog er sich wieder in sein Versteck zurück. Wenig später wurde die Tür geöffnet, und eine große, langbeinige Brünette kam herein. Man hätte sie als schöne Frau bezeichnen können, wenn sie nicht so hart und verbittert gewirkt hätte.

Marco gähnte und lehnte sich an seine Mutter. Seine Tante interessierte sich sowieso nicht für ihn. Sie beschwerte sich höchstens über sein Geschrei und seine Wutanfälle.

Mit einem kurzen Blick auf Marco fragte Bernice ärgerlich: "Sollte der Junge jetzt nicht im Bett liegen?"

"Ich wollte ihn gerade fertig machen", erwiderte Vivien und ging nach oben. Voller Mitgefühl überlegte sie, ob ihre Schwester wieder eine Enttäuschung erlebt hatte.

Bernice hatte finanzielle Probleme. Deshalb fühlte Vivien sich schuldig, denn sie hatte sich aus lauter Stolz geweigert, von Lucca nach der Trennung mehr Geld anzunehmen, als sie unbedingt zum Leben brauchte. Jetzt rächte es sich, dass sie so unvernünftig gehandelt hatte.

Glücklicherweise war das Cottage sehr klein und im Unterhalt günstig, nachdem alle notwendigen Reparaturen durchgeführt worden waren. Bernice behauptete, es sei eigentlich nicht viel größer als eine Puppenstube. Doch damals, in den letzten Tagen der Schwangerschaft, als Vivien völlig deprimiert gewesen war und sich ein Leben ohne Lucca nicht hatte vorstellen können, war das kleine Haus mit dem wunderschönen alten Baum im Vorgarten so etwas wie ein Zufluchtsort für sie gewesen. Es lag auf dem Land in der Nähe der Universität Oxford, wo Vivien momentan an drei Tagen in der Woche am Institut für Biologie arbeitete.

Sie zwängte sich zwischen ihrem Bett und Marcos Kinderbett hindurch und legte den Jungen hin. Mit den beiden Schlafzimmern war das kleine Haus geradezu ideal für eine allein erziehende Mutter oder einen allein erziehenden Vater. Doch für zwei Erwachsene war es zu klein. Dennoch war Vivien froh darüber, dass ihre Schwester bei ihr war. Sie wünschte, sie hätte vorhersehen können, dass sie eines Tages eine größere Wohnung brauchen würde. Aber sie hatte nicht ahnen können, was passierte. Bernice hatte ihre Modeboutique in London wegen finanzieller Probleme aufgeben müssen und alles verloren: ihr modernes Apartment, den Sportwagen und beinah alle Freunde.

"Frag mich lieber nicht, wie das Bewerbungsgespräch gelaufen ist", sagte Bernice ärgerlich, als Vivien sich wieder zu ihr gesellte. "Die Frau hat mir mehr oder weniger direkt vorgeworfen, im Lebenslauf gelogen zu haben. Ich habe geantwortet, den lausigen Job in ihrem Hotel wolle ich sowieso nicht haben."

Vivien war bestürzt. "Sie hat dir doch sicher nicht vorgeworfen, du hättest gelogen, oder?"

"Das brauchte sie auch gar nicht. Sie hat angefangen, Französisch mit mir zu sprechen, und ich habe kein Wort verstanden", berichtete Bernice empört. "In meinem Lebenslauf steht, ich könnte mich in dieser Sprache verständigen. Aber ich habe nicht behauptet, ich würde sie perfekt beherrschen."

Obwohl Vivien nicht gewusst hatte, dass ihre drei Jahre ältere Schwester überhaupt Französischkenntnisse besaß, beeilte sie sich, Bernice zu beruhigen.

Unbeeindruckt verzog Bernice die Lippen. "Es ist deine Schuld, dass man mich gedemütigt hat."

"Wie bitte?" Vivien war entsetzt.

"Du bist immer noch mit diesem unglaublich reichen Mann verheiratet, und trotzdem nagen wir praktisch am Hungertuch", stellte Bernice verbittert fest. "Du beschwerst dich immer, du hättest zu wenig Geld. Deshalb fühle ich mich schuldig und bewerbe mich um Jobs, die gar nicht meiner Qualifikation entsprechen. Du hingegen sitzt die meiste Zeit zu Hause und verwöhnst deinen Sohn wie einen Prinzen."

Vivien fühlte sich unbehaglich. "Bernice, ich …"

"Du warst schon immer sehr eigenartig, Vivien. Sieh dir doch an, wie du lebst", unterbrach ihre Schwester sie verächtlich. "Du lebst hier in der Einsamkeit mit deinem seltsamen Hund und deinem kostbaren Sohn und gehst nicht unter Menschen. Dein Leben ist genauso langweilig wie dein Job. Du bist der langweiligste Mensch, den ich kenne. Deshalb hat es mich gar nicht überrascht, dass Lucca auf seiner Luxusyacht mit dieser so sexy wirkenden Blondine fremdgegangen ist. Warum er so ein farbloses Wesen wie dich überhaupt geheiratet hat, ist mir unerklärlich." Dann schlug Bernice die Tür hinter sich zu und verschwand.

Vivien war ganz blass geworden. Entschlossen verdrängte sie die verletzenden Bemerkungen ihrer Schwester und kraulte Jock zwischen den Ohren, denn der Hund konnte laute Stimmen nicht ertragen. Immer wieder sagte sie sich, dass Bernice momentan sehr unglücklich sei und mit Nachsicht behandelt werden müsse. Aus eigener Erfahrung wusste Vivien, wie schwierig es war, neu anzufangen, nachdem man alles verloren hatte, was einem wichtig gewesen war. Für Bernice war es ganz besonders schwierig, denn sie hatte nie Kompromisse eingehen müssen. Für sie war es selbstverständlich gewesen, in guten Verhältnissen zu leben.

Dagegen hatte Vivien schon als Kind geglaubt, sehr viel Glück zu haben. Ihre leiblichen Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, als sie einige Monate alt gewesen war. Aber sie war wenig später von den wohlhabenden und prominenten Dillons adoptiert worden. Deren einzige Tochter Bernice war damals drei Jahre alt gewesen und hatte nicht als Einzelkind aufwachsen sollen.

Man hatte Vivien freundlich und liebevoll behandelt. Doch sie hatte ihre Adoptiveltern insofern enttäuscht, als sie nie Bernice' beste Freundin geworden war. Die beiden Mädchen hatten nichts gemeinsam gehabt. Und da Vivien sehr sensibel war, hatte sie darunter gelitten, dass sie die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte. Die Dillons hatten gehofft, sie würde sich genau wie Bernice für die Modebranche, das Reiten, Balletttanz und junge Männer interessieren, gern ausgehen und feiern.

Stattdessen war Vivien schüchtern und zurückhaltend gewesen. Vor Pferden und jungen Männern hatte sie sich gefürchtet, und auf Partys war sie nur ungern gegangen. Viel lieber hatte sie sich in ihre Bücher vergraben. Das hatte ihre Adoptiveltern eher etwas irritiert. Ihrer Meinung nach war es für eine junge Frau nicht normal, sich zu sehr auf das Lernen zu konzentrieren.

Als Vivien siebzehn war, starb ihre Mutter an einem Herzinfarkt. Und während ihres Studiums starb auch ihr Vater, nachdem er mehrere Monate lang wegen finanzieller Rückschläge sehr unter Stress gestanden hatte. Bernice war verzweifelt darüber, dass ihr Elternhaus und die wertvollen Antiquitäten verkauft werden mussten. Es war Vivien nicht gelungen, ihre Schwester über den erlittenen Verlust hinwegzutrösten.

Plötzlich läutete es, und Vivien schreckte aus den Gedanken auf. Sie eilte zur Haustür. Der Fahrer eines Kurierdiensts drückte ihr ein Päckchen in die Hand und verschwand wieder.

"Was ist das?" fragte Bernice hinter ihr.

"Ich weiß es nicht." Vivien erkannte die Handschrift ihres Mannes auf der beigefügten Karte und nahm an, es sei ein Geschenk für Marco. Als sie den luxuriösen Geschenkkarton geöffnet hatte, betrachtete sie verblüfft die Zeitung, die darin lag.

Sogleich erkannte sie die üppige Blondine auf der Titelseite und stand wie erstarrt da. Sie hatte auf einmal ein flaues Gefühl im Magen, und ihre Hände wurden feucht. Warum war Lucca so gefühllos, ihr einen Zeitungsartikel über Jasmine Bailey zu schicken? Vivien ignorierte die Bitte ihrer Schwester, ihr die Zeitung zu geben, und fing an zu lesen.

Völlig schamlos gab Jasmine in dem Interview zu, dass die Behauptung, sie hätte mit Lucca Saracino geschlafen, eine glatte Lüge gewesen war. Sie hatte Aufmerksamkeit erregen und auf die Partys der Reichen und Schönen eingeladen werden wollen. Die heiße Liebesnacht, die sie vor knapp zwei Jahren in allen Einzelheiten geschildert hatte, hatte es nie gegeben.

Wie betäubt stand Vivien da. Jasmine Bailey hatte das alles nur erfunden? Es war eine Lüge? Dann hat Lucca mich gar nicht betrogen, er war mir treu, und ich, was habe ich gemacht? überlegte Vivien. Sie hatte ihm das Schlimmste zugetraut und seinen Unschuldsbeteuerungen nicht geglaubt. Und sie hatte sich von ihm getrennt. Die Erkenntnis über das, was sie angerichtet hatte, traf sie wie ein Schlag. Plötzlich hatte sie das Gefühl, in einen Abgrund zu stürzen.

"Ich habe ihm Unrecht getan, Lucca ist unschuldig", sagte sie leise.

"Was ist los?" Bernice riss ihrer Schwester die Zeitung ungeduldig aus der Hand.

Vivien presste sich die Hand auf die Stirn. Wieder einmal schien alles, was sie sich aufgebaut hatte, zu zerbrechen. Bisher war sie davon überzeugt, ihren Mann zu verlassen wäre die richtige Entscheidung gewesen. Aber innerhalb weniger Sekunden hatte sich alles geändert. Sie musste sich eingestehen, dass es ein großer Fehler gewesen war, alles aufzugeben und ihr Kind ohne seinen Vater aufwachsen zu lassen.

"Du wirst dich doch von diesem Unsinn nicht beeindrucken lassen, oder?" Bernice' Stimme klang verächtlich. "Nur weil man sie vergessen und ignoriert hat, versucht Jasmine Bailey jetzt, wieder Schlagzeilen zu machen."

"Aber bestimmt nicht auf diese Art. Was sie gesagt hat, entspricht dem, was Lucca mir damals erzählt hat. Nur ich …" Vivien verstummte und kämpfte mit den Tränen. "Ich wollte ihm gar nicht zuhören."

"Natürlich nicht. Es war vernünftig von dir, dir die Lügen nicht anzuhören. Schon bevor du ihn geheiratet hast, wusstest du, dass er ein Schürzenjäger ist. Habe ich nicht versucht, dich zu warnen?" fragte Bernice.

Viele Leute hatten Vivien von der Heirat abgeraten. Niemand war über die Verbindung glücklich gewesen, weder seine Familie und Freunde noch ihre. Alle waren erstaunt gewesen und hatten bezweifelt, dass die Ehe lange halten würde. Scheinbar wohlmeinende Freunde hatten Vivien gesagt, sie sei zu still und zurückhaltend, zu altmodisch und zu intellektuell für einen Mann wie Lucca, der sehr weltgewandt war. Sie hatte sich das alles höflich angehört, und es hatte dazu geführt, dass ihr Selbstbewusstsein schon vor der Hochzeit sehr gelitten hatte. Aber sie hatte Lucca viel zu sehr geliebt, um alles rückgängig zu machen.

"Ihr werdet ja sowieso in Kürze geschieden", erinnerte ihre Schwester sie. "Du hättest ihn nicht heiraten dürfen. Ihr habt nicht zusammengepasst."

Vivien schwieg und hing ihren Gedanken nach. Lucca hatte sie nicht mit Jasmine Bailey betrogen. Mit einem raffinierten Trick war es der Blondine gelungen, auf seine Yacht zu gelangen. Sie hatte sich als Studentin ausgegeben und sich von einem der Gäste als Begleiterin für dessen minderjährige Tochter anstellen lassen. Sie hatte dem Mädchen auf der Vergnügungsreise helfen sollen, die Englischkenntnisse zu verbessern. Als Jasmine mit der Geschichte über die leidenschaftliche Liebesnacht an die Öffentlichkeit gegangen war, hatte niemand die Behauptung bestätigen oder widerlegen können. Nur Lucca hatte gewusst, dass die Frau gelogen hatte.

Ich habe meinen Mann für etwas bestraft, was er nicht getan hat, dachte Vivien. Ihr wurde übel. Statt ihrem Mann zu vertrauen, hatte sie lieber dieser Frau geglaubt. Lucca war unschuldig, und sie, Vivien, hatte gar keinen Grund gehabt, unglücklich zu sein und sich das Leben schwer zu machen, wie sie sich eingestand. Auf einmal wusste sie, was sie tun musste.

"Ich fahre zu Lucca", erklärte sie.

"Hast du mir überhaupt nicht zugehört?" fragte Bernice. "Was willst du denn bei ihm?"

Vivien stand immer noch unter Schock und handelte beinah automatisch. Eins war ihr jedoch völlig klar: Sie musste mit Lucca reden. Seit ungefähr zwei Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Die Scheidungsformalitäten wickelten sie über ihre Rechtsanwälte ab, und ein Kindermädchen holte Marco zu den Besuchen bei seinem Vater ab. Sein unermesslicher Reichtum ermöglichte es ihm, jede persönliche Begegnung mit seiner Frau zu vermeiden.

"Ich muss zu ihm", wiederholte sie. Da sie an diesem Nachmittag eigentlich arbeiten musste, würde Rosa bald hier sein, um Marco bis sechs Uhr zu betreuen. "Gehst du heute Abend aus?"

Überrascht über den Themenwechsel, runzelte Bernice die Stirn. "Ich habe noch nichts geplant …"

"Lucca wird mich sicher warten lassen, denn ich bin ihm keineswegs willkommen. Deshalb kann es spät werden", erklärte Vivien. "Ich werde Rosa bitten, länger zu bleiben und Marco ins Bett zu legen. Kannst du bis zu meiner Rückkehr Babysitterin spielen?"

"Es wäre ein großer Fehler, mit Lucca zu reden", entgegnete Bernice ärgerlich.

"Ich muss ihm sagen, wie Leid es mir tut. Das bin ich ihm schuldig", erwiderte Vivien angespannt.

"Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee." Bernice hatte ihre Meinung geändert. "Du könntest bei der Gelegenheit Lucca gegenüber erwähnen, dass du mehr Geld brauchst."

Vivien war entsetzt. "Nein, das ist unmöglich."

"Dann kann ich nicht auf Marco aufpassen", erklärte Bernice, ohne zu zögern.

Was soll ich machen? überlegte Vivien frustriert. "Okay, ich schneide das Thema an. Vielleicht kann ich mit ihm eine andere Regelung treffen", gab sie schließlich nach.

Bernice lächelte triumphierend. "Gut, in dem Fall helfe ich dir ausnahmsweise. Hoffentlich erweist sich Lucca als großzügig."

 

Als man Lucca mitteilte, Vivien sei da, stand er auf und unterbrach für fünf Minuten die Sitzung, die er leitete. Auf der Galerie blieb er stehen und betrachtete seine Frau. Sie stand unten in der Empfangshalle. Das braune Top und der Rock in derselben Farbe waren nichts Besonderes. Da er sich nicht mehr um sie kümmern konnte, kleidete sie sich offenbar wieder so unvorteilhaft wie damals, als er sie kennen gelernt hatte. Sie kümmerte sich nicht um die neueste Mode. Nagellack benutzte sie offenbar auch nicht mehr, und das lange blonde Haar, das golden glänzte, hatte sie nachlässig zusammengesteckt.

Momentan erregte sie kaum Aufmerksamkeit, zumindest nicht auf den ersten Blick. Dennoch konnte auch die unvorteilhafteste Kleidung ihre natürliche Schönheit nicht verbergen. Ihre Haut schimmerte wie Seide. Er betrachtete ihr schönes, perfekt wirkendes Profil, die zarten, schmalen Hände und die schlanken Beine. Plötzlich stieg heftige Erregung in ihm auf. Ärgerlich darüber, dass er sich nicht besser beherrschen konnte, ballte er die Hände zu Fäusten.

Damals hatte er sie für liebevoll, unverdorben und völlig loyal gehalten. Ihre Herzlichkeit und Bescheidenheit hatten ihn begeistert, und ihre Aufrichtigkeit und Freundlichkeit hatten ihn beeindruckt, denn er selbst war eher ein Zyniker. Falschheit war ihr fremd gewesen. Er war davon überzeugt gewesen, seine Ehe würde im Gegensatz zu so vielen anderen Verbindungen nicht scheitern. Zu versagen war ihm ein Gräuel. Deshalb hatte er sich nicht leichtfertig in die Ehe gestürzt, sondern es sich gut überlegt. Doch Vivien hatte es nicht verdient gehabt, seinen Ring zu tragen.

Er lächelte spöttisch und wandte sich ab.

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