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Die Gefangene von Göteborg

Für Cecilia und ihre Familie –

die die Geschichte fortsetzen

DAS BÖSE KANN SIEGEN,

WENN DAS GUTE

TATENLOS ZUSIEHT.

1

GUT STOLA

NOVEMBER 2011

»Wer hätte das gedacht, dass dieser Mistkerl Papas Testament anfechten würde?« Hugo Ekeblad, der den Brief in der Hand hielt, war rot angelaufen. Seine grüne Tweedjacke war aufgeknöpft, und die Krawatte hing ihm schief auf der Hemdbrust.

»Und das dann auch noch per Brief zu erfahren – verdammt, der kann doch wohl bei uns anklopfen und mit uns reden, oder nicht?«

Hugos Schwester und ihr Mann sahen ihn schockiert an.

»Wer hat das Testament angefochten?«, fragte Magnus.

»Na, wer wohl? Carl-Henrik natürlich.«

»Aber man kann doch wohl das Testament nicht aufheben, die Anwälte sind doch alles durchgegangen«, meinte Maud. Sie blickte erst ihren Mann fragend an und dann ihren Bruder. Dass es in der Familie Streit gegeben hatte, war kein Geheimnis, aber dass ihr älterer Bruder versuchen würde, seine beiden Geschwister um ihr Erbteil zu bringen, das war doch wohl nicht möglich, oder? Maud konnte es kaum fassen, was ihr Bruder da sagte.

»Es wird noch besser – er will die Sache obendrein über ein Fideikommiss weiterlaufen lassen.«

»Wie bitte?« Maud ließ sich auf das gemusterte Sofa plumpsen, das in der Kammer der Reichsrätin stand.

Das Anwesen, Gut Stola, war eines der wenigen noch existierenden Fideikommisse in Schweden, was bedeutete, dass der Grund und Boden seit 1723 ungeteilt vom Vater auf den ältesten Sohn übergegangen war. Während die anderen Güter im Laufe der Erbfälle geteilt und immer kleiner geworden waren, war Stola über Jahrhunderte hinweg nicht angetastet worden. Doch dass Güter ausschließlich an den ältesten Sohn vererbt wurden, wurde inzwischen als unzeitgemäß betrachtet, und das nicht nur von leer ausgehenden Töchtern und jüngeren Brüdern. 1964 trat das Gesetz über die Abwicklung von Fideikommissen in Kraft. Es besagt, dass die noch bestehenden Fideikommisse aufgelöst und die großen Güter unter den Erben aufgeteilt werden sollten, sobald der Fideikommissinhaber starb. Der alte Graf Ekeblad hatte in seinem Testament geschrieben, wie das Anwesen bei seinem Ableben unter den beiden Brüdern und Schwester aufzuteilen war – ein Testament, über das sich ausnahmsweise mal alle einig waren. Jedenfalls hatte es so ausgesehen. Aber vielleicht hatte Carl-Henrik ja die ganze Zeit schon andere Pläne gehabt.

Erst jetzt fiel Maud ein, dass Gunnel wahrscheinlich gerade putzte und mit Sicherheit mit anhörte, wie ihr Bruder hier herumschrie. Nicht, dass ihr so etwas neu gewesen wäre, denn jeder, der schon etwas länger auf dem Gut arbeitete, wusste, dass es auf Stola jede Menge Konflikte gab. Ein Außenstehender wäre mit solchen Informationen sofort zur Presse gerannt, aber hier waren alle loyal. Zumindest hoffte Maud das.

Gunnel war genauso alt wie sie und war bei der Familie, seit sie sechzehn war, wie schon ihre Mutter und auch ihre Großmutter vor ihr. Und Gunnels Sohn Andreas arbeitete im landwirtschaftlichen Betrieb des Gutes.

Maud stand auf und ging durch das große Haus, um Gunnel zu suchen. Obwohl sie schon mehrere Räume entfernt war, hörte sie immer noch die laute Stimme ihres Bruders.

»Und jedes Mal, wenn wir zusammensaßen und darüber redeten, ob wir das Anwesen intakt lassen und eine Aktiengesellschaft daraus machen wollen, sagte er nein. Es sei besser, dass jeder bekommt, was ihm gesetzlich zusteht, meinte er. Er hat uns eiskalt ins Gesicht gelogen. Natürlich war das besser so – und jetzt schnappt er uns alles vor der Nase weg.«

Das enttäuschte sie an der ganzen Sache am meisten, dachte Maud. Dass sie ihrem großen Bruder vollkommen vertraut hatte. Aber je länger sie überlegte, umso wahrscheinlicher kam es ihr vor, dass Carl-Henrik die Sache die ganze Zeit geplant hatte. Das wäre so typisch.

Maud blieb vor dem Vitrinenschrank im großen Esszimmer stehen, in dem die Meißner-Porzellan-Sammlung ihrer Mutter verwahrt wurde. Sie hatte sich schon darauf gefreut, sagen zu können, dass sie jetzt ihr gehörte, ihrer Tochter auch ein paar Teile schenken zu können, aber jetzt war sie gar nicht mehr so sicher. Gehörte das Porzellan zum Fideikommiss? Wo verlief die Grenze zwischen privatem Eigentum und dem Eigentum des Gutes? Maud musterte die elegante Potpourri-Schale mit Deckel. Das war Gunnels Lieblingsstück, und Maud hatte vorgehabt, es ihr bei Gelegenheit zu schenken. Sie musterte die gemalten Blumen auf weißem Grund, die vergoldeten Bronzebeschläge des Gestells, auf dem die Porzellanschale ruhte, und das ganz eigene blaue Muster, bei dem sie immer an Fischschuppen oder Schlangenhaut denken musste. Wenn sie den vergoldeten Bronzeknopf auf dem Deckel nur ansah, wusste sie bereits, wie er sich in der Hand anfühlte. Und wie die Rosenblätter dufteten, die in der Schale lagen. Ihr Bruder konnte das Testament doch nicht einfach so aufheben, oder? Sie hatten doch wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden – immerhin waren sie ja alle Kinder des Erblassers. Obwohl der älteste Sohn schon immer ein Anrecht auf eine Hälfte des Erbes gehabt hatte und oft auch auf das Hauptgebäude, wenn ein Fideikommiss vererbt wurde, hatte Maud trotzdem ein Recht auf ein Drittel der verbleibenden Hälfte. Und ein Drittel der Hälfte war in diesem Fall immer noch viel. Ganz schön viel.

Manchmal fragte sie sich, ob Magnus sie wegen des Geldes geheiratet hatte. Wenn ja, würde sich das nun wahrscheinlich zeigen. Ihr Blick wanderte vom Porzellan der Gräfin zu den Gemälden an den Wänden. Mehrere Porträts stellten Verwandte dar, die früher einmal hier gelebt und sich lange vor ihrer Geburt um das Anwesen gekümmert hatten. Ihre Familie hatte sich immer in den Kreisen der Mächtigen bewegt – die Söhne wurden Landeshauptmann, und die Töchter heirateten in vornehme Familien ein. Das prominenteste Mitglied ihres Geschlechts hieß Claes Julius Ekeblad, der Reichsrat gewesen war, ein Posten, der damals gleichbedeutend war mit dem eines Ministerpräsidenten. Ein Pastellkreideporträt von ihm hing direkt neben dem Bild seiner Frau in der Kammer der Reichsrätin. Seine blauen Augen schienen geradezu zu leben, wenn sie den Menschen folgten, die zweihundert Jahre nach seinem Tod an ihm vorbeidefilierten. Mein Gott, Hugo schreit ja vielleicht rum!, dachte sie und ging nach links in Fräulein Ebbas Kammer.

Gunnel war gerade mit der Kammer fertig und hatte sogar noch den Boden feucht gewischt. Maud fand sie, als sie gerade auf der unteren Hälfte der Steintreppe kniete. Ihre kräftigen Arme bewegten sich mit effektivem Schwung.

»Gunnel?«, sagte Maud.

»Ja?« Sie drückte den Mopp ins Wasser, um ihn auszuwaschen, und blickte auf.

Hugos Stimme war bis hierher zu hören, aber Gunnel tat, als merke sie nichts.

»Soll ich lieber später wiederkommen?«, fragte sie und wrang den Mopp aus.

»Ja, das wäre vielleicht besser.« Maud hatte das Gefühl, Gunnel erklären zu müssen, warum Hugo so laut wurde. »Wir dachten, dass die Fideikommissbeauftragten herkommen wollten, um das Gut vor der Aufteilung des Erbes in Augenschein zu nehmen, aber Hugo hat uns gerade mitgeteilt, dass Carl-Henrik um eine Fortsetzung des Fideikommisses ersucht hat und dass sie deswegen vorbeikommen. Ich schätze, da hat es irgendwo ein Missverständnis gegeben.«

Gunnel nickte.

»Passt es, wenn ich um zwei wiederkomme, Maud?« Sie nahm den Eimer.

»Ja, das wäre gut. Danke.«

Maud eilte durch das große Esszimmer zurück und ging rechts durch den Grünen Salon, um sich dann wieder aufs Sofa in der Kammer der Reichsrätin zu setzen. Sie konnte sich nicht erinnern, ihren Bruder schon einmal so aufgebracht erlebt zu haben. Er fuchtelte wie wild mit den Armen und hatte seine Lautstärke immer noch nicht gedämpft. Obwohl sie sich ein ganzes Stückchen entfernt hatte, hatte sie kaum etwas von seiner Tirade verpasst. Und seine dunkelrote Gesichtsfarbe machte ihr Sorgen. Maud ging zu ihrem Bruder und fasste ihn bei den Schultern.

»Jetzt beruhig dich doch erst mal, Hugo. Bist du denn sicher, dass es so schlimm ist?«

Er stieß ihre Hände weg und ließ sich auf die große Truhe plumpsen. Angeblich ein Beutestück aus dem Dreißigjährigen Krieg, das auf Gut Stola stand, seit es dieses Anwesen gab.

»Ja, was glaubst du denn?«

»Du hast Gunnel zu Tode erschreckt«, sagte Maud. »Sie war gerade beim Putzen. Und mich hast du im Übrigen auch erschreckt. Du bist doch keine fünfundzwanzig mehr, denk doch an dein Herz.«

Sein Herz, ja, dachte Magnus. Er betrachtete die Frau, mit der er seit fünfunddreißig Jahren verheiratet war. Maud und Magnus hatten mit dem großen Erbe gerechnet, die ganze Zeit hatten sie gewusst, dass ihnen irgendwann eine erhebliche Summe zufallen würde. Er liebte sie zwar, aber er konnte nicht leugnen, dass seine Wahl auch von anderen Faktoren beeinflusst worden war. Ihr Vater, Graf Ekeblad, war schon damals recht hinfällig gewesen. Niemand hätte ahnen können, dass er noch sechsundneunzig Jahre alt werden würde.

Magnus kam ebenfalls aus einer guten Familie und besaß große Waldgrundstücke im Norden, aber die Familie Ekeblad spielte schon in einer ganz anderen Liga. Die Bewerber hatten Maud geradezu die Tür eingerannt, angelockt von der Aussicht, dass eine landwirtschaftliche Immobilie, die vierhundert Jahre lang als Fideikommiss Stola zusammengehalten worden war, nun zwischen den Erben aufgeteilt werden würde – und dass ein Erbteil an Maud, die Tochter des Grafen, fallen würde. Magnus hatte kämpfen müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und ihre Liebe zu gewinnen.

Ihr Sohn und ihre Tochter hatten jeweils ein großes Haus zu erwarten, das ihr Großvater ihnen per Testament zugedacht hatte. Und jetzt, wo Mauds Vater verstorben war, sollte der weitläufige Besitz von 11 500 Hektar aufgeteilt werden wie besprochen.

Seit 1530 befand sich dieses bewirtschaftete Gut mit seinem Wald- und Ackerland in Familienbesitz und war entweder ungeteilt oder manchmal sogar noch um einen Teil vergrößert an die nächste Generation, den nächsten Verwalter übergeben worden. Abgesehen von den riesigen Äckern und Wäldern gab es vier Herrenhäuser, darunter Salaholm und Fröslunda, sieben Pachthöfe und mehrere Pächterhäuschen. Der alte Graf sollte der Letzte in der Reihe dieser Verwalter sein, dem noch das gesamte Gut unterstand, nachdem die Familie Ekeblad im Jahre 1723 beschlossen hatte, aus dem ganzen Besitz ein Fideikommiss zu machen.

Hugo saß zusammengesunken auf der Truhe und sah aus, als wäre ihm die Luft ausgegangen. Er schaute seine Schwester an.

»Carl-Henrik ist zum Kultusministerium gegangen und hat erklärt, dass das Anwesen – ich zitiere wörtlich: …« Er blickte auf den Brief mit dem Emblem des Kultusministeriums. »… dass zu diesem Anwesen Kultur- und Naturschätze von nationalem Interesse gehören, die Gefahr laufen, verloren zu gehen, wenn das Erbe zwischen drei Geschwistern aufgeteilt wird, die Schwierigkeiten haben, sich zu einigen.«

»Aber es muss doch irgendwas geben, was wir da unternehmen können?« Maud fingerte nervös an den Knöpfen ihrer Strickjacke. »Wir waren uns doch absolut einig. Papa hat das Testament geschrieben, damit es eben keinen Streit gibt. Wie kann da etwas unklar sein?«

»Es ist ja gar nichts unklar«, erwiderte Hugo. »Arme Maud, verstehst du, was das bedeutet? Wir bekommen nichts. Nichts! Der Besitz wird nicht aufgeteilt, sondern ungeteilt erhalten. Das Fideikommiss wird fortgesetzt.«

Mauds Hände begannen zu zittern.

»Aber sie kommen doch, um die Immobilie vor der Aufteilung des Erbes in Augenschein zu nehmen, oder?«

»So war das zu Anfang gedacht, ja, aber jetzt nehmen sie sie eben in Augenschein, bevor das Fideikommiss fortgesetzt wird, damit sie die Möglichkeit abwägen, ob man tatsächlich eine Ausnahme machen und das Ganze dem Fideikommiss zuschlagen soll. Die Provinzregierung, die Gemeinde, das Amt für Naturschutz und bestimmt auch noch ein Bauhistoriker werden ihre Meinung zu diesem Anwesen kundtun, bevor die Fideikommissbeauftragten ihre Entscheidung mitteilen.«

»Wem teilen sie die mit?«, wollte Maud wissen.

»Der Regierung, die dann die Entscheidung trifft.«

»Die Regierung? Und wir? Haben wir denn gar kein Wörtchen mitzureden?« Maud blinzelte, wie sie es früher immer gemacht hatte, bevor sie sich endlich eine Lesebrille zulegte.

Hugo wusste, dass das ihre Art war, sich zu konzentrieren. Er schüttelte den Kopf.

»Nicht, wenn es um nationale Interessen geht, da können wir nicht viel ausrichten. Er hat es wirklich elegant formuliert, das muss man ihm lassen«, fügte er bitter hinzu.

»Und die Kinder? Die Häuser, die Papa unseren Kindern versprochen hatte?«

»Nichts, Maud. Kein Geld, keine Häuser, keine Grundstücke.« Hugo seufzte. »Bis jetzt ist zwar keine Entscheidung gefallen, aber sonnig sieht es nicht unbedingt aus.«

»Aber man muss doch irgendwie in Berufung gehen können, oder nicht?« Magnus runzelte die Stirn. »Wenn es dumm läuft, müssen wir doch die Möglichkeit bekommen, mit unserem Widerspruch zur nächsten Instanz zu gehen.«

»Da gibt es keine nächste Instanz, weil die Regierung selbst die Entscheidung gefällt hat, auf der Grundlage der Einschätzung der Fideikommissbeauftragten. Bei welcher Stelle willst du da Berufung einlegen?«

Maud klappte die Einladungskarte, die seit einer Woche auf der großen Kommode stand, auf und wieder zu.

»Wollen wir zusammen auf das Fest fahren, Hugo?«

Die beiden Männer wandten ihr den Kopf zu. Die Frage kam für sie völlig überraschend.

»Auf das Fest?« Man hörte Hugo seine Verblüffung an.

»Auf den Maskenball von Papas Schwester. Dieses Jahr wird er auf Carlsten abgehalten. Ich habe schon Zimmer im Grand Hotel für uns gebucht.«

»Wie zum Teufel kannst du von Festen reden, wenn unsere ganze Existenz auf dem Spiel steht? Begreifst du nicht, dass ihr um euer Erbe gebracht werden könnt, Hugo und du? Dann habt ihr kein Geld mehr für so was wie Zimmer im Grand Hotel. Und ich habe nicht vor, auf ein Fest zu gehen, auf dem Carl-Henrik erscheinen wird.«

»Du wirst auch nichts vom Erbe abbekommen, Magnus. Schade, oder?« Hugo fixierte seinen Schwager.

»Hör auf, Hugo.« Mauds Stimme klang überraschend scharf. »Ihr habt nicht bedacht, dass der Maskenball in Marstrand eine großartige Gelegenheit ist, von Angesicht zu Angesicht mit Carl-Henrik zu sprechen. Ansonsten haben wir ja nie die Möglichkeit, weil er sowieso nur über seinen Anwalt mit uns kommuniziert. Ich könnte das übernehmen. Und ihr wisst doch, wie nahe sich Papas Schwester und Carl-Henrik stehen.«

»Du meinst doch nicht im Ernst, dass wir da hingehen sollen?«

»Doch. Du solltest auch den Einfluss unserer Tante auf Carl-Henrik nicht unterschätzen. Er hat schließlich ganze Sommer bei ihr verbracht, als Papa und er sich überwarfen. Es könnte sogar ihre Idee gewesen sein.«

»Unsere Tante soll die Idee gehabt haben, das Fideikommiss fortzusetzen? Wohl kaum. Das hat der sich schön alleine ausgedacht. Und unsere Tante ist ja auch …« Hugo machte eine vielsagende Geste vor seiner Stirn.

»Da könnt ihr aber allein hingehen«, sagte Magnus. »Ich habe nicht vor, meinen Fuß dort hinzusetzen. Und nachdem er diesen ganzen Vorgang in die Wege geleitet hat, wird er sich nicht mehr davon abbringen lassen.«

»Aber einen Versuch ist es doch zumindest wert. Und sei es bloß, dass wir es schaffen, das Fideikommiss weiterhin gemeinschaftlich zu betreiben«, meinte Maud.

»Mit Carl-Henrik möchte ich überhaupt nichts betreiben. Unmöglich.« Hugo schüttelte den Kopf.

»Nein, ich ja auch nicht. Aber wie sieht die Alternative aus?«, fragte Maud.

»Ja, wie zum Teufel sieht die Alternative aus?«, echote ihr Mann.

»Jetzt müssen wir unsere Rechtsanwälte einschalten und die schweren Geschütze auffahren«, meinte Hugo. »Hier steht ausdrücklich, wenn es einen Konflikt in der Familie gibt, ist man eher geneigt, das Fideikommiss fortzusetzen, weil die Gefahr besteht, dass das Anwesen zersplittert wird, wenn die Familie Schwierigkeiten hat, sich zu einigen.«

»Wir gehen auf das Fest und reden mit Papas Schwester. Die hat bis jetzt ja bloß Carl-Henriks Version der ganzen Geschichte zu hören gekriegt. Und dann sehen wir zu, dass wir auch mit Carl-Henrik selbst ein paar Worte sprechen können. Und mit Viktor«, sagte Maud.

Gunnel kam nicht umhin, den Streit mitanzuhören. Sie stellte den Mopp weg und ging in den Flur, um ihre Jacke anzuziehen. Der alte Graf hatte nach dem Ideal vergangener Zeiten gelebt und immer behauptet, dass Frauen keinen Beruf zu lernen brauchten. Sie sollten sich um Heim und Familie kümmern, sich ansonsten zu benehmen wissen und Konversation treiben. Infolgedessen hatte Maud nie eine höhere Ausbildung genossen. Zwar war sie wie die Söhne aufs Internat Lundsberg geschickt worden, aber während ihre Brüder danach studierten und dazu erzogen wurden, das Gut zu verwalten, war Maud auf Stola spazieren geritten, hatte sich hübsche Kleider angezogen und den Augenstern ihres gräflichen Papachens gespielt. Eine Arbeit hatte sie nie gehabt, das erachtete niemand für notwendig. Als ob wir noch im 18. Jahrhundert leben würden, dachte Gunnel. Das Anwesen mag ja alt sein und die Ahnenreihe beeindruckend, aber die Zeiten haben sich doch geändert. Er hätte seiner Tochter eine ordentliche Ausbildung gewähren müssen, eine Möglichkeit, sich an der Verwaltung des Gutes zu beteiligen. Jetzt ist sie von ihrem Mann und ihren Brüdern abhängig, und was soll sie anfangen, wenn sie nichts vom Erbe des Grafen abbekommt?

Gunnel beschloss, nach Hause zu fahren und Mittag zu essen, statt hier bis zwei Uhr zu warten, um fertigputzen zu können. Sie trocknete den Fahrradsattel mit einem Lappen ab, den sie wieder unter den Sattel klemmte, bevor sie ihre Handtasche in den Fahrradkorb stellte und den Ständer hochklappte. Es war weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass sie heftige Diskussionen auf Stola mitangehört hatte. Zu Lebzeiten des alten Grafen war es zuweilen sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Züchtigungen hatten nämlich ebenfalls zu Graf Ekeblads Ansichten über eine gesunde Kindererziehung gehört. Sie würde den Anblick nie vergessen, wie sie ins Zimmer kam und Carl-Henrik erblickte, der den Rohrstock in der hoch erhobenen Hand hielt, um seinem damals fünfundachtzigjährigen Vater all die Prügel zurückzugeben, die er im Laufe der Jahre von ihm kassiert hatte. Der alte Graf und sein Sohn waren sich so ähnlich – vielleicht hatten sie deswegen ständig gestritten.

Gunnel setzte sich aufs Rad, während sie weiter über Maud nachdachte. Sie war so naiv, dass es manchmal schon an Dummheit grenzte, aber nach Gunnels Meinung war das darauf zurückzuführen, dass man sich immer um sie gekümmert hatte, sie nie selbst hatte denken und eigene Entscheidungen treffen müssen. Man hatte sie in Watte gepackt, sie durch ein behütetes Dasein geschaukelt und immer in dem Glauben belassen, dass die Welt vor den Toren des Gutes genauso war.

War es wirklich möglich, dass Carl-Henrik versuchte, seinen Geschwistern ihren Anteil am Erbe zu verwehren? Würde mich nicht wundern, dachte Gunnel. Sie hatte schon früh gelernt, immer darauf zu achten, dass sie nicht allein mit dem ältesten Sohn des Grafen im Zimmer blieb. Ihre Augen tränten in der frischen Herbstluft, als sie die Anhöhe hinunterrollte. Sie fror an den Händen, traute sich aber nicht, eine Hand in die Tasche zu stecken, weil sie Angst hatte, auf dem rutschigen Herbstlaub ins Schlingern zu kommen. Die Allee, die zum großen Wohnhaus hinaufführte, sah prächtig aus im feuerroten und gelben Farbspiel des Laubes. Erst ganz unten am Fuß des Hügels hielt sie an und zog die Handschuhe über. Sie drehte sich um. Obwohl sie jeden Morgen mit dem Rad kam, genoss sie den Anblick der schönen Gebäude und der hohen schmiedeeisernen Tore. Aber die phantastische Fassade sagte eben nichts über die Intrigen aus, die hinter diesen hübsch verputzten Mauern gesponnen wurden.

ADELSSITZ SALAHOLM

5. Oktober 1801

Metta lehnte sich zurück und musterte den hübschen Stuck an der Decke und den Kristalllüster, der in der Mitte befestigt war. Das Licht brach sich in den vierundachtzig Prismen und warf Reflexe an die Wand. Bedächtig tupfte sie sich die Mundwinkel mit der Serviette ab. Das Essen war hervorragend gewesen, Adam Focks Köchin verstand sich wahrlich auf ihr Handwerk, dachte Metta zufrieden und nahm noch einen Schluck von dem spanischen Wein. Sie mochte diesen Teil des Hauses, und dieser Speisesaal war der gemütlichere der beiden. Vielleicht lag das daran, dass man durch den verglasten Teil der Wand die Vögel und das Grün im Garten sah, was einem fast das Gefühl gab, im Freien zu sitzen. Sie glaubte, draußen einen Pfau vorbeihuschen zu sehen, und reckte den Kopf. Seltsame Tiere, aber entzückend. Nur ihre irgendwie unheilverkündenden Schreie waren ihr nicht ganz geheuer. Sie trank den Wein aus und stellte das Glas behutsam auf dem Tisch ab.

Das Hausmädchen trat mit einem Tablett in der Hand durch den Dienstboteneingang.

»Tee für die gnädigen Herrschaften«, sagte sie und stellte das Tablett auf den Esstisch.

Sie goss das dampfend heiße Getränk in drei kleine Tassen mit dem grün-weißen Wappen der Familie Fock. Dann hüllte sie die Silberkanne in ein Futteral aus hellblauer Seide, damit sie länger warm blieb. Metta genoss den Duft. Oh, wie lange hatte sie den schon nicht mehr gerochen?

»Aber das ist ja gar kein Tee, das ist Kaffee!«, rief ihr Mann Henrik glücklich.

»Du irrst dich, mein Liebster, es ist Tee.« Metta nahm noch einen Schluck und genoss die Wärme und das Aroma.

»Nein, das ist Kaffee. Ich bin ganz sicher.« Henrik stellte die Tasse wieder auf die Untertasse. »Ist das Kaffeeverbot denn aufgehoben worden?«, staunte er.

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete Metta. »Und deswegen müssen wir uns ja auch mit Tee begnügen.« Sie sagte es in bestimmtem Ton, in der Hoffnung, dass ihr Mann den Wink verstand. Dann nickte sie dem Hausmädchen zu, zum Zeichen, dass das Mädchen ihr nachschenken sollte. Sie war gleich bei ihr und goss Kaffee in zwei Tassen nach.

Metta stand auf und trat vor eine Büste, die auf einem Sockel stand.

»Schön«, sagte sie. »Die war noch nicht hier, als wir dich das letzte Mal besucht haben, oder?«

»Die ist von Johan Tobias Sergel«, erwiderte Adam kurz angebunden.

Diese Frau wusste nicht, wo ihr Platz war, aber das war nur ein Teil des Problems. Adam Fock betrachtete die Cousine seines Vaters Henrik Johan Fock, den alle nur als »Focken« kannten. Die Familie war schon 1779 gegen die Verlobung der damals vierzehnjährigen Metta Charlotta Ridderbielke mit Focken gewesen, und seine Mutter und seine Großeltern hätten sich sicherlich im Grabe umgedreht. Freilich kam das Mädchen aus gutem Hause, etwas anderes wäre ja gar nicht denkbar gewesen. Und freilich war sie schön. Aber sie war auch launisch und bekam Zornesausbrüche, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Adam selbst wusste von diesen Streitereien nur durch Hörensagen, denn er wurde erst ein Jahr nach der Verlobung geboren. Aber jetzt, wo er einundzwanzig Jahre alt war, konnte er nicht umhin, sich der allgemeinen Meinung anzuschließen.

Mettas Mutter und ihre Brüder hatten das Mädchen allein aufziehen müssen, weil der Vater drei Monate vor ihrer Geburt verstorben war. Vielleicht war der Stiefvater, den sie im Alter von fünf Jahren bekam, auch allzu nachgiebig mit dem Mädchen gewesen. Focken hatte im Alter von acht Jahren ebenfalls seinen Vater verloren, und da seine Mutter zwei Jahre später wieder heiratete, ist es nicht ganz abwegig, dass der Stiefvater in dem Jungen ein Problem sah. Als an einem kalten Dezembertag 1783 die Trauung vollzogen wurde, hatte man in der Familie Fock immer noch Zweifel, ob die verwöhnte, launische Metta Charlotta Ridderbielke die passende Gattin für Focken war. So langsam, wie er dachte, hätte er wohl eher eine folgsame Frau gebraucht, die genug Geduld für ihn aufbrachte.

Ein paar Jahre später sollte sich herausstellen, dass man Recht gehabt hatte. Die Schande war komplett, als Metta einen Vormund für ihren Mann besorgte. Statt die Sache diskret abzuwickeln, hatte sie einen entsprechenden Beschluss beim Vormundschaftsgericht erwirkt, so dass noch der letzte Bauer über Henrik Johan und die Familie Fock lachen konnte. Den Familienmitgliedern hingegen war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Adam wurde immer noch wütend, wenn er daran zurückdachte. Als wäre Focken nicht selbst in der Lage gewesen, sich um seine Angelegenheiten zu kümmern. Mehr als einmal hatte sich Metta in Fragen eingemischt, die sie überhaupt nichts angingen. Ackerbau, Forstwirtschaft, die Führung des Hofes. Sie betrieb das Gut Lilla Gisslared – sie, eine Frau! –, als wäre es ihr eigenes, ebenso wie Wald und Landwirtschaft. Nein, die Wahl dieser Gattin war keine glückliche Entscheidung gewesen.

Adam folgte ihnen, als sie am Kachelofen vorbeiging, der das Wappen der Focks und das der Ekeblads trug. Seine Mutter hatte es damit sehr genau genommen – ihr Ekeblad-Wappen sollte unbedingt auch darauf sein. Sie verließen den Salon und gingen durch die beiden angrenzenden Gemächer, bis sie im Flur auf dem gewürfelten Kalksteinboden standen. Die Steine kamen vom Kinnekulle, dem Berg am südöstlichen Strand des Vänern-Sees. Als Kind war er an heißen Sommertagen oft durch die kühle Halle gekrabbelt und war dem seltsamen Steinmuster gefolgt.

Metta warf sich Mantel und Schal um die Schultern, bevor sie auf die Treppe trat. Normalerweise hätte er ihr natürlich seine Hilfe angeboten, aber wenn sie sich um ein ganzes Gut kümmern konnte, dann konnte sie wohl auch Mantel und Schal allein anziehen. Adam nickte dem Jungen zu, der den Wagen holte. Die Kutsche wurde von einem grauen Pferd gezogen, das er noch nie gesehen hatte.

»Was hast du da für ein Pferd?«, erkundigte sich Adam und musterte die magere Stute nachdenklich.

»Die hab ich einem Bauern in Falköping abgekauft«, erklärte Focken und nickte bedächtig.

Das Pferd machte ein paar Schritte vorwärts.

»Aber die lahmt ja!« Adam runzelte die Stirn.

»Ja, aber der Bauer meinte, das vergeht. Ihm war das noch gar nicht aufgefallen.«

»Und das hast du ihm geglaubt?« Metta seufzte und schüttelte den Kopf.

»Was hast du für sie bezahlt?«, fragte Adam, der die Flügeltür hinter sich zugemacht hatte und jetzt zu dem Pferd ging, um sein Bein zu betasten.

»Acht Reichstaler und sechs Schilling.«

»Acht Reichstaler und sechs Schilling für ein lahmendes Pferd! Das Geld hätten wir auch für andere Dinge brauchen können.« Metta raffte ihre Röcke zusammen und kletterte in den Wagen. »Mein guter Bruder Gustaf hat Henrik gebeten, das Pferd zurückzubringen und sein Geld zurückzuverlangen, aber mein Mann besteht darauf, dass er es behalten will.«

Adam biss die Zähne zusammen und ignorierte ihren Kommentar. Mettas Bruder war der Vormund, den das Gericht Fock zugeteilt hatte, was bedeutete, dass auf dem Hof der Fock-Familie Metta Charlotta selbst das Ruder in der Hand hielt.

Die Kutsche setzte sich in Bewegung, vorbei an der großen Ulme, die den Hof vor dem Hauptgebäude dominierte. Die Sonne schien von Südwest und beleuchtete das große Haus und die zwei torfgedeckten Dächer der Seitenflügel. Adam stellte sich in den Schatten des Südflügels. Als sie das Tor halb durchfahren hatten, drehte Focken sich noch einmal um und winkte mit beiden Händen zum Abschied. Adam hob die Hand. Metta nickte ihm gnädig zu, bevor sie den Kopf wieder nach vorn wandte. Das Pferd hinkte die Allee Richtung Lilla Gisslared entlang, zwischen den schnurgeraden Reihen von Ahorn- und Lindenbäumen hindurch, die rechts und links in Habachtstellung standen.

Adam blickte ihnen nach. Er war noch unverheiratet und würde darauf achten, nicht denselben Fehler zu begehen wie der Cousin seines Vaters. Natürlich war Focken manchmal einfältig, aber Metta müsste ihren Mann trotzdem mit Respekt behandeln.

Er blieb stehen, bis die Kutsche verschwunden war. Wie so oft erschienen Erinnerungen an seine Eltern vor seinem inneren Auge. Sie waren den drei Söhnen gar zu früh genommen worden. Adam war gerade mal sieben, als seine Mutter verstarb, und schon ein Jahr darauf verlor er seinen Vater. Er konnte sich noch an die Stimme seiner Mutter und das Gesicht seines Vaters erinnern. Sein Vater hatte sich immer um seinen Cousin Focken gekümmert, deswegen wollte Adam das gern auch tun. Außerdem hatte er nicht so viele Verwandte – väterlicherseits war tatsächlich nur noch Focken übrig.

Onkel Ekeblad hatte die elternlosen Jungen in seine Obhut genommen, bis sie mündig waren, und er hatte auch den Vorschlag gemacht, dass Adam seine Cousine Eva Gustafa heiraten sollte. Sie als Hofdame der Königin Fredrika Dorotea Wilhelmina hatte es aber äußerst ungnädig aufgenommen, dass Focken für unmündig erklärt wurde. Dass ein naher Verwandter ihres zukünftigen Gatten einen Vormund bekommen hatte, weil er allein nicht zurechtkam, gefiel ihr ganz und gar nicht.

Metta war ganz in Gedanken versunken, als sie an den rotgestrichenen Gebäuden der Mühle von Kvissle vorbeifuhren. Der Müller hatte alle Hände voll zu tun, weil es so viel Korn zu mahlen gab. Auf seinem Hof standen gleich mehrere Karren. Die Leute, die von nah und fern zu ihm kamen, mussten manchmal über Nacht hierbleiben, bis ihr Getreide gemahlen war. Als Jungverheiratete hatten Metta und Focken kurz auf dem Mühlenhof gewohnt, wo auch ihr erstes Kind, Ulrica, geboren wurde.

Allerdings war das Mädchen nach gerade mal vier Monaten gestorben. Danach waren sie jedoch noch mit vier weiteren Kindern gesegnet worden und aufs nahe gelegene Lilla Gisslared umgezogen. Zwei Söhne und zwei Töchter. Die älteste Tochter, die auch auf den Namen Ulrica getauft wurde, war inzwischen mit Feldwebel Wahlberg verlobt, einem vielversprechenden jungen Mann. Der dreizehnjährige Claes Abraham hatte sich freiwillig zum Dienst beim Kavallerieregiment von Västgöta gemeldet, den er demnächst antreten musste, und bald würden nur noch die zwei jüngsten auf dem Gut zurückbleiben. Der siebenjährige Wilhelm und die dreijährige Charlotta Lovisa. Metta tat es im Herzen weh, wenn sie an das Mädchen dachte.

Als sie über die alte Holzbrücke fuhren, hörte sie das Donnern des Lidan-Flusses und blickte zur Stromschnelle und aufs bräunliche Wasser. Der Wagen schwankte, und als sie wieder aufblickte, sah sie, dass Focken ihn viel zu nah an den Rand lenkte. Metta warf sich nach vorn und riss ihrem Mann die Zügel aus der Hand, um das Pferd dann mit ruhiger Hand auf den Weg zurückzulenken.

»Was erlaubst du dir?«, rief Focken empört.

»Du kannst doch nicht so nah am Rand fahren, das war die Stelle, an der die Brücke letzten Winter nachgegeben hat, weißt du nicht mehr? An dieser Stelle sollte man lieber in der Mitte fahren.«

Focken verschränkte die Arme.

»Willst du wieder?«, fragte Metta mit sanfter Stimme und reichte ihm die Zügel.

»Fahr du doch, du kannst doch immer alles am besten«, erwiderte er mürrisch.

»Na, mein Lieber, wir wollen doch nicht streiten.« Sie trieb das Pferd an, das inzwischen deutlich langsamer ging. Wie sich herausgestellt hatte, war die Strecke zwischen Salaholm und ihrem Heim in Lilla Gisslared gerade so bemessen, dass die alte Stute sie noch bewältigen konnte, obwohl es kaum mehr als fünf Kilometer waren. Langsam trottete das Pferd über den schmalen Weg. Metta fröstelte. Der Herbst war im Anzug, und bis Winteranbruch gab es noch viel vorzubereiten. Sie wandte sich an ihren Mann, legte ihm eine Hand auf den Arm und wählte ihre Worte mit Bedacht.

»Ich fände es schön, wenn wir den Rest des Brennholzes rechtzeitig in den Schuppen bekommen, bevor noch mehr Regen kommt.«

»Das mache ich morgen.«

»Könnten wir nicht heute schon damit beginnen und morgen den Rest machen? Es wird ja doch über eine Woche dauern, bis das alles erledigt ist.«

»Ich sagte morgen.«

Es war völlig zwecklos, mit ihm reden zu wollen, wenn er so griesgrämig war, das wusste sie. Sie waren zwar gut miteinander ausgekommen und hatten fünf Kinder in die Welt gesetzt, von denen vier heute noch gesund waren, doch der begrenzte Verstand ihres Mannes warf immer wieder Schwierigkeiten auf, weil er sich die Dinge nie gründlich überlegte und meist übereilte Entscheidungen traf. Was am Ende spürbare Auswirkungen auf ihre Geldmittel hatte. Sie hatte lange stillgehalten, bis sie sich gezwungen sah, andere Maßnahmen zu ergreifen und einen Vormund für ihren Mann bestimmen zu lassen. Mettas eigenen Bruder, Gustaf. Was hätte sie sonst tun sollen? Immerhin war Gustaf ein gebildeter Mann, ein Pfarrer.

Der Hof kam in Sicht, das rote Wohnhaus, der Stall und die Schuppen. Metta sah, wie die Nachbarn von Stora Gisslared Focken grüßten, aber gleich darauf mit dem Finger auf sie zeigten und den Umstand kommentierten, dass nicht er, sondern sie die Zügel in der Hand hatte. Vielleicht sollte sie ihnen gestatten, das Moos zu ernten, worum sie schon lange ersucht hatten, vielleicht konnte das ja das Eis zwischen ihnen brechen. Sie würde zumindest darüber nachdenken, dachte sie, als sie das Pferd auf den Hof lenkte und zum Stehen brachte.

Focken stieg ab und ging auf seine Schwiegermutter zu, die auf die Treppe herausgekommen war. Sie hatte Charlotta Lovisa auf dem Arm, obwohl Metta darum gebeten hatte, dass sich eine der Mägde um sie kümmern sollte, solange sie bei Adam zu Besuch auf Salaholm waren. Das Mädchen gurgelte vergnügt und lächelte, als es seinen Vater sah. Obwohl es bereits drei Jahre alt war, hatte es noch kein Wort gesprochen. Die Familie hatte sich angewöhnt, Gesten zu verwenden, wenn sie mit der Jüngsten sprach, und Metta hatte lange geglaubt, dass ihre Tochter schon noch anfangen würde zu sprechen, doch dem war nicht so. Irgendetwas hatte die Kleine, man konnte es nicht länger leugnen. Sie schien ganz in ihrer eigenen winzigen Welt zu leben, und ihre Laute und ihr Mienenspiel waren nicht so wie bei den anderen drei Kindern. Als ihre Großmutter darauf hinwies, dass das Mädchen nicht mal auf Geräusche reagiere, hatte Metta es nicht wahrhaben wollen und war richtig wütend geworden, aber am Ende musste sie einsehen, dass ihre Tochter taubstumm war. Focken hatte es von allen am schwersten genommen. Bekümmert fragte er sich, was für eine Zukunft ein taubstummes Mädchen haben könnte. Zwei Wochen lang sprach er von nichts anderem als von seiner Tochter, die weder sprechen noch hören konnte. Immer und immer wieder wiederholte er, dass ihr Leben zu Ende war, bevor es auch nur angefangen hatte. Niemand würde sie zur Frau nehmen wollen.

Metta spannte das Pferd aus und führte es in den Stall. Das Torfdach musste repariert werden, wie so vieles andere auf dem Hof. Es tat ihr weh, wenn sie sah, wie das Wasser eindrang und die Holzwände aufweichte, bis sie langsam verrotteten und kaputtgingen. Wenn man sich rechtzeitig um die Gebäude kümmerte, musste sich der Schaden gar nicht bis zum Schlimmsten auswachsen. Es waren auch keine besonders großen Arbeiten, aber langsam wurden es einfach zu viele.

Sie streichelte dem Pferd das Maul und vergewisserte sich, dass es Heu und Wasser hatte, bevor sie die Stalltür verriegelte und zum Haus ging.

»Ist irgendetwas vorgefallen?«, fragte Witwe Gripenmarck ihren Schwiegersohn.

»Frag Metta, die weiß ja doch alles besser«, antwortete er, ging in die Küche und machte den Schrank auf.

Schon bevor sie die Flasche sah, wusste sie, dass er danach suchte. Mit dem einzigen Glas des ganzen Haushalts in der Hand stand er da und starrte über die Felder, während die Sonne unterging.

Die Witwe Gripenmarck seufzte. Es hätte alles so anders gehen können, wenn nur ihr erster Mann, Mettas Vater, noch leben würde. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Wahrscheinlich wäre Mettas Vater sorgfältiger bei der Wahl ihres Verlobten gewesen als ihr Stiefvater. Vielleicht hatte er nur eine Chance gesehen, das ungebärdige Mädchen loszuwerden. Früher hatten sie ein gutes Leben geführt, in einem geheizten Haus gewohnt, Dienstboten gehabt und sich nie Sorgen ums Geld machen müssen, doch nun hatte sich ihr Leben grundlegend geändert. Erst für Metta, die von zu Hause wegziehen musste, und dann für sie selbst, als sie erneut verwitwete und bei ihrer ältesten Tochter einzog.

Natürlich verfügte sie über gewisse Geldmittel, die sie mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn teilte. In letzter Zeit war sie allerdings dazu übergegangen, ihnen das Geld nur noch zu leihen, nachdem sie gesehen hatte, wie irrwitzig die Geschäfte ihres Schwiegersohns waren. Mittlerweile belief sich das Darlehen auf erschreckende dreihundertneunzehn Reichstaler und fünfundzwanzig Schilling. Außerdem war der Witwe nicht mehr allzu viel Bargeld geblieben.

Mehr als einmal hatte sie sich die Frage gestellt, ob sie das Richtige getan hatten, als sie ihre Tochter mit Henrik Fock verheirateten. Hätte er nicht zur Familie Fock gehört, hätte man ihn überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Seine Einfalt und seine Geistesschwäche, die man damals nur ahnen konnte, hatten sich im Laufe der Jahre verstärkt und inzwischen ein höchst unangenehmes Ausmaß angenommen.

»Immer noch besser, als Witwe zu sein«, hatte ihre Mutter einmal gesagt, als Metta nach einem schweren Arbeitstag in der heißen Sommersonne verschwitzt ins Haus kam.

»Bist du sicher?«, hatte Metta gefragt, hatte ihre Worte aber sofort bereut. Focken war kein böser Mensch, er dachte bloß nicht nach. Und immerhin war er auch der Vater ihrer vier Kinder.

Am nächsten Morgen hatte Focken sein Versprechen mit dem Brennholz schon wieder vergessen. Er saß gerade beim Frühstück, als Metta ihn daran erinnerte. Anders und Per, die zwei Knechte, die sie angeheuert hatten, waren schon hinausgegangen, um ihr Tagwerk zu beginnen.

»Heute müssen wir in den Wald fahren und das Brennholz sammeln«, stellte sie mit einem Blick in den grau bewölkten Himmel fest. Mit etwas Glück würden sie ohne Regen davonkommen.

»Heute ist kein guter Tag.« Entschieden schüttelte Focken den Kopf und schlürfte seine Milch.

»Das ist eine Arbeit, die man schon im Sommer hätte erledigen müssen, wir sind bereits sehr spät dran. Und was meinst du, womit wir im Winter heizen sollen?« Metta sah ihren Mann scharf an.

»Nicht heute«, sagte er. »Morgen.«

»Das wird doch nie erledigt. Was könnte denn wichtiger sein als unser Brennholz? Der Winter steht vor der Tür, und wenn wir das Holz in den Schuppen gebracht haben, muss es immer noch gespaltet und zurechtgesägt werden. Das ist harte Arbeit, da müssen alle mit anfassen.«

»Ich kann schon mithelfen, Mutter.« Claes Abraham war gerade hereingekommen und zog die Tür hinter sich zu.

»Ich weiß, mein liebes Kind. Aber du hast mit dem Mahlen des Getreides genug zu tun. Es ist einfach so vieles verschleppt worden.«

Dass sie außerdem versuchte, ihrem Mann solche Arbeiten zuzuweisen, bei denen er möglichst wenig Schaden anrichten konnte, behielt sie für sich, aber sie musste ständig Rücksicht nehmen und die Dinge anders organisieren, um ihren Mann von Orten fernzuhalten, an denen er doch nur Unordnung stiftete. Einfache Arbeiten gingen gut: Zweige im Wald sammeln, Holz sägen und hacken. Und wenn er sich an der Arbeit beteiligte, konnte er das Holz auch sehr schön stapeln. Doch die Reparatur des Stalldachs war keine Arbeit für Focken. Er dachte auch einfach nicht daran, dass das Wasser bei Regen hereinlief.

»Ich habe eine Verabredung mit Major Palmcrantz auf Krabbelund.«

»Ausgerechnet heute?«, fragte Metta.

»Ausgerechnet heute«, bestätigte Focken.

»Ich hoffe, bei dieser Verabredung redet ihr auch darüber, wie er dir helfen kann, den Kauf des Pferdes rückgängig zu machen. Einen anderen Grund für eine Fahrt nach Krabbelund kann ich mir nämlich nicht vorstellen.«

»Der Major und ich haben so einiges zu besprechen. Geschäftliches.«

»Du machst keine weiteren Geschäfte mehr! Wir haben ohnehin schon so hohe Schulden bei meiner Mutter.«

Focken trank den letzten Rest Milch, bevor er aufstand, Stiefel und Lederrock anzog und sich die gestrickte graue Mütze über die Ohren zog. Dann machte er wortlos die Tür auf und verschwand.

Metta seufzte und begann, den kläglichen Rest Grütze zu essen. Hier saß sie nun, mit ihrer alternden Mutter, vier Kindern und einem Gut, das sie allein führen musste. Was sollte sie nur tun?

Claes Abraham legte seiner Mutter die Hand auf die Schulter.

»Ich kann die Zweige im Wald sammeln gehen.«

Dreizehn Jahre war ihr ältester Sohn alt, aber er verstand es wesentlich besser als Focken, sich auf dem Gut nützlich zu machen. Und an Verstand fehlte es ihm wahrhaftig auch nicht. Viel von ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft setzte sie in ihren Sohn. Er war als minderjähriger Freiwilliger gemeldet, weil man mindestens fünfzehn sein musste, bevor man zu den Soldaten gehen konnte. Doch wenn er den Dienst in der Kavallerie bekam, würde man ihm einen Lohn zahlen, und den konnten sie wahrhaftig gut brauchen.

Auf manchen anderen Gütern ging es sicher auch knapp her, aber dort kümmerten sich die Frauen um Tiere und Haushalt, während die Männer Hof und Wald in Ordnung hielten.

Metta sah ihren Sohn an. Als Mutter sollte man keine Lieblinge haben, aber zwischen ihr und ihrem Ältesten bestand schon ein ganz besonderes Band.

»Du hilfst mir wirklich am meisten auf dem Gut, Claes Abraham«, sagte sie. »Ich nehme die Knechte mit in den Wald, die fahren die Ochsenkarren, ich nehme das Pferd. Wir werden mehr als genug Arbeit haben, wenn wir zurückkommen und das ganze Holz noch hacken und zersägen müssen.«

2

KLOSTERLYCKAN

NOVEMBER 2011

Andreas stellte den Spaten ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Anwesen war riesig – 10 500 Hektar – und auf dieser Lichtung war er noch nie gewesen. Die anderen Knechte auf Gut Stola hatten nur den Kopf geschüttelt, als beim Frühstück der Name Klosterlyckan fiel. Überhaupt hatten sie in letzter Zeit ganz schön oft den Kopf geschüttelt.

Die Wiese war seit den Zeiten des Großvaters von Graf Ekeblad nicht mehr bewirtschaftet worden. Keiner der Angestellten wollte sich dieser Arbeit annehmen. Graf Carl-Henrik Ekeblad, der auch dabei gewesen war, murmelte etwas von Aberglauben und alten Räuberpistolen, bis Andreas schließlich aufstand und erklärte, dass er sich um Klosterlyckan kümmern konnte.

Der Graf nickte wohlwollend und meinte, es sei ja auch mal an der Zeit für Andreas, diesen Kurs im Umgang mit GPS-gesteuerten landwirtschaftlichen Maschinen zu absolvieren, von dem sie schon gesprochen hatten. Vielleicht schon diesen Sommer. Andreas traute seinen Ohren kaum und sah, wie die anderen die Köpfe zusammensteckten.

Auf dem Weg zum Traktor hielt ihn einer der älteren Mitarbeiter auf.

»Diese Wiese ist kein guter Ort. Da bleiben die Traktoren stehen, und die Leute sterben.« Andreas schüttelte bloß den Kopf und meinte, dass Traktoren überall stehen blieben und sie sich ja in der Mittagspause weiter unterhalten konnten. Doch der Mann hatte Andreas an der Schulter festgehalten, bis der ihm versprochen hatte, vorsichtig zu sein.

Die dreihundert Jahre alten Eichen schienen die Wiese wie im Kreis zu umstehen, als hätte man sie aus irgendeinem Grund so gepflanzt. Die Sonne war gerade über die Baumwipfel gestiegen und ließ den Raureif auf dem gelben Gras und dem hie und da liegen gebliebenen Laub glitzern. In weiter Ferne konnte er zwischen den Baumstämmen den einzigen noch verbliebenen Flügel von Salaholm ausmachen. Den Südflügel. Schwer vorstellbar, dass dieses stattliche rote Holzhaus mit dem weißen Satteldach nur eines von zwei Flügelgebäuden gewesen war und dass dazwischen ein noch größeres Hauptgebäude gestanden hatte. Nur die Position der moosbewachsenen alten Ulme verriet, dass sie früher einmal von Gebäuden umgeben gewesen war. Elf insgesamt. Der Keller des Hauptgebäudes, wo die Äpfel von Salaholm gelagert wurden, war noch da, wenn auch nicht unmittelbar zu sehen und im Sommer überwuchert von Brennnesseln. Andreas hatte sich doch gern versteckt, wenn er mit den anderen Kindern spielte. Außer ihm hatte sich dort keiner ohne Taschenlampe hinuntergetraut. Und manchmal hatten die Roten Rosen dort ihre Gefangenen hingebracht. Die Gefangenen baten und flehten, keiner wollte in diesem Keller sitzen, und einer von den Weißen Rosen hatte sich vor Angst sogar in die Hose gemacht.

Schade, dass niemand bereit war, den alten Flügel zu renovieren, aber vielleicht wurde ja etwas daraus, wenn sich die Wogen geglättet hatten. Unter einer großen gelben Plane lag das Fundament eines anderen, ähnlichen Flügels, also gab es vielleicht doch Pläne, Salaholm wieder in seiner alten Größe aufzubauen. Doch die Flügelteile lagen nun schon lange dort. Andreas hatte mitgeholfen, als man die Zweige stapelte, die die Wände gebildet hatten, und die alte Handwerkskunst hatte ihm schwer imponiert. Alles war nach einem ausgeklügelten System markiert. Jeder Zweig war auf beiden Seiten sorgfältig mit geschnitzten Buchstaben und Ziffern gekennzeichnet, die noch genauso gut zu sehen waren wie damals, als die Wände zum ersten Mal hochgezogen wurden.

Den Nordflügel neu aufzubauen wäre eine Riesenarbeit, aber wenn er die Möglichkeiten gehabt hätte, hätte er sich vorstellen können, Salaholm selbst zu kaufen und den noch erhaltenen Südflügel zu renovieren. Er war groß genug, und rund ums Haus erstreckte sich ein sehr alter, gut durchdachter, jetzt freilich völlig zugewucherter Garten. Doch der Graf verkaufte niemals ein Stück Land, der kaufte nur alles, was er zwischen die Finger bekam. Genau wie es sein Vater einmal gemacht hatte und dessen Vater vor ihm. Andreas wusste fast alles über die Familie Ekeblad. Über Generationen hinweg hatte seine eigene Familie – wie viele andere in dieser Gegend – für den Grafen auf Gut Stola gearbeitet und lebte daher schon mindestens genauso lang auf diesem Boden.

Andreas konnte sich noch erinnern, wie seine Großmutter der Gräfin Ekeblad im Laden immer mit einem Knicks den Vortritt ließ. »Die Gräfin soll hier nicht stehen und warten«, hatte sie gemeint. Wenn er daran dachte, bekam er immer noch Magenschmerzen.

»Das Schicksal hat seine Lose eben so verteilt«, antwortete seine Mutter immer, wenn er sie darauf ansprach.

Aber daran glaubte er nicht. Andreas’ Motto lautete, dass jeder alles werden kann. Fast ohne Ausnahme. Er selbst arbeitete auf dem Gut, weil es ihm hier gefiel und er sich gern in Wald und Feld aufhielt. Er sah hier eine Zukunft und meinte, dass er langfristig durchaus zu denen gehören konnte, die hier über Tiere und Äcker bestimmten, auch wenn er nicht der adligen Familie Ekeblad angehörte. Vielleicht kam es dem Sohn des Grafen ja mal in den Sinn, Salaholm aus dem Besitz herauszulösen und ihm zu verkaufen? Seine Eltern hatten vergeblich versucht, dem Grafen ihren gepachteten Grund abzukaufen, aber vielleicht hatten sich die Dinge ja geändert, jetzt, da der Sohn am Ruder war? Andreas lächelte in sich hinein und atmete die frische Luft ein.

Bis jetzt war es ein milder Herbst gewesen, und obwohl es schon Mitte November war, konnte man immer noch gut mit der Hand graben. Andreas hatte den Morgen damit verbracht, die Steine aus der Weide zu entfernen, mit dem Bagger, wo immer es sich machen ließ, ansonsten mit Hacke und Spaten. Als er einen Blick auf die Uhr warf, stellte er fest, dass er die Arbeit am Graben noch vor der Mittagspause beginnen konnte.

Nach zehn Minuten mit dem Bagger blinzelte er ins Sonnenlicht und hielt inne. Er nahm die Ohrenschützer ab, kletterte aus dem Führerhäuschen und ging zur Schaufel, um ihren Inhalt aus der Nähe zu untersuchen. Drei weiße Knochen ragten aus der lockeren Erde. Er staunte, stieg in die inzwischen schon ziemlich tiefe Grube und begann von Hand zu graben. Wenige Spatenstiche später hatte er einen ansehnlichen Haufen Knochen beisammen, und in den Wänden rundum waren noch mehr zu sehen. Als die Sonne hinter einer Wolke verschwand, spürte er die Kälte durch sein kariertes Flanellhemd. Er kam nicht mehr bis zum oberen Rand der Grube, die trockene Erde bröckelte unter seinen Fingern weg und fiel in die Grube, als er hinauszuklettern versuchte. Rundum wölkte der Staub auf und drang ihm in Nase und Mund. Er hustete, räusperte sich und spuckte aus, bevor er einen weiteren Anlauf nahm. Am Ende gelang es ihm, sich hochzuziehen, allerdings ohne den Spaten, der immer noch auf dem Boden der Grube zwischen den Knochen lag.

Die alten Eichen, die die Lichtung umstanden, reckten ihre kahlen Zweige in den Himmel. In einiger Entfernung konnte er eine graue Hütte erspähen, die schon sehr baufällig wirkte. Das Dach war halb eingestürzt, und die Tür hing nur noch an einer Angel. Andreas versuchte das Gefühl des Unbehagens abzuschütteln, das ihn mit dem Knochenfund befallen hatte. Er wünschte, die Wolke würde weiterziehen, so dass das Sonnenlicht wieder auf die Wiese fiel.

Es dauerte eine knappe Stunde, bis er wieder beim Hauptgebäude ankam. Unterwegs hatte er Viktor angerufen, den jungen Grafen. Natürlich nannte ihn keiner so, wenn er in Hörweite war, aber als sein Vater nach dem Tod des Großvaters der neue Graf wurde, stieg Viktor automatisch zum jungen Grafen auf, der beim nächsten Generationenwechsel dran war. Andreas bog in den Hof ein und umrundete die Eiche, wo Viktor stand und wartete.

»Am besten seh ich mir selbst mal an, was du da gefunden hast«, meinte er und öffnete die Beifahrertür.

»Natürlich«, sagte Andreas. Er seufzte innerlich, weil ihm klar war, dass sein Mittagessen jetzt wohl warten musste.

Viktor machte keine Anstalten, in die Grube zu springen, also musste Andreas selbst wieder hinein. Er legte die weißen Knochen in einen Eimer, den Viktor dann hochzog. Andreas kletterte hinterher, und dann nahmen sie die Knochen gemeinsam in Augenschein.

Andreas sah dem jungen Grafen an, dass er bekümmert war. Aber er wusste auch, wie viel in den nächsten Tagen für die Familie und das alte Gut auf dem Spiel stand.

»Ich würde sagen, das sind Kuhknochen, aber das muss der Veterinär entscheiden«, meinte Andreas.

Viktor nickte schweigend.

»Aber so viele«, fuhr Andreas fort. »Wir sind schon bei acht Schädeln, und das allein in dieser kleinen Grube. Es kann gut sein, dass da noch viel mehr sind, und der einzige Grund, warum man sie so begraben sollte, ist, dass der ganze Bestand erkrankt und verendet ist.«

»Ich muss mit Papa sprechen. Morgen findet ja die Besichtigung des Guts statt.«

Jeder auf Stola hatte mitbekommen, was für ein wichtiger Besuch am nächsten Tag anstand. Die Fideikommissbeauftragten sollten kommen und das ganze Anwesen in Augenschein nehmen, damit sie ihre Empfehlung für die weitere Handhabe des Falles aussprechen konnten. Entweder würde der Besitz unter den Erben aufgeteilt, wie es der alte Graf Ekeblad ausdrücklich gewünscht hatte, oder es blieb ungeteilt, und der älteste Sohn Carl-Henrik fungierte als neuer Fideikommissinhaber. Soweit Andreas informiert war, gab es solche Fortsetzungen für Fideikommisse nur im Ausnahmefall.

Viktor räusperte sich.

»Hängen Sie das bitte nicht an die große Glocke, bevor die Besichtigung über die Bühne gegangen ist, ja?«

»Okay. Sie haben sicher genug zu tun, ich kann doch den Tierarzt anrufen«, bot Andreas an.

»Nein, ich rufe ihn selbst an. Erzählen Sie niemandem von dieser Sache, auch Gunnel nicht.«

Andreas fragte sich, warum um alles in der Welt sich seine Mutter für ein paar Knochen in einer Grube interessieren sollte, aber gut. Er hatte zwar schon mit ihr geredet, weil sie ausgerechnet in dem Moment des Fundes angerufen hatte, aber er würde sie so rasch wie möglich noch einmal anrufen und um Stillschweigen bitten.

Erstaunte Blicke richteten sich auf Andreas, als ihm Graf Carl-Henrik Ekeblad persönlich bei seinem verspäteten Mittagessen Gesellschaft leistete. Nicht weil er sich mit einem der Landarbeiter unterhielt, sondern weil alle wussten, wie viel er bis morgen noch zu tun hatte. Und trotzdem nahm er sich die Zeit, sich zu Andreas zu setzen und sich mit ihm zu unterhalten.

LILLA GISSLARED

26. Februar 1802

Es war der kälteste Winter seit Menschengedenken, und die Brennholzvorräte waren schneller zur Neige gegangen, als sie gedacht hatte. Der Atem stand ihr in weißen Wölkchen vor dem Mund, als sie aufwachte. Draußen war es noch dunkel. Das Fenster war von einer dicken Eisschicht bedeckt, auch auf der Innenseite, so dass man kaum hinausschauen konnte. Hoffentlich kam der Frühling dieses Jahr recht früh, denn wenn es so weiterging wie jetzt, wusste sie sich bald keinen Rat mehr. Die Kälte ging einem durch Mark und Bein, unbarmherzig biss sie sich im Körper fest. Man fror auch, wenn man sich im Haus aufhielt, und draußen war es einfach grauenvoll. Ihre ganze Welt, zu der auch die drei Gewässer von Trävattna gehörten, war schon seit Monaten zugefroren. Als sie Ende November gerade auf einen milden Winter hoffen wollten, schlug die Kälte mit voller Wucht zu, und noch gab es nicht die geringsten Anzeichen, dass sie je nachlassen wollte.

Widerwillig verließ sie die Wärme ihres Bettes und zog die dicke Decke über die Kinder und ihren Mann, die alle noch schliefen. Charlotta Lovisa sah aus wie jedes andere Kind, wie sie so friedlich dalag. Niemand hätte geahnt, dass sie weder hören noch sprechen konnte. Daneben lang Wilhelm, und neben seinem Vater Claes Abraham.

Wenn man sich vor Augen hielt, wie der Junge schuftete, war es nicht verwunderlich, dass er trotz Fockens lautstarken Schnarchens so fest schlief.

Der Boden im Flur war so kalt, dass sie genauso gut gleich auf der nackten Erde hätte gehen können, und von der Haustür kam eisige Zugluft. Rasch zog sie sich an und ging in die Küche. Auf dem Küchensofa lagen ihre älteste Tochter Ulrica und ihre Mutter. Metta hätte sich so sehr gewünscht, ihrer Mutter im Herbst ihres Lebens etwas Besseres bieten zu können. Und ihren Kindern ebenso.

Obwohl Elin den Ofen schon eine Stunde zuvor eingeschürt hatte, war die Wärme kaum zu fühlen, und die Glut war schon wieder kurz vorm Erlöschen. Fähige Mägde zu finden war wirklich unglaublich schwer. Außerdem stellte Metta fest, dass die Magd die Tür zum Flur nicht zugemacht hatte, so dass das bisschen Wärme in der Küche gleich wieder hinausgezogen war. Ansonsten war dies der Raum, der um diese Jahreszeit noch am erträglichsten war. Der Rest des Hauses war ausgekühlt, und jeden Abend dauerte es eine gute Weile, bis die Laken und Decken angewärmt waren, obwohl sie heiße Topfdeckel ins Bett legte. Die jüngste Tochter hatte zwei Tage hintereinander eingenässt, und Metta und ihre Mutter hatten ihre liebe Mühe gehabt, Matratze und Decken bis zum Abend wieder trocken zu bekommen.

Sie legte Holz auf die Glut und blies vorsichtig, bis es brannte. Dann zerschlug sie das Eis auf dem Wassereimer und goss Wasser mit Eisstückchen in einen Topf, der über dem immer lauter knisternden Feuer hing. Ihre Hände waren rot und eiskalt, nachdem sie mit dem Wasser in Berührung gekommen waren, und sie trocknete sie an der Schürze ab. Noch war es ganz still im Haus. Elin war wohl schon draußen, um zu melken und die Eier einzusammeln. Hoffentlich gab es heute welche. Metta streckte die Hände zum Feuer und spürte, wie sich die Wärme in ihnen ausbreitete.

»Metta?«

»Guten Morgen, Mutter.«

»Dieser Frost ist terrible. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine Kälte erlebt zu haben.«

»Bleib du nur liegen, bis es ein bisschen wärmer in der Küche geworden ist.« Metta zeigte auf eine vereiste Pfütze, die sich an der Luke zum Keller gebildet hatte. »Eis im Haus. So was hab ich auch noch nicht gesehen.« Sie seufzte.

»Was hast du denn, mein Kind?«

Metta schüttelte den Kopf und schluckte.

»Ich wünschte, ich könnte dir so viel mehr geben. Einen sonnigen Lebensabend. Stattdessen musst du frieren, arbeiten und auf meine Kinder aufpassen.«

»Das Leben verläuft eben nicht immer so, wie man es sich vorgestellt hat.« Die Mutter drehte sich zu Ulrica, um sich zu vergewissern, dass das Mädchen schlief, bevor sie mit gedämpfter Stimme fortfuhr: »Vielleicht haben wir die Wahl deines Ehemannes damals überstürzt. Wir dachten, der hochwohlgeborene Henrik Fock sei eine gute Partie.«

»Mutter …«

»Lass mich ausreden. Wir wussten nicht, dass sich sein … schwacher Verstand noch so verschlimmern würde. Und es ist eine Sache, einfältig zu sein, aber Faulheit ist eine ganz andere. Arbeiten sollte er wirklich. Zum Beispiel Holz hacken, statt in der Kammer zu liegen und sich mit der Flasche zu wärmen.«

Jemand wimmerte. Es hörte sich an, als wäre Charlotta Lovisa wach geworden. Eine Sekunde später rief Focken schon:

»Metta!«

Ulrica drehte sich um.

»Ich hol sie schon, Mutter.«

»Bleib du im warmen Bett, solange du kannst. Ich hole sie, und dann kann sie noch ein Weilchen bei euch unterkriechen, während ich ihren Brei mache.«

Metta holte ihre Tochter und ging mit ihr in die Küche. Sorgfältig machte sie die Tür hinter sich zu. Der Raum fühlte sich bereits einen Hauch wärmer an.

»Komm zur Großmama.«

Das kleine Mädchen streckte die Ärmchen nach Mettas Mutter aus und strahlte sie und ihre große Schwester Ulrica an.

»Was wird das schön, wenn erst der Hornung vorüber ist«, sagte die Großmutter zu ihrer ältesten Enkelin. »Sogar den Ratten ist es zu kalt im Keller, die kommen jetzt in die Wohnung. Es scheint ja unmöglich zu sein, die wieder loszuwerden.«

»Noch ist nicht Schluss mit dem Schnee, Großmama«, sagte das Mädchen und versuchte zu entziffern, was in dem Almanach stand, den sie von ihrer Großmutter zu Weihnachten bekommen hatte. Freitag, 26. Februarius. Der Hornung. Nestor hatte heute Namenstag.

»Ratten und Kälte. Wir müssen hoffen, dass es bald Frühling wird, sonst müssen wir uns etwas anderes überlegen, damit wir sie loswerden«, sagte Metta und schauderte.

Sie bereitete über dem offenen Feuer den Brei zu und dachte dabei an die neumodischen Anschaffungen, die ihnen Adam Fock in der Küche von Salaholm gezeigt hatte. Dort standen nicht weniger als zwei eiserne Herde – mit Öfen darin. So einen hätte sie sich so sehr gewünscht, und sei es nur ihrer Mutter zuliebe, die so gut kochen konnte. Aber so ein Herd war allzu teuer. Die paar Münzen, die sie sich über lange Zeit mühsam zusammensparte, gingen oft genug dafür drauf, die Schulden ihres Mannes zu begleichen. Immer wenn sie meinte, dass sie schuldenfrei waren, und die Zukunft gerade ein klein wenig freundlicher aussah, tauchte irgendetwas auf, womit sie nicht gerechnet hatte.

Erst um sieben Uhr wurde es hell. Ein heller Streifen Hoffnung am Winterhimmel. Focken lag immer noch im Bett mit dem Rest der Familie, die Bediensteten aßen ihre Grütze und sahen einem weiteren kalten Februartag entgegen.

3

DER HAFEN VON MARSTRAND

DEZEMBER 2011

Karin steckte das Handy wieder in die Tasche und ging an Bord der Andante mit ihrem soliden Stahldeck.

»Hallo, ich bin wieder zu Hause«, sagte sie halblaut zu ihrem Boot. Die Bilgepumpe gurgelte, als wollte sie ihren Gruß beantworten.

Die Andante war das einzige Segelboot, das um diese Jahreszeit noch im Hafen lag. Kleinere Motorboote und Arbeitsboote lagen das ganze Jahr hier und wurden von den Marstrander Bewohnern genutzt, die Hummer fischten oder einfach einen Wintertag auf dem Meer genießen wollten. Doch Segelboote waren seltener. Ab und zu kam ein Wochenendsegler vorbei oder ein etwas kauziger Zeitgenosse, der richtig auf seinem Boot wohnte, so wie sie.

Karin nahm den Rucksack ab und stellte ihn auf die Bank in der Plicht. Dann drehte sie den Schlüssel und zog die Luken hoch, durch die man unter Deck gelangte. Inzwischen war es dunkel geworden, nur das Licht einer einsamen Straßenlaterne auf der Brücke der kleinen Insel Koön erreichte das Deck der Andante. Der Geruch an Bord, der schwache, aber vertraute Duft von Diesel und Petroleum, schlug ihr entgegen. Sie zündete eine Petroleumlampe über dem Tisch an. Im Inneren des Bootes war es auch noch kalt, aber mit Hilfe des Heizlüfters konnte sie rasch Abhilfe schaffen. Karin pumpte Diesel in den Tank, der durch seinen Eigendruck den Heizstrahler mit Brennstoff versorgte. Sie klopfte an das kleine Sichtfenster und öffnete dann den Brennstoffhahn. Es dauerte immer ein paar Sekunden, bevor der Diesel in den Heizlüfter hinunterlief. In der Zwischenzeit griff sie sich einen Wattebausch, tropfte etwas Ethanol darauf und zündete ihn an, und sowie er richtig brannte, warf sie die Watte in den Heizstrahler. Es gab ein dumpfes Geräusch, dann lief die Heizung und angenehme Wärme breitete sich aus. Es dauerte etwas länger, bis die Eiseskälte aus dem Sofa und ihrem Schlaflager in der Vorpiek wich, aber es war ja auch erst sieben Uhr, sie hatte also noch mehrere Stunden Zeit, bis sie schlafen ging.

»Hallo, Karin?« Die vertraute Stimme kam von Johan, der mit zwei Schritten im Boot war. Karin lächelte.

»Wie schön! Ich dachte, du kommst erst später.«

Er legte die Arme um sie und gab ihr einen Kuss.

»Ich hatte Glück und konnte mit Tomas mitfahren. Ich dachte mir, ich verbring den Abend lieber mit dir als im Büro.«

»Aber du hattest doch so viel zu tun.«

»Nichts, was nicht bis morgen warten könnte. Ich kann ja zum Ausgleich früher hinfahren.«

»Ist was passiert?«

»Nein. Außer dass ich Sehnsucht nach dir hatte. Und da fiel mir etwas ein.«

»Was denn? Ach, übrigens, hast du Hunger? Ich wollte gerade Tee und belegte Brote machen, hast du auch Lust?«

»Ich hab was zu essen mitgebracht, dann sparst du dir dein Brot. Ich war schon um fünf aus der Arbeit raus, also hab ich den Eintopf gemacht, den du so gern magst. Den kreolischen.«

Johan holte einen schweren Korb herunter und stellte ihn auf den Boden.

»Wow, was für ein Luxus. Da hab ich jetzt wirklich Lust drauf.« Karin schaute den gusseisernen Topf an, den Johan in ein großes Badehandtuch gewickelt hatte, um die Wärme zu halten.

»Wir müssen ihn vielleicht noch mal ein bisschen aufwärmen. Und Reis kochen.«

»Ich glaube, ich hab gar keinen Reis.«

»Ich hatte da so einen Verdacht, deswegen hab ich welchen gekauft. Und Wein. Und sogar ein bisschen Blubberwasser.«

»Champagner?«, wunderte sich Karin. »Gibt es was zu feiern?«

»Wenn ich mich nicht verrechnet habe, sind wir heute ein Jahr zusammen.«

Karin lächelte.

»Wirklich? Ein Jahr? Und das hab ich verpasst. Tut mir leid!«

Sie schmiegte sich in seine Arme und küsste ihn.

»Du hast das alles so schön vorbereitet. Leider habe ich keine Champagnergläser hier. Eine schwimmfähige Winschkurbel, einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten, Extra-Schwimmwesten und einen Treibanker könnte ich anbieten, aber mit Champagnergläsern sieht es leider schlecht aus.«

Karin dachte an die schönen Rotweingläser, die Johan ihr vor einem Jahr geschenkt hatte, weil er ihre Plastikbecher nicht gut genug fand.

»Wenn wir in meiner Wohnung in der Stadt wären, hätte es auch Champagnergläser gegeben«, meinte Johan.

»Ja, aber das sind wir nun mal nicht. Wir können doch die Rotweingläser nehmen, oder?« Sie sah ihn an, während er nach dem Anzünder griff und die Kochplatte anmachte. Er kannte sich schon gut aus an Bord, kramte einen Topf hervor und holte mit Hilfe der Fußpumpe Wasser aus einem der Frischwassertanks, bis ein zischendes Geräusch anzeigte, dass der Tank leer war.

»Verdammt. Ich dachte, das reicht noch mindestens einen Tag.«

Johan seufzte.

»Aber ich habe einen Extra-Eimer.«

»Mit Wasser?«

»Nein, wir müssen schon losgehen und ihn vollmachen.« Karin ging in die Plicht und klappte eine Sitzbank hoch, um den Eimer zu suchen.

»Wir wie in ›wir‹ oder wir wie in ›ich‹?«, murmelte Johan müde. Man hörte ihn nicht bis zur Plicht.

»Hier!« Triumphierend hielt Karin den Zehn-Liter-Eimer aus durchsichtigem Plastik hoch.

»Okay«, sagte Johan. »Dann geh ich mal schnell zu meinem Bruder und hol uns Wasser. Das ist wohl das Nächstgelegene.«

»Probier’s erst noch mal auf der Brücke«, sagte Karin. »Man kann nie wissen.«

Johann fröstelte, während er davonging. Er sah gar nicht nach, ob das Wasser auf der Brücke abgestellt war oder nicht. Es hatte angefangen zu nieseln, und die Temperatur sank jetzt rapide.

Karin ging wieder unter Deck und schüttete Reis in den Topf. Das Wasser kochte schon, aber es war nicht genug, deswegen beschloss sie nachzusehen, ob wirklich kein Wasser mehr aus dem Hahn auf der Brücke kam. Fehlanzeige. Doch in dem grünen Schlauch, der ungefähr fünfzig Meter weit weg lag, gab es noch Wasser. Der Schlauch reichte zwar nicht bis zur Andante, aber es war keine große Sache, mit dem Boot ein Stückchen näher hinzufahren. Wenn sie Glück hatte, musste sie nicht mal den Motor anlassen.

Sie rief Johan auf dem Handy an, doch ohne Erfolg. Daraufhin machte sie die Leinen los und versuchte, das Boot von der Brücke zu schieben. Aber der Wind hatte sich gedreht, und der schwere Rumpf machte das Manöver unmöglich. Dann musste sie eben doch den Motor starten.

Als Johan eine Viertelstunde später zurückkam, war Karin immer noch beim Tanken.

»Es gibt doch Wasser hier«, stellte sie fest, als er mit dem schweren Eimer herankam. »Ich hab dich auf dem Handy angerufen, aber …«

»Das hab ich an Bord liegen lassen«, murmelte Johan und kletterte zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde an Bord. »Karin, hier qualmt was!«, rief er.

»Der Reis!«, schrie sie. Sie sah Johan unter Deck gehen und wenig später mit einem rauchenden Topf wieder hochkommen. Rasch tauchte er den Topf ins Wasser. Es zischte, als der heiße Stahl auf das kalte Salzwasser traf.

Karin schraubte den versenkten Verschluss auf, um Trinkwasser nachzufüllen. Johan hatte bereits neuen Reis aufgesetzt, als sie in die Wärme unter Deck kam und die Luken schloss.

»Also, ich verstehe das ja alles, dass du auf deinem Boot wohnen willst, und ich kauf dir auch ab, dass du es gemütlich findest, aber muss es denn unbedingt auch im Winterhalbjahr sein? Wir könnten im Winter doch in meiner Wohnung wohnen. Da gibt es immer Wasser, sogar warmes, ohne dass man mit dem Diesel für den Heizstrahler rumhantieren muss und so.«

»Mit dem Abendessen willst du mich also bestechen, damit ich im Winter an Land komme?« Karin nahm das Glas entgegen, das mit Rotwein gefüllt war. »Ist der Champagner konfisziert worden?«, fragte sie.

»Inzwischen sind wir mit Eimern rumgerannt, haben Wasser getankt und Reis anbrennen lassen – ich bin jetzt einfach zu hungrig, als dass ich den Champagner wirklich genießen könnte. Den heben wir uns für später auf.«

»Bis ich eingewilligt habe, im Winter an Land zu wohnen.« Karin lächelte schelmisch.

»Du hast mich total falsch verstanden. Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du den hier haben willst.« Johan holte eine kleine Schachtel hervor.

Karin spürte, wie ihr ganz kalt wurde. Bitte lass es keinen Ring sein, dachte sie. Lass ihn jetzt nicht um meine Hand anhalten, dafür ist es noch viel zu früh.

»Willst du sie nicht aufmachen?«

Zögernd nahm sie die Schachtel und klappte den Deckel hoch. Dann begann sie vor Erleichterung zu lachen.

Auf dem schwarzen Boden der Schachtel lag ein roter Schlüssel mit weißen Herzchen.

»Ich wollte dich fragen, ob du nicht bei mir einziehen willst. Ob wir nicht zumindest im Winterhalbjahr in Linnéstaden wohnen wollen. Lass uns darauf anstoßen.« Jetzt klang Johan schon fröhlicher.

»So ein hübscher Schlüssel. Danke! Aber ich stoße lieber auf unser erstes Jahr an. Mann, ist die Zeit schnell vergangen!«

»Jetzt setz dich hin und entspann dich, ich mach das hier.«

Karin setzte sich mit ihrem Weinglas auf das eine Sofa. Wäre es eigentlich so schlimm gewesen, wenn er ihr einen Antrag gemacht hätte? Sie passten zweifellos gut zusammen, und jünger wurden sie schließlich auch nicht. Es wurde höchste Zeit, dass sie darüber nachdachte, was für ein Leben sie eigentlich führen wollte und ob sie Kinder – mit ihm – haben wollte. So etwas kam ja auch nicht auf Bestellung. Sie hatte sich schon früher gedacht, dass er bestimmt einen guten Vater abgeben würde.

PÄCHTERHÄUSCHEN HAGEN

16. März 1802

Metta ging mit ihrem Bruder Nils Göran über den mit Schneematsch bedeckten Weg. Vor dem Pächterhäuschen Hagen stand ein stattlicher Mann mit blondem Haar und lebhaften Augen.

»Ich bin Johan Fägercrantz, der neue Forstmeister auf Salaholm.« Er streckte ihnen die Hand hin.

»Sergeant Nils Göran Ridderbielke. Ihr arbeitet also auf Salaholm? Meine Schwester ist mit Henrik Fock verheiratet, aber alle nennen ihren Mann nur Focken. Adam Fock auf Salaholm ist der Sohn von Henriks Cousin.«

»Angenehm, gnädige Frau.« Johan Fägercrantz verbeugte sich und küsste ihr die Hand.

Dann wurden seine fröhlichen Augen ganz ernst.

»Frau Fock, darf ich Sie um Rat fragen? Meine Frau liegt krank im Bett, und ich weiß nicht, was ich anfangen soll. Ich kenne mich mit Krankenpflege nicht aus. Wären Sie wohl so freundlich, einmal nach ihr zu sehen?« Er deutete auf die grauen Wände der hölzernen Kate.

»Natürlich«, antwortete Metta, raffte ihre Röcke hoch, weil die Märzsonne den Schnee schon zu kleinen Pfützen geschmolzen hatte, und folgte ihm in die schlichte Hütte.

Die Wohnstube war klein, viel kleiner als in ihrem eigenen Haus. Die Frau lag auf einer Strohmatratze auf einem Ausziehbett in dem Raum, der sich Schlafzimmer nannte. Es war kaum mehr als eine kleine Kammer mit einem einzigen Fenster. Ein paar Schritte entfernt stand die Magd, ein junges Mädchen, das sich nervös die Hände an der Schürze abtrocknete. Sie knickste, als Metta in das enge Zimmer trat, und verschwand. Metta setzte sich zu der Frau auf die Bettkante. Sie war wesentlich älter als ihr Mann, Metta schätzte sie auf irgendetwas zwischen fünfzig und sechzig. Das dünne graue Haar lag in Strähnen auf dem Kissen ausgebreitet, und man musste kein Arzt sein, um zu sehen, dass sie hohes Fieber hatte. Metta legte ihr eine kühle Hand auf die Stirn. Die Frau schlug die Augen auf und sah aus, als wollte sie gleich etwas sagen, fing aber stattdessen an zu würgen. In einer Ecke stand ein Eimer, und Metta konnte gerade noch der Magd zurufen, dass sie ihn ans Bett bringen sollte, als die Frau sich auch schon übergab. Das Mädchen sah erschrocken drein, als sie bemerkte, dass ihre Hände und ihre Schürze Flecken vom Erbrochenen ihrer Hausmutter bekommen hatten. Wart’s nur ab, bis du Kinder kriegst, dachte Metta, da ist Erbrochenes an der Tagesordnung.

Die Erinnerung an das Leben vor den Kindern, vor der Ehe mit Focken, schien ihr schrecklich weit weg. Duftige, schöne Kleider, große Säle. Tagsüber saß sie mit ihrer Mutter zusammen, stickte oder las Gedichte. Wenn einer ihrer Brüder, die die Universität besuchten, zu Hause war, nahmen sie ihre kleine Schwester zu einem Ausflug im Wagen mit. Der Gedanke, sie könne Brennholz aus dem Wald holen oder Kühe melken, wäre vollkommen lächerlich gewesen.

»Gnädige Frau?«

Das Mädchen stand immer noch da mit dem Eimer in der Hand.

»Geh ihn ausspülen und bring ihn wieder. Und bring auch eine Kanne frisches Wasser und ein Glas mit.«

»Wir haben keine Gläser.«

»Dann eben einen Becher.«

In dem großen Haus, in dem Metta aufgewachsen war, hatte es dutzende von Gläsern verschiedenster Art gegeben. Mit oder ohne Fuß, mit oder ohne Muster. Oft vergaß sie völlig, dass sie zu Hause auf Lilla Gisslared auch nur ein einziges Glas hatte.

Metta blickte auf ihre ausgetretenen schwarzen Stiefel und die schmutzigen Fichtenholzdielen hinunter. Das Holz war auch schon modrig, stellte sie fest. An manchen Stellen sah man bereits die Erde durchschimmern, und durch die Ritzen zog es kalt. Das war wirklich kein guter Ort für eine Kranke. Wohin war die Magd überhaupt verschwunden? So lange konnte doch keiner brauchen, um Wasser zu holen.

Die Frau im Bett hustete.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Metta und befühlte erneut Frau Fägercrantz’ fiebrige Stirn. Viel zu heiß. Die Frau antwortete nicht, sie machte nicht einmal die Augen auf. Metta konnte sie hier nicht so liegen lassen. Ihr Mann hatte schließlich um Hilfe gebeten, und das Hausmädchen war offenbar zu jung, um sich mit Krankenpflege auszukennen. Metta stand auf und ging aus dem Zimmer. Draußen schien die Märzsonne, und der schmelzende Schnee tropfte vom Dach. Die Männer, die auf dem Hof zusammenstanden und redeten, verstummten, als Metta herauskam.

Das Mädchen kam gerade mit dem Eimer wieder. Metta fragte sich, ob sie bis zur Grundstücksgrenze gegangen war, um ihn auszuleeren, so lange war sie fort gewesen. Sie fasste sie am Arm.

»Gib ihr ein wenig Wasser zu trinken und steh mit dem Eimer bereit, falls sie sich wieder übergeben muss.«

Die Magd zog eine Grimasse, aber dann nickte sie und sagte:

»Jawohl, gnädige Frau.«

Metta schüttelte den Kopf.

»Wie geht es ihr?«, fragte Johan Fägercrantz.

»Schlecht. Ich kann nicht sagen, wie die Sache ausgehen wird.«

»So schlimm?« Er kratzte sich am Kopf.

»Ich befürchte ja.«

»Ich weiß, es ist viel verlangt, aber könntet Ihr mir helfen, mich um sie zu kümmern? Wärt Ihr so gut? Ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll.«

Metta überlegte kurz. Die Frau war krank und brauchte wirklich ihre Hilfe.

»Ich bleibe über Nacht. Wir müssen abwechselnd an ihrem Bett wachen und hoffen, dass das Fieber wieder sinkt.«

»Ich danke Ihnen.«

Metta wandte sich an ihren Bruder. Nils Göran sah alles andere als glücklich aus.

»Sag Mutter und Focken, dass ich über Nacht hierbleibe. Und sei so gut und bring Mutter Holz zum Heizen ins Haus, falls Claes Abraham es nicht schon gemacht hat. Focken denkt nicht an so was.«

Nils Göran versuchte, ihr leise verständlich zu machen, wie unpassend es war, wenn sie hierblieb. Wütend erwiderte Metta, dass ihr das natürlich klar sei.

»Aber wie …?«, begann er und deutete dann stumm auf die einfache Hütte.

»Ich versuche zu tun, was ich kann.«

Metta kehrte in die Hütte zurück und setzte sich zu der Frau. Sie hatte sich erneut übergeben. Metta wies das Mädchen an, den Eimer wieder auszuleeren und danach ein Handtuch zu holen, mit dem man der Kranken die Stirn benetzen konnte. Bevor die Magd verschwinden konnte, hielt Metta sie noch einmal zurück und bat:

»Setz Wasser aufs Feuer. Und sieh nach, ob Tee und ein wenig Zucker im Hause sind.«

»Ja, gnädige Frau.«

Metta fröstelte. Ihre Stiefel waren nass, aber es war völlig ausgeschlossen, sie auszuziehen, lieber ließ sie sie an den Füßen trocknen. Sie hätte auch Stroh hineinstopfen können, aber die Gefahr war zu groß, dass dann das Leder hart wurde und schrumpfte, und in diesem Haus konnte man ohnehin nicht auf Strümpfen herumlaufen.

Die Frau stöhnte. Ihr Gesicht war ganz weiß. Metta drehte sich um und entdeckte Johan Fägercrantz, der am Türrahmen lehnte.

»Kann ich irgendetwas tun?«

Metta wollte sich außer Hörweite der Kranken begeben und machte dem Mann ein Zeichen, ihr zu folgen.

»Sie muss etwas zu sich nehmen. Habt Ihr … habt Ihr selbst denn etwas gegessen?«

Aus der Küche, wo das Mädchen versuchte, das erloschene Feuer wieder in Gang zu bringen, drang Rauch. Metta schob sie beiseite und ging vor dem Aschebett in die Hocke. Sie griff sich ein paar Zweige und Birkenrindenstückchen und legte sie behutsam auf die verbliebene Glut. Wenig später begann es zu rauchen, und nach einer Weile konnte Metta ein paar Stücke Holz darauflegen.

»Es ist noch ein wenig Kohlsuppe von gestern übrig«, erklärte die Magd.

»Es tut mir leid, dass wir nicht mit Besserem dienen können«, sagte Johan Fägercrantz.

»Kohlsuppe ist gut«, antwortete Metta und räumte die Zinnteller mit den Essensresten ab, die noch auf dem Klapptisch am Fenster standen.

»Habt ihr noch mehr Teller?«

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