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Die Geliebte des griechischen Reeders

Lynne Graham

Die Geliebte des griechischen Reeders

1. KAPITEL

Zwei weitere Direktoren von Dionides Shipping warfen Fragen auf, die längst entschieden worden waren. Gelangweilt ließ Atreus den Blick schweifen und betrachtete die Art-déco-Bronzestatue auf der anderen Seite des Konferenzsaals, die eine rassige spanische Tänzerin darstellte. Ihr Kleid war tief dekolletiert und mit üppigen Rüschen besetzt.

Schon seit Atreus das Familienunternehmen übernommen hatte, faszinierte ihn die sinnliche Figur, die so gar nicht zur traditionellen Lebensart seines Großvaters passte.

„Sie erinnert mich an meine erste Liebe“, hatte der Alte ihm gestanden und versonnen in die Ferne geblickt. „Doch sie hat einen anderen geheiratet.“

Beim besten Willen konnte Atreus sich nicht vorstellen, dass ihm eine solche Enttäuschung jemals passieren würde. Die Damen, denen er begegnete, waren letztlich auf sein Geld aus, und er empfand es als Herausforderung, sie abzuschütteln. Schon als Teenager waren ihm geldgierige Schönheiten reihenweise nachgelaufen und vor nichts zurückgeschreckt, um an ihn und sein Vermögen heranzukommen.

Mit seinem dunklen Haar, den dunklen Augen und seiner bemerkenswerten Größe war Atreus seit jeher eine Zielscheibe weiblicher Nachstellungskünste. Nachdem er zweimal ins Kreuzfeuer raffiniert eingefädelter Vaterschaftsklagen geraten war, hatte er beschlossen, nur eine Frau zu heiraten, die selbst gesellschaftliches Ansehen und entsprechendes Vermögen mit in die Ehe brachte.

Sein verstorbener Vater Achilles war ihm ein abschreckendes Beispiel gewesen. Bis zum vierzigsten Lebensjahr hatte er ein fast biederes Leben geführt, dann hatte er aus heiterem Himmel den Verstand verloren, seine Frau verlassen und war mit einem temperamentvollen Malermodell durchgebrannt. Sie bekamen einen Sohn, Atreus. Seitdem hatte das wilde, ausschweifende Leben beider Elternteile Atreus’ Jugendjahre geprägt. Er war fast ausschließlich von seinem strengen Onkel väterlicherseits und dessen Frau aufgezogen worden und hatte jeder Versuchung widerstanden, auch einmal etwas Verrücktes zu wagen. Keinesfalls wollte er die Fehler seines Vaters wiederholen.

Dennoch war die Art-déco-Statue für Atreus in letzter Zeit auf seltsame Weise bedeutsam geworden. Sie erinnerte ihn an eine Episode, die sich vor einigen Wochen auf seinem Landsitz abgespielt hatte. An einem schwülheißen Sommernachmittag war er durch den Wald gestreift und unvermittelt auf eine kurvenreiche Brünette gestoßen, die sich splitternackt im Fluss vergnügt hatte. Es hatte ihn geärgert, dass sie sich auf seinen Privatbesitz gewagt hatte. Schließlich hatte er ein Vermögen für seine weitläufigen Ländereien bezahlt und beschäftigte eine ansehnliche Zahl von Aufsehern, die sein Eigentum vor Eindringlingen und Kameralinsen schützen sollten.

Verrückt, aber seit dieser Begegnung am Fluss hatte der verführerische Anblick der Brünetten mit den unerhört weiblichen Kurven ihn Tag und Nacht verfolgt. Dabei konnte diese Frau es eigentlich in nichts mit den weltgewandten gertenschlanken Blondinen aufnehmen, die ihn sonst interessierten …

Genau genommen war die nackte Venus gar nicht sein Typ, musste Atreus sich verwirrt eingestehen. Soweit er von seinem Gutsverwalter gehört hatte, war Lindy Ryman eine streitlustige Tierschützerin, die sich mit dem Verkauf von Keramikarbeiten und Kerzen gerade so über Wasser hielt. Sie bewohnte ein winziges Torhaus am Rande seines Anwesens, ging regelmäßig zur Kirche und war ein angesehenes Mitglied der Gemeinde. Und normalerweise versteckte sie ihre aufregenden Kurven unter langweiligen langen Röcken und warmen Wollsachen.

Bei der Begegnung im Wald hatte Atreus sie scharf zur Rede gestellt, weil er anfangs überzeugt gewesen war, sie habe dieses Zusammentreffen geschickt inszeniert wie schon so viele Damen. Nachdem ihm jedoch schließlich klar geworden war, dass sie keine gerissene Verführerin war, hatte er ihr Blumen mit einem Entschuldigungskärtchen geschickt. Doch Lindy Ryman hatte sein Friedensangebot ignoriert und nicht angerufen, obwohl er auf der Karte ausdrücklich seine Telefonnummer angegeben hatte. Ihre Sturheit reizte und amüsierte ihn.

Seine Stimmung verfinsterte sich, als ihm bewusst wurde, wie lange er sich nun schon mit dieser Frau beschäftigte. Sollte er ihr Geld anbieten, damit sie den Wohnsitz auf seinem Land aufgab? Aus den Augen, aus dem Sinn, das wäre sicher die beste Kur für dieses seltsame Virus, das ihn befallen hatte. Er war zu intelligent und vernünftig, um den Reizen dieser Frau zu erliegen, die überhaupt nicht in seine Kreise passte.

„Du hast dich von Sarah getrennt?“, wiederholte Lindy fassungslos und wandte sich Ben direkt zu.

„Sie fing an, unsere Beziehung zu ernst zu nehmen. Warum müssen Frauen alles verderben?“ Seine schmerzliche Miene verriet, wie anstrengend es war, ständig von liebestollen Damen gequält zu werden.

Sieh in den Spiegel, hätte Lindy ihm am liebsten vorgehalten. Auch sie war dem Charme des unwiderstehlichen Ben mit dem stets zerzausten blonden Haar, den hellgrünen Augen und der durchtrainierten Figur einst erlegen. An der Universität hatten sie sich kennengelernt, und er hatte sie kurzerhand als Freundin in seinen Kreis eingeschleust, als er merkte, dass sie ungebunden war. Zu jener Zeit war sie schüchtern und gehemmt gewesen und hatte sich gewünscht, zierlich, geistreich und spritzig zu sein, statt scheu und vernünftig.

Doch das lag lange zurück. Inzwischen war Lindy längst über Ben hinweg und hatte sich daran gewöhnt zuzusehen, wie er die Herzen der Schönen reihenweise brach. Er suchte ganz offensichtlich keine Bindung, wollte einfach nur Spaß haben. Als Börsenhändler in der Londoner City hatte er Karriere gemacht und sich die typischen weltlichen Beweise seines Erfolgs zugelegt – einen flotten Sportflitzer, teure Designeranzüge und die Mitgliedskarte im richtigen Fitnesscenter. Aber der gute Ben schien mit dem Erreichten nie so ganz zufrieden zu sein.

„Wenn deine Gefühle für sie nicht mehr ehrlich sind, ist es tatsächlich besser, Schluss zu machen“, riet Lindy ihm ruhig. Gleichzeitig aber fühlte sie mit Sarah, die wirklich nett zu sein schien und jetzt sicher ebenso litt wie sie damals. Zum Glück hatte sie wenigstens nie mit Ben geschlafen.

„Du bist eine klasse Köchin.“ Ben seufzte und biss erneut genüsslich in ihren Karottenkuchen.

Lindy presste die Lippen zusammen. Schon lange war ihr klar, dass ihre Koch- und Backkünste sie in den Augen der Männer nicht attraktiver machten. Ihr eigentliches Problem war, dass sie von allem etwas zu viel hatte. Seit sie in der Schule mit einer Fruchtbarkeitsgöttin verglichen und entsprechend geneckt und gehänselt worden war, hatte sie ihren vollen Busen und die üppig gerundeten Hüften gehasst. Diäten und Gymnastik hatten da wenig geholfen, und obwohl sie nirgends ein Gramm zu viel aufzuweisen hatte, schämte sie sich manchmal ihres gesunden Appetits. Ben ging unweigerlich mit superschlanken Modeltypen aus, die Lindy das Gefühl gaben, mollig und alles andere als grazil zu sein.

Nachdem ihre Mutter schwer krank geworden war, hatte Lindy ihr Jurastudium aufgeben müssen. Als Einzelkind mittelloser Eltern hatte sie ihre Mutter bis zu deren Tod gepflegt. Nachdem Lindy sich danach endlich wieder erholt hatte und an die Universität zurückkehren wollte, hatte ein Drüsenfieber sie niedergeworfen. Mittlerweile waren zwei Jahre vergangen, und der richtige Zeitpunkt, an die Universität zurückzukehren, schien endgültig verstrichen. Daraufhin hatte Lindy eine Bürostelle angenommen, um endlich Geld zu verdienen.

Zu jener Zeit hatte sie sich in London mit ihren Freundinnen Elinor und Alissa ein Apartment geteilt, doch nachdem beide ins Ausland geheiratet und eigene Familien hatten, waren sie nur noch selten zusammengekommen. Bei einem Besuch bei Elinor und ihrem Mann Jasim im vergangenen Sommer hatte Lindy die Freuden des Landlebens kennengelernt. Und dann hatte sie The Lodge entdeckt, ein kleines Torhaus an der Einfahrt eines weitläufigen Herrensitzes. Erfreut hatte sie festgestellt, dass sie sich die Miete leisten konnte, und kurzentschlossen gewagt, sich vom hektischen Stadttrubel zu verabschieden und sich selbstständig zu machen.

Seitdem verdiente Lindy ihren Lebensunterhalt mit Arbeiten, die ihr wirklich Spaß machten. Sie züchtete Lavendel und Rosen, stellte daraus wunderbar duftende Potpourris her und bot sie zusammen mit handgemachten Kerzen in einem Internet-Versandhandel an. Wenn das Geld auf ihrem Bankkonto zu dürftig wurde, nahm sie Halbtagsarbeiten an. Den größten Teil ihrer Freizeit widmete sie dem Tierheim der Gemeinde, aus dem sie bereits zwei Hunde bei sich aufgenommen hatte, Samson und Sausage. Ihre Freunde mochten sie warnen, sie vergeude ihre Jugend, doch Lindy war zufrieden mit ihrem Leben, dem ländlichen Zuhause und ihrem bescheidenen Einkommen.

Aber natürlich gab es in jedem Paradies auch eine Schlange, musste Lindy sich eingestehen. In ihrem Fall war es Atreus Dionides, der sagenhaft reiche neue Eigentümer von Chantry House, dem prächtigen Herrensitz inmitten weitläufiger Ländereien, dessen Torhaus sie gemietet hatte. Seinetwegen konnte Lindy jetzt nicht mehr frei und unbeschwert durch die schier endlosen Wälder und Felder streifen, die ihr Häuschen umgaben. Schlimmer noch, die einzige unvergesslich demütigende Begegnung mit dem unfreundlichen Mann hatte sie so sehr erschüttert, dass sie ernsthaft erwog wegzuziehen.

„Bist du wirklich sicher, dass es dir nichts ausmacht, Pip zu hüten?“, vergewisserte sich Ben noch einmal, der bereits auf dem Weg zur Haustür war.

„Hier hat er es gut“, erwiderte Lindy ausweichend, um nicht zugeben zu müssen, dass sie Pip nur ungern in ihrem Haus aufnahm.

Der Chihuahua gehörte Bens Mutter. Sie erwartete von ihrem Sohn, dass er sich um ihren verzogenen Liebling kümmerte, während sie im Urlaub war. Leider war der Winzling recht bissig und hätte eigentlich einen Maulkorb tragen müssen. So jedoch knurrte, schnappte, keifte und bellte der kleine Kerl ständig und stellte Lindys Hundeliebe auf eine harte Probe.

Sicherheitshalber begleitete sie Ben zum Wagen. „Du hättest deinen Flitzer nicht auf der Auffahrt abstellen dürfen, ich habe hier keine Parkerlaubnis. Der Gutsverwalter hat mich extra angewiesen, darauf zu achten, dass meine Besucher außerhalb des Tores parken“, erinnerte Lindy ihn unbehaglich.

„Der neue Eigentümer macht dir das Leben wirklich schwer. Das grenzt ja schon an Schikane, Lindy.“ Ben setzte sich ans Lenkrad seines Sportwagens und ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter, um weiter mit ihr sprechen zu können.

Unwillkürlich verkrampfte sie sich und stand stocksteif da, weil genau in diesem Augenblick eine schwere dunkle Limousine durch die hohen schwarzen Tore glitt. Blitzschnell duckte Lindy sich hinter die Beifahrertür, sodass Bens Wagen sie verdeckte.

„Was hast du?“, fragte Ben befremdet.

„Fahr erst los, wenn die Limousine vorbei ist!“, forderte sie gedämpft. Ihr schoss das Blut ins Gesicht, die peinliche Situation erinnerte sie schmerzlich an die demütigende Episode am Fluss.

Langsam glitt die Limousine die Auffahrt entlang und verschwand hinter einer Ecke. Erleichtert richtete Lindy sich wieder auf. Das glänzende braune Haar fiel ihr in weichen Wellen über die Schultern, und ihre leuchtend blauen Augen wirkten beunruhigt.

„Was sollte das?“, fragte Ben verständnislos.

„Ach nichts.“ Lindy zuckte die Schultern und verzichtete auf nähere Erklärungen. „Bis nächsten Freitag dann, wenn du Pip abholen kommst.“ So schnell sie konnte, flüchtete sie ins Haus, wo der Chihuahua den armen Sausage drohend anknurrte, der sich hinter einen Sessel geflüchtet hatte.

Sechs Wochen waren vergangen, seit Lindy zum ersten Mal auf Atreus Dionides getroffen war. Doch selbst jetzt noch brach ihr der kalte Schweiß aus, wenn sie daran dachte, dass der griechische Industrielle sie splitternackt beim Baden im Fluss überrascht hatte. So hatte noch kein Mann sie gesehen, sie schämte sich und kam darüber nicht hinweg. Hätte sie auch nur geahnt, dass jemand sie entdecken könnte, hätte sie sich nicht einmal einen Strumpf ausgezogen. Selbst im Badeanzug fühlte sie sich unwohl, und bis zu jenem Tag hatte sie noch nie nackt gebadet. Das würde sie auch garantiert nie wieder tun, solange sie lebte!

Wann immer sie an den verhängnisvollen Nachmittag dachte, wand sie sich innerlich und verwünschte ihre Sorglosigkeit. Es war der heißeste Tag des Jahres gewesen, und sie hatte den ganzen Vormittag über im Tierheim geholfen, ein gespendetes Fuder Heu abzuladen. Als sie mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, brannte die Sonne erbarmungslos, die winzigen Strohhalme pieksten auf ihrer Haut. Sehnsüchtig hatte sie an den Fluss gedacht, der sich an einer Stelle zwischen ausgewaschenen Felsen zu einem natürlichen kleinen See staute. Im Jahr zuvor war sie dort öfter geschwommen.

Doch damals hatte das herrschaftliche Anwesen noch leergestanden. Zu der Zeit hatte es einem alten Mann gehört, der meist im Ausland lebte und seinen Mietern keinerlei Vorschriften machte. Atreus Dionides dagegen umgab sich mit modernsten Sicherheitssystemen und pochte auf seine Rechte. Die Gutsverwaltung hatte keine Zeit verloren, einen entsprechenden Rundbrief zu verschicken, in dem die neuen Besitzverhältnisse bis ins Kleinste dargelegt waren, besonders die Forderung des neuen Eigentümers, auf seinen weitläufigen Ländereien von nichts und niemandem gestört oder belästigt zu werden.

An jenem heißen Sommertag vor sechs Wochen hatte Lindy eigentlich nur fünf Minuten die nackten Füße kühlen wollen, an einer ruhigen, einsamen Stelle des Flusses, wo Bäume und dichtes Buschwerk Blickschutz boten. Als das kühle Wasser ihre Füße perlend umspielte, war sie der Versuchung erlegen und hatte sich ohne weiter nachzudenken nackt ausgezogen, ihre Sachen am Ufer auf einem Haufen hinterlassen und war wohlig seufzend in die herrlich erfrischenden Fluten eingetaucht. Selbst jetzt noch erschauerte Lindy beim Gedanken an die Szene, die dann folgte.

„Was tun Sie hier?“, ließ eine herrische Männerstimme Lindy zusammenfahren, die in dem ruhigen Wasser träumerisch dahintrieb.

Sie wirbelte herum und entdeckte den Mann am Ufer. Blitzschnell tauchte sie tief ins Wasser ein, um ihre Brüste zu bedecken. Im eleganten schwarzen Anzug, weißen Hemd und Seidenkrawatte hob Atreus sich seltsam unwirklich gegen die bewaldete Umgebung ab. Aber natürlich wusste Lindy sofort, wer er war. Sie hatte sein Foto im Lokalblatt neben einem begeistert geschriebenen Artikel über den neuen Eigentümer von Chantry House gesehen. Atreus Dionides sah fabelhaft aus, doch er wirkte kalt und grimmig, hatte sie gedacht, während sie das Bild betrachtet hatte. Als er jetzt vor ihr stand, war er die Verkörperung klassischer männlicher Schönheit. Ein Mann, der Frauen schwach machte, gestand Lindy sich ein.

„Sie befinden sich hier auf Privatbesitz.“

Im ersten Schreck hatte Lindy ihre Brüste blitzschnell mit den Armen bedeckt, denn sie befürchtete, das kristallklare Wasser werde nicht viel verbergen. „Ich … Tut mir leid, es wird nicht wieder vorkommen. Wenn Sie jetzt gehen würden, könnte ich mich anziehen.“

„Ich gehe nirgendwohin“, erwiderte Atreus ungerührt. „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie hier machen.“

„Heute ist es so schrecklich heiß, da wollte ich kurz hier schwimmen, um mich abzukühlen“, versuchte Lindy unbehaglich, sich zu rechtfertigen. Warum fragte er überhaupt? Er konnte doch sehen, was sie hier tat.

„Sie haben doch nur darauf gewartet, dass ich vorbeikomme“, stellte der griechische Industrielle verächtlich fest. „Aber Sie vergeuden nur Ihre Zeit. Verschwinden Sie, ich will keine ungebetenen Gäste auf meinem Grundstück haben.“

Erst jetzt ging Lindy auf, dass er sie verdächtigte, ihn bewusst in dieser verfänglichen Situation abgepasst zu haben, um ihn zu verführen. Sie war so entsetzt, dass sie ihn nur sprachlos ansehen konnte.

„Von welchem meiner Angestellten wissen Sie, dass ich heute hier draußen vorbeikommen würde?“, stellte Atreus Dionides sie unbarmherzig zur Rede.

„Sie leiden ja unter Verfolgungswahn“, platzte sie fassungslos heraus. „Hören Sie, mir wird langsam kalt. Gehen Sie, dann komme ich aus dem Wasser und bin im Handumdrehen von Ihrem Land verschwunden.“

Es war nicht zu übersehen, dass die Bezeichnung Verfolgungswahn ihn gekränkt hatte. Er straffte die breiten Schultern, presste die Lippen zusammen und blickte sie mit seinen dunklen Augen seltsam durchdringend an. „Wer hat Ihnen verraten, dass ich heute hier sein würde?“, beharrte er.

Verwundert sah sie ihn an. „Niemand, das schwöre ich Ihnen. Ich bin nur eine ganz normale Person, die sich in Ihren Wald gewagt hat. Genauer gesagt, eine Mieterin von Ihnen. Und jetzt würde ich das Wasser gern verlassen und nach Hause radeln.“

„Sie wohnen bei mir zur Miete?“ Atreus’ Ton wurde noch schroffer. „Also haben Sie meinen Besitz betreten, obwohl die Gutsverwaltung Sie unmissverständlich unterrichtet hatte, dass es verboten ist, meinen Privatbesitz zu betreten?“

„Ich wohne im Torhaus. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie zu Hause sind, hätte ich es niemals gewagt“, gestand Lindy und erschauerte, weil sie im kalten Wasser fror. „Und jetzt verhalten Sie sich bitte wie ein Gentleman und gehen Sie weiter.“

„Eine Frau wie Sie kann nicht erwarten, höflich behandelt zu werden.“ Atreus zog ein Handy aus der Tasche. „Ich rufe meine Sicherheitsleute, damit sie sich mit Ihnen befassen.“

In diesem Augenblick verlor Lindy die Nerven. „Müssen Sie sich unbedingt wie ein Fiesling aufführen? Ich sagte doch, es tut mir leid. Was kann ich sonst noch tun? Ich bin eine Frau, und ich bin nackt. Und Sie drohen damit, Männer herzuholen, die mich dann auch so sehen werden?“, hielt sie ihm empört vor. „Mir ist eiskalt, und ich möchte mich endlich anziehen!“

Hart und unnachgiebig sah Atreus Dionides sie an. „Ich halte Sie nicht davon ab, sich anzukleiden.“

Lindy hielt es nicht mehr länger aus. Ihre Beine waren so kalt, dass sie schmerzten, und sie war es leid, an die Einsicht dieses Menschen zu appellieren. Wütend und trotzig watete sie aus dem Wasser, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er kehrte ihr nicht den Rücken zu, was jeder halbwegs anständige Mann getan hätte, sondern blieb einfach stehen und sah ihr zu. Kein Mann hatte sie bisher nackt gesehen, und für Lindy war die Situation ein einziger schrecklicher Albtraum. Sie fand ihre nackten Brüste viel zu üppig, ihre Figur zu mollig, und sie fühlte sich so schrecklich, dass es ihr nur mühsam gelang, Jeans und T-Shirt über die nasse Haut zu ziehen. In ihrer Panik nahm sie sich nicht die Zeit, sich vorher abzutrocknen oder in BH und Höschen zu schlüpfen.

Wie von Furien gehetzt, radelte Lindy nach Hause, wo sie schockiert und in Tränen aufgelöst die entwürdigende Szene nochmals durchlebte.

Zwei Tage später hatte Atreus Dionides ihr einen atemberaubenden Blumenstrauß mit einem Kärtchen geschickt, auf dem er sich entschuldigte und seine Telefonnummer vermerkt hatte. Sie solle ihn anrufen, dann würde er sie als Wiedergutmachung zum Essen ausführen. Der Mann hatte Nerven! Die unverfrorene Einladung hatte Lindy erst richtig in Rage gebracht.

Schon vor längerer Zeit hatte sie sich mit seiner Wirtschafterin Phoebe Carstairs angefreundet. Von ihr kannte sie seinen Ruf als Frauenheld. Bisher hatte Phoebe ihren reichen Chef noch nie zweimal mit derselben Dame erlebt. Er bevorzuge zierliche Blondinen mit Stilettos, hatte sie Lindy verraten, und alle würden ihn wie Groupies umschwärmen und gleich in der ersten Nacht mit ihm schlafen. Für Lindy war klar: Atreus Dionides war Schmeicheleien, Anbetung und schnellen Sex mit Frauen gewohnt, die ihn höchstens ein Wochenende lang amüsierten.

Doch in diese Kategorie von Damen würde sie sich niemals einreihen lassen! Und was bildete der Kerl sich eigentlich ein, ihr ein Wiedersehen vorzuschlagen, nachdem er sie so unverschämt behandelt hatte? Am Fluss hatte er seinen wahren Charakter gezeigt. Oberflächlich betrachtet, mochte er alles sein, was die Zeitung über ihn berichtet hatte – ein außergewöhnlich erfolgreicher Geschäftsmann, der ein bankrottes Familienunternehmen übernommen und zu einer marktbeherrschenden, ultramodernen Reederei gemacht hatte. Zugegeben, er sah umwerfend aus und war unglaublich reich und mächtig. Aber hinter der klassisch männlichen Erscheinung verbarg sich ein eiskalter, gefühlloser Frauenverächter ohne die geringsten Manieren. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie sich gewünscht, Atreus Dionides nie wiederzusehen.

Doch sehr viel schneller, als sie ahnte, sollte Lindy ihm wieder begegnen. Noch dazu in einer Situation, bei der sie es sich nicht leisten konnte, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn hasste und verachtete.

Ihr Schlafzimmer war der einzige Raum in dem kleinen Torhaus, von dem aus sie Chantry House sehen konnte. Durch die Bäume schimmerte der Westflügel des weitläufigen Anwesens, der im Moment wenig ansprechend wirkte, weil er zu Personalunterkünften umgebaut und seit Wochen durch hässliche Baugerüste verschandelt wurde.

Die Nacht war klar und wolkenlos, als Lindy kurz vor Mitternacht die Vorhänge zuzog und bemerkte, dass vom Dach des Westflügels Rauch aufstieg. Alarmiert blickte sie genauer hin und entdeckte eine zweite Rauchsäule. Sie wusste aus Phoebes Schilderungen, dass es in diesem Teil des Landhauses keinen Kamin gab, zudem war der Flügel immer noch unbewohnt. War dort ein Brand ausgebrochen? Ein eisiger Schauer durchfuhr sie. Erinnerungen, die sie längst überwunden geglaubt hatte, strömten zurück. In aufkommender Panik spähte sie zu dem Anwesen hinüber. Sie musste etwas unternehmen! Auch hinter einem leeren Fensterrahmen züngelten Flammen. Lindy griff zum Telefon, um die Feuerwehr zu alarmieren.

Dann rannte sie, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter und nahm ihr Handy, um Phoebe Carstairs anzurufen. Atreus Dionides’ Wirtschafterin wohnte im Ort und war die Schwester von Emma, der Chefin des Tierheims.

Aufgeregt lief Phoebe in ihren Garten hinaus, um über die Felder zu Chantry House hinüberzuspähen. „Meine Güte, ich kann den Rauch von hier aus sehen!“, rief sie entsetzt. „Wir müssen versuchen, die kostbaren Möbel und Gemälde aus dem Haus zu holen!“

„Hören Sie, Phoebe …“, unterbrach Lindy die Frau und drängte sie, die Nachbarn zusammenzutrommeln. „Wohnt in Chantry zurzeit jemand?“

„Ja, Mr Dionides. Heute Nachmittag ist er angereist. Ach ja … und Dolly ist auch dort, ich habe mir die Katze von Emma zum Mäusefangen ausgeborgt. Warten Sie kurz, Lindy, ich versuche, Mr Dionides über die andere Leitung zu erreichen.“

Einen Moment lang blieb das Telefon still, dann meldete sich Phoebe wieder. „Er nimmt nicht ab. Um Himmels willen, vielleicht hat er in den Rauchschwaden das Bewusstsein verloren! Hören Sie, Lindy, Sie wohnen doch gleich nebenan. Rennen Sie hinüber und wecken Sie ihn, ehe ihm etwas zustößt.“

Atemlos stürzte Lindy ins Freie und schwang sich auf ihr Fahrrad. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als dem schrecklichen Atreus Dionides zu Hilfe zu eilen, davon durfte auch ihre Angst vor Feuer sie nicht abhalten. So schnell sie konnte, radelte sie die Auffahrt entlang. Nirgends brannte Licht, das Anwesen wirkte wie ausgestorben. Vor der Eingangstreppe ließ sie das Fahrrad fallen, stürmte die Stufen zum Hauptportal hinauf und schlug mit dem schweren Klopfer heftig gegen die mächtige Tür. Verzweifelt hämmerte sie, bis ihr Arm schmerzte, dann versuchte sie es mit der anderen Hand. Als die Tür endlich geöffnet wurde, kamen über die Auffahrt mehrere Geländewagen angebraust.

„Was, zum Teufel …? Es ist nach Mitternacht.“ Verständnislos sah Atreus Dionides sie an.

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