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Die Geliebte des Milliardärs

PENNY JORDAN

Die Geliebte des Milliardärs

1. KAPITEL

Unauffällig musterte Carly die bunt zusammengewürfelte Gruppe, die sie als Mitarbeiterin einer der renommiertesten und exklusivsten Event-Agenturen des Landes betreute. Heute hatte ihre Agentur eine Party für einen Banker organisiert, der beschlossen hatte, seinen vierzigsten Geburtstag im „CoralPink“ zu feiern – dem Londoner Nachtklub. Sie selbst hätte diesen Ort bestimmt nicht gewählt, aber bei ihnen war der Kunde König.

Dass seine Ehefrau sich allerdings zunehmend darüber ärgerte, wie viel Beachtung er den Partyludern schenkte, war nicht zu übersehen. Auf seinem Tisch standen schon sechs leere Flaschen Champagner, und ein Gast des Kunden lud gerade eine junge Frau ein, sich zu ihnen zu setzen. Niedergeschlagen stellte Carly wieder einmal fest, dass in der erotisch aufgeladenen Atmosphäre eines Nachtklubs die Libido der Männer unheilvoll anstieg und die Ehefrauen infolgedessen immer gereizter wurden.

Von Anfang an hatte sie sich gegen diesen Auftrag gesträubt. So etwas war einfach nicht ihr Fall. Viel lieber mochte sie solche Events wie den am letzten Wochenende: Eine kinderreiche Familie wünschte sich für die Großmutter eine fröhliche Überraschungsparty zum achtzigsten Geburtstag. Weil die Leute nicht viel Geld ausgeben konnten, hatte Carly ziemlich tricksen müssen, damit sie ihnen trotzdem alle Wünsche erfüllen konnte. Auf das Ergebnis war sie mit Recht stolz gewesen.

Wenn Mike Lucas nicht endlich aufhörte, mit der Brünetten zu flirten, die er sich geschnappt hatte, würde seine Frau bald vor Wut explodieren. Schnell stand Carly auf und ging zu ihm, um die Situation zu entschärfen, bevor sie völlig außer Kontrolle geriet.

Missmutig fragte sich Ricardo, warum um alles in der Welt er sich hatte überreden lassen, hierher zu kommen. Schon jetzt hatte er die Lust an dem geplanten Geschäft verloren. Die ganze Gesellschaft in diesem Laden war ihm zuwider. Reiche unmoralische Männer, die von habgierigen und genauso unmoralischen Frauen ausgenommen werden, dachte er zynisch.

An einem Tisch einige Meter von ihm entfernt saßen Männer um die vierzig mit ihren Partnerinnen oder Ehefrauen und beobachteten die spärlich bekleideten Partymiezen, von denen es im Nachtklub nur so wimmelte. Gerade stand eine Frau von ihrem Platz auf – jünger als die anderen in der Gruppe, aber auch kein junges Mädchen mehr – und ging um den Tisch, dorthin, wo einer der Männer eine kichernde langbeinige Brünette befummelte, für die er eine Sekunde zuvor eine weitere Flasche Champagner bestellt hatte.

„Mike.“ Lächelnd neigte sich Carly zu ihm.

„Hallo, meine Schöne. Möchtest du Champagner?“ Mike griff nach ihr, zog sie auf sein Knie und umfasste ihre Brust.

Augenblicklich erstarrte Carly. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu, doch Mike war viel zu betrunken, um es zu bemerken. Nun zog er die Brünette auf sein anderes Knie, und im Gegensatz zu Carly machte sie deutlich, dass sie die Aufmerksamkeit genoss.

„Seht mal, was ich hier habe!“ rief Mike seinen Freunden zu. Er betatschte auch die Brünette und grölte: „He, wie wäre es mit diesen beiden Süßen für einen flotten Dreier, Jungs?“

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Ricardo die unappetitliche Szene. Für ihn war der Anblick von Frauen, die sich verkauften, nichts Neues, schließlich war er in den Armenvierteln von Neapel aufgewachsen. Doch diese verzogenen, verwöhnten und faulen Frauen der Oberschicht mit ihren Designerkleidern und dem Cartierschmuck waren seiner Meinung nach viel verdorbener als die Prostituierten in den engen Gassen Neapels. Schlecht gelaunt schob er seinen Stuhl zurück, stand auf und warf einen Haufen Geldscheine auf den Tisch. Der Mann, der ihn in den Klub eingeladen hatte, unterhielt sich mit jemandem an der Bar. Ohne sich von ihm zu verabschieden, verließ Ricardo den Nachtklub.

Als Milliardär konnte er es sich leisten, auch einmal unhöflich zu sein.

Ordentlich lagen die Zeitungen auf dem Schreibtisch, sorgfältig vom ranghöchsten seiner vier persönlichen Assistenten dort hingelegt. Längst war es zu einem Ritual geworden, dass Ricardo morgens im Büro zwei Tassen starken Kaffees ohne Milch und Zucker trank und bei der zweiten Tasse die Zeitungen las. Mit geschultem Blick durchblätterte er die Seiten und hatte schnell gefunden, was er suchte. Mit einem zynischen Lächeln, das gar kein richtiges Lächeln war, bleckte er kurz die strahlend weißen Zähne. Blendend setzten sie sich gegen den dunklen Teint ab, der seine italienische Herkunft verriet. Mochten seine Gesichtszüge vielleicht nicht klassisch schön sein, war er doch ein so attraktiver Mann, dass er schnell Aufmerksamkeit erregte, besonders bei Frauen, die sich der feurigen, provozierenden Sexualität bewusst waren, die er ausstrahlte.

Er brauchte nicht lange auf die erst kürzlich überarbeitete und mit viel Gerede verbundene „Liste der Superreichen“ zu blicken, um seinen Namen zu entdecken. Tatsächlich konnte er die über ihm aufgeführten Leute an den Fingern einer Hand abzählen.

Ricardo Salvatore, Milliardär. Geschätztes Vermögen … Als er die Zahl las, die bei weitem nicht an sein tatsächliches Vermögen herankam, lachte Ricardo grimmig. Dass er Single und zweiunddreißig Jahre alt war, traf zu. Falsch war allerdings, dass angeblich das Erbe seines Onkels den Grundstock für seinen Reichtum gebildet hatte. Darunter stand, es gehe das Gerücht, dass Ricardo Salvatore in Anerkennung seiner großzügigen Spenden für karitative Zwecke die Ritterwürde verliehen werden sollte.

Jetzt lächelte Ricardo zum ersten Mal an diesem Morgen richtig. Die Ritterwürde! Nicht schlecht für jemanden, der in früher Kindheit seine Eltern bei einem Zugunglück verloren hatte, aus dem Waisenhaus ausgerissen und im Grunde mutterseelenallein in den schlimmsten Vierteln von Neapel aufgewachsen war. Es war hart und brutal gewesen, trotzdem respektierte Ricardo die Gefährten seiner Jugend eher als die meisten Menschen, mit denen er heute verkehrte.

Familiäre Bindungen und enge Freundschaften hatten niemals zu seinem Leben gehört, daher vermisste er auch beides nicht. Im Grunde gefiel es ihm sogar, dass er allein und vollkommen unabhängig von den Forderungen anderer war. Er lebte nur nach seinen eigenen Regeln; was andere von ihm dachten, war ihm nicht wichtig. Mit achtzehn Jahren hatte er beim Glücksspiel so viel Geld gewonnen, dass er sein erstes Containerschiff kaufen konnte.

Ricardo legte die Zeitung zur Seite und griff nach einem Ordner mit der Aufschrift „Potenzielle Käufe“. Als umtriebiger Geschäftsmann hielt er ständig Ausschau nach viel versprechenden Firmen, und die Event-Agentur Prêt a Party würde sehr gut in sein Imperium passen.

Vor kurzem hatte ein Geschäftsfreund das Unternehmen erwähnt und ihm erzählt, er sei gut mit der Familie der jungen Besitzerin bekannt. Nach ersten Nachforschungen war Ricardo überrascht gewesen, dass ein Finanzgenie wie Marcus Canning das Potenzial der Firma nicht selbst bemerkt hatte.

Da Ricardo von Natur aus ein Jäger war, genoss er – wie alle Jäger – die Verfolgung fast ebenso sehr wie den unvermeidlichen „Abschuss“. Prêt a Party mochte nur eine kleine „Beute“ sein, dennoch plante er die Jagd sehr sorgfältig. Sich detaillierte Geschäftsberichte zu besorgen, wäre der normale Weg bei einer Firmenübernahme, doch Ricardo hielt nicht viel davon. Erstens würde er damit andere Jäger auf sein Interesse aufmerksam machen, und zweitens zog er seine eigenen Methoden vor und verließ sich lieber auf seinen Instinkt.

Zunächst einmal wollte er so viel wie möglich darüber herausfinden, wie effizient und rentabel das Unternehmen war. Natürlich könnte die Besitzerin Lucy Blayne ihm diese Informationen am ehesten geben, aber es war unwahrscheinlich, dass sie ihm die nötigen Auskünfte für eine feindliche Übernahme ihrer Agentur liefern würde. Deshalb hatte Ricardo beschlossen, sich als potenzieller Kunde auszugeben. Als pedantischer und sehr wählerischer Kunde, der genau wissen wollte, wie alles funktionierte. Er würde darauf bestehen, mit eigenem Auge zuzusehen, wie bei Prêt a Party ein Event organisiert wurde.

Damit man ihm diesen exzentrischen Wunsch erfüllte, musste er natürlich einen sehr verlockenden Köder für Lucy Blayne auslegen.

Und genau das würde er tun.

„Carly! Dem Himmel sei Dank, dass du da bist! Hier herrscht das absolute Chaos!“

Als Carly das elegante Büro von Prêt a Party in der Sloane Street betrat, hatte sie das Gefühl, dass die Dinge wirklich schlimm stehen mussten. Denn ihre alte Schulfreundin und jetzige Arbeitgeberin, die gutherzige, freundliche Lucy Blayne, war so in Hektik, dass sie nicht einmal fragte, wie der Event vom letzten Abend gelaufen war.

Mindestens ebenso hektisch lief eine hübsche, aber reichlich verängstigt aussehende neue Kollegin herum und versuchte, mit dem Nonstopklingeln des Telefons fertig zu werden. Währenddessen versicherten zwei andere Angestellte, die nicht neu waren, ihren Kunden, dass die Vorbereitungen für ihren großen Event im Gang seien und problemlos liefen.

„Wir haben sooo erstaunlich viel zu tun. Die Werbeparty, die wir für das It-Girl der angesagten Schmuckdesigner organisiert haben, wurde in Vogue erwähnt. Und Nick hat enorm viele neue Kunden in die Agentur gebracht“, schwärmte Lucy.

Stumm hörte Carly ihr zu und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie Nick nicht mochte. Keinesfalls konnte sie ihrer Freundin erzählen, warum. Schwer verliebt in ihren Ehemann, wie Lucy es nun einmal war, würde es sie sehr verletzen, wenn sie erfuhr, dass er sich an Carly herangemacht hatte. Und das nur wenige Tage, nachdem Lucy ihn ins Unternehmen eingeführt hatte.

„Oh!“ Die hübsche junge Frau sah geschockt aus und ließ vor Schreck fast den Telefonhörer fallen. „Es ist der Duke of Ryle“, verkündete sie atemlos. „Er möchte Sie sprechen.“

Lucy verdrehte lachend die Augen. „Verschwinde bitte nicht gleich wieder, ich muss etwas Wichtiges mit dir besprechen“, flüsterte sie Carly noch schnell zu, bevor sie fröhlich sagte: „Onkel Charles, das ist aber nett. Wie geht es Tante Jane?“

In ihrem eigenen kleinen Büro entdeckte Carly sofort den Zettel auf ihrem Schreibtisch. Während sie ihn las, lächelte sie breit.

ACHTUNG! Lucy ist schwer am Rotieren. Jules.

Sie waren zusammen auf dem Internat gewesen – Lucy, Julia und Carly. Ebenso wie Julia, genannt Jules, war auch Carly zuerst sehr skeptisch gewesen, als Lucy ihnen von ihrem Plan, eine Event-Agentur zu gründen, erzählt hatte. Aber Lucy konnte sehr überzeugend sein. Und da sie keinen anderen Job in Aussicht hatten und Lucy dank ihres großen Treuhandvermögens nicht nur das Unternehmen gründen, sondern ihren Freundinnen auch ein ansehnliches Gehalt zahlen konnte, gab es keinen Grund abzulehnen.

Jetzt, drei Jahre später, musste Carly zugeben, dass es ganz danach aussah, als würde Lucys Firma ein großer Erfolg werden. Allerdings nur, wenn sie selbst weiter darauf bestand, dass sie hübsch auf dem Teppich blieben und ihre Kosten im Griff hatten.

„Komm zurück, du kleine Träumerin!“ rief eine Stimme hinter ihr und riss sie damit aus ihren Gedanken.

„Jules!“

„Und? Wie ist es gestern Abend gelaufen?“

Carly verzog das Gesicht. „Der Journalist, der Mike Lucas dabei geknipst hat, wie er mit der einen Hand die Honourable Seraphina Ordley und mit der anderen mich betatscht hat, wird seinen Fehler inzwischen eingesehen haben: ‚Du solltest die Nichte eines Großaktionärs unserer größten Boulevardzeitung niemals in einer Pose fotografieren, die sich eher für eine gescheiterte Kandidatin aus ‚Big Brother‘ eignet.‘“

„Ordley?“ fragte Jules nachdenklich. „Dann ist sie eine Harlowe.“ Da Jules die Enkeltochter eines Earls war, kannte sie den Adelskalender „Burke’s Peerage“ in- und auswendig. „Angeblich lautet das Motto der Harlowes in etwa ‚Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.‘ Charles II. hat diesen Titel verliehen“, erklärte sie weiter. „Er hat solche Titel mit Vorliebe als Abschiedsgeschenk an seine abgelegten Geliebten verteilt. Du lächelst ja gar nicht“, beschwerte sie sich.

„Das würdest du auch nicht tun, wenn du gestern Abend dort gewesen wärst.“

„Oje! So schlimm?“

Statt zu antworten, sah Carly ihre Freundin nur an.

„Okay, ich entschuldige mich. Ich hätte hingehen sollen, und ich habe es auf dich abgeschoben. Hat er dich wirklich begrapscht? Was hast du gemacht?“

„Ich habe mich daran erinnert, dass uns der Abend sechstausend Pfund einbringt.“

„Ah.“

„Und dann habe ich eine volle Flasche Champagner in seinen Schritt fallen lassen.“

„Oh!“ Jules lachte.

„Es war nicht lustig. Ich habe Lucy sehr gern, und die meiste Zeit bin ich ihr wirklich sehr dankbar, dass sie mich bei der Gründung dieses Unternehmens mit einbezogen hat. Aber wenn es um Events wie den von gestern Abend geht…“

„Nick hat uns den Auftrag verschafft, oder?“

„Ja.“

„Und dein Wochenende? Hast du … sie besucht?“ fragte Jules vorsichtig.

Carly runzelte die Stirn. Obwohl die drei sich so nahe standen, dass sie keine Geheimnisse voreinander hatten, war ihr die Loyalität der eigenen Familie gegenüber trotzdem in Fleisch und Blut übergegangen. Dabei hätte sie allen Grund, sich von ihrer so genannten Familie zu distanzieren.

Jules, die Honourable Julia Fellowes, wie die korrekte Anrede lautete, legte ihr tröstend die Hand auf den Arm, und da erst gab Carly ihre Verschwiegenheit auf.

„Es war grässlich. Ich glaube, sie haben es noch immer nicht richtig begriffen, und sie haben mir so Leid getan. Schließlich haben sie das Gut verloren und alles, was dazugehört. Dabei war ihnen das Prestige immer so wichtig, das ihnen der Besitz verliehen hat.“

„Zumindest haben sie dank dir ein Dach über dem Kopf.“

„Das Witwenhaus.“ Bitter verzog Carly das Gesicht. „Im Grunde hassen sie es, darin wohnen zu müssen.“

„Wie bitte? Und was heißt hier müssen? Dürfen wäre wohl eher angebracht. Du hast dich fast an den Bettelstab gebracht, um es ihnen zu kaufen. Also wirklich, Carly!“ ereiferte sich Jules.

„Auch wenn ich mir keinen Designerlebensstil leisten kann, nage ich wohl kaum am Hungertuch. Und weil du so großzügig bist, wohne ich mietfrei in einer der nobelsten Gegenden von London. Ich habe einen Job, den ich liebe, mache schöne Reisen …“ Anfangs hatte Carly sich gegen Jules großherziges Angebot gesträubt, bei ihnen beiden einzuziehen. Die „beiden“ waren Jules und ihr berüchtigter Tick, einkaufen zu gehen, wenn sie einen schlechten Tag hatte. Andere aßen Schokolade oder fetzten sich mit ihrer Mutter, Jules kaufte Schuhe. Sie selbst hingegen hatte immer nur gespart. Erst Pennys und dann ihr Taschengeld – ihr Trostgeld. Nicht, dass es sie wirklich getröstet hatte. Zumal ihr Bankkonto ständig leer war – dank der Bedürfnisse ihrer Adoptiveltern.

„ … und du trägst eine Last, die man niemandem aufbürden sollte“, beendete Jules Carlys Aufzählung.

„Ich wünschte, ich hätte länger bleiben können. Ich habe mich so schuldig gefühlt, als ich sie allein gelassen habe“, überging Carly den Einwand der Freundin.

„Das ist doch vollkommen verrückt, Carly. Du schuldest ihnen nichts. Ganz im Gegenteil! Wenn ich nur daran denke, was sie dir angetan haben, könnte ich aus der Haut fahren!“

„Immerhin haben sie mir eine erstklassige Ausbildung ermöglicht“, erwiderte Carly ruhig. In Momenten wie diesem wurde ihr immer schmerzlich bewusst, wie groß die Kluft zwischen ihr und den anderen beiden war. Obwohl sie zusammen auf demselben exklusiven Internat gewesen waren, lagen Welten zwischen ihnen.

„Aber du hast einen ziemlich hohen Preis dafür zahlen müssen.“

Carly antwortete nicht. Schließlich stimmte es, wenn auch nicht so, wie Jules es gemeint hatte. Für Carly war das Wissen, dass sie immer eine Außenseiterin bleiben würde, eine unerträgliche Belastung.

Voller Mitgefühl umarmte Jules sie liebevoll.

Die hübsche brünette Julia und die weichherzige blonde Lucy. Carly hatte beide beneidet. Genau wie alle anderen Mädchen auf dem Internat. Mädchen, die wussten, dass sie ihren rechtmäßigen Platz einnahmen. Wohingegen Carly immer das Gefühl gehabt hatte, nicht berechtigt zu sein, auf eine so privilegierte Schule zu gehen. Ganz offensichtlich hatte sie nicht in diese fremde Welt der Reichen und Adligen gepasst, ganz offensichtlich konnte sie sich nicht in ihr Leben einfügen. Denn sie war und blieb nun mal ein Sozialfall, eine Arme mit einem gekauften Leben! Und natürlich hatten die anderen Schülerinnen sehr schnell erfahren, wie sie zu ihrem Internatsplatz gekommen war.

„Manchmal frage ich mich, was ich hier eigentlich mache“, sagte Lucy seufzend, die gerade zu ihnen ins Zimmer gekommen war.

„Nur manchmal?“ neckte Carly sie.

Lucy lächelte. „Wir erwarten einen wichtigen Kunden. Nick ist mit ihm auf dem Weg zu uns.“

Plötzlich sah Jules bedrückt aus. Sie war es gewesen, die Lucy Nick vorgestellt hatte, und Carly überlegte, ob Jules vielleicht ebenso anfällig für seinen angeberischen und schmeichlerischen Charme war wie Lucy. Oder war sie selbst vielleicht einfach übertrieben misstrauisch, weil sie befürchtete, dass Nick sich nicht richtig in Lucy verliebt hatte, sondern eher an ihrem Treuhandvermögen und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Familie interessiert war? Um Lucys willen hoffte Carly, dass Nick seine Frau tatsächlich liebte. Aber alles war so schnell gegangen. Zu schnell. Und jetzt spielte er in der Agentur eine führende Rolle.

Wie wichtig?“ fragte Carly.

„Jules, rufst du bitte mal eben ins Vorzimmer durch? Ich brauche dringend einen Espresso! Sehr wichtig. Anscheinend kennt er Marcus. Und ihr könnt euch vorstellen, wie mir damit zumute ist!“

Marcus Canning war Lucys bête noire: ein Freund der Familie und einer ihrer Vermögensverwalter. Bevor er ihr erlaubt hatte, Geld aus ihrem Treuhandvermögen in die Agentur zu investieren, hatte er verlangt, regelmäßig über alle Aspekte des Unternehmens informiert zu werden. Da er für seine klugen Geldgeschäfte und seinen Sachverstand bekannt war, war Carly sehr froh, dass er ein wachsames Auge auf die Agentur warf. Und als er sie bei der letzten Besprechung gelobt hatte, weil sie die administrativen und finanziellen Aufgaben im Unternehmen so gut erledigte, hatte sie sich enorm gefreut.

„Und wenn er uns einen Auftrag gibt, werden wir natürlich ganz groß rauskommen!“ erklärte Lucy begeistert.

„Wer ist er, und was will er?“ hakte Jules nach.

„Ricardo Salvatore. Er ist megareich und ein echter Selfmademan. Vor zwei Monaten war in einer der Sonntagsbeilagen ein Artikel über ihn. In Neapel aufgewachsen, ist er mit zehn Jahren aus dem Waisenhaus weggelaufen und hat sich einer Kindergang angeschlossen. Sie haben vom Handtaschenraub und Betteln gelebt. Inzwischen ist er Milliardär und besitzt – unter anderem – drei Luxuskreuzfahrtschiffe. Bei den Landausflügen sollen wir Partys und andere Events für die Gäste organisieren, in Villen überall auf der Welt. Die Häuser gehören ihm auch, in einem Fall sogar die Insel, auf der die Villa steht. Er hat vorhin angerufen, leider in einem sehr ungünstigen Moment. Wir waren noch zu Hause im Bett.“ Lucy verzog das Gesicht, dann lachte sie. „Der arme Nick war … Jedenfalls hat Nick mir gerade Bescheid gegeben, dass sie auf dem Weg hierher sind. Bevor er eine Entscheidung trifft, möchte Ricardo sich ein paar von unseren nächsten Events ansehen, als eine Art inoffizieller Gast.“

„Du willst ihn ohne Einladung mit auf die Partys anderer Kunden nehmen?“ fragte Carly schockiert. „Hältst du das wirklich für klug?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es unsere Kunden stört, einen Milliardär als zusätzlichen Gast zu haben“, verteidigte sich Lucy. „Wie dem auch sei, Nick hat bereits sein Okay gegeben. Und es wäre am besten, wenn du ihn begleitest, Carly.“

Ich?“

„Eine von uns muss ihn begleiten. Außerdem …“ Unsicher biss Lucy sich auf die Lippe. „Hör zu, fass das jetzt bitte nicht falsch auf, aber ich denke, du hast mehr mit ihm gemeinsam als Jules und ich. Mit dir wird er sich wohler fühlen.“

Es dauerte einen Moment, bis Carly begriff. Dann brannte ihr Gesicht. „Ich verstehe. Weil er ein Selfmademan ist. Er kommt nicht aus der Oberschicht und…“

„Ach, Quatsch! Ich wusste, du würdest es falsch auffassen.“ Lucy stöhnte. „Ja, es stimmt, er hat sich vom armen Schlucker zum Milliardär hochgearbeitet, Carly. Aber das habe ich nicht gemeint! Es hat nichts, aber auch gar nichts mit der Gesellschaftsschicht zu tun. Ich möchte, dass du ihn begleitest, weil du einen besseren Eindruck auf ihn machen wirst als Jules oder ich. Denn anscheinend mag er all die Sachen, die du gern magst: Bücher, Museen, Kunstgalerien. Und es ist schrecklich wichtig, dass wir einen guten Eindruck machen und den Auftrag bekommen.“ Sie zögerte einen Moment. „Ich wollte euch das eigentlich nicht erzählen … Aber es läuft nicht mehr so gut bei uns. Wir hatten Anfang des Jahres diesen Lagerhausbrand, bei dem viel zerstört worden ist, und…“

„Aber wir waren versichert!“ protestierte Carly.

Betreten schüttelte Lucy den Kopf. „Nein, waren wir nicht. Nick fand die Prämien zu hoch und hat mich gebeten, nicht mehr zu zahlen, bis er sich über andere Versicherer informiert hat. Ich dachte, er hätte uns längst bei einer neuen Gesellschaft versichert, aber das habe ich wohl falsch verstanden. Und weil ich die Prämien nicht mehr bezahlt habe, ist unser Versicherungsanspruch erloschen.“

Lucy sah angespannt und verlegen aus. Versuchte sie, Nick zu schützen, indem sie seine Nachlässigkeit auf sich nahm? Insgeheim sagte sich Carly, dass sie dem potenziellen neuen Kunden dankbar sein sollte. Zumindest würde er sie eine Zeit lang von ihren Sorgen wegen Nicks Umgang mit dem Firmenkonto ablenken. Da Lucy sehr deutlich gemacht hatte, dass ihr Mann unbeschränkte Vollmacht über ihr Konto hatte und Geld abheben konnte, wann immer er wollte, konnte Carly nichts machen. Erst vor ein paar Tagen hatte Nick seine immer höher werdenden Abbuchungen mit einem Schulterzucken abgetan und lässig erklärt, dass ein mögliches Defizit aus Lucys Treuhandvermögen gedeckt werden würde.

„Sie werden in wenigen Minuten hier sein. Ich hoffe wirklich, wir bekommen den Auftrag.“ Lucy gähnte. „Ich bin sooo müde, und heute Abend haben wir zu allem Überfluss auch noch ein Familienessen. Was ist mit euch? Habt ihr etwas vor?“

„Nur meinen Literaturkurs“, erwiderte Carly.

„Ich verstehe nicht, warum du da noch immer hingehst“, sagte Jules.

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