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Die Gefangene des italienischen Grafen

1. KAPITEL

Es war still, nur eine Lampe erhellte den Raum. Das einzige Geräusch war das leise Rascheln von Papier, wenn der Mann hinter dem gewaltigen antiken Schreibtisch in der Akte vor sich blätterte. Ohne jede Eile studierte er eine Seite nach der anderen.

Der grauhaarige Mann auf der anderen Seite vom Schreibtisch beobachtete ihn, auch wenn er so tat, als würde er eingehend seine Fingernägel betrachten. Seit mehr als zwei Jahren hatte es keinen Grund für ein Treffen gegeben, und in dem dunklen, scharf geschnittenen Gesicht fand er keine Spur des Jungen mehr, den er einst gekannt hatte.

Schließlich beendete der jüngere Mann seine Lektüre, sah auf und nickte zustimmend. „Ich muss Sie loben, Signor Massimo. Sie waren mehr als gründlich. Sie haben ein ganzes Leben bis ins Detail zusammengefasst. Hervorragende Arbeit.“ Ein flüchtiges Lächeln ließ die harten Linien seines Mundes weicher erscheinen.

Für einen Moment funkelten seine bernsteinfarbenen, goldgefleckten Augen. Er besaß ein stolzes Gesicht, mit einer kühn geschwungenen Nase, hohen Wangenknochen und einem markanten Kinn.

Aber zu ernst, um wirklich gut aussehend zu sein, dachte Guido Massimo, als er bescheiden den Kopf senkte. Und zu kalt und entschlossen. Das Gesicht eines Fremden.

Er wartete, während der andere ein Bild aus der Akte nahm und nachdenklich betrachtete. Eine blonde junge Frau starrte aus klaren grauen Augen zurück. Ihr helles Haar fiel wie ein glatter, seidener Vorhang fast bis auf ihre Schultern und umrahmte ein ovales Gesicht mit makelloser Haut. Die Nase war kurz und gerade, das Kinn fest. Ein leises, aber selbstbewusstes Lächeln teilte die geschwungenen Lippen.

„Wann ist das aufgenommen worden?“, fragte er.

„Vor einigen Monaten“, erwiderte Signor Massimo. „Es wurde in einer Zeitschrift in ihrer Heimatstadt veröffentlicht. Che bella ragazza. Was für ein hübsches Mädchen!“

Als Antwort bekam er nur ein unverbindliches Achselzucken. „Mit diesem kühlen, englischen Typ kann ich nichts anfangen.“ Der andere verzog die Lippen. „Aber ihr Verlobter sieht das zweifellos anders und wird den geforderten Preis für ihre wohlbehaltene Rückkehr zahlen. Wenigstens hoffe ich das.“

Mit einer abschließenden Geste legte der jüngere Mann schließlich das Foto zurück in die Akte und lehnte sich zurück. Er runzelte die Stirn. „Die Hochzeit ist in zwei Monaten geplant, das heißt, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Fast abwesend begann er, mit dem schweren goldenen Siegelring an seiner rechten Hand zu spielen. „Erzählen Sie mir mehr über diesen Fernsehsender, für den sie arbeitet. Sie sagten, sie drehen ihre eigenen Filme und haben sich auf Kunst und Kultur spezialisiert?“

Signor Massimo nickte. „Und das mit einigem Erfolg. Zurzeit arbeitet sie im Bereich Recherche. Sie würde gern in die Produktion wechseln, aber es sieht so aus, als würde ihre Hochzeit das Ende dieser Träume bedeuten. Wie ich schon in dem Bericht geschrieben habe, wünscht ihr Verlobter nicht, dass seine Frau arbeitet.“

Der andere nickte. „Und hat das für einige … Spannungen in der Beziehung gesorgt?“

„So scheint es.“

„Ehrgeiz gegen Liebe.“ Die kalte, tiefe Stimme klang weicher. „Ich frage mich, was sie wählen wird. Wird sie der Versuchung widerstehen, wenn man ihr ein ernsthaft verlockendes Angebot macht?“ Er schwieg einen Augenblick. „Wetten Sie, Signor Massimo?“

„Nur sehr selten.“

„Und worauf würden Sie in diesem Fall setzen?“

Guido Massimo zuckte leicht mit den Schultern. „Ein Mädchen kurz vor der Hochzeit. Ich denke, sie wird es ihrem Bräutigam recht machen wollen.“

„Sie sind überraschend romantisch, signore. Aber ich habe das Gefühl, dass Sie sich irren.“ Er verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Weil ich den Köder kenne, der sie direkt zu mir bringen wird.“

„Wenn ich noch irgendwie behilflich sein kann …“, begann der ältere Mann, aber er wurde mit einer Handbewegung unterbrochen.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, aber es ist besser, wenn Ihre Beteiligung hier endet. Alles Weitere sollte allein meine Verantwortung sein. Je weniger Sie wissen, desto besser für Sie.“ Sein Ton wurde lebhafter: „Damit bliebe nur noch Ihr Honorar.“ Er öffnete eine Schublade, nahm einen dicken Umschlag heraus und reichte ihn über den Schreibtisch. „In bar, wie vereinbart. Sie können selbstverständlich nachzählen.“

„Daran würde ich nicht einmal denken.“

„Wie Sie wünschen.“ Der andere zögerte. „Ich danke Ihnen ein weiteres Mal und wünsche Ihnen eine gute Nacht. Wir sehen uns morgen zum Frühstück.“

Guido Massimo erhob sich, verbeugte sich leicht und ging zur Tür. Er drehte sich noch einmal um. „Ich muss es fragen – sind Sie … fest entschlossen? Gibt es wirklich keinen anderen Weg? Trotz allem ist das Mädchen schließlich an der ganzen Sache unschuldig. Verdient sie es, auf diese Weise behandelt zu werden? Ich frage ja nur …“

„Ich verstehe Sie sehr gut. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ihr wird kein Schaden entstehen. Sobald ich bekommen habe, was ich will, wird Ihre bella ragazza so gut wie neu zu ihrem zukünftigen Ehemann zurückkehren.“ Ohne ein Lächeln fuhr er fort: „Das heißt, falls sie ihn dann immer noch will.“ Er stand ebenfalls auf. Groß und schlank stand er hinter dem Schreibtisch. „Es gibt keinen Grund, sie zu bemitleiden, das versichere ich Ihnen.“

Aber ich kann nicht anders, dachte Guido Massimo, als er den Raum verließ. Und Mitleid habe ich auch mit dem Jungen, den ich einst kannte.

„Darling!“ Jeremy hob die Brauen. „Bitte sag mir, dass das ein Witz sein soll.“

Madeleine Lang setzte ihr Glas auf dem Tisch der Weinbar ab und starrte ihn ehrlich überrascht an. „Ein Witz?“, wiederholte sie. „Ich rede hier über meine Arbeit, und zwar sehr ernsthaft. Warum in aller Welt sollte ich darüber einen Witz machen?“

Jeremy lachte humorlos. „Oh, da ist ja nur diese ganz unwichtige Hochzeit mit über zweihundert Gästen, die geplant werden muss. Oder willst du das Ganze auf Eis legen, während du in ganz Italien herumstreunst?“

Madeleine biss sich auf die Lippen. „Auf Eis legen wohl kaum. Deine Stiefmutter hat die Verantwortung so entschieden an sich gerissen, dass kaum jemand meine Abwesenheit auch nur bemerken wird.“

Für einen Moment herrschte angespanntes Schweigen, dann griff Jeremy über den Tisch und nahm ihre Hand. „Liebling, ich weiß, Esme kann sehr bestimmend sein …“, lenkte er ein.

Madeleine seufzte. „Das ist eine Untertreibung, Jeremy, und das weißt du genau. Alles, was ich möchte und was ich vorschlage, wird einfach zur Seite geschoben. Es kommt mir nicht einmal mehr so vor, als wäre es unsere Hochzeit.“

„Es tut mir leid, Maddie“, sagte Jeremy beschwichtigend. „Aber … für die Familie ist es nun mal ein Riesenereignis, und Dad will, dass alles perfekt wird. Die Zeiten sind vielleicht hart, aber alle sollen sehen, dass Sylvester und Co immer noch die Nummer eins sind. Du weißt schon.“

„Ich wäre froh, wenn es eine Familienangelegenheit wäre“, murmelte Madeleine. Sie lehnte sich zurück und griff nach ihrem Glas. „Wo kommen überhaupt die ganzen Gäste her? Von den meisten habe ich noch nie auch nur den Namen gehört.“

„Bankkunden, Geschäftspartner, alte Freunde meines Vaters“, sagte Jeremy entschuldigend. „Aber das ist nur die engere Auswahl. Glaub mir, es könnte alles noch viel schlimmer sein.“

„Das finde ich nicht besonders tröstlich“, erwiderte Madeleine offen.

„Ach, komm, so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“ Jeremy zögerte. „Aber das könnte es werden, wenn du darauf bestehst, diesen italienischen Blödsinn zu machen.“

„Ich kann nicht glauben, dass du das wirklich gesagt hast“, sagte Madeleine aufgebracht. „Zuerst war es ein Witz, jetzt ist es Blödsinn. Jeremy, wir reden hier über meine Arbeit!“

„Das war deine Arbeit“, sagte er verteidigend. „Aber sehr bald wird es sowieso damit vorbei sein. Was macht es also für einen Sinn, irgendeiner unbekannten Musikerin durch ganz Europa nachzujagen?“

„Sie ist überhaupt nicht unbekannt!“, gab Madeleine zurück. „Floria Bartrando galt als die schönste Sopranistin ihrer Generation. Ihr wurde vorausgesagt, eine neue Maria Callas zu werden. Und dann ist sie plötzlich ohne jede Erklärung von der Bildfläche verschwunden. Seit dreißig Jahren weiß niemand, wo sie sich aufhält, und jetzt habe ich die Gelegenheit, das Geheimnis aufzudecken.“

„Aber warum ausgerechnet du?“ Stirnrunzelnd füllte Jeremy ihre Gläser nach. „Kann das nicht einer deiner Kollegen übernehmen?“

„Offenbar haben die italienischen Kontaktleute die Sendung über Hadley Cunninghams letzte Symphonie gesehen“, antwortete Madeleine. „Die, von der niemand wusste, dass er sie geschrieben hatte. Den größten Teil davon habe ich recherchiert. Darum wollen sie mich für diesen Job.“

Jeremys Stirnrunzeln vertiefte sich. „Ehrlich gesagt, Liebling, als du gesagt hast, du müsstest mir etwas erzählen, dachte ich, du hättest endlich deine Kündigung eingereicht – wie wir es abgesprochen hatten.“

„Ich habe gesagt, ich würde darüber nachdenken“, erwiderte Madeleine ruhig. „Das habe ich getan, und ich werde eine Arbeit, die ich liebe, nicht ohne guten Grund aufgeben. Aber ich habe unsere Flitterwochen als Urlaub vorgemerkt“, ergänzte sie.

Jeremy starrte sie an, als wäre ihr ein zweiter Kopf gewachsen. „Erwartest du etwa, dass ich dafür dankbar bin?“, fragte er sarkastisch.

„Nun, das solltest du sein“, antwortete Madeleine heiter. „Schließlich willst du wohl kaum allein auf die Malediven fliegen.“

„Tut mir leid, aber ich finde das nicht besonders witzig.“

„Ich auch nicht. Ganz im Gegenteil, ich meine es sehr ernst.“ Sie sah ihn kläglich an. „Bitte versteh mich doch, Jeremy.“

„Was gibt es da zu verstehen?“, fragte er gereizt. „Offensichtlich ist es dir wichtiger, Informationen für einen unbedeutenden Fernsehsender zu sammeln, als meine Ehefrau zu sein.“

„Und jetzt redest du Unsinn“, gab Madeleine aufgebracht zurück. „Um Himmels willen, wir haben das einundzwanzigste Jahrhundert. Falls du es noch nicht bemerkt hast: Die meisten Frauen kombinieren heutzutage Ehe und Karriere.“

„Ich wünsche mir, dass du unsere Ehe als Karriere betrachtest.“ Jeremys Lippen wurden schmal. „Ich glaube, du begreifst gar nicht, wie hektisch unser Sozialleben werden wird oder wie oft wir Gäste bewirten müssen. Und damit meine ich große formelle Dinnerpartys. Da kannst du nicht in der letzten Minute mit einer Tüte aus der Pommes Bude auftauchen.“

Sie schnappte nach Luft. „So siehst du mich also? Als ein inkompetentes stilloses Dummchen?“

„Nein, meine Süße, natürlich nicht“, versuchte er hastig, sie wieder zu beruhigen. „Wir sind nur einfach nicht sicher, dass du wirklich begriffen hast, was auf dich zukommen wird.“

„Ich nehme an, du hast nicht das königliche Wir verwendet. Sind das die Worte deines Vaters?“

„Natürlich wurde darüber gesprochen.“

Sie biss sich auf die Lippen. „Jeremy – unsere Hochzeitsfeier wurde uns vielleicht aus den Händen genommen, aber hier geht es um unsere Ehe.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Ich habe nicht vor, dich im Stich zu lassen. Ich werde dich bei deiner Karriere unterstützen. Ich will doch nur, dass du dasselbe für mich tust. Ist das wirklich so schwer?“

Für einen Moment war es still, dann sagte er: „Wenn du es so sagst … nein. Ich werde noch einmal mit Dad reden. Da fällt mir ein …“ Er sah auf seine Uhr und verzog das Gesicht. „Ich muss los. Ich bin mit einigen Leuten im Ivy verabredet.“ Er zögerte. „Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst? Es wäre kein Problem.“

Maddie stand auf und zwang sich zu einem Lächeln, als sie auf ihre enge Jeans und das weiße T-Shirt deutete. „Abgesehen davon, dass ich für ein feines Restaurant nicht gerade passend angezogen bin. Ein andermal, Liebling.“

„Was hast du jetzt vor?“ Er hörte sich besorgt an.

„Oh, ich werde mir einen ruhigen Abend zu Hause machen, Haare waschen, die Nägel maniküren, …“

Und gerade habe ich meinen Verlobten, den Mann, den ich liebe und heiraten will, zum ersten Mal angelogen. Weil ich ihm in dieser Situation nicht sagen kann, dass ich zurück ins Büro gehen und arbeiten werde.

Jeremy zog sie an sich und küsste sie. „Lass uns nicht streiten“, bat er. „Wir werden eine Lösung finden. Ich weiß es.“

Sie erwiderte seinen Kuss. „Natürlich werden wir das.“

Draußen vor der Weinbar sah sie zu, wie er ein Taxi heranwinkte. Sie hob noch einmal zum Abschied die Hand, dann ging sie langsam zum Fernsehstudio zurück.

Die Auseinandersetzung war wohl unvermeidlich gewesen, aber das machte es auch nicht einfacher. Irgendwie musste sie Jeremy davon überzeugen, dass sie in der Lage war, Arbeit und Ehe unter einen Hut zu bekommen. Leider war sein Vater von Anfang an anderer Meinung gewesen – und das äußerte er oft und unverblümt.

Maddie kannte die Sylvesters schon ihr ganzes Leben lang. Ihre Patentante Beth Sylvester war schon eine Schulfreundin ihrer Mutter gewesen, und als Kind hatte Maddie jedes Jahr einen Teil der Sommerferien in dem großen Landhaus der Sylvesters verbracht.

So schön die Zeit auf dem Lande auch jedes Mal gewesen war, erkannte sie rückblickend, dass es schon damals unterschwellige Spannungen gegeben hatte. Ihre Patentante war von klein auf immer Tante Beth für sie gewesen, doch ihr Ehemann blieb Mr Sylvester. Sie hätte nicht im Traum daran gedacht, ihn Onkel Nigel zu nennen.

Auch wenn Fallowdene nie ein ausgesprochen schönes Haus gewesen war, war es Maddie immer wie ein verzauberter Ort vorgekommen, vor allem, wenn Jeremy auch anwesend war. Sie hatte den sieben Jahre älteren einzigen Sohn der Sylvesters angehimmelt und war ihm wie ein Schatten gefolgt. Ihre Schwärmerei für Jeremy hatte sich bis ins Teeniealter gehalten.

Trotzdem widersprach sie ihm energisch, wenn er jetzt behauptete, ihre Romanze hätte schon damals begonnen. „Völliger Quatsch“, neckte sie ihn, als er es das erste Mal erwähnte. „Du fandest damals, ich wäre eine fürchterliche Nervensäge, und hast mich überhaupt nicht beachtet.“

„Aber das habe ich inzwischen schon reichlich wiedergutgemacht“, flüsterte er und zog sie an sich. „Gib’s zu!“

Doch am lebhaftesten erinnerte sie sich daran, wie sich die Atmosphäre im Haus immer verändert hatte, wenn Nigel Sylvester nach Hause gekommen war. Er war gerade mal mittelgroß, aber er wirkte viel größer. Sein Haar war vorzeitig ergraut. „Ich hoffe, das passiert mir nicht auch“, befürchtete Jeremy.

Maddie streichelte seine Wange. „Du würdest sehr vornehm aussehen.“

Doch wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie den Kontrast zwischen Nigel Sylvesters silbernem Haar und seinem merkwürdig glatten Gesicht mit den dunklen, stechenden Augen schon immer fast verstörend gefunden.

Aber nicht nur sein Aussehen hatte sie früher aus der Fassung gebracht. Seine Ansprüche waren sehr hoch, ihm entging nichts, und obwohl sie nie gehört hatte, dass er seine Stimme erhob, dachte sie oft, es wäre besser, wenn er hin und wieder einmal herumschreien würde.

Sie hatte sich oft gefragt, was ihre hübsche, spitzbübische Patentante mit ihrem hinreißenden Lächeln dazu bewogen hatte, Onkel Nigel zu heiraten.

Irgendetwas an seiner Ruhe schnürte ihre Kehle zu und ließ sie über ihre eigenen Worte stolpern, wenn er mit ihr sprach. Nicht, dass sie je viel zu ihm gesagt hätte.

Schon früh spürte sie, dass er sie eher tolerierte, als willkommen hieß, und ging ihm so gut wie möglich aus dem Weg. Das war nicht schwer. Bei ihren Besuchen auf Fallowdene wurde sie im früheren Kinderzimmer untergebracht. Ein großes Bücherregal bedeckte eine ganze Wand und war prall gefüllt mit Kinder- und Jugendlektüre. Als sie klein war, hatte Tante Beth ihr daraus Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen. Später verbrachte Maddie viele glückliche Stunden in Gesellschaft der Bücher.

Doch in einer entsetzlichen Winternacht hatte ihre fröhliche Kindheit ein abruptes und tragisches Ende gefunden. Ein betrunkener Autofahrer hatte ihr bei einem Unfall auf den eisigen Straßen die Eltern genommen. Damals hielt Maddie sich gerade bei Tante Fee auf, der jüngeren Schwester ihrer Mutter.

Auf der Beerdigung bot Tante Beth an, ihre Patentochter zu adoptieren, aber Tante Fee und Onkel Patrick lehnten das Angebot ab. Die beiden schenkten Maddie all ihre Liebe, bis in dem fröhlichen, immer etwas unordentlichen Haushalt ihr Kummer geheilt war. Sie verbrachte auch weiterhin die Sommer auf Fallowdene, aber von Adoption war nie wieder die Rede.

In Maddies erstem Jahr auf der Universität starb Tante Beth plötzlich und unerwartet an einem Herzanfall. Als Mr Sylvester auf der Beerdigung ihre Beileidsbekundungen mit einem knappen Dank entgegennahm, sich dann umdrehte und sie stehen ließ, begriff sie, dass sie auf Fallowdene nicht länger willkommen war.

Eine Woche später erhielt sie ein Schreiben von einem Anwalt. Tante Beth hatte ihr eine beträchtliche Summe hinterlassen, sodass Maddie ihr Studium ohne Schulden abschließen konnte. Doch noch glücklicher als über das Geld, war sie über die Büchersammlung aus dem Kinderzimmer.

„Ob Jeremy sie nicht will?“, hatte sie überlegt.

„Offenbar nicht“, erwiderte Tante Fee trocken. „Wenn du sie nicht nimmst, werden sie bestimmt für wohltätige Zwecke gespendet. Wahrscheinlich erinnern sie Nigel zu sehr an die wunderbare Karriere, die er beendet hat.“

„Karriere?“, wiederholte Maddie. „War Tante Beth Schriftstellerin?“ Sie runzelte die Stirn. „Sie hat mir nie davon erzählt.“

„Nein, sie war eine sehr erfolgreiche Lektorin im Penlaggan Verlag. Sie hatte ein unglaubliches Talent, neue Autoren zu entdecken und zu ermutigen. Penlaggan hat nach ihrem Ausscheiden oft versucht, sie zur Rückkehr zu überreden. Sie haben ihr sogar angeboten, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber offensichtlich arbeiten die Ehefrauen der Sylvesters nicht.“

„Aber wenn sie so gut in ihrem Job war …“

„Das war wahrscheinlich das Problem“, erwiderte Tante Fee düster.

Nun, ich bin auch gut in meinem Job, dachte Maddie jetzt. Und ich will verflucht sein, wenn ich ihn aufgebe, ganz egal, was Jeremy oder sein Vater dazu sagen.

Sie erinnerte sich noch an ihre Bestürzung, als Nigel Sylvester kaum ein Jahr nach dem Tod seiner Frau seine Verlobung mit der verwitweten Esme Hammond bekannt gegeben hatte. Vier Wochen später hatten die beiden geheiratet.

Kurz darauf traf sie Jeremy überraschend auf einer Londoner Party wieder. Als er sie um ihre Telefonnummer bat, nahm sie an, es wäre nur eine höfliche Geste, aber dann rief er nicht nur wirklich am nächsten Tag an, sondern lud sie direkt zum Abendessen ein.

Danach überstürzten sich die Ereignisse. Sie schmunzelte bei der Erinnerung. Der schweigsame, distanzierte Junge ihrer Kindheit hatte sich sehr verändert. Anscheinend hatte er den Charme seiner Mutter geerbt. Aber trotz seines hervorragenden Studiums in Harvard stand er offensichtlich immer noch unter der Fuchtel seines Vaters.

Maddie machte sich keine Illusionen. Sie wusste, dass sie bestimmt nicht Nigel Sylvesters ideale Schwiegertochter war, aber wenigstens äußerte er keine Einwände gegen ihre Verlobung.

Doch er legte ihr und Jeremy auf andere Weise Steine in den Weg. Ohne ihn wäre sie schon längst in Jeremys Firmenwohnung eingezogen. Sie dachte, er wäre begeistert von der Idee, aber sie hatte sich geirrt.

„Dad sagt, er muss die Wohnung ab und zu selbst nutzen“, erklärte er ihr. „Es wäre … peinlich, wenn du dort wohnen würdest. Er ist der Meinung, wir sollten mit dem Zusammenleben warten, bis wir verheiratet sind.“

Maddie starrte ihn an. „Wer in aller Welt wartet damit heutzutage bis zur Hochzeit?“

Jeremy zuckte mit den Schultern. „Er ist wohl ein bisschen altmodisch.“

Heuchlerisch ist wohl passender, dachte Maddie. Sie hätte ein Jahresgehalt darauf gewettet, dass er schon zu Tante Beths Lebzeiten das Bett mit der glamourösen Esme geteilt hatte.

„Und nach der Hochzeit?“, fragte sie. „Erwartet er etwa, dass ich jedes Mal ausziehe, wenn er über Nacht bleibt?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Jeremy ungeduldig. „Dann nimmt er sich eine Suite in einem Hotel.“ Er verzog das Gesicht. „Glaub mir, Liebling, es könnte schlimmer sein. Vor nicht allzu langer Zeit war Sylvester und Co noch Sylvester, Felderstein und Marchetti. Stell dir vor, alle Direktoren würden in unserer Wohnung ein und aus gehen.“

„Wäre vielleicht ganz lustig geworden“, antwortete Maddie. „Wo sind sie jetzt?“

Jeremy zuckte mit den Schultern. „Gestorben oder sie haben neue Firmen gegründet. Das sagt jedenfalls Dad.“

Mittlerweile reichte Nigel Sylvesters Einfluss bis in die höchsten Kreise. Er war Mitglied in Expertenkommissionen, beriet Banken und sogar das Wirtschaftsministerium. Es wurde gemunkelt, dass er im nächsten Jahr in den Adelsstand erhoben werden sollte.

Immer noch nannte Maddie ihn Mr Sylvester. Auch nach der Hochzeit wird er nicht Dad, Pa oder Pops für mich werden, dachte sie, während sie ihren Sicherheitscode eintippte. Ob er erwartet, dass ich ihn Euer Hoheit nenne und einen Hofknicks mache?

Wenn Esme erst einmal Lady Sylvester war, würde sie bestimmt noch unerträglicher werden. Aber darum würde Maddie sich kümmern, wenn es so weit war. Jetzt konzentrierte sie sich erst einmal auf ihren Traumjob.

Italien im Mai, dachte Maddie und seufzte glücklich. Ich kann es kaum erwarten.

2. KAPITEL

Erst als das Flugzeug abhob, konnte Maddie glauben, dass sie wirklich nach Italien unterwegs war. Nach den vergangenen zehn Tagen wäre sie nicht überrascht gewesen, wenn Nigel Sylvester sie noch im letzten Moment aus dem Flugzeug hätte holen lassen.

Sie dachte an das furchtbare Essen in Jeremys Wohnung zurück. Sie hatte sich auf einen romantischen Abend zu zweit gefreut, doch zu ihrem Entsetzen warteten auch Jeremys Vater und Esme auf sie.

„Ich hoffe, es ist dir recht. Aber wir dachten, da wir nun bald eine Familie sind, sollten wir uns alle etwas besser kennenlernen.“ Mr Sylvester lächelte mit schmalen Lippen, während Jeremy ihrem Blick auswich.

„Unbedingt.“ Maddie nippte an ihrem trockenen Sherry.

Nach dem köstlichen Essen beugte Esme sich zu ihr. „Ich hoffe, die Männer verzeihen uns, wenn wir sie mit Frauenangelegenheiten langweilen, aber wir müssen dringend über dein Hochzeitskleid reden.“

Verwirrt stellte Maddie ihre Kaffeetasse zurück. „Aber das ist alles schon geregelt.“

Mrs Sylvester hob die Brauen. „Ach, wirklich? Das kann nicht sein …“

„Ich habe das Kleid ausgesucht, und Janet Gladstone ist schon dabei, es zu nähen. Sie schneidert auch die Kleider für die Brautjungfern. Ich nehme an, du kennst ihr Geschäft.“

„Nicht, dass ich wüsste. Aber das ist auch egal. In drei Tagen habe ich einen Termin mit Nina FitzAlan vereinbart.“ Esme lächelte selbstgefällig. „Da ich eine ihrer besten Kundinnen bin, war sie bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um dein Hochzeitskleid zu entwerfen.“

„Das ist sehr liebenswürdig von dir.“ Maddie ignorierte Jeremys bittende Blicke. „Aber ich habe mir genau das Kleid ausgesucht, das ich haben möchte. Weiße Seide mit silberner Blumenstickerei. Ich hatte schon zwei Anproben, und das Kleid wird wunderschön.“

Esme erlaubte sich ein leises Lachen. „Ich glaube, du hast noch nicht ganz begriffen, dass es sich hier um einen sehr bedeutenden Anlass handelt, meine Liebe. Ein Kleid von irgendeiner Vorortschneiderin kommt nicht infrage.“ Sie machte eine kleine Pause. „Also, die Vorbesprechung bei Nina ist am Donnerstag um halb elf, danach wirst du dich jederzeit für Anproben in ihrem Salon zur Verfügung halten. Und da du gerade die Brautjungfern erwähnt hast …“, fuhr sie fort. „Ich glaube, ich hatte dir bereits gesagt, dass die Kleinen von Nigels Patenkindern Blumen streuen werden. Praktischerweise haben wir zwei Pärchen. Ich dachte an viktorianische Kostüme, diese süßen Käppchen für die Jungen und rüschenbesetzte Pluderhosen für die Mädchen.“

Maddie verkrampfte ihre Hände im Schoß.

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