Logo weiterlesen.de
Die Fünf

Vladimir Jabotinsky

Die Fünf

Roman

Aus dem Russischen übersetzt
von Ganna-Maria Braungardt.

Die Lyrik wurde übertragen von
Jekatherina Lebedewa.

AB_Logo.jpg

Begründet von
Hans Magnus Enzensberger

AB_Logo.jpg

ISBN 978-3-8477-5336-0

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de
Die Originalausgabe erschien im Jahr 1936 unter dem Titel Die Fünf

Die Fünf von Vladimir Jabotinsky ist Dezember 2012 als dreihundertsechsunddreißigster Band der Anderen Bibliothek erschienen und in der limitierten Originalausgabe vergriffen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder als limitierte gedruckte Ausgabe unter: https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Die-Fuenf::626.html

Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt
Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

– Werden Sie Abonnent, so erhalten Sie jede Originalausgabe garantiert und zum Vorzugspreis.

Unser Vorschlag: Werden Sie Mitglied im Club unserer Abonnenten.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK sucht das Bündnis mit den Lesern.

Bei einer Mindestlaufzeit von einem Jahr (zwölf Bände) können Sie danach jederzeit kündigen. Als persönliches Dankeschön erhalten Sie eine exklusive Abo-Prämie.

Bitte informieren Sie sich bei Ihrem Buchhändler oder rufen Sie bei

DIE ANDERE BIBLIOTHEK an:

030 / 639 66 26 90 oder 030 / 28 394–229

info@die-andere-bibliothek.de

www.die-andere-bibliothek.de oder direkt unter

www.ab-abo.de

DER BEGINN DIESER ERZÄHLUNG aus dem Leben des vergangenen Odessa liegt ganz am Anfang unseres Jahrhunderts. Dessen erste Jahre hießen bei uns damals »Frühling«: ein gesellschaftliches und staatliches Erwachen, und für meine Generation fielen diese Jahre zusammen mit dem persönlichen Frühling der Jugend von Zwanzigjährigen. Zweimal Frühling und das damalige Gesicht der fröhlichen Hauptstadt des Schwarzen Meeres mit den Akazien an der Steilküste sind in meiner Erinnerung verwoben mit der Geschichte einer Familie, in der fünf Kinder lebten: Marussja, Marko, Lika, Serjosha und Torik. Ein Teil ihrer Abenteuer spielte sich vor meinen Augen ab; das Übrige werde ich, wenn es nötig sein sollte, nach Hörensagen berichten oder nach meinen Vermutungen hinzudichten. Ich verbürge mich nicht dafür, dass ich die Lebensgeschichten der Helden und die Abfolge der allgemeinen Ereignisse in der Stadt oder in Russland, im Rahmen derer all dies geschah, exakt wiedergebe: Die Erinnerung trügt häufig, und für Nachforschungen hatte ich keine Zeit. Aber eines ist sicher: Jene fünf sind mir nicht zufällig in Erinnerung geblieben; nicht nur, weil ich Marussja und Serjosha sehr gern hatte und noch mehr ihre leichtsinnige, weise, leidgeprüfte Mutter – sondern weil in dieser Familie die ganze vorangegangene Epoche der jüdischen Russifizierung mit uns ihre – guten wie bösen – Rechnungen beglichen hat. Wie in einem klassischen Beispiel aus dem Lehrbuch. Diese Seite der Geschichte, da bin ich sicher, erzähle ich wahrhaftig, ohne Nörgelei, zumal das alles nun lange zurückliegt und wehmütige Liebe weckt. »Ich bin ein Sohn der Zeit, in der wir alles hatten, Elend und Glanz, ich kenne Schmutz und Licht: ihr Sohn bin ich, und lieb auch ihre Schatten, ihr ganzes Gift lieb ich.«

Kapitel 1
DIE JUGEND

Das erste Mal sah ich Frau Milgrom und ihre älteste Tochter bei der ersten Vorstellung von MONNA VANNAi im Stadttheater.

Sie saßen in einer Parkettloge in der Nähe meines Platzes, zusammen mit drei Personen aus einer anderen Familie. Ich bemerkte sie aus einem für meinen Stolz sowohl schmeichelhaften wie recht unschmeichelhaften Grund. Es begann damit, dass ein neben mir sitzender junger Zeitungskollege, der Milieustudien über Barfüßer und Hafenarbeiter verfasste, unter dem Lärm des sich langsam füllenden Saales zu mir sagte: »Sieh mal, dort rechts, die rothaarige kleine Jüdin in der dritten Loge: Wie ein Kätzchen im Muff!« Ihm gelangen mitunter wunderbare Vergleiche: Das Fräulein schaute aus ihrer üppigen hellroten Frisur tatsächlich heraus wie das Kätzchen aus dem Pelzring auf einer bekannten Pralinenschachtel. Zugleich sah ich, dass die Dame auf mich zeigte und etwas zu dem Mädchen sagte, offenbar meinen Zeitungsnamen, und die Tochter machte große Augen, zuckte ungläubig die Achseln und antwortete (das las ich deutlich von ihren Lippen ab): »Tatsächlich? Unglaublich!«

In der zweiten Pause ging ich auf die Galerie hinauf, um mich mit befreundeten Studenten zu treffen. Die Galerie in unserem Stadttheater war damals eine wichtige Institution: das Reich der Studenten; ich glaube, die Seitensitze wurden fast ausschließlich an sie verkauft. Darum stand dort immer ein Reviervorsteher auf dem Posten, stets ein respektabler Recke mit zwei Bärten auf der Brust wie ein General, und der hatte mehrere Schutzleute in Reserve. Wenn die Studenten randalierten (beispielsweise, als dem alten Figner in den HUGENOTTEN bei einem hohen Ton die Stimme versagte und ihm aus diesem Anlass sein gar nicht brüderliches Verhältnis zu seiner in Schlüsselburg sitzenden Schwester vorgehalten wurde), erschienen die Schutzleute und führten die Studenten am Arm hinaus, und der Vorsteher lief hinterher und sagte respektvoll: Bitte, Herr Student, wie kann man nur …

An diesem Abend randalierte niemand. Die Zeitungen hatten das Publikum schon zwei Wochen lang auf die Inszenierung von MONNA VANNA vorbereitet; ich erinnere mich nicht genau, wie, aber zweifellos legten sie in das Stück einen revolutionären Sinn (damals sprach man von »Befreiungspathos«; alles wurde in jenen Jahren durch das Prisma der Befreiung betrachtet, dafür oder dagegen, selbst ein piepsendes Versagen der Stimme bei einem Tenor, der sich Solist Seiner Majestät nannte). Die Vorstellung erfüllte alle Erwartungen. Die Heldin gab eine Schauspielerin, in die wir damals alle regelrecht verliebt waren: Die Hälfte aller jungen Mädchen der Stadt imitierte ihre zärtlich-monotone Stimme und reichte Bekannten die gestreckte Hand mit der Handfläche nach unten, genau wie sie. Das »Foyer« der Galerie, das normalerweise einem Boulevard glich, auf dem zwei schmale Ströme von Flaneuren parallel nebeneinander flossen, erinnerte jetzt an ein Forum: Überall Grüppchen, und in jedem Grüppchen gab es nur ein Thema: Konnte Prinzivalli wirklich eine ganze Nacht bei der derart bekleideten Monna Vanna gesessen haben, ohne auch nur die Hand nach ihr auszustrecken?

Das erörterten lautstark auch die Studenten in der Gruppe, wo ich meine Freunde fand; durch ihre dröhnenden Stimmen hindurch hörte ich, dass man sich in der nächsten, besonders zahlreichen Menge ebenfalls darüber ereiferte. Plötzlich entdeckte ich in deren Mitte jenes rothaarige Fräulein. Sie mochte etwa neunzehn Jahre alt sein. Sie war nicht groß, aber nach dem deftigen Geschmack der vollblütigen damaligen Zeit wunderbar gebaut; sie trug natürlich ein enges Korsett, aber ohne Schalen, was in der Mittelschicht, wie mir gesagt wurde, als gewagte Neuheit galt; ihre Puffärmel reichten nicht einmal bis zum Ellbogen, und der Kragen war zwar hochgeschlossen, aber darunter befand sich doch ein Ausschnitt von rund anderthalb Werschokii, auch das sehr kühn. Gekrönt wurde dieser äußere Eindruck von folgenden Gesprächsfetzen, die ich erhaschte:

»Wie ist es denkbar«, ereiferte sich ein Student, »dass Prinzivalli …«

»Schrecklich!«, rief das rothaarige Fräulein, »ich anstelle von Monna Vanna hätte das niemals zugelassen. Was für ein Trottel!«

Die Umstehenden lachten, und einer war geradezu hingerissen.

»Sie sind wundervoll, Marussja, immer sagen Sie etwas, wofür ich Sie küssen möchte …«

»Ph, als ob das was Besonderes wäre«, entgegnete Marussja gleichgültig, »ohnehin gibt es auf der Deribassowka1 bald keinen einzigen Studenten mehr, der sich rühmen könnte, mich noch nie geküsst zu haben.«

Mehr hörte ich nicht, obwohl ich inzwischen bewusst lauschte.

Die Vorstellung endete grandios. Nach der ersten und der zweiten Pause hatten Parkett und Logen noch abgewartet, was die höchste Instanz, die Galerie, meinte, und erst auf ihr Signal hin stürmisch Beifall geklatscht; nun aber lärmten Logen und Parkett von selbst los. Es gab unzählige Vorhänge, erst für das ganze Ensemble, dann für Monna Vanna und Prinzivalli, dann für Monna Vanna in ihrem schwarzen Samtumhang allein. Plötzlich fehlte die führende Partie im Beifallssturm – beide Seiten der Galerie waren verstummt: ein Zeichen, dass das höchste Maß an Triumph bevorstand, das bis dahin ausschließlich italienischen Sängerinnen und Sängern vorbehalten gewesen war – die Studenten stürmten ins Parkett. Das übrige Publikum, unentwegt weiterklatschend, drehte sich erwartungsvoll um; der bemalte Vorhang hob sich erneut, doch noch war die Bühne leer – auch dort wartete man auf den höchsten Aufritt der Jugend. Im nächsten Augenblick strömten durch alle Gänge blaue Röcke und graue Jacken nach vorn; ich erinnere mich, dass allen voran ein riesenhafter Georgier mit Siebenmeilenschritten durch den Mittelgang kam, mit ernster, geschäftiger, ja, drohender Miene, als ginge es auf die Barrikade. Am Orchestergraben angekommen, klemmte er sich die Schirmmütze unter die Achsel und klatschte bedächtig, womöglich nicht einmal sehr laut, mit großer, selbstbewusster Würde dreimal in die Hände (»wie ein Sultan, der die schöne Suleika hinterm Gitter hervorruft«, stand am nächsten Tag in einer Zeitung). Da erst, auf das Geheiß des Padischahs hin, kam die schöne Suleika hinter den Kulissen hervor; ich sah, dass ihre Lippen in der Tat zitterten und krampfhaftes Schluchzen in ihrer Kehle aufstieg; ringsum tobte ein unbeschreiblicher Sturm; zwei Theaterdiener kamen hinter den Kulissen hervorgelaufen, um die Blumenkörbe abzuräumen und das Feld für das freizumachen, was damals kostbarer war als Blumen: Auf die Bühne flogen zerknautschte, ausgebleichte blaue Mützen mit abgestoßenem Schirm. Hinter den Studenten standen die Reviervorsteher und Schutzleute, einer wie der andere mit zwei Bärten auf der Brust; sie blickten wohlwollend, zustimmend, majestätisch-feierlich, im Einklang mit dem funkelnden Gold und Kristall, den Karyatiden, dem roten Samt der Sessel und Barrieren, den festlichen Roben der Getreideexporteure und ihrer schwarzäugigen Damen, mit der ganzen Pracht des unbeschwerten, satten Odessa. Ich schaute mich nach Marussja um: Sie war außer sich vor Glück, blickte aber nicht zur Bühne, sondern zu den Studenten, zupfte ihre Mutter an den gepufften Ärmeln, zeigte ihr offenbar ihre engsten Freunde in der Menge der blauen Röcke und grauen Jacken und nannte deren Namen; wenn ich mich recht entsinne, an die zwanzig, womöglich auch mehr, bis sich von der Decke majestätisch der Eiserne Vorhang herabsenkte.

Kapitel 2
SERJOSHA

Irgendwer hatte mir gesagt, der Familienname des rothaarigen Fräuleins sei Milgrom; und als ich das Theater verließ, fiel mir ein, dass ich ein Mitglied dieser Familie bereits kannte.

Wir hatten uns kurz davor im Sommer kennengelernt. Ich war zu Besuch gewesen bei Bekannten, die bis Ende August in ihrem Sommerhaus am Strand Langéron wohnten. Eines Morgens, als meine Gastgeber noch schliefen, ging ich zum Baden hinunter, danach wollte ich ein wenig rudern. Meine Freunde besaßen ein Boot mit zwei Paar Riemen; ich schob es mühsam über den groben Kies (der bei uns einfach »Sand« hieß) ins Wasser, und da erst entdeckte ich, dass jemand beide Ruderdollen auf der rechten Seite abgebrochen hatte. Reservedollen fand ich nicht. Die Ruderdollen bei uns an der Küste waren recht primitiv – einfach kleine Knüppel, an denen die breiten Ruder festgebunden wurden: Es brauchte eine gewisse Geschicklichkeit, damit sich die Ruder nicht drehten und flach aufs Wasser klatschten. Dafür verlangte die Herstellung solcher Dollen keinerlei Geschicklichkeit, man musste nur einen kleinen Ast zurechtschnitzen. Aber das kam mir gar nicht in den Sinn. Unsere Generation ist mit zwei linken Händen aufgewachsen. Wenn ein Knopf abriss, ließen wir den Kopf hängen und träumten von einer Familie, von einer Ehefrau, einem wundervollen Geschöpf, das vor nichts zurückschreckt, das weiß, wo man Nadel und Faden kauft und was man damit anfängt. Ich stand mit traurig gesenktem Kopf vor dem Boot wie vor einer komplizierten Maschine, in der etwas Rätselhaftes kaputt gegangen ist, sodass nur ein Edison die Sache hätte retten können.

In dieser Notlage traf mich ein etwa siebzehnjähriger Gymnasiast an; später stellte sich heraus, dass er kaum sechzehn war, aber sehr groß für sein Alter. Er besah sich die Trümmer der Ruderdollen mit dem geübten Auge eines gestandenen Mannes und stellte mir eine sachliche Frage: »Wer ist der Wächter hier am Strand?«

»Tschubtschik«, sagte ich, »Awtonom Tschubtschik, ein Fischer.«

Er antwortete verächtlich: »Daher die Unordnung – Tschubtschik! Den halten auch die anderen Fischer für einen Bossjawka2

Ich hob freudig den Kopf. Linguistik war die wahre Leidenschaft meines Lebens, und da ich in aufgeklärten Kreisen lebte, wo man bemüht war, sich hochrussisch auszudrücken, hatte ich die originale Mundart von Fontanka, Langéron, Peressyp und Stadtgarten lange nicht gehört. Herrlich! Bossjawka – das ist unmöglich zu übersetzen; dieses eine Wort enthält eine ganze Enzyklopädie unfreundlicher Urteile. Der junge Mann sprach auch weiter in diesem Idiom, aber leider habe ich meine Muttersprache vergessen, muss also seine Worte größtenteils in der Hochsprache wiedergeben, wobei mir schmerzlich bewusst ist, dass kein Satz richtig stimmt.

»Warten Sie«, sagte er, »das lässt sich leicht reparieren.«

Da hatte ich einen Menschen von ganz anderer Art vor mir, einen mit zwei rechten Händen! Erstens hatte er ein Messer in der Tasche, und zwar kein Feder-, sondern ein Finnenmesser. Zweitens beschaffte er sogleich das nötige Holz: Er schaute sich um, ob niemand in der Nähe war, ging dann forsch zum nächsten Badehäuschen mit einer Treppe und brach die unterste Leiste aus dem Geländer heraus. Er brach sie überm Knie entzwei, schnitzte an den Hälften herum, prüfte, ob sie ins Loch passten, schnitzte noch einmal, polkte die Stümpfe der alten Dollen heraus und setzte die neuen ein. Hätte nur noch gefehlt, dass er rezitiert hätte: »Nun, mein Alter, fertig ist’s …«3 Stattdessen machte er mir ebenso forsch einen Vorschlag, wie ich mich für den erwiesenen Dienst erkenntlich zeigen könnte.

»Nehmen Sie mich mit ins Boot?«

Ich bejahte natürlich, warf aber noch einen Blick auf sein Gymnasiastenabzeichen und fragte vorsichtshalber: »Aber das Schuljahr hat doch schon angefangen, müssten Sie jetzt nicht in der ersten Stunde sitzen, Kollege?«

»Le cadet de mes soucis«, erwiderte er gleichmütig, während er bereits die Seilschlaufen mit den Rudern auf die Dollen stülpte. Das war ihm ganz natürlich auf Französisch herausgerutscht, ohne Aufschneiderei. Später erfuhr ich, dass die jüngeren Kinder der Milgroms eine Gouvernante gehabt hatten (Marussja und Marko nicht, damals hatte der Vater noch nicht so viel verdient). Überhaupt war Serjosha kein Angeber, mehr noch – er kümmerte sich gar nicht um sein Gegenüber und darum, was derjenige dachte, er war ganz in seine Arbeit vertieft: Er prüfte die Knoten an den Schlaufen, hob die Bodenbretter an, um zu schauen, ob auch kein Wasser im Boot war, öffnete den Kasten unter der vorderen Sitzbank, um nachzusehen, ob ein Schöpfer vorhanden war, klopfte irgendwo gegen, rieb etwas ab. Gleichzeitig erzählte er, er habe beschlossen zu schwänzen, weil er von einem Mitschüler, der bei ihrem Griechen in Pension lebte, das heißt, bei dem Tschechen, der bei ihnen Griechisch unterrichtete, weil er von diesem Mitschüler wisse, dass der Grieche ihn, meinen neuen Freund, heute außer der Reihe an die Tafel rufen wolle. Darum habe er seiner Mutter einen Zettel hingelegt (sie stehe immer spät auf): »Wenn der Pedell kommt, sag ihm, ich wäre beim Zahnarzt.« Dann habe er seinen Ranzen bei dem benachbarten Tabakhändler deponiert und sei nach Langéron gefahren.

»Ihre Mama ist ein echter Kamerad«, sagte ich beifällig. Wir ruderten bereits.

»Es lässt sich leben«, bestätigte er, »tout fait potable.«

»Aber warum ist der Ranzen dann beim Tabakhändler? Sie hätten ihn doch zu Hause lassen können, da Ihre Mutter ja eingeweiht ist.«

»Das geht wegen Papa nicht. Er ist die Unschuld in Person. Noch immer gerät er außer sich, wenn ich an seiner Stelle meine Zensuren unterschreibe. Egal, er wird sich noch daran gewöhnen. Morgen werde ich in seiner Handschrift einen Entschuldigungsbrief verfassen: ›Mein Sohn Sergej Milgrom, Schüler der fünften Klasse, fehlte an dem und dem Tag wegen Zahnweh.‹«

Wir waren schon ein ganzes Stück hinausgerudert; er war ein phantastischer Ruderer und redete wie ein waschechter Bootsführer. »Der Wind wird heut gegen fünf wieder auffrischen, und zwar kein simpler Wind, sondern ein richtiger ›Tramontaneiii‹«. »Ziehen Sie den rechten Riemen rückwärts, sonst rammen wir die Zille da.« »Sehen Sie mal – ein krepiertes Meerschwein« – dabei zeigte er auf einen Delphinkadaver, den der Sturm am Vortag auf die unterste Plattform des Wellenbrechers am Leuchtturm getrieben hatte.

Zwischen seinen seemännischen Bemerkungen versorgte er mich mit vielen bruchstückhaften Informationen über seine Familie. Sein Vater »hetzt jeden Morgen mit der Pferdebahn ins Kontor«, deshalb sei es so gefährlich, wenn Sergej keine Lust habe, ins Gymnasium zu gehen, denn er müsse das Haus mit ihm zusammen verlassen. Abends sei ihr Haus ein »Flohmarkt« – da bekomme seine Schwester Besuch von »ihren Passagieren«, meist Studenten. Außerdem sei da noch sein älterer Bruder Marko, der sei in Ordnung, durchaus »tragbar«, aber ein »Tjuntja« (diesen Ausdruck kannte ich nicht, offenbar so etwas wie Narr, Einfaltspinsel). Marko »ist dieses Jahr Nietzscheaner«. Serjosha hatte über ihn eigenhändig folgenden Vers verfasst:

Ideen nach Mode, doch zerrissne Kleider,

Gelehrter Mann und dreifach Sitzenbleiber.

»Das ist bei uns zu Hause«, ergänzte er, »meine Spezialität. Marussja verlangt zu jedem ihrer Passagiere Verse.«

Seine Schwester Lika, offenbar auch älter als Serjosha, »hat ihre Nägel bis auf den letzten abgekaut, und nun langweilt sie sich und ist wütend auf ganz Odessa«. Der Jüngste heiße Torik, aber er sei »eine Stütze des Throns«, sein Urteil über alles »ist immer so korrekt, dass einem schon von weitem schlecht werden kann.«

Zum Leuchtturm, das vergaß ich zu erwähnen, ruderten wir deshalb: Als Serjosha die Zille entdeckt hatte, die wir beinahe gerammt hätten, war ihm eingefallen, dass an der Androssow-Mole jetzt massenhaft Lastkähne aus Cherson stehen müssten – voll mit Wassermelonen.

»Wollen wir hin? Dort können wir auch essen – ich lade Sie ein.«

Es war angenehm und amüsant mit ihm, und im Sommerhaus würde bis zum Abend niemand das Boot brauchen; außerdem versprach mir Serjosha, auf dem Rückweg »einen aus dem Wirtshaus« mitzunehmen, der würde dann rudern, und ich könnte mich ausruhen. Ich willigte ein, und wir ruderten zum Hafen, um den Leuchtturm herum, wofür wir wegen des Windes und des Seegangs, und weil wir alle halbe Stunde das ganze Schwarze Meer aus dem Boot schöpfen mussten, rund drei Stunden brauchten.

»Ihre Admirale sind Landratten«, schimpfte Serjosha auf meine Freunde, die ihr Boot so vernachlässigten.

Zur Anlegestelle mussten wir uns zwischen den Zillen hindurchschlängeln, es herrschte ein Gedränge wie auf dem Flohmarkt: Die kleinen Kähne stießen fast aneinander, und Serjosha wusste genau zu unterscheiden zwischen Zillen, Barkassen, Feluken und weiteren fünf oder sechs Typen. Offenbar kannten ihn auch hier viele Leute. Von den mit Melonen beladenen Booten wurde er mehrmals angerufen, was etwa so klang: »Oho, Serjosha, wohin des Wegs, Gobelkaiv? Warum bist du nicht in der Schule, Hundesohn? Wie geht’s?« Worauf er jedes Mal antwortete: »Skandiboberom!«, was, dem Ton nach zu urteilen, hieß, dass es ihm ausgezeichnet ginge. Von einer Feluke rief ein Kerl mit einem roten Fez, die weißen Zähne gebleckt, ihm etwas auf Griechisch zu, und Serjosha antwortete ihm in derselben Sprache; ich weiß nicht, was, verstand aber das Ende des Satzes: »Tin mitera su«, das war der Akkusativ von »deine Mutter«. Im Gespräch mit mir vermied Serjosha diese Ausdrucksweise. Allerdings hatte er mich schon früher, als er mir seine Ansichten über die Schülerinnen der verschiedenen Odessaer Gymnasien darlegte, mit seinem Wortschatz verlegen gemacht. »Die schnuckeligste Uniform haben die von Kurakin-Tekeli – das Lila liegt eng an, da springen die Kurven gewaltig vor!«

An der Anlegestelle lief er irgendwohin und kam mit einem ganzen Paket voller Essbarem zurück, wobei er mir streng untersagte, mich an den Ausgaben dafür zu beteiligen. Der Hygiene wegen tauchten wir die Hände in eine Lücke zwischen Melonenschalen, und dann erlebte ich im Boot das köstlichste Mahl meines Lebens. Noch mehr als das Essen selbst jedoch genoss ich es, Serjosha dabei zu beobachten. Was die Engländer table manners nennen, ist eine große Sache – nicht nur die Fähigkeit, die Gabel richtig zu halten und eine Suppe ohne Geräuschuntermalung zu löffeln, sondern generell das Speisezeremoniell, ein kompliziertes Ritual für jede Art von Speise und für jede Gelegenheit, im Laufe von Generationen gefestigte gastronomische Traditionen. Aber was heißt hier Gabel? Wenn man eine Gabel hat, ist es nicht schwierig, beim Essen einen angenehmen Anblick zu bieten. Doch wir hatten keine Gabel, und sie wäre auch fehl am Platz gewesen. Ein Sesamkringel: Serjosha brach ihn nicht, sondern zerschnitt ihn in zwei Ringe, bestrich beide Hälften mit Schmalz, kratzte die Sesamkörner von dem glänzenden Oberteil, streute sie gleichmäßig, wie ein erfahrener Sämann auf dem Acker, auf das Schmalz, legte die beiden Hälften wieder zusammen und biss erst dann herzhaft in den Kringel. Eine Plötze: Serjosha nahm sie beim Schwanz und klatschte sie an die zehn Mal gegen seinen rechten Absatz, wobei er erklärte: »Dann geht die Haut besser ab.« Tatsächlich ließ sich seine Plötze weit schneller und vollkommener enthäuten als meine, obwohl ich sie mit einem Finnenmesser bearbeitete; ich schnitt noch immer hauchdünne salzige Scheibchen von den kräftigen Gräten, als von seiner Plötze längst nur noch eine fettige Spur an Kinn, Wangen und Nasenspitze übrig war. Der Höhepunkt des Rituals aber war die Melone. Ich wollte sie in Schnitze teilen, doch Serjosha sagte hastig: »Für mich nicht.« Er nahm ein ganzes Viertel, hielt es sich vors Gesicht, bewunderte das Farbenspiel – und verschwand. Er verschwand einfach – Serjosha war plötzlich weg. Vor mir saß eine Gymnasiastenuniform mit einer grün marmorierten Maske anstelle des Kopfes. Mich packte der Neid: Ich spürte genau, was er in diesem Augenblick fühlte. Eine gute Melone riecht nach stillem Wasser, oder umgekehrt – egal; in einer Melone zu ertrinken wie Serjosha jetzt, das war wie am frühen Abend weit aufs stille Meer hinauszuschwimmen, sich auf den Rücken zu legen und alles zu vergessen. Das ideale Nirwana, nur du und die Natur, sonst nichts. Neid packte mich: Ich griff nach dem zweiten Viertel und verabschiedete mich ebenfalls von der Welt.

Dann kam der »eine aus dem Wirtshaus«, und ich dachte unwillkürlich auf Berlinerisch: So siehste aus. Serjosha stellte ihn vor: Motja Banabak. Er war um die zwanzig, doch ungeachtet des Altersunterschiedes waren sie offenkundig enge Freunde. Auf dem Rückweg schlief ich ein und hörte nicht, worüber sie sprachen; doch alles andere fiel mir später wieder ein, als ich nach dem Theaterbesuch bei orientalischem Kaffee und türkischem Honig in meinem griechischen Lieblingscafé an der Ecke Rote Gasse saß.

Kapitel 3
IN DER LITERATURKA

Als nach dem Konzert beim wöchentlichen Samstagabend im Literatur- und Schauspiel-Zirkel die Stühle im »Weinsaal« für den Tanz weggeräumt wurden, kam Marussja zu mir, ihre Mutter am Ärmel mit sich ziehend, und sagte: »Diese Frau möchte Sie gern kennenlernen, ist aber zu schüchtern. Anna Michailowna Milgrom. Übrigens muss auch ich mich vorstellen: Ich bin ihre Tochter, aber sie kann für nichts.«

Anna Michailowna gab mir die Hand, Marussja ermahnte sie halblaut: »Benimm dich anständig«, und ging sich einen Kavalier wählen; denn die Regel, nach der dies eigentlich umgekehrt geschieht, galt für sie nicht.

»Weinsaal« hieß der Raum, weil ein Relief aus ineinander verflochtenen Reben und Trauben seine Wände zierte. Der Zirkel hatte eine ganze Villa für sich; wem sie gehörte und wer früher darin gewohnt hatte, weiß ich nicht mehr, aber es müssen reiche Herrschaften gewesen sein. Das Haus befand sich in bester Stadtlage, direkt an der Nahtstelle ihrer beider Welten – der Ober- und der Hafenstadt. Wenn ich die Augen zukneife, sehe ich noch heute, wenngleich wie durch Nebel, der die Details verwischt, jenen großen Platz vor mir, ein Denkmal der edlen Architektur fremdländischer Meister des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts und ein Zeugnis für die stille geschmackliche Eleganz der ersten Erbauer dieser Stadt – von de Ribas über Richelieu4 und Woronzow5 bis hin zur gesamten Pioniergeneration von Negozianten und Schmugglern mit italienischen und griechischen Namen. Direkt vor mir liegt der Eingang der Stadtbibliothek, links, vor der breiten, nahezu uferlosen Bucht der Säulengang der Duma – beide würden sowohl Korinth als auch Pisa Ehre machen. Ein Schwenk nach rechts, zu den ersten Häusern der Italienischen Straße, die zu meiner Zeit bereits nach Puschkin benannt war, der hier den EUGEN ONEGIN geschrieben hat; ein Schwenk zurück – der Englische Klub und etwas weiter weg die linke Fassade des Stadttheaters; das alles wurde zu unterschiedlichen Zeiten erbaut, aber stets mit der gleichen Liebe zum fremdländischen, lateinischen und hellenistischen Genius dieser Stadt mit dem seltsamen Namen, der klingt wie aus einer Sage über ein Reich »östlich der Sonne und westlich vom Mond«v. Und gleich hier, direkt vor dem Haus der »Literaturka« (das ebenfalls aussah wie ein Bruder der Villen, die ich in Siena gesehen habe), begann einer der Wege zum Hafen hinunter; an ruhigen Tagen roch es von dort nach Pech, und das Echo der Speicheraufzüge drang herauf.

In jener Zeit der Zensur war die »Literaturka« eine Oase des freien Wortes; wir alle, die Zirkelteilnehmer, verstanden selbst nicht, warum die Obrigkeit sie erlaubte und nicht schloss. Direkt Aufrührerisches fand dort nicht statt, wir waren so dressiert, dass Wörter wie Selbstherrschaft und Verfassung gar nicht erst in unser öffentliches Vokabular fanden; doch worum es auch ging, von den kleinen Selbstverwaltungseinheiten auf dem Lande bis zu Gerhart Hauptmanns VERSUNKENER GLOCKE – überall lauerte Aufrührerisches. Tschechows Wehmut wurde als Protest gegen die herrschende Ordnung und die Dynastie verstanden, Gorkis erfundene Barfüßer bis hin zu Malwa als Barrikadenruf; wie und warum, könnte ich jetzt nicht mehr erklären, aber so war es. Parteien existierten noch nicht, außer illegalen; die legalen Marxisten und Volkstümler wussten nicht immer genau, worin sie sich voneinander unterschieden, und ließen sich widerspruchslos zusammen mit den »Kadetten«vi zum unübersehbaren »fortschrittlichen Lager« zählen; doch obgleich ohne Programm, legten wir eine heftige dogmatische Borniertheit an den Tag. Irgendwer hielt einen Vortrag über Nadson, in dem er behauptete, dieser sei kein staatsbürgerlicher, sondern ein spießbürgerlicher Dichter, ein »Kifa Mokijewitsch6 in Versen«. Wegen dieser angeblich reaktionären Sicht wurde er geschlagene zwei Stunden von Opponenten attackiert, und der Vorsitzende, ein Grieche, von Beruf Versicherungsinspektor, beraubte kraft seiner Macht den Referenten des Rechts auf ein Schlusswort zu seiner Verteidigung, und so blieb er für alle Zeit blamiert; worin sein Verbrechen eigentlich bestand, weiß ich nicht mehr, und es spielt auch keine Rolle. Aber damals war das alles ungeheuer wichtig; und so wie die Villa am geographisch wichtigsten Punkt der Stadt stand, so waren die Donnerstage der »Literaturka« das Zentrum unserer geistigen Unruhe.

Wenn ich heute nach dreißig Jahren auf all das zurückblicke, denke ich jedoch, dass das Erstaunlichste bei uns damals die friedliche Verbrüderung der Völkerschaften war. Alle acht oder zehn Volksstämme des alten Odessa trafen sich in diesem Klub, und tatsächlich kam es niemandem in den Sinn, auch nur still für sich zu vermerken, wer was war. Zwei Jahre später sollte sich das ändern, aber zu Beginn des Jahrhunderts waren wir von Herzen einträchtig. Seltsam – zu Hause lebten wir alle, glaube, ich, getrennt von Andersstämmigen, besucht und eingeladen wurden Polen von Polen, Russen von Russen, Juden von Juden; Ausnahmen waren relativ selten; aber wir machten uns noch keine Gedanken darüber, warum das so war, wir hielten das unterbewusst lediglich für ein vorläufiges Versäumnis, die babylonische Buntheit des gemeinsamen Forums dagegen für ein Symbol der schönen Zukunft. Am besten hat diese Stimmung – ihre friedfertige Oberfläche und ihre unterschwellige Bedrohung – womöglich ein aufrichtiger und einfältiger Trinkgenosse von mir ausgedrückt, ein Operntenor mit ukrainischem Namen, als er an einem Samstagabend nach dem Abendessen angetrunken zu mir kam und mich wegen einer kleinen Tischrede umarmte.

»Sie haben mich heute tief im Innern berührt«, sagte er und küsste mich dreimal, »wir beide sind fortan unzertrennlich, Brüder fürs ganze Leben. Schade nur, dass die Leute noch vom Glauben reden: Der und der sei Russe, der und der Jude. Was macht das für einen Unterschied? Hauptsache, die Seele ist gleich, wie bei uns beiden. Aber der X., bei dem ist es etwas anderes: Der hat eine jüdische Seele. Eine niederträchtige Seele …«

Anna Michailowna erwies sich aus der Nähe als eine recht jugendliche Dame mit außerordentlich gütigen Augen; sie entschuldigte sich sehr für die Unverschämtheit ihrer Tochter – »Ihnen steht der Sinn nicht nach einer alten Frau, Sie möchten sicher tanzen«. Ich erklärte wahrheitsgemäß, dass ich schon auf dem Gymnasium von unserem Tanzlehrer Zorn aus der Klasse geschickt worden war, weil ich außerstande war, den Unterschied zwischen Quadrille und langsamem Walzer zu begreifen. Wir setzten uns in eine Ecke hinter einem Gummibaum und unterhielten uns; dabei versuchte ich anfangs, galant zu sein – »Meine Tochter wird bald zwanzig.« »Wer hat Ihnen erlaubt, noch vor dem Gymnasium zu heiraten, gnädige Frau?« –, aber sie wehrte nur ab und führte mich ohne Umschweife direkt ins Kinderzimmer.

»Wissen Sie, ich wollte Sie wirklich treffen. Mein Mann kannte Ihren verstorbenen Vater von früher, vom Dnepr; wir sprechen oft von Ihnen, und ich wollte Sie fragen: Warum treiben Sie als begabter Mann sich ohne Beruf herum?«

Das war für den Beginn einer Bekanntschaft eine recht kränkende Frage; aber Anna Michailowna besaß ein besonderes Talent (das ich später in noch höherem Maß bei Marussja kennenlernen sollte), die unpassendsten Dinge irgendwie liebenswürdig zu sagen, als dürfte sie alles.

»Ohne Beruf? Aber ich bin doch schon seit vielen Jahren bei der Zeitung.«

Sie schaute mich aufrichtig erstaunt an, als hätte ich gesagt, dass ich schon seit zehn Jahren auf einem Bein hüpfte.

»Das ist doch keine Karriere. Schreiben können Sie noch ein Jahr, noch zwei Jahre; man kann doch nicht sein Leben lang Feuilletons verfassen. Ignaz Albertowitsch (das ist mein Mann) würde Sie gern in seinem Kontor anstellen; oder wie wäre es mit einer Anwaltskanzlei oder mit irgendetwas anderem – jedenfalls kann ein Mann doch nicht in der Luft hängen, ohne richtiges Einkommen.«

Ich wollte sie von den nährenden Eigenschaften meines Handwerks überzeugen, spürte aber, dass jede Verteidigung zwecklos wäre: In ihrer Vorstellung von sozialem Aufstieg gab es dafür einfach keine Stufe; so hatten in alten Zeiten, so heißt es, anständige Menschen Schauspieler betrachtet; vielleicht zeigte sich darin auch ein jüdischer Atavismus, und meine Beschäftigung war für sie etwas Ähnliches wie der Beruf des Melamed, den ein Mann deshalb ergreift, weil sich nichts anderes gefunden hat. Ich ließ die Apologie sein und ging zum Angriff über.

»Offenheit gegen Offenheit. Ich kenne zwei Ihrer Kinder: Das ältere Fräulein hier und Serjosha. Sagen Sie: Wie fruchten Ihre vernünftigen Ratschläge bei denen? Sie sind beide wunderbar, aber ich fürchte, nicht ganz in Ihrem Sinn …«

»Oh, das ist etwas anderes. Sie sind meine Kinder; ich würde eher aufs Dach klettern, als ihnen Ratschläge zu erteilen.«

»Wie das?«

»Der letzte Mensch, auf den jemand hört, ist die eigene Mutter, oder der Vater, ganz egal. In jeder Generation wiederholt sich die Tragödie von Vätern und Söhnen, es ist immer das Gleiche: Was die Eltern predigen, haben die Kinder eines schönen Tages satt, und zugleich haben sie auch die Eltern satt. Danke, das will ich nicht.«

Eine kluge Frau, dachte ich und entschied, dass ich den Abend nicht unterhaltsamer verbringen konnte als mit ihr. Diese Familie interessierte mich; ich fragte sie nach ihren Kindern aus, und sie erzählte – zeitweise mit einer Offenheit, die mich bei einer Fremden womöglich schockiert hätte, wäre bei ihr nicht alles so »liebenswürdig« herausgekommen.

Zwischen den Tänzen kam Marussja zu uns gelaufen; sie zeigte auf ihre Mutter und sagte zu mir: »Sehen Sie sich vor, sie ist eine echte Demievierge – sie bezaubert Sie, lässt sich aber nie auf eine Romanze ein.« Und dann teilte sie ihrer Mutter mit: »Ich tanze den ganzen Abend mit N. N.; ich bin verliebt; schade, dass er einen Schnurrbart hat, aber ich hoffe, er ist weich und kratzt nicht.« Damit eilte sie davon.

»Das sind nur Worte«, sagte ich tröstend, weil ich dachte, diese konkrete Aussicht würde Anna Michailowna bestürzen; aber sie war keineswegs bestürzt.

»Bei Mädchen dieser Generation sind Wort und Tat eins, der Unterschied schreckt sie nicht.«

»Und Sie?«

»Jede Mutter macht sich Sorgen um ihre Kinder; aber um Marussja mache ich mir am wenigsten Sorgen. Haben Sie als Kind mal auf einer Luftschaukel gesessen? Man fliegt fast bis zum Mond und fällt scheinbar in einen Abgrund – aber das alles kommt einem nur so vor, in Wirklichkeit ist da immer ein Seil und eine Grenze. Marussja hat eine Grenze, über die hinaus kein Schnurrbart sie kratzen wird – obwohl ich natürlich nicht genau wissen möchte, wo diese Grenze ist. Aber da kommt ja mein Mann.«

Ignaz Albertowitsch war weit älter, füllig, mit glattrasiertem Kinn und Brille; auf den ersten Blick hätte ich gesagt: Getreidehändler – und das war er tatsächlich. Nach seinem Akzent zu urteilen, hatte er keine russische Schule besucht, aber offensichtlich selbst an sich gearbeitet; hatte, wie es in seiner Generation üblich war, besonders eifrig deutsche Klassiker gelesen – später zitierte er aus dem Gedächtnis fast seitenweise Börne, und von den Dichtern schätzte er Chamisso und Lenau besonders. Dadurch trug er jenen gewissen Stempel, den wir mit dem lächerlichen Wort »Intelligenzler« benennen; ein Wort von ebenso unsicherem Gehalt wie das englische »Gentleman«. Ein echter Gentleman kann unerträglich scheußliche Manieren haben, und ein echter Intelligenzler kann seelenruhig, ja gähnend offenbaren, dass er Maupassant oder Hegel nicht kennt – es geht nicht um reale Eigenschaften, sondern um eine Art generelle Imprägnierung mit Kultur im Allgemeinen. Doch zugleich war er spürbar vor allem ein Mann der »Geschäftswelt«, der den Wert von Dingen und Menschen genau kannte und überzeugt war, dass dieser Wert ihr eigentliches Wesen ausmachte. Das erkannte ich später, als ich mit der Familie enger vertraut war, obgleich mir schon nach diesem ersten Gespräch einige seiner Urteile im Gedächtnis blieben.

Anna Michailowna klagte ihm sogleich, dass ich nicht ins Kontor wolle, sondern beabsichtige, »ein Leben lang Schreiber zu bleiben«.

»Nun denn«, sagte er, »der junge Mann hat offenbar seine eigene Phantasie im Leben. Unser Sohn Marko hat jeden Monat eine neue Phantasie; ich sage immer zu ihm: ›Gott sei mit dir, ich wünsche dir Erfolg; aber denk daran: Wenn es dir gelingt, werde ich sagen, gut gemacht, ich habe immer gesagt, dass aus ihm mal etwas wird. Aber wenn du scheiterst, werde ich sagen: Habe ich nicht seit seiner Geburt gewusst, dass Marko ein Dummkopf ist?‹«

Ich bedankte mich für diese Lehre, zog es jedoch vor, das Gespräch von mir auf seine eigenen Kinder zu lenken; das war nicht schwierig – Anna Michailowna liebte dieses Thema offenkundig, und auch ihr Mann war ihm nicht abgeneigt. Serjosha beschrieben sie so, wie ich ihn bereits kannte; Ignaz Albertowitsch bekräftigte diese Beschreibung mit einer etwas überraschenden Formulierung: »Im Grunde ist er ein Scharlatan7; ich liebe Scharlatane.«

Von Torik dagegen (er hieß Viktor), dem Jüngsten, sprach Anna Michailowna respektvoll: Ein guter Schüler, liest viel, besucht einen Gymnastikklub, spielt ganz passabel Geige, ist höflich, hilfsbereit; als die Mutter eine Lungenentzündung hatte und Marussja im Ausland weilte, kümmerte sich Torik um die Kranke, und das besser als jede Pflegerin.

»Es gibt«, sagte Ignaz Albertowitsch, »Menschen, die Nudelsuppe mögen, und solche, die Suppe mit Klößchen vorziehen. Das kommt nicht von ungefähr, das sind zwei verschiedene Charaktere. Nudeln sind eine unsichere Sache: Wenn man Glück hat, bekommt man einen ganzen Haufen zu fassen, aber man riskiert auch, dass alles runterfällt. Mit Klößchen aber kann man ganz beruhigt sein: Mehr als einen bekommt man nie, aber der ist mit Fleisch und dir sicher. Unser Serjosha mag Nudelsuppe, Torik bevorzugt Klößchen.«

Ich lachte lange, obwohl ich dieses Gleichnis schon früher gehört hatte, in vielen Versionen; aber Ignaz Albertowitsch hatte es sehr plastisch erzählt. Ich fragte: »Nun kenne ich fast die ganze Porträtgalerie Ihrer Familie, aber Serjosha hat gesagt, es gebe noch eine Schwester – Lika?«

Anna Michailowna sah ihren Mann an, der blickte zu Boden und sagte nachdenklich: »Lika. Hm … Lika – das ist kein Thema für ein Gespräch auf dem Tanzboden.«

Kapitel 4
DER KREIS UM MARUSSJA

Bald war ich ein häufiger Gast in ihrem Haus, und dabei verlor ich in der ersten Zeit merkwürdigerweise die Hausherren selbst – Mutter, Vater und die Kinder – fast aus den Augen. Sie alle gingen in der bunten und lauten Menge von Marussjas »Passagieren« unter; es vergingen viele Wochen, bis ich in diesem engen Geflecht fremder Menschen erst Marussja und dann auch die übrige Familie wieder erkannte.

Weder zuvor noch danach habe ich je ein so gastfreundliches Haus erlebt. Diese Gastfreundschaft war anders als das russische aktive, freudige »Willkommen«; sie erinnerte eher an ein Wort aus dem Ritual des Pessach-Festes: »Jeder, der hungrig, komme und esse.« Später erfuhr ich, dass Ignaz Albertowitsch diesen Gedanken in der Sprache seiner Shitomirer Kindheit ausdrückte: »A Gast? Mitn Kopp in Wand!«, was in etwa hieß: Mach ihm auf, dem Gast, wenn er klingelt, sag, hier sind Stühle, hier sind Tee und Brötchen und weiter nichts, kümmere dich nicht um ihn, mag er tun, was er will, »und wenn er mit dem Kopf gegen die Wand schlägt«. Ich muss zugeben, dass dies den Gästen tatsächlich half, sich wie zu Hause zu fühlen.

Durch das Dunkel mehrerer Ewigkeiten, die seitdem vergangen sind, erinnere ich mich noch an einige von ihnen; meist weniger wegen ihrer eigenen Prägnanz als dank Serjoshas gereimter Porträts. Es waren fast alles Studenten, auch einige Externe8, die damals blaue Studentenmützen trugen – im Vorgefühl künftiger Erfolge, die allerdings aufgrund der Quote äußerst schwer zu erreichen waren; daneben auch beginnende Journalisten, die auf der Deribassowka bereits berühmt waren, und vermutlich auch so mancher, den selbst Marussja nicht beim Namen kannte.

Ich erinnere mich an zwei geckenhaft gekleidete Studenten, sogenannte »Weißkragen«. Der eine war gesetzt und wohlerzogen, streute immer wieder französische Wörter ein und bemühte sich im Russischen um eine Moskauer Aussprache; nur das rollende »R« gelang ihm nicht, was er damit erklärte, dass ihm »die Gouvernante den Akzent verdorben« habe. Er strebte eine Verwaltungs- oder Diplomatenlaufbahn an, deutete an, die Religion sei kein Hindernis, und hatte einen mit einer Medaille ausgezeichneten Aufsatz zu einem vielversprechenden Thema geschrieben: »Ü

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Fünf" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen