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Edna O’Brien

Die Fünfzehnjährigen

Roman

Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

Mit einem Nachwort von Eimear McBride

Atlantik

Vorwort

Von Eimear McBride

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und setzte mich auf. Ich wache normalerweise nicht so leicht auf, nur wenn ich mir Sorgen mache, und für einen Moment wusste ich nicht, warum mein Herz schneller klopfte als sonst. Dann fiel es mir ein. Der alte Grund. Er war nicht nach Hause gekommen.

So beginnt Die Fünfzehnjährigen, einer der berühmtesten, berüchtigtsten, beliebtesten und einflussreichsten irischen Romane des 20. Jahrhunderts. Selbst in einem Jahrhundert, das bemerkenswert viele irische Romane hervorgebracht hat, auf die ein jedes dieser Adjektive ebenso zutrifft, stellen Entstehung und Veröffentlichung der Fünfzehnjährigen samt dem folgenden öffentlichen Aufschrei eine absolute Ausnahme in der literarischen Welt dar. Da ist zunächst die unglaubliche Geschwindigkeit, mit der der Roman geschrieben wurde (»Das Buch schrieb sich selbst«, hat O’Brien angesichts seiner unerhörten dreiwöchigen Genese häufig bemerkt). Dann ist da seine allbekannte – heute geradezu legendäre – öffentliche Aufnahme (von der irischen Zensur wegen seines expliziten sexuellen Gehalts auf den Index gesetzt, von einem lokalen Priester auf der Suche nach einem Nachgottesdienstdrama in aller Öffentlichkeit verbrannt, während O’Brien selbst eine ganze Reihe bösartiger anonymer Briefe erhielt), die dazu führte, dass die Autorin zugleich lauthals gerühmt und geächtet wurde. Wie so oft hat die moralische Hysterie, die das erste Erscheinen des Buches begleitete, dafür gesorgt, dass der Roman und seine Autorin zu Symbolen wurden, die eine ganze Ära charakterisieren: Symbole des Kampfes für das Gehörtwerden irischer Frauen im lauten Durcheinander einer ultrakonservativen, ultrareligiösen Gesellschaft, deren Frauenfeindlichkeit institutionalisiert war. Seán Ó’Faoláins berühmte Bezeichnung Irlands in dieser inzwischen geschmähten Phase seiner Geschichte als »tristes Eden« trägt nur wenig dazu bei, die ungeheure Wucht der Empörung und öffentlichen Ächtung zu erklären, der O’Brien ausgesetzt war.

 

Natürlich streute die Autorin noch Salz in die nationalen Wunden, indem sie auf internationaler Bühne extrem erfolgreich wurde. Bejubelt und gefeiert, wo sie auch hinging, nahm sie auf einmal kostbaren Raum in dem Zimmer ein, das eigentlich den männlichen Größen der Literatur vorbehalten war, und die nahmen ihre Anwesenheit dort nicht eben freundlich auf. Insbesondere Frank O’Connor und L.P. Hartley blamierten sich mit herablassenden Kommentaren über ihre »nymphomanischen« Figuren und O’Briens »schlechten Geschmack bei der Männerwahl«. Darüber hinaus warfen Die Fünfzehnjährigen, zusammen mit den kurz darauf erschienenen und fast ebenso kontrovers aufgenommenen Folgeromanen, Das Mädchen mit den grünen Augen und Die Glückseligen, ein unerwünschtes Licht auf die versteckten menschlichen Kosten der krampfhaft erzwungenen kulturellen, sozialen und intellektuellen Stagnation, die das Land Anfang der sechziger Jahre zu ersticken begann. Das Leben irischer Frauen war in jeder Hinsicht den Launen eines Staatsapparats unterworfen, der sich aus ideologischen Gründen – und unter Federführung einer zutiefst sexuell besessenen katholischen Kirche – gegen die Emanzipation der Frau aussprach, und so war O’Briens Beschwörung weiblicher Figuren, die es wagten, mehr vom Leben zu erwarten als die traditionelle häusliche und sexuelle Knechtschaft, als emotionale Unbefriedigtheit und intellektuelle Selbstverleugnung nichts weniger als revolutionär. Nicht nur verlieh O’Brien den Stummen eine Stimme, vielmehr wusch sie in aller Öffentlichkeit die Schmutzwäsche der ganzen Nation – Wäsche, die sich tatsächlich als derart schmutzig erwiesen hat, dass sie noch fünfzig Jahre nach dem folgenreichen Erscheinen der Fünfzehnjährigen einen zusätzlichen Spülgang verträgt. Der Weg des Buches von der Feder der Autorin auf den Scheiterhaufen und schließlich zum geschätzten Klassiker verstellt heutzutage automatisch jede Annäherung an das, was O’Brien eigentlich schrieb, mit politischer Bedeutungsaufladung. Auch wenn es sich kaum vermeiden lässt – es wäre schade, zuzulassen, dass die bewegte Geschichte des Buches von dem literarischen, künstlerischen Schatz ablenkt, den der Roman darstellt. Die Fünfzehnjährigen, ein mal schöner, mal derber, mal lustiger, mal quälender Text, der oft als Schlüsselerzählung über die Kindheit irischer Mädchen angeführt wird, ist nicht der Roman, der mit der Tradition gebrochen, sondern derjenige, der sie begründet hat.

Im Kern enthält die Trilogie die miteinander verwobenen und später alternierend erzählten Geschichten von Caithleen/Cait/Kate Brady und Bridget/Baba Brennan, zweier Mädchen, die – mal Verbündete, mal Gegenspielerinnen – zusammen im erstickenden religiösen Klima des ländlichen Irlands der fünfziger Jahre aufgewachsen sind. Wenn wir ihnen das erste Mal begegnen, sind beide noch Schülerinnen. Cait lebt mit ihrer sanften, hingebungsvollen Mutter zusammen, die geradezu eine Heilige ist angesichts des ausfälligen Benehmens ihres gewalttätigen Ehemanns, Caits Vater, unter dessen alkoholischen Exzessen und finanziellem Unvermögen beide leiden. Einziger Rückhalt der Familie ist der unterbezahlte Hilfsarbeiter Hickey, der den Hof am Laufen hält und sich nur gelegentlich zu einem Gratishuhn verhilft. Hickeys unkomplizierte Warmherzigkeit und Verlässlichkeit sind Balsam auf die Seele des alkoholzerrütteten Haushalts, und Mutter wie Tochter leben in ständiger Angst, er könne sich eine besser entlohnte Arbeit suchen. Babas Leben könnte unterschiedlicher kaum sein. Als Tochter des lokalen Tierarztes, Mr Brennan, und seiner Frau Martha – der nichts über einen in der örtlichen Hotelbar verbrachten Abend und den Genuss einiger Gin Tonics in der Gesellschaft von Handlungsreisenden geht – strahlt sie die selbstbewusste Verderbtheit und den grundlosen Snobismus eines Kindes der ländlichen Bourgeoisie aus. Caits überlegener Intellekt und ihre verträumt-künstlerische Weltfremdheit lassen Baba mal eifersüchtig sein, mal treiben sie sie zur Weißglut, und so versucht sie die Freundin unablässig einzuschüchtern und zu schikanieren. Als die beiden Mädchen jedoch nach dem viel zu frühen Tod von Caits Mutter in eine freudlose Klosterschule am anderen Ende des Countys gesteckt werden, wird Babas Abhängigkeit von Cait immer deutlicher. Auch wenn die beiden ein sonderbares Paar abgeben – sie helfen einander über die folgenden Jahre schlechter Abendessen und aufkeimender Adoleszenz hinweg. Die Dinge spitzen sich zu, als sie es auf Babas Initiative hin mit Hilfe eines gründlich geplanten obszönen Schachzugs fertigbringen, der Schule verwiesen zu werden (»Die arme Schwester Margaret, sie hat den größten Schock ihres religiösen Lebens erlitten.«), und beschließen, nach Dublin zu gehen und dort all das an Romantik und Glamour zu suchen, was sie sich vom Leben in der Großstadt erträumen.

 

Nachdem sie sich in eine Pension eingemietet haben, die von der sympathischen, aber geizigen österreichischen Einwanderin Johanna geführt wird, sucht Baba bald das Abenteuer und überzeugt Cait davon, dass es ratsam ist, ihrer beider Unterwäsche schwarz zu färben. Auch Cait bringt es in ihrem neuen Job in einem Lebensmittelgeschäft zu einiger Zufriedenheit, bis ihr ein Geist aus der Heimat erscheint, nämlich Mr Gentleman – so genannt, weil er Franzose ist und »de Maurier« sich als zu große Herausforderung für die einheimischen Zungen erwiesen hat. Der etliche Jahre ältere, unglücklich verheiratete und gerade das richtige bisschen lebensüberdrüssige Mr Gentleman verkörpert genau die Art Alte-Welt-Eleganz, welche in der Phantasie eines verträumten, belesenen Mädchens wie Cait garantiert verfängt. Seit sie vierzehn war, hat er stetig wachsendes Interesse an ihr gezeigt, und wie das Glück es will, lässt er die Beziehung nun gern in eine neue Phase treten. O’Brien schwelgt in der Beschreibung der Art, wie die junge Frau die äußerlichen Symbole von Mr Gentlemans weltgewandter Andersheit fetischisiert: seinen schönen Wagen, seinen ausländischen Akzent, die dünnen, kühlen Lippen, seinen Gleichmut und die Aura vornehmer Kultiviertheit, alles Dinge, die in diametralem Gegensatz zu dem emotionalen Auf und Ab stehen, das ihr früheres Leben sie von Männern zu erwarten gelehrt hat. Die Szenen zwischen den angehenden Liebenden, diese kurzen Momente, die sie neugierigen Augen abtrotzen, bleiben – obwohl sie in keiner Weise so plastisch oder explizit sind, wie ihre furiose Aufnahme suggeriert – mit die am stärksten sexuell aufgeladenen der Literatur überhaupt. Caits romantisches Sehnen, später auch körperliches Verlangen, zusammen mit ihrer Angst angesichts ihrer mangelnden Erfahrung und der Möglichkeit, ihn zu enttäuschen, ergibt eine ausnehmend quälende Lektüre für jeden, der jemals über die eigenen Möglichkeiten geliebt hat. ErstleserInnen zuliebe werde ich nicht mehr verraten, nur so viel: Mit bitterer Unausweichlichkeit lässt provinzielle Niedertracht keine Gelegenheit ungenutzt, ihre ganze Brutalität zu beweisen.

 

Das Mädchen mit den grünen Augen – ursprünglich unter dem Titel Das einsame Mädchen veröffentlicht – spinnt die Geschichte zwei Jahre später weiter. Die beiden Mädchen wohnen noch immer bei Johanna. Baba verbringt nun viel Zeit auf der Suche nach Männern, mit denen sie sich amüsieren kann oder die ihr eine Gratismahlzeit bescheren. Cait dagegen begegnen wir mitten in ihrem Speed-Reading von F. Scott Fitzgeralds Zärtlich ist die Nacht wieder. Sie will unbedingt herausfinden, »ob der Mann die Frau verlassen würde oder nicht« – natürlich eine Anspielung darauf, dass ihre romantischen Illusionen noch immer dieselben sind, was sich auch alsbald bestätigt. Eines Abends, als sie mal wieder mit Baba ausgeht, lernt sie Eugene Gaillard kennen, einen eigenbrötlerischen Dokumentarfilmregisseur mit traurigem Gesicht. Seine mysteriöse Selbstgenügsamkeit verabreicht Cait eine so gehörige Dosis Mr Gentleman, dass sie, als sie ihm in einer Dubliner Buchhandlung wieder über den Weg läuft, einen ungewöhnlich mutigen Schritt unternimmt: Sie lädt ihn ein, mit ihr Tee trinken zu gehen. Eugene sagt zu, und eine heikle Romanze nimmt ihren Lauf. Wiederum einem älteren, weltgewandteren Mann verfallen, findet Cait/Kate sich bald mit neuem Namen (»Er nannte mich Kate, denn Caithleen fand er zu ›Kiltartan‹, was immer das hieß.«) und ohne jeden Boden unter den Füßen wieder. Der geisterhafte Schatten von Eugenes irgendwie noch immer geliebter, aber doch angeblicher »Ex-«Frau lastet auf der Beziehung, und Eugenes Haushälterin Anna, die eine Mrs-Danvers-artige Beharrlichkeit an den Tag legt, hütet sich tunlichst, dem entgegenzuwirken.

 

Kates quälende Unfähigkeit, sich der praktischen Angelegenheit der Entjungferung zu stellen, wird meisterhaft mit dem farcenhaften Chaos kontrastiert, das folgt, als ihr betrunkener Vater (durch einen anonymen Brief) von der noch immer nicht vollzogenen Beziehung erfährt. Mit einer Bande von Rüpeln und Außenseitern im Schlepptau unternimmt er den Versuch, seine Tochter aus den Klauen des protestantischen Sünders zu befreien, der ihre Seele gefährdet. Nirgendwo formuliert O’Brien die Ambivalenz von Männern gegenüber der weiblichen Sexualität schärfer als in diesem eigentümlichen Bild: Männliche Ehre wie männliche Befriedigung liegen gleichzeitig und dabei in direktem Gegensatz zueinander zwischen den Beinen derselben Frau. Der Kampf zwischen diesen unvereinbaren Prinzipien ist so unerbittlich, dass Kates Wünsche und Rechte – selbst die Durchsetzung der Verfügungsgewalt über ihren eigenen Geist und Körper – als dem männlichen Prärogativ auf Selbstachtung und gesellschaftliche Anerkennung untergeordnet betrachtet werden. Bei alledem verliert O’Brien niemals ihr Talent zu sozialer Satire; Seitenhieben auf künstlerische Prätentionen kann sie nicht widerstehen. Vielmehr setzt sie beides mit größtmöglicher Wirkung ein, sodass Das Mädchen mit den grünen Augen eine weitaus schärfere Kritik an der irischen Gesellschaft – deren damaliges Selbstgefühl komplett von der Entmündigung der Frauen abhing – enthält als Die Fünfzehnjährigen. Zudem zeigt sie verstörend präzise, welche Auswirkungen das Leben in einer solchen Gesellschaft auf den persönlichen Willen und die Handlungsfähigkeit einer Frau hat. In einem Land, in dem sowohl das Gesetz als auch die Kultur der Frau verwehren, ihr Leben aus freien Stücken zu gestalten – wie soll sie es da anstellen, zu bekommen, was sie will? Gnadenlos beschreibt O’Brien die Verstümmelung des Selbstwertgefühls als notwendige Reaktion auf diese unüberwindliche Schwierigkeit sowie die Manipulation der eigenen Gefühle, die zum Überleben unabdinglich ist.

 

Noch stärker steht das Überleben im letzten, und traurigsten, Roman der Trilogie mit dem ironischen Titel Die Glückseligen im Mittelpunkt. Die Handlung macht einen Sprung von etlichen Jahren und über die Irische See nach London. Aus Baba Brennan ist Baba Durack geworden, die mit einem ungebildeten, millionenschweren Bauunternehmer verheiratet ist, der eine Neigung zu ungeschickt angestellten Versuchen sozialen Aufstiegs hat. Cait, die inzwischen vollständig in Kate aufgegangen ist, ist mit Eugene in einer lieblosen Ehe im gemeinsamen kalten, grauen Haus gefangen. Ihr einziger Lichtblick ist die tiefe Liebe, die sie für ihren Sohn empfindet sowie, nach einem Rückfall in ihre alte Gewohnheit des romantischen Eskapismus, die kurze, letztlich nicht ausgelebte Affäre mit einem verheirateten Mann. Als Eugene die Affäre entdeckt, bricht die Ehe endgültig auseinander, was katastrophale Folgen sowohl für Kate als auch für ihren Sohn hat. Eugenes mitleidlose Irrationalität und sein selbstgerechter Egoismus werden mit peinlicher Genauigkeit beschrieben, zugleich aber sehr effektvoll der einfältigen, letztlich jedoch weitaus nachsichtigeren Art gegenübergestellt, mit der Babas Ehemann sich zu der Nachricht verhält, dass sich ihre lang erwartete Schwangerschaft keinesfalls irgendwelchen Anstrengungen seinerseits verdankt. Obwohl dieser zweite, oft unterschätzte Folgeroman mit einer entscheidenden Veränderung in O’Briens Herangehensweise einhergeht (Baba erhält eine eigene Erzählstimme und Kate, von der nun personal erzählt wird, ist nicht mehr alleinige Trägerin einer im Übrigen sehr viel düstereren Erzählung), ist er keineswegs weniger eindrucksvoll als seine Vorgänger. Allein die technische Kunstfertigkeit, zwei so unterschiedliche Erzählstimmen im Duett auftreten zu lassen – Babas schonungslos deftige und vulgäre Sprache (»Erst hatte er meinen Arsch in Aufruhr gebracht, und dann ließ er mich auf dem Trockenen sitzen.«) mit Kates zunehmend elegischer Selbstverwundung zu kontrastieren – und auf diese Weise eine bewegende Meditation über Trauer, Liebesverlust und den damit einhergehenden Selbstverlust zu schaffen, zeugt von einer Romanautorin, die alle Register ihrer Schaffenskraft zieht.

 

O’Brien hat in ihrer langen und vielseitigen schriftstellerischen Laufbahn viele facettenreiche und ergreifende weibliche – und männliche – Charaktere geschaffen, doch der Zauber von Kate und Baba ist nach wie vor ungebrochen. Als 1992 Time and Tide erschien (Zeit und Gezeiten, Hoffmann und Campe, 1994), war die liebevolle Erinnerung an die beiden so lebendig, dass man O’Brien fragte, ob dieses neue Buch in irgendeiner Form als Epilog zur Country-Girls-Trilogie gelesen werden könne. Den tatsächlichen Epilog schrieb sie, als die drei Romane 1986 erstmals in einem Band erschienen. Das letzte Wort über den weiteren Werdegang der beiden Mädchen bleibt Baba vorbehalten, die zwar älter, weiser, gebeugter ist, aber noch immer über ihre böse Zunge verfügt. Es wäre unfair, mehr zu verraten.

 

Wie also kann es sein, dass diese drei kurzen Romane, die bei ihrem Erscheinen die öffentliche Moral so erschütterten, dass sie von einem später diskreditierten Politiker sowie von einem später diskreditierten Erzbischof als »Dreck« verurteilt wurden, ihre skandalöse Genese überstanden, dass sie all ihre frommen, chauvinistischen Kritiker überlebt und an Größe nur noch hinzugewonnen haben?

 

Eine Antwort lautet, dass sie einen Präzedenzfall schufen, eine Fahne hochhielten, einen Schlussstrich zogen. Mit diesen Romanen gab O’Brien den Erfahrungen einer zuvor zum Schweigen verdammten Generation irischer Frauen eine Stimme. All die Körper, denen man die ständige Erwartung von Gewalt anerzogen hatte, von Vergewaltigungen, aufgezwungenen Schwangerschaften, unzähligen gefährlichen Geburten, häuslicher Drangsalierung und der immer gegenwärtigen Gefahr, dafür weggesperrt zu werden, dass sie, ob absichtlich oder unabsichtlich, soziale Schande über ihre männlichen Angehörigen gebracht hatten, ließ sie den radikalen Sauerstoff der Freiheit atmen: der Freiheit, zu wählen, zu begehren und sinnliche Lust zu empfinden. All die Seelen, die von den vielen machiavellistischen Zumutungen religiöser Verbote, institutionalisierter Verachtung und nicht hinterfragter Diffamierung des weiblichen Intellekts gefesselt waren, ließ sie ihre Hymne an die Bewusstwerdung, den Dissens, die notwendige Suche nach Besserem hören. O’Briens Mädchen gelingt und misslingt es zugleich, die internen und externen Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, zu überwinden. Der springende Punkt ist, dass sie ihr Ringen um bessere Lebensbedingungen niemals aufgeben. Ihre Urheberin wiederum lässt niemals zu, dass sie in ihrem eigenen Dasein nur die Rolle der »besten Nebendarstellerin« spielen. Diese Romane werden immer von zwei jungen Frauen erzählen, die hinausgehen ins Leben, von der Geschichte, die sie mitbringen, und von der Zukunft, die sie sich auf ihrem Weg erschaffen.

 

Der andere, möglicherweise bedeutendere Grund für die Langlebigkeit der Country-Girls-Romane ist der, dass sie jenseits aller Märchen und Geschichten darüber, wie sie entstanden und wie sie ihren Weg in die Welt gefunden haben, große Kunstwerke sind. Mitunter auf schmerzhafte, oft aber auf lustige Weise bediente sich O’Brien des sprachlichen Spiels, das sie an Joyce so schätzte, und nicht ohne sein Vergnügen daran zur Kenntnis genommen zu haben, das Edle und das Niedere der menschlichen Natur aufeinanderprallen zu lassen, machte sie etwas ganz Eigenes daraus. Ihre Romane sind herzzerreißend einfühlsam, rigoros ehrlich und unvergleichlich schön. Und das werden sie bleiben: human, aufrichtig und für alle Zeiten von schönster Wahrheit, ganz unabhängig vom Wechsel der literarischen Moden und vom Verstreichen der Jahre.

 

Aus dem Englischen von Katrin Aé

1

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und setzte mich auf. Ich wache normalerweise nicht so leicht auf, nur wenn ich mir Sorgen mache, und für einen Moment wusste ich nicht, warum mein Herz schneller klopfte als sonst. Dann fiel es mir ein. Der alte Grund. Er war nicht nach Hause gekommen.

Ich schwang die Beine aus dem Bett, blieb einen Moment auf der Kante sitzen und strich die grüne Satintagesdecke glatt. Wir hatten am Vorabend vergessen, sie zu falten, Mama und ich. Langsam ließ ich mich auf den Boden rutschen, und das Linoleum unter meinen Füßen war kalt. Unwillkürlich zog ich die Zehen an. Ich besaß zwar Hausschuhe, aber die durfte ich nur anziehen, wenn ich meine Tanten und Cousinen besuchte, und Bettvorleger hatten wir auch, aber sie standen zusammengerollt im Schrank und wurden nur herausgeholt, wenn im Sommer Besuch aus Dublin kam.

Ich zog meine Knöchelsocken an.

Aus der Küche roch es nach gebratenem Speck, aber das heiterte mich nicht auf.

Dann ging ich zum Fenster und zog das Rollo hoch. Mit einem Ruck schoss es nach oben, und die Schnur wickelte sich darum. Ein Glück, dass Mama schon unten war, denn sie hielt mir regelmäßig einen Vortrag darüber, wie man die Rollos richtig hochzog: langsam und vorsich tig.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und die Gänseblümchen, die den Rasen tüpfelten, schliefen noch tief und fest. Alles war von Tau benetzt. Das Gras unter meinem Fenster, die Hecke rundherum, der rostige Drahtzaun und das große Feld dahinter – auf allem lag ein zarter, wabernder Nebel. Das Laub und die Bäume waren in Nebel getaucht und sahen unwirklich aus, wie Bäume in einem Traum. Über den Vergissmeinnicht, die am Rand der Hecke wuchsen, schwebten Glorienscheine aus Wasser. Wasser, das wie Silber glänzte. Es war still, nichts regte sich. Vom blauen Berg in der Ferne stieg Rauch auf. Es würde ein heißer Tag werden.

Als Bull’s-Eye mich sah, kam er unter der Hecke hervor, schüttelte sich und sah träge zu mir hoch, träge und traurig. Bull’s-Eye war unser Schäferhund, und ich hatte ihn Bull’s-Eye genannt, weil seine Augen schwarz-weiß gesprenkelt waren, wie diese Bonbons in der Dose. Normalerweise schlief er in der Torfhütte, aber die letzte Nacht hatte er im Kaninchenloch unter der Hecke verbracht. Wenn Dada nicht da war, schlief er immer dort und hielt Wache. Ich brauchte gar nicht zu fragen – mein Vater war nicht nach Hause gekommen.

Da rief Hickey etwas von unten hoch. Ich verstand ihn zuerst nicht, weil ich mir gerade das Nachthemd über den Kopf zog.

»Was? Was hast du gesagt?«, fragte ich und ging mit der Tagesdecke um die Schultern hinaus auf den Treppenabsatz.

»Himmelherrgott noch mal, ich schrei mir hier die Kehle wund.« Strahlend sah er zu mir hoch. »Willst du ein weißes oder ein braunes Ei zum Frühstück?«

»Frag mich nett, Hickey, und nenn mich Herzchen.«

»Herzchen. Mäuschen. Täubchen. Mausespeck, möchtest du ein weißes oder ein braunes Ei zum Frühstück?«

»Ein braunes, Hickey.«

»Ich hab ein wunderhübsches kleines Junghennenei für dich«, sagte er, ging wieder in die Küche und knallte die Tür hinter sich zu. Mama versuchte vergeblich, ihm beizubringen, dass man Türen leise schloss. Er war unser Arbeiter, und ich liebte ihn. Um es zu beweisen, sagte ich es laut zur Heiligen Jungfrau, die mich mit eisigem Blick aus ihrem Goldrahmen ansah.

»Ich liebe Hickey«, sagte ich. Sie schwieg. Es wunderte mich, dass sie nicht öfter sprach. Einmal hatte sie mir etwas gesagt, und es war nur für mich bestimmt gewesen. Ich war mitten in der Nacht aus dem Bett aufgestanden, um ein kurzes Gebet zu sprechen. Das war meine Bußübung, und ich stand jede Nacht sechs- oder siebenmal deswegen auf. Ich fürchtete mich vor der Hölle.

Ja, ich liebe Hickey, dachte ich; aber eigentlich meinte ich natürlich, dass ich ihn sehr mochte. Mit sieben oder acht hatte ich immer gesagt, dass ich ihn später mal heiraten würde. Ich hatte allen Leuten einschließlich des Religionslehrers erzählt, dass wir auf dem Hühnerhof wohnen würden und von Mama immer gratis Eier, Milch und Gemüse bekämen. Wir bauten aber sowieso nur Kohl an. Jetzt redete ich nicht mehr so viel vom Heiraten. Erstens wusch er sich nie, sondern warf sich nur abends über der Regentonne ein bisschen Wasser ins Gesicht. Er hatte grüne Zähne, und drittens pinkelte er vor dem Schlafengehen in eine Pfirsichdose, die er unterm Bett aufbewahrte. Mama schimpfte mit ihm. Eine Zeit lang lag sie abends immer wach und wartete, bis er nach Hause kam und sie hörte, wie er das Fenster hochschob und die Pfirsichdose draußen auf die Steinplatten auskippte.

»Wenn er so weitermacht, gehen noch die Büsche unterm Fenster ein«, schimpfte sie immer, und manchmal, wenn sie sehr wütend war, tappte sie im Nachthemd nach unten, klopfte an seine Tür und fragte ihn, warum er so etwas nicht draußen erledigte. Aber Hickey, dieser Fuchs, antwortete ihr nie.

Schnell zog ich mich an, und als ich mich nach meinen Schuhen bückte, entdeckte ich unter dem Bett allerhand Staub und lose Federn. Aber ich fühlte mich zu elend zum Wischen, deshalb zog ich nur die Decke übers Bett und ging schnell hinaus.

Auf dem Treppenabsatz war es wie üblich dunkel. Wegen des hässlichen Bleiglasfensters sah es dort immer irgendwie trüb aus, als wäre in unserem Haus gerade jemand gestorben.

»Das Ei ist bestimmt schon hart wie eine Kanonenkugel«, rief Hickey.

»Komme gleich«, rief ich zurück. Ich musste mich noch waschen. Im Badezimmer war es kalt, niemand benutzte es. Ein verwaistes Badezimmer mit einem Kaltwasserhahn, einem Rostfleck im Waschbecken darunter, einem nagelneuen Stück rosa Seife und einem steifen weißen Waschlappen, der aussah, als hätte er die ganze Nacht im Frost gehangen.

Ich beschloss, das Waschen ausfallen zu lassen, und füllte nur einen Eimer mit Wasser für die Toilette. Die Spülung war kaputt, und wir warteten seit Monaten darauf, dass jemand kam und sie reparierte. Ich schämte mich, wenn meine Schulfreundin Baba hoch ins Bad ging und entsetzt fragte: »Immer noch außer Betrieb?« Bei uns zu Hause waren die Sachen entweder kaputt oder durften nie benutzt werden. Mama bewahrte oben im Kleiderschrank eine neue Heckenschere und mehrere neue Wäscheleinen auf; wenn sie irgendetwas davon mit runterbrächte, würde es sowieso nur kaputtgehen oder geklaut werden, sagte sie.

Direkt gegenüber dem Bad lag das Zimmer meines Vaters. Er hatte seine alten Klamotten über einen Stuhl geworfen. Obwohl er nicht da war, hörte ich seine Knie knacken. Seine Knie knackten immer, wenn er sich ins Bett legte oder aufstand. Hickey rief mich noch einmal.

Mama saß neben dem Herd und aß ein Stück trockenes Brot. Ihre blauen Augen waren klein und gerötet. Sie hatte nicht geschlafen. Sie starrte geradeaus auf etwas, das nur sie selbst sehen konnte, das Schicksal und die Zukunft. Hickey zwinkerte mir zu. Er aß drei Spiegeleier und etliche Scheiben selbst geräucherten Schinken. Er tunkte sein Brot in das flüssige Eigelb und biss schlürfend davon ab.

»Hast du geschlafen?«, fragte ich Mama.

»Nein. Du hattest ein Bonbon im Mund, und da hatte ich Angst, du könntest daran ersticken, deshalb bin ich sicherheitshalber wach geblieben.« Unter meinem Kopfkissen lag immer ein kleiner Vorrat an Bonbons und Schokoriegeln, und ich hatte mir kurz vor dem Einschlafen einen Fruchtdrops in den Mund gesteckt. Arme Mama, dauernd machte sie sich Sorgen. Bestimmt hatte sie im Bett gelegen, an ihn gedacht und auf das Geräusch eines Wagens, der unten an der Straße hielt, auf seine Schritte auf dem feuchten Rasen und das Quietschen des Torriegels gelauscht – gelauscht und gehustet. Sie musste immer husten, sobald sie sich hinlegte, deshalb hing an einem Pfosten ihres Messingbetts ein Samttäschchen mit alten Lumpen darin, die sie als Taschentücher benutzte.

Hickey köpfte mein Ei. Es war hart geworden, und er strich ein paar Butterflöckchen darauf, damit es nicht so trocken war. Es war von einer Junghenne und ragte gerade so über den Rand des großen Porzellaneierbechers. Albern sah das aus, das kleine Ei in dem großen Becher, aber es schmeckte sehr gut. Der Tee war kalt.

»Darf ich Flieder für Miss Moriarty mitnehmen?«, fragte ich Mama. Ich schämte mich dafür, dass ich ihren elenden Zustand ausnutzte, um nach Blumen für meine Lehrerin zu fragen, aber ich wollte unbedingt Baba übertrumpfen und Miss Moriartys Liebling werden.

»Ja, Liebes, nimm ihr mit, was du willst«, sagte Mama geistesabwesend. Ich ging zu ihr, schlang die Arme um ihren Hals und küsste sie. Sie war die beste Mama der Welt. Ich sagte es ihr, und für eine Weile hielt sie mich so fest, als wollte sie mich nie mehr loslassen. Ich war ihr ein und alles, das Wichtigste auf der Welt.

»Olle Schmeichelkatze«, sagte Hickey. Meine Finger waren in ihrem weichen weißen Nacken verflochten, und ich löste sie und wandte mich etwas beschämt ab. Sie war mit den Gedanken Gott weiß wo, und die Hühner hatten noch kein Futter bekommen. Einige hatten sich schon auf Wanderschaft begeben und pickten in Bull’s-Eyes Futternapf draußen vor der Hintertür. Ich hörte, wie Bull’s-Eye sie jagte und sie krakeelend davonflatterten.

»Im Gemeindehaus wird heute ein Theaterstück gespielt. Sie sollten hingehen.«

»Sollte ich.« Ihre Stimme klang leicht sarkastisch. Obwohl wir ohne Hickey wirklich aufgeschmissen gewesen wären, war sie ihm gegenüber manchmal ziemlich harsch. Sie grübelte. Fragte sich, wo er war. Ob er wohl in einem Krankenwagen nach Hause kam, oder in einer Mietdroschke, vor drei Tagen in Belfast angeheuert und nicht bezahlt? Ob er mit einer Flasche Whiskey in der Hand die Steinstufen zur Hintertür hochstolperte? Ob er brüllte, um sich schlug, sie erwürgte oder sich entschuldigte? Ob er zusammen mit irgendeinem besoffenen Idioten in den Flur fiel und sagte: »Muttern, das ist mein bester Kumpel Harry. Ich hab gerade fünf Hektar Weideland gegen seinen allerschönsten Windhund eingetauscht …« Das alles war uns schon so oft passiert, dass es dumm gewesen wäre zu glauben, mein Vater könnte nüchtern nach Hause kommen. Er war drei Tage zuvor mit sechzig Pfund in der Tasche losgezogen, um die Grundsteuer zu bezahlen.

»Salz, Schätzchen«, sagte Hickey, nahm eine Prise zwischen Daumen und Zeigefinger und streute sie auf mein Ei.

»Nein, Hickey, nicht.« Ich wollte damals kein Salz. Reine Affektiertheit. Ich fand es sehr erwachsen, kein Salz und keinen Zucker zu nehmen.

»Und was mache ich, Madam?«, fragte Hickey und nutzte ihre Teilnahmslosigkeit aus, um sein Brot auf beiden Seiten großzügig mit Butter zu bestreichen. Nicht, dass Mama knauserig mit dem Essen gewesen wäre, aber Hickey wurde allmählich so dick, dass er seine Arbeit kaum noch erledigen konnte.

»Sie gehen am besten ins Moor«, sagte sie. »Der Torf kann jetzt gestochen werden, und wer weiß, ob wir noch mal so gutes Wetter kriegen.«

»Vielleicht sollte er lieber nicht zu weit weggehen«, sagte ich. Ich hatte Hickey gern in der Nähe, wenn Dad nach Hause kam.

»Wer weiß, wann er kommt, vielleicht erst nächsten Monat«, sagte sie. Ihr Seufzen konnte einem das Herz brechen. Hickey nahm seine Kappe von der Fensterbank und ging hinaus, um die Kühe auf die Weide zu treiben.

»Ich muss die Hühner füttern«, sagte Mama, öffnete die untere Herdklappe und nahm einen Topf mit Grütze heraus, die dort über Nacht geköchelt hatte.

Sie ging raus in die Milchkammer, um das Hühnerfutter zu stampfen, und ich bereitete mein Pausenbrot vor. Ich schüttelte die Lebertranflasche und den Kräftigungssaft, damit es so aussah, als hätte ich davon genommen, und stellte beides wieder neben die aufgereihten Doulton-Teller auf die Anrichte. Die Teller waren ein Hochzeitsgeschenk gewesen, aber wir benutzten sie nie, damit sie nicht kaputtgingen. Dahinter steckten Rechnungen. Hunderte von Rechnungen. Um Rechnungen machte sich Dada keinen Kopf, er steckte sie einfach hinter die Teller und dachte nicht mehr dran.

Ich ging hinaus, den Flieder holen. Als ich mich auf die Steinstufe stellte, um über die Felder zu schauen, packte mich wie jedes Mal, wenn ich auf die vielen verschiedenen Bäume, die steinernen, abseits gelegenen Nebengebäude und auf die Felder sah, die so grün und so friedlich dalagen, dieses überwältigende Gefühl von Freiheit und Freude. Hinter dem Zaun stand ein Walnussbaum, in dessen Schatten große, leuchtend blaue Hasenglöckchen wuchsen, eine Höhle voll himmelblauer Blumen inmitten der Kalksteinbrocken. Meine Schaukel wiegte sich leicht im Wind, und das Laub in den Baumkronen regte sich leise.

»Pack dir auch ein Stückchen Kuchen und ein paar Kekse ein«, sagte Mama. Sie verwöhnte mich und gab mir immer irgendeinen Leckerbissen mit. Gerade stampfte sie einen Eimer Schrot und Kartoffeln; mit gesenktem Kopf saß sie da und weinte ins Hühnerfutter.

»Ah, so ist das Leben, die einen arbeiten, die anderen verprassen«, sagte sie und trug den Eimer auf den Hof. Ein paar Hühner saßen schon auf dem Eimerrand und pickten. Mamas rechte Schulter hing vom Schleppen etwas weiter herunter als die linke. Obwohl die schwere Arbeit an ihr zerrte, bastelte sie an den Abenden noch Lampen- und Kaminschirme, um das Haus zu verschönern.

Eine Schar wilder Gänse flog kreischend übers Haus und dann weiter zum Ulmenwäldchen. Dorthin gingen die Kühe im Sommer, wenn es ihnen zu heiß wurde, und die Fliegenschwärme folgten ihnen. Ich spielte dort manchmal Kaufladen, mit Porzellanscherben und Pappkartons. Baba und ich saßen oft im Wäldchen und erzählten uns Geheimnisse, und einmal hatten wir die Unterhosen ausgezogen und uns gegenseitig gekitzelt. Das größte Geheimnis von allen. Ab und zu sagte Baba, sie würde es verraten, und dann schenkte ich ihr jedes Mal ein Seidentaschentuch oder eine nagelneue Tartan-Schleife oder so etwas.

»Lass die trüben Gedanken, Zuckerschnütchen«, sagte Hickey und machte vier Eimer Milch für die Kälber fertig.

»Woran denkst du denn, wenn du mal denkst, Hickey?«

»Puppen. Ein hübsches kleines Frauchen. Denken ist der reinste Schmu«, sagte er. Die Kälber standen schon brüllend am Gatter, und kaum dass er ihnen die Eimer hingestellt hatte, steckten sie die Köpfe hinein und tranken gierig. Das weiße mit den riesigen lila Augen trank am schnellsten, damit es die Schnauze noch in den Eimer neben sich stecken konnte.

»Das wird sich den Magen verderben«, bemerkte ich.

»Das arme Ding, es sollte mal ’ne ordentliche Fleischmahlzeit kriegen.«

»Wenn ich groß bin, werde ich Nonne, das hab ich gerade gedacht.«

»Du und Nonne, Blödsinn. Höchstens beim Kerry-Orden – zwei Köpfe auf einem Kissen.« Etwas angewidert ging ich Flieder pflücken. Die Betonplatten neben dem Haus waren grün und glitschig. Manchmal lief dort die Regentonne über, und außerdem lagen sie genau unter dem Fenster, an dem Hickey jeden Abend seine Pfirsichdose ausleerte.

Als ich einen Schritt zur Seite aufs Gras ging, wurden meine Sandalen nass.

»Pass auf, wo du hintrittst«, rief Mama, die mit dem leeren Eimer in der einen und ein paar Eiern in der anderen Hand vom Hühnerhof kam. Mama wusste vieles schon, bevor man es ihr erzählte.

Der Flieder war nass. Von jedem Zweig, den ich pflückte, fielen wie überreife Johannisbeeren Wassertropfen auf den Rasen. Die Fliederzweige wie Brennholz in den Armen, ging ich zurück.

»Halt, das bringt Unglück«, rief Mama, deshalb ging ich nicht ins Haus. Sie brachte ein Stück Zeitungspapier heraus und wickelte es um die Stiele, damit mein Kleid nicht nass wurde. Dann brachte sie mir Mantel, Handschuhe und Mütze nach draußen.

»Brauch ich nicht, es ist doch warm«, sagte ich. Aber sie beharrte sanft darauf und erinnerte mich daran, dass ich mich nun mal leicht erkältete. Ich zog also Mantel und Mütze an und nahm mir meinen Schulranzen samt einem Stück Kuchen und einer Limonadenflasche voll Milch für die Mittagspause.

Ängstlich und zitternd ging ich los. Vielleicht begegnete ich ihm unterwegs, oder er kam nach Hause und brachte Mama um.

»Kommst du mich abholen?«, fragte ich sie.

»Ja, Schätzchen, sobald Hickey mit dem Essen fertig ist und ich den Tisch abgeräumt habe, geh ich dir ein Stück entgegen.«

»Wirklich?«, fragte ich mit Tränen in den Augen. Ich hatte immer Angst, meine Mutter könnte sterben, während ich in der Schule war.

»Wein’ doch nicht, Schatz. Und jetzt los, ab mit dir. Du hast ein feines Stück Kuchen dabei, und ich komm dir entgegen.« Sie zog mir die Mütze glatt und küsste mich drei- oder viermal. Dann blieb sie auf den Betonplatten stehen und sah mir nach. Sie winkte. Sie sah traurig aus in ihrem braunen Kleid; je weiter weg ich war, desto trauriger sah sie aus. Wie ein Spatz im Schnee, ängstlich, braun und einsam. Es war schwer vorstellbar, dass sie an einem sonnigen Morgen in einem Spitzenkleid und mit einem Häkelhut auf dem Kopf geheiratet hatte, die Augen ganz feucht vor Freude, während sie jetzt nur wässrig von Tränen waren.

Hickey trieb die Kühe auf die obere Weide, und ich rief ihn. Er ging vor mir, die Hosenbeine in die dicken Wollsocken gesteckt und die Kappe verkehrt herum auf dem Kopf, sodass der Schild hinten war. Er ging wie ein Clown. Ich hätte seinen Gang überall wiedererkannt.

»Was ist das für ein Vogel?«, fragte ich. In der blühenden Kastanie saß ein Vogel, der »Ich bin hier, ich bin hier« zu rufen schien.

»Eine Schwarzdrossel«, antwortete er.

»Quatsch. Der ist doch braun.«

»Na gut, du Naseweis. Dann eben eine Braundrossel. Ich hab zu tun, ich lauf nicht rum und frag die Vögel, wie sie heißen, was sie so treiben und welche Schnecken sie am liebsten fressen. Wie diese Hanskasper, die nach Burren kommen, um Blumen anzugucken. Blumen! Ich arbeite. Ohne mich geht hier alles den Bach runter.« Es stimmte, dass Hickey die meiste Arbeit machte, aber trotzdem verlotterte alles, die ganzen hundertsechzig Hektar.

»Jetzt ab mit dir, du Hüpfer, sonst gibt’s einen Klaps auf den Po.«

»Was fällt dir ein, Hickey!« Ich war vierzehn und fand, er nahm sich mir gegenüber ein bisschen viel heraus.

»Komm, gib mir Schnäbelchen«, sagte er und strahlte mich aus seinen sanften grauen und sehr großen Augen an. Ich zuckte mit den Schultern und rannte weg. Schnäbelchen geben, das war sein persönlicher Ausdruck für einen Kuss. Ich hatte ihm seit zwei Jahren keinen mehr gegeben, seit dem Tag, an dem Mama gesagt hatte, sie würde mir ein Stück Karamell schenken, wenn ich ihn zehnmal küsste. Dada war an dem Tag im Krankenhaus gewesen, um sich von einer seiner Sauftouren zu erholen, und es war eins der wenigen Male, dass ich Mama glücklich sah. Entspannen konnte sie sich nur in den Wochen unmittelbar, nachdem er getrunken hatte, dann musste sie sich schon wieder Sorgen machen, wann es wohl das nächste Mal so weit war. Sie saß auf der Stufe vor der Hintertür, und ich hielt ein Garngebinde, das sie zu einem festen Knäuel wickelte. Hickey kam vom Basar zurück und erzählte ihr, wie viel Geld er für eine junge Kuh bekommen hatte, und dann sagte sie, ich bekäme ein Stück Karamell, wenn ich ihn zehnmal küsste.

Eilig ging ich den Rasen hinunter; ich hatte Angst, dass Dada jeden Moment auftauchen könnte.

Es hieß Rasen, weil es früher, als das große Haus noch stand, mal einer gewesen war, aber dann hatten die Briten das Haus angezündet, und weil mein Vater sich im Gegensatz zu seinen Vorfahren nichts aus Land machte, verwahrloste er nach und nach.

Ich durchquerte den überwucherten Streifen am hinteren Ende. Von dort kam man zu einem Tor aus Weidengeflecht.

Hier war alles mit Dornengestrüpp, jungen Farnen und Kreuzkraut zugewachsen, mit nadelspitzen Disteln dazwischen, und der Boden darunter war von Millionen Wildblümchen getüpfelt – blauen, violetten und weißen, die wie Nieseltropfen aussahen, oder als singe die Erde fröhliche kleine Lieder. Wie schön und kostbar sie waren, dort in ihrem Versteck unter Dornen und jungem Farnkraut.

Ich nahm den Flieder in den anderen Arm und trat hinaus auf die Straße. Dort erwartete mich Jack Holland. Zuerst erschrak ich, als ich ihn dort an der Mauer stehen sah. Ich dachte, es wäre Dada. Sie waren ungefähr gleich groß und trugen beide Hüte statt Kappen.

»Ah, Caithleen, mein Kind«, begrüßte er mich und hielt mir das Tor auf, und ich schob mich seitlich hindurch. Es ließ sich nur ein Stück weit öffnen, sodass man sich hinausquetschen musste. Er legte die Drahtschlinge wieder über den Pfosten und ging mit mir hinüber zum Treidelpfad.

»Wie geht es dir, Caithleen? Was macht deine Mutter? Dein Vater ist schon auffällig lange weg. Ich sehe jetzt morgens in der Molkerei immer Hickey.« Bei uns sei alles in Ordnung, sagte ich ihm und dachte daran, was Mama immer sagte: »Weine, und du weinst allein.«

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