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Die Geisterreiter - Die Rächer Rothardts

 

Sie kommen bei Nacht,
sie trotzen der Wacht,
kein Tür, kein Schloss,
wird hindern ihr Ross,
denn Geister sind’s, die Hermelhain
als treue Schar nennt sein.

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Inhalt

Blödes Getue

Schlimme Aussichten

Hermelhains Geheimnisse

Der Experte

Alarm im Stall

Auf Flockis Fährte

Gefahr von oben

Die Ruine

Die Rächer Rothardts

Alarm in der Schatzkammer

Der Verdacht

Die Geisterreiter im Feindesland

Angriff im Dunkeln

Der Pakt

Verdächtigungen

Operation Hermelhain

Eine heiße Spur

Tommys Doppeltrick

Schatten in der Nacht

Die Jagd beginnt

Geheimnis in der Tiefe

Der Gefangene

Doppelte Überraschung

Jagd auf Nummer zwei

Rothardts Geheimnis

Mia schlägt zurück

Adieu, Schatz

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Blödes Getue

Mia versuchte ruhig zu bleiben, aber als der Zeiger der alten Uhr im Kaminzimmer auf fünf nach zwei sprang, fuhr sie hoch, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Der Überlandbus musste genau jetzt vorne an der Straße halten, und dann wären die Geisterreiter nach drei langen Monaten endlich wieder komplett.

Lara hingegen ließ sich nicht im Mindesten beeindrucken, sie vertilgte in aller Ruhe und mit sichtlichem Genuss das letzte Stück von Oma Maigrunds Apfelstrudel. Sie wollte ihren zweiten Tag ruhig angehen. Tommy und Ben würden schließlich auch ohne Mia und sie den Weg zum Hof finden.

Solch gelassene Gedanken waren Mia vollkommen fremd. In ihren E-Mails hatten Tommy und Ben viele Andeutungen gemacht, dass sie eine Menge zu besprechen und zu klären hätten. Bloß was und worum es eigentlich ging, das hatten sie nicht verraten.

Überrascht stellte Mia fest, dass sie schon vor dem alten Wegweiser an der Straße stand. Sie hatte bei all den Gedanken, die ihr durch den Kopf spukten, gar nicht gemerkt, wie sie hierhergelangt war. Der kühle Herbstwind erinnerte sie daran, dass sie vergessen hatte, eine Jacke anzuziehen. Was war bloß los mit ihr? Das passte alles eher zu Lara, die schon mal mit der Zahnbürste im Mund zur Reitstunde kam, aber nicht zu ihr, Mia. Und wie würde das aussehen, wenn sie hier so stand, als ob sie ein Autogramm von Tommy und Ben haben wollte? Dummerweise kam in diesem Moment auch schon der Bus angetuckert, und noch ehe Mia ihre Gedanken wieder geordnet hatte, klappte die Bustür auf. Tommy und Ben kamen, sich lautstark unterhaltend, mit ihren Reisetaschen aus dem Bus gepoltert.

»Das müssen wir halt noch mal im Internet nachschauen«, sagte der rundliche Ben gerade mit angestrengter Miene. Für Ben schien immer noch Sommer zu sein, denn er trug kurze Hosen zu seinen obligatorischen Wanderschuhen.

»Das haben wir doch schon tausend Mal gemacht«, entgegnete Tommy und dabei klimperten seine Halsketten, als wenn man ein Schlüsselbund fallen lässt. Er sah fast genauso aus wie im Sommer, nur dass er statt des schwarzen T-Shirts nun eine schwarze Jacke anhatte. Sein Käppi trug er immer noch, als ob er damit geboren sei.

»Ja, aber nicht gut genug!«, zischte Ben.

Tommy nickte Mia kurz zu, als würden sie sich jeden Tag um diese Zeit hier treffen, und zog mit Ben an ihr vorbei.

»Wir müssen in diese Bibliothek, um mehr rauszufinden«, hörte sie noch und dann stand sie ganz plötzlich allein neben dem knarrenden Holzschild auf der Straße – wie bestellt und nicht abgeholt.

Mia hatte schon fast vergessen, wie es sich anfühlte, wenn sie so richtig sauer auf Tommy wurde. Aber jetzt war es wieder da, dieses alte Gefühl. Was bildete dieser Typ sich eigentlich ein? Noch nicht mal Hallo hatte er gesagt. Und Ben auch

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nicht. Mia begann vor Wut zu kochen. Sie hätte sich ohrfeigen können. Warum sollte auch ausgerechnet Tommy sich ändern? Genauso hatte es im Sommer auch angefangen. Na schön, Tommy konnte gut reiten und hatte allen damit imponiert, dass er Pegasus, Susannes Hengst, bändigen konnte. Aber er war auch ziemlich eingebildet und hielt sich nicht an Regeln. Ein paar Reiterhöfe hatten ihn schon kurzerhand rausgeworfen, und wenn sich Oma Maigrund nicht so für ihn eingesetzt hätte, wäre er auf Hof Maigrund auch nicht lange geblieben. Und warum hatte Tommy anscheinend die ganze Zeit mit Ben Kontakt gehabt, aber ihr nur ein paar kurze E-Mails geschickt? Die noch dazu vor Rechtschreibfehlern nur so strotzten, als habe er mit verbundenen Augen versucht, zufällig die richtigen Buchstaben zu treffen?

Ben war auch nicht besser. Statt mit Tommy auf wichtig zu machen, sollte der sich mal lieber um seine Reitkünste kümmern. Um die stand es nämlich nicht gut. Ben war eigentlich nur aus Versehen auf Hof Maigrund gelandet. Er konnte im Sommer noch gar nicht reiten und hatte sogar Angst vor Pferden.

Mia kickte wütend einen Ast weg und machte sich auf den Rückweg. Nur gut, dass Lara da war. Die beiden Mädchen hatten schon einige Reiterferien zusammen verbracht. Erst hatte es so ausgesehen, als ob Lara in den Herbstferien gar nicht kommen dürfte. Ihre letzten Noten, vor allem in Mathe, waren nicht sehr überzeugend gewesen. Gott sei Dank hatten die Maigrunds Lara, Tommy, Ben und Mia eingeladen, quasi als Ehrengäste, weil sie den legendären Schatz des Ritters Hermelhain gefunden hatten. Das half, Laras Eltern umzustimmen. Zu viert waren sie ein super Team gewesen: »Die Geisterreiter«. Es gab nämlich einen alten Vers über die Getreuen des Ritters Hermelhain – die Geisterreiter hatte man sie genannt, weil sie immer nachts zuschlugen. Wenn Mia an die nächtliche Verfolgungsjagd zu Pferd zurückdachte, musste sie sich eingestehen, dass es die aufregendsten Sommerferien gewesen waren, die sie je erlebt hatte – auch wenn Tommy sie oft zur Weißglut gebracht hatte.

Auf dem Hof selbst hatte sich seit dem Schatzfund zum Glück nicht viel verändert. Susanne und Peter Maigrund, die den Reiterhof führten, erledigten jetzt allerdings Unmengen von Papierkram. Ständig kamen Vertreter der Kreisstadt und des Landes und stellten tausend Fragen. Als Mia im Büro ihren Zimmerschlüssel abgeholt hatte, lugte nur noch Susannes blonder Schopf aus den Papierstapeln hervor, die ihren Schreibtisch umgaben wie eine Burgmauer.

Zwar hatte Oma Maigrund mithilfe von Hofhund Fritz dafür gesorgt, dass unliebsame Journalisten nicht mehr unangemeldet alles und jeden fotografierten, aber die Flut von Formularen und Behördengängen konnte auch sie nicht verhindern. So ein Schatzfund brachte halt nicht nur Annehmlichkeiten. Denn nicht nur das Dorfmuseum wollte den Schatz ausstellen, auch das Landesmuseum meldete Interesse an. Doch bis das geklärt war, wollte niemand die Transportkosten und die Verantwortung für die zentnerschweren Goldmünzen übernehmen, sodass die Maigrunds nun einen Wachdienst beschäftigen mussten, um den Schatz zu beschützen. In den nächsten Tagen sollte wieder einmal ein Experte aus dem historischen Landesmuseum kommen, um den Fund zu untersuchen.

Immerhin gab es jetzt wieder einen Stallburschen, der sich um die Pferde kümmerte. Johann war Mitte zwanzig, hatte rotblonde Haare, die ihm wie ein Bündel Stroh vom Kopf abstanden, und genauso viele Sommersprossen im Gesicht wie Lara. Er war zwar eher der schweigsame Typ, aber er machte seine Arbeit gut. Flocki, Mias Fuchsstute, vertraute ihm, genau wie Bugsi, der Haflinger-Wallach, und die anderen Pferde. Beim wilden Hengst Pegasus war das natürlich nicht so einfach. Der war nur bei Susanne so zahm wie die Hofkatze Minka. Wenn Johann wieder mit komisch-verzweifeltem Gesicht aus dem Stall kam, wussten alle: Pegasus macht wieder Ärger. Aber mit Tommy war ja nun Verstärkung angerückt. Denn er war neben Susanne der Einzige, der mit dem Englischen Vollblut gut umgehen konnte.

Fritz kam Mia schwanzwedelnd entgegen. Wenigstens einer, der sich freut, mich zu sehen, dachte sie.

So, und was war nun bitte schön für die Jungs so wichtig, dass man sich noch nicht mal anständig begrüßen konnte?