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Die Geliebte des Königs

PROLOG

Wie bittet ein König um einen Gefallen?

König Sharif Fehz ging gedankenverloren durch den Palastgarten und pflückte eine Rose. Versonnen betrachtete er die halb geöffnete Knospe, deren Blütenblätter gegen seine dunkle Haut blass und zart wirkten. In der sengenden Hitze seines Wüstenstaates war es ausgesprochen schwierig, Rosen zu züchten. Doch genau das machte sie besonders wertvoll.

Also … wie stellte ein König es an, um Hilfe zu bitten?

Wie sollte er vorgehen, um zu bekommen, was er so dringend benötigte?

Behutsam, gab er sich selbst die Antwort. Ganz behutsam …

1. KAPITEL

Beim Verlassen des Sekretariats klapperten die flachen Absätze von Jesslyn Heatons praktischen marineblauen Pumps auf dem Fliesenboden.

Endlich! Der letzte Schultag!

Glücklicherweise waren die Schüler – die dank Muffins und einer knallroten Früchtebowle satt und zufrieden waren – bereits nach Hause gegangen. Jetzt musste sie nur noch ein paar letzte Handgriffe verrichten und ihren Klassenraum endgültig zusperren, dann konnte auch Jesslyn in die Sommerferien starten.

„Wissen Sie schon, wie Sie Ihre Ferien verbringen, Miss Heaton?“, fragte ein schlaksiger Junge. Seine dünne, leicht näselnde Stimme zitterte ein wenig.

Überrascht schaute sie von den Unterlagen auf, die sie kurz zuvor aus ihrem Fach im Sekretariat geholt hatte. „Aaron, du bist noch da? Die Schule ist doch seit Stunden aus.“

Der sommersprossige Teenager errötete heftig. „Ich habe etwas vergessen“, murmelte er. Mit glühenden Wangen zog er ein kleines Päckchen aus seinem Rucksack hervor. Es war in weißes Papier eingeschlagen und mit einer roten Seidenschleife versehen. „Für Sie. Meine Mom hat es ausgesucht, aber es war meine Idee.“

„Ein Geschenk!“ Jesslyn lächelte und klemmte den Stapel Papiere unter den Arm, um das Päckchen entgegenzunehmen. „Das ist sehr lieb von dir, Aaron. Aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Wir sehen uns doch gleich nach den Sommerferien …“

„Ich komme nicht zurück.“ Er hob die mageren Schultern und setzte umständlich den Rucksack wieder auf den Rücken. „Wir ziehen in den Ferien um. Dad ist zurück in die Staaten versetzt worden.“

Seit sechs Jahren unterrichtete Jesslyn die Mittelstufe einer kleinen Privatschule in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und nicht zum ersten Mal erlebte sie, wie abrupt einer ihrer Schüler aus seinem gewohnten Umfeld gerissen wurde. Diese Kinder kamen und gingen ohne große Vorankündigung. „Das tut mir aufrichtig leid, Aaron“, sagte sie freundlich.

Der Junge senkte den Kopf und schob die Hände in die Hosentaschen. „Können Sie den anderen Bescheid sagen? Und sie vielleicht bitten, mir mal eine E-Mail zu schicken?“

Erneut drohte seine Stimme zu brechen. Er klang so unglücklich. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern stand er vor Jesslyn. Ihr zog sich bei seinem Anblick das Herz zusammen. Diese Kinder mussten in frühen Jahren schon so viel durchmachen. Durch den Job der Eltern waren sie oft gezwungen umzuziehen. Fremde Länder, fremde Sprachen und Schulen – der ständige Wechsel war die einzige Konstante in ihrem Leben. „Das will ich gerne tun“, versprach sie sanft.

Aaron nickte noch einmal, wandte sich dann ab und eilte den verlassenen Schulkorridor entlang. Jesslyn sah ihm hinterher, bis er um eine Ecke verschwunden war. Mit einem tiefen Seufzen schloss sie die Klasse auf. Schwer zu glauben, dass schon wieder ein Schuljahr vorüber war. Dabei kam es ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie ihren Schülern einen Berg von Lehrbüchern ausgehändigt und ihre Namen in gestochen scharfer Schrift ins Klassenbuch eingetragen hatte. Jetzt waren alle weg, und vor ihr lagen zwei freie Monate.

Zumindest, wenn sie endlich abgeschlossen hatte. Aber das konnte sie erst, wenn sie die letzte, leidige Pflicht erledigt hatte – die Schultafeln mussten noch sauber gewischt werden.

Zwanzig Minuten später klebte ihr ehemals makelloses marineblaues Kostüm auf der Haut, und das dichte dunkle Haar war im Nacken schweißnass. Seufzend zog Jesslyn die zerknitterte Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. Was für ein Job, dachte sie und kräuselte missmutig die Nase, während sie den Schwamm im Spülbecken auswusch.

Es klopfte kurz. Dr. Maddox, die Schulleiterin, betrat den Klassenraum. „Miss Heaton, Sie haben Besuch.“

Jesslyn dachte sofort an die Eltern eines Schülers, die vielleicht mit ihr über die Zeugnisnoten ihres Sprösslings sprechen wollten, aber dem war nicht so. Jesslyn erstarrte, als sie Sharif Fehz erblickte.

Prinz Sharif Fehz …

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Wie in Trance krampfte sie die Hände um den nassen Schwamm und zuckte unmerklich zusammen, als das Wasser über ihre zitternden Finger rann.

Sharif.

Sharif … hier?

Unmöglich! Aber er war es, ohne Zweifel. Prinz Fehz stand in der offenen Tür – groß, stattlich, real – und schaute sie gelassen an. Jesslyn hatte das Gefühl, ihr Blut hätte sich plötzlich in glühende Lava verwandelt, die sie innerlich zu verbrennen drohte.

Dr. Maddox räusperte sich geräuschvoll. „Miss Heaton, es ist mir eine Ehre, Ihnen unseren größten Gönner vorzustellen … Seine Königliche Hoheit …“

„Sharif …“, flüsterte sie, ehe sie es verhindern konnte.

„Jesslyn“, entgegnete Sharif mit einem kaum merklichen Nicken.

Ihn ihren Namen aussprechen zu hören, dieser dunklen, samtenen Stimme zu lauschen, machte die Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, augenblicklich vergessen.

Als sie sich das letzte Mal getroffen hatten, waren sie beide jünger gewesen … viel jünger.

Sie hatte in ihrem ersten Jahr als Lehrerin an einer amerikanischen Schule in London gearbeitet. Und er war der aufregend rebellische arabische Prinz in Jeans, Flipflops und ausgeleiertem Kaschmirpulli gewesen.

Jetzt sah er völlig anders aus. Der Schlabberpulli war verschwunden, die abgewetzten Jeans ersetzte eine dishdasha – ein langes weißes Gewand. Dazu trug er die typische Kopfbedeckung, bestehend aus der gutra, einem weißen, diagonal gefalteten Tuch, und der agal, einer schwarzen Kordel, die das Ganze zusammenhielt.

Er wirkte auf sie wie ein Fremder und dennoch seltsam vertraut. Dieser durchdringende Blick aus den stahlgrauen Augen, die markanten Wangenknochen, das dunkle glänzende Haar …

Verwirrt schaute Dr. Maddox von einem zum anderen. „Sie kennen sich?“

Kennen? Kennen? Sie hatte ihm gehört und er ihr. Sie waren einander so nahe gewesen, dass es ihr beinahe das Herz zerrissen hatte, als sie sich schließlich getrennt hatten.

„Wir … wir sind zusammen zur Schule gegangen“, stammelte Jesslyn und errötete. Vergeblich versuchte sie, Sharifs Blick auszuweichen. Doch er ließ sie nicht aus den Augen. Ein herausforderndes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Tatsächlich hatten sie nie zusammen die Schule besucht.

Sie waren nicht einmal zur selben Zeit in der Schule gewesen. Sharif war nicht nur sechs Jahre älter als sie, sondern bereits ein erfolgreicher Finanzexperte gewesen, als sie sich in London kennengelernt hatten. Auch wenn man ihm das nicht angesehen hatte.

Einige Jahre lang waren sie ein Paar, und nachdem Jesslyn ihr Verhältnis beendet hatte, war sie überzeugt gewesen, ihn nie wiederzusehen. Und so war es auch gekommen.

Was natürlich nicht bedeutete, dass sie sich nicht doch gewünscht hätte, Sharif würde ihre Prophezeiung Lügen strafen.

Und das hatte er jetzt getan. Aber warum? Was wollte er von ihr? Ohne triftigen Grund tauchte er bestimmt nicht so einfach hier in einer Privatschule in Schardscha auf.

„Wir gingen in England zur Schule …“, ergänzte Jesslyn. Sie hoffte, möglichst gleichgültig zu klingen, damit niemand bemerkte, wie sehr sein überraschender Besuch sie aus der Fassung brachte. Es gab Beziehungen im Leben, die man einfach hinter sich ließ – und es gab Beziehungen, die einen für immer veränderten.

Die Beziehung zu Sharif hatte Jesslyn für immer verändert. Und jetzt so plötzlich mit ihrer ersten großen Liebe im gleichen Raum zu stehen war beinahe mehr, als sie verkraften konnte. Das Gefühl drohender Gefahr war nahezu überwältigend.

„Tja, die Welt ist ein Dorf …“, murmelte Dr. Maddox und schaute erneut zwischen ihnen hin und her.

„In der Tat“, bestätigte Sharif gelassen.

Jesslyn umklammerte noch immer den Schwamm. Was wollte Sharif?

Was konnte er von ihr wollen?

Sie war noch immer eine einfache Lehrerin und lebte nach wie vor ihr schlichtes Leben. Sie trug sogar ihr kastanienbraunes Haar schulterlang und offen – wie vor neun Jahren. Anders als er hatte sie nicht geheiratet, obwohl der Mann, mit dem sie vor ein paar Jahren zusammen war, sie gebeten hatte, seine Frau zu werden. Sie hatte seinen Antrag abgelehnt, weil sie ihn nicht liebte – jedenfalls nicht so, wie sie Sharif geliebt hatte.

Andererseits würde sie niemals wieder einen Mann so sehr lieben, wie sie Sharif geliebt hatte.

Abrupt wandte Jesslyn sich um, warf den Schwamm ins Spülbecken und wischte sich die Hände an einem Papiertuch ab. „Was kann ich für dich tun, Sharif?“

„Ich denke, ich werde hier nicht mehr gebraucht“, sagte Dr. Maddox mit einem kleinen enttäuschten Seufzer. „Ich muss wieder in mein Büro. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Eure Hoheit …“ Mit einem höflichen Nicken verließ sie das Klassenzimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Jesslyn hatte kaum mitbekommen, dass die Schulleiterin gegangen war. Als ihr bewusst wurde, dass sie plötzlich allein waren, atmete sie tief durch.

Allein mit Sharif. Nach all den Jahren.

„Nimm doch bitte Platz“, bat er und deutete auf den Stuhl am Lehrerpult. „Du brauchst in meiner Anwesenheit nicht zu stehen.“

Jesslyn schaute zu dem Stuhl hinüber, bezweifelte aber, dass ihre zitternden Beine sie bis dorthin tragen würden – zumindest nicht in diesem Moment. „Möchtest du dich nicht setzen?“

„Ich stehe lieber.“

„Dann bleibe ich auch stehen.“

„Es ist wesentlich bequemer für dich, wenn du sitzt“, beharrte er, ohne die Miene zu verziehen. „Bitte.“

Es war keine Bitte, sondern ein Befehl. Daran ließ sein Tonfall keinen Zweifel. Jesslyn warf Sharif einen neugierigen und überraschten Blick zu. So einen autoritären Ton war sie von ihm aus der Vergangenheit nicht gewohnt. Niemals hatte er seine Stimme erhoben oder ihr gar einen Befehl erteilt. Er war immer charmant, ja unwiderstehlich gewesen, locker und selbstbewusst. Ihr gegenüber hatte er sich nie gebieterisch verhalten, formell oder unpersönlich. Doch momentan wirkte er genau so auf sie.

Jetzt, da sie ihn näher betrachtete, fiel ihr auf, dass sich sein Gesicht doch sehr verändert hatte. In den vergangenen Jahren waren seine Züge markanter geworden, wirkten schärfer konturiert. Der gut aussehende Junge von damals war zu einem ausgesprochen attraktiven Mann gereift.

Und nicht zu irgendeinem Mann, sondern zu einem der einflussreichsten Machthaber im Mittleren Osten.

„Okay“, gab Jesslyn nach und räusperte sich, weil ihre Stimme plötzlich seltsam heiser klang. „Lass mich eben zu Ende aufräumen. Dann werde ich mich gern zu dir setzen.“

Damit wandte sie sich wieder dem Spülbecken zu, verstaute Eimer und Schwamm rasch im Unterschrank und wischte das nasse Becken mit einem Papiertuch trocken, das sie danach in den Mülleimer warf.

„Du musst selbst die Tafeln wischen?“, fragte Sharif erstaunt. Auf dem Weg zum Pult ging Jesslyn vorsichtig an einer Kiste mit Sportsachen und einem Stapel Bücher vorbei, die noch im Schrank verstaut werden mussten.

„Jeder ist für sein eigenes Klassenzimmer verantwortlich.“

„Ich dachte immer, so etwas sei Sache des Hausmeisters.“

„Wir versuchen, so viel wie möglich zu sparen.“

Sie ging in die Knie und nahm ein Taschenbuch vom Bücherstapel, das dort nicht hingehörte.

Inzwischen arbeitete sie seit vier Jahren in der kleinen Privatschule in Schardscha. In ihrem Klassenraum war es immer sehr warm, doch in den Monaten Mai, Juni und September konnte es geradezu unerträglich heiß werden.

„Ist es deshalb auch so furchtbar stickig hier drinnen?“, wollte er unvermittelt wissen.

Jesslyn schnitt eine Grimasse und nickte. Es war ihm also aufgefallen. „Die Klimaanlage läuft. Unglücklicherweise scheint sie nicht besonders effektiv zu sein.“ Sie nahm hinter dem Pult Platz und legte das Buch zur Seite. „Bist du etwa deshalb hierhergekommen? Um zu schauen, was diese Schule gebrauchen könnte, und dann zu spenden?“

„Wenn du bereit bist, mir zu helfen, werde ich gern spenden.“

Endlich war es heraus! Er wollte also ihre Hilfe … aber wobei? Was erwartete Sharif von ihr?

Jesslyn hatte das Gefühl, eine Zentnerlast würde sich auf ihre Brust legen und ihr den Atem rauben. Sie musste sich zwingen, ruhig ein- und auszuatmen.

Bloß nicht in Panik geraten! Ich schulde ihm nichts. Unsere Beziehung ist seit fast zehn Jahren beendet.

Doch als sie Sharifs veränderten Gesichtsausdruck bemerkte, war es mit ihrer erzwungenen Ruhe vorbei. Eindringlich musterte er sie von Kopf bis Fuß.

Errötend sortierte Jesslyn einige Papiere auf ihrem Schreibtisch. „Und wobei brauchst du Hilfe?“

„Bei dem, was du am besten kannst.“ Langsam kam er auf sie zu.

Verzweifelt versuchte sie, sich auf Sharifs Worte zu konzentrieren und nicht auf seine verstörende Nähe. Doch Schritt für Schritt kam er ihr näher und brachte sie damit vollkommen aus der Fassung. „Wie du weißt, bin ich Lehrerin, Sharif“, sagte sie.

„Genau.“ Jetzt stand er direkt vor ihr – groß, beeindruckend.

War er damals eigentlich auch schon so groß gewesen? „Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, murmelte sie rau.

„Exakt neun Jahre.“

„Neun …“, wiederholte sie wie betäubt und versuchte, ihren Blick von seinem schönen Gesicht loszureißen. Aus dem charmanten Prinzen von damals war ein Mann geworden. Und er war kein Prinz mehr. Er war Sadads König.

Erfolglos bemühte sich Jesslyn, ihren zerknitterten Rock glatt zu streichen. Plötzlich wurde sie sich schmerzhaft ihrer zwar praktischen, aber wenig aufregenden Garderobe und des langweiligen Haarschnitts bewusst. Sie war nie ein Modepüppchen gewesen – doch vor neun Jahren hatte sie sich noch etwas eleganter und ausgefallener gekleidet.

Sie zwang sich zu einem professionellen Lächeln. „Und was kann ich nach dieser langen Zeit für dich tun?“

„Unterrichten“, entgegnete er schlicht.

Seine Antwort versetzte Jesslyn einen Stich. Doch sie versuchte, den unsinnigen Schmerz zu ignorieren. „Ja, das ist mein Beruf. Ich bin eine Lehrerin, und du bist ein König.“

Sharif wandte seine grauen Augen nicht von ihr. Seine Miene war undurchdringlich. „Du hättest meine Königin werden können.“

„Du hast es nie ernst mit mir gemeint, Sharif.“

Augenblicklich war die Spannung zwischen ihnen fast greifbar. Seine Augen funkelten. „Du auch nicht.“

Und mit einem Mal waren sie Gegner, die auf beiden Seiten einer unüberwindlichen Mauer standen.

„Das ist weder fair noch entspricht es der Wahrheit“, presste Jesslyn zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Wut schnürte ihr die Kehle zu. „Es gab einfach keinen Platz für mich …“ Sie brach ab und biss sich auf die Unterlippe.

Das alles war lange her. Sie wollte nicht mehr über die Zeit von vor neun Jahren sprechen. Inzwischen hatte sich so viel verändert. „Also, was hat dich wirklich zu mir geführt, Eure Hoheit?“, fragte sie bewusst ironisch und sah mit Genugtuung, wie sich Sharifs Miene verfinsterte. Warum sollte nur sie unter dieser unerwünschten Begegnung leiden?

„Das habe ich dir doch gerade erklärt“, gab er kühl zurück. „Ich bin hier, um dir einen Job anzubieten.“

Er meinte es tatsächlich ernst. Es ging schlicht und ergreifend um einen Job. Als Lehrerin.

Jesslyns Herz schlug bis zum Hals. Sie schluckte, sah auf und schenkte ihm ein kühles Lächeln. „Ich habe bereits eine Anstellung.“

„Die offenbar kein Zuckerschlecken ist …“ Mit vielsagendem Blick sah sich Sharif in dem schlichten, etwas schäbig eingerichteten Klassenzimmer um.

„Mir gefällt es“, versetzte Jesslyn beinahe trotzig. Sie ärgerte sich über seine zur Schau gestellte Überheblichkeit.

„Würdest du mein Angebot eventuell in Betracht ziehen, wenn ich dir sage, dass es nur für den Sommer ist?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Jesslyn stand kurz davor, Sharif zurechtzuweisen, ihm zu sagen, dass ihn das gar nichts angehe und dass sie ihm auch nicht das Geringste schulde. Doch sie verbiss sich die Worte. Ihre Entscheidung hing nicht in erster Linie mit der Vergangenheit, sondern mit ihrer Zukunft zusammen. Sie hatte Pläne für die Sommerferien – wundervolle, aufregende Pläne, die sie auf eine fast zweimonatige Reise entführen würden. Zunächst würde es an die hellen Sandstrände von Queensland, Australien, gehen. Danach wollte sie Sydney und Melbourne kennenlernen – kulturell, durch Museums- und Theaterbesuche, und auch kulinarisch. Schließlich wollte sie nach Auckland reisen und anschließend weiter zum Skilaufen in die Berge Neuseelands. „Weil … nein.“

„Du wärst rechtzeitig zum Beginn des neuen Schuljahres im September zurück“, versuchte Sharif es jetzt in einem sanft überredenden Ton, der Jesslyn heiße Schauer über den Rücken sandte.

„Weißt du was? Du erinnerst mich an meine Schüler, wenn sie einfach nicht hören wollen.“

Er lächelte leicht. „Du hast nicht einmal eine Sekunde über meinen Vorschlag nachgedacht.“

„Da gibt es nichts nachzudenken. Ich habe Pläne für den Sommer, die ich weder aufschieben kann noch will. Nicht einmal für dich.“

Bei ihren letzten Worten verdüsterte sich seine Miene. Dabei hatte sie es nicht einmal sarkastisch gemeint. Aber die Art, wie er über ihr thronte, als würde er sich hier in seinem Palast befinden und nicht in ihrem Klassenzimmer, machte sie wütend. Sie mochte es nicht, wie er sie drängte. Und dass er sie, ihre Gefühle und Bedürfnisse schlicht überging, reizte sie zum Widerspruch.

„Nett, dass du dabei an mich gedacht hast, Eure Hoheit, aber die Antwort bleibt Nein.“

„Ich zahle dir doppeltes Gehalt.“

„Stopp!“ Wütend schlug sie mit einem schweren Buch auf den Schreibtisch. „Hier geht es nicht ums Geld! Daraus mache ich mir nicht das Geringste. Du könntest mir zweitausend Dollar pro Tag anbieten, und es wäre mir egal! Ich bin nicht interessiert! Nicht interessiert! Hast du mich endlich verstanden?“

Schlagartig herrschte im Klassenzimmer ein angespanntes Schweigen.

Aber es war nicht ihre Schuld, dass sie die Beherrschung verloren hatte. Er hörte ihr einfach nicht zu. „Ich fahre den Sommer über in Urlaub“, teilte sie Sharif so ruhig wie möglich mit. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen und hielt seinem intensiven Blick stand. „Und heute Abend geht es los.“

„Du kannst auch nächsten Sommer in Urlaub fahren“, gab er ernst zurück. „Ich brauche dich jetzt.“

Jesslyn konnte sich ein kurzes bitteres Auflachen nicht verbeißen. „Du brauchst mich? Ein wirklich guter Witz, Eure Hoheit!“

Aber Sharif schien nicht zum Lachen zumute zu sein. „Nenn mir einen Grund, warum du mein Angebot ablehnst“, forderte er.

„Du kannst gleich drei bekommen“, erklärte Jesslyn genervt und stapelte die Lehrbücher auf ihrem Schreibtisch fein säuberlich übereinander. „Erstens habe ich ein anstrengendes Schuljahr hinter mir und brauche unbedingt eine Pause. Zweitens habe ich eine wundervolle Reise nach Australien und Neuseeland geplant, die bereits bezahlt ist. Und der dritte und vielleicht auch wichtigste Grund: Nachdem ich vor langer Zeit mit dir zusammen war, habe ich absolut keine Lust …“

Der Rest ihres leidenschaftlichen Statements wurde vom Schrillen des Feueralarms übertönt.

Der durchdringende Ton ließ Jesslyn für einen Moment erstarren. Für gewöhnlich schnappte sie sich in dieser Situation das Anwesenheitsbuch und führte die Schüler rasch hinaus ins Freie. Jetzt waren keine Schützlinge anwesend, die in Sicherheit gebracht werden mussten.

Plötzlich flog die Tür auf und auf der Schwelle erschienen zwei große Männer in dunkler Kleidung, die beide eine Waffe im Anschlag hielten. Einer sprach laut und aufgeregt zu Sharif, der nur knapp nickte und sich dann Jesslyn zuwandte.

„Passiert so etwas öfter?“, rief er ihr über den Lärm hinweg zu.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie und griff nach ihrer Handtasche und ihrer Büchermappe. Sharifs Leibwächter hatten ihr einen gehörigen Schreck eingejagt, obwohl sie aus Londoner Zeiten an die ständige Anwesenheit von Bodyguards im Umfeld des Prinzen gewöhnt war. „Ich denke, es war falscher Alarm“, fügte sie hinzu. „Wahrscheinlich ein Schülerstreich als krönender Schuljahresabschluss. Trotzdem müssen wir das Gebäude verlassen, bis Entwarnung gegeben wird.“

Sie wollte gerade noch ihren Blazer vom Stuhl nehmen, als die Sprinkleranlage ansprang. Jesslyn erstarrte vor Schreck. Warmer Sprühregen ergoss sich aus den Düsen an der Decke über sie und setzte das Klassenzimmer binnen kürzester Zeit unter Wasser.

Sharif nahm ihr die Handtasche und die Büchermappe ab und rief: „Los! Raus hier!“

Die langen Flure zwischen den Klassenräumen standen bereits unter Wasser, während sie dem Ausgang zustrebten. In der Ferne waren Sirenen und laute Rufe auf Arabisch zu hören.

Als sie endlich vor dem Gebäude standen, fuhren die ersten Feuerwehrwagen vor. Und auch der Rest von Sharifs Sicherheitstruppe – weitere sechs Männer, die sich draußen postiert hatten – befand sich in höchster Alarmbereitschaft. Die Männer steuerten auf Sharif zu, aber der hielt sie mit einer energischen Handbewegung zurück.

Dr. Maddox, die nervös vor dem Eingang der Schule auf und ab gegangen war, kam auf sie zugeeilt. „Das ist mir schrecklich peinlich. Es tut mir unendlich leid!“, stieß sie betreten hervor. „Wir waren so stolz, dass Sie unsere Schule persönlich aufgesucht haben, und jetzt sind Sie bis auf die Haut durchnässt, Eure Hoheit!“

„Wir sind alle klatschnass“, korrigierte er sie ungerührt. „Aber das wird schnell wieder trocknen.“ Während Sharif sprach, folgte er mit den Augen den Feuerwehrmännern, die ausschwärmten, um sicherzugehen, dass auch wirklich keine Brandgefahr drohte. „Miss Heatons Klassenzimmer ist völlig durchnässt. Wie steht es mit den anderen Räumen?“

„Ich befürchte, dort sieht es ganz genauso aus“, teilte Dr. Maddox, die inzwischen ihre Fassung zurückerlangt hatte, bedauernd mit. „Es ist eine nagelneue Sprinkleranlage, die …“, sie schob sich eine graue Locke aus der Stirn, „… ein bisschen zu gut funktioniert.“

„Wichtig ist doch, dass sie in einem echten Notfall Menschenleben retten kann“, stellte Jesslyn fest und nahm Sharif ihre Sachen ab. „Bücher und Einrichtungsgegenstände können ohne Weiteres ersetzt werden. Glücklicherweise gibt es für derartige Fälle Versicherungen. Und da die Sommerferien gerade erst beginnen, ist auch genug Zeit, um alles wieder in Ordnung zu bringen.“

„Soll ich das als Angebot verstehen, Miss Heaton?“, fragte Dr. Maddox irritiert. „Denn wenn die Reparaturen in diesem Zeitraum stattfinden sollen, muss jemand vor Ort sein, um die Arbeiten zu überwachen.“

„Ich befürchte, Miss Heaton hat bereits eigene Pläne“, sprang Sharif ein, wobei er der Schulleiterin demonstrativ den Rücken zukehrte und die völlig überrumpelte Jesslyn keine Sekunde aus den Augen ließ. „Komm, ich bringe dich zu deinem Wagen.“

„Ich habe keinen Wagen“, erklärte Jesslyn knapp und schulterte ihre Tasche. „Ich nehme mir ein Taxi.“

Sharif runzelte die Stirn. „Aber du besitzt doch einen Führerschein.“

„Autos sind teuer, und ich fahre gern Taxi. Dann werde ich wenigstens nicht belästigt.“ Nicht in Schardscha.

Jesslyn gefiel ihre neue Wahlheimat. Natürlich gab es in Schardscha kein glamouröses Nachtleben wie beispielsweise in Dubai oder in anderen Weltmetropolen. Aber dafür erstrahlte die Wüstenstadt in schlichter Eleganz und verfügte über einen ganz speziellen Charme, den man in Dubai mit all den Wolkenkratzern und der künstlichen Insellandschaft vergeblich suchte.

Die Stadt war ruhiger, kleiner, weniger pompös. Jesslyn liebte die von Palmen gesäumten Flaniermeilen und die moderne Architektur der Innenstadt. Sie schätzte es, dass sie mit dem Taxi oder zu Fuß alles erreichte, was sie brauchte. Und sie musste sich keine Gedanken über einen Parkplatz machen. Sie fühlte sich hier willkommen und gut aufgehoben.

„Dann fahre ich dich nach Hause“, beschloss Sharif. Er nickte seinen Bodyguards zu – das Zeichen zum Aufbruch. „Mein Wagen steht gleich hier.“

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