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Die Geliebte des griechischen Fürsten

Marion Lennox

Die Geliebte des griechischen Fürsten

1. KAPITEL

„Aufwachen, Lily!“

Zwei Ärzte und vier Krankenschwestern standen um das Bett herum. Die Operation war höchst riskant gewesen. Hätte es eine andere Chance für Lily gegeben, wäre der gefährliche Eingriff niemals durchgeführt worden.

Anschließend hatte man die Patientin in ein künstliches Koma versetzt, um ihrem Gehirn Zeit zur Erholung zu geben. Sie würde leben – doch wie?

Die jüngste Krankenschwester der kleinen französischen Privatklinik betrachtete die Patientin besorgt. Sie hatte miterlebt, wie Lily vor etwa einem Monat bewusstlos eingeliefert worden war. Ihr Leben hatte am seidenen Faden gehangen. Es gab Gerüchte, sie gehöre einem Königshaus an, doch niemand wusste Genaueres.

Als Krankenschwester hätte sie sachlich und neutral sein müssen. Doch Lilys Schicksal ließ keinen der Anwesenden kalt.

„Lily, aufwachen“, wiederholte der Chirurg und drückte die Hand seiner Patientin. „Die Operation ist vorbei, und sie war ein voller Erfolg. Sie werden wieder völlig gesund.“

Endlich begannen Lilys Lider zu flattern. Dann schlug sie die Augen auf.

Sie waren dunkelbraun, verwirrt und wirkten viel zu groß für ihr Gesicht.

„Na also.“ Der Arzt lächelte. „Hallo, Lily.“

„H…hallo“, flüsterte sie kaum hörbar, als habe sie das Sprechen verlernt.

„Wie viele Finger halte ich hoch?“

„Drei“, antwortete sie gleichgültig.

„Wunderbar.“ Die Stimme des Chirurgen klang triumphierend. „Sie waren krank, schwer krank. Aber wir haben Sie operiert und konnten den Tumor komplett entfernen. Sie haben nichts mehr zu befürchten.“

Lilys Blick schweifte durch den Raum und blieb an jedem der Anwesenden hängen. Sie registrierte die Arzt- und Schwesternkittel, die ermunternden Blicke.

Und plötzlich, als wäre ihr etwas ungeheuer Wichtiges eingefallen, weiteten sich ihre Augen erschrocken.

„Haben Sie Schmerzen?“, fragte der Chirurg. „Wo tut es weh, Lily?“

„Mir tut nichts weh. Aber …“ Langsam, als müsse sie jede Bewegung neu einüben, legte sie sich die Hand auf den Bauch.

„Wo ist mein Baby?“

2. KAPITEL

 

„Ich, Alexandros Konstantinos Mykonis, schwöre, dass ich die Vereinigten Inseln von Diamas, genannt Diamanteninseln, stellvertretend für meinen neu geborenen Cousin Michales regieren werde, bis dieser das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hat.“

Alex sah umwerfend attraktiv aus in seiner schwarzen Galauniform. Auf seiner Brust prangten zahlreiche Orden, und der eindrucksvolle Degen an seiner Seite trug das königliche Wappen im goldenen Griff. Die perfekt sitzende Hose mit den karmesinroten Einsätzen entlang der Seitennähte brachte seine langen, muskulösen Beine hervorragend zur Geltung. Seine schwarzen Schuhe waren so blank poliert, dass man sich hätte darin spiegeln können.

Wenn man nah genug herangekommen wäre. So wie damals.

Von ihrem Platz ganz hinten in der Kathedrale konnte Lily Alex’ Gesicht kaum erkennen. Doch sie erinnerte sich nur zu gut an die markanten Züge, die sie einst aus nächster Nähe gesehen hatte. Die nahezu schwarzen Augen, um die sich beim Lachen feine Fältchen bildeten und die manchmal so ernst dreinblickten, als trüge ihr Besitzer die Verantwortung für die ganze Welt auf seinen Schultern.

Es war so wunderbar gewesen, ihn zum Lächeln zu bringen. So wie auch er sie zum Lachen und ihr Herz zum Schmelzen gebracht hatte. So hatte sie es zumindest empfunden. Aber Liebe brauchte Vertrauen, und jemandem zu vertrauen war töricht. Das wusste sie inzwischen. Leider hatte sie es auf die harte Tour lernen müssen.

Wie betäubt von allem, was sie in den letzten Tagen erfahren hatte, folgte sie dem Geschehen und versuchte verzweifelt zu verstehen, wie es so weit hatte kommen können.

Der Ring, der Handschuh, das Zepter mit der Taube wurden Alex feierlich überreicht, und er nahm die Krönungsinsignien mit äußerster Würde entgegen. Seit Generationen verlief die Zeremonie in der immer gleichen Weise. Alex wirkte gelassen, selbstsicher und unnahbar.

Bei ihrer letzten Begegnung hatte er sich mit mutwillig blitzenden Augen über sie gebeugt, nachdem sie sich geliebt hatten. Seine Jeans und sein Hemd hatten zerknittert auf dem Boden vor dem Bett gelegen.

Alexandros Mykonis. Erfolgreicher, international bekannter Landschaftsarchitekt. Ihr Exliebhaber.

Der neue Regent der Diamanteninseln.

Der Vater ihres Babys.

„Sieht er nicht fantastisch aus?“, murmelte die neben ihr stehende Frau – eine Reporterin, wie aus dem Presseausweis, den sie an einer Kordel um den Hals trug, hervorging. Als Alex sich nun hinkniete, um den Segen zu empfangen, seufzte sie tief auf.

„Das kann man wohl sagen“, antwortete Lily flüsternd.

Der Festakt nahm seinen Fortgang. Alle Augen waren auf den Prinzen gerichtet.

Als der Segen erteilt war, erhob Alex sich. Während er anschließend die Urkunde zur Amtsübernahme unterzeichnete, setzte Orgelmusik ein, und der Chor stimmte einen Jubelgesang an.

„Ich wette, es gibt keine Frau hier, die nicht scharf auf ihn wäre“, raunte die Reporterin, als er geendet hatte.

Lily zögerte. Es wäre angemessener, den Mund zu halten, dachte sie. Allerdings war sie in der Absicht hierhergekommen, ihr Baby zurückzuholen. Und um das zu bewerkstelligen, brauchte sie Informationen. „Ja, es ist ein Wunder, dass er noch nicht verheiratet ist.“

„Er hat nicht vor zu heiraten“, wusste die Reporterin zu berichten und seufzte erneut.

„Warum?“ Doch bevor die Journalistin antworten konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit wieder von den Vorgängen am Altar in Anspruch genommen.

Der Erzbischof im prächtigen weiß-goldenen Ornat übergab die unterzeichneten Dokumente einem älteren Priester. Der nahm sie ein wenig tatterig und sehr nervös in Empfang und ließ sie dabei aus den Händen gleiten.

„Das ist Pater Antonio“, kommentierte die Reporterin, während der alte Herr mit Schrecken auf die Papierbögen zu seinen Füßen blickte. „Er ist schon seit ewigen Zeiten Seelsorger hier auf der Insel. Der Erzbischof wollte ihn nicht an der Zeremonie teilnehmen lassen, aber Prinz Alexandros bestand darauf.“

Der unglückliche Priester ging ungelenk in die Hocke und versuchte, die verstreuten Blätter wieder einzusammeln. Mit unbeteiligter Miene und ohne einen Finger zu rühren, stand der Erzbischof daneben. Die übrigen Würdenträger folgten seinem Beispiel.

Es war Alex, der zur Tat schritt. Ohne Rücksicht auf das Protokoll trat er zu Pater Antonio, bückte sich und half ihm beim Einsammeln der Papiere. Dann stützte er ihn beim Aufstehen.

Dem Priester stand die Verzweiflung über seine Ungeschicklichkeit ins Gesicht geschrieben, doch Alex legte ihm die Hände auf die Schultern und küsste ihn auf beide Wangen – eine Geste der Zuneigung und des Respekts, die die Würde des alten Herrn umgehend wiederherstellte.

„Danke, Pater.“ Alex’ tiefe Stimme trug durch das ganze Kirchenschiff. „Seit ich denken kann, kümmern Sie sich um die Bewohner dieser Insel. Sie haben mich getauft, Sie haben meine Eltern beerdigt, und auch heute stehen Sie an meiner Seite. Dafür bin ich Ihnen zutiefst verbunden.“

Er lächelte, und nahezu alle Frauen in der Kathedrale seufzten auf.

„Sehen Sie, dafür lieben ihn die Inselbewohner“, flüsterte die Reporterin gerührt. „Und es wäre allen lieber gewesen, wenn er den Thron bestiegen hätte. Doch dann wurde dieses Kind geboren. Wer konnte auch ahnen, dass der König in seinem Alter noch …? Seine Ehe mit Mia war eine Farce, und er wollte nur deshalb einen Nachkommen, um zu verhindern, dass Alex der nächste Regent wird.“

Lily hörte nicht mehr zu. Dieses Lächeln … diese Liebenswürdigkeit …

Ich hatte ganz vergessen, warum ich mich in ihn verliebt habe, dachte sie und blinzelte die Tränen fort.

Sie durfte nicht gefühlsduselig werden. Sie musste sehen, dass sie ihr Ziel erreichte, ohne den Kopf zu verlieren.

Es schien unmöglich, aber sie musste es wagen.

„Ohne Michales wäre Alex jetzt rechtmäßiger Regent?“ Sie versuchte, gleichmütig zu klingen.

Der Blick der Journalistin hing immer noch hingerissen an Alex. Sie nickte. „So ist es. Alex ist König Giorgos’ Neffe. Da Giorgos keine Nachkommen hatte, war er der Thronfolger. Bis dann vor Kurzem dieses Baby zur Welt kam. Alex’ Eltern starben früh. Da er der einzige Erbe des Königs war, zog dieser ihn im Schloss auf. Es kann keine glückliche Kindheit gewesen sein, und jeder weiß, dass Alex alles, was mit dem Königshof zu tun hat, zuwider ist. Jetzt sitzt er allerdings in der Falle. Er muss als Prinzregent die Regierungsverantwortung übernehmen, ohne wirkliche Macht zu haben.“

Plötzlich wandte die Reporterin ihre Aufmerksamkeit Lily zu und sah sie scharf an. „Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?“, fragte sie. „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.“

Verflixt, wenn sie doch nur geschwiegen hätte! „Ich glaube nicht.“ Lily zupfte an dem Tuch, das sie sich um den Kopf gebunden hatte, und gab vor, das Geschehen am Altar zu verfolgen.

„Doch, ich bin ganz sicher, dass ich Sie kenne.“ Die Frau starrte sie immer noch an.

„Unmöglich“, erwiderte Lily kurz angebunden. „Ich bin erst heute Morgen angekommen.“

„Sind Sie eine Verwandte? Eine Freundin? Oder jemand Offizielles?“ Sie musterte Lilys Kleidung, die wenig passend war für ein so feierliches Ereignis. Lily hatte ihr Bestes getan, doch ihr Bestes war ein schlichter schwarzer Rock mit einer Jacke, die um ihren schmal gewordenen Oberkörper schlabberte. Das einzig schicke Accessoire, das sie besaß, war ihr Schal. Ein edler Seidenschal in Rosa, Blau und zartem Gelb, gemustert wie ein impressionistisches Gemälde.

Sie wusste selbst, dass sie schäbig wirkte neben den übrigen Besuchern der Kathedrale, die aus der ganzen Welt angereist waren. Dass man sie allerdings mit ihrer älteren Schwester in Verbindung bringen würde …

„Sie sehen aus wie die Königin.“ Lily bot ihre ganze Selbstbeherrschung auf, um nicht zusammenzuzucken.

„Das kann nicht sein.“

„Sie sind nicht mit ihr verwandt?“

Lily rang sich ein Lächeln ab. „Wie kommen Sie nur darauf? Königin Mia ist so glamourös.“

„Aber sie hat ihr Baby im Stich gelassen“, flüsterte die Frau von der Presse empört über den jüngsten Skandal. „Können Sie sich das vorstellen? Der König stirbt, und Mia setzt sich mit einem der reichsten Männer der Welt ab. Und ihr Kind lässt sie einfach zurück.“

Mein Kind. Es ist mein Kind!

Die Frau starrte sie noch immer an. Lily musste sie irgendwie auf eine falsche Fährte lenken. „Ich bin in einer offiziellen Funktion hier“, sagte sie mit fester Stimme, um klarzumachen, dass sie keine weiteren Fragen duldete.

Sie befühlte die goldumrandete Einladung in ihrer Jackentasche. Als sie nach ihrer Ankunft auf der Insel erfahren hatte, dass ihre Schwester Hals über Kopf abgereist war, hatte sie befürchtet, von den Feierlichkeiten ausgeschlossen zu werden. Doch zu ihrem Erstaunen stand ihr Name nach wie vor auf der Gästeliste. Alex hatte ihre Existenz vermutlich schon längst vergessen. Ihre Papiere waren in Ordnung, und als sie die Einladung vorzeigte, hatte es keine Probleme gegeben.

Ha! Überall lauerten Probleme. Was sollte sie nur tun?

In diesem Moment ertönte ein Fanfarenstoß. Die Menge erhob sich und applaudierte. Prinzregent Alexandros schritt in königlicher Haltung den Mittelgang entlang.

Lächelnd sah er nach rechts und links, suchte bewusst den Augenkontakt mit den Menschen. Als sein Blick Lilys begegnete, stutzte er, ein kurzes Erkennen huschte über seine Züge.

Das Lächeln erstarb.

Lily schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, war er bereits weitergegangen, und nur die Reporterin musterte sie neugierig.

„Er kennt Sie“, sagte sie atemlos.

„Wir sind uns einmal kurz begegnet.“

„Entschuldigen Sie, aber er sah aus, als ob er Sie hasst.“

„So ein Unsinn“, stieß Lily hervor. „Wieso sollte er denn? Wenn Sie mich jetzt bitte vorbeilassen würden …“

Sie wandte sich ab und folgte der langsamen Prozession hinaus in den morgendlichen Sonnenschein. Niemand sah ihr an, wie elend sie sich fühlte.

Sie war gekommen, um ihr Baby zu sich zu holen. Doch sie wäre am liebsten davongelaufen.

Was zum Teufel will sie hier?

Alex hatte so viele Hände geschüttelt, dass ihm der Arm schmerzte. Nur mit enormer Willenskraft schaffte er es, unentwegt zu lächeln. Würde dieser Tag denn nie zu Ende gehen?

Und was hatte Lily auf der Insel verloren?

Ihre Liebesaffäre war schnell vorüber gewesen. Zwei wunderbare Tage hatte er geglaubt, die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Eine Frau, die anders war als die anderen. Doch dann hatte sie ihn ohne Abschied verlassen und im Morgengrauen, noch bevor er aufgewacht war, die Fähre nach Athen genommen.

Das hatte ihn nicht davon abgehalten, nach ihr zu suchen. An der gesamten Ostküste der Vereinigten Staaten hatte er nach Mias Schwester geforscht, von der er nur wusste, dass sie Schiffbauerin war.

Ihren Beruf hatte er ihr zunächst nicht abgekauft. Auf seine Frage hin hatte Mia nur die Schultern gezuckt. „Unsere Eltern haben sich getrennt, als wir noch Kinder waren. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, und Lily wollte bei Vater bleiben. Ich habe sie seit damals kaum gesehen. Es geht mich nichts an, was sie treibt, und dir sollte es auch egal sein.“

Das war es ihm aber nicht. Und schließlich gelang es ihm, ihren Arbeitgeber aufzuspüren. Einen älteren Griechen, Bootsbauer an der Küste von Maine. Der hatte Alex eingehend gemustert und sich dann entschieden, ihm reinen Wein einzuschenken.

„Ja, Lily arbeitet für mich. Außer mir und meiner Frau weiß hier aber niemand, dass sie die Schwester der Königin ist. Sie wollte nicht, dass es bekannt wird. Wo sie sich zurzeit aufhält? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Vor einem Monat ist sie abgereist, sagte, sie sei krank. Sie litt öfter unter starken Kopfschmerzen, und die wurden immer schlimmer. Wir haben ihr geraten, sich gründlich zu erholen und wiederzukommen, wenn es ihr besser geht. Wir halten die Wohnung über der Werkstatt für sie frei, aber wann sie zurückkehrt, das wissen die Götter.“

So war Alex’ Suche erfolglos geblieben, und ein bohrendes Verlustgefühl hatte sich – wieder einmal – in ihm ausgebreitet. Genau wie damals, als sein Vater gestorben war und Giorgos ihn von seiner Mutter getrennt hatte. Als Heranwachsender hatte er die Grausamkeiten des Königs erdulden müssen und sich geschworen, der königlichen Familie künftig aus dem Weg zu gehen.

Ausgerechnet die Schwester der Königin hatte seine Abwehrmechanismen unterlaufen. Welche Ironie.

Sie hatten sich geliebt, geredet und gelacht bis spät in die Nacht hinein, während er sie in den Armen gehalten und ihren Herzschlag gespürt hatte. Ihre Körper waren verschmolzen, als wäre einer ein Teil des anderen, und er hatte geglaubt, dass Lily sich ebenso in ihn verliebt hätte wie er sich in sie. Aber anscheinend war es für sie nur eine Affäre gewesen. Vielleicht sammelte sie Männer wie Trophäen, genau wie ihre Schwester.

Das kommt davon, wenn man seine Schwüre bricht, hatte er sich höhnisch vorgehalten.

Dann hatte sie angerufen.

Er war erst kurz zuvor in Manhattan eingetroffen und hatte versucht, sein Leben wieder in normale Bahnen zu lenken. Als ihr Anruf kam, hatte er gerade ein unangenehmes Telefongespräch beendet. Immer noch verärgert darüber, dass Lily einfach verschwunden war, hatte er einen dummen Witz gerissen.

Gut, es war eine geschmacklose Bemerkung gewesen. Aber sie hatte ihm nicht einmal die Gelegenheit gegeben, sich dafür zu entschuldigen. Sie hatte einfach aufgelegt. Und sich nie wieder gemeldet.

Was wollte sie also heute hier?

Lässig und ungezwungen, wie es seine Art war, unterhielt er sich mit seinen Gästen, fand die richtigen Worte und hielt doch die ganze Zeit Ausschau nach ihr – einer Frau in einem tristen schwarzen Kostüm mit einem schreiend bunten Schal.

„He, Alex, lass dich ansehen.“ Vor ihm stand Nikos mit Stefanos im Schlepptau. Als Kinder waren sie die besten Freunde gewesen. Stefanos stammte von der Insel Khryseis, Nikos kam von Argyros.

„Wenn wir erwachsen sind, regieren wir die Inseln“, hatten sie sich damals geschworen. Selbst als Teenager war das noch ihr Traum gewesen. Und nicht ganz ohne Grund, denn ursprünglich hatte es drei Fürstentümer gegeben: Sappheiros, Khryseis und Argyros. Vor etwa zweihundert Jahren hatte der Fürst von Sappheiros die Nachbarinseln erobert, die Verfassung geändert und sich selbst zum König über das gewaltsam vereinigte Reich ernannt. Solange es in seiner Familie direkte männliche Nachkommen gäbe, so lange würden die Inseln von diesem Herrscher regiert.

Seitdem wurden die Diamanteninseln vom jeweiligen König ausgeblutet. Der Letzte in der Reihe war Giorgos gewesen, eine Karikatur von einem Monarchen. Da er sich nicht für Frauen interessierte, sah es lange so aus, als würde es keinen direkten Nachkommen geben. Die Inselbewohner hielten den Atem an.

Alex, Nikos und Stefanos hielten den Atem an.

Alex würde als Giorgos’ Neffe und legitimer Nachfolger Regent von Sappheiros werden. Stefanos stand kurz davor, die Insel Khryseis zu regieren, und Nikos würde Fürst von Argyros. Drei entschlossene Männer mit einem gemeinsamen Ziel. Wenn der König starb und die Inseln ihre Unabhängigkeit zurückerhielten, wollten sie die Wirtschaft wiederaufbauen und eine demokratische Verfassung einführen.

Doch dann war alles anders gekommen. Giorgos hatte die vierzig Jahre jüngere Mia geheiratet, und sie hatten einen Sohn bekommen. Damit bestand das alte Recht fort. Alex würde als Prinzregent nur bis zur Volljährigkeit des Neugeborenen die Regierungsgeschäfte übernehmen.

Jetzt sitze ich in der Falle, dachte Alex, während er nach Lily Ausschau hielt. Die Begrüßung seiner Freunde hatte ihn zwar kurz abgelenkt, aber er wurde die Wut und die Enttäuschung darüber, wie sich die Dinge entwickelt hatten, einfach nicht los. Nun musste er also für das Kind des verhassten Königs die Verantwortung übernehmen, ohne wirkliche Macht zu haben, ohne wirklich etwas verändern zu können. Und seine Freunde … hinter der stets fröhlichen Fassade spürte er ihre Verzweiflung. Wie immer versteckten sie ihre Gefühle hinter einer Maske von Humor, Gelassenheit und Draufgängertum.

„Seht ihn euch an!“, rief Stefanos aus und schlug Alex auf die Schulter. „Eine Quaste mehr, und du sähest aus wie ein Weihnachtsbaum.“

„Dir fehlen nur noch die Kerzen“, stimmte Nikos lachend zu. „He …“

„Mias Schwester ist hier“, fiel Alex ihm ins Wort. „Lily.“

Die Neckereien fanden ein abruptes Ende. Wir sind die besten Freunde, ging es Alex durch den Kopf. Wie viel Gutes hätten wir bewirken können, wenn dieses Baby nicht geboren worden wäre!

Nikos und Stefanos kannten Lily. Sie wussten, wie heftig er sich in sie verliebt hatte. Vielleicht standen ihm seine Gefühle in diesem Augenblick ins Gesicht geschrieben. Er konnte es nicht ändern.

„Was zum Teufel …?“, entfuhr es Nikos, und er blickte in die Runde. „Ich sehe sie nirgends.“

„Sie spielt die unauffällige graue Maus – schwarzer Rock, schwarze Jacke und ein Tuch um den Kopf. Wahrscheinlich glaubt sie, dass man sie so nicht erkennt.“

„Die hat vielleicht Nerven“, meinte Stefanos. „Wenn das auffliegt. Das Volk würde Mia am liebsten lynchen.“

„Lily ist nicht Mia.“

„Sie hat dich damals um den kleinen Finger gewickelt.“ Nikos lächelte, doch seine Augen blickten ernst und voller Anteilnahme.

„Ja, mich hatte es schwer erwischt.“ Alex versuchte, seine Stimme unbeteiligt klingen zu lassen. „Ich bin hereingelegt worden, ebenso wie Giorgos.“

„Mia hat ihn nicht hereingelegt. Sie hat ihn geheiratet und ein Kind von ihm bekommen.“

„Sie hat ihn nur wegen des Geldes und der Macht geheiratet.“

„Und du hast dich in die Schwester verliebt.“

„Es war nur ein kurzes Abenteuer. Was zum Teufel will sie hier?“

„Frag sie.“

„Es wird mir nichts anderes übrig bleiben“, sagte Alex mit einem Seufzer. „Wenn sie glaubt, sie könne so tun, als gehöre sie zur königlichen Familie …“

„Dann wirst du ihr die Leviten lesen?“

„Darauf kannst du wetten.“ Alex seufzte erneut. „Und dann wird sie abreisen.“

Die Geburt eines Thronfolgers, der Tod des Königs und eine verwitwete Königin, die ihr Baby verlassen hatte … Es dauerte eine Weile, bis Lily im Besitz all dieser Informationen war.

Sie hatte sich unter die Gäste gemischt, zugehört, diskrete Fragen gestellt und war schockiert. Und sie wusste inzwischen, dass die Inselbewohner beinahe ebenso entsetzt waren wie sie. Die Erregung schlug hohe Wellen. Eine weitere schlechte Nachricht würde genügen, um die Monarchie zu stürzen.

Mir kann das egal sein, dachte sie, während sie weiter aufmerksam lauschte und die Neuigkeiten verarbeitete. Sie gehörte schließlich nicht zur königlichen Familie. Sie wollte nur ihr Baby zurückhaben.

Sie brauchte nicht lange, um das Kinderzimmer zu finden. Eine einfache, mit fester Stimme vorgebrachte Frage an das Hausmädchen hatte genügt. Leise schlüpfte sie, ohne um Erlaubnis zu bitten, in den Raum.

Michales schlief. Er lag in seinem Kinderbettchen, in eine weiche Decke gehüllt, und nuckelte am Daumen. Erstaunlich dichte schwarze Locken bedeckten sein Köpfchen. Gelegentlich bewegten sich die Lider mit den langen Wimpern im Schlaf.

Er war wunderschön.

Er gehörte ihr.

Michales, benannt nach Lilys Vater Michael. Das einzige Versprechen, das Mia gehalten hatte.

In den letzten Wochen war Lily sich nicht sicher gewesen, was sie bei der Begegnung mit ihrem Kind empfinden würde. Jetzt, da sie auf ihren schlafenden Sohn hinabblickte, wusste sie es. Zorn? Das Gefühl, hintergangen worden zu sein? Beides, aber vor allem verspürte sie unendliche Liebe. Er war perfekt, wie sie staunend bemerkte. Sie konnte den Blick nicht von dem schlafenden Baby abwenden.

Ihr Sohn. Ihr Baby. Michales.

„Was machst du hier?“

Alex’ Stimme ließ sie erschrocken zusammenzucken. Alles an ihm machte sie nervös. Er ist wie ein Panther, der sich unbemerkt an seine Beute heranschleicht, dachte sie, als sie herumfuhr. Mit unbewegtem Gesicht stand er in der Tür.

Vor zwölf Monaten hatte sie ihn unwiderstehlich gefunden. Leidenschaftlich … ja sogar zärtlich.

Jetzt stand ihm die Wut ins Gesicht geschrieben. Er sah völlig anders aus als der Alex, den sie in Erinnerung hatte.

„Ich wollte meine Schwester besuchen“, stieß sie hervor.

„Wie du siehst, ist Mia nicht mehr hier. Und ihr Baby hat sie zurückgelassen. Sie hat alles zurückgelassen und ist mit einem Mann auf und davon, der so viel Geld hat, dass er ihr jeden Wunsch erfüllen kann. Willst du etwa behaupten, nichts davon gewusst zu haben?“

„Ich habe es nicht gewusst.“ Lily nahm ihren ganzen Mut zusammen und suchte nach der Einladung in ihrer Tasche. Der zornige Ausdruck in Alex’ Miene hätte eine furchtlosere Frau, als sie es war, eingeschüchtert. „Sie hat mir eine Einladung geschickt. Ich bin heute Morgen angekommen und habe dann erst erfahren, dass sie …“

„Abgehauen ist“, beendete er den Satz für sie. „Mit dem Sohn eines Scheichs. Anscheinend hatte sie es seit dem Tod ihres Mannes geplant. Vielleicht auch schon früher. Wer weiß?“

„Das tut mir leid.“

Dir tut es leid?“ Alex starrte sie an, fast so, als wäre sie Mia. Wir sehen uns ähnlich, dachte Lily. Er sieht nicht mich, und was er von meiner Schwester hält, steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Ein lastendes Schweigen breitete sich aus.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Nur widerwillig hatte er sich zum vierzigsten Thronjubiläum des Königs eingefunden. Und Lily, ohne von den Festlichkeiten zu wissen, schockiert von den Prognosen der Ärzte, war zu ihrer Schwester gereist. In der Hoffnung, dass Mia ihr beistehen würde.

Doch Mia hatte sich nicht im Geringsten für Lilys Zustand interessiert. „Lily, bitte! Dies ist ein wichtiger Abend. Wir geben ein riesiges Fest. Hier hast du ein Kleid. Amüsier dich. Ich habe jetzt nicht die Zeit, mir deine Probleme anzuhören.“

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