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Die Gefangene des Ritters

1. KAPITEL

Im Norden Londons, 1169

Lady Emma Westleigh schob ihren noch vollen Teller beiseite und musterte die in der Großen Halle sitzenden Ritter derart freimütig und abschätzend, dass ihre verstorbene Mutter peinlich berührt zusammengezuckt wäre.

Emma ließ den Blick über die Fülle an Schultern und Armen, kräftigen Oberkörpern und mehr oder weniger sauberen Surcots schweifen und begutachtete die dreißig versammelten Krieger mit einem Interesse, das sich für eine Jungfrau ganz gewiss nicht ziemte. Doch da kein ehrenhafter Vormund zur Stelle war, ihr bei der Wahl eines geeigneten Gatten zu helfen, sollte sie wohl nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen.

Das Mahl auf Edenrock näherte sich dem Ende. Einst hatte die Burg ihrem Vater gehört, doch nach dessen Tod hatte sich Emmas verhasster Cousin Edward zum Lehnsherrn aufgeschwungen. Seitdem war Emma hier nicht mehr zu Hause, sondern ein schlecht gelittener Gast.

„Was ist mit jenem Ritter dort, dem das halbe Essen im Bart klebt?“, flüsterte Rowena, die Kammerfrau, die in Emmas geheimes Ansinnen eingeweiht war. Sie wies auf einen tumben Kerl, der seine besten Jahre eindeutig hinter sich hatte und dessen gerötetes Gesicht von Trunksucht sprach. Er nagte am Ende eines dicken Knochens und legte dabei weniger Manieren an den Tag als Edwards stinkende Köter.

Fast hätte Emma sich angewidert geschüttelt, unterdrückte den Drang jedoch geflissentlich. Sie wusste, dass Rowena es nur darauf anlegte, sie von ihrer verstohlenen Begutachtung abzubringen. Edward du Bois war kaum zu Emmas Vormund ernannt worden, da hatte er auch schon angekündigt, sie so rasch als möglich zu verheiraten – an den erstbesten seiner schurkischen Kumpanen, der bereit war, über ihre fehlende Mitgift hinwegzusehen. Zwei Tage darauf hatte er erklärt, er habe jemanden gefunden und die Vermählung finde in zwei Wochen statt. Emma war einem furchterregenden Tyrannen versprochen worden, dessen erste Gemahlin sich gleich nach der Hochzeitsnacht von den Zinnen gestürzt hatte.

Anstatt das gleiche Ungemach zu durchleiden wie jene bedauernswerte Maid, hatte Emma vor, die Hochzeitspläne zu durchkreuzen, indem sie den angeblich einzigen Vorzug veräußerte, den ihr Bräutigam an ihr sah.

Ihre Unschuld.

„Ich finde, der Bursche ist ein wenig zu stattlich gebaut für das erste Mal einer Jungfrau“, entgegnete Emma ruhig, wohl wissend, dass Rowena sie von ihrem Vorhaben abzubringen suchte, indem sie auf die reizlosesten Gestalten unter den anwesenden Rittern verwies. Glücklicherweise war der Mann, der ihr Gemahl werden sollte, heute nicht zugegen. „Wie wäre es mit jemandem, der weniger wiegt als ein Pferd?“

Rowena funkelte sie aufgebracht an, während der Lärm in der Halle zunahm. Heute Abend floss der Wein in Strömen, weil Edward seinen zweifelhaften Anspruch auf Edenrock gegenüber den hiesigen Adeligen zu festigen hoffte. Edward hatte sich in Abwesenheit des eigentlichen Lords – Hugh de Montagne – auf der Burg eingenistet, der wiederum ein gemeinsamer Cousin von Emma und Edward war. Hugh hatte die Burg vor zwei Monaten verlassen und war seitdem wie vom Erdboden verschluckt. Um sich die Besitzungen unter den Nagel zu reißen, hatte Edward überall Gerüchte über angebliche Gräueltaten des rechtmäßigen Herrn über Edenrock verbreitet – Gräueltaten, die Edward selbst an den Nachbarn verübt hatte.

Nun beköstigte er seine neuen Freunde, als handele es sich bei diesen um hohen Besuch aus dem Königshause. Er hatte so viel Braten auftragen lassen, dass Emma fürchtete, er habe den Wald bis auf das letzte Tier geplündert. In einem Rauchfass am jenseitigen Ende der Halle glomm Räucherwerk, mit dem man bemüht war, die Ausdünstungen so vieler Menschen auf engem Raum zu bekämpfen. Die Hunde hielten sich in der Nähe der Tafelnden, begierig auf die übrig bleibenden Knochen lauernd.

„Ein jeder, der nicht Euer Gemahl ist, ist der Falsche für Euer erstes Mal.“ Rowena hatte aufgrund des Gesprächsstoffs die Stimme gesenkt, obgleich sie am Ende einer aufgebockten Tafel fernab der herrschaftlichen Empore saßen. Der nächste Gast befand sich zwei Armeslängen entfernt.

Rowena war ein Jahr älter als Emma und in einer wohlhabenden Familie zur Welt gekommen, die einer Seuche zum Opfer gefallen war. Zurückgeblieben waren ein heruntergewirtschaftetes Anwesen und ein Haufen Schulden, den zu erlassen König Henry sich geweigert hatte.

„Wäre es dir lieber, wenn ich mich widerspruchslos in die Ehe mit einem Kerl fügte, der, so munkelt man, ein ganzes Dorf in seinen persönlichen Harem verwandelt hat?“ Emma hatte jemanden dies im Scherz sagen hören, im Anschluss an eine besonders blutige Jagd vor einer Woche.

„Mir wäre es lieber, wenn Ihr gründlich über die Folgen nachdenken würdet, die Euer Plan nach sich ziehen könnte.“ Rowena zupfte Emma am Ärmel und neigte ihr den Kopf zu, während zwei Ritter neben ihnen in Streit gerieten und handgreiflich wurden. „Anstatt ins Kloster verbannt zu werden, wie Ihr hofft, könnte Edward Euch gnadenlos züchtigen. Schlimmer noch – er könnte Euch gnadenlos züchtigen und Euch anschließend einem noch ärgeren Wüstling überlassen, der in der Hochzeitsnacht sein Mütchen an Euch kühlt.“

Die Streithähne wurden von einem dritten Burschen getrennt. Einer der beiden Zänker hielt sich das Auge und schrie Zeter und Mordio, während der andere vor seinen Kumpanen mit seinem Sieg prahlte.

„Nay.“ Eine solche Zukunft mochte Emma sich nicht ausmalen. Ihre Eltern hatten sie Lesen und Schreiben gelehrt und sie ermuntert, ihr Köpfchen zu gebrauchen. Wie sollte sie es ertragen, zur Zielscheibe für die Fäuste eines Unholds zu werden? „Edward ist zu stolz, um die Demütigung zu riskieren, die damit einherginge. Er ist hinterlistig, zugegeben, aber in seinem Dünkel würde er eine befleckte Frau niemals als Jungfrau ausgeben. Dadurch nämlich würde er sich in den Ruch stellen, Schutzbefohlene nicht schützen zu können.“

Dessen war sie gewiss, aber wehtun mochte Edward ihr durchaus. Sollte es ihr tatsächlich gelingen, sich entjungfern zu lassen, musste sie immer noch auf eine List sinnen, um ins Kloster zu gelangen.

„Erinnert Ihr Euch an diesen zerstreuten Bengel, den Ihr mit der gefährlichen Aufgabe betraut habt, sich über die Verlobte eines anderen herzumachen?“ Rowena schaute sich in der Halle um. Sie ließ den Blick auf niemand Bestimmtem verweilen, sondern streifte einen jeden nur flüchtig. „Was, wenn der Mann, den Ihr Euch ins Bett holt, Euch selbst zur Frau nehmen will? Damit wäret Ihr dem Kloster keinen Schritt näher, sondern würdet nur einem weit härteren Los als Eurem jetzigen Tür und Tor öffnen.“

Emma konnte nicht leugnen, dass das Gesagte ihr einen bangen Schauer über den Rücken jagte. „Ich werde darauf achten, für das Unterfangen einen Mann zu wählen, der nicht darauf aus ist, mich zu ehelichen.“ Die Liste an möglichen Gefahren wurde umfangreicher, je länger Emma über ihre Taktik nachgrübelte.

„Und zudem sollte es ein Mann sein, der so mächtig ist, dass Edward ihn nicht aus Rachedurst umbringen kann.“

Die Worte lagen Emma im Magen wie saures Bier. Das hatte sie nicht bedacht. So sehr war sie auf ihr Ziel ausgerichtet gewesen, einen Galan zu finden, der sich dem Annäherungsversuch einer Edelfrau nicht entziehen würde, dass ihr gar nicht in den Sinn gekommen war, sie könne damit sein Schicksal besiegeln.

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