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Die Geduld der Spinne

Inhalt

  1. [Cover]
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
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  20. 15
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  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  32. 27
  33. 28
  34. 29
  35. 30
  36. 31
  37. 32
  38. 33
  39. 34
  40. 35
  41. 36
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  45. 40
  46. 41
  47. 42
  48. 43
  49. 44
  50. 45
  51. 46
  52. 47
  53. 48
  54. 49
  55. 50
  56. 51
  57. 52
  58. 53
  59. 54
  60. 55
  61. 56
  62. 57
  63. 58
  64. 59
  65. 60
  66. 61
  67. 62
  68. 63
  69. 64
  70. 65
  71. 66
  72. 67
  73. 68
  74. 69
  75. 70
  76. 71
  77. 72
  78. 73
  79. 74
  80. 75
  81. 76
  82. 77
  83. 78
  84. 79
  85. 80
  86. 81
  87. 82
  88. 83
  89. 84
  90. 85
  91. 86
  92. 87
  93. 88
  94. 89
  95. Epilog

Über dieses Buch

Ulysses Christopher Maxwell III. hat drei Persönlichkeiten – und eine davon ist absolut tödlich. Seine Opfer sind allesamt rothaarige Frauen. Und wenn ihn einer schnappen kann, dann nur FBI-Agent E.L. Pender. Schon seit Jahren ist er ihm auf den Fersen, und jetzt ergibt sich endlich die alles entscheidende Spur …

Der Auftakt der erfolgreichen Serie um E.L. Pender!

Über den Autor

Jonathan Nasaw (geboren 1947) lebt in Kalifornien und ist der Autor zahlreicher Horror- und Psychothriller. Viele davon sind SPIEGEL-Bestseller.

Jonathan Nasaw

Die Geduld
der Spinne

Aus dem amerikanischen Englisch von
Sepp Leeb

Für Susan

1

»Ich werde Ihnen etwas Zeit sparen«, sagte der Häftling im orangefarbenen Overall, als er in Fußfesseln und Handschellen, die Handgelenke an einen mit einem Vorhängeschloss versehenen Gürtel gekettet und einen finster dreinblickenden Deputy an seiner Seite, in den Vernehmungsraum schlurfte. »Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, meine Gemütsverfassung und meine Affekte sind den Umständen entsprechend.«

»Wie ich sehe, sind Sie mit dem Ablauf vertraut.« Die Psychiaterin, eine schlanke blonde Frau Anfang vierzig, blickte von einem Metallschreibtisch auf, der bis auf ein Diktaphon, einen Notizblock und einen braunen Ordner leer war. »Nehmen Sie Platz.«

»Wäre es vielleicht möglich, die Dinger da abzunehmen?« Der Häftling rasselte theatralisch mit seinen Ketten. Er war zierlich und relativ klein und sah aus wie Ende zwanzig.

Die Psychiaterin sah den Deputy an, der den Kopf schüttelte. »Nicht, wenn Sie wollen, dass ich Sie allein mit ihm lasse.«

»Vorerst will ich das«, sagte die Psychiaterin. »Könnte allerdings sein, dass er später für ein paar der standardisierten Tests eine Hand frei braucht.«

»Dann muss ich aber dabei sein. Sie brauchen nur den Hörer abzunehmen, wenn es so weit ist.« An der Wand hinter der Psychiaterin war ein schwarzes Telefon befestigt. Daneben befand sich ein unauffälliger Alarmknopf; ein ähnlicher Knopf war auf der Seite des Schreibtisches verborgen, auf der die Psychiaterin saß. »Und du, hinsetzen.«

Achselzuckend ließ sich der Häftling auf den Holzstuhl nieder und zog mit seinen angeketteten Händen am Zwickel seines Overalls, als wäre er ihm hochgerutscht. Sein herzförmiges Gesicht war nicht unattraktiv, mit langwimprigen Augen und Lippen wie ein Botticelli-Engel. Er schien von einer Locke nussbraunen Haars gestört, die ihm jungenhaft über die Stirn und in ein Auge gefallen war. Deshalb langte die Psychiaterin über den Schreibtisch, als der Wärter den Raum verließ, und strich sie ihm mit den Fingern zurück.

»Danke«, sagte der Häftling und blickte sie unter gesenkten Lidern hervor an. Das Blitzen boshaften, selbstgefälligen Vergnügens war aus seinen goldgesprenkelten Augen verschwunden – aber nur einen Moment. »Wirklich eine nette Geste. Sind Sie eine Hure der Verteidigung oder eine Hure der Anklage?«

»Weder noch.« Die Psychiaterin ignorierte die Beleidigung. Er stellte sie auf die Probe, sagte sie sich. Er versuchte, die Interaktion unter seine Kontrolle zu bekommen, indem er eine aggressive Reaktion provozierte.

»Jetzt sagen Sie schon! Was von beidem? Entweder hat Sie mein Anwalt angeheuert, damit Sie sagen, ich bin verrückt, oder der DA hat Sie angeheuert, dass Sie sagen, ich bin’s nicht. Oder sollen Sie im Auftrag des Gerichts feststellen, ob ich verhandlungsfähig bin? Sollte Letzteres der Fall sein, kann ich Ihnen versichern, dass ich vollkommen in der Lage bin, die gegen mich erhobenen Anklagepunkte zu verstehen und mich so zu verhalten, dass es meiner Verteidigung förderlich ist. Das sind doch die Kriterien, oder nicht?«

»Mehr oder weniger.«

»Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet. Wenn Sie möchten, formuliere ich sie noch mal neu. Sind Sie im Auftrag der Verteidigung, der Anklage oder des Gerichts hier?«

»Hätte das denn Einfluss darauf, wie Sie auf meine Fragen antworten?«

Die Haltung des Häftlings änderte sich abrupt. Er ließ die Schultern hängen, krümmte den Hals und legte den Kopf auf die Seite. Er artikulierte die nächsten Wörter vorsichtig, fast prüde ganz vorn in seinem Mund und sagte mit einem leichten Lispeln: »Hätte dass denn Ein-flusss darauf, wie Ssie auf meine Fragen ant-worten?«

Das war eine erstaunlich zutreffende Nachahmung ihrer Haltung und Sprechweise, stellte die Psychiaterin fest. Er hatte sie durchschaut, sogar bis auf den Anflug des Lispelns, der nach jahrelanger Sprachtherapie alles war, was von einem ehemals starken, zischenden Sprachfehler übrig geblieben war, mit dem sie Daffy Duck hätte synchronisieren können. Doch die Parodie war mehr liebevoll als gemein, als würde er sie seit Jahren kennen und sympathisch finden.

»Natürlich hätte das Einfluss darauf«, fuhr er mit seiner eigenen Stimme fort. »Machen Sie mir doch nichts vor.«

»Wahrscheinlich haben Sie Recht.« Die Psychiaterin ließ sich in ihren Stuhl zurücksinken und versuchte trotz der auf ihren Wangen erblühenden Röte den Anschein professioneller Sachlichkeit zu wahren. »Das war übrigens eine hervorragende Imitation.«

»Danke!« Trotz Gefängniskleidung, Ketten und Umständen brachte das Grinsen des Häftlings den Raum zum Leuchten. »Möchten Sie mal meinen Jack Nicholson sehen?«

»Vielleicht ein andermal«, antwortete sie und klang zu ihrem Ärger genauso prüde wie seine Imitation von ihr. Sie ertappte sich dabei, wie sie mit flatternden Fingerspitzen nach den obersten Knöpfen ihrer beigen Bluse tastete, wie ein Schulmädchen, das gemerkt hatte, dass ihr Verehrer verstohlen auf ihre Brust schielte. »Wir haben heute noch ein umfangreiches Arbeitspensum vor uns.«

»Oh! Na dann aber, packen wir’s an.« Der Häftling schlenkerte mit seinen gefesselten Handgelenken, als verscheuchte er Tauben; seine Ketten klimperten melodiös.

»Danke.« Sie beugte sich vor und drückte den Netzschalter des stimmaktivierten Diktaphons. »Ich bin übrigens Dr. Cogan.«

Die Psychiaterin hatte gehofft, er würde in ähnlicher Weise reagieren – bisher hatte sich der Häftling geweigert, den Behörden seinen Namen zu nennen. Doch alles, was sie von ihm zu hören bekam, war ein gut gelauntes »Sehr erfreut« und ein beiläufiges, wenn auch eingeschränktes Winken seiner angeketteten rechten Hand.

Sie versuchte es noch einmal, diesmal direkter. »Und Sie heißen …?«

»Nennen Sie mich Max.«

»Ich muss feststellen, dass Sie meine Frage nicht ganz beantwortet haben.«

»Ich muss feststellen, dass Sie meine nicht ganz beantwortet haben. Wer hat Sie angeheuert?«

Sie hatte gehofft, er würde nicht darauf zurückkommen; jetzt musste sie antworten, oder sie lief Gefahr, sich seine Kooperation zu verspielen. »Das Gericht, indirekt. Ich wurde von einer Firma engagiert, die ihre Dienste dem County zur Verfügung stellt.«

Er nickte, als hätte sie etwas bestätigt, was er bereits wusste. Sie wartete einen Moment, bevor sie ihm auf die Sprünge half. »Und Sie heißen?«

»Wie gesagt, nennen Sie mich Max.« Er blickte auf. Mehr kann ich wirklich nicht für Sie tun, sagte sein verlegenes Grinsen; ich gewinne, sagten seine Augen.

Die Psychiaterin machte weiter. »Freut mich, Max. Wie Sie vermutlich wissen, gibt es verschiedene Standardtests, die wir machen müssen –«

»MMPI, Rorschach, thematische Apperzeption, vielleicht sogar eine Satzvervollständigung, wenn Sie wirklich versuchen, Ihre Stunden optimal –«

»– aber vielleicht sollten wir uns erst ein paar Minuten unterhalten.«

»Falls Sie mit ›sich unterhalten‹ ein klinisches Gespräch meinen, das mit einer Frage beginnt, die dem Patienten bei der Beantwortung viel Spielraum lässt und darauf abzielt, ihm seine persönliche Ansicht über das Problem« – er musste kurz innehalten, um Atem zu holen – »oder die Schwierigkeit zu entlocken, die ihn oder sie dazu veranlasst hat, sich in Behandlung zu begeben, dann lassen Sie mich Ihnen etwas Zeit ersparen: Meine Diagnose lautet dissoziative Amnesie, möglicherweise ein dissoziativer Fuguezustand.«

Dann befindest du dich wohl doch nicht im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte, dachte Dr. Cogan und beendete den Blickkontakt, um den Inhalt des braunen Ordners durchzusehen. »Ich bin schon richtig gespannt, Max. Sie scheinen bestens vertraut mit psychologischen Fachbegriffen und Verfahren. Waren Sie denn mal im psychologisch-psychiatrischen Bereich tätig?«

»Könnte sein.« Dann, nachdenklich: »Könnte natürlich aber auch sein, dass ich Patient in einer geschlossenen Anstalt war. Ich meine, in Anbetracht der Umstände, unter denen ich gefunden wurde.«

»Das klingt doch schon mal wie ein guter Anfang. Erzählen Sie mir, unter welchen Umständen Sie gefunden wurden.«

»Also, Dr. Cogan, das war folgendermaßen.« Der Häftling beugte sich auf seinem Stuhl vor. Sein Atem ging jetzt flacher, und das Funkeln in seinen Augen war dunkler und ausgeprägter. Die Psychiaterin hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal, seit er den Raum betreten hatte, voll bei der Sache war. »Das Erste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in einem Auto saß, und zwar neben der Leiche einer jungen Frau, die kurz zuvor aufgeschlitzt worden war.«

Aufgeschlitzt. Irene Cogan fand es seltsam, wie ein einfaches Wort so viel aussagekräftiger sein konnte als der dreiseitige Bericht eines Gerichtsmediziners, in dem mit klinischer Akribie eine halbkreisförmige Inzision in der Bauchdecke beschrieben wurde, »die eineinhalb Zentimeter über dem rechten Darmbeinkamm beginnt, sich bis auf drei Zentimeter über der Schambeinsymphyse nach unten zieht, dann wieder einen nach oben gerichteten Bogen bis zur Spitze des linken Darmbeinkamms beschreibt, was das Austreten von Dick- und Dünndarm zur Folge hat …«

Sie blickte von dem braunen Ordner auf. Mit einem erwartungsvollen Lächeln und leuchtenden Augen wartete der Häftling auf ihre nächste Frage und sah dabei für alle Welt aus wie jemand, der eine tolle erste Verabredung in vollen Zügen genoss. Vorübergehend aus ihrer professionellen Neutralität gerissen, schaltete Dr. Cogan auf Autopilot und lobbte ihrem Gegenüber in Ermangelung einer richtigen Frage zwei seiner letzten Wörter zurück. »Kurz zuvor? Könnten Sie das etwas spezifizieren?«

Der Häftling hob lässig die Schultern – beziehungsweise so lässig, wie es seine Ketten erlaubten. »Keine Ahnung, dreißig, vierzig Sekunden vielleicht. Sie saß noch aufrecht.«

2

Das FBI legte Wert darauf, dass seine Agenten jung und fit waren, in konservativen Anzügen auftraten und ihre Dienstwaffe in einem über den Nieren sitzenden Holster trugen. Special Agent E. L. Pender stand mit fünfundfünfzig zwei Jahre vor seiner Pensionierung, war übergewichtig und außer Form und trug unter einem karierten Sportsakko, das sein Chef einmal als so knallig bezeichnet hatte, dass es ein blindes Pferd zum Scheuen brächte, eine SIG Sauer P226 9mm-Halbautomatik in einem weichen Schulterholster aus Kalbsleder.

»Angenehmen Aufenthalt in San José, Agent Pender«, sagte die junge Flugbegleiterin bei der obligatorischen Verabschiedung am Ausgang. Angesichts der unzähligen Formulare, die es auszufüllen galt, um eine Waffe an Bord eines Passagierflugzeugs mitnehmen zu dürfen, war es für einen bewaffneten FBI-Agenten dieser Tage unmöglich, incognito zu reisen. »Danke, dass Sie mit United geflogen sind.«

»Ich habe zu danken.« Pender tippte an seinen schmalkrempigen, grün-schwarzen Pepitahut mit der winzigen Feder im Band, der sein Markenzeichen war. Darunter war er so kahl wie eine Melone. »Wissen Sie, es gab mal Zeiten, da hätte ich ein hübsches Mädchen wie Sie nach seiner Telefonnummer gefragt.«

»Das kann ich mir denken.« Die Stewardess lächelte höflich.

»Hätte ich sie bekommen?«

Das Lächeln geriet keinen Moment ins Wanken. »Mit sieben haben mich meine Eltern noch nicht ausgehen lassen, Agent Pender, egal mit wem.«

Am Mietwagenschalter hatte Pender nicht viel mehr Glück. Die Angestellte wusste nichts von der mittelgroßen Limousine, die für ihn hätte reserviert werden sollen, weshalb er gezwungen war, seine auf einen Meter dreiundneunzig verteilten einhundertzehn Kilo hinter das Steuer eines Toyota Corolla zu zwängen.

Wenigstens hatte der Wagen eine Klima- und eine passable Stereoanlage. Pender drehte Temperatur- und Lautstärkeregler voll auf, suchte einen Oldies-Sender und sang beim Fahren in einem warmen, beseelten Tenor mit. Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis ein Song kam, dessen Text er nicht vollständig kannte.

Eigentlich hätte Pender laut dienstlicher Etikette die lokale FBI-Dienststelle benachrichtigen sollen, bevor er in Salinas aufkreuzte, um einen im dortigen Bezirksgefängnis einsitzenden Mordverdächtigen zu vernehmen. Aber soviel er gehört hatte, waren sie dort immer noch ziemlich sauer, seit ihnen die Dienststelle San Francisco letzten Sommer ein paar Agenten runtergeschickt hatte, um in einem wichtigen Entführungsfall die Ermittlungen zu übernehmen – es war also nicht damit zu rechnen, dass sie einen Einmischer wie Pender mit offenen Armen empfangen würden.

Genau genommen hätte sich Pender außerdem unverzüglich beim Monterey County Sheriff’s Department melden müssen. Aber bevor er einen Antrag stellte, den Gefangenen verhören zu dürfen, wollte er erst mit dem Polizisten sprechen, der die Verhaftung vorgenommen hatte, und Lokalpolizisten neigten gegenüber Kollegen bekanntlich zu übertriebener Fürsorge.

Den Informationen zufolge, die Pender von einem der überarbeiteten Angestellten der Abteilung Liaison Support erhalten hatte, wohnte Deputy Terry Jervis in einem Ort namens Prunedale. Dieser Ortsname hatte in Washington für einige Lacher gesorgt. »Prunedale, die Heimat ganz normaler Menschen« und sonst noch Einiges in diesem Stil.

Er fand die Adresse ohne Probleme – ein Gutes hatte es, für den Staat zu arbeiten: Man bekam immer eine gescheite Landkarte. Es war ein kleines, gepflegtes Ranchhaus mit Sprühputzmauern und dem einen oder anderen dazwischengeflickten Rundbogen, um das Ganze als Missionsstil bezeichnen zu können. An den Hang eines Hügels geschmiegt, lag es in der Art von halb-ländlicher Umgebung, in der die Hälfte der Behausungen Wohnwagen waren und die Hälfte der Wohnwagen wahrscheinlich illegale Schnapsbrennereien. Mitten auf dem steinigen, aber sauber gemähten Rasen stand ein mickriger, an einem Pfahl festgebundener Zitronenbaum; den kurzen Weg von der Einfahrt zur Haustür säumten gepflegte Blumenbeete.

Pender klingelte und trat dann von der niedrigen Eingangsstufe zurück, damit seine Größe nicht einschüchternd wirkte. Die Frau, die die Tür so weit öffnete, wie es die Kette zuließ, war schwarz, massiv und fast so breit wie hoch. Penders erster Gedanke war, dass möglicherweise sie selbst Deputy Jervis war – sie hatte den breiten Arsch eines Cops, und das Festnahmeprotokoll hatte keine Hinweise auf das Geschlecht des die Festnahme vornehmenden Deputy enthalten.

»Ja?«

»Special Agent Pender, FBI. Könnte ich Deputy Jervis sprechen.«

»Terry ruht sich gerade etwas aus. Könnte ich bitte Ihr Schild sehen?«

Wenn schon nicht der Cop, dann die Frau des Cops – nur eine Polizistenfrau würde »Schild« statt »Dienstmarke« sagen. Pender klappte seine Brieftasche auf, um ihr seine alte Marke des Department of Justice zu zeigen, die mit dem Adler oben drauf und der Frauengestalt mit den verbundenen Augen und dem Pagenschnitt, die in einer Hand die Waagschale der Gerechtigkeit und in der andern ein Schwert hält.

»Haben Sie einen Lichtbildausweis?«

»Hier.«

Sie blickte von dem Foto auf der laminierten Karte zu seinem Gesicht und wieder zurück, dann schloss sie die Tür. Die Kette klimperte; die Tür ging weiter auf. »Kommen Sie rein.«

Pender nahm seinen Hut ab, als er durch die Tür trat. »Danke, Mrs. Jervis.«

Die Frau runzelte die Stirn. »Ich bin Aletha Winkle.«

Pender zuckte übertrieben zusammen. »Entschuldigung. Das ist mein Job – vorschnelle Schlüsse zu ziehen.«

Sie ignorierte die Entschuldigung und rief über ihre Schulter. »Terry, da ist ein Typ vom FBI, der dich sprechen will.«

Die Antwort war ein gedämpftes »Okay«. Pender folgte Winkle an einem kleinen, vorwiegend mit Korbmöbeln eingerichteten Wohnzimmer vorbei einen kurzen Flur hinunter in ein ganz in Weiß und Rosa gehaltenes Schlafzimmer – alles, von der Bettwäsche bis zur Kommode, vom Teppich bis zur Deckenlampe war entweder weiß oder rosa.

Pender blieb wie angewurzelt in der Tür stehen – die blasse Frau, die im Bett saß, richtete eine halbautomatische Pistole auf seinen Bauch. Er riss die Hände hoch. »FBI – immer mit der Ruhe, Deputy.«

»Entschuldigung«, zischte Terry Jervis mit zusammengebissenen Zähnen und ließ die Waffe sinken. »Aber man hat mir gesagt, der Kerl hätte Drohungen ausgesprochen – deshalb machen wir uns etwas Sorgen, er könnte jemand schicken, der sie in die Tat umsetzt.«

Deputy Jervis hatte stachliges blondes Haar und müde blaue Augen. Ihre untere Gesichtshälfte war dick bandagiert, ihr Unterkiefer wurde von Drähten zusammengehalten. Sie trug einen Nadelstreifenpyjama, schwarz auf rosa.

»Verstehe.« Pender ließ die Hände sinken. »Bereitet Ihnen das Sprechen Schmerzen?«

»Ziemlich.«

»Ich entschuldige mich schon im Voraus – ich wäre nicht hier, wenn es nicht wichtig wäre. Ich bin Ihnen für alles dankbar, was Sie mir erzählen können.«

»Dann werde ich mich besser mal verdrücken«, sagte Aletha Winkle. »Ruf einfach, wenn du mich brauchst, Schatz.« Sie bückte sich, schüttelte die Kissen der kleineren Frau auf und küsste sie oben auf die Stirn. Auf dem Weg nach draußen wackelte sie mit ihrem Zeigefinger in Penders Richtung. »Dass Sie sie mir bloß nicht überanstrengen!«

»Pfadfinderehrenwort«, erwiderte Pender.

Jervis lächelte verhalten. »Aletha ist ein bisschen überfürsorglich.«

»Das habe ich schon gemerkt – aber möge Gott sie dafür segnen.« Pender hatte die Erfahrung gemacht, dass manche lesbischen Frauen, wie die Angehörigen der meisten Minderheiten, dazu neigten, selbst einen freundlich neutralen Ton als kaum verhohlene Missbilligung zu deuten. Doch Pender war ein Befürworter der so genannten affektiven Vernehmungsmethode, weshalb er einen Extraschuss Wärme in seine Stimme legte, als er das Grinsen erwiderte.

»Pflanzen Sie sich hin.« Deputy Jervis deutete auf den kleinen, rosa gepolsterten Stuhl vor dem rosa-weißen Schminktisch, bevor sie die Pistole vorsichtig auf den Nachttisch legte, neben ein gerahmtes Foto von sich und Winkle, auf dem sie, die Arme um ihre Taillen gelegt, vor dem Haus standen. Wahrscheinlich war es am Tag ihres Einzugs aufgenommen – neben einem grünen Volvo-Kombi stand ein gelber Drive-Yr-Self-Umzugslaster in der Einfahrt.

»Brauchen Sie die wirklich?« Pender deutete mit dem Kopf auf die Waffe. Er kannte das Modell gut – .40er Glocks waren mittlerweile die Standardwaffen der Rekruten in der FBI-Akademie.

Jervis nickte verlegen. »Ich weiß, es ist idiotisch. Ich weiß, er ist hinter Gittern, aber ich habe trotzdem Angst vor ihm. Wenn Sie diesen Wichser nie gesehen haben, machen Sie sich auch keine Vorstellung, wie schnell der Wichser ist.«

»Wahrscheinlich nicht.« Pender nahm den zerbrechlich aussehenden Stuhl, stellte ihn im 45-Grad-Winkel etwa einen Meter neben das Bett – die empfohlene Vernehmungsposition – und setzte sich mit dem Hut im Schoß vorsichtig darauf.

»Haben Ihre Leute schon was Neues über diesen Hurensohn rausgefunden?«

Pender schüttelte den Kopf. »Fehlanzeige. Er hatte keinerlei Ausweise bei sich – keine Brieftasche, nur ein paar Geldscheine –, und das Auto gehörte dem Opfer. Mit seinen Fingerabdrücken lässt sich auch nichts anfangen, alte Transplantate auf den Innenflächen beider Hände. Bisher keine Übereinstimmungen – im Labor arbeiten sie an einer Rekonstruktion.« Pender rutschte mit dem Stuhl etwas näher ans Bett – das war für den Vernommenen das Zeichen, dass es Zeit wurde, zur Sache zu kommen. »Erzählen Sie mir von der Festnahme – wie haben Sie ihn geschnappt?«

»Routinemäßige Verkehrskontrolle. Brauner Chevy Celebrity mit kalifornischem Kennzeichen. Überfährt bei Laguna Seca auf dem Highway achtundsechzig Richtung Osten eine rote Ampel. Fahrer männlich, Beifahrer weiblich. Ich mache das Blaulicht an, er steigt aufs Gas. Ich gebe die Verfolgung über Funk durch; aber schon ein paar Sekunden später fährt er an den Straßenrand. Als ich mich dem Fahrzeug nähere, sehe ich, wie sich der Fahrer zu seiner Mitfahrerin hinüberbeugt – ich denke, er legt ihr den Sicherheitsgurt an. Dann wendet er sich mir zu, mit einem strahlenden Lächeln, was gibt’s, Officer? An diesem Punkt hatte ich noch nicht mal mein Holster aufgemacht. Ganz gewöhnliche Verkehrsübertretung, vielleicht eine Verwarnung wegen des Sicherheitsgurts.

Aber als ich in den Wagen schaue, sehe ich dieses blonde Mädchen, kann nicht älter als achtzehn gewesen sein, sie sitzt kerzengerade da und hält sich mit beiden Händen den Bauch. Sie hatte einen weißen Pullover an, der aussah, als wäre er unten in überlappenden Streifen rot gefärbt, und sie hatte einen total eigenartigen Gesichtsausdruck. Einfach, wissen Sie, verblüfft – ich werde diesen Ausdruck nie vergessen. Ich frage sie, ob alles in Ordnung ist, sie hebt mit beiden Händen ihren Pullover hoch, und ihre Eingeweide rutschen in ihren Schoß.«

Jervis schloss die Augen, als wollte sie die Erinnerung ausblenden. Das ließ Pender nicht zu. »Was geschah dann?«

»Er hat das Messer in der linken Hand – bevor ich reagieren kann, reißt er es blitzschnell hoch und rammt es mir so fest rein, dass ich zuerst dachte, er hat auf mich geschossen. Es war, als würde mein Mund explodieren – ich falle hintenüber, spucke Blut und Zähne, versuche meine Waffe zu ziehen. Aber er ist bereits über mir, bevor ich auf dem Boden lande. Ich kriege meine Waffe nicht raus, aber ich klammere mich an das Holster, als hinge mein Leben daran.«

Wieder zuckte Jervis zusammen; ihre Hand fuhr an ihren Unterkiefer. »An mehr kann ich mich nicht erinnern – sie sagen, er hat versucht, meinen Gürtel abzureißen, als ein Wagen zu meiner Unterstützung ankam, und ich habe mich so fest ans Holster geklammert, dass sie meine Finger einzeln von ihm lösen mussten.«

»Aber Sie gelten offiziell als die Festnahme vornehmender Officer.«

Ein bitteres Lachen. »Ein Akt der Wohltätigkeit. Es war ein dreißig Zentimeter langes Bowiemesser – ein Souvenir aus Alamo, hab ich gehört. Hat mir rechts alle unteren Backenzähne rausgehauen, links alle oberen. Hat meine Zunge nur ganz knapp verfehlt. Sonst könnte ich jetzt nicht mit Ihnen reden.«

Ihr fahles Gesicht wurde kreidebleich; ihr Blick streunte zu der Flasche Vicodin auf dem weißen Korbnachttisch.

»Und ich habe Miss Winkle eben noch versprochen, Sie nicht zu stark zu beanspruchen.« Pender wusste, ihm blieb nicht mehr viel Zeit; er kam abrupt zu der Frage, die er dem einzigen Menschen, der das Opfer lebendig gesehen hatte, stellen musste. »Nur noch eine Frage, dann lasse ich Sie in Ruhe. Sie betrifft das Mädchen. Sie sagen, sie war blond?«

»Ja, Sir.«

»Könnten Sie das etwas spezifizieren – war ihr Haar wasserstoffblond, aschblond, was genau?« Er suggerierte ihr ganz bewusst nicht, was er hoffte, dass sie sagen würde.

Und tatsächlich sagte sie es: »Nein, Sir, es war eher so ein rötliches Blond.«

»Was man manchmal auch als erdbeerblond bezeichnet?«

»Ja, Sir, das trifft es ziemlich gut.« Es war nicht zu übersehen, dass ihr jedes Wort Schmerzen bereitete.

Pender tätschelte die blasse sommersprossige Hand, die auf dem rosa Deckbett lag. »Das war sehr gut, meine Liebe. Wirklich sehr gut. Sie haben mir sehr geholfen – Sie brauchen kein Wort mehr zu sagen.«

Aletha Winkle bedachte Pender mit einem finsteren Blick, als sie geschäftig hereingerauscht kam.

»Ich finde allein raus«, sagte Pender.

»Und rufen Sie nächstes Mal vorher an.«

»Ja, Ma’am, werde ich auf jeden Fall«, erwiderte Pender lammfromm.

Penders Zerknirschung war nicht von langer Dauer. Im Gegenteil, schon als er den blumengesäumten Weg zur Einfahrt entlangschritt, tam-ta-tammte er »And the Band Played On«, ein Stück, das 1899 von Charles B. Ward und John F. Palmer geschrieben worden war, aber fast ein Jahrhundert später immer noch so bekannt war, dass bei der 1997 stattfindenden Antrittsbesprechung des Teams, das damit beauftragt worden war, über das Verschwinden von neun Frauen aus neun weit auseinander liegenden Regionen im Lauf der letzten neun Jahre Ermittlungen anzustellen, der Chef der Abteilung Liaison Support des FBI, Steven P. McDougal, die ersten paar Zeilen des Refrains auswendig aufsagen konnte und dabei davon ausging, dass jeder der anwesenden Agenten sie kannte:

Casey would waltz with a strawberry blond

And the band played on.

He’d glide ’cross the floor with the girl he adored

And the band played on.

(Casey tanzte mit einer Erdbeerblonden,

und die Kapelle spielte weiter.

Er schwebte mit seiner Angebeteten über den Tanzboden,

und die Kapelle spielte weiter.)

Deshalb gab McDougal dem Phantom-Kidnapper nach der einzigen Gemeinsamkeit der vermissten Frauen, ihrer Haarfarbe, den Spitznamen Casey. Aber dann sang Ed Pender in seinem hellen Tenor die nächsten zwei Zeilen des Lieds:

His brain was so loaded it nearly exploded

The poor girl would shake with alarm.

(Sein Hirn war so geladen, dass es fast explodierte,

das arme Mädchen zitterte vor Angst.)

Im Raum wurde es totenstill; es war McDougal, der schließlich das Schweigen brach.

»Ed hat kein gutes Gefühl bei der Sache, Jungs und Mädels«, verkündete er, lehnte sich in den Ledersessel am Kopfende des Konferenztisches zurück und linste professorenhaft über seine Lesebrille. »Helfen wir ihm doch, es loszuwerden.«

Seit dieser Antrittsbesprechung waren zwei weitere rotblonde Frauen unter verdächtigen Umständen als vermisst gemeldet worden, aber das FBI hatte die Öffentlichkeit weiterhin nicht über seine Ermittlungen informiert, hauptsächlich deshalb, weil nicht eine einzige Leiche aufgetaucht war. Dann führte im Juni 1999 Monterey County Sheriff’s Deputy Terry Jervis eine, wie sie dachte, Routineverkehrskontrolle durch, und damit wurde schlagartig alles anders.

Casey, du Hurensohn, dachte Pender, als er sich wieder in den blauen Corolla zwängte. Jetzt haben wir dich, du Hurensohn.

3

Auf einem Bergkamm, hoch oben in den Cascade Mountains des südlichen Oregon, steht eine rotblonde Frau Anfang fünfzig in einem hochgeschlossenen grünen Seidengewand und einer gleichfarbigen Operationsmaske auf einem Hühnerhof und verteilt Futter an eine Schar goldgefiederter Buff Orpingtons.

Ihre Bewegungen sind ungelenk – sie beugt und dreht sich steif aus der Hüfte heraus –, und die aus den langen Ärmeln ihres Gewands hervorstehenden Hände haben etwas grotesk Skelettartiges, glatte glänzende Haut, die sich straff über fleischlose Knochen spannt. Sie verschüttet fast so viel Futter, wie sie aussät. Sie schilt die Hühner liebevoll, die sich um ihre Füße drängen und unter ihr Gewand huschen, um heruntergefallene Körner aufzupicken.

»Aber Kinder, es ist doch genug für alle da.« Ihre Stimme wird durch die grüne Seidenmaske gedämpft und hat ein eigenartiges Timbre, dünn und resonanzlos – das Gegenteil von nasal. »Vivian, benimm dich – nicht drängeln. Und du, Freddie – beherrsch dich ein wenig. Denk an deine Stellung.«

Freddie Mercury ist der einzige Hahn auf dem Hühnerhof, ein stolzierender Dandy mit wallendem Gefieder aus patiniertem Gold und stolz geschwollenem rotem Kamm. Als die Frau geduckt den dunklen Hühnerstall betritt, folgt er ihr und gluckt der dort brütenden Henne beruhigend zu, dass ihrem Ei keine Gefahr droht.

Und tatsächlich pflücken die knochigen Finger der Frau nur die unbeaufsichtigten Eier, alle braun, einige noch warm, aus dem schmutzigen Stroh der Gelege und legen sie behutsam, vorsichtig, in den flachen Korb, der an ihrem Unterarm hängt. Als sie fertig ist, begleitet sie der Hahn zum Tor und steht Wache, damit sich keine seiner drallen goldenen Ehefrauen oder gelbbraunen Küken mit ihr davonmacht.

Vom Hühnerhof führt sie ein Fußmarsch von wenigen hundert Metern durch ein schattiges Gehölz mit altem Douglasfichtenbestand zu den Hundezwingern mit dem Laubengang davor, wo sie ein halbes Dutzend bernsteinäugiger schwarzgefleckter Rottweiler mit walzenförmigen Rümpfen, kräftigen, breiten, abgeflachten Köpfen und mächtigen Kiefern, die einen Schafskopf oder ein Fahrrad mit gleicher Mühelosigkeit zerbeißen können, lautlos begrüßen, indem sie mit ihren Stummelschwänzen wedeln und mit den breiten Hinterteilen wackeln.

Gespenstisch lautlos, gespenstisch geduldig, stehen die Hunde zitternd still, während die Frau eine Holzkiste mit einem 20-Kilo-Sack Hundefutter öffnet, das Trockenfutter in sechs Schüsseln schaufelt, von denen jede ein Etikett mit dem Namen ihres Besitzers trägt – Jack, Lizzie, Bundy, Piper, Kiss und Dr. Cream –, und ein frisches Ei in jede Schüssel schlägt. Erst als sie das letzte Ei in die letzte Schüssel geschlagen und den Hunden einen von einem Handzeichen begleiteten mündlichen Befehl gegeben hat, stürzen sie los, um mit dem Fressen zu beginnen.

Als sie fertig sind, lässt die Frau die Hunde über den Laubengang durch das Haupttor nach draußen. Sie verteilen sich in sechs verschiede Richtungen, um ihr Geschäft möglichst weit von einander und von den Zwingern entfernt zu verrichten, und kehren in wenigen Minuten zurück, ohne gerufen werden zu müssen.

»Brave Hunde«, sagt die Frau. Sie schließt das Haupttor hinter ihnen und führt sie in den Zwinger zurück, wobei sie die Tür zwischen Zwinger und Laubengang offen lässt. »Und jetzt kommt mal und gebt mir meine Liebies.«

Als sie sich steif auf die Knie niederlässt, reihen sich die Hunde wie artige Schulkinder vor ihr auf und treten einer nach dem anderen vor, um sich von ihren skelettartigen Fingern tätscheln und durch ihre seidene Gesichtsmaske küssen zu lassen, bis der Frau leichter ums Herz ist und ihre Angst vor dem Verlassenwerden vorübergehend nachlässt.

Jetzt bleibt nur noch eines zu tun, das Unangenehmste: ein Besuch im Trockenschuppen. Sie beschließt, ihn bis nach dem Mittagessen aufzuschieben.

4

Dr. Irene Cogan hatte bisher erst mit zwei vollständig angeketteten Häftlingen gesprochen. Der erste, Paul Silberman, war ein Neunzehnjähriger gewesen, der oben in Woodside seine Mutter in der Badewanne in Stücke gehackt hatte. Die Zeitungen hatten es den Psycho-Mord genannt, obwohl Mrs. Silberman gebadet und nicht geduscht hatte. Paul behauptete, er habe nicht gewusst, dass das alles tatsächlich passiert sei; es sei ihm so eigenartig und verzerrt erschienen, dass er geglaubt habe, er träume. Er behauptete, er sei genauso machtlos gewesen, sich davon abzuhalten, wie er es in einem Traum gewesen wäre.

Irene, Spezialistin für dissoziative Störungen, war von der Verteidigung hinzugezogen worden, um zu bezeugen, dass Paul an einer Depersonalisierungs/Derealisierungs-Störung litt. Ihr Gutachten hatte den gewünschten Erfolg gehabt – der Junge war wegen Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig befunden worden und befand sich jetzt in einer privaten geschlossenen Anstalt in Palo Alto in Behandlung.

Aber Irene Cogan war weder blauäugig noch eine Hure der Verteidigung. Als ein des Mordes angeklagter Pädophiler namens David Douglas Winslow behauptete, an einer dissoziativen Identitätsstörung zu leiden, hatte Irene als Gutachterin der Anklage ausgesagt, dass sowohl die auffallende Übereinstimmung des optischen Funktionierens von Winslows angeblichen anderen Persönlichkeiten sowie ihre fast identischen GHRs – galvanische Hautreaktionen – darauf hindeuteten, dass er DIS simulierte.

Winslows neue Adresse war der Todestrakt in San Quentin. Obwohl Dr. Cogan gegen die Todesstrafe war, würde sie ihm keine Träne nachweinen, wenn auch sein letztes Gnadengesuche abgelehnt wurde – sie hatte schon alle für seine kleinen Opfer vergossen.

Dr. Cogan war jedoch keine Gerichtspsychiaterin – zu dem gegenwärtigen Fall war sie nur deshalb als Gutachterin hinzugezogen worden, weil der Häftling behauptete, an dissoziativer Amnesie zu leiden. Um definitiv sagen zu können, ob er simulierte, war es noch zu früh, aber sie vermutete es. Die an dissoziativer Amnesie leidenden Patienten, die sie bisher behandelt hatte, hatten gänzlich andere Affekte gezeigt als dieser Häftling; man brauchte nicht Medizin studiert zu haben, um die tiefe Verwirrung und Unsicherheit in ihren Augen erkennen zu können.

Aber warum sollte er ausgerechnet Amnesie simulieren? Für jemanden, der so intelligent und so gut in Psychologie bewandert war, wie es der Häftling zu sein schien, wäre zum Beispiel paranoide Schizophrenie eine wesentlich leichter vorzutäuschende Symptomatik gewesen – und eine aussichtsreichere Verteidigungsstrategie ebenfalls.

Plötzlich merkte sie, dass der Häftling sie etwas gefragt hatte. »Wie bitte?«

»Nicht ganz bei der Sache, wie?« Der Häftling lachte leise. »Ich habe Sie gefragt, ob Sie mir die Haare noch mal so wie vorhin aus dem Gesicht streichen könnten.«

»Wieso? Sie fallen Ihnen doch gar nicht in die Augen.«

Er sah sie frech an – Irene fragte sich, ob diese leicht belustigten goldgesprenkelten Augen das Letzte gewesen waren, was das arme aufgeschlitzte Mädchen auf Erden gesehen hatte. »Nur wegen der Berührung.«

Einen Moment war sie baff. Es hatte etwas erstaunlich Intimes, wie er das Wort Berührung verwendete. »Tut mir Leid, aber das halte ich für nicht ganz angebracht«, brachte sie schließlich hervor.

»Bitte. Es ist wichtig.«

»Warum? Warum ist es wichtig?«

»Einfach so. Bitte, glauben Sie mir. Ich werde Ihnen nichts tun – ich gebe Ihnen mein Wort.«

Eine schwere Entscheidung. An sich war es eine harmlose Bitte, aber es galt sowohl die konkrete Gefahr, die damit verbunden war, zu berücksichtigen als auch die potenzielle Beeinträchtigung des Arzt-Patient-Verhältnisses. Andererseits bot er ihr, indem er sie um ihr Vertrauen bat, letzten Endes seines an. Und sein Vertrauen war etwas, was sie brauchte, wenn sie eine zutreffende Evaluation abgeben wollte.

Zumindest sagte sie sich das, als sie sich über den Schreibtisch beugte. Zaghaft strich sie das Komma aus Haar aus seiner Stirn, um dann rasch die Hand zurückzuziehen, als sich seine Augen nach rechts oben verdrehten und seine Lider zu flattern begannen.

Bis sich Irene in ihren Sessel zurückgesetzt hatte, waren die Großspurigkeit des Häftlings, seine Selbstsicherheit, das Blitzen in seinen Augen und der energische Zug um sein Kinn verschwunden, und vor ihr saß eine zusammengesunkene jämmerliche kleine Gestalt, die wie ein Kind weinte, die Knie an die Brust hochgezogen, die Schultern so heftig zuckend, dass die Ketten klirrten.

Da haben wir es, dachte Irene. Jetzt ändert er tatsächlich seine Symptomatik. Aber nicht in Richtung Schizophrenie. Um ihren Verdacht zu verbergen, setzte sie eine neutrale Miene auf und wartete geduldig, dass das Weinen aufhörte.

Und tatsächlich war der Häftling, als er aufblickte, auch äußerlich ein anderer Mensch. Nachdem sich seine Kieferpartie entspannt hatte, war sein herzförmiges Gesicht ovaler geworden. Seine Augen waren größer, runder, heller. Und seine Stimme war zittrig und eine Oktave höher, als er sich entschuldigte.

»Entschulligung.«

War es also doch DIS. Eine dissoziative Identitätsstörung, früher unter der Bezeichnung multiple Persönlichkeitsstörung bekannt. Und sie musste zugeben: Wenn er es simulierte, machte er es wirklich gut. Besser als gut, auf jeden Fall besser als der schreckliche David Douglas Winslow.

Aber vielleicht war das angesichts der offenkundigen psychologischen Vorbildung und des schauspielerischen Talents des Häftlings zu erwarten. Er wusste, dass unwillkürliche Augenbewegungen der klassische Hinweis auf einen so genannten Switch, einen Wechsel zwischen verschiedenen Persönlichkeiten oder – wie sie im Fachjargon hießen – »alters« waren. Daher die verdrehten Augen und die flatternden Lider. Er wusste, dass zwischen den einzelnen alters extreme faziale und stimmliche Veränderungen erwartet würden und dass viele alters Jugendliche waren, weshalb er die Stimme höher, seine Wangen schlaffer und seine Augen größer gemacht hatte, um mehr Licht aufzunehmen.

Wenn er DIS allerdings nicht vortäuschte, wurde Irene klar, konnte dies unter Umständen der wichtigste Fall ihrer Karriere werden. Fürs Erste beschloss sie, so weiterzumachen, als wäre die DIS echt. Falls er simulierte, käme sie der Wahrheit nicht ganz so rasch auf den Grund, aber wenn er sie nicht vortäuschte, würde sie mit diesem Vorgehen den geringsten Schaden anrichten.

»Hallo«, sagte sie leise. »Wie heißt du?«

Panik, Verwirrung. Die Augen verdrehten sich, die Lider flatterten – und das Kind war weg.

»Wie bitte?« Wieder das erste alter. Ein rasches, argwöhnisches Um-sich-Blicken; die angeketteten Hände des Häftlings tätschelten nervös seine Oberschenkel. Sowohl in dem Um-sich-Blicken wie in der Selbstberührung erkannte Irene typische Erdungsmechanismen wieder, der Orientierung dienende Gesten, die man nach einem Switch normalerweise beobachten konnte.

Und tatsächlich schien sich der Häftling nicht bewusst zu sein, dass sein Gesicht trotz des dunklen Teints aschfahl war, und tränenüberströmt, mit einer Rotzblase in einem Nasenloch – er schien überrascht, als Irene ein Papiertaschentuch aus ihrer Handtasche nahm und ihm reichte.

Doch er erfasste die Situation rasch. »Da ist mir wohl ein kleiner Ausrutscher passiert.«

Er zog seine Knie hoch, krümmte den Rücken unter dem orangen Overall und zog den Kopf zwischen die Schultern, um sich die Nase zu putzen. Als er sich aufrichtete, hatte sich seine Stimme erneut verändert – das schien eine dritte Persönlichkeit zu sein, Alter und Aussehen etwa identisch mit dem der ersten, aber verletzlicher, mit weniger Power. »Ganz schön stressig, ständig die Fassade wahren zu müssen.«

Irene wartete, ohne sich in irgendeiner Richtung dazu zu äußern.

»Bei denen darf man nie eine Schwäche zeigen, wissen Sie. Wenn sie eine Schwäche spüren, machen sie einen fertig. Sogar die Wärter.« Er ließ das Taschentuch in seinen Schoß fallen. »Ganz besonders die Wärter. Aber, was haben Sie gleich noch mal gefragt?«

»Ich habe Sie nach Ihrem Namen gefragt.« Diesmal waren das Augenverdrehen und das Flattern so rasch und kurz, dass es nur ein Therapeut mit viel Erfahrung in der Behandlung von DIS-Patienten bemerkt hätte.

»Wie schnell Sie vergessen«, sagte der Häftling mit seiner ursprünglichen Stimme. »Sie haben nicht zufällig eine Zigarette?«

Irene verzichtete darauf, ihn noch einmal nach seinem Namen zu fragen – das war eindeutig wieder Nennen-Sie-mich-Max. »Ich glaube, Rauchen ist im ganzen Gebäude verboten.«

Der Häftling lachte locker. »Jetzt mal realistisch betrachtet, was können sie uns schlimmstenfalls schon tun, wenn sie uns erwischen? Ich meine, wir riskieren jedes Mal, wenn wir uns eine anstecken, die Todesstrafe.«

»Da haben Sie allerdings Recht.« Irene war fasziniert – und ermutigt. Ob der Patient – der Häftling – seine DIS nun simulierte oder nicht, die Verwendung der ersten Person Plural war ebenso ein gutes Zeichen wie die offensichtliche Wärme, mit der er ihr begegnete. Anscheinend waren sie bereits dabei, ein persönliches Verhältnis aufzubauen, was sonst wesentlich länger dauerte – das wollte sie auf alle Fälle unterstützen.

Und offen gesagt, im Moment hätte auch sie eine Zigarette vertragen können. Irene kramte in ihrer Tasche nach der Packung Benson and Hedges und ihrem Feuerzeug, dann durchsuchte sie die Schreibtischschubladen nach einem Aschenbecher. Als sie keinen fand, fischte sie eine leere Sprite-Dose aus dem Abfallkorb, stellte sie vor dem Häftling auf den Tisch, steckte sich zwei Zigaretten zwischen die Lippen, zündete beide an und gab eine davon ihm, wobei sie sich, noch während sie das tat, bewusst war, dass das eine unangemessen intime Geste war.

Der Häftling inhalierte tief und blinzelte den Rauch aus seinen Augen. »Jetzt geht es mir schon besser.«

Das traf auch auf Irene zu; sie lehnte sich in ihren Sessel zurück und nahm einen tiefen Zug von der Zigarette, sog den Rauch sogar genießerisch durch die Nase ein. Es war ein köstlich verbotenes und rückständiges Gefühl, wieder einmal mit einem Patienten zu rauchen. Als sie sich vorbeugte, um die Asche in die Sprite-Dose zu stippen, ertappte sie den Häftling dabei, wie er sie bewundernd musterte.

Irene setzte sich auf, zog die Aufschläge ihrer Kostümjacke über der Brust zusammen und ihren Rock über die Knie, obwohl ihre Beine unter dem Schreibtisch gar nicht zu sehen waren. Sie spürte, dass ihr das Gespräch aus der Hand glitt.

»Also, ich habe Ihnen vertraut«, sagte sie. Das stimmaktivierte Diktaphon auf dem Tisch begann wieder leise zu surren. »Werden Sie jetzt auch mir vertrauen?«

»In welcher Hinsicht?« Zusammen mit den Wörtern kam ein dünner blauer Rauchstrahl aus seinem Mund.

»Indem Sie mir die Wahrheit sagen.«

»Was wollen Sie wissen?«

»Zuallererst, haben Sie manchmal das Gefühl, mehr als nur eine Person zu sein?«

»Sie sagen, Sie möchten die Wahrheit wissen?«

»Ja, natürlich.«

Um die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, beugte er den Kopf bis zu seinen Händen hinab, dann brachte er ihn mit einem irren Grinsen wieder hoch. »Aber Sie werden die Wahrheit nicht verkraften!«, erklärte er in übertrieben ausdruckslosem Tonfall, die Augenbrauen zu teuflischen Spitzen hochgezogen.

Irene stieß ein erschrockenes Lachen aus. »Haben Sie Ihren Jack Nicholson doch noch angebracht.«

»Ziemlich gut, nicht? Möchten Sie meinen …«

»Nein!« Sie schnitt ihm streng das Wort ab; Zeit, zur Sache zu kommen. »Als ich Sie vorher nach Ihrem Namen fragte, sagten Sie, ich soll Sie Max nennen. Ist Max Ihr Name?«

»Das hängt davon ab«, antwortete er freundlich.

»Wovon?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.«

Irene versuchte es auf eine andere Tour. »Als Sie heute Morgen in diesen Raum gekommen sind, sagten Sie, Ihre Gemütsverfassung sei den Umständen entsprechend. Ein junges Mädchen ist auf entsetzliche Weise ums Leben gekommen, offensichtlich von Ihrer Hand. Wie fühlen Sie sich bei diesem Gedanken?«

Er zog erneut den Kopf ein; mit der Zigarette zwischen den Lippen kam er wieder hoch. Im Neonlicht hatte sein Gesicht einen leichten Blaustich.

»Verloren«, sagte er leise. Irene hatte den Eindruck, dass er wieder die Persönlichkeiten gewechselt hatte – als er unten gewesen war und sie das Augenverdrehen nicht hatte sehen können. Jetzt war wieder das dritte alter an der Reihe, der gut aussehende, verletzliche junge Mann. »Verloren und verängstigt. Und allein – zumindest bis heute Vormittag.«

»Was ist heute Vormittag passiert?«

»Ich habe Sie kennen gelernt.«

Seine Zigarette war fast bis auf den Filter heruntergebrannt. Als Irene die Hand ausstreckte, um sie ihm aus dem Mund zu nehmen, spürte sie seine Lippen so zart wie Schmetterlingsflügel über ihre Fingerrücken streifen. So leicht und flüchtig war seine Berührung, dass Irene nicht einmal ganz sicher war, ob tatsächlich eine Berührung stattgefunden hatte, und noch weniger, ob es ein Kuss gewesen war.

Aber in ihrem Innersten wusste sie, dass es so war. Sie spürte einen Stich der Erregung, nicht weit von Angst entfernt, aber so rasch und heftig, dass er fast sexuell war – und auf jeden Fall unangebracht. Irene wurde klar, dass sie bei der nächsten Sitzung mit ihrer Therapeutin etwas Pikanteres zu besprechen hätte, als dies seit Wochen der Fall gewesen war. Seit Monaten. Jahren. Sie sog heftig an ihrer Zigarette und inhalierte einen Mund voll brennenden Filters.

5

»Pender, Sie haben mehr Cojones als Hoover Stöckelschuhe hatte«, sagte Aurelio Bustamante. Der langjährige Sheriff von Monterey County saß an einem gigantischen Schreibtisch, der mit Auszeichnungen und Andenken übersät war. »Zuerst verhören Sie –«

»Befragen.« Pender ließ sich in seinem Stuhl zusammensinken, um nicht ganz so hoch über dem Sheriff aufzuragen, einem kleinen rundlichen Mann in einem braunen Westernanzug und einem sonnig weißen Stetson. Pender war schon dabei gewesen, seinen eigenen Hut abzunehmen – er trug ihn selten in einem Raum –, überlegte es sich aber anders: Wenn in Kalifornien …

»Sie verhören ohne mein Wissen oder meine Erlaubnis einen meiner Officer, einen verletzten Officer noch dazu. Und jetzt wollen Sie einen meiner Häftlinge verhören, aber zugleich wollen Sie uns nicht sagen, was Sie an Informationen haben? Ah-ah, so nicht. Wenn Sie mich schon von hinten ficken wollen, mein Freund, dann möchte ich auch was davon haben.«

Bei Begegnungen mit Vertretern örtlicher Polizeibehörden mussten FBI-Agenten je nach dem, wie viel diese schon mit dem FBI zu tun gehabt hatten, mit den unterschiedlichsten Reaktionen rechnen, die von Heldenverehrung bis zu heftiger Abneigung reichten. Bustamante, schon um die sechzig, war eindeutig keine Jungfrau mehr.

Ebensowenig wie Pender – er überlegte, ob er sich die Feindseligkeit des Sheriffs zunutze machen könnte.

»Glauben Sie mir, Sheriff, ich kann Sie sehr gut verstehen. Ich habe im Staat New York als Sheriff’s Deputy angefangen. Und wenn ich Sie ficke, dann ist das eine regelrechte Hinterlader-Kette, weil mein Boss mir so tief im Arsch steckt, dass er einen dieser Grubenhelme mit einer Lampe oben drauf tragen muss.«

Angesichts dieses pikanten Bilds vertieften sich die Krähenfüße um Bustamantes Augen fast unmerklich.

Pender redete weiter auf ihn ein. »Sheriff Bustamante, wenn Sie glauben, das FBI ist zu Ihnen und Ihresgleichen beschissen herablassend, dann sollten Sie erst mal sehen, wie es seine eigenen Leute behandelt – ganz besonders alte Haudegen wie mich. Ich stehe zwei Jahre vor der Pensionierung, sie versuchen mich frühzeitig loszuwerden, in meiner letzten Fitness-Beurteilung wurde ich als der schlechtestgekleidete Agent in der Geschichte des FBI bezeichnet, meine Personalakte ist so mit geringfügigen bürokratischen Verstößen gespickt, dass sie sich wie eine Verbrecherkartei liest, und wenn ich mir eine gerichtliche Anordnung besorgen muss, um mit Ihrem Häftling sprechen zu können, wird sein Anwalt an ihm kleben wie der Gestank an der Scheiße, und ich kann mit leeren Händen wieder nach Hause fahren.«

»Jetzt soll ich also Mitleid mit Ihnen haben, weil Sie ein Versager sind?« Bustamante machte ein finsteres Gesicht. »Wenn ich Sie zu diesem Kerl reinlasse, ohne dass sein Anwalt dabei ist, und er deswegen freikommt, kann ich das Ganze ausbaden.«

»Sheriff, ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde ihn kein Wort über den anstehenden Fall fragen.«

»Dann bekommen Sie auch nichts aus ihm raus – er behauptet nämlich, er hat Amnesiiie.« Bustamante befrachtete das Wort mit Verachtung.

»Geben Sie mir eine Chance, mehr verlange ich ja gar nicht.«

»Und was tun Sie für mich, wenn ich das für Sie tue?« Bustamante breitete mit nach oben gewandten Handflächen die Hände aus und schlackerte in der universell verständlichen Lass-mal-rüberwachsen-Geste mit den Fingern.

Pender nahm ein dreißig Zentimeter langes Namensschild aus Messing – AURELIO BUSTAMANTE, SHERIFF – und stellte es so auf den Schreibtisch, dass es dem Sheriff zugewandt war. Dann stellte er hinter das Namensschild in einem Halbkreis ein Füller-und-Bleistift-Set in einem Marmorhalter, in den »Kiwanis Club – Mann des Jahres« graviert war; einen Baseball mit den Autogrammen der letzten Mannschaft der inzwischen aufgelösten Salinas Peppers; ein goldgerahmtes Foto, auf dem der Sheriff und Mrs. Bustamante, eine lächelnde, mexikanisch aussehende Frau mit hochfrisiertem weißem Haar, hinter einer Schar von Kindern und Enkelkindern standen; und eine silberne Dienstmarke mit der Aufschrift GRAND MARSHALL, SALINAS RODEO, die an einer zehn Zentimeter hohen Holzplakette mit angewinkelten Ständer befestigt war.

»Das sind Sie bei Ihrer nächsten Pressekonferenz.« Pender tippte zuerst auf das Namensschild und dann der Reihe nach auf die anderen Gegenstände. »Und hier ist Ihr tapferer Deputy Jervis, hier sind der Bürgermeister und der Bezirksstaatsanwalt und jeder aus Ihrem Department, den Sie mit ein paar Minuten im Rampenlicht belohnen möchten, hier ist Ihre Frau und Ihre Familie, und hier ist der in Monterey stationierte FBI-Agent in seinem dunklen Anzug und seiner konservativen Krawatte.«

»Meine Damen und Herren …« Pender hob und senkte das Namensschild mit jeder Silbe, als handelte es sich dabei um eine Handpuppe. »Ich bin Sheriff Aurelio Bustamante und ich habe diese Pressekonferenz einberufen, um Ihnen mitzuteilen, dass dem Monterey County Sheriff’s Department die Festnahme eines der gefährlichsten und meistgesuchten Serienmörder in der Geschichte der Polizei gelungen ist.«

Bustamante langte über den Schreibtisch und kippte die Grand Marshall-Plakette, die für das FBI stand, um. Dann lehnte er sich zurück und bildete mit den Fingern ein Zelt über seinem runden Bauch. »Wenn er es tatsächlich ist, habe ich ihn bereits – was brauche ich Sie da noch?«

»Weil es sonst so kommt …« Pender kippte das Namensschild um und stellte die Plakette vor die restliche Gruppe. »Meine Damen und Herren, ich bin Special Agent Publicity-geil vom Federal Bureau of Investigation. Vor wenigen Wochen wurde eine junge Frau unter den Augen eines MONTEREY COUNTY SHERIFFS DEPUTY brutal erstochen, und dann ließ sich dieser Sheriff’s Deputy vom Täter überrumpeln und aufspießen wie so ein verdammtes Schischkebab. Der Verdächtige wurde dann doch noch festgenommen, aber leider hatte das MONTEREY COUNTY SHERIFFS DEPARTMENT nicht die leiseste Ahnung, wen es da in seinem Gewahrsam hatte. Zum Glück war jedoch das FBI dank seiner eigenen Ressourcen in der Lage festzustellen, dass …«

Bustamante unterbrach ihn. »Stellen Sie alles an seinen Platz zurück und warten Sie draußen.«

Hastig räumte Pender den Schreibtisch wieder auf; als er den Raum verließ, sah er den Sheriff nach dem Telefon greifen. Dann hatte er draußen auf dem Flur fünfundvierzig Minuten lang Gelegenheit, sich auf einem harten Holzstuhl wieder abzuregen. Als ihn die Sekretärin des Sheriffs in das Büro zurückholte, saß Bustamante, die in Cowboystiefeln steckenden Füße auf dem Schreibtisch, weit zurückgelehnt in seinem Ledersessel.

»Ich habe gerade mit dem Bezirksstaatsanwalt telefoniert. Solange es sich nicht nachteilig auf die Ermittlungen auswirkt, sind unsere beiden Behörden bereit, uneingeschränkt mit dem FBI zusammenzuarbeiten. Allerdings, sagt er, kann er Ihnen auf gar keinen Fall gestatten, den Häftling zu vernehmen, ohne dass sein Anwalt anwesend ist.«

»Das ist …«

»Lassen Sie mich ausreden. Wir können Sie den Mann nicht ohne seinen Anwalt vernehmen lassen, aber da der Supreme Court verfügt hat, dass ein Häftling im Gefängnis mit Ausnahme von Besprechungen mit seinem Anwalt kein Anrecht auf Privatsphäre hat, verbietet uns nichts, dass wir einen V-Mann zu ihm in die Zelle schleusen, damit er, ich zitiere jetzt den Bezirksstaatsanwalt, ›Nachforschungen über Vergehen anstellt, die in keinem Zusammenhang mit denen stehen, deretwegen der Häftling gegenwärtig angeklagt ist‹.«

»Ich muss das aber selbst machen.« Pender begann mit der Aufzählung seiner Argumente. »Es würde Tage dauern, einen Ihrer –«

»Sie werden es selbst machen.«

»– Leute so weit mit den Hinter– Oh. Klasse. Danke. Wann?«

»Morgen Nachmittag. Wir können Sie unmöglich hier mit ihm zusammenstecken. Zu gefährlich. Und außerdem ist er schon einen Monat in Einzelhaft – er würde merken, dass irgendwas im Busch ist, wenn wir ihm plötzlich einen Zellengenossen zuteilen. Aber morgen hat er vor Gericht eine Anhörung. Das alte Gefängnis neben dem Gerichtsgebäude ist seit einundsiebzig geschlossen, aber den Ostflügel benutzen wir immer noch, um während Gerichtsterminen Häftlinge unterzubringen. Wir können Sie ohne großes Risiko in eine Arrestzelle mit ihm stecken – er wird angekettet sein. Sie natürlich auch, aber das lässt sich nicht ändern. Wir stecken Sie da rein, dann bringen wir ihn ein bisschen früher vorbei – auf diese Weise sind Sie eine Weile allein mit ihm.«

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich –«, begann Pender.

Der Sheriff schnitt ihm das Wort ab. »Bevor Sie mir danken, möchte ich, dass Sie etwas lesen.«

Bustamante nahm seine Füße vom Schreibtisch, beugte sich vor und schob Pender ein fotokopiertes Dokument über den Schreibtisch zu. Es war ein ärztlicher Untersuchungsbericht, in dem die Verletzungen aufgeführt waren, die ein gewisser Refugio Cortes, ein früherer Zellengenosse des Häftlings im Bezirksgefängnis, am ersten Hafttag des Häftlings von diesem zugefügt bekommen hatte.

Pender überflog ihn: Impressionsfrakturen der Augenhöhlen, Nasenbeinbruch, Rippenbrüche, Unterleibsquetschungen. Den Penis zu retten war den Ärzten zwar gelungen, auch wenn er nur noch als Abflussrohr für Urin funktionieren würde; die Hoden jedoch waren unwiederbringlich verloren, zusammen mit dem restlichen Inhalt des Hodensacks.

»Nur schade, dass ich keine Fotos zur Veranschaulichung habe, mein Freund«, sagte Bustamante. »Nur damit Sie wissen, worauf Sie sich da einlassen.«

6

Irene Cogan hatte den Rest des Vormittags damit verbracht, neben Rorschach- und thematischem Apperzeptionstest auch die hundert Fragen umfassende Dissociative Experiences Scale zu machen; den MMPI sparte sie sich für die Nachmittagssitzung auf – die meisten Leute brauchten ein paar Stunden, um alle 567 Fragen des vollständigen MMPI-2 zu schaffen. Doch das klinische Gespräch war so unbefriedigend verlaufen, dass Irene nach der Mittagspause – der Häftling wurde in seine Zelle zurückgebracht; sie selbst stocherte lustlos in einem dubiosen Salat, den sie an einem Schnellimbiss in der Natividad Road nicht weit vom Gefängnis gekauft hatte – beschloss, einen zweiten Versuch zu unternehmen, bevor sie zum nächsten Punkt überging.

»Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern können, bevor Sie im Auto neben der –« Sie zensierte sich mitten im Satz selbst. Sie hatte »tote Frau« sagen wollen, aber sie wollte nicht riskieren, ihn mit befrachteten Wörtern aus der Fassung zu bringen. »Bevor Sie im Auto zu sich gekommen sind?«

»Sie geliebt zu haben.« Das schien wieder das dritte alter zu sein, das verletzliche.

Sie geliebt zu haben. Irene fragte sich, ob diese Wörter in diesem leblosen Raum mit der grellen Neonbeleuchtung jemals zuvor gesprochen worden waren. »Ja, und weiter?«

»Auf dem Rücksitz. In einem Redwoodwald. Das Sonnenlicht fällt in langen, schmalen Säulen durch die Bäume. Sie kniet –« Seine Augen nehmen einen verträumten Ausdruck an. »Sie kniet auf dem Rücksitz und stützt sich auf die Ablage unter dem Rückfenster. Ich bin hinter ihr. Als sie sich vorbeugt, fällt ein Strahl Sonnenlicht auf ihr Haar. Sie hat so wunderschönes rotblondes Haar. Ich teile es am Hinterkopf und küsse jedes Mal ihren Nacken, wenn ich –« Seine Augen schlossen sich; seine Bauchmuskeln spannten sich an, und sein Unterleib zuckte in einer stoßartigen Bewegung nach vorn. »Und jedes Mal, wenn ich sie küsse, sagt sie meinen Namen.«

»Was sagt sie?« Diese Gelegenheit konnte sich Irene nicht entgehen lassen. »Wie nennt sie Sie?«

Die Augen des Häftlings öffneten sich; der verträumte Blick war verflogen, verdrängt von kalt funkelnder Intelligenz. »Sagen Sie mal«, sagte die Persönlichkeit, die sich Max nannte. »Ich habe schon eine Weile nicht mehr in den Spiegel gesehen – habe ich vielleicht ›dumm‹ auf die Stirn tätowiert oder was?«

Mist. »Entschuldigung – fahren Sie bitte fort.«

»Danke, ich verzichte.«

»Nein, wirklich. Ich möchte mich entschuldigen – ich hätte Sie nicht unterbrechen sollen.«

»Dafür ist es jetzt zu spät«, sagte er kalt. Aber gerade als Irene sich Vorhaltungen machte, dass möglicherweise sie diejenige war, die dumm auf die Stirn tätowiert haben sollte, überlegte es sich der Häftling anders.

»Christopher«, flüsterte er und beugte sich so weit zu ihr vor, wie es seine Fesseln zuließen. »Sie nannte mich Christopher.«

»Verstehe. Ist das dann also Ihr Name?«

»Das sollen Sie rausfinden.« Eine gebräuchliche Erwiderung, wenn jemand ein Geheimnis nicht preisgeben will. Aber irgendetwas an der unaggressiven Art, in der er es sagte, an dem steten, amüsierten Ausdruck seiner Augen legte Irene noch etwas anderes nahe. Eine Herausforderung vielleicht – oder ein Angebot, oder eine Gelegenheit.

Um das Minnesota Multiphasic Personality Inventory, kurz MMPI, machen zu können, brauchte Max/Christopher eine freie Hand, um einen Bleistift halten zu können. Widerstrebend erklärte sich der Wärter bereit, die Handschellen von der Kette um seine Hüfte zu lösen. Seine Handgelenke ließ er jedoch weiter mit Handschellen aneinandergekettet, und er bestand auch darauf, mit seiner Dose Pfefferspray und seinem Knüppel im Raum zu bleiben.

»Dieser Test enthält fünfhundertsiebenundsechzig Statements«, erklärte Irene. »Sie sollen jetzt –«

»Wie Sie bereits festgestellt haben, weiß ich, wie es geht«, unterbrach er sie.

»Ich muss sicher gehen, dass –«

»Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz, Doktor«, sagte er, jedes Wort sorgfältig abgemessen. »Beleidigen Sie nie meine Intelligenz.«

Irene reichte ihm den stumpfen, weichen Bleistift und sah bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal, dass die Innenflächen seiner aneinander geketteten Hände von Narben überzogen waren. Als er merkte, dass sie seine Hände betrachtete, begann er sie zu Fäusten zu ballen, überlegte es sich dann aber anders und öffnete sie für sie, mit den Handflächen nach oben. Sie schaffte es, nicht zusammenzuzucken. Seine Fingerspitzen waren knochig, fast skelettartig – unter dem glänzenden Narbengewebe war die langgezogene Sanduhrform der distalen Fingerglieder zu erkennen, und über die Handflächen spannten sich straff grell weiße Flecken faltenloser Haut.

»Wie ist das passiert?«, fragte sie ihn.

»Ich hatte die glorreiche Idee, ein Feuer mit bloßen Händen löschen zu wollen.«

»Sind das Transplantate?«

»Von den Pobacken.« Er lachte bitter. »Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass ich keinen haarigen Hintern habe.«

»Wie alt waren Sie damals?«

»Alt genug, um es besser zu wissen.«

»Das muss schrecklich schmerzhaft gewesen sein.«

»Ich war froh über die Schmerzen.«

»Oh?«

»Schuldgefühle, wissen Sie. Brennen stärker als Feuer.« Und als er Irenes neugierigen Blick bemerkte: »Und das ist alles, was ich zu diesem Thema zu sagen habe.« Er nahm den Bleistift in die linke Hand. »Wenn Sie so weit wären, Doktor Cogan; ich bin bereit.«

»Gut … Fangen Sie an.«

Irene sah auf die Uhr und notierte sich die Zeit – 13 Uhr 04. Sie hielt auch ein weiteres Augenverdrehen und Liderflattern fest – anscheinend würde eine der anderen Persönlichkeiten den Test machen. Oder zumindest wollte er sie das glauben machen.

In der Annahme, der MMPI würde mindestens zwei Stunden dauern, hatte sie mehrere Zeitschriften mitgenommen, aber sie hatte kaum das letzte Heft des American Journal of Psychiatry durch, als der Häftling verkündete, er sei fertig.

Irene sah auf die Uhr – es war 14 Uhr 02 – und schüttelte ungläubig den Kopf. »Ihnen ist hoffentlich klar, dass es sich in den Ergebnissen widerspiegelt, wenn Sie einfach aufs Geratewohl antworten.«

»Das war, glaube ich, die F-Scale.« Er grinste stolz. »Geben Sie mir noch einen.«

»Wie bitte?«

»Lassen Sie mich einen anderen MMPI machen – haben Sie noch einen dabei?«

»Ja, aber –«

»Lassen Sie mich noch einen machen.«

»Aber warum?«

Er beugte sich vor; der Wärter, der schräg hinter ihm saß, erhob sich halb von seinem Stuhl.

»Das werden Sie gleich herausfinden«, flüsterte der Häftling. Und dann, für den Fall, dass sie die Anspielung nicht verstanden hatte, flüsterte er die Wörter noch einmal. »Das werden … Sie … gleich … herausfinden.«

Wie in: Das sollen Sie herausfinden. Irene griff in ihren Aktenkoffer und nahm einen anderen Fragebogen heraus.

Der Häftling schaffte den zweiten MMPI in etwas mehr als einer Stunde. Wieder hatte er vor und nach dem Test die Persönlichkeiten gewechselt, behielt aber zwischen den Persönlichkeitswechseln den Kopf hartnäckig unten, sodass Irene nicht mitbekam, was in ihm vorging.

»Wie lang wird es dauern, bis Sie die Ergebnisse zurückbekommen?«, fragte er, als der Wärter seine Handgelenke wieder an der Kette um seine Taille befestigte und dann mit seinem Klappstuhl den Raum verließ.

»Bis ich sie zurückbekomme?«

»Ja. Sie schicken die Fragebogen doch ein, oder nicht? Um sie auswerten zu lassen? Oder machen Sie das selbst?«

Irene wich der Frage aus. »Warum fragen Sie?«

»Ich habe mich nur gefragt, wann unsere nächste Sitzung sein wird.«

»Im Moment kann ich Ihnen nicht einmal sagen, ob es überhaupt eine nächste Sitzung geben wird. Möglicherweise muss ich Sie gar nicht mehr sehen, um mein Gutachten zu machen – das hängt hauptsächlich von den Testergebnissen ab.«

»Was das angeht, mache ich mir keine Sorgen«, erwiderte er zuversichtlich. »Sobald Sie die Ergebnisse zurückbekommen, werden Sie noch mal mit mir sprechen wollen – das garantiere ich Ihnen.«

»Was Sie nicht sagen. Und warum?«

»Weil Ihnen sowas wie ich noch nie untergekommen ist.«

»Wenn das so ist, werde ich Ihnen mit Sicherheit ganz besondere Aufmerksamkeit schenken.«

»Werde ich Ihnen gaanz be-ssonnn-de-re Aufmerk-ssam-keit schenken.« Wieder eine vernichtend exakte Imitation, diesmal mit einem Hauch von Verdrießlichkeit. Dann, mit seiner eigenen Stimme: »Behandeln Sie mich nicht so gönnerhaft, Dr. Cogan. Ich habe nichts getan, womit ich diesen Ton verdient hätte.«

»Sie haben Recht, und ich entschuldige mich«, sagte Irene prompt. »Ich werde die Tests heute Abend auswerten – falls ein zweites Gespräch nötig ist, wird es wahrscheinlich innerhalb der nächsten zwei Tage stattfinden.«

»Ich freue mich schon darauf«, sagte der Häftling.

Als Irene den Hörer des schwarzen Telefons an der Wand abnahm, kehrte sie ihm zum ersten Mal an diesem Tag den Rücken zu.

»Wir sind hier jetzt fertig«, sagte sie der Wärterin, die sich am anderen Ende der Leitung meldete. Die Frau sagte, es werde sofort jemand kommen. Als Irene sich darauf wieder umdrehte, hatte sie den Eindruck, es mit einer vierten Persönlichkeit zu tun zu haben – er war vollkommen in sich zusammengesunken, als wäre er plötzlich sehr erschöpft, und an seinem rechten Auge hatte er einen leichten Tick.

»Da ih-ih-ist noch eine Sache«, sagte er. Das Stottern auf den Anfangsvokalen war neu. »Wenn es möglich wäre, uh-uh-unter anderen Umständen sozusagen, könnten Sie sich da vorstellen, uh-uh-uns als Patienten zu nehmen?«

»Ich habe nicht viel übrig für hypothetische Annahmen.« Irenes Argwohn verschärfte sich – drei Multiple, die ihr ganzes Leben lang versucht hatten, ihre dissoziierten Identitäten zu tarnen, verwendeten, wenn überhaupt, nur äußerst selten schon vor einer mehrmonatigen Therapie die erste Person Plural. Sie wuchtete ihren Lederkoffer auf den Schreibtisch und begann, ihre Sachen einzupacken. »Auf jeden Fall könnte ich dazu keine definitive Aussage abgeben, solange ich noch keine Arbeitsdiagnose gestellt habe. Ich habe eine kleine, ziemlich spezialisierte Praxis, und ich könnte Ihnen an diesem Punkt noch nicht sagen, ob Sie die Parameter erfüllen. Eines kann ich Ihnen allerdings schon sagen – ich könnte keinen Patienten behandeln, der mir nicht einmal so viel vertraut, dass er mir seinen Namen sagt.«

»Da haben Sie ah-ah-allerdings Recht«, antwortete der Häftling. Ein weiteres Augenverdrehen, ein weiterer Persönlichkeitswechsel, als der Wärter hinter ihm den Raum betrat. Dann, geflüstert: »Übrigens, bei der nächsten Sitzung, wenn es irgendwie geht, könnten Sie da vorher vielleicht eine Packung Camels besorgen. In diesen Benson and Hedges ist nicht genug Nikotin, um eine Laborratte zu beruhigen.«

»Vielleicht«, sagte Irene. »Wenn es zu einem nächsten Mal kommt.«

»Danke«, sagte er hastig, als ihm der Wärter auf die Schulter tippte.

»Aufstehen, los – gehen wir.«

»Aber klar doch, Sie sind hier der Boss. Sie haben schließlich das Betäubungsgas.«

»Wiedersehen, Christopher«, sagte Irene und ließ ihren Aktenkoffer zuschnappen. Sie wollte sehen, wie er auf den Namen reagierte.

»Nennen Sie mich Max«, sagte er zwinkernd und schlurfte an der Seite des Wärters auf die Tür zu.

»Wiedersehen, Max.« Irene war sich nicht sicher, was sie, wenn überhaupt etwas, aus dem letzten Schachzug gelernt hatte.

Der Häftling drehte sich um und zwinkerte ihr noch einmal zu, diesmal mit einem breiteren Grinsen. »Gute Nacht, Irene«, rief er in Anlehnung an den alten Schlager, als ihn der Wärter zur Tür hinaus schob. »Bis gleich in meinen Träumen.«

7

Einmal von Bustamantes Warnung abgesehen, wusste Special Agent E. L. Pender besser als die meisten, worauf er sich da einließ. (E. L. stand für Edgar Lee, aber kein FBI-Mann, der Edgar hieß, benutzte seinen Vornamen längere Zeit dienstlich.) Er war 1972 im Alter von 28 Jahren zum FBI gekommen, nachdem er zuvor sechs Jahre als Sheriff’s Deputy des Cortland County gearbeitet und in seiner Freizeit einen Abschluss in Kriminologie erworben hatte.

Danach musste er sich erst einmal fünf Jahre lang bei der Dienststelle in Arkansas den Wind um die Nase pfeifen lassen, bevor er nach New York versetzt wurde. Auch seiner Frau Pam pfiff der Wind um die Nase, als sie versuchte, in New York mit demselben Gehalt über die Runden zu kommen, das er in Arkansas verdient hatte – damals gab es für FBI-Agenten noch keine Ausgleichszulage.

Ende der siebziger Jahre war Pender nach Washington versetzt worden, um Steve McDougal, seinem alten Zimmergenossen von der FBI-Academy, bei der Bildung einer Einheit zu helfen, welche die Ermittlungen zu Serienmorden koordinieren sollte, die sich auf mehrere Zuständigkeitsbereiche erstreckten. Nie wieder, so hoffte man, sollte ein Serienmörder einen Vorteil daraus ziehen können, dass er von einem Zuständigkeitsbereich in einen anderen überwechselte.

Und in den darauf folgenden zehn Jahren war Pender einer der Stars des FBI geworden. Er hatte im ganzen Land Serienmörder gejagt, war von einer Sondereinheit zur anderen gekommen, war immer dort gewesen, wo seine Erfahrung gerade gefragt war, und hatte in seiner Freizeit für die VICAP-Archive – Violent Criminal Apprehension Program, Programm zur Ergreifung von Gewaltverbrechern – inhaftierte Serienmörder befragt.

Als jedoch die neunziger Jahre ins Land zogen, ging es sowohl mit Penders Karriere als auch mit seiner Ehe immer stärker bergab. Zu viele Dienstreisen, zu viele Affären auf beiden Seiten und zu viel Alkohol. Hätte nicht Steve McDougal seinen beachtlichen Einfluss in die Waagschale geworfen, hätte Pender außer seiner Frau ziemlich sicher auch seinen Job und seine Rente verloren.

Was sein Leben anging, hatte Pender zwar gerade noch die Kurve gekriegt, aber seine Ehe und seine Karriere sollten sich nicht mehr erholen. Nach der Scheidung und einer Entziehungskur verbrachte er den größten Teil seiner Zeit am Schreibtisch, wo er Verbrechensdatenbanken nach Mustern durchforstete, die darauf hindeuteten, dass irgendwo ein Serienmörder sein Unwesen trieb.

Gelegentlich schickte ihn McDougal auch los, um einen inhaftierten Straftäter zu vernehmen, der verdächtigt wurde, in mehreren Zuständigkeitsbereichen Verbrechen begangen zu haben, aber es war allen Verantwortlichen klar, dass Ed Pender nie mehr einen Fall als Außendienstermittler übernehmen würde, nicht nach dem Fiasko von 1994. Er konnte sogar von Glück reden, dass er nach allem, was er sich damals geleistet hatte, seinen Job nicht verloren hatte. Obwohl ihm der SAC, der zuständige Special Agent, ausdrücklich untersagt hatte, die Öffentlichkeit über den Fall zu informieren, hatte er in Reeford, Pennsylvania, eine Pressekonferenz abgehalten.

Die vermisste Frau sei über achtzehn, hatte die Argumentation des SAC gelautet, sie habe einen schwärmerischen Brief des Inhalts hinterlassen, dass sie mit dem Mann ihrer Träume durchgebrannt sei, und es gebe keinerlei Anzeichen einer gewaltsamen Entführung: kurzum nichts, was gerechtfertigt hätte, die Öffentlichkeit zu warnen, dass ein neuer Serienmörder frei herumlief.

Doch Pender hatte den SAC darauf hingewiesen, dass die vermisste Gloria Whitworth, soweit er dies nach Durchsicht der NCIC-Vermisstendateien feststellen könne, zufällig mindestens die sechste rotblonde Frau sei, die in den letzten sechs Jahren mit dem Mann ihrer Träume durchgebrannt und dann spurlos verschwunden sei.

»Die ganze Geschichte stinkt zum Himmel«, hatte Pender argumentiert. »Wir haben diese ganzen Frauen. Ihr Aussehen lässt sich als bestenfalls hausbacken bis hin zu schlichtweg unansehnlich bezeichnen – bis auf ihr Haar; sie haben alle auffallend schönes rotblondes Haar. Keine von ihnen hat viele menschliche Kontakte – keine Liebhaber.

Dann verlieben sie sich plötzlich in einen geheimnisvollen Unbekannten. Er achtet peinlichst darauf, dass ihn keine Freunde oder Angehörige der Frau zu Gesicht bekommen. Hinterlässt keine Fotos und keine Fingerabdrücke, aber die Personenbeschreibungen stimmen mit den Sichtungen überein, die wir haben – klein, zierlich, gut aussehend, dunkle ...

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