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Die Geliebte des Prinzen

1. KAPITEL

Als Grace Cannon schon glaubte, schlimmer könne ihr Tag nicht mehr werden, spritzte ihr ein vorbeifahrender Rolls-Royce eine Ladung kaltes Wasser aus dem Rinnstein ins Gesicht. Sie kam gerade aus der U-Bahn-Station, eine Tüte mit Spitzenunterwäsche im Wert von mehr als tausend Pfund in der Hand. Das edle Dessous war als Geschenk für die Verlobte ihres Chefs gedacht.

Es war Mitte Dezember und klirrend kalt. Wie ein grauvioletter Schleier lag die Abenddämmerung über der Stadt. Trotz des Regens drängten sich noch zahlreiche Kauflustige auf den Bürgersteigen von Knightsbridge. Der eiskalte Wasserschwall traf Grace so unerwartet, dass sie das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Die Einkaufstüte flog ihr aus der Hand und landete im Dreck. Grace stieß einen Schrei aus und versuchte, ihr Gesicht vor dem unaufhaltsamen Strom vorwärtsstampfender Füße zu schützen.

„Halt, aus dem Weg! Machen Sie gefälligst Platz!“

Der große, dunkelhaarige Fremde, der mit starken Armen die Menge zurückhielt, war ihre Rettung. In seinem edlen schwarzen Kaschmirmantel beugte er sich über ihre am Boden liegende Gestalt.

Das Erste, was ihr auffiel, waren seine faszinierenden silbergrauen Augen, die in scharfem Kontrast zu seinem dunklen Teint standen. Alles an seiner imposanten, breitschultrigen Erscheinung symbolisierte Geld und Macht, von den italienischen Lederschuhen bis zu dem grauen Nadelstreifenanzug, der unter dem offenen schwarzen Mantel hervorsah.

Grace hatte noch nie einen so attraktiven Mann gesehen. Wangenknochen wie gemeißelt, ein kräftiges, entschlossenes Kinn, ein scharf geschnittenes, klassisches Profil. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu seinem schönen, sinnlichen Mund.

Lächelnd reichte er ihr die Hand. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf.“

Leicht benommen legte sie ihre Hand in seine, die so viel größer und kräftiger war. Grace war wie elektrisiert, als sich ihre Finger berührten. Das erschreckte sie beinahe noch mehr als das kalte Wasser, das sie abbekommen hatte.

„Danke“, flüsterte sie verwirrt.

Und dann erkannte sie ihn. Ihr stockte der Atem.

Prinz Maxim Rostov.

Sie sah noch einmal genau hin. Jeder Irrtum war ausgeschlossen.

Ihr Retter war Maxim Rostov, der sagenhaft reiche Prinz und bekannteste russische Milliardär in einer Stadt, in der es von Milliardären nur so wimmelte. Ein Mann, der sowohl im Geschäfts- als auch im Privatleben als derart skrupellos galt, dass Graces Chef verglichen mit ihm ein wahrer Heiliger war. Seit er sich vor zwei Monaten von seiner Verlobten getrennt hatte, zeigte er sich den Paparazzi jeden Abend mit einer anderen Frau.

Prinz Maxim Rostov. Der schärfste Rivale und erbittertste Feind ihres Chefs.

Und das war er schon gewesen, bevor ihr Chef sich sowohl Maxim Rostovs Verlobte als auch dessen Pläne, mit einem britischen Großkonzern zu fusionieren, unter den Nagel gerissen hatte.

„Verzeihen Sie bitte.“ Die kühlen grauen Augen des Prinzen musterten sie durchdringend. „Es war mein Wagen, der Sie nass gespritzt hat. Mein Chauffeur hat nicht aufgepasst.“

„Schon gut.“ Grace war sich überdeutlich der warmen, starken Hand bewusst, die noch immer die ihre hielt. Gerade noch war sie halb erfroren gewesen, aber jetzt hatte sie das Gefühl, innerlich zu zerschmelzen. Ihr war nicht nur heiß, sie glühte förmlich.

Höchste Zeit, dass sie ihre Hand wegzog. Sie durfte sich nicht von diesem Mann anfassen lassen, durfte noch nicht einmal mit ihm sprechen. Schließlich befand sie sich nur zwei Häuserblocks entfernt von dem Haus in Knightsbridge, das sie zusammen mit ihrem Chef bewohnte. Alan vertraute ihr voll und ganz. Er würde ihr nie verzeihen, wenn er erfuhr, dass sie sich auf ein Gespräch mit Prinz Maxim eingelassen hatte. Und gerade heute Abend war sie dringend darauf angewiesen, ihren Chef gnädig zu stimmen.

Und doch brachte sie es nicht fertig, ihre Hand aus der des Prinzen zu lösen. Er kam ihr vor wie einer dieser harten, ruchlosen, aber betörend attraktiven Leinwandidole früherer Zeiten. Ein zweiter Rudolph Valentino. Ein Frauenheld und skrupelloser Verführer. Ein dunkler Engel, gesandt, um unschuldige Mädchen ins Verderben zu locken …

Seine starken Finger schlossen sich fester um ihre Hand. Ein wohliges Prickeln durchlief ihren Körper.

„Ich bringe Sie nach Hause.“

„Nein!“, lehnte sie zitternd ab. „Nicht nötig.“

Prinz Maxim zog sie näher und wischte sorgfältig das Wasser von ihrem triefend nassen Ärmel. Sie spürte seine Berührung durch den Wollstoff ihres Mantels hindurch, und schon war die bittere Kälte wieder vergessen. Ihr war, als läge sie nackt in Kalifornien am Strand und der heiße Santa-Ana-Wind striche sanft über sie hinweg.

„Ich bestehe darauf.“

Sie glaubte zu spüren, wie sich zwischen ihren Brüsten winzige Schweißperlchen bildeten. „Nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich wohne ganz in der Nähe.“

„Ich möchte es aber“, beharrte er lächelnd, ohne ihre Hand loszulassen.

Ihr Mund war wie ausgetrocknet. Nicht einmal Alan, ihr Chef, in den sie seit zwei Jahren hoffnungslos verliebt war, hatte jemals auch nur annähernd solche Gefühle in ihr ausgelöst wie dieser Mann. Auch nicht, bevor er sich mit einer anderen verlobt und Grace beauftragt hatte, ein Weihnachtsgeschenk für seine Braut zu besorgen.

Das Geschenk!

Erschrocken sah sie sich nach allen Seiten um. Dann entdeckte sie ihre Einkaufstüte, die gerade von einem schwarzen Taxi erfasst wurde. Die lavendelfarbene Schachtel rutschte heraus und geriet unter die Räder des Gegenverkehrs.

„Oh, nein!“

Mit einem Aufschrei riss sich Grace von der Hand des Prinzen los, bereit, sich in das Gewühl von Autos, Doppeldeckerbussen und Taxis zu stürzen. Doch Prinz Maxims starker Arm hielt sie zurück.

„Wollen Sie sich etwa umbringen?“ Sein Englisch war perfekt, mit einem ganz leichten, wohlklingenden Akzent. „Sie werden doch nicht für die Schachtel da Ihr Leben riskieren?“

„In der Schachtel da“, erwiderte sie aufgebracht, „befindet sich das Weihnachtsgeschenk meines Chefs für seine Verlobte. Seidene Unterwäsche aus der Edelboutique Leighton. Ohne sie darf ich ihm nicht unter die Augen treten!“

„Ihr Boss ist es nicht wert, dass Sie sich für ihn in Gefahr bringen.“

„Mein Chef ist Alan Barrington!“, erwiderte sie empört, um dann ängstlich auf seine Reaktion zu warten. Schließlich hatte sie ihm gerade eröffnet, dass sie für seinen Erzfeind arbeitete, seinen schärfsten Konkurrenten in der Gas- und Ölindustrie. Dem Mann, der ihm nicht nur das Geschäft mit der Exemplary Oil Company, einem der führenden britischen Erdölproduzenten, sondern auch die Freundin weggeschnappt hatte, die bildschöne, temperamentvolle Lady Francesca.

Prinz Maxims attraktives Gesicht aber ließ keinerlei Regung erkennen. Darin unterschied er sich grundlegend von ihrem charmanten, immer zum Flirten aufgelegten Chef Alan, der sich in der Regel schon durch seine Mimik oder eine achtlos hingeworfene Bemerkung verriet.

Doch Alans lächelndes Gesicht verblasste in ihrer Erinnerung, als der Prinz ihr Kinn anhob, um ihr in die Augen zu sehen. „Ihr Chef hat dieses Opfer ganz sicher nicht verdient.“

Nervös befeuchtete sie sich die Lippen. „Wünschen Sie jetzt nicht, Sie hätten mich in ein Auto laufen lassen?“, fragte sie kleinlaut.

„Die Vorstellung, Ihrem Boss Probleme zu bereiten, ist zwar äußerst verlockend. Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie seinetwegen Ihr Blut vergießen.“ Sanft strich er ihr das Haar aus dem Gesicht. „Nennen Sie mich altmodisch, aber so bin ich.“

Sie konnte sich nicht erklären, weshalb er immer noch so freundlich zu ihr war. Warum beschimpfte er sie nicht und schickte sie zum Teufel? Einem Mann wie ihm fiel es sicher nicht schwer, eine Frau dahin zu locken, wo er sie haben wollte. Und sei es in die Hölle …

Energisch befreite sie sich aus seinem Arm. „Ich wage trotzdem einen Versuch.“

„Dessous kann man ersetzen.“

„Ersetzen, ja?“ Sie lachte zornig. „Aber sicher. In Ihrer Welt sind Dessous von Leighton vermutlich Wegwerfartikel, aber …“

„Ich komme selbstverständlich dafür auf“, sagte er ruhig.

Bei jedem anderen hätte sie dankend zugestimmt, aber nicht bei ihm. Er war der Feind ihres Chefs. Sie durfte seine Hilfe nicht annehmen.

Oder doch?

Wie in Zeitlupe sah sie einen riesigen roten Doppeldeckerbus heranrollen, dessen breite Reifen die lavendelblaue Schachtel in einer öligen Pfütze zerquetschten.

Alan würde toben vor Wut, wenn sie mit seiner um eine stolze Summe erleichterten Kreditkarte, aber mit leeren Händen zurückkam. Leuten, die ihn in Schwierigkeiten brachten, verzieh er nicht. Prinz Maxim hasste er seit Jahren, weil dieser ihm im Geschäftsleben immer wieder in die Quere kam. Als die Aktien der amerikanischen Firma Cali-West-Energy nicht zuletzt deswegen allmählich zu sinken begannen, waren Rufe nach Alans Ablösung als Geschäftsführer laut geworden.

Bis Alan vor sechs Wochen auf einem Wohltätigkeitsball Lady Francesca Danvers kennengelernt und eine stürmische Romanze mit ihr begonnen hatte. Allein diesem Umstand hatte er es zu verdanken, dass er nun die Unterstützung von Lady Francescas Vater genoss, dem Earl of Hainesworth. Dieser wiederum war seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Exemplary Oil Company, eben jenes Konzerns, mit dem Prinz Maxim Rostov eine Fusion anstrebte.

Nun sah es ganz so aus, als würde aus der geplanten russisch-britischen Zusammenarbeit eine amerikanisch-britische werden. Seit Wochen brüstete sich Alan damit, wie er seinen Gegner Prinz Maxim am Ende doch noch geschlagen hatte.

Grace hatte die Prahlerei ihres Chefs gar nicht gefallen. Zumal damit unweigerlich die Schilderung verbunden war, wie Alan die betörende rothaarige Lady Francesca erobert hatte.

Plötzlich kam ihr ein erschreckender Gedanke. Was, wenn Alan über die ruinierten Dessous so wütend war, dass er Schadenersatz verlangte? Wenn er ihren Lohn einbehielt, anstatt ihr den dringend benötigten Vorschuss zu gewähren?

„Lehnen Sie meine Hilfe nicht ab“, sagte Prinz Maxim. „Das wäre stur und dumm von Ihnen.“

„Stur und dumm, so heiße ich mit zweitem Vornamen“, versetzte Grace zornig.

Sie hätte in Los Angeles bleiben und dafür sorgen können, dass die Hypothek ihrer Mutter jeden Monat pünktlich abbezahlt wurde, aber nein. Stur und dumm, wie sie war, hatte sie sich in blinder Liebe an ihren Chef geklammert. Wie erbärmlich, dachte sie angewidert. Gab es keine Selbsthilfegruppen für Frauen, die hoffnungslos in ihren Chef verliebt waren, obwohl der sie für eine Art Roboter ohne Gefühle hielt?

„Stur und dumm, Miss Cannon?“, meinte ihr Gegenüber amüsiert. „Nennt man seine Kinder in den Vereinigten Staaten heute so?“

„Mein zweiter Vorname ist Diana.“ Grace sah ihn scharf an. „Aber das wissen Sie ja vermutlich auch. Woher kennen Sie meinen Nachnamen?“

„Sie sagten, Sie arbeiten für Barrington.“ Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Ich werde doch wissen, wie die engste Mitarbeiterin meines Konkurrenten heißt.“

Prinz Maxim Rostov kannte ihren Namen! Ihr wurde ganz warm bei dem Gedanken. Sie kam sich plötzlich sehr wichtig vor.

Und dann lief es ihr eiskalt über den Rücken. Er kannte ihren Namen. Er wusste, für wen sie arbeitete. War diese Begegnung, zwei Häuserblocks von Alans Villa entfernt, wirklich ein Zufall?

Sie war so durcheinander, dass sie beinahe von zwei beleibten, mit Kameras und Einkaufstüten behängten Touristen mit Nikolausmützen auf dem Kopf umgerannt wurde. Doch sie fing sich und sah dem Prinzen fest in die Augen. „Dann verstehen Sie sicher, dass ich keine Gefälligkeiten von Ihnen annehmen kann.“

Prinz Maxim wirkte völlig unbeeindruckt.

„Barrington hat nichts damit zu tun. Ich begleiche nur eine persönliche Schuld bei Ihnen“, erklärte er und lächelte sie so verschwörerisch an, dass sie ein Kribbeln bis in die Zehenspitzen verspürte. „Ich will doch meinen Feinden nichts schuldig bleiben.“

Grace schluckte trocken. „Ich würde mich nicht unbedingt als Ihre Feindin bezeichnen …“

„Dann ist ja alles in Ordnung.“

„Obwohl …“

Wieder ergriff er ihre Hand. Grace hatte gar nicht gewusst, wie erotisch es sein konnte, den warmen Händedruck eines Mannes zu spüren. Nach der jahrelangen vergeblichen Schwärmerei für ihren Chef war diese Berührung das Intimste, das sie je mit einem Mann erlebt hatte. Bis auf …

Ja, bis auf jenen Zwischenfall spätabends nach der Halloween-Party in der Firma. Als der reichlich angeheiterte Alan sie in die Arme genommen und ihr einen schmatzenden Kuss auf die Lippen gedrückt hatte, bevor er auf der Couch im Büro zusammengesackt war.

Dies war peinlicherweise der erste – und bisher einzige – Kuss ihres Lebens gewesen. In der Schule und auf dem College hatte sie ihre Zeit lieber zum Lernen genutzt, als sich mit Jungen zu treffen. Nach dem Tod ihres Vaters, als sie ihr Studium abbrechen musste, war sie ohnehin viel zu traurig für solche Vergnügungen gewesen. Und während der Jahre als Aushilfssekretärin in L. A. hatte sie alle Hände voll zu tun gehabt, ihre trauernde Mutter und ihre jüngeren Brüder über Wasser zu halten.

So kam es, dass sie mit ihren fünfundzwanzig noch Jungfrau war. Eine richtige Schrulle! Und Welten entfernt von der Liga, in der ein Maxim Rostov spielte.

Doch er war schuld an dem Malheur mit den verlorenen Dessous. War es nicht nur fair, ihn für den Schaden aufkommen zu lassen? Zumal ihr andernfalls der Ruin drohte …

Nachdenklich spitzte sie die Lippen. Sie war mehr als versucht, sein Angebot anzunehmen. Er strich sanft mit seinen Fingern über ihren Handrücken, und augenblicklich spürte sie, wie sich die Spitzen ihrer Brüste aufrichteten. Röte überzog ihre Wangen, als sie sah, wie der Blick des Prinzen zu ihrem Mund glitt.

„Es ist kalt“, sagte er. „Mein Wagen wartet.“

„Aber … bei Leighton ist alles sündhaft teuer“, wandte sie hastig ein. „Dagegen sind Hermès und Louis Vuitton die reinsten Billigläden!“

„Ich werde es verkraften“, meinte er trocken und dirigierte sie in Richtung der schwarzen Rolls-Royce-Limousine, die an der Ecke wartete.

Seine warme Hand an ihrem Rücken brachte ihren Widerstand endgültig zum Erliegen. „Aber Alan darf nichts davon erfahren“, flüsterte sie nur, bevor sie kapitulierte.

Prinz Maxim lächelte kaum merklich. „Einverstanden.“

„Danke“, hauchte sie.

„Ich danke Ihnen“, sagte er, ein vergnügtes Funkeln in den Augen. „Die Gesellschaft einer schönen Frau ist mir immer willkommen.“

Damit war der Bann gebrochen. Grace hätte beinahe laut herausgelacht, kaschierte es aber mit einem Hüsteln.

Sie und schön? Das sollte wohl ein Witz sein! Sie wusste, dass sie nichts Besonderes war. Und jetzt, ungeschminkt, im nassen Mantel und einem Kostüm aus dem Secondhand-Laden, das Haar achtlos zum Pferdeschwanz gebunden, musste sie aussehen wie ein begossener Pudel.

Warum also sollte ihr ein schöner Prinz zu Hilfe eilen? Nur weil sein Fahrer zu schnell durch eine Pfütze gefahren war und sie nass gespritzt hatte? Sie fragte sich, ob Prinz Maxim Rostov wirklich nur aus Edelmut und weihnachtlicher Nächstenliebe so nett zu ihr war.

Steckte vielleicht doch etwas anderes dahinter?

Ihr Misstrauen flammte wieder auf. Früher hatte sie von allen nur das Beste angenommen, doch seit sie für Alan arbeitete, wusste sie, wie hinterhältig Menschen sein konnten. Im Geschäft und in der Liebe.

Spekulierte der Prinz darauf, mit ihrer Unterstützung die Fusionsmöglichkeit und seine Verlobte zurückzubekommen?

„Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich nicht über Alan oder Geschäftliches mit Ihnen sprechen werde, nur weil Sie mir diesen Gefallen erweisen“, sagte sie.

Er streifte sie mit einem prüfenden Blick. „Glauben Sie, ich sei auf Ihre Hilfe angewiesen?“

„Sind Sie es nicht?“

An der Limousine angekommen, nickte er seinem Chauffeur kurz zu und hielt Grace die Wagentür auf. „Steigen Sie ein.“

Mitten im weihnachtlichen Einkaufstrubel blieb sie stehen und sah unschlüssig auf die offene Tür. War sie gerade dabei, sich auf einen Pakt mit dem Teufel einzulassen?

„Sie haben doch nicht etwa Angst vor mir, Miss Cannon?“, fragte Maxim Rostov spöttisch, als sie sich nicht von der Stelle rührte.

Sie sah in sein schönes, markantes Gesicht. Doch, sie hatte Angst vor ihm. Vor seinem Reichtum, seiner Macht, seiner berühmt-berüchtigten Skrupellosigkeit.

Noch mehr aber vor den Gefühlen, die er in ihr weckte, wann immer er sie berührte. Oder sie ansah.

„Nein“, log sie und schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Angst vor Ihnen.“

„Dann steigen Sie ein.“ Er öffnete die Tür ein Stück weiter.

Ein scharfer Wind blies Grace die nassen Schneeflocken ins Gesicht, die jetzt vom Himmel fielen. Das blonde Haar klebte an ihren Wangen. Doch sie spürte die Kälte nicht. Prinz Maxims dunkler, beschwörender Blick machte jede Gegenwehr zwecklos.

So traf sie denn eine Entscheidung, da ihr eigentlich gar keine andere Wahl blieb, und kletterte auf die Rückbank des Rolls-Royce. Die Tür fiel zu. Grace schrak auf wie eine Schlafwandlerin, die sich plötzlich im Buckingham-Palast wiederfand und nicht wusste, wie sie dort hingekommen war. Hier saß sie nun, in Prinz Maxim Rostovs Limousine. Sie hatte sich mit dem Feind verbündet.

Aber er ist nicht mein Feind, dachte sie verwirrt, als sie ihn um den Wagen herumkommen sah. Er ist Alans Feind. Doch war nicht der Feind eines Freundes automatisch ein Feind? Oder der Feind eines Feindes ein Freund …

Die Tür ging auf, und der bestaussehende, meistgefürchtete Geschäftsmann von ganz London nahm neben ihr auf der ledernen Rückbank Platz. Wieder wurde ihr ganz heiß und zittrig, als er ihr einen langen Blick zuwarf.

„Warum sind Sie eigentlich so nett zu mir?“, fragte sie verlegen.

„Bin ich das?“

„Wenn Sie mich über meinen Chef aushorchen wollen …“

„Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe und der Freude“, verkündete er mit breitem Raubtierlächeln und ließ seine blitzweißen Zähne sehen. „Und ich werde Ihnen Freude bereiten.“ Er wandte sich an seinen Chauffeur. „Davai.“

Leise surrend setzte sich der schwarze Rolls-Royce in Bewegung. So kam es, dass Grace den grauen Alltag, das Gedränge und die bittere Kälte hinter sich ließ und von Prinz Maxim Rostov in seine Welt des Luxus entführt wurde.

2. KAPITEL

Maxim warf einen kurzen Blick auf die junge Frau neben ihm im Wagen, die ihn aus ihren hübschen blauen Augen verwirrt ansah, während sie in Richtung Mayfair fuhren. „Nett“ hatte Grace Cannon ihn genannt. Er wiederholte es in Gedanken, als sei es ein Fremdwort für ihn.

Nett?

Prinz Maxim Rostov hatte seine Machtposition nicht durch Nettsein erlangt.

Sein Urgroßvater war nett gewesen, damals während seines Pariser Exils. Er hatte das Geld mit vollen Händen ausgegeben, als sei er immer noch ein Großfürst mit eigenen Ländereien in Sankt Petersburg. Hatte jeden armen Schlucker beschenkt, der sich in seine Unterkunft verirrte.

Auch sein Großvater war nett gewesen. So nett, dass er das Wenige, das vom Vermögen der Rostovs noch übrig war, in London verprasst hatte, wo er vergeblich auf den Rückzug der Sowjets aus Russland wartete. Und darauf, dass man ihn bat, in sein Heimatland zurückzukehren.

Und sein Vater war nett gewesen. In dem verzweifelten Bemühen, für seine süße, junge amerikanische Ehefrau zu sorgen, hatte er die niedersten Arbeiten verrichtet, ehe er sich, so wie sein Vater vor ihm, mit Wodka zu Tode trank. Und seine Frau mit dem elfjährigen Sohn und der neugeborenen Tochter allein in Philadelphia zurückließ.

Maxim aber … Maxim war nicht nett. Er war egoistisch. Er war skrupellos. Er nahm sich, was er haben wollte. Auf diese Weise hatte er aus dem Nichts heraus ein Milliardenvermögen aufgebaut.

Und jetzt wollte er Grace Cannon.

Eine ganze Stunde hatte er auf sie gewartet. Hatte seinen Chauffeur angewiesen, die Straße auf und ab zu fahren, um die junge Frau abzupassen, wenn sie aus der U-Bahn-Station Knightsbridge kam. Er wusste, dass sie bei Barrington im Souterrain wohnte.

Diese junge amerikanische Sekretärin war der Schlüssel zu allem.

Sie würde ihm helfen, Barrington endgültig zu vernichten. Der Mann war ihm schon lange ein Dorn im Auge, doch diesmal hatte er den Bogen wirklich überspannt. Wie konnte er es wagen, ihm, Maxim Rostov, nicht nur den Geschäftspartner, sondern auch die Freundin auszuspannen?

Wenn Barrington glaubte, sich durch die Verlobung mit Francesca vor dem Ruin retten zu können, dann hatte er sich getäuscht. Er würde weder die Braut noch das Geschäft bekommen. Maxim würde ihn ruinieren. Der Kerl hatte es nicht besser verdient. Und Grace Cannon würde ihn dabei unterstützen, ob sie wollte oder nicht.

Lächelnd wandte er sich ihr wieder zu und deckte ein weiches Kaschmirplaid über ihre fröstelnde Gestalt.

„Danke“, sagte sie mit zittriger Stimme.

„Gern geschehen.“

„Sie sind ganz anders, als ich Sie mir vorgestellt habe“, bemerkte sie leise. „Nicht so, wie die Leute sagen.“

„Was sagen sie denn?“ Lässig den Arm auf der Lehne hinter ihrem Kopf abgestützt, rückte er näher an sie heran. Trotz der wärmenden Decke fing sie noch heftiger an zu zittern.

„Man sagt, Sie seien ein … gewissenloser Playboy. Der die Hälfte seiner Zeit damit verbringt, Konkurrenten zu vernichten, und die andere Hälfte mit der Eroberung von Frauen.“

Er lachte. „Stimmt.“ Er rutschte noch ein Stück näher und sah ihr in die Augen. „Genauso bin ich.“

Als sein Bein das ihre berührte, zuckte sie zurück.

Sie war nervös. Sehr nervös. Und dafür gab es drei mögliche Gründe.

Erstens – sie hatte Angst vor ihm. Doch das war eher unwahrscheinlich, sonst wäre sie gar nicht erst in seinen Wagen gestiegen. Zweitens – sie hatte keine Erfahrung mit Männern. Auch diese Möglichkeit schloss er aus. Keine Fünfundzwanzigjährige war heutzutage noch Jungfrau. Zumal sie nicht nur für Alan Barrington arbeitete, sondern auch mit ihm im selben Haus wohnte. Er hatte sie sicher schon des Öfteren vernascht.

Das ließ nur eine Möglichkeit offen. Sie war reif, von Maxim erobert zu werden.

Er unterzog sie einer ausführlichen Musterung. Sie war keine Frau, die einem Mann auf Anhieb ins Auge fiel. Verglichen mit Francesca, diesem feurigen Paradiesvogel mit dem flammend roten Haar, den langen, rot lackierten Fingernägeln und blutrot geschminkten Lippen, wirkte Grace Cannon eher wie eine graue Maus, unauffällig, plump gekleidet und scheu.

Und doch …

Bei genauerem Hinsehen entpuppte sie sich als weit weniger unscheinbar, als er zunächst angenommen hatte. Er hatte sich von ihrem schlecht sitzenden Mantel und dem nassen Pferdeschwanz täuschen lassen.

Ihr Teint war auch ohne Make-up makellos glatt und zart. Ihre Wimpern und Augenbrauen waren hell, beinahe durchscheinend, was bewies, dass der herrliche Blondton ihres Haares reine Natur und nicht das Werk eines Friseurs war. Sie trug keinen Lippenstift, und ihre Zähne waren nicht künstlich gebleicht wie die eines Filmstars. Und doch hatte sie das wärmste, strahlendste Lächeln, das Maxim je gesehen hatte. Obwohl sie keine spindeldürren Modelmaße besaß, ließen ihre wohlproportionierten Kurven sie in seinen Augen umso begehrenswerter erscheinen.

Erstaunt stellte er fest, dass diese unscheinbare Sekretärin eine Schönheit war.

Eine verkappte Schönheit. Doch die unvorteilhafte Kleidung und die Zottelfrisur konnten nicht verbergen, welch reizvolles Wesen sich darunter verbarg.

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