Logo weiterlesen.de
Die Galeristin

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Heiße Fotos
  5. Coup de Foudre
  6. Cocktails
  7. Ein sehr langer Tag
  8. Wenn die Katze aus dem Haus ist
  9. Der Morgen danach
  10. Die Lieferung
  11. Die Kunst des Essens
  12. Sinclair Solo
  13. Belgiques Bombe
  14. Klein beigeben
  15. Das feine Kostüm
  16. Man lernt sich kennen
  17. Doppeltes Misstrauen
  18. Heimlichkeiten
  19. Vorübergehend in Savannah
  20. Drei Grazien
  21. Die Kunst der Liebe
  22. Das Künstler-Café
  23. Der Aquarium Klub
  24. Coup d'État
  25. Art Vivant!
  26. Epilog

Heiße Fotos

Während eines sich träge dahinziehenden Nachmittags saß Eden Sinclair, Leiterin der exklusiven Galerie Raton, im noblen Bezirk von Midtown Atlanta, allein in ihrem Büro. Ein warmer Sonnenstrahl fiel durch das Oberlicht auf ihre Schultern und das kastanienbraune Haar und legte sich wie flüssiges Gold auf die glatte Oberfläche ihres Ahornschreibtischs. Von dort prallten die Strahlen auf eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotos, die Eden um sich gruppiert hatte, und verliefen sich auf dem Perserteppich.

Eden beobachtete, wie die Sonnenstrahlen das Muster des Teppichs veränderten, große und kleine goldene Flecken besprenkelten das blasse Rot. Sie wurde an die Geschichte von Zeus aus der griechischen Mythologie erinnert. Er hatte seinen goldenen Samen über die ahnungslose Danae gesprüht und sie geschwängert; neun Monate später gebar sie den Perseus.

Eden, die ihr dichtes Haar sehr kurz trug, was ihr ovales Gesicht unterstrich, seufzte ungeduldig. Was brachte sie nur auf den Gedanken von Zeus' Ejakulationen? Sie streifte ihre Sandalen ab und erhob sich.

Sie war groß und anmutig. Während sie sich streckte, fuhr sie mit den Händen über ihren Rock, der ihre Figur umschmiegte. Das eng sitzende Leinenkostüm war in einem wunderbaren Dunkelblau gehalten, das ihrer Augenfarbe entsprach. Eden sammelte eine Hand voll Fotos ein und schlenderte hinüber zu der niedrigen Balustrade aus Teakholz, die ihr Büro im offenen Zwischengeschoss begrenzte.

Von der Balustrade konnte Eden fast den gesamten Ausstellungsraum überblicken, in dem gewöhnlich die teuren Kunstgegenstände gezeigt wurden, die von den Kunden der Galerie so geschätzt wurden. Aber an diesem Nachmittag waren die Wände leer. Edens Blick fiel auf die kahlen Wände, auf die polierten Ahorndielen des Bodens und auf die geschwungene Wendeltreppe, über die Besucher in ihr Büro gelangten. Aber heute gab es keine Besucher, keine Kunst und keine Künstler.

Sie betrachtete noch einmal die großformatigen Fotos in ihrer Hand und bewunderte die anatomischen Einzelheiten der Bronzestatuen von männlichen und weiblichen Körpern. Selbst auf den Fotos wirkten sie monumental. Einige der Statuen waren Einzeldarstellungen, andere bestanden aus Gruppen von Menschen, manche in sexuelle Aktivitäten verstrickt.

Jedes Mitglied der Skulpturenmannschaft strömte sinnliche Macht aus, die sogar auf den Schwarz-Weiß-Fotos, achtzehn mal zweiundzwanzig Zentimeter groß, erkennbar wurde. Eden konnte es nicht erwarten, sie in der bronzenen Version zu sehen, wie sie die Galerie mit ihrer sexuellen Energie füllten.

Aber noch gähnte da unten nichts als Leere. Zum zehnten Mal in der letzten halben Stunde fragte sich Eden, wo die Bronzestatuen blieben.

Gestern Nachmittag hatte Eden die Galerie geräumt, um Platz für die neuen Ausstellungsstücke zu schaffen, und dann hatte sie zwei Mitarbeiter mit einem der Lieferwagen der Galerie nach Savannah geschickt, um die Statuen aufzuladen. Savannah lag etwa viereinhalb Stunden entfernt an der Küste Georgias. Der Schöpfer der Skulpturen, ein schottischer Künstler namens Michael MacKenzie, hätte sie längst anrufen sollen, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren.

Eden musste die neuen Bronzeplastiken sehen, ehe sie andere Werke auswählen konnten, die dazu passten. Ihr Boss, Alexander Raton, hatte erst vor zwei Tagen entschieden, dass MacKenzies Skulpturen den Mittelpunkt der Sommerausstellung bilden sollten.

Schon die Fotos zeigten Eden, dass die Arbeiten von MacKenzie sehr gut waren, aber die Entscheidung ihres Chefs in letzter Minute zwang sie, die gesamte Ausstellung neu zu formieren. Sie hatte den Katalog beim Drucker zurückziehen müssen - neun Tage vor der Eröffnung. Stattdessen hatte sie schlichte Einladungskarten ohne Bilder und nur mit wenigen Angaben an die Stammkunden der Galerie geschickt.

Eden ging in ihrem Büro unruhig auf und ab. Dies war nicht die professionelle Art, eine Galerie zu führen. Sie war gereizt und angespannt. Sie wollte zum Telefon greifen und den Empfang anrufen. Angela St. John hatte vielleicht etwas über den Transport der Skulpturen gehört. Aber noch während Eden zum Hörer griff, sah sie unten eine Bewegung.

Eden schaute hinunter in das Foyer der Galerie und sah, dass die honigblonde Angela anderweitig beschäftigt war. Im Mittelpunkt des Interesses der jungen Assistentin stand nicht die unmittelbar bevorstehende Ankunft der neuen Ausstellungsstücke, sondern ein einheimischer Reporter, Winston Fineman, der auch als gelegentlicher Kritiker der Atlanta Democrat arbeitete. Während Eden von oben zuschaute, schritt der große, kantige Fineman durchs Foyer auf Angelas Schreibtisch zu.

Die Assistentin stand vor ihrem Schreibtisch, eine Backe des kleinen festen Pos auf der Kante. Der Rock war die Schenkel hochgerutscht. Sie trug Schuhe mit Pfennigabsätzen.

Sie plauderten und lachten miteinander. Der große Fineman überragte sie turmhoch. Angela überreichte ihm ein Skizzenbuch, aber auf ihrem Beobachtungsposten sah Eden, dass dem Mann nicht der Sinn nach Kunst stand. Er starrte auf Angelas feste Brüste, die in der tief ausgeschnittenen Bluse zu erahnen waren.

Erst kürzlich hatte Eden bemerkt, dass Angela - wie so viele in der Kunstbranche - an der eigenen Karriere als Künstlerin arbeitete. Vor einer Woche hatte sie ihr Skizzenbuch mitgebracht, um es Fineman bei Gelegenheit vorzulegen. Seither hatte sie ihn umbuhlt und auf den günstigen Moment gewartet, ihm das Skizzenbuch zur Beurteilung in die Hand zu drücken.

Eden selbst hatte sich auf Angelas Bitte hin das Skizzenbuch angesehen, und sie war recht beeindruckt gewesen. Die meisten ihrer Figuren waren Akte, und für eine junge Künstlerin war Angelas Technik, die Muskeln und Knochenstruktur des menschlichen Körpers darzustellen, fast vollkommen. Eden hatte einige Akte als klassische Posen ihrer eigenen Kunstausbildung wiedererkannt, denn auch sie hatte mit dem Gedanken gespielt, ausführende Künstlerin zu werden.

Sie war auch ziemlich gut gewesen, dachte Eden lächelnd, obwohl es schon Jahre her war, dass sie ernsthaft gezeichnet hatte. Wie viele Künstler hatte Eden eine Reihe von Jobs angenommen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Schließlich hatte sie sich darauf konzentriert, in Galerien zu arbeiten und die Kunst anderer Menschen zu betreuen, statt selbst Kunst zu produzieren. Sie nutzte ihr geübtes Auge, um das Talent anderer Künstler zu entdecken.

Beim Betrachten der einzelnen Blätter von Angelas Arbeiten war Eden aufgefallen, welche Zeichnungen von leibhaftigen Modellen angefertigt worden waren und welche nach Statuen. Etwa die Hälfte der Bleistiftskizzen vibrierten mit einer besonderen Energie, die den anderen trotz der flotten Technik fehlte.

Diese besseren Zeichnungen zeigten alle einen jungen Mann, und einige stellten ihn in den verschiedenen Stadien sexueller Erregung dar. Eden erinnerte sich an eine Zeichnung, die sie mit Begeisterung und prickelndem Vergnügen angeschaut hatte. Sie zeigte den jungen Mann auf einer bedeckten Couch, wie er seinen stark erigierten Penis mit offensichtlichem Wohlgefallen streichelte, während er den Betrachter offen anschaute, ein träges Lächeln um die Lippen.

Angelas Zeichentechnik hatte sowohl die physischen Details der Anatomie ihres Modells eingefangen wie auch die starke sexuelle Energie, die ebenso kurz vor dem Ausbruch stand wie der Samen des jungen Mannes. Diese Zeichnung war mit lockerer Hand angefertigt, mit wenigen gekonnten Strichen.

Eden stellte sich vor, dass Angela so schnell arbeitete, um den Zauber des Augenblicks einzufangen, bevor sie ihrer Lust nachgab, Bleistift und Zeichenblock in die Ecke warf und sich vor ihren Geliebten (das musste er wohl sein) kniete, um den köstlich aussehenden Schaft tief in den Mund zu nehmen und die Sahne des Geliebten zu schmecken. Vielleicht hatte Angela auch ihre Kleider vom Leib gerissen und sich auf das beeindruckende Glied gestürzt, um es die letzten Sekunden vor dem Ausbruch zu reiten.

Aber nach nur wenigen weiteren Zeichnungen verschwand der Mann von Angelas Seiten; er wurde von gewissenhafteren, aber auch langweiligeren Studien klassischer Statuen ersetzt. Irgendwie war Eden enttäuscht, sowohl als Kritikerin wie auch als neutrale Betrachterin; sie spürte, dass Angelas Arbeiten etwas verloren hatten - und Angela wahrscheinlich auch. Die einzige Erklärung für die plötzliche Abwesenheit des jungen Mannes konnte nur sein, dass die Affäre ein Ende gefunden hatte.

Das Skizzenbuch in die Galerie mitzubringen war erst der Auftakt für größere Maßnahmen gewesen. Heute hatte Angela ein Gemälde mitgebracht, damit Winston Fineman es beurteilen konnte. Jetzt sah sich Eden das Gemälde an, es stand unten am Empfangsschalter und zeigte wieder den jungen Mann, der so oft und so erregt in Angelas Skizzenbuch vertreten gewesen war.

Auf dem Ölgemälde hielt sich die sexuelle Ausstrahlung des Mannes in Grenzen. Er war zwar nackt, aber seine Haltung war eher zurückhaltend. Sein Penis war schlaff, und seine Hände waren mit einem Buch beschäftigt, während er auf der Couch lag, die Eden schon von den Bleistiftskizzen kannte.

Während Eden ihnen zuschaute, führte Fineman die Assistentin am Arm zu ihrem Gemälde.

»Das Bild fängt die Stimmung deiner besten Zeichnungen ein«, hörte Eden den Kritiker sagen. »Es steht zweifelsfrei fest, dass du deine besten Arbeiten vom lebenden Modell fertigst und nicht von den klassischen Vorlagen. Man sieht, dass du auf dein Modell reagierst, du fängst die sexuelle Ausstrahlung ein, ob dein Modell nun erregt ist oder nicht.«

Nicht schlecht, dachte Eden, die über dem Balkon lehnte und das Paar beobachtete. Fineman hatte zwar von Angelas Kunst gesprochen, aber seine Ausführungen konnten nahtlos auf eine persönlichere Ebene gleiten. Sie hätte beinahe aufgelacht, als Fineman ihre Intuition mit der nächsten kleinen Ansprache umsetzte.

»Es ist leicht für mich, deine Arbeit aus einer akademischen Perspektive zu kritisieren«, begann er. »Ich könnte die Qualität deiner Strichführung herausstellen und die Art, wie du mit der Farbe umgehst. Mir gefällt, wie du die Farben mischst, du nimmst nicht einfach, was aus den Tuben kommt.«

Angela war hingerissen; verzückt hörte sie dem Kritiker zu.

Fineman fuhr lächelnd fort: »Aber ich könnte dir eine größere Hilfe sein, wenn ich dich bei der Arbeit beobachten könnte. Ich sollte dich in deinem Studio besuchen. Es ist offenkundig, dass deinen Arbeiten eine starke sinnliche Komponente innewohnt, die könnte ich besser analysieren, wenn ich deiner Arbeit zusehe. Wenn du bald Kaffeepause hast, können wir das noch vertiefen.«

Männer waren so leicht zu durchschauen, dachte Eden, als sie zusah, wie Fineman die Assistentin umgarnte. Aber auch Angela hatte Hintergedanken sexueller Natur. Erst jetzt fiel Eden auf, dass Angela ohne Büstenhalter aus der Mittagspause zurückgekehrt war. Durch den dünnen Baumwollstoff der Bluse waren die Umrisse der versteiften Nippel und die Konturen der vollen Brüste deutlich zu erkennen.

Eden hatte volles Verständnis für die Absichten ihrer Assistentin. Angela warf ihre langen honigblonden Haare über die Schultern und lachte fröhlich. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, berührte seinen Mund mit den Lippen und flüsterte dann etwas in Finemans Ohr, was Eden nicht hören konnte.

Als sie sich zum Gehen wandten, legte Fineman eine Hand über Angelas rechte Brust und drückte sie leicht. Mit dem Daumen fuhr er über den einladend erigierten Nippel. Dann gingen sie und nahmen das Gemälde mit.

Der Abgang der beiden vertiefte Edens Gefühl von Einsamkeit in der Leere der Galerie. Ein Blick aus dem einzigen Fenster ihres Büros zeigte ihr die seelenlose Kakofonie von Glas- und polierten Steinfassaden, die das Stadtbild des wirtschaftlichen und kulturellen Atlanta prägten. Die kalten reflektierenden Mauern der neuen Gebäude stahlen die Schönheit der wenigen historischen Häuser, die erhalten geblieben waren.

Die Galerie Raton befand sich in einem dieser alten Häuser, gemeinsam mit Rechtsanwälten und Steuerberatern. Es war ein sehr schönes Gebäude, das ursprünglich als Stadthaus eines wohlhabenden Industriellen errichtet worden war. Jetzt stand es zwischen zwei Wolkenkratzern, die sich verzweifelt um einen Art-deco-Look der Dreißiger Jahre bemühten.

Obwohl es von den Nachbarn zu einem Zwerg degradiert worden war, besaß das Haus, in dem die Galerie beheimatet war, stattliche Ausmaße; insgesamt fünf Stockwerke. Die unteren Etagen gehörten den Rechtsanwälten und Steuerberatern, und die Galerie befand sich in den oberen drei Etagen.

Eden warf ein dickes Kissen von der Chaiselongue auf den Boden. Sie nahm die restlichen Fotos vom Schreibtisch und legte sie im Halbkreis auf den Boden, während sie auf dem sonnenbesprenkelten Teppich kniete. Da sie die Skulpturen nicht zur Verfügung hatte, sollte sie vielleicht anhand der Fotos überlegen, mit welchen Exponaten sie die Ausstellung ergänzen konnte.

Aber während sie die sinnlichen Bilder vor sich sah, die athletischen Hüften und muskulösen Schenkel und Hinterbacken, die verführerischen Brüste und Genitalien, wanderten Edens Gedanken.

Die meisten von MacKenzies Skulpturen waren neoklassizistisch, inspiriert von Meisterwerken wie Giorgiones berühmtes Gemälde Schlafende Schönheit. Eden betrachtete MacKenzies Version dieses Motivs, eine üppige Odaliske, deren linke Hand sanft in ihrem Schamhaar ruhte, die Fingerspitzen zwischen den Labien.

Eden studierte das Bild dieser eleganten Frau, und wie von selbst glitt ihre Hand zwischen ihre Schenkel. Sie hob den Rock an und strich über die dünne Seide ihres Slips. Sie ließ sich auf das Kissen nieder und streichelte die empfindliche Haut der Innenseiten ihrer Schenkel, während sie ein Liebespaar anschaute.

Die Skulptur zeigte eine nackte Frau, die ihren Geliebten entkleidete. Die Brustwarzen der Frau waren fest und steif, und eine Beule unter dem Hosenstoff des Mannes zeigte dessen Erregung. Eden spürte, wie sich ihre Warzen unter der Bluse spannten. Diese Skulpturen waren mehr als nur ein paar geschickte Nachbildungen alter Meistervorlagen. Die Bewegungen und Leidenschaften ihrer Liebesbezeugungen waren zeitlos, aber die Figuren stammten aus unserer Zeit.

Eine junge Rechtsanwältin aus dem nebenan aufragenden Büroturm hätte zum Beispiel Modell für MacKenzies Venus gestanden haben können, und sein Mars glich ein wenig dem Investmentberater der Magnolia National Bank weiter unten auf der Straße.

Edens Aufmerksamkeit kehrte zu der einzelnen weiblichen Figur zurück, die sich selbst streichelte. Ob die behutsamen Liebkosungen dazu dienten, sich auf den Geliebten vorzubereiten, oder ob sie ein Ersatz für den abwesenden Partner sein sollten, blieb unklar. Eden neigte zur letzten Erklärung. In ihrem Leben gab es momentan auch keinen Mann.

Seit über einem Jahr war Eden solo, deshalb gestattete sie sich, vom erotischen Funken der Fotos angeregt zu werden. Ihre Gedanken wurden auf einen zunehmend vertrauten Pfad gelenkt. Während die Fotos der Bronzestatuen von mythischen Wesen und Göttinnen in ihrem Kopf tanzten, verlegte sie ihre Tagträumereien in die Galerie mit ihren Kollegen, Kunden und Künstlern.

Eden genoss diese Fantasien, aber letztlich blieben sie unbefriedigend. Sie mussten Fantasien bleiben, mahnte sie sich, denn seit Jahren hatte sie zum Gesetz erhoben, sich nie mit Kollegen oder Geschäftspartnern einzulassen. Sie hatte zu viele Fälle erlebt, in denen der Ruf aufs Spiel gesetzt wurde, weil Loyalität und Objektivität gebrochen wurden. Sex mit ihren Künstlern war tabu - aber davon träumen schadete niemandem.

Obwohl sie den Mann, der ihr Boss war, eigentlich nicht mochte, konnte Eden es nicht verhindern, dass sie über Alexander Ratons sexuelle Vorlieben und Qualitäten spekulierte. Seine hoch aufgeschossene, hagere, grauhaarige Gestalt schien immer im selben italienischen maßgeschneiderten Anzug zu stecken. Wahrscheinlich hatte er Dutzende dieser Anzüge, dachte Eden, denn er sah stets wie aus dem Ei gepellt aus. Selbst in der flirrenden feuchten Hitze der Sommer in Atlanta schien er nie zu schwitzen; er duftete immer nach Lavendel.

Eden beschwor einen erotischen Tagtraum herbei und stellte sich Alexander Raton als einen von MacKenzies Satyren vor, der nackt war und seine langen Finger über ihre Haut gleiten ließ, während er sie von den Kleidern befreite. Sein gestrenges Aussehen wandelte sich zu einer Grimasse der Lust, als er sein Gesicht zwischen ihre Schenkel drückte und mit der langen Zunge über ihre Klitoris leckte.

Während Eden sich vorstellte, von einem unersättlichen Verlangen verzehrt zu werden, verwandelte sie Raton in den ähnlich großen und schlanken Winston Fineman, den sie zuletzt gesehen hatte, wie er mit Angelas Nippeln spielte. Eden entwarf ein Bild, in dem Fineman mit Angela auf einem großen Bett lag, Angela die Beine weit gespreizt; ihre Schamhaare so blond wie die Lockenfülle auf dem Kopf.

Die beiden wandten sich Eden zu und luden sie ein, sich in ihr Liebesspiel einzubringen. Fineman nahm eine Hand von Angelas Geschlecht zu seinem eigenen, hielt seinen Schaft hoch zu einem verführerischen Versprechen.

Auf der anderen Seite des Bettes stellte Eden sich Justin und Paul vor, die Auslieferungsfahrer der Galerie, die nun als junge Amoretten dastanden. Ihre Körper glänzten muskulös, und ihre steifen Glieder wiesen direkt auf Eden.

In ihrem Traum fand sich Eden bald im Mittelpunkt des Geschehens wieder; Fineman und Angela streichelten ihren Po und leckten ihre Klitoris, während die beiden strammen Kerle vor ihr standen und ihr bestes Stück präsentierten.

Ihre Liebesknospe pulsierte vor Lust, und sie wusste, dass sie dem Orgasmus entgegentrieb.

Ihr Traum zerschellte, als das Telefon klingelte.

Coup de Foudre

Eden saß auf dem Boden, die Beine gespreizt, eine Hand im Slip. Und streckte die andere Hand nach dem Telefonhörer aus. Sie musste sich knien, um den Hörer zu erreichen, und gleichzeitig zog sie die Hand aus dem Slip. Ihr Gefühl der Unwirklichkeit verflog, als sie Angelas Stimme am anderen Ende der Leitung vernahm. Eden schnappte nur einen Satz auf.

»Er findet, dass es sehr sexy ist.«

Eden begriff sofort, dass Angela von Finemans Meinung über MacKenzies Arbeiten redete. Erst als Angela die wichtigste Meldung des Tages weitergab, kehrte Eden ganz in die Realität zurück.

»Eden, die Jungs haben von unterwegs angerufen. Ihr Handy muss neu aufgeladen werden, deshalb konnten sie sich nicht früher melden. Auf der Interstate 16 hat es einen Stau gegeben, aber jetzt sind sie auf dem Beltway. Die Skulpturen müssen bald in der Galerie sein.« Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu: »Oh, und Winston wird zu dir ins Büro kommen. Er will ein paar markante Sätze von dir über die Ausstellung zitieren. Er schreibt nämlich eine Kritik über die Schau.«

Nachdem sie den Hörer wieder aufgelegt hatte, sammelte Eden rasch die sinnlichen Fotos der bronzenen Skulpturen ein, stand auf und strich ihren Rock glatt. Das Kissen legte sie zurück auf die Chaiselongue. Sie bückte sich ein zweites Mal, um ihr Jackett aufzuheben, das sie während ihrer lustvollen Fantasien abgestreift hatte. Ihre schlichte, quittengelbe Bluse gab ihr ein weniger formelles Aussehen, deshalb legte sie die Kostümjacke auf die Couch. Sie setzte sich auf das butterweiche Leder und bemerkte, wie ihr Rock hochrutschte.

Sie blickte hinunter in den Ausstellungsraum und sah, dass Winston Fineman zu ihr hochschaute. Sie spürte ein starkes Ziehen im Schoß, als seine Blicke ihren Körper abtasteten. Instinktiv zog sie den kurzen Rock ein wenig hinunter, während Fineman sich langsam über die Treppe ihrem Büro näherte. Sie sah den großen schlaksigen Mann und ließ den Rock, wo er war. Ja, sie bewegte unauffällig die Hüften, wodurch er sogar noch etwas höher rutschte. Die junge Angela mochte zwar ein paar Jahre im Vorteil sein, aber sie brauchte sich auch nicht zu verstecken, dachte Eden.

Sekunden später, als Fineman neben ihr stand, stieg sein Geruch - oder war es sein und Angelas kombinierter Geruch? - in ihre Nase. Während seine Augen ihren Körper erforschten, schlug sie die Beine übereinander, damit Fineman noch etwas mehr zu schauen hatte. Wahrscheinlich hatte er sogar für einen kurzen Moment ihren Slip sehen können.

Eden fühlte sich in ihren Tagtraum zurückversetzt. Sie stellte sich vor, wie sie vor ihm masturbierte. Aber obwohl sie heiß vor Lust war, schaffte es Eden, ihm geschäftsmäßig kühl zu begegnen, ein heftiger Kontrast zu ihrer Pose auf der Couch.

Die Stimme des Kritikers klang unsicher, als er endlich seine Blicke von Edens provozierender Haltung wenden konnte und fragte: »W … wer ist denn nun d … der neue Künstler, von dem Angela mir erzählt hat? Selbst auf den Fotos sehen seine Arbeiten wahnsinnig sexy aus.«

Eden hielt ihn noch eine Weile hin. Es machte ihr Spaß, diesen Mann anzutörnen. Sie erhob sich und bot ihm einen Platz auf der Couch an, während sie zu ihrem Schreibtisch zurückkehrte, der in einer Ecke hinter dem schrägen Dach stand.

Ihr war bewusst, dass die Blicke aus seinen tief liegenden Augen unter den schweren Lidern ihr folgten, und als sie sich von ihm abwandte, bewegte sie provozierend die Hüften. Sie setzte sich schräg in ihren modischen Sessel; die Schulter rechts angelegt, die schlanken Beine nach links ausgestreckt. Die Sonne war weitergewandert, und ein breiter Schatten hatte sich über ihren Schreibtisch gelegt.

»Ich habe ihn selbst noch nicht kennen gelernt«, sagte sie schließlich.

Finemans Augenbrauen hoben sich vor Überraschung. Die Eden Sinclair, die er bei seinen Besuchen in der Galerie kennen gelernt hatte, war kompetent, professionell und effizient. Er wusste, dass Alexander Raton die Tagesarbeit seiner Leiterin überließ, seit sie diese Position vor einem Jahr übernommen hatte.

»Wie kann es geschehen, dass dieser aufregende neue Künstler der Leiterin der Galerie unbekannt ist?«, fragte Fineman. Ihm war nicht entgangen, dass Eden eine sexuelle Energie in Wellen ausstrahlte, die die Temperatur im Büro um einige Grad erhöhte. Er betrachtete sie neugierig, aber Eden hob nur die Schultern.

Diese Frage hatte sie sich auch gestellt.

Fineman erkannte, dass er außer dem Schulterzucken keine Antwort erhalten würde, und wandte seine Aufmerksamkeit einem Folder mit Dias zu, der auf dem Glastisch vor der Couch lag.

Eden bemühte sich, ihre Gedanken auf den neuen Künstler zu konzentrieren, aber immer wieder drängten sich ihr Bilder aus ihrer jüngsten erotischen Fantasie auf, in der Fineman eine große Rolle gespielt hatte. Sie fand ihn nur mäßig attraktiv, vielleicht lag das daran, dass er sich so schamlos an Angela herangeworfen hatte.

Ihr schoss die Frage durch den Kopf, wie er und Angela Liebe machten, wie ihre Körper sich in der Hitze der Lust verschlangen. Fineman hätte das Modell des Peleus sein können, der nackt seiner Geliebten Thetis nachjagte - auch ein Motiv einer Skulptur, das Eden auf dem Foto gesehen hatte.

Alle männlichen Statuen waren mit fein modellierten Genitalien ausgestattet, und die meisten Männer befanden sich im ersten oder fortgeschrittenen Stadium der sexuellen Erregung. Peleus' stolzes Glied bildete da keine Ausnahme, und unwillkürlich huschte Edens Blick zu Finemans Schritt, als wollte sie Länge und Umfang seines Penis abschätzen. Und wie er sich in ihrer Hand anfühlen würde. Sie war ein wenig eifersüchtig auf Thetis - und wohl auch auf Angela.

Das Objekt ihrer erotischen Fantasie schwieg. Fineman saß ihr gegenüber auf der Chaiselongue und blätterte Magazine und Dias von Künstlermappen auf dem niedrigen Glastisch durch. Da drüben schien der Kritiker weit weg zu sitzen, weit genug, um nicht zu bemerken, wie Eden eine Hand unter ihren Rock schob. Sie kauerte sich im Sessel noch ein wenig mehr zusammen, schob die Hand unter den Slip und fragte: »Wollten Sie mir einige Fragen über den Künstler stellen?«

»Ja«, antwortete er. »Ich wollte ein paar zitierbare Aussagen über Ihre Sommerausstellung hören. Unter welches Motto wollen Sie die Schau stellen, und wie passen die Arbeiten dieses neuen Burschen MacKenzie dazu? Ich möchte auch wissen, ob Sie die Skulpturen für sinnlich oder für nur pornografisch halten. Und wie, glauben Sie, werden die kunstinteressierten Bürger von Atlanta die Arbeiten akzeptieren?«

Er hatte einen kleinen Notizblock aus der Tasche genommen und hakte mit der Bleistiftspitze seine Fragen ab.

Gute Fragen, dachte Eden. Sie ließ sich Zeit mit den Antworten, als wollte sie sorgsam nachdenken. Heimlich fuhr sie mit dem Zeigefinger über ihren Venusberg. Die Sekunden tickten, während sie den Slip zur Seite zog und den Finger über ihren Kitzler kreisen ließ, bis er sich versteifte.

Fineman starrte sie an, aber er sagte nichts.

Eden spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, äußeres Zeichen ihrer Erregung, und sagte: »Ich glaube, es gibt keinen Zweifel daran, dass diese Arbeiten sehr klar den Unterschied zwischen wahrhaft erotischer Kunst und schlichter Pornografie deutlich demonstrieren. Sie sind in einer ganz anderen Klasse als zum Beispiel die sexuell expliziten Skulpturen eines Jeff Koons in den neunziger Jahren.« Sie sah ihn an und bemerkte, dass er sie genau beobachtete. »Meiner Meinung nach«, fuhr Eden fort, »fangen MacKenzies Arbeiten dieselbe erotische Emotion und die Details der Sexualität ein, wie es seit Rodin kaum einem gelungen ist.«

Fineman erhob sich. Seine plötzliche Bewegung setzte der sinnlichen Wanderung von Edens Finger ein abruptes Ende. Sie richtete sich in ihrem Sessel auf und hörte Stimmen in der Galerie. In diesem Moment blieb Angela auf der Hälfte der Treppe stehen und rief: »Eden, der Lieferwagen ist da!«

Ein wenig enttäuscht presste Eden die Knie zusammen und stand auf. Fineman schaute nach unten in den Ausstellungsraum. Vielleicht wäre sie tollkühn genug gewesen, Finemans lange Hände unter ihren Rock zu locken und ihn zu einer Fortsetzung dessen einzuladen, was er vorhin vermutlich mit Angela praktiziert hatte. Aber jetzt ging Fineman schon die Treppe hinunter, und Eden sah, wie er über Angelas Hüften und Pobacken strich.

Eden erschauerte.

Schon erregt von Finemans lüsternen Blicken und ihrem Streicheln in seiner Gegenwart, fühlte sie sich heiß, feucht und frustriert. Ihre Labien pochten vor Verlangen, berührt zu werden. Mit einem Finger fuhr sie durch den Stoff ihres Rocks über die starre Klitoris. Bevor sie hinunterging, um die Ankunft der Skulpturen zu überwachen, wollte sie sich zu einem befriedigenden Höhepunkt streicheln, aber als sie über die Balustrade schaute, sah sie Justin und Paul mit der ersten Statue hereinkommen.

Als sie die beiden Auslieferungsfahrer sah, die gerade ihre Last absetzten, spürte Eden eine noch größere Hitze. Unbewusst öffnete sie die beiden oberen Knöpfe ihrer Seidenbluse. Justin war auf eine Böse-Buben-Weise recht verlockend; Eden verglich ihn mit einer Wildkatze. Mit einem Jaguar. Paul war stämmiger, und auch er hatte eine gute Muskelstruktur. Eden genoss es, den beiden bei der Arbeit zuzusehen. Justin hatte sich mit einem kleinen goldenen Ohrring dekoriert, stellte sie fest, und es schien, dass er unter dem Bund der Jeans eine Tätowierung hatte.

Eden sah ihnen eine Weile zu. Jeder der beiden Jungen war sexy, muskulös und braun gebrannt. Sie waren von den Hüften aufwärts nackt. Sie hatten etwas Machomäßiges, das sie antörnte. Eden schloss für einen Moment die Augen und stellte sich vor, zwischen den beiden zu liegen und ihren Nacken und die Schultern zu küssen.

In ihren Gedanken sah sie den Kontrast der gebräunten Männerkörper zu ihrer eigenen blassen Haut. Die langen dunklen Finger spielten mit ihren Brüsten und reizten ihre Vagina. Sie stellte sich ihre blassen Arme zwischen den Schenkeln der jungen Männer vor, wie ihre Hände die steifen Schäfte massierten und rieben.

Immer noch hinter der Balustrade, sah Eden zu, wie Justin und Paul eine bronzene Statue durchs Foyer in den Ausstellungsraum schleppten. Das Spiel ihrer Muskeln erregte Eden, sie musste einige Male schlucken. Justins lange Haare waren im Nacken hochgesteckt - erst vor ein paar Minuten hatte sich Eden vorgestellt, diesen Nacken zu küssen.

Eden bemerkte, dass ein anderer Mann hereingekommen war, ein großer, leicht abgerissen aussehender attraktiver Mann mit einer wilden Haarmähne. Zuerst dachte Eden, er wäre ein zusätzlicher Helfer, denn auch er trug Jeans und ein T-Shirt, und auch er trug eine Statue in den Ausstellungsraum. Die Bronzearbeit kam Eden bekannt vor.

Als der sexy aussehende Fremde die kleine Statue um eine Ecke trug, die Eden nicht mehr einsehen konnte, lief sie zurück zu ihrem Schreibtisch und suchte unter den Fotos. Ah, da war sie!

Die Skulptur zeigte die dreidimensionale Version eines Wandgemäldes von Pompeji; ein nackter Dionysos lag quer über den Brüsten seiner geliebten Ariadne. Eden konnte den strammen Penis der Gottheit sehen, wie er sich zwischen die Schenkel der Geliebten drängte. Mit einer Hand führte er den starren Schaft in Ariadne ein.

Der Weg vom sinnlichen Vorspiel bis zum harten Sex ließ Eden wieder darüber nachdenken, wie die Öffentlichkeit von Atlanta auf die Skulpturen reagieren würde.

Die Stadt liebte zeitgenössische Kunst, aber die Haltung gegenüber freizügiger Kunst war eher provinziell. Das war Eden bewusst, denn in den zwölf Monaten, in denen sie die Galerie leitete, hatte sie schon einige Kämpfe gegen politische Konservative und religiöse Fundamentalisten ausfechten müssen. Beide Gruppen liebten nichts mehr, als den anderen Einwohnern ihre Engstirnigkeit aufzuzwingen. Künstler waren oft das Ziel ihrer Schmähungen. Eden wusste nur zu gut, dass diese Trottel aus ihren Löchern krochen, wenn es um Sex ging.

In diesem Augenblick stieg Alexander Raton die Treppe hoch, und wieder wurde Eden in die Gegenwart zurückgeholt, als sie die Gestalt ihres Arbeitgebers im grauen Anzug sah. Blassblaue Augen sahen sie hinter dicken Brillengläsern an, während Eden einen Blick auf Ratons Schritt warf.

Raton bemerkte nicht, dass seine Angestellte über seine Genitalien spekulierte. Er lächelte und reichte Eden eine weitere Fotoserie, die Einzelheiten der Statuen zeigten, die unten gerade angeliefert wurden.

Obwohl Eden sonst sehr genau darauf achtete, was ihr Boss sagte, hörte sie ihm jetzt kaum zu. Sie schaute wieder hinunter zu Justin und Paul, die gerade eine Statue auf einen Sockel hoben. Aber es war der dritte Mann, der ihnen dabei half, der Edens Aufmerksamkeit anlockte. Raton blockierte ihre Sicht. Als er für einen Moment aufhörte zu reden, vernahm Eden unten einen schottischen Dialekt. Ob er der geheimnisvolle MacKenzie war, dessen Arbeiten sie am Nachmittag zu ihren erotischen Fantasien verführt hatten?

Raton flog die Treppe hinunter und begrüßte den Mann, der es Justin und Paul überließ, die übrigen Statuen in den Ausstellungsraum zu bringen, und jetzt Raton in den Konferenzraum folgte. Minuten später klingelte Edens Telefon. Raton bat sie, zu ihnen zu kommen.

Eden schalt sich, weil sie das Geschehen nicht genauer verfolgt hatte. Sie lief die Treppe hinunter, nachdem sie in hochhackige Sandalen geschlüpft war. Sie warf sich die blaue Kostümjacke über, steckte die Blusenschöße unter den Rockbund und fuhr sich kurz mit den Fingern durch die Haare. Dann raffte sie die Fotos auf ihrem Schreibtisch zusammen.

Sie glühte noch von den Nachmittagsfantasien über die Männer in ihrer Umgebung und schritt mit einem provozierenden Hüftschwung durch die Galerie. Sie blieb kurz stehen, um Justin und Paul vorbeizulassen, die ein weiteres kostbares Exponat anschleppten. Eden bewunderte das Muskelspiel der beiden jungen Männer.

»He, ho«, sagte Justin. »Schöne Frau, da bleibt einem ja die Luft weg, so wie Sie aussehen. Ein Wunder, dass wir das Ding hier nicht fallen lassen.« Er und Paul hievten ein noch verpacktes Objekt auf ein breites Podest, schauten dann auf und blieben stehen, um Eden zu bewundern. Sie musterten sie vom Gesicht bis ganz hinunter zu den Zehen. Paul nahm einen Schluck Mineralwasser aus einer Flasche, die hinter seinem Gurt klemmte, und Eden spürte Justins Blicke auf ihren Brüsten, deren Umrisse durch die beiden geöffneten Knöpfe leichter auszumachen waren.

Sie neckte ihn mit ihrem kürzlich aufpolierten Französisch, was wegen ihres Besuchs von Pariser Galerien erforderlich gewesen war.

»Aimez-vous cettes sculptures, Justin? Les trouvez vous excitant?«

Der junge Mann sah sie einen Moment lang verständnislos an, dann gab er zurück: »Ich verstehe nicht viel von Kunst, meine Liebe, aber ich schätze, ich könnte ein paar Motive mit Ihnen da drüben auf dem Tisch nachstellen.«

Paul riss vor Schreck den Mund weit auf.

Auch Eden war erstaunt über die freche Antwort, aber sie ließ sich nichts anmerken. Nach einer wegwerfenden Handbewegung ging sie weiter und klopfte an die schwere Eichentür.

Die beiden Arbeiter sahen ihr nach, wie der schöne Körper der Chefin im Konferenzzimmer verschwand. Justin blickte seinen Freund an und drückte mit einer Hand die unübersehbare Beule in seinem Schritt.

Paul zischte leise: »Du vergeudest deine Zeit. Ich habe gehört, dass Eden lieber mit Mädchen spielt.«

»Nie und nimmer! Dafür ist sie zu sehr Frau«, gab Justin zurück. »Ich habe gehört, dass sie trocken sitzt. Sie hat niemanden, der es ihr besorgt.«

Paul schüttelte den Kopf. »Irgendeiner wird es ihr schon besorgen. Vielleicht ist sie wirklich lesbisch.«

»Meinst du? Okay, dann müssen wir sie bekehren«, schlug Justin vor. Wieder rieb er die dicke Beule in seiner Hose und fuhr mit einem Finger über die gesamte Länge.

»Ja, du und ich zusammen«, sagte Paul voller Eifer und tat so, als wollte er den Reißverschluss seiner Jeans aufziehen. Die beiden Männer kicherten.

Im Besprechungszimmer war es dämmrig. Eine der beiden Gestalten erhob sich und bot Eden einen Platz an. Dabei trat sie ins Licht einer Stehlampe, und Eden erkannte sie als den rothaarigen Fremden, der Michael MacKenzie sein musste. Auf dem polierten Tisch stand die kleine bronzene Skulptur, die ›Ariadne und ihr Geliebter‹ hieß.

»Wunderschön!«, rief Eden spontan aus, als ihr Blick auf die geschwungene metallene Form der liegenden Figuren fiel. Es war wirklich eine Meisterarbeit. Trotzdem stand nicht die Skulptur im Mittelpunkt von Edens Interesse. Sie spürte sofort die Aura und körperliche Präsenz des ungewöhnlichen Mannes mit der ungebändigten roten Mähne.

Eden stockte der Atem, als sie sich in die Augen sahen. Sie spürte, wie sie errötete. Ihre Hände zitterten leicht, und zu ihrem Entsetzen glitten die Fotos aus ihren Fingern, während es aus ihr herausplatzte: »Oh, Sie sind der Schotte!«

MacKenzie nickte lächelnd und trat einen Schritt näher. Alexander Raton wollte sie einander vorstellen, aber er kam nicht weiter als: »Eden Sinclair, das ist …«

Er brach ab, gebannt von der Intensität der beiden, als sie sich in die Augen sahen. Ohne den Blick zu senken, vervollständigte der Gast den Satz: »… Michael MacKenzie.«

Obwohl sie sich nicht berührt hatten, reagierte ihr Körper, als hielte er sie in seinen muskulösen Armen oder als umfasste er ihre Brüste mit seinen großen Händen.

»Hallo«, murmelte Eden, und danach versagte ihr die Stimme. Sie sah in die dunkelbraunen Augen des Künstlers und verspürte ein höchst erotisches Kribbeln, das sich tief in ihrer Vagina sammelte. Während ihre inneren Lippen feucht wurden, wurde ihr Körper von kleinen, aber heftigen Schauern geschüttelt, viel intensiver als die Gefühle, die ihre Fantasien ausgelöst hatten.

Michael MacKenzies Blick hielt ihrem stand, und Eden spürte eine Hitzewelle, die ihren ganzen Körper erfasste. Ihre Nippel brannten und verhärteten sich. Sprachlos starrte sie weiter wie gebannt in seine mahagonifarbenen Augen, während sie dachte: Mon dieu, c'est un coup de foudre. Wie ein Blitzschlag!

Cocktails

»Ja, ja, ich wollte Sie auch gern kennen lernen«, sagte Eden, als sie sich endlich wieder gefasst hatte und sich wegen ihrer törichten Empfindungen schalt. Nur zögernd gab sie die Hand des Schotten frei; ihr wurde bewusst, dass sie sie fast eine Minute lang festgehalten hatte.

Raton wollte gerade wieder etwas sagen, aber MacKenzie schaute auf die verstreuten Bilder auf dem Teppich und kam dem Galeriebesitzer zuvor, als er zu Eden sagte: »Ich helfe Ihnen.« Er ging vor Eden in die Knie, sammelte die Fotos ein und sagte: »Ah, ich sehe, dass es meine Bilder sind.«

Eden starrte auf seinen Schädel und fühlte einen fast unwiderstehlichen Impuls, die Finger durch seine flammend roten Haare zu wühlen. Aber in Ratons Gegenwart wollte sie sich nicht derart gehen lassen, deshalb ballte sie die Fäuste, um nicht in Versuchung zu geraten.

Von seiner Position auf den Knien schaute er auf und grinste, als er auf die Fotos in seiner Hand deutete. »Das sind die neuesten«, murmelte er und fuhr - wie zufällig - mit dem Daumen über die Brust einer von ihm modellierten Frau.

Eden schluckte, und ein scheues Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie musste daran denken, dass sie ihn für einen Helfer der Auslieferungsfahrer gehalten hatte. Sie sagte schlicht: »Ihre Skulpturen sind sehr schön.« Sie bewegte sich näher auf ihn zu, und der Saum ihres kurzen Kleids flatterte gegen sein Gesicht. Ihr feuchter Slip war ihr plötzlich bewusst, und sie fragte sich, ob er ihr Geschlecht riechen konnte.

Sie legte den Kopf schief, als er sich wieder erhob, und Eden spürte ihr Herz wild schlagen. Sie war außer Atem. Sie wollte ihn anfassen, wollte ihre Finger über die prächtigen Muskeln seiner Arme gleiten lassen.

Wie aus weiter Ferne räusperte sich Raton. »Miss Sinclair, wir müssen die Skulpturen für die Ausstellung auswählen.«

Nur mit Mühe gelang es ihr, sich in die Situation zurückzufinden. Eden setzte ihr ›kühles‹ Gesicht auf und nahm am Tisch Platz. Sie gewann ihre Fassung wieder und saß ganz geschäftsmäßig da. Sie sah den Gast an und sagte: »Es ist ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen, Mr. MacKenzie. Sind Sie schon lange in den Staaten?«

MacKenzie murmelte nur eine vage Antwort, aus der Eden nicht viel schließen konnte. Zwei junge Assistentinnen, Lola und Claire, Kunststudentinnen der Georgia Tech und zwecks Praktikum ein halbes Jahr lang in der Galerie beschäftigt, brachten Erfrischungen.

Während Eden, MacKenzie und Raton die Fotos sortierten, servierten die Studentinnen verschiedene Drinks und einige Snacks. Eden schaute ihnen zu und bemerkte, dass die blonde Lola keinen Büstenhalter trug. Auch Claire, die Brünette, war sehr freizügig gekleidet. Eden hatte den Eindruck, dass die beiden darauf aus waren, dem neuen Künstler zu imponieren.

Die beiden Männer schienen von den Reizen der beiden jungen Frauen abgelenkt zu sein. Als Lola sich vorbeugte, um MacKenzies Glas zu füllen, musste Eden beinahe lächeln, denn die wohl ausgestattete Studentin streifte seinen Oberarm einige Male mit ihren weichen Brüsten. Eden bemerkte auch, dass MacKenzie beeindruckt war. In seinen Jeans blühte unzweifelhaft die Erektion auf.

Edens bewundernder Blick wurde von den warmen braunen Augen des attraktiven Künstlers aufgefangen, der es schaffte, gleichzeitig verlegen auszusehen und seinen erregten Zustand zu akzeptieren. Er interpretierte Edens Blicke richtig und bedachte sie mit einem langen verführerischen Blick, der ihr Verlangen wieder lodern ließ. Dieser Blick würde noch Tage in ihren Gedanken glühen.

Zu ihrer Überraschung ignorierte der Künstler die beiden jüngeren Frauen und tastete stattdessen Edens Körper mit den Augen ab. Lächelnd nahm er jede Einzelheit ihrer Gestalt in sich auf, als wollte er sie später aus dem Gedächtnis modellieren, während er die zunehmend sichtbaren Reize der beiden Kunst-Groupies, die um seine Aufmerksamkeit buhlten, übersah. Er schien sie auf Distanz halten zu wollen, wie ein Paar niedlicher, aber aufdringlicher Welpen.

Der widerwillige Abgang der Schönen wurde schließlich von Raton selbst in die Wege geleitet. Auch er schien Schwierigkeiten zu haben, sich in ihrer Gegenwart zu konzentrieren. Der Schnitt seines Anzugs und seine Position hinter dem Tisch machten Edens verschiedene Versuche zunichte, die körperliche Reaktion ihres Bosses auf die Nymphen zu erkennen.

Im sexuellen Vakuum, das die beiden hinterließen, war Eden professionell genug, ihre eigene Fantasie für den Augenblick zu unterdrücken. »Ich habe eine Vorauswahl von drei Statuen getroffen.« Sie hielt die dazugehörenden Fotos hoch und sagte: »Aber vielleicht sehen wir sie uns lieber in natura an.«

Auf Edens Anregung hin gingen sie in die Galerie, wo Justin und Paul inzwischen sechs Skulpturen aufgestellt hatten. Das Trio schlenderte gemächlich durch den Ausstellungsraum. Eden blieb neben einer Statue stehen, die den Titel Stephanie trug. So erotisch in der Wirklichkeit, wie Eden erwartet hatte, streckte sich die liegende bronzene Frau lüstern aus, die Fingerspitzen in der Öffnung der Vulva.

Während Eden das Objekt betrachtete, schwollen ihre sexuellen Gelüste wieder an. War dies MacKenzies Geliebte?, fragte sie sich und spürte zur eigenen Überraschung einen Stich der Eifersucht. Sie schob diese Gefühle halbherzig zur Seite und konzentrierte sich auf ihre Vorauswahl.

Raton und MacKenzie im Gefolge, schritt sie zu einer anderen Skulptur und strich über den Körper von Peleus, der nackt seine fliehende Geliebte Thetis verfolgte. Mit lauter Stimme sagte Eden: »Peleus ist mein zweiter Vorschlag.« Obwohl sie wusste, dass die Männer jede ihrer Bewegungen beobachteten, konnte sie nicht widerstehen, mit einem Finger über den erigierten Penis der bronzenen Statue zu streichen.

Sie fing kurz das amüsierte Lächeln MacKenzies auf, als er zuschaute, wie sie über seine Kreation fuhr, und Eden bewegte sich rasch zur dritten Skulptur, die sie in der Ausstellung sehen wollte: Eine Gruppe von bacchantischen Zechern, deren Körper in andeutungsvollen Posen verstrickt waren.

»Alle diese Skulpturen erregen mich«, begann Eden, aber sie brach ab, als sie MacKenzies Blick auffing. Er grinste sie mit einem lustvollen Blinzeln in den Augen an. Tapfer setzte Eden ihre Ansprache fort.

»Sie erregen mich in ihrer Kunst und Technik. Ich bin sicher, dass sie die Höhepunkte der Ausstellung sein werden.« Sie legte eine Pause ein, bevor es aus ihr herausbrach: »Ich freue mich wirklich, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Mr. MacKenzie.«

Sie blickte zu Raton, der auf eine besonders hinterhältige Weise lächelte. Verdammt, dachte Eden, er wusste, dass sie erregt war. Sie sah es an seinem selbstgefälligen Grinsen. Und MacKenzie war nicht viel besser. Aber sie sagte mit klarer Stimme: »Ich finde, selbst jetzt, in der unfertigen Ausstellung, kann sich niemand der sexuellen Spannung der drei Skulpturen entziehen.«

Im folgenden Schweigen glaubte Eden zu sehen, wie die Männer einen kurzen Blick tauschten. Sie spürte eine zunehmende Verärgerung, dass sie selbst nicht in die Entscheidung über den Künstler für die Ausstellung eingebunden gewesen war. Sie hätte gern gewusst, wie Raton auf MacKenzie und seine Arbeiten aufmerksam geworden war. Wie würde der Markt auf dieses hemmungslose sexuelle Material reagieren? So wunderbar dieser Schotte auch war, sie begriff nicht, warum Alexander Raton sie bei den Vorbereitungen ausgeschlossen hatte.

Edens Verärgerung ließ ihre Stimme schärfer klingen, als sie Raton noch einmal sagte, warum diese drei Statuen für die Ausstellung am geeignetsten waren. MacKenzie hob den Kopf, verwundert über den Wechsel in Edens Verhalten. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Auch Raton zeigte sich kurz verblüfft, aber dann stimmte er Edens Auswahl glatt und vorbehaltlos zu und gratulierte ihr, ehe er Eden und MacKenzie zurück ins Besprechungszimmer bat. Dort besänftigte er Edens Ärger, indem er vorschlug, sich weitere Dias von MacKenzies neuen Arbeiten anzusehen.

Trotz ihrer aufgewühlten Gefühle fand Eden, dass sie von der Qualität der neueren Arbeiten des Künstlers ebenso beeindruckt war wie von den Exponaten im Ausstellungsraum. Besonders hatten es ihr die Bilder von MacKenzies Studio angetan; viel natürliches Licht und mehrere Räume mit Statuen in den unterschiedlichsten Stadien der Fertigstellung.

Obwohl MacKenzies Skulpturen nur bescheidene Ausmaße und höchstens halbe Lebensgröße hatten, wusste Eden, dass die Produktionskosten enorm waren. Sie fragte sich, wie ein relativ unbekannter Künstler sich diese Ausgaben erlauben konnte.

Für den Augenblick schob sie diesen Gedanken beiseite. Sie wollte sich auf die Dias seiner Arbeiten konzentrieren. Auch in den rohen Tonschöpfungen wurde MacKenzies feine Technik sichtbar. Die sinnlichen Kurven der nackten Körper wurden immer wieder von seinen geschickten Händen eingefangen.

Ein Dia zeigte eine Studiogehilfin, die eine bronzene Statue polierte. Als sie die Hände behutsam zwischen die nackten Schenkel gleiten ließ, rieb sie über die Testikel der fast vollendeten Statue. Zweifellos polierte die hübsche Assistentin die Stellen nur aus technischen Gründen, aber trotzdem fand Eden das Bild ungeheuer erregend. Sie stellte sich vor, MacKenzie an dieser Stelle zu streicheln …

So verlockend die Bilder und Gedanken auch waren, Eden rief sich in Erinnerung, dass sie für die Ausstellung verantwortlich war. MacKenzies Statuen waren gut und aufregend, aber sie musste auch andere Künstler berücksichtigen. Sie erhob sich und sagte: »Bitte, entschuldigen Sie mich, aber ich muss die Arbeiten aussuchen, die Ihre Exponate ergänzen, Mr. MacKenzie.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Galeristin" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen