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Die Gefallenen

Über den Autor

Peter Liney wurde in Wiltshire geboren, hat jedoch den größten Teil seines Lebens in Übersee verbracht. Er hat Sitcoms für das englische und amerikanische Fernsehen geschrieben, unter anderem für die ABC und Channel 4, sowie Dramen für die BBC und das südafrikanische Radio. Die Gefallenen ist sein zweiter Spannungsroman. Liney lebt derzeit in London.

PETER LINEY

DIE GEFALLENEN

THRILLER

Aus dem britischen Englisch
von Michael Krug

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KAPITEL 1

Ich habe es schon einmal gesagt, und ich sage es wieder: Nicht die Gitterstäbe zerbrechen einen, sondern der Anblick des Himmels zwischen ihnen. Wenn man denkt, man hätte sein spezielles Gefängnis endlich hinter sich gelassen, und dann feststellt, dass man sich in Wirklichkeit an einem noch schlimmeren Ort als zuvor befindet.

Als wir von der Insel flüchteten und Lena und ich schaukelnd auf dieser kaum schwimmfähigen Holztür zum Festland hinübertrieben – mit Jimmy, Delilah und den Kids ein Stück vor uns, wo sie sich in jener riesigen, bunt zusammengewürfelten Flotte aus entflohenen Häftlingen und Treibgut verloren –, ich schwöre, da war ich so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben. Und warum auch nicht? Nach all den Jahren, die ich auf dem Müllberg festgesessen hatte, war ich endlich frei. An meiner Seite hatte ich die Frau, auf die ich mein Leben lang gewartet hatte und die mich, auch wenn Sie mir das wahrscheinlich nicht glauben werden, genauso sehr liebte wie ich sie, und wir konnten hingehen, wo immer wir wollten. Uns umgab eine Welle aus Freude und Optimismus, als Tausende Inselhäftlinge die etwa zwei Kilometer zum Festland hinüberpaddelten, -segelten oder einfach -schwammen.

Immer und immer wieder hallten trotzige Schreie zum nächtlichen Sternenhimmel empor und über das Wasser, um die Menschen in der Stadt wissen zu lassen, dass wir uns auf dem Weg zurück befanden. Gelegentlich wurde sogar gesungen und gelacht. Verdammt, wenn wir nicht im Wasser gewesen wären, hätten wir vielleicht eine Polonaise gebildet und wären hinübergetanzt. Alte Menschen und Kids, fernab von jenem schrecklichen Ort, von dem Gestank, der allgegenwärtigen Gewalt und den Müllfürsten, unterwegs auf der Suche nach einem besseren Leben. Nur währte es nicht lange, sondern endete fast schon, bevor es richtig begonnen hatte.

Ich musste immer wieder an diese Redewendung denken: »Aus dem Regen in die Traufe«. Allerdings wurde das der Situation nicht ganz gerecht. Noch bevor wir ans Ufer gelangten, wusste ich, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.

Die Sache ist die: Ich flüchtete eigentliche nicht, ich kehrte vielmehr nach Hause zurück. In die Stadt, in der ich über fünfzig Jahre lang gelebt hatte, die Stadt, zu der ich von der Insel aus fast täglich sehnsüchtige Blicke geworfen hatte, auch wenn ich es niemals zugegeben hätte. Aber je näher wir ihr kamen, desto weniger vertraut erschien sie mir. Und mein Unbehagen legte sich nicht gerade durch den Umstand, dass ich sehen konnte, wie mehrere der Satelliten, die Jimmy so programmiert hatte, dass sie sich gegenseitig zerstörten, Brände in der Stadt ausgelöst hatten. Die Flammen schienen nicht bloß zu züngeln, sie schienen vielmehr auszubrechen wie Lava aus einem Vulkan.

Lena schwamm mir gegenüber auf der anderen Seite der Tür. Ihr Haar hing in nassen Strähnen an ihrem Kopf herab. Sie lauschte einen Augenblick. In ihren nussbraunen Augen spiegelte sich der unnatürliche Schimmer der Stadt. »Was ist los?«, fragte sie.

»Die Satelliten«, antwortete ich und achtete auf einen möglichst unbeschwerten Tonfall, »haben ein paar Brände ausgelöst.«

Ein fragendes Stirnrunzeln trat in ihre Züge. »Klingt laut.«

Ich stemmte mich hoch und beugte mich zu ihr hinüber. Als ich sie ermutigend umarmte, tauchte die Tür durch mein Gewicht kurzzeitig unter Wasser. Lena gab ihr Bestes, doch mir war klar, was für eine Herausforderung das Ganze für sie sein musste. Immerhin verließ sie einen Ort, der ihr so vertraut gewesen war, dass sie dort beinah so gut »sehen« konnte wie jemand, der sein Augenlicht noch besaß. Und nun hielt sie auf neue Gefilde zu, wo sie keinen einzigen Schritt kannte. Ich meine, ich habe nichts zu ihr gesagt, natürlich nicht, aber falls sie nicht zurechtkommt, dann pfeif auf ein neues Leben, pfeif auf die Freiheit, pfeif auf alles. Dann gehe ich mit ihr zurück und lebe mit ihr auf dieser verdammten Insel. Wir biegen uns das schon irgendwie hin.

»Sind wohl bloß Echos zwischen den Gebäuden, vermute ich«, beruhigte ich sie.

Und doch war da etwas an der Art, wie die Feuer brannten und wie die Flammen in die Nacht hochzüngelten, das uns zu warnen und uns mitzuteilen schien, wir sollten der Stadt lieber fernbleiben. Und ich verfluchte mich erneut dafür, dass ich kein Boot für uns aufgetrieben hatte, das groß genug für uns sieben war – vier Erwachsene und drei Jugendliche. Dann hätten wir das Kap umrunden und irgendwo an einer anderen Stelle der Küste an Land gehen können, fernab von alldem.

Der Seegang wurde heftiger, das Meer bäumte sich auf, und ich verlor für einige Momente das Land aus den Augen. Als es wieder in Sicht geriet, schlugen die Flammen eines weiteren Feuers ein Stück hinter der Bucht in einem der Wohngebiete oben in den Hügeln zum Himmel. Ging das wirklich alles auf die Satelliten zurück, oder lag es an etwas anderem?

»Was ist los, Clancy?«, fragte Lena.

»Nichts«, erwiderte ich und bemühte mich, den Enthusiasmus aufrechtzuerhalten, der uns von der Insel weg begleitet hatte.

Sie ignorierte meine Beteuerungen, stemmte sich ebenfalls auf die Tür und schnupperte die Luft, als könnte sie dadurch einen besseren Eindruck von dem erlangen, worauf wir zuhielten.

»Da ist ein Geruch«, erklärte sie, als sie zurück ins Wasser glitt.

»Was für ein Geruch?«

»Weiß ich nicht. Jedenfalls kein angenehmer.«

Ich sagte nichts mehr, sondern konzentrierte mich nur noch darauf, mit den Beinen zu strampeln und dieselbe stete, wenngleich langsame Geschwindigkeit wie alle anderen rings um uns aufrechtzuerhalten.

Worüber ich lieber nicht sprechen wollte, obwohl es an mir nagte, seit ich gesehen hatte, wie die lodernden Satelliten vom Himmel stürzten, war, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ohne Satelliten zur Bestrafung gab es nichts mehr – keine Polizei, kein Rechtssystem, keine Regeln und Vorschriften, keinerlei Urteil über richtig oder falsch. Alles, was wir gehabt hatten – und alles, was wir nach Ansicht der Behörden brauchten –, war die Satellitenüberwachung. Innerhalb weniger spektakulärer Minuten waren Recht und Ordnung restlos verschwunden, und ich hatte keine Ahnung, wie die Menschen darauf reagieren würden. Um die Wahrheit zu sagen, ich wusste nicht mal, wie ich reagieren würde.

Ich versuchte, unser Vorankommen zu beschleunigen, indem ich etwas kräftiger strampelte. Doch wir stießen sofort mit dem alten Paar zusammen, das auf einem Fass durchs Wasser schaukelte. Ich entschuldigte mich und schob sie mit einem Stoß an.

Meine Beine begannen allmählich, sich über die ungewohnte Anstrengung zu beschweren. Ich bin kein besonders guter Schwimmer, nicht mit meiner Masse; meine gesamte Kraft geht schon dafür drauf, mich über Wasser zu halten. Aber ich musste uns an Land bringen, um herauszufinden, was vor sich ging.

Ich weiß nicht, wie man einschätzen kann, ob Gebäude freundlich sind oder nicht, aber als der lange, unregelmäßige Unterkiefer der Stadt allmählich über uns aufzuragen begann, beschlich mich der deutliche Eindruck, dass diese Bauwerke alles andere als freundlich wirkten – eine endlose Reise von Fertigbetonbauten, jeder grabsteinartige Block eine Demonstration eines anderen gewerblichen Anliegens. Und beherrscht wurde alles durch das neue Infinity-Gebäude, das an ein riesiges schwarzes Mausoleum erinnerte.

Das ist wirklich ein verflucht einschüchterndes Bauwerk. Schon von der Insel aus konnten wir die täglichen Fortschritte bei der Errichtung beobachten, während es wuchs und wuchs. Aber aus nächster Nähe ist das noch mal etwas völlig anderes. Es sieht fast wie eine Festung oder wie ein Gefängnis aus. Von der Meeresseite aus gibt es keinen Zugang, nur unzählige Fensterreihen in den oberen Stockwerken. Ganz oben prangt eine goldene Krone: das Symbol der zwei zusammengekniffenen Augen von Infinity. Passend wie die Faust aufs Auge. Mir ist schon klar, dass es sich angeblich um ein Medienunternehmen handelt, aber das heißt noch lange nicht, dass wir von denen ständig bespitzelt werden wollen. Und überhaupt liegt die Betonung auf »angeblich«. Die Spezialtruppen von Infinity, die auf die Insel gekommen waren, um den Müllfürsten bei der Suche nach uns zu helfen, hatten für mich nicht nach Sicherheitspersonal, sondern eher nach Militär ausgesehen.

Wir erreichten die Stelle, an der die Dünung des Meeres in Brandung überging, und unsere Holzkisten, die versiegelten Fässer und Tonnen und sogar die vereinzelten kleinen Boote fingen an zusammenzustoßen. Zum Glück berührten meine Füße im selben Augenblick den Boden.

Ich ergriff Lenas Hand, warnte sie vor dem rasch zunehmenden Chaos vor uns und begann, zwischen Jungen und Alten hindurchzuwaten. Alle jubelten und jauchzten, dass sie die Überquerung des Meeres geschafft hatten. Sie umarmten sich, beglückwünschten jeden in Hörweite, klatschten miteinander ab und schüttelten einander die Hände. Vor uns am Strand verteilt erblickte ich mehrere kleine Gruppen sitzender Festlandbewohner, die sich wahrscheinlich fragten, was zum Geier da los sein mochte und woher diese schier endlose Linie von Treibgut kam. Allerdings schien es keine große Reaktion zu geben. Als die ersten triefnassen Inselflüchtlinge an Land wateten und im Sand zusammenbrachen, blieben die Landbewohner, wo sie waren, scharten sich in anonymen Haufen zusammen und schauten kaum in unsere Richtung.

Schließlich gelang es Lena und mir, uns einen Weg vorbei an allem und jedem zu bahnen und platschend den mit Unrat übersäten städtischen Strand zu erreichen. Die einzige Verletzung, die ich davongetragen hatte, war ein blauer Fleck am Schienbein, wo mich ein durch die Wellen zu mir gespültes Brett getroffen hatte.

»Großer!«, rief eine vertraute Stimme. Ich drehte mich um und erblickte Jimmy, der auf uns zuhumpelte. Delilah und die Kids – Gordie, Arturo und Hanna – folgten dicht hinter ihm. »Geht’s dir gut?«

»Bestens«, antwortete ich und schaute zu Lena, die prompt ein ermutigendes Lächeln aufsetzte.

»Wow! Könnt ihr das glauben?«, staunte Jimmy laut, glotzte auf die Stadt und schüttelte den Kopf, sodass sein zottiger alter Lappen von einem Pferdeschwanz – die letzten auf seinem ansonsten kahlen Schädel noch verbliebenen Haare – nur so von einer Seite zur anderen flog. »Wie cool ist das denn?«

Ich nickte und bemühte mich redlich, meine Besorgnis zu verdrängen. Die herrschende Stille überraschte mich mehr, als dass sie mich beruhigte. »Was meint ihr, Kids?«

Alle drei starrten auf die vor uns aufragenden Gebäude. Hanna wie immer wortlos, Gordie mit üblicher Gleichgültigkeit schulterzuckend, Arturo hingegen sichtlich beeindruckt.

»Können wir dort oben wohnen?«, fragte er und deutete zur Spitze eines Wolkenkratzers hinauf.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Wir verschwinden von hier, so schnell uns die Beine tragen.«

Ich drehte mich Lena zu, um ihr mitzuteilen, wo Arturo wohnen wollte, aber sie war gerade dabei, sich einen eigenen Überblick über die Dinge zu verschaffen, indem sie wiederholt in die Luft schnupperte – vielleicht in dem Versuch, den üblen Geruch einzuordnen. Ein weiteres Feuer flammte auf – irgendwo auf der anderen Seite des Blocks. Es knisterte wie unzählige brechende Zweige, und ein orangefarbener Schimmer flackerte an den Mauern. Lena nickte leicht, als hätte sie damit gerechnet.

»Wo sind denn alle?«, wollte Gordie wissen, der so überrascht wie ich darüber war, dass unser Begrüßungskomitee lediglich aus einigen teilnahmslosen Streunern bestand, die am Strand hockten.

»Gute Frage.«

Es mutete geradezu unheimlich an. Abgesehen von vereinzelt vorbeifahrenden Automatikbussen, die größtenteils menschenleer zu sein schienen, herrschte auf der Straße entlang der Bucht praktisch keinerlei Verkehr. Mir drängte sich nicht der Eindruck einer Geisterstadt auf, sondern der einer schwer beschäftigten – als ginge irgendetwas Großes vor sich.

»Ich dachte, wir müssten uns vielleicht den Weg den Strand hinauf erkämpfen«, merkte Delilah an und legte für den Fall, dass er ihren Schutz brauchte, einen Arm um den kleinen Arturo.

Weder der schmächtige Bursche noch Hanna hatten je ein anderes Leben als das auf der Insel kennengelernt. Gordie hatte zwar eine Zeit lang auf dem Festland gelebt, aber das lag vermutlich zu lange zurück, als dass er sich noch deutlich daran erinnern konnte. Und Lena hatte hier ihre Kindheit verbracht, bis sie ein Teenager wurde, doch wahrscheinlich nützte ihr das nun wenig, da sie inzwischen das Augenlicht verloren hatte. Wieder drückte ich sie. Unsere nassen Kleider waren so vom Dreck der Insel durchdrungen, dass sie sich kalt und glitschig wie Fisch anfühlten. Ich fürchtete, dass ich es vielleicht übertrieb und zu fürsorglich war. Aber ich konnte nicht anders, als mich um sie zu sorgen, vor allem, da dieses verwirrte kleine Stirnrunzeln nicht aus ihrem Gesicht wich.

»Haben die schon irgendwas gesagt?«, fragte ich Jimmy und deutete auf die nächstbeste Gruppe von Festlandbewohnern, die zu fünft oder sechst in einem Kreis saßen.

»Ne. Die scheinen uns kaum zu bemerken.«

»Junkies oder Säufer«, brummte Delilah, als kenne sie solche Menschen nur allzu gut. »Die würden’s nicht mal merken, wenn wir vom Mars heruntergebeamt worden wären.«

In dem Moment musste das Feuer auf der anderen Seite des Häuserblocks wohl eine neue Brennstoffquelle gefunden haben, denn plötzlich ertönte eine laute Explosion, und die Flammen schossen so hoch in die Luft, dass sie über den Dächern verschwanden.

Mehrere der Inselflüchtlinge schrien auf und gingen in die Hocke, als rechneten sie damit, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiel. Aber als sich die Flammen legten, lachten sie nervös über das eigene Verhalten und rappelten sich wieder auf. Ich drückte Lena erneut an mich und teilte ihr mit, dass alles in Ordnung sei. Und wie ich es vorausgeahnt hatte, löste sie sich von mir und ging los, um mit den Kindern zu reden, als hätte sie genug von mir und meinen Bemutterungen.

Ich wandte mich zu Jimmy hin und hatte endlich Gelegenheit, meine Bedenken auszusprechen. »Was zum Teufel ist hier los?«, fragte ich. »Wo sind denn alle?«

Er schüttelte den Kopf und wirkte deutlich sichtbar genauso besorgt wie ich. »Keine Ahnung.«

Es ging nicht nur uns so. Viele der Inselflüchtlinge waren fest entschlossen gewesen, ihre Rückkehr zu feiern – den Boden zu küssen, ein kleines Tänzchen zu wagen, was auch immer. Doch nach und nach verstummten sie, als wären sie nicht mehr sicher, ob es überhaupt einen Grund zum Feiern gab. Die meisten standen nur da und glotzten die Stadt an, als rechneten sie damit, dass jeden Augenblick etwas Schreckliches daraus hervorkommen könnte. Wenig ermunternd war, dass ein in Flammen stehender Automatikbus in Sicht geriet, der nach wie vor seiner programmierten Route folgte und an den üblichen Stellen anhielt. Schließlich fuhr er wie ein zerfallendes mobiles Leuchtfeuer, von dem Funken und Glut in die Nacht stoben, an uns vorbei.

»Scheiße«, knurrte Jimmy.

Mittlerweile drängte sich eine ziemliche Menschenmenge auf dem schmalen Strandstreifen. Ein paar Langsamere trafen noch ein und wateten durch das träge wogende Wasser. Das Lächeln in ihren Gesichtern verflog, als sie die allgemein vorherrschende Stimmung wahrnahmen.

»Gehen wir«, sagte ich zu den anderen.

Wieder bemerkte ich die Falten auf Lenas Stirn, aber ich bestand darauf, sie von dort wegzuführen, und versicherte mich, dass uns Jimmy, Delilah und die Kids folgten. Dabei ging ich bewusst an der nächsten Gruppe der Festlandbewohner vorbei, um zu sehen, was sie tun würden und ob sie irgendeinen Hinweis auf ihre Haltung uns gegenüber erkennen lassen würden.

Anfangs schauten sie kaum in unsere Richtung, und ich dachte schon, dass Delilah wohl recht hatte und sie so weggetreten waren, dass sie nichts um sich herum mehr bemerkten. Allerdings saß da eine Frau mit dem Kopf ihres ausgestreckten Partners auf dem Schoß, was ich irgendwie unheimlich fand. Sie schaute plötzlich zu uns hoch, stieß einen gellenden Schrei aus und zeigte auf uns. Sofort drehten sich die anderen zu uns um, gerieten ebenfalls aus dem Häuschen und stimmten einen kläglich heulenden Chor an. In dem Moment schossen die Flammen des nahen Feuers abermals in den Himmel empor, und ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf ihre Gesichter. Sie wirkten wie Zombies, fahl und leblos, die Augen so dunkel und tief in die Höhlen gesunken, dass man kaum die Pupillen erkennen konnte.

Ich lief einfach weiter und tat so, als hätte ich nichts bemerkt. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie sich ein Kerl auf die Beine zu rappeln versuchte, anscheinend, um uns zu verfolgen, doch ihm fehlte schlichtweg die Kraft dafür. Wir ließen sie hinter uns, während sie mit ausgestreckten Armen weiterheulten und uns anflehten, zurückzukommen.

»Was war das denn grade?«, fragte Lena.

Ich zögerte, immer noch bedacht darauf, ihre Sorgen nicht zu verstärken. »Nichts.«

Sie dankte es mir mit einem langen, gereizten Seufzen. »Clancy, wenn du damit nicht aufhörst, mache ich mich allein auf den Weg.«

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sosehr ich mich auch um sie sorgte, wusste ich doch, dass sie absolut in der Lage war, solch eine Drohung zu verwirklichen. »Nur eine Horde zugedröhnter Junkies, das ist alles«, murmelte ich. »Wie Delilah gesagt hat.«

In diesem Moment kam Jimmy zu mir herüber, stellte sich auf Lenas andere Seite, verzog das Gesicht und deutete zurück zu der Gruppe. Hinter uns hörte ich, wie Gordie und Arturo zu zweit Hanna hänselten, dieses klägliche Geheul nachahmten, sie umkreisten und die Zähne bleckten, als wollten sie angreifen. »Zombies!«, raunten sie ihr unablässig mit kehligen Stimmen zu, obwohl sie ihnen keine Beachtung schenkte und einfach mit überlegener Haltung weiterging, als wäre von Jungs nichts anderes als solcher Quatsch zu erwarten.

Ich nickte Jimmy zu, wütend auf mich selbst, weil ich mich auf eine Weise mit ihm verständigte, die Lena nicht sehen konnte. Außerdem gestattete ich mir ein kleines Seufzen der Erleichterung darüber, dass ihm sowie allen anderen nicht aufgefallen war, was ich bemerkt hatte – oder zumindest, was ich glaubte, bemerkt zu haben. Der Typ, der mit dem Kopf auf dem Schoß der Frau am Strand lag und überhaupt nicht reagiert hatte, war tot. Diese Leute hatten eine Leiche mitten unter sich gehabt. Doch am seltsamsten fand ich, dass sie sich beinah so verhalten hatten, als glaubten sie, wir hätten ihn retten können.

Hinter uns setzten die anderen Inselflüchtlinge dazu an, unserem Beispiel zu folgen. Sie bildeten mit denjenigen Gruppen, denen sie vertrauten, und diskutierten darüber, welche Richtung sie einschlagen sollten.

Wir hatten es mittlerweile bis zur Straße geschafft und wollten sie gerade überqueren, als ich einen Helikopter hörte. Ich schaute und sah, dass sich vom Dach dieses gewaltigen dunklen Gebäudes ein Infinity-Hubschrauber erhob.

»Scheiße!«, entfuhr es mir mit einem Stöhnen.

Ich zog Lena weiter, brüllte den anderen zu, uns zu folgen, und rannte in Richtung der gegenüberliegenden Straßenseite los. Delilah brummelte irgendwo hinter mir vor sich hin und fragte, warum ich ein solches Aufhebens machte – bis der Helikopter mit gleißenden Lichtern herabschwebte und über die Köpfe der Inselflüchtlinge flog.

»Bleibt, wo ihr seid! Verlasst nicht den Strand!«, befahl eine weibliche Stimme. »Verlasst nicht den Strand!«

»Weiter!«, forderte ich die anderen auf, kletterte über eine niedrige Mauer und duckte mich dahinter.

»Das Verlassen der Insel ist ein Staatsverbrechen«, dröhnte die Stimme. »Verlasst nicht den Strand!«

Kurz kam alles zum Stillstand. Der Helikopter schwebte bedrohlich in der Luft, während sich die Inselflüchtlinge gegenseitig ansahen und überlegten, was sie tun sollten. Ich meine, streng genommen war es ein Staatsverbrechen, das bis vor wenigen Stunden von einem Satelliten mit dem Tod bestraft worden wäre. Aber was um alles in der Welt hatte das mit Infinity zu tun? Die sollten doch über Neuigkeiten berichten, nicht selbst welche erschaffen.

Vielleicht kam den anderen Inselflüchtlingen derselbe Gedanke, oder vielleicht empfanden sie die Aussicht auf die nahe Freiheit als zu verlockend. Jedenfalls preschte eine Gruppe plötzlich auf die Straße und die vermeintliche Zuflucht der Gebäude auf der anderen Seite zu. Sofort folgte ihr eine zweite Gruppe. Der Helikopter schwenkte in ihre Richtung. Ich dachte, es würde nun eine weitere Warnung ausgesprochen werden oder man wolle sie einschüchtern, indem man tief über ihre Köpfe hinwegflog. Aber stattdessen wurde mit Laser das Feuer eröffnet.

»Neeeiiin!«, kreischte Delilah, und Hanna vergrub das Gesicht in den Händen.

Ich schwöre, wenn es einen Moment gab, in dem all unser Optimismus und all unsere Hoffnungen auf ein neues Leben in sich zusammenfielen, dann war es dieser Augenblick. Was zum Henker sollte das? Was hatten die für ein Recht dazu? Und sie betäubten die Leute auch nicht nur. Sie ballerten sie in Stücke. Wohin man blickte, überall wurden junge und alte Inselflüchtlinge gleichermaßen umgemäht. Die Menschen brüllten und rannten bald hierhin, bald dorthin. Einigen gelang es zu flüchten. Andere flohen in ihrer Panik blindlings zurück ins Meer.

Der Helikopter hörte zu feuern auf, und die Frau warnte erneut davor, den Strand zu verlassen. Diesmal sagte sie etwas von »Notstandsbefugnissen«.

»Gehen wir«, forderte ich die anderen auf.

»Großer!«, protestierte Jimmy, der wohl fürchtete, man könnte uns sichten.

»Jetzt komm schon!«, drängte ich, schaute hoch und erspähte einen weiteren Helikopter, der von Infinitys Dach abhob.

Mehr Überredung brauchte niemand. Ich ergriff Lenas Hand und begann zu rennen, so schnell es meinem massigen alten Leib möglich war. Unterwegs rief ich den anderen zu, mit uns Schritt zu halten. Wohin genau wir liefen, weiß ich nicht mehr. Es wurde eine wilde, halsbrecherische Flucht durch Gassen und Nebenstraßen, bei der wir Deckung suchten und uns in Schatten hielten, verzweifelt darauf bedacht, so weit wie möglich wegzugelangen.

Irgendwann bogen wir um eine Ecke und standen direkt vor einer riesigen Feuersbrunst. Ich hatte etwas Derartiges noch nie gesehen. Es tobte und toste und knisterte. Die Flammen züngelten nicht nur mehrere Blocks weit hoch gen Himmel, sondern sie schossen vereinzelt auch waagerecht durch die Luft, sodass sie weitere Gebäude entzündeten. Selbst aus gut und gern hundert Metern Entfernung war die Hitze noch dermaßen intensiv, dass wir zurückweichen und uns einen anderen Weg suchen mussten.

Niemand unternahm offenbar etwas gegen den Brand. Man ließ ihn einfach wüten und alles verschlingen, was er wollte. Jedenfalls fehlte von den Fahrzeugen der Einsatzkräfte weit und breit jede Spur. Vermutlich gab es einfach zu viele Brände und nicht genug Ressourcen.

Sosehr wir es zu vermeiden versuchten, mehrmals prallten wir buchstäblich auf Festlandbewohner. Die erste Gruppe glich jener am Strand – bleich und gespenstisch. Bevor die Leute überhaupt reagieren konnten, waren wir schon wieder weg. Andere ignorierten uns mehr oder weniger. Bei allem, was sonst vor sich ging, stellten wir wohl nicht gerade eine Priorität dar; nur weitere Patienten, die im Irrenhaus frei umherliefen.

Nach einer Weile überwältigten insbesondere bei uns Älteren die Schmerzen und das Unbehagen das Adrenalin, und wir mussten anhalten, verschnaufen und die alten Pumpen anflehen, sich wieder zu beruhigen. Jimmy wollte besonders schlau sein und sich gemütlich von einem Rollsteig befördern lassen. Aber kaum betrat er ihn, hielt das Ding an und setzte sich erst wieder in Bewegung, als er es verließ. Man wird von den Rollsteigen gescannt. Sie suchen nach dem Guthabenimplantat, das man für gewöhnlich am Handgelenk oder hinter dem Ohr trägt.

Ich fing an, nach Schildern und dem schnellsten Weg aus der Stadt Ausschau zu halten, aber abgesehen von dem, was in Küstennähe ablief, erwiesen sich die Dinge als nicht annähernd so schlimm, wie ich erwartet hatte. Auf den meisten Straßen herrschte mehr oder weniger Normalbetrieb. Andererseits war es besorgniserregend ruhig, und ich fragte mich, ob wir das Hauptereignis vielleicht noch nicht erlebt hatten.

Als wir uns dem Geschäftsviertel und dem nobleren Einkaufsbereich näherten, wurde mir allmählich klar, wie recht ich hatte. Man konnte spüren, wie sich die Atmosphäre zu verändern begann. Es waren mehr Menschen unterwegs, und ein unterschwelliger Lärm war zu hören. Nach und nach trat ein Geräusch hervor, das alle anderen übertönte. Zuerst erkannte ich es nicht. Es erinnerte an eine Insektenplage, an die Laute Tausender Heuschrecken an einem warmen Sommerabend. Aber als wir näher kamen, begriff ich endlich. Es handelte sich um eine Massenanhäufung von Alarmsirenen, die in Hunderten und Aberhunderten unterschiedlichen Tonhöhen und unterschiedlichen Tonfolgen nutzlos vor sich hin plärrten und verkündeten, dass in die von ihnen bewachten Immobilien eingebrochen wurde. Sie brüllten kreischend um Hilfe, die eindeutig nicht kommen würde. Und als wir um die nächste Ecke auf eine der Haupteinkaufsstraßen bogen, sahen wir, wohin alle verschwunden waren.

So weit das Auge reichte, herrschte blankes Chaos und wurde ein Geschäft nach dem anderen geplündert. Die Menschen benutzten alles Mögliche vom Baseballschläger über Vorschlaghämmer bis zu Gerüststangen, um sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Innerhalb von Minuten, manchmal auch nur Sekunden, kamen sie wieder heraus, beladen mit so viel Krempel, wie sie gerade noch tragen konnten. Bei den ersten Schritten draußen wirkten alle etwas verunsichert und schauten rasch zum Himmel, um sich zu vergewissern, dass die Satelliten wirklich nicht mehr funktionierten.

»Großer Gott«, entfuhr es mir mit einem Stöhnen. Meine Gedanken kehrten schlagartig zu den Wohlverhaltensunruhen vor all den Jahren zurück, als der Staat aufgehört hatte, die Jugendlichen dafür zu bezahlen, keinen Ärger zu stiften.

»Was für eine Party«, krächzte Delilah.

Ich drehte mich zu Lena hin, um ihr zu erklären, was vor sich ging, aber sie schnitt mir das Wort ab.

»Ich kann’s mir denken.«

»Du bist besser damit bedient, es nicht zu sehen«, meinte Delilah zu ihr.

Ich weiß nicht, warum, aber ich schaute zu den Kids, besorgt darüber, wie sie vielleicht reagieren würden. Mich überraschte keineswegs, dass Gordie durchaus ein wenig interessiert wirkte.

»Siehst du etwas, das dir gefällt?«, fragte ich.

Er zuckte nur mit den Schultern und wandte sich ab, und mir wurde klar, dass ich zu weit gegangen war.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich.

Wieder zuckte er mit den Schultern. Der Bursche hatte ein ganzes Wörterbuch voll Schulterzuckern, und jeder einzelne davon hatte eine andere Bedeutung.

»Das war unpassend«, fügte ich hinzu, doch er wirkte immer noch nicht sonderlich verärgert.

Das einzig Gute an allem, was sich abspielte, war für uns, dass eine kleine Gruppe von Inselhäftlingen inmitten all der Wirren höchstwahrscheinlich nicht bemerkt werden würde. Wissen Sie, ich befürworte solche Verhaltensweisen nicht – unabhängig davon, was ich in den alten Tagen getan habe, betrachte ich mittlerweile jedes Verbrechen als falsch –, aber als wir uns den Weg jene Straße entlang bahnten, da konnte ich mich trotz all des Chaos nicht des Gefühls erwehren, dass wir billig davonkamen, wenn die Anarchie dieser Generation schon alles war, was wir abbekamen. Allerdings hätte ich es besser wissen müssen.

Wir hatten höchstens drei oder vier Blocks zurückgelegt, als wir es hörten – diesmal ein anderes Geräusch, eindringlicher, bedrohlicher. Tatsächlich erinnerte es mich an die Insel in einer nebligen Nacht. Es handelte sich um dasselbe wilde Gebrüll, um dieselben verängstigten Schreie, um dieselbe Beschwörung des Wahnsinns.

Vermutlich hätten wir es wohl irgendwie umgehen können, aber unsere Neugier behielt die Oberhand. Wir stießen auf einen offenen, von der Straße zurückversetzten Bereich, wo etwas ziemlich heftig brannte. Als wir uns näherten, vernahmen wir eine Art tiefes Rumoren, wie etwas, das auf eine Detonation zusteuert, nicht ganz den Explosionspunkt erreichen kann, es aber intensiv versucht. Schließlich wurden wir mit einer Szene konfrontiert, die schon viel eher dem entsprach, womit ich gerechnet hatte.

Da stand ein glänzendes neues Einkaufszentrum. Es konnte erst vor kurzer Zeit eröffnet haben, doch alle acht oder neun Stockwerke standen lichterloh in Flammen, als bestünden sie aus Reispapier. Und überall tanzten Tausende von Fusel, Drogen oder auch nur von Adrenalin berauschte Aufständische, die nicht nur alles in Sichtweite plünderten, sondern auch niederbrannten.

Den Großteil der Fassade des Gebäudes hatte man aus Glas gefertigt, und als wir um die Ecke bogen, erreichte eine der riesigen Scheiben den Punkt, an dem sie einfach explodierte und ihre Scherben auf die Menschen darunter hinabprasseln ließ.

»Herrgott noch mal! Das ist nicht cool!«, stieß Jimmy hervor und wich instinktiv zurück.

Rings um uns züngelten Flammen in die Luft wie beim Anzünden eines Grills – dieselbe Kurve, dasselbe Verhalten –, nur tausendmal höher, hunderttausendfach intensiver. Die gesamte Welt stand in Brand. Schlimmer noch, es tobte ein unbarmherziges Gefecht. Überall kämpften Menschen miteinander, und es dauerte nicht lange, sich zusammenzureimen, weshalb. Plünderer rangen mit Plünderern und versuchten, zu stehlen, was bereits gestohlen worden war. Viele hatten sich mit Knüppeln oder Messern bewaffnet. Ich sah, wie ein Mann von einer Mädchenhorde erstochen wurde. Ich wollte hinübereilen und versuchen, sie aufzuhalten, doch es war bereits zu spät. Sie schnappten sich einfach seinen Kram – Schuhe und eine Handtasche, vielleicht für seine Freundin oder so – und rannten damit davon. Allerdings erblickten sie schon bald ein Teenagerpärchen, das ebenfalls etwas hatte, was sie wollten, und das sie sofort umzingelten. Wohin wir auch blickten, wurden Menschen im Kampf um Dinge, die ihnen nicht einmal gehörten, verprügelt oder gar abgeschlachtet.

»Gehen wir«, sagte ich zu den anderen, die beinah zu verdattert wirkten, um sich zu bewegen. »Jimmy!«

»Können wir irgendwie helfen?«, wollte Lena wissen.

Ich drehte mich zu ihr um und sah unendlich viel Verwirrung in ihren blicklosen Augen. »Nein, das können wir nicht.«

Als ich ihre Hand ergriff, folgte ein Moment des Widerstands, bevor es mir gelang, sie davon zu überzeugen, dass wir keine andere Wahl hatten, als zu gehen, und dass uns alles andere nur in Gefahr bringen würde. Wir machten uns aus dem Staub, so schnell wir konnten. Die Kids brauchten eine Extraeinladung, als wären sie gern noch ein wenig geblieben – als wäre das, was sich vor unseren Augen abspielte, geradezu unterhaltsam für sie.

Ich meine, genau davor hatte ich mich mehr als vor allem anderen gefürchtet – davor, dass der Verlust der Satelliten zu einem vollkommenen Zusammenbruch der Gesellschaft führen würde. Und ich hätte wissen müssen, dass er genau hier erfolgen würde, mitten im Zentrum der Designermarken und Luxusgüter.

Auf dem Gehsteig erblickten wir zwei Leichen; Verzweifelte, die noch dort lagen, wo sie gelandet waren, nachdem sie sich aus den brennenden Gebäuden gestürzt hatten. Aber wir eilten einfach weiter. Es mochte einst meine Stadt gewesen sein, mein Zuhause. Doch nach allem, was ich gesehen hatte, wollte ich keine einzige Nacht hier verbringen. Am nächsten Morgen wollte ich auf einer ruhigen Landstraße oder zumindest in einem Vorort mit grünen Gärten aufwachen, an der Schwelle zu ländlichen Gefilden und Freiheit.

Was ich dabei übersah, war, wie hart ich uns alle – mich eingeschlossen – rannahm, um dieses Ziel zu erreichen.

Ein wenig später kam Jimmy zu Lena und mir gehumpelt, wobei er schlimmer als seit einer ganzen Weile hinkte. »Großer, wir müssen bald mal anhalten«, teilte er mir mit. »Lile kann nicht mehr viel weiter laufen.«

»Wir müssen aus dieser Stadt raus«, erklärte ich.

»Heute Nacht?«, entfuhr es ihm.

»M-hm«, gab ich zurück, ohne auch nur einen Schritt langsamer zu werden.

»Clancy«, protestierte Lena. »Dafür sind wir zu erschöpft.«

Ich wollte sie schon zurechtweisen, aber als ich sie ansah, wurde mir klar, wie schwierig es für sie gewesen sein musste. Seit wir von der Insel aufgebrochen waren, hatte sich Lena nur an meiner Hand festgehalten und war ins Nichts hineingelaufen. Ich erkannte, dass ich keine andere Wahl hatte. »Na schön«, gab ich seufzend und ein wenig widerwillig nach. »Aber nur für ein paar Stunden.«

Wir schlugen uns über ein paar Nebenstraßen in eine weniger elegante und gehobene Gegend durch, die für die Menschen vermutlich nicht so interessant war, und stießen schließlich auf ein aufgegebenes Teppichgeschäft. Gott weiß, wie lange es den Betrieb schon eingestellt hatte – jedenfalls lang genug, dass Rost das Vorhängeschloss und das Gitter förmlich zusammengeschweißt hatte. Ich zwängte sie auseinander, zerrte alles beiseite und trat die Vordertür ein.

Das Erste, was wir sahen, war der willkommene Anblick eines Haufens von Teppichreststücken in allen Farben und Größen, die wir benutzen konnten, um darauf zu schlafen. Lena und ich schnappten uns eine Handvoll davon und zogen uns in die hinteren Bürobereiche zurück, während sich Jimmy und Delilah gleich an Ort und Stelle niederließen. Gordie und Arturo taten es ihnen gleich. Nur Hanna verbrachte einige Zeit damit, sich genau zu überlegen, wo sie bleiben wollte, und entschied sich für das gegenüberliegende Ende des Raums, so weit wie möglich von den Jungs entfernt.

Kaum hatte ich mich hingelegt, merkte ich, dass ich genauso müde war wie alle anderen. Jeder Muskel und Knochen in meinem alten Leib schien zu protestieren. Und dennoch, während Lena innerhalb von Minuten in meinen Armen einschlief, blieb ich hellwach, weil die Gedanken wie ein Wirbelsturm durch meinen Kopf fegten.

Wie heißt doch gleich der Satz darüber, dass man nie zurückkehren soll? Eigentlich sollte das mein Zuhause sein. Gut, wir befanden uns fernab meines einstigen Bezirks, aber ich hatte das Gefühl, dass ich selbst dann keine Nostalgie empfunden hätte, wenn wir in meiner alten Straße gewesen wären.

Und wir hatten uns diesen Ort als das Paradies vorgestellt. – Na ja, vielleicht nicht gerade als Verwirklichung unserer Vorstellung vom Paradies, aber vielleicht als die von irgendjemandem. Erst vor wenigen Stunden hatten wir uns den Weg von der Insel herüber zum Festland erkämpft und waren so froh gewesen, endlich frei zu sein, hatten uns auf das gefreut, wohin wir gingen. Und jetzt? Bisher hatten wir es mit Junkies, Plünderern, Brandstiftern und Mördern zu tun bekommen – wenngleich sie alle im Vergleich zu Infinity verblassten. Ich meine, was zum Teufel war los mit den Typen von Infinity? Hatten die Recht und Ordnung in die Hand genommen? Und wenn ja, was bedeutete das für uns?

In jenem Moment rührte sich Lena in meinen Armen, fast so, als hätte sie meine Unruhe gespürt. »Alles in Ordnung?«, murmelte sie in der Dunkelheit, eindeutig nur halb wach.

»Wir bleiben bloß ein paar Stunden«, erinnerte ich sie. »Ich will so schnell wie möglich weg von diesem Ort.«

Ich wartete auf den Vorwurf, besessen zu sein. Doch sie war bereits wieder eingeschlafen. Zart küsste ich sie auf die Stirn. Ich meine, da kann kommen, was will, ich bin trotz allem der glücklichste alte Muskelprotz der Welt. Keine Frage.

Das Letzte, woran ich dachte, bevor mich in der unvertrauten Finsternis der Schlaf übermannte, war, dass es an mir hing. Ich würde alle beim ersten Tageslicht wecken, ihr unvermeidliches Nörgeln ignorieren und sie hinaus auf die Straße schaffen müssen. Pech gehabt, wenn sie mich dafür hassten. Wir mussten unbedingt so schnell wie möglich von hier weg, hinaus aufs Land, um dort zu versuchen, unser Streben nach Freiheit und einem besseren Leben umzusetzen.

Dummerweise wusste ich nicht, dass es bereits zu spät war.

KAPITEL 2

Manchmal frage ich mich, ob es der Schlaf ist, der sich mir entzieht, oder ob ich ihn nicht zulassen will, weil mir nicht gefällt, was er mir beschert. Vielleicht hatte die Rückkehr in die Stadt meine Erinnerungen aufgewirbelt, jedenfalls träumte ich von den alten Zeiten und chauffierte Mr Meltoni.

Ich konnte sein stolzes Lächeln im Innenspiegel sehen, als er durch das Fenster hinaus auf sein Hoheitsgebiet blickte, auf die Straßen, die ihm gehörten, auf die Menschen, die nickten und sich verbeugten, als wir vorbeifuhren. Als sein wichtigster Aufpasser und Mann fürs Grobe hatte ich es ziemlich gut, das kann ich Ihnen sagen. Feiner Lebensstil, reichlich Geld … jede Menge RESPEKT. Und dennoch, keine Ahnung, warum, sosehr ich den Kerl liebte, irgendwann beschlich mich das Gefühl, dass falsch sein könnte, was ich tat. Dass das, was wir da taten, durch nichts gerechtfertigt war, am allerwenigsten durch das Geld.

Schon bevor er starb, hatte ich aufgehört, mir die Hände schmutzig zu machen. Als er dann schließlich das Zeitliche segnete, da war es eine einfache Entscheidung: Ich wollte anständig werden und ein neues Leben beginnen. Das Problem war nur: Mein Timing dafür hätte schlechter nicht sein können. Die Weltwirtschaft erlitt keinen weiteren Schluckauf, sondern vielmehr einen verdammten Herzstillstand. Durch eine Kombination aus Gier, Demografie und schlichter Dummheit gingen sogar Regierungen bankrott und konnten es sich nicht mehr leisten, die Bedürftigen, die Alten und die Kranken zu versorgen oder auch nur das Notwendigste wie Krankenhäuser und Schulen bereitzustellen. Wenn man nicht dafür bezahlen konnte, dann konnte man es auch nicht in Anspruch nehmen, basta.

Die Rente, für die ich all die Jahre jeden Monat eingezahlt hatte, verschwand irgendwo, wahrscheinlich in der Tasche irgendeines fetten Bonzen. Ich wurde als »unabgesicherter Rentner« eingestuft – als alter Mensch ohne Geld und Familie – und mit dem Rest des Mülls der Gesellschaft abgeschoben, um fortan auf der »Insel« zu leben – einem Mülldeponiehügel mitten in einem verunreinigten Meer.

Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich das Leben je so würde hassen können, wie ich es dort getan habe. Keine Chance zur Flucht, nicht, solange es die verfluchten Bestrafungssatelliten gab. Versuchte man es trotzdem, wurde man mit ihren Laserstrahlen gebrutzelt. Die einzigen anderen Bewohner außer uns alten Leuten waren die Kids. Kinder und Jugendliche, die nie eine Schule besucht hatten und denen man von jeher eingetrichtert hatte, dass die alten Leute und ihr Egoismus schuld an allem Ungemach auf der Welt seien. Einige waren auf der Insel gelandet, weil sie etwas verbockt hatten und ihre Eltern nicht für ihre Inhaftierung bezahlen konnten. Und auf der Insel hatten sie es ganz gewaltig auf uns abgesehen, obwohl die wahren Geißeln unseres foltergleichen Daseins die Müllfürsten waren.

Die Müllfürsten verkörperten die ultimativen Inselüberlebenden – junge, inzwischen erwachsen gewordene Straftäter, die die jüngeren Kids auf jede nur erdenkliche Weise missbrauchten. Wenn der Nebel Einzug hielt, in dem die Satelliten nicht funktionierten, gaben sie den Kids Drogen und stifteten sie dazu an, zum Dorf hochzugehen und »Spaß zu haben« – also Amok zu laufen und uns abzuschlachten und auszuräuchern …

Ich vermute mal, dass es irgendwo auf dieser Welt ein noch schlimmeres Leben gibt, nur vorstellen kann ich es mir nicht. Was ich allerdings ganz bestimmt weiß, ist, dass man die Hoffnung niemals aufgeben darf.

Eines Tages stieß ich auf diese blinde junge Frau, die allein in den alten U-Bahn-Tunneln lebte, und von da an änderte sich alles. Lena hat mir das Leben gerettet, sich um mich gekümmert und mir schließlich etwas gegeben, von dem ich nicht mehr gedacht hätte, dass ich es auf meine traurigen alten Muskelprotztage noch einmal erleben würde: Liebe. Wir zwei lebten mit Jimmy und Delilah unter der Erde. Später schlossen sich uns Gordie, Arturo und Hanna an, die Kids, die wir erst gefangen nahmen und die dann unsere Freunde wurden – oder eigentlich eher unsere Familie.

Schließlich kam der Tag, an dem wir gezwungen wurden, gegen die Müllfürsten zu kämpfen. Aber Jimmy hatte andere, viel größere Ideen. Er mag über siebzig sein, aber wenn es um erfindungsreiche Computergenies geht, findet man kein besseres als ihn. Er bastelt ständig an irgendwelchem Kram herum, zerlegt ihn und fügt Teile mit anderen Teilen zusammen, damit sie etwas anderes tun – Dinge, die ich nicht ansatzweise verstehe. Jimmy hat eine Möglichkeit gefunden, die Bestrafungssatelliten zu zerstören, und so sind wir alle schließlich in der vergangenen Nachtins Meer gesprungen, um zurück aufs Festland zu gelangen.

Ich weiß nicht, wann genau, aber irgendwann muss mein Unterbewusstsein zu dem Entschluss gekommen sein, dass sich Lena das Recht verdient hatte, in meiner Traumwelt ebenso präsent zu sein wie in meiner realen Welt. Und da wir uns Tag und Nacht so gut wie jede Minute Gesellschaft leisten, seit wir ein Paar geworden sind, kam das wohl nicht wirklich überraschend. Was sehr wohl überraschend kam – und ich wüsste mehrere Menschen, die darüber die Stirn runzeln würden –, ist, dass ein solches Ausmaß an Beisammensein ausgerechnet mir widerfahren ist.

Ich hatte mich immer als Einzelgänger betrachtet, als jemanden, der die eigene Gesellschaft der von anderen vorzieht. Aber ich vermute, die Wahrheit sieht so aus, dass nicht allzu viele Menschen zugeben wollen, einsam zu sein, und ich bilde dabei keine Ausnahme. Es geht damit ein Stigma einher, das Brandmal, dass man eigentlich weniger ein Einzelgänger als vielmehr ein Verlierer ist. Ich meine, ich bin sicher, dass es Menschen gibt, die es wirklich vorziehen, allein zu bleiben, klar gibt es die. Aber allem Anschein zum Trotz – und allem zum Trotz, was ich selbst immer angenommen hatte –, gehöre ich nicht dazu.

Und glauben Sie bloß nicht, dass Lena nur bei mir ist, um diesen Zustand zu lindern. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Diese Frau hat meinem unmusikalischen alten Herzen beigebracht zu singen. Ich würde mein Leben tausendfach für sie hergeben, und das ist nicht nur so dahingesagt. Ich würde mit Freuden sterben, wenn ich wüsste, dass ich ihr Dasein durch meinen Tod auch nur um einen einzigen Tag verlängert habe. Und während ich hier saß, sie in den Armen hielt und wir beide schweigend den Blick über den See im Park zu den in der Wärme flimmernden Bäumen auf der anderen Seite wandern ließen – die es mittlerweile nicht mehr gibt, weil man vor etwa zwanzig Jahren dort gebaut hat –, wusste ich zwei Dinge: Erstens: Ich träumte. Und zweitens: Wenn ich aufwachte, wenn ich aus dieser Welt in die andere hinüberglitt, würde Lena immer noch neben mir sein.

*

Langsam blinzelten meine Lider und öffneten sich mühsam. Schlagartig hielt Verwirrung in meinen Geist Einzug. Wo befand ich mich?

Als Erstes fiel der Groschen, dass ich die Insel tatsächlich verlassen, dass ich es nicht nur geträumt hatte; als Zweites folgte das Erkennen, dass ich nicht bei Sonnenaufgang erwacht war, wie ich es mir fest vorgenommen hatte, sondern dass bereits ein ziemlicher Brocken aus dem Tag gerissen worden war.

Ich schnappte mir meine Uhr, fluchte, als ich sah, dass es bereits neun Uhr fünfzig war, und setzte mich mit einem heftigen Ruck auf. Lena erwachte, sagte aber kein Wort, sondern versuchte nur, mich zurück nach unten zu ziehen, um mich noch ein wenig länger bei sich zu behalten.

»Nein«, sagte ich zu ihr. »Wir müssen los!« Ich löste mich aus ihrem Griff und rappelte mich schwerfällig auf die Beine. Dabei bemerkte ich, wie schmerzlich steif ich durch die Anstrengungen der vergangenen Nacht geworden war. Mein alter Körper beschwerte sich wieder mal darüber, dass von ihm verlangt wurde, die Arbeit eines jungen Menschen zu verrichten.

Als ich hinaus in den Verkaufsraum wankte, stellte ich fest, dass auch die anderen noch schliefen.

»Gehen wir!«, brüllte ich und rüttelte Jimmy an der Schulter. »Kids, macht schon! Wir müssen aufbrechen.«

Ich wollte gerade zurückgehen und mich vergewissern, dass Lena nicht wieder eingeschlafen war, als mir auffiel, dass irgendetwas am Licht merkwürdig zu sein schien – es wirkte irgendwie stumpf und leicht violett. Ich ging zur Vorderseite des Ladens und warf einen Blick hinaus.

Zuerst dachte ich, es wäre Nebel. Ich meine, auf dem Festland hat man ihn nicht so oft, nicht so wie draußen auf der Insel, aber er kommt schon auch vor. Allerdings wurde mir bald klar, dass es etwas anderes war: ein dichter Rauchschleier, den ich zunächst sah und dann roch, und das, was ich da roch, wirkte irgendwie heiß, düster und stark chemisch.

Ich riss die Tür auf und stürmte nach draußen. Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass wir in handfesten Schwierigkeiten steckten. Weiter unten im Block brannte ein Gebäude. Aber mich beunruhigte weniger die Möglichkeit, dass sich die Flammen zu uns ausbreiten konnten; ich hatte vielmehr das Gefühl, dass wir über Nacht irgendwie eingesperrt worden waren.

Ich eilte in das Gebäude zurück. »Kommt«, brüllte ich, frustriert darüber, wie langsam sich alle rührten, vor allem die Kids, die nicht mal genug Energie zu besitzen schienen, um sich aufzurappeln. »Gehen wir!«

»Ich bin hungrig«, quengelte der kleine Arturo.

»Ich auch«, blies Gordie ins selbe Horn.

»Später«, sagte ich zu ihnen. »Kommt jetzt!«

Als wir den Laden verließen, explodierte die nahe Feuersbrunst. Wie aus einem Flammenwerfer schoss das Feuer über die schmale Straße und setzte ein weiteres Gebäude in Brand.

»Himmel, Großer!«, stieß Jimmy hervor. »Hast du das gesehen?«

Ich verkniff mir einen Kommentar dazu und ergriff nur Lenas Hand. Mittlerweile war uns das längst in Fleisch und Blut übergegangen. Etwa ein Dutzend Schritte weiter schaute ich zurück und stellte fest, dass Jimmy immer noch das Feuer anglotzte. »Jimmy!«, rief ich. Er drehte sich um und begann, hinter uns herzuhumpeln, und schloss bald mit den trödelnden Kids zu uns auf. Der kleine Arturo beschwerte sich immer noch, dass er etwas essen wolle, und Delilah hatte tröstend einen Arm um seine Schulter gelegt.

Lena schnupperte unablässig in der Luft herum, fast so, als nähme sie lauter Proben für eine Analyse. »Ich rieche es wieder«, teilte sie mir mit. »Es ist derselbe Geruch, der mir auf dem Weg von der Insel hierher aufgefallen ist.«

»Hier sieht’s auch ein wenig wie auf der Insel aus«, merkte ich an und sah mich um. »Nur ist das Rauch.«

»Wie weit kannst du sehen?«

»Keine Ahnung – vielleicht vierzig, fünfzig Meter. Kommt drauf an.«

Wieder schnüffelte sie und schüttelte den Kopf, als verstünde sie etwas nicht richtig. »Was brennt?«

Ich betrachtete sie einen Augenblick, dann schaute ich zurück zum Feuer, das inzwischen hinter seinem eigenen Rauch verschwand. »Alles«, sagte ich zu ihr, und erst in dem Moment wurde mir klar, dass es stimmte; dass es in der Stadt nichts zu geben schien, was nicht brennbar war.

Lena wollte etwas erwidern, verkniff es sich jedoch, als ich an einer Kreuzung anhielt, in beide Richtungen spähte und mich zu erinnern versuchte, woher wir gekommen waren.

»Da lang«, half sie mir, und ohne es auch nur einen Herzschlag lang zu hinterfragen, setzte ich mich dorthin in Bewegung, wo sie hinzeigte.

Als wir zur Hauptstraße gelangten und uns in Richtung der Hügel wandten – die wir durch den Rauch natürlich nicht sehen konnten –, fühlte es sich an, als nähmen wir an einem Hindernisparcours teil. Wohin man auch schaute, schien der Wahnsinn entfesselt und aufgefordert worden zu sein, zu tun, was immer er wollte. Alle möglichen Dinge waren weggeworfen worden, Gott weiß, warum. Vielleicht hatten die Leute etwas Besseres gesichtet oder konnten einfach nicht so viel tragen, wie sie gedacht hatten. Mir fiel ein Stahlbräter auf, der sich noch in seiner blutverschmierten Verpackung befand, und auf dem Gehsteig in der Nähe prangten blutige Handabdrücke, als wäre jemand gezwungen gewesen, auf Händen und Knien wegzukriechen. Jedes erdenkliche Fenster, jedes Schaufenster, alles, was tief genug lag, um es zu erreichen, war eingeschlagen worden. Und natürlich brannte es überall. Zu Jimmys anhaltender Faszination brachen einige direkt vor uns aus und spien ihr Feuer wie Flammenwerfer umher.

Es erinnerte mich an die Bilder, die man von der Oberfläche der Sonne kennt – in dem einen Augenblick brodelt alles vor sich hin, im nächsten explodieren Regenbögen aus Feuer. Die vorderen Mauern mehrerer Gebäude waren eingestürzt, und der Schutt hatte sich über den Gehsteig ergossen, während die geschwärzten Skelette kreuz und quer die gesamte Straße übersäten, zumindest so weit, wie man sehen konnte. Aber wissen Sie, trotz all der Zerstörung, des Chaos und der Wahrscheinlichkeit, dass später neue Wirren losbrechen würden, gab es Menschen, die fest entschlossen zu sein schienen, ihr normales Leben weiterzuführen. Sie waren unterwegs zu ihren Arbeitsplätzen, Büros oder Geschäften, versessen darauf, alles seinen gewohnten Gang nehmen zu lassen.

Am schlimmsten waren die Leichen. Ich weiß nicht, wie viele wir sahen; mir kam nicht der Gedanke, sie zu zählen. Aber wenn Leichen auf den Straßen verstreut liegen und niemand kommt, um sie wegzuschaffen, ist das ein sicherer Hinweis darauf, dass eine Zivilisation zusammenbricht. Ich schätze, wenn die Kids nicht ausgerechnet von der Insel gekommen wären, hätten wir getan, was wir konnten, um sie von dem Anblick abzuschirmen. Aber sie hatten solche Dinge ihr Leben lang gesehen. Ich glaube, sie zuckten deswegen mit keiner Wimper.

Einige Plünderer waren bereits fleißig unterwegs. Es waren völlig andere als jene, die in der vergangenen Nacht gewütet hatten. Die meisten wirkten alt, wobei mir keine Inselflüchtlinge unter ihnen auffielen. Dabei fragte ich mich unwillkürlich, wie vielen es gelungen war, vor den Helikoptern zu fliehen. Ihrem Verhalten haftete etwas geradezu Zaghaftes an. Sie schlichen von einem Ort zum nächsten, stets mit tief gesenkten Häuptern, als behage ihnen ganz und gar nicht, was sie taten, doch als hätten sie erkannt, dass sie keine andere Wahl hatten und dass dies die neueste Variante des Überlebens darstellte.

Irgendwann blieb Hanna stehen und spähte in einen reizenden, wenngleich etwas verwahrlosten Laden, der wie so viele der weniger beeindruckenden Geschäfte nicht angerührt worden war. Ich ging zurück, um nachzusehen, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Mich erwartete eine Auslage mit leicht ausgebleichten Ballettschuhen. Insbesondere ein Paar aus glänzendem rosa Satin schien es ihr angetan zu haben.

Um ehrlich zu sein, ich bin nicht sicher, ob ich Einwände erhoben hätte, wenn sie sich den nächstbesten Ziegelstein geschnappt, die Scheibe eingeschlagen und sich die Schuhe genommen hätte. Jedenfalls kannte ich niemanden, für den sie eine würdigere Verwendung gehabt hätten. Und bei all den Krawallen, bei allem, was vor sich ging – was hätte es da schon ausgemacht? Aber sie sah sich die Schuhe nur ausgiebig an, wandte sich davon ab, lächelte mich an und ging weiter.

Je tiefer wir in die alten Migrantenviertel hineingelangten – die der Chinesen, der Griechen, der Italiener –, desto mehr drangen wir in … na ja, nicht wirklich in Heimatgebiet, aber doch in vertrautere Gefilde vor. Allmählich fing ich an, trotz des dichten Rauchs und der Jahre, die ich weg gewesen war, verschiedene Orte wiederzuerkennen, unter anderem ein paar Geschäfte, von denen ich für Mr Meltoni Geld eingetrieben hatte, und eine Billardhalle, in der ich als Jugendlicher oft gespielt hatte.

Es mag eigenartig klingen, aber in gewisser Weise wartete ich gespannt, wie ich auf meine erste echte Erinnerung reagieren würde. Aber wissen Sie was? Ganz gleich, wo wir uns befanden oder was wir sahen, ich empfand nichts. Es juckte mich einfach nicht, dass ich den Großteil meines Lebens hier verbracht hatte und dass es sich um meine Heimatstadt handelte. Es fühlte sich eindeutig nicht mehr so an. Ich wollte nur noch hinaus auf offenes Gelände, wollte einen ausschließlich von der Natur geprägten Horizont sehen; vorher würde ich mich nicht richtig frei fühlen.

Gegen Mitte des Nachmittags kamen wir in eine Gegend, in der die Straße anzusteigen begann. Wir hatten einen der wohlhabenderen Vororte erreicht und angefangen, die Hügel zu erklimmen, die einen Halbkreis um die Stadt bildeten, auch wenn wir sie noch nicht sehen konnten.

Ich schätzte, dass wir weitere drei bis vier Stunden brauchen würden, um auf die andere Seite zu gelangen. Doch je höher wir kletterten, desto schwieriger wurde es durch den Rauch. Er brannte allmählich richtig schlimm in unseren Augen und nistete sich in unseren Kehlen ein, und die arme alte Delilah mit ihrem einen Lungenflügel hustete so heftig, dass man fürchten musste, es würde sie zerreißen.

»Clancy«, mahnte mich Lena.

»Ich weiß.«

»Sie kann nicht mehr viel weiter.«

Ich drehte mich zu Jimmy hin, der mich ansah, als wolle er nichts sagen, könne es sich jedoch nicht mehr lange verkneifen.

»Sobald wir die Hügel hinter uns gelassen haben, wird’s dir besser gehen«, versicherte ich Delilah und fühlte mich ein wenig schuldig. »Danach gibt’s die sauberste, reinste Luft, die du je geatmet hast.«

Jimmy schenkte meinem Versuch, die Stimmung aufzulockern, keine Beachtung. »Ich glaube nicht, dass sie es schaffen kann, Großer.«

»Es geht mir gut – marschieren wir einfach weiter«, warf Delilah ein, doch sie hustete dabei so stark, dass man sie kaum verstehen konnte.

»Geht ihr weiter«, schlug Jimmy vor. »Wir kehren nach unten zurück. Dieser Rauch muss sich ja irgendwann lichten. Dann folgen wir euch.«

»Nein!«, protestierte Delilah.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wir mussten es unbedingt schaffen wegzukommen, bevor die Dinge noch schlimmer wurden.

»Wir sollten zusammenbleiben«, meinte Lena. »Was auch immer wir entscheiden.«

Ich schlug vor, Wasser zu suchen und vielleicht ein Taschentuch oder etwas Ähnliches zu befeuchten, das sich Delilah über die Nase halten konnte; unter Umständen würde ihr das helfen. Allerdings tauchte in diesem Moment eine kleine Gruppe vor uns auf, die hustend, röchelnd und unübersehbar niedergeschlagen den Hügel herab aus dem Rauch kam.

Erst wusste ich nicht recht, ob ich mit diesen Leuten sprechen sollte – wer konnte schon wissen, mit wem man es zu tun bekommen würde? Aber als sie sich uns näherten, meinte ich, einen darunter von der Insel zu erkennen.

»He!«, rief ich zu ihnen hinüber.

Sie wurden langsamer, hielten aber nicht an. Vermutlich empfanden sie uns gegenüber genauso viel Argwohn wie wir ihnen gegenüber.

»Ihr seid Inselflüchtlinge, stimmt’s?«, fragte ich. Ein Mann schien mich wiederzuerkennen. »Wie ist es dort oben?«

»Es gibt keinen Weg hinaus«, ließ er uns wissen und scherte aus der Gruppe aus. »Die Stadt ist vollkommen von Feuer eingeschlossen.« Einen Augenblick lang stand er nur da. Dann nickte er irgendwie entschuldigend, als schäme er sich dafür, der Überbringer einer solch schlechten Nachricht zu sein, und eilte hinter seinen Gefährten her, die bereits den Hügel hinab im Rauch verschwanden.

Eine Weile konnte sich niemand von uns dazu durchringen, etwas zu sagen. Die einzigen Geräusche stammten von Delilahs sporadischem, atemlosem Husten.

»Scheiße!«, entfuhr es mir schließlich mit einem Stöhnen.

»Wenigstens nimmt uns das die Entscheidung ab«, meinte Lena, und echte Besorgnis schwang in ihrer Stimme mit.

»Was haltet ihr davon, wenn ich mal nachsehe?«, schlug ich vor. »Es muss doch einen Weg hinaus geben.«

»Clancy!«, sagte sie, ein wenig irritiert von meiner Sturheit.

Wieder trat Stille ein. Ich meine, sie hatte ja recht – natürlich hatte sie recht. Das Dumme war nur, wir hatten keinen Plan B und erst recht keinen Plan C oder D.

»Das ist schlimmer als auf der Insel«, meldete sich plötzlich Hanna zu Wort, als hätte sie das Gefühl, es sei an der Zeit, ihr Urteil abzugeben.

Ich wäre beinahe in Gelächter ausgebrochen. Dieses Mädchen gibt selten ein Ton von sich, aber wenn, dann trifft sie regelmäßig den Nagel auf den Kopf.

»Wir haben bloß Nebel gegen Rauch eingetauscht«, gab Delilah ihr kläglich recht und fing wieder zu husten an.

»Und wir sind schon wieder Gefangene«, fügte Gordie hinzu.

»He – jetzt kommt schon«, sagte ich, da ich all dies negative Gerede nicht hören wollte. »Wie lange können Feuer schon noch brennen?«

»Diese Feuer?«, gab Jimmy zurück. »Wer weiß?«

»Pah! Ein bisschen Regen, eine Änderung der Windrichtung, und schon sind sie weg. Und wir auch.«

Niemand erwiderte etwas, und ich wusste auch, warum. Das Festland mochte nicht weit von der Insel entfernt liegen, trotzdem herrschte dort ein völlig anderes Wetter. Drüben auf dem Eiland kann man an einem Tag alle vier Jahreszeiten erleben; hier frisst sich das Wetter aufgrund der umliegenden Hügel und des hohen Luftdrucks hingegen oft richtig fest. Um diese Jahreszeit würden wir unter Umständen wochenlang keine Veränderung erleben, vielleicht noch länger nicht.

»Ich bin hungrig!«, klagte Arturo erneut, wie es Kinder nun mal tun, als wäre all dieser Kram, bei dem es um Leben und Tod geht, belanglos im Vergleich zu den Bedürfnissen ihrer Mägen.

Ich hielt inne, ließ den Blick auf ihm ruhen, war jedoch zunächst mit den Gedanken woanders, bis mir dämmerte, dass es wahrscheinlich tatsächlich keine schlechte Idee wäre und möglicherweise alles viel freundlicher aussehen würde, wenn wir ein wenig Essen in uns hätten.

Ich besitze kein Quäntchen Stolz, längst nicht mehr – nicht, nachdem ich auf der Insel gelebt habe und nach all den Dingen, die wir tun mussten, um zu überleben, und den Dingen, die wir essen mussten. Sie wären überrascht festzustellen, was die Leute alles wegschmeißen und was man alles an Essbarem im Müll finden kann, wenn man nicht allzu wählerisch ist. Wir wissen das besser als andere.

Auf dem Weg nach oben war mir ein kleines Restaurant aufgefallen, Il Pomodoro Rosso, das offenbar erst unlängst frisch gestrichen worden war, aber mittlerweile ein wenig rußig aussah. Auch die große italienische Flagge musste mal gewaschen werden. Die Fenster hatte man mit Brettern vernagelt – wohl als Schutz gegen Plünderer, wenngleich ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich diejenigen, die wir in der vergangenen Nacht in der Stadt hatten wüten sehen, davon abschrecken lassen würden. Wir kehrten um, bogen in die Seitengasse daneben, fanden die Mülltonnen und fingen an, sie zu durchwühlen.

Gut, Hunger mag der beste Koch sein, aber ich muss trotzdem sagen, dass das, was wir zutage förderten, eine gewaltige Verbesserung gegenüber dem darstellte, was wir auf der Insel gegessen hatten. Doch wir hatten uns geirrt, als wir angenommen hatten, das Restaurant sei verlassen. Denn während wir eifrig vor uns hin mampften, flog plötzlich die Hintertür auf. Heraus kam ein Kerl, der eine schick aussehende Jagdflinte auf uns richtete.

»Was soll das werden?«, verlangte er zu erfahren.

Ich hob die Hände, mehr entschuldigend als sonst etwas. »Tut mir leid. Wir waren echt hungrig. Und wir haben Kinder dabei. Wir dachten … na ja, Sie wissen schon, es ist ja bloß Abfall.«

Er starrte uns ans, als verkörperten wir eine neue Art von Gesindel, die ihm noch nicht untergekommen war und für die er keine Bezeichnung hatte. Wenn man sich vor Augen hält, wie wir aussahen, ist das wohl sogar verständlich.

»Verpisst euch gefälligst«, befahl er und entschied, die Waffe auf mich zu schwenken.

Ich hatte nicht vor zu widersprechen, schon gar nicht jetzt, da es keine Satelliten mehr gab, die ihn hätten aufhalten können. Also entschuldigte ich mich erneut und führte die anderen die Gasse entlang weg. Der Typ schaute uns durch das Visier seiner Flinte mit zusammengekniffenen Augen hinterher. Sein Abzugsfinger sah aus, als könnte er jeden Moment zucken.

»Freundlich«, merkte Delilah an, als wir zurück auf die Straße gelangten.

»Sehr.«

Schweigend marschierten wir weiter. Mit jedem verstreichenden Augenblick wurde uns das volle Ausmaß unser Lage deutlicher bewusst, und diese Erkenntnis lastete mit jedem Schritt schwerer auf uns. Was zum Teufel sollten wir tun? Wie sollten wir überleben? Dieser Ort war tatsächlich schlimmer als die Insel – vielleicht war er sogar viel schlimmer. Und wir trugen teilweise selbst die Schuld daran. Immerhin hatten wir die Satelliten ausgeschaltet, die den Beginn der Brände – oder zumindest einiger davon – und in der Folge all den Rauch verursacht hatten.

»Clancy«, sagte Lena und unterbrach damit meine Gedankengänge. »Wir müssen einen sicheren Ort für die Nacht finden.«

Ich brummte zustimmend. Ohne Satelliten gab es zwar keinen Grund, warum jene, die plünderten und brandschatzten, ihr Treiben vorwiegend auf die Nacht beschränken sollten, aber irgendwie wusste man einfach, dass sie es trotzdem tun würden. Als würden sie auf irgendeinen Urinstinkt hören, würden sie sich ihre schlimmsten Exzesse für die Dunkelheit aufheben. Der harte Kern jedenfalls; diejenigen, die wir besser meiden sollten.

Viele Gebäude wirkten ramponiert und verlassen, aber wenn man näher heranging und durch ein Fenster hineinspähte, sah man, dass sich drinnen Menschen aufhielten. Solche, die es bereits mit Eindringlingen zu tun bekommen hatten und sich ziemlich feindselig gegenüber weiteren zeigten. Wir wurden von dieser bewaffneten Bande verfolgt, die uns ziemlich übel hätte zurichten können, wenn sie nicht von einem intakten Sportgeschäft mit einem Schaufenster voller Turnschuhe abgelenkt worden wäre.

Die Nacht hielt rasant Einzug. Sie senkte sich drückend auf den Rauch herab und verdichtete dessen Düsternis. In weiter Ferne, in einem entlegenen Winkel, hörte man das Geräusch von etwas, das gerade einsetzte und anschwoll und von dem man lieber nichts wissen wollte. Schon eine ganze Weile hatte keiner von uns mehr ein Wort gesprochen, und es breitete sich allmählich das Gefühl aus, dass die Hoffnung zusammen mit den Überresten des Tags entschwand. In diesem Augenblick entdeckte Jimmy etwas abseits der Straße eine verfallene Kirche.

Wir blieben stehen und spähten durch den Zaun, sogar Lena, obwohl sie schnupperte, statt zu schauen. Besonders einladend wirkte der Ort nicht – nur ein paar Mauern, so zerbröckelt wie das Christentum, mitten auf einem überwucherten Kirchhof. Aus dem Wildwuchs an Unkraut ragten vereinzelt Grabsteine wie Geröll aus Flutwasser empor. Aber zumindest bot die Kirche den Vorteil, abgeschirmt von den anderen Gebäuden zu sein, sodass kein Feuer auf sie übergreifen konnte.

»Bleibt hier«, sagte ich, weil ich mir das mal näher ansehen wollte. Doch Lena widersprach.

»Ist es nicht schon dunkel?«, fragte sie.

»Fast«, räumte ich ein.

»Dann brauchst du mich.«

Ich spielte mit dem Gedanken, abzulehnen und zu entgegnen, dass ich lieber allein gehen wolle, aber es ließ sich nicht übersehen, wie wichtig es ihr war. »Ja. Sicher«, stimmte ich ihr daher zu.

Langsam bahnten wir uns einen Weg durch das Gewirr des peitschenden Gestrüpps. Wir rechneten jeden Moment mit einem wütenden Schrei und hielten uns bereit, kehrtzumachen und wegzurennen. Schließlich stießen wir auf einen Pfad, wo jemand viele Male ein und aus gegangen war. Lena hielt inne, schnupperte mehrmals in die Luft und nickte schließlich.

»Alles in Ordnung.«

Ich vertraute ihren Sinnen. Erleichtert atmete ich durch und betrat das Gebäude.

Im Wesentlichen handelte es sich um kaum mehr als Steinplatten und Schlamm auf dem Boden sowie Mauern auf zwei Seiten und ein wenig Dach, doch der Großteil des Innenraums war den Elmenten ausgesetzt. Meine Beobachtung, dass hier jemand gewesen war, stimmte; irgendwann vor ziemlich kurzer Zeit hatte der Ort jemandem als Behausung gedient. Überall lag Müll verstreut; ich sah die Reste eines Feuers, und eine Ecke war als Latrine benutzt worden.

Ich seufzte, als wollte ich zum Ausdruck bringen, dass wir vielleicht weitersuchen sollten, aber Lena legte mir eine Hand auf die Schulter. »Ist schon gut«, meinte sie. »Wenn es schön wäre, würde es jeder haben wollen.«

»Bist du sicher?«

»Ja.«

Ich ging hinaus, steuerte zurück zur Straße und winkte die anderen herein. Kaum waren sie eingetreten, fingen Delilah und die Kids an, sich über den Geruch zu beklagen.

»Tut mir leid«, sagte ich zu ihnen. »Das Ritz war ausgebucht.«

»Also, ich schlafe jedenfalls nicht in der Nähe von dem da«, krächzte Delilah und deutete in die Ecke.

»Ich auch nicht!«, meldete sich Arturo zu Wort.

»Wie wär’s mit unten?«, schlug Lena vor.

Eine Pause entstand, da niemand wirklich begriff, wovon sie redete. »Was meinst du?«, fragte ich schließlich.

»Den Keller oder die Gruft oder was immer es ist.«

Mich erstaunt immer wieder, was sie alles riecht, spürt oder hört. Ehrlich, manchmal ist es fast so, als sei sie ein übernatürliches Wesen. Und tatsächlich, bei näherer Untersuchung stießen wir in einem Winkel auf eine in der Dunkelheit kaum erkennbare Treppenflucht. Jemand hatte den halbherzigen Versuch unternommen, sie mit einigen zerbrochenen Grabsteinen zu tarnen.

Ich kauerte mich hin und spähte hinunter, konnte jedoch nur Schwärze sehen.

»Nein!«, stieß Delilah heiser hervor und wich zurück. »Nein danke!«

Ohne ein Wort zu verlieren, schob sich Lena an uns vorbei und begann, sich den Weg hinunter zu ertasten.

»He!«, protestierte ich verspätet, denn sie verschwand bereits außer Sicht.

Wir standen nur da und warteten hilflos. Dabei hielten wir uns vor Augen, dass es für Lena nichts Ungewöhnliches darstellte, durch die Dunkelheit zu irren; dass sie es ständig tat.

»Ist alles in Ordnung?«, rief ich nach einer Weile, bekam jedoch zunächst keine Antwort. »Lena!«

»Kommt runter«, brüllte sie schließlich.

Mit einigen Schwierigkeiten bahnte ich mir den Weg nach unten. Dass der Ort beengt war, wurde mir auf schmerzliche Weise eingebläut, als ich mir den Kopf an dem Mauerwerk stieß. Einer nach dem anderen folgten sie mir, zuletzt die murrende Delilah. Ich schätze, wir hofften auf etwas Besseres, aber alle tappten hilflos in der pechschwarzen Finsternis umher, stießen zusammen, stolperten, und mir ging wieder einmal durch den Kopf, dass wir in solch einer Situation einen wertvollen Einblick in Lenas Welt erlebten.

»Hockt euch einfach dorthin, wo ihr gerade seid«, forderte sie uns mit einem unterschwelligen Anflug von Ungeduld auf. »Wenigstens ist es trocken.«

Wir versuchten zu tun, was sie verlangte, aber es endete damit, dass wir übereinanderfielen und uns ineinander verhakten.

»Hier drüben ist mehr Platz!«, rief Lena. »He!«

Die Kids gerieten in Streit miteinander und warfen sich gegenseitig alles Mögliche vor. Hanna schlug Gordie, der prompt drohte, ihr »ein Ding zu verpassen, Mädchen hin, Mädchen her«.

»Na schön! Herhören!«, brüllte ich. »Das ist nicht hilfreich.«

Schließlich arrangierten wir uns irgendwie. Doch ganz gleich, wie müde wir sein mochten, ganz gleich, wie lang der Tag gewesen war, ich glaube nicht, dass es irgendjemand von uns auch nur ansatzweise gemütlich fand. Nach einer Weile bemerkte ich, dass ein Hauch von Licht zu uns herunterdrang, aber anfangs hatte ich das Gefühl, dass von mir verlangt wurde, mich ins Nichts zu legen, mich zurücksinken zu lassen, bis mich irgendetwas Festes stützte. Ganz abgesehen davon, dass wir durch unseren überstürzten Aufbruch von der Insel nichts dabeihatten – keine Decken, keine Streichhölzer, nur die Kleider, die wir am Leib trugen. Und es dauerte nicht lange, bis wir bemerkten, wie kalt es war.

Die Nacht begann damit, dass sich jeder sein eigenes kleines Fleckchen ertastete und es sich dort so gemütlich wie möglich machte. Doch schon bald hörte ich, wie Arturo zu Delilah und Jimmy rückte und sich an sie kuschelte. Zu meiner Überraschung gesellte sich wenig später nicht nur Hanna zu Lena und mir, sondern schließlich auch Gordie, obwohl es der zähe kleine Bursche hinauszögerte, solange er konnte. Als er letztlich aufgab, zitterte er wie Espenlaub. Es dauerte schier ewig, ihn aufzuwärmen. Nach und nach überwältigten uns die endlosen Stunden unseres Marsches und unsere Erschöpfung, und wir schliefen einer nach dem anderen ein.

In der Nacht bekam ich mehrmals Gordies Knie in den Rücken, was vermutlich seiner Art entsprach, mir mitzuteilen, dass ich schnarchte. Ungeachtet dessen muss ich sagen, dass ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, was mich umgab und was die Dunkelheit verbarg, ungewöhnlich gut schlief.

Am nächsten Morgen jedoch, als ein wenig Tageslicht zu uns herunterfiel, erwartete mich ein kleiner Schock – uns alle. Eigentlich hätten wir es uns denken können. Immerhin handelte es sich um den Keller einer Kirche, und womit sollte man da schon rechnen, wenn nicht mit einer Gruft? Als ich die Augen aufschlug, sah ich mich von einer Reihe von Grabmalen und gemeißelten Inschriften entlang der Wände und auf dem Boden umgeben. Als Delilah erwachte, da hätte sie, das kann ich Ihnen sagen, den Ort mit ihrem Geschrei beinah zum Einsturz gebracht.

»Was zum Teufel ist das?«, kreischte sie aus voller Kehle und sah sich mit weit aufgerissenen Augen um.

»Was ist denn?«, fragte Jimmy, der jäh erwachte.

»Schau doch!«

Er nahm sich einige Augenblicke dafür Zeit, dann jedoch zuckte er nur mit den Schultern. »Die tun dir doch nichts«, meinte er, obwohl man ihm anmerkte, dass er sich selbst nicht recht wohl mit der Situation fühlte.

Nun erkannte Delilah allerdings, dass sie nicht nur in einer Gruft geschlafen hatte, sondern dass die Steinplatte, auf der sie gelegen hatte, ebenfalls ein Grabmal darstellte.

»Um Gottes willen!«, schrie sie schrill und sprang mit einer Behändigkeit auf, die ich normalerweise nicht mit ihr in Verbindung gebracht hätte. »Ich habe bei Toten geschlafen!«

»Lile!«

»In den Armen eines Skeletts!«

»Hör mal«, mischte ich mich ein. »Ich ziehe es vor, bei den Toten zu liegen, statt ungeschützt denjenigen ausgeliefert zu sein, die mich selbst in einen Toten verwandeln wollen.«

Mich befriedigte meine Äußerung irgendwie, aber Delilah achtete nicht auf meine Worte.

»Hier muss es vor Geistern nur so strotzen. Ich wette, sie hatten letzte Nacht eine richtige Party, während sie in unsere Seelen und wieder herausgesprungen sind.«

»Delilah!

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