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Die Fülle des Lebens

1. KAPITEL

Nachdem sie ihm erzählt hatte, dass sie ihre Tochter durch ein schreckliches Unglück verloren hatte, weinte sich Nicola in Andrés Armen aus.

„Du bist nicht schuld“, sagte er liebevoll. „Red dir das nicht ein. So etwas ist Schicksal.“

„Das sagt die Vernunft“, schluchzte Nicola. „Aber das Gefühl – das sagt mir, ich habe versagt. Tag für Tag! Morgens wache ich damit auf, und abends schlafe ich damit ein.“ Verzweifelt sah sie ihn an. „Du kannst das vielleicht nicht verstehen …“

„Auch ich bin mal in etwas hineingeraten – und am Ende war ein Mensch tot.“ Er konnte sie besser verstehen, als sie glaubte. „Ich weiß, wie das ist, wenn man es nicht wieder rückgängig machen kann. Dann gibt es nur eins: Man muss versuchen, damit fertigzuwerden.“

„Wie soll das gehen?“, flüsterte sie.

„Indem du Schluss machst mit deiner Schuld“, gab er zur Antwort. „Der Tod deiner Tochter – das ist eine tiefe Wunde. Und Selbstvorwürfe verhindern, dass sie verheilt.“

Dankbar schmiegte sie sich an ihn. Seine Worte hatten sie tatsächlich ein ganz kleines bisschen getröstet.

„Etwas ist anders geworden.“ Nicola und André gingen im Park spazieren, und Nicola fühlte sich so leicht wie schon seit Langem nicht mehr. Dreißig Jahre lang hatte sie ihre Schuldgefühle mit sich herumgeschleppt. „Aber jetzt konnte ich mich endlich jemandem anvertrauen. Und du hast mir zugehört und mich nicht verurteilt.“

„Was dir auch auf der Seele liegt, ich bin immer für dich da“, versicherte er liebevoll.

„Auch, wenn ich mich operieren lasse?“, fragte sie.

Er zögerte kurz. Doch dann erklärte er: „Ich habe immer gesagt.“

„Ich will es riskieren“, entgegnete sie nun entschlossen. „Und weißt du auch, warum? Weil ich mit dir an einen Neuanfang glaube. An deiner Seite kann ich vielleicht sogar den Tod meiner Tochter verwinden. In jedem Fall möchte ich unsere Liebe genießen.“

Tränen schimmerten in Andrés Augen. Er liebte diese Frau so sehr. Und nun wollte sie sich seinetwegen operieren lassen – obwohl die Chance, dass sie den Eingriff überlebte, nur bei 50 Prozent lag.

„Hast du einen Moment?“ Moritz bat Theresa ins Büro. Er fühlte sich sehr unwohl mit der Aufgabe, die sein Vater ihm zugedacht hatte: Er sollte Theresa die Kündigung für die Wohnung überreichen. Doris hatte sich gegen Werner durchgesetzt. „Es tut mir sehr leid, dass mein Vater dir die Wohnung kündigt“, sagte Moritz verlegen. „Ich finde es nicht okay. Aber keine Panik – du hast Zeit, dir etwas Neues zu suchen.“

„Hier steht etwas von Eigenbedarf“, meinte Theresa, die das Schreiben kurz überflogen hatte.

„Er möchte mit meiner Mutter dort einziehen“, erklärte Moritz. „Aber trotzdem kann er dich nicht von heute auf morgen raussetzen.“ Er schlug vor, ihr einen Anwalt zu besorgen und noch einmal mit seinen Eltern zu reden.

Sie bedankte sich gerührt. „Lieb von dir. Aber das bekomme ich allein hin.“

„Sicher?“, fragte er und konnte dabei kaum den Blick von ihr wenden.

„Mach dir keine Sorgen.“ Sie versuchte gar nicht erst, ihre Sehnsucht nach ihm zu verbergen. „Es gibt Übleres.“ Und damit verließ sie das Büro.

Wie verzaubert sah er ihr hinterher.

Theresa ging gleich ins Restaurant, wo Werner und Doris an einem Tisch saßen, und erklärte, dass sie selbstverständlich bald ausziehen würde.

„Ich muss nur erst etwas Neues finden“, schloss sie.

„Wir wollen Sie nicht drängen“, erwiderte der Senior voller Verständnis.

„Es sei denn, du ziehst die Wohnungssuche endlos in die Länge“, bemerkte Doris spitz.

„Natürlich bekommt Theresa die Zeit, die sie braucht“, wies Werner seine Freundin zurecht.

Theresa verabschiedete sich eilig und ging.

„Die reizende Theresa!“ Doris schnaubte verächtlich.

„Sei froh, dass sie so entgegenkommend ist“, meinte Werner.

„Ich soll ihr dankbar sein, weil sie aus einer Wohnung auszieht, die ihr sowieso nicht zusteht?“, giftete sie. „Gehen dieser kleinen Bierprinzessin eigentlich alle Männer auf den Leim?“

„Sie kann machen, was sie will, du bist nie zufrieden.“ Er seufzte. „Dabei verhält sich Theresa sehr anständig. Es wird Zeit, dass du das mal zur Kenntnis nimmst.“

„Es ist richtig, dass du aus der Wohnung ausziehst.“ Hans war ohnehin der Meinung, dass seine Tochter nicht mehr in den Fürstenhof gehörte. „Und was Einfacheres tut es auch.“

„Was hast du da?“ Theresa war erst jetzt aufgefallen, dass ihr Vater zwei Finger mit Pflastern verbunden hatte.

„Nichts Schlimmes“, winkte er ab. „Ein Bierfass …“ Er verbarg die Hand unter dem Tisch – die beiden saßen miteinander im Bräustüberl. „Suchst du dir jetzt allein eine Wohnung? Oder bleiben wir zusammen? Wenn, dann beteilige ich mich natürlich an der Miete …“

In diesem Moment ging die Tür auf, und Nicola Westphal kam mit ihrer Nichte herein. Beide nickten grüßend in Richtung von Hans und Theresa und nahmen dann an einem anderen Tisch Platz. Nicola erzählte Kristin von der bevorstehenden OP. Und dass André sie ganz großartig in allem unterstützte.

Hans saß da wie erstarrt. Er ertrug es nicht, mit Nicola Westphal in einem Raum zu sein. Zu schwer lastete die Schuld auf seinen Schultern. Er hatte dieser Frau das Schlimmste angetan, was man einer Mutter antun konnte …

Wieder stand es ihm vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Karoline, seine Frau, wie sie sich an das Baby klammerte, das sie gestohlen hatte. Sie wollte es um jeden Preis behalten. Wieder und wieder behauptete sie, es sei ihr Kind. Theresa.

„Was wir da machen, ist ein Verbrechen“, hatte er sie umzustimmen versucht. „Denk mal an die arme Mutter.“

„Ich bin die Mutter.“ Darauf beharrte Karoline. „Und wenn du mir das Baby jetzt wegnimmst – dann bringe ich mich um.“

Obwohl er wusste, dass sie etwas Entsetzliches taten, hatte er ihr das Kind gelassen. Seitdem lebte er mit seiner Schuld. Aber er liebte Theresa wie eine eigene Tochter, und daran würde sich auch niemals etwas ändern.

„Du hattest recht mit Elena und Xaver. Ich hätte mich da besser rausgehalten.“ Nils war in die Wäschekammer gekommen, um mit seiner Frau zu sprechen. „Ich habe Elena gesagt, sie soll sich einen Besseren suchen als Xaver“, fuhr er leicht beschämt fort. „Einen, der ehrlich ist und hilfsbereit. Loyal, mit Gerechtigkeitssinn. Ein sportlicher Typ, der was von Fair Play versteht …“

„Klingt fast nach Nils Heinemann …“ Tanja grinste.

„Sagt Elena auch“, meinte er verlegen. „Als wäre ich Mister Perfect!“

„Du willst aber nicht sagen, dass du gut zu Elena passt?“, stichelte Tanja.

„Quatsch!“, protestierte er. „Hätte ich dir sonst davon erzählt? Es wäre nur blöd, wenn Elena jetzt denkt, ich halte mich für ihren Traumtypen. Dabei möchte ich ihr nur helfen, den Hauptschulabschluss zu schaffen.“

„Dann ist doch alles klar.“ Tanja zuckte die Schultern. „Vergiss es einfach, dann vergisst Elena es auch.“

Nils nahm sich vor, auf den Rat seiner Frau zu hören. Trotzdem ging er noch einmal zu Elena und drückte ihr einen Haufen Matheaufgaben auf – bis morgen sollte sie sie gelöst haben.

„Ich bin komplett alle“, protestierte sie. Sie hatte heute in der Küche eine Doppelschicht geschoben und wollte nur noch in die Badewanne.

„Ausruhen kannst du dich, wenn du den Abschluss in der Tasche hast“, mahnte er.

„Ich bin aber wirklich hundemüde!“, wiederholte sie.

„Vielleicht solltest du weniger oft ausgehen?“

Irritiert verzog sie das Gesicht. Aber sie war zu müde, um auf diese seltsame Bemerkung von Nils zu reagieren.

„Sklaventreiber!“, sagte Xaver nur, als Elena ihm erzählte, wozu Nils sie verdonnert hatte. Und meinte dann, dass es gar nicht ratsam sei, die Aufgaben heute noch zu erledigen. „Was hast du davon, wenn du jetzt lauter Fehler produzierst? Morgen schaffst du das mit links.“ Sie zögerte, das schlechte Gewissen war ihr anzusehen. „Ab in die Falle!“, rief Xaver. „Morgen ist auch noch ein Tag.“

Sie ließ sich überreden. Und vergaß vor lauter Müdigkeit sogar den Zettel mit den Matheaufgaben. Xaver schnappte ihn sich und studierte ihn sorgfältig. In seiner Nachtschicht sollte es ihm eigentlich gelingen, die Aufgaben für Elena zu lösen …

Konstantin hatte noch einmal nachgedacht: Die Grabplatte im Wald musste versetzt worden sein! Es waren keine Käfer und Insekten darunter gewesen, als er sie angehoben hatte. Plötzlich war er sich wieder ganz sicher, dass Hans Burger ein dunkles Geheimnis hütete. Und Theresa hatte ein Recht auf die Wahrheit!

Theresa war allerdings noch immer sauer auf Konstantin und zeigte ihm das auch, als er das Gespräch mit ihr suchte.

„Mit deinen Buddeleien im Wald bist du wirklich zu weit gegangen“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Ich mache das nicht, um dich zu ärgern …“ Sie nickte. Das wusste sie doch. „Aber die Gedenkplatte wurde wirklich verschoben! Ich kann es beweisen.“ Eigentlich wollte Theresa nichts mehr davon hören. Aber er bekniete sie, ihm wenigstens fünf Minuten zu geben. „Einmal muss die Wahrheit raus! Danach kannst du tun, was du willst.“

Für Theresa war die Geschichte mit den fehlenden Käfern und Insekten alles andere als überzeugend.

„Du hast doch nur etwas gegen meinen Vater“, unterstellte sie ihm. „Aber er würde mich nie derart anlügen.“

„Es geht mir nur um dich“, beteuerte Konstantin. „Und für mich gibt es nur eine Erklärung: Diese Gedenkplatte ist wirklich eine Grabplatte!“ Theresa starrte ihn sprachlos an. „Dein Vater hat Angst, dass jemand das Grab öffnet. Du zum Beispiel! Und deswegen hat er die Platte versetzt. Jetzt findest du natürlich nichts mehr darunter …“

Gegen ihren Willen war Theresa nun doch verunsichert. Hatte Konstantin recht? Barg die seltsame Steinplatte im Teufelsbruch ein dunkles Geheimnis?

Werner kam noch spät in die Küche und fand dort seinen Bruder allein mit einer Flasche Wein. Es war nicht zu übersehen, dass André Kummer hatte.

„Ich dachte, du bist glücklich verliebt?“, sagte Werner verwundert. André seufzte nur. „Nun sag schon, was ist los?“ Betroffen hörte er sich an, was sein Bruder ihm nun erzählte: Nicola Westphal hatte nur eine Chance von 50 Prozent, die Operation zu überleben. Und André machte sich Vorwürfe, dass er Nicola überhaupt zu einer neuen Untersuchung überredet hatte. „Du bist nicht schuld, wenn es schiefgeht“, versuchte der Senior, ihn aufzubauen. „Und auch kein Held, wenn es gut geht. Das liegt nicht in deiner Macht.“

„Sie braucht jetzt einen starken Mann an ihrer Seite. Ich muss ihr Mut machen.“ Gequält stöhnte André auf. „Aber wie denn?!“ Er konnte sich ja nicht einmal selbst Mut machen.“

„Du liebst sie!“, stellte sein Bruder energisch fest. „Also bekommst du das auch hin.“

„Manchmal wäre ich gern wie du“, gestand André da plötzlich. „Mein großer, starker Bruder hätte das voll im Griff.“

Werner schüttelte den Kopf. „Als Charlotte Krebs hatte – da war ich alles andere als ein strahlender Held“, gab er zu. Er hatte sich damals vollkommen machtlos gefühlt und konnte sich gut vorstellen, wie es André nun ging. „Bei allem Streit, den wir schon hatten – du hättest es verdient, einmal glücklich zu sein“, sagte der Senior nun ungewohnt ehrlich. „Ich wünsche dir die notwendige Kraft. Und wenn ich etwas für dich tun kann, ich bin da.“

Dankbar drückte André seine Hand. So nahe waren sich die Brüder schon lange nicht mehr gewesen.

Am nächsten Morgen redete Werner beim Frühstück mit Doris über die Situation der bedauernswerten Nicola Westphal.

„Diese Frau besitzt so viel Geld, und was nützt ihr das?“, meinte Doris. Gesundheit konnte man sich nun einmal nicht kaufen. „Und andere, die gesund sind, haben kein Geld … Und wüssten genau, was sie damit anfangen könnten …“

„Sprich bitte nicht weiter!“ Abwehrend hob Werner die Hände. Er konnte sich denken, worauf Doris hinauswollte.

„Ist es verwerflich, wenn ich mich um die Angestellten des Fürstenhofs sorge?“, fragte sie mit einem unschuldigen Lächeln. „Um dein Lebenswerk? Deine Söhne?“

„An Frau Westphals Geld dürfen wir nicht mal im Traum denken!“, polterte der Senior nun. „So pietätlos sind wir nicht!“

Aber als dann eine Weile Schweigen herrschte am Tisch, war klar: Beide waren in Gedanken bei Nicola Westphals verlockenden Millionen …

Als Elena zu ihrem Spind kam, entdeckte sie an der Tür die gelösten Hausaufgaben und eine lustige Nachricht von Xaver. Sie musste schmunzeln, und da kam auch schon Nils herein. Er sah den Zettel mit den Matheaufgaben in ihrer Hand und zog die falschen Schlüsse.

„Hey, du hast es doch noch hinbekommen!“, sagte er erfreut. „Siehst du? Man muss sich nur überwinden.“

„Ich habe die Aufgaben nicht …“ Sie brachte den Satz nicht zu Ende.

„Auch wenn nicht alles richtig ist.“ Er lächelte begeistert. „Du hast gezeigt, du hast Ehrgeiz.“ Er würde die Aufgaben in seiner nächsten Pause korrigieren.

„Aber ich …“ Wieder hörte er nicht, was Elena sagen wollte. Denn er war schon nach draußen verschwunden.

Und erst nachdem er die Aufgaben korrigiert hatte, kam sie dazu, ihm zu gestehen, dass nicht sie, sondern Xaver sie gelöst hatte.

„Ich habe ihn nicht darum gebeten, er hat es einfach getan“, fügte sie noch entschuldigend hinzu.

„Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“, erwiderte Nils verärgert.

„Du hast mich gar nicht zu Wort kommen lassen“, verteidigte sie sich.

Er seufzte. Wahrscheinlich hatte er sie gestern Abend wirklich zu sehr unter Druck gesetzt. „Ich bin wohl doch nicht so ein begnadeter Nachhilfelehrer …“, räumte er ein.

„Für mich bist du der beste der Welt“, widersprach sie. „Ohne dich hätte ich längst aufgegeben.“ Das meinte sie aus vollem Herzen.

Aber Nils hatte noch ein Hühnchen mit Xaver zu rupfen.

„Kannst du Elena nicht einfach in Ruhe lassen?“, schnauzte er den verdutzten Portier an. „Du betrügst doch sowieso jeden und alle!“

„Was machst du denn hier für ein Fass auf?“ Nur wegen der blöden Matheaufgaben konnte Nils ja wohl nicht so ausflippen, meinte Xaver. „Vielleicht hättest du Pädagogik studieren sollen, bevor du den Nachhilfelehrer spielst. Dann wüsstest du, dass in einen leeren Kopf nichts reingeht!“

„Möchtest du vielleicht Elenas Nachhilfelehrer werden?“ Drohend baute sich Nils vor Xaver auf. „Einer, der nur Kohle und irgendwelche Affären im Kopf hat? Du hast überhaupt noch nicht begriffen, worum es bei Elena geht! Um ihre ganze Zukunft nämlich!“

„Und worum geht es dir?“, konterte Xaver. „Um ihren Schulabschluss? Oder willst du vielleicht nur verhindern, dass sie mal wieder mit mir ausgeht?“

„Schwachsinn!“, empörte sich Nils. „Ist mir doch egal, was sie in ihrer Freizeit macht.“

„Ehrlich?“, höhnte Xaver. „So, wie du dich nämlich aufführst – man könnte meinen, du bist in sie verliebt!“

Keiner der beiden Streithähne hatte bemerkt, dass Tanja inzwischen in die Lobby gekommen war. Und nun sehr irritiert dastand. Wie kam Xaver dazu, ihrem Mann zu unterstellen, er sei in Elena verliebt?

„Kümmer dich lieber um deine Frau!“, legte Xaver jetzt nach. „Die hat in letzter Zeit nicht viel von dir gehabt, nehme ich an.“

„Lass Tanja aus dem Spiel!“, zischte Nils.

„Und du Elena in Ruhe“, rief Xaver. „Was sie privat macht, geht dich nichts an.“

„Dann hoffe ich mal, dass sie nicht auf dich reinfällt. Mehr als ein Zeitvertreib ist sie ja doch nicht für dich.“ Wütend stapfte Nils davon. Tanja hatte sich inzwischen unbemerkt zurückgezogen.

2. KAPITEL

Konstantins Vermutungen hatten Theresa keine Ruhe gelassen, und so ging sie heute Vormittag noch einmal in den Teufelsbruch. Und jetzt kam es ihr auch so vor, als hätte die Steinplatte anfangs woanders gelegen. Bei den vielen Büschen hier konnte man allerdings auch leicht die Übersicht verlieren. Spuren gab es auch keine – aber die konnte ihr Vater natürlich verwischt haben. Nur – warum sollte er so etwas überhaupt tun? Nicola Westphal fiel ihr ein. Die hatte gesagt, dass Hans letztens in äußerst seltsamer Verfassung gewesen sei und behauptet habe, hinter der Brauerei Blumenzwiebeln gesetzt zu haben. Damit hatte er erklärt, warum seine Hände und sein Sakko vollkommen verdreckt gewesen waren. Vielleicht hatte Konstantin doch recht! Und irgendetwas stimmte hier nicht …

Sie ging zurück in die Wohnung und begann, in einem der Umzugskartons ihres Vaters zu wühlen. Endlich fand sie, was sie gesucht hatte: das Familienstammbuch der Burgers. Und sie erschrak, als sie darin blätterte.

„Du hast in meinen Sachen gekramt?!“ Hans reagierte empört.

„Freiwillig rückst du ja nichts raus“, rechtfertigte sich Theresa. „Aber dieses Familienstammbuch ist auch meine Sache.“ Sie schlug eine Seite auf. „Die Todesurkunde meiner Großmutter. Hier! Schau sie dir an!“ Ihre Großmutter hatte auch den Namen Theresa getragen, und Hans hatte behauptet, die Steinplatte im Wald sei eine Gedenkplatte für sie. Aber der Name von Theresas Oma war ohne H geschrieben worden. „Und auf der Gedenkplatte steht Theresa – mit H! Du hast mich angelogen.“ Verzweifelt versuchte er, sich aus der Sache herauszureden, aber Theresa hatte nun endgültig genug. „Hör auf mit dem Schmarrn!“, herrschte sie ihn an. „Ich will die Wahrheit! Und zwar sofort!“ Er druckste weiter herum. Sie konfrontierte ihn mit ihrem Wissen: Er hatte behauptet, hinter der Brauerei Blumenzwiebeln gepflanzt zu haben. Auf dem Rückweg hatte sie das überprüft, es stimmte nicht. „Und die Steinplatte ist versetzt worden! Dabei kann man sich schon mal dreckig machen und wehtun.“ Demonstrativ blickte sie auf die Pflaster an seinen Fingern.

„Das höre ich mir nicht länger an!“ Hans wollte den Raum verlassen, aber nun wurde die Stimme seiner Tochter schneidend.

„Wenn du mich jetzt hier stehen lässt, brauchst du nicht mehr wiederzukommen.“ Er erstarrte. „Die Platte ist ein Grabstein, stimmt’s?“ Er schwieg. „Warum steht da mein Name drauf?“, bohrte sie weiter. „Wer liegt darunter begraben?“

Er konnte nicht mehr und ließ sich auf das Sofa fallen. Dort vergrub er sein Gesicht in den Händen. „Meine Tochter“, flüsterte er dann. „Sie ist als Baby gestorben. Wir haben sie dort beerdigt.“ Theresa verstand die Welt nicht mehr. „Ich bin nicht dein leiblicher Vater“, erklärte er nun mit gebrochener Stimme.

Vor Theresa tat sich ein Abgrund auf. Was hatte er da gesagt? „Habt … ihr mich adoptiert?“, stammelte sie. Er reagierte nicht. „Wer sind meine leiblichen Eltern?“ Hans schwieg immer noch. „Muss ich erst beim Jugendamt nachfragen?“

„Nein, nein …“, wehrte er ab. „Du wurdest nicht adoptiert. Deine Mutter hat dich …“ Er brachte es nicht über die Lippen. Und entschloss sich zu einer Lüge. „Wir haben dich gefunden. Du bist ein Findelkind, Theresa. Und deine Mutter wollte nicht, dass du das jemals erfährst.“

„Mich gefunden?“, fragte sie schockiert. „Wann? Wo?“ Plötzlich wurde ihr schlecht, und sie begann zu schwanken.

„Liebes!“ Hans wollte ihr zu Hilfe eilen, doch sie stieß ihn von sich.

„Geh weg!“, schrie sie vollkommen außer sich. „Du hast mich belogen! Mein Leben lang!“

„Ich hatte es Karoline versprochen“, verteidigte er sich hilflos.

„Ich war fünfzehn, als sie starb!“ Tränen liefen ihr nun über die Wangen.

„Und ich habe sie über alles geliebt. Man bricht kein Versprechen, das man einer Sterbenden gibt.“ Er hoffte so sehr auf Theresas Verständnis.

Aber sie wollte den Mann, den sie ihr Leben lang für ihren leiblichen Vater gehalten hatte, im Moment einfach nicht mehr sehen.

Moritz war bei einem Termin in München, und Kristin hielt im Büro die Stellung. Doris witterte eine günstige Gelegenheit, sich bei der jungen Dame einzuschmeicheln.

„Sie machen das großartig hier“, heuchelte sie. „So souverän und versiert … Wollen Sie uns wirklich nach den Semesterferien wieder verlassen?“

Kristin bejahte. „Diesmal muss ich die Abschlussprüfungen bestehen. Das habe ich meiner Tante versprochen.“

„Aber Sie sind hier die Idealbesetzung!“, legte Doris nach. „Und zwar jetzt! Wenn Sie mit Ihrem Studium fertig sind, hat Moritz eine andere Assistentin.“

Kristin schluckte. „Mit Moritz in der Geschäftsführung, das wär’s …“ Ihr Blick wurde verträumt.

„Wollen wir nur hoffen, dass es den Fürstenhof noch lange gibt.“ Doris seufzte demonstrativ. Irritiert runzelte Kristin die Stirn. „Das Hotel macht gerade eine schwere Zeit durch“, fuhr Doris berechnend fort. „Hat Moritz mit Ihnen über die Schulden gesprochen?“ Kristin nickte. „Keine Ahnung, wie Werner die fünf Millionen zurückzahlen will …“

Kristin wusste, was passieren konnte. „Wenn er es nicht schafft, fällt das Hotel an die Bank, eine Hotelkette schnappt es sich, und Moritz sitzt auf der Straße.“

Doris tat deprimiert. „Mit einem Geldgeber wären alle Probleme aus der Welt. Aber woher nehmen?“ Sie belauerte Frau Westphals Nichte.

Und auf Kristins Miene machte sich plötzlich ein deutliches Grinsen breit. „Netter Versuch“, stellte sie fest. „Ich soll also meine Tante fragen?“

„Könnten Sie sich denn eine Zukunft am Fürstenhof vorstellen?“, fragte Doris. Kristin nickte. „Mein Sohn ist mit Ihnen so glücklich, wie er es mit Theresa nie war.“ Das hörte Kristin nur allzu gern. Und sie versprach, mit ihrer Tante zu reden. „Ich wäre dann die Kreditnehmerin.“

„Nicht Herr Saalfeld?“, fragte Kristin erstaunt.

„Dann hätte er wieder die Zinsen am Hals.“ Doris gab sich besorgt. „Nein, er soll endlich mal frei durchatmen können. Ich habe ohnehin das Vorkaufsrecht. Wenn das Hotel an die Bank gefallen ist, kaufe ich es zurück. Sobald ich das Geld dafür habe …“ Sie drückte Kristins Hand.

Werner versuchte unterdessen, seinen Bruder zu manipulieren. Auch der Senior wollte nun an Nicola Westphals Millionen. André wehrte ab. Nicola hatte im Moment weiß Gott andere Sorgen.

„Natürlich möchte ich Frau Westphal zurzeit nicht mit Geschäften belasten“, behauptete Werner. „Aber … Hättest du nicht doch gerne mehr zu sagen am Fürstenhof?“

„Ach so!“ André war sichtlich verärgert. „Den Fisch fängt man mit einem Wurm?!“

„Ein fairer Deal“, sagte Werner. „Denk mal darüber nach.“

„Von Nicolas Geld siehst du keinen Cent!“, giftete André. „Ich bin so ein Idiot. Ich dachte wirklich, mein Bruder steht mir bei in dieser Situation.“

„Das tue ich auch“, erklärte Werner betont herzlich.

„Dein Mitgefühl kannst du dir sonst wohin stecken!“, ereiferte sich der Chefkoch weiter. „Das war wieder mal nur Mittel zum Zweck.“

„Entschuldige, aber ich bin immer noch dein Bruder“, hielt der Senior dagegen. „Wenn du leidest, leide ich mit dir.“

„Du brauchst fünf Millionen, und ich soll sie dir beschaffen“, höhnte André. „Von einer Frau, die jeden Tag sterben kann. Schäbiger geht es wirklich nicht.“

„Du sollst gar nichts“, behauptete Werner. „Wenn du sie liebst, sei einfach nur für sie da. Mir läuft schlicht die Zeit davon. Und ich habe dir einen Vorschlag gemacht, mehr nicht.“

„Als würdest du jemals etwas von deiner Macht abgeben wollen.“ Bitter lachte André auf.

„Ich will dich zu nichts drängen“, versuchte Werner, ihn zu beschwichtigen.

„Hohles Geschwätz!“ Voller Zorn stürmte André aus dem Büro.

Hoffnungsvoll sah sein Bruder ihm hinterher. Werner wusste, wie gern André im Fürstenhof eine gewichtigere Rolle spielen würde. Vielleicht nahm er den Köder ja noch, den der Senior ausgeworfen hatte …

Tränenblind lief Theresa am Seeufer entlang. Wieso nur hatte sie diese Steinplatte überhaupt finden müssen? Da kam ihr auf einmal Moritz entgegen.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte er erschrocken, als er ihren Zustand bemerkte.

„Ist gleich vorbei“, wehrte sie schluchzend ab.

„Lass mich dir helfen“, bat er sanft.

„Kannst du nicht“, flüsterte sie.

„Warum lässt du das nicht mich entscheiden?“ Er breitete seine Arme aus. „Komm mal her.“ Sie ließ sich in den Arm nehmen, und er zog sie fest an sich. „Ich bin immer noch für dich da. Magst du nicht sagen, was dich bedrückt?“

„Mein Vater … ist gar nicht mein Vater. Ich bin ein Findelkind.“

Diese Neuigkeit musste Moritz auch erst einmal verdauen. Theresa erzählte ihm nun stockend die ganze Geschichte.

„Verzeih, dass ich mich ausgerechnet bei dir ausweine“, schloss sie schniefend.

„Hey …“ Liebevoll strich er ihr übers Haar.

„Wenn ich keine Burger bin, wer bin ich dann?“ Bekümmert starrte sie vor sich hin.

„Das Gefühl kenne ich gut.“ Er seufzte.

„Du warst mit deinem Gedächtnisverlust noch schlimmer dran“, fand sie. „Ich kann mich wenigstens erinnern.“

„Aber meinen leiblichen Vater habe ich auch erst spät kennengelernt“, gab er zu bedenken.

„Und ich kenne ihn nicht mal“, sagte Theresa trostlos. „Und der, den ich dafür gehalten habe …“ Wie sollte sie denn jetzt mit Hans umgehen?

„Gefühle lassen sich nicht so einfach abstellen“, meinte Moritz.

„Er hat mich belogen!“, ereiferte sie sich. „Mein ganzes Leben ist auf einer Lüge aufgebaut.“

„Aber seine Vatergefühle sind echt“, wandte er ein. „Oder hat er dich jemals spüren lassen, dass du nicht seine Tochter bist?“ Widerstrebend schüttelte sie den Kopf – das hatte Hans tatsächlich nie getan. „Anscheinend war es ja deine Mutter, die nicht wollte, dass du die Wahrheit erfährst.“ Theresa konnte sich einfach nicht erklären, warum die beiden aus ihrer Herkunft so ein Geheimnis gemacht hatten. „Frag ihn danach“, riet Moritz. „Auch, warum er sein totes Kind nicht auf dem Friedhof beerdigt hat.“

Dankbar sah sie ihn nun an. So viel Liebe lag in ihrem Blick, so viel Sehnsucht. Es fiel Moritz äußerst schwer, sich von ihr loszureißen. Aber jetzt musste er zurück ins Hotel.

„Gibst du heute wieder Nachhilfe?“ Tanja gab sich Mühe, so beiläufig wie möglich zu klingen.

„Habe ich nicht vor“, antwortete Nils irritiert. „Wieso?“

„Weil ich dann wieder für Elena hätte mitkochen müssen“, erwiderte sie.

„Du musst gar nicht kochen für uns.“ Er legte einen Arm um seine Frau.

„Für uns?“ Sie schüttelte ihn ab. „Sind wir jetzt schon so weit?“

„Was ist denn los?“

„Das sollte ich dich ja wohl fragen!“, fauchte sie. „Hat Xaver recht? Bist du in Elena verknallt?“

„Spinnst du?“, protestierte er.

„Xaver hat immer einen guten Riecher“, beharrte sie.

„Ich kann dir versichern, Elena will nichts von mir und ich nichts von ihr“, beteuerte Nils. „Außer sie gut durch die Prüfung bringen.“ Tanja wirkte noch immer skeptisch. „Vielleicht darf ich dich jetzt mal küssen? Oder muss ich noch einen heiligen Schwur leisten?“ Aber Tanja entzog sich ihm und ließ ihn etwas beunruhigt zurück.

Hans wurde von Schuldgefühlen gequält. Und er hatte entsetzliche Angst davor, Theresa für immer verloren zu haben. Wieder erinnerte er sich an die schreckliche Zeit. Erst hatten Karoline und er ihr Baby verloren. Und dann hatte sie ein anderes Kind gestohlen. Als er in den Nachrichten gehört hatte, dass Nicola Westphal ihr Kind bei einem Unglück an der Isar verloren hatte, war ihm sofort klar gewesen, welches Baby Karoline entführt hatte. Noch einmal hatte er versucht, auf sie einzureden, ihr klarzumachen, wie sehr eine andere Mutter ihretwegen leiden musste. Aber er hatte seine Frau nicht erreicht.

„Ich kann nie wieder ein Kind bekommen“, hatte Karoline geschluchzt. „Sie bleibt unser einziges. Und ich werde sie immer beschützen. Und du musst uns beide beschützen, versprich es.“ Schweren Herzens hatte er ihr das Versprechen gegeben.

Heute konnte er nicht bei Theresa in der Wohnung übernachten, so viel stand fest. Also richtete er sich in der Brauerei ein – so fand ihn Julius.

„Was soll das denn werden?“ Julius schüttelte wenig begeistert den Kopf. „Du gedenkst doch wohl nicht, hier zu übernachten?“ Hans schwieg. „Wenn du deinen Rausch hier ausschlafen willst …“ Seine Stimme wurde drohend.

„Habe ich etwa eine Alkoholfahne?“, setzte sich Hans zur Wehr. Julius gab zu, dass er nichts gerochen hatte. „Na bitte.“

„Warum willst du dann hier übernachten?“, hakte Julius nun nach. „Hast du Streit mit Theresa?“

„Schmarrn!“ Hans wollte nicht über den Konflikt reden. Also behauptete er, tatsächlich Angst vor einem Rückfall in die Alkoholabhängigkeit zu haben. „Bisher bin ich standhaft geblieben. Aber manchmal ist die Versuchung zum Verrecken groß.“

„Dann denk an Theresa, wenn es dich überkommt“, mahnte Julius. „Das bist du ihr schuldig.“

Hans nickte. „Theresa bedeutet mir alles“, flüsterte er.

„Und du ihr.“ Julius lächelte nun. „Also mach ihr bitte keinen Kummer.“ Trotzdem wollte er immer noch wissen, warum Hans die Brauerei seinem Schlafzimmer bei Theresa vorzog.

„Heute ist mal wieder so ein Tag, an dem ich schwer in Versuchung bin“, schwindelte Hans. „Alle halbe Stunde stehe ich dann auf. Ich möchte nicht, dass Theresa das mitbekommt.“

Mit dieser Erklärung gab Julius sich zufrieden.

Hans hatte für Theresa einen Brief in der Wohnung deponiert, den sie fand, als sie nach Hause kam.

„Vielleicht hilft es dir, wenn du erfährst, was damals passiert ist“, hatte er geschrieben. „Deine Mutter war in einem furchtbaren Zustand nach dem Tod unseres Kindes, ich habe gedacht, sie stirbt mir nun auch noch. Ich bin nachts in die Kirche gegangen und habe Gott angefleht, dass sie zur Vernunft kommt. Und als ich herausgekommen bin, lagst du auf den Stufen und hast die Ärmchen nach mir ausgestreckt. Da habe ich dich mitgenommen. Für mich warst du ein Geschenk Gottes. Für deine Mutter warst du die Rettung.“ Tränen liefen Theresa über das Gesicht, während sie Hans’ Zeilen las. „Wir haben es niemandem erzählt“, ging der Brief weiter. „Aus Angst, man könnte dich uns wieder wegnehmen. Du warst immer nur Sonne und Freude für uns. Jeden Tag. Für mich bist du das noch heute. In Liebe – dein Vater.“

Schluchzend ließ Theresa den Brief sinken. Das alles war zu viel für sie. Viel zu viel.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen begegneten sich Tanja und Elena im Personalraum. Tanja grüßte äußerst reserviert. Elena saß am Tisch und grübelte über einer Mathematikaufgabe.

„Wieso kapiere ich das nicht?“, stöhnte sie und bat Tanja, einen Blick darauf zu werfen.

„Ist mir zu hoch“, wehrte das Zimmermädchen ab.

„Mir leider auch“, stellte Elena fest. „Meinst du, Nils hat heute Abend Zeit, um das noch mal mit mir durchzugehen?“ Tanja schwieg, und jetzt spürte Elena ihre Anspannung. „Oder macht es dir was aus, wenn ich schon wieder bei euch wäre?“ Genervt schüttelte Tanja den Kopf. „Falls er mir überhaupt noch hilft“, fuhr Elena nun nachdenklich fort. „Nils war gestern ziemlich sauer, weil Xaver Aufgaben für mich gelöst hat. Hat er das nicht erzählt?“ Tanja schluckte. Offenbar hatte Nils ihr einiges verschwiegen. „Er ist immer noch sauer, oder? Dabei wollte ich das nicht, ehrlich. Xaver hat das von sich aus gemacht. Nils hat so viel für mich getan. Wenn ich ihn deshalb verliere …“

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