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Die Gabe

Über Ellen Vahr

Ellen Vahr hat mehrere erfolgreiche Bücher über Lebenshilfe veröffentlicht. Sie hat in Kopenhagen Wirtschaftswissenschaften studiert, dann in den USA mehrere Ausbildungen für therapeutische Berufe absolviert, ehe sie nach Norwegen zurückkehrte. In »Die Gabe« erzählt sie von der Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter, die in Christiania – wie Oslo damals hieß – eine der ersten bekannten Heilerinnen und Kräuterfrauen war.

Gabriele Haefs übersetzt aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen, u. a. Werke von Jostein Gaarder, Håkan Nesser und Anne Holt. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt 2008 den Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. Sie lebt in Hamburg.

Informationen zum Buch

Ein Leben als Heilerin.

Norwegen im Jahr 1830. Anne lebt mit ihrer Familie auf einer Kätnerstelle auf einem großen Gut. Als der Vater ihres Freundes erkrankt, muss sie ihre Heiratspläne begraben. Um zu überleben, geht sie bei einer Heilerin in die Lehre. Elseby bringt ihr bei, gegen alle Widerstände mit Heilpflanzen und Segenssprüchen umzugehen. Doch dann verliebt sich Anne in den falschen Mann – und bald ist sie schwanger und gilt als Ausgestoßene.

Ellen Vahr hat dieses Buch über eine ihrer Vorfahrinnen geschrieben – ein packender Roman über ein besonderes Frauenschicksal, über Heilkunst und Liebe in einer harten Zeit.

Ein Bestseller aus der Norwegen

Ellen Vahr

Die Gabe

Historischer Roman

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Für meine Mutter,
Inger Johanne

Ekeberg, 3. November 2015

Es ist ein grauer Vormittag. Ich bin nach Ekeberg hochgewandert. Endlich werde ich dir begegnen. Einer geheimnisvollen Ahnin, die mir Weg und Richtung gezeigt hat. Gezeigt hat, dass es erlaubt ist, zu träumen und Träume wahr werden zu lassen. Gezeigt hat, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen, woran man glaubt, und dafür, was man im tiefsten Herzen ist.

Es haben sich bereits viele Menschen versammelt. Vertreter der lokalen Initiativen, Abgesandte vom Kulturamt, der Sponsor und der Künstler, Seite an Seite mit Schaulustigen und Nachkommen. In diesem Jahr liegt deine Geburt zweihundert Jahre zurück, und nun wirst du durch eine Statue geehrt. Aber hättest du das als Ehre empfunden?

Und dann bist du plötzlich da. Du siehst so schön aus. Trägst ein langärmliges Kleid mit Knöpfen auf der Brust. Du hältst die Schürze mit der einen Hand hoch. Hast du darin Wacholderbeeren gesammelt? Dein Kopftuch hast du ordentlich unter dem Kinn gebunden. Ich kann unter dem Tuch deine Haare ahnen. Deine Augen sind stark, die Wangenknochen hoch, der Mund ist zu einem kleinen Lächeln verzogen. Du siehst freundlich aus. Mild. Klug. Als ob du unendliches Wissen in dir trägst. Als ob du trösten und lindern kannst. Hoffnung geben. Du siehst auch stolz aus. Das gefällt mir.

Unter dem Kleid sehe ich deine Schuhe. Sie sehen verschlissen aus. Du scheinst irgendwohin unterwegs zu sein. Vielleicht willst du den steilen Hang vor dir hochsteigen, um Königskerzen zu pflücken.

Jetzt regnet es. Die Reden sind gehalten worden. Die Musikkapelle hat ihr Spiel beendet. Die Menschen sind auseinandergegangen, aber du bleibst stehen. Du spähst über die weite grüne Wiese.

Ich will dich nicht verlassen, nun, da ich dir endlich begegnet bin. Kannst du mir nicht Ekeberglien zeigen? Den Ort, wo dich so viele Kranke und Leidende aufgesucht haben? Der muss hier irgendwo sein.

Ich folge dem kleinen Weg an der grünen Wiese entlang zu einem Wäldchen. Ich suche in dem herbstfeuchten Gras. Suche nach Zeichen. Einem verdunkelten Holzstück, das von einer Hütte stammt, einem rostigen Gerät aus deinem Schuppen oder vielleicht einem Pfennigkraut aus deinem Kräutergarten. Aber ich finde nichts.

Ich will schon gehen, als ein gelbes Herbstblatt langsam von dem Baum über mir herunterrieselt und vor meine Füße fällt. Ich lächele und hebe es auf. Und dann sehe ich sie. Die Stelle zwischen den hohen Birken.

Teil Eins

Kamillen

1

Vardal, Weihnachten 1830

Große weiße Flocken über Vardal.

Der Weg von der Kätnerstelle Sevald zum Gutshaus Mustad war an diesem Tag kurz nach Weihnachten lang. Nicht nur, weil der Schnee so tief war, sondern auch, weil sie so gespannt darauf war, was sie erwartete. Alle sprachen über Mustads prachtvolles Gastmahl, und jetzt hatte Frau Mustad gerade sie aufgefordert, bei diesem Fest auszuhelfen.

Aber so gespannt Anne auch gewesen war, als sie am Vorabend im Bett lag – heute Morgen hatte sie nur weiterschlafen, weiterträumen wollen, als sie aufwachte. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und versucht, den Traum zurückzulocken. Doch je mehr sie es versuchte, umso weiter entfernte er sich. Am Ende waren nur noch Bruchstücke übrig – eine Hand, die ihre berührte. Und dann das seltsame Gefühl, dass etwas in ihr jetzt anders war. Ihr Körper kam ihr verändert vor, wie erfüllt von etwas Weichem, Pochendem, bis hinauf in die Fingerspitzen.

Am Ende hatte sie den Versuch, sich an mehr zu erinnern, aufgegeben und war aufgestanden. Sie schlich aus der guten Wärme unter der Decke hinaus in die kalte Stube. Im Herd schwelte nur noch ein Glutrest. Sie schlang sich ihr Tuch um die Schultern und legte vorsichtig zwei Holzscheite nach, ehe sie sich auf den Hocker setzte und in die roten Flammen schaute, die bald sie und die Stube anleuchteten.

Wie friedlich um diese frühe Stunde alles war! Von draußen war nicht das geringste Geräusch zu hören. Das Heulen des Nachtwindes war längst verstummt. Aber im Haus mangelte es nicht an Tönen. Das Schnarchen des Vaters, das Röcheln der kleinen Kirstine, das Husten der kleinen Brüder und Karen, die ab und zu im Schlaf gereizt murmelte. Nur die Mutter war ganz still, sicher war sie erschöpft nach einer weiteren bei der Kleinsten durchwachten Nacht.

Es war längst Zeit, Karen zu wecken, denn die musste früh los, aber Anne grauste vor dem mürrischen Gesicht. Schon, als Frau Mustad sie bestellt hatte und nicht Karen, um vor Weihnachten das Silber zu putzen, war Karen empört gewesen. Und als die Schwester gehört hatte, dass Anne beim Weihnachtsfest auf dem Gutshof aushelfen sollte, während sie selbst nur vor Eintreffen der Gäste zum Putzen eingeplant war, war sie feuerrot angelaufen. »Ich bin siebzehn, und du bist erst fünfzehn und nicht mal konfirmiert«, hatte die Schwester geschimpft. »Es ist sicher bloß, weil ich das Patenkind von Frau Mustad bin«, hatte Anne zu erklären versucht. »Es geht aber nach dem Alter«, sagte Karen wütend. »Das wissen alle.«

Anne ging zum Fenster. Die Fensterscheibe war bedeckt von einer dünnen Schicht aus Eisblumen. Es war unmöglich hinauszusehen. Sie schloss die Augen und legte die Hand auf das kalte Glas. Wenn sie sich doch nur besser an ihren Traum erinnern könnte. Das Gefühl wollte sie nicht loslassen. Wärmte sie noch immer. Ließ ihr Herz schlagen, ohne dass sie gewusst hätte, warum. Sie nahm die Hand von der Fensterscheibe, schlich sich vorsichtig zur Tür und schob die Füße in die dicken Wollsocken in den großen Stiefeln des Vaters. Vielleicht war nicht nur in ihr alles anders, sondern auch draußen. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und schlüpfte hinaus.

Draußen lagen die Felder weiß, so weit sie im Licht des Mondes und der Sterne sehen konnte, und jeder einzelne Baum am Waldrand bog sich unter der Schneelast. Die Fußspuren des Vaters vom vergangenen Abend waren längst zugeschneit, nicht einmal eine kleine Fuchsfährte war noch zu sehen. Sie drehte den Kopf, und in diesem Moment flog ein Dompfaff drüben beim Schuppen von einem Zweig auf. Die rote Brust war so schön vor dem weißen Schnee, der noch immer sanft herabrieselte, als der Vogel schon längst nicht mehr zu sehen war. Dann musste sie an die weiße Leinwand denken, die einer der Gäste auf dem Gutshof im Sommer auf dem Hofplatz aufgestellt hatte. Die Leinwand, die langsam mit den schönsten Farben gefüllt worden war. Was erwartete sie wohl auf Mustad? Sie war abends noch nie dort gewesen.

***

Als sie sich endlich durch das Schneegestöber auf den Weg zum Gutshof machte, dämmerte es schon. Karen war schon seit vielen Stunden auf dem Hof, vielleicht war sie bereits auf dem Heimweg. Dann könnte sie der Mutter helfen. Bald würde sicher auch der Vater eintreffen. Sie hatte ausreichend Holz nachgelegt, ehe sie von zu Hause weggegangen war, und sie hatte die Jungen gebeten, aufzupassen, dass das Feuer nicht erlosch.

Wenn nur Kirstines schrecklicher Husten bald verschwinden würde! Die kleine Schwester war fast zwei Jahre alt, konnte aber nicht selbst laufen, sie hing nur schlaff in den Armen der Mutter. An den letzten Tagen war es noch schlimmer geworden, und die Mutter weigerte sich, sie zu verlassen. Nicht einmal zum Dienst nach Mustad wollte sie gehen, obwohl sie Frau Mustad sonst treu ergeben war. Sie hatte sicher Angst, auch dieses Kind begraben zu müssen, zusammen mit den beiden anderen. Diese Angst hatten sie alle, auch wenn sie nicht darüber sprachen.

Die Nachwirkung des Traumes hatte Anne noch immer gepackt, wärmte sie in der beißenden Kälte. Der Traum hatte sie an lange Sommertage erinnert, wenn sie die Zehen in sonnenwarme Erde bohrte, tiefer und tiefer, und wenn heiße Schauer durch ihren ganzen Körper jagten. Anne setzte im tiefen Schnee einen Stiefel vor den anderen und hob bei jedem Schritt ihr Kleid hoch. Unter ihren Sohlen knirschte es, als ob sie auf Zehenspitzen durch eine verbotene Kammer schlich. Sie hatte sich das Kopftuch fest um das Gesicht gebunden, der dicke Stoff umhüllte ihre Schultern, und die Wollhandschuhe waren weit hochgezogen. Ihre eigenen waren voller Splitter, weil sie so oft Holz hacken musste, deshalb hatte sie die der Mutter ausleihen dürfen.

Langsam verschwand die Sonne hinter dem Hügelkamm. Anne hielt inne und sah sich um. Der Frostrauch hing wie Wolkenfetzen vor ihrem Mund, und ihre Wangen waren sicher so rot wie die großen saftigen Äpfel auf dem Hof Nedre Gjøvik. Sie holte tief Luft. Die Luft war scharf. Anne hustete. Die Spannung, die sie den ganzen Tag verspürt hatte, ließ langsam nach. Um sie herum gab es nur Stille. Sie holte wieder Luft. Bewegte vorsichtig Hände und Füße, damit Finger und Zehen nicht steif würden. Es schneite jetzt nicht mehr, und ein bleicher Lichtschimmer breitete sich behutsam über den Feldern aus. Sie blieb ganz still stehen, bis alles, was sich in ihrer Umgebung befand, in blaues Licht gehüllt war. Sie konnte jeden einzelnen Herzschlag spüren. Der Raum, in dem sie sich jetzt befand, war größer als das Innere der Kirche in Vardal. Die Hand, die dieses Licht erschaffen hatte, war dieselbe, die die Menschen behütete, egal, wie schwer das Leben war. Da war sie sich ganz sicher.

Plötzlich hörte sie Glöckchen bimmeln. Sie drehte sich um. Ein Pferd wieherte und warf den Kopf in den Nacken, als es aus dem dunklen Wald getrabt kam, um dann am Waldrand entlang zum Gutshof hochzulaufen. Hinter dem Pferd glitt ein Holzschlitten daher, und oben auf dem Holz saßen zwei Männer. Der eine war sicher ihr Vater. Also war er doch nicht unterwegs zur Mutter und den kleinen Geschwistern. Ach, Kirstine musste bald gesund werden. Im Sommer jedenfalls würden sie dann über die Wiese laufen und Blumen pflücken. Sie würde für ihre Schwester den schönsten Blumenkranz winden. Bald war der Schlitten hinter dem Hügelkamm verschwunden, und jetzt konnte die Wärme des Traumes die Winterkälte nicht mehr vertreiben.

Anne ging schneller. Versuchte, an die warme Küche auf Mustad zu denken, an die wunderbaren Düfte. Sie fing an zu laufen, glitt aber aus und fiel in den Schnee. Für einen Moment verschlug es ihr den Atem. Sie rappelte sich benommen auf, wischte sich den Schnee vom Kleid und fischte mit den bloßen Händen kleine, harte Schneeklumpen aus den Stiefeln. Ihre Finger waren rot und wund und die Handschuhe steif und kalt, als sie sie wieder anzog. Sie hätte schreien mögen. Sie hatte solche Sehnsucht nach dem Sommer, nach Sommermorgen ohne Schultertuch und mit nackten Zehen.

Das Gehen fiel ihr leichter, wenn sie an etwas anderes dachte. Anne schloss die Augen halb und stellte sich vor, dass sie auf dem Hauklotz vor dem Schuppen saß, den Vögeln zusah, die aus dem Gras auftauchten, auf einen Zweig flogen und neugierig auf sie herunterschauten. Ihre Augen glitten zu, und sie lauschte dem Gesang und versuchte, die Triller voneinander zu unterscheiden. Dann war sie unten auf den Wiesen und versteckte sich in allem, was groß und hoch gewachsen war: in Gräsern jeder Art, Weidenröschen, Wiesenkerbel, Waldgeißbart und Klee, aber nicht in den rotlila Disteln, denn deren Stängel hatten so kräftige Dornen. Sie lächelte vor sich hin, während sie zwischen Grashalmen und übergroß gewachsenen Blumen weiterging und den Blumen zusah, die sich daran groß und fett saugten. Aber als Anne spürte, wie ein Marienkäfer ihren Arm hochlief, hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Sie blieb stehen. Öffnete die Augen. Ein hochgewachsener Junge mit dunklem, struppigem Schopf unter der Mütze kam mit langen Schritten auf sie zu.

»Jon«, rief sie glücklich.

»Du siehst aber nass und kalt aus. Geht es dir gut?« Er blieb vor ihr stehen und sah sie aus großen braunen Augen an.

Sie nickte. »Ich bin auf dem Weg nach Mustad, um bei dem Weihnachtsfest zu helfen.«

»Das weiß ich«, sagte er ernst. »Ich bin deiner Schwester begegnet, als sie mit einem Eimer aus der Waschküche kam. Sie war nicht gerade guter Laune.«

Anne musterte ihn besorgt. Oft neckte er sie, wenn sie sich trafen. Es kam vor, dass er sie anstupste, um ihr eine Gelegenheit zum Zurückstupsen zu geben. Oder er lachte und griff nach ihr. Manchmal hob er sie hoch und trug sie dann ein Stück weit, dicht an seine Brust gepresst wie einen Armvoll Holz. Jedenfalls wenn niemand in der Nähe war. Aber jetzt tat er nichts von alledem.

Sie waren vor fünfzehn Jahren in den Hütten auf der Kätnerstelle Sæter geboren worden, Jon nur wenige Tage vor ihr. Seit sie groß genug gewesen waren, hatte er jeden Tag bei der Eiche, die genau zwischen den Hütten lag, auf sie gewartet, und da spielten sie, tauschten Geheimnisse aus oder saßen einfach still nebeneinander. Einige Male kletterten sie auf die Eiche und saßen, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, auf den dicken Ästen und schauten in den blauen Himmel über der Baumkrone. Oder sie krochen in den Hohlraum, der sich in der Mitte des mit Moos bewachsenen Stammes auftat, er zuerst und sie hinterher. Und dort, auf dem braunroten Boden im Bauminneren, erzählten sie einander von ihren Träumen. Aber sie hatte wohl immer schon begriffen, dass ihre Träume anders waren als seine. Annes Träume waren etwas, das sich in ihr rührte, und nicht so sehr etwas, das sie sich wünschte. Deshalb konnte sie sie nicht richtig in Worte fassen. Sie lugte zu Jon hinüber. Er war so groß geworden. Bald würden sie beide konfirmiert werden. Wenn sie in der Eiche gesessen hatten, hatte sie ihm zugehört. Jon träumte davon, einen eigenen Hof zu besitzen, einen noch größeren als Mustad. »Dann habe ich dreißig Kühe, zwanzig Schafe, zehn Schweine und fünf Pferde. Ich werde Schlitten und Wagen haben. Ich werde jeden Tag Fleisch auf dem Tisch haben, das von dem Gesinde serviert wird, und Bärenfelle in allen Betten.« Oder waren vielleicht weitere Träume dazugekommen, von denen er ihr nichts erzählt hatte? Sie hatten schon lange nicht mehr zusammen auf Sæter in der Eiche gesessen. Sie drehte sich zu ihrem liebsten Freund um, der so zuverlässig neben ihr durch den Schnee schritt. Vielleicht war es ja gar nicht so, dass sie alles voneinander wissen müssten.

Ihr eigener Traum hatte vor einigen Jahren in ihr zu wachsen begonnen. Anne war mit ihrer Mutter und Karen am Bach gewesen, um für Frau Mustad Kleider zu waschen. Die drei gingen immer zusammen zurück, aber an diesem Tag waren die anderen beiden schon zum Hof gelaufen, und sie selbst hatte noch bleiben wollen. Sie wollte sehen, ob auf der andren Seite des Baches Trollblumen wuchsen. Sie hatte die Augen geschlossen und den Duft von sommerwarmem Moos wahrgenommen, von süßem Harz und trockenen Tannenzweigen am Wegrand, und sie hatte sich von einigen blauen Beeren verlockt gefühlt. Plötzlich war sie über eine Wurzel gestolpert, und der Korb mit der Wäsche war umgekippt. Frau Mustad würde wütend sein! Auf sie und auf die Mutter. Anne schlug die Hände vors Gesicht. Das Einzige, was sie retten könnte, wäre, alle Wäschestücke einzusammeln, zum Bach zu gehen und die ganze Arbeit von vorn zu beginnen.

Das Geräusch von Flügelschlägen ließ sie den Kopf heben. Eine Elster flog über sie hinweg mit einem Zweig im Schnabel. Anne wischte sich mit ihrer schmutzigen Hand die Tränen weg und versuchte aufzustehen, aber es tat so schrecklich weh wie damals, als sie sich mit dem Jagdmesser des Vaters geschnitten hatte. Die Tränen liefen ihr über die Wangen. Vorsichtig richtete sie sich auf dem einen Ellbogen auf und hob mit zusammengebissenen Zähnen ihren Rock. Auf beiden Knien hatte sie tiefe Schrammen. Sie biss sich in die Lippe, um nicht zu schreien. Blutstropfen fielen auf den Boden, wo die weiße Wäsche lag. Sie musste auf die Beine kommen und die Wäsche retten.

Sie wischte sich Schmutz aus der einen Wunde und wollte sich schon erheben, als sie einen Schatten bemerkte. Eine Gestalt stand neben ihr. Sie hatte niemanden kommen hören. Kein Knacken von Zweigen auf dem Boden, keine raschelnden Blätter. Sie hielt den Atem an und schaute auf.

Über ihr stand eine Frau mit einem weiten schwarzen Kleid und einem ebenso schwarzen Kopftuch, obwohl es mitten im Sommer war. Das Kopftuch war so tief ins Gesicht gezogen, dass es unmöglich war, das Gesicht der Frau zu erkennen. Anne sah nur einige dunkle Haarsträhnen, die unter dem Stoff hervorlugten. Sie spürte, wie ihr Herz loshämmerte. Sie hatte noch nie eine dermaßen nachtschwarze Frau gesehen. Das Einzige, was der Gestalt Farbe gab, war der Korb, den sie in der Hand hielt. Anne sah große Glockenblumen und weißes, weiches Wollgras zwischen weißen Margeriten, grünem Timoteigras und rotem Honigklee.

Die Frau machte eine gebieterische Handbewegung und zog einige große Blätter aus dem Korb. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Setz dich, dann helfe ich dir.«

Anne wischte sich mit der Schürze den Schweiß von den Handflächen und biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, als sie auf die Beine kam und zu einem Baumstumpf hinüberhumpelte. Erst jetzt sah sie die Augen der Frau. Die waren groß und dunkel, wie das Meer, von dem sie nur gehört hatte. Sie schienen durch Anne hindurchzuschauen. Aber das war noch nicht alles. Diese Augen hielten sie fest mit einer zitternden Kraft. Und plötzlich schien sie darin zu verschwinden, als sei sie ein Teil dieser Kraft. Erst als die Frau sich über sie beugte und einige Tropfen aus den harten, gummiartigen Blättern in die offenen Wunden presste, fiel ihr ihre verzweifelte Lage wieder ein. Anne schrie auf.

»Breitwegerich. Drück die Blätter jetzt erst mal auf die Wunden«, sagte die Frau eindringlich und legte die Rückseite des Blattes auf die eine. »Dann wird aller Schmutz und alles, was gefährlich sein kann, herausgezogen.«

Anne drückte das Blatt auf die Wunde und atmete durch zusammengebissene Zähne, und sie schaute verstohlen zu der Frau hinüber. Breitwegerich. Sie musste Elseby sein, die weise Frau aus Vardal. Ihr schauderte. Karen hatte gesagt, die weise Frau habe einmal zwei von den Trollen entrückte Mädchen zurück ins Dorf geholt. Und sei als »Elseby die Zauberkundige« bekannt. Zauberkundig, weil sie sich mit Magie auskannte und weil sie den Teufel heraufbeschwören konnte.

Die Frau nahm Annes Hand weg und sah sich die Wunde an. »So, ja«, sagte sie zufrieden, legte das neue Blatt auf die gereinigte Wunde, diesmal mit der oberen Seite nach unten, und band es mit einem Grashalm fest. Das machte sie dann auch mit dem anderen Knie.

Anne kniff die Lippen zusammen, verfolgte jede Bewegung, bis das Blatt festsaß und die Grashalme fest um das Knie gebunden waren.

»Ich sehe, du warst unten am Bach.« Warme gute Hände streichelten ihre Wange. »Wie alt bist du?« Die Augen zitterten nicht mehr. Sie waren ruhig und klug wie bei einem alten Menschen, auch wenn die Frau gar nicht alt wirkte. Ihre Haut war glatt und frisch, ihre Stirn ohne Runzeln.

»Zehn«, sagte Anne und schlug die Augen nieder, während sie versuchte, ihre zitternden Lippen und ihre brennenden Tränen zu verbergen. Wenn sie nur alles erzählen könnte. Sie hob den Kopf, und durch die Tränen sah sie plötzlich, dass die Frau ein Stück nach dem anderen auflas und zurück in den Wäschekorb legte.

»Warte hier!«, befahl sie und hob den Korb auf die Hüfte.

Sonnenstrahlen lugten durch die grünen Blätter und spielten auf dem schwarzen, weiten Kleid, das nun zum Bach hinunterwogte. Die große Schwester musste sich geirrt haben. Wenn das hier wirklich Elseby war, dann war Anne sich doppelt sicher: Diese Frau holte keine finsteren Mächte herbei, und sie war nicht mit dem Teufel verbündet. Ihr konnten nur gute Kräfte geholfen haben. Und diese Kräfte wollte Anne nun auch kennenlernen. So war ihr Traum gesät worden, und so war er gewachsen, nach und nach. Aber er war noch immer so verletzlich, dass sie ihn beschützen musste. Sogar vor Jon.

***

Sie gingen schon lange nebeneinander her, ohne ein einziges Wort zu sagen.

»Nächstes Jahr«, sagte sie, um das Schweigen zu brechen, »werden wir uns jede einzelne Woche sehen. Wir können uns auf Mustad treffen und zusammen zum Pfarrhof gehen.«

Er erwiderte ihren Blick, doch seine sonst so lebhaften Augen waren leer und traurig. Er versuchte, das durch ein Lächeln zu verbergen, aber das gelang ihm nicht. Sie konnte in ihm lesen wie in einem offenen Buch.

»Was ist los?«

»Nichts.«

»Doch, du verheimlichst mir etwas.«

»Nein, das würde ich niemals tun.«

»Was ist los, Jon?« Anne blieb stehen. Wollte keinen Schritt mehr gehen, solange er es nicht gesagt hatte.

»Vater hat eine Wunde am Fuß, die immer schlimmer wird.« Er schaute zu Boden.

Sie griff nach seiner Hand. Drückte sie. Hörte, wie seine Stimme zitterte. »Hans ist verletzt?«

»Ja, und seit ein paar Tagen kann er nicht einmal mehr den Stiefel anziehen, so arg ist der Fuß geschwollen. Mutter hat Angst, dass es der kalte Brand sein könnte.«

»Der kalte Brand?« In ihrer Brust schnürte sich alles zusammen. Sie hatte vom kalten Brand gehört, von einem Waldarbeiter, der den gehabt hatte, ihm hatte ein Arm abgenommen werden müssen.

»Ja, und wenn Vater nicht mehr im Wald arbeiten kann, dürfen wir nicht auf Sæter wohnen bleiben.« Seine Stimme versagte für einen Moment. »Wenn ich nicht an seine Stelle trete.«

»Aber du kannst doch nicht mehr im Wald arbeiten als ohnehin schon, Jon. Du musst doch konfirmiert werden.«

»Ich habe keine Zeit für den Konfirmationsunterricht. Das musst du verstehen.« Er schaute wieder zu Boden. »Ich muss anstelle von Vater mit den anderen Männern in den Wald gehen, morgen schon.«

»Aber Jon …« Sie zog an seinem Ärmel. Wer Boden besitzen wollte, musste konfirmiert sein. Wer heiraten wollte, musste konfirmiert sein. Das hatte sie jedenfalls gehört. »Aber was ist mit uns, Jon?«

Er hob den Kopf und hielt ihren Blick fest. »Ich muss jetzt nach Hause und helfen. Mutter wartet auf mich.«

»Aber, Jon«, sagte sie noch einmal, jetzt mit lauterer Stimme. »Das ist nicht richtig. Ich werde mit Frau Mustad sprechen.« Sie stampfte energisch mit dem Fuß auf. »Frau Mustad weiß bestimmt, wie deinem Vater geholfen werden kann. Wenn deine Mutter glaubt, es könnte der kalte Brand sein, dann braucht er sofort Hilfe.«

Jon schüttelte den Kopf. »Mustad hat selbst gesagt, dass wir für ihn arbeiten müssen, wenn wir weiter auf Sæter wohnen wollen.« Dann bohrte er die Hände wieder in die Taschen und ging mit langen Schritten über den Weg. »Und mit dem Fuß wird Vater noch lange nicht wieder im Wald arbeiten können.«

Sie lief hinter ihm her. »Aber Frau Mustad hilft mir schon bei den Vorbereitungen zur Konfirmation, und sie sagt immer, wie wichtig es ist, konfirmiert zu sein. Sie wird Verständnis haben, Jon.«

»Aber wer soll uns denn helfen können?«, rief er verzweifelt. »Frau Mustad kann Vaters Fuß nicht heilen.« Er war schnell, und sie versuchte, so gut sie konnte, mit ihm Schritt zu halten, setzte einen Fuß vor den anderen, um nicht auszurutschen, und versuchte, die schwarze Friesjoppe vor sich zu fassen. Plötzlich blieb sie stehen. Es hatte sicher seinen Sinn, dass sie eben an Elseby gedacht hatte. Wenn die weise Frau ihre Wunden geheilt hatte, würde sie sicher auch den Fuß des Vaters retten können.

Sie lief wieder hinter Jon her und hatte ihn bald eingeholt. »Ich weiß, wer helfen kann«, rief sie.

»Wer denn?«

»Elseby.«

»Die Zauberin?« Jon sah sie fragend an, dann runzelte er die Stirn, so dass seine Augen dunkel und schmal wurden. »Du willst doch wohl meinem Vater nicht den Teufel an den Hals holen?« Mit ungewöhnlich geradem Rücken ging er dann weiter über den Weg nach Sæter.

Anne blieb stehen und blickte hinter ihm her, bis er hinter dem Hügelkamm verschwunden war. Dann ging sie zu dem großen Tor und lief über den Hofplatz zum Haupthaus.

2

Da bist du ja.« Frau Mustad stand in der Küche, als Anne hereinkam, und erteilte den Dienstmädchen und der Köchin Befehle.

Anne machte einen Knicks und stellte sich neben die anderen. Alles, was sie hatte sagen wollen, war plötzlich verschwunden. Sie hatte Frau Mustad noch nie so schön gesehen. Das dunkelblaue Kleid glänzte. Um den Hals trug sie einen weißen Spitzenkragen, und auf ihrer Brust prangte eine Brosche aus funkelndem Silber. Die üppigen grauen Haare waren um ihren Kopf zu einem Kranz geflochten. Ihre Wangen waren rot, als sei sie eben erst draußen in der Winterkälte gewesen, und ihre Augen leuchteten wie zwei große Sterne. Es war fast unmöglich, sich ihre vielen Anweisungen zu merken. Aber das war noch nicht alles. Von dem starken Geruch des Essens und der Gewürze wurde es Anne richtiggehend schwindlig. Ehe sie zu Hause losgegangen war, hatte sie nur ein Stück bitteres Rindenbrot und ein wenig Grütze zu sich genommen.

Die Speisekammer stand offen. Der Duft kam von dort. Sie beugte sich vor. Hinter Frau Mustads Kopf sah sie Schinken mit Nelken, fette Weihnachtswürste, Schweinerippe mit Schwarte. Im Regal darunter lagen zwei große runde Käse neben Schüsseln voller Sahnegrütze und mehreren Holzgefäßen voll Butter. Wein. Bier. Weihnachtspunsch. Und allerlei, was sie nicht sah, und allerlei, was sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie hätte so gern eine Weihnachtswurst für ihre Brüder mit nach Hause genommen, ein Stück Käse für ihre Mutter und vielleicht ein wenig von dem frischgebrauten Weihnachtsbier für den Vater. Sie schlug die Augen nieder. Schämte sich dieser Gedanken. Aber sie dachte, wenn Frau Mustad ihr vielleicht einen süßen Kuchenfladen schenkte, würde sie den Kirstine geben.

»Du musst Wasser heiß machen und abwaschen, Anne.« Frau Mustad sah sie gebieterisch an und fegte danach aus der Küche.

Anne fühlte sich plötzlich so klein, so ganz und gar bedeutungslos. Sie senkte den Kopf und seufzte. Sie wollte nicht undankbar sein, sie hatte sich so lange gefreut, darauf, bei Tisch zu servieren, wie die Dienstmädchen auf Mustad, die Festgäste zu sehen, alles, was schön war. Aber daran durfte sie jetzt nicht denken. Sie musste Jon helfen. Das war das Allerwichtigste. Anne machte zwei rasche Schritte zur Tür hin, hinter Frau Mustad her. Die ersten Gäste konnten jeden Moment eintreffen, vielleicht würde sich ihr keine andere Gelegenheit bieten. Sie musste jetzt mit Frau Mustad sprechen.

In diesem Moment trat die Köchin vor und versperrte ihr breitbeinig den Weg. »Du hast bei den Gästen nichts zu suchen.« Die Köchin war eine kräftige Person, und Anne konnte sich nicht an ihr vorbeizwängen. »Bind dir eine Schürze um wie wir anderen auch, und mach dich an die Arbeit.«

Die Tränen brannten hinter Annes Augenlidern. Sie drehte sich zum Backofen um und schluckte einige Male, während sie das frischgebackene harte Fladenbrot ansah, das am Rand aufgestapelt war. Sie musste einfach mit Frau Mustad sprechen. Und sie musste es jetzt tun, solange noch Zeit dazu war.

Nach einer gefühlten Ewigkeit knallte die Köchin mit der Tür, um ins Vorratshaus hinüberzugehen. Anne drückte sich rasch an den Dienstmädchen vorbei, die in ihre Arbeit vertieft waren, schlich sich aus der Küche und dann durch den langen Gang. Die anderen Mädchen würden sich nicht einmischen, aber was sollte sie sagen, wenn die Köchin fragte, wo sie gewesen sei? Nein, daran würde sie später denken. Jetzt musste sie Frau Mustad finden.

Tannen- und Wacholderzweige lagen den ganzen Gang entlang vor den Wänden. Es duftete neu geputzt und frisch wie an einem Sommertag. Bei der Vordertür blieb Anne stehen und schaute vorsichtig durch einen Spalt auf den Hofplatz hinaus. Ein eiskalter Wind schlug ihr entgegen. Die Köchin konnte schon auf dem Rückweg sein. Aber sie sah nur einen jungen Knecht, der den Riegel vor die Stalltür schob und sich die Mütze tief über die Ohren zog, und ein Dienstmädchen, das mit einem leeren Eimer aus der Waschküche kam. Das Mädchen ging mit energischen Schritten auf die Küchentür zu. Plötzlich erkannte Anne das graue Kleid und die braunen, zu einem strammen Knoten hochgesteckten Haare. Karen war bei ihnen die einzige Dunkelhaarige, alle anderen Geschwister waren blond wie die Eltern. Die große Schwester war auch die Einzige mit grünen Augen, alle anderen hatten klare blaue. Sie war wie ein fremder Vogel, diese Karen. Und jetzt würde sie sicher zum Essen ins Haus gehen, ehe sie sich auf den Heimweg machte. Wenn nur die Schwester gegangen wäre, wenn Anne zurückkäme. Ihre schlechte Laune dürfte den Abend wirklich nicht verderben.

Anne schloss die Tür, drehte sich um. Jemand kam mit langsamen, aber zielstrebigen Schritten über den Gang, und dort, bei der Haustür, hatte sie absolut nichts zu suchen. Anne schlüpfte ins Speisezimmer, ließ die Tür einen Spaltbreit offen stehen und spähte hinaus. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Sie kannte das aufgedunsene Gesicht mit den lila Flecken nur zu gut. Es war Mustad selbst. Sie hatte immer ein wenig Angst vor ihm gehabt. Jetzt stand er da, räusperte sich und spuckte einen braunen Klumpen in den Spucknapf auf dem Tisch neben ihm. Was, wenn er sie hier entdeckte! Aber so rasch, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder, und sie blieb stehen und horchte auf die schweren Schritte. Dann wurde die Tür zur Bibliothek geöffnet. Dort drinnen gab Frau Mustad ihr Unterricht. Herr Mustad wollte sicher einen Schnaps trinken, ehe das Fest begann. Sie hatte ihn schon häufiger dort gesehen, wenn sie neben Frau Mustad saß, doch er hatte nie das Wort an sie gerichtet.

Sie schaute sich um. Vor dem einzigen Fenster leuchteten hohe weiße Kerzen. Der große Mahagonitisch, über den sie so viel gehört hatte, hatte jetzt eine weiße Leinendecke und war mit Porzellan, Kristallgläsern, Silberbesteck und bestickten Servietten gedeckt, die Servietten waren groß wie Geschirrhandtücher, waren gestärkt und zu großen und kleinen Figuren gefaltet worden. Porzellan aus Ostindien, Kristallgläser aus der Glasfabrik in Gjøvik und Silberbesteck mit Monogramm oben und Gravur unten, mit Buchstaben und Jahreszahlen. Die Mutter hatte ihr und Karen das alles erzählt. Die Mutter war nämlich vor ihrer Heirat Dienstmädchen gewesen, hatte lange auf Mustad gewohnt und kannte alle Menschen und Gegenstände hier auf dem Hof. Doch alles war noch schöner, als die Mutter es beschrieben hatte. Wovon die Mutter wohl geträumt hatte, wenn sie hier alles für ein Gastmahl vorbereitete?

Die Mutter hatte Anders Didriksen auf einem der großen Mittsommerfeste auf Mustad kennengelernt. Bestimmt hatten sie miteinander getanzt. Ihre schöne junge Mutter und ihr starker freundlicher Vater. Er war ein schlichter Kätnersohn aus Ardal, aber er hatte im Krieg gegen Schweden, einem Teil der Napoleonischen Kriege, als Soldat gedient. Als er von der Grenze zurückkehrte, wo es zu Gefechten gekommen war, war er mit dem Dannebrogorden ausgezeichnet worden. So ganz schlicht war er also doch nicht.

Anne öffnete die Augen und wagte sich an den Tisch heran. Jetzt sah sie die großen Silberleuchter. Bald würden sie die festlich gedeckte Tafel beleuchten. Was hatte der Vater der Mutter damals in der Mittsommernacht am Feuer versprochen? Anne ließ eine Hand über die Leinendecke gleiten. Der Vater war im Sommer 1814 abermals gegen Schweden in den Krieg geschickt worden, während die Mutter mit Karen bei ihrer Familie zu Hause saß und Anne erwartete. Der Vater kehrte unversehrt zurück, und die kleine Familie zog wieder nach Mustad, jetzt als Kätner auf Sæter, unmittelbar bevor Anne an einem Frühlingstag des Jahres 1815, im Jahr nach Kriegsende, auf die Welt gekommen war. Und Kari und Haavel Mustad hatten sie als Paten in der Kirche von Vardal über die Taufe gehalten, zusammen mit dem Kätnerpaar Hans und Ingunn auf Sæter, Jons Eltern. Hans! Jetzt musste sie Frau Mustad finden!

»Hier bist du, Anne?« Sie erstarrte. Plötzlich stand Frau Mustad hinter ihr. Und hier stand sie wie ein Eindringling, ohne Schürze und ordentliches Arbeitskleid, wie es von den Dienstmädchen auf dem Hof verlangt wurde, in einem Zimmer, in dem sie absolut nichts zu suchen hatte. Aber nun hatte sie ihre Gelegenheit und musste es darauf ankommen lassen, Jon zuliebe.

»Sie müssen mir helfen, Frau Mustad!«, sagte sie atemlos, als ob sie gerade einen steilen Hang hinaufgerannt wäre.

»Die Gäste können jeden Moment eintreffen. Ist in der Küche irgendetwas passiert?« In der Ferne beim Hügelkamm waren nun die ersten Schlittenglöckchen zu hören. Frau Mustad lief ans Fenster. Der blanke Kleiderstoff raschelte.

»Es geht um Hans.«

»Hans?«

»Ja, Hans auf Sæter. Jons Vater. Er ist verletzt.« Sie redete schnell.

»Um die Waldarbeiter kümmert sich Herr Mustad.« Frau Mustad drehte sich um und musterte sie forschend.

»Aber er muss gesund werden, damit Jon nicht im Wald arbeiten muss. Sonst kann er nicht …«

»Ich werde morgen der Familie einen Korb mit Lebensmitteln schicken.« Frau Mustad nickte energisch zur Tür hinüber. »Und jetzt gehst du zurück in die Küche, Anne. Heute Abend ist viel zu tun. Und ich verlasse mich auf dich.«

Sie hörte den letzten Satz. Frau Mustad verließ sich auf sie. Das wusste sie. Frau Mustad hatte sie immer gut behandelt. Kein anderes Dienstmädchen, von dem sie wusste, weder die, die auf dem Hof wohnten, noch die aus den umliegenden Katen, hatte bei Frau Mustad in der Bibliothek lernen dürfen. Und trotz allem blieb sie stehen, ohne sich zu rühren, ohne Frau Mustads Befehl zu gehorchen. »Aber sie brauchen mehr als nur Lebensmittel«, sagte sie lauter, als sie vorgehabt hatte. »Ingunn hat Angst, dass es der kalte Brand sein könnte.«

»Ach«, sagte Frau Mustad ruhig. »Darüber muss ich morgen mit Herrn Mustad sprechen.«

»Aber Frau Mustad, es eilt.«

»Ingunn weiß schon, was sie zu tun hat.«

Anne holte tief Atem. Sie musste es sagen. Wenn es so schlimm stand, wie Jon gesagt hatte, brauchten sie heilkundige Hilfe. Was würde Frau Mustad von ihr denken, wenn sie ihre Gedanken ausspräche? Aber jetzt war keine Zeit, um sich über eigene Probleme Gedanken zu machen. Und außerdem wollte Frau Mustad doch sicher nur das Beste für ihre Leute. Sie, die lesen und schreiben konnte, würde sicher besser verstehen als Karen und Jon, dass das mit den finsteren Mächten nicht stimmte. »Ich weiß, wer Hans helfen könnte, wieder gesund zu werden«, stammelte sie.

Frau Mustad blickte ihr aufmerksam ins Gesicht. »Und wer sollte das sein, Anne?«

Unter diesem Blick sank Anne in sich zusammen. Aber sie musste stark bleiben. Sie holte tief Luft, dann flüsterte sie: »Elseby.«

»Elseby?«, wiederholte Frau Mustad und strich sich eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie sagte jede Silbe so langsam wie Anne, wenn sie sich in der Bibliothek durch einen Text buchstabierte.

»Ja«, flüsterte Anne und schaute zu Boden. »Elseby hat mir einmal geholfen, als ich im Wald gefallen war und mich verletzt hatte. Ich hatte große Wunden in den Knien und blutete stark.« Sie wagte einige Schritte auf Frau Mustad zu und schaute aus flehenden Augen zu ihr hoch. »Sie sind so schnell verheilt.«

Frau Mustad kniff die Lippen zusammen, ihr Gesicht, das so geglüht hatte, war plötzlich bleich. Sie drehte sich zum Fenster um und sagte mit scharfer Stimme: »Du solltest dich nicht so viel im Wald herumtreiben, Anne. Die Leute könnten dann auch über dich reden.«

»Aber …« Hinter ihren Augenlidern brannte es. Das hier war nicht gerecht. Sie musste so oft für Frau Mustad durch den Wald gehen. Zum Bach, um die Wäsche zu waschen. Sie trieb sich nicht herum. Was meinte die Gutsherrin nur? Den ganzen Tag hatte sie mit Mutter und Schwester am Bach gestanden, wie schon so oft, sie hatten die Wäsche gerubbelt, bis ihre Hände wund und rot waren. »Sie war nur gütig und freundlich«, stammelte sie. Aber ihre Worte kamen nicht an. So hatte sie Frau Mustad noch nie erlebt. Es war, als ob sich das ganze Zimmer verändert hätte. Als ob hier alles hart und kalt geworden wäre, als ob zwischen ihnen etwas stünde, was noch nie da gewesen war. Doch sie durfte jetzt nicht aufgeben. Frau Mustad musste sich auch jetzt auf sie verlassen. Sie räusperte sich und sagte eilig: »Elseby benutzt Pflanzen und kennt viele Heilmethoden. Sie greift nicht zu Zauberei, um jemanden gesund zu machen. Sie benutzt keine Magie. Nichts von allem, was sie macht, hat mit finsteren Mächten zu tun. Sie will nur …«

»Elseby will ich weder hier auf dem Hof noch bei meinen Kätnern sehen«, fiel Frau Mustad ihr ins Wort und packte mit beiden Händen die Fensterbank so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. »Ich werde mit dem Pastor sprechen. Der kann nach Hans sehen.«

»Der Pastor?« Alles, was bei Frau Mustad sonst mild war, war hart geworden. Anne machte einen Knicks, obwohl Frau Mustad noch immer das Fenster anstarrte. Dann drehte sie sich um und ging zur Tür. Hatte auch Frau Mustad Angst vor den finsteren Mächten? Vor Zauberei und Teufel? Anne spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Am liebsten hätte sie Frau Mustad die ganze Geschichte erzählt. Dass Elseby ihre Wunden mit Breitwegerich geheilt und dass Elseby die Leinendecke sauber gewaschen hatte. Frau Mustads Leinendecke, die jetzt die ganze große Festtafel bedeckte. Aber sie schluckte diese Worte hinunter. Elseby besaß tiefe Weisheit, das wusste sie. Sie hatte es in ihren Augen gesehen. In der Kraft, die zwischen ihnen gezittert hatte. Das große Herz, das hatte sie gesehen, das große Herz, in dem Liebe zu den Menschen wohnte. Güte, die hatte sie erlebt. Aber wie sollte sie das alles erklären?

Sie öffnete die Tür. Hier hatte sie schließlich nichts zu suchen. Der einzige Ort, an dem Frau Mustad Verwendung für sie hatte, war die Küche. Grobmägde, das waren sie, hatte Karen gesagt. Deshalb hatten sie keine Schürze und schöne Arbeitskleider wie die Dienstmädchen auf dem Hof. Und dabei hatte sie geglaubt, für Frau Mustad etwas Besonderes zu sein. Wie hatte sie sich das nur einbilden können? Sie lief schamrot an, raffte ihr Kleid zusammen, machte abermals einen Knicks und ging.

***

Anne lief vorbei an Karen, die zusammen mit zwei aus dem Wald hereingekommenen Gutsarbeitern an einem Tisch in der Küche saß. Sie brachte es jetzt nicht über sich, mit Karen zu reden. Dann jedoch blieb sie abrupt stehen. Die Schwester sah so bleich und müde aus. Und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Braune Strähnen hatten sich aus ihrem Haarknoten gelöst und klebten ihr am Hals. Anne nickte ihr zu, aber die Schwester gönnte ihr nicht einmal einen Blick als Antwort.

Anne schaute zum Tisch hinüber. Dort stand eine große Schüssel voll Grütze. Die Grütze sah grau und schleimig aus. Aber sie hatte schon dünnere gesehen. Manchmal war die Arbeitskost so dünn, dass sie mehr Wasser war denn Grütze. Sie seufzte tief. Sie hatte versagt. Und jetzt verging die Zeit, und Hans wurde nicht geholfen. Warum war Frau Mustad so abweisend gewesen, so widerwillig? Der Pastor, hatte sie gesagt. Was wusste der denn über kalten Brand? Plötzlich hätte Anne gern alles, was Frau Mustad gesagt hatte, mit ihrer Schwester geteilt. Karen hätte verstanden, wie ungerecht das alles war. Zwar hatte die Schwester erzählt, Elseby habe die entrückten Mädchen zurück ins Dorf geholt, also gehörte sie zu denen, die Elseby für eine Zauberin hielten. Aber Karen war eine Kämpferin. Anne hatte schon so oft gehört, wie Karen über alles geklagt hatte, was auf dem Hof ungerecht war. Kari und Haavel und Ole und Tollef sitzen in ihrer guten Stube, mit dem feinsten Silberbesteck und eigenen Tellern. Sie essen Fleisch, wir kriegen nur Fisch und hartes Fladenbrot. Letzteres hatte sie am Weihnachtsabend gesagt, als die ganze Familie zusammen mit den anderen Kätnern zum Weihnachtsfest auf den Hof geladen gewesen war. Die Dienstmädchen redeten noch immer darüber, das hatte Anne gehört. Karen schien das jedoch nicht das Geringste auszumachen. Sie fahren mit dem Pferdeschlitten zur Kirche, mit einem Fell über den Knien, während wir in dünnen Stiefeln hin und her laufen müssen. Und in der Kirche sitzen sie in der ersten Reihe, dicht vor dem Pastor, während wir ganz hinten hocken, bei der Tür und im kalten Luftzug. Sie haben neue schöne Sonntagskleider, während wir – seht uns doch an –, wir haben die Sonntagskleider, die wir immer schon hatten, die wir von unseren Großeltern und anderen verstorbenen Verwandten geerbt haben.

Anne presste die Lippen aufeinander. Nein, es war besser, wenn sie die Schwester jetzt nicht aufstachelte. Wenn Karen nun noch anfing, über die finsteren Mächte, den Teufel und die entrückten Mädchen zu sprechen, könnte das mehr schaden als nützen. Was wusste außerdem Karen darüber? Obwohl die Schwester Elseby einige Male auf der Landstraße gesehen hatte, war sie doch nicht von ihr geheilt worden. Und das mit den guten Kräften verstand wohl nur sie selbst. Sie wusste, dass Elseby Wunden heilen konnte. Nein, Karen war diejenige, die auf Klatsch hörte. Besser, Karen kam so schnell wie möglich nach Sevald. Anne würde hierbleiben und ihre Pflicht tun. Dass sie den ganzen Abend in der Küche schuften müsste, würde sie der Schwester jedenfalls nicht erzählen.

Anne stellte sich neben die Köchin und fing an, Wasser in den großen Kessel auf dem Herd zu schöpfen. Irgendwer musste Frau Mustad doch von allem Guten erzählen können, das Elseby tat. Jemand, dem sie vertraute. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Hans brauchte Hilfe. Und es eilte.

***

Bald war Mitternacht. Draußen leuchtete ein schmaler neuer Mond.

Anne schlich sich durch den Gang, vorbei an der Schlafkammer, wo die Dienstmädchen schliefen, zur Hintertür. Ihre Hände waren rot, gesprungen und geschwollen, und sie roch wie ein ganzer Wacholderstrauch. Im Spülwasser war viel Wacholderlauge gewesen. Frau Mustad nahm es genau mit der Sauberkeit. Aber auf Anne hatte sie nicht hören wollen. Und nun war es vielleicht schon zu spät.

Auf dem Hof war jetzt alles still. Die meisten Gäste waren wieder gefahren. Laut und lustig in ihren Schlitten. Einige Männer hatten volle Bierkrüge mit auf die Heimfahrt genommen, während andere sich Schnaps in ihre Taschenflaschen gegossen hatten. Anne hatte sie durch das Küchenfenster gesehen. Die Knechte waren alle aus der Gesindestube gekommen und hatten den Weg zu den Schlitten mit Fackeln beleuchtet. Als Pferde und Schlitten bereit gemacht worden waren, wurden die Frauen geholt und in die Schlitten gehoben, dann wurden ihnen Felle über die Beine gelegt. Die Frauen hatten weniger Lärm gemacht als die Männer, auch wenn die eine oder andere auf dem Weg über den Hofplatz aufgekreischt hatte. Die Einzige, die sie erkannt hatte, war die Pastorengattin. Sie war still hinter den anderen Frauen hergegangen, so stolz und aufrecht wie dann, wenn sie sonntags mit ihren sieben Kindern der Predigt ihres Mannes lauschte. Vielleicht hatte Frau Mustad mit dem Pastor über Hans gesprochen? Anne rang die wunden Hände. Es musste eine Lösung geben! Aber die Dienstmädchen hatten gesagt, die Damen und die Herren hätten fast den gesamten Abend getrennt verbracht. Und der Pastor hatte sicher nicht viel Ahnung von Heilkunst.

Ein kalter Wind schlug Anne entgegen, als sie die Hintertür öffnete. Sie blieb stehen. Ein Stück vom Hofplatz entfernt ahnte sie zwei Schlitten. Sie gehörten den Gästen, die von weit her gekommen waren und die auf dem Hof übernachten würden. Die Damen hatten sich längst schon in die großen Gästezimmer im ersten Stock zurückgezogen, während die Herren im Saal saßen und an ihren langen Pfeifen zogen. Der Tabakgeruch füllte den Gang, zusammen mit grobem, schallendem Lachen. Erst jetzt merkte Anne, wie müde sie war. Aber sie durfte jetzt nicht aufgeben. Morgen würde sie noch einmal mit Frau Mustad sprechen.

Sie wollte gerade hinausgehen, als sie in der Bibliothek einen schwachen Lichtschein wahrnahm. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück durch den Gang. Ihr grauste vor dem langen, dunklen Heimweg, doch nicht das hatte sie zur Umkehr bewogen. Sie fühlte, ohne es erklären zu können, dass das hier wichtig war.

Sie schlich weiter, hielt das Auge an den Türspalt und schaute vorsichtig hindurch. Im Kamin brannte ein warmes Feuer. Sicher war eben erst ein Dienstmädchen dort gewesen und hatte Holz nachgelegt. Bestimmt saß dort Herr Mustad. Frau Mustad hatte erklärt, es sei der wichtigste Raum auf dem Gut. Der Schreibtisch, der vor dem großen Fenster stand, mit Blick hinab auf den silberblanken und blauen See Mjøsa und die verschneiten Felder auf dem anderen Ufer, habe die wirklichen Werte in sich. Alle Grundbriefe und Verträge. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie könnte doch Herrn Mustad überreden, Elseby zu Hans zu holen. Für die Waldarbeiter war schließlich er zuständig. Das hatte Frau Mustad selbst gesagt.

Sie beugte sich vor. Zitterte bei der Vorstellung, hineinzugehen und mit Herrn Mustad zu sprechen. Wagte einen Schritt. Aber niemand saß am Schreibtisch. Sie seufzte und starrte trostlos in den Kamin. Das trockene Birkenholz knisterte. Dieses Geräusch beruhigte sie. Bestimmt hatte ihr Vater das Holz auf den Hof geschafft und vor einer Südwand gestapelt, damit es von Wind und Sonne getrocknet werden könnte. Wenn Herr Mustad nicht dort drinnen war, könnte sie sich immerhin ein wenig aufwärmen, ehe sie sich auf den langen Heimweg machte. Sie zog vorsichtig die Tür hinter sich zu.

Vor dem Kamin standen zwei tiefe Ledersessel. Anne stellte sich Frau Mustad in dem einen vor und sich selbst, als gelehrige Schülerin, in dem anderen. Und hoch über dem Kamin waren die Regale mit den Büchern, aus denen Frau Mustad vorlas. Aber dann war es hell hier im Raum. Jetzt lagen die Felder draußen im Dunklen, und das Einzige, was Licht brachte, waren die Flammen im Kamin. Die warfen einen goldenen Schein über die Bibliothek und ließen lange Schatten an den Wänden tanzen. Ihr schauderte, und sie spürte, wie sich ihre Arme mit Gänsehaut überzogen.

Dann wich sie zurück. Hinten beim Kamin hatte sich jemand geräuspert. Herr Mustad war also doch hier. Ihre Knie zitterten, aber auch wenn Frau Mustad sie nicht verstand, konnte sie doch auf ihn hoffen. Herr Mustad wollte seinen Kätner Hans bestimmt nicht verlieren. Hans hatte immer zu den tüchtigsten und stärksten Arbeitern gehört, das sagte sogar ihr Vater. Anne wusste nicht, ob sie sich eher fürchtete, weil sie mit Herrn Mustad sprechen müsste, oder weil sie sich Frau Mustad widersetzte. Frau Mustad würde es gar nicht gefallen, dass sie jetzt hier war. Da war sie sich ganz sicher.

Sie konnte noch kehrtmachen und sich davonschleichen. Er hatte sie sicher noch nicht bemerkt. Sie schaute sich um. Sie hatte das Gefühl, dass hier noch andere im Raum waren. Ja, es war fast so, als ob die sechs früheren Generationen von Mustads, die hier auf dem Hof gelebt hatten, jeden ihrer Schritte genau beobachteten. Sie hauchten sie an. Lachten über sie. Aber sie durfte jetzt nicht aufgeben. Sie würde Herrn Mustad dazu bringen, Elseby nach Sæter zu holen. Das musste sie. Sie würde ihm das mit der Heilkunst erklären. Dass Elseby sich besser auskannte als irgendein Pastor. Herr Mustad würde sich bestimmt nicht so leicht Angst einjagen lassen. Mit entschlossenen Schritten ging sie zum Kamin und holte tief Luft, ehe sie sich umdrehte.

In dem ihr gegenüberstehenden Ledersessel sah sie den Schatten eines Gesichts. Aber gleich darauf stand sie wie angefroren da, wie mitten auf dem Wintereis des Mjøsa, ohne sich rühren zu können. Es war nicht Herr Mustad. Sie wich einen Schritt zum Kamin zurück. Es war auch nicht Ole Mustad. Der jüngste Sohn auf dem Gut, der sich schon oft einen Scherz mit ihr erlaubt hatte. Es waren immer freundschaftliche Neckereien gewesen, die ihr nicht das Geringste ausgemacht hatten. Sie kannte ihn, und nicht er saß hier vor ihr. Und es war auch nicht der ältere Sohn Tollef. Der sie übrigens nie aufzog. Wie hatte sie nur so dumm sein können. Die Dienstmädchen hatten ja gesagt, dass Herr Mustad schon längst eingeschlafen sei, auf dem guten Sofa, eingerahmt von Hans Skikkelstad, dem mächtigsten Mann der Gegend, und Caspar Kauffeldt, dem Besitzer der Glasfabrik von Gjøvik. Und nun stand sie hier. Gefangen. Hinter ihr loderten Feuer und Flammen, vor ihr saß ein wildfremder Mann.

»Vorsicht, verbrenn hier lieber nicht. Das wäre doch eine Schande.«

»Ich sollte nur ein Buch für Frau Mustad holen, aber es eilt nicht«, flüsterte sie und staunte über so viel Geistesgegenwart.

Der Fremde erhob sich und trat einen Schritt auf sie zu. Er war offenbar ziemlich jung, ungefähr im Alter von Ole Mustad, nein, vielleicht etwas älter.

»Frau Mustad kann also nicht schlafen, und du sollst ihr ein Buch holen?« Er lächelte und kam näher. Im Schein der Flammen sah sie, dass er eine helle Hose, ein weißes Hemd und eine weiße Weste trug und dass eine purpurrote Halsbinde aus Seide seinen Hals und seine Brust bedeckte. Sicher war er ein Gast, einer, der sich hierher verirrt hatte, wo eigentlich niemand Zutritt hatte. Hier, wo Herr Mustad alle seine Verträge und Grundbriefe aufbewahrte. Statt die Flucht zu ergreifen, wollte sie plötzlich die Bibliothek und alles beschützen, was der Familie Mustad ihre Macht schenkte.

Jetzt stand er dicht vor ihr. Sie spürte seinen Atem an ihren Haaren. Er roch kräftig und zugleich süß, wie eine Blume, die sie noch nicht entdeckt hatte. Auf dem Tisch, neben dem Ledersessel, standen eine Karaffe und ein leeres Kristallglas. Sicher hatte er sich zurückgezogen und sich eine ruhige Ecke im Gutshaus ausgesucht. So, wie der Sessel gedreht war, hatte er wohl zum Sternenhimmel hochgeschaut. Das machte sie ja auch jeden Abend. Ein Mann, der süß roch und den Sternenhimmel betrachtete, konnte doch kaum gefährlich sein.

»Das Buch ist nicht für Frau Mustad. Es ist für mich. Frau Mustad hilft mir, für die Konfirmation zu lernen. Ich muss mich vorbereiten«, sagte sie und merkte, wie ihre Wangen heiß wurden.

»Ja, wenn das so ist.« Er lächelte. »Welches Buch würde der jungen Dame denn zusagen?«

»Luthers Kleiner Katechnismus oder das Buch des Pontoppidan.«

»Und wenn du dir eins aussuchen müsstest?«

»Dann das Buch des Pontoppidan.« Jetzt zitterte ihre Stimme überhaupt nicht mehr.

Blonde Locken lagen in seinem Nacken, als er sich nach dem Buch streckte. Er war ein großer Mann und konnte das Regal über dem Kamin mit Leichtigkeit erreichen. Ohne zu zögern, fuhr er mit dem Finger an der Reihe von braunen Lederrücken entlang und hielt beim richtigen Buch inne. Als es dann in seiner Hand lag, trat er einen Schritt auf sie zu und schlug es auf.

Sie hatte noch nie solche Hände gesehen. Stadthände, bestimmt. Der Mann wohnte sicher in Christiania. Seine Finger waren lang, schlank und weiß und ohne eine einzige Schwiele. Sie hätte sie gern berührt, sich davon überzeugt, dass sie wirklich so weich und glatt waren, wie sie aussahen. Nicht einmal ihre kleinen Brüder hatten so schöne Hände, sie schleppten ja schon längst Holz und Wasser. Alle Männer, die sie kannte, hatten von der Arbeit gezeichnete Fäuste. Der Vater hatte Risse und Wunden und einen gebrochenen kleinen Finger. Jons Hände waren im Sommer rau wie Sand und im Winter von den langen Tagen auf dem Feld sonnenverbrannt und schwielig. Plötzlich fielen ihr ihre eigenen roten und rissigen Hände ein, und ohne nachzudenken, versteckte sie sie hinter ihrem Rücken. Aber sie zwang sich sofort, sie wieder auszustrecken. Jetzt würden sie ihm vielleicht ganz besonders auffallen.

»Durch Wahrheit zu Gottesfürchtigkeit.« Er las den Titel vor. »Das soll dir also den Weg ins Erwachsenenleben mit all seinen Gefahren und Versuchungen öffnen?« Dann hob er den Blick vom Buch, sah sie an und lächelte. Seine Nase war kräftig und rot, seine Lippen waren füllig und weich. Im Kinn hatte er ein Grübchen. Sie hatte das Gefühl, dass er sich über sie lustig machte, aber sie begriff nicht, weshalb, und wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie war so damit beschäftigt, die Gesichtszüge des Fremden zu betrachten und nach Worten zu suchen, dass sie kaum bemerkte, wie er ihr das Buch reichte. Sie blieb verwirrt stehen und sah ihre Hand an. Und ehe sie danke sagen konnte, lächelte er noch einmal, nahm seine Jacke und ging.

3

Ein kräftiger Windstoß riss ihr die Tür aus der Hand. Sie stellte die Laterne hin, die sie in der einen Hand getragen hatte, packte die Türklinke mit beiden Händen und zog die Tür energisch zu. Dann schlich sie weiter, voller Angst, die anderen geweckt zu haben. Erst als sie mitten im Raum stand, sah sie den Vater, der auf einem Stuhl neben der Feuerstätte saß.

Er lächelte ihr müde zu und hielt sich einen Finger an die Lippen. Er sah so müde aus. Sie wischte sich Schnee und kleine Eisklumpen vom Kleid, legte ihr Schultertuch ab und zog die Stiefel aus, ehe sie zum Vater hinüberging. Er stand auf, damit sie sich ins Warme setzen konnte. Sie wollte ihm schon von ihrem Erlebnis in der Bibliothek und ihrer Begegnung mit dem Fremden erzählen, überlegte sich die Sache dann jedoch wieder anders. Wie hätte sie sich denn ausdrücken können, um ihm klarzumachen, wie es gewesen war? Und wollte sie es ihm überhaupt klarmachen?

Ihre Wangen und Fingern brannten. Die Zehen fühlten sich an wie Eiszapfen. Sie schob die Füße in den nassen Strümpfen noch näher an das Feuer. Wie lange würde der Fremde wohl auf dem Gut bleiben? War er allein gekommen? Hatte er eine Frau, zu der er zurückkehren würde, ein herrschaftliches Haus in Christiania? Eine Frau mit noch schöneren Kleidern als Frau Mustad, mit glatten Händen, die keine härtere Arbeit ausführten als mit Nadel und Faden? Aber was spielte das für eine Rolle. Sie streckte die Hände nach der Wärme aus und spürte, wie es schmerzte und prickelte, als die Kälte langsam aus Zehen und Fingern wich. Was waren Stadthände denn wohl gegen das wirkliche Leben? Nein, sie hatte andere Dinge zu bedenken. Was half es schon, dass sie das Buch des Pontoppidan lesen konnte, wenn Hans sein Bein verlor und Jon im Wald bleiben musste? Sie hatte geglaubt, den beiden helfen zu können. Aber alles war ihr misslungen. Frau Mustad hatte sich geweigert, und Herr Mustad war eingeschlafen. Sie starrte traurig aus dem Fenster. Der Mond war auf dem Heimweg ihr einziger Lichtpunkt gewesen. Jetzt schien er über Sevald und fand den Weg zu ihr durch das Fenster. Sie seufzte. »Du hättest nicht auf mich warten sollen, Vater. Es ist spät, und du musst früh aufstehen.«

»Kirstine geht es schlechter«, flüsterte er. »Ich muss das Feuer hüten.« Sein Gesicht, das immer von Wind und Wetter frisch war, wirkte im Mondlicht fahl. Tiefe Furchen zogen sich über seine Stirn, und unter den Augen war die Haut aufgedunsen und dunkel.

Wie hatte sie ihre kleine Schwester vergessen können? Anne stand leise auf und schlich zu dem Bett hinüber, wo Kirstine und die Mutter schliefen. Sie lagen dicht aneinandergeschmiegt. Die glatten blonden Haare klebten an der roten, fieberheißen Wange. Sie atmete schnell und mühsam. Anne ballte die Fäuste so hart, dass die Nägel sich in ihre Handflächen einschnitten. Sie durften nicht auch noch Kirstine verlieren. Die Mutter war so glücklich gewesen, als Kirstine auf die Welt gekommen war. Es war der erste Frühling auf Sevald, nachdem sie von Sæter hergezogen waren. In all den Jahren hatte Anne gehört, sie habe das gute Aussehen der Mutter geerbt, sei groß und blond, mit hohen Wangenknochen und klaren blauen Augen. Aber als Kirstine über die Taufe gehalten wurde, hatte niemand mehr Zweifel daran gehabt, dass in Wirklichkeit die Kleine das Aussehen der Mutter geerbt hatte.

Anne schlich zurück. Sie hatte es schon selbst begriffen, lange ehe Kirstine geboren worden war. Sie kam nach dem Vater. Äußerlich wie innerlich.

Er legte beschützend den Arm um sie, als sie sich setzte, so dass sie den Kopf an seine Schulter lehnen konnte. Er roch nach einer Mischung aus Nadelwald und Schweiß. Vielleicht auch nach Harz. Auf der Schlafbank unter dem Fenster ihnen gegenüber lagen Didrik und Ole Kopf an Fuß. Didrik hatte offenbar den Kampf um die Wolldecke gewonnen, denn er hatte sie bis unters Kinn gezogen, während sie dem kleinen Bruder nur bis zum Bauch reichte. Didrik schnarchte, und Ole nieste mehrmals hintereinander. Der Vater hatte schon oft gesagt, dass der Junge offenbar das Stroh nicht vertragen konnte.

»Haben sie dir etwas zu essen gegeben?«

Sie nickte und flüsterte: »Das Übliche.«

»Wie schade«, sagte der Vater leise. »Sie hätten dich das Festmahl kosten lassen müssen.«

Sie horchte auf den Wind, der draußen heulte. Ein Teil von ihr konnte nicht zur Ruhe kommen, etwas von ihr war noch immer auf dem Gut.

»Du musst schlafen gehen, Anne.«

»Nein«, flüsterte sie. »Ich will lieber hier mit dir sitzen.«

Der Vater stand auf und nahm den Kessel vom Haken über dem Feuer. Sie sah ihm zu, wie er den Kaffee aus gerösteten Eicheln in die Tassen auf dem Tisch goss. Dankbar nahm sie ihre Tasse. Es schmeckt so gut, auch wenn der Kaffee arg dünn war. Er erinnerte sie an den Ausflug, den sie und der Vater im Herbst gemacht hatten. Er war mit ihr Multebeeren pflücken gegangen, oben bei einem großen See, es war fast ein halber Tagesmarsch bergauf von Sevald. Erschöpft und zufrieden hatten sie sich ans Wasser gesetzt, den Eimer voller gelber Beeren, und plötzlich hatte er auf das andere Ufer gezeigt. Dort, in einem Wäldchen, stand eine Bärin mit zwei zottigen kleinen Jungen. Anne hatte die Hand des Vaters gepackt, und er hatte ihr erzählt, dass die Bären sich bald in ihrem Bau vergraben und dort Winterschlaf halten würden, bis zum Frühling. Sie seufzte. Die Winter wurden lang in einer Kate.

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