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Die Gegenpäpstin

Über Martina Andrè

Martina Andrè, Jahrgang 1961, lebt mir ihrer Familie bei Koblenz. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien von ihr der Bestseller »Die Gegenpäpstin«. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman »Schamanenfeuer – Das Geheimnis von Tunguska« (Verlag Rütten & Loening).

Informationen zum Buch

Die Archäologin Sarah Rosenthal stößt in Israel auf eine alte Grabstätte und geheimnisvolle Pergamente. Anscheinend hat sie das Grab Maria Magdalenas entdeckt. Wie bei jedem Fund üblich, muß Sarah selbst eine DNA-Probe abgeben. Dabei kommt eine weitere Sensation ans Tageslicht: Sarah ist eine Nachfahrin Marias. Plötzlich gerät sie in das Visier einer skrupellosen Sekte, die mit ihrer Hilfe plant, den Papst aus Rom zu vertreiben.

Packend, brisant und hintergründig: ein Religionsthriller der besonderen Art.

Für Mairi

Prolog

Kinder, es ist die letzte Stunde!

Und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist

kommt, so sind nun schon viele Antichristen

gekommen;

daran erkennen wir, daß es die letzte Stunde ist.

(1. Brief des Johannes, Kapitel 2,18)

Januar 2007 – Rom – Castello di Nero

Beinahe geräuschlos, nur von einem leisen Summen begleitet, öffnete sich die dreifach gesicherte Schiebetür. Ein junger Bursche in einem tadellos sitzenden schwarzen Anzug trat ein und warf einen prüfenden Blick in einen mittelalterlich anmutenden Rittersaal. Sein Augenmerk richtete sich zunächst auf einen mannshohen, offenen Kamin, dessen loderndes Feuer für angenehme Wärme sorgte, und wanderte dann weiter zu einem riesigen Eichenholztisch, an dem er fand, was er suchte. In einem der hohen Lehnstühle saß ein Mann mittleren Alters, dessen respekteinflößende Erscheinung nicht weniger düster erschien als der ganze Raum. Langsam, wie die Lider eines bösartigen Drachen, der seine Höhle bewacht, öffnete er die dunklen Augen. Sein Gegenüber machte in respektvollem Abstand Halt und verneigte sich.

»Romulus, was führt dich zu mir?« Die Stimme des Älteren war tonlos.

»Wir haben soeben eine Botschaft von unserer Sektion in Israel erhalten, Erhabener«, berichtete der jugendliche Bote. »Ich soll Euch ausrichten, es ist vollbracht. Man hat die sterblichen Überreste der beiden Toten sichergestellt. Sie werden noch in dieser Woche nach Rom überführt. Und auch die Frau, deren Erscheinen in der Prophezeiung beschrieben wird, hat man zufällig entdeckt. Sie lebt tatsächlich im Heiligen Land und hat das richtige Alter, dabei ist sie unverheiratet und kinderlos.«

»Es gibt keine Zufälle«, knurrte der Ältere düster. »Sag dem Tempeldiener, daß ich unverzüglich das heilige Buch einsehen will. Er soll die Krypta vorbereiten.«

Wenig später begab sich der schwarzhaarige Mann, der sich als Erhabener ansprechen ließ, in einem wallenden schwarzroten Ornat eine enge, steinerne Wendeltreppe hinab. Sie führte ihn zu einer tief unter der Erde liegenden Krypta. Die Wände des achteckigen Kuppelraumes von der Größe einer mittelgroßen Kapelle waren mit schwarzem Obsidian verkleidet. Die glatte Oberfläche des Gesteins spiegelte das Licht zahlloser Kerzen wider.

»Laß mich alleine«, sagte der Mann mit getragener Stimme, nachdem ihm der grauhaarige Tempeldiener einen goldenen Schlüssel auf einem Kissen aus Muschelseide überreicht hatte.

»Wie Ihr wünscht, Erhabener«, antwortete der hagere Gehilfe und zog sich unter einer devoten Verbeugung hinter die eisenbeschlagene Tür zurück, die mit einem leisen Echo ins Schloß fiel. Für einen Moment genoß der Mann, den seine Gefolgsleute auch als Ordensmeister bezeichneten, die ewige Stille. Eine bläulich schimmernde Flamme in einer goldenen Schale rief ihn zu einem Altar hin, der ganz aus nachtschwarzem chinesischem Granit bestand. Er verbeugte sich. Dann flüsterte er magische Worte, solang, bis das bläuliche Licht unruhig zu flackern begann und dessen gespenstischer Widerschein auf einen massiv goldenen Widderkopf fiel, der über dem Altar zu schweben schien.

Mit seinen nach unten gebogenen Hörnern warf der Götze einen beeindruckenden Schatten in das Zentrum eines goldenen Pentagramms, das sich an der Gewölbedecke befand.

Ein plötzliches, unnatürliches Aufleuchten des blauen Lichts gab das Zeichen zum Eintritt in eine hinter dem Altar liegende, geheime Kammer.

Zögernd betrat der Mann den mit schwarzem Marmor gemauerten Raum, der allenfalls für zwei aufrecht stehende Menschen Platz bot. Die Gewißheit, daß das, was nun folgen würde, mit unsäglichen Schmerzen verbunden war, schreckte ihn nicht. Jedoch flößte ihm die bevorstehende Verbindung zu einem höheren Wesen, dessen Gnade begrenzt war und das sich seiner bediente, als wäre er eine willenlose Marionette, allergrößten Respekt ein. Abermals verneigte er sich vor einem kostbar verzierten Schrein, dessen Anblick nur Eingeweihten vorbehalten war. Ganz mit Gold beschlagen und mit kunstvoll eingefaßten Rubinen verziert, die wie dicke Blutstropfen aussahen, symbolisierte das uralte Heiligtum eine höhere Macht, deren Existenz über die Jahrtausende hinweg unzählige Menschenleben gefordert hatte.

Während er ein Gebet vor sich hin flüsterte, öffnete der Mann die Tür zum Allerheiligsten mit einem ganz speziellen Schlüssel, der im Innern des Schreins etliche Zahnräder in die richtige Position verschob.

Vorsichtig entnahm der Erhabene ein ganz in Gold eingebundenes Buch, das in dem Schrein lag. Behutsam legte er es auf eine mit dunkelrotem Samt bezogene Ablage und schlug mit äußerster Sorgfalt die unendlich wertvollen Seiten auf. Feinstes, gebleichtes Ziegenleder, Tinte aus dem Balg des gleichnamigen Fisches, und eine Schrift so sauber, als hätte man sie eben erst niedergeschrieben.

Während er auf einem harten Fußbänkchen niederkniete, begann er die in Aramäisch geschriebenen Wortreihen zu murmeln, so lange und eindringlich, bis sie ihn unter unsäglichen Schmerzen in eine andere Wirklichkeit katapultierten, fernab von aller Gegenwart und doch so nah wie die Dunkelheit, die ihn plötzlich mit eisiger Kälte umgab.

Vor seinem geistigen Auge erschien eine männliche Gestalt. Erst klein, doch dann immer größer werdend, trug sie das Gewand eines Hohepriesters, wie es vor zweitausend Jahren unter den Anhängern einer geheimen Bruderschaft in Jerusalem üblich gewesen war.

Das Gesicht der Gestalt verzerrte sich, und die Augen stachen wie glühende Kohlen aus den tiefliegenden Höhlen empor.

»Findet sie!« schrie die Gestalt mit einer Stimme, so unvermittelt und laut, daß es ihm durch Mark und Bein fuhr. »Denn eure Seelen werden nicht eher zur Ruhe gelangen, bis das Reich unseres Herrschers gekommen ist.«

»Es ist vollbracht, o Herr«, flüsterte der Erhabene ehrfürchtig, während sich die verzerrten Züge seines geistigen Gegenübers augenblicklich zu einer Miene des Triumphs wandelten.

»Wir haben die Toten gefunden«, fuhr er mutig fort. »Und auch die Tochter aus dem Hause Zadoks wurde entdeckt.«

»Vereint Euch mit ihr«, zischte die furchterregende Gestalt. »Noch vor dem fünften Mond. Und der Messias, den sie gebiert, wird unser sein.«

Teil I

1.
Januar 2007 – Jebel Tur’an

Ein Wolkenbruch peitschte über das Karmelgebirge hinweg, während Doktor Sarah Rosenthal, die Laptop-Tasche fest unter den rechten Arm geklemmt, über den Parkplatz für Angehörige der Universität Haifa hastete. Erleichtert, wenn auch ziemlich durchnäßt, schlüpfte sie durch den gläsernen Eingang des 102 Meter hohen Eshkol Tower, der den Campus überragte. Ungeduldig wartete sie im Parterre auf den Aufzug, der sie zu ihrem Arbeitszimmer in den siebten Stock des Gebäudes beförderte. Eigentlich hätte sie um acht Uhr in der Frühe ihren Dienst antreten müssen. Mittlerweile war es bereits kurz vor neun. Ihr Wagen war nach mehrmaligen erfolglosen Versuchen nur unter Mithilfe eines freundlichen Nachbarn angesprungen, der das Fahrzeug kurzgeschlossen hatte. Ein Umstand, der sich in letzter Zeit unerfreulich oft wiederholte und mittlerweile nicht mehr für eine Ausrede taugte.

Ihr Chef, Yitzhak Bergman, Professor für Archäologie, konnte Unpünktlichkeit auf den Tod nicht ausstehen.

Rachel, die mütterliche Vorzimmerdame Bergmans, begrüßte Sarah augenzwinkernd im Flur, der zu den einzelnen Büros der archäologischen Abteilung führte. »Tee?« fragte sie fürsorglich.

»Gerne«, antwortete Sarah, während sie ihr Arbeitszimmer aufschloß und sich ihres nassen Parkas entledigte. Allein die atemberaubende Rundumsicht über die Bucht von Haifa entschädigte für das winzige Arbeitszimmer, das sie seit gut drei Jahren ihr Eigen nannte. Heute war es allerdings zu diesig, um einen Ausblick auf die beiden beeindruckenden amerikanischen Flugzeugträger zu erhaschen, die seit Tagen im Hafen vor Anker lagen.

Während Rachel eintrat und ihr eine Tasse mit dampfendem Darjeeling hinstellte, klingelte das Telefon.

»Archäologisches Institut der Universität Haifa, Rosenthal«, meldete sich Sarah und kippte gleichzeitig einen guten Löffel Zucker in den Tee.

»Israel Antiquities Authority«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung, und Sarah nahm beinahe Haltung an. Die IAA war die Behörde in Israel, die für die Vergabe von Grabungslizenzen im Lande zuständig war.

»Wie kann ich Ihnen helfen?« fragte Sarah diensteifrig. Während der Kollege am anderen Ende der Leitung begann, sein Anliegen vorzutragen, nahm sie sich einen Block, um sich Notizen zu machen.

»Geht in Ordnung«, sagte sie abschließend. »Ich werde mich der Sache annehmen.«

Bevor sie an ihrem Tee nippen konnte, klingelte es erneut. Auf dem Display konnte sie sehen, daß es Yitzhak Bergman war.

»Er wartet bereits auf dich«, bemerkte Rachel. »Ist wohl was Dringendes.«

Sarah warf einen wehmütigen Blick auf den Tee und erhob sich seufzend. Ihr Verhältnis zu Professor Bergman war nicht unbedingt das, was man ideal nennen konnte. Zu Beginn ihrer Studienzeit hatte sie ihn uneingeschränkt bewundert. Er zählte weltweit zu den führenden Archäologen im Bereich biblischer Archäologie und entsprach darüber hinaus dem Bild, das man sich landläufig von einem Frauenheld machte. Groß und athletisch, das dunkle Haar graumeliert, sah er einfach umwerfend aus, obwohl er mit Ende Vierzig knapp zwanzig Jahre älter war als Sarah. Menschlich hielt er allerdings nicht das, was sie sich nach ihrem ersten Zusammentreffen von ihm versprochen hatte. Kurz vor ihrem Studienabschluß hatte sie den Gott der sprechenden Steine, wie manche Kommilitonen Bergman nannten, spätabends in einer Soldatenspelunke in Tel Aviv getroffen. Ein früherer Armeekamerad hatte sie dorthin geschleppt, um ihr Wiedersehen zu feiern. Zwischen Söldnern, Huren und dem militärischen Personal diverser diplomatischer Vertretungen drängte sich plötzlich Yitzhak Bergman an die Theke. Seine Brauen hoben sich unerwartet hoffnungsvoll, als er Sarah erblickte. Überaus heftig zog er sie zu sich heran. Sein unvermittelter Kuß auf ihre Wange verriet, daß er schon jede Menge Gin getrunken haben mußte. Ein wenig schwankend begann er über seine unglückliche Ehe zu reden und darüber, daß er bereits vor Wochen zu Hause ausgezogen sei. Seine Frau habe etwas mit ihrem Tanzlehrer angefangen, und nun müsse er auf dem Campus wohnen, obwohl er im Norden Tel Avivs eine schöne Villa besitze.

Vielleicht geschah es aus Mitleid, vielleicht ein wenig aus Berechnung, daß Sarah an diesem Abend beschloß, ihn mit zu sich zu nehmen.

Zu spät wurde ihr allerdings bewußt, daß es sich bei Zak, wie sie ihn seit jener Nacht nennen durfte, um einen Lügner der Sonderklasse handelte. Während er sich mit Sarah vergnügte, versöhnte er sich hinter ihrem Rücken mit seiner Ehefrau. Vielleicht war er zu feige, zu bequem oder zu lüstern, seiner jugendlichen Gespielin – anders konnte Sarah sich im nachhinein nicht nennen – diesen Umstand zu gestehen. Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, war Bergman, ganz der wilde Liebhaber, in ihr Apartment eingedrungen und hatte gedroht, daß Sarah eine Karriere an der Universität nun vergessen könne, doch nicht einmal diese Drohung hatte er wahrgemacht. Als sie sich wenig später auf eine Assistentenstelle bewarb, war er nicht Manns genug gewesen, gegen ihre Einstellung zu votieren. Vielleicht befürchtete er, sie könne ihr ehemaliges Verhältnis öffentlich machen, und dann würde ihn seine Ehefrau mitsamt der zwei Töchter und einer astronomisch anmutenden Unterhaltsforderung sitzenlassen.

Seitdem herrschte ein gespannter Friede zwischen ihnen beiden. Sarah stellte sich allerdings des öfteren die Frage, ob ihre Entscheidung, in Haifa zu verbleiben, richtig gewesen war.

Ein schneidiges »Ja!« forderte sie auf, einzutreten, nachdem sie an Bergmans Bürotür geklopft hatte. Zu ihrer Überraschung war er nicht allein. Auf der anderen Seite seines monströsen Schreibtisches saß in einem der beiden Besucherstühle ein unauffälliger Mann, Ende Dreißig. Seine Haut war blaß und mit Sommersprossen übersät, und sein beigefarbener Popelineanzug und die blonden, schütteren Haare unterstrichen seine farblose Erscheinung noch.

Im Gegensatz zu Bergman erhob sich der Besucher höflich, als Sarah das Zimmer betrat.

Zwischen Bergmans hellen Augen bildete sich eine harte Falte, die Sarah die ihm eigene Ungeduld verriet. »Du bist spät heute morgen. Ist dein Wagen wieder nicht angesprungen?« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. »Soweit ich weiß, könntest du dir von deinem Gehalt durchaus ein zuverlässigeres Modell leisten.« Bevor sie etwas entgegnen konnte, fuhr er fort: »Darf ich dir Doktor Rolf Markert vorstellen? Er ist katholischer Theologe und Dozent für Bibelarchäologie an der Universität Wuppertal. Er wird für drei Monate bei uns zu Gast sein, und da ich weiß, daß du Deutsch sprichst, dachte ich mir, du könntest ihn unter deine Fittiche nehmen.«

Doktor Markert war wie die meisten Archäologen, die sich mit Grabungen im Heiligen Land beschäftigen, in der Lage, Hebräisch zu verstehen, doch das Sprechen fiel ihm schwer. Daher verriet sein Blick Dankbarkeit, als Sarah ihm die Hand reichte und in akzentfreiem Deutsch sagte: »Guten Morgen, ich freue mich, Sie kennenzulernen.«

»Meine wissenschaftliche Assistentin Doktor Sarah Rosenthal«, erklärte Bergman auf englisch. »Sie wird Ihnen in den nächsten drei Monaten als Ansprechpartnerin für all Ihre Fragen zur Verfügung stehen.«

Rolf Markert musterte Sarah aufmerksam. Offenbar beeindruckte ihn ihr ungewöhnliches Aussehen. Wie oft hatte sie zu hören bekommen, daß ihre Augen ein bernsteinfarbenes Feuer versprühten, das keinen Mann kaltlassen konnte. Dummerweise gab dieser Umstand allzu häufig ihr Gefühlsleben preis. Die beinahe hüftlangen schwarzen Locken hatte sie ebenso wie ihren durchtrainierten Körper, dem es nicht an weiblichen Attributen fehlte, von ihrer Mutter geerbt. Dazu gehörte wohl auch die Tatsache, daß Sport zu ihren bevorzugten Freizeitvergnügen zählte. Daher kaufte sie ihre Kleidung auch weniger in den schicken Boutiquen von Tel Aviv, sondern bei den zahlreichen Trekkingausstattern in Haifa.

Bergman, dem das Erstaunen seines Gastes nicht entgangen war, lächelte amüsiert, jedoch faßte er sich rasch wieder, bevor Markert etwas davon mitbekommen konnte.

»Da ist noch etwas, Yitzhak«, warf Sarah ein. »Die IAA hat bei mir angerufen. Oben auf dem Jebel Tur’an hat es einen Unfall bei Kanalbauarbeiten gegeben. Eine Kettenraupe ist durch die frische Teerdecke gebrochen und in eine darunterliegende, acht Meter tiefe Höhle gestürzt. Der Fahrer ist dabei ums Leben gekommen. Sie haben die ganze Nacht gebraucht, um das Ding aus dem Loch herauszuziehen. Der Bauleiter hat bei der Gelegenheit etliche Münzen mit dem Abbild Herodes Agrippas II. zutage gebracht. Laut IAA könnte es sinnvoll sein, sich dort einmal umzuschauen.«

»Warum macht die IAA das nicht selbst?« fragte Bergman mit einigem Unverständnis in der Stimme. »Die sind doch sonst immer so scharf darauf, alles selbst zu erledigen. Sag Ihnen, wir haben im Moment keine freien Kapazitäten.«

»Yitzhak«, erwiderte Sarah mit einem bittenden Unterton in der Stimme. »Wir sollten froh sein, wenn die IAA unsere Hilfe anfordert. Ich habe da ein Projekt im Auge, bei dem ich in absehbarer Zeit ihre Unterstützung benötige.«

»Also gut«, beschied Bergman mit einem jovialen Lächeln, das seine Überlegenheit ausdrückte. »Dann kannst du dich mit unserem Gast gleich ins Geschehen stürzen. Aber was immer ihr da auch findet – ich möchte informiert werden, bevor du deinen Bericht an die IAA weiterleitest.«

Der sandfarbene Jeep mit seinen defekten Stoßdämpfern gehörte nicht unbedingt zu den neusten Errungenschaften der Universität. Rolf Markert klammerte sich an die Haltegriffe, als Sarah den Wagen auf eine Anhöhe zusteuerte, die ungefähr zwanzig Kilometer südlich von Haifa und zehn Kilometer südöstlich von Nazareth lag. Auf dem höchsten Punkt angelangt, passierten sie eine kleine, weißgetünchte Synagoge, die das Zentrum eines erst vor kurzem hochgezogenen Neubaugebietes bildete. Die meisten Familien, die hier oben ein Häuschen bezogen hatten, waren vorher Bewohner der ehemals von Israel besetzten Gebiete gewesen, denen man nach den Angriffen arabischer Freischärler eine neue Zuflucht versprochen hatte. Die Ausfallstraße nach Har Nimra lag unscheinbar zwischen Felsgeröll und niederen Büschen. Von hier oben aus konnte man im Dunst des tiefer gelegenen Beckens den See Genezareth erahnen.

»Da vorn ist es«, sagte Rolf Markert. Der Regen hatte etwas nachgelassen, als Sarah den Wagen neben einem Schaufelbagger stoppte und ausstieg, um auf einen gelangweilt umherstehenden Pulk von fünf Männern in roten Overalls zuzugehen.

Die Typen starrten neugierig und ziemlich überrascht in ihre Richtung. Den angekündigten Archäologen hatte man sich wohl ganz anders vorgestellt.

»Universität Haifa.« Mit einem souveränen Augenaufschlag hielt Sarah ihren Universitätsausweis in die Höhe. »Archäologisches Institut. Man sagte uns, Sie hätten hier etwas gefunden, das für uns von Interesse sein könnte.«

»Levi!« Der graubärtige Araber, der den Namen seines Vorgesetzten rief, sah augenscheinlich keine Veranlassung, sich bei Sarah und ihrem Begleiter vorzustellen. Er grinste nur verlegen, wobei er ein paar Goldzähne entblößte. Wenig später kam ein beleibter Mittfünfziger in einem zerknitterten Anzug auf sie zu. Sein kahler, massiger Schädel verbarg sich unter einem weißen Bauhelm, und in seinem linken Mundwinkel wippte ein kalter Zigarrenstummel. Seine dunklen Augen mißtrauisch auf Sarah gerichtet, ergriff er, ohne ihren Gruß zu erwidern, das Wort. »Ich hoffe, Ihre Untersuchungen nehmen nicht zu viel Zeit in Anspruch. Wir haben einen Vertrag mit der örtlichen Baufirma. Wenn wir die Straße innerhalb der nächsten vierzehn Tage nicht fertigstellen, gerät alles in Verzug. Die Leute sitzen in der Westbank auf gepackten Koffern, wir können uns keinen Tag Verspätung leisten.«

Sarahs Blick fiel auf den völlig verbeulten Bulldozer. Nicht weit dahinter klaffte ein tiefes Loch, das nur unzureichend mit einem gelbschwarzen Signalband abgesichert war.

»Wie konnte so etwas passieren?« Sarah sah den Mann fragend an. »Machen Sie keine Bodenuntersuchungen, bevor sie eine Straße bauen?«

»Madame«, entgegnete der Bauleiter unfreundlich. »Diese Straße existierte bereits, wir sollten sie nur ausbauen und einen Graben ziehen, damit von hier aus die Hausanschlüsse gelegt werden können.« Er machte eine halbe Drehung. »Schauen Sie sich um! Überall Granitschutt. Wer konnte ahnen, daß sich unter einem Haufen an Geröll ein Hohlraum von solchen Ausmaßen befindet.«

»Nun gut«, beschloß Sarah. »Ich muß mir das Gelände näher ansehen, um entscheiden zu können, von welcher Wichtigkeit diese Entdeckung für uns ist. Erst dann kann ich Ihnen sagen, wie lange unsere Untersuchungen dauern werden.« Mit einem Wink bat sie Rolf Markert zu sich heran. »Trauen sie es sich zu, die Winde des Jeeps zu bedienen?«

»Was haben Sie vor?« Der Blick des Deutschen verriet Unsicherheit.

»Hinuntersteigen, was sonst?«, erwiderte sie wie selbstverständlich.

Wenig später hatte Sarah ein Geschirr zum Abseilen angelegt und das damit verbundene Halteseil in die Winde ihres Wagens eingeklinkt, den sie zuvor näher an die Einbruchstelle herangefahren hatte. Mit einer fließenden Bewegung zog sie ein Frotteeband aus einer ihrer vielen Taschen und bändigte ihr langes Haar zu einem strengen Zopf.

»Seien Sie vorsichtig«, gab ihr Markert mit auf den Weg. Er selbst war nicht schwindelfrei. Sarah hatte ihm auf der Anfahrt hierher erzählt, daß sie ihren Dienst in der israelischen Armee als Fallschirmspringerin absolviert hatte.

Nachdem sie sich einen Sicherheitshelm aufgesetzt hatte, kroch sie zum Rand der Abbruchkante. Zudem hatte sie Kletterhandschuhe übergezogen, um sich nicht die Hände an den scharfkantigen Steinen aufzureißen. Unter ihr tat sich ein Abgrund von acht Metern Tiefe auf. Zwei der Männer in den roten Overalls wollten ihr zur Hilfe eilen, doch sie winkte ab, überprüfte ein letztes Mal die Karabinerhaken und kletterte über die Abbruchkante.

»Nachlassen!« rief sie Markert zu, der ein wenig unbeholfen die Winde betätigte.

Einen Moment später war Sarah in dem Loch verschwunden.

Unten angekommen, landete sie ohne Probleme auf einem Haufen Geröll und ausgekühlten, frischen Teerbrocken. »Stopp!« rief sie mit fester Stimme. Die Winde wurde angehalten, und Sarah klinkte sich aus. Zwischen den verschieden großen Steinen lagen etliche Glasscherben, die offenbar von der zerbrochenen Windschutzscheibe des Bulldozers stammten. An einigen Scherben klebte Blut.

Vorsichtig begann Sarah sich umzusehen. Etliche Gänge schienen sich in einem dunklen Höhlensystem zu verzweigen. Sarah fielen sofort Töpfe und Werkzeuge auf, die herumlagen und verrieten, daß sich hier Menschen aufgehalten hatten. Was war das hier? Ein Versammlungsort der Jungsteinzeit? Fasziniert zog sie ihre Mag-lite vom Gürtel und leuchtete in die vielen Ecken und Winkel.

»Sarah!« erklang Markerts Stimme. Sie blickte nach oben und erkannte, wie er sich ängstlich über die Abbruchkante beugte. »Alles in Ordnung bei Ihnen da unten?«

»Aber ja!« rief sie ihm zu. »Ich brauche ein wenig Zeit, um mich hier unten umzuschauen.«

Es war nicht kalt, und doch erschauerte Sarah, als sie einem der Gänge in nordöstliche Richtung folgte. Töpfe, Werkzeuge, ein Besen – alles, was sie hier erblickte, schien unversehrt zu sein. Nichts davon würde sie anfassen, obwohl der Wunsch danach beinahe übermächtig wurde. Der Gang, in dem ihre Schritte gespenstisch widerhallten, war zwei Meter breit und mindestens ebenso hoch. Wie ein Sog erschien ihr der Lichtkegel der Lampe, doch eine warnende Stimme erhob sich in ihrem Innern und forderte sie auf zurückzukehren, um Bergman zu informieren. Das hier war keine simple Schafshöhle, wie es sie überall im ehemaligen Galiläa gab. Das hier … war etwas völlig anderes. Eine Gänsehaut lief Sarah über den Rücken, als sie ein Paar Schuhe entdeckte, Sandalen, vielleicht mehr als zweitausend Jahre alt. Sie lagen so da, als hätte ihr Besitzer sie eben erst ausgezogen. Hier, in diesen Gängen war auf unerklärliche Weise die Zeit stehengeblieben. Voller Erstaunen wanderte ihr Blick über eine intakte Wand mit richtigen Fenstern, deren Umrandung kunstvolle Verzierungen aufwiesen.

Eine Treppe führte hinunter zu einem kleinen Nebenraum.

Einen Moment erschrak Sarah vor ihrem eigenen Schatten, und ein helles Licht ließ sie zusammenzucken. Wasser spiegelte sich im Schein der Lampe an der gegenüberliegenden Mauer. Eine Mikweh. Ein jüdisches Ritualbad, etwa zwei Meter tief und schätzungsweise zweimal drei Meter groß, gefüllt mit glasklarem Wasser. Wie war das möglich? Hier unten war man mindestens noch vierhundert Meter vom Grundwasserspiegel entfernt. Eine Quelle? Sarah leuchtete die nackten Wände ab. Kein Tropfgestein, kein Moos, kein Hinweis auf Feuchtigkeit. Dicht über dem Wasserspiegel entdeckte sie ein kleines Loch in der Wand. Möglicherweise ein Zufluß, doch wo befand sich der Abfluß? Ein kühler Hauch umwehte ihren Nacken. Sarah drehte sich um. Das Gefühl, jemand stehe hinter ihr, hatte sie schlagartig überkommen. Ihr Atem ging schneller, als sie die Treppe wieder hinaufhastete. Rechts? Links? Für einen Moment war sie zu verwirrt, um zu wissen, woher sie gekommen war.

Sie entschied sich, nach links zu gehen, doch anstatt aus der Höhle hinaus führte der Gang in eine weitere, große Halle. Gebannt blieb sie stehen und leuchtete in die Höhe. Mindestens fünf Meter bis zur Decke. In die umliegenden Wände waren weitere übereinanderliegende Hohlräume eingemeißelt worden. Hölzerne Leitern verbanden die einzelnen Abschnitte.

Mit einem gewissen Unbehagen suchte Sarah die Umgebung nach Spuren menschlichen Lebens ab. Knochen, Skelette, Schädel. Sie entdeckte jedoch nichts …

Das hier war eine Sensation, anders konnte sie es nicht bezeichnen. Jeder Archäologe träumte davon, eines Tages einen solchen Ort zu entdecken.

Sarah schaute auf die Uhr. Mehr als eineinhalb Stunden lief sie bereits in diesem Höhlensystem herum. Ihr deutscher Kollege würde sich Sorgen machen. Zögernd wählte sie einen weiteren Gang, weil sie glaubte, von dort gekommen zu sein. Die Gänge, die ornamentumrankten Fenster und die zahlreichen Seitennischen, die sie an die Verkaufstände in den überdachten Marktstraßen in der Altstadt von Jerusalem erinnerten, sahen alle gleich aus. Während sie einen Fuß vor den anderen setzte, wartete sie beinahe sehnsüchtig auf einen ersten Schimmer Tageslicht, der zu ihr herabfiel. Doch plötzlich stand sie vor einer Wand. Eine Sackgasse, verdammt, das hatte ihr gerade noch gefehlt!

Beinahe panisch blickte sie zurück. Gähnende Dunkelheit lag da, nur ausgeleuchtet von einem einzigen Lichtstrahl, der sich wie ein Messer in einen schwarzen Tunnel schnitt. Angst war eigentlich nicht ihre Sache, aber nun hätte sie doch gern gewußt, wo sie sich genau befand.

Für einen Moment schloß Sarah die Augen, um sich zu sammeln. Dann fiel ihr Blick wie zufällig auf ein Kreuz ein Stück über ihrem Kopf, eingemeißelt in den harten Fels. Ein koptisches Kreuz. Der Schein ihrer Taschenlampe glitt über das rauhe Gestein. Unter dem Kreuz befanden sich verzweigte, dünne Linien, unterschiedlich lang, die strahlenförmig in verschiedene Richtungen zeigten. Möglicherweise war das Kreuz ein Zeichen für einen Versammlungsort in einem frühchristlichen Unterschlupf. Neben einer der Linien bemerkte Sarah drei kleine wellenförmige Gebilde. Vielleicht standen sie für die Mikweh.

Mit den Augen folgte Sarah den verschiedenen Wegen. Am linken oberen Rand war ein Haus mit einem spitzen Dach angedeutet. Der Ausgang?

Sarah steckte die Lampe in die Armbeuge und zückte einen Stift und einen kleinen Gitterblock, den sie immer bei sich trug, wenn sie zu einer Ausgrabung gerufen wurde. Hastig zeichnete sie den eingemeißelten Plan nach. Dann machte sie sich auf den Weg, doch nach einer Weile landete sie schon wieder in einem Seitengang, von wo aus eine Treppe hinab in eine weitere Kammer führte. Sie wollte schon umkehren, aber auf einmal war ihr, als würde sie Musik hören. Wurde man so schnell verrückt, wenn man sich in einer Höhle verirrte? Unsinn, beschied sie. Immerhin hatten hier einmal Menschen gelebt, also mußte es auch einen Ausgang geben. Und wenn nicht – Markert würde nicht ewig warten. Falls sie gar nicht mehr ans Tageslicht fand, würde er dafür sorgen, daß Bergman ein Rettungsteam rief und sie herausholte. Der lang anhaltende melodische Ton klang noch immer in ihrem Ohr. Allerdings konnte sie nicht ausmachen, um was für eine Art Instrument es sich handelte. Sie leuchtete in eine der Kammern hinein, und der Schein, der daraus zurückgeworfen wurde, ließ ihr einen Schreck in die Glieder fahren. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und trat auf die erste Stufe. Zögernd stieg sie hinab, in dieses unberechenbare Reich, in dem es etwas gab, was den Strahl ihrer Stablampe erwiderte. Stufe für Stufe, sieben an der Zahl, ging sie weiter. Der Raum war recht klein, maß vielleicht drei mal vier Meter. Doch im Vergleich zu den übrigen Gängen und Hallen war er regelrecht vollgestopft mit unzähligen Artefakten. Offenbar handelte es sich um eine Grabkammer. Neben einem steinernen Sarkophag, der aus einem Felsblock gehauen und mit einem schweren, steinernen Deckel versehen war, befand sich noch eine zweite Kiste, weit weniger massiv. Doch auch sie war mit einem Deckel versehen. Im jüdischen Altertum diente ein solches Ossarium zur Aufbewahrung sterblicher Überreste von Menschen. Es war die reinste Gotteslästerung, es zu berühren, nachdem es verschlossen worden war. Auf einem Steinabsatz über dem größeren Sarkophag hatte man Silberspiegel angebracht, davor – und nun mußte sie wirklich schlucken – stand ein achtarmiger Chanukkaleuchter aus purem Gold. Alleine diese, mit kleinen silbernen Schalen für Öllichtern versehene, uralte Lichtquelle mußte unendlich kostbar sein. Darüber befand sich eine Inschrift. Sie war in Koiné verfaßt, jener altgriechischen Sprache, die zu Zeiten Jesu von der hellenistisch beeinflußten Oberschicht gesprochen worden war, und erstaunlich gut zu entziffern.

Du bist das … Vorsichtig umrundete Sarah die beiden Särge. Ehrfürchtig beugte sie sich über den filigranen Leuchter, ängstlich bemüht, nichts zu berühren. Während sie die silberne Oberfläche der Inschriftentafel eingehend studierte, übersetzte sie den Text ohne Probleme ins Hebräische.

Du bist das Licht,

Mirjam von Taricheae

das Oben und das Unten

das Gestern und das Morgen

zeitlos verbunden

mit allem was Er geschaffen hat

Unendlich

wie die Liebe

in den Herzen der Erleuchteten

Es gab nur eine »Mirjam von Taricheae«. Sarah stockte der Atem. Sie selbst bezeichnete sich gerne als eine überzeugte Agnostikerin, und wenn sie ehrlich war, hatte sie die christliche Lehre nur insoweit studiert, wie es ihrer Arbeit nutzte, und doch wurde ihr schlagartig klar, daß sie mit hoher Wahrscheinlichkeit soeben das Grab der »Maria von Magdala« entdeckt hatte, jener Frau, von der manche behaupteten, sie sei die Gefährtin Jesu Christi gewesen. Unendlich viele Legenden rankten sich seit jeher um diese biblische Gestalt. Niemand wußte genau, wo ihre sterblichen Überreste verblieben waren. Doch … wenn sich in dem Sarg tatsächlich die sterblichen Überreste der Maria Magdalena befanden – wer lag dann in dem zweiten Sarg?

»Bei Moses!« flüsterte Sarah, obwohl sie sich nur selten überirdischen Beistandes bediente. Ihr Herz raste, als sie sich vorzustellen versuchte, was sich unter den steinernen Deckeln befand. Doch bevor nicht ein Team von Spezialisten alles dokumentiert hatte, durfte sie nichts berühren.

Die Sphärenmelodie, die sie gehört zu haben glaubte, war verklungen. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, begab Sarah sich zurück in den Höhlengang. Wie in Trance, als würde sie geleitet, schritt sie voran.

»Sarah!« Jemand schrie mit heiserer Stimme ihren Namen. »Sarah! Wo sind Sie? Können Sie mich hören?«

Im ersten Moment glaubte sie, Markert habe sich aus reiner Ritterlichkeit ebenfalls in die Höhle abgeseilt, doch dann konnte sie den Schutthaufen erkennen, über dem sie eingestiegen war. Der Deutsche stand immer noch oben an der Abbruchkante, das blonde Haar vollkommen naß, während sich seine sorgenvolle Miene langsam erhellte.

»Gott sei Dank«, rief er. »Ich dachte schon, ich müßte Ihren Chef anrufen und eine Vermißtenanzeige aufgeben!«

»Nein«, erwiderte sie tonlos, während sie ihren Karabiner einhakte. »Ziehen Sie mich bitte nach oben. Bergman können Sie trotzdem anrufen. Es gibt da ein paar Neuigkeiten, die er unbedingt wissen sollte.«

2.
62 n.Chr. – Das Evangelium nach Jaakov

Er konnte sie bereits sehen, bevor ihre Silhouette am Horizont auftauchte. Wie eine Vision erschien ihm ihr Antlitz, jung und schön, entschlossen und auf eine faszinierende Art weise und wissend. Sein Herz schlug wie ein Hammer, seit jeher, wenn er dieses Gesicht vor sich sah, und er hatte immer Angst gehabt, daß jemand es hören könnte. Das Geheimnis seiner Liebe hatte er indes längst nicht vor jedem verbergen können. Sie war und blieb aber die Frau seines Bruders. »Sie liebt dich, Jaakov, so wie sie mich liebt«, hatte sein Bruder immer wieder lächelnd bemerkt. »Das sollte dir Trost spenden.«

Schmal und gebrechlich saß sie auf einer Eselin, geführt von einem Knaben, der unsicher einen Fuß vor den anderen setzte. Die Hitze des Tages flimmerte von weitem wie ein ferner, glitzernder Fluß.

Ein Engel hatte ihm ihre Ankunft angekündigt. Anders konnte es nicht sein, daß er die ganze lange Nacht von ihr geträumt und sie selig in seinen Armen gehalten hatte. Einsam wie ein Eremit lebte er von Zeit zu Zeit in einer Hütte, und dann wieder stürzte er sich in den Trubel der Stadt, doch nie würde ihn in Gedanken diese Frau verlassen.

»Ich habe gewußt, daß du eines Tages zu mir kommst«, sagte er, als sie schließlich vor ihm stand. Alt war sie geworden, das lockige Haar unter dem silberdurchwirkten Schleier so grau wie die Asche im Ofen. Doch ihre Augen, ein Feuer aus Bernstein, loderten wie eh und je, als sie das durchscheinende Tuch lüftete, und ihr Lachen erschien ihm so jung und befreiend wie zu jener Zeit, als sie noch jung gewesen waren.

»Laß dich umarmen, Schwager«, sagte sie und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um dem alten Hünen, der er nun einmal war, ihre Arme um den Hals zu legen und ihn an sich zu drücken.

Er spürte ihren warmen, zarten Körper, den Duft nach Moschus und Ambra, und alle Dämme brachen. Weinend preßte er sie an sich, so fest, als wolle er sie nie wieder loslassen.

Leise schnalzte sie mit der Zunge und tätschelte seinen breiten Rücken, jedoch es dauerte eine Weile, bis er sich gefaßt hatte und sie und den staunenden Jungen in seine bescheidene Behausung bitten konnte.

»Wo sind die anderen?« fragte sie, während sie ihren staubigen Mantel ablegte und den Krug mit Wasser entgegennahm, den sie mit dem Jungen teilte.

»Sie sind tot oder fort, verstreut in alle vier Winde.« Er goß Wasser in eine flache Schüssel und begann ihre Füße zu waschen, die sie immer noch mit Henna bemalte und mit silbernem Geschmeide schmückte, wie eine Braut, die auf ihren Geliebten wartete. »Bis auf Joachanan, der mich zur Zeit in Jeruschalajim vertritt ... Ich bin allein zurückgeblieben, um unser Geheimnis zu hüten, für den Fall, daß wir uns wieder verstecken müssen.«

Langsam, auf einem Bein balancierend, während ihre Hand in seinem weißen Schopf Halt suchte, schaute sie sich um. Das Innere der Hütte war karg, der Boden lediglich mit Schilfmatten ausgelegt. Darauf standen ein Tisch, ein Lager, mehrere Körbe und Kisten mit Vorräten und Kleidern. Nichts deutete darauf hin, daß hier der Zugang zu einem Ort verborgen lag, der an Größe und Pracht einer kleinen Stadt glich. Rundherum gab es keine Behausung in der felsigen Hügellandschaft außer der Hütte des Jaakov, und doch fanden unter ihrem Dach an die tausend Menschen Platz. Was wie ein Wunder anmutete, entsprang einer simplen Idee. Unter den steinernen Platten des Fußbodens befand sich der Zugang zu einer Höhle, die mit all ihren weitverzweigten Kammern und Winkeln halb so groß war wie das nahe gelegene Taricheae.

Jaakov folgte ihrem Blick, und ein Lächeln huschte über sein bärtiges Gesicht. »Mirjam«, sagte er, »ich kann kaum glauben, daß du wirklich hier bist. Setz dich! Du wirst müde sein von der langen Reise.«

Er wußte nicht einmal, woher sie gekommen war. Gerüchten zufolge hatte sie lange Zeit in Ägypten verbracht. Später hieß es, sie sei zusammen mit seiner Mutter nach Ephesus ausgewandert. Mehr als zwanzig Jahre waren ins Land gegangen, seit er sie das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte. Unbeholfen legte er ein paar Schaffelle zurecht, damit sie es sich bequem machen konnte. Sein Blick fiel auf den Jungen, der unentschlossen neben ihr stand und mit verschleierten Pupillen zu ihm aufschaute.

»Das ist Ilan«, sagte Mirjam und strich dem Knaben über seine Locken. »Seine Mutter hat ihn mir überantwortet, als sie hörte, daß ich zu dir reisen wollte. Obwohl er noch jung an Jahren ist, hat sich sein Augenlicht bereits getrübt. Ich soll dich bitten, ihm mit deiner Heilkunst zu helfen.«

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, murmelte Jaakov und trat auf den Jungen zu.

Sein Daumen zitterte, als er dem Knaben die Lider hochzog, um zu ergründen, was die genaue Ursache seiner Krankheit sein konnte. Die Linse zeigte eine leichte Trübung.

Jaakov nickte wissend. »Ruh dich aus, Junge«, sagte er. »Morgen ist auch noch ein Tag. Ich werde dir dein Augenlicht zurückgeben können.«

Ilan senkte den Kopf und entgegnete ein »Dank Euch, hoher Herr«, wobei er Jaakov die schwielige Hand küßte. Dann ließ er sich artig nieder und tat es Mirjam nach, indem er sich in frischem Wasser, das Jaakov aufs neue in die Schüssel gegossen hatte, Hände und Füße wusch und sie mit einem groben Tuch aus Hanflinnen abtrocknete.

»Ihr habt gewiß Hunger«, sagte Jaakov und holte aus einem geschlossenen Holzkasten ein paar Fladenbrote hervor. Dazu reichte er in Olivenöl eingelegten Ziegenkäse, und zur Feier des Tages gab es sogar eine Karaffe mit Wein.

Als er das Brot teilte, kehrten all die unseligen Erinnerungen zurück, die er an die letzten gemeinsamen Tage mit Mirjam und seinem über alles geliebten Bruder Jeschua in sich trug.

»Sag, wie geht es unserer Mutter?« fragte er, um sich abzulenken. »Lebt sie noch?«

»Nein«, sagte Mirjam leise. »Ihre Seele mag unsterblich sein, aber ihr Fleisch folgte irdischen Gesetzen. Sie ist vor ein paar Jahren verstorben. Ich habe sie bis zuletzt gepflegt. Sie hat immerzu von ihren Söhnen gesprochen.«

»Und was ist mit Sarah?« Seine Stimme barg eine zurückhaltende Vorsicht, denn er wußte nicht, was seine Frage genau bei Mirjam auslösen konnte.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte sie rauh. »Deshalb bin ich hier. Ich hoffte, du könntest mir etwas über meine Tochter berichten.«

»Soweit ich gehört habe, ist sie in Sicherheit und ahnt allem Anschein nach nichts von ihrer wahren Herkunft«, erklärte er. »Ich habe stets gedacht, du hättest eine Verbindung zu ihr aufgenommen.«

»Wie denn? Ich war froh, als ich sie bei einer frommen, unauffälligen Familie unterbringen konnte. Denkst du, es ist mir leichtgefallen, sie nicht behalten zu dürfen? Du weißt nur zu gut, Hannas I. und seine Verbündeten im Sanhedrin haben jeden verfolgt, der auch nur den Anschein gab, die Lehre Jeschuas verbreiten zu wollen. Und er machte ganz bestimmt nicht vor mir als dessen Weib halt. Wenn ein Mann sich in ihren Augen eines Vergehens schuldig macht, ist es schlimm; wenn das Gleiche von einer Frau vollbracht wird, ist es um ein Vielfaches schlimmer. Nein, Jaakov, du kannst dich heutzutage mit den Angehörigen des Sanhedrin verständigen, indem du ihnen vorgaukelst, daß du auf sie und ihre Vorstellungen eingehst, aber mir wäre das niemals möglich gewesen. Niemals hätten sie einer Frau erlaubt, die Lehre Jeschuas zu verbreiten, schon gar nicht seiner eigenen. Aber er wollte, daß jeder, der seine Botschaft begriffen hat, hinausgeht und sie verkündet, gleichgültig, welchem Geschlecht er angehört. Es hätte ihm das Herz zerrissen, wenn ausgerechnet ich es gewesen wäre, die ihn und seine Mission verraten hätte.«

Mirjam hielt einen Moment inne, und dann schnaubte sie verächtlich, und als sie Jaakov erneut ansah, kam es ihm vor wie eine Anklage, von der er selbst nicht ausgeschlossen war.

Jeschua muß gewußt haben, daß alles so kommen wird, wollte Jaakov erwidern. Er kannte die Zukunft, bis ans Ende aller Tage. Statt dessen antwortete er mit einer gewissen Besorgnis in der Stimme: »Ich kann mich nicht erinnern, jemals soviel Haß in deiner Stimme gehört zu haben. Warst du nicht diejenige, die uns immer mit den Worten Jeschuas getröstet hat, in dem Glauben, daß alles seinen bestimmten Weg geht und der Vater im Himmel in seiner Weisheit nichts geschehen läßt, was er nicht selbst vorherbestimmt hat?«

»Ja«, sagte sie, und ein fernes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Du hast recht. Damals. Doch da war alles noch anders.« Sie tastete nach Jaakovs Hand und drückte sie. »Vielleicht habe auch ich ein Recht darauf, alt zu werden und ein wenig verbittert. Gebiete mir Einhalt, wenn es zu unerträglich für dich wird.«

Jaakov lächelte müde und doch voller Verständnis. Er wußte nur zu gut, worauf sie hinauswollte. Immer wieder hatte er versucht, die Brüder des alten Glaubens mit der neuen Lehre seines Bruders zu einen, doch leider ohne Erfolg. Manches Mal war er sich dabei wie ein Verräter vorgekommen, vor allem, wenn er Kompromisse eingegangen war, die einer Selbstverleugnung gleichkamen.

Der Junge war auf seinem Lager zusammengesunken und schlief. Durch den Spalt eines klapperigen Fensterladens schimmerte das goldene Licht des Nachmittags herein und ließ Mirjams Haar aufleuchten.

»Damals, Jaakov, als Jeschua noch lebte, waren wir unendlich«, flüsterte sie. »Unendlich in der Liebe, unendlich im Glauben, und unsere Tage schienen in ihrer Zahl so unendlich wie die Tropfen im Ozean. Ja, wir waren unendlich, doch er wußte es schon lange vor uns: Um im Geist der Menschen unendlich zu werden, braucht es ein frühes, jähes und vor allem grausames Ende.« Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Willst du sie aufsuchen und ihr sagen, wer ihre wahren Eltern sind?« Jaakov hatte sich kaum getraut diese Frage zu stellen. Obwohl er ein solches Ansinnen beinahe für selbstverständlich gehalten hätte. Welcher Mutter fiel es leicht, so einfach auf ihr Kind zu verzichten? Mirjam war es nicht leichtgefallen. Ebenso wie Jeschua, dem das Schicksal seiner Familie und das seiner Jüngerinnen und Jünger niemals gleichgültig gewesen war.

»Jaakov«, antwortete sie leise. »Ich werde bald sterben. Ich spüre es. Es wäre zu grausam, einem Kind die Mutter zurückzugeben, nur damit es sie kurz darauf wieder verliert.«

Er sah erschrocken auf. »Wie kommst du darauf? Du siehst aus wie das blühende Leben.« Inbrünstig hatte er gebetet, sie möge bei ihm bleiben. Wenigstens die letzten Tage seines Daseins wollte er an ihrer Seite verbringen.

»Die scheinbare Welt täuscht uns oft über die Wirklichkeit hinweg, die sich dahinter verbirgt, das solltest du wissen, nach allem was er uns gelehrt hat«, entgegnete sie feinsinnig.

»Und du denkst, es gibt keine Heilung? Vielleicht kann ich dir helfen?«

»Nein«, erwiderte sie lächelnd. »Ich kann nicht einmal mir selbst helfen, obwohl ich so vielen anderen geholfen habe. Alles hat seine Zeit. Und wenn Gott der Allmächtige uns zu sich ruft, müssen wir seinem Ruf folgen. Kein Mensch dieser Erde, und sei er noch so weise, kann dies verhindern.«

»Hast du Angst?«

»Nein, warum sollte ich? Ich werde Jeschua wiedersehen. Ich werde wieder mit ihm vereint sein. Nur tausendmal inniger. Ich freue mich. Meine Aufgabe ist beinahe erfüllt. Es gibt nur noch eines, was ich tun muß.«

»Was wird das sein?«

»Ich möchte, daß du meine Geschichte aufschreibst. Für meine Tochter, damit sie eines Tages, wenn die Zeit reif ist, erfährt, wofür ihre Eltern gekämpft haben. Außerdem möchte ich, daß meine sterblichen Überreste nach meinem Tod hier an diesem Ort bestattet werden. Unten in den Katakomben. Trotz allem, was geschehen ist, fühle ich mich hier immer noch zu Hause.«

»Dann bist du nur hergekommen, um zu sterben?« Er wagte nicht, ihr ins Gesicht zu schauen, aus Angst, sie könne die Tränen in seinen Augen bemerken.

»Jaakov, mein Guter«, antwortete sie und rutschte auf Knien zu ihm hin, um sich an ihn zu schmiegen, wie eine Katze, die gestreichelt werden möchte. »Ist es nicht ein Zeichen meiner tiefen Liebe und meines Vertrauens zu dir, wenn ich meine letzten Tage an deiner Seite verbringen will und dich zum Hüter all meiner Geheimnisse mache?«

»Ja«, seufzte er und zog sie näher zu sich heran. Er sah ihr tief in die Augen, und dann küßte er sie sanft auf ihren weichen, immer noch schönen Mund.

3.
Januar 2007 – Totenruhe

Obwohl es am Anfang nicht danach ausgesehen hatte, daß Bergman bereit war, Sarahs Verdacht ernst zu nehmen, daß sie einen sensationellen Fund gemacht hatte, verwandelte sich der unscheinbare Hügel wenig später in ein regelrechtes Hornissennest. Mehr als zehn Mitarbeiter der Archäologischen Abteilung der Universität Haifa hatten sich binnen kürzester Zeit an dem Loch in der Straße eingefunden und packten ihr Equipment aus.

Ihrem deutschen Kollegen verschlug es schier den Atem, als Sarah ihn darüber unterrichtete, was sie in der Höhle entdeckt hatte.

Der Bauleiter, dem die ganze Angelegenheit suspekt vorkam, setzte eine ungläubige Miene auf, als Bergman ihm erklären wollte, daß der Fund so unspektakulär sei, daß man darüber kein Wort verlieren solle. Mit Interesse beobachtete der Mann, wie ein paar Archäologen der Universität ein Bodenradargerät zur Vermessung des Untergrundes an ihm vorbeischleppten.

»Geben Sie Ihren Männern einen Tag frei«, sagte Bergman bestimmt, wobei er auf den Bauleiter zutrat, um ihm die Sicht zu versperren. »Wenn Sie uns im Wege stehen, wird es länger als zwei Tage dauern, bis Sie wieder anfangen können zu arbeiten.«

Bergman wollte keine Zeugen, und auch die IAA wollte er nicht verständigen, zumindest noch nicht. Sarah sah die steile Falte zwischen den Brauen ihres Chefs. Der Bauleiter rang offensichtlich mit sich, ob er sich dem Willen des Professors aus Haifa beugen sollte oder nicht. Bergmans straffe Haltung riet ihm jedoch, sich besser nicht zu widersetzen. Es dauerte dann aber doch noch zwanzig Minuten, bis er und seine Männer das Feld geräumt hatten.

Wie eine Truppe blutrünstiger Söldner, die ein Rebellennest erstürmen, machten sich die ausschließlich männlichen Archäologen schließlich gemeinsam mit ihrem Professor daran, in den Untergrund vorzustoßen. Dabei waren sie natürlich weit besser ausgerüstet als Sarah bei ihrem Alleingang. Schwarze Overalls. Springerstiefel. Schutzhelme mit LED-Lampen. Spezielle Handschuhe.

Sarah hingegen war von Bergman zu Hilfsdiensten verdonnert worden. Zusammen mit Markert sollte sie bei den Fahrzeugen bleiben. Der israelische Professor hatte anscheinend kein Interesse daran, den Deutschen in etwas einzuweihen, dessen Ausmaße er selbst noch nicht einschätzen konnte. Sarah und Markert halfen den Männern das Equipment in das Loch hinunterzureichen. GPS, Radar, Ultraschall und Magnetfeldbestimmung. Zuvor hatte Sarah ihrem Vorgesetzten eine ungefähre Beschreibung gegeben, wohin die einzelnen Höhlengänge führten und wo sich in etwa das Grabmal befand.

Als sie mit Markert zum Jeep zurückkehrte, sah sie alles andere als glücklich aus.

»Warum hat er Sie nicht mitgenommen?« fragte der Deutsche unbedarft.

Sarah lehnte sich an den Wagen, die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben. »Was glauben Sie?«

»Ich weiß es nicht.« Markert lächelte unsicher.

»Warten Sie’s ab«, erwiderte sie nur und schickte sich an, in den Wagen einzusteigen, weil es mit Gewißheit eine Weile dauern würde, bis Bergman wieder zum Vorschein käme. »Sie werden es noch früh genug erfahren, warum er ausgerechnet uns beide nicht dabeihaben will.«

Tatsächlich dauerte es beinahe zwei Stunden, bis sich an der Einbruchstelle etwas regte, doch es war nicht der Professor, der sich meldete. Philippe Habimah, einer der Grabungsassistenten in Bergmans ständigem Team, kletterte mit hochrotem Kopf die Abbruchkante empor. »Ruf Aaron an!« keuchte er, während Markert ihm die Hand reichte. »Wir brauchen einen Anthropologen.« Mühselig kämpfte sich der übergewichtige Franzose auf die Beine. »Er soll sein Team zusammenholen, damit wir die Skelette bergen können.«

Während Habimah die Pause nutzte, um sich im nahe gelegenen Dorf mit Lebensmitteln einzudecken, warteten Sarah und Markert im Jeep, bis etwa eine halbe Stunde später ein weiterer Wagen der Universität auftauchte. Bevor Sarah aus ihrem Jeep ausstieg, um den angekündigten Anthropologen in Empfang zu nehmen, gab sie Markert zu verstehen, er könne getrost sitzen bleiben und weiter in seinem Archäologieführer lesen.

Der dreißigjährige Aaron Messkin, der mit jungenhaftem Elan aus dem dunkelblauen Range Rover sprang, hob erstaunt seine schwarzen Brauen, als er erkannte, wer ihm da entgegenschlenderte. Ihm entwich ein breites Grinsen, während er erwartungsfroh seine Arme ausbreitete.

»Shalom, Chica«, meinte er und zog Sarah an sich. Er küßte sie auf die rechte und linke Wange und lächelte sie strahlend an, als sie in gespielter Entrüstung zu ihm aufschaute. »Ich wähnte dich in London. Auf einer archäologischen Tagung.«

»Nein«, erwiderte sie kurz angebunden, wobei sie ein wenig auf Abstand ging. »Bergman hat sich für Ron Keitel entschieden.« Sie zuckte mit den Schultern, und Aaron konnte ihr mühelos ansehen, daß die Entscheidung ihres Vorgesetzten nicht mit ihrem Einverständnis gefallen war.

Der dunkelgelockte Hüne, der sie um einen Kopf überragte, legte ihr den Arm um die Schultern. »Mach dir nichts draus, Chica. Der alte Macho hat keine Ahnung, welches Potential er verschleudert.«

Aaron vereinte jüdische und arabische Vorfahren in sich. Während sein jüdischer Vater Elias einer sephardischen Familie entsprang, waren die Wurzeln seiner Mutter Yeminah, einer gebürtigen Syrerin, moslemischen Ursprungs, ein Umstand, der ihn, nachdem seine Eltern vor gut zwanzig Jahren aus Argentinien nach Israel eingewandert waren, zur Kämpfernatur hatte werden lassen, denn auch in Israel gab es bisweilen eine nicht zu übersehende Form von Rassismus. Die aschkenasischen Juden, denen Sarahs Familie angehörte, sahen auf die sephardischen Brüder und Schwestern herab, und die moslemische Seite akzeptierte Aaron ebensowenig als einen der ihren.

Sehr zu ihrem eigenen Unmut hatte es bei Sarahs Vater zu einer tiefen Irritation geführt, als sie ihren Freund und Kollegen zum ersten Mal mit nach Hause brachte. Als aschkenasischer Rabbi sah Moshe Rosenthal sehr wohl einen Unterschied in beiden Glaubensrichtungen, und er drückte unmißverständlich seine Sorge über den gesellschaftlichen Umgang seiner einzigen Tochter aus. Sarah ließ sich jedoch von der Meinung ihres Vaters nicht beeindrucken.

»Und was machst du hier?« Aaron lächelte und nickte in Richtung Einbruchsstelle.

»Ich bin schon seit heute früh hier draußen. Ich habe die Höhle als erste inspiziert und die Grabkammer entdeckt.«

»Und wieso bist du dann hier und nicht da unten?«

Sarah drehte sich unwirsch ab und schaute ins Tal zum See hinunter. »Du weißt doch, wie er ist«, erwiderte sie tonlos.

Aaron schüttelte seine dunklen Locken, die ihm bis auf die Schultern reichten. »Chica, du bist selbst schuld, wenn du dir eine solche Behandlung gefallen läßt.«

»Halt dich bitte daraus, ja?« giftete sie ihn an, wobei sie seinem prüfenden Blick auswich. Sie wußte nur zu genau, daß Aaron recht hatte. Er kannte sie und ihr Verhältnis zu Bergman besser als irgend jemand sonst.

Aaron war ihr auf einer Party an der Universität das erste Mal über den Weg gelaufen. Du siehst aus wie ein assyrischer Krieger auf meinen alten Tonvasen, hatte sie zu ihm gesagt und dabei gar nicht so falsch gelegen. Er hatte darauf mit einer verblüfften Miene und einem ungläubigen Lächeln reagiert, das ihr Herz sogleich höher schlagen ließ. Daß die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruhte, konnte sie bei einem engen Tanz feststellen, wobei es ganze drei Minuten dauerte, bis seine weichen Lippen ihren Mund fanden und Sarah in einen rauschartigen Zustand versetzten, eine Tatsache, die nicht nur ihr Singledasein beendete, sondern zugleich den dringend benötigten Abstand zu ihrer erst kürzlich beendeten Affäre mit Bergman garantierte. Erst später hatte sie erfahren, daß Aaron als promovierter Molekularbiologe mit einem Abschluß in Anthropologie einer glänzenden Karriere an ihrer Universität entgegensah.

Knapp ein Jahr lang waren Sarah und Aaron ein Paar gewesen, und manchmal tat es ihr leid, daß es am Ende nicht gepaßt hatte. Er war ohne Frage ein toller Kerl, der eine Frau auf Händen trug, sobald sie es zuließ, aber seine Leidenschaft hatte sich mehr und mehr als eine unberechenbare Hitzigkeit entpuppt, gepaart mit heftiger Eifersucht. Immer wieder war es zu Konfrontationen zwischen ihm und Bergman gekommen, in denen es stets darum gegangen war, daß Aaron das schlechte Benehmen des Professors Sarah gegenüber nicht tolerieren wollte. Zudem liebte Aaron roten Wein und Tequila mehr, als ihm guttat. Ein paar Mal hatte er Schlägereien angezettelt, weil der ein oder andere Typ es gewagt hatte, Sarah in seiner Gesellschaft anzusprechen. Als er dann einem völlig fremden und ebenfalls angetrunkenen amerikanischen Soldaten ein Messer an die Kehle setzte, nachdem der sie in Tel Aviv auf offener Straße im Vollrausch umarmt hatte, hatte Sarah die Konsequenzen gezogen und sich getrennt.

Aaron kniff die Lippen zusammen und seufzte. »Ich meine es nur gut«, raunte er, wobei er einen argwöhnischen Seitenblick auf den Fremden riskierte, der immer noch im Wagen saß. »Bergman haßt Frauen. In seinen Augen taugen sie nur zum Vögeln oder zum Putzen. Wenn wir noch zusammen wären, würde ich keinen Tag länger zulassen, wie er sich dir gegenüber verhält.«

Sarah strich Aaron besänftigend über den Arm. »Es ehrt dich, daß du mir zur Seite stehen willst, aber du würdest mir keinen Gefallen tun, wenn du den Fürsprecher mimst.«

Aaron nickte und nahm seinen Koffer. »Wo sind die Patienten?«

»Da unten«, bemerkte Sarah lächelnd und wies in Richtung Abgrund, der sich nur wenige Meter entfernt vor ihnen auftat. Dann sah sie sich um, als ob sie jemanden erwarten würde. »Weißt du was? Philippe ist schon eine Ewigkeit weg, um sich etwas zu essen zu besorgen. Ich bringe dich zum Fundort.«

Sie nickte zu Markert hin, der nun doch ausgestiegen war und auf sie und Aaron zuschritt.

»Wir haben einen deutschen Kollegen, der bei uns hospitiert«, erklärte Sarah ihrem Ex-Verlobten und stellte die beiden Männer einander vor. Dann wandte sie sich an Markert. »Ich bringe Doktor Messkin zu Bergman. Warten Sie so lange auf Philippe und geben auf alles acht?«

Der zweite Gang verlief für Sarah wesentlich entspannter. Bergman und sein Team hatten Markierungen an den Höhlenwänden angebracht, und außerdem war sie nun in Begleitung eines ausgewachsenen Kerls, der ihre Begeisterung über die einzelnen Entdeckungen uneingeschränkt teilte.

»Gar nicht so ungemütlich«, feixte Aaron, als er in einer der vielen Nischen eine alte Lampe entdeckte. »Wer immer hier gewohnt haben mag, er legte Wert darauf, nicht wie ein Neandertaler zu leben.«

Vor dem Eingang zur Grabkammer herrschte rege Betriebsamkeit. In den engen Gängen waren einige Mitarbeiter damit beschäftigt, Scheinwerfer aufzustellen und Dokumentationsfotos anzufertigen.

Bergmans Blick schien Mißbilligung auszudrücken, als er seinen Kopf aus dem Ausgang der Kammer herausstreckte. »Wo ist Philippe?« fragte er Sarah brüsk, ohne sie und Aaron zu begrüßen

»Er war noch nicht aus der Pause zurückgekehrt, und ich wollte Aaron nicht warten lassen«, antwortete Sarah angriffslustig. »Und? Habe ich recht behalten? Ist es das Grabmal der Mirjam von Taricheae?«

»Das kann ich jetzt noch nicht mit Sicherheit sagen«, erwiderte der Professor. Dann fiel sein Blick auf Aaron. »Es ist wohl die Aufgabe unseres verehrten Herrn Kollegen«, fuhr er fort, wobei das Wort »verehrten« spöttisch betonte. »Zunächst müssen die Knochen sicher in unser Labor gelangen, datiert und auf ihre Beschaffenheit hin untersucht werden. In jedem Fall deutet alles daraufhin, daß diese Behausung aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammt.«

Hab ich doch gesagt, wollte Sarah entgegnen, doch Bergman war bereits wieder in der Kammer verschwunden.

Aaron folgte ihm, dabei ergriff er wie selbstverständlich Sarahs Arm und zog sie hinter sich her. Ein weiterer Kollege hockte am Boden, einen überdimensionalen Pinsel in der Hand, und befreite die verschiedenen umherstehenden Artefakte vorsichtig von jahrtausendealtem Staub.

Aaron bückte sich und zückte aus seinem geöffneten Metallkoffer einen Mundschutz, den er sich aufsetzte. Auch Sarah gab er einen, dann inspizierte er die mittlerweile geöffneten Gräber. In dem steinernen Sarkophag lag die Mumie einer Frau. Ihr Haar, das ihre eingefallenen Gesichtszüge umgab wie ein Nest, war aschgrau. Ihre Zähne aber leuchteten schneeweiß. Die Frau trug auffälligen goldenen Ohrschmuck, und die ledrige Haut ihrer gefalteten Hände wies auch nach beinahe zweitausend Jahren noch Spuren einer Hennabemalung auf. Die Farbe des Kleides war indes kaum zu erkennen. Vielleicht war es einmal grün oder blau gewesen.

Im zweiten, wesentlich schlichteren Sarg lag ein Skelett. Es war nicht mumifiziert und längst nicht so ausstaffiert wie die Frau.

»In jedem Fall handelt es sich bei dieser Gestalt um einen Mann«, konstatierte Aaron, während sein Zeigefinger am bräunlich schimmernden Oberschenkelknochen des Skeletts entlangfuhr. »Und er war nicht mehr ganz jung, als er starb.«

»Könnte es sich bei dem Toten um Jesus Christus handeln?« fiel Sarah plötzlich ein.

»Wahrscheinlich ist es ein Bruder Jesu«, warf Bergman dazwischen. Er unterbrach seine Untersuchung einer der am Boden liegenden Amphoren und schaute auf. Dann lächelte er süffisant, während er Sarahs ehrfurchtsvollen Blick erwiderte. »Am Fuß der Kiste befindet sich eine Inschrift in Aramäisch. Übersetzt bedeutet sie soviel wie ›Jaakov, der gerechte Sohn des Josef, Steinmetz und Rabbi von Jerusalem und dessen gehorsamem Weibe, Mirjam bat Jochai, Bruder des Jeschua ben Josef‹. Dann kommen noch eine Reihe weiterer Namen, die allesamt auf eine bunte Geschwisterschar hindeuten.«

»Jaakov?« Sarah überlegte einen Augenblick, welche Rolle Jaakov von Nazareth in der christlichen Geschichte zukam. »Hieß es nicht, daß Mirjam von Taricheae die Gefährtin Jesu gewesen sein soll? Wieso wurde sie zusammen mit dessen Bruder beerdigt?«

»Vielleicht gab es schon damals Frauen, die sich nicht mit einem Mann begnügt haben«, erwiderte Bergman mit triefender Ironie in der Stimme.

»Wer im Glashaus sitzt«, erwiderte Aaron tonlos und bedachte den Professor mit einem düsteren Blick. Nachdem er den steinernen Sarg des vermeintlichen Jaakov auf weitere Spuren hin untersucht hatte, erhob er sich. Im Lichtkegel seiner leistungsstarken LED-Leuchte betrachtet er das Gesicht der mumifizierten Frau. »Wer immer sie auch war«, murmelte er. »Dem Schmuck und den grauen Haaren nach zu urteilen, würde mein Vater sie als eine flotte Großmutter bezeichnen.«

»Die Aufklärung ihres Lebenswandels bleibt Ihnen überlassen, Doktor Messkin«, bemerkte Bergman. »Spätestens in der kommenden Woche sollten wir etwas mehr über die Dame und ihren Begleiter erfahren, wenn Ihre Laboruntersuchungen hoffentlich vorangeschritten sind.« Langsam wandte er seinen Kopf und schaute Sarah an. Er wies in eine Ecke des Raumes. »Dort drüben habe ich Krüge mit Pergamenten entdeckt.«

Sarah fiel auf, daß die Betonung eindeutig auf dem »Ich« lag. Ärger begann in ihr aufzuwallen.

»Wenn du willst«, fügte Bergman mit gespielter Freundlichkeit hinzu, »kannst du dich gerne an der Übersetzung der Inschriften versuchen. Die Pergamente weisen auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit mit den Funden von Qumran auf. Offenbar wurden die Texte darauf in Koiné geschrieben.«

Sarah hob ihren Kopf und funkelte den Professor wütend an. »Was ist mit der IAA?« Sie war sich darüber im klaren, daß Bergman nun überhaupt keine Lust haben würde, sich mit der Israel Antiquities Authority auseinanderzusetzen, aber dem Gesetz nach waren sie verpflichtet, den Fund nicht nur zu melden, sondern den Kollegen vom staatlichen Institut für Archäologie alle weiteren Entscheidungen zu überlassen.

»Liebe Sarah«, erwiderte Bergman mit einem sarkastischen Unterton. »Solange ich hier das Kommando habe, trage ich auch die Verantwortung. Also laß die Formalitäten meine Sorge sein.«

Noch während Aaron sich an die Voruntersuchungen der örtlichen Bedingungen machte und einen Plan entwarf, auf welche Weise die sterblichen Überreste der beiden Toten zu bergen waren, erhielt Sarah den Auftrag, sich an den hauseigenen Sicherheitsdienst zu wenden und die Bewachung der Höhle zu organisieren.

Erst am späten Nachmittag löste sich die Anspannung der eingesetzten Wissenschaftler und wich endlich unverhohlener Begeisterung, als sie gemeinsam an die Oberfläche zurückkehrten. Mittlerweile hatte sich die Wintersonne gegenüber den tief hängenden Regenwolken durchsetzen können, und im rot glühenden Abendlicht verwandelte sich der bis dahin unscheinbare Fundort tatsächlich in eine Festung. Eiligst wurde ein Zeltlager für die Gerätschaften und die Wachmänner aufgebaut.

Aaron drückte Sarah im Vorbeigehen einen Zettel in die Hand.

»Morgen um zehn, in meinem Labor«, fügte er hinzu. »Bevor wir uns an die Auswertung der Funde machen, brauche ich von jedem, der unten in der Höhle war, eine Speichelprobe, damit wir bei Erhebung des Untersuchungsergebnisses eine Verunreinigung des genetischen Materials ausschließen können.«

Sarah nickte. Erst als Aaron seinen Wagen bereits gestartet hatte, warf sie einen Blick auf den Zettel.

Du bist die aufregendste Frau, die ich kenne, stand darauf. Laß es uns noch einmal miteinander versuchen.

»Spinner«, entfuhr es ihr. Mit einem wehmütigen Lächeln schaute sie dem davonfahrenden Range Rover hinterher.

Bergmans Einladung zu einem Umtrunk in der Kantine des Campus schlug sie aus, denn wie an jedem Donnerstag wartete ihr Vater, ein strenggläubiger Rabbiner, mit dem Abendessen auf sie.

Vor einigen Jahren hatte sie ihrem Vater zuliebe das Apartment in Tel Aviv aufgegeben und war wieder in ihr Elternhaus nach Haifa gezogen. Sarah hatte keine Geschwister, und obwohl sie längst nicht immer einer Meinung waren, wollte und konnte sie ihren Vater nicht im Stich lassen. Im Grunde genommen war er ein liebenswürdiger Mensch, doch der frühe Tod seiner Frau hatte ihn verbittert, und er brachte grundsätzlich kein Verständnis dafür auf, wenn seine einzige Tochter berufliche Verpflichtungen familiären vorzog.

Doktor Rolf Markert stand ein wenig unbeholfen herum, als Bergman die Rückkehr zum Campus ankündigte. Offenbar wußte der Deutsche nicht so recht, was er von der ganzen Situation halten sollte, zumal Bergman nicht bereit zu sein schien, ihm Genaueres über den Fund mitzuteilen.

Sarah wandte sich um und ging auf den Deutschen zu. »Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?« fragte sie lächelnd.

Er lächelte unschlüssig. »Wohin denn?«

»Was halten Sie von einem koscheren Essen mit einem Rabbi?«

Markert nickte. »Gerne, wenn er nichts gegen christliche Gesellschaft hat.«

Auf der Fahrt zurück zur Universität brach Markert das Schweigen. »Kann oder will Bergman mir nicht genauer sagen, was er dort unten vorgefunden hat?«

Sarah konzentrierte sich auf die Straße. Ein spöttisches Lächeln glitt über ihre Lippen. »Fragen Sie mich nicht! In jedem Fall ist er längst nicht so euphorisch, wie ich es war, als ich die Gräber heute morgen entdeckt habe. Letztendlich hat er recht. Ob es tatsächlich ein Sensationsfund ist, wissen wir erst, wenn wir genauere Untersuchungen angestellt haben. Bevor wir nicht Gewißheit haben, ob die Datierung stimmt und wir nicht den Hintergrund der aufgefundenen Artefakte und Schriften beurteilen können, ist alles möglich.«

Nachdem sie auf dem Campus in Sarahs Mini Cooper umgestiegen waren, hielt Sarah inne und sah Markert eindringlich an.

»Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, erwähnen sie meinem Vater gegenüber nichts von unserer neuen Grabung. Er ist strenggläubiger Rabbiner und hält nicht viel von Leichenfledderei, wie er unsere Arbeit gerne nennt.«

»Selbstverständlich«, entgegnete Markert und zwinkerte sie vertrauensvoll an. »Gut, daß Sie mich gewarnt haben. Nirgendwo findet man mehr Fettnäpfchen als in religiösen Fragen.«

Sarah bog auf die talwärts führende Straße ab und lenkte den Wagen in die nächste Serpentine hinein. »Im Grunde genommen ist er ein netter, alter Mann«, redete sie weiter, »aber leider hat er überhaupt kein Verständnis für meine Arbeit. In seinen Augen ist die Störung der Totenruhe eine schwere Sünde, gleichgültig, ob wir ägyptische Könige ausgraben oder einen Neandertaler.«

»Für eine solche Einstellung habe ich durchaus Verständnis«, erwiderte Markert, während er sich an einen Haltegurt klammerte, weil Sarah in die nächste Kurve raste. »Obwohl die Wissenschaft für manch einen so etwas wie eine Religion sein mag, bewegt sie sich auf einem gänzlich anderen Feld. Im Idealfall können sich beide Seiten respektieren, wo das nicht möglich ist, sollte Diplomatie walten.«

Das Haus von Moshe Rosenthal befand sich auf einer Anhöhe mit Blick über den Hafen von Haifa, inmitten einer Kolonie deutschstämmiger Juden, die bereits während des Zweiten Weltkrieges hierher geflohen waren. Von weitem sah es aus wie eine riesige italienische Villa aus den zwanziger Jahren. Doppelstöckig, mit flachem Bungalowdach und vielen Fenstern, die allesamt mit hölzernen Läden verschlossen werden konnten. Rundherum erhoben sich Zypressen, die das Haus im Abendlicht wie riesige schwarze Speere umgaben. Markert folgte seiner Gastgeberin zu einem steilen, beleuchteten Treppenaufgang, der in einem Zickzackkurs durch einen wunderschön angelegten Garten hinauf zum Hauseingang führte. Leider war die Dämmerung schon zu weit fortgeschritten, so daß man nicht all die verschiedenen Sträucher und Blumen bewundern konnte, die trotz des israelischen Winters in voller Blüte standen.

An der Haustür wurden sie von Leah empfangen, der mageren, in die Jahre gekommenen Haushälterin. Leah kümmerte sich um alle anfallenden Hausarbeiten und war mittlerweile so übergangslos in die Rolle der Gastgeberin geschlüpft, daß Fremde fälschlicherweise denken mochten, sie ersetze dem Hausherrn sogar die Ehefrau.

Sarahs Mutter, die ebenfalls auf den Namen Sarah gehört hatte, war eine ungewöhnliche Schönheit gewesen, wie jeder erkennen konnte, der das geräumige, viktorianisch eingerichtete Speisezimmer betrat, wo ein Gemälde von ihr hing, das sie in einem weißen Kleid auf einer blühenden Wiese zeigte.

»Darf ich vorstellen, Madame Sarah Rosenthal«, sagte Sarah mit verhaltenem Stolz. »Mein Vater hat dieses Gemälde nach ihrem Tod anfertigen lassen. Vorlage war ein Hochzeitsfoto meiner Eltern.«

»Sie sehen ihr sehr ähnlich.«

»Danke«, antwortete Sarah mit einem Lächeln. »Das fasse ich als Kompliment auf.«

»Woran ist sie gestorben?« Markerts Blick verriet aufrichtiges Mitgefühl.

»Sie starb kurz nach meiner Geburt«, sagte Sarah leise. »Sie hatte eine Infektion, die zu spät erkannt wurde.«

Leah, die nur die Hälfte verstanden hatte, aber doch genug, um zu wissen, daß es um ihre Konkurrentin ging, hatte Markert den Mantel abgenommen und wies ihm mit einem mürrischen Blick den Platz rechts neben dem Hausherrn zu, der allerdings noch nicht anwesend war.

Interessiert ließ der Deutsche seinen Blick über Fensterbänke und Kommoden gleiten. Überall hatte man silberne Leuchter und einzelne Kerzenständer aufgestellt. Darüber hinaus schmückten etliche andere Gegenstände, die im jüdischen Alltag ihren regelmäßigen Gebrauch fanden, das großzügige Zimmer, wie etwa ein Kiddusch-Becher, eine Gewürzdose für Hawdala oder eine silberne Spendenbüchse, die wohl mehr symbolisch für die Verpflichtung zu regelmäßigen Geldspenden an Arme und Bedürftige aufgestellt worden war. In der Mitte des Raumes, direkt über dem ausladenden Holztisch, hing eine monströse Pendellampe, einer Waage ähnlich, die mit zwei tellergroßen Milchglasschalen versehen war. Cremefarbener Damast, verschiedenes Silberbesteck, weißes Porzellan und Kristallgläser zierten die vornehme Tafel. Leah legte noch ein Gedeck auf und verschwand dann in der Küche.

»Meine Mutter war die Tochter eines Schuhfabrikanten«, erklärte Sarah, da ihr die Verwunderung des deutschen Kollegen nicht entgangen war. »Ihre Familie ist aus der Schweiz eingewandert. Sie war die einzige Tochter meiner Großeltern und hat ein stattliches Erbe mit in die Ehe gebracht. Vom Gehalt meines Vaters hätte sich unsere Familie all diesen Luxus nicht leisten können.«

Markert nickte wie ertappt.

»Wenn Sie mich für einen Moment entschuldigen wollen«, sagte Sarah. »Bevor mein Vater kommt, will ich mich rasch umziehen.«

Wenig später erschien sie in einem züchtigen, dunkelblauen Samtkleid, das hochgeschlossen war und am Halsausschnitt in einen weißen Kragen mündete, und statt der Stiefel trug sie nun halbhohe schwarze Pumps.

Dann läutete es.

»Er hat schon wieder seinen Schlüssel verlegt«, murrte Leah und meinte damit Sarahs Vater, der seit Jahren kein Auto mehr fuhr und sich meist mit dem Taxi durch die Stadt bewegte.

Markert erhob sich höflich, als Moshe Rosenthal, gekleidet in einen dunklen Anzug und mit einer Kippa auf dem weißhaarigen Scheitel, das Eßzimmer betrat. Der Rabbi litt ohne Zweifel an Übergewicht, und besonders groß war er auch nicht. Genau betrachtet, sah er mit seinem Kugelbauch, dem weißen Haar und dem nicht weniger weißen Bart aus wie ein Weihnachtsmann aus einer amerikanischen Werbung.

Sarah küßte ihn auf die faltige Wange, und er strich ihr mit unübersehbarem Stolz über das schwarze Haar.

»Das ist Doktor Rolf Markert«, sagte Sarah auf deutsch. »Er hospitiert an unserer Universität, und mir obliegt es, mich ein wenig um ihn zu kümmern.«

Einen Moment lang bedachte Rosenthal den farblosen Enddreißiger mit einem prüfenden Blick, doch dann entspannten sich seine Gesichtszüge, da er offenbar zu dem Schluß gekommen war, daß er bei diesem Mann wohl kaum Gefahr lief, seinen zukünftigen Schwiegersohn vor sich sitzen zu haben.

Nachdem Rosenthal sich niedergelassen hatte, entzündete Sarah die Kerzen. Dann setzte sie sich wieder, und ihr Vater sprach ein kurzes, hebräisches Gebet, das er zu Ehren des deutschen Gastes mit den Worten »Gepriesen seiest du, Ewiger. Du ernährst alle« beendete.

Leah trug Brot, Kartoffeln, gekochte Okraschoten und Lamm auf, dazu eine süßsaure Soße mit Rosinen und Mandeln. Markert beobachtete interessiert, wie sie Sarah eine Schale mit gebratenen Kichererbsenklößchen neben den Teller stellte.

»Wollen Sie auch welche?« fragte Sarah.

Einen Moment später bot Leah dem deutschen Gast die Platte mit dem Lamm an, und Markert schaute irritiert, nicht schlüssig, für welche Speise er sich entscheiden sollte.

»Lassen Sie sich nicht verunsichern«, empfahl ihm der Hausherr. »Meine Tochter ißt nichts, was ein Gesicht hat, wie sie sich immer auszudrücken pflegt. Deshalb ist Leah so freundlich und geht auf ihre vegetarischen Wünsche ein.«

Leah war nicht nur so freundlich, vegetarische Wünsche zu erfüllen, sie goß auch den koscheren Wein in die passenden Gläser, wobei Sarah auch hier eine Ausnahme machte und auf Wasser bestand.

»LeChajjim«, sagte Moshe Rosenthal und erhob für einen kurzen Moment das Glas. Nachdem alle getrunken hatten, fuhr er wie selbstverständlich fort. »Mein sehr verehrter Herr Doktor Markert, Sie gehören also tatsächlich auch zu der Sorte Menschen, denen es Spaß macht, im Wüstensand nach alten Knochen zu graben?«

»Nun ja«, antwortete Rolf Markert. »Ich halte die Archäologie für eine wichtige Wissenschaft, die uns hilft, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.«

»Um Licht ins Dunkel zu bringen, brauchen die Menschen in erster Linie ihren Glauben«, erwiderte Rosenthal. »Sind Sie Christ?«

Sarah beobachtete eine plötzliche Veränderung in der Miene des Deutschen.

»Ja«, erwiderte Markert einsilbig.

»Dann müßten Sie mich eigentlich verstehen. Was bringt es, die Totenruhe unschuldiger Menschen zu stören, wo man doch die Wahrheit einzig und allein in der Thora findet? Denken Sie tatsächlich, mit all Ihren Forschungen können Sie etwas beweisen, was man nur mit dem Herzen erkennen und verstehen kann?«

»Papa!« Sarah sah ihren Vater streng an.

»Ich muß mich entschuldigen«, beschwichtigte Rosenthal und bedachte Markert mit einem Lächeln, das Bedauern ausdrückte. »Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich wünsche mir nur, meine Tochter würde endlich begreifen, daß ihre Mission nicht draußen in der Wüste liegt, sondern an der Seite eines aufrichtigen Ehemannes, der sie endlich zur Mutter und mich zum Großvater macht.«

Sarah schüttelte heftig den Kopf. »Denkst du wirklich, daß unser Gast an der Familienplanung interessiert ist, die du für mich vorgesehen hast?«

Sie meinte in Markerts beschwichtigendem Lächeln einen Anflug von Verständnis für ihren Vater zu entdecken, und das ärgerte sie.

»Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen«, bemerkte der Deutsche. »Ich bin erst seit kurzem verheiratet. Es ist schön, zu wissen, wo man hingehört.«

»Ich fasse es nicht«, ereiferte sich Sarah. »Warum begreift niemand, daß es heutzutage bei allem Fortschritt immer noch ein Problem ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wenn man als Frau Karriere machen möchte?« Sie schaute Markert an. »Sie haben mit Sicherheit eine Frau, die treu und brav auf ihren Nachwuchs achtgibt, während Sie in der Weltgeschichte herumreisen. Können Sie sich vorstellen, es wäre umgekehrt?«

Nun war es an Sarahs Vater, sie mißbilligend anzuschauen, und dann wandte er sich erneut Markert zu. »Für Ihre Eltern ist es vermutlich eine große Beruhigung, zu wissen, daß Sie eine gute Frau gefunden haben, mit der Sie den Rest ihres Lebens verbringen und die Ihnen und Ihrer Familie die Nachkommenschaft sichert.«

»Nicht ganz«, erwiderte Markert, und sein Blick drückte eine seltsame Art von Vergnügen aus, als er fortfuhr. »Meine Frau ist ein Mann. Wir hatten das Glück, daß man in Deutschland die Gesetze geändert hat, und so konnten wir nach langjähriger Freundschaft im letzten Sommer heiraten.«

Sarah verschluckte sich an ihrem Kichererbsenklößchen und hustete so stark, daß Leah, die wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse nicht verstand, warum Moshe Rosenthal ein solch entsetztes Gesicht machte, ihr in übertriebener Fürsorglichkeit auf den Rücken klopfte.

Später, als Sarah ihren deutschen Kollegen zum Gästehaus der Universität zurückbrachte, versuchte sie sich bei ihm zu entschuldigen.

»Es tut mir leid«, sagte sie, noch bevor Markert sich anschickte auszusteigen. »Daß Sie heute abend erneut zwischen die Fronten geraten sind, war nicht vorgesehen. Obwohl ich zugeben muß«, fügte sie lächelnd hinzu, »ich habe es als sensationell empfunden, als Sie meinem Vater offenbarten, daß Sie homosexuell und mit dem Mann Ihrer Träume verheiratet sind. Hierzulande wäre so etwas vollkommen ausgeschlossen, weil jegliche Ehe grundsätzlich von einem Rabbi geschlossen werden muß. Meinen Vater würde der Schlag treffen, wenn er zwei Männer miteinander verheiraten müßte.«

»Zwischen die Fronten zu geraten bin ich gewohnt«, erwiderte er, während er leise lächelte. »Ich habe sieben Jahre katholische Theologie studiert, wollte Priester werden, und als man mich vor der Weihe befragte, welche geschlechtliche Ausrichtung ich habe, konnte ich es einfach nicht über mich bringen, gegen meine Überzeugung zu sprechen.«

»Und was hatte es für Konsequenzen?«

»Die römisch-katholische Kirche hat mir die Weihe zum Amt verwehrt. Es gibt zwei Gruppen von Menschen, denen das katholische Priesteramt verschlossen bleibt. Sie dürfen nicht schwul sein, und Sie dürfen keine Frau sein. Was mir blieb, war die Archäologie.«

Sarah lächelte bitter. »Meine Erfahrungen mit Bergman waren denen bei Ihrer Priesterweihe recht ähnlich. Er hat etwas gegen Frauen in diesem Beruf. Was er sich heute mit uns beiden geleistet hat, war ziemlich unschön. Ich hoffe, Sie denken nicht, daß wir Israelis von Haus aus so unfreundlich sind.«

»Nein.« Markert schüttelte den Kopf. »Ich fand es ausgesprochen nett, daß Sie sich heute so intensiv um mich gekümmert haben. Ich hoffe, ich darf weiterhin Ihre Unterstützung in Anspruch nehmen?«

»Natürlich«, sagte Sarah. »Wenn Sie wollen, können Sie mich morgen früh in die molekularbiologische Abteilung begleiten. Eigentlich haben wir frei. Morgen abend beginnt der Shabbat, aber Aaron muß ein paar genetische Reihenuntersuchungen an den Leuten vornehmen, die mit den Skeletten in Berührung gekommen sind.«

4.
62 n. Chr – Zeitwende

Hoch über dem See Tiberias strich der Wind warm über den Hügel. In einem dunkelgrünen, golddurchwirkten Gewand stand Mirjam da und spähte in die Ebene. Es war der Tag vor dem Beginn des Sabbats. Ein Händler hatte sich angekündigt, auf den sie sehnsüchtig wartete, weil er ihr endlich die Tinte und das Pergament bringen würde, auf das sie so dringend angewiesen war. Und Seife, wohlriechende Seife aus Ägypten. Außerdem sollte er Ilan zurück zu seiner Mutter geleiten, die mit ihrem Mann und sechs weiteren Kindern unten in Taricheae wartete, nicht weit entfernt von dem kleinen Palast, in dem Mirjam vor mehr als einem halben Jahrhundert geboren und aufgewachsen war.

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