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Die Geisel des Löwen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Das Opfer
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  1. Die Rache
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  1. Der Löwe
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  11. Kapitel 10
  1. Das Kloster
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  1. Das Orakel
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  9. Kapitel 8
  10. Kapitel 9
  1. Der Schatz des Götzen
  2. Kapitel 1
  3. Kapitel 2
  4. Kapitel 3
  5. Kapitel 4
  6. Kapitel 5
  7. Kapitel 6
  8. Kapitel 7
  1. Epilog
  2. Nachwort
  3. Danksagung

Über die Autorin

Ricarda Jordan ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie wurde 1958 in Bochum geboren, studierte Geschichte und Literaturwissenschaft und promovierte. Sie lebt als freie Autorin in Spanien.

Unter dem Autorennamen Sarah Lark schreibt sie mitreißende Neuseeland- und Karibikschmöker, die allesamt Bestseller sind. Als Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser ins farbenprächtige Mittelalter.

Prolog

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Das Blut des Ritters hatte den sauber geharkten Sand vor dem Heiligtum rot gefärbt. Der Junge schaute entsetzt auf die Spur von Blutstropfen, die von dem verstümmelten Körper des Ritters zum Tempel führte. Der Priester, der sein Henker war, hatte seinen Kopf zu Füßen des Götzen niedergelegt. Es sah fast aus, als blickten die erstarrten Augen des Toten auf zu der vierköpfigen hölzernen Götterstatue. Die Priester intonierten einen düsteren Gesang – und der Junge wusste, dass sie ihn als Nächsten ergreifen würden. Er sollte etwas tun, sich wehren, versuchen zu fliehen, aber seine Augen hingen wie gebannt an dem steinernen Richtplatz und dem blutigen Schwert …

Doch dann hörte er den Aufschrei der Menge. Ein Schemen rannte wieselflink über den Platz vor dem Tempel, den Platz, den kein Tier und kein Mensch je betreten durften, es sei denn als Priester oder Opfer.

»Jetzt! Lauf!«

Der Junge meinte, die Stimme des Mädchens zu hören, auch wenn das kaum möglich war. War doch die Luft erfüllt von Gebeten, ängstlichen Rufen und rennenden Füßen. Die Menschen fürchteten die Rache des Götzen für die Schändung seines Tempels. Sie flehten um Gnade, oder sie flüchteten. Und endlich fiel die Erstarrung von dem Jungen ab. Er riss sich los, schlug den Mann nieder, der ihn festhalten sollte, rannte mit den Flüchtenden zu den Toren der Burg und verschmolz mit der Menge. Dann wandte er sich noch einmal um und suchte das Mädchen mit seinem Blick. Es stand am Rande des Tempelplatzes. Sein Haar wehte im Wind, sein Blick war auf den Götzen gerichtet. Aber es schien weder zu beten noch an Flucht zu denken.

Es fürchtete sich nicht.

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DAS OPFER

Kap Arkona, Rujana (Rügen)
1163

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Kapitel 1

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Einige wenige fahle Sonnenstrahlen tasteten sich wie leuchtende Finger über den stahlgrauen Himmel Rujanas. Amra, die im harten Küstengras lag und zu den Wolken aufblickte, gruselte sich ein bisschen bei dem Gedanken, die Götter könnten so nach ihr greifen. Sie fuhr zusammen, als sie Hufeklappern und eine Stimme hinter sich hörte.

»Amra! Was machst du denn hier? Deine Mutter sucht dich. Die Heringe …«

Amra richtete sich auf und erkannte Herrn Baruch auf seinem Pferd, den Kaufmann aus Stralow, dem ihre Mutter das Haus führte. Wie viele Händler besaß er einen Stützpunkt auf Rujana – die Insel war ein Zentrum des Heringshandels.

»Die Fischer sind vorhin ausgefahren«, führte Baruch weiter aus und zügelte seine kleine Stute, die am liebsten gleich weitergelaufen wäre.

Amra nickte. Das hätte ihr kaum entgehen können. Wenn die Heringsschwärme gesichtet wurden, die Rujanas Reichtum und das Auskommen der Fischer des Örtchens Vitt sicherten, rief eine Glocke die Männer zu den Booten. Sie ließen dann alles stehen und liegen – ob es eine wichtige Arbeit war, eine Bestattung oder ein Gottesdienst. Die Priester von Arkona tadelten sie deshalb mitunter, aber nicht sehr scharf. Auch der Reichtum ihres Heiligtums erwuchs schließlich aus den Segnungen des Meeres.

»Ich hasse Heringe«, bemerkte Amra und strich ihr langes, leuchtend rotes Haar zurück.

Baruch lächelte. »Sie gehören auch nicht unbedingt zu meinen Leibspeisen«, meinte er. »Aber in gewisser Hinsicht ernähren sie uns beide. Also solltest du nicht hier herumliegen und träumen, sondern dich zu den Mädchen im Ort gesellen und auf die Fischer und ihre Beute warten.«

Amra seufzte. Wenn die Fischer mit ihrem Fang zurückkehrten, mussten Aberhunderte von Heringen ausgenommen und in Fässern eingesalzen werden. Eine schmutzige und schweißtreibende Arbeit, die alle Bewohner von Vitt bis in die Nacht beschäftigen würde. Und es bestand keine Chance, dass der Fang dieses Mal vielleicht nicht so reichlich ausfiel. Die Heringsschwärme wanderten im Frühjahr von der Ostsee in die Küstengewässer, um zu laichen, und die Fische waren zahlreich wie die Sterne am Himmel. Man brauchte nicht einmal Netze, um sie in die Boote zu befördern, die Fischer schöpften sie in Eimern an Bord.

»Wo reitet Ihr denn hin, Herr?«, fragte Amra, um das Thema zu wechseln. Je später sie ins Dorf kam, desto besser.

Sie stand auf, klopfte ihr Kleid aus und wanderte dann neben dem falbfarbenen Pferd des Kaufmanns her – wohl wissend, dass sie sich damit von Vitt entfernte, statt sich weisungsgemäß ins Dorf zu begeben.

Baruch schmunzelte. Natürlich durchschaute er das Manöver, aber er war gern mit Amra zusammen. Die schlaksige Dreizehnjährige war lebhaft und klug – dazu versprach sie, ausgesprochen hübsch zu werden mit ihrem roten Haar und den klaren grünen Augen. Er wäre stolz gewesen, hätte er sie seine Tochter nennen dürfen … Doch Baruch rief sich allein bei dem Gedanken zur Ordnung. Niemand durfte jemals wissen, dass Mirnesa, Amras Mutter, ihm mehr war als eine Wirtschafterin und dass Amra … Nun ja, auf der Insel redete man natürlich darüber, dass sie das rote Haar kaum von Mirnesas erstem, früh verstorbenem Gatten haben konnte. Baruch selbst begann zwar langsam zu ergrauen, aber er versteckte seinen karottenroten Schopf meist unter einer Kopfbedeckung. Die bedeckte dann auch seine Jarmulke, das Käppchen, das ihn als gläubigen Juden auswies. Zu Hause in Stralow allerdings … Baruch hätte sich der Ächtung der jüdischen Gemeinde ausgesetzt, hätte man gewusst, dass er hier auf Rujana das Bett mit einer ranischen Geliebten teilte, die ihm obendrein ein Kind geboren hatte.

»Wo denkst du denn, dass ich hinreite, Amra, wenn ich den Höhenweg von Vitt aus nehme?«, neckte er jetzt das Mädchen. »Fallen dir da wirklich so viele Ziele ein, dass du fragen musst?«

Amra fühlte sich ertappt, lächelte die Schmach aber weg. »Nach Norden, nach Arkona«, antwortete sie schließlich, als hätte er die Frage ernst gemeint. »Zur Burg, zu den Priestern und zum König. Ich weiß jedoch nicht, was Ihr da wollt. Die Heringe sind gerade erst gekommen. Ihr müsst dem Gott noch nicht opfern …«

König Tetzlav, der Herrscher von Rujana, und die mächtige Priesterschaft des Gottes Svantevit erlaubten den Fernhandel und die Ansiedlung der Kaufleute aus aller Welt auf ihrer Insel. Allerdings forderten sie Abgaben – anderswo als Zölle deklariert, hier hingegen als Opfergaben für das Heiligtum des Gottes. Arkona war Zentrum der Verehrung des Kriegergottes Svantevit, die Gläubigen kamen aus dem gesamten slawischen Raum, und die Priester hatten großen Einfluss.

Baruch verzog das Gesicht, als Amra von den Opfergaben sprach. Er nannte die Abgaben ungern so. Seine Religion verbot es ihm, andere Götter als den einen der Juden zu verehren. Dennoch lieferte er brav Gold oder Wertgegenstände bei den Priestern ab, und die anderen jüdischen und christlichen Kaufleute taten es ihm gleich. Rujana war zu wichtig und die Einkünfte aus dem Heringshandel zu groß, um sich hier in religiösen Spitzfindigkeiten zu verlieren.

»Die Heringe sind gerade erst gekommen, aber gestern Nacht sind dem König noch andere Fische ins Netz gegangen«, meinte Baruch grimmig. »Hast du nicht von der Galeere gehört, die sie aufgetan haben, die Männer von Arkona und von Vitt?«

Amras Blick verdüsterte sich. »Doch. Das war kein leichter Fang. Olessa und Mava trauern um ihre Männer …«

Die Ortschaft Vitt konnte vom Heringshandel eigentlich gut leben, aber die Fischer hatten auch Einkünfte aus weniger friedlichen Unternehmungen. Seeräuberei versprach Abenteuer und leichte, reiche Beute. Sowohl von der über der Steilküste thronenden Burg Arkona aus als auch von dem etwa eine Meile entfernt in einer Uferschlucht gelegenen Vitt beobachtete man die Bucht. Kam ein Schiff in Sicht, das man nicht kannte und war es womöglich in Schwierigkeiten, dann sandte Tetzlav seine Männer hinunter nach Vitt, und die Fischer stellten ihnen bereitwillig ihre Boote für eine Kaperfahrt zur Verfügung. Die Ranen hatten kleine, wendige Schiffe mit geringem Tiefgang, nicht für Hochseeschifffahrt geeignet, doch überaus schnell in Ufernähe. Die meisten Handelsschiffe hatten der Übermacht der Ranenpiraten wenig entgegenzusetzen, aber mit der Galeere der vergangenen Nacht verhielt es sich anders. Berichten der Fischer zufolge war sie voller Ritter gewesen, die sich kraftvoll zur Wehr setzten. Letztlich hatten die Seeräuber die gesamte Besatzung zur Strecke gebracht – lediglich zwei Gefangene lagen in Ketten auf der Burg –, dennoch hatten sie ihren Sieg teuer bezahlt. Zwei Fischer aus Vitt und über zwanzig Ritter des Königs waren auf See geblieben.

»Und es gab nicht mal besonders viel Beute«, fuhr Amra fort. Auch darüber war in Vitt offen geredet worden. Die Piraterie verursachte niemandem Gewissensbisse.

Baruch nickte. »Eben das gibt mir Hoffnung für meine Mission«, meinte er. »Ich werde versuchen, die zwei Gefangenen freizukaufen. Das Schiff war eine Galeere der Templer. Sie würden ihre Leute sicher gern auslösen.«

Baruch fungierte oft als Vermittler zwischen Gefangenen und Seeräubern. König Tetzlav und seinen Leuten ging es um schnelles Geld. Die sonst im Abendland durchaus übliche Praxis, wohlhabende und hochgeborene Gefangene monatelang festzuhalten, bis der Kontakt mit ihren Angehörigen hergestellt und eine Lösegeldzahlung erfolgt war, lag ihnen nicht. Also löste Baruch die Opfer der Piratenangriffe auf gut Glück aus und hoffte auf Vergütung seiner Auslagen. Enttäuscht wurde er dabei selten. Tetzlav gab die Gefangenen meist ohne großes Federlesen heraus, und die erwiesen sich als überaus dankbar und dementsprechend großzügig.

»Kann ich nicht mitkommen?«, fragte Amra.

Inzwischen hatten sie die Hälfte des Weges zur Burg zurückgelegt. Der Höhenweg bot reizvolle Ausblicke den Kreidefelsen hinunter bis weit über die blaugraue, heute fast spiegelglatte See, doch keiner der beiden achtete darauf.

Baruch lächelte. »Und womit begründe ich die Eskorte?«, erkundigte er sich.

Amra zuckte die Schultern. »Ich könnte Euer Pferd halten«, schlug sie vor und tätschelte den Hals der falben Stute.

Baruch schüttelte den Kopf. »Es gibt ausreichend Anbindeplätze auf der Burg«, wehrte er ab.

Amra grinste zu ihm hoch. »Aber Susa ist ein kluges Pferd. Sie könnte sich losreißen und über das Heiligtum des Gottes laufen. Dann würdet Ihr geköpft!«

Baruch lachte. »Eben weil sie ein kluges Pferd ist, wird sie das tunlichst bleiben lassen«, gab er zurück. »Und angesichts der Möglichkeit, geköpft zu werden, pflege ich meine Knoten auch stets besonders gewissenhaft zu winden.«

Amra schürzte die Lippen wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte.

»Ich könnte sagen, ich wollte dem Gott opfern«, meinte sie. »Ich hab vorhin Sanddorn gepflückt«, sie nestelte ein Säckchen aus ihrer Tasche, »das könnte ich dem Gott schenken …«

Baruch hob die Augen gen Himmel, nachdem er einen kurzen Blick auf das Beutelchen geworfen hatte, in dem ein paar verschrumpelte, vorjährige Beeren lagen. »Wenn du es wagst, dem Gott so eine magere Spende zukommen zu lassen, wird man eher dich köpfen«, neckte er sie. »Und überhaupt, was sollte ein kleines Mädchen wie du vom großen, kriegerischen Gott Svantevit zu erbitten haben?« Baruchs Stimme klang wie immer ein wenig spöttisch, wenn er von einem der Götter der Ranen sprach.

Amra hob stolz den Kopf. »Vergeltung!«, erklärte sie mit klingender Stimme. »Der Mann von Olessa war so etwas wie mein Oheim … glaube ich jedenfalls. Deshalb will ich für seinen heldenhaften Eingang in die jenseitige Welt opfern und …«

Baruch lachte erneut. »Du bist jedenfalls um keine Antwort verlegen.« Es klang anerkennend. Und schließlich griff der Kaufmann in seine Satteltasche. »Hier. Das kannst du dem Gott opfern«, erklärte er, indem er eine Kette aus Perlen und Halbedelsteinen zutage förderte. »In meinem Namen, damit Svantevit die Verhandlungen segnet und das Orakel zu unseren Gunsten entscheidet, falls die Priester es für nötig halten, es wegen der Gefangenen zurate zu ziehen.«

Das war eher selten, aber diesmal rechnete Baruch mit Komplikationen. Die aufgebrachte Galeere war ein Schiff der Templer – die Überlebenden mochten also auch zu den Kriegermönchen gehören. Und womöglich wollte Tetzlav obendrein Rache für seine getöteten Männer. Unter Umständen würden die Ranen den Gott entscheiden lassen, ob man die Gefangenen auslösen ließ oder tötete.

Inzwischen kamen die Burgwälle in Sicht, die Gebäude blieben dahinter verborgen. Um die Burg zum Land hin zu sichern, waren zwei Erdwälle aufgeworfen worden, den vorderen hatte man zudem mit Holz verkleidet. Neben den Toren thronten Wachtürme. Amra steckte die Kette mit einem Dank ein und folgte Baruch dann eingeschüchtert über den hölzernen Steg, mit dem der Burggraben überbaut war. Die Wachen winkten die beiden allerdings ohne Durchsuchung mit kurzen Grußworten durch. Der Kaufmann aus Stralow war wohlbekannt und recht beliebt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Handelsherren sprach er Ranisch und war sich nicht zu fein, auch mit den einfachsten Söldnern ein paar Worte zu wechseln. Jetzt neckte einer ihn mit seiner weiblichen Begleitung.

»Habt Ihr Euch gar eine Frau genommen, Herr Baruch, und erbittet jetzt den Segen der Götter? Aber da seh ich schwarz für die Treue bei einem so jungen Ding!«

Amra errötete unter den forschenden Blicken der jungen Burschen, Baruch ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen.

»Glaubt Ihr wirklich, ein so hübsches Ding würde einem alten Bock wie mir auch nur einen Blick schenken?«, gab er im gleichen Ton zurück. »Schaut sie Euch an, die Kleine – wenn sie alt genug ist, einen Gatten zu wählen, werden die Könige bei ihrer Mutter Schlange stehen.«

Die Wachleute johlten und ließen den Kaufmann und Amra durch, die jetzt überhaupt nicht mehr wusste, wo sie hinschauen sollte.

Das gab sich allerdings bald. Das Geschehen in der Burg war viel zu interessant, als dass Amra lange schamhaft zu Boden blickte, und sie war gewöhnlich nicht schüchtern. Sie folgte Baruch nun auch durch den zweiten Wall und betrachtete dann mit großen Augen das Heiligtum des Gottes, das sich vor ihr auftat. Der Tempel war weitaus prächtiger als der Palas des Königs, der eher unscheinbar wirkte. Aber das hoch aufragende Dach, unter dem die riesige Statue des Gottes Svantevit Schutz fand, leuchtete purpurn in der Farbe der Könige. Baruch hatte Amra erzählt, dass diese Farbe überaus kostbar war, und sicher musste man den Anstrich oft erneuern, um das Strahlen zu erhalten.

Das Mädchen spähte unter das Dach, um vielleicht einen Blick auf den Gott zu erhaschen, das war indessen nicht einfach. Das Heiligtum befand sich inmitten eines viereckigen Platzes, den niemand betreten durfte außer den Priestern des Gottes. Auch sie näherten sich der hölzernen Statue mit äußerster Demut. Innerhalb des heiligen Bereichs durften sie nicht einmal atmen, um den Gott nicht zu beleidigen.

Das Geviert wirkte denn auch wie eine Insel der Ruhe im regen Treiben rundum. Im direkten Umkreis des Tempels empfingen die Priester Gläubige, nahmen Opfergaben entgegen und boten sie dem Gott dar. Der Hohepriester Muris – Amra kannte ihn von den seltenen Zeremonien, zu denen die Dörfler auf die Burg kamen – begrüßte eben eine Abordnung der Obodriten, eines Slawenstammes aus Mikelenburg. Zweifellos wollten die Männer das Orakel befragen, ein Unternehmen, für das die Fürsten der verschiedenen Slawenstämme zuweilen weite Reisen unternahmen. Seit der Zerstörung des Heiligtums Rethra am Tollensesee hundert Jahre zuvor war Arkona der einzige Ort im Ostseebereich, der zu Ehren des Gottes und für das Orakel heilige Pferde hielt.

Amra starrte neugierig auf die Stallanlagen hinter dem Haupttempel. Womöglich würde sie Zeugin des Rituals werden! Es fand öffentlich statt, aber bislang war Amra nie im Inneren der Burg gewesen, wenn das Orakel befragt wurde. Auf jeden Fall war sie nicht böse, als Baruch sie bat, vor dem Königspalas auf ihn zu warten. Er hoffte auf eine sofortige Audienz bei König Tetzlav, und dabei konnte er das Mädchen nun wirklich nicht gebrauchen. Amra nahm bereitwillig die Zügel seiner Stute, um sich wenigstens ein bisschen nützlich zu machen. Die sanfte Susa blieb gelassen neben ihr stehen.

Rund um den Palas herrschte geschäftiges Treiben. Ritter und Diener gingen ein und aus, Lebensmittel wurden gebracht, und Küchenmädchen leerten Putzeimer aus, um sie am Brunnen vor den Gebäuden neu zu füllen. Die Bediensteten hatten keinen Blick für das Geschehen am Tempel, Amra dagegen verfolgte interessiert die Vorbereitungen für das Orakel.

Die Priester baten die Ratsuchenden, in einem gewissen Abstand vom Schauplatz des Gottesurteils Platz zu nehmen. Dann wurden unter Gesängen und Gebeten die Speere ihrer Anführer gekreuzt auf den Boden gelegt. Es ging also um die Entscheidung in einer Schlacht oder gar einem Krieg! Die Obodriten mussten sich bedroht fühlen oder dachten vielleicht selbst daran, einen anderen Stamm anzugreifen. Und nun würde das Orakel ihnen verraten, ob sie dabei mit Sieg oder Niederlage rechnen mussten. Würde Svantevits Pferd die Speere zunächst mit dem rechten Huf überschreiten, so verhieß das Gutes. Setzte es den linken darüber, fing man den Krieg besser gar nicht erst an …

Amra spähte erneut nach der Statue des Gottes, während die Männer auf das Erscheinen des schwarzen Hengstes warteten. Sie erschrak, als sie die Augen eines der Gesichter des Gottes geradewegs auf sich gerichtet fühlte. Svantevit hatte vier – freundliche und grimmige, und jedes schaute in eine der Himmelsrichtungen. Amra entdeckte jetzt auch das Trinkhorn, das Svantevit in der Hand hielt. Es war ebenfalls Teil eines Orakels, allerdings eines recht friedlichen. Die Priester füllten das gewaltige Gefäß jedes Frühjahr mit Bier, und je nachdem, ob es sich in den nächsten Tagen schnell leerte oder überfloss, sagten sie eine gute oder schlechte Ernte voraus.

Nun wurde eines der mächtigen tiefschwarzen Pferde des Gottes von einem Priester aus dem Stall geführt. Amra betrachtete es mit Ehrfurcht, im Dorf erzählten sie sich, dass der Gott damit regelmäßig über die Wälle der Burg sprang und sich in die Kriege seiner Anhänger einmischte. Mit Svantevit an seiner Seite konnte man nur siegen. Man hatte ihn auch schon auf die Jagd reiten oder einfach nur aus Freude am wilden Ritt über die Insel sprengen sehen. Amra fand den Hengst imponierend, er war viel größer und kräftiger als Baruchs Stute. Gegenüber der riesigen Statue des Gottes wirkte jedoch auch der Rappe recht klein. Ob Svantevit den Körper des Pferdes anschwellen ließ, wenn er reiten wollte?

Nun sah der Hengst aber auch nicht aus, als ob er viel arbeitete. Im Gegenteil, er war wohlgenährt und strotzte vor Übermut, der Priester konnte ihn kaum halten. Und dann sah Amra etwas, das sie in Staunen versetzte: Der Mann versuchte, die Schritte des Tieres zu lenken. Er gab ihm mal mehr, mal weniger Zügel und beeinflusste damit zweifellos die Schrittlänge. Der Priester würde also bestimmen können, mit welchem Huf der Hengst vor den Speeren abfußte! Amra hielt den Atem an und biss sich auf die Lippen. Wenn der Hengst nicht selbst bestimmte, welchen Huf er über das Hindernis setzte – was war das Orakel dann wert?

Doch der Rappe schien an diesem Tag nicht gewillt, den unauffälligen Hinweisen seines Führers zu folgen. Er interessierte sich allerdings auch nicht besonders für seine göttliche Aufgabe, sondern eher für die Stute Susa. Amra war geistesabwesend immer näher an den Orakelplatz herangetreten – und Susa war ihr natürlich brav gefolgt. Das Mädchen erschrak zu Tode, als der Priester ihm deshalb einen wütenden Blick zuwarf. Amra zog sich sofort zurück, aber das verschlimmerte die Sache eher. Der Hengst tänzelte, zog unartig am Zügel und stieg – ausgerechnet vor den am Boden liegenden Speeren. Die Obodriten schrien auf, als die schweren Hufe des Rappen die Waffen trafen und das Holz unter sich zersplittern ließen. Das Pferd erschrak und gebärdete sich daraufhin noch wilder.

Der Hohepriester wies einen Novizen an, dem Priester mit dem Pferd zu Hilfe zu kommen. Er brauchte sichtlich Zeit, sich zu fassen, während die beiden das Tier schließlich beruhigten und wegführten.

Amra wartete zitternd auf Muris’ Spruch. Würde man sie zur Rechenschaft ziehen? Aber Muris hatte das Mädchen und die Stute gar nicht bemerkt. Er wandte sich jetzt mit klarer Stimme an die aufgeregten Obodriten.

»Es wird«, sagte er, »einen Friedensschluss geben. Die Waffen zwischen Euch und Euren Gegnern werden schweigen. Aber der Gott sagt auch Blut und Tod voraus. Bevor eine neue Zeit anbricht, muss Altes zerstört werden, so war es, und so wird es immer sein.«

Der Priester senkte demütig den Kopf vor dem Gott und wandte sich dann ab, obwohl die Obodriten ihn mit Fragen bestürmten. Sehr viel hatte er ihnen schließlich nicht verraten. Ob das die Reise gelohnt hatte?

Vor dem Tempel wurde es langsam ruhiger, und Amra vertrieb sich die weitere Wartezeit auf Herrn Baruch, indem sie im Sand vor dem Palas einen Strich zog und versuchte, Susa mal mit dem rechten, mal mit dem linken Huf zuerst darüberzulotsen. Es gestaltete sich überraschend einfach. Wenn sie ein bisschen übte, würde niemand sehen, dass sie auf die kleine Stute Einfluss nahm.

»Ja, Amra, genau so geht es.« Versunken in ihrer Aufgabe hatte sie gar nicht gemerkt, dass Baruch aus dem Haus gekommen war. »Aber ich würde das nicht gerade in Sichtweite der Priester üben. Bist du von Sinnen, Mädchen? Wenn einer bemerkt, dass du …«

Baruch nahm ihr unwirsch die Zügel aus der Hand und verwischte den Strich im Sand rasch mit seinem Lederstiefel. Dann entfernte er sich zielstrebig mit Susa am Zügel in Richtung eines der Wachtürme. Amra musste fast rennen, um ihm zu folgen.

»Aber … aber wenn ich das schon sehe … und Ihr … wieso sehen das dann die anderen nicht? Diese Männer, das sind doch … das sind doch Ritter! Die verstehen viel mehr von Pferden, und …«

Baruch zuckte die Schultern. Dann raffte er sich doch zu einer richtigen Antwort auf.

»Kind, der Mensch sieht, was er sehen will. Und er glaubt, was er glauben will. Diese Männer sind von weit her gekommen, um das Orakel ihres Gottes zu befragen. Sie werden es nicht anzweifeln. Erst recht nicht, wenn es ihnen genau das sagt, was sie hören wollen. Worauf die ganze Sache ja wohl abzielt. Wenn jemand ausreichend spendet, sagt ihm das Orakel auch einen Sieg voraus. Mit ein wenig Glück vertraut er darauf und fühlt seine Waffen gesegnet. Sein Gegner hört vielleicht davon und erkennt in seiner Angst den Gott zwischen den Reitern des Feindes. Dann behält das Orakel Recht und alle sind zufrieden.« Der Kaufmann seufzte.

»Aber Ihr scheint nicht zufrieden«, bemerkte Amra. »Seid Ihr zu keiner Einigung mit dem König gekommen?«

Baruch schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er unglücklich. »Das Schicksal der Gefangenen ist besiegelt. Die Priester fordern ein Menschenopfer für Svantevit – er hat lange keines mehr erhalten. Templer, christliche Kriegermönche … Was könnte es Besseres geben, um der Welt die Überlegenheit Svantevits gegenüber den Göttern der Christen zu zeigen? Und der König … Gewöhnlich ist er ja einer guten Lösegeldforderung nicht abgeneigt. In diesem Fall platzt er fast vor Wut – zwanzig Gefallene beim Angriff auf diese Galeere, und zwei davon aus seiner eigenen Familie. König Tetzlav will Blut sehen. Er wird den Priestern nichts entgegenstellen.« Baruch rieb sich die Stirn. »Und ich darf es den Gefangenen jetzt mitteilen. Vielleicht wollen sie ja letzte Grüße an ihre Angehörigen richten, die ich dann gegen ein kleines Entgeld befördern könnte. Ein Einfall des Königs übrigens. Was Einnahmen angeht, ist er ja äußerst ideenreich.«

Baruch blieb vor einem der Wachtürme, in dessen Untergeschoss sich die Verliese der Burg befanden, stehen. Diesmal band er Susa an. Amra warf er einen prüfenden Blick zu.

»Du wartest hier – möglichst, ohne Dummheiten zu machen. Oder … ach, weißt du was, komm mit! Diesen Männern da unten wird nie wieder der Blick auf eine Frau vergönnt sein. Es … es mag sie trösten und ihnen vielleicht noch einen schönen Traum schenken.«

Er legte dem Mädchen die Hand auf die Schulter. »Willst du?«, fragte er.

Amra nickte eifrig. Sie hatte noch nie einen Kerker von innen gesehen, und auch wenn die Männer ihr leidtaten – vor allem brannte sie vor Neugier!

Kapitel 2

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Gisbert de Soigne verlangte es nicht nach Trost, und er würde in seiner letzten Nacht auf Erden auch kaum an Mädchen denken. Der Tempelritter war tiefgläubig. Er wusste, welches Schicksal ihm bevorstand, und er trug es mit Gelassenheit. Gisbert de Soigne würde reinen Herzens vor seinen Gott treten, und er war auch nicht mehr jung. Hinter ihm lag ein erfülltes Leben, Gott hatte ihm alles gewährt, worum er ihn gebeten hatte. Er hatte das Dasein eines Ritters mit dem eines Seemanns verbinden können.

Als er damals in Marseille, wo er aufgewachsen war, die Galeeren und Handelsschiffe im Hafen gesehen hatte, hatte er sich danach gesehnt, auf einem dieser Schiffe anzuheuern, doch als Sohn eines Landedelmanns sollte er zum Ritter geschlagen werden und das Lehen seines Vater übernehmen. Schließlich war er fortgelaufen. Gott hatte ihn gleich dafür gestraft und den Segler, auf dem er diente, vor Genua sinken lassen, aber der Allmächtige hatte ihm auch den Weg gewiesen: Das Schiff, das die Überlebenden aufnahm, war eine Galeere der Templer gewesen. Von Reue und Dankbarkeit für seine Rettung erfüllt, war Gisbert dem Orden als Novize beigetreten, hatte seine Schwertleite erhalten – und dann gern die Aufgabe angenommen, zum Schutz einer der Galeeren des Ordens zur See zu fahren. Sein Interesse an Navigation und Nautik war den Ordensoberen bald aufgefallen – und man hatte ihn lernen lassen. Inzwischen befehligte er ein eigenes Schiff, hatte die ganze bekannte Welt bereist und seinem Gott dabei ergeben gedient. Der Märtyrertod unter dem Schwert des heidnischen Priesters würde dieses Leben krönen, Gisbert fürchtete sich nicht. Wenn da nur nicht die Sorge um den Jungen wäre, der sein Schicksal mit ihm teilen sollte.

Magnus von Lund war kein Templer, nicht einmal ein Novize. Und er war jung, gerade erst fünfzehn Jahre alt. Gisbert fühlte ihm gegenüber eine persönliche Verantwortung. Der König von Dänemark hatte ihm den Knaben übergeben, einen entfernten Verwandten, der am Hof seines Waffenbruders Heinrich von Sachsen, den man jetzt schon »den Löwen« nannte, erzogen werden sollte. Gisbert hatte ihn mit nach Lübeck nehmen wollen, um dort eine Weiterreise nach Braunschweig zu Heinrich zu organisieren.

Nun würde es König Waldemar nicht gerade das Herz brechen, wenn der Junge hier ums Leben kam. Tatsächlich mutmaßte Gisbert, dass Magnus gerade deshalb an den Hof des Löwen wechseln sollte, weil er seinem Verwandten nicht sonderlich wichtig war. Bei Licht betrachtet würde Magnus eher eine Geisel als ein Gast in Braunschweig sein. Für Heinrich sicherte dessen Anwesenheit an seinem Hof, dass Waldemar nicht gleich angriff, sollte die Waffenbrüderschaft der Männer irgendwann in Feindschaft umschlagen. Andererseits lebten auch Angehörige von Heinrich am dänischen Hof, jedoch sicher keine eigenen Kinder, Nichten oder Neffen, sondern entferntere mittellose Verwandte, auf die man im Zweifelsfall verzichten konnte. Magnus war dafür ein typisches Beispiel: Sein Vater bewirtschaftete ein kleines Lehen bei Lund, er konnte sich die Ausbildung seiner beiden Söhne zu Rittern nicht leisten. So hatte sich seine Mutter, eine Kusine dritten Grades des Königs, an Waldemar gewandt und ihm Magnus ans Herz gelegt. Waldemar konnte kaum Nein sagen und sah auch gleich, wo der Junge ihm von Nutzen sein konnte.

Nun mochte der Aufenthalt in Braunschweig auch Magnus zugute kommen – Gisbert zumindest wünschte ihm das von Herzen. Er hatte den Knaben auf der Reise lieb gewonnen. Magnus war klug und praktisch veranlagt, sich zu keiner Arbeit zu gut. Er kletterte bald geschickt wie ein Schiffsjunge die Masten hinauf, blickte vom Ausguck in luftiger Höhe auf die See, half der Mannschaft beim Deckschrubben und stellte sich ebenso vergnügt und willig der Übung mit dem Schwert. Der blonde, hoch aufgeschossene Junge brannte darauf, zum Ritter geschlagen zu werden und Abenteuer zu erleben. Er hatte sich auch beim Kampf mit den Piraten nach Kräften gewehrt, sicher wäre er eine Zierde seines Standes geworden. Und jetzt lag er hier neben Gisbert in Ketten und erwartete den Tod …

»Monseigneur?«

Eine freundliche Stimme riss Gisbert aus seinen Grübeleien. Der Tempelritter spähte ins Halbdunkel. Das Verlies war eine Art Erdloch, in das jetzt ein edel gekleideter, nicht mehr ganz junger Mann herabstieg. Der Besucher trug den Mantel eines Kaufmanns – und die Kippa eines Juden. Er sprach die Gefangenen auf Französisch an, was Gisbert dankbar vermerkte. Der Templer sprach kein Ranisch, er hatte sich nur in gebrochenem Deutsch mit seinen Häschern verständigen können.

»Mein Name ist Baruch von Stralow«, stellte der Kaufmann sich vor. »König Tetzlav hat mir gestattet, Euch aufzusuchen. Wenn es Euch also genehm ist, ein paar Worte mit mir zu wechseln …«

Jetzt regte sich auch Magnus, der bis eben erschöpft geschlafen hatte. Vorher hatte der Junge das Verlies und seine Ketten fieberhaft auf mögliche Schwachstellen hin durchsucht, die einen Ausbruch ermöglichten. Der Ernst seiner Lage schien dem Knappen allerdings noch nicht wirklich bewusst zu sein. Magnus sah sich wohl inmitten eines Abenteuers. Natürlich war es ein recht gefährliches, aber doch eines, das glücklich enden konnte. Nun sah er verblüfft auf das Mädchen, das in Baruchs Gefolge die Stiege herabkletterte. Es war fast noch ein Kind, jedoch zweifellos eine erblühende Schönheit.

Magnus rieb sich den Schlaf aus den Augen und wandte sich direkt an das Mädchen. »Wer bist du denn?«, rutschte ihm wenig ritterlich heraus.

Gisbert beachtete den Jungen nicht weiter, sondern erwiderte den Gruß des Kaufmanns. Baruch von Stralow erklärte ihm in fließendem Französisch, in welcher Mission er nach Arkona gekommen war – und warum sie fehlgeschlagen war.

Amra starrte Magnus kaum weniger verblüfft an als der Junge sie. Als von zwei Überlebenden die Rede gewesen war, hatte sie mit kräftigen, erwachsenen Rittern gerechnet, nicht mit einem Knaben, der kaum älter war als sie – und obendrein einem so gut aussehenden! Er hatte blonde, lange Locken, ein noch weiches, aber durchaus aristokratisches Gesicht mit vollen Lippen, gerader Nase und großen, hellen Augen. Amra nahm an, dass sie blau waren, aber im Dunkel des Verlieses konnte man das nicht erkennen. Und er sprach Französisch! Bisher hatte noch nie jemand außer Herrn Baruch Französisch mit ihr gesprochen. Der Kaufmann unterrichtete das Mädchen in verschiedenen Sprachen, Amra konnte auch schreiben und lesen.

»Ich bin Amra«, antwortete sie kurz und vorsichtig. Sie wunderte sich fast, dass der Junge verstand und ihre Antwort mit einem bewundernden Lächeln quittierte.

»Als du eben hier hereinkamst, erschienst du mir wie ein Engel.« Magnus hatte sich in seinem Elternhaus eher in höfischer Rede als im Waffenhandwerk geübt. Sein Vater war ein ziemlich ungeschlachter Mann, mehr Bauer als Ritter, aber seine Mutter Edita hatte eine höfische Erziehung genossen und sie an ihre Kinder weitergegeben. Von ihr hatte Magnus auch Französisch gelernt. Und konnte nun erstmals sowohl Fremdsprache als auch Schmeichelei an einem leibhaftigen Mädchen erproben. »Aber du hast rotes Haar, soweit ich das in dem Dunkel hier erkenne. Und Engel haben doch kein rotes Haar, oder?«

Amra runzelte die Stirn. Sie musste erst überlegen, was ein Engel überhaupt sein sollte, im Götterhimmel der Ranen waren sie unbekannt. Das sagte sie dann auch.

»Engel gibt es hier nicht.«

Magnus seufzte. »Ja, das hörte ich. Diese Leute hier sind Heiden. Sie beten Furcht erregende Götter an … und es heißt … es heißt, sie sollen ihnen sogar Menschen opfern …«

Gisbert nickte, als Baruch ihm jetzt den Entschluss des Königs mitteilte. »Ich habe das befürchtet«, sagte er ruhig. »Aber es ängstigt mich nicht, ich bin mit mir und meinem Gott im Reinen. Wenn Ihr allerdings … wenn Ihr noch einmal versuchen könntet, etwas für den Jungen zu tun … Er ist kein Templer, nicht mal ein Novize, und zum Ritter ist er auch noch nicht geschlagen. Wenn die Leute damit argumentieren, dass ein Opfer des Gottes ›würdig‹ zu sein hat, dann müsste der Tod dieses Jungen ihren Svantevit eher beleidigen.«

Baruch war beeindruckt von Gisberts rascher Auffassungsgabe. Dies war zweifellos ein Argument, das man für Magnus von Lund ins Feld führen konnte. Gisbert schilderte ihm kurz die Geschichte des Knappen, während Magnus sich langsam darüber klar wurde, welches Schicksal seine Häscher für ihn und seinen Begleiter vorgesehen hatten …

»Sie … sie wollen uns opfern? Uns, Herrn Gisbert und … und mich?« Fassungslos wandte er sich an Amra.

Das Mädchen nickte und schlug die Augen nieder. Vielleicht hätte es die Priester zuvor noch verteidigt, es hatte zeitlebens daran geglaubt, dass Götter manchmal Opfer forderten. Aber das Pferdeorakel hatte seinen Glauben daran erschüttert, dass die Priester den Willen Svantevits kannten.

»Ich … ich fürchte …«, sagte Amra zögernd.

Gisbert hatte den Wortwechsel der jungen Leute am Rande mitgehört.

»Wie werden sie es machen?«, fragte er Baruch gefasst. »Diese Opferung … Wie werden wir sterben?«

Baruch rieb sich die Schläfe. »Es geht schnell«, sagte er leise. »Sie töten mit einem Schwertstreich, der Gott will nur den Kopf des Opfers …«

»Sie … köpfen uns?« Magnus’ Stimme klang aufgeregt und deutlich höher als vorher noch.

Amra, die wieder aufsah, erkannte Furcht in seinen Augen. Und sie spürte Zorn und Auflehnung in sich aufflackern. Er sollte nicht so verängstigt gucken. Er sollte sie lieber so ansehen wie eben. So … so verzaubert, so … anbetend …

Plötzlich wusste sie, dass sie es nicht zulassen würde! Sie würde den Priestern nicht erlauben, diesem wunderschönen jungen Ritter oder Knappen oder was er war, den Kopf abzuschlagen! Sofern er nicht …

»Du bist aber kein Mönch?«, vergewisserte sich Amra.

Magnus blickte verwirrt. »Nein, ich … nein, ich bin Magnus von Lund … Lund ist … ein Ort in Dänemark. Wir haben da einen Hof, wir haben Pferde gezüchtet, ich … ich werde ein Ritter. Sollte ein Ritter werden …« Seine Stimme erstarb.

Amra sah ihm fest in die Augen. »Du wirst ein Ritter, Magnus!«, versprach sie ihm. »Gewiss.«

»Na, dann werde ich mal sehen, was ich tun kann«, meinte Baruch, als sie wieder ans Tageslicht kamen. »Aber vielen Dank für dein Vertrauen …«

Amra errötete. Herr Baruch hatte also gehört, was sie Magnus versprochen hatte, und bezog es auf sein Verhandlungsgeschick. Dabei hatte sie eigentlich an etwas ganz anderes gedacht – ohne bisher einen konkreten Plan zu haben.

»Ich fürchte allerdings, der König wird nicht von seinem Vorhaben abgehen. Die Priester könnte ich vielleicht überzeugen. Aber Tetzlav … der Mann ist kein Dummkopf. Wenn er den Jungen gehen lässt, und der erzählt seinem königlichen Oheim Waldemar, hier würden Tempelritter geköpft … Die Priester mögen den Christen gegenüber auftrumpfen wollen, aber der König weiß genau, was er damit riskiert.«

Amra nickte, obwohl sie nicht genau verstand, worauf der Kaufmann anspielte. Die Dänen bedrohten Rujana, das wusste man auch in Vitt. Sie hatten Arkona dreißig Jahre zuvor schon einmal erobert, waren damals aber wieder abgezogen, nachdem Tetzlavs Vorgänger geschworen hatte, die Ranen würden das Christentum annehmen und das Orakel schließen. Das war jedoch nicht erfolgt, die Priester Svantevits machten weiter wie bisher. Wenn sie König Waldemar jetzt erzürnten …

»Magnus würde bestimmt versprechen, nichts zu sagen«, meinte Amra.

Baruch lachte. »Du nennst den kleinen Dänen schon beim Vornamen?«, neckte er sie. »Nicht, dass du noch dein Herz an ihn verlierst … seins wird nämlich nicht mehr lange schlagen. Aber im Ernst, ich habe dir mit halbem Ohr zugehört. Dein Französisch war sehr gut, nur die Anrede war falsch gewählt. ›Magnus‹ ist für dich ›Seigneur‹, und ein Mädchen aus dem Volk redet einen Adligen ehrerbietig mit ›Ihr‹ und ›Euch‹ an.«

Amra nickte und hoffte, dass Herr Baruch ihr Erröten auf diesen Fauxpas zurückführte, der ihr gar nicht wie ein solcher erschien. Wie anders sollte sie diesen Jungen nennen als ›Magnus‹? Und die Anrede …

Sie hatte das Gefühl, vertrauter mit ihm zu sein, als sie je mit einem anderen gewesen war.

Kapitel 3

Bild

Amra dachte fieberhaft über einen Fluchtplan für Magnus nach, während Baruch sein Glück ein zweites Mal im Palas des Königs versuchte. Zuerst überlegte sie, den Jungen aus dem Kerker zu befreien, aber das erschien ihr dann doch als aussichtslos. Vielleicht hätte sie die Wächter ablenken können, aber um die Männer von den Ketten zu erlösen, brauchte man einen Schmied und schweres Werkzeug. Amra hatte da keine Chance. Also würde nur eine Flucht möglich sein, nachdem man ihn aus dem Verlies geholt hatte. Dann lag er auch nicht mehr in Ketten. Es war des Gottes nicht würdig, die Opfer gefesselt zum Richtplatz zu schleifen. Man bewachte sie, befreite sie aber von den Eisen.

Amra, die wieder Baruchs Pferd hielt, ließ den Blick erneut über den Tempelbereich schweifen. Wo würde man das Opfer darbringen? Sie erinnerte sich an andere Blutopfer, denen sie hier beigewohnt hatte – nicht oft, Mirnesa nahm ihre Tochter nur mit zu den Zeremonien, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Ein paar Schafe oder Rinder ließen auch beim Ernteorakel ihr Leben – direkt vor dem Allerheiligsten, aber natürlich nicht im unantastbaren innersten Tempelbereich.

Amra sah sich den Platz näher an. Er lag zwischen den Burgwällen und den Gebäuden – vom Haupttor aus ging man direkt darauf zu. Der Zugang würde frei bleiben, bei einer solchen großen Zeremonie stand die Burg dem gesamten Volk offen. Alle Menschen aus Vitt und Puttgarden würden ein- und ausgehen, vielleicht sogar die Kaufmannschaft. Es müsste eigentlich möglich sein, dass sich ein Junge wie Magnus unter das Volk mischte und unauffällig entkam, wenn seine Flucht nicht gleich entdeckt würde. Allerdings standen die Tieropfer immer für alle gut sichtbar vor dem Tempelbereich, das hielt man mit den Menschenopfern sicher nicht anders. Wenn Magnus weglief, würde es jeder sehen. Es sei denn … Es müsste ein Durcheinander geben, die Menschen müssten erschreckt, aufgewühlt, die Priester gänzlich abgelenkt werden. Dann würden die Wachen auf den Türmen auf den Platz vor dem Tempel schauen und nicht darauf achten, wer durch die Tore lief!

Amra grauste es ein wenig vor dem, was sie plante. Womöglich würde der Gott sie dafür strafen, vielleicht ließ er gleich Blitze auf sein entweihtes Heiligtum niedergehen oder durchbohrte sie mit einem heiligen Schwert, oder er ließ sie von seinen Pferden niedertrampeln. Amra dachte erneut an die Götterfinger, die vorhin durch die Wolken gegriffen hatten. Svantevit konnte sie entrücken, er … nein, darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken! Schließlich hatte er auch nicht eingegriffen, als der Priester sein Orakel beeinflussen wollte. Und Herr Baruch glaubte sowieso nicht an die Macht des Gottes …

Amra jedenfalls war entschlossen, es zu versuchen – wenn nicht noch ein Wunder geschah und Herr Baruch Magnus freikaufen konnte. Sie betete dafür mit aller Kraft, aber weder Svantevit selbst noch die Erdgöttin Mokuscha, die Amra in Magnus’ Sache für aufgeschlossener hielt, erhörten ihr Flehen.

Baruch schüttelte den Kopf, als er aus dem Palas trat. »Die Herren lassen sich nicht erweichen«, seufzte er, als er näher kam und Amra sein Pferd wieder abnahm. »Die Opferung ist für übermorgen anberaumt. Bis dahin sollten die Heringe in Vitt eingesalzen sein, und das Volk hat Zeit zuzusehen. Wobei die Priester auch ausdrücklich die Kaufleute eingeladen haben, die dann in Vitt weilen werden. Jeder, vom Höchsten bis zum Geringsten auf Rujana, solle Zeuge der Macht des Gottes werden, meint Muris. Das solle man als Befehl auffassen. Es tut mir leid, Amra. Du wirst deinen kleinen Ritter sterben sehen.«

Als Erstes sperrte Amra die Katze ein. Ihre Mutter stellte Mause- und Rattenfallen in den Vorratsräumen auf, gewöhnlich reichte allein Maschas Anwesenheit auf dem Hof jedoch, die Nager fernzuhalten. In den Fallen fand sich höchstens mal ein Mäuschen, aber das war für Amras Plan zu wenig.

Nun half sie nervös beim Ausnehmen und Einsalzen der Fische, während Mascha wütend von innen an den Türen des Wandschranks kratzte. Hoffentlich beruhigte sie sich, bis der Kaufmann zu Bett ging. Und hoffentlich ließen sich die Ratten rasch von dem Geruch des Käses anlocken, den Amra für sie ausgelegt hatte. Wenn ihr keine in die Falle ging, würde sie mit einer Katze oder einem Hund arbeiten müssen, was natürlich einfacher wäre. Doch Amra mochte keins ihrer Haustiere opfern.

Die Arbeit mit den Heringen dauerte bis spät in die Nacht, und schließlich fielen Amra und ihre Mutter todmüde auf ihre Strohsäcke. Baruch war noch nicht zurückgekommen, wahrscheinlich hatte er bereits die Verhandlungen rund um den Heringshandel aufgenommen. Die Kaufleute rissen sich jetzt um die Kapitäne der wenigen Frachtschiffe, die gerade vor Rujana vor Anker lagen. Wer die Märkte in Lübeck und Hamburg als Erster beliefern konnte, hatte die Nase vorn.

Trotz der kurzen Nacht erhob sich Amra schon früh am nächsten Morgen. Sie hatte unruhig geträumt, und beim Aufwachen stand ihr gleich Magnus’ Bild vor Augen. Es gab eine Menge vorzubereiten.

Amra atmete auf, als sie die Speisekammer inspizierte und eine große, wohlgenährte Ratte in ihrer Falle fand. Das Tier schaute sie wütend an und biss in die Stäbe seines Käfigs, aber die stabile, eiserne Falle erlaubte kein Entkommen. Amra sprach der Ratte gut zu, obwohl sie sich dabei dumm vorkam, und fütterte sie dann mit Körnern und noch mehr Käse. Schließlich versteckte sie das Tier in seinem Gefängnis zwischen den Heringsfässern. Einen Tag lang würde das schon gehen.

Mascha schaute nicht minder verärgert, als Amra sie gleich darauf freiließ. Das Mädchen tröstete sie mit ein paar Fischresten und war guten Mutes. Bislang lief alles nach Plan, doch jetzt stand der Weg nach Arkona an. Amra begab sich erneut in die Speisekammer des Gutshofes. Baruch von Stralow war reich und leiblichen Genüssen nicht abgeneigt. Deshalb waren die Vorratsräume seines Gutshofes auf Rujana stets gut gefüllt. Im Gegensatz zu den anderen Dörflern, die fast nur von Hering und Brei lebten, labten sich Baruch und sein Haushalt gelegentlich am Pökelfleisch vom Festland. Es gab Mehl und Salz, Gewürze und Wein, Mirnesa und Amra backten regelmäßig Brot. Amra bereitete zwei Bündel mit Brot, Rauchfleisch, Käse und Wein vor und legte sie in ihren Korb – eins für die Gefangenen, eins für die Wachleute, die ihren Anteil forderten. Amra war sich nicht sicher, ob das ausreichen würde, aber im Notfall hatte sie ja noch die Glasperlenkette von Herrn Baruch. Ganz bestimmt konnte sie die Männer damit bestechen, sie kurz zu Magnus und Herrn Gisbert zu lassen.

Bevor sie losging, unterzog Amra rasch noch ihr Kleid und ihr Haar einer Prüfung und stellte unglücklich fest, dass sie nicht besonders gut ausfiel. Ihr Kleid war nach dem Ausnehmen der Fische mit Blut besudelt, ihre Haut brannte vom Salz, und zweifellos stank auch ihr Haar nach Fisch. Magnus musste sie für gänzlich ungepflegt halten … Kurz entschlossen lief Amra noch einmal in ihre Kammer neben der Küche und suchte ihren größten Schatz hervor, den sie seit einem Jahr unter dem Strohsack hortete, um sich immer wieder an seinem Duft zu ergötzen – ein Stück Seife aus Arabien, Herr Baruch hatte sie ihr von seiner letzten Reise nach Genua mitgebracht. Und in ihrer Truhe fand sich auch noch ein Kleid. Es war etwas zu eng und zu kurz. Amra war in den vergangenen Monaten gewachsen und hatte ein neues gebraucht, das alte war gewaschen worden und sollte zu einem Rock oder einer Bluse umgeschneidert werden. Amra nahm es an sich – einmal musste es noch gehen, sie würde einfach ein bisschen vorsichtiger Luft holen. In der Truhe lag außerdem ein grünes Schultertuch, schlicht, aber aus edlem Stoff gefertigt, ebenfalls ein Geschenk des Herrn Baruch. Wenn sie sich das umlegte, würde man das Kleid kaum sehen.

Amra packte alles in ihren Korb und eilte damit in Richtung Höhenweg – Vitt lag in einer Uferschlucht, man musste klettern, um den Hauptweg zur Burg zu erreichen. Aber etwas oberhalb des Dorfes kannte sie eine Quelle, an der sie jetzt haltmachte, um sich zu reinigen. Zum Glück war sonst noch niemand unterwegs. Die Nacht war für alle Frauen des Ortes lang geworden, sicher schliefen die meisten noch. Und die Fischer fuhren bestimmt schon aufs Meer.

Amra schrubbte sich mit der wohlriechenden Seife und wusch auch ihr Haar. Es roch danach wie eine Blumenwiese, und sie hoffte, dass es ein paar Tage anhielt. Während Amra sich in das enge, aber saubere Kleid zwängte, gestattete sie sich einen kurzen Tagtraum: Womöglich konnte sie Magnus ja noch treffen, bevor er nach der Flucht endgültig in See stach. Vielleicht sah er sie wieder so an, wie er es am Tag zuvor getan hatte, und sagte ihr ein paar freundliche Worte. Amra malte sich höfische Schmeicheleien auf Französisch aus, während sie den Höhenweg entlanglief, aber sie spähte auch nach Schiffen aus. Und freute sich, als sie den Schoner Hilge Maget in der Bucht vor Anker liegen sah. Genau darauf hatte sie gehofft. Herr Baruch heuerte den Kapitän dieses Schiffes gern für den Transport seiner Ware an, sicher wartete er auch jetzt auf Heringsfässer für Lübeck. Amras Herz schlug heftig. Bislang schienen die Götter auf ihrer Seite zu sein.

Auf der Burg herrschte trotz der frühen Stunde schon reges Treiben. Die Kunde von der Menschenopfergabe hatte sich in Windeseile verbreitet, und Gaukler und Marktschreier erhofften sich gute Geschäfte. Sie bauten bereits Stände und Garküchen rund um das Heiligtum des Gottes auf und sicherten sich den Segen dafür bei Svantevit und seinen Priestern, indem sie dem Tempel freigebig kleine Opfergaben zukommen ließen. In all dem Getümmel fiel Amra mit ihrem Korb gar nicht auf. Sie gelangte unbehelligt zu dem Wachturm, unter dem das Verlies lag. Rasch richtete sie noch einmal das Tuch, unter dem sie ihr Haar züchtig verbarg, und versuchte, einen geschäftigen und harmlosen Eindruck zu erwecken.

»Essen für die Gefangenen, Burgwächter«, erklärte sie kurz und machte Anstalten, einfach in das Verlies hinabzusteigen, doch so leicht ging das natürlich nicht.

Die Wächter lachten. »Das müssen wir uns erst mal ansehen, Kleine!«, meinte der Ältere. »Wer bist du überhaupt? Warst du nicht gestern mit dem Juden hier?«

Amra nickte, es hatte ja keinen Zweck zu leugnen. Außerdem bot die Erwähnung des Herrn Baruch eine fabelhafte Erklärung für ihr Hiersein.

»Sehr wohl, meine Herren!«, bestätigte sie mit einer Verneigung. »Und die Gefangenen, also der Herr Gisbert, hat meinem Herrn einen Lohn versprochen, wenn er ihm etwas besseres Essen zukommen lässt als das, was die Küche für die Gefangenen hergibt.« Sie lächelte kokett.

Der jüngere Wächter ließ nun wollüstig den Blick über Amras zu enges und zu kurzes Kleid wandern. Das Mädchen errötete. Es hatte nicht daran gedacht, wie aufreizend das Kleid wirken konnte. Er schlenderte näher. »Dann lass uns mal sehen …«, meinte er und hob das Tuch an, das Amra über den Korb gebreitet hatte.

Ihr Ausschnitt schien ihn allerdings deutlich mehr zu interessieren. Er kam ihr so nah, dass sie seinen Atem spürte und den schalen Geruch seines sicher seit Wochen nicht gewaschenen Körpers wahrnahm.

»Haben die Priester das denn überhaupt gestattet?«, fragte er. »Wer weiß, vielleicht sollen die Kerle ja fasten, bevor sie dem Gott geopfert werden?«

Amra zog sich ein wenig zurück und verbeugte sich noch einmal. »Das weiß ich nicht, Herr. Aber … aber ich … also … der Gott ist doch der Gott der Krieger, der … der größte Kriegsherr von allen. Der … der will doch keine schwachen Opfer.«

Der ältere Wächter kam nun auch näher, wobei er angelegentlich schnüffelte. Das Rauchfleisch im Korb schien ihn anzuziehen.

»Der scheint ja nicht arm zu sein, der Ritter da unten«, stellte er fest. »Obwohl die Männer kaum Beute gemacht haben auf der Galeere. Doch dies ist ein feines Essen … und Wein …«

Amra lächelte ihm zu. »Das will ich meinen, Herr. Und sicher würdet Ihr auch gern etwas davon kosten.« Sie holte eines der Bündel aus dem Korb und öffnete es. »Seht her. Ihr könnt Euer Festmahl halten, während ich die Gefangenen speise.«

Der jüngere Wächter gab eine Art Grunzen von sich. »Du kannst das Zeug auch hierlassen, und wir geben’s dann den Kerlen«, schlug er vor.

Amra schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid. Aber das muss ich dem Herrn Gisbert schon persönlich aushändigen. Befehl vom Herrn Baruch. Also … es ist nicht, dass ich Euch misstraue. Aber so ein Kaufmann … diese Handelsherren misstrauen jedem, wisst Ihr …«

Der ältere Wächter nahm einen Schluck aus dem Weinschlauch. Amra ließ jetzt die Halskette auf den Tisch gleiten, dabei zwinkerte sie ihm verschwörerisch zu.

»Sehr gut!«, lobte der Mann und legte wie beiläufig die Hand darauf. Sicher gedachte er nicht, ihren Gegenwert mit seinem Kollegen zu teilen. »Komm, Jelek, lass die Kleine und iss mit! Bevor die Ablösung kommt und was abhaben will …«

Der Jüngere trennte sich ungern von Amra. »Und wie wissen wir, was die da unten tut?«, fragte er mit gerunzelter Stirn. »Gestern haben sie in einer fremden Sprache gesprochen. Wenn sie das jetzt wieder macht …«

Der Ältere zuckte die Achseln und brach sich ein Stück Brot ab. »Soll sie doch sagen und machen, was sie will. Einen Schmiedehammer und einen Amboss schleppt sie ja wohl nicht mit sich rum, also wird sie die zwei kaum befreien … Lass sie in Ruhe, Jelek. Vielleicht schenkt sie dir ja nachher noch einen Kuss, wenn du nett zu ihr bist.«

Amra errötete und bemühte sich, ihren Abscheu nicht zu zeigen. Ganz sicher würde sie diesen schmierigen Kerl nicht küssen! Aber jetzt war erst mal der Weg frei zu Magnus. Ihren Korb am Arm kletterte sie rasch die Stiege hinunter.

Gisbert de Soigne hatte die Nacht in stillem Gebet verbracht, während sich Magnus unruhig auf seinem schmutzigen Strohlager herumwarf. Der Junge haderte mit seinem Schicksal, aber Gisbert ließ ihn immerhin in dem Glauben, Baruch von Stralow könne ihn vielleicht noch freikaufen. In Wahrheit glaubte der Tempelritter nicht mehr daran. Baruch hätte sie gleich in Kenntnis gesetzt, wenn seine erneute Intervention erfolgreich verlaufen wäre. Umso verwunderter zeigte sich der Ritter, als sich wieder die Falltür zum Kerker öffnete und jemand etwas herunterrief. Und dann wehte auch noch ein blumiger Duft zu ihm herüber und er vernahm leichte Schritte auf der Stiege.

»Amra!« Magnus erkannte das Mädchen als Erster, und seine Stimme klang beglückt.

»Bonjour, Monseigneurs«, grüßte Amra artig und verbeugte sich vor dem Ritter und dem Knappen. »Ich … also ich …«

Jetzt, da sie es geschafft hatte, versagte ihr die Stimme. Oder vielleicht war es auch nur der Blick auf Magnus, sein wirres blondes Haar, in dem Strohhalme hingen. Amra hätte es gern geglättet, sie spürte fast, wie ihre Finger hindurchglitten. Sicher war es weich und seidig …

»Bonjour, Demoiselle«, gab Gisbert den Gruß zurück. Er bemerkte fast belustigt die Blicke, die zwischen seinem Schützling und dem Mädchen hin und her flogen. »Bringst du Nachricht von Herrn Baruch?«

Amra schüttelte bedauernd den Kopf. »Nein. Ich … ich bringe nur etwas zu essen …«

Sie schob sich scheu zu den angeketteten Männern vor und stellte den Korb zwischen sie. Magnus warf auch gleich einen Blick hinein. Egal, welches Damoklesschwert über ihnen schwebte, der Junge war sichtlich hungrig.

»Das ist wunderbar, danke!« Magnus griff in den Korb und brach ein großes Stück Brot ab.

Gisbert schüttelte den Kopf. »Magnus!« In seiner Stimme schwang Verständnis, aber auch Tadel mit. Amra beobachtete verwundert, wie er den Korb öffnete, den Inhalt segnete und dann ein paar Worte in einer Sprache sprach, die Amra nicht verstand. Sie wusste allerdings, dass es Latein war.

Magnus faltete die Hände und fiel schuldbewusst ein.

Gisbert unterbrach ihn allerdings noch kurz. »Auch du darfst gern mit uns beten«, lud er Amra freundlich ein. »Ich weiß, du gehörst zu dem Volk, das dem Götzen da draußen huldigt, aber ich denke, unser Gott hat dich zu uns geschickt. Dafür und für Speis und Trank danken wir ihm mit diesem Gebet.«

Amra wusste nicht recht, was von ihr erwartet wurde, doch sie schlug zumindest andächtig die Augen nieder, während die Männer ihren Gott anriefen. Dann hielt sie es nicht länger aus.

»Ich bin nicht nur wegen des Essens hier«, erklärte sie hastig. »Ich … ich bin auch … also, ich will, dass Ihr … dass Ihr flüchtet. Mir ist da etwas eingefallen, ich … ich kann Euch helfen. Ihr müsst nur …«

Magnus stopfte sich heißhungrig Brot und Fleisch in den Mund, während sie ihren Plan kurz umriss, doch Gisbert hatte sich alarmiert aufgesetzt und nahm nur einen Schluck Wein, als Amra endete.

»Und dann, wenn alle auf den Platz schauen und wenn die Priester erschrocken sind und eigentlich das Orakel etwas offenbaren sollte oder der Gott – vielleicht schickt er ja auch einen Blitz, das kann gut sein, oder er lässt es dunkel werden oder spricht zu uns oder … –, jedenfalls wenn alle ihre Aufmerksamkeit von Euch abziehen, dann lauft Ihr fort. Vielleicht müsst Ihr Eure Wächter niederschlagen, aber so schwer kann das nicht sein, wenn sich gerade der Gott zeigt.«

Svantevits Reaktion auf die Schändung seines Heiligtums war die unsichere Stelle in Amras Plan. Sie fürchtete sich vor der Rache des Gottes. Es könnte glimpflich abgehen, er könnte allerdings auch die ganze Burg vor Wut ins Meer spülen. Oder es geschah einfach gar nichts …

Gisbert schien sich darin sicher zu sein. »Der Gott wird sich nicht zeigen, Mädchen, es gibt diesen Gott nicht«, sagte er ruhig. »Eines nicht allzu fernen Tages werden Gläubige sein Bildnis in Stücke hauen, und nicht einmal dann wird sich der Himmel auftun. Aber sonst hast du Recht. Dein Vorgehen dürfte die Anwesenden in Aufregung versetzen, zumal wenn es … wenn es geschieht, nachdem das Blut eines Christen auf dem Tempelplatz vergossen wurde.«

Amra runzelte die Stirn. »Das wollen wir doch gerade verhindern«, meinte sie. »Ihr sollt vor der Opferung fliehen …«

Gisbert schüttelte den Kopf. »Deine Absichten in Ehren, Kind, aber so wird es nicht gehen. Wir können nicht beide entkommen. Wenn du es machst, bevor die Zeremonie beginnt, wird die Aufregung so groß nicht sein. Viele Menschen werden es gar nicht bemerken. Bevor die Hinrichtungen beginnen, werden sie schließlich den Gauklern zusehen und die Marktstände betrachten. Nein, Kind, du musst es tun, wenn alle Aufmerksamkeit auf den Tempel gerichtet ist. Wenn der Priester den ersten Schlag ausgeführt hat, wenn er dem Gott den Kopf eines christlichen Mönches als Opfer darbietet. Dann und nur dann werden alle erstarren. Und Magnus kann fliehen, so Gott es will …«

Kapitel 4